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The Rudolf Steiner Archive

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Spiritual Forces Working in the Shared Lives
of the Older and Younger Generations
GA 217

4 October 1922, Stuttgart

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Zweiter Vortrag

Second Lecture

[ 1 ] Wenn man heute von der Bewegung unter der Jugend spricht, kann man deutlich unterscheiden die weitere Jugendbewegung und die engere Jugendbewegung, die man die Bewegung der Jugend an den Hochschulen nennen kann, derjenigen Jugend, welche den Schulen, dem Pädagogischen überhaupt im weiteren Sinne zustrebt. Nicht weil ich das eine oder andere besonders betonen möchte, sage ich das, sondern weil wir zu dem, wozu wir kommen müssen, am leichtesten kommen, wenn wir zunächst einmal auf die Hauptschwierigkeiten des inneren Lebens hinsehen, wie sie sich namentlich unter der Universitäts- und Hochschuljugend geltend gemacht haben.

[ 1 ] When speaking today of the youth movement, one can clearly distinguish between the broader youth movement and the narrower youth movement—which might be called the movement of college students—and that segment of youth which is drawn to schools and to education in the broadest sense. I say this not because I wish to emphasize one or the other in particular, but because we can most easily arrive at our intended conclusion if we first examine the main difficulties of inner life, as they have manifested themselves particularly among university and college students.

[ 2 ] Wir werden bei diesen Betrachtungen manchmal von Einzelheiten des Lebens ausgehen und uns dann rasch zu einem größeren Überblick erheben müssen. Daher gestatten Sie mir, daß ich zunächst ein paar Worte über die Erfahrungen sage, die gerade die Universitätsjugend in ihren Seelen durchgemacht hat. Im Grunde genommen hat sich das schon seit vielen Jahrzehnten vorbereitet; nur ist es in dem allerletzten Jahrzehnt zu einem Höhepunkt gestiegen, so daß man es deutlicher wahrnehmen konnte.

[ 2 ] In these reflections, we will sometimes begin with specific details of life and then need to quickly rise to a broader perspective. Therefore, allow me to first say a few words about the experiences that university students in particular have gone through in their souls. Essentially, this has been in the making for many decades; it is only in the very last decade that it has reached a climax, making it more clearly perceptible.

[ 3 ] Die Universitätsjugend sucht etwas. Es ist nicht weiter wunderbar, daß sie etwas sucht, denn man kommt ja zur Hochschule, weil man etwas sucht. Sie suchte nach lehrenden Führern — man könnte auch sagen nach führenden Lehrern —, und die Jugend fand keine führenden Lehrer. Und das war das ganz Furchtbare, das man in die verschiedensten Worte kleidete, das der eine konservativ, der andere radikal aussprach, der eine, indem er etwas sehr Weises, der andere, indem er eine große Dummheit sagte. Das wurde so ausgesprochen: Wir finden ja keine Lehrer mehr.

[ 3 ] University students are searching for something. It is hardly surprising that they are searching for something, for one goes to college precisely because one is searching for something. They were searching for instructive leaders—one might also say for leading teachers—and the students found no leading teachers. And that was the truly terrible thing, which was expressed in all sorts of different ways—one person phrased it conservatively, another radically; one by saying something very wise, the other by uttering a great folly. It was put this way: “We simply can’t find any teachers anymore.”

[ 4 ] Was fand man denn, wenn man an die Hochschule kam? Man fand die, die da waren, aber in denen man das, was man suchte, nicht fand. Sie waren stolz darauf, nicht mehr eigentliche Lehrer zu sein, sondern Forscher. Die Universitäten und Hochschulen etablierten sich als Forscheranstalten. Sie waren gar nicht mehr für die Menschen da. Sie waren nur für die Wissenschaft da, und die Wissenschaft führte ein Dasein unter den Menschen, das sie als objektiv bezeichnete. Sie bleute den Menschen in allen Tonarten ein, daß sie zu respektieren sei als objektive Wissenschaft. Man muß solche Dinge manchmal etwas bildlich aussprechen. Die objektive Wissenschaft ging also jetzt unter den Menschen herum; aber die objektive Wissenschaft war ganz sicher kein Mensch, sondern es ging etwas Unmenschliches unter den Menschen herum und nannte sich objektive Wissenschaft.

[ 4 ] What did one find when one arrived at the university? One found the people who were there, but one did not find in them what one was looking for. They were proud of the fact that they were no longer teachers in the traditional sense, but researchers. Universities and colleges established themselves as research institutions. They were no longer there for the people at all. They were there only for science, and science led an existence among people that it described as objective. It drummed into people in every possible way that it was to be respected as objective science. Sometimes one must express such things somewhat figuratively. Objective science was thus now circulating among people; but objective science was certainly not a human being—rather, something inhuman was circulating among people and calling itself objective science.

[ 5 ] Das konnte man in den Einzelheiten immer wieder erleben. Wie oft heißt es: Das ist schon gefunden, das gehört schon der Wissenschaft an. — Ein anderes wird zur Wissenschaft hinzugefunden, und diese sogenannten Schätze der Wissenschaft sind dann ein Aufgespeichertes, das sich allmählich dieses schreckliche, objektive Dasein in der Menschheit errungen hat. Aber die Menschen passen nicht zu dieser objektiven unter ihnen herumstolzierenden Wesenheit, denn es gibt kein eigentliches Verhältnis des wahren, echten Menschen zu dieser objektiv-kalten Wesenheit, die in der verschiedensten Weise aufgespeichert ist. Wir haben nach und nach zwar die Bibliotheken und wissenschaftlichen Forschungsinstitute bekommen. Aber insbesondere der junge Mensch sucht doch nicht die Bibliotheken, auch nicht die wissenschaftlichen Forschungsinstitute, sondern er sucht in den Bibliotheken — man bringt das Wort fast gar nicht heraus — die Menschen und er findet dort: Bibliothekare! Er sucht in den wissenschaftlichen Forschungsinstituten die für die Weisheit, für die wirkliche Erkenntnis begeisterten Menschen und findet diejenigen, die man halt in den Laboratorien, in den wissenschaftlichen Forschungsinstituten, Kliniken und so weiter findet. Die Alten haben es sich allmählich angewöhnt, so bequem zu sein, daß sie eigentlich gar nicht mehr da sein wollen, sondern ihre Institute, ihre Bibliotheken sollen da sein. Aber der Mensch kann das nicht zustandebringen. Wenn er auf diese Art nicht da sein will, dann ist er erst recht da, dann wirkt er statt durch dasMenschliche durch die bleierne Schwere.

[ 5 ] This could be observed time and again in the details. How often do we hear: “That has already been discovered; it already belongs to science.” — Something else is added to science, and these so-called treasures of science are then a collection that has gradually carved out this terrible, objective existence within humanity. But human beings do not fit in with this objective entity strutting about among them, for there is no real relationship between the true, genuine human being and this cold, objective entity, which is stored in the most diverse ways. We have, little by little, acquired libraries and scientific research institutes. But young people, in particular, do not seek out the libraries, nor the scientific research institutes; rather, they seek in the libraries—one can hardly bring oneself to say the word—the people, and there they find: librarians! In scientific research institutes, they seek people who are enthusiastic about wisdom and true knowledge, and they find those whom one simply encounters in laboratories, scientific research institutes, clinics, and so on. The elderly have gradually grown so accustomed to this kind of comfort that they no longer actually want to be there themselves; instead, they want their institutes and their libraries to be there. But human beings cannot bring that about. If they do not want to be there in this way, then they are all the more present; then they exert their influence not through their humanity but through a leaden heaviness.

[ 6 ] Man könnte es noch auf andere Weise aussprechen: Die Menschen streben zu der Natur hin. — Aber, um gleich ein radikales Beispiel zu nehmen: Die Natur ist auch um das ganz kleine Kind herum da. Nur hat das ganz kleine Kind seelisch-geistig nichts von der Natur und kann erst dadurch etwas von ihr erhalten, daß es mit Menschen in Beziehung kommt, mit denen es gemeinsam die Natur erleben kann. Das gilt in gewissem Sinne auch noch bis in sehr alte Jugendjahre hinein. Man muß mit Menschen zusammenkommen, mit denen man gemeinsam die Natur erleben kann. Das konnte man aber in den letzten Jahrzehnten aus dem Grunde nicht, weil es keine Sprache gab, in der man sich von der Jugend bis zum Alter hin über die Natur verständigen konnte. Wenn die Alten über die Natur sprechen, so ist das so, als ob sie dadurch die Natur verdunkelten, als ob die Namen, die sie den Pflanzen geben, nicht mehr zu den Pflanzen paßten. Es stimmte nichts mehr. Man hatte auf der einen Seite das Rätsel «Pflanze» vor sich; dann hörte man den Namen von den Alten, aber das stimmte nicht, weil eben der Mensch ausgeschaltet war, weil die objektive Wesenheit «Wissenschaft» auf der Erde herumwandelte. Das war langsam und allmählich gekommen. Die letzten Jahrzehnte haben aber eine gewisse Kulmination gebracht.

[ 6 ] One could put it another way: People are drawn to nature. — But, to take a radical example right away: Nature is also present all around the very young child. However, the very young child has no emotional or spiritual connection to nature and can only receive something from it by entering into relationships with people with whom they can experience nature together. In a certain sense, this also applies well into very late adolescence. One must come together with people with whom one can experience nature. But this has not been possible in recent decades for the simple reason that there was no language in which people—from youth to old age—could communicate about nature. When the elderly speak of nature, it is as if they were obscuring nature in the process, as if the names they give to plants no longer fit the plants. Nothing made sense anymore. On the one hand, one was faced with the mystery of the “plant”; then one heard the name from the elders, but it didn’t fit, precisely because the human element had been excluded, because the objective entity known as “science” was roaming the earth. This had come about slowly and gradually. The last few decades, however, have brought about a certain culmination.

[ 7 ] Was im neunzehnten Jahrhundert zu einer gewissen Kulmination gekommen ist, zeigt sich ganz bedeutsam in einer einzelnen Erscheinung. Wenn man ein bißchen Phantasie hatte und sich in dem höheren Bildungswesen der letzten Jahrhunderte herumbewegte, dann machte man alle Augenblicke die Bekanntschaft dieser objektiven Wesenheit «Wissenschaft», die in den verschiedensten Formen auftrat, aber immer die eine, die einzige, die wirkliche objektive Wissenschaft sein wollte. Und wenn man diese Bekanntschaft gemacht hatte, wenn einem immer wieder diese objektive Wissenschaft vorgestellt worden war, dann hatte man die Einsicht, daß sich eine andere Wesenheit verschämt seitwärts hinwegschlich, weil sie sich nicht mehr geduldet fühlte. Die sagte einem dann doch, wenn man aufgestachelt wurde, hinten im Verborgenen mit ihr zu reden: Ich habe einen Namen, der sich vor der objektiven Wissenschaft nicht mehr nennen darf. Ich heiße Philosophie, heiße Sophia, Weisheit. Ich habe halt den schändlichen Vornamen von der Liebe und habe etwas, das schon durch seinen Namen angenagelt ist, daß es etwas zu tun hat mit menschlicher Innerlichkeit, mit der Liebe. Ich kann mich nicht mehr sehen lassen, ich muß verschämt herumgehen. Die «objektive Wissenschaft» prunkt damit, daß sie nichts mehr von «Philo» in sich hat. Sie hat zum Denkzeichen nun auch die eigentliche «Sophia» verloren. Aber nun gehe ich so herum, denn ich trage noch etwas Hohes von Gefühl und Menschlichkeit in mir. — Das ist ein Bild, das einem öfter vor die Seele treten konnte. In solchen Bildern lebt sich aus, was unbestimmt gefühlt worden ist von unzähligen jungen Menschen der letzten Jahrzehnte.

[ 7 ] What reached a certain culmination in the nineteenth century is evident in a single phenomenon of great significance. If one had a little imagination and moved in the circles of higher education over the past few centuries, one would constantly encounter this objective entity called “science,” which appeared in the most diverse forms but always sought to be the one and only true objective science. And once one had made this acquaintance, once this objective science had been presented to one time and again, one came to realize that another entity was shyly slipping away to the side, because it no longer felt tolerated. When one was goaded into speaking with it in secret, it would then say: I have a name that is no longer allowed to be spoken in the presence of objective science. My name is Philosophy, Sophia, Wisdom. I simply have the shameful first name of Love, and I possess something that is, by its very name, bound to human inner life, to love. I can no longer show myself; I must walk about in shame. “Objective science” boasts that it no longer has anything of “Philo” within it. It has now lost even the very “Sophia” that served as its symbol. But I still go about like this, for I still carry within me something noble of feeling and humanity. — This is an image that could often come to mind. In such images, what has been vaguely felt by countless young people over the past decades finds its full expression.

[ 8 ] Immer wurde gesucht, einen Ausdruck zu finden — so wie es einen Ausdruck im Vorstellen, einen Ausdruck im Empfinden, Fühlen gibt — für das, was man eigentlich sucht. Diejenigen, die vielleicht am enthusiastischsten waren in den letzten Jahrzehnten, die am meisten junge Wärme in sich fühlten, die ergingen sich in den unbestimmtesten Ausdrücken, weil sie eigentlich nur wußten: Wir suchen etwas. Aber wenn sie ausdrücken wollten, was sie suchten, so war es eigentlich nichts. Das «Nichts» war zwar wirklich nach den Faustworten «das All», aber es präsentierte sich als ein Nichts. Man mußte über einen Abgrund. Das war die Empfindung und das ist im Grunde genommen auch heute noch die Empfindung. Diese Empfindung kann man nicht anders verstehen als historisch, aber nicht historisch im alten Sinne, sondern historisch im neuen Sinne.

[ 8 ] People have always sought to find an expression—just as there is an expression in the imagination, an expression in perception and feeling—for what they are actually seeking. Those who were perhaps the most enthusiastic in recent decades, who felt the most youthful fervor within themselves, indulged in the most vague expressions, because all they really knew was: We are searching for something. But when they wanted to express what they were searching for, it was actually nothing. This “nothing” was indeed, in Faust’s words, “the universe,” but it presented itself as a nothing. One had to cross an abyss. That was the feeling, and that is, in essence, still the feeling today. This feeling can only be understood historically—but not historically in the old sense, rather historically in the new sense.

[ 9 ] Nun will ich von etwas ganz anderem reden, aber die Dinge werden sich uns allmählich zusammenschließen. Etwa im Beginne unserer Zeitrechnung konnte sich der Mensch noch ganz anders fühlen als heute, weil in diesem Fühlen und Empfinden noch viel Altes steckte. Man hatte in der Seele Erbschaften. Diese Erbschaften hatte man nicht nur im Beginne unserer Zeitrechnung, sondern noch bis tief ins Mittelalter hinein. Jetzt aber werden die Seelen in die Welt hineinversetzt ohne Erbschaften. Besonders stark ist dies im neuen Jahrhundert zu spüren, daß die Seelen ohne Erbschaften in die Welt hineinkommen. Das auf der einen Seite. Auf der anderen Seite: Meine lieben Freunde, fragen Sie einmal bei denjenigen, die im Beginne unserer Zeitrechnung gelebt haben, ob sie viel über das gesprochen haben, was man heute zusammenfaßt in das Wort Erziehung. Von Erziehung wird um so weniger gesprochen, je weiter man in die Vergangenheit zurückkehrt. Man kann natürlich in verschiedener Weise von Erziehung sprechen. Man kann von der Erziehung auch in der Weise sprechen, daß man sagt, durch die Erziehung soll sich die Jugend allmählich zu dem heranbilden, was man dann im Alter sein möchte. Denn schließlich muß man im Erdenleben alt werden, wenn wir auch noch so jung sind.

[ 9 ] Now I want to talk about something completely different, but things will gradually come together for us. Around the beginning of our era, people could still feel quite differently than they do today, because there was still much of the old in those feelings and sensations. People carried a legacy within their souls. This legacy was present not only at the beginning of our era, but well into the Middle Ages. Now, however, souls are brought into the world without this legacy. This is particularly evident in the new century: that souls are entering the world without this heritage. That is one side of the matter. On the other hand: My dear friends, ask those who lived at the beginning of our era whether they spoke much about what we today summarize under the term “upbringing.” The further back one goes into the past, the less one speaks of upbringing. Of course, one can speak of education in various ways. One can also speak of education in the sense that, through education, young people are to gradually develop into what they wish to become in old age. For ultimately, one must grow old in earthly life, no matter how young we may be.

[ 10 ] In früheren Zeiten sind eben die Menschen auf eine selbstverständlichere Art jung gewesen und alt geworden als heute. Heute leben die Menschen eigentlich in einer Welt, in der sie gar nicht auf naturgemäße Weise jung und alt sein können. Man weiß ja heute nicht mehr, wie man jung und wie man alt ist. Man weiß gar nichts mehr davon und deshalb redet man so unendlich viel von Erziehung, weil man gern wissen möchte, wie man die Jugend jung macht, damit sie auf respektierliche Art einmal alt werden kann. Aber man weiß nicht, wie man die Dinge drehen soll, damit die Menschen jung sein und auf eine anständige Weise in der Jugend das aufnehmen können, was ihnen die Möglichkeit gibt, später in einer menschenwürdigen Weise alt zu sein.

[ 10 ] In earlier times, people were young and grew old in a more natural way than they do today. Today, people actually live in a world where they cannot be young or old in a natural way at all. After all, people today no longer know what it means to be young or old. People know nothing about it anymore, and that is why there is so much talk about education—because people would like to know how to help young people be young, so that they can grow old in a dignified manner. But no one knows how to turn things around so that people can be young and, during their youth, absorb in a proper way what will enable them to grow old with dignity later on.

[ 11 ] Das alles war vor Jahrhunderten in Selbstverständlichkeit gegossen. Heute redet man viel über Erziehung. Man weiß oft nicht, wie absurd es ist, wenn die Menschen über Erziehung reden. Warum redet heute fast jeder über Erziehung? Meist nicht darum, weil er einsieht, daß er so schlecht erzogen ist, sondern weil er findet, daß er wegen seiner schlechten Erziehung Schwierigkeiten im Leben hat. Und so reden die Menschen über Erziehung, weil sie finden, sie seien unerzogen. Dieses gesteht man sich ein; aber man hat niemals etwas Richtiges auf diesem Gebiete erlebt. Dennoch mafßt man sich ein Urteil darüber an. Man schreit nach Erziehungsprogrammen, weil man keine Sicherheit in sich fühlt. Man könnte immer darauf aufmerksam machen, wie eigentlich überall ein starkes Wollen da ist, aber nirgends ein Inhalt dieses Wollens. Gerade das fühlt die Jugend, daß kein Inhalt dieses Wollens da ist. Warum ist kein Inhalt da? Weil es eigentlich in der ganzen Erdenentwickelung erst seit kurzer Zeit etwas wirklich Neues gibt.

[ 11 ] All of this was taken for granted centuries ago. Today, people talk a lot about upbringing. They often don’t realize how absurd it is when people talk about upbringing. Why does almost everyone talk about upbringing today? Usually not because they realize how poorly they were raised, but because they believe their poor upbringing is causing them difficulties in life. And so people talk about upbringing because they feel they are uneducated. They admit this to themselves; yet they have never experienced anything genuine in this area. Nevertheless, they presume to pass judgment on it. People clamor for educational programs because they feel no inner security. One could always point out how, in fact, there is a strong will everywhere, but nowhere is there any substance to this will. This is precisely what young people sense—that there is no substance to this will. Why is there no substance? Because, in the entire history of Earth’s development, something truly new has only recently come into being.

[ 12 ] Da muß ich allerdings auf etwas verweisen, was ich nur in großen Umrissen andeuten kann. Es wird Ihnen aber immer mehr vor dieSeele treten, wenn Sie sich einmal meine «Geheimwissenschaft» anschauen. Da werden Sie finden, daß das Erdenwesen gezeigt wird als eine Erbschaft von anderem Weltendasein. Wie die Namen sind, ist gleichgültig. Ich habe sie Saturn-, Sonnen-, Monddasein genannt; aber das erste Erdendasein war ja nur eine Wiederholung der früheren Weltendaseine. Man kann sagen: Drei Wiederholungsperioden hat es für die Erde gegeben, eine Saturn-, eine Sonnen- und eine Mondenzeit. Dann kam die eigentliche Erdperiode. Aber diese eigentliche Erdperiode, diese atlantische Zeit, war wieder nur eine Wiederholung — auf höherer Stufe — von dem, was früher schon dagewesen war.

[ 12 ] Here, however, I must point out something that I can only hint at in broad strokes. But it will become increasingly clear to you once you take a look at my Occult Science. There you will find that earthly existence is presented as an inheritance from other world-lives. The names themselves are irrelevant. I have called them the Saturn, Sun, and Moon world-lives; but the first earthly existence was, after all, merely a repetition of the earlier world-lives. One might say: There have been three periods of repetition for the Earth—a Saturn period, a Sun period, and a Moon period. Then came the actual Earth period. But this actual Earth period, this Atlantean era, was again merely a repetition—on a higher level—of what had already existed before.

[ 13 ] Dann kam die nachatlantische Zeit. Man stieg zu einer noch höheren Stufe. Aber wieder war es eine Wiederholung dessen, was schon dagewesen war.Es war die nachatlantische Zeit eine Repetition der Repetition. Die Menschheit hat tatsächlich bis in das fünfzehnte nachchristliche Jahrhundert gelebt von lauter Repetitionen, von lauter Erbschaften. Bis ins fünfzehnte Jahrhundert hinein war man seelisch kein unbeschriebenes Blatt. Es stiegen in den Seelen allerlei Dinge wie von selbst auf. Erst vom fünfzehnten Jahrhundert ab waren die Seelen unbeschriebene Blätter. Seit dem fünfzehnten Jahrhundert ist erst die Erde neu. Vorher hat man von lauter Erbschaften auf der Erde gelebt. Das beachtet man gewöhnlich nicht, daß erst seit dem fünfzehnten Jahrhundert die Erde neu ist. Früher hat man immer vom alten gezehrt. Seit dem fünfzehnten Jahrhundert steht der Mensch vis-à-vis dem Nichts. Seine Seele ist ein unbeschriebenes Blatt. Und wie lebt man seit dem fünfzehnten Jahrhundert? Zunächst hat man vom Vater auf den Sohn durch Tradition fortgeerbt, was man früher auf andere Weise fortgeerbt hat, so daß vom fünfzehnten Jahrhundert bis in das neunzehnte Jahrhundert hinein immer noch Tradition da war. Aber es ist allmählich immer schlimmer geworden mit der Tradition. Sie können das an Einzelheiten sehen.

[ 13 ] Then came the post-Atlantean era. Humanity ascended to an even higher level. But once again, it was a repetition of what had already existed. The post-Atlantean era was a repetition of a repetition. Humanity actually lived, right up until the fifteenth century A.D., on nothing but repetitions, nothing but legacies. Right up until the fifteenth century, people were not, spiritually speaking, a blank slate. All sorts of things arose in their souls as if of their own accord. It was only from the fifteenth century onward that souls became blank slates. It is only since the fifteenth century that the earth has been new. Before that, people lived on the earth solely from legacies. People usually do not realize that it is only since the fifteenth century that the earth has been new. In the past, people always drew upon the old. Since the fifteenth century, human beings have stood face to face with nothingness. Their souls are blank slates. And how have people lived since the fifteenth century? At first, what had previously been passed down in other ways was inherited from father to son through tradition, so that from the fifteenth century well into the nineteenth century, tradition still existed. But things have gradually gotten worse and worse with tradition. You can see this in the details.

[ 14 ] Nehmen Sie das Recht. So über Recht zu sprechen wie die heutige Menschheit über Recht spricht, wäre zum Beispiel einem Scotus Erigena nicht eingefallen, weil man damals noch etwas in der Seele hatte, was einen anleitete, dazu führte, von Mensch zu Mensch zu sprechen. Das gibt es nicht mehr, weil nichts mehr in der Seele da ist, das zum Menschen führt, weil man noch nichts gefunden hat, was aus dem Nichts herausführt. Damals konnte es wenigstens der Vater noch dem Sohne sagen. Am Ende des achtzehnten Jahrhunderts ist es aber so weit gekommen, daß der Vater dem Sohne nichts Ordentliches mehr zu sagen hatte. Dann haben die Menschen zunächst krampfhaft nach dem sogenannten Vernunftrecht gesucht. Aus der Vernunft sollte herausgepreßt werden, wie man zu Vorstellungen und Empfindungen über das Recht kommt. Und dann haben andere, zum Beispiel Savigny, gefunden, daß man aus der Vernunft nichts mehr herauspressen könne. So kam man zu dem historischen Recht. Man hat sich hingesetzt und studiert, was früher war, sich vollgepfropft mit den Gefühlen, die die längst Gestorbenen gehabt haben, weil man selber nichts mehr hatte. Das Vernunftrecht war ein krampfhaftes Festhalten an dem, was man schon verloren hatte. Das historische Recht war ein Eingeständnis, daß man aus dem Menschen der Gegenwart überhaupt nichts mehr herausbekommt. So trat man ins zwanzigste Jahrhundert hinein, und da wurde das Gefühl immer ärger: Man steht gegenüber dem Nichts, und man muß aus dem Menschen heraus etwas finden.

[ 14 ] Take the concept of justice. To speak of justice the way people do today would never have occurred to someone like Scotus Erigena, for example, because back then people still had something in their souls that guided them and led them to speak from person to person. That no longer exists, because there is nothing left in the soul that leads to humanity, because people have not yet found anything that leads out of nothingness. Back then, at least a father could still tell his son. By the end of the eighteenth century, however, things had come to the point where a father no longer had anything meaningful to say to his son. Then people initially searched frantically for what is called “rational law.” They sought to squeeze out of reason how one arrives at concepts and feelings regarding the law. And then others, such as Savigny, discovered that nothing more could be squeezed out of reason. Thus, they turned to historical law. They sat down and studied what had been in the past, filling themselves with the feelings of those long since dead, because they themselves had nothing left. Rational law was a desperate clinging to what had already been lost. Historical law was an admission that nothing at all could be extracted from the people of the present. Thus, as we entered the twentieth century, the feeling grew ever worse: we stand before nothingness, and we must find something within human beings.

[ 15 ] In der alten griechischen Zeit hätte es niemand verstanden, wenn man von objektiver Wissenschaft gesprochen hätte. Der Mensch hat sein Verhältnis zur Welt damals anders ausgedrückt. Er hat, auf geistiges Schauen hinweisend, von Melpomene, von Urania, von den freien Künsten gesprochen. Aber diese freien Künste, obwohl sie reale, wirkliche Wesen waren, waren nicht Wesen, die auf der Erde herumgingen. Es war etwas sehr Konkretes, was der Grieche noch in der Zeit, als es schon eine Philosophie gab, als sein Verhältnis zur geistigen Welt fühlte. Es waren die Musen, die man eigentlich liebte, richtige Wesenheiten, zu denen man als zu realen Wesen ein Verhältnis hatte. Nicht aus einer bloßen Phrase heraus, wie die Neueren glauben, beginnt Homer seine Ilias: «Singe mir, Muse, vom Zorn des Peleiden Achilleus.» Homer hat sich wie eine Art von Schale gefühlt und die Muse hat aus ihm gesprochen, als eine höhere Menschlichkeit ihn erfüllend.

[ 15 ] In ancient Greece, no one would have understood what was meant by “objective science.” People at that time expressed their relationship to the world differently. Referring to spiritual vision, they spoke of Melpomene, of Urania, and of the liberal arts. But these liberal arts, although they were real, tangible entities, were not beings that walked the earth. It was something very concrete that the Greeks still perceived as their relationship to the spiritual world, even at a time when philosophy already existed. It was the Muses whom they truly loved—real entities with whom they had a relationship as if they were real beings. Homer does not begin his Iliad with a mere phrase, as modern scholars believe: “Sing to me, Muse, of the wrath of Achilles, son of Peleus.” Homer felt himself to be a kind of vessel, and the Muse spoke through him, filling him with a higher humanity.

[ 16 ] Als Klopstock nicht mehr aus der Phrase, in die er zum großen Teil hineingeboren war, reden wollte, hat er wenigstens noch gesagt: «Sing’, unsterbliche Seele, der sündigen Menschheit Erlösung.» Aber diese unsterbliche Seele ist den Menschen nach und nach auch entschwunden. Das geschah langsam und allmählich. In den ersten Jahrhunderten der christlichen Entwickelung findet man, wie die konkreten Musen allmählich furchtbar dürre Damen geworden sind. Grammatik, Dialektik, Rhetorik, Arithmetik, Geometrie, Astrologie und Musik, sie hatten alles Konkrete verloren. Schon bei Boethius haben sie fast keine konkrete Physiognomie mehr. Man kann sie eigentlich nicht mehr recht lieben. Dennoch sind sie noch dralle Figuren im Vergleich mit der «objektiven Wissenschaft», die heute unter den Menschen herumwandelt. Langsam und allmählich ist es so gekommen, daß der Mensch das, was in alten Zeiten sein Zusammenhang mit der geistigen Welt war, verloren hat. Und er mußte es verlieren, denn er mußte sich einmal zur völligen Freiheit entwickeln, um alles, was menschlich ist, aus sich selber heraus zu gestalten. Zu dem ist er aufgefordert seit dem fünfzehnten Jahrhundert; aber recht gespürt hat man es erst am Ende des neunzehnten Jahrhunderts und insbesondere im zwanzigsten Jahrhundert. Denn jetzt waren nicht nur die Erbschaften, sondern auch die Traditionen weg. Die Väter hatten sozusagen nichts mehr den Söhnen zu sagen. Jetzt fühlte man: Wir stehen gegenüber dem Nichts. Man fühlte, daß die Erde im Grunde genommen neu geworden ist.

[ 16 ] When Klopstock no longer wished to speak in the style into which he had, for the most part, been born, he at least still said: “Sing, immortal soul, of the redemption of sinful humanity.” But this immortal soul, too, gradually vanished from people’s lives. This happened slowly and gradually. In the early centuries of Christian development, one sees how the concrete Muses gradually became terribly gaunt ladies. Grammar, dialectic, rhetoric, arithmetic, geometry, astrology, and music—they had lost all concreteness. Even in Boethius, they have almost no concrete form left. One can no longer really love them. Nevertheless, they are still voluptuous figures compared to the “objective science” that walks among people today. Slowly and gradually, it has come to pass that human beings have lost what in ancient times was their connection to the spiritual world. And they had to lose it, for they had to develop toward complete freedom in order to shape everything that is human from within themselves. This has been the call since the fifteenth century; but it was not truly felt until the end of the nineteenth century and especially in the twentieth century. For now not only the legacies but also the traditions were gone. The fathers, so to speak, had nothing left to say to their sons. Now people felt: We are facing nothingness. They felt that the earth had, in essence, become new.

[ 17 ] Man kann das, was ich jetzt ausgesprochen habe, noch auf eine andere Weise aussprechen. Man kann nämlich die Frage stellen, was aus der Erde geworden wäre, wenn das Christus-Ereignis nicht eingetreten wäre. Man nehme an, das Christus-Ereignis wäre nicht gekommen. Dann wäre die Erde in dem seelisch-geistigen Leben der Menschheit allmählich vertrocknet. Das Christus-Ereignis konnte nicht bis heute warten; es mußte etwas früher fallen als der Zeitpunkt, in dem alle alten Erbschaften verbraucht waren, damit man mit den alten Erbschaften wenigstens noch das Christus-Ereignis empfinden konnte. Sie brauchen sich nur vorzustellen: Wenn am Ende des neunzehnten oder im zwanzigsten Jahrhundert so etwas gekommen wäre wie ein ChristusEreignis, wie es im Beginne unserer Zeitrechnung gekommen ist, was hätten da die Menschen unserer Zeit für ein Hohngelächter angestimmt gegenüber der Prätention, daß irgendein Ereignis eine Bedeutung haben sollte wie das Christus-Ereignis! Es ist nicht auszudenken, was die Menschen empfunden hätten gegenüber einer solchen Prätention. Zur Zeit des Christus-Ereignisses mußte eine ganz andere Empfindung da sein. Die Empfindung, gegenüber dem Nichts zu stehen, durfte noch nicht da sein. Das Christus-Ereignis trat ein im ersten Drittel des vierten nachatlantischen Kulturzeitraumes. Und mit demselben vierten Kulturzeitraum, dessen erstes Drittel das Christus-Ereignis trägt, war das Alte fertig.

[ 17 ] What I have just said can be expressed in another way. One can ask, in fact, what would have become of the Earth if the Christ Event had not taken place. Suppose the Christ event had not come. Then the Earth would have gradually withered away in the soul-spiritual life of humanity. The Christ event could not wait until today; it had to occur somewhat earlier than the point at which all the old legacies had been exhausted, so that people could at least still perceive the Christ event through those old legacies. Just imagine: If something like the Christ Event—as it occurred at the beginning of our era—had taken place at the end of the nineteenth or in the twentieth century, what a chorus of derisive laughter the people of our time would have raised in response to the claim that any event could have the same significance as the Christ Event! It is unimaginable what people would have felt in the face of such a claim. At the time of the Christ Event, a completely different feeling must have prevailed. The feeling of standing before nothingness could not yet have existed. The Christ Event occurred in the first third of the fourth post-Atlantean cultural epoch. And with that same fourth cultural epoch—whose first third is marked by the Christ Event—the Old Age came to an end.

[ 18 ] Ein Neues beginnt im fünfzehnten Jahrhundert mit dem fünften nachatlantischen Kulturzeitraum, in dem wir jetzt darinstehen. In ihm gibt es keine Traditionen; sie sind allmählich verglommen. Jetzt steht man gegenüber dem Christus-Ereignis, gegenüber den tieferen, intimeren religiösen Fragen ganz deutlich vor dem Nichts. Denn allmählich ist es selbst für die Theologen ganz unmöglich geworden, das ChristusEreignis zu verstehen. Versuchen Sie heute einmal, aus der zeitgenössischen Theologie heraus irgendeine verständliche Vorstellung zu gewinnen über das Christus-Ereignis! Als die größten Theologen gelten heute diejenigen, die den Christus aus dem Jesus wegdisputieren. Es tritt ganz deutlich hervor, daß man vor dem Nichts steht.

[ 18 ] A new era began in the fifteenth century with the fifth post-Atlantic cultural period, in which we now find ourselves. In this period, there are no traditions; they have gradually faded away. Now, when faced with the Christ event and with the deeper, more intimate religious questions, we stand quite clearly before nothingness. For even for theologians, it has gradually become entirely impossible to understand the Christ event. Try today to gain any comprehensible conception of the Christ event from contemporary theology! Those who are considered the greatest theologians today are the ones who argue that Christ is separate from Jesus. It is quite clear that we stand before nothingness.

[ 19 ] Was ich sage, sind alles nur die Symptome, denn diese Dinge gehen in den tieferen Schichten des menschlichen Seelenlebens vor sich. Diese tieferen Schichten zaubern in die Seelen derjenigen Menschheit, die in den letzten Jahrzehnten jung geworden ist, etwas herein, das man etwa so ausdrücken kann: Der Mensch fühlt sich wie abgekoppelt von dem Strome des Weltgeschehens. Es ist schon etwas in der seelischen Entwickelung des Menschen eingetreten, das mit einem furchtbaren Ruck zu vergleichen ist.

[ 19 ] What I am describing are merely the symptoms, for these things take place in the deeper layers of human soul life. These deeper layers are conjuring up something in the souls of those who have come of age in recent decades that can be expressed something like this: People feel as if they are disconnected from the flow of world events. Something has indeed occurred in the soul’s development that can be compared to a terrible jolt.

[ 20 ] Stellen Sie sich vor, meine Hand könnte selbständig fühlen, und sie würde mir abgehackt. Was würde sie fühlen? Sie würde sich abgehackt, verdorrend fühlen, sie würde sich nicht mehr als etwas Lebendiges fühlen. So fühlt sich seit dem letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts die Seele jenem allgemeinen Strome des Weltgeschehens gegenüber wie abgehauen, wie abgekoppelt, und die bange Frage steht vor dem Menschen: Wie werde ich wieder lebendig in der Seele?

[ 20 ] Imagine if my hand could feel on its own, and it were to be severed from me. What would it feel? It would feel severed, withering away; it would no longer feel like a living thing. Since the last third of the nineteenth century, the soul has felt as if it were severed from, as if it were disconnected from, that general current of world events, and the anxious question confronts humanity: How can I come alive again in my soul?

[ 21 ] Versucht man dann, aus den Impulsen heraus zu sprechen, die wieder Leben bringen können, dann verstehen die Menschen, die im Sinne des alten Geisteslebens so weiterhudeln wollen, das gar nicht. Wie wenig wird eigentlich verstanden, was aus dem Leben heraus gesprochen wird über so etwas wie die Begründung der Waldorfschule! Da hören die Leute zumeist etwas ganz anderes über die Waldorfschule, als was sie hören sollten. Sie hören nur, daß man zu ihnen so redet, wie man vor Jahrzehnten auch schon geredet hat. Sie können ja die Worte, die man heute über die Waldorfschule redet, in Büchern nachschlagen. Sie finden alle diese Worte schon in den Büchern von früher. Und wenn einer andere Worte gebrauchen wollte oder nicht einmal andere Worte, sondern nur andere Satzfügungen, so sagen die Leute, es sei eine schlechte Sprache. Sie haben keine Ahnung von dem, was jetzt geschehen muß, wo die Menschheit, die noch Seele im Leibe hat, dem Nichts gegenübersteht.

[ 21 ] If one then tries to speak from the impulses that can bring life back, the people who want to keep plowing ahead in the spirit of the old spiritual life simply don’t understand it at all. How little is actually understood of what is spoken from life itself about something like the founding principles of the Waldorf School! Most people hear something completely different about the Waldorf School than what they should be hearing. They only hear that people are speaking to them in the same way they did decades ago. After all, they can look up the words used today to describe the Waldorf School in books. They find all these words already in the books from the past. And if someone were to use different words—or not even different words, but just different sentence structures—people would say it’s poor language. They have no idea what must happen now, when humanity, which still has a soul within it, is facing nothingness.

[ 22 ] Was über Waldorfschul-Pädagogik gesprochen wird, muß man mit anderen Ohren anhören, als was man sonst über Erziehung hört, auch über Reform-Erziehung. Denn auf die Fragen, die die Menschen jetzt beantwortet haben wollen und die in den anderen Erziehungssystemen gestellt und scheinbar beantwortet werden, gibt die WaldorfschulPädagogik überhaupt keine Antwort! Worauf zielen diese Fragen? Gewöhnlich auf recht viel Vernunft, und Vernunft hat die Gegenwart unermeßlich viel. Vernunft, Intellekt und Gescheitheit sind ganz ungeheuer verbreitete Artikel in der Gegenwart. Fragen wie die: Was man aus dem Kinde machen soll? Wie man das oder jenes ins Kind hineinbringen soll? — werden furchtbar vernünftig beantwortet. Und das läuft alles darauf hinaus: Was gefällt einem am Kinde und wie kriegt man es zurecht, daß es so wird, wie man es haben möchte? Aber das hat für den tieferen Entwickelungsgang der Menschheit keine Bedeutung mehr! Auf solche Fragen gibt die Waldorfschul-Pädagogik überhaupt keine Antwort.

[ 22 ] When people talk about Waldorf education, you have to listen with a different mindset than when you hear about education in general—including progressive education. For Waldorf education offers absolutely no answers to the questions people now want answered—questions that are posed and seemingly answered in other educational systems! What are these questions aiming at? Usually at a great deal of reason, and the present age has an immeasurable amount of reason. Reason, intellect, and cleverness are incredibly widespread commodities in the present age. Questions such as: What should one make of the child? How should one instill this or that in the child? — are answered in a terribly rational manner. And it all boils down to this: What do you like about the child, and how can you shape it so that it becomes what you want it to be? But this no longer has any significance for the deeper course of human development! Waldorf education offers no answer at all to such questions.

[ 23 ] Wenn man zunächst bildlich charakterisieren will, wie die Waldorfschul-Pädagogik spricht, so muß man sagen, daß sie ganz anders spricht, als man sonst in bezug auf Erziehung zu sprechen pflegt. Die Waldorfschul-Pädagogik ist überhaupt kein pädagogisches System, sondern eine Kunst, um dasjenige, was da ist im Menschen, aufzuwecken. Im Grunde genommen will die Waldorfschul-Pädagogik gar nicht erziehen, sondern aufwecken. Denn heute handelt es sich um das Aufwecken. Erst müssen die Lehrer aufgeweckt werden, dann müssen die Lehrer wieder die Kinder und jungen Menschen aufwecken. Es handelt sich tatsächlich um ein Aufwecken, nachdem die Menschheit abgekoppelt, abgeschnürt worden ist von dem fortlaufenden Strome der Weltentwickelung. Wie eine Hand einschläft, wenn sie abgeschnürt wird, so schlief die Menschheit seelisch-geistig ein. Sie werden vielleicht einwenden, daß die Menschen es ja seit dem fünfzehnten Jahrhundert weit gebracht haben, eine riesige Gescheitheit entwickelt haben. Ja, wäre der Weltkrieg nicht gekommen — der zwar nicht in dem Maße den Menschen Erlebnis geworden ist, wie er es hätte sein können, durch den sie aber doch ein bißchen wenigstens eingesehen haben, daß sie gar nicht so gescheit geworden sind —, wer weiß, wie oft man zu hören bekäme: Wie haben wir es doch so herrlich weit gebracht! — Das wäre nicht mehr auszuhalten.

[ 23 ] If one were to begin by describing, in figurative terms, how Waldorf education speaks, one would have to say that it speaks in a way that is entirely different from how people usually speak about education. Waldorf education is not an educational system at all, but rather an art of awakening what is already present within the human being. Fundamentally, Waldorf education does not seek to educate, but to awaken. For today, the task at hand is one of awakening. First, the teachers must be awakened; then the teachers must in turn awaken the children and young people. It is indeed a matter of awakening, after humanity has been cut off and severed from the continuous flow of world development. Just as a hand falls asleep when it is cut off, so humanity fell asleep spiritually and mentally. You may object that people have come a long way since the fifteenth century and have developed tremendous intelligence. Yes, had the World War not come—which, admittedly, was not experienced by people to the extent that it could have been, but through which they nevertheless realized, at least to some extent, that they had not become all that intelligent after all—who knows how often we would hear: “How wonderfully far we have come!”—That would be unbearable.

[ 24 ] Es ist ja richtig: im Intellekt sind die Menschen seit dem fünfzehnten Jahrhundert furchtbar weit gekommen. Dieser Intellekt hat etwas schauderhaft Verführerisches, denn im Intellekt halten sich alle Menschen für wach. Aber der Intellekt lehrt uns gar nichts über die Welt. Er ist nämlich in Wirklichkeit bloß ein Traum von der Welt. Im Intellekte träumt man am allerstärksten, und indem die objektive Wissenschaft gerade am meisten mit dem Intellekt arbeitet, den sie auf Beobachtung und Experiment anwendet, träumt sie im Grunde genommen über die Welt. Aber es bleibt beim Träumen. Man steht durch den Intellekt in keiner objektiven Verbindung mehr mit der Welt. Der Intellekt ist das automatische Fortdenken, nachdem man von der Welt längst abgeschnürt ist. Deshalb sucht die gegenwärtige Menschheit, wenn sie ihre Seele in sich selber erfühlt, wenn sie ein Gefühl bekommt von sich selbst in der Seele, wieder den Anschluß an die Welt, sucht wieder hinzukommen zur Welt. Hatte man bis ins fünfzehnte Jahrhundert hinein immer noch positive Erbschaften gehabt, so steht man jetzt vor einer umgekehrten Erbschaft, vor einer negativen Erbschaft. Man macht nämlich eine eigentümliche Entdeckung.

[ 24 ] It is true: intellectually, people have come an incredibly long way since the fifteenth century. There is something terrifyingly seductive about the intellect, for it is through the intellect that all people believe themselves to be awake. But the intellect teaches us nothing at all about the world. In reality, it is merely a dream of the world. It is in the intellect that one dreams most intensely, and since objective science works most closely with the intellect—applying it to observation and experiment—it is, in essence, dreaming about the world. But it remains merely a dream. Through the intellect, one no longer stands in any objective connection with the world. The intellect is the automatic continuation of thought after one has long since been cut off from the world. That is why contemporary humanity, when it senses its soul within itself, when it gains a sense of itself in the soul, seeks to reconnect with the world, seeks to return to the world. Whereas up until the fifteenth century one still had positive legacies, one now faces a reversed legacy, a negative legacy. For one makes a peculiar discovery.

[ 25 ] Bis ins fünfzehnte Jahrhundert hinein konnten die menschlichen Seelen das, was sie aus der Weltentwickelung heraus erbten, noch immer mit einer gewissen Freude begrüßen. Die Welt war bis dahin noch nicht ganz abgerollt und man war noch nicht losgekoppelt. Man konnte das, was man bekam, mit Freude begrüßen. Auch heute, nach der Abkoppelung, kann man sich besinnen auf dasjenige, was man ohne sein Zutun von der Welt bekommt, aber man macht dabei eine ganz merkwürdige Entdeckung.Es geht einem wie dem, welcher eine Erbschaft macht und vergißt, sich genau zu informieren. Dann wird zusammengerechnet und man entdeckt, daß die Passiven die Aktiven übersteigen. Man hat versäumt, die Erbschaft abzulehnen! Aber damit bekommt man eine soundso große Summe Schulden, die bezahlt werden müssen. Das ist eine negative Erbschaft; es gibt solche Fälle. So hat auch die Menschheit in ihrer Seele eine negative Erbschaft, sogar gegenüber dem größten Ereignis, das sich in der Menschheit zugetragen hat.

[ 25 ] Well into the fifteenth century, human souls were still able to welcome with a certain joy what they inherited from the world’s evolution. The world had not yet fully unfolded by then, and people had not yet become disconnected from it. One could welcome what one received with joy. Even today, after the disconnection, one can reflect on what one receives from the world without any effort on one’s part, but in doing so, one makes a very strange discovery. It is like someone who inherits a fortune and forgets to find out the exact details. Then the accounts are tallied, and one discovers that the liabilities exceed the assets. One has failed to renounce the inheritance! But with it comes a certain amount of debt that must be paid. This is a negative inheritance; such cases do exist. In the same way, humanity also has a negative inheritance in its soul, even in relation to the greatest event that has ever taken place in human history.

[ 26 ] Bis zum Mysterium von Golgatha haben die Menschen das Mysterium von Golgatha nicht zu verstehen gebraucht, denn es war nicht da. Dann war es da, und aus den Resten der alten Erbschaften heraus konnte man es in der Folgezeit noch abglimmend verstehen. Dann kam das fünfzehnte Jahrhundert, wo man solche Erbschaftsreste nicht mehr hatte, wo aber der Vater auf den Sohn noch ein Verständnis dafür vererben konnte, wie es sich mit dem Mysterium von Golgatha verhält. Heute hilft alles das nicht mehr. Die Menschen sind furchtbar gescheit; aber so gescheit, um die Widersprüche der vier Evangelien zu sehen, wären ja die Menschen des siebten, achten Jahrhunderts auch gewesen. Die Widersprüche sind doch furchtbar leicht herauszufinden. Man hat aber erst im neunzehnten Jahrhundert angefangen, diese Widersprüche zu untersuchen. So ist es auf allen Gebieten des Lebens. Der Intellekt wurde überschätzt, und ein Bewußtsein, eine Empfindung vom Ereignis von Golgatha ist verlorengegangen. Das religiöse Empfinden ist im Bewußtsein verlorengegangen. Im tiefsten Innern hat aber die Seele dieses Empfinden nicht verloren, und die Jugend will wissen: Wie war es mit dem Mysterium von Golgatha? — Die Alten wußten nichts darüber zu sagen. Ich sage nicht, daß die Jugend etwas weiß und daß man etwas davon wisse auf den Universitäten. Ich sage, sie sollten etwas davon wissen.

[ 26 ] Until the Mystery of Golgotha, people had no need to understand the Mystery of Golgotha, for it did not yet exist. Then it came into being, and in the period that followed, people were still able to grasp it dimly through the remnants of their ancient heritage. Then came the fifteenth century, when such remnants of heritage were no longer available, yet when a father could still pass on to his son an understanding of the nature of the Mystery of Golgotha. Today, none of that helps anymore. People are terribly clever; but the people of the seventh and eighth centuries would have been just as clever as to see the contradictions in the four Gospels. After all, the contradictions are terribly easy to spot. Yet it was not until the nineteenth century that people began to examine these contradictions. It is the same in all areas of life. The intellect was overestimated, and an awareness, a sense of the event of Golgotha, has been lost. Religious feeling has been lost in consciousness. Deep within, however, the soul has not lost this sense, and young people want to know: What was the Mystery of Golgotha really like? — The older generation had nothing to say about it. I am not saying that young people know anything or that this is taught at universities. I am saying that they ought to know something about it.

[ 27 ] Wenn man das, was sich chaotisch in den Tiefen der Seelen abspielt, in klare Worte faßt, so ist es so: Im Innern der Seelen ist ein Streben, das Mysterium von Golgatha wieder zu verstehen. Es wird ein neues Christus-Erlebnis gesucht. Wir stehen notwendigerweise vor dem neuen Erleben des Christus-Ereignisses. In seiner ersten Gestalt ist es noch erlebt worden mit den Resten der alten Seelenerbschaften, und da diese seit dem fünfzehnten Jahrhundert verbraucht sind, pflanzte es sich durch Tradition fort. Erst im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts war die Verfinsterung vollständig. Keine alten Erbschaften waren mehr da. Es muß aus der menschlichen Seelenverfinsterung heraus wieder ein Licht gesucht werden. Es muß schon die geistige Welt neu erlebt werden.

[ 27 ] If one were to put into clear words what is happening chaotically in the depths of the soul, it would be this: Within the soul there is a striving to understand the Mystery of Golgotha anew. A new experience of Christ is being sought. We are inevitably facing a new experience of the Christ event. In its earliest form, it was still experienced through the remnants of the old spiritual heritage, and since these have been exhausted since the fifteenth century, it was perpetuated through tradition. It was not until the last third of the nineteenth century that the spiritual eclipse was complete. No traces of the old heritage remained. Light must once again be sought from within the darkness of the human soul. The spiritual world must be experienced anew.

[ 28 ] Das ist das bedeutsame Erlebnis, das den tieferen Naturen der gegenwärtigen Jugendbewegung in der Seele steckt. Es ist durchaus nicht in einem oberflächlichen, sondern in einem tieferen Sinne klar, daß zum ersten Male in der weltgeschichtlichen Entwickelung der Menschheit jetzt etwas erlebt werden muß, was ganz und gar aus den Menschen selber heraus kommt. So lange man das nicht weiß, kann man auch nicht über Pädagogik reden. Man muß sich klar sein darüber, daß aus der tiefsten Wurzel heraus gefragt werden muß: Wie kommt man zum ursprünglichsten geistigen Erleben in der Menschenseele?

[ 28 ] This is the significant experience that lies deep within the souls of the present youth movement. It is clear—not in a superficial sense, but in a deeper one—that for the first time in the course of world history, humanity must now experience something that arises entirely from within human beings themselves. As long as one does not know this, one cannot speak of pedagogy. One must be clear that the question must be asked from the deepest root: How does one arrive at the most primordial spiritual experience in the human soul?

[ 29 ] Das ursprüngliche geistige Erleben in der Menschenseele ist nun etwas, was mit dem neuen Jahrhundert als das ganz umfassende und unausgesprochene Menschen- und Weltenrätsel vor dem Aufwachen der Menschen dasteht. Es ist die Frage: Wie bringt der Mensch sein Tiefstes, das er in sich hat, zum Aufwachen, wie kann der Mensch sich erwecken? Man möchte sagen, die enthusiastischsten Geister der heranwachsenden Menschheit sind so—nur in einem Bilde kann ich es wieder ausdrücken —, wie wenn jemand des Morgens halb aufwacht, alle seine Glieder schwer sind und er im vollen Sinne des Wortes nicht herauskann aus dem Schlafzustande. So fühlt sich heute der Mensch: als nicht ganz herauskönnend aus dem Schlafzustande.

[ 29 ] The original spiritual experience in the human soul is now something that stands before humanity as the new century dawns—as the all-encompassing and unspoken mystery of humanity and the world, awaiting humanity’s awakening. The question is: How does a person awaken what lies deepest within them; how can a person awaken themselves? One might say that the most enthusiastic spirits of a maturing humanity are—and I can only express this in a metaphor—like someone who is half-awake in the morning, with all their limbs heavy, unable, in the full sense of the word, to emerge from the state of sleep. This is how human beings feel today: as if they cannot quite emerge from the state of sleep.

[ 30 ] Diese Tatsache liegt einem Streben zugrunde, das in den letzten Jahrzehnten in mannigfaltigen Formen zum Ausdruck gekommen ist und das in einer sympathischen Weise auch jetzt in diese Seelen hineinleuchtet. Es drückt sich in dem Gemeinschaftsstreben der jungen Menschheit aus. Man sucht etwas. Ich habe gestern gesagt: Der Mensch hat den Menschen verloren, der Mensch sucht wiederum den Menschen. Bis ins fünfzehnte Jahrhundert hatten die Menschen einander nicht verloren. Wir können natürlich die Weltentwickelung nicht zurückschrauben; das wäre auch etwas Furchtbares, wenn wir das tun wollten. Reaktionäre werden wir ganz sicher nicht werden. Aber wir müssen doch sagen, bis in das fünfzehnte Jahrhundert hinein konnten die Menschen den Menschen noch finden. Seit dem fünfzehnten Jahrhundert konnte man aus der Tradition und dem, was einem die Väter noch sagen konnten, dunkle Gedankenbilder bekommen, die einen aufmerksam machten: der andere ist ein Mensch. Man empfand es dunkel, daß diese Gestalt, die neben einem hergeht, doch auch ein Mensch ist. Mit dem zwanzigsten Jahrhundert ist auch das verschwunden. Es gibt auch keine Tradition mehr, die einem etwas sagt, und man sucht doch den Menschen. Man sucht wirklich den Menschen. Warum? Weil man im Grunde genommen etwas ganz anderes sucht.

[ 30 ] This fact underlies a striving that has found expression in manifold forms over the past decades and that continues to shine into these souls in a heartening way even now. It finds expression in the young humanity’s striving for community. People are searching for something. I said yesterday: Humanity has lost touch with one another; humanity is once again seeking out its fellow human beings. Up until the fifteenth century, people had not lost touch with one another. Of course, we cannot turn back the wheel of world history; it would also be a terrible thing if we were to try. We will certainly not become reactionaries. But we must acknowledge that, up until the fifteenth century, people were still able to find one another. Since the fifteenth century, one could draw from tradition and from what one’s fathers could still impart—vague mental images that made one take notice: the other is a human being. It struck one as mysterious that this figure walking beside one was, after all, also a human being. With the twentieth century, even that has disappeared. There is no longer any tradition to guide us, and yet we still seek out the human being. We truly seek out the human being. Why? Because, deep down, we are seeking something entirely different.

[ 31 ] Wenn die Dinge so fortgehen, wie sie sich um die Jahrhundertwende herum ergeben haben, dann wacht kein Mensch auf. Denn die anderen sind auch so, daß sie niemanden aufwecken können. Schließlich müssen die Menschen sich doch gegenseitig etwas sein. Auch in der Gemeinschaft müssen sie sich gegenseitig etwas sein. Das ist es auch, was von Anfang an durch alles das, was in der Waldorfschul-Pädagogik lebt, durchgeleuchtet hat. Sie sollte nicht ein System von Grundsätzen, sondern ein Impuls zum Aufwecken sein. Sie sollte Leben sein, nicht Wissen; nicht Geschicklichkeit, sondern Kunst sollte sie sein, lebensvolles Tun, weckende Tat. Darauf kommt es an, wenn geweckt werden soll, da die Menschen nun schon einmal durch die Weltentwickelung in einen Schlaf hineingekommen sind, der erfüllt ist von intellektualistischem Träumen. Schon im gewöhnlichen Traum wird der Mensch oft größenwahnsinnig. Aber dieses gewöhnliche Träumen ist ein Waisenknabe gegenüber dem intellektualistischen Träumen.

[ 31 ] If things continue the way they did around the turn of the century, then no one will wake up. For the others are also in such a state that they cannot wake anyone else up. After all, people must mean something to one another. Even within the community, they must mean something to one another. This is also what has shone through from the very beginning in everything that lives within Waldorf school pedagogy. It should not be a system of principles, but rather an impulse to awaken. It should be life, not knowledge; not skill, but art—it should be life-filled action, an awakening deed. This is what matters if we are to awaken people, since they have already, through the course of world history, fallen into a slumber filled with intellectualistic dreaming. Even in ordinary dreams, people often become megalomaniacal. But this ordinary dreaming is a mere orphan compared to intellectualistic dreaming.

[ 32 ] Wenn es sich um ein Aufwecken handelt, geht es wirklich nicht, daß man den Intellektualismus weitertreibt. Diese objektive Wissenschaft, die da herumgeht und alle alten Kleider abgelegt hat, weil sie sich fürchtet, daß man durch irgendein altes Kleid noch etwas Menschliches finden könnte, hat sich umgeben mit der dichtesten Nebelhülle: mit der Hülle der Objektivität; und so merkt man eigentlich gar nichts von dem, was in dieser Objektivität der Wissenschaft herumgeht. Man braucht wieder etwas Menschliches, man muß aufgeweckt werden.

[ 32 ] When it comes to awakening, it is truly not possible to continue pursuing intellectualism. This objective science, which goes about having cast off all its old garments—for fear that some human element might still be found in any of them—has surrounded itself with the densest veil of mist: the veil of objectivity; and so one actually perceives nothing at all of what goes on within this objectivity of science. We need something human again; we must be awakened.

[ 33 ] Ja, meine lieben Freunde, wenn aufgeweckt werden soll, dann muß eben das Mysterium von Golgatha noch einmal erlebt werden. Aber bei dem Mysterium von Golgatha ist außer dem irdischen Jesus noch eine Geistwesenheit in die Erde hereingekommen. Das hat man früher noch erfaßt, mit alten Kräften. Vom zwanzigsten Jahrhundert wird gefordert, daß man es mit neuen Kräften erfaßt. Die heutige Jugend verlangt, wenn sie sich richtig versteht, im Bewußtsein — nicht in den alten schlummernden Kräften wie damals — erweckt zu werden. Und das kann nur geschehen durch den Geist, kann nur geschehen, wenn in die Gemeinschaften, die gesucht werden, tatsächlich der Geist seinen Funken hereinschlägt. Der Geist muß der Wecker sein, der Auferweckende. Nur dann kommen wir weiter, wenn wir uns diese tragische Gestalt des Weltgeschehens in unserer Zeit klarmachen: daß wir eigentlich gegenüber dem Nichts stehen, an das wir in der Erdenentwickelung notwendigerweise einmal herankommen mußten zur Begründung der menschlichen Freiheit. Und gegenüber dem Nichts brauchen wir das Aufwecken im Geiste.

[ 33 ] Yes, my dear friends, if we are to be awakened, then the Mystery of Golgotha must be experienced once more. But in the Mystery of Golgotha, in addition to the earthly Jesus, a spiritual being also entered the Earth. This was understood in the past, through ancient powers. The twentieth century demands that we grasp it with new powers. Today’s youth, if they truly understand themselves, demand to be awakened in consciousness—not through the old, dormant powers as in the past. And this can only happen through the Spirit; it can only happen if the Spirit’s spark truly strikes within the communities that are being sought. The Spirit must be the alarm clock, the awakener. We can only move forward if we realize the tragic nature of world events in our time: that we are actually facing the nothingness that we, in the course of Earth’s evolution, were inevitably bound to encounter in order to establish human freedom. And in the face of this nothingness, we need to be awakened in the Spirit.

[ 34 ] Nichts anderes als allein der Geist kann die Fensterläden, von denen ich gestern gesprochen habe, aufmachen; ohne ihn werden sie dicht verschlossen bleiben. Die objektive Wissenschaft, die ich nicht tadle, deren große Verdienste ich auch nicht verkenne, wird trotz alledem die Fensterläden dicht verschlossen lassen. Denn sie will ja nur mit dem Irdischen zu tun haben. Im Irdischen aber lebt seit dem fünfzehnten Jahrhundert das Menschenerweckende nicht mehr. Es muß in dem gesucht werden, was im Menschen selber außerirdisch ist. Das ist eigentlich im Grunde doch das tiefste Suchen, in welchen Gestalten es heute auch auftritt. Das sollen diejenigen, die von etwas Neuem sprechen und ernst und wahr in ihrem Innern sind, sich fragen: Wie finden wir in uns selbst das Unirdische, das Übersinnliche, das Geistige? — Man braucht das nicht wieder in intellektualistische Formen zu kleiden. Das kann wahrhaftig in sehr konkreten Formen gesucht werden, muß auch in solchen Formen gesucht werden. Ganz gewiß wird es nicht in intellektualistischen Formen gesucht werden können. Wenn Sie mich fragen, warum Sie heute gekommen sind, so kann ich nur antworten: Weil in Ihnen die Frage lebt: Wie finden wir den Geist? — Stellen Sie dasjenige, was Sie hierher getrieben hat, ins richtige Licht, dann stellen Sie nur die Frage: Wie finden wir den Geist, der aus der Gegenwart heraus in uns arbeitet? Wie finden wir diesen Geist? — Diesen Geist wollen wir in den nächsten Tagen zu finden suchen, meine lieben Freunde.

[ 34 ] Nothing but the Spirit alone can open the shutters I spoke of yesterday; without it, they will remain tightly shut. Objective science—which I do not criticize, nor do I fail to recognize its great merits—will, despite all this, leave the shutters tightly shut. For it wishes to deal only with the earthly. But since the fifteenth century, that which awakens humanity has no longer lived in the earthly realm. It must be sought in that which is otherworldly within human beings themselves. This is, in essence, the deepest quest of all, whatever forms it may take today. Those who speak of something new and are sincere and true within themselves should ask themselves: How do we find within ourselves the non-earthly, the supersensible, the spiritual? — There is no need to clothe this once again in intellectualistic forms. It can truly be sought in very concrete forms; indeed, it must be sought in such forms. It certainly cannot be sought in intellectualistic forms. If you ask me why you have come here today, I can only answer: Because the question lives within you: How do we find the Spirit? — If you view what has driven you here in the right light, then simply ask the question: How do we find the Spirit that works within us from the present moment? How do we find this Spirit? — Let us seek to find this Spirit over the next few days, my dear friends.