Spiritual Forces Working in the Shared Lives
of the Older and Younger Generations
GA 217
5 October 1922, Stuttgart
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Spiritual Forces Working in Older and Younger Generations, tr. SOL
Dritter Vortrag
Third Lecture
[ 1 ] Heute werde ich, um für manches, was ich Ihnen gern in den nächsten Tagen sagen möchte, die Grundlagen zu gewinnen, im allerkonkretesten Sinne vom Geist sprechen müssen. Ich möchte zunächst von einer gewissen Seite her appellieren daran, daß Sie von dem, was hier als Geist gemeint ist, wenigstens ein gründliches Gefühl entwickeln.
[ 1 ] Today, in order to lay the groundwork for some of the things I would like to share with you over the next few days, I will have to speak about the spirit in the most concrete sense possible. I would first like to appeal to you, from a certain perspective, to develop at least a deep sense of what is meant by “spirit” here.
[ 2 ] Was wird denn heute eigentlich noch von dem Menschen berücksichtigt? Eigentlich doch nur dasjenige, was er bewußt erleben kann vom Aufwachen am Morgen bis zum Einschlafen am Abend. Nur was im Wachzustande durchlebt wird, wird heute berücksichtigt und zur Welt gerechnet. Nun können Sie vielleicht fragen, wenn Sie auf die Stimme der unmittelbaren Gegenwart hinhorchen und sich gewöhnen, im Sinne dieser Stimme zu empfinden: War das nicht immer so? Haben die Menschen früher etwas anderes einbezogen in das, was sie unter Wirklichkeit verstanden haben, als die Erlebnisse im Wachzustande?
[ 2 ] What, then, is actually taken into account about a person today? Essentially, only what they can consciously experience from the moment they wake up in the morning until they fall asleep at night. Only what is experienced while awake is taken into account today and counted as part of the world. Now, if you listen to the voice of the immediate present and get used to feeling in accordance with that voice, you might ask: Hasn’t it always been this way? Did people in the past include anything other than their waking experiences in what they understood as reality?
[ 3 ] Ich will durchaus nicht sagen, man sollte in alte Kulturepochen der Menschheit zurückkehren. Das liegt mir ganz fern. Es handelt sich um Vorwärtskommen und nicht um Zurückschreiten. Aber wir können doch, um uns wenigstens zu orientieren, uns einmal etwas zurückschrauben, etwas zurückschauen hinter den Zeitpunkt, der im fünfzehnten Jahrhundert liegt und der dem, worauf ich gestern so energisch hingewiesen habe, voranging. Da müssen wir sagen: In allem, was der Mensch damals über die Welt sagte, war etwas enthalten, was heute als Phantastik angesehen und nicht zu den Dingen hinzugerechnet wird. Sie brauchen sich ja nur in ganz oberflächlicher Weise bekannt zu machen mit dem, was in der Literatur — aber das ist das allerwenigste — vorhanden ist über solche älteren Zeiten, und Sie werden sehen: wenn da die Rede ist von Dingen, die wir heute mit den Namen «Salz», «Merkur», «Phosphor» und so weiter bezeichnen, wird eine ganze Menge von dem mitverstanden, was der Mensch heute ganz ängstlich ausschließt, wenn er von Phosphor, Merkur und Salz redet. Heute heißt es: Damals haben die Leute von ihrer Phantasie etwas mitgegeben, wenn sie von Salz, Merkur und Phosphor sprachen.
[ 3 ] I certainly do not mean to say that we should return to earlier cultural eras of humanity. That is far from my intention. It is a matter of moving forward, not of moving backward. But we can, at least to get our bearings, take a step back and look back a bit beyond the point in time that lies in the fifteenth century and that preceded what I so emphatically pointed out yesterday. There we must say: In everything that people said about the world back then, there was something contained that is regarded today as fantasy and is not counted among the facts. You need only familiarize yourselves in a very superficial way with what is available in literature—though that is the very least of it—regarding such earlier times, and you will see: when there is talk of things we today refer to by the names “salt,” “mercury,” “phosphorus,” and so on—a great deal is implied that people today anxiously rule out when they speak of phosphorus, mercury, and salt. Today we say: Back then, people let their imaginations run wild when they spoke of salt, mercury, and phosphorus.
[ 4 ] Wir wollen uns nicht darüber streiten, warum das heute ängstlich ausgeschlossen wird. Aber wir müssen uns klar sein, daß die Menschen früher dasjenige, was sie zum Beispiel in dem Phosphor anschauten, noch dazu empfunden haben zu dem sinnlich gegebenen Phosphor, ebenso wie die heutigen Menschen die Farbe sehen. Er war umglänzt von einem Geistig-Ätherischen, wie überhaupt die ganze Natur damals für die Menschen umsprüht war von Geistig-Ätherischem, wenn es auch seit dem vierten, fünften nachchristlichen Jahrhundert sehr verblaßt war. Aber immerhin war es für die Menschen noch da; es kam nicht aus ihrer Phantasie, so wenig wie die rote Farbe aus unserer Phantasie kommt; sie sahen es.
[ 4 ] We will not argue here about why this is now anxiously ruled out. But we must be clear that in the past, people not only saw what they observed, for example, in phosphorus, but also sensed it in addition to the phosphorus perceived by the senses—just as people today see color. It was surrounded by a spiritual-etheric aura, just as the whole of nature at that time was suffused with spiritual-etheric elements for people, even though this had faded considerably since the fourth and fifth centuries A.D. But at any rate, it was still there for people; it did not spring from their imagination, any more than the color red springs from our imagination; they saw it.
[ 5 ] Warum sähen sie es? Sie sahen es, weil für sie noch etwas ausströmte aus dem, was der Mensch zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen erlebte, Im Wachzustande konnte der Mensch der damaligen Zeit an Salz, Schwefel oder Phosphor auch nicht mehr erleben, als was ein heutiger Mensch daran erlebt. Aber wenn die Menschen damals aufwachten, so war der Schlaf seelisch nicht unfruchtbar gewesen; es schlug der Schlaf noch in den Tag herüber und der Mensch nahm reicher wahr, erlebte in einer intensiveren Weise alles, was da außer ihm war. Ohne daß man dieses zugrunde legt, versteht man die früheren Zeiten gar nicht.
[ 5 ] Why did they see it? They saw it because, for them, something still radiated from what a person experienced between falling asleep and waking up. While awake, people of that time could not experience salt, sulfur, or phosphorus any more than a person today can. But when people woke up back then, their sleep had not been spiritually barren; the effects of sleep still carried over into the day, and people perceived more richly and experienced everything outside themselves in a more intense way. Without taking this into account, one cannot understand those earlier times at all.
[ 6 ] Später wurde das, was die Alten zum Beispiel beim Phosphor, beim Schwefel erlebten, ein Name, ein Abstraktes. Als Abstraktum pflanzte sich der Geist traditionell fort, bis man Ende des neunzehnten Jahrhunderts überhaupt nichts mehr dabei denken, wenigstens nichts mehr dabei empfinden konnte. Nun ist für die äußere Kultur, die es so ungeheuer weit gebracht zu haben vorgibt, selbstverständlich ganz wesentlich, daß der Mensch in sie eingreift mit seinem Wachbewußtsein. Maschinen wird er natürlich aus dem Wachbewußtsein konstruieren. Aber an sich selber kann er damit wenig machen. Wenn wir immer wach sein müßten, so würden wir sehr bald, spätestens aber am Ende der zwanziger Jahre, Greise sein, viel schauerlichere Greise, als die heutigen es sind. Wir können nicht immer wach sein, weil die Kräfte, die wir brauchen, um innerlich an unserem Organismus zu arbeiten, nur erlebt werden zwischen dem Einschlafen und Aufwachen. Es ist schon so: Der Mensch kann in seinem Wachbewußtsein sehr wohl an der äußerlichen Kultur arbeiten; an sich selber kann er nur im Schlafbewußtsein arbeiten. Und aus diesem Schlafbewußtsein strömte früher viel in den Wachzustand hinein.
[ 6 ] Later, what the ancients experienced—for example, with phosphorus and sulfur—became a name, an abstraction. As an abstraction, the concept traditionally persisted until, by the end of the nineteenth century, people could no longer associate any meaning with it—or at least could no longer feel anything in connection with it. Now, for external culture—which claims to have advanced so tremendously far—it is, of course, absolutely essential that human beings engage with it through their waking consciousness. Naturally, they will construct machines based on their waking consciousness. But he can do little with it when it comes to himself. If we had to be awake all the time, we would very soon—by the end of our twenties at the latest—be old people, far more ghastly old people than those of today. We cannot always be awake, because the forces we need to work internally on our organism are experienced only between falling asleep and waking up. It is indeed the case that human beings can very well work on external culture in their waking consciousness; they can work on themselves only in their sleeping consciousness. And in the past, much flowed from this sleeping consciousness into the waking state.
[ 7 ] Das ist der große Umschwung in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts, daß dieses Hereinträufeln des Schlafbewußtseins in dasWachbewußtsein aufhörte. Wenn ich mich bildlich ausdrücken soll, so könnte ich etwa so sagen: Noch im zehnten, elften Jahrhundert der abendländischen Kultur wacht der Mensch so auf, daß er fühlt, göttlich-geistige Mächte haben zwischen dem Einschlafen und Aufwachen in mir ihre Taten entfaltet. Er hat etwas gefühlt von dem Hereinragen göttlich-geistiger Mächte, wie er im Wachbewußtsein etwas fühlt von dem Hereinströmen des wohltuenden Sonnenlichtes. Und es war vor dem Einschlafen in jedem Menschen etwas von, ich möchte sagen, elementarer, naturkräftiger Gebetsstimmung. Die Leute gingen in den Schlaf hinein — oder wenn sie Erkenntnismenschen waren, suchten sie wenigstens so hineinzugehen —, daß sie sich gewissermaßen mit ihren Seelen den göttlich-geistigen Mächten übergaben.
[ 7 ] This is the great turning point in the middle of the fifteenth century: the gradual seepage of sleep consciousness into waking consciousness came to an end. If I were to put it figuratively, I might say something like this: Even in the tenth and eleventh centuries of Western culture, people woke up feeling that divine-spiritual powers had been at work within them between falling asleep and waking up. They sensed something of the presence of divine-spiritual powers, just as they sense, in waking consciousness, the influx of soothing sunlight. And before falling asleep, there was in every person something of—I would say—an elemental, nature-powered mood of prayer. People drifted off to sleep—or, if they were people of insight, at least sought to do so—in such a way that they surrendered themselves, so to speak, with their souls to the divine-spiritual powers.
[ 8 ] Die Erziehung derer, die dazumal für ein geistiges Leben gewonnen werden sollten, war so geartet, daß diese Stimmung, die ich eben charakterisiert habe, wirklich kultiviert worden ist. Am Ende des neunzehnten Jahrhunderts war das längst von etwas anderem abgelöst worden. Da pflegten die Menschen, die sich als die geistigsten angesehen haben, sich in anderer Weise auf den Schlaf vorzubereiten. Ich habe es oftmals gesehen und gehört, wie die Leute sich auf das Schlafen vorbereitet haben: Ich muß mein gehöriges Maß Bier haben, damit ich die gehörige Bettschwere habe. — So hieß es. Das klingt grotesk. Aber durchaus historisch ist es, wenn man darauf hinweist, daß das Hineinschauen in die geistige Welt durch den Schlafzustand ein durchaus bewußtes Streben bei den Menschen abgelaufener Kulturepochen war, ganz abgesehen davon, daß in älteren Zeiten die Einzuweihenden, das heißt die damaligen Studenten, in einer wirklich heiligen Weise auf jenen Tempelschlaf vorbereitet wurden, in dem sie aufmerksam gemacht werden sollten auf des Menschen Gemeinschaft mit einer geistigen Welt.
[ 8 ] The education of those who were to be drawn into an intellectual life at that time was such that the mindset I have just described was truly cultivated. By the end of the nineteenth century, this had long since been replaced by something else. At that time, people who considered themselves the most spiritual used to prepare for sleep in a different way. I have often seen and heard how people prepared for sleep: “I need my proper measure of beer so that I have the proper heaviness to fall asleep.” — That’s what they said. It sounds grotesque. But it is entirely historical when one points out that looking into the spiritual world through the state of sleep was a thoroughly conscious endeavor among people of past cultural epochs, not to mention that in earlier times, those to be initiated—that is, the students of that era—were prepared in a truly sacred manner for that temple sleep, during which they were to be made aware of humanity’s communion with a spiritual world.
[ 9 ] Man betrachtet oftmals gerade heute dasjenige, was sich in der Kulturentwickelung abgespielt hat, nicht so, daß man einfach frägt: Wie ist es erzieherisch geworden in der Menschheit? —, weil man gar nicht den ganzen Menschen, sondern immer nur einen Teil des Menschen ins Auge faßt. Heute macht es einen eigentümlichen Eindruck auf den, der etwas weiter als bis zum nächsten geistigen Horizont sieht, wenn die Leute glauben, wir seien heute so weit, über gewisse Dinge das Wahre zu wissen, während die Menschen früher eigentlich recht kindlich waren. Lesen Sie einmal, wie heute Geschichte der Physik geschrieben wird! Es ist, wie wenn bis vor kurzem kindliche Vorstellungen geherrscht hätten und man heute endlich zu Erkenntnissen gelangt sei, die bleibend sein können. In bezug auf gewisse Dinge stellt man sich das durchaus so vor. Man zieht eine scharfe Grenze zwischen dem, was man heute erreicht hat, und den Vorstellungen über die Natur, die sich die Menschen im kindlichen Zeitalter gebildet haben. Man denkt nicht daran, die Frage zu stellen, wie denn das, was man heute wissenschaftlich aufnimmt, in weltgeschichtlich-erzieherischer Weise auf den Menschen wirkt.
[ 9 ] Especially today, people often view the course of cultural development not by simply asking: “How has humanity’s educational development unfolded?” — because they do not consider the whole human being at all, but always focus only on a part of the human being. Today, it makes a peculiar impression on anyone who looks a little further than the nearest intellectual horizon when people believe that we have now reached the point where we know the truth about certain things, whereas people in the past were actually quite childlike. Just read how the history of physics is written today! It is as if childish notions had prevailed until recently and we have now finally arrived at insights that can be lasting. With regard to certain things, this is precisely how people imagine it. A sharp distinction is drawn between what has been achieved today and the notions about nature that people formed during their “childish” era. No one thinks to ask how what is accepted scientifically today affects people in terms of world history and education.
[ 10 ] Sehen wir einmal von allem Erzieherischen ab und betrachten wir vom heutigen Gesichtspunkt aus ein älteres naturwissenschaftliches Buch, so erscheint es uns kindlich. Aber lassen wir diesen Gesichtspunkt, diesen Standpunkt beiseite und fragen wir: Wie hat ein damaliges Buch den Menschen erzogen, und wie erzieht ihn ein jetziges? — Das jetzige Buch mag sehr gescheit, das damalige sehr phantastisch sein. Fragen wir aber nach dem Erziehungswert im großen, so müssen wir uns sagen: Wenn die Menschen dazumal Gelegenheit hatten, Bücher zu lesen — es war nicht so leicht, Bücher zu lesen, es war das etwas Feierliches —, dann zog ein Buch aus den Tiefen ihrer Seelen etwas heraus. Wahrhaftig, das Lesen eines Buches war etwas wie das Wachsen: produktive Kräfte wurden losgelöst im menschlichen Organismus. Man fühlte diese produktiven Kräfte. Man fühlte, daß da etwas Reales war. Heute ist alles logisch-formal. Man nimmt alles formal und intellektualistisch, aber willenlos, mit dem Kopfe auf. Aber weil es bloß mit dem Kopfe aufgenommen und lediglich von der physischen Kopforganisation abhängig ist, deshalb bleibt es für das wahre Menschentum unfruchtbar.
[ 10 ] If we set aside all educational considerations and examine an older science book from today’s perspective, it seems childish to us. But let us set this perspective, this point of view, aside and ask: How did a book from that time educate people, and how does a book from today educate them? — Today’s book may be very clever, while the one from back then may be quite fantastical. But if we ask about educational value in the broader sense, we must admit: When people back then had the opportunity to read books—it wasn’t so easy to read books; it was something somewhat solemn—a book would draw something out from the depths of their souls. Truly, reading a book was something like growing: productive forces were unleashed within the human organism. One felt these productive forces. One felt that there was something real there. Today, everything is logical and formal. One takes everything in formally and intellectualistically, but without will, with the head. But because it is taken in merely with the head and depends solely on the physical organization of the head, it remains barren for true humanity.
[ 11 ] Man kämpft heute gegen den Materialismus. Meine lieben Freunde, es wäre fast gescheiter, gar nicht gegen den Materialismus zu kämpfen. Denn was behauptet der Materialismus? Er behauptet, daß das Denken ein Produkt des Gehirns ist. Das heutige Denken ist ein Produkt des Gehirns! Das ist gerade das Geheimnis, daß das heutige Denken ein Produkt des Gehirns ist. In bezug auf das heutige Denken hat der Materialismus ganz recht. Nicht recht hat er für das Denken vor der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts. Da dachte man nicht nur mit dem Gehirn, sondern mit dem, was im Gehirn lebte. Man hatte lebendige Begriffe. Die Begriffe jener Zeit machten eigentlich, weil sie lebten, den Eindruck, als wenn man einen Ameisenhaufen sieht. Die heutigen Begriffe sind tot. Das Denken ist heute gescheit, aber furchtbar bequem. Man spürt ja das Denken nicht und liebt es um so mehr, je weniger man es spürt. Früher kribbelte es, wenn man dachte, weil das eine Realität der Seele war. Heute will man der Menschheit weismachen, daß das Denken immer so war wie heute. Aber das heutige Denken ist ein Gehirnprodukt, das frühere Denken war kein Gehirnprodukt.
[ 11 ] Today, people are fighting against materialism. My dear friends, it would almost be wiser not to fight against materialism at all. For what does materialism claim? It claims that thought is a product of the brain. Today’s thinking is a product of the brain! That is precisely the secret: that today’s thinking is a product of the brain. With regard to modern thinking, materialism is entirely correct. It is not correct, however, when it comes to thinking prior to the mid-fifteenth century. Back then, people thought not only with the brain, but with what lived within the brain. They had living concepts. Because they were alive, the concepts of that time actually gave the impression of looking at an anthill. Today’s concepts are dead. Thinking today is clever, but terribly convenient. One does not actually feel one’s thinking, and the less one feels it, the more one loves it. In the past, thinking caused a tingling sensation because it was a reality of the soul. Today, people want to make humanity believe that thinking has always been the way it is today. But today’s thinking is a product of the brain; earlier thinking was not a product of the brain.
[ 12 ] Man sollte den Materialisten dankbar sein, daß sie darauf aufmerksam gemacht haben, daß das heutige Denken vom Gehirn abhängig ist. Denn so ist es; die Sache ist viel ernster als man denkt. Man hält den Materialismus für eine falsche Weltanschauung. Das ist gar nicht richtig. Er ist ein Produkt der Weltentwickelung, aber ein totes, ein Produkt, das das Leben in einem Zustande charakterisiert, wo es schon abgestorben ist.
[ 12 ] We should be grateful to the materialists for pointing out that contemporary thought is dependent on the brain. For that is indeed the case; the matter is much more serious than one might think. Materialism is often regarded as a false worldview. That is not at all correct. It is a product of the world’s development, but a dead one—a product that characterizes life in a state where it has already died.
[ 13 ] Das Denken, das sich seit dem fünfzehnten Jahrhundert vor allem in den westlichen Kulturen entwickelt hat — während die orientalische, wenn auch dekadente Kultur immerhin noch altes Denken aufbewahrt hat —, dieses Denken hat ganz bestimmte Eigentümlichkeiten. Je weiter man nach Westen kommt, desto mehr nimmt dasjenige Denken überhand, das von den Orientalen als etwas Inferiores angesehen wird. Dem Orientalen imponiert dieses Denken gar nicht, er verachtet es. Er hat aber auch noch nichts Neues, sondern nur das zugrundegehende Alte. Dem Europäer und noch mehr dem Amerikaner wird aber nicht mehr wohl, wenn er sich hineinversetzen soll in das Denken, das den Veden zugrunde liegt. Da kribbelt es in seinem Gehirn — und er liebt das tote Denken, bei dem man gar nicht merkt, daß man denkt. Es ist ja heute besonders beliebt, daß man gar nicht merkt, daß man denkt. Heute sagen die Leute, nicht nur, wenn jemand Unsinn redet, sondern auch, wenn ihnen jemand von etwas Lebendigem redet, daß ihnen ein Mühlrad im Kopf herumgeht. Sie wollen eben das Lebendige nicht, sie wollen immer nur Totes aufschnappen.
[ 13 ] The way of thinking that has developed primarily in Western cultures since the fifteenth century—while Eastern culture, though decadent, has at least preserved the old way of thinking—has very specific characteristics. The further one goes west, the more this way of thinking—which Easterners regard as inferior—gains the upper hand. Easterners are not at all impressed by this way of thinking; they despise it. Yet they, too, have nothing new to offer, only the ancient foundations upon which it is built. Europeans, and even more so Americans, however, feel uncomfortable when asked to immerse themselves in the way of thinking that underlies the Vedas. It makes their brains tingle—and they love that dead way of thinking where you don’t even realize you’re thinking. After all, it’s especially popular today not to realize that you’re thinking. Today people say—not only when someone is talking nonsense, but also when someone speaks to them about something alive—that a millwheel is turning in their head. They simply do not want what is alive; they always want to pick up only what is dead.
[ 14 ] Ein Beispiel, ich will es nur aus kulturhistorischem Interesse, nicht als Polemik anführen: Ich habe einstmals geschildert, wie es wieder möglich ist zu schauen, wie das Gesteinsartige, das Pflanzenartige, das Tierische von einer Farbenaura umspielt ist. Die Art und Weise, wie ich das in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» geben mußte, war eine solche, daß sie lebendiges Denken notwendig machte, nicht totes Denken. Über diese Geschichte ist jüngst so ein rechter Universitätsprofessor der Gegenwart gekommen, so einer, der angeblich Philosophie vertritt. Sich in das lebendige Denken hineinzufinden kommt für ihn nicht in Frage. Das kann er nicht und das gibt es daher für ihn nicht. Jetzt soll um den Stein herum eine Farbenaura, um die Pflanze eine Farbenaura, um das Tier eine Farbenaura sein. Nun hat er Farben nur im Sonnenspektrum gesehen, und so findet er, daß auch ich sie nur im Sonnenspektrum gesehen haben könne und aus diesem in das Mineral-, Pflanzen- und Tierreich herübergenommen hätte. Und von meiner Art und Weise, zu beschreiben, kann er kein Wörtchen verstehen. Deshalb nennt er es einen Wortschwall. Für ihn ist es Wortschwall! Er kann nichts davon verstehen. Für eine große Zahl von Universitätslehrern kann es so sein: ein Mühlrad geht ihnen im Kopf herum. Nun den Kopf rasch weg! Dann kann natürlich nichts herauskommen.
[ 14 ] Here is an example—I cite it solely out of cultural-historical interest, not as a polemic: I once described how it is once again possible to perceive how the mineral, the plant, and the animal realms are enveloped by an aura of color. The way I had to describe this in my book How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds? was such that it required living thought, not dead thought. Recently, a certain contemporary university professor—one who supposedly represents philosophy—has taken issue with this account. For him, entering into living thought is out of the question. He is incapable of it, and therefore it does not exist for him. Now there is supposed to be a color aura around the stone, a color aura around the plant, and a color aura around the animal. But he has only seen colors in the solar spectrum, and so he believes that I, too, could have seen them only in the solar spectrum and transferred them from there into the mineral, plant, and animal kingdoms. And he cannot understand a single word of my way of describing things. That is why he calls it a torrent of words. To him, it is a torrent of words! He cannot understand any of it. For a large number of university professors, it may be like this: a millwheel is turning in their heads. Well, turn your head away quickly! Then, of course, nothing can come out of it.
[ 15 ] Der lebendige Mensch verlangt aber auch ein lebendiges Denken, und dieses Verlangen nach einem lebendigen Denken brodelt in seinem Blute,. Darüber müssen Sie sich klar werden. Sie müssen Ihren Kopf wieder so stark kriegen, daß Sie nicht nur das logische, abstrakte Denken, sondern auch das lebendige Denken zu vertragen vermögen. Sie müssen nicht gleich einen Brummschädel bekommen, wenn Sie lebendig denken sollen. Das tote Denken war für die rein materialistische Erziehung des Abendlandes, war für diejenigen, denen das rein Intellektualistische eigentümlich war. Wenn man dem nachgeht, enthüllt sich eine recht bedenkliche Perspektive.
[ 15 ] But a living person also craves living thought, and this craving for living thought is bubbling in their blood. You must come to terms with this. You must regain the strength of mind necessary to be able to tolerate not only logical, abstract thought, but also living thought. You don’t have to get a headache right away just because you’re supposed to think in a living way. Dead thinking was characteristic of the purely materialistic education of the West, and of those for whom the purely intellectual was the norm. If one pursues this line of thought, a rather troubling perspective is revealed.
[ 16 ] Das frühere Denken hat man in den Schlaf hinein mitnehmen können. Da war man noch etwas im Schlafe. Man war ein Wesen unter anderen Wesen. Man war etwas im Schlafe, weil man das lebendige Denken in den Schlaf hinein mitgenommen hat. Man hat es beim Aufwachen herausgebracht und hat es beim Einschlafen wieder mit hineingenommen. Das heutige Denken ist an das Gehirn gebunden. Das kann uns aber beim Schlafen nichts helfen. So können wir heute nach der gegenwärtigen wissenschaftlichen Mode die allergescheitesten und allergelehrtesten Leute sein, aber wir sind es nur für den Tag. Wir hören auf, es zu sein in der Nacht, gegenüber derjenigen Welt, durch die wir an uns selber arbeiten können. Deshalb gewöhnten es sich die Menschen ab, an sich selber zu arbeiten. Mit den Begriffen, die wir vom Aufwachen bis zum Einschlafen entwickeln, kann man auch nur vom Aufwachen bis zum Einschlafen etwas erreichen. Man kann aber nichts am Menschen erreichen. Der Mensch muß aus den Kräften heraus arbeiten, durch die er sich selber konstituiert. In der Zeit, in der der Mensch noch am meisten an sich selber bauen muß, als kleines Kind, muß er am meisten schlafen. Wenn man nämlich die Methode fände, um dem Säugling die Dinge ebenso beizubringen wie den Siebzehn-, Achtzehnjährigen, dann würden Sie bald sehen, wie die Säuglinge ausschauen würden. Es ist ganz gut, daß für die Säuglinge noch innerhalb der Mutterbrust gesorgt wird und nicht auf dem Katheder. Der Mensch muß eben aus dem Schlafe herausholen dasjenige, wodurch er an sich selbst tätig sein kann.
[ 16 ] In the past, one was able to carry one’s thinking into sleep. There, one was still something in sleep. One was a being among other beings. One was something in sleep because one had carried one’s living thinking into sleep. One brought it out upon waking and took it back in again upon falling asleep. Today’s thinking is bound to the brain. But that cannot help us while we sleep. So today, according to the current scientific trend, we may be the most intelligent and most learned people, but we are so only during the day. We cease to be so at night, in relation to that world through which we can work on ourselves. That is why people have grown out of the habit of working on themselves. With the concepts we develop from the moment we wake up until we fall asleep, we can only achieve something from the moment we wake up until we fall asleep. But we cannot achieve anything within a person. A person must work from the forces through which they constitute themselves. During the time when a person needs to build themselves up the most—as a small child—they must sleep the most. For if one were to find a method to teach infants things in the same way as one teaches seventeen- or eighteen-year-olds, you would soon see what the infants would look like. It is quite good that infants are still cared for within their mother’s womb and not at a lectern. Human beings must simply draw from sleep that which enables them to be active within themselves.
[ 17 ] Aber wir können von all den Begriffen, die wir in der Wissenschaft, in dem äußeren Beobachten, in dem äußeren Experimentieren, mit bloBer Beherrschung des Experimentes ausbilden, nichts hineinbekommen in den Schlaf, und wir können auch nichts von dem, was wir im Schlafe entwickeln, in diese Begriffe vom Stofflichen herüberbringen. Geistiges und Intellektuelles verträgt sich nicht miteinander, wenn sie nicht Ehe schließen in der vollbewußten Welt. Früher tat man es auf eine mehr unbewußte Art. Heute muß das geschehen auf eine vollbewußte Art, doch zu der wollen sich die Menschen nicht bekehren.
[ 17 ] But we cannot bring any of the concepts we develop through science, through external observation, through external experimentation—merely by mastering the experiment—into our sleep, nor can we transfer anything we develop in sleep into these concepts of the material world. The spiritual and the intellectual are incompatible unless they unite in the fully conscious world. In the past, this was done in a more unconscious way. Today it must happen in a fully conscious way, yet people are unwilling to embrace this approach.
[ 18 ] Was geschah, wenn ein Mensch der früheren Weltenzeiten mit seiner Seele in den Schlaf hineingekommen ist? Da war er noch immer etwas, denn er hatte das, was die Dinge umschwebt, wovon die Menschen heute sagen, es sei eine Phantasterei gewesen. Das trug er in den Schlaf hinein. Da konnte der Mensch sich noch behaupten, wenn er außerhalb des physischen Leibes im Schlafe in der geistigen Welt war. Er war früher etwas in der geistigen Welt zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen. Heute ist er viel weniger. Er wird fast aufgesogen von der Geistigkeit der Natur, wenn er beim Einschlafen seinen Körper verläßt. Beim richtigen Anschauen der Welt tritt das sofort vor die Seele. Sie sollten es nur sehen, und Sie werden es sehen können, wenn Sie sich wirklich ein Schauen für diese Dinge erringen. Und die Menschheit muß sich ein Schauen für diese Dinge erringen, denn wir leben in einem Zeitalter, wo nicht mehr behauptet werden kann, daß man vom Geist nicht reden kann wie von Steinen und Tieren. Dann werden Sie die Möglichkeit gewinnen, zu sehen, daß wenn der Cäsar auch nicht sehr beleibt war im physischen Leben: wenn seine Seele den Körper im Schlaf verließ, so hatte sie immerhin eine ansehnliche Größe — nicht eine räumliche, sondern eine empfindungsmäßige Größe. Seine Seele war stattlich. Heute kann einer der dickste Bankier sein: wenn seine Seele im Schlafe herausspaziert und sich in der Geistigkeit der Natur aufhält, da sollten Sie nur sehen, ein wie gräßlich dürres Gestell er wird. Er wird etwas ganz Schmächtiges. Seit dem letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts leidet eben die Menschheit durchaus an geistiger Unterernährung. Der Intellekt nährt den Geist nicht. Er bläst ihn nur auf. Daher nimmt der Mensch nichts von Geistigkeit in den Schlaf hinein mit, und er wird fast aufgesogen, wenn er zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen als ein ganz dünnes Seelengerippe in die geistige Natur hineinragt.
[ 18 ] What happened when a person from earlier ages of the world drifted off to sleep with their soul? At that time, they were still something, for they possessed that which hovers around things—what people today call a figment of the imagination. They carried that with them into sleep. Back then, a person could still assert themselves when they were in the spiritual world outside their physical body during sleep. In the past, they were something in the spiritual world between falling asleep and waking up. Today, they are much less so. They are almost absorbed by the spirituality of nature when they leave their body upon falling asleep. When one truly observes the world, this immediately presents itself to the soul. You need only see it, and you will be able to see it if you truly cultivate the ability to perceive these things. And humanity must cultivate the ability to perceive these things, for we live in an age where it can no longer be claimed that one cannot speak of the spirit in the same way as one speaks of stones and animals. Then you will gain the ability to see that even though Caesar was not very corpulent in his physical life, when his soul left his body in sleep, it nevertheless possessed a considerable size—not a spatial size, but a size in terms of sensation. His soul was stately. Today, a person may be one of the fattest bankers; but when his soul wanders out during sleep and dwells in the spirituality of nature, you should only see what a horribly gaunt frame he becomes. He becomes something quite frail. Since the last third of the nineteenth century, humanity has indeed been suffering from spiritual malnutrition. The intellect does not nourish the spirit. It merely inflates it. Consequently, a person takes nothing of the spiritual realm with them into sleep, and they are almost absorbed when, between falling asleep and waking up, they project into the spiritual realm as a very thin skeletal frame of the soul.
[ 19 ] Daher ist die Frage nach dem Materialismus heute wirklich keine theoretische. Nichts ist weniger wichtig als der theoretische Streit zwischen Materialismus, Spiritualismus und Idealismus. Das sind heute ganz wesenlose Dinge, denn mit dem Widerlegen des Materialismus ist gar nichts getan. Wir können heute noch so oft den Materialismus widerlegen, es kommt gar nichts dabei heraus. Denn schließlich sind die Gründe, die man zur Widerlegung des Materialismus anführt, ebenso materialistisch wie die, welche man gegen oder für den Idealismus anführt. Mit theoretischen Widerlegungen ist heute weder nach der einen, noch nach der anderen Richtung etwas getan, sondern darauf kommt es an, daß man in der ganzen Art, wie man die Welt betrachtet, wiederum Geist hat. Dadurch kriegen unsere Begriffe wiederum nährende Kraft für den Menschen. Ich möchte Ihnen, um Ihnen das ganz klarzumachen, noch das Folgende sagen.
[ 19 ] Therefore, the question of materialism today is truly not a theoretical one. Nothing is less important than the theoretical dispute between materialism, spiritualism, and idealism. These are completely meaningless matters today, for refuting materialism accomplishes absolutely nothing. No matter how often we refute materialism today, it amounts to absolutely nothing. For, after all, the arguments used to refute materialism are just as materialistic as those used for or against idealism. Theoretical refutations today accomplish nothing in either direction; what matters is that we once again have spirit in the very way we view the world. Through this, our concepts regain their nourishing power for human beings. To make this perfectly clear to you, I would like to add the following:
[ 20 ] Ich finde eigentlich zwischen Leuten, die sich oftmals Materialisten nennen, und solchen Leuten, die sich in gewissen kleinen sektiererischen Kreisen, sagen wir, Theosophen nennen, keinen so hervorragenden Unterschied. Denn die Art und Weise, wie die einen den Materialismus und die anderen die Theosophie beweisen, unterscheidet sich gar nicht so wesentlich. Denn wenn man mit einem Denken, das ganz vom Gehirn abhängt, die Theosophie beweisen will, dann ist eben die Theosophie materialistisch. Es kommt nicht darauf an, was man für Worte ausspricht, sondern ob man Geist ausspricht. Wenn ich mit so manchem theosophischen Gefasel den Haeckelismus vergleiche, so ist der Geist bei Haeckel, während die Theosophen von dem Geiste so reden, als sei er Materie, aber nur verdünnt. Es kommt eben nicht darauf an, daß man über den Geist redet, sondern daß man mit Geist redet. Man kann auch geistvoll über das Materielle reden, das heißt, man kann auch mit beweglichen Begriffen über das Materielle reden. Das ist noch immer viel spiritueller, als geistlos über den Geist reden.
[ 20 ] I actually don’t see such a marked difference between people who often call themselves materialists and those who, in certain small sectarian circles, call themselves, say, theosophists. For the way in which the former prove materialism and the latter prove theosophy does not differ all that significantly. For if one seeks to prove theosophy with a mode of thinking that depends entirely on the brain, then theosophy itself is materialistic. What matters is not what words one utters, but whether one expresses the Spirit. When I compare some of this theosophical drivel with Haeckelism, I find that the Spirit is present in Haeckel, whereas the Theosophists speak of the Spirit as if it were matter—albeit in a diluted form. It is not a matter of talking about the spirit, but of speaking with the spirit. One can also speak spiritually about the material world—that is, one can speak about the material world using flexible concepts. That is still far more spiritual than speaking mindlessly about the spirit.
[ 21 ] Wenn heute noch so viele Menschen auftreten und mit allen möglichen logischen Gründen die spirituelle Weltanschauung verteidigen, so hilft es uns nichts, rein gar nichts. Wir bleiben nämlich in der Nacht ebenso dürr: ob wir bei Tag bloß nachdenken über Wasserstoff, Chlor, Brom, Jod, Sauerstoff, Stickstoff, Kohlenstoff, Silizium, Kalium, Natrium und so weiter und da unsere Theorien bilden, oder ob wir nachdenken darüber, wie die Menschen aus physischem Leib, Atherleib und Astralleib bestehen. Das ist alles ganz gleichgültig für das Lebendige. Wenn einer lebendig über Kalium und Kalzium redet, das heißt lebendige Chemie treibt, so ist das viel wertvoller, als wenn einer zum Beispiel eine tote, intellektualistische Theosophie treibt. Denn auch die kann man tot und intellektualistisch treiben. Es kommt nicht darauf an, daß wir intellektualistisch, materialistisch reden, sondern daß wir in unserem Reden Geist haben. Er muß uns als Lebendiges durchdringen. Aber weil die Leute das heute schon gar nicht mehr verstehen, ist es ihnen so unangenehm, wenn man einmal ernst damit macht.
[ 21 ] Even if so many people today come forward and defend the spiritual worldview with all sorts of logical arguments, it doesn’t help us at all—not one bit. For we remain just as barren in the night: whether we spend the day merely thinking about hydrogen, chlorine, bromine, iodine, oxygen, nitrogen, carbon, silicon, potassium, sodium, and so on, and form our theories there, or whether we think about how human beings consist of a physical body, an etheric body, and an astral body. All of that is completely irrelevant to the living. If someone speaks vividly about potassium and calcium—that is, practices living chemistry—that is far more valuable than if, for example, someone practices a dead, intellectualistic theosophy. For even theosophy can be practiced in a dead and intellectualistic way. What matters is not that we speak in an intellectual or materialistic way, but that our speech is imbued with spirit. It must permeate us as living beings. But because people today no longer understand this at all, they find it so unpleasant when someone actually takes it seriously.
[ 22 ] In einem meiner letzten Oxforder Vorträge habe ich einmal ernst gemacht und gesagt, um ganz deutlich zu werden: Es ist mir ganz gleichgültig, ob man heute über Spiritualismus, Realismus, Idealismus, Materialismus und so weiter redet. Wenn es sich mir darum handelt, eine Sprache zu handhaben, um eine äußereErscheinung zu charakterisieren, so gebrauche ich die materialistische Sprache. Man kann das so tun, daß auch darin der Geist lebt. Man redet aus dem Geistgebiete; dann wird das schon spirituell, auch wenn man in materialistischen Formen spricht. Das ist der Unterschied zwischen dem, was hier als Anthroposophie, und dem, was draußen unter ähnlichen Namen getrieben wird. Alle paar Wochen erscheinen heute schon Bücher gegen Anthroposophie. Die geben Schilderungen, mit denen getroffen werden soll, was ich sage. Mir aber ist das immer ganz neu, was sie angreifen; denn gewöhnlich habe ich das gar nicht gesagt. Die machen sich allerlei Zeug zurecht und schreiben dann große Bücher darüber. Was die Leute bekämpfen, hat gewöhnlich gar nichts mit dem zu tun, was ich rede. Mir kommt es gar nicht darauf an, den Materialismus zu bekämpfen, sondern darauf, daß die Begriffe aus der Welt des Geistes selber genommen werden, daß sie erlebt werden, lebensvolle Begriffe sind. So ist das, was hier als Anthroposophie vertreten und aufgenommen wird, wirklich noch etwas ganz anderes, als was die Welt heute darüber sagt.
[ 22 ] In one of my recent lectures at Oxford, I got serious for a moment and said, to be perfectly clear: I couldn’t care less whether people today talk about spiritualism, realism, idealism, materialism, and so on. When it comes to using language to characterize an external phenomenon, I use materialistic language. One can do this in such a way that the spirit lives within it as well. One speaks from the realm of the spirit; then it becomes spiritual, even when speaking in materialistic terms. That is the difference between what is practiced here as anthroposophy and what is practiced elsewhere under similar names. Books opposing anthroposophy are already appearing every few weeks. They offer descriptions intended to target what I say. But to me, what they attack is always something entirely new; for usually I haven’t said that at all. They concoct all sorts of things and then write big books about them. What people are fighting against usually has nothing at all to do with what I’m talking about. My concern is not at all to combat materialism, but rather to ensure that the concepts are drawn from the spiritual world itself, that they are experienced, that they are concepts full of life. Thus, what is represented and embraced here as anthroposophy is truly something quite different from what the world says about it today.
[ 23 ] Die Leute kämpfen heute kontra Anthroposophie — und manchmal auch pro — recht materialistisch, das heißt geistlos, während es sich darum handelt, daß man mit dem Erleben des Geistes ernst macht. Da fangen die Leute an, überhaupt nicht mehr mit dem Kopfe zurechtzukommen, denn wenn einer anfängt, von geistigen Wesenheiten zu reden wie von Pflanzen und Tieren in der Sinneswelt, dann halten sie ihn für einen Narren. Ich kann das auch ganz gut begreifen, denn heute besteht halt eine Kleinigkeit, nur wird diese Kleinigkeit übersehen. Sie besteht darin, daß diese Narretei die wirkliche Realität ist, und zwar diejenige Realität, die für den Menschen die eigentlich lebendige ist. Die andere Realität ist für die Maschine gut, aber nicht für den Menschen.
[ 23 ] People today argue against—and sometimes even in favor of—anthroposophy in a rather materialistic way, that is, without any sense of the spiritual, whereas the point is to take the experience of the spirit seriously. That’s when people start to completely lose their bearings, because if someone begins to speak of spiritual beings as if they were plants and animals in the sensory world, they consider him a fool. I can understand that quite well, because there is indeed a small detail today—only this detail is overlooked. It consists in the fact that this “foolishness” is the true reality—namely, the reality that is actually alive for human beings. The other reality is good for machines, but not for human beings.
[ 24 ] Also das möchte ich einmal ganz deutlich ausgesprochen haben, meine lieben Freunde: bei dem, was ich hier meine und jemals gemeint habe, handelt es sich nicht darum, vom Geist zu reden, sondern darum, aus dem Geiste heraus zu reden, im Reden selber den Geist zu entwikkeln. Das ist dann der Geist, der erst wirklich erzieherisch wiederum in unser totesKulturleben hereinschlagen kann. Das muß der Blitz werden, der in unser totes Kulturleben hereinschlagen muß, um es wiederum zum Leben zu entzünden. Glauben Sie daher nicht, daß Sie hier eine Verteidigung finden dieser schematischen Begriffe, wie «physischer Leib», «Atherleib», «Astralleib», Begriffe, die so hübsch schematisch in den theosophischen Zweigen aufgehängt sind und mit dem Stock gezeigt werden, so wie im Hörsaal Kalium, Natrium und so weiter mit ihren Atomgewichten gezeigt werden. Es ist ganz einerlei, ob einer das Kali mit seinen Atomgewichten an dem heutigen Schema zeigt, oder den Ätherleib zeigt. Das ist ganz einerlei. Darum kann es sich nicht handeln. In diesem Sinne ist es sogar so, daß diese Art von Theosophie oder auch Anthroposophie, wenn Sie sie so nennen wollen, nicht etwas Neues ist, sondern das letzte Produkt von dem Alten.
[ 24 ] So let me make this very clear, my dear friends: what I mean here—and what I have always meant—is not to speak of the Spirit, but to speak from the Spirit, to unfold the Spirit in the very act of speaking. That is the Spirit that can truly strike an educational blow into our dead cultural life. That must be the lightning bolt that strikes our dead cultural life in order to rekindle it to life. Therefore, do not think that you will find here a defense of these schematic concepts, such as “physical body,” “etheric body,” “astral body”—concepts that are so neatly hung up in theosophical circles and pointed out with a pointer, just as potassium, sodium, and so on are pointed out in a lecture hall along with their atomic weights. It makes no difference at all whether one points to potassium with its atomic weights according to today’s schema, or points to the etheric body. It makes no difference at all. That is not the point. In this sense, it is even the case that this kind of theosophy—or anthroposophy, if you wish to call it that—is not something new, but rather the final product of the old.
[ 25 ] In dieser Beziehung hat man ja gerade da, wo die Leute plötzlich einmal den Geist vertreten wollen, das unglaublichste Zeug erlebt. Ich führe diese Dinge nicht an, um sie zu kritisieren, sondern als Symptom. Ich will Ihnen zwei Geschichten erzählen. Die eine ist diese: Ich war einmal bei einer Versammlung im Westen Europas, wo man über Theosophie geredet hat. Als die Vorträge zu Ende waren, kam ich mit einer Persönlichkeit über den Wert dieser Vorträge in ein Gespräch. Da faßte diese Persönlichkeit, die ein guter Anhänger dessen war, was da theosophisch-sektiererisch aufgetreten war, den Eindruck, den sie gewonnen hatte, in die Worte zusammen: «Es sind jetzt so wunderbare Vibrationen in diesem Saale.» Das Wohlgefühl wurde in Vibrationen, also materialistisch zum Ausdruck gebracht.
[ 25 ] In this regard, one has indeed encountered the most unbelievable things precisely in those places where people suddenly decide to represent the Spirit. I am not citing these things to criticize them, but rather as a symptom. I would like to tell you two stories. The first is this: I once attended a gathering in Western Europe where people were discussing theosophy. When the lectures were over, I got into a conversation with a certain person about the value of those lectures. Then this person, who was a staunch supporter of what had been presented there as a theosophical sect, summed up the impression she had gained in these words: “There are such wonderful vibrations in this hall right now.” The sense of well-being was expressed in terms of “vibrations”—that is, in materialistic terms.
[ 26 ] Das andere Mal molestierten mich die Menschen mit einer Entdeckung, die plötzlich auf geistigem Gebiete gemacht worden war. Es wurde behauptet, die wiederholten Erdenleben, die nämlich nur einer wirklich geistigen Anschauung vor die Seele treten können, müßten “auch in irdischem Gewande vor das Auge treten, man müßte sie auch in das Gewand des materialistischen Denkens hereinkriegen. Die Leute fingen plötzlich an, vom «permanenten Atom», das durch alle Erdenleben hindurchgeht, zu reden. Sie sagten: Wenn ich jetzt im Erdenleben bin und nach Jahrhunderten wiederkomme, so werden die Atome in alle Winde zerstreut sein. Aber ein einziges Atom geht über in das nächste Erdenleben. Man nannte es das permanente Atom. Nun war glücklich das Allermaterialistischste in die wiederholten Erdenleben hineingetragen, in das, was nur mit dem Geiste erfaßt werden kann. Als ob ein einzelner Mensch etwas davon haben könnte, wenn da ein einziges Atom aus dem vierten, fünften Jahrhundert etwa, in seinem Gehirn sich herumtriebe! Das kann mir doch so egal sein, wie es mir gleichgültig wäre, wenn es etwa einem jenseitigen Chirurgen irgendwie gegeben wäre, mein jetziges Erdenleben dadurch auszustatten, daß er meinen Magen von dazumal konserviert und jetzt wieder eingesetzt hätte. Im Prinzip unterscheidet sich das nicht voneinander.
[ 26 ] On another occasion, people pestered me with a discovery that had suddenly been made in the spiritual realm. It was claimed that repeated earthly lives—which, in fact, can only appear before the soul through a truly spiritual perspective—must “also appear before the eye in earthly form; one must also be able to fit them into the framework of materialistic thinking.” People suddenly began to speak of the “permanent atom” that passes through all earthly lives. They said: If I am now living an earthly life and return after centuries, the atoms will have been scattered to the four winds. But a single atom passes over into the next earthly life. They called it the “permanent atom.” Now, fortunately, the most materialistic concept of all had been introduced into the cycle of repeated earthly lives—into that which can be grasped only by the spirit. As if a single human being could benefit in any way if a single atom from, say, the fourth or fifth century were floating around in his brain! That matters just as little to me as it would if, for example, a surgeon in the afterlife were somehow able to enhance my current earthly life by preserving my stomach from back then and reinserting it now. In principle, there is no difference between the two.
[ 27 ] Ich erzähle Ihnen das nicht, um mich lustig zu machen, sondern als interessante Symptome dafür, daß die Leute, welche vom Geist reden wollen, vom Wohlgefühl der geistigen Vibrationen reden, und daß Menschen, die durch bloße Gedankenimitationen aufgenommen hatten, was andere über wiederholte Erdenleben wußten, dieses dann so einkleiden, daß sie über das permanente Atom reden. Über dieses permanente Atom sind von 'Theosophen sogar allerlei Bücher geschrieben worden, auch solche mit kuriosen Zeichnungen über die Anordnung der Wasserstoff-, Sauerstoff-, Chlor-Atome und so weiter. Wenn man sich diese Geschichten anschaut, so sind sie nicht weniger greulich als die Zeichnungen, die die Materialisten von den Atomen entworfen haben. Es kommt nicht darauf an, ob man behauptet, irgend etwas ist geistig oder irgend etwas ist materiell, sondern darauf kommt es an, daß man einsieht, man muß in den lebendigen Geist hinein. Wiederum sage ich das nicht in polemischem Sinne, sondern um Ihnen die Sache klarzumachen.
[ 27 ] I am not telling you this to make fun of it, but as an interesting indication that people who want to talk about the spirit speak of the pleasant sensation of spiritual vibrations, and that people who have absorbed, through mere imitation of thoughts, what others know about repeated earthly lives, then frame this in such a way that they speak of the permanent atom. Theosophists have even written all sorts of books about this permanent atom, including some with curious drawings depicting the arrangement of hydrogen, oxygen, and chlorine atoms, and so on. When one looks at these stories, they are no less grotesque than the drawings that materialists have devised to represent atoms. It does not matter whether one claims that something is spiritual or that something is material; what matters is that one realizes one must enter into the living Spirit. Again, I am not saying this in a polemical sense, but to make the matter clear to you.
[ 28 ] In diesem Sinne ist die folgende Erscheinung außerordentlich charakteristisch: Da gibt es heute einen ganz geistreichen Benediktinerpater namens Mager, in diesem Orden einer der besten Köpfe — und der Benediktinerorden hat im Grunde genommen die allerbesten Köpfe. Dieser Mager hat ein überaus interessantes Büchelchen geschrieben über den «Wandel in der Gegenwart Gottes», ein Büchelchen, das allerdings im Zeitalter steht, als Benedikt den Benediktinerorden gestiftet hat, das heißt, wenn es dazumal geschrieben worden wäre, so wäre es ganz zeitgemäß gewesen. Immerhin, wenn einer ein Büchelchen schreibt über den Wandel des Menschen in der Gegenwart Gottes, so kann man das noch bis zu einem gewissen Grade bewundern; und das tue ich auch. Nun hat sich derselbe Pater auch über Anthroposophie ausgelassen. Und nun wird er knüppeldicker Materialist. Das, was er da behauptet hat, das ist wirklich furchtbar schwer zu charakterisieren für jemand, der sich erst in ein so steifes Denken hineinversetzen muß. Was er am meisten tadelt, ist, daß das Wahrnehmen in der imaginativen Erkenntnis, das ich als erstes behaupte, wenn es zu einem Inhalt kommt, so ist, daß es für den Pater Mager eben Bilder sind. Weiter kommt er nicht. Und nun sagt er,er muß — indem er sich ganz seinem wissenschaftlichen Gewissen dabei überläßt — es sagen, daß die Anthroposophie eigentlich die Welt materialisiert. Das tadelt er furchtbar, daß die Anthroposophie die Welt materialisiert, das heißt, daß die Anthroposophie nicht bei wesenlosen abstrakten Begriffen stehenbleibt, wie sie der Pater liebt; denn dort liebt man die allerabstraktesten Begriffe. Lesen Sie nur eine katholische Philosophie einmal durch. Sie finden da: Sein, Werden, Dasein, Schönheit und so weiter, kurz, die alleräußersten Abstraktionen. Ja nicht an die Welt herantippen! Nun merkt der Pater, daß die Anthroposophie lebendige Begriffe erfaßt, die wirklich herunterkommen können bis zu den realen Dingen, bis zur realen Welt. Das ist ihm greulich, furchtbar greulich ist ihm das!
[ 28 ] In this sense, the following phenomenon is exceptionally characteristic: There is today a very witty Benedictine priest named Mager, one of the sharpest minds in that order—and the Benedictine Order, after all, is home to the very best minds. This Mager has written an exceedingly interesting little book on “Transformation in the Presence of God,” a little book that, however, belongs to the era when Benedict founded the Benedictine Order; that is to say, if it had been written back then, it would have been entirely in keeping with the times. Still, when someone writes a little book about the transformation of the human being in the presence of God, one can still admire it to a certain extent; and I do. Now, this same Father has also weighed in on anthroposophy. And now he becomes a die-hard materialist. What he has claimed there is truly terribly difficult to characterize for someone who first has to put themselves into such a rigid way of thinking. What he criticizes most is that perception in imaginative cognition—which I assert first and foremost—when it comes to content, consists, for Father Mager, simply of images. He gets no further than that. And now he says—surrendering himself entirely to his scientific conscience in the process—that he must state that anthroposophy actually materializes the world. He strongly criticizes the fact that anthroposophy materializes the world—that is, that anthroposophy does not remain at the level of formless, abstract concepts, as Father Mager prefers; for there, one loves the most abstract concepts of all. Just read through a Catholic philosophy text once. You will find there: Being, Becoming, Existence, Beauty, and so on—in short, the most extreme abstractions. Not a single touch of the world! Now the Father realizes that anthroposophy grasps living concepts that can truly descend to real things, to the real world. This is abhorrent to him; it is terribly abhorrent to him!
[ 29 ] Diesem Pater müßte man sagen: Ja, wenn Erkenntnis irgend etwas Reales sein soll, so muß sie eigentlich nachschaffen den Gang, den Gott mit der Welt durchgemacht hat. Der hat ja vom Spirituellen ausgehend immer materialisiert! Die Welt war erst spirituell und wurde dann immer materieller und materieller, so daß eine richtige Erkenntnis diesen Gang nachmachen muß. Man sucht ihn nicht in der Anthroposophie, aber man kommt dazu. Das Bild schnappt ein in die Wirklichkeit und das tadelt der Pater. Das ist ja gerade dasjenige, woran er selber glauben muß, wenn er seinem Glauben einen vernünftigen Inhalt geben will. Aber bei uns nennt er das die Materialisierung der Erkenntnis.
[ 29 ] One would have to say to this priest: Yes, if knowledge is to be anything real, it must in fact retrace the path that God has taken with the world. For God has always moved from the spiritual toward the material! The world was spiritual at first and then became more and more material, so that true knowledge must follow this path. One does not seek it in anthroposophy, but one arrives at it. The image captures a glimpse of reality, and the priest criticizes this. Yet this is precisely what he himself must believe in if he wants to give his faith a rational basis. But in our context, he calls this the “materialization of knowledge.”
[ 30 ] Es ist den Leuten natürlich nicht mehr recht zu machen, die ganz fest darauf beharren: Nur ja keine lebendigen Begriffe! — Denn die schnappen in die Wirklichkeit hinein. Dann muß man aber mit seinen Begriffen recht weit wegbleiben davon und bekommt eben nur Begriffe für das Wachbewußtsein und gar keine Begriffe, die aus der geistigen Welt selber heraus am Menschen arbeiten können. Aber das brauchen wir. Wir brauchen lebendige Menschheitsentwickelung und lebendige Menschheitserziehung. Als trocken und eisig empfindet der vollfühlende Mensch die Gegenwartskultur. Sie muß wieder Leben, innere Regsamkeit bekommen. Sie muß so werden, daß sie den Menschen erfüllt, mit Leben erfüllt. Und das ist allein dasjenige, was uns nun nicht dazu führt, daß wir uns gestehen müssen, wir sollten eigentlich gar nicht mehr vom Geiste reden, sondern dazu, daß der gute Wille in uns einfließt, um in uns die Neigung zu entwickeln nicht für ein abstraktes Reden, sondern für ein innerliches Tun im Geiste, nicht zu einer dunklen, nebelhaften Mystik, sondern zu einem mutigen, energischen Durchdringen des eigenen menschlichen Wesens mit der Geistigkeit. Dann kann man aus diesem Durchdrungensein mit der Geistigkeit heraus von der Materie reden, und es wird uns nicht beirren, wenn wir über die wichtigen materiellen Entdeckungen sprechen, weil wir imstande sind, auf geisthafte Art darüber zu reden. Dann werden wir das, was wir dunkel in uns spüren, als einen Drang nach vorwärts, zu einer realen menschheitserziehenden Kraft in uns selbst gestalten können. Davon wollen wir morgen weiterreden.
[ 30 ] Of course, it’s impossible to please those people who insist so strongly: “Under no circumstances should we have living concepts!” — Because those concepts intrude into reality. But then one must keep one’s concepts quite far removed from it, and ends up with concepts only for waking consciousness—and no concepts at all that can work on the human being from within the spiritual world itself. But that is what we need. We need a living human development and a living human education. The deeply feeling person perceives contemporary culture as dry and icy. It must regain life and inner vitality. It must become such that it fills people, fills them with life. And that is the very thing that prevents us from having to admit to ourselves that we should actually stop speaking of the spirit altogether, but rather to allow good will to flow into us, so that we may develop within ourselves a disposition not toward abstract talk, but toward inner action in the spirit; not toward a dark, nebulous mysticism, but toward a courageous, energetic permeation of our own human being with spirituality. Then, from this state of being permeated by spirituality, we can speak of matter, and we will not be led astray when we discuss important material discoveries, because we are able to speak about them in a spiritual way. Then we will be able to shape what we sense dimly within ourselves—as an urge to move forward—into a real, human-educating force within ourselves. We will continue this discussion tomorrow.
