Geistige Zusammenhänge
in der Gestaltung des menschlichen Organismus
GA 218
9 Dezember 1922, Stuttgart
17. Der Mensch und die übersinnlichen Welten Hören, Sprechen, Singen, Gehen, Denken
[ 1 ] Das letzte Mal durfte ich Ihnen sprechen von gewissen spirituellen Tatsachen, die sich auf die Beziehung des Menschen zu übersinnlichen Welten erstreckten. Ich könnte auch ebensogut sagen, auf die Beziehung des menschlichen Erdendaseins zu dem Dasein zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Denn vom menschlichen Gesichtspunkte aus gesehen ist es ja so, daß des Menschen Leben zwischen Geburt und Tod durch sein Verwobensein mit der physisch-sinnlichen Welt, auch im wesentlichen diese physisch-sinnliche Welt darstellt, daß aber das Leben des Menschen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, weil der Mensch da ganz hineinverwoben ist in die geistige, übersinnliche Welt, vom menschlichen Standpunkte aus gesehen eben die übersinnliche Welt als solche darstellt.
[ 2 ] Ich möchte heute für einige andere Tatsachen und für einige wichtige menschliche Folgerungen diese Betrachtung vor Ihnen fortsetzen. Vor allen Dingen kann man sich durch die anthroposophische Geisteswissenschaft so recht bewußt werden, wie der Mensch, der vor sich selber in der physischen Welt steht, in dieser physischen Welt ein wirkliches Abbild ist des Übersinnlichen. Wenn wir ein Mineralisches betrachten, so können wir nicht sagen, daß das so, wie es ist, unmittelbar ein Abbild ist des Übersinnlichen. Was es ist, das können Sie ja aus meinem Buche «Theosophie» entnehmen. Beim Menschen aber können wir sagen, daß er in vieler Beziehung gar nicht verstanden werden kann aus demjenigen, was wir in der physisch-sinnlichen Welt um uns herum sehen. Aus demjenigen, was wir in der physisch-sinnlichen Welt sehen, können wir verstehen, warum die Salzgestalt würfelförmig wird. Gewiß, solche Dinge sind heute der Wissenschaft noch nicht ganz durchsichtig, aber aus dem, was schon der Wissenschaft durchsichtig ist, kann man sagen, ein Salzkristall ist zu begreifen aus demjenigen, was unmittelbar im Bereiche des Sinnlich-Wahrnehmbaren erkundet werden kann. Ein menschliches Auge oder ein menschliches Ohr ist nicht zu begreifen aus demjenigen, was in der physisch-sinnlichen Welt mit physischen Sinnen wahrnehmbar ist. Es kann nicht daraus entstehen. Die Form, sowohl die innere Form wie auch die äußere Konfiguration eines Auges oder eines Ohres, sie bringt sich in der Anlage der Mensch durch die Geburt mit, und er erlangt sie auch nicht durch die Kräfte, die, sagen wir, durch die Befruchtung oder im Leibe der Mutter wirken. Man preßt allerdings alles dasjenige, was man in dieser Beziehung nicht versteht, in das Wort «Vererbung» hinein. Aber damit gibt man sich nur einer Illusion hin. Denn die Wahrheit ist doch diese, daß man in der inneren Formung eines Auges oder eines Ohres etwas hat, was veranlagt wird, gewissermaßen voraus im Geiste aufgebaut wird in dem vorirdischen menschlichen Dasein, und zwar in Gemeinschaft mit höheren geistigen Wesenheiten, mit den Wesenheiten der höheren Hierarchien. Der Mensch baut sich eben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt in vieler Beziehung seinen physischen Leib in einer Geistform, in einem Geistkeime auf, und versenkt dann diesen Geistkeim, nachdem er ihn gewissermaßen verkleinert hat, soweit es nötig ist, in die physische Vererbungslinie. Und dadurch füllt sich das Geistige mit physisch-sinnlicher Substanz aus und wird zum sinnlich-physischen Keim. Aber die ganze Form, die innere Form eines Auges, die innere Form eines Ohres, sie sind herausgestaltet aus der Arbeit, die der Mensch vollbringt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt mit übersinnlichen geistigen Wesen zusammen. Und deshalb können wir sagen: Wenn wir ein menschliches Auge betrachten, so dürfen wir nicht behaupten, dieses menschliche Auge sei wie ein Salzkristall begreifbar aus dem, was sinnlich um uns herum wahrgenommen werden kann, oder das Ohr sei begreifbar aus dem, was um uns herum wahrgenommen werden kann —, sondern wir müssen sagen: Wollen wir ein menschliches Auge begreifen, wollen wir ein menschliches Ohr begreifen, dann müssen wir unsere Zuflucht nehmen zu denjenigen Geheimnissen, die wir erkunden können in der übersinnlichen Welt, müssen uns klar sein darüber, daß so ein menschliches Ohr zum Beispiele — bleiben wir bei diesem stehen — aus der übersinnlichen Welt heraus gebildet wird und dann erst, nachdem es gebildet worden ist, seine sinnliche Aufgabe antritt innerhalb der Luftsphäre, überhaupt innerhalb der Erdensphäre, auf physische Weise Töne oder Laute zu hören. Wir können also sagen: in solcher Beziehung ist der Mensch Abbild von Vorgängen und von Wesenhaftem in der übersinnlichen Welt.
[ 3 ] Betrachten wir eine solche Sache einmal in ihren Einzelheiten. Wenn Sie das menschliche Ohr in seiner innerlichen Formung ins Auge fassen, so treffen Sie zuerst, wenn Sie durch den äußeren Gehörgang durchsehen, auf das sogenannte Trommelfell. Hinter diesem Trommelfell sitzen kleine, winzig kleine Knöchelchen; die äußere Wissenschaft spricht von Hammer, Amboß, Steigbügel. Man kommt dann weiter hinter diesen Knöchelchen in das innere Ohr hinein. Ich will nicht ausführlich über diese Konfiguration des inneren Ohres sprechen. Aber schon die Bezeichnungen, die diese winzigen Knöchelchen haben, die man gleich hinter dem 'Trommelfell trifft, die Bezeichnungen, die diesen Knöchelchen die äußere Wissenschaft gibt, zeigen, daß eben diese äußere Wissenschaft gar keine Ahnung von dem hat, was da eigentlich vorliegt. Wenn man mit anthroposophischer Geisteswissenschaft diese Sache zu durchleuchten versteht, dann nimmt sich — ich will jetzt in der Betrachtung von innen nach außen gehen — dasjenige, was zuerst mehr auf dem inneren Teil des inneren Ohres aufsitzt, und was die Wissenschaft Steigbügel nennt, das nimmt sich aus wie ein umgewandelter, metamorphosierter menschlicher Oberschenkel mit seinem Ansatz an der Hüfte. Und dasjenige, was die Wissenschaft Amboß nennt, dieses kleine Knöchelchen, das nimmt sich aus wie eine umgewandelte Kniescheibe, und dasjenige, was von diesem Amboß dann zum 'Trommelfell hingeht, das nimmt sich aus wie ein umgewandelter Unterschenkel mit dem Fuß daran. Und der Fuß stützt sich in diesem Falle beim Ohr eben nicht auf den Erdboden, sondern auf das Trommelfell. Sie haben tatsächlich ein menschliches Glied im Inneren des Ohres, das umgewandelte Gliedmaße ist. Sie können auch sagen: Oberarm —, nur ist beim Arme die Kniescheibe nicht ausgebildet, es fehlt der Amboß; Sie können sagen: Unterarm — anderes kleines Gehörknöchelchen, das dann auf dem Trommelfell aufsitzt. Und ebenso wie Sie mit Ihren beiden Beinen den Erdboden befühlen, so befühlen Sie mit dem Fuß des kleinen Gehörknöchelchens das Trommelfell. Nur ist Ihr Erdenfuß, mit dem Sie herumgehen, grob gebildet. Da fühlen Sie grob den Fußboden mit der Fußsohle, während Sie das feine Erzittern des Trommelfells fortwährend abtasten mit dieser Hand oder mit diesem Fuße, den Sie da drinnen im Ohre haben. Wenn Sie weiter nach hinten gehen, so finden Sie darinnen die sogenannte Ohrschnecke. Diese Ohrschnecke, die ist mit einer Flüssigkeit gefüllt. Das alles ist zum Hören notwendig. Es muß sich das, was der Fuß abtastet am 'Trommelfell, fortsetzen nach dieser im Inneren der Ohrhöhlung liegenden Schnecke. Oberhalb unserer Oberschenkel liegt das Eingeweide. Diese Schnecke im Ohr ist nämlich ein sehr schön ausgebildetes Eingeweide, ein umgewandeltes Eingeweide, so daß Sie eigentlich sich vorstellen können, da drinnen im Ohre liegt in Wirklichkeit ein Mensch. Der Kopf ist in das eigene Gehirn hineingesenkt. Wir tragen überhaupt in uns eine ganze Anzahl von mehr oder weniger metamorphosierten Menschen. Das ist einer, der da drinnen sitzt.
[ 4 ] Ja, was liegt denn da eigentlich vor? Sehen Sie, derjenige, der nun nicht mit der bloßen groben sinnlichen Wissenschaft das Werden des Menschen studiert, sondern der weiß, daß dieser Menschenkeim, der sich im Leibe der Mutter ausbildet, eben das Abbild ist desjenigen, was im vorirdischen Leben vorangegangen ist, der weiß auch, daß in den ersten Stadien der Kindeskeimesentwickelung eigentlich im wesentlichen der Kopf veranlagt ist. Das andere sind kleine Ansatzorgane. Die Ansatzorgane, die als Stümpelchen da sind und die dann die menschlichen Beine und Füße werden, die könnten nämlich, wenn es nur auf die inneren Möglichkeiten ankäme, aus dem Keim heraus, der im Mutterleibe ist, ebensogut eine Art Ohr werden. Die haben durchaus die Anlage, ein Ohr zu werden. Das heißt, der Mensch könnte auch so wachsen, daß er nicht ein Ohr nur hier hätte und hier, sondern daß er ein Ohr nach unten hätte. Das ist zwar paradox gesprochen, aber diese Paradoxie ist völlige Wahrheit. Der Mensch könnte auch nach unten ein Ohr werden. Warum wird er denn kein Ohr nach unten? Er wird aus dem Grunde kein Ohr, weil er in einem gewissen Stadium schon seiner Keimesentwickelung in den Bereich der irdischen Schwerkraft kommt. Die Schwerkraft, die einen Stein zur Erde fallen läßt, die das Gewicht bedeutet, diese Schwerkraft lastet an dem, was ein Ohr werden will, gestaltet es um, und es wird der ganze untere Mensch überhaupt daraus. Unter der Wirkung der irdischen Schwerkraft wird das Ohr, das nach unten wachsen will, der untere Mensch. Warum wird denn das Ohr nicht auch so, daß es seine Gehörknöchelchen so zu hübschen Beinchen links und rechts macht? Einfach aus dem Grund, weil durch die ganze Lage des menschlichen Keimes im Mutterleib das Ohr davor geschützt ist, in den Bereich der Schwerkraft so zu kommen, wie die Beinstummeln; es kommt nicht in den Bereich der Schwerkraft. Daher bewahrt das Ohr noch dasjenige weiter fort, was es als Anlage im vorirdischen Dasein in der geistigen Welt erhalten hat; es ist ein reines Abbild dieser geistigen Welten. Was ist denn aber in diesen geistigen Welten? Nun, davon habe ich oftmals gesprochen, die Sphärenmusik ist eine Realität, und sobald wir in die geistige Welt kommen, die hinter der Seelenwelt liegt, sind wir in einer Welt, die überhaupt in Laut und Ton, in Melodie und Harmonie und Lautzusammenklängen lebt. Und aus diesen Laut- und Tonzusammenhängen formt sich das menschliche Ohr heraus. Daher können wir sagen, in unserem Ohre haben wir eine Erinnerung an unser geistiges, vorirdisches Dasein; in unserer unteren menschlichen Organisation haben wir vergessen das vorirdische Dasein und den Organismus angepaßt an die Erdenschwerkraft, an alles dasjenige, was vom Gewicht kommt. So daß, wenn man richtig versteht die Formung des Menschen, die Gestaltung des Menschen, man immer sagen kann, irgendein Organsystem zeigt, daß es angepaßt ist an die Erde, aber ein anderes Organsystem zeigt, daß es noch angepaßt bleibt an das vorirdische Dasein. Denken Sie doch, daß wir ja eigentlich, auch wenn wir schon geboren sind, noch fortsetzen dasjenige, was schon im Keimeszustand veranlagt wird. Aufrecht gehen, uns vollständig einfügen in die Schwerkraft, uns orientieren in den drei Dimensionen des Raumes, das lernen wir erst, wenn wir schon geboren sind. Aber das Ohr reißt sich heraus aus diesen drei Dimensionen des Raumes und behält die Eingliederung, die Anpassung in und an die geistige Welt. Wir sind als Menschen immer so gebildet, daß wir zum Teile eben ein lebendiges Denkmal sind für dasjenige, was wir im Verein mit höheren Wesen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt gemacht haben, und auf der anderen Seite ein Zeugnis dafür, daß wir uns eingliedern in das Erdendasein, das von der Schwerkraft, von dem Gewichte beherrscht wird.
[ 5 ] Aber solche Umgestaltungen, sie sind nicht bloß in der Richtung verlaufend, wie ich eben gesagt habe, sondern auch in umgekehrter Richtung. Mit Ihren Beinen gehen Sie auf der Erde herum. Und Sie gehen — verzeihen Sie — zu guten, besseren und zu schlechteren Taten. Aber schließlich, für die Beinbewegungen bleibt es zunächst auf der Erde neutral, ob man zu guten oder zu bösen Taten geht. Aber ebenso wahr als es ist, daß sich der untere Mensch aus einer Ohranlage umwandelt zu demjenigen, als was er auf der Erde steht mit seinen Beinen, ebenso wahr ist es, daß alles Moralische, was durch das Gehen bewirkt worden ist, ob Sie zu guten oder zu schlechten Taten gegangen sind, sich umwandelt, nachdem der Mensch durch die Pforte des Todes gegangen ist — nicht gleich, aber nach einiger Zeit — in Töne und Laute.
[ 6 ] Wir nehmen also an, der Mensch sei zu einer schlechten Tat gegangen. Hier ist es höchstens so, daß wir nur verzeichnen können, wie sich die Beine bewegen. Aber den Beinbewegungen haftet die schlechte Tat an, wenn Sie durch die Pforte des Todes schreiten. Da verwandelt sich, nachdem der Mensch den physischen Leib abgelegt hat und nachdem er auch seinen Ätherleib abgelegt hat, alles, was in den Bewegungen der Beine lag, es verwandelt sich in einen Mißton, in eine Dissonanz in der geistigen Welt. Und der ganze untere Mensch verwandelt sich zurück in eine Kopforganisation. Die Art, wie Sie sich hier auf der Erde bewegen, wird, indem wir die moralische Nuancierung nehmen, zur Kopforganisation nach Ihrem Tode. Und Sie hören mit diesen Ohren, wie Sie sich moralisch benommen haben hier in der Erdenwelt. Ihre Moralität wird schöne, Ihre Unmoralität wird häßliche Musik. Und aus den konsonierenden oder dissonierenden Tönen heraus werden die Worte, wie von den höheren Hierarchien als Richtern gesprochen über Ihre Taten, von Ihnen gehört werden.
[ 7 ] So können Sie an dem Menschen selber sehen, wie durch Wandlung und Umwandlung der Übergang von der geistigen Welt in die sinnliche und von der sinnlichen wiederum in die geistige Welt stattfindet. Ihre Hauptesorganisation ist erschöpft in der gegenwärtigen Erdeninkarnation. Da ist die Hauptesorganisation dazu gediehen, innerhalb des Sinnlichen das Geistige wahrzunehmen. Aber das Haupt verfällt nach dem Tode. Der andere Mensch außer dem Haupte wandelt sich nach dem Tode wiederum zurück geistig in ein Haupt, in eine Hauptesorganisation, und dieser andere Mensch wird im nächsten Erdenleben wiederum ein Haupt. So drückt sich schon in der menschlichen Gestalt die Tatsache der wiederholten Erdenleben aus. Niemand versteht das Haupt des Menschen, den Kopf, wenn er ihn nicht ansieht als eine Umwandlung eines Leibes aus dem vorhergehenden Erdenleben. Niemand versteht den jetzigen Leib, wenn er in ihm nicht sieht den Keim eines Kopfes im nächsten Erdenleben. Und zum vollständigen Verständnis des Menschen gehört eben die Durchdringung dessen, was wir sinnlich wahrnehmen mit den Anschauungen über das Übersinnliche.
[ 8 ] Wir können nach dieser Richtung noch manches andere Konkrete anführen. Ich habe Ihnen das letzte Mal gesagt, als ich hier zu Ihnen sprechen durfte, der Mensch erlebt in der Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt den Zustand, daß er ganz eins wird in seinem Inneren mit den Wesen der höheren Hierarchien. Da vergißt er sich eigentlich. Er ist die höheren Hierarchien selber. Er würde niemals zu sich kommen, wenn er nicht wiederum auslöschen könnte dieses Fühlen der höheren Hierarchien in sich. Dann geht er gewissermaßen aus sich heraus; aber er kommt gerade dadurch zu sich selber. Hier auf Erden kommen wir zu uns selber, wenn wir von der Außenwelt absehen und uns in unser Inneres konzentrieren. Zwischen dem Tode und einer neuen Geburt kommen wir zu uns selber, wenn wir von dem absehen, was in uns ist — nämlich die höheren Hierarchien —, dann kommen wir zu uns selber. Und die Kräfte, die uns bleiben von diesem Zu-uns-selber-Kommen, das sind die Kräfte der Erinnerung, des Gedächtnisses. Die Kräfte, die uns bleiben von dem Verbundensein mit den anderen Wesen der höheren Hierarchien, das sind die moralischen Kräfte, die Kräfte der Liebe, wodurch wir unser eigenes Wesen auf Erden liebend über die anderen Wesen ausdehnen. So daß wir in dem Liebenkönnen hier auf dieser Erde einen Nachklang haben zu dem Leben in Einheit mit den höheren Hierarchien, und in dem Erinnern, in dem Gedächtnisse haben wir einen Nachklang zu dem anderen Zustand, in dem wir auch sind zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, zu dem Uns-Befreien von den höheren Hierarchien und Zu-uns-selber-Kommen.
[ 9 ] Nun sehen Sie, ich habe schon letzthin darauf hingedeutet, das ist etwas, was dem Atmungsprozeß ähnlich ist. Wir müssen einatmen, uns beleben; wir atmen sozusagen die Todesluft aus, denn in dem, was ausgeatmet wird, kann ja nicht gelebt werden. So atmen wir gewissermaßen geistig in der Welt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Wir vereinigen uns mit den Wesen der höheren Hierarchien, gehen wieder aus ihnen heraus. Hier auf dieser Erde haben wir einen Nachklang, ich möchte sagen, dieser Himmelsatmung. In dem, daß wir hier auf dieser Erde gehen können, passen wir uns der Schwerkraft der Erde an. Es ist das Gewicht. Umgewandeltes Ohr, habe ich gesagt. In einer ähnlichen Weise verspüren wir auch noch, wenn wir die Sache richtig betrachten können, wie wir in unserem Sprach-, in unserem Gesangsapparat eine Umwandlung desjenigen haben, was veranlagt ist in der geistigen Welt, die wir im vorirdischen Dasein durchmachen. Wir passen hier auf dieser Erde erst unsere Sprachorgane der Menschensprache an. In der Anlage zwischen dem Tode und einer neuen Geburt nehmen wir den Logos, das Weltenwort, die Weltensprache in uns auf, und aus dieser Weltensprache ist zunächst auch unser ganzes Sprach- und Gesangsorgan herausgebildet. So wie wir dieses nach unten sich streckende Ohr umwandeln in die Orientierungs- und Gehapparate, aber nicht so stark, wandeln wir auch das Sprach- und Gesangsorgan um. Beim Ohr, da bleibt nur ein treues Abbild, möchte ich sagen, desjenigen, was sich in der geistigen Welt im vorirdischen Dasein gebildet hat, beim Sprachorgan liegt die Sache mitten drinnen. Wir lernen ja erst Pech hier auf der Erde. Aber das ist eigentlich nur eine Illusion. In Wahrheit bildet uns die Weltensprache unseren Kehlkopf und unsere ganzen Sprach- und Gesangsorgane. Nur vergessen wir den Weltenlogos, indem wir uns zur Erde neigen und durch das Keimesleben durchgehen. Und das, was sich ins Unbewußte hineingedrängt hat, das frischen wir hier auf, indem wir uns die Menschensprache aneignen.
[ 10 ] Aber in dieser Menschensprache, da ist in Wahrheit im Grunde genommen sowohl das Irdische deutlich wahrnehmbar, wie auch dasjenige, was vom Geistigen gebildet ist. Wir könnten keine Konsonanten sprechen, wenn wir nicht uns anpassen könnten an die Dinge der Außenwelt. In den Konsonanten haben wir immer Nachbildungen desjenigen, was die Außenwelt uns darbietet. Derjenige, der dafür ein Gefühl hat, der wird schon fühlen, wie ein Konsonant an etwas Eckiges, der andere an etwas Samtartiges ihn erinnert. Im Konsonanten haben wir etwas, worin wir uns anpassen an die Formen, an die Gestaltungen der Außenwelt. In den Vokalen geben wir unser eigenes Inneres. Wer A sagt, weiß, daß er etwas, was in seiner Seelenverfassung wie Verwunderung, wie Staunen lebt, im A zum Ausdrucke bringt. Im O ist ebenfalls ein Inneres, und jeder Vokal drückt ein Inneres aus.
[ 11 ] Sehen Sie, es wird einmal eine von Geisteswissenschaft durchdrungene interessante Wissenschaft geben, die konstatieren wird, daß in Sprachen, in denen die Konsonanten vorwiegen, viel weniger die Menschen moralisch angeklagt werden können, weil sie viel weniger verantwortlich sind für ihre Taten als in solchen Sprachen, wo die Vokale vorwiegen. Denn die Vokale sind der Nachklang an unser Zusammenleben mit den geistigen Hierarchien. Das bringen wir mit, das tragen wir hier auf die Erde herein. Und es bleibt in uns. Es ist unsere eigene Offenbarung. In den Konsonanten passen wir uns an die äußere Welt an. Die ist irdisch, die Konsonantenwelt. Und würden wir uns eine Sprache denken können, die nur Konsonanten hat, so würde diese Sprache eine solche sein, von der etwa ein Eingeweihter sagen würde: Sie ist für das Irdische; willst du das Himmlische haben, dann mußt du die Vokale dazunehmen. Aber da gib acht, denn da wirst du dem Göttlichen gegenüber verantwortlich, das darfst du nicht so profan behandeln wie die Konsonanten.
[ 12 ] Das haben ja die alten Hebräer getan. Da haben Sie ja die Vokale nur angedeutet, die Konsonanten bloß geschrieben. Kurz, in unserer Sprache klingt zusammen das Himmlische und das Irdische, Und wiederum sehen wir, wie wir etwas, das dem mittleren Menschen angehört, haben, was gleichsam nach zwei Seiten hingeordnet ist: nach dem Himmlischen und nach dem Irdischen. Der Kopf ist ganz nach dem Himmlischen hingeordnet, der andere Mensch nach dem Irdischen, strebt aber nach dem Himmlischen hin, strebt dahin so, daß er es wird, wenn er durch die Pforte des Todes getreten ist. Der mittlere Mensch, dem die Atmung angehört, und der Atmung eingegliedert Gesang und Sprache, verbindet das Himmlische mit dem Irdischen. Daher ist dieser mittlere Mensch in jeder Beziehung vorzugsweise die künstlerische Veranlagung des Menschen, die immer das Himmlische mit dem Irdischen verbindet. So können wir auch sagen: Nun ja, wenn wir den werdenden Menschen betrachten, er wird geboren ohne Orientierung in der Welt, er kann noch nicht gehen, nicht stehen. Er hat zwar schon die Anlage, sich der Schwerkraft einzuordnen; das hat er schon vor der Geburt bekommen, indem die Schwerkraft sich seiner bemächtigt hat außerhalb des Kopfes. So etwas wie das Ohr und das Auge sind der Schwerkraft entrungen gewesen. Wir haben die Orientierung im Raume sich ausdrückend in dem Lernen des aufrechten Gehens und Stehens. Wir lernen das erst fertig, wenn wir schon geboren sind. Aus der geistigen Welt werden wir noch nicht so gestaltet, daß wir die Orientierung im Raume vollständig haben. Wenn wir so orientiert wären, könnten wir auf der Erde vielleicht schlafen, denn schließlich das Gehörknöchelchen, das den Fuß darstellt, das ist horizontal gerichtet. Wir könnten allenfalls schlafen, aber wir könnten nicht gehen. Ähnliches müssen wir vom Auge sagen. Also das eine, was wir fertiglernen hier auf der Erde, das ist die Anpassung unseres vorirdisch Erworbenen an die Schwerkraft der Erde. Das zweite, indem wir die Sprache und den Gesang lernen, ist die Anpassung an die Umgebung im Umkreis der Erde. Und dann lernen wir noch denken. Denn wir werden tatsächlich unorientiert zum Gehen und Stehen, sprachlos und nun schließlich auch gedankenlos geboren. Denn man kann nicht sagen, die kleinen Kinder können schon denken. Diese drei Dinge lernen wir fertig auf Erden. Aber diese Dinge sind alle drei metamorphosierte andere Fähigkeiten, die wir haben im vorirdischen Dasein. Sie zeigen alle drei, wie sie lebendige Denkmäler sind dessen, was im vorirdischen Dasein veranlagt war auf geistige Weise.
[ 13 ] Nun aber, das letzte Mal habe ich Ihnen gezeigt: die Erinnerung ist hier auf der Erde der Nachklang unseres Bei-sich-Seins in der geistigen Welt. Die Liebe in allen Formen ist der Nachklang unseres Ausgegossenseins in die Welt der höheren Hierarchien. Und jetzt haben wir eigentlich schon unsere körperlichen Fähigkeiten, Gehen, Sprechen, Singen und Denken — das ist nur ein Vorurteil, wenn man glaubt, daß das Denken auf der Erde eine geistige Fähigkeit ist, das Erdendenken ist durchaus an den physischen Leib gebunden, ebenso wie das Gehen —, so daß wir die körperlich hervorragendsten Eigenschaften als Umwandlung, als Metamorphose vom Geistigen haben. Seelisch die hervorragendsten seelischen Fähigkeiten, Erinnerung, Liebe, Umwandlung aus dem Geistigen. Und was wir auf der Erde Geistiges haben, was ist denn das? Das ist gerade die sinnliche Wahrnehmung. Daß wir sehen, daß wir hören, daß wir riechen, schmecken und so weiter, das ist gerade die sinnliche Wahrnehmung, und die Organe dieser sinnlichen Wahrnehmung, die auf der äußeren Peripherie unseres Organismus liegen, die werden gerade aus den höchsten geistigen Regionen heraus gebildet. Aus der Sphärenharmonie das Ohr. So stark wird das Ohr aus der Sphärenharmonie heraus gebildet, daß es geschützt bleibt vor der Schwerkraft. Und die ganze Einlagerung des Ohres in dieser Flüssigkeit bezweckt, daß das Ohr geschützt ist gegen die Schwerkraft. Das Ohr ist auch in die Flüssigkeit so hineingelagert, daß die Schwerkraft nicht heran kann; dieses Ohr ist wirklich nicht ein Erdenbürger, dieses Ohr in seiner ganzen Organisation ist ein Bürger der höchsten geistigen Welt. Ebenso das Auge, und ebenso die anderen Sinnesorgane. Sehen wir auf den Körper im Gehen, Sprechen, Singen, Denken, so haben wir da die Umwandlung von Geistigem im vorirdischen Dasein. Sehen wir das Seelische, Erinnerung und Liebe: Umwandlung von Geistigem im vorirdischen Dasein. Sehen wir auf die Sinne: sie sind gerade Umwandlung des höchsten Geistigen im vorirdischen Dasein.
[ 14 ] Hier ist es, wo wir mit anthroposophischer Geisteswissenschaft auf der einen Seite anknüpfen an den Goetheanismus, an dasjenige, was Goethe schon wußte, wo wir aber, ganz im Goetheschen Stile natürlich, weitergehen. Ich habe oftmals den Satz zitiert aus Goethe: Das Auge wird «am Lichte fürs Licht» gebildet. — Ja, aber nicht an dem Licht und für das Licht, das wir sehen. Das Licht, das wir sehen, von dem könnte nie ein Auge gebildet werden in seinen inneren Formkräften. Aber nehmen Sie einen Menschen, ein menschliches Antlitz. Nehmen Sie dieses menschliche Antlitz, die erhabene Stirn, die vorspringende Nase, die Augen, die Physiognomie. Wir fügen die Geste hinzu. Würden wir das bloß durch einen Registrierapparat räumlich aufnehmen, bekämen wir allerdings die Formen. Aber wenn wir einen Menschen anschauen, sind wir nicht damit zufrieden, daß wir räumlich die Formen mit einem Registrierapparat aufnehmen könnten, sondern wir schauen durch die räumlichen Bewegungen der Gesten auf das Seelische, das dahinter liegt. Sonnenlicht dringt zu uns. Draußen ist die Sonne, Sonnenlicht kommt zu uns. Das ist die vordere Seite. Die hintere Seite des Sonnenlichtes, der Geist des Sonnenlichtes ist dahinter. Und in dieser Seele und in diesem Geiste sind wir drinnen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Da ist das Licht etwas anderes. Wenn Sie vom Blick sprechen und Sie meinen das Seelische, das uns durch das Auge entgegenkommt, so meinen Sie eigentlich das, was hinter dem Auge liegt im Seelischen. Wenn ich jetzt von dem Geistigen im Lichte spreche, meine ich auch dasjenige, was in der Sonne dahinter liegt. Das ist der Geist des Lichtes, das ist die Seele des Lichtes. Das Auge, das schon fertig ist, sieht die Vorderseite des Lichtes, das Physische. Aber das Auge wird von dem Geistigen, von dem Seelischen des Lichtes, von dem, was dahinter liegt, gebildet. So müßte man sagen, wenn man den Goetheschen Satz verstanden hat: Das Auge sieht das Licht, wird aber gebildet durch die Seele, durch den Geist des Lichtes, bevor es hier auf dieser Erde physische Wesenheit annimmt.
[ 15 ] Im ganzen Menschen sehen wir umgestaltete geistige Wesenheit, die wiederum zurückgestaltet wird. Sie übergeben mit dem Tode der Erde Ihre physischen Sinnesorgane. Aber dasjenige, was in den physischen Sinnesorganen lebt, das leuchtet auf zwischen dem Tode und einer neuen Geburt und wird gerade Ihr inneres Zusammensein mit den geistigen Wesenheiten der höheren Hierarchien. Und jetzt begreifen Sie, inwiefern die irdische tönende Welt der physische Abglanz der Himmelssphärenharmonien ist und wie der Mensch nicht ein Ergebnis dieser Erdenkräfte ist, sondern ein Ergebnis der Himmelskräfte und sich in diese Erdenkräfte hineinstellt. Und wir sehen, wie er sich hineinstellt. Er würde Ohr nach unten, und müßte, wenn er in dieser Situation bliebe, jedenfalls nicht gehen, sondern er müßte eine andere Art der Bewegung bekommen, er müßte sich auf den Wellen der Weltenharmonien bewegen, so wie sich im kleinen Nachbilde das Ohrknöchelchen auf den Wellen des Trommelfelles bewegt. Mit dem Ohre lernen wir hören, mit dem Kehlkopf und den Organen, die gegen den Mund zu liegen bis zum Munde hin, lernen wir sprechen und singen.
[ 16 ] Sie hören, sagen wir, irgendein Wort: «Baum.» Sie können selbst das Wort «Baum» sprechen, verbinden damit einen Sinn. Was heißt das: Sie hören das Wort «Baum»? Das heißt, es lebt in Ihrem Ohre auf die Art, wie ich es jetzt geschildert habe, in Organen, die himmlischen Tätigkeiten nachgebildet sind, dasjenige, was Sie in dem einfachen Wort «Baum» aussprechen. Sie können das Wort «Baum» sagen. Was bedeutet das, Sie können das Wort «Baum» sagen? Das bedeutet, die irdische Luft wird durch den Kehlkopf und die Werkzeuge Ihres Mundes und so weiter in eine solche Formation gebracht, daß das Wort «Baum» zur Offenbarung kommt. Aber das ist das zweite Ohr gegenüber dem Hören. Das dritte ist aber etwas anderes, das nur nicht genügend wahrgenommen wird. Wenn Sie das Wort «Baum» hören, dann sprechen Sie mit Ihrem ätherischen Leibe leise — nicht mit ihrem physischen Leibe, aber mit ihrem ätherischen Leibe —, leise auch «Baum». Und durch die sogenannte eustachische Trompete, die vom Munde in das Ohr geht, tönt ätherisch das Wort «Baum» dem von außen kommenden Wort «Baum» entgegen. Die zwei begegnen sich und dadurch verstehen Sie das Wort «Baum». Sonst würden Sie das hören, und es wäre irgend etwas. Verstehen tun Ste es dadurch, daß Sie dasjenige, was von außen kommt, durch die eustachische Trompete zurücksagen. Und indem so die Schwingungen von außen sich begegnen mit den Schwingungen von innen und sich ineinanderlegen, versteht der innere Mensch dasjenige, was von außen kommt.
[ 17 ] Sie sehen, wie wunderbar die Dinge im menschlichen Organismus ineinandergreifen. Damit ist aber etwas anderes verbunden, und das ist das Folgende. Stellen Sie sich vor, Sie haben die Absicht, den Menschen kennenzulernen in bezug auf seine Ohrenorganisation, Augenorganisation und Nasenorganisation und so weiter. Gut. Sie sagen sich, die Wissenschaft ist großartig vorgeschritten, und diese Fortschritte der Wissenschaft sind ja heute zwar etwas teuer zu erhalten, aber man kann sie immerhin doch erhalten, wenn man sich die nötigen Mark verschafft; man kauft sich eine Physiologie oder Anatomie, je nachdem man eben die Gestalt oder die Funktionen kennenlernen will, oder man läßt sich einschreiben an einer Universität und hört sich an, was da gesagt wird über das Auge, das Ohr, oder man liest es. Sie können ja dabei sehr vieles lernen, aber ich glaube, in einem gewissen Sinne bleibt Ihr Gemüt dabei doch kalt. Es ist schon so, es bleibt das Gemüt kalt. Lassen Sie sich ein Ohr beschreiben von der äußeren Physiologie: Ihr Gemüt bleibt kalt, wird gar nicht engagiert. Die Sache ist in diesem Sinne recht objektiv. Wenn ich Ihnen aber die Sache so beschreibe, wie ich Ihnen jetzt beschrieben habe, wie das Verstehen des Wortes «Baum» zustande kommt, wie das Ohr ein Nachbild ist von himmlischer Tätigkeit, ich möchte einmal diejenige Seele kennenlernen, die dabei nicht in ein Gefühlsleben kommt, die nicht das Wunderbare der Sache empfindet, die nicht auch etwas fühlt bei einer solchen Darstellung. Man müßte ja wirklich innerlich vertrocknet sein, wenn man nicht von einer solchen Darstellung — gewiß, sie ist heute unvollkommen gegeben worden, sie könnte noch vollkommener gegeben werden, da würde das noch stärker hervortreten — zur Bewunderung der Welt und zur Bewunderung des Hereingestelltseins des Menschen aus der geistigen Welt in die physische käme.
[ 18 ] Das ist das, was anthroposophische Geisteswissenschaft hat. Sie stellt ebenso objektiv dar wie die andere Wissenschaft. Denn da ist gar nichts Subjektives hineingemischt, wenn ich beschreibe, daß das Ohr aus den Himmelssphären heraus gestaltet ist. Aber sogleich wird das Gefühl, das Gemüt engagiert. Das zweite Glied des menschlichen Seelenlebens, das innig zusammenhängt mit dem, wie wir sind als ganze Menschen, wird dabei engagiert. Mit anderen Worten: das, was der Kopf erwirbt durch solche Wissenschaft, davon wird zugleich das Herz engagiert. Dadurch geht anthroposophische Wissenschaft auf das Herz des Menschen, sie ist nicht Kopfwissenschaft, ist Wissenschaft, die zugleich auf das Herz geht; füllt nicht nur den Kopf, sondern füllt den Menschen an, der Blutkreislauf zugleich hat, der Herz hat. Und wiederum, wenn Sie das ernst nehmen, was ich gesagt habe, wenn wir unsere Beine bewegen, nun ja, man kann den Mechanismus der Beinbewegung heute studieren. Aber nehmen Sie sich so ein Physiologiebuch, lassen Sie sich den Mechanismus der Beinbewegung auseinandersetzen, eines wird ganz gewiß bei Ihnen nicht angeregt: das Verantwortlichkeitsgefühl. In dem Augenblick, wo Sie erfahren, daß dasjenige, wozu, zu etwas Gutem oder etwas Schlechtem, die Beine sich bewegen, Ihnen nach dem Tode von Götterwelten entgegenklingt als Konsonanz oder Dissonanz, und die richtenden Worte über Ihre Handlungen Ihnen entgegenklingen, in demselben Augenblicke wird das Wissen von dem Menschen begleitet von dem Verantwortlichkeitsgefühl, das die Willenshandlungen dann begleitet. Und nicht nur unser Gefühlsleben, sondern auch unser Willensleben wird in Anspruch genommen von demjenigen, was wir ebenso objektiv lernen zunächst für den Kopf wie die äußere Wissenschaft. Aber es stößt in den Gefühlsmenschen und in den Willensmenschen hinein. Daher spricht anthroposophische Wissenschaft zu dem ganzen Menschen, während wir immer mehr und mehr dazu gekommen sind, nur dasjenige als Wissen zu betrachten, was nur zum Kopfe spricht. Aber was nur zum Kopfe spricht, läßt das Gemüt kalt und den Willen nimmt es gar nicht in Anspruch.
[ 19 ] Wir stehen einmal in dieser Krisis darinnen. Daher aber muß auch das Wissen von den übersinnlichen Welten durch den ganzen Menschen erworben werden. Schon wenn man zur imaginativen Erkenntnis aufsteigt, muß man diese imaginative Erkenntnis in Tätigkeit erwerben. Die gewöhnliche Erkenntnis, sie erwirbt man sich in gewissen Kreisen, die besonders geeignet sind, sie zu erwerben; man ochst sie ein. Also man erwirbt sie sich, und man einverleibt sie dem Gedächtnisse. Kommt man durch solche Übungen, wie ich sie beschrieben habe in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» dazu, imaginative Erkenntnisse zu erwerben, oder ist man dazu veranlagt, daß einem die geistig-begriffliche Welt als Veranlagung mitgegeben ist, wie ich es beschrieben habe in meinem Buche über «Goethes Weltanschauung», ist man dadurch schon im ätherischen Erkennen darinnen, das zugleich ein Erleben ist, dann muß man sich nicht so passiv an die Welt hingeben. Man kann nicht Geisteswissenschaften ochsen — vielleicht ein schlechter Witz —, daher diejenigen, welche nur das Ochsen gewohnt sind, die Geisteswissenschaft verachten. Aber, nicht wahr, sie muß tätig erworben sein, Geisteswissenschaft. Man muß innerlich etwas tun dabei, in Regsamkeit sein, und dabei ist es noch immer so, daß sich dasjenige, was man zunächst in Imagination erwirbt, bald verliert. Es ist flüchtig, es verschwindet bald. Dem Gedächtnisse verleibt es sich nicht leicht ein. Nach drei Tagen ist sicher alles verschwunden, was man oben — also nur durch die gewöhnliche Anstrengung, daß man es zur Imagination gebracht hat — erreicht hat. Deshalb verfällt auch nach drei Tagen die Erinnerung im Ätherleibe nach dem Tode. Das ist dieselbe Tätigkeit. Man erinnert sich nach dem Tode durch seinen Ätherleib drei Tage ungefähr. Es ist verschieden. Sie können darüber nachlesen in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß». Aber ungefähr drei Tage erinnert man sich, solange man den Ätherleib hat. Und ebenso weiß derjenige, der sich ein ätherisches Erkennen erworben hat, daß das nach drei Tagen verflogen ist, wenn er nicht alle Anstrengungen macht, es herunterzubekommen zu gewöhnlichen Begriffen.
[ 20 ] Ich habe mir früher immer damit geholfen, daß ich alles dasjenige, was so errungen wurde, immer gleich niedergeschrieben oder in Zeichnungen niedergelegt habe; da ist nur der Kopf in Tätigkeit. Das ist nicht ein mediales Schreiben; es ist auch nicht aus dem Grunde niedergeschrieben, daß es nachher gelesen werden kann. Das würde auch ungeheuer schwer sein bei dem jetzigen Leben. Ich habe jetzt wieder, wie ich in Berlin war, gesehen, was für Stöße von Notizbüchern da aufgestapelt sind. Wollte ich irgend etwas davon lesen, so hätte ich es eben nicht, wenn ich in Dornach oder in Stuttgart bin. Es handelt sich nicht um das nachträgliche Lesen, sondern es handelt sich darum, in der Tätigkeit zu sein, die Kopftätigkeit ist. Dann vereinigt man das imaginative Denken mit dem gewöhnlichen Denken. Dann kann man es erinnern. Dann kann man darüber Vorträge halten. Wenn man nicht solche Anstrengungen machte, könnte man höchstens am nächsten Tag darüber reden; dann wäre es verschwunden, ebenso wie die Rückschau nach dem Tode nach drei Tagen verschwunden ist.
[ 21 ] Sie sehen daraus also, daß schon das imaginative Denken sich an den ganzen Menschen richtet, und daß der ganze Mensch leben muß in einer solchen imaginativen Erkenntnis. Das ist bei den höheren Erkenntnissen noch viel mehr der Fall. Nun brauchen Sie sich nicht zu verwundern, daß dann auch eine solche Erkenntnis den ganzen Menschen anspricht. Aber man merkt dann auch, daß in der Welt eben noch vieles andere ist als dasjenige, was für die äußeren Sinne wahrnehmbar ist. Und man merkt vor allen Dingen, wie es möglich ist, in einer Welt zu leben, in der der Raum keine Bedeutung mehr hat. Das Musikalische ist schon ein Vorgeschmack, möchte ich sagen, für das Unräumliche. Denn das Räumliche ist ja draußen eigentlich, sagen wir, äußerlich vorhanden. Aber im Innerlichen, in dem, was durch das Musikalische eigentlich realisiert wird, da spielt ja das Räumliche höchstens im-Nachklang eine Rolle. Aber bei der imaginativen Erkenntnis hört nach und nach das Räumliche ganz auf. Es wird alles zeitlich. Das Zeitliche im Imaginativen hat da die Bedeutung wie das Räumliche im Physischen. Und das führt jetzt zu etwas anderem. Das führt dazu, einzusehen, daß das Zeitliche ein Bleibendes eigentlich ist. Das Zeitliche ist wirklich ein Bleibendes. Und der, der zur imaginativen Erkenntnis aufsteigt, der lernt eben allmählich zunächst in jedem Punkte seines gewesenen Erdenseins wahrzunehmen. Man wird wiederum achtzehnjährig, wenn man schon ein ganz alter Kerl ist. Man nimmt die Jugend mit derselben Lebendigkeit wahr, wie man sie als Achtzehnjähriger wahrnimmt. Ich meine so: nehmen Sie an, Sie haben, als Sie achtzehn Jahre alt waren, eine Ihnen nahestehende Persönlichkeit verloren. Denken Sie, wie lebendig es war, was Sie erlebt haben dabei. Denken Sie, wie blaß das ist in der Erinnerung nach dreißig Jahren, es braucht nicht dreißig Jahre zu sein; es wird blaß, Selbst beim gefühlvollsten Menschen wird es blaß. Es muß auch im äußeren Erdenleben so sein. Aber deshalb, weil das verglimmt in der späteren Gegenwart, bleibt es dennoch vorhanden als wirkliches Glied der menschlichen Wesenheit. Und man kann sich in der Tat wieder zurück versetzen und man wird auch zurückversetzt nach dem Tode. Da erlebt man dasselbe mit derselben Intensität wieder. Das gehört zum Menschen: was er durchgemacht bat, bleibt, ist nur für die Anschauung ein Vergangenes. Daher hat es auch seine Bedeutung.
[ 22 ] Würden Sie mit sieben Jahren geboren werden, also bis zum siebenten Jahre, sagen wir, in irgendeiner anderen Form des Daseins, zum Beispiel im Embryonalzustand sein, dann erst geboren werden, aber so geboren werden, daß Sie gleich die zweiten Zähne bekämen, daß Sie also die ersten Zähne schon während des Embryonalzustandes bekommen hätten, dann würden Sie niemals religiöse Menschen werden können. Denn die Veranlagung zur Religiosität würde nicht mehr weiterwirken können in ein solches Erdenleben hinein. Alles, was Sie an Religiosität in sich tragen, tragen Sie deshalb in sich, weil die ersten sieben Jahre des Lebens in Ihnen stecken. Sie nehmen sie nicht wahr als eine Gegenwart, aber sie stecken doch als Gegenwart in Ihnen. Wir sind ganz hingegeben an die Außenwelt in den ersten sieben Jahren. Darin ist religiöse Stimmung. Wir übertragen nur diese Stimmung auf anderes. In den ersten sieben Jahren haben wir den Nachahmungstrieb für alles, was uns umgibt. Später ist diese selbe Stimmung für Hingabe an Seelisch-Geistiges. — Und wenn wir im vierzehnten Jahre geboren würden, gleich geschlechtsreif, dann würden wir niemals moralische Menschen werden. Denn das Moralische müssen wir uns in innerer Ausbildung des Rhythmus zwischen dem siebenten und vierzehnten Jahre erwerben. Daher haben wir auch in der Volksschulerziehung so großen Einfluß auf die moralische Erziehung des Menschen. Dieses tragen wir später in uns. Wir tragen ja immer alles in uns. Wenn Sie sich in die große Zehe schneiden, dann ist das sehr weit vom Kopfe weg, aber Sie erleben doch durch den Kopf den Schmerz, den Sie da spüren. Wenn Sie heute religiös fühlen, so ist eigentlich das in Ihnen tätig, was Sie nur in bezug Auf das Äußere seelisch bis zu Ihrem siebenten Jahre, bis zum Zahnwechsel erlebt haben. So wie Sie den Schmerz an der Zehe in Ihrer Kopftätigkeit spüren, so ist dasjenige, was Sie bis zu Ihrem siebenten Jahre erlebt haben, bei Ihrem vierzigsten Jahre tätig. Es ist da.
[ 23 ] Das hat eine wichtige Konsequenz. Es gibt sehr viele Leute, die sagen: Nun ja, anthroposophische Geisteswissenschaft ist ja ganz hübsch, unterrichtet uns von den übersinnlichen Welten; aber wozu braucht man denn das zu wissen von den Erlebnissen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt? Wenn man stirbt, kommt man ja doch in diese Welten, da wird man das ja noch rechtzeitig genug erfahren. Wozu braucht man sich anzustrengen zwischen der Geburt und dem Tode? Man kommt ja doch hinein. — Ja, meine lieben Freunde, die Sache ist aber nicht so. Denn das Zeitliche ist Realität. Wie hier in der physischen Welt das Räumliche Realität ist, so ist für die übersinnliche Welt das Zeitliche und sogar das Überzeitliche Realität. Hier steckt im späteren Leben der kindliche Mensch noch in Ihnen. Wenn Sie durch die Pforte des Todes gehen, steckt überhaupt die ganze Zeit in einem einzigen Augenblick in Ihnen, gehört zu Ihnen, zu Ihrer Organisation. Sie können, indem Sie Mensch hier im Raume sind, sagen: Wozu brauche ich denn ein Auge? Das Licht ist ja doch um mich herum. Das Auge hat ja weiter keine Bedeutung, als das Licht zu sehen; aber herum ist es doch um mich. — Ja, so redet der auf einem anderen Gebiet, der sagt: Wozu brauchen wir Geisteswissenschaft auf Erden? Wenn wir ins Geisterreich einziehen, ist ja doch das geistige Licht um uns herum. — Das ist geradeso gescheit, wie wenn einer sagt: Das Licht ist ohnedies da, wozu brauche ich ein Auge? — Was jemand durch anthroposophische Geisteswissenschaft erfährt, das ist ja dann nicht verloren, das ist dann das Auge, wodurch er das geistige Licht wahrnimmt. Und wenn er hier auf Erden in unserem jetzigen Stadium der Menschheitsentwickelung keine geistige Wissenschaft entwickelt, dann hat er kein Auge, durch das er die geistige Welt wahrnehmen kann, und er ist wie geblendet durch das, was er erlebt.
[ 24 ] In alten Zeiten war es so, daß die Leute noch als Nachblüte ihres vorirdischen Lebens ein instinktives Hellsehen hatten. Dieses ist vergangen und verglommen. Das ist nicht mehr da, dieses instinktive Hellsehen. Die Menschen mußten sich in einem Zwischenstadium das Freiheitsgefühl erwerben. Aber die Menschen sind wiederum in das Stadium eingetreten, wo sie ein Auge brauchen für die geistige Welt, in die sie eintreten nach dem Tode. Und dieses Auge werden sie nicht haben, wenn sie es sich nicht hier auf Erden erwerben. So wie das physische Auge im vorirdischen Dasein erworben werden muß, so muß das Auge für das Wahrnehmen des Übersinnlichen nach dem Tode hier durch Geisteswissenschaft, durch geistiges Erkennen erworben werden. Nicht durch Hellsehen, das ist jedes Menschen eigene Sache, aber durch Verstehen mit dem gesunden Menschenverstande dessen, was durch die hellseherische Forschung erkundet wird. Es ist einfach nicht wahr, wenn gesagt wird, man muß selber in die geistige Welt hineinsehen, wenn man die Dinge glauben wollte, die die Hellseher sagen. O nein, so ist es nicht. Man gebrauche seinen gesunden Menschenverstand, und man wird einsehen, daß das Ohr eigentlich Himmelsorgan ist, man wird das durch seinen gesunden Menschenverstand einsehen. Gefunden werden kann eine solche Tatsache nur durch die hellseherische Forschung, wenn sie aber gefunden ist, kann sie durchschaut werden. Man muß sich nur darauf einlassen, die Sache durchzudenken und durchzufühlen. Und dieses Erkennen durch den gesunden Menschenverstand desjenigen, was aus der geistigen Welt heraus gegeben ist, nicht das Hellsehen, sondern dieses Erkennen, das gibt das geistige Auge nach dem Tode. Dieses geistige Auge muß sich der Hellseher ebenso erwerben, wie es der andere Mensch auch erwerben muß. Was man durch imaginative Erkenntnis erworben hat, was man erschaut hat, verfällt nach wenigen Tagen. Es verfällt nur dann nicht, wenn man es auf den Standpunkt des gewöhnlichen Begreifens heruntergebracht hat. Man ist gezwungen, diese Sache dann ebenso zu begreifen, wie sie der begreift, dem man sie mitteilt. Denn dasjenige, was die Aufgabe des Menschen auf Erden ist, ist ja nicht unmittelbar das Hellsehen. Das Hellsehen muß nur da sein, damit man die übersinnlichen Wahrheiten finden kann. Aber das, was die Aufgabe des Menschen auf Erden ist, ist das Begreifen der übersinnlichen Wahrheiten mit dem gewöhnlichen gesunden Menschenverstand.
[ 25 ] Das ist außerordentlich wichtig. Gerade das wollen auch feinere Geister der Gegenwart nicht zugeben. Als ich in Berlin einmal vor einiger Zeit in einem Öffentlichen Vortrage das auseinandersetzte, da behauptete jemand, das wäre eine besondere Sünde gewesen, daß ich sagte, Geisteswissenschaft ist mit dem gesunden Menschenverstande einzusehen, denn — er stellte das nun als ein Dogma hin — der Verstand, der gesund ist, der sieht nichts Geistiges ein, und der, welcher Geistiges einsieht, von dem kann man sagen, daß er nicht gesund ist. Das wurde als eine Kritik tatsächlich eingewendet. Diese Dinge sind sehr charakteristisch, denn es beruht ja auf nichts anderem, als daß die Menschen sagen: Wer etwas Geistiges behauptet, hat überhaupt einen kranken Verstand. — Zu größerer Weisheit braucht man sich eben nicht aufzuschwingen als zu dieser. Aber diese Weisheit ist leider eine heute sehr verbreitete. Sie werden daraus ersehen, wie wahr das ist, was ich immer gesagt habe, daß heute die Zeit wieder gekommen ist, wo die Menschheit darauf angewiesen ist, Geistiges aufzunehmen, Geistiges sich einzuverleiben, mit Geistigem zu leben. Deshalb sollten wir nicht nur theoretisch anthroposophische Geisteswissenschaft erwerben, sondern wir sollten uns bewußt sein, daß in denjenigen, die diese Geisteswissenschaft erwerben, das Bewußtsein leben muß, den Kern einer Menschheit zu bilden, die sich immer mehr und mehr ausbreitet, und wiederum den erst ganz als Menschen ansieht, der sich seines Zusammenhanges mit dem Geistigen bewußt ist. Dann kommt nämlich über die Menschheit ein großartiges Gefühl, ein Gefühl, das vor allen Dingen auch wichtig ist, pädagogisch und didaktisch verarbeitet zu werden. Die gewöhnliche Kopferkenntnis ist eigentlich moralisch neutral. Sobald wir ins geistige Gebiet hinaufkommen, fühlen wir das geistige Gebiet überall durchdrungen von Moralität. Sie brauchen sich nur an das zu erinnern, was ich gesagt habe: im Zusammensein mit den höheren Hierarchien bilden wir die Liebe aus. Moralität auf Erden ist nur ein Nachbild eines Erlebnisses in den himmlischen Sphären. Aber wie erleben wir dann dasjenige, was wir «gut» nennen? Wir erleben es so, daß wir sagen: Der Mensch ist in Wahrheit nicht nur ein physisches, er ist auch ein geistiges Wesen. Wenn er wirklich sich in die geistige Welt einlebt, dann lernt er mit dem Geiste das Gute in sich aufnehmen.
[ 26 ] Das ist im wesentlichen auch der Grundgedanke der «Philosophie der Freiheit». Der Mensch lernt mit dem Geiste das Gute aufnehmen. Wenn er das Gute nicht aufnimmt, ist er kein ganzer Mensch. Er ist ein verstümmelter, ein verkrüppelter Mensch. Er ist so, wie wenn ihm beide Arme weggeschossen wären. Wenn ihm beide Arme genommen sind, ist er physisch verkrüppelt. Wenn ihm das Gute fehlt, ist er seelisch-geistig verkrüppelt. Wandeln Sie diesen Gedanken mit seiner Wirkung auf Gefühl und Willen pädagogisch-didaktisch um und richten Sie die Erziehung so ein, daß der Mensch ein lebendiges Gefühl hat, wenn er geschlechtsreif wird, bis dahin muß es ausgebildet sein: Ich bin kein ganzer Mensch, ich habe nicht das Recht, mich Mensch zu nennen, wenn ich nicht gut bin — dann haben Sie einen guten moralischen Unterricht, einen moralischen Menschheitsunterricht gegeben, während alles Pochen auf moralisches Predigen und so weiter nichts ist. Nun, wenn Sie den Menschen so erziehen, daß er in sich das Moralische zu seinem Menschen, zu seinem individuellen Menschen gehörig betrachtet, und sich verkrüppelt fühlt, wenn er nicht das Moralische hat, eben gerade sich nicht ganz als Mensch fühlt, wenn er das Moralische nicht hat, kurz, wenn er das Moralische ganz in sich entdeckt, dann werden zwar allerlei Philosophen das schrecklich finden und es undeutsch, oder wie man will, nennen, während es gerade das reinste deutsche Produkt jedenfalls ist; aber es ist etwas, was das Geistige dann so nahe als möglich an den Menschen heranbringt, und zwar, wie wir heute es heranbringen müssen an das unmittelbar einzelne menschliche Individuum, weil nur die einzelne menschliche Wesenheit, das menschliche Individuum in dem heutigen Zeitalter zu seiner eigenen vollen Verantwortung kommt.
