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Geistige Wirkenskräfte im Zusammenleben
von alter und junger Generation
Pädagogischer Jugendkurs
GA 217

9 Oktober 1921, Stuttgart

Siebenter Vortrag

[ 1 ] Gestern versuchte ich darauf hinzuweisen, wie die Sehnsucht, von welcher der junge Mensch heute durchdrungen sein kann, in einer gewissen Beziehung etwas Januskopf-artiges haben müsse. Zunächst erscheint diese Sehnsucht von einer Begeisterung durchdrungen, die aus der Opposition kommt. Aber so stark auch diese Empfindung bei der Jugend im Beginne des zwanzigsten Jahrhunderts Gegenwart atmet, können wir heute doch schon sagen: Wer eine Empfindung hat für die gekennzeichnete Sehnsucht, der wird finden, daß dieser Gegensatz heute schon nicht mehr in vollem Maße vorhanden ist. Dies wird vielleicht von vielen Seiten, insbesondere von der Jugend selber, noch nicht unbefangen zugegeben werden. Aber ich denke doch, daß damit auf etwas sehr Bedeutungsvolles hingewiesen ist.

[ 2 ] Die Generation, welche im Beginne des zwanzigsten Jahrhunderts vor der Weltentwickelung gerade so stand, daß sie dieses hier charakterisierte «Stehen vor dem Nichts» als eine tiefste menschliche Empfindung hatte, war ja tatsächlich etwas ganz Neues in der Menschheitsentwickelung. Heute steht die Sache schon wiederum so, daß diese Empfindung mit mancher Enttäuschung rechnen muß, die ihr aus ihren eigenen Untergründen heraus bereitet worden ist.

[ 3 ] Die vollen flatternden Segel, die man etwa vor zwanzig Jahren beobachten konnte, kann man heute nicht mehr beobachten. Und es ist nicht allein das furchtbare Ereignis des sogenannten Weltkrieges, welches diese Segel etwas schlaffer gemacht hat. Es ist durchaus so, daß auch in der Jugend von innen heraus gewisse Erlebnisse aufgestiegen sind, welche ihre ursprüngliche Empfindung wesentlich modifiziert haben. Eines wurde ja im Beginne des zwanzigsten Jahrhunderts mit aller Wucht deutlich an den Empfindungen, die den schon an Jahren älter gewordenen, aber im Innern nicht alten Menschen entgegenkamen: Es wurde nicht mit deutlichen Worten ausgesprochen, aber es lag in manchen Dingen dem Wortlaut nach, ich möchte sagen hindeutend, in der Jugend etwas, was ich nennen möchte eine entgegengesetzte Müdigkeit.

[ 4 ] Ich stelle da einen Begriff vor Sie hin, der etwas präzis bezeichnen möchte, was schwer präzis zu bezeichnen ist. Es ist auch aus dem Grunde schwer präzis zubezeichnen, weil das, was ich eigentlich meine, vielleicht doch nur für jene ganz verständlich ist, welche die Jugendbewegung in einem gewissen Wachsein durchlebt haben, während ein großer Teil der Menschheit diese Jugendbewegung nicht wachend, sondern im wesentlichen schlafend durchlebt hat. Für vieleMenschen redet man heute, wenn man spricht, wie ich in den vorangehenden Tagen gesprochen habe, doch eigentlich von etwas, das ihnen ganz fern liegt, das sie im Grunde genommen ganz verschlafen haben und demgegenüber sie sich auch heute noch außerordentlich schläfrig verhalten.

[ 5 ] Eine entgegengesetzte Müdigkeit, sagte ich. Im gewöhnlichen Leben ist es ja so, daß nicht nur das Regsamsein zum organischen Dasein gehört, sondern auch das Ermüdetsein nach getaner Arbeit etwas ist, was eben notwendig zum Leben dazugehört. Man muß nicht nur müde werden können, sondern man muß auch wirklich von Zeit zu Zeit Ermüdung in sich herumtragen können. Es ist ganz gewiß nicht gesund, wenn wir den’Tag so zugebracht haben, daß wir abends nur darum einschlafen, weil es eben Gewohnheit ist, sich abends schlafen zu legen. Es ist das ganz gewiß weniger gesund, als wenn wir abends das ordnungsmäßige Maß von Ermüdung haben und diese Ermüdung uns, ich möchte sagen, in normaler Weise in den Schlafzustand hineintreibt. So ist auch das Ermüdet-werden-Können gegenüber denjenigen Erscheinungen, die uns im Leben entgegentreten, etwas, was sein muß.

[ 6 ] Ich habe oftmals, wenn zum Beispiel über die Pädagogik gesprochen wurde, gehört, man müsse eine Pädagogik haben, welche für die Kinder das Lernen zum Spiele macht, das Kind müsse in der Schule lauter Freude haben. Die so reden, sollten nur einmal versuchen, wie sie das zustandebringen, daß die Kinder lauter Freude in der Schule erleben, immerfort lachen können, daß das Lernen für sie ein Spiel ist und sie dennoch etwas lernen. Es ist nämlich diese pädagogische Anweisung die allerbeste, um es gründlich dahinzubringen, daß nichts gelernt wird.

[ 7 ] Das Richtige ist, daß man als Erzieher imstande ist, auch dasjenige, was dem Kinde nicht Freude macht, sogar im Augenblicke vielleicht große Mühen und Schmerzen macht, so zu behandeln, daß das Kind sich dem in einer selbstverständlichen Weise unterzieht. Man kann sehr leicht sagen, was man dem Kinde beibringen soll. Aber durch ein bloßes Im-Spielen-Lernen kann dem Kinde die ganze Kindheit verdorben werden. Denn es ist notwendig, daß der Mensch auch seelisch durch gewisse Dinge ermüdet, daß sie also Mühe erzeugend sind. Man muß sich so ausdrücken, auch wenn es pedantisch klingt. Ermüdung gab es für die jungen Leute auch in jenen Zeiten, in denen sie sich zu einem gewissen Wissen, zu einer gewissen Erkenntnis wie zu einem Lebendigen hinaufranken mußten, in den Zeiten, in denen diejenigen, die schon etwas wußten, vor den jungen Leuten, die lernen wollten, noch wie eine Art verkörperten Ideals standen. Ermüdung war auch da vorhanden.

[ 8 ] Ich weiß nicht, meine lieben Freunde, ob jetzt nicht solche unter Ihnen sind, die den eben ausgesprochenen Satz mit einer leisen Skepsis begleiten. Jedenfalls gibt es in der Gegenwart sehr viele Leute, die diesen Satz mit einiger Skepsis begleiten würden. Denn wenn da behauptet wird: Es standen einmal diejenigen, die etwas wußten, wie eine Art verkörperten Ideals vor denjenigen, die etwas lernen wollten, — so wird manchen diese Idee als etwas Unrealisierbares erscheinen. Es ist ja in der Gegenwart fast nicht zu denken, daß man zu jemand wie zu einer Art verkörperter Erkenntnis, verkörperten Wissens hinschaut, dem man wie einem persönlichen Ideale nachstrebt. Und dennoch war, von alten Zeiten ganz abgesehen, dieses Gefühl auch noch im späteren Mittelalter in hohem Maße vorhanden. Uns sind jene wunderbaren, befeuernden und das Leben mit wirklichen seelischen Neubildungskräften durchziehenden Verehrungsgefühle, die selbst im späteren Mittelalter noch vorhanden waren, zum großen Teile verlorengegangen. Weil der Drang, der einstmals die Menschen für die Wissenschaft befeuerte, nicht mehr da war, konnte die Jugend an dem Studium gewissermaßen nicht einmal mehr richtig ermüden. Wollte ich mich konkreter ausdrücken, so müßte ich sagen: Die Wissenschaft war zu etwas geworden, was nicht in den Menschenköpfen lebte, sondern in den Bibliotheken aufgehoben wurde. Die Wissenschaft war allmählich etwas geworden, was man eigentlich gar nicht mehr haben wollte. Daher ermüdete man nicht mehr an ihr. Weil man sich gar nicht von dem Drange nach ihr durchzogen fühlte, ermüdete man nicht mehr an ihr. Es fehlte einem die Möglichkeit, an der zu erringenden Erkenntnis zu ermüden.

[ 9 ] Dadurch bekam dasjenige, was die Jugend gerade um die Wende des neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert durchzog, einen ganz besonderen Charakter: den Charakter, den die Lebenskraft eines Menschen hat, der sich abends ins Bett legt, nicht ermüdet ist und sich daher herumwälzt und nicht weiß, warum er sich wälzt. Nicht, daß ich mit diesen Worten irgend etwas Abfälliges sagen will, denn ich bin gar nicht der Ansicht, daß diese Kräfte, die da abends in dem Menschen sind, der sich im Bette herumwälzt, weil er nicht müde geworden ist, ungesund sind. Es sind ganz gesunde Lebenskräfte, nur passen sie nicht in die Situation hinein, — So war es in gewissem Sinne mit den Kräften, welche die Jugend um die Wende des neunzehnten, zwanzigsten Jahrhunderts beherrschten. Es waren recht gesunde Kräfte, aber Kräfte, für die nichts in der Welt da war, um ihnen eine Richtung zu geben. Die Jugend hatte nicht mehr den Drang, diese Kräfte an dem, wovon die Alten sprachen, zu ermüden. Aber Kräfte können gar nicht in der Welt sein, ohne daß sie sich betätigen, und so konnte man in der angegebenen Zeit eine Unsumme von Kräften sehen, die sich nach Tätigkeit sehnten und keine Orientierungslinie fanden, und diese Kräfte kamen auch zum Beispiel bei der studierenden Jugend heraus.

[ 10 ] Seit dem ersten Drittel des fünfzehnten Jahrhunderts hat eben alles Erkenntnisstreben aus der Intellektualität heraus einen ganz bestimmten Charakter angenommen: der Mensch soll sich an etwas hingeben, was man zwar Wissenschaft nennt, was aber eigentlich den Menschen wenig berührt, ihn wenig angeht. Heute kann man nicht mehr nachfühlen, was für eine Menschlichkeit etwa noch in einer Schrift des zwölften oder dreizehnten Jahrhunderts waltet. Damit soll natürlich nicht gesagt werden, man müsse zu dem Glauben an das zurückkehren, was in den Schriften des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts steht. Den Forderungen bestimmter Kirchen in dieser Richtung wollen wir ganz gewiß nicht nachkommen.

[ 11 ] Es ist aber gar nicht möglich, sich mit demselben Grade von Gleichgültigkeit, mit dem man sich heute etwa in die Darstellungen eines biologischen oder anderen Werkes einarbeitet, in das zu vertiefen, was zum Beispiel Albertus Magnus zu seiner Zeit niedergeschrieben hat. Auf diese Weise kann man das gar nicht kennen lernen. Da muß man schon das Buch in die Hand nehmen und ihm so gegenübersitzen, wie wenn man einem anderen Menschen gegenübersäße, wo man auch nicht gleichgültig — wie man sagt «objektiv» — hinnimmt, was der sagt, sondern wo das Innere, das Seelische engagiert wird, wo es auf und ab wogt, weil es sich regt und in Bewegung ist. Man tut mit seinem Seelischen mit, auch wenn man das trockenste Kapitel der damaligen Zeit, des Albertus Magnus zum Beispiel, liest. Ganz abgesehen davon, daß da die scheinbar abstraktesten Dinge noch mit der Kraft des bildhaften Ausdrucks behandelt werden, und daß man sich eigentlich beim Lesen, auch wenn allgemeinste Ideen behandelt werden, in einer solchen Regsamkeit fühlt, als ob man — seelisch meine ich — mit Schaufel und Spaten arbeiten würde. Ganz abgesehen von dieser schönen menschlichen Regsamkeit, in die man gebracht wird, ist durch die Bildhaftigkeit dafür gesorgt, daß der Erkennende mit seinem Erkennen bei demjenigen, was er da abhandelt, vertrauend dabei ist.

[ 12 ] Es war wahrhaftig für solche Leute nicht gleichgültig, ob sie bei ihrem Suchen irgend etwas fanden, wovon sie meinten, daß es Gott gefallen könnte, oder ob es ihm mißfallen müsse. Und wer sich einmal den Unterschied vergegenwärtigt zwischen dem Bilde, das ein Albertus Magnus als der große Erkennende desMittelalters darbietet, und einem bedeutenden unter den Geistern, die das neunzehnte Jahrhundert vorbereitet haben, zum Beispiel Herbart — ich könnte ebensogut einen anderen nennen, aber Herbart hat einen großen Einfluß auf die Pädagogik bis in das letzte Drittel des neunzehnten Jahrhunderts hinein gehabt —, dem stellt sich Albertus Magnus überall in einer Art von feuerglänzender Wolke dar. Wenn Albertus Magnus sich der Erkenntnis hingibt, so ist es, wie wenn etwas in ihm aufleuchtet oder abglimmit. Man fühlt ihn wie in einer feurigen, glänzenden Wolke, und wenn man die Fähigkeit hat, sich in eine solche Seele hineinzuversetzen, kommt man nach und nach selber in dieses Feuer hinein. Wenn es auch für die heutige Seele antiquiert ist, man fühlt bei Albertus Magnus, daß es nicht gleichgültig ist, wenn man sich in Sittliches vertieft, es aufschreibt, es ausspricht oder auch nur durchdenkt, ob man dabei einem göttlichgeistigen Wesen sympathisch oder antipathisch wird. Dieses Gefühl, ob man da sympathisch oder antipathisch wird, spielt immer mit.

[ 13 ] Wenn man sich dagegen vertieft in die Art und Weise, wie bei Herbart objektiv-wissenschaftlich die fünf sittlichen Ideen abgehandelt werden: innere Freiheit, Vollkommenheit, Wohlwollen, Recht, Vergeltung, ja, da ist es nicht eine Wolke, die einen wie mit Wärme und Kälte umfängt, sondern es ist etwas, was einen nach und nach zum Erfrieren bringt, was eben objektiv bis zur Frostigkeit wird. Und das ist ja die Stimmung, die sich in alles Erkenntniswesen hineingeschlichen und ihre Kulmination erlangt hat mit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts.

[ 14 ] So gab man sich allmählich allem Erkenntniswesen in einer Weise hin, die einem auch äußerlich stark entgegentrat. Man erlebte diejenigen, die einem als Erkennende vorgestellt wurden, sozusagen nur noch auf dem Katheder. Ich weiß nicht, ob andere, die so alt geworden sind wie ich, Ähnliches wie ich erlebt haben. In den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hatte ich immer wieder Veranlassung zu einem fürchterlichen Ärger. Da war ich in mancherlei gelehrte Gesellschaften gekommen. Immer wieder hatte ich das Bedürfnis, an solchen gelehrten Gesellschaften Freude zu haben, und es lag mir nahe, dort von dieser oder jener Frage zu sprechen. Ich freute mich darauf, zum Beispiel wieder einmal vom Unterschied von Epigenesis und Evolution zu sprechen. Wenn man aber mit so etwas anfing, dann hieß es sehr bald: Nein, mit der Fachsimpelei wird es nichts. — Man durfte nur ja nicht irgend etwas reden, was sich damals den Ruf der Fachsimpelei erworben hatte. Man erlebte den Erkennenden nur auf dem Katheder und er war, wenn er vom Katheder hinunterstieg, nicht derselbe, er war ein anderer. Er legte dann so etwas an, daß er von allem möglichen redete, nur nicht von dem, was sein Fach war. Kurz, das wissenschaftliche Treiben wurde so objektiv, daß diejenigen, die irgendein Fach hatten, auch ihr Fach sehr objektiv behandelten und vor allem einmal den Menschen anziehen wollten, wenn sie nicht nötig hatten, ihr Fach zu behandeln. Damit kann man dann noch andere Empfindungen verbinden. Was ich eben gesagt habe, war nur zur Verdeutlichung, aber ich will auf den eigentlichen Kern der Sache noch auf eine andere Art hindeuten.

[ 15 ] Der Lehrer kann das, was er halbwegs gelernt hat, so oder so an die Jugend heranbringen. Man erlebt zum Beispiel, daß einer, der etwas an die Jugend heranbringen will, mit einem Notizbuch oder sogar mit einem gedruckten Buche, das nicht von ihm ist — vielleicht enthält auch das Notizbuch manchmal Dinge, die nicht von ihm sind, ich will das aber nicht voraussetzen —, vor seiner Klasse steht und wacker aus diesem Buche heraus drauflos unterrichtet. Dabei setzt man nun wirklich voraus, daß es keine übersinnliche Welt gibt.

[ 16 ] Aber wie kommt man denn dazu, zu sagen, daß, wenn einer zu dem Unterrichte mit einem Heft oder mit einem Buche in der Hand geht, er damit die Voraussetzung macht, daß es keine übersinnliche Welt gibt? Auch da hat Nietzsche einen sehr interessanten Lichtblitz gehabt, wie er so manche andere hatte. Er hat darauf aufmerksam gemacht, daß in jedem Menschen ein anderer darinnensteckt. Man nimmt das als eine poetische Formel hin, aber das ist es nicht. In jedem Menschen steckt ein anderer! Der ist oft viel gescheiter als der andere, der in Erscheinung tritt. Beim Kinde ist er zum Beispiel unendlich viel weiser. Er ist eine übersinnliche Realität. Er ist im Menschen darinnen; und wenn man vor einer Klasse sitzt und meinetwillen dreißig Schüler hat und mit Hilfe eines Buches oder Heftes lehrt, dann wird man vielleicht diese dreißig Schüler dazu trainieren können, daß sie das mit ihrem offenbaren Menschen als etwas Natürliches anschauen; aber alle dreiRig verborgenen Menschen, die da vor einem sitzen — dessen kann man ganz sicher sein — urteilen anders. Die verborgenen Menschen sagen: Der will mir etwas beibringen, was er selber in diesem Momente erst ablesen muß. Ich möchte einmal wissen, wozu ich das wissen soll, was der im Momente erst abliest. Es ist ja gar keine Veranlassung für mich, das zu wissen, was der erst abliest. Er weiß es selber nicht, sonst würde er sich nicht mit dem Buche so dahinstellen. Ich bin noch so jung und soll schon wissen, was er, der soviel älter ist, selber nicht weiß und mir vorlesen muß!

[ 17 ] So muß man die Dinge konkret fassen. Von einer übersinnlichen Welt sprechen, heißt ja nicht, sich in phantastischer Mystik zu ergehen und von Dingen zu reden, die einem — ich sage das in Gänsefüßchen — «verborgen» sind, sondern von übersinnlichen Welten reden heißt gerade dem Leben gegenüber von den wirklichen Realitäten sprechen. Man spricht schon von den wirklichen Realitäten, wenn man so spricht, wie die dreißig Unsichtbaren zu dem Lehrer der dreißig Sichtbaren gesprochen haben. Die genieren sich vielleicht nur aus Gehorsam, es laut herauszusagen. Geht man in sein Stübchen und denkt über die Sache nach, so kommt einem das gar nicht so dumm vor; man kann die Aussagen dieser dreißig Unsichtbaren, Übersinnlichen nur als etwas ganz Vernünftiges ansprechen.

[ 18 ] Man muß sich also darüber klar sein, daß in der jugendlichen Individualität, die vor jemandem, der lehren oder erziehen soll, sitzt, gar manches für die äußere Anschauung recht Verborgenes vor sich geht. Und so entstand jene tiefe Aversion dem gegenüber, was überhaupt auf diese Art an einen herankam. Denn natürlich, man konnte ja zu einem Menschen nicht sehr viel Vertrauen haben, der dem andern Menschen in einem aus einem so objektiv gewordenen wissenschaftlichen Betrieb heraus gegenübertrat, wie es am Ende des neunzehnten Jahrhunderts allmählich üblich geworden war. So fühlte man in seinem Innern eine tiefe Antipathie, ging an dasjenige, was einen als Mensch durch das Leben tragen sollte, gar nicht mehr heran und konnte daher auch nicht mehr daran ermüden. Man wollte dasjenige, woran man hätte ermüden können, gar nicht mehr haben. Und so wußte man mit den Kräften, die zum Ermüden hätten führen können, nichts mehr anzufangen.

[ 19 ] Solche Menschen, wie sie an der Wende des neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert in der Jugendbewegung waren, hat man auch noch auf einem anderen Boden antreffen können. Nur waren sie da physisch manchmal nicht jung, sondern oft sehr alt. Man konnte sie noch antreffen in Bewegungen wie der theosophischen. Es waren zahlreiche Menschen darin, die nicht mehr jung waren, und die doch gegenüber dem, was ihnen die zeitgenössische Erkenntnis gab, ein ähnliches Empfinden hatten wie die Jugend. Sie wollten die zeitgenössische Erkenntnis nicht haben, weil sie an ihr nicht mehr ermüden konnten. Während die Jugend aus diesem Nicht-ermüden-Können heraus — verzeihen Sie den Ausdruck — tobte, suchten viele Theosophen in ihrer Theosophie ein Schlafmittel, eine Art Opium. Denn was in theosophischen Büchern steht, ist zum großen Teil seelisches Schlafmittel. Man lullte sich wirklich ein. Man beschäftigte den Geist; aber sehen Sie nach, wie man ihn oftmals beschäftigte: indem man die tollsten Allegorien erfand! Es war für eine empfindende Menschenseele zum Aus-derHaut-Fahren, alles dasjenige zu hören, was die Leute an Erklärungen für alte Mythen und Sagen erfanden, was da alles an Allegorien und Symbolen erdacht wurde! Seelisch-biologisch gesehen waren das alles Schlafmittel. Eigentlich wäre es ganz gut, einmal in Parallele zu setzen die Art des Sichherumwälzens nach dem Verbringen eines unermüdenden Tages und die Art, sich durch ein Schlafmittel für die eigentliche Regsamkeit des Geistes abzulähmen.

[ 20 ] Was ich Ihnen da schildern muß, sind nicht Theorien. Es sind Stimmungen des Zeitalters, und man muß sich in diese Stimmungen durchaus hineinfinden, indem man die Dinge von den verschiedensten Seiten anschaut. Außerordentlich signifikantist dieses Nicht-ermüden-Können an der Wende des neunzehnten, zwanzigsten Jahrhunderts. Ja, das aber führt dazu, daß eigentlich nichts Rechtes gefunden werden konnte, denn die menschliche Entwickelung war eben an jenem Punkte angelangt, wo man zwar recht begeistert wiederholen konnte: Wir wollen nichts Äußeres an uns herankommen lassen, wir wollen alles aus unserem Innern herausentwickeln, wir wollen durch die Welt wandern und warten, bis aus unserem Innern selber herauskommt, was nicht mehr Eltern und Lehrer und auch nicht mehr die alten "Traditionen geben können; wir wollen warten, bis das Neue an uns herankommt. — Meine lieben Freunde, fragen Sie viele von denen, die so gesprochen haben, ob das Neue an sie herangekommen ist, ob wirklich die Tauben der großen Menschheitserlösung denen, die diese tiefe Sehnsucht entwickelt haben, gebraten in den Mund geflogen sind. Man kann sogar sagen, daß in vieler Beziehung dem für jene damalige Zeit entzückenden Rausche doch mindestens jetzt schon etwas wie ein kleiner, vielleicht auch für manchen schon großer Katzenjammer zu folgen beginnt. Ich will aber nur charakterisieren, gar nicht kritisieren. Das erste, was aufgetreten war, war eine große Ablehnung dessen, was da war, was man aber für sein innerstes Menschenwesen nicht brauchen konnte. Und hinter dieser großen Ablehnung verbarg sich dann das Positive: die wirkliche Sehnsucht nach dem Neuen.

[ 21 ] Diese wirkliche Sehnsucht nach einem Neuen kann nicht anders erfüllt werden als dadurch, daß man sich als Mensch mit etwas durchdringt, was nicht von dieser Erde ist. Wenn man einfach die Seele und den Körper funktionieren läßt, wie sie funktionieren wollen, kommt eben durchaus nicht dasjenige herauf, was den Menschen wirklich befriedigen kann, Der Mensch, der nichts aufnehmen will, gleicht einer Lunge, die keine Atemluft findet. Ganz gewiß, eine Lunge, die keine Atemluft findet, wird vielleicht zunächst, bevor sie erstirbt, wenn auch vielleicht nur für einen Moment, den höchsten Grad von Luftdurst erleben. Aber sie kann nicht aus sich selbst heraus diesen Luftdurst stillen, sondern sie muß die Luft an sich herankommen lassen. In Wahrheit kann gerade derjenige, der als junger Mensch den Durst, von dem wir in diesen Tagen gesprochen haben, ehrlich fühlt, nicht anders als etwas ersehnen, was sich mit ihm zusammenfindet, was nicht nur aus ihm herauskommt, wie eben die alt gewordene Wissenschaft, die keine gesunde Atmungsluft für die Seele mehr ist.

[ 22 ] Das wurde zunächst gefühlt. Aber viel zu wenig wurde gefühlt, daß eine neue, junge Wissenschaft da sein müsse, ein neues Geistesleben, das sich wieder mit der Seele vereinigen kann. Sehen Sie, in vieler Beziehung muß dasjenige, was dem gegenwärtigen und zukünftigen Zeitalter angehört, an ältere Erscheinungen der Menschheitsentwickelung anknüpfen. Der Unterschied besteht darin, daß jene alten Erscheinungen der Menschheitsentwickelung aus einem Seelenleben kamen, das in Bildern lebte und traumhaft war, wogegen das Seelenleben, das wir in uns tragen und dem wir noch zustreben, ein voll bewußtes werden muß. Aber wir müssen in vieler Beziehung wiederum zu älteren Seeleninhalten zurückkommen.

[ 23 ] Da möchte ich Ihren Seelenblick nach einer Geistesverfassung wenden, die im alten Oriente, im alten Brahmanentum heimisch war. In den Brahmanenschulen sprach man von den vier Mitteln, durch die der Mensch sich auf seinem Lebenswege Erkenntnis erwirbt. Es ist schwer, die alten Gedanken ganz in der Form zu geben, die verlangt wird dadurch, daß jene Erkenntnisweise nicht nur Jahrhunderte, sondern Jahrtausende hinter uns liegt. Aber ich will doch, um die Sache annähernd zu treffen, diese vier Erkenntnismittel schildern.

[ 24 ] Das erste ist etwas, was so in der Mitte schwebt zwischen Tradition und Erinnerung, was mit dem Sanskrit-Stamm s-mr-ti zusammenhängt und was man in der Gegenwart nur als Idee hat. Man kann es aber charakterisieren: Jeder weiß, was Erinnerung, persönliches Erinnern ist. So stramm, wie wir gewisse Begriffe mit der persönlichen Erinnerung verbinden, taten es jene Menschen der Idee gegenüber, die ich hier im Auge habe, nicht. Vielmehr floß das, was sie aus der eigenen Kindheit erinnerten, und das, was ihnen der Vater und Großvater gesagt hatten, in eine Einheit zusammen. Man unterschied nicht zwischen dem, was die Menschen selber erinnerten, und was sie überliefert bekommen hatten. Wenn Sie eine feinere Psychologie hätten, würden Sie bemerken, daß diese Dinge in der Seele des Kindes auch heute noch zusammenfließen, weil das Kind ja vieles aufnimmt, was auf Tradition beruht. Der heutige Mensch sieht nur, daß er sich das als Kind angeeignet hat. Der alte Indier sah mehr auf den Inhalt, und das führte ihn nicht in seine eigene Kindheit, sondern zu seinem Vater, Großvater und Urgroßvater hinauf. So war Tradition und persönliche Erinnerung etwas, das ungeschieden ineinanderfloß. Das war das erste Erkenntnismittel.

[ 25 ] Das zweite Erkenntnismittel könnte man heute bezeichnen mit einem «Vorgestelltwerden», aber nicht mit dem Vorstellen eines Menschen, wenn man heute im konventionellen Verkehr den Namen nennt, sondern wörtlich das «Vor-die-Augen-treten»; es war das, was wir heute die Wahrnehmung nennen.

[ 26 ] Das dritte Erkenntnismittel würden wir das zusammenfassende Denken nennen.

[ 27 ] Wir könnten also auch sagen: Erinnerung mit Tradition, Beobachtung und zusammenfassendes Denken.

[ 28 ] Noch ein viertes Erkenntnismittel wird im alten Brahmanentum mit aller Deutlichkeit gelehrt, das man folgendermaßen charakterisieren kann: etwas von anderen Menschen mitgeteilt bekommen.

[ 29 ] Achten Sie bitte darauf, daß im alten Brahmanentum die Tradition mit diesem «etwas von anderen Menschen mitgeteilt bekommen» nicht zusammengeworfen worden ist. Dieses «etwas von anderen Menschen mitgeteilt bekommen» war ein viertes Erkenntnismittel. Vielleicht wird uns die Sache klarer, wenn wir gerade an das anknüpfen, was’Iradition und zu gleicher Zeit erinnerungsgemäß ist. Bei dem, was man Tradition nennt, wurde man sich nicht der Art und Weise bewußt, wie es an einen herangekommen war, sondern nur des Inhaltes. Bei dem vierten Erkenntnismittel aber war die Art und Weise des Herankommens das Wichtige. Bei dem, was man da in seiner Erinnerung hatte, hatte man im Auge, daß man es von einem anderen mitgeteilt erhielt. Das Faktum, eine Sache von anderen mitgeteilt erhalten zu haben, gehört zu dem, was weckend war in der Erkenntnis selber.

[ 30 ] Ich glaube, man wird bei vielen Menschen der Gegenwart, bei so richtigen Söhnen des neunzehnten Jahrhunderts, ein leises oder vielleicht starkes Kopfschütteln erregen, wenn man ihnen unter den Erkenntnismitteln «Mitteilung von anderen Menschen» aufzählte. Der Philosoph, der mit zusammenfassendem Denken experimentierte und auch die Mitteilungen von anderen Menschen als Erkenntnismittel ansehen würde, käme nicht einmal mit seiner Dissertation durch, geschweige denn als Privatdozent. Höchstens an der theologischen Fakultät käme er durch, weil man das da in anderer Form anerkennt. Was liegt da zugrunde? Da liegt zugrunde, daß man in den alten Zeiten das Erlebnis noch durchschaut hat, das darin besteht, daß ein anderer Mensch im gegenseitigen Verkehr in einem innerlich etwas angezündet hat. Man rechnete das, daß einem andere sagen, was man selber noch nicht weiß, unter die Dinge, die man brauchte, um leben zu können. Man rechnete es so stark unter die Dinge, die man braucht, daß man es der Wahrnehmung durch die Augen oder durch die Ohren gleichstellte.

[ 31 ] Heute wird man natürlich viel eher dieses ganz andere Gefühl haben: Es ist recht schön und gut und die Welt bringt es so mit sich, daß einer dem andern mitteilt, was dieser nicht weiß. — Aber das hat mit dem Wesen der Sache nichts za tun. Mit dem Wesen der Sache hat es zu tun, wenn beobachtet und experimentiert wird und wenn das, was sich dabei ergibt, in klaren Worten ausgedrückt wird. Das andere hat mit dem Wesen der Erkenntnis nichts zu tun. Das ist in der heutigen Zeit das natürliche Gefühl, aber vom menschlichen Standpunkte aus ist das nicht richtig. Vom menschlichen Standpunkte aus gehört es einfach zum Leben, daß man gerade auf geistig-seelischem Gebiete innerlich durchdrungen sein kann von dem, was ich gestern als das Vehikel des sozialen Lebens bezeichnet habe: vom Vertrauen. Auf diesem speziellen Gebiete besteht es darin, daß einem dasjenige, was einem ein anderer Mensch sagt, ein Quell eigenen geistig-seelischen Erlebens wird.

[ 32 ] Was ich gestern als Vertrauen charakterisiert habe, muß vor allen Dingen in der Jugend herangezogen werden. Aus Vertrauen heraus muß gefunden werden, wonach die Jugend dürstet. Unsere ganze neuzeitliche Geistesentwickelung hat sich nach der entgegengesetzten Seite bewegt. Darauf, daß irgend jemand etwas zu sagen hat, was der andere noch nicht weiß und was er ihm deshalb mitteilen will, wurde selbst in der theoretischen Pädagogik gar kein Wert mehr gelegt. Schon die theoretische Pädagogik wurde so ersonnen, daß man dem jugendlichen Menschen möglichst nur das brachte, was sich vor ihm selber bewies. Aber das konnten nicht sehr umfassende Beweise sein. Daher blieb man, in bezug auf das Beweisvermögen, auf einer sehr infantilen Stufe. Die Pädagogik dachte gewissermaßen so: Wie kann ich es machen, daß ich doch noch etwas an die Kinder heranbringe, selbst unter der Voraussetzung, daß sie mir gar nichts glauben? Wie kann ich eine anschaulich-beweisende Methode einführen? — Kein Wunder, daß das entsprechende Echo kam und man nunmehr von den Pädagogen für alles verlangte: Ja, nun beweise mir das! — Und jetzt sage ich eigentlich etwas, was Ihnen vielleicht alt klingen wird, meine lieben Freunde. Aber ich empfinde es gar nicht als alt, sondern gerade als recht jung, auch als einen Teil der Jugendbewegung.

[ 33 ] Wenn man heute erziehen will und vor einer Anzahl junger Leute steht, so tönt es einem, bevor man noch recht an sie herangekommen ist, aus den Kinderseelen entgegen: Beweise mir das! Du hast keinen Anspruch darauf, daß wir dir glauben. — Ich empfinde es als tragisch, daß die Jugend daran leidet — nicht als eine Kritik ist dies gemeint —, daß sie von den Alten so erzogen worden ist, daß sie gar nicht mehr die Begabung hat, zu empfangen, was doch für das Leben notwendig ist. Deshalb entsteht heute vor uns eine ungeheure Frage, die uns in den nächsten Tagen beschäftigen wird. Ich möchte diese Frage ein wenig radikal charakterisieren.

[ 34 ] Denken wir uns einmal, die Jugendbewegung geht fort und ergreift immer jüngere und jüngere Menschen und zuletzt die Säuglinge. Wir bekommen dann die Säuglingsjugendbewegung, und wie die spätere Jugendbewegung dasjenige zurückweist, was man ihr an Erkenntnis geben kann, so werden die Säuglinge, denen die Mutterbrust noch gegeben werden sollte, sagen: Wir lehnen sie ab, wir lehnen uns dagegen auf, daß wir von außen etwas empfangen sollen. Wir wollen die Mutterbrust nicht mehr haben, sondern wir wollen alles aus uns selber haben.

[ 35 ] Was ich Ihnen hier als Bild geformt habe, das ist eine brennende Frage für die Jugendbewegung. Denn eigentlich fragt die Jugend: Wo sollen wir die geistige Nahrung herbekommen? — Und die Art und Weise, wie sie bisher gefragt hat, war so, wie ich es in meinem Bilde von dem Säugling dargestellt habe. Und so wollen wir in den nächsten Tagen herangehen an die Frage nach des Lebens Quellen, nach denen der Faust strebt. Die Frage, die ich in einem Bilde vor Sie hingestellt habe, soll uns Veranlassung geben, einiges zu einer Lösung beizubringen, aber zu einer solchen Lösung, die Ihnen für Ihre Empfindung, für Ihr Gefühl, ja vielleicht für Ihr ganzes Leben etwas sein kann.