Geistige Wirkenskräfte im Zusammenleben
von alter und junger Generation
Pädagogischer Jugendkurs
GA 217
3 Oktober 1921, Stuttgart
Erster Vortrag
[ 1 ] Als erstes möchte ich am heutigen Abend einige Worte der Begrüßung zu Ihnen sprechen, um die Empfindungen zum Ausdruck zu bringen, die in mir durch die Tatsache angeregt werden, daß Sie sich hier zusammengefunden haben. Ihr Sprecher hat eben in einer sympathischen Weise zum Ausdruck gebracht, welche Impulse unter Ihnen gewirkt haben, um hier zusammenzukommen. Ich denke, daß vieles von dem, was ich in den nächsten Tagen zu Ihnen werde zu sprechen haben, eine Art Interpretation dessen wird sein müssen, was bei Ihnen in mehr oder weniger starken inneren Seelenerlebnissen vorhanden ist und von dem Sie wünschen, daß es zu einer wirklichen seelischen Klarheit— seelischen im Gegensatze zu einer bloß begrifflichen — unter Ihnen gebracht werde.
[ 2 ] Es ist ganz richtig, daß dasjenige, was Sie zusammengeführt hat, in den Tiefen Ihrer Seelen zu suchen ist. Diese Tiefen sind wirklich von Kräften erfaßt worden, die in der ganz besonderen Art, in der sie heute wirken, jungen Datums sind. Man kann sagen, daß diese Kräfte, in der Art, wie sie gerade in Ihnen wirken, kaum älter sind als das Jahrhundert; aber es sind Kräfte, die schon heute für denjenigen, der sie zu sehen vermag, sich sehr deutlich offenbaren, und die immer deutlicher in der allernächsten Zukunft zum Vorschein kommen können. Wir werden diese Kräfte und die ihnen vorangegangenen, entgegengesetzten, das Veraltete vom letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts, in den nächsten Tagen recht innerlich zu charakterisieren versuchen. Heute möchte ich zunächst einmal eine Kennzeichnung dieser Kräfte von außen geben.
[ 3 ] Ich denke, Sie alle verspüren, daß Sie sich mit dem, was eine ältere Generation der Welt heute zu sagen hat, nicht mehr zusammenfinden können. Sehen Sie, man hat schon in den siebziger, achtziger, neunziger Jahren, in einer stärkeren Weise, als das jemals früher der Fall war, künstlerisch oder auch theoretisch auf die tiefe Kluft hingewiesen, welche zwischen der damals älteren und damals jüngeren Generation lag. Aber alles, was dazumal von Dichtern und anderen Leuten über diese Kluft und diesen Abgrund gesagt worden ist, ist etwas Blasses im Vergleich zu dem, was heute in Betracht kommt. Heute ist es doch so, daß im Grunde genommen die jüngere und die ältere Generation ganz verschiedene Seelensprachen führen, viel verschiedener noch, als man sich dessen bewußt ist. Dabei soll nicht gesprochen werden von irgendwelcher Schuld, welche eine ältere Generation der jüngeren gegenüber haben könnte. In dieser Weise von Schuld zu sprechen, würde selbst zu den Begriffsgestalten der älteren Generation, und noch dazu zu ihren philiströsen gehören. Wir wollen also nicht anklagen; aber wir wollen uns bewußt sein, wie gründlich die Seelen seit zwei bis drei Jahrzehnten gerade innerhalb der abendländischen Entwickelung anders geworden sind. In unserer Gegenwart stößt nämlich vieles zusammen.
[ 4 ] Vor kurzem hatte ich in England eine Reihe von Vorträgen zu halten, in Oxford. Oxford mit seiner universitätsartigen Bildung ist etwas ganz Besonderes in unserem abendländischen Kulturzusammenhang. Dieses Besondere empfindet man so, daß da in Oxford, also an einer Stätte, die gar sehr zur abendländischen Geistesentwickelung gehört, ein durchaus nicht unsympathisches, sondern sympathisches und in vieler Beziehung bewundernswertes Stück Mittelalter in die Gegenwart hineinragt. Wir wurden herumgeführt von einem Freunde, der «Graduate» der Universität Oxford ist, und es ist dort üblich, daß man als «Graduate» diese Universität nur im Talar und Barett betritt. Nachdem wir mit ihm herumgegangen waren, sah ich ihn auf der Straße wieder, und ich mußte am nächsten Morgen vor der englischen Zuhörerschaft die Impression schildern, die ich hatte, als unser Freund im Talar und Barett kam, weil sie mir wirklich symptomatisch erschien. Alles das, im Zusammenhang mit all dem anderen Erlebten, veranlaßte mich, die Sache als Bild heranzuziehen und zu sagen, warum eine soziale Neugestaltung bis tief in das Geistesleben der Gegenwart hinein notwendig ist. Ich sagte: Als unser Freund mir auf der Straße begegnete, da dachte ich mir, wenn ich jetzt unmittelbar unter dem Eindrucke dieser Begegnung einen Brief schreiben müßte, ich würde nicht wissen, welches Datum ich auf den Brief setzen müßte; ich würde versucht sein, etwa das zwölfte bis dreizehnte Jahrhundert zu schreiben, um in dem Stile zu bleiben, in dem so etwas möglich ist. Da hat man wirklich etwas konserviert, was nicht Gegenwart ist. In Mitteleuropa findet sich so etwas nicht. Aber was im tonangebenden Geistesleben Mitteleuropas herrscht, ist doch wiederum ein Entwickelungsprodukt aus dem, was ich soeben charakterisiert habe.
[ 5 ] Hier in Mitteleuropa hat man die Talare so ziemlich abgelegt, abgesehen von ganz feierlichen Gelegenheiten, wo sie Direktoren und andere Funktionäre sogar zu ihrem Ärger tragen müssen. Unser Freund, der zu gleicher Zeit Rechtsanwalt war, sagte mir: Wenn ich Sie in London führte, müßte ich als Rechtsanwalt auftreten und nicht ein Barett, sondern eine Perücke tragen.
[ 6 ] Sie sehen, da ragt etwas hinein, was alt geworden ist, was aber in vergangenen Jahrhunderten noch lebte. Also wirklich Mittelalter in der Gegenwart! Hier bei uns ist man aus dem, was alt geworden ist, was aber in der früheren Generation noch lebte, wohl herausgewachsen. Man hat zunächst das Kostüm abgelegt, sodann in raschem Sprunge eine etwas andere Denkweise angenommen, die aber durchaus in das Materialistische hineingesegelt ist. Diese Gegensätze zwischen Mittel- und Westeuropa sind außerordentlich groß. Es liegt da eine wirklich recht bezeichnende Erscheinung vor, die ich lieber durch eine Tatsache als mit abstrakten Worten charakterisieren will.
[ 7 ] Wir haben in Mitteleuropa Goethe vergessen und Darwin angenommen, trotzdem Goethe die Erkenntnisse, auf die Darwin oberflächlich hindeutet, in ihren Tiefen erfaßt hat. Ich könnte viele ähnliche Erscheinungen anführen. Sie könnten einwenden, man hätte Goethe nicht vergessen, denn es gibt ja zum Beispiel eine Goethe-Gesellschaft. Ich glaube, Sie werden das nicht sagen; darum will ich mich auch nicht weiter darüber auslassen. Goethe und der mitteleuropäische Geistesimpuls, der Goethe emporgetragen hat, sind eigentlich schon in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts vergessen worden. Aber das sind doch alles nur Symptome. Die Hauptsache ist, daß auf dem Wege, den Mitteleuropa und sein Geistesleben gegangen ist, die führenden Geistesanstalten im dreizehnten, vierzehnten, fünfzehnten Jahrhundert sich von dem Geiste emanzipiert haben, der im Westen noch geblieben ist. Seit dieser Zeit, wo sich diese mitteleuropäischen, geistig führenden Geistesanstalten emanzipiert haben, hat man in Mitteleuropa das Geistige, das innerlich Seelendurchstürmende, Seelendurchpulsende zwar nicht aus dem Menschen, aber aus dem Bewußtsein verloren. Deshalb konnte man auch Goethe vergessen.
[ 8 ] Im Westen hat man es in der Tradition bewahrt, in äußeren Gestaltungen; in Mitteleuropa, insbesondere innerhalb des deutschen Sprachgebietes, hat man es in die Tiefen des Seelenlebens hinuntergedrängt und das Bewußtsein damit nicht erfüllt. Dies war schon im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts stark ausgeprägt.
[ 9 ] Im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts können Sie durch eine intime geschichtliche Betrachtung Merkwürdiges finden. Wenn wir betrachten, was in jener Literatur, in jenem Schrifttum erscheint, das von allen denen gelesen wird, die an der Gestaltung des Geisteslebens teilnehmen, so finden wir, daß im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts, bis in dieMitte der achtziger, neunziger Jahre hinein, innerhalb des deutschen Sprachgebietes ein ganz anderer Stil in den Journalen, sogar in den Zeitungen geherrscht hat als heute. Damals war ein Stil, der Gedanken ziselierte, Gedanken ausgestaltete, der etwas darauf gab, gewisse Gedankengänge zu verfolgen; der sogar etwas darauf gab, Schönheit in den Gedanken zu haben. Heute ist unser Stil auf den entsprechenden Gebieten, verglichen mit dem letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts, roh und grob geworden. Man braucht nur irgend etwas, was es auch sei, aus den sechziger, siebziger Jahren von Menschen, die nicht gelehrt, nur allgemein gebildet waren, in die Hand zu nehmen und Sie werden diesen großen Unterschied finden. Die Gedankenformen sind andere geworden. Aber das, was heute roh und grob ist, ist doch gerade aus dem hervorgegangen, was oftmals fein ziseliert und geistreich im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts innerhalb der gelehrten Bildung üblich war. Gerade damals sehen wir etwas heraufziehen; und diejenigen, die heute zu den älteren Jahrgängen gehören, ohne im Sinne des heutigen Geisteslebens selber alt geworden zu sein, die haben es auch erlebt: Was dazumal so furchtbar einzog in alles Geistesleben, das ist, was ich, symbolisch charakterisiert, die Phrase nennen möchte.
[ 10 ] An dieser Phrase entwickelten sich die Gedankenlosigkeit, die Gesinnungslosigkeit und die Willenslosigkeit, die heute auf dem Wege sind, immer größer und größer zu werden. In erster Linie gingen diese Dinge aus der Phrase hervor. Sie können auch äußerlich verfolgen, wie sich die Phrase hauptsächlich im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts herausgebildet hat. Die Dinge brauchen Ihnen nicht sympathisch zu sein, die da und dort in einem Zeitalter auftreten. Aber auch, wenn sie einem nicht sympathisch sind, kann man sie in ihrer Bedeutung für den ganzen Menschenzusammenhang beobachten.
[ 11 ] Nehmen Sie die innigen, wunderbaren Töne, die im ersten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts etwa in der deutschen Romantik anzutreffen waren, nehmen Sie das manchmal wie aus frischer, gesunder Waldesluft heraus wehende Reden über Geistiges bei einem Menschen wie Jakob Grimm, und Sie werden sagen: Da herrschte in Mitteleuropa noch nichts von Phrase. Die zieht erst im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts in Mitteleuropa ein. Wer dafür eine Empfindung hat, der weiß schon, wie allmählich die Zeit der Phrase heraufgekommen ist. Und wo die Phrase zu herrschen beginnt, da erstirbt die innerlich seelisch erlebte Wahrheit. Und mit der Phrase geht einher ein anderes: Der Mensch kann den Menschen nicht mehr finden im sozialen Leben.
[ 12 ] Meine lieben Freunde! Wenn der ’Ton aus dem Munde klingt so, daß er nicht Seele hat — wie es bei der Phrase der Fall ist —, dann gehen wir als Mensch neben dem anderen Menschen einher und können ihn nicht verstehen. Das ist eine Erscheinung, die auch wieder im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts ihren Höhepunkt erlangt hat; nicht in den Seelentiefen drunten, aber im Bewußtsein. Die Menschen wurden einander fremd und immer fremder. Wenn damals immer lauter der Ruf nach sozialen Impulsen und Reformen ertönte, so ist das ein Symptom dafür, daß die Menschen unsozial geworden waren. Weil sie das Soziale nicht mehr fühlten, drängte es sie, nach dem Sozialen zu schreien. Das Tier, das hungrig ist, schreit nicht nach der Nahrung, weil es die Nahrung im Magen hat, sondern weil es sie nicht hat. Die Seele, die nach dem Sozialen schreit, schreit nicht, weil sie vom Sozialen durchdrungen ist, sondern weil sie diese Empfindung nicht hat. So wurde der Mensch nach und nach zu dem Wesen, dessen man sich heute nicht bewußt ist; aber im weitesten Umfang ist die Tatsache zwischen Mensch und Mensch herrschend, daß man gar nicht mehr das Bedürfnis hat, anderen Menschen seelisch nahezutreten. Die Menschen gehen alle aneinander vorbei. Das meiste Interesse hat jeder Mensch nur an sich selber.
[ 13 ] Was ist denn ganz besonders üblich geworden im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts und dann aus diesem heraus in das zwanzigste Jahrhundert herübergekommen als soziales Empfinden von Mensch zu Mensch? Einen Satz hören Sie heute immer wieder die Leute sagen: Das ist mein Standpunkt. — Jeder hat einen Standpunkt. Als ob es darauf ankäme, was man für einen Standpunkt hat! Der Standpunkt im geistigen Leben ist nämlich ebenso vorübergehend wie der Standpunkt im physischen Leben. Gestern stand ich in Dornach, heute stehe ich hier. Das sind zwei verschiedene Standpunkte im physischen Leben. Es kommt darauf an, daß man einen gesunden Willen und ein gesundes Herz hat, um die Welt von jedem Standpunkte aus betrachten zu können. Aber die Menschen wollen heute nicht das, was sie von den verschiedenen Standpunkten aus gewinnen können, sondern wichtiger ist ihnen die egoistische Behauptung ihrer Standpunkte. Damit schließt man sich aber in der rigorosesten Weise von seinem Nebenmenschen ab. Sagt einer etwas, geht man nicht ein auf das, was er sagt, denn man hat ja seinen Standpunkt. Aber dadurch kommt man sich nicht näher. Näher kommt man sich, wenn man seine verschiedenen Standpunkte in eine gemeinsame Welt hineinzustellen weiß. Aber diese gemeinsame Welt fehlt heute ganz. Eine gemeinsame Welt für den Menschen findet sich nur im Geiste. Und der fehlt.
[ 14 ] Das ist das zweite, und das dritte ist: Wir sind im Grunde genommen im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts als mitieleuropäische Menschheit nach und nach doch recht willensschwach geworden, willensschwach in dem Sinne, daß der Gedanke nicht mehr die Kraft gewinnt, den Willen so zu stählen, daß der Mensch, der doch ein Gedankenwesen ist, die Welt aus seinen Gedanken heraus zu gestalten vermag.
[ 15 ] Wenn davon gesprochen wird, daß die Gedanken blaß sind, sollte man daraus aber nicht den Schluß ziehen, daß man keine Gedanken braucht, um als Mensch zu leben. Die Gedanken sollten nur nicht so schwach sein, daß sie im Kopfe oben sitzen bleiben. Sie sollten so stark sein, daß sie durch das Herz und durch den ganzen Menschen bis in die Füße hinunter strömen; denn es ist wahrhaft besser, wenn statt bloßer roter und weißer Blutkügelchen auch Gedanken unser Blut durchpulsen. Es ist gewiß wertvoll, wenn der Mensch auch ein Herz hat und nicht bloß Gedanken. Aber das Wertvollste ist, wenn die Gedanken ein Herz haben. Das haben wir jedoch ganz verloren. Die Gedanken, welche die letzten vier bis fünf Jahrhunderte gebracht haben, können wir nicht mehr ablegen; aber diese Gedanken müssen auch ein Herz bekommen.
[ 16 ] Und sehen Sie, jetzt will ich Ihnen ganz äußerlich einmal sagen, was in Ihren Seelen lebt. Sie sind herangewachsen, haben die ältere Generation kennengelernt. Diese ältere Generation hat sich in Worten dargestellt. Sie konnten nur Phrasen hören. In dieser älteren Generation stellte sich Ihnen ein unsoziales Element dar. Der eine ging an dem anderen vorbei. Und in dieser älteren Generation stellte sich Ihnen auch dar die Ohnmacht des Gedankens, den Willen, das Herz zu durchpulsen.
[ 17 ] Mit der Phrase, mit dem antisozialen Konventionalismus und mit der bloßen Lebensroutine statt der Herzens-Lebensgemeinschaft konnte man so lange sich halten, als noch die Erbschaft der vorigen Generationen vorhanden war. Diese Erbschaft war ungefähr am Ende des neunzehnten Jahrhunderts dahin. So war für Sie nichts da, was zu der eigenen Seele sprechen konnte. Sie fühlten aber, daß in den Tiefen gerade in Mitteleuropa etwas vorhanden ist, was das tiefste Bedürfnis hat, wiederum zu dem zurückzufinden, was einmal jenseits der Phrase gelebt hat, jenseits der Konvention, jenseits der Routine: das Bedürfnis, wiederum Wahrheit zu erleben, wiederum menschliche Gemeinschaft zu erleben, wiederum Herzhaftigkeit des ganzen Geisteslebens zu empfinden. Wo ist denn das? So sagt eine Stimme in Ihrem Innern.
[ 18 ] Und wurde dies auch nicht klar und deutlich ausgesprochen, so hat man doch oftmals in der Zeit der Morgendämmerung des zwanzigsten Jahrhunderts, wenn ein junger und ein alter Mensch nebeneinander standen, den alten sagen hören: Das ist mein Standpunkt. — Ach, die Menschen hatten allmählich, als das neunzehnte Jahrhundert zu Ende ging, alle, alle ihren Standpunkt. Der eine war Materialist, der andere Idealist, der dritte Realist, der vierte Sensualist und so weiter. Aber allmählich unter der Herrschaft von Phrase, Konvention und Routine waren die Standpunkte auf einer Eiskruste angekommen. Die geistige Eiszeit war gekommen. Nur, daß das Eis dünn war, und da die Standpunkte der Menschen die Empfindung für ihr eigenes Gewicht verloren hatten, so durchbrachen sie nicht die Eiskruste. Sie waren außerdem in ihrem Herzen kalt, sie erwärmten auch die Eiskruste nicht. Die Jüngeren standen neben den Alten, die Jüngeren mit dem warmen Herzen, das noch nicht sprach, das aber warm war. Das durchbrach die Eiskruste. Und der Jüngere fühlte nicht: Das ist mein Standpunkt, — sondern der Jüngere fühlte: Ich verliere den Boden unter den Füßen. Meine eigene Herzenswärme bricht dieses Eis auf, das sich zusammengezogen hat aus Phrase, Konvention und Routine. — Wenn auch dieses Gefühl nicht deutlich ausgesprochen wurde — denn heute wird nichts deutlich ausgesprochen —, so war diese Erscheinung doch seit langem vorhanden und ist auch in der Gegenwart vorhanden.
[ 19 ] Am schwierigsten hat es in dieser Beziehung derjenige, der heute versucht, aus seiner gelehrten Bildung heraus sich in die Zeit hineinzufinden. Was sich dem darbietet, das sind die ganz bewußt als «herzlose» Gedanken angestrebten Gedanken. Gewissen Dingen gegenüber hat man es allmählich dazu gebracht, bewußt herzlose Gedanken anzustreben. — Wenn man aus dem Geiste heraus redet, muß man manchmal die Worte etwas anders formen, als man dies heute tut, indem man über dieses und jenes etwas vor den Menschen außerordentlich Logisches, Philosophisches, Wissenschaftliches sagt. Das ist aber manchmal etwas, das vom Geistigen aus gesehen etwas höchst Unanständiges ist. Und zu so etwas, was vor dem Geistigen höchst unanständig ist, gehört zum Beispiel das Folgende.
[ 20 ] Die Leute sagen heute: Das ist kein richtiger Wissenschafter, der nicht ganz logisch die Beobachtung und das Experiment interpretiert, der nicht von Gedanke zu Gedanke fortschreitet, wie sie nur nach den richtig ausgestalteten Methoden fortschreiten dürfen. Der ist kein richtiger Denker, der das nicht tut. — Wie aber, meine lieben Freunde, wenn die Wirklichkeit eine Künstlerin wäre und unserer ausgestalteten dialektischen und experimentellen Methoden spottete, wenn die Natur selber nach Kunstimpulsen arbeitete? Dann müßte der Natur wegen die menschliche Wissenschaft zur Künstlerin werden, sonst käme man der Natur nicht bei! Das aber ist ja nicht der Standpunkt der heutigen Wissenschafter. Deren Standpunkt ist: Mag die Natur eine Künstlerin sein oder eine 'Träumerin, das ist uns gleichgültig; wir befehlen, wie Wissenschaft zu treiben ist. Was geht es uns an, ob die Natur eine Künstlerin ist? Das geht uns gar nichts an, denn das ist nicht unser Standpunkt.
[ 21 ] Ich kann Ihnen zunächst nur einige Empfindungen schildern, um zu zeigen, was da alles in chaotischer Weise durcheinanderstrebte, als das zwanzigste Jahrhundert herankam, jenes Jahrhundert, das Sie, meine jüngeren Freunde, vor harte innere Seelenprüfungen gestellt hat. Was uns an äußeren Ereignissen entgegengetreten ist, einschließlich des furchtbaren, grausigen Weltkrieges, ist ja nur der äußere Ausdruck dessen, was in der heutigen, zivilisierten Welt im Inneren der Seelen herrscht. Das ist nun einmal so. Dessen müssen wir uns bewußt werden. Wir müssen uns auch dessen bewußt werden, daß wir vor allen Dingen etwas zu suchen haben, wonach das tiefste Seelenwesen — wie Ihr Sprecher ganz richtig gesagt hat — gerade Deutschlands sich sehnt, das aber gerade innerhalb Deutschlands, je mehr die neueste Zeit herankam, aus dem Bewußtsein heraus verleugnet worden ist. Wir haben nicht nur Goethe, wir haben auch vieles aus dem Mittelalter verloren, aus dem Goethe herausgewachsen ist, und wir müssen das wiederfinden. Und auf die Frage: Warum sind sie heute hierher gekommen? — möchte ich die Antwort geben: Um das zu finden. Denn Sie sind eigentlich auf der Suche nach etwas, was da ist. Goethe hat die Frage beantwortet, welches Geheimnis das wichtigste ist: «Das offenbare!» Es kann aber erst offenbar werden dadurch, daß man die Augen dafür öffnet. — Es sind schon vorzugsweise innere Angelegenheiten, innere Sehnsuchten, um die es sich bei Ihnen handelt, wenn Sie sich recht verstehen. Und ob sich der Einzelne pädagogisch oder in einer anderen Weise auszuleben hat, darauf kommt es nicht an. Es kommt darauf an, daß alles, was heute die Menschen suchen, die wiederum ganz Mensch werden wollen, aus dem gemeinsamen Zentrum echten Menschentums heraus gesucht und gefunden werde. Dazu wollen wir uns eben hier zusammenfinden.
[ 22 ] Nicht wahr, es ist ja doch etwas anderes, wenn in früheren Jahrhunderten die Menschen — nehmen wir etwas Radikales — einen Giordano Bruno verbrannt haben. Denn das war dazumal die übliche Art, Wahrheiten zu widerlegen. Vergleichen Sie das, um jetzt gerade auf wissenschaftlichem Gebiete ein Beispiel zu nehmen, mit dem Fall des schwäbischen Arztes Julius Robert Mayer. Dieser kam auf einer Weltreise in Südasien durch die Beobachtung des Blutes auf eine Anschauung, die man heute als die von dem Äquivalent der Wärme, von der Erhaltung der Kraft bezeichnet. Im Jahre 1844 schrieb er diese Sache auf, und seine Abhandlung wurde von der berühmtesten naturwissenschaftlichen Zeitschrift jener Zeit, den «Poggendorf’schen Annalen», als dilettantisch, als ungeeignet zurückgewiesen! Und weil Julius Robert Mayer für seine Wahrheit so begeistert war, daß er immer, wenn ihm jemand auf der Straße begegnete, davon zu sprechen anfing, so meinten die Fachgenossen, er leide an fixen Ideen. Er wurde bekanntlich für irrsinnig erklärt und in ein Sanatorium gebracht. Heute kann man nach Heilbronn gehen und findet dort das Robert-Mayer-Denkmal. Die Leute sagen heute, er habe das größte physikalische Gesetz der neueren Zeit gefunden. Meinetwillen, das alles konnte passieren. Irrtum ist natürlich etwas, dem die Menschheit verfallen kann. Das Wesentliche aber ist, wie phrasenhaft, wie konventionell und wie aus einer bloßen Lebensroutine heraus so etwas heute beurteilt wird.
[ 23 ] Nehmen Sie die Darstellungen, in denen der furchtbar tragische Fall dieses so schrecklich Belachten geschildert wird. Lesen Sie, was im neunzehnten Jahrhundert darüber geschrieben wurde und halten Sie eine heutige Darstellung dagegen. Was da geschehen ist, ist mit abstrakten Schilderungen nicht abgetan. Wer ein Herz im Leibe hat und die heutigen Schilderungen liest oder hört, dem ersterben innerlich alle Haltekräfte, und ein furchtbarer Impuls tut sich in der Seele auf.
[ 24 ] Die Menschen müssen wiederum dazu kommen, stark fühlen zu können: schön — häßlich, gut — böse, wahrhaftig — verlogen. Sie müssen dazu kommen, das nicht schwächlich zu fühlen, sondern stark zu fühlen, so daß sie mit ihrem ganzen Menschen darin stehen, daß wiederum Herzblut in den Worten ist. Dann zerstiebt die Phrase und man fühlt wieder den anderen Menschen in sich, nicht bloß sich selbst; dann zerstiebt die Konvention, und man kann wiederum das, was man im Kopfe hat, durchpulsen lassen von seinem Herzblut. Dann zerstiebt das bloße Routineleben, und das Leben wird wieder menschlich.
[ 25 ] Alles das fühlt die Jugend im zwanzigsten Jahrhundert. Sie suchte, sah sich aber in einem Chaos. Diese Dinge lassen sich nicht durch die äußere Geschichte charakterisieren. Wir haben am Ende des neunzehnten Jahrhunderts einen großen Knotenpunkt in der inneren Entwickelung der Menschheit. Die Seelen, die kurz vor oder kurz nach der Jahrhundertwende geboren wurden, sind innerlich ganz anders konstruiert als die noch im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts geborenen. Davon kann man sprechen, in einer gewissen Art Vergleiche anstellen, wenn man eben, trotzdem sich Jahr auf Jahr gehäuft hat im Lebensgange, sich nicht hat alt werden lassen.
[ 26 ] So wollen wir morgen zunächst sehen, wie sich die neue Generation nicht an die alte Generation angeschlossen hat, sondern durch einen Abgrund von ihr getrennt ist. Nicht anklagen, sondern nur begreifen wollen wir. Ich will nicht einmal anklagen, wenn ich so etwas ausspreche, wie das große Tragische, das Julius Robert Mayer geschehen ist. Es ist vielen so gegangen. Das soll also keine Anklage sein; aber wir sollen verstehen. Das ist das Wichtigste: daß man versteht, was man tief innerlich erlebt; denn das kann nicht mehr lange so fortgehen, daß nur ein unklares Suchen herrscht. Was kommen muß, ist ein gewisses Licht, das sich ausgießen will über dem unklaren Suchen, aber ohne ins Trockene, ohne ins Kalte hineinzukommen. Mit Bewahrung des Herzblutes muß man Licht finden können.
[ 27 ] Ich möchte Ihnen auf keinem Gebiete irgend etwas Mystisches vormachen, sondern überall die Wahrheit zeigen, die Wahrheit im Geiste. Sie wissen ja, unter den vielen Phrasen, die im neunzehnten Jahrhundert sich geltend gemacht haben, ist auch diese: Der große Pionier des neunzehnten Jahrhunderts hätte sein Leben damit beschlossen, daß er der Nachwelt zurief: «Mehr Licht!». Das werde ich Ihnen nicht sagen, denn das hat Goethe nicht gesagt. Goethe lag in seinem Liegestuhl, atmete schwer und sagte: «Macht die Fensterladen auf!». Das ist die Wahrheit. Das andere ist die Phrase, die sich daran gegliedert hat. Vielleicht ist der wahre Ausspruch Goethes besser zu gebrauchen als die Phrase: «Mehr Licht!». Es ist eben durch dasjenige, was am Ende des neunzehnten Jahrhunderts vorgefunden werden konnte, die Empfindung entstanden: die uns vorangegangen sind, haben ja die Fensterläden zugemacht! Und da kam die junge Generation und fühlte sich beengt, hatte das Gefühl, es müssen die Fensterläden aufgemacht werden, die die alte Generation so fest zugeschlossen hat. Ja, meine lieben Freunde, ich möchte Ihnen versprechen, wenn ich auch alt bin, im ferneren davon zu reden, wie wir nun versuchen können, die Fensterläden aufzukriegen. Davon wollen wir also morgen weiterreden.
