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The Rudolf Steiner Archive

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Geistige Wirkenskräfte im Zusammenleben
von alter und junger Generation
Pädagogischer Jugendkurs
GA 217

5 Oktober 1921, Stuttgart

Dritter Vortrag

[ 1 ] Heute werde ich, um für manches, was ich Ihnen gern in den nächsten Tagen sagen möchte, die Grundlagen zu gewinnen, im allerkonkretesten Sinne vom Geist sprechen müssen. Ich möchte zunächst von einer gewissen Seite her appellieren daran, daß Sie von dem, was hier als Geist gemeint ist, wenigstens ein gründliches Gefühl entwickeln.

[ 2 ] Was wird denn heute eigentlich noch von dem Menschen berücksichtigt? Eigentlich doch nur dasjenige, was er bewußt erleben kann vom Aufwachen am Morgen bis zum Einschlafen am Abend. Nur was im Wachzustande durchlebt wird, wird heute berücksichtigt und zur Welt gerechnet. Nun können Sie vielleicht fragen, wenn Sie auf die Stimme der unmittelbaren Gegenwart hinhorchen und sich gewöhnen, im Sinne dieser Stimme zu empfinden: War das nicht immer so? Haben die Menschen früher etwas anderes einbezogen in das, was sie unter Wirklichkeit verstanden haben, als die Erlebnisse im Wachzustande?

[ 3 ] Ich will durchaus nicht sagen, man sollte in alte Kulturepochen der Menschheit zurückkehren. Das liegt mir ganz fern. Es handelt sich um Vorwärtskommen und nicht um Zurückschreiten. Aber wir können doch, um uns wenigstens zu orientieren, uns einmal etwas zurückschrauben, etwas zurückschauen hinter den Zeitpunkt, der im fünfzehnten Jahrhundert liegt und der dem, worauf ich gestern so energisch hingewiesen habe, voranging. Da müssen wir sagen: In allem, was der Mensch damals über die Welt sagte, war etwas enthalten, was heute als Phantastik angesehen und nicht zu den Dingen hinzugerechnet wird. Sie brauchen sich ja nur in ganz oberflächlicher Weise bekannt zu machen mit dem, was in der Literatur — aber das ist das allerwenigste — vorhanden ist über solche älteren Zeiten, und Sie werden sehen: wenn da die Rede ist von Dingen, die wir heute mit den Namen «Salz», «Merkur», «Phosphor» und so weiter bezeichnen, wird eine ganze Menge von dem mitverstanden, was der Mensch heute ganz ängstlich ausschließt, wenn er von Phosphor, Merkur und Salz redet. Heute heißt es: Damals haben die Leute von ihrer Phantasie etwas mitgegeben, wenn sie von Salz, Merkur und Phosphor sprachen.

[ 4 ] Wir wollen uns nicht darüber streiten, warum das heute ängstlich ausgeschlossen wird. Aber wir müssen uns klar sein, daß die Menschen früher dasjenige, was sie zum Beispiel in dem Phosphor anschauten, noch dazu empfunden haben zu dem sinnlich gegebenen Phosphor, ebenso wie die heutigen Menschen die Farbe sehen. Er war umglänzt von einem Geistig-Ätherischen, wie überhaupt die ganze Natur damals für die Menschen umsprüht war von Geistig-Ätherischem, wenn es auch seit dem vierten, fünften nachchristlichen Jahrhundert sehr verblaßt war. Aber immerhin war es für die Menschen noch da; es kam nicht aus ihrer Phantasie, so wenig wie die rote Farbe aus unserer Phantasie kommt; sie sahen es.

[ 5 ] Warum sähen sie es? Sie sahen es, weil für sie noch etwas ausströmte aus dem, was der Mensch zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen erlebte, Im Wachzustande konnte der Mensch der damaligen Zeit an Salz, Schwefel oder Phosphor auch nicht mehr erleben, als was ein heutiger Mensch daran erlebt. Aber wenn die Menschen damals aufwachten, so war der Schlaf seelisch nicht unfruchtbar gewesen; es schlug der Schlaf noch in den Tag herüber und der Mensch nahm reicher wahr, erlebte in einer intensiveren Weise alles, was da außer ihm war. Ohne daß man dieses zugrunde legt, versteht man die früheren Zeiten gar nicht.

[ 6 ] Später wurde das, was die Alten zum Beispiel beim Phosphor, beim Schwefel erlebten, ein Name, ein Abstraktes. Als Abstraktum pflanzte sich der Geist traditionell fort, bis man Ende des neunzehnten Jahrhunderts überhaupt nichts mehr dabei denken, wenigstens nichts mehr dabei empfinden konnte. Nun ist für die äußere Kultur, die es so ungeheuer weit gebracht zu haben vorgibt, selbstverständlich ganz wesentlich, daß der Mensch in sie eingreift mit seinem Wachbewußtsein. Maschinen wird er natürlich aus dem Wachbewußtsein konstruieren. Aber an sich selber kann er damit wenig machen. Wenn wir immer wach sein müßten, so würden wir sehr bald, spätestens aber am Ende der zwanziger Jahre, Greise sein, viel schauerlichere Greise, als die heutigen es sind. Wir können nicht immer wach sein, weil die Kräfte, die wir brauchen, um innerlich an unserem Organismus zu arbeiten, nur erlebt werden zwischen dem Einschlafen und Aufwachen. Es ist schon so: Der Mensch kann in seinem Wachbewußtsein sehr wohl an der äußerlichen Kultur arbeiten; an sich selber kann er nur im Schlafbewußtsein arbeiten. Und aus diesem Schlafbewußtsein strömte früher viel in den Wachzustand hinein.

[ 7 ] Das ist der große Umschwung in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts, daß dieses Hereinträufeln des Schlafbewußtseins in dasWachbewußtsein aufhörte. Wenn ich mich bildlich ausdrücken soll, so könnte ich etwa so sagen: Noch im zehnten, elften Jahrhundert der abendländischen Kultur wacht der Mensch so auf, daß er fühlt, göttlich-geistige Mächte haben zwischen dem Einschlafen und Aufwachen in mir ihre Taten entfaltet. Er hat etwas gefühlt von dem Hereinragen göttlich-geistiger Mächte, wie er im Wachbewußtsein etwas fühlt von dem Hereinströmen des wohltuenden Sonnenlichtes. Und es war vor dem Einschlafen in jedem Menschen etwas von, ich möchte sagen, elementarer, naturkräftiger Gebetsstimmung. Die Leute gingen in den Schlaf hinein — oder wenn sie Erkenntnismenschen waren, suchten sie wenigstens so hineinzugehen —, daß sie sich gewissermaßen mit ihren Seelen den göttlich-geistigen Mächten übergaben.

[ 8 ] Die Erziehung derer, die dazumal für ein geistiges Leben gewonnen werden sollten, war so geartet, daß diese Stimmung, die ich eben charakterisiert habe, wirklich kultiviert worden ist. Am Ende des neunzehnten Jahrhunderts war das längst von etwas anderem abgelöst worden. Da pflegten die Menschen, die sich als die geistigsten angesehen haben, sich in anderer Weise auf den Schlaf vorzubereiten. Ich habe es oftmals gesehen und gehört, wie die Leute sich auf das Schlafen vorbereitet haben: Ich muß mein gehöriges Maß Bier haben, damit ich die gehörige Bettschwere habe. — So hieß es. Das klingt grotesk. Aber durchaus historisch ist es, wenn man darauf hinweist, daß das Hineinschauen in die geistige Welt durch den Schlafzustand ein durchaus bewußtes Streben bei den Menschen abgelaufener Kulturepochen war, ganz abgesehen davon, daß in älteren Zeiten die Einzuweihenden, das heißt die damaligen Studenten, in einer wirklich heiligen Weise auf jenen Tempelschlaf vorbereitet wurden, in dem sie aufmerksam gemacht werden sollten auf des Menschen Gemeinschaft mit einer geistigen Welt.

[ 9 ] Man betrachtet oftmals gerade heute dasjenige, was sich in der Kulturentwickelung abgespielt hat, nicht so, daß man einfach frägt: Wie ist es erzieherisch geworden in der Menschheit? —, weil man gar nicht den ganzen Menschen, sondern immer nur einen Teil des Menschen ins Auge faßt. Heute macht es einen eigentümlichen Eindruck auf den, der etwas weiter als bis zum nächsten geistigen Horizont sieht, wenn die Leute glauben, wir seien heute so weit, über gewisse Dinge das Wahre zu wissen, während die Menschen früher eigentlich recht kindlich waren. Lesen Sie einmal, wie heute Geschichte der Physik geschrieben wird! Es ist, wie wenn bis vor kurzem kindliche Vorstellungen geherrscht hätten und man heute endlich zu Erkenntnissen gelangt sei, die bleibend sein können. In bezug auf gewisse Dinge stellt man sich das durchaus so vor. Man zieht eine scharfe Grenze zwischen dem, was man heute erreicht hat, und den Vorstellungen über die Natur, die sich die Menschen im kindlichen Zeitalter gebildet haben. Man denkt nicht daran, die Frage zu stellen, wie denn das, was man heute wissenschaftlich aufnimmt, in weltgeschichtlich-erzieherischer Weise auf den Menschen wirkt.

[ 10 ] Sehen wir einmal von allem Erzieherischen ab und betrachten wir vom heutigen Gesichtspunkt aus ein älteres naturwissenschaftliches Buch, so erscheint es uns kindlich. Aber lassen wir diesen Gesichtspunkt, diesen Standpunkt beiseite und fragen wir: Wie hat ein damaliges Buch den Menschen erzogen, und wie erzieht ihn ein jetziges? — Das jetzige Buch mag sehr gescheit, das damalige sehr phantastisch sein. Fragen wir aber nach dem Erziehungswert im großen, so müssen wir uns sagen: Wenn die Menschen dazumal Gelegenheit hatten, Bücher zu lesen — es war nicht so leicht, Bücher zu lesen, es war das etwas Feierliches —, dann zog ein Buch aus den Tiefen ihrer Seelen etwas heraus. Wahrhaftig, das Lesen eines Buches war etwas wie das Wachsen: produktive Kräfte wurden losgelöst im menschlichen Organismus. Man fühlte diese produktiven Kräfte. Man fühlte, daß da etwas Reales war. Heute ist alles logisch-formal. Man nimmt alles formal und intellektualistisch, aber willenlos, mit dem Kopfe auf. Aber weil es bloß mit dem Kopfe aufgenommen und lediglich von der physischen Kopforganisation abhängig ist, deshalb bleibt es für das wahre Menschentum unfruchtbar.

[ 11 ] Man kämpft heute gegen den Materialismus. Meine lieben Freunde, es wäre fast gescheiter, gar nicht gegen den Materialismus zu kämpfen. Denn was behauptet der Materialismus? Er behauptet, daß das Denken ein Produkt des Gehirns ist. Das heutige Denken ist ein Produkt des Gehirns! Das ist gerade das Geheimnis, daß das heutige Denken ein Produkt des Gehirns ist. In bezug auf das heutige Denken hat der Materialismus ganz recht. Nicht recht hat er für das Denken vor der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts. Da dachte man nicht nur mit dem Gehirn, sondern mit dem, was im Gehirn lebte. Man hatte lebendige Begriffe. Die Begriffe jener Zeit machten eigentlich, weil sie lebten, den Eindruck, als wenn man einen Ameisenhaufen sieht. Die heutigen Begriffe sind tot. Das Denken ist heute gescheit, aber furchtbar bequem. Man spürt ja das Denken nicht und liebt es um so mehr, je weniger man es spürt. Früher kribbelte es, wenn man dachte, weil das eine Realität der Seele war. Heute will man der Menschheit weismachen, daß das Denken immer so war wie heute. Aber das heutige Denken ist ein Gehirnprodukt, das frühere Denken war kein Gehirnprodukt.

[ 12 ] Man sollte den Materialisten dankbar sein, daß sie darauf aufmerksam gemacht haben, daß das heutige Denken vom Gehirn abhängig ist. Denn so ist es; die Sache ist viel ernster als man denkt. Man hält den Materialismus für eine falsche Weltanschauung. Das ist gar nicht richtig. Er ist ein Produkt der Weltentwickelung, aber ein totes, ein Produkt, das das Leben in einem Zustande charakterisiert, wo es schon abgestorben ist.

[ 13 ] Das Denken, das sich seit dem fünfzehnten Jahrhundert vor allem in den westlichen Kulturen entwickelt hat — während die orientalische, wenn auch dekadente Kultur immerhin noch altes Denken aufbewahrt hat —, dieses Denken hat ganz bestimmte Eigentümlichkeiten. Je weiter man nach Westen kommt, desto mehr nimmt dasjenige Denken überhand, das von den Orientalen als etwas Inferiores angesehen wird. Dem Orientalen imponiert dieses Denken gar nicht, er verachtet es. Er hat aber auch noch nichts Neues, sondern nur das zugrundegehende Alte. Dem Europäer und noch mehr dem Amerikaner wird aber nicht mehr wohl, wenn er sich hineinversetzen soll in das Denken, das den Veden zugrunde liegt. Da kribbelt es in seinem Gehirn — und er liebt das tote Denken, bei dem man gar nicht merkt, daß man denkt. Es ist ja heute besonders beliebt, daß man gar nicht merkt, daß man denkt. Heute sagen die Leute, nicht nur, wenn jemand Unsinn redet, sondern auch, wenn ihnen jemand von etwas Lebendigem redet, daß ihnen ein Mühlrad im Kopf herumgeht. Sie wollen eben das Lebendige nicht, sie wollen immer nur Totes aufschnappen.

[ 14 ] Ein Beispiel, ich will es nur aus kulturhistorischem Interesse, nicht als Polemik anführen: Ich habe einstmals geschildert, wie es wieder möglich ist zu schauen, wie das Gesteinsartige, das Pflanzenartige, das Tierische von einer Farbenaura umspielt ist. Die Art und Weise, wie ich das in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» geben mußte, war eine solche, daß sie lebendiges Denken notwendig machte, nicht totes Denken. Über diese Geschichte ist jüngst so ein rechter Universitätsprofessor der Gegenwart gekommen, so einer, der angeblich Philosophie vertritt. Sich in das lebendige Denken hineinzufinden kommt für ihn nicht in Frage. Das kann er nicht und das gibt es daher für ihn nicht. Jetzt soll um den Stein herum eine Farbenaura, um die Pflanze eine Farbenaura, um das Tier eine Farbenaura sein. Nun hat er Farben nur im Sonnenspektrum gesehen, und so findet er, daß auch ich sie nur im Sonnenspektrum gesehen haben könne und aus diesem in das Mineral-, Pflanzen- und Tierreich herübergenommen hätte. Und von meiner Art und Weise, zu beschreiben, kann er kein Wörtchen verstehen. Deshalb nennt er es einen Wortschwall. Für ihn ist es Wortschwall! Er kann nichts davon verstehen. Für eine große Zahl von Universitätslehrern kann es so sein: ein Mühlrad geht ihnen im Kopf herum. Nun den Kopf rasch weg! Dann kann natürlich nichts herauskommen.

[ 15 ] Der lebendige Mensch verlangt aber auch ein lebendiges Denken, und dieses Verlangen nach einem lebendigen Denken brodelt in seinem Blute,. Darüber müssen Sie sich klar werden. Sie müssen Ihren Kopf wieder so stark kriegen, daß Sie nicht nur das logische, abstrakte Denken, sondern auch das lebendige Denken zu vertragen vermögen. Sie müssen nicht gleich einen Brummschädel bekommen, wenn Sie lebendig denken sollen. Das tote Denken war für die rein materialistische Erziehung des Abendlandes, war für diejenigen, denen das rein Intellektualistische eigentümlich war. Wenn man dem nachgeht, enthüllt sich eine recht bedenkliche Perspektive.

[ 16 ] Das frühere Denken hat man in den Schlaf hinein mitnehmen können. Da war man noch etwas im Schlafe. Man war ein Wesen unter anderen Wesen. Man war etwas im Schlafe, weil man das lebendige Denken in den Schlaf hinein mitgenommen hat. Man hat es beim Aufwachen herausgebracht und hat es beim Einschlafen wieder mit hineingenommen. Das heutige Denken ist an das Gehirn gebunden. Das kann uns aber beim Schlafen nichts helfen. So können wir heute nach der gegenwärtigen wissenschaftlichen Mode die allergescheitesten und allergelehrtesten Leute sein, aber wir sind es nur für den Tag. Wir hören auf, es zu sein in der Nacht, gegenüber derjenigen Welt, durch die wir an uns selber arbeiten können. Deshalb gewöhnten es sich die Menschen ab, an sich selber zu arbeiten. Mit den Begriffen, die wir vom Aufwachen bis zum Einschlafen entwickeln, kann man auch nur vom Aufwachen bis zum Einschlafen etwas erreichen. Man kann aber nichts am Menschen erreichen. Der Mensch muß aus den Kräften heraus arbeiten, durch die er sich selber konstituiert. In der Zeit, in der der Mensch noch am meisten an sich selber bauen muß, als kleines Kind, muß er am meisten schlafen. Wenn man nämlich die Methode fände, um dem Säugling die Dinge ebenso beizubringen wie den Siebzehn-, Achtzehnjährigen, dann würden Sie bald sehen, wie die Säuglinge ausschauen würden. Es ist ganz gut, daß für die Säuglinge noch innerhalb der Mutterbrust gesorgt wird und nicht auf dem Katheder. Der Mensch muß eben aus dem Schlafe herausholen dasjenige, wodurch er an sich selbst tätig sein kann.

[ 17 ] Aber wir können von all den Begriffen, die wir in der Wissenschaft, in dem äußeren Beobachten, in dem äußeren Experimentieren, mit bloBer Beherrschung des Experimentes ausbilden, nichts hineinbekommen in den Schlaf, und wir können auch nichts von dem, was wir im Schlafe entwickeln, in diese Begriffe vom Stofflichen herüberbringen. Geistiges und Intellektuelles verträgt sich nicht miteinander, wenn sie nicht Ehe schließen in der vollbewußten Welt. Früher tat man es auf eine mehr unbewußte Art. Heute muß das geschehen auf eine vollbewußte Art, doch zu der wollen sich die Menschen nicht bekehren.

[ 18 ] Was geschah, wenn ein Mensch der früheren Weltenzeiten mit seiner Seele in den Schlaf hineingekommen ist? Da war er noch immer etwas, denn er hatte das, was die Dinge umschwebt, wovon die Menschen heute sagen, es sei eine Phantasterei gewesen. Das trug er in den Schlaf hinein. Da konnte der Mensch sich noch behaupten, wenn er außerhalb des physischen Leibes im Schlafe in der geistigen Welt war. Er war früher etwas in der geistigen Welt zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen. Heute ist er viel weniger. Er wird fast aufgesogen von der Geistigkeit der Natur, wenn er beim Einschlafen seinen Körper verläßt. Beim richtigen Anschauen der Welt tritt das sofort vor die Seele. Sie sollten es nur sehen, und Sie werden es sehen können, wenn Sie sich wirklich ein Schauen für diese Dinge erringen. Und die Menschheit muß sich ein Schauen für diese Dinge erringen, denn wir leben in einem Zeitalter, wo nicht mehr behauptet werden kann, daß man vom Geist nicht reden kann wie von Steinen und Tieren. Dann werden Sie die Möglichkeit gewinnen, zu sehen, daß wenn der Cäsar auch nicht sehr beleibt war im physischen Leben: wenn seine Seele den Körper im Schlaf verließ, so hatte sie immerhin eine ansehnliche Größe — nicht eine räumliche, sondern eine empfindungsmäßige Größe. Seine Seele war stattlich. Heute kann einer der dickste Bankier sein: wenn seine Seele im Schlafe herausspaziert und sich in der Geistigkeit der Natur aufhält, da sollten Sie nur sehen, ein wie gräßlich dürres Gestell er wird. Er wird etwas ganz Schmächtiges. Seit dem letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts leidet eben die Menschheit durchaus an geistiger Unterernährung. Der Intellekt nährt den Geist nicht. Er bläst ihn nur auf. Daher nimmt der Mensch nichts von Geistigkeit in den Schlaf hinein mit, und er wird fast aufgesogen, wenn er zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen als ein ganz dünnes Seelengerippe in die geistige Natur hineinragt.

[ 19 ] Daher ist die Frage nach dem Materialismus heute wirklich keine theoretische. Nichts ist weniger wichtig als der theoretische Streit zwischen Materialismus, Spiritualismus und Idealismus. Das sind heute ganz wesenlose Dinge, denn mit dem Widerlegen des Materialismus ist gar nichts getan. Wir können heute noch so oft den Materialismus widerlegen, es kommt gar nichts dabei heraus. Denn schließlich sind die Gründe, die man zur Widerlegung des Materialismus anführt, ebenso materialistisch wie die, welche man gegen oder für den Idealismus anführt. Mit theoretischen Widerlegungen ist heute weder nach der einen, noch nach der anderen Richtung etwas getan, sondern darauf kommt es an, daß man in der ganzen Art, wie man die Welt betrachtet, wiederum Geist hat. Dadurch kriegen unsere Begriffe wiederum nährende Kraft für den Menschen. Ich möchte Ihnen, um Ihnen das ganz klarzumachen, noch das Folgende sagen.

[ 20 ] Ich finde eigentlich zwischen Leuten, die sich oftmals Materialisten nennen, und solchen Leuten, die sich in gewissen kleinen sektiererischen Kreisen, sagen wir, Theosophen nennen, keinen so hervorragenden Unterschied. Denn die Art und Weise, wie die einen den Materialismus und die anderen die Theosophie beweisen, unterscheidet sich gar nicht so wesentlich. Denn wenn man mit einem Denken, das ganz vom Gehirn abhängt, die Theosophie beweisen will, dann ist eben die Theosophie materialistisch. Es kommt nicht darauf an, was man für Worte ausspricht, sondern ob man Geist ausspricht. Wenn ich mit so manchem theosophischen Gefasel den Haeckelismus vergleiche, so ist der Geist bei Haeckel, während die Theosophen von dem Geiste so reden, als sei er Materie, aber nur verdünnt. Es kommt eben nicht darauf an, daß man über den Geist redet, sondern daß man mit Geist redet. Man kann auch geistvoll über das Materielle reden, das heißt, man kann auch mit beweglichen Begriffen über das Materielle reden. Das ist noch immer viel spiritueller, als geistlos über den Geist reden.

[ 21 ] Wenn heute noch so viele Menschen auftreten und mit allen möglichen logischen Gründen die spirituelle Weltanschauung verteidigen, so hilft es uns nichts, rein gar nichts. Wir bleiben nämlich in der Nacht ebenso dürr: ob wir bei Tag bloß nachdenken über Wasserstoff, Chlor, Brom, Jod, Sauerstoff, Stickstoff, Kohlenstoff, Silizium, Kalium, Natrium und so weiter und da unsere Theorien bilden, oder ob wir nachdenken darüber, wie die Menschen aus physischem Leib, Atherleib und Astralleib bestehen. Das ist alles ganz gleichgültig für das Lebendige. Wenn einer lebendig über Kalium und Kalzium redet, das heißt lebendige Chemie treibt, so ist das viel wertvoller, als wenn einer zum Beispiel eine tote, intellektualistische Theosophie treibt. Denn auch die kann man tot und intellektualistisch treiben. Es kommt nicht darauf an, daß wir intellektualistisch, materialistisch reden, sondern daß wir in unserem Reden Geist haben. Er muß uns als Lebendiges durchdringen. Aber weil die Leute das heute schon gar nicht mehr verstehen, ist es ihnen so unangenehm, wenn man einmal ernst damit macht.

[ 22 ] In einem meiner letzten Oxforder Vorträge habe ich einmal ernst gemacht und gesagt, um ganz deutlich zu werden: Es ist mir ganz gleichgültig, ob man heute über Spiritualismus, Realismus, Idealismus, Materialismus und so weiter redet. Wenn es sich mir darum handelt, eine Sprache zu handhaben, um eine äußereErscheinung zu charakterisieren, so gebrauche ich die materialistische Sprache. Man kann das so tun, daß auch darin der Geist lebt. Man redet aus dem Geistgebiete; dann wird das schon spirituell, auch wenn man in materialistischen Formen spricht. Das ist der Unterschied zwischen dem, was hier als Anthroposophie, und dem, was draußen unter ähnlichen Namen getrieben wird. Alle paar Wochen erscheinen heute schon Bücher gegen Anthroposophie. Die geben Schilderungen, mit denen getroffen werden soll, was ich sage. Mir aber ist das immer ganz neu, was sie angreifen; denn gewöhnlich habe ich das gar nicht gesagt. Die machen sich allerlei Zeug zurecht und schreiben dann große Bücher darüber. Was die Leute bekämpfen, hat gewöhnlich gar nichts mit dem zu tun, was ich rede. Mir kommt es gar nicht darauf an, den Materialismus zu bekämpfen, sondern darauf, daß die Begriffe aus der Welt des Geistes selber genommen werden, daß sie erlebt werden, lebensvolle Begriffe sind. So ist das, was hier als Anthroposophie vertreten und aufgenommen wird, wirklich noch etwas ganz anderes, als was die Welt heute darüber sagt.

[ 23 ] Die Leute kämpfen heute kontra Anthroposophie — und manchmal auch pro — recht materialistisch, das heißt geistlos, während es sich darum handelt, daß man mit dem Erleben des Geistes ernst macht. Da fangen die Leute an, überhaupt nicht mehr mit dem Kopfe zurechtzukommen, denn wenn einer anfängt, von geistigen Wesenheiten zu reden wie von Pflanzen und Tieren in der Sinneswelt, dann halten sie ihn für einen Narren. Ich kann das auch ganz gut begreifen, denn heute besteht halt eine Kleinigkeit, nur wird diese Kleinigkeit übersehen. Sie besteht darin, daß diese Narretei die wirkliche Realität ist, und zwar diejenige Realität, die für den Menschen die eigentlich lebendige ist. Die andere Realität ist für die Maschine gut, aber nicht für den Menschen.

[ 24 ] Also das möchte ich einmal ganz deutlich ausgesprochen haben, meine lieben Freunde: bei dem, was ich hier meine und jemals gemeint habe, handelt es sich nicht darum, vom Geist zu reden, sondern darum, aus dem Geiste heraus zu reden, im Reden selber den Geist zu entwikkeln. Das ist dann der Geist, der erst wirklich erzieherisch wiederum in unser totesKulturleben hereinschlagen kann. Das muß der Blitz werden, der in unser totes Kulturleben hereinschlagen muß, um es wiederum zum Leben zu entzünden. Glauben Sie daher nicht, daß Sie hier eine Verteidigung finden dieser schematischen Begriffe, wie «physischer Leib», «Atherleib», «Astralleib», Begriffe, die so hübsch schematisch in den theosophischen Zweigen aufgehängt sind und mit dem Stock gezeigt werden, so wie im Hörsaal Kalium, Natrium und so weiter mit ihren Atomgewichten gezeigt werden. Es ist ganz einerlei, ob einer das Kali mit seinen Atomgewichten an dem heutigen Schema zeigt, oder den Ätherleib zeigt. Das ist ganz einerlei. Darum kann es sich nicht handeln. In diesem Sinne ist es sogar so, daß diese Art von Theosophie oder auch Anthroposophie, wenn Sie sie so nennen wollen, nicht etwas Neues ist, sondern das letzte Produkt von dem Alten.

[ 25 ] In dieser Beziehung hat man ja gerade da, wo die Leute plötzlich einmal den Geist vertreten wollen, das unglaublichste Zeug erlebt. Ich führe diese Dinge nicht an, um sie zu kritisieren, sondern als Symptom. Ich will Ihnen zwei Geschichten erzählen. Die eine ist diese: Ich war einmal bei einer Versammlung im Westen Europas, wo man über Theosophie geredet hat. Als die Vorträge zu Ende waren, kam ich mit einer Persönlichkeit über den Wert dieser Vorträge in ein Gespräch. Da faßte diese Persönlichkeit, die ein guter Anhänger dessen war, was da theosophisch-sektiererisch aufgetreten war, den Eindruck, den sie gewonnen hatte, in die Worte zusammen: «Es sind jetzt so wunderbare Vibrationen in diesem Saale.» Das Wohlgefühl wurde in Vibrationen, also materialistisch zum Ausdruck gebracht.

[ 26 ] Das andere Mal molestierten mich die Menschen mit einer Entdeckung, die plötzlich auf geistigem Gebiete gemacht worden war. Es wurde behauptet, die wiederholten Erdenleben, die nämlich nur einer wirklich geistigen Anschauung vor die Seele treten können, müßten “auch in irdischem Gewande vor das Auge treten, man müßte sie auch in das Gewand des materialistischen Denkens hereinkriegen. Die Leute fingen plötzlich an, vom «permanenten Atom», das durch alle Erdenleben hindurchgeht, zu reden. Sie sagten: Wenn ich jetzt im Erdenleben bin und nach Jahrhunderten wiederkomme, so werden die Atome in alle Winde zerstreut sein. Aber ein einziges Atom geht über in das nächste Erdenleben. Man nannte es das permanente Atom. Nun war glücklich das Allermaterialistischste in die wiederholten Erdenleben hineingetragen, in das, was nur mit dem Geiste erfaßt werden kann. Als ob ein einzelner Mensch etwas davon haben könnte, wenn da ein einziges Atom aus dem vierten, fünften Jahrhundert etwa, in seinem Gehirn sich herumtriebe! Das kann mir doch so egal sein, wie es mir gleichgültig wäre, wenn es etwa einem jenseitigen Chirurgen irgendwie gegeben wäre, mein jetziges Erdenleben dadurch auszustatten, daß er meinen Magen von dazumal konserviert und jetzt wieder eingesetzt hätte. Im Prinzip unterscheidet sich das nicht voneinander.

[ 27 ] Ich erzähle Ihnen das nicht, um mich lustig zu machen, sondern als interessante Symptome dafür, daß die Leute, welche vom Geist reden wollen, vom Wohlgefühl der geistigen Vibrationen reden, und daß Menschen, die durch bloße Gedankenimitationen aufgenommen hatten, was andere über wiederholte Erdenleben wußten, dieses dann so einkleiden, daß sie über das permanente Atom reden. Über dieses permanente Atom sind von 'Theosophen sogar allerlei Bücher geschrieben worden, auch solche mit kuriosen Zeichnungen über die Anordnung der Wasserstoff-, Sauerstoff-, Chlor-Atome und so weiter. Wenn man sich diese Geschichten anschaut, so sind sie nicht weniger greulich als die Zeichnungen, die die Materialisten von den Atomen entworfen haben. Es kommt nicht darauf an, ob man behauptet, irgend etwas ist geistig oder irgend etwas ist materiell, sondern darauf kommt es an, daß man einsieht, man muß in den lebendigen Geist hinein. Wiederum sage ich das nicht in polemischem Sinne, sondern um Ihnen die Sache klarzumachen.

[ 28 ] In diesem Sinne ist die folgende Erscheinung außerordentlich charakteristisch: Da gibt es heute einen ganz geistreichen Benediktinerpater namens Mager, in diesem Orden einer der besten Köpfe — und der Benediktinerorden hat im Grunde genommen die allerbesten Köpfe. Dieser Mager hat ein überaus interessantes Büchelchen geschrieben über den «Wandel in der Gegenwart Gottes», ein Büchelchen, das allerdings im Zeitalter steht, als Benedikt den Benediktinerorden gestiftet hat, das heißt, wenn es dazumal geschrieben worden wäre, so wäre es ganz zeitgemäß gewesen. Immerhin, wenn einer ein Büchelchen schreibt über den Wandel des Menschen in der Gegenwart Gottes, so kann man das noch bis zu einem gewissen Grade bewundern; und das tue ich auch. Nun hat sich derselbe Pater auch über Anthroposophie ausgelassen. Und nun wird er knüppeldicker Materialist. Das, was er da behauptet hat, das ist wirklich furchtbar schwer zu charakterisieren für jemand, der sich erst in ein so steifes Denken hineinversetzen muß. Was er am meisten tadelt, ist, daß das Wahrnehmen in der imaginativen Erkenntnis, das ich als erstes behaupte, wenn es zu einem Inhalt kommt, so ist, daß es für den Pater Mager eben Bilder sind. Weiter kommt er nicht. Und nun sagt er,er muß — indem er sich ganz seinem wissenschaftlichen Gewissen dabei überläßt — es sagen, daß die Anthroposophie eigentlich die Welt materialisiert. Das tadelt er furchtbar, daß die Anthroposophie die Welt materialisiert, das heißt, daß die Anthroposophie nicht bei wesenlosen abstrakten Begriffen stehenbleibt, wie sie der Pater liebt; denn dort liebt man die allerabstraktesten Begriffe. Lesen Sie nur eine katholische Philosophie einmal durch. Sie finden da: Sein, Werden, Dasein, Schönheit und so weiter, kurz, die alleräußersten Abstraktionen. Ja nicht an die Welt herantippen! Nun merkt der Pater, daß die Anthroposophie lebendige Begriffe erfaßt, die wirklich herunterkommen können bis zu den realen Dingen, bis zur realen Welt. Das ist ihm greulich, furchtbar greulich ist ihm das!

[ 29 ] Diesem Pater müßte man sagen: Ja, wenn Erkenntnis irgend etwas Reales sein soll, so muß sie eigentlich nachschaffen den Gang, den Gott mit der Welt durchgemacht hat. Der hat ja vom Spirituellen ausgehend immer materialisiert! Die Welt war erst spirituell und wurde dann immer materieller und materieller, so daß eine richtige Erkenntnis diesen Gang nachmachen muß. Man sucht ihn nicht in der Anthroposophie, aber man kommt dazu. Das Bild schnappt ein in die Wirklichkeit und das tadelt der Pater. Das ist ja gerade dasjenige, woran er selber glauben muß, wenn er seinem Glauben einen vernünftigen Inhalt geben will. Aber bei uns nennt er das die Materialisierung der Erkenntnis.

[ 30 ] Es ist den Leuten natürlich nicht mehr recht zu machen, die ganz fest darauf beharren: Nur ja keine lebendigen Begriffe! — Denn die schnappen in die Wirklichkeit hinein. Dann muß man aber mit seinen Begriffen recht weit wegbleiben davon und bekommt eben nur Begriffe für das Wachbewußtsein und gar keine Begriffe, die aus der geistigen Welt selber heraus am Menschen arbeiten können. Aber das brauchen wir. Wir brauchen lebendige Menschheitsentwickelung und lebendige Menschheitserziehung. Als trocken und eisig empfindet der vollfühlende Mensch die Gegenwartskultur. Sie muß wieder Leben, innere Regsamkeit bekommen. Sie muß so werden, daß sie den Menschen erfüllt, mit Leben erfüllt. Und das ist allein dasjenige, was uns nun nicht dazu führt, daß wir uns gestehen müssen, wir sollten eigentlich gar nicht mehr vom Geiste reden, sondern dazu, daß der gute Wille in uns einfließt, um in uns die Neigung zu entwickeln nicht für ein abstraktes Reden, sondern für ein innerliches Tun im Geiste, nicht zu einer dunklen, nebelhaften Mystik, sondern zu einem mutigen, energischen Durchdringen des eigenen menschlichen Wesens mit der Geistigkeit. Dann kann man aus diesem Durchdrungensein mit der Geistigkeit heraus von der Materie reden, und es wird uns nicht beirren, wenn wir über die wichtigen materiellen Entdeckungen sprechen, weil wir imstande sind, auf geisthafte Art darüber zu reden. Dann werden wir das, was wir dunkel in uns spüren, als einen Drang nach vorwärts, zu einer realen menschheitserziehenden Kraft in uns selbst gestalten können. Davon wollen wir morgen weiterreden.