Spiritual Forces Working in the Shared Lives
of the Older and Younger Generations
GA 217
3 October 1922, Stuttgart
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Spiritual Forces Working in Older and Younger Generations, tr. SOL
Erster Vortrag
First Lecture
[ 1 ] Als erstes möchte ich am heutigen Abend einige Worte der Begrüßung zu Ihnen sprechen, um die Empfindungen zum Ausdruck zu bringen, die in mir durch die Tatsache angeregt werden, daß Sie sich hier zusammengefunden haben. Ihr Sprecher hat eben in einer sympathischen Weise zum Ausdruck gebracht, welche Impulse unter Ihnen gewirkt haben, um hier zusammenzukommen. Ich denke, daß vieles von dem, was ich in den nächsten Tagen zu Ihnen werde zu sprechen haben, eine Art Interpretation dessen wird sein müssen, was bei Ihnen in mehr oder weniger starken inneren Seelenerlebnissen vorhanden ist und von dem Sie wünschen, daß es zu einer wirklichen seelischen Klarheit— seelischen im Gegensatze zu einer bloß begrifflichen — unter Ihnen gebracht werde.
[ 1 ] First of all, I would like to say a few words of welcome to you this evening to express the feelings stirred within me by the fact that you have gathered here. Your spokesperson has just eloquently described the motivations that have brought you together here. I believe that much of what I will have to say to you over the next few days will have to be a kind of interpretation of what is present within you as more or less intense inner spiritual experiences—and which you hope will be brought to a state of true spiritual clarity—spiritual, as opposed to merely conceptual—among you.
[ 2 ] Es ist ganz richtig, daß dasjenige, was Sie zusammengeführt hat, in den Tiefen Ihrer Seelen zu suchen ist. Diese Tiefen sind wirklich von Kräften erfaßt worden, die in der ganz besonderen Art, in der sie heute wirken, jungen Datums sind. Man kann sagen, daß diese Kräfte, in der Art, wie sie gerade in Ihnen wirken, kaum älter sind als das Jahrhundert; aber es sind Kräfte, die schon heute für denjenigen, der sie zu sehen vermag, sich sehr deutlich offenbaren, und die immer deutlicher in der allernächsten Zukunft zum Vorschein kommen können. Wir werden diese Kräfte und die ihnen vorangegangenen, entgegengesetzten, das Veraltete vom letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts, in den nächsten Tagen recht innerlich zu charakterisieren versuchen. Heute möchte ich zunächst einmal eine Kennzeichnung dieser Kräfte von außen geben.
[ 2 ] It is quite true that what has brought you together is to be found in the depths of your souls. These depths have truly been gripped by forces that, in the very special way they are at work today, are of recent origin. One could say that these forces, in the way they are currently at work within you, are scarcely more than a century old; yet they are forces that are already revealing themselves very clearly today to those who are able to perceive them, and that may become increasingly evident in the very near future. In the coming days, we will attempt to characterize these forces—and the opposing forces that preceded them, the outdated elements of the last third of the nineteenth century—in a deeply inner way. Today, I would first like to provide an external description of these forces.
[ 3 ] Ich denke, Sie alle verspüren, daß Sie sich mit dem, was eine ältere Generation der Welt heute zu sagen hat, nicht mehr zusammenfinden können. Sehen Sie, man hat schon in den siebziger, achtziger, neunziger Jahren, in einer stärkeren Weise, als das jemals früher der Fall war, künstlerisch oder auch theoretisch auf die tiefe Kluft hingewiesen, welche zwischen der damals älteren und damals jüngeren Generation lag. Aber alles, was dazumal von Dichtern und anderen Leuten über diese Kluft und diesen Abgrund gesagt worden ist, ist etwas Blasses im Vergleich zu dem, was heute in Betracht kommt. Heute ist es doch so, daß im Grunde genommen die jüngere und die ältere Generation ganz verschiedene Seelensprachen führen, viel verschiedener noch, als man sich dessen bewußt ist. Dabei soll nicht gesprochen werden von irgendwelcher Schuld, welche eine ältere Generation der jüngeren gegenüber haben könnte. In dieser Weise von Schuld zu sprechen, würde selbst zu den Begriffsgestalten der älteren Generation, und noch dazu zu ihren philiströsen gehören. Wir wollen also nicht anklagen; aber wir wollen uns bewußt sein, wie gründlich die Seelen seit zwei bis drei Jahrzehnten gerade innerhalb der abendländischen Entwickelung anders geworden sind. In unserer Gegenwart stößt nämlich vieles zusammen.
[ 3 ] I think you all feel that you can no longer relate to what an older generation has to say to the world today. You see, as early as the 1970s, 1980s, and 1990s—and to a greater extent than had ever been the case before—people pointed out, both artistically and theoretically, the deep chasm that lay between what was then the older generation and the younger generation. But everything that was said back then by poets and others about this gap and this chasm pales in comparison to what is at stake today. Today, the reality is that, fundamentally, the younger and older generations speak entirely different languages of the soul—much more different than people realize. This is not to speak of any kind of guilt that an older generation might bear toward the younger one. To speak of guilt in this way would itself belong to the conceptual frameworks of the older generation—and, moreover, to their philistine ones. So we do not wish to accuse; but we do want to be aware of how thoroughly souls have changed over the past two to three decades, particularly within the context of Western development. For in our present time, many things are coming into conflict.
[ 4 ] Vor kurzem hatte ich in England eine Reihe von Vorträgen zu halten, in Oxford. Oxford mit seiner universitätsartigen Bildung ist etwas ganz Besonderes in unserem abendländischen Kulturzusammenhang. Dieses Besondere empfindet man so, daß da in Oxford, also an einer Stätte, die gar sehr zur abendländischen Geistesentwickelung gehört, ein durchaus nicht unsympathisches, sondern sympathisches und in vieler Beziehung bewundernswertes Stück Mittelalter in die Gegenwart hineinragt. Wir wurden herumgeführt von einem Freunde, der «Graduate» der Universität Oxford ist, und es ist dort üblich, daß man als «Graduate» diese Universität nur im Talar und Barett betritt. Nachdem wir mit ihm herumgegangen waren, sah ich ihn auf der Straße wieder, und ich mußte am nächsten Morgen vor der englischen Zuhörerschaft die Impression schildern, die ich hatte, als unser Freund im Talar und Barett kam, weil sie mir wirklich symptomatisch erschien. Alles das, im Zusammenhang mit all dem anderen Erlebten, veranlaßte mich, die Sache als Bild heranzuziehen und zu sagen, warum eine soziale Neugestaltung bis tief in das Geistesleben der Gegenwart hinein notwendig ist. Ich sagte: Als unser Freund mir auf der Straße begegnete, da dachte ich mir, wenn ich jetzt unmittelbar unter dem Eindrucke dieser Begegnung einen Brief schreiben müßte, ich würde nicht wissen, welches Datum ich auf den Brief setzen müßte; ich würde versucht sein, etwa das zwölfte bis dreizehnte Jahrhundert zu schreiben, um in dem Stile zu bleiben, in dem so etwas möglich ist. Da hat man wirklich etwas konserviert, was nicht Gegenwart ist. In Mitteleuropa findet sich so etwas nicht. Aber was im tonangebenden Geistesleben Mitteleuropas herrscht, ist doch wiederum ein Entwickelungsprodukt aus dem, was ich soeben charakterisiert habe.
[ 4 ] I recently gave a series of lectures in England, in Oxford. Oxford, with its university-style education, is something quite special within the context of Western culture. One senses this uniqueness in the fact that in Oxford—a place so deeply rooted in the intellectual development of the West—a piece of the Middle Ages, by no means unappealing but rather appealing and admirable in many respects, extends into the present. We were shown around by a friend who is a “graduate” of the University of Oxford, and it is customary there for a “graduate” to enter the university only in a gown and square cap. After we had walked around with him, I saw him again on the street, and the next morning I had to describe to the English audience the impression I had when our friend arrived in his academic gown and cap, because it really struck me as symptomatic. All of this, in connection with everything else I had experienced, prompted me to use this incident as an illustration and to explain why a social transformation is necessary, reaching deep into the spiritual life of the present. I said: When our friend met me on the street, I thought to myself that if I were to write a letter right then, under the immediate impression of this encounter, I wouldn’t know what date to put on the letter; I would be tempted to write, say, the twelfth or thirteenth century, in order to remain in the style in which such a thing is possible. There, something has truly been preserved that is not of the present. In Central Europe, nothing of the sort is to be found. But what prevails in the dominant intellectual life of Central Europe is, in turn, a product of the development stemming from what I have just characterized.
[ 5 ] Hier in Mitteleuropa hat man die Talare so ziemlich abgelegt, abgesehen von ganz feierlichen Gelegenheiten, wo sie Direktoren und andere Funktionäre sogar zu ihrem Ärger tragen müssen. Unser Freund, der zu gleicher Zeit Rechtsanwalt war, sagte mir: Wenn ich Sie in London führte, müßte ich als Rechtsanwalt auftreten und nicht ein Barett, sondern eine Perücke tragen.
[ 5 ] Here in Central Europe, people have pretty much stopped wearing tailcoats, except on very formal occasions, when directors and other officials are even required to wear them—much to their chagrin. Our friend, who was also a lawyer, told me: “If I were to show you around London, I would have to appear as a lawyer and wear a wig instead of a beret.”
[ 6 ] Sie sehen, da ragt etwas hinein, was alt geworden ist, was aber in vergangenen Jahrhunderten noch lebte. Also wirklich Mittelalter in der Gegenwart! Hier bei uns ist man aus dem, was alt geworden ist, was aber in der früheren Generation noch lebte, wohl herausgewachsen. Man hat zunächst das Kostüm abgelegt, sodann in raschem Sprunge eine etwas andere Denkweise angenommen, die aber durchaus in das Materialistische hineingesegelt ist. Diese Gegensätze zwischen Mittel- und Westeuropa sind außerordentlich groß. Es liegt da eine wirklich recht bezeichnende Erscheinung vor, die ich lieber durch eine Tatsache als mit abstrakten Worten charakterisieren will.
[ 6 ] You see, something has crept in here—something that has grown old, but which was still alive in past centuries. So it really is the Middle Ages in the present! Here, we have apparently outgrown what has grown old, but which was still alive in the previous generation. First, we cast off the costume; then, in a swift leap, we adopted a somewhat different way of thinking—one that has, however, veered entirely into materialism. These contrasts between Central and Western Europe are extraordinarily great. This is a truly significant phenomenon, which I would prefer to characterize with a fact rather than with abstract words.
[ 7 ] Wir haben in Mitteleuropa Goethe vergessen und Darwin angenommen, trotzdem Goethe die Erkenntnisse, auf die Darwin oberflächlich hindeutet, in ihren Tiefen erfaßt hat. Ich könnte viele ähnliche Erscheinungen anführen. Sie könnten einwenden, man hätte Goethe nicht vergessen, denn es gibt ja zum Beispiel eine Goethe-Gesellschaft. Ich glaube, Sie werden das nicht sagen; darum will ich mich auch nicht weiter darüber auslassen. Goethe und der mitteleuropäische Geistesimpuls, der Goethe emporgetragen hat, sind eigentlich schon in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts vergessen worden. Aber das sind doch alles nur Symptome. Die Hauptsache ist, daß auf dem Wege, den Mitteleuropa und sein Geistesleben gegangen ist, die führenden Geistesanstalten im dreizehnten, vierzehnten, fünfzehnten Jahrhundert sich von dem Geiste emanzipiert haben, der im Westen noch geblieben ist. Seit dieser Zeit, wo sich diese mitteleuropäischen, geistig führenden Geistesanstalten emanzipiert haben, hat man in Mitteleuropa das Geistige, das innerlich Seelendurchstürmende, Seelendurchpulsende zwar nicht aus dem Menschen, aber aus dem Bewußtsein verloren. Deshalb konnte man auch Goethe vergessen.
[ 7 ] In Central Europe, we have forgotten Goethe and embraced Darwin, even though Goethe grasped in their deepest essence the insights to which Darwin only superficially alludes. I could cite many similar examples. You might object that Goethe has not been forgotten, since there is, for example, a Goethe Society. I don’t think you’ll say that; therefore, I won’t dwell on it any further. Goethe and the Central European spiritual impulse that carried Goethe to prominence were, in fact, already forgotten by the second half of the nineteenth century. But these are all merely symptoms. The main point is that, along the path taken by Central Europe and its spiritual life, the leading centers of learning in the thirteenth, fourteenth, and fifteenth centuries emancipated themselves from the spirit that still prevailed in the West. Ever since that time, when these Central European institutions—the intellectual leaders of their day—emancipated themselves, Central Europe has lost—not from human beings, but from consciousness—the spiritual, that which storms through the soul and pulses through it. That is why Goethe, too, could be forgotten.
[ 8 ] Im Westen hat man es in der Tradition bewahrt, in äußeren Gestaltungen; in Mitteleuropa, insbesondere innerhalb des deutschen Sprachgebietes, hat man es in die Tiefen des Seelenlebens hinuntergedrängt und das Bewußtsein damit nicht erfüllt. Dies war schon im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts stark ausgeprägt.
[ 8 ] In the West, it has been preserved in tradition and in external forms; in Central Europe, particularly within the German-speaking world, it has been pushed down into the depths of the soul and has not filled people’s consciousness. This was already very pronounced in the last third of the nineteenth century.
[ 9 ] Im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts können Sie durch eine intime geschichtliche Betrachtung Merkwürdiges finden. Wenn wir betrachten, was in jener Literatur, in jenem Schrifttum erscheint, das von allen denen gelesen wird, die an der Gestaltung des Geisteslebens teilnehmen, so finden wir, daß im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts, bis in dieMitte der achtziger, neunziger Jahre hinein, innerhalb des deutschen Sprachgebietes ein ganz anderer Stil in den Journalen, sogar in den Zeitungen geherrscht hat als heute. Damals war ein Stil, der Gedanken ziselierte, Gedanken ausgestaltete, der etwas darauf gab, gewisse Gedankengänge zu verfolgen; der sogar etwas darauf gab, Schönheit in den Gedanken zu haben. Heute ist unser Stil auf den entsprechenden Gebieten, verglichen mit dem letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts, roh und grob geworden. Man braucht nur irgend etwas, was es auch sei, aus den sechziger, siebziger Jahren von Menschen, die nicht gelehrt, nur allgemein gebildet waren, in die Hand zu nehmen und Sie werden diesen großen Unterschied finden. Die Gedankenformen sind andere geworden. Aber das, was heute roh und grob ist, ist doch gerade aus dem hervorgegangen, was oftmals fein ziseliert und geistreich im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts innerhalb der gelehrten Bildung üblich war. Gerade damals sehen wir etwas heraufziehen; und diejenigen, die heute zu den älteren Jahrgängen gehören, ohne im Sinne des heutigen Geisteslebens selber alt geworden zu sein, die haben es auch erlebt: Was dazumal so furchtbar einzog in alles Geistesleben, das ist, was ich, symbolisch charakterisiert, die Phrase nennen möchte.
[ 9 ] If you take a close look at history, you can find some curious things in the last third of the nineteenth century. If we examine what appeared in the literature and writings of that time—works read by all those who participated in shaping intellectual life—we find that in the last third of the nineteenth century, extending into the mid-1880s and 1890s, a style quite different from today’s prevailed in journals and even in newspapers throughout the German-speaking world. Back then, the style was one that refined thoughts, gave them form, and placed value on following certain trains of thought; it even placed value on beauty in thought. Today, in the relevant fields, our style has become crude and coarse compared to that of the last third of the nineteenth century. One need only pick up any work—whatever it may be—from the 1860s or 1870s by people who were not scholars but merely generally educated, and you will find this great difference. The forms of thought have changed. But what is crude and coarse today has emerged precisely from what was often finely chiseled and witty in the last third of the nineteenth century within scholarly circles. It was precisely then that we saw something looming on the horizon; and those who today belong to the older generations—without having grown old themselves in the sense of today’s spiritual life—have also experienced it: What back then so terribly permeated all spiritual life is what I would like to call, symbolically characterized, the “phrase.”
[ 10 ] An dieser Phrase entwickelten sich die Gedankenlosigkeit, die Gesinnungslosigkeit und die Willenslosigkeit, die heute auf dem Wege sind, immer größer und größer zu werden. In erster Linie gingen diese Dinge aus der Phrase hervor. Sie können auch äußerlich verfolgen, wie sich die Phrase hauptsächlich im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts herausgebildet hat. Die Dinge brauchen Ihnen nicht sympathisch zu sein, die da und dort in einem Zeitalter auftreten. Aber auch, wenn sie einem nicht sympathisch sind, kann man sie in ihrer Bedeutung für den ganzen Menschenzusammenhang beobachten.
[ 10 ] It was from this phrase that thoughtlessness, a lack of conviction, and a lack of will developed—all of which are now on the path to becoming ever greater and greater. First and foremost, these things arose from the phrase. You can also trace, from an external perspective, how the phrase took shape, primarily in the last third of the nineteenth century. You need not find the phenomena that arise here and there in a given era appealing. But even if they are not to your liking, you can still observe them in terms of their significance for the broader human context.
[ 11 ] Nehmen Sie die innigen, wunderbaren Töne, die im ersten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts etwa in der deutschen Romantik anzutreffen waren, nehmen Sie das manchmal wie aus frischer, gesunder Waldesluft heraus wehende Reden über Geistiges bei einem Menschen wie Jakob Grimm, und Sie werden sagen: Da herrschte in Mitteleuropa noch nichts von Phrase. Die zieht erst im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts in Mitteleuropa ein. Wer dafür eine Empfindung hat, der weiß schon, wie allmählich die Zeit der Phrase heraufgekommen ist. Und wo die Phrase zu herrschen beginnt, da erstirbt die innerlich seelisch erlebte Wahrheit. Und mit der Phrase geht einher ein anderes: Der Mensch kann den Menschen nicht mehr finden im sozialen Leben.
[ 11 ] Take the heartfelt, wonderful tones found in the first third of the nineteenth century—for example, in German Romanticism—and take the discourse on spiritual matters by someone like Jakob Grimm, which at times seems to waft forth like fresh, healthy forest air, and you will say: There was still no trace of empty rhetoric in Central Europe back then. That did not make its way into Central Europe until the last third of the nineteenth century. Anyone with a feel for such things already knows how gradually the age of empty rhetoric came about. And where empty rhetoric begins to reign, the truth experienced deep within the soul dies. And empty rhetoric goes hand in hand with something else: people can no longer find one another in social life.
[ 12 ] Meine lieben Freunde! Wenn der ’Ton aus dem Munde klingt so, daß er nicht Seele hat — wie es bei der Phrase der Fall ist —, dann gehen wir als Mensch neben dem anderen Menschen einher und können ihn nicht verstehen. Das ist eine Erscheinung, die auch wieder im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts ihren Höhepunkt erlangt hat; nicht in den Seelentiefen drunten, aber im Bewußtsein. Die Menschen wurden einander fremd und immer fremder. Wenn damals immer lauter der Ruf nach sozialen Impulsen und Reformen ertönte, so ist das ein Symptom dafür, daß die Menschen unsozial geworden waren. Weil sie das Soziale nicht mehr fühlten, drängte es sie, nach dem Sozialen zu schreien. Das Tier, das hungrig ist, schreit nicht nach der Nahrung, weil es die Nahrung im Magen hat, sondern weil es sie nicht hat. Die Seele, die nach dem Sozialen schreit, schreit nicht, weil sie vom Sozialen durchdrungen ist, sondern weil sie diese Empfindung nicht hat. So wurde der Mensch nach und nach zu dem Wesen, dessen man sich heute nicht bewußt ist; aber im weitesten Umfang ist die Tatsache zwischen Mensch und Mensch herrschend, daß man gar nicht mehr das Bedürfnis hat, anderen Menschen seelisch nahezutreten. Die Menschen gehen alle aneinander vorbei. Das meiste Interesse hat jeder Mensch nur an sich selber.
[ 12 ] My dear friends! When the “sound that comes from the mouth” lacks soul—as is the case with a mere phrase—then we walk alongside one another as human beings yet are unable to understand one another. This is a phenomenon that once again reached its peak in the last third of the nineteenth century—not in the depths of the soul, but in consciousness. People became strangers to one another, and increasingly so. The fact that calls for social impulses and reforms grew ever louder at that time is a symptom of the fact that people had become antisocial. Because they no longer felt the social, they were driven to cry out for it. An animal that is hungry does not cry out for food because it has food in its stomach, but because it lacks it. The soul that cries out for the social does not do so because it is imbued with the social, but because it lacks that feeling. Thus, human beings gradually became the beings of whom we are unaware today; but to the greatest extent, the prevailing reality between people is that they no longer feel the need to connect with others on a spiritual level. People simply pass each other by. Each person is interested only in themselves.
[ 13 ] Was ist denn ganz besonders üblich geworden im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts und dann aus diesem heraus in das zwanzigste Jahrhundert herübergekommen als soziales Empfinden von Mensch zu Mensch? Einen Satz hören Sie heute immer wieder die Leute sagen: Das ist mein Standpunkt. — Jeder hat einen Standpunkt. Als ob es darauf ankäme, was man für einen Standpunkt hat! Der Standpunkt im geistigen Leben ist nämlich ebenso vorübergehend wie der Standpunkt im physischen Leben. Gestern stand ich in Dornach, heute stehe ich hier. Das sind zwei verschiedene Standpunkte im physischen Leben. Es kommt darauf an, daß man einen gesunden Willen und ein gesundes Herz hat, um die Welt von jedem Standpunkte aus betrachten zu können. Aber die Menschen wollen heute nicht das, was sie von den verschiedenen Standpunkten aus gewinnen können, sondern wichtiger ist ihnen die egoistische Behauptung ihrer Standpunkte. Damit schließt man sich aber in der rigorosesten Weise von seinem Nebenmenschen ab. Sagt einer etwas, geht man nicht ein auf das, was er sagt, denn man hat ja seinen Standpunkt. Aber dadurch kommt man sich nicht näher. Näher kommt man sich, wenn man seine verschiedenen Standpunkte in eine gemeinsame Welt hineinzustellen weiß. Aber diese gemeinsame Welt fehlt heute ganz. Eine gemeinsame Welt für den Menschen findet sich nur im Geiste. Und der fehlt.
[ 13 ] What, then, became particularly common in the last third of the nineteenth century and carried over from that period into the twentieth century as a social attitude among people? There is a phrase you hear people say over and over again today: “That is my point of view.” — Everyone has a point of view. As if it mattered what point of view one holds! For a point of view in spiritual life is just as temporary as a point of view in physical life. Yesterday I was in Dornach; today I am here. These are two different points of view in physical life. What matters is having a healthy will and a healthy heart so that one can view the world from any point of view. But people today do not want what they can gain from these different points of view; rather, what is more important to them is the selfish assertion of their own points of view. Yet this cuts oneself off from one’s fellow human beings in the most rigorous way. If someone says something, one does not engage with what they say, because, after all, one has one’s own point of view. But this does not bring people closer together. We draw closer to one another when we know how to place our various points of view within a shared world. But this shared world is completely absent today. A shared world for humanity can only be found in the spirit. And that is lacking.
[ 14 ] Das ist das zweite, und das dritte ist: Wir sind im Grunde genommen im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts als mitieleuropäische Menschheit nach und nach doch recht willensschwach geworden, willensschwach in dem Sinne, daß der Gedanke nicht mehr die Kraft gewinnt, den Willen so zu stählen, daß der Mensch, der doch ein Gedankenwesen ist, die Welt aus seinen Gedanken heraus zu gestalten vermag.
[ 14 ] That is the second point, and the third is: Essentially, over the course of the nineteenth century, we as Central Europeans have gradually become quite weak-willed—weak-willed in the sense that thought no longer has the power to steel the will so that human beings, who are, after all, thinking beings, are able to shape the world out of their thoughts.
[ 15 ] Wenn davon gesprochen wird, daß die Gedanken blaß sind, sollte man daraus aber nicht den Schluß ziehen, daß man keine Gedanken braucht, um als Mensch zu leben. Die Gedanken sollten nur nicht so schwach sein, daß sie im Kopfe oben sitzen bleiben. Sie sollten so stark sein, daß sie durch das Herz und durch den ganzen Menschen bis in die Füße hinunter strömen; denn es ist wahrhaft besser, wenn statt bloßer roter und weißer Blutkügelchen auch Gedanken unser Blut durchpulsen. Es ist gewiß wertvoll, wenn der Mensch auch ein Herz hat und nicht bloß Gedanken. Aber das Wertvollste ist, wenn die Gedanken ein Herz haben. Das haben wir jedoch ganz verloren. Die Gedanken, welche die letzten vier bis fünf Jahrhunderte gebracht haben, können wir nicht mehr ablegen; aber diese Gedanken müssen auch ein Herz bekommen.
[ 15 ] When it is said that thoughts are pale, one should not conclude from this that one does not need thoughts to live as a human being. Thoughts simply shouldn’t be so weak that they remain stuck up in the head. They should be strong enough to flow through the heart and through the whole person all the way down to the feet; for it is truly better when thoughts, rather than mere red and white blood cells, pulse through our blood. It is certainly valuable for a person to have a heart as well as thoughts. But what is most valuable is for thoughts to have a heart. We have, however, lost that entirely. We can no longer cast off the thoughts that the last four or five centuries have brought; but these thoughts must also acquire a heart.
[ 16 ] Und sehen Sie, jetzt will ich Ihnen ganz äußerlich einmal sagen, was in Ihren Seelen lebt. Sie sind herangewachsen, haben die ältere Generation kennengelernt. Diese ältere Generation hat sich in Worten dargestellt. Sie konnten nur Phrasen hören. In dieser älteren Generation stellte sich Ihnen ein unsoziales Element dar. Der eine ging an dem anderen vorbei. Und in dieser älteren Generation stellte sich Ihnen auch dar die Ohnmacht des Gedankens, den Willen, das Herz zu durchpulsen.
[ 16 ] And look, now I want to tell you, in very concrete terms, what lives within your souls. You have grown up and come to know the older generation. This older generation expressed itself through words. All you could hear were clichés. In this older generation, you encountered an antisocial element. One person would pass by another. And in this older generation, you also witnessed the powerlessness of thought to stir the will and the heart.
[ 17 ] Mit der Phrase, mit dem antisozialen Konventionalismus und mit der bloßen Lebensroutine statt der Herzens-Lebensgemeinschaft konnte man so lange sich halten, als noch die Erbschaft der vorigen Generationen vorhanden war. Diese Erbschaft war ungefähr am Ende des neunzehnten Jahrhunderts dahin. So war für Sie nichts da, was zu der eigenen Seele sprechen konnte. Sie fühlten aber, daß in den Tiefen gerade in Mitteleuropa etwas vorhanden ist, was das tiefste Bedürfnis hat, wiederum zu dem zurückzufinden, was einmal jenseits der Phrase gelebt hat, jenseits der Konvention, jenseits der Routine: das Bedürfnis, wiederum Wahrheit zu erleben, wiederum menschliche Gemeinschaft zu erleben, wiederum Herzhaftigkeit des ganzen Geisteslebens zu empfinden. Wo ist denn das? So sagt eine Stimme in Ihrem Innern.
[ 17 ] People were able to get by with empty phrases, antisocial conventionalism, and the mere routine of daily life—rather than a community of hearts and lives—as long as the legacy of previous generations remained. That legacy had largely disappeared by the end of the nineteenth century. Thus, there was nothing left for them that could speak to their own souls. But you sensed that deep within Central Europe, there is something that has the deepest need to find its way back to what was once lived beyond mere phrases, beyond convention, beyond routine: the need to experience truth once more, to experience human community once more, to feel the heartfelt depth of the entire spiritual life once more. “Where is that?” a voice within you asks.
[ 18 ] Und wurde dies auch nicht klar und deutlich ausgesprochen, so hat man doch oftmals in der Zeit der Morgendämmerung des zwanzigsten Jahrhunderts, wenn ein junger und ein alter Mensch nebeneinander standen, den alten sagen hören: Das ist mein Standpunkt. — Ach, die Menschen hatten allmählich, als das neunzehnte Jahrhundert zu Ende ging, alle, alle ihren Standpunkt. Der eine war Materialist, der andere Idealist, der dritte Realist, der vierte Sensualist und so weiter. Aber allmählich unter der Herrschaft von Phrase, Konvention und Routine waren die Standpunkte auf einer Eiskruste angekommen. Die geistige Eiszeit war gekommen. Nur, daß das Eis dünn war, und da die Standpunkte der Menschen die Empfindung für ihr eigenes Gewicht verloren hatten, so durchbrachen sie nicht die Eiskruste. Sie waren außerdem in ihrem Herzen kalt, sie erwärmten auch die Eiskruste nicht. Die Jüngeren standen neben den Alten, die Jüngeren mit dem warmen Herzen, das noch nicht sprach, das aber warm war. Das durchbrach die Eiskruste. Und der Jüngere fühlte nicht: Das ist mein Standpunkt, — sondern der Jüngere fühlte: Ich verliere den Boden unter den Füßen. Meine eigene Herzenswärme bricht dieses Eis auf, das sich zusammengezogen hat aus Phrase, Konvention und Routine. — Wenn auch dieses Gefühl nicht deutlich ausgesprochen wurde — denn heute wird nichts deutlich ausgesprochen —, so war diese Erscheinung doch seit langem vorhanden und ist auch in der Gegenwart vorhanden.
[ 18 ] And even if this was not stated clearly and explicitly, one often heard, during the dawn of the twentieth century, when a young person and an old person stood side by side, the older one say: “That is my point of view.” — Ah, as the nineteenth century drew to a close, people gradually all—every single one of them—had their own point of view. One was a materialist, another an idealist, a third a realist, a fourth a sensualist, and so on. But gradually, under the rule of empty phrases, convention, and routine, these points of view had come to rest on a crust of ice. The intellectual ice age had arrived. But the ice was thin, and since people’s points of view had lost all sense of their own weight, they did not break through the crust of ice. Moreover, they were cold at heart; they did not warm the crust of ice either. The younger ones stood beside the older ones—the younger ones with warm hearts that had not yet spoken, but were warm nonetheless. That broke through the crust of ice. And the younger one did not feel, “This is my standpoint”—but rather, the younger one felt, “I am losing the ground beneath my feet.” The warmth of my own heart breaks this ice, which has solidified from empty phrases, convention, and routine. — Even if this feeling was not clearly articulated—for today nothing is clearly articulated—this phenomenon has nevertheless existed for a long time and continues to exist in the present.
[ 19 ] Am schwierigsten hat es in dieser Beziehung derjenige, der heute versucht, aus seiner gelehrten Bildung heraus sich in die Zeit hineinzufinden. Was sich dem darbietet, das sind die ganz bewußt als «herzlose» Gedanken angestrebten Gedanken. Gewissen Dingen gegenüber hat man es allmählich dazu gebracht, bewußt herzlose Gedanken anzustreben. — Wenn man aus dem Geiste heraus redet, muß man manchmal die Worte etwas anders formen, als man dies heute tut, indem man über dieses und jenes etwas vor den Menschen außerordentlich Logisches, Philosophisches, Wissenschaftliches sagt. Das ist aber manchmal etwas, das vom Geistigen aus gesehen etwas höchst Unanständiges ist. Und zu so etwas, was vor dem Geistigen höchst unanständig ist, gehört zum Beispiel das Folgende.
[ 19 ] The person who today tries to find his way into the present era based on his scholarly education faces the greatest difficulty in this regard. What presents itself to him are thoughts that are quite deliberately sought after as “heartless” thoughts. With regard to certain things, people have gradually been led to consciously strive for heartless thoughts. — When speaking from the spirit, one must sometimes phrase things somewhat differently than is done today, when people say extraordinarily logical, philosophical, or scientific things about this or that. But this is sometimes something that, from a spiritual perspective, is highly indecent. And among such things—which are highly indecent from a spiritual standpoint—is, for example, the following:
[ 20 ] Die Leute sagen heute: Das ist kein richtiger Wissenschafter, der nicht ganz logisch die Beobachtung und das Experiment interpretiert, der nicht von Gedanke zu Gedanke fortschreitet, wie sie nur nach den richtig ausgestalteten Methoden fortschreiten dürfen. Der ist kein richtiger Denker, der das nicht tut. — Wie aber, meine lieben Freunde, wenn die Wirklichkeit eine Künstlerin wäre und unserer ausgestalteten dialektischen und experimentellen Methoden spottete, wenn die Natur selber nach Kunstimpulsen arbeitete? Dann müßte der Natur wegen die menschliche Wissenschaft zur Künstlerin werden, sonst käme man der Natur nicht bei! Das aber ist ja nicht der Standpunkt der heutigen Wissenschafter. Deren Standpunkt ist: Mag die Natur eine Künstlerin sein oder eine 'Träumerin, das ist uns gleichgültig; wir befehlen, wie Wissenschaft zu treiben ist. Was geht es uns an, ob die Natur eine Künstlerin ist? Das geht uns gar nichts an, denn das ist nicht unser Standpunkt.
[ 20 ] People say today: “A scientist who does not interpret observations and experiments in a completely logical manner, who does not proceed from one thought to the next—as they are supposed to do only according to properly established methods—is not a true scientist.” Anyone who doesn’t do that isn’t a real thinker. — But what if, my dear friends, reality were an artist and mocked our established dialectical and experimental methods—what if nature itself were guided by artistic impulses? Then, for nature’s sake, human science would have to become an artist; otherwise, we wouldn’t be able to keep up with nature! But that is not, of course, the standpoint of today’s scientists. Their standpoint is: Whether nature is an artist or a “dreamer” is of no concern to us; we dictate how science is to be conducted. What business is it of ours whether nature is an artist? It is none of our business at all, for that is not our standpoint.
[ 21 ] Ich kann Ihnen zunächst nur einige Empfindungen schildern, um zu zeigen, was da alles in chaotischer Weise durcheinanderstrebte, als das zwanzigste Jahrhundert herankam, jenes Jahrhundert, das Sie, meine jüngeren Freunde, vor harte innere Seelenprüfungen gestellt hat. Was uns an äußeren Ereignissen entgegengetreten ist, einschließlich des furchtbaren, grausigen Weltkrieges, ist ja nur der äußere Ausdruck dessen, was in der heutigen, zivilisierten Welt im Inneren der Seelen herrscht. Das ist nun einmal so. Dessen müssen wir uns bewußt werden. Wir müssen uns auch dessen bewußt werden, daß wir vor allen Dingen etwas zu suchen haben, wonach das tiefste Seelenwesen — wie Ihr Sprecher ganz richtig gesagt hat — gerade Deutschlands sich sehnt, das aber gerade innerhalb Deutschlands, je mehr die neueste Zeit herankam, aus dem Bewußtsein heraus verleugnet worden ist. Wir haben nicht nur Goethe, wir haben auch vieles aus dem Mittelalter verloren, aus dem Goethe herausgewachsen ist, und wir müssen das wiederfinden. Und auf die Frage: Warum sind sie heute hierher gekommen? — möchte ich die Antwort geben: Um das zu finden. Denn Sie sind eigentlich auf der Suche nach etwas, was da ist. Goethe hat die Frage beantwortet, welches Geheimnis das wichtigste ist: «Das offenbare!» Es kann aber erst offenbar werden dadurch, daß man die Augen dafür öffnet. — Es sind schon vorzugsweise innere Angelegenheiten, innere Sehnsuchten, um die es sich bei Ihnen handelt, wenn Sie sich recht verstehen. Und ob sich der Einzelne pädagogisch oder in einer anderen Weise auszuleben hat, darauf kommt es nicht an. Es kommt darauf an, daß alles, was heute die Menschen suchen, die wiederum ganz Mensch werden wollen, aus dem gemeinsamen Zentrum echten Menschentums heraus gesucht und gefunden werde. Dazu wollen wir uns eben hier zusammenfinden.
[ 21 ] To begin with, I can only describe a few of my feelings to illustrate the chaotic jumble of emotions that was swirling within as the twentieth century approached—that century which, my younger friends, has subjected you to severe inner trials of the soul. The external events we have faced—including the terrible, horrific World War—are, after all, merely the outward expression of what prevails within the souls of today’s civilized world. That is simply the way it is. We must become aware of this. We must also become aware that, above all, we must seek something for which the deepest essence of the soul—as your speaker quite rightly said—longs, particularly in Germany, but which, precisely within Germany, has been denied and pushed out of consciousness the more recent times have approached. We have lost not only Goethe, but also much from the Middle Ages—the era from which Goethe emerged—and we must rediscover it. And to the question: Why have you come here today?—I would like to answer: To find that. For you are actually searching for something that is already there. Goethe answered the question of which mystery is the most important: “The obvious one!” But it can only become apparent by opening one’s eyes to it. — These are primarily inner matters, inner longings, that concern you, if you understand yourselves correctly. And whether the individual must express themselves through education or in some other way is not the point. What matters is that everything people are seeking today—those who, in turn, wish to become fully human—be sought and found from the common center of genuine humanity. To that end, let us come together right here.
[ 22 ] Nicht wahr, es ist ja doch etwas anderes, wenn in früheren Jahrhunderten die Menschen — nehmen wir etwas Radikales — einen Giordano Bruno verbrannt haben. Denn das war dazumal die übliche Art, Wahrheiten zu widerlegen. Vergleichen Sie das, um jetzt gerade auf wissenschaftlichem Gebiete ein Beispiel zu nehmen, mit dem Fall des schwäbischen Arztes Julius Robert Mayer. Dieser kam auf einer Weltreise in Südasien durch die Beobachtung des Blutes auf eine Anschauung, die man heute als die von dem Äquivalent der Wärme, von der Erhaltung der Kraft bezeichnet. Im Jahre 1844 schrieb er diese Sache auf, und seine Abhandlung wurde von der berühmtesten naturwissenschaftlichen Zeitschrift jener Zeit, den «Poggendorf’schen Annalen», als dilettantisch, als ungeeignet zurückgewiesen! Und weil Julius Robert Mayer für seine Wahrheit so begeistert war, daß er immer, wenn ihm jemand auf der Straße begegnete, davon zu sprechen anfing, so meinten die Fachgenossen, er leide an fixen Ideen. Er wurde bekanntlich für irrsinnig erklärt und in ein Sanatorium gebracht. Heute kann man nach Heilbronn gehen und findet dort das Robert-Mayer-Denkmal. Die Leute sagen heute, er habe das größte physikalische Gesetz der neueren Zeit gefunden. Meinetwillen, das alles konnte passieren. Irrtum ist natürlich etwas, dem die Menschheit verfallen kann. Das Wesentliche aber ist, wie phrasenhaft, wie konventionell und wie aus einer bloßen Lebensroutine heraus so etwas heute beurteilt wird.
[ 22 ] Isn’t it true that it’s quite a different matter when, in earlier centuries, people—let’s take a radical example—burned someone like Giordano Bruno at the stake? After all, that was the customary way of refuting truths back then. Compare that—to take an example from the field of science—with the case of the Swabian physician Julius Robert Mayer. While on a world tour in South Asia, he arrived at a concept through his observation of blood that is today referred to as the equivalent of heat, or the conservation of energy. In 1844, he wrote this down, and his treatise was rejected by the most famous scientific journal of the time, the Poggendorf’sche Annalen, as amateurish and unsuitable! And because Julius Robert Mayer was so passionate about his discovery that he would start talking about it whenever he met someone on the street, his colleagues in the field thought he was suffering from fixed ideas. As is well known, he was declared insane and committed to a sanatorium. Today, you can visit Heilbronn and see the Robert Mayer monument there. People today say he discovered the greatest law of physics in modern times. For all I care, all of that could have happened. Error is, of course, something to which humanity is prone. What matters, however, is how clichéd, how conventional, and how much such things are judged today simply out of the routine of daily life.
[ 23 ] Nehmen Sie die Darstellungen, in denen der furchtbar tragische Fall dieses so schrecklich Belachten geschildert wird. Lesen Sie, was im neunzehnten Jahrhundert darüber geschrieben wurde und halten Sie eine heutige Darstellung dagegen. Was da geschehen ist, ist mit abstrakten Schilderungen nicht abgetan. Wer ein Herz im Leibe hat und die heutigen Schilderungen liest oder hört, dem ersterben innerlich alle Haltekräfte, und ein furchtbarer Impuls tut sich in der Seele auf.
[ 23 ] Consider the accounts that describe the terribly tragic case of this man who was so horribly ridiculed. Read what was written about it in the nineteenth century and compare it with a contemporary account. What happened there cannot be dismissed with abstract descriptions. Anyone with a heart who reads or hears today’s accounts will feel all inner strength ebb away, and a terrible impulse will well up in their soul.
[ 24 ] Die Menschen müssen wiederum dazu kommen, stark fühlen zu können: schön — häßlich, gut — böse, wahrhaftig — verlogen. Sie müssen dazu kommen, das nicht schwächlich zu fühlen, sondern stark zu fühlen, so daß sie mit ihrem ganzen Menschen darin stehen, daß wiederum Herzblut in den Worten ist. Dann zerstiebt die Phrase und man fühlt wieder den anderen Menschen in sich, nicht bloß sich selbst; dann zerstiebt die Konvention, und man kann wiederum das, was man im Kopfe hat, durchpulsen lassen von seinem Herzblut. Dann zerstiebt das bloße Routineleben, und das Leben wird wieder menschlich.
[ 24 ] People must once again be able to feel strongly: beautiful—ugly, good—evil, truthful—deceitful. They must learn to feel these things not weakly, but strongly, so that they stand behind them with their whole being, so that there is once again passion in their words. Then empty phrases will shatter, and one will once again feel the other person within oneself, not merely oneself; then convention will shatter, and one can once again let the passion of one’s heart pulse through one’s thoughts. Then the mere routine of life will shatter, and life will become human once more.
[ 25 ] Alles das fühlt die Jugend im zwanzigsten Jahrhundert. Sie suchte, sah sich aber in einem Chaos. Diese Dinge lassen sich nicht durch die äußere Geschichte charakterisieren. Wir haben am Ende des neunzehnten Jahrhunderts einen großen Knotenpunkt in der inneren Entwickelung der Menschheit. Die Seelen, die kurz vor oder kurz nach der Jahrhundertwende geboren wurden, sind innerlich ganz anders konstruiert als die noch im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts geborenen. Davon kann man sprechen, in einer gewissen Art Vergleiche anstellen, wenn man eben, trotzdem sich Jahr auf Jahr gehäuft hat im Lebensgange, sich nicht hat alt werden lassen.
[ 25 ] This is what the youth of the twentieth century felt. They sought, but found themselves in chaos. These things cannot be characterized by external history. At the end of the nineteenth century, we have a major turning point in the inner development of humanity. The souls born shortly before or shortly after the turn of the century are internally structured quite differently from those born in the last third of the nineteenth century. One can speak of this and make certain comparisons if, despite the years piling up in the course of life, one has not allowed oneself to grow old.
[ 26 ] So wollen wir morgen zunächst sehen, wie sich die neue Generation nicht an die alte Generation angeschlossen hat, sondern durch einen Abgrund von ihr getrennt ist. Nicht anklagen, sondern nur begreifen wollen wir. Ich will nicht einmal anklagen, wenn ich so etwas ausspreche, wie das große Tragische, das Julius Robert Mayer geschehen ist. Es ist vielen so gegangen. Das soll also keine Anklage sein; aber wir sollen verstehen. Das ist das Wichtigste: daß man versteht, was man tief innerlich erlebt; denn das kann nicht mehr lange so fortgehen, daß nur ein unklares Suchen herrscht. Was kommen muß, ist ein gewisses Licht, das sich ausgießen will über dem unklaren Suchen, aber ohne ins Trockene, ohne ins Kalte hineinzukommen. Mit Bewahrung des Herzblutes muß man Licht finden können.
[ 26 ] So tomorrow, let us first see how the new generation has not joined the old generation, but is separated from it by a chasm. We do not wish to accuse, but only to understand. I do not even wish to accuse when I speak of something like the great tragedy that befell Julius Robert Mayer. Many have experienced the same. So this is not meant to be an accusation; but we must understand. That is the most important thing: to understand what one experiences deep within; for this cannot go on much longer—this state of nothing but an unclear search. What must come is a certain light that seeks to pour out over this vague searching, but without turning it into something dry or cold. One must be able to find light while preserving the warmth of the heart.
[ 27 ] Ich möchte Ihnen auf keinem Gebiete irgend etwas Mystisches vormachen, sondern überall die Wahrheit zeigen, die Wahrheit im Geiste. Sie wissen ja, unter den vielen Phrasen, die im neunzehnten Jahrhundert sich geltend gemacht haben, ist auch diese: Der große Pionier des neunzehnten Jahrhunderts hätte sein Leben damit beschlossen, daß er der Nachwelt zurief: «Mehr Licht!». Das werde ich Ihnen nicht sagen, denn das hat Goethe nicht gesagt. Goethe lag in seinem Liegestuhl, atmete schwer und sagte: «Macht die Fensterladen auf!». Das ist die Wahrheit. Das andere ist die Phrase, die sich daran gegliedert hat. Vielleicht ist der wahre Ausspruch Goethes besser zu gebrauchen als die Phrase: «Mehr Licht!». Es ist eben durch dasjenige, was am Ende des neunzehnten Jahrhunderts vorgefunden werden konnte, die Empfindung entstanden: die uns vorangegangen sind, haben ja die Fensterläden zugemacht! Und da kam die junge Generation und fühlte sich beengt, hatte das Gefühl, es müssen die Fensterläden aufgemacht werden, die die alte Generation so fest zugeschlossen hat. Ja, meine lieben Freunde, ich möchte Ihnen versprechen, wenn ich auch alt bin, im ferneren davon zu reden, wie wir nun versuchen können, die Fensterläden aufzukriegen. Davon wollen wir also morgen weiterreden.
[ 27 ] I do not wish to present anything mystical to you in any field, but rather to reveal the truth everywhere—the truth in the Spirit. As you know, among the many catchphrases that gained prominence in the nineteenth century is this one: The great pioneer of the nineteenth century is said to have ended his life by calling out to posterity, “More light!” I will not tell you that, for Goethe did not say it. Goethe lay in his deck chair, breathing heavily, and said, “Open the shutters!” That is the truth. The other is the cliché that grew out of it. Perhaps Goethe’s actual words are more useful than the phrase: “More light!” It was precisely because of what could be found at the end of the nineteenth century that the feeling arose: those who came before us had, after all, shut the shutters! And then the younger generation came along and felt stifled; they felt that the shutters—which the older generation had shut so tightly—had to be opened. Yes, my dear friends, I would like to promise you that, even when I am old, I will continue to speak about how we can now try to pry open those shutters. So let’s continue this discussion tomorrow.
