Spiritual Forces Working in the Shared Lives
of the Older and Younger Generations
GA 217
8 October 1922, Stuttgart
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Geistige Wirkenskräfte im Zusammenleben von alter und junger Generation
Sechster Vortrag
Sechster Vortrag
[ 1 ] Sehr viele von Ihnen denken bei ihrem hiesigen Aufenthalt und bei aller Betätigung, die sie innerhalb dieses hiesigen Aufenthaltes jetzt entfalten wollen, vor allen Dingen an das Pädagogische; wohl nicht so sehr an das Schulpädagogische, wie man es gewöhnlich auffaßt, sondern an diePädagogik, die sich ergibt, wenn man bedenkt, daß in unserer Zeit mancher neue Einschlag in die Entwickelung der Menschheit hineinkommen muß, daß alles Verhalten der älteren Generation gegenüber der jüngeren einen anderen Charakter annehmen muß, worüber man sich Vorstellungen bilden, Empfindungen entwickeln will. Man faßt gewissermaßen den Grundcharakter des Zeitalters als etwas Pädagogisches auf.
[ 1 ] Sehr viele von Ihnen denken bei ihrem hiesigen Aufenthalt und bei aller Betätigung, die sie innerhalb dieses hiesigen Aufenthaltes jetzt entfalten wollen, vor allen Dingen an das Pädagogische; wohl nicht so sehr an das Schulpädagogische, wie man es gewöhnlich auffaßt, sondern an diePädagogik, die sich ergibt, wenn man bedenkt, daß in unserer Zeit mancher neue Einschlag in die Entwickelung der Menschheit hineinkommen muß, daß alles Verhalten der älteren Generation gegenüber der jüngeren einen anderen Charakter annehmen muß, worüber man sich Vorstellungen bilden, Empfindungen entwickeln will. Man faßt gewissermaßen den Grundcharakter des Zeitalters als etwas Pädagogisches auf.
[ 2 ] Ich will damit nur einen Eindruck schildern, der, wie ich glaube, sich bei vielen von Ihnen bemerken läßt. Man darf ja, wenn man überhaupt in einer solchen Art auf sein Zeitalter hinsieht, nicht nur die Beziehung ins Auge fassen zwischen der Generation, die in voller Jugendlichkeit in das Jahrhundert hereingetreten ist, und der älteren Generation, die noch etwas herübergetragen hat von dem letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts, wie ich das in diesen Tagen charakterisiert habe, sondern man muß sich namentlich die Frage stellen: Wie wird man sich selber verhalten zu der Generation, die nachkommt und die ebenso wie die erste nach dem letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts nicht mehr so stehen kann zu dem Nichts, das sich da ergeben hat, wie die früheren Generationen es noch konnten? Die kommende Generation wird nicht einmal dasjenige in sich haben, was die Gegenwart der jüngsten Generation, aus einer gewissen Oppositionsstellung gegen das Ältere, gegeben hat: die Begeisterung, allerdings nach einem mehr oder weniger Unbestimmten, aber doch wenigstens eine Begeisterung. Was sich weiter in der Menschheit entwickelt, wird viel mehr den Charakter eines Verlangens, einer Sehnsucht von unbestimmter Art haben, als das der Fall war bei jenen, die sich aus einer gewissen Oppositionsstellung gegenüber dem Herkömmlichen heraus Begeisterung holen konnten.
[ 2 ] Ich will damit nur einen Eindruck schildern, der, wie ich glaube, sich bei vielen von Ihnen bemerken läßt. Man darf ja, wenn man überhaupt in einer solchen Art auf sein Zeitalter hinsieht, nicht nur die Beziehung ins Auge fassen zwischen der Generation, die in voller Jugendlichkeit in das Jahrhundert hereingetreten ist, und der älteren Generation, die noch etwas herübergetragen hat von dem letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts, wie ich das in diesen Tagen charakterisiert habe, sondern man muß sich namentlich die Frage stellen: Wie wird man sich selber verhalten zu der Generation, die nachkommt und die ebenso wie die erste nach dem letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts nicht mehr so stehen kann zu dem Nichts, das sich da ergeben hat, wie die früheren Generationen es noch konnten? Die kommende Generation wird nicht einmal dasjenige in sich haben, was die Gegenwart der jüngsten Generation, aus einer gewissen Oppositionsstellung gegen das Ältere, gegeben hat: die Begeisterung, allerdings nach einem mehr oder weniger Unbestimmten, aber doch wenigstens eine Begeisterung. Was sich weiter in der Menschheit entwickelt, wird viel mehr den Charakter eines Verlangens, einer Sehnsucht von unbestimmter Art haben, als das der Fall war bei jenen, die sich aus einer gewissen Oppositionsstellung gegenüber dem Herkömmlichen heraus Begeisterung holen konnten.
[ 3 ] Und da wird es notwendig, noch tiefer als ich das schon getan habe, in die Menschenseele hineinzuschauen. Ich habe es ja schon etwas angedeutet, daß in der neuzeitlichen Entwickelung der Menschheit im Abendlande das Bewußtsein vom vorirdischen Seelendasein verlorengegangen ist. Wenn wir gerade diejenigen Vorstellungen nehmen, welche als religiöse der menschlichen Herzensentwickelung am nächsten stehen und die abgelaufenen Jahrhunderte der abendländischen Entwickelung ins Auge fassen, so müssen wir sagen: seit langem ist der Menschheit der Hinblick auf das Leben vor dem Herunterstieg in einen physischen Erdenleib verlorengegangen. Sie müssen sich für einen Augenblick eine Empfindung davon bilden, wie ungeheuer anders es ist, wenn man von dem Bewußtsein durchdrungen ist: mit dem Menschen ist etwas heruntergestiegen aus göttlich-geistigen Welten in den physischen Menschenleib hinein, hat sich mit dem physischen Menschenleib verbunden. Wenn man ein solches Bewußtsein ganz und gar nicht hat, so gibt das, vor allem dem heranwachsenden Kinde gegenüber, eine ganz verschiedene Empfindung.
[ 3 ] Und da wird es notwendig, noch tiefer als ich das schon getan habe, in die Menschenseele hineinzuschauen. Ich habe es ja schon etwas angedeutet, daß in der neuzeitlichen Entwickelung der Menschheit im Abendlande das Bewußtsein vom vorirdischen Seelendasein verlorengegangen ist. Wenn wir gerade diejenigen Vorstellungen nehmen, welche als religiöse der menschlichen Herzensentwickelung am nächsten stehen und die abgelaufenen Jahrhunderte der abendländischen Entwickelung ins Auge fassen, so müssen wir sagen: seit langem ist der Menschheit der Hinblick auf das Leben vor dem Herunterstieg in einen physischen Erdenleib verlorengegangen. Sie müssen sich für einen Augenblick eine Empfindung davon bilden, wie ungeheuer anders es ist, wenn man von dem Bewußtsein durchdrungen ist: mit dem Menschen ist etwas heruntergestiegen aus göttlich-geistigen Welten in den physischen Menschenleib hinein, hat sich mit dem physischen Menschenleib verbunden. Wenn man ein solches Bewußtsein ganz und gar nicht hat, so gibt das, vor allem dem heranwachsenden Kinde gegenüber, eine ganz verschiedene Empfindung.
[ 4 ] Hat man ein Bewußtsein davon, so enthüllt uns das heranwachsende Kind vom ersten Lebensatemzuge an oder sogar noch früher etwas, was sich aus der geistigen Welt heraus offenbart. Da enthüllt sich etwas von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, von Jahr zu Jahr. Das Kind, so angeschaut, wird zu einem Rätsel, dem sich der Mensch in einer ganz anderen Weise erschließt, als wenn er vermeint, nur der Entwickelung eines Wesens gegenüberzustehen, das mit der Geburt oder mit der Konzeption seinen Anfang genommen hat und das sich, wie man heute sagt, von diesem Ausgangspunkte, von diesem Keimausgangspunkte aus entwickelt.
[ 4 ] Hat man ein Bewußtsein davon, so enthüllt uns das heranwachsende Kind vom ersten Lebensatemzuge an oder sogar noch früher etwas, was sich aus der geistigen Welt heraus offenbart. Da enthüllt sich etwas von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, von Jahr zu Jahr. Das Kind, so angeschaut, wird zu einem Rätsel, dem sich der Mensch in einer ganz anderen Weise erschließt, als wenn er vermeint, nur der Entwickelung eines Wesens gegenüberzustehen, das mit der Geburt oder mit der Konzeption seinen Anfang genommen hat und das sich, wie man heute sagt, von diesem Ausgangspunkte, von diesem Keimausgangspunkte aus entwickelt.
[ 5 ] Vielleicht verstehen wir uns noch besser, wenn ich Sie darauf aufmerksam mache, daß mit alledem die Grundempfindung zusammenhängt, die man dem Weltenrätsel gegenüber überhaupt hat. Sie wissen ja, daß in einer älteren Zeit diese Grundempfindung gegenüber dem Weltenrätsel mit dem paradigmatischen Wort ausgedrückt worden ist: «Mensch, erkenne dich selbst.» Es ist dieses Wort «Mensch, erkenne dich selbst» so ziemlich das einzige, welches auf das eigentliche Welträtsel in einer Art hindeutet, die gegenüber Einwänden standhält, die sich ergeben, wenn von einer Lösung des Weltenrätsels gesprochen wird. Ich will mich einmal in dieser Beziehung etwas paradox ausdrücken. Nehmen wir an, irgend jemand hätte etwas gefunden, was er eine Lösung des Weltenrätsels nennen kann. Was soll dann eigentlich die Menschheit von dem Zeitpunkte der Entwickelung an machen, wo dieses Welträtsel gelöst wäre? Sie würde alle Frische des Strebens verlieren, alle Lebendigkeit des Strebens würde ja aufhören! Es wäre eigentlich etwas außerordentlich Trostloses, sich sagen zu müssen, das Welträtsel sei erkenntnisgemäß gelöst, man brauche nur in dem einen oder anderen Buche nachzuschauen, da sei die Lösung gegeben.
[ 5 ] Vielleicht verstehen wir uns noch besser, wenn ich Sie darauf aufmerksam mache, daß mit alledem die Grundempfindung zusammenhängt, die man dem Weltenrätsel gegenüber überhaupt hat. Sie wissen ja, daß in einer älteren Zeit diese Grundempfindung gegenüber dem Weltenrätsel mit dem paradigmatischen Wort ausgedrückt worden ist: «Mensch, erkenne dich selbst.» Es ist dieses Wort «Mensch, erkenne dich selbst» so ziemlich das einzige, welches auf das eigentliche Welträtsel in einer Art hindeutet, die gegenüber Einwänden standhält, die sich ergeben, wenn von einer Lösung des Weltenrätsels gesprochen wird. Ich will mich einmal in dieser Beziehung etwas paradox ausdrücken. Nehmen wir an, irgend jemand hätte etwas gefunden, was er eine Lösung des Weltenrätsels nennen kann. Was soll dann eigentlich die Menschheit von dem Zeitpunkte der Entwickelung an machen, wo dieses Welträtsel gelöst wäre? Sie würde alle Frische des Strebens verlieren, alle Lebendigkeit des Strebens würde ja aufhören! Es wäre eigentlich etwas außerordentlich Trostloses, sich sagen zu müssen, das Welträtsel sei erkenntnisgemäß gelöst, man brauche nur in dem einen oder anderen Buche nachzuschauen, da sei die Lösung gegeben.
[ 6 ] Man kann eigentlich gar nicht einmal sagen, daß es nicht viele Menschen gäbe, die so über die Lösung des Weltenrätsels denken. Sie meinen, das Welträtsel sei eine Frage oder ein System von Fragen, das man mit Erklärungen oder Charakteristiken oder dergleichen beantworten müsse. Fühlen Sie aber das Ertötende einer solchen Anschauung! Man fühlt sich ja wirklich wie erstarrt bei dem Gedanken, da oder dort könnte es in diesem Sinne eine Lösung des Welträtsels geben, man könnte die Lösung des Welträtsels studieren. Das ist ein ganz furchtbarer, ein entsetzlicher Gedanke, demgegenüber alles Leben erfriert.
[ 6 ] Man kann eigentlich gar nicht einmal sagen, daß es nicht viele Menschen gäbe, die so über die Lösung des Weltenrätsels denken. Sie meinen, das Welträtsel sei eine Frage oder ein System von Fragen, das man mit Erklärungen oder Charakteristiken oder dergleichen beantworten müsse. Fühlen Sie aber das Ertötende einer solchen Anschauung! Man fühlt sich ja wirklich wie erstarrt bei dem Gedanken, da oder dort könnte es in diesem Sinne eine Lösung des Welträtsels geben, man könnte die Lösung des Welträtsels studieren. Das ist ein ganz furchtbarer, ein entsetzlicher Gedanke, demgegenüber alles Leben erfriert.
[ 7 ] Aber was in dem Worte «Mensch, erkenne dich selbst» steckt, besagt etwas ganz anderes. Es besagt: Man sehe hin auf die Welt! Die Welt ist voller Rätsel, voller Geheimnisse, und jede geringste Regung im Menschen ist ein Hinweis auf die Geheimnisse des Kosmos im weitesten Sinne. — Man kann nun in aller Bestimmtheit darauf hinweisen, wo alle diese Rätsel gelöst sind, und für diesen Hinweis gibt es allerdings eine ganz kurze Formel. Man kann nämlich sagen: Alle Rätsel der Welt sind im Menschen gelöst — wieder im weitesten Umfange. Der Mensch selber, so wie er lebendig in der Welt herumläuft, ist die Lösung des Weltenrätsels! Man schaue in die Sonne und empfinde eines der Weltgeheimnisse. Man schaue in sich und wisse: die Lösung dieses Weltgeheimnisses liegt in dir selber. «Mensch, erkenne dich selber, und du erkennst die Welt.»
[ 7 ] Aber was in dem Worte «Mensch, erkenne dich selbst» steckt, besagt etwas ganz anderes. Es besagt: Man sehe hin auf die Welt! Die Welt ist voller Rätsel, voller Geheimnisse, und jede geringste Regung im Menschen ist ein Hinweis auf die Geheimnisse des Kosmos im weitesten Sinne. — Man kann nun in aller Bestimmtheit darauf hinweisen, wo alle diese Rätsel gelöst sind, und für diesen Hinweis gibt es allerdings eine ganz kurze Formel. Man kann nämlich sagen: Alle Rätsel der Welt sind im Menschen gelöst — wieder im weitesten Umfange. Der Mensch selber, so wie er lebendig in der Welt herumläuft, ist die Lösung des Weltenrätsels! Man schaue in die Sonne und empfinde eines der Weltgeheimnisse. Man schaue in sich und wisse: die Lösung dieses Weltgeheimnisses liegt in dir selber. «Mensch, erkenne dich selber, und du erkennst die Welt.»
[ 8 ] Indem man aber die Formel so ausspricht, deutet man sogleich darauf hin, daß die Antwort nirgends abgeschlossen ist. Der Mensch ist zwar die Lösung des Weltenrätsels; aber um den Menschen selber kennenzulernen, hat man wieder ein Unendliches in voller Lebendigkeit vor sich, und da wird man nie fertig. Wir wissen, wir tragen die Lösung des Weltenrätsels in uns. Aber wir wissen auch, daß wir mit dem, was wir in uns suchen können, niemals fertig werden. Wir wissen aus einer solchen Formulierung nur, daß uns nicht irgendwelche abstrakte Fragen aus dem Weltall gegeben werden, die dann ebenso abstrakt beantwortet werden, sondern wir wissen, daß das ganze Weltall eine Frage und der Mensch eine Antwort ist, daß ertönt hat das Fragewesen des Weltalls von Urzeiten bis zur Gegenwart, daß ertönt hat aus Menschenherzen die Antwort dieser Weltenfragen, daß aber das Fragen weitertönen wird bis in unendlich ferne Zeiten hinein und daß die Menschen wieder lernen müssen, Antworten zu leben bis in eine unendlich ferne Zukunft hinein. Wir werden nicht in pedantisch breiter Weise auf etwas gewiesen, was in einem Buche stehen könnte, sondern wir werden auf den Menschen selber gewiesen. In dem Satz aber: «Mensch, erkenne dich selbst» tönt uns aus den alten Zeiten, in denen Schule, Kirche und Kunststätte in den Mysterien vereinigt waren, etwas herüber, das uns hinweist auf etwas, wo man nicht aus Formulierungen gelernt hat, sondern aus jenem zwar zu entziffernden, aber nur in unendlicher Tätigkeit zu entziffernden Buch über die Welt. Und dieses Buch über die Welt heißt «Mensch»!
[ 8 ] Indem man aber die Formel so ausspricht, deutet man sogleich darauf hin, daß die Antwort nirgends abgeschlossen ist. Der Mensch ist zwar die Lösung des Weltenrätsels; aber um den Menschen selber kennenzulernen, hat man wieder ein Unendliches in voller Lebendigkeit vor sich, und da wird man nie fertig. Wir wissen, wir tragen die Lösung des Weltenrätsels in uns. Aber wir wissen auch, daß wir mit dem, was wir in uns suchen können, niemals fertig werden. Wir wissen aus einer solchen Formulierung nur, daß uns nicht irgendwelche abstrakte Fragen aus dem Weltall gegeben werden, die dann ebenso abstrakt beantwortet werden, sondern wir wissen, daß das ganze Weltall eine Frage und der Mensch eine Antwort ist, daß ertönt hat das Fragewesen des Weltalls von Urzeiten bis zur Gegenwart, daß ertönt hat aus Menschenherzen die Antwort dieser Weltenfragen, daß aber das Fragen weitertönen wird bis in unendlich ferne Zeiten hinein und daß die Menschen wieder lernen müssen, Antworten zu leben bis in eine unendlich ferne Zukunft hinein. Wir werden nicht in pedantisch breiter Weise auf etwas gewiesen, was in einem Buche stehen könnte, sondern wir werden auf den Menschen selber gewiesen. In dem Satz aber: «Mensch, erkenne dich selbst» tönt uns aus den alten Zeiten, in denen Schule, Kirche und Kunststätte in den Mysterien vereinigt waren, etwas herüber, das uns hinweist auf etwas, wo man nicht aus Formulierungen gelernt hat, sondern aus jenem zwar zu entziffernden, aber nur in unendlicher Tätigkeit zu entziffernden Buch über die Welt. Und dieses Buch über die Welt heißt «Mensch»!
[ 9 ] Erfaßt man den Reichtum dessen, was ich gestern auseinanderzusetzen versuchte, dann findet man eben, daß durch eine solche Wendung der Erkenntnisempfindung, durch die Art, wie man sich zur Erkenntnis verhält, der Funke des Lebens selber in alles erkennende Wesen des Menschen hineinschlägt. Und das ist es, was man braucht.
[ 9 ] Erfaßt man den Reichtum dessen, was ich gestern auseinanderzusetzen versuchte, dann findet man eben, daß durch eine solche Wendung der Erkenntnisempfindung, durch die Art, wie man sich zur Erkenntnis verhält, der Funke des Lebens selber in alles erkennende Wesen des Menschen hineinschlägt. Und das ist es, was man braucht.
[ 10 ] Wenn man sich die sittliche Entwickelung der Menschheit bis zu dem Zeitpunkte, wo sie problematisch geworden war, also bis zum ersten Drittel des fünfzehnten Jahrhunderts, vor die Seele stellt, so findet man, daß die mannigfaltigsten Antriebe in dem Menschen notwendig waren, um dasjenige zu befolgen, was ich gestern als gottgegebene Gebote charakterisiert habe. Wenn wir diese Antriebe, die bei den verschiedensten Völkerschaften in den verschiedensten Zeitaltern herrschend waren, vor unsere Seele stellen, finden wir eine große Reihe von inneren Impulsen, die sich alle dadurch ausdrücken, daß sie aus gewissen Lebensvoraussetzungen heraus wie Instinkte orientiert waren. Wir können die interessantesten Studien darüber machen, wie aus der Familie, aus dem Stamm, aus der Geschlechtsneigung, aus der Notwendigkeit, in äußeren Verbänden zusammenzuleben, aus der Verfolgung des Eigennutzes und so weiter die Impulse entstehen, die alten sittlichen Intuitionen zu befolgen.
[ 10 ] Wenn man sich die sittliche Entwickelung der Menschheit bis zu dem Zeitpunkte, wo sie problematisch geworden war, also bis zum ersten Drittel des fünfzehnten Jahrhunderts, vor die Seele stellt, so findet man, daß die mannigfaltigsten Antriebe in dem Menschen notwendig waren, um dasjenige zu befolgen, was ich gestern als gottgegebene Gebote charakterisiert habe. Wenn wir diese Antriebe, die bei den verschiedensten Völkerschaften in den verschiedensten Zeitaltern herrschend waren, vor unsere Seele stellen, finden wir eine große Reihe von inneren Impulsen, die sich alle dadurch ausdrücken, daß sie aus gewissen Lebensvoraussetzungen heraus wie Instinkte orientiert waren. Wir können die interessantesten Studien darüber machen, wie aus der Familie, aus dem Stamm, aus der Geschlechtsneigung, aus der Notwendigkeit, in äußeren Verbänden zusammenzuleben, aus der Verfolgung des Eigennutzes und so weiter die Impulse entstehen, die alten sittlichen Intuitionen zu befolgen.
[ 11 ] Aber ebenso, wie die alten sittlichen Intuitionen sich in der geschichtlichen Entwickelung abgelebt haben, worauf wir gestern aufmerksam machen mußten, so haben alle diese Impulse auch für den einzelnen Menschen nicht mehr die impulsive Kraft, die sie einstmals hatten. Sie werden namentlich keine Kraft mehr haben, wenn diese selbsterarbeiteten sittlichen Intuitionen, von denen ich gestern gesprochen habe, nun wirklich im Menschen auftreten, wenn in der Weltentwickelung wirklich die einzelnen Individuen gewissermaßen aufgerufen werden, auf der einen Seite die moralischen Intuitionen in eigener Seelenarbeit selber zu finden, und auf der anderen Seite die innere Kraft, die Impulse zu erwecken, um diesen moralischen Intuitionen nachzuleben. Und da kommt man darauf, daß sich die alten sittlichen Impulse immer mehr und mehr verwandeln werden nach einer gewissen Richtung hin.
[ 11 ] Aber ebenso, wie die alten sittlichen Intuitionen sich in der geschichtlichen Entwickelung abgelebt haben, worauf wir gestern aufmerksam machen mußten, so haben alle diese Impulse auch für den einzelnen Menschen nicht mehr die impulsive Kraft, die sie einstmals hatten. Sie werden namentlich keine Kraft mehr haben, wenn diese selbsterarbeiteten sittlichen Intuitionen, von denen ich gestern gesprochen habe, nun wirklich im Menschen auftreten, wenn in der Weltentwickelung wirklich die einzelnen Individuen gewissermaßen aufgerufen werden, auf der einen Seite die moralischen Intuitionen in eigener Seelenarbeit selber zu finden, und auf der anderen Seite die innere Kraft, die Impulse zu erwecken, um diesen moralischen Intuitionen nachzuleben. Und da kommt man darauf, daß sich die alten sittlichen Impulse immer mehr und mehr verwandeln werden nach einer gewissen Richtung hin.
[ 12 ] Wir sehen heute, nur verkannt und mißverstanden von dem größten Teil der zivilisierten Menschheit, zwei der allerwichtigsten sittlichen Impulse heraufziehen. Sie ziehen herauf in den Untergründen des Seelischen. Will man sie interpretieren, so kommt man gewöhnlich auf die verkehrtesten Ideen. Will man sie praktisch machen, so weiß man gewöhnlich nicht viel mit ihnen anzufangen; aber sie ziehen herauf. Es sind, in bezug auf das Innere des Menschen: der Impuls der sittlichen Liebe, und in bezug auf den Verkehr unter den Menschen: der sittliche Impuls des Vertrauens von Mensch zu Mensch.
[ 12 ] Wir sehen heute, nur verkannt und mißverstanden von dem größten Teil der zivilisierten Menschheit, zwei der allerwichtigsten sittlichen Impulse heraufziehen. Sie ziehen herauf in den Untergründen des Seelischen. Will man sie interpretieren, so kommt man gewöhnlich auf die verkehrtesten Ideen. Will man sie praktisch machen, so weiß man gewöhnlich nicht viel mit ihnen anzufangen; aber sie ziehen herauf. Es sind, in bezug auf das Innere des Menschen: der Impuls der sittlichen Liebe, und in bezug auf den Verkehr unter den Menschen: der sittliche Impuls des Vertrauens von Mensch zu Mensch.
[ 13 ] So, wie sittliche Liebe schon in der allernächsten Zukunft für alles sittliche Leben notwendig sein wird, war sie weder in der Stärke noch in der Art in der Vergangenheit notwendig. Gewiß, auch für die älteren Zeiten galt der Spruch: «Lust und Liebe sind die Fittiche zu großen Taten.» Aber wenn man wahr sein will und nicht phrasenhaft, so muß man sagen: Jene Lust und Liebe, die die Menschen befeuert haben, um dieses oder jenes zu tun, waren nur eine Metamorphose jener anderen Impulse, auf die ich vorhin hingewiesen habe. In Zukunft wird die reine große Liebe von innen heraus den Menschen beflügeln müssen zu dem, was Ausführung seiner sittlichen Intuitionen wird sein müssen; und diejenigen Menschen werden sich schwach und willenlos fühlen gegenüber den sittlichen Intuitionen, die nicht aus den Tiefen ihrer Seele heraus das Feuer der Liebe für das Sittliche entzünden, wenn ihnen durch ihre moralische Intuition die Tat, die geschehen soll, vor Augen steht.
[ 13 ] So, wie sittliche Liebe schon in der allernächsten Zukunft für alles sittliche Leben notwendig sein wird, war sie weder in der Stärke noch in der Art in der Vergangenheit notwendig. Gewiß, auch für die älteren Zeiten galt der Spruch: «Lust und Liebe sind die Fittiche zu großen Taten.» Aber wenn man wahr sein will und nicht phrasenhaft, so muß man sagen: Jene Lust und Liebe, die die Menschen befeuert haben, um dieses oder jenes zu tun, waren nur eine Metamorphose jener anderen Impulse, auf die ich vorhin hingewiesen habe. In Zukunft wird die reine große Liebe von innen heraus den Menschen beflügeln müssen zu dem, was Ausführung seiner sittlichen Intuitionen wird sein müssen; und diejenigen Menschen werden sich schwach und willenlos fühlen gegenüber den sittlichen Intuitionen, die nicht aus den Tiefen ihrer Seele heraus das Feuer der Liebe für das Sittliche entzünden, wenn ihnen durch ihre moralische Intuition die Tat, die geschehen soll, vor Augen steht.
[ 14 ] Sehen Sie, wie sich da die Zeiten spalten. Das sieht man am besten aus einer Gegenüberstellung dessen, was, ich möchte sagen, als das Atavistische der alten Zeit so vielfach in die Gegenwart herüberspielt, und was auf der anderen Seite wie ein erstes Morgenrot erst in uns lebt. Sie haben ja oftmals gehört von jenem schönen Wort, das Kant über die Pflicht niedergeschrieben hat: «Pflicht! Du erhabener großer Name, der du nichts Beliebtes, was Einschmeichelung bei sich führt, in dir fassest, sondern Unterwerfung verlangst», und so weiter. Es war das Stärkste, was man an Charakteristik der Pflicht geben kann, an Charakteristik derjenigen Impulse, die eben hervorgehen aus dem, was ich vorhergehend geschildert habe. Da steht der Inhalt der Pflicht als eine von außen gegebene moralische Intuition da, und da steht auf der anderen Seite der Mensch dieser moralischen Intuition so gegenüber, daß er sich ihr zu unterwerfen hat. Sittlich wird es empfunden, wenn der Mensch so sich unterwirft, daß von einem inneren Wohlgefallen an der Befolgung der Pflicht nichts zu merken ist, sondern lediglich das Eisige da ist: Ich muß der Pflicht folgen.
[ 14 ] Sehen Sie, wie sich da die Zeiten spalten. Das sieht man am besten aus einer Gegenüberstellung dessen, was, ich möchte sagen, als das Atavistische der alten Zeit so vielfach in die Gegenwart herüberspielt, und was auf der anderen Seite wie ein erstes Morgenrot erst in uns lebt. Sie haben ja oftmals gehört von jenem schönen Wort, das Kant über die Pflicht niedergeschrieben hat: «Pflicht! Du erhabener großer Name, der du nichts Beliebtes, was Einschmeichelung bei sich führt, in dir fassest, sondern Unterwerfung verlangst», und so weiter. Es war das Stärkste, was man an Charakteristik der Pflicht geben kann, an Charakteristik derjenigen Impulse, die eben hervorgehen aus dem, was ich vorhergehend geschildert habe. Da steht der Inhalt der Pflicht als eine von außen gegebene moralische Intuition da, und da steht auf der anderen Seite der Mensch dieser moralischen Intuition so gegenüber, daß er sich ihr zu unterwerfen hat. Sittlich wird es empfunden, wenn der Mensch so sich unterwirft, daß von einem inneren Wohlgefallen an der Befolgung der Pflicht nichts zu merken ist, sondern lediglich das Eisige da ist: Ich muß der Pflicht folgen.
[ 15] Sie wissen ja, daß Schiller schon diesem Kantschen Worte von der Pflicht entgegengesetzt hat: «Gerne dien’ ich den Freunden, doch tu’ ich es leider mit Neigung, und so wurmt es mir oft, daß ich nicht tugendhaft bin.» So hat Schiller in ironischer Weise auf diesen kategorischen Imperativ geantwortet.
[ 15] Sie wissen ja, daß Schiller schon diesem Kantschen Worte von der Pflicht entgegengesetzt hat: «Gerne dien’ ich den Freunden, doch tu’ ich es leider mit Neigung, und so wurmt es mir oft, daß ich nicht tugendhaft bin.» So hat Schiller in ironischer Weise auf diesen kategorischen Imperativ geantwortet.
[ 16 ] Sehen Sie, diesem sogenannten kategorischen Imperativ, wie er aus alten Zeiten, aus alten sittlichen Impulsen herüberkommt, steht gegenüber die Forderung an die Menschheit, aus den Tiefen der Seele heraus gerade die Liebe zu dem, was Handlung, was Tat werden soll, mehr und mehr zu entfalten. Denn in der Zukunft würde der Menschheit noch so oft entgegentönen können: Unterwirf dich der Pflicht, demjenigen, was gar keineEinschmeichelung bei sich führt — es würde nicht helfen! Geradesowenig, wie man im Alter von sechzig Jahren Säuglingsallüren entwickeln kann, ebensowenig kann man in einem späteren Momente der Menschheitsentwickelung so leben, wie es einem früheren Zeitalter der Menschheit angemessen war. Es mag ja sein, daß einem das besser gefällt. Aber darauf kommt es nicht an, sondern es kommt auf dasjenige an, was innerhalb der Entwickelung der Menschheit nötig und möglich ist. Man hat einfach nicht die Möglichkeit, darüber zu diskutieren, ob man das, was Kant als Epigone ältester Zeiten mit diesem Satz gesagt hat, in die Zukunft herübertragen soll. Man kann es nicht herübertragen, weil die Menschheit sich darüber hinwegentwickelt hat und sich so entwickelt, daß das Handeln aus Liebe den Impuls abgeben muß für die Menschheit der Zukunft.
[ 16 ] Sehen Sie, diesem sogenannten kategorischen Imperativ, wie er aus alten Zeiten, aus alten sittlichen Impulsen herüberkommt, steht gegenüber die Forderung an die Menschheit, aus den Tiefen der Seele heraus gerade die Liebe zu dem, was Handlung, was Tat werden soll, mehr und mehr zu entfalten. Denn in der Zukunft würde der Menschheit noch so oft entgegentönen können: Unterwirf dich der Pflicht, demjenigen, was gar keineEinschmeichelung bei sich führt — es würde nicht helfen! Geradesowenig, wie man im Alter von sechzig Jahren Säuglingsallüren entwickeln kann, ebensowenig kann man in einem späteren Momente der Menschheitsentwickelung so leben, wie es einem früheren Zeitalter der Menschheit angemessen war. Es mag ja sein, daß einem das besser gefällt. Aber darauf kommt es nicht an, sondern es kommt auf dasjenige an, was innerhalb der Entwickelung der Menschheit nötig und möglich ist. Man hat einfach nicht die Möglichkeit, darüber zu diskutieren, ob man das, was Kant als Epigone ältester Zeiten mit diesem Satz gesagt hat, in die Zukunft herübertragen soll. Man kann es nicht herübertragen, weil die Menschheit sich darüber hinwegentwickelt hat und sich so entwickelt, daß das Handeln aus Liebe den Impuls abgeben muß für die Menschheit der Zukunft.
[ 17 ] So also gewinnen wir auf der einen Seite die Anschauung eines ethischen Individualismus, auf der andern Seite aber die Notwendigkeit, diesen ethischen Individualismus getragen zu wissen von der Liebe, die sich ergibt aus der Anschauung der zu realisierenden Tat. Das ist nach dem Subjektiven des Menschen hin gesehen.
[ 17 ] So also gewinnen wir auf der einen Seite die Anschauung eines ethischen Individualismus, auf der andern Seite aber die Notwendigkeit, diesen ethischen Individualismus getragen zu wissen von der Liebe, die sich ergibt aus der Anschauung der zu realisierenden Tat. Das ist nach dem Subjektiven des Menschen hin gesehen.
[ 18 ] Nach dem äußeren Verkehr, dem sozialen Leben hin gesehen stellt sich die Sache so dar: Da kommen heute Leute, in denen rumort etwas jetzt allerdings nicht mehr durch eine fortlaufende Entwickelung der Menschheit, sondern durch allerlei äußerlich aufgenommene Meinungen — und die sagen: Ja, wenn man die Sittlichkeit auf die Individualität des Menschen begründen will, zerstört man das soziale Leben. Eine solche Behauptung hat aber gar keinen Inhalt; sie ist etwa ebenso gescheit, als wenn einer sagen wollte: Wenn es in Stuttgart im Laufe von drei Monaten so und so oft regnet, so zerstört die Natur diese oder jene Dinge auf dem Felde.— Man kann nichts Inhaltloseres sagen, wenn man sich einer gewissen Erkenntnisverantwortlichkeit bewußt ist. In Anbetracht der Tatsache, daß die Menschheit sich nach der Richtung des Individualismus hin entwickelt, hat es gar keinen Sinn zu sagen, mit dem ethischen Individualismus zerstöre man die Gesellschaft. Es handelt sich vielmehr darum, jene Kräfte aufzusuchen, mit denen die weitere Entwickelung der Menschheit vor sich gehen kann, weil dies notwendig ist für die Entwickelung des Menschen im Sinne des ethischen Individualismus, unter dem die Gesellschaft zusammengehalten und erst recht belebt werden kann.
[ 18 ] Nach dem äußeren Verkehr, dem sozialen Leben hin gesehen stellt sich die Sache so dar: Da kommen heute Leute, in denen rumort etwas jetzt allerdings nicht mehr durch eine fortlaufende Entwickelung der Menschheit, sondern durch allerlei äußerlich aufgenommene Meinungen — und die sagen: Ja, wenn man die Sittlichkeit auf die Individualität des Menschen begründen will, zerstört man das soziale Leben. Eine solche Behauptung hat aber gar keinen Inhalt; sie ist etwa ebenso gescheit, als wenn einer sagen wollte: Wenn es in Stuttgart im Laufe von drei Monaten so und so oft regnet, so zerstört die Natur diese oder jene Dinge auf dem Felde.— Man kann nichts Inhaltloseres sagen, wenn man sich einer gewissen Erkenntnisverantwortlichkeit bewußt ist. In Anbetracht der Tatsache, daß die Menschheit sich nach der Richtung des Individualismus hin entwickelt, hat es gar keinen Sinn zu sagen, mit dem ethischen Individualismus zerstöre man die Gesellschaft. Es handelt sich vielmehr darum, jene Kräfte aufzusuchen, mit denen die weitere Entwickelung der Menschheit vor sich gehen kann, weil dies notwendig ist für die Entwickelung des Menschen im Sinne des ethischen Individualismus, unter dem die Gesellschaft zusammengehalten und erst recht belebt werden kann.
[ 19 ] Eine solche Kraft ist das Vertrauen, das Vertrauen von Mensch zu Mensch. Gerade so, wie wir appellieren müssen für die ethische Zukunft, wenn wir in unser eigenes Innere hineinsehen, an die Liebe, so müssen wir appellieren, wenn wir auf den Verkehr der Menschen untereinander sehen, an das Vertrauen. Wir müssen dem Menschen so begegnen, daß wir ihn als das Weltenrätsel selber empfinden, als das wandelnde Weltenrätsel. Dann werden wir schon vor jedem Menschen die Gefühle entwickeln lernen, die aus den allertiefsten Untergründen unserer Seele heraus das Vertrauen holen. Vertrauen in ganz konkretem Sinn, individuell, einzelgestaltet, ist das Schwerste, was aus der Menschenseele sich herausringt. Aber ohne eine Pädagogik, eine Kulturpädagogik, die auf Vertrauen hin orientiert ist, kommt die Zivilisation der Menschheit nicht weiter. Die Menschheit wird gegen die Zukunft hin auf der einen Seite die Notwendigkeit empfinden müssen, alles soziale Leben auf das Vertrauen aufzubauen, aber sich auf der anderen Seite auch bekannt machen müssen mit jener Tragik, die darinnen liegt, wenn in der Menschenseele gerade das Vertrauen nicht in der entsprechenden Weise Platz greifen kann.
[ 19 ] Eine solche Kraft ist das Vertrauen, das Vertrauen von Mensch zu Mensch. Gerade so, wie wir appellieren müssen für die ethische Zukunft, wenn wir in unser eigenes Innere hineinsehen, an die Liebe, so müssen wir appellieren, wenn wir auf den Verkehr der Menschen untereinander sehen, an das Vertrauen. Wir müssen dem Menschen so begegnen, daß wir ihn als das Weltenrätsel selber empfinden, als das wandelnde Weltenrätsel. Dann werden wir schon vor jedem Menschen die Gefühle entwickeln lernen, die aus den allertiefsten Untergründen unserer Seele heraus das Vertrauen holen. Vertrauen in ganz konkretem Sinn, individuell, einzelgestaltet, ist das Schwerste, was aus der Menschenseele sich herausringt. Aber ohne eine Pädagogik, eine Kulturpädagogik, die auf Vertrauen hin orientiert ist, kommt die Zivilisation der Menschheit nicht weiter. Die Menschheit wird gegen die Zukunft hin auf der einen Seite die Notwendigkeit empfinden müssen, alles soziale Leben auf das Vertrauen aufzubauen, aber sich auf der anderen Seite auch bekannt machen müssen mit jener Tragik, die darinnen liegt, wenn in der Menschenseele gerade das Vertrauen nicht in der entsprechenden Weise Platz greifen kann.
[ 20 ] O meine lieben Freunde, was Menschen jemals auf dem Grunde ihrer Seele gefühlt haben, wenn sie enttäuscht worden sind von einem Menschen, auf den sie viel gebaut haben, alles das, was an solchen Gefühlen jemals im Laufe der Menschheitsentwickelung entfaltet worden ist, wird in Zukunft an Tragik noch überboten werden, wenn die Menschen, nachdem gerade das Vertrauensgefühl unendlich vertieft worden ist, in tragischer Weise Enttäuschungen an Menschen erleben werden. Das wird in der Zukunft das Bitterste im Leben werden, wenn man von Menschen wird enttäuscht werden. Es wird das Bitterste werden, nicht weil nicht auch bisher schon Menschen von Menschen enttäuscht worden sind, sondern weil in Zukunft die Empfindung der Menschen für Vertrauen und Enttäuschung sich in einer unermeßlichen Weise vertiefen wird, weil die Menschen unendlich viel bauen werden auf das, was in der Seele bewirkt wird aus dem Glück des Vertrauens auf der einen Seite und aus dem Schmerz des notwendigen Mißtrauens auf der anderen Seite. Ethische Impulse werden eben bis zu jenen Untergründen der Seele vordringen, wo sie unmittelbar aufsprießen aus dem Vertrauen von Mensch zu Mensch.
[ 20 ] O meine lieben Freunde, was Menschen jemals auf dem Grunde ihrer Seele gefühlt haben, wenn sie enttäuscht worden sind von einem Menschen, auf den sie viel gebaut haben, alles das, was an solchen Gefühlen jemals im Laufe der Menschheitsentwickelung entfaltet worden ist, wird in Zukunft an Tragik noch überboten werden, wenn die Menschen, nachdem gerade das Vertrauensgefühl unendlich vertieft worden ist, in tragischer Weise Enttäuschungen an Menschen erleben werden. Das wird in der Zukunft das Bitterste im Leben werden, wenn man von Menschen wird enttäuscht werden. Es wird das Bitterste werden, nicht weil nicht auch bisher schon Menschen von Menschen enttäuscht worden sind, sondern weil in Zukunft die Empfindung der Menschen für Vertrauen und Enttäuschung sich in einer unermeßlichen Weise vertiefen wird, weil die Menschen unendlich viel bauen werden auf das, was in der Seele bewirkt wird aus dem Glück des Vertrauens auf der einen Seite und aus dem Schmerz des notwendigen Mißtrauens auf der anderen Seite. Ethische Impulse werden eben bis zu jenen Untergründen der Seele vordringen, wo sie unmittelbar aufsprießen aus dem Vertrauen von Mensch zu Mensch.
[ 21 ] So wie die Liebe die menschliche Hand, den menschlichen Arm befeuern wird, damit er aus dem Inneren heraus die Kraft zur Tat hat, so wird von außen die Atmosphäre des Vertrauens in uns strömen müssen, damit die’Tat den Weg von einem Menschen zum andern hin finde. Urständen wird müssen die Sittlichkeit der Zukunft in der aus den tiefsten Tiefen der Menschenseele frei gewordenen sittlichen Liebe, und das soziale Handeln der Zukunft wird eingetaucht sein müssen in das Vertrauen. Denn wenn menschliche Individualität der menschlichen Individualität in Sittlichkeit wird begegnen sollen, so wird vor allen Dingen notwendig sein diese Atmosphäre des Vertrauens.
[ 21 ] So wie die Liebe die menschliche Hand, den menschlichen Arm befeuern wird, damit er aus dem Inneren heraus die Kraft zur Tat hat, so wird von außen die Atmosphäre des Vertrauens in uns strömen müssen, damit die’Tat den Weg von einem Menschen zum andern hin finde. Urständen wird müssen die Sittlichkeit der Zukunft in der aus den tiefsten Tiefen der Menschenseele frei gewordenen sittlichen Liebe, und das soziale Handeln der Zukunft wird eingetaucht sein müssen in das Vertrauen. Denn wenn menschliche Individualität der menschlichen Individualität in Sittlichkeit wird begegnen sollen, so wird vor allen Dingen notwendig sein diese Atmosphäre des Vertrauens.
[ 22 ] So blicken wir auf eine Ethik, auf eine Moralanschauung der Zukunft, die wenig reden wird von demjenigen, was man immer als ethische Intuitionen alter Art charakterisiert hat, die aber stark reden wird davon, wie ein Mensch sich entwickeln muß von der Kindheit an, damit geweckt werde in ihm die Kraft der sittlichen Liebe. Und viel wird in der Zukunftspädagogik von Lehrenden und Erziehenden an die aufwachsende Generation überliefert werden müssen durch dasjenige, was in unausgesprochener Weise erzieherisch wirkt. Viel wird sich in Erziehung und Unterricht offenbaren müssen von jener Menschenerkenntnis, die nicht abstrakt aufzählt: Der Mensch besteht aus dem und dem, ist so und so —, sondern die in den anderen Menschen so hinüberführt, daß man zu ihm das richtige Vertrauen gewinnen kann.
[ 22 ] So blicken wir auf eine Ethik, auf eine Moralanschauung der Zukunft, die wenig reden wird von demjenigen, was man immer als ethische Intuitionen alter Art charakterisiert hat, die aber stark reden wird davon, wie ein Mensch sich entwickeln muß von der Kindheit an, damit geweckt werde in ihm die Kraft der sittlichen Liebe. Und viel wird in der Zukunftspädagogik von Lehrenden und Erziehenden an die aufwachsende Generation überliefert werden müssen durch dasjenige, was in unausgesprochener Weise erzieherisch wirkt. Viel wird sich in Erziehung und Unterricht offenbaren müssen von jener Menschenerkenntnis, die nicht abstrakt aufzählt: Der Mensch besteht aus dem und dem, ist so und so —, sondern die in den anderen Menschen so hinüberführt, daß man zu ihm das richtige Vertrauen gewinnen kann.
[ 23 ] Menschenkenntnis, aber nicht Menschenkenntnis, die uns den Mitmenschen gegenüber kalt macht, sondern die uns vertrauensvoll macht, muß der Grundnerv auch der Zukunftspädagogik werden. Denn es wird notwendig sein, auf eine neue Art ernst zu machen mit demjenigen, womit es einmal in der Menschheitsentwickelung ernst war, was aber nicht mehr ernst genommen wird im Zeitalter des Intellektualismus.
[ 23 ] Menschenkenntnis, aber nicht Menschenkenntnis, die uns den Mitmenschen gegenüber kalt macht, sondern die uns vertrauensvoll macht, muß der Grundnerv auch der Zukunftspädagogik werden. Denn es wird notwendig sein, auf eine neue Art ernst zu machen mit demjenigen, womit es einmal in der Menschheitsentwickelung ernst war, was aber nicht mehr ernst genommen wird im Zeitalter des Intellektualismus.
[ 24 ] Selbst wenn Sie nur bis Griechenland zurückgehen, so werden Sie finden, daß zum Beispiel der Arzt sich in seiner ärztlichen Kunst außerordentlich verwandt fühlte mit dem Menschen, der einen priesterlichen Beruf ausübte, und die Priester fühlten sich in gewisser Weise verwandt mit dem Arzte. Etwas von solcher Gesinnung schimmert noch durch, wenn auch in etwas chaotischer Art, in der Persönlichkeit des Paracelsus, den man so wenig verstanden hat und heute noch so wenig versteht. Heute weist man der Sphäre des Religiösen jene abstrakte Unterweisung der Menschheit zu, in der eigentlich nur Anweisungen erteilt werden, die aus dem realen Leben herausführen; denn in der religiösen Unterweisung spricht man zu den Menschen über das, was der Mensch ist, wenn er keinen Leib hat und dergleichen, in einer ungemein lebensfremden Weise. Demgegenüber steht der andere Zivilisationspol, indem alles andere, was diese Zivilisation hervorbringt, möglichst weit von dem Religiösen abgerückt wird.
[ 24 ] Selbst wenn Sie nur bis Griechenland zurückgehen, so werden Sie finden, daß zum Beispiel der Arzt sich in seiner ärztlichen Kunst außerordentlich verwandt fühlte mit dem Menschen, der einen priesterlichen Beruf ausübte, und die Priester fühlten sich in gewisser Weise verwandt mit dem Arzte. Etwas von solcher Gesinnung schimmert noch durch, wenn auch in etwas chaotischer Art, in der Persönlichkeit des Paracelsus, den man so wenig verstanden hat und heute noch so wenig versteht. Heute weist man der Sphäre des Religiösen jene abstrakte Unterweisung der Menschheit zu, in der eigentlich nur Anweisungen erteilt werden, die aus dem realen Leben herausführen; denn in der religiösen Unterweisung spricht man zu den Menschen über das, was der Mensch ist, wenn er keinen Leib hat und dergleichen, in einer ungemein lebensfremden Weise. Demgegenüber steht der andere Zivilisationspol, indem alles andere, was diese Zivilisation hervorbringt, möglichst weit von dem Religiösen abgerückt wird.
[ 25 ] Wer sieht denn zum Beispiel heute noch im Kurieren, im Heilen eine religiöse Handlung, eine Handlung, bei der das Durchdrungensein mit Geistigkeit eine Rolle spielt? Paracelsus hat das noch gespürt. Für ihn setzte sich das Religiöse noch bis in die Heilwissenschaft hinein fort. Ein Zweig des Religiösen war für ihn die Heilwissenschaft. Das war in alten Zeiten so. Da war der Mensch noch ein Ganzes, weil dasjenige, was er im Dienste der Menschheit zu tun hatte, von religiösen Impulsen durchdrungen war. Wir müssen — allerdings auf eine andere Art: durch selbsterarbeitete, nicht gottgegebene moralische Intuitionen — wiederum dazu kommen, daß alles Leben von diesem religiösen Zug durchdrungen wird. Das aber wird zu allererst auf dem Gebiete der Erziehung und des Unterrichts sichtbar sein müssen. Vertrauen von Mensch zu Mensch — das ist die große Zukunftsforderung — muß das soziale Leben durchziehen.
[ 25 ] Wer sieht denn zum Beispiel heute noch im Kurieren, im Heilen eine religiöse Handlung, eine Handlung, bei der das Durchdrungensein mit Geistigkeit eine Rolle spielt? Paracelsus hat das noch gespürt. Für ihn setzte sich das Religiöse noch bis in die Heilwissenschaft hinein fort. Ein Zweig des Religiösen war für ihn die Heilwissenschaft. Das war in alten Zeiten so. Da war der Mensch noch ein Ganzes, weil dasjenige, was er im Dienste der Menschheit zu tun hatte, von religiösen Impulsen durchdrungen war. Wir müssen — allerdings auf eine andere Art: durch selbsterarbeitete, nicht gottgegebene moralische Intuitionen — wiederum dazu kommen, daß alles Leben von diesem religiösen Zug durchdrungen wird. Das aber wird zu allererst auf dem Gebiete der Erziehung und des Unterrichts sichtbar sein müssen. Vertrauen von Mensch zu Mensch — das ist die große Zukunftsforderung — muß das soziale Leben durchziehen.
[ 26 ] Wenn wir uns fragen: Was benötigst du am meisten, wenn du in Zukunft ein sittlicher Mensch sein willst? so können wir nur die Antwort geben: Menschenvertrauen mußt du haben. — Wenn nun das Kind in die Welt hereintritt, das heißt, wenn der Mensch aus dem vorirdischen Dasein kommt und mit seinem physischen Leib sich vereint, um diesen auf der Erde zwischen Geburt und Tod als Werkzeug zu gebrauchen, wenn der Mensch, uns so deutlich sein Seelisches offenbarend, als Kind uns entgegentritt, wie ist dann das, was wir ihm entgegenbringen müssen als Menschenvertrauen? So gewiß auf der einen Seite das Kind schon bei der ersten Regung auf Erden ein Mensch ist, so gewiß ist das, was wir ihm als Menschenvertrauen entgegenbringen, doch noch etwas anderes als dasjenige, was wir etwa gleichaltrigen Menschen entgegenbringen. Wenn wir ihm als Erzieher oder als Angehöriger der älteren Generation entgegentreten, so verwandelt sich das Menschenvertrauen in einer gewissen Weise. Das Kind tritt ins irdische Dasein aus einem seelisch-geistigen vorirdischen Dasein. Aber das, worauf wir hinschauen, was sich auf eine befriedigende Art von Tag zu Tag aus der Welt des Seelisch-Geistigen in der Durchdringung des Physischen offenbart, ist doch das Walten dessen — wenn wir den Ausdruck im richtigen modernen Sinne gebrauchen —, was wir das Göttliche nennen können.
[ 26 ] Wenn wir uns fragen: Was benötigst du am meisten, wenn du in Zukunft ein sittlicher Mensch sein willst? so können wir nur die Antwort geben: Menschenvertrauen mußt du haben. — Wenn nun das Kind in die Welt hereintritt, das heißt, wenn der Mensch aus dem vorirdischen Dasein kommt und mit seinem physischen Leib sich vereint, um diesen auf der Erde zwischen Geburt und Tod als Werkzeug zu gebrauchen, wenn der Mensch, uns so deutlich sein Seelisches offenbarend, als Kind uns entgegentritt, wie ist dann das, was wir ihm entgegenbringen müssen als Menschenvertrauen? So gewiß auf der einen Seite das Kind schon bei der ersten Regung auf Erden ein Mensch ist, so gewiß ist das, was wir ihm als Menschenvertrauen entgegenbringen, doch noch etwas anderes als dasjenige, was wir etwa gleichaltrigen Menschen entgegenbringen. Wenn wir ihm als Erzieher oder als Angehöriger der älteren Generation entgegentreten, so verwandelt sich das Menschenvertrauen in einer gewissen Weise. Das Kind tritt ins irdische Dasein aus einem seelisch-geistigen vorirdischen Dasein. Aber das, worauf wir hinschauen, was sich auf eine befriedigende Art von Tag zu Tag aus der Welt des Seelisch-Geistigen in der Durchdringung des Physischen offenbart, ist doch das Walten dessen — wenn wir den Ausdruck im richtigen modernen Sinne gebrauchen —, was wir das Göttliche nennen können.
[ 27 ] Wir brauchen wieder das Göttliche, durch das der Mensch aus dem vorirdischen Dasein hineingeführt worden ist in die Gegenwart, wie er im irdischen Dasein durch seine irdische Leiblichkeit weitergeführt wird. Indem wir in der Sphäre des Sittlichen sprechen von Menschenvertrauen, müssen wir es, sobald wir von demjenigen Sittlichen sprechen, das Erziehung und Unterricht darstellen, spezialisieren und sagen: dem Kinde, das uns die göttlich-geistigen Kräfte heruntergeschickt haben, dem wir als diejenigen gegenüberstehen, die die Rätsellöser sein sollen, stehen wir gegenüber mit Gottvertrauen. Ja, dem Kinde gegenüber verwandelt sich das Menschenvertrauen sogar in Gottvertrauen. Und in der zukünftigen Entwickelung der Menschheit wird dasjenige, was, ich möchte sagen, auf eine mehr neutralisierte Art von Mensch zu Mensch wirkt, von selbst eine religiöse Nuance annehmen, wenn es sich auf das Kind oder überhaupt auf die jüngeren Menschen bezieht, die erst noch in ihrer Entwickelung in die Welt hereingeleitet werden sollen. Da sehen wir, wie unmittelbar im irdischen Dasein die Sittlichkeit zurückverwandelt wird in eine Religiosität, die sich im gewöhnlichen Leben auslebt. Wir können mit Recht davon sprechen, daß in alten Zeiten alles sittliche Leben nur ein Spezialfall des religiösen Lebens ist, da eigentlich in den religiösen Geboten zu gleicher Zeit die sittlichen Gebote mit gegeben waren.
[ 27 ] Wir brauchen wieder das Göttliche, durch das der Mensch aus dem vorirdischen Dasein hineingeführt worden ist in die Gegenwart, wie er im irdischen Dasein durch seine irdische Leiblichkeit weitergeführt wird. Indem wir in der Sphäre des Sittlichen sprechen von Menschenvertrauen, müssen wir es, sobald wir von demjenigen Sittlichen sprechen, das Erziehung und Unterricht darstellen, spezialisieren und sagen: dem Kinde, das uns die göttlich-geistigen Kräfte heruntergeschickt haben, dem wir als diejenigen gegenüberstehen, die die Rätsellöser sein sollen, stehen wir gegenüber mit Gottvertrauen. Ja, dem Kinde gegenüber verwandelt sich das Menschenvertrauen sogar in Gottvertrauen. Und in der zukünftigen Entwickelung der Menschheit wird dasjenige, was, ich möchte sagen, auf eine mehr neutralisierte Art von Mensch zu Mensch wirkt, von selbst eine religiöse Nuance annehmen, wenn es sich auf das Kind oder überhaupt auf die jüngeren Menschen bezieht, die erst noch in ihrer Entwickelung in die Welt hereingeleitet werden sollen. Da sehen wir, wie unmittelbar im irdischen Dasein die Sittlichkeit zurückverwandelt wird in eine Religiosität, die sich im gewöhnlichen Leben auslebt. Wir können mit Recht davon sprechen, daß in alten Zeiten alles sittliche Leben nur ein Spezialfall des religiösen Lebens ist, da eigentlich in den religiösen Geboten zu gleicher Zeit die sittlichen Gebote mit gegeben waren.
[ 28 ] Mit solchen Dingen ist die Menschheit durch das Zeitalter der Abstraktion hindurchgegangen. Jetzt muß sie aber wieder eintreten in das Zeitalter der Konkretheit. Jetzt muß sie wieder in einem bestimmten Punkte spüren, wie das Sittliche zum Religiösen wird. Und zu einem Religiösen in einem modernen Sinne werden in Zukunft sich diejenigen sittlichen Taten gestalten müssen, die die unterrichtenden und erzieherischen sittlichen Taten sind. Denn die Pädagogik, meine lieben Freunde, ist nicht eine bloß technische Kunst. Die Pädagogik ist im wesentlichen auch ein Spezialkapitel des sittlichen Handelns des Menschen. Nur derjenige, welcher innerhalb der Sittlichkeit, innerhalb der Ethik die Pädagogik findet, findet sie auf die rechte Weise.
[ 28 ] Mit solchen Dingen ist die Menschheit durch das Zeitalter der Abstraktion hindurchgegangen. Jetzt muß sie aber wieder eintreten in das Zeitalter der Konkretheit. Jetzt muß sie wieder in einem bestimmten Punkte spüren, wie das Sittliche zum Religiösen wird. Und zu einem Religiösen in einem modernen Sinne werden in Zukunft sich diejenigen sittlichen Taten gestalten müssen, die die unterrichtenden und erzieherischen sittlichen Taten sind. Denn die Pädagogik, meine lieben Freunde, ist nicht eine bloß technische Kunst. Die Pädagogik ist im wesentlichen auch ein Spezialkapitel des sittlichen Handelns des Menschen. Nur derjenige, welcher innerhalb der Sittlichkeit, innerhalb der Ethik die Pädagogik findet, findet sie auf die rechte Weise.
[ 29 ] Was ich hier als eine besondere religiöse Nuance der Sittlichkeit schilderte, bekommt im Grunde genommen die richtige Färbung dadurch, daß man sich sagt: In rätselvoller Art stellt sich das Leben vor uns hin. Die Lösung des Rätsels finden wir, wenn wir die Antwort im Wesen des Menschen suchen. — Da liegt sie auch. Aber der Erzieher ist vor die Notwendigkeit gestellt, an der Lösung dieses Rätsels in lebensvoller Art fortwährend zu arbeiten. Wenn man so empfinden lernt, wie man im Erziehen und Unterrichten fortwährend an der Lösung des Welträtsels arbeitet, dann stellt man sich ganz anders in die Welt herein, als wenn man bloß in seinem Kopfe allerlei Lösungen des Welträtsels sucht.
[ 29 ] Was ich hier als eine besondere religiöse Nuance der Sittlichkeit schilderte, bekommt im Grunde genommen die richtige Färbung dadurch, daß man sich sagt: In rätselvoller Art stellt sich das Leben vor uns hin. Die Lösung des Rätsels finden wir, wenn wir die Antwort im Wesen des Menschen suchen. — Da liegt sie auch. Aber der Erzieher ist vor die Notwendigkeit gestellt, an der Lösung dieses Rätsels in lebensvoller Art fortwährend zu arbeiten. Wenn man so empfinden lernt, wie man im Erziehen und Unterrichten fortwährend an der Lösung des Welträtsels arbeitet, dann stellt man sich ganz anders in die Welt herein, als wenn man bloß in seinem Kopfe allerlei Lösungen des Welträtsels sucht.
[ 30 ] Um was es sich bei jener Empfindung von Pädagogik, mit der Sie vielleicht hierher gekommen sind, handelt, das ist, daß Sie diesen besonderen Charakter der Pädagogik als Empfindung mit hinwegtragen in die Welt. Diese Empfindung wird Sie so in die Welt hineinstellen können, daß Sie nicht nur auf die eine Seite schauen und fragen werden: Welche Tragik hat sich für die Jugend ergeben, die sich an die Alten anschließen mußte? — Sondern Sie werden auch, in die Zukunft blickend, fragen: Welche lebendigen Kräfte muß ich in mir aufschließen, damit ich richtig auf diejenigen hinsehen kann, die nachkommen? — Denn die werden wieder zurücksehen auf diejenigen, die schon da waren. Alles, was in irgendeiner Form Jugendbewegung ist, wenn es mit voller Verantwortlichkeit hineinsieht in das Leben, muß einen Januskopf haben, muß nicht nur hinschauen können auf die Forderungen, die man gegenüber den Älteren hat, sondern muß auch hinschauen können auf die noch unbestimmten Forderungen, die mit Riesengewalt an uns heranstürmen, welche die kommende Jugend an uns stellen wird. Nicht nur Opposition gegen die Alten machen, sondern auch schöpferisch nach vorne blicken: das ist das richtige Geleitwort für wahre Jugendbewegung. Die Opposition mag zunächst ein Antrieb zur Begeisterung gewesen sein. Wirkenskraft wird nur geben der Wille zum Schaffen, zum schöpferischen Gestalten innerhalb der jetzigen Menschheitsentwickelung.
[ 30 ] Um was es sich bei jener Empfindung von Pädagogik, mit der Sie vielleicht hierher gekommen sind, handelt, das ist, daß Sie diesen besonderen Charakter der Pädagogik als Empfindung mit hinwegtragen in die Welt. Diese Empfindung wird Sie so in die Welt hineinstellen können, daß Sie nicht nur auf die eine Seite schauen und fragen werden: Welche Tragik hat sich für die Jugend ergeben, die sich an die Alten anschließen mußte? — Sondern Sie werden auch, in die Zukunft blickend, fragen: Welche lebendigen Kräfte muß ich in mir aufschließen, damit ich richtig auf diejenigen hinsehen kann, die nachkommen? — Denn die werden wieder zurücksehen auf diejenigen, die schon da waren. Alles, was in irgendeiner Form Jugendbewegung ist, wenn es mit voller Verantwortlichkeit hineinsieht in das Leben, muß einen Januskopf haben, muß nicht nur hinschauen können auf die Forderungen, die man gegenüber den Älteren hat, sondern muß auch hinschauen können auf die noch unbestimmten Forderungen, die mit Riesengewalt an uns heranstürmen, welche die kommende Jugend an uns stellen wird. Nicht nur Opposition gegen die Alten machen, sondern auch schöpferisch nach vorne blicken: das ist das richtige Geleitwort für wahre Jugendbewegung. Die Opposition mag zunächst ein Antrieb zur Begeisterung gewesen sein. Wirkenskraft wird nur geben der Wille zum Schaffen, zum schöpferischen Gestalten innerhalb der jetzigen Menschheitsentwickelung.
