The Relationship of Man to the Starry World
The Spiritual Communion of Mankind
GA 219
15 December 1922, Dornach
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The Relationship of Man to the Starry World, tr. SOL
Vierter Vortrag
Fourth Lecture
[ 1 ] Erinnern wir uns an die Auseinandersetzungen, die ich Ihnen für das Erleben des Menschen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt gegeben habe. Wir haben aus den verschiedenen Darstellungen die Einsicht gewinnen können, daß dieses Leben des Menschen, vor allen Dingen in seiner Hauptzeit, um die Mitte des Zeitraumes zwischen dem Tode und einer neuen Geburt verläuft, daß der Mensch dann in Gemeinschaft lebt mit denjenigen Wesenheiten, welche in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» angeführt sind als die Wesenheiten der höheren Hierarchien. Dieses Leben mit den Wesenheiten der höheren Hierarchien ist ein solches, wie es hier für den Menschen, der in seinem physischen Leibe wohnt, mit Bezug auf die Wesenheiten der drei Naturreiche ist.
[ 1 ] Let us recall the explanations I have given you regarding the human experience between death and a new birth. From the various descriptions, we have been able to gain the insight that this life of the human being—especially during its main phase, around the middle of the period between death and a new birth—is spent in communion with those beings who are referred to in my Outline of Esoteric Science as the beings of the higher hierarchies. This life with the beings of the higher hierarchies is similar to the relationship that exists here for human beings dwelling in their physical bodies with regard to the beings of the three kingdoms of nature.
[ 2 ] Alles im Grunde genommen, was wir in unserer irdischen Umgebung haben, gehört den drei Naturreichen an: dem mineralischen oder dem pflanzlichen oder dem tierischen Reiche, oder eben dem physischen Menschenreich, das in dieser Beziehung auch zum Tierreich gerechnet werden kann. Der Mensch hat seine Sinne, und durch die Eindrücke seiner Sinne lebt er mit diesen Wesenheiten der drei Naturreiche zusammen. Dasjenige, was sich in seinem Fühlen entwickelt, das bezieht sich zunächst zwischen Geburt und Tod, insofern es durch Erleben mit der Umgebung gewonnen wird, auch auf diese drei Naturreiche; ebenso das, was aus dem Willen kommt, das menschliche Handeln. Der Mensch lebt also zwischen der Geburt und dem Tode eingewoben in dasjenige, was ihm seine Sinne geben aus den drei Naturreichen heraus.
[ 2 ] Basically, everything we have in our earthly environment belongs to one of the three kingdoms of nature: the mineral, plant, or animal kingdom—or even the physical human kingdom, which in this regard can also be counted as part of the animal kingdom. Human beings have their senses, and through the impressions received by their senses, they live together with the beings of the three kingdoms of nature. That which develops in their feeling—insofar as it is gained through experience of the environment between birth and death—also relates to these three kingdoms of nature; the same is true of that which arises from the will: human action. Thus, between birth and death, human beings live interwoven with what their senses convey to them from the three natural kingdoms.
[ 3 ] So lebt der Mensch in der angedeuteten Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt innerhalb, man könnte sagen, der höheren Reiche, innerhalb der Wesenheiten der höheren Hierarchien. Und dieses Zusammenleben mit den Wesen der höheren Hierarchien ist eigentlich ein Tun, eine fortwährende Tätigkeit. Wir haben gesehen, daß der Geistkeim des physischen Leibes im Zusammenarbeiten mit diesen Wesenheiten der höheren Hierarchien zustande kommt. Hier auf der Erde fühlen wir uns, indem wir die Dinge wahrnehmen, oder indem wir unsere Handlungen innerhalb der Dinge der drei Naturreiche verrichten, außerhalb der andern Wesen. Zwischen dem Tode und einer neuen Geburt gibt es einen Zustand, durch den wir uns ganz innerhalb dieser Wesenheiten der höheren Hierarchien befinden. Wir sind an diese Wesen hingegeben. Das ist der eine Zustand, in dem wir sind. Machen wir uns recht klar, wie er ist.
[ 3 ] Thus, during the period described—between death and a new birth—human beings live, one might say, within the higher realms, among the beings of the higher hierarchies. And this coexistence with the beings of the higher hierarchies is, in fact, an activity, a continuous process. We have seen that the spiritual seed of the physical body comes into being through cooperation with these beings of the higher hierarchies. Here on Earth, as we perceive things or carry out our actions within the realm of the three natural kingdoms, we feel ourselves to be separate from other beings. Between death and a new birth, there is a state in which we find ourselves entirely within these beings of the higher hierarchies. We are devoted to these beings. This is the one state in which we find ourselves. Let us make it quite clear to ourselves what this state is like.
[ 4 ] Wenn wir hier auf der Erde, sagen wir, eine Blume pflücken, dann ist der Tatbestand richtig gegeben, wenn wir sagen: Ich pflücke die Blume. — So ausgedrückt, wäre der Tatbestand nicht richtig gegeben für unser Zusammenleben mit den Wesen der höheren Hierarchien. Wenn wir da etwas tun im Zusammenhange mit diesen Wesen, so müssen wir sagen: Das andere Wesen tut in uns. — Also wir sind in einem Zustande, durch den wir fortwährend gedrängt sind, die Tätigkeit, an der wir beteiligt sind, nicht als unsere Tätigkeit zu bezeichnen, sondern als die Tätigkeit dieser Wesen der höheren Hierarchien in uns. Wir haben ein kosmisches Bewußtsein. Ebenso wie wir hier Lunge, Herz und so weiter in uns fühlen, so fühlen wir dann die Welt in uns, aber die Welt der Wesenheiten der höheren Hierarchien und alles, was geschieht, geschieht durch eine Tätigkeit, in die auch wir selbst verwoben sind. Aber wenn wir den Tatbestand richtig bezeichnen wollen, so müssen wir sagen: Irgendein Wesen der höheren Hierarchien tut in uns. — Aber das ist nur der eine Zustand, und wir würden nicht in der rechten Weise Menschen sein können, wenn wir nur in diesem einen Zustande lebten. Wir würden diesen Zustand in der geistigen Welt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt ebensowenig ertragen können, wie wir hier auf Erden das bloße Einatmen ohne das Ausatmen ertragen könnten. Dieser Zustand, den ich eben geschildert habe, muß mit einem andern wechseln. Und dieser andere Zustand besteht darin, daß wir durch unser kosmisches Bewußtsein alles Denken und Fühlen über die Wesenheiten der höheren Hierarchien auslöschen, daß wir auch allen Willen auslöschen, der in dieser Weise von den Wesenheiten der höheren Hierarchien in uns wirkt.
[ 4 ] When we pick, say, a flower here on Earth, the factual situation is correctly described when we say: “I am picking the flower.” — Expressed in this way, however, the factual situation would not be correctly described in relation to our coexistence with the beings of the higher hierarchies. When we do something in connection with these beings, we must say: “The other being is acting within us.” — Thus, we are in a state in which we are constantly compelled not to describe the activity in which we are involved as our own, but rather as the activity of these beings of the higher hierarchies within us. We have a cosmic consciousness. Just as we feel our lungs, heart, and so on within us here, so do we feel the world within us—but the world of the beings of the higher hierarchies—and everything that happens occurs through an activity in which we ourselves are also interwoven. But if we want to describe the situation correctly, we must say: Some being of the higher hierarchies is acting within us. — But that is only one state, and we could not truly be human if we lived only in this one state. We would be just as unable to endure this state in the spiritual world between death and a new birth as we would be here on earth to endure merely inhaling without exhaling. This state, which I have just described, must alternate with another. And this other state consists in our using our cosmic consciousness to eradicate all thinking and feeling concerning the beings of the higher hierarchies, and to eradicate all will that acts within us in this way through the beings of the higher hierarchies.
[ 5 ] Also wir können sagen, es gibt solche Zeiten innerhalb des Lebens zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, wo wir uns ganz ausgefüllt finden, lichtvoll ausgefüllt mit den Wesenheiten der höheren Hierarchien, wo wir diese in uns fühlen. Aber es gibt einen andern Zustand, wo wir zuerst herabgedämpft und dann völlig ausgelöscht haben dieses ganze Bewußtsein von den in uns erscheinenden höheren Wesenheiten. Dann sind wir gewissermaßen, wenn wir jetzt irdische Ausdrücke gebrauchen, aus unserem Körper heraus — es ist ja alles geistig, aber sagen wir einmal so —, wir sind dann aus unserem Körper heraus. Wir wissen nichts von der Welt, die in uns lebt, aber wir sind in solchen Zuständen dann zu uns selbst gekommen. Wir leben nicht mehr in den andern Wesen der höheren Hierarchien, wir leben dann in uns selbst. Wir würden niemals zwischen dem Tode und einer neuen Geburt ein Bewußtsein von uns selbst bekommen, wenn wir nur in dem einen Zustand leben würden. Ebenso wie wir hier auf der Erde das Einatmen mit dem Ausatmen abwechseln lassen müssen, oder den Schlaf mit dem Wachen, so müssen wir zwischen dem Tode und einer neuen Geburt in einem rhythmischen Wechsel sein zwischen dem inneren Erleben von der ganzen Welt der höheren Hierarchien in uns und einem Zustande, in dem wir zu uns selbst gekommen sind.
[ 5 ] So we can say that there are times in life—between death and a new birth—when we find ourselves completely filled, filled with light by the beings of the higher hierarchies, and when we feel them within us. But there is another state in which we first have dampened and then completely extinguished this entire awareness of the higher beings appearing within us. Then, to use earthly terms, we are, so to speak, outside our body—it is all spiritual, of course, but let’s put it that way—we are then outside our body. We know nothing of the world that lives within us, but in such states we have then come to ourselves. We no longer live in the other beings of the higher hierarchies; we then live within ourselves. We would never attain an awareness of ourselves between death and a new birth if we were to live only in that one state. Just as we here on Earth must alternate inhalation with exhalation, or sleep with wakefulness, so too must we, between death and a new birth, move in a rhythmic alternation between the inner experience of the entire world of the higher hierarchies within us and a state in which we have come to ourselves.
[ 6 ] Nun ist alles irdische Leben in gewissem Sinne eine Folge, eine Konsequenz desjenigen, was wir zwischen dem Tod und einer neuen Geburt im vorirdischen Dasein erlebt haben. Sie erinnern sich, wie ich Ihnen dargestellt habe, daß auch solche Errungenschaften des menschlichen Erdenlebens, wie Gehen, Sprechen, Denken, Umwandlungen sind von gewissen Betätigungen im vorirdischen Dasein. Wollen wir heute mehr auf das Seelische sehen.
[ 6 ] Now, all earthly life is, in a certain sense, a result, a consequence of what we experienced in our pre-earthly existence between death and a new birth. You will recall how I explained to you that even such achievements of human life on Earth as walking, speaking, and thinking are transformations of certain activities in pre-earthly existence. Today, let us focus more on the spiritual aspect.
[ 7 ] Was wir im vorirdischen Dasein im Zusammentun mit den Wesen der höheren Hierarchien erleben, läßt für unser Erdenleben gewissermaßen in uns eine Erbschaft zurück, einen schwachen Schatten dieses Zusammenlebens mit den Wesen der höheren Hierarchien. Hätten wir zwischen dem Tode und einer neuen Geburt dieses Zusammenleben mit den Wesen der höheren Hierarchien nicht, wir könnten hier auf der Erde nicht die Kraft der Liebe entfalten. Denn das, was wir hier auf der Erde als die Kraft der Liebe entfalten, ist allerdings nur ein schwacher Abglanz, ein Schatten des Zusammenlebens mit den Geistwesen der höheren Hierarchien zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, aber es ist doch eben ein Abglanz, ein Schatten von diesem Zusammenleben. Daß wir hier auf Erden Menschenliebe entfalten können, daß wir hier auf Erden Verständnis entfalten können für einen andern Menschen, rührt davon her, daß wir zwischen dem Tode und einer neuen Geburt in der Lage sind, mit den Wesen der höheren Hierarchien zu leben. Und man kann durch geisteswissenschaftliches Anschauen wohl sehen, wie diejenigen Menschen, die sich in früheren Erdenleben nur eine geringe Gabe erworben haben — wir werden gleich nachher darauf zu sprechen kommen, wie man sich diese Gabe erwirbt —, um nach dem Tode in der geeigneten Zeit mit den Wesen der höheren Hierarchien richtig zusammenzuleben, ganz hingegeben in gewissen Zuständen an diese Wesen der höheren Hierarchien, wie diese Menschen hier auf der Erde nur eine geringe Kraft der Liebe entfalten, namentlich der allgemeinen Menschenliebe, die sich ausdrückt im Verständnis der andern Menschen.
[ 7 ] What we experience in our pre-earthly existence in communion with the beings of the higher hierarchies leaves behind, so to speak, a legacy within us for our earthly life—a faint shadow of this communion with the beings of the higher hierarchies. If we did not have this coexistence with the beings of the higher hierarchies between death and a new birth, we would not be able to unfold the power of love here on Earth. For what we develop here on Earth as the power of love is, admittedly, only a faint reflection, a shadow of our coexistence with the spiritual beings of the higher hierarchies between death and a new birth—but it is nonetheless a reflection, a shadow of that coexistence. The fact that we can develop love for our fellow human beings here on Earth, that we can develop understanding for another human being here on Earth, stems from the fact that between death and a new birth we are able to live with the beings of the higher hierarchies. And through spiritual scientific insight, one can clearly see how those people who, in previous earthly lives, have acquired only a small measure of the gift—we will come to speak of how this gift is acquired shortly—to live in harmony with the beings of the higher hierarchies at the appropriate time after death, are completely devoted to these beings of the higher hierarchies in certain states, just as these people here on Earth develop only a small capacity for love—namely, universal love for humanity, which is expressed in understanding other people.
[ 8 ] Unter den Göttern eignen wir uns im vorirdischen Dasein die Gabe an, hinzusehen auf den andern Menschen, aufzumerken, wie er fühlt, wie er denkt, aufzufassen mit innerem Anteil das, was er ist. Und hätten wir nicht — man kann es so nennen — den geschilderten Umgang mit den Göttern, wir würden auf der Erde niemals jenes Hineinschauen in den andern Menschen entfalten können, das allein im Grunde genommen das irdische Leben möglich macht. Sie müssen sogar, wenn ich in diesem Zusammenhange von Liebe und namentlich allgemeiner Menschenliebe spreche, an die Liebe in dieser konkreten Bedeutung denken, wie ich sie eben geschildert habe: in der Bedeutung eines wirklich innigen Verständnisses des andern Menschen. Und wenn man zu der allgemeinen Menschenliebe dieses Verständnis des andern Menschen nimmt, dann hat man zu gleicher Zeit mit dem gegeben alles das, was menschliche Moralität ist. Denn die irdische menschliche Moralität beruht, wenn sie sich nicht in bloßen Phrasen oder schönen Redereien bewegt oder in Vorsätzen, die nicht ausgeführt werden oder dergleichen, auf dem Interesse, das der eine Mensch am andern nimmt, auf der Möglichkeit, in den andern Menschen hinüberzuschauen.
[ 8 ] Among the gods, in our pre-earthly existence, we acquire the gift of looking upon our fellow human beings, of paying attention to how they feel and think, and of comprehending, with inner empathy, who they are. And if we did not have—as one might call it—the relationship with the gods described above, we would never be able to develop on Earth that capacity to look deeply into other people, which, in essence, is what makes earthly life possible. In fact, when I speak in this context of love—and specifically of universal love for humanity—you must think of love in this concrete sense, as I have just described it: in the sense of a truly heartfelt understanding of another human being. And when one combines this understanding of another human being with universal love for humanity, one has thereby provided everything that constitutes human morality. For earthly human morality—provided it does not consist merely of empty phrases, fine-sounding rhetoric, or resolutions that are never carried out, or the like—rests on the interest one person takes in another, on the ability to see into the other person.
[ 9 ] Derjenige Mensch, der Menschenverständnis hat, wird aus diesem Menschenverständnis eben die sozial-moralischen Antriebe empfangen. So daß man auch sagen kann, alles moralische Leben innerhalb des Erdendaseins hat der Mensch errungen im vorirdischen Dasein, so errungen, daß ihm von dem Zusammenleben mit den Göttern der Drang bleibt, ein solches Zusammenleben wenigstens in der Seele auch auf Erden auszugestalten. Und dieses Ausgestalten eines solchen Zusammenlebens, so daß der eine Mensch mit dem andern die Erdenaufgaben, die Erdenmission vollbringt, das führt allein in Wirklichkeit zu dem moralischen Leben auf der Erde. Wir sehen also, daß Liebe und die Wirkung der Liebe, die Moralität, durchaus eine Folge, eine Konsequenz desjenigen sind, was der Mensch im vorirdischen Dasein geistig durchgemacht hat.
[ 9 ] A person who possesses an understanding of humanity will derive their social and moral impulses precisely from this understanding. So one can also say that all moral life within earthly existence has been attained by the human being in pre-earthly existence—attained in such a way that, from living together with the gods, the urge remains to shape such a life together, at least in the soul, here on earth as well. And this shaping of such a life together—so that one human being, together with another, fulfills the earthly tasks and the earthly mission—is what alone truly leads to moral life on Earth. We see, then, that love and the effect of love—morality—are entirely a result, a consequence of what the human being has spiritually experienced in their pre-earthly existence.
[ 10 ] Betrachten wir jetzt den andern Zustand, wo der Mensch sein Bewußtsein für das Zusammenleben mit den Wesen der höheren Hierarchien abgedämpft hat, wo gewissermaßen wie im irdischen Schlafe die Eindrücke aus der Umgebung schweigen, wo dieses willensmäßige Zusammenleben mit den Wesen der höheren Hierarchien schweigt, wo der Mensch also zu sich selber kommt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Auch dieser Zustand hat eine Konsequenz, einen Nachklang, eine Erbschaft hier im Erdenleben, und das ist die Kraft der Erinnerung, des Gedächtnisses.
[ 10 ] Let us now consider the other state, in which a person has dimmed their consciousness for coexistence with the beings of the higher hierarchies; in which, as it were, just as in earthly sleep, the impressions from the surroundings fall silent; in which this will-driven coexistence with the beings of the higher hierarchies falls silent; in which, therefore, a person returns to themselves between death and a new birth. This state, too, has a consequence, a resonance, a legacy here in earthly life, and that is the power of recollection, of memory.
[ 11 ] Die Möglichkeit, daß wir Erlebnisse haben zu einer bestimmten Zeit und dann nach einiger Zeit aus den Tiefen unseres Menschenwesens etwas heraufholen können, was in unser Bewußtsein herein Bilder von diesen Erlebnissen bringt, also die Kraft des Gedächtnisses, die wir im irdischen Leben so notwendig haben, ist ein schwacher Abglanz, ein Schatten unseres selbständigen Lebens in der geistigen Welt. Wir würden hier auf der Erde nur im Augenblicke leben können, nicht in unserer ganzen irdischen Vergangenheit bis ein paar Jahre nach der Geburt hin, wenn wir nicht auch zwischen dem Tode und einer neuen Geburt in die Lage kämen, gewissermaßen aus dem Weltenwesen herauszugehen und ganz mit uns selber zu sein.
[ 11 ] The ability to have experiences at a certain time and then, after some time has passed, to draw something up from the depths of our human being that brings images of these experiences into our consciousness—that is, the power of memory, which we so desperately need in our earthly life—is a faint reflection, a shadow of our independent life in the spiritual world. Here on Earth, we would only be able to live in the present moment—not in our entire earthly past, extending back a few years after birth—if we were not also able, between death and a new birth, to step out of the fabric of the world, so to speak, and be entirely with ourselves.
[ 12 ] Wenn wir hier auf Erden schlafen, da ist unser physischer und unser Ätherleib im Bette. Unser astralischer Leib und unser Ich sind außerhalb dieses physischen und dieses Ätherleibes, sie sind in der Lage, allerdings unbewußt, mitzuerleben, was dann in der geistig-seelischen Umgebung des Menschen ist. Der Mensch ist unbewußt zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen. Daß der Mensch Erlebnisse hat zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, habe ich Ihnen geschildert. Ich habe Ihnen auch die einzelnen Erlebnisse geschildert, aber ins Bewußtsein kommen die Erlebnisse nicht herein. Das muß im irdischen Leben so sein. Warum? Würden wir vom Einschlafen bis zum Aufwachen in unserem Ich und in unserem astralischen Leibe das, was wir erleben, so stark erleben, daß wir es zum Bewußtsein bringen könnten, dann würden wir jedesmal, wenn wir aufwachen, das, was wir erlebt haben im Schlafe, auch in den physischen und in den Ätherleib hineindrücken, und wir würden jedesmal unseren physischen und unseren Ätherleib zu einem ganz andern machen wollen. Wer eine Kenntnis hat von dem, was zwischen dem Einschlafen und Aufwachen erlebt wird, der muß sich eine große Entsagung angewöhnen. Der muß sich nämlich sagen können: Ich verzichte darauf, das, was ich zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen mit meinem Ich und mit meinem astralischen Leibe erlebe, in den physischen und in den Ätherleib hineindrücken zu wollen, denn die vertragen das nicht in der Zeit des Erdenlebens.
[ 12 ] When we sleep here on Earth, our physical and etheric bodies are in bed. Our astral body and our “I” are outside these physical and etheric bodies; they are able—albeit unconsciously—to experience what is taking place in the human being’s spiritual-soul environment. A person is unconscious between falling asleep and waking up. I have described to you that a person has experiences between falling asleep and waking up. I have also described the individual experiences to you, but these experiences do not enter into consciousness. This must be the case in earthly life. Why? If, from the moment we fall asleep until we wake up, we were to experience what we go through in our I and in our astral body so intensely that we could bring it into consciousness, then every time we woke up, we would imprint what we had experienced in sleep onto our physical and etheric bodies as well, and we would want to transform our physical and etheric bodies into something entirely different every time. Anyone who has knowledge of what is experienced between falling asleep and waking up must cultivate great self-denial. For they must be able to say to themselves: I renounce the desire to imprint what I experience between falling asleep and waking up—with my I and my astral body—onto my physical and etheric bodies, for they cannot tolerate this during the course of earthly life.
[ 13 ] Man könnte manchmal über diese Dinge grotesk reden; dann sieht es fast komisch aus, aber die Dinge sind sehr ernst gemeint. So erlebt der Mensch tatsächlich, wie ich einmal hier habe schildern können, eigentlich Nachbilder des Kosmos. Dadurch ist er immer versucht, aus dem Schlaf heraus zum Beispiel sich ein anderes Antlitz zu geben. Würde das, was nicht zum Bewußtsein kommt, zum Bewußtsein des Menschen kommen, so würde er fortwährend sein Gesicht ändern wollen, weil ihn dieses Gesicht, das er hat, fortwährend wieder an frühere Erdenleben, an Sünden in früheren Erdenleben erinnert. Es ist im Menschen am Morgen vor dem Aufwachen schon ein starker Drang vorhanden, mit dem physischen Leib so etwas zu machen, wie wenn man ihm Kleider anzieht. Wer Kenntnis davon hat, muß bewußt darauf Verzicht leisten, sonst würde er ganz und gar in Unordnung kommen, er würde fortwährend seinen ganzen Organismus ändern wollen, insbesondere, wenn dieser Organismus nach irgendeiner Richtung nicht ganz gesund ist und dergleichen.
[ 13 ] One could sometimes speak of these things in grotesque terms; then it almost seems comical, but these matters are meant very seriously. As I once described here, human beings actually experience afterimages of the cosmos. Because of this, they are always tempted, for example, to take on a different face as they emerge from sleep. If what does not come into consciousness were to enter a person’s consciousness, they would constantly want to change their face, because the face they have constantly reminds them of past earthly lives and of sins committed in those past lives. Even in the morning before waking up, there is already a strong urge within a person to do something with the physical body similar to putting on clothes. Anyone who is aware of this must consciously refrain from acting on it; otherwise, they would become completely disorganized and would constantly want to alter their entire organism, especially if that organism is not entirely healthy in some respect or the like.
[ 14 ] Aber wenn wir in dem Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt sind, da erleben wir so bewußt, daß dieses Bewußtsein dahin führt, unseren nächsten physischen Leib zu gestalten. Wäre uns das ganz selbst überlassen, dann würden wir diesen physischen Leib nicht nach dem Karma gestalten. Aber wir gestalten ihn im Zusammenhange mit den Wesen der höheren Hierarchien, die über unser Karma wachen. Und so bekommen wir zum Beispiel diejenigen Augen, diejenige Nase und so weiter, die wir uns selber wohl kaum geben würden, denn wir sind in gewissen Augenblicken zwischen dem Tode und einer neuen Geburt außerordentlich egoistisch, gerade dann, wenn wir dieses Bewußtsein des Zusammenhanges mit den Wesen der höheren Hierarchien abgedämpft haben, denn dann erleben wir so stark, daß der physische Leib aus den Kräften dieses Erlebens gestaltet werden kann. Wir gestalten ihn ja auch. Das ist also ein viel intensiveres Erleben, ein Leben, das den Keim des Schaffens in sich hat. Und eben, indem es im Erdenleben ganz abgeschwächt ist, erlebt es sich zum Teil als die irdische Liebe, zum Teil, wie ich dargestellt habe, als die Erinnerung, die Erinnerungsfähigkeit, als das Gedächtnis.
[ 14 ] But when we are in the life between death and a new birth, we experience this so consciously that this consciousness leads us to shape our next physical body. If this were left entirely up to us, we would not shape this physical body in accordance with our karma. But we shape it in collaboration with the beings of the higher hierarchies who watch over our karma. And so, for example, we receive the eyes, the nose, and so on, that we would hardly give ourselves, for we are extraordinarily selfish at certain moments between death and a new birth—precisely when we have dampened this awareness of our connection with the beings of the higher hierarchies—because then we experience so intensely that the physical body can be shaped from the forces of this experience. We do, in fact, shape it. This is therefore a much more intense experience, a life that contains within itself the seed of creation. And precisely because it is greatly attenuated in earthly life, it is experienced partly as earthly love and partly, as I have described, as memory, the capacity to remember.
[ 15 ] Von diesem Gedächtnis hängt es hier auf Erden ab, daß wir uns so recht in einem Ich fühlen. Würden wir nur in der Gegenwart leben, keine Erinnerungen haben, so würde unser Ich keinen inneren Zusammenhang haben. Wir würden uns überhaupt — ich habe das schon öfter ausgeführt — nicht in einem ausgesprochenen Ich fühlen können. Aber Sie sehen zugleich, diese Erinnerung kommt als irdische schattenhafte Fähigkeit dadurch zustande, daß in der geistigen Welt im vorirdischen Dasein eine mächtige Fähigkeit vorhanden ist: die Fähigkeit, die wir, ich möchte sagen, nach den Anweisungen der Wesenheiten höherer Hierarchien bekommen, wenn wir in dem andern Zustand mit ihnen leben, die Fähigkeit, daß wir nach den Anweisungen dieser Wesenheiten der höheren Hierarchien dann, wenn wir zu uns selbst kommen, unseren Leib vorbereiten.
[ 15 ] It is on this memory that our sense of a true “I” here on earth depends. If we were to live only in the present, without any memories, our “I” would lack any inner coherence. We would not be able at all—as I have often explained—to feel ourselves as a distinct “I.” But you see at the same time that this memory arises as an earthly, shadow-like capacity because there exists in the spiritual world, in pre-earthly existence, a powerful capacity: the capacity that we, I would say, receive according to the instructions of the beings of the higher hierarchies when we live with them in that other state—the ability to prepare our body according to the instructions of these beings of the higher hierarchies when we come to ourselves.
[ 16 ] Was also in unserem Leibe als Gestaltungskraft wirkt, was noch im Kinde als Gestaltungskraft nachwirkt, solange das Kind kein zum Gedächtnis führendes Bewußtsein hat, wie es in den ersten kindlichen Lebenszeiten der Fall ist, diese stärkere Kraft sehen wit, wie sie noch in die Wachstumskräfte hineingeht. Dann sondert sich gewissermaßen etwas aus diesen stärkeren Kräften aus, was dünner ist, feiner ist, und das ist die menschliche Erinnerungsfähigkeit, das ist das Gedächtnis.
[ 16 ] So what acts as a formative force within our body—what continues to act as a formative force in the child as long as the child lacks the consciousness that leads to memory, as is the case in the earliest stages of childhood—we see this stronger force as it is still integrated into the forces of growth. Then, in a sense, something separates itself from these stronger forces—something that is more subtle, more refined—and that is the human capacity for recollection; that is memory.
[ 17 ] Mit diesem Gedächtnis hängt es wiederum zusammen, daß der Mensch vor allen Dingen auch auf Erden mit sich selbst lebt. Dieses Gedächtnis hängt aber auch sehr stark zusammen mit dem, was auf der einen Seite der menschliche Egoismus und auf der andern Seite die menschliche Freiheit ist. Freiheit wird entstehen bei einem Menschen, der richtig nachlebt, was im vorirdischen Dasein als eine Art Rhythmus erlebt werden muß: Sich-Fühlen mit den Wesenheiten der höheren Hierarchien, herauskommen aus diesem Sich-Fühlen, dann wieder hineinkommen und so weiter. Hier lebt es sich nebeneinander aus, nicht als ein Rhythmus, sondern als zwei nebeneinander bestehende Fähigkeiten des Menschen: die Fähigkeit zur Liebe, die Fähigkeit des Gedächtnisses. Aber es kann dem Menschen eine gewisse Erbschaft dieses Rhythmus im vorirdischen Dasein bleiben. Dann werden das Gedächtnis und die Liebe zueinander auch im Erdenleben das richtige Verhältnis haben. Der Mensch wird auf der einen Seite Verständnis, liebevolles Verständnis entwickeln können für die andern Menschen, und er wird auch in sein erinnerndes Denken hereinnehmen, was ihm selber zu seiner eigenen Vervollkommnung, zu der eigenen Verfestigung seines Wesens werden kann aus dem Erleben der Welt mit andern Menschen.
[ 17 ] This memory, in turn, is connected to the fact that human beings, above all else, live with themselves even here on Earth. However, this memory is also very closely linked to what is, on the one hand, human egoism and, on the other, human freedom. Freedom arises in a person who truly lives out what must be experienced in pre-earthly existence as a kind of rhythm: feeling at one with the beings of the higher hierarchies, stepping out of this feeling of oneness, then returning to it, and so on. Here, these two aspects coexist, not as a single rhythm, but as two parallel human capacities: the capacity for love and the capacity for memory. Yet a certain legacy of this rhythm from pre-earthly existence may remain within the human being. Then memory and love will also maintain the proper balance in earthly life. On the one hand, a person will be able to develop understanding—loving understanding—for other people, and on the other hand, they will also incorporate into their reflective thinking what can serve as a means of their own perfection and the strengthening of their own being, drawn from their experience of the world with other people.
[ 18 ] Es kann ein solches richtiges Verhältnis zurückbleiben aus dem notwendigen Rhythmus im vorirdischen Dasein, aber es kann auch dieses Verhältnis gestört sein, so daß der Mensch zum Beispiel immerfort sich auf das richtet, was er selber erlebt hat. Das ist ganz besonders dann der Fall, wenn der Mensch wenig Interesse dafür hat, was die Menschen außer ihm erleben, wenn er wenig hinüberschauen kann in die andern Gemüter, wenn er vorzugsweise das Interesse für dasjenige entwickelt, was sich allmählich in seinem eigenen Erinnern, in seinem eigenen Gedächtnis ansammelt, denn das hängt wiederum innig zusammen mit seinem Ich, das verstärkt den Egoismus.
[ 18 ] Such a proper relationship may stem from the necessary rhythm of pre-earthly existence, but this relationship may also be disrupted, so that a person, for example, constantly focuses on what he himself has experienced. This is particularly the case when a person has little interest in what others experience, when they are unable to look beyond their own perspective into the minds of others, and when they develop a preference for what gradually accumulates in their own recollections and memory—for this, in turn, is intimately connected with their “I,” which reinforces egoism.
[ 19 ] Ein solcher Mensch kommt gewissermaßen dadurch in Unordnung mit sich selber, daß er nicht dieses zwischen dem Tode und einer neuen Geburt ganz bestimmt richtige Verhältnis, daß er nämlich nicht einen Rhythmus hat. Und zu gleicher Zeit, wenn der Mensch nur für das Interesse bekommt, was in seinem eigenen Seelenwesen sich aufspeichert, wenn er sich gewissermaßen immer nur mit sich selber beschäftigt, dann speichert sich auf, ich möchte sagen, eine Talentlosigkeit gegenüber dem Erleben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Durch dieses Nur-für-sich-selbst-Interessiertsein verschließt sich der Mensch in einer gewissen Beziehung für das Zusammenleben mit den Wesen der höheren Hierarchien.
[ 19 ] Such a person, in a sense, becomes out of balance with himself because he lacks this relationship—which is undoubtedly correct—between death and a new birth; that is, because he lacks a rhythm. And at the same time, if a person becomes interested only in what accumulates within their own soul, if they are, so to speak, always concerned only with themselves, then what accumulates, I would say, is a lack of aptitude for the experience between death and a new birth. Through this self-centeredness, the human being, in a certain sense, closes himself off from living in community with the beings of the higher hierarchies.
[ 20 ] Derjenige aber, der das richtige Verhältnis hat zwischen Liebe und Gedächtnis, entwickelt statt des bloß egoistisch In-sich-Hineinschauens das menschliche Freiheitsgefühl. Denn dieses menschliche Freiheitsgefühl ist in anderer Beziehung auch ein Nachklang des Heraustretens aus dem Zusammenleben mit den Wesen der höheren Hierarchien zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Man möchte sagen: Das Freiheitsgefühl ist das gesunde Nacherleben dieses Heraustretens; der Egoismus ist das kranke Nacherleben dieses Heraustretens. — Und so, wie das Zusammenleben mit den Wesen der höheren Hierarchien zwischen dem Tode und einer neuen Geburt die Grundlage der Moralität des Menschen auf Erden ist, so ist das Heraustreten aus diesem Zusammenleben, das notwendig ist, zugleich auf Erden die Grundlage für die Unmoralität der Menschen, für das Auseinandergehen der Menschen, für das Handeln der Menschen so, daß die Handlungen des einen die Handlungen des andern stören und so weiter, denn darauf beruht dennoch alle Unmoralität. Sie sehen, daß der Mensch nötig hat, darauf zu achten, inwiefern irgend etwas, was hier auf der Erde als eine Schädlichkeit auftreten kann, für die höheren Welten eine bestimmte Bedeutung hat. Es ist auch auf Erden so, daß die Einatmungsluft gesund, die Ausatmungsluft ungesund, ja krankmachend ist, denn wir atmen Kohlensäure aus. So ist das, was hier auf Erden die Grundlage der Unmoralität ist, etwas, was notwendig ist für unser Erleben in der geistigen Welt.
[ 20 ] But the person who strikes the right balance between love and memory develops a sense of human freedom instead of merely looking inward in a self-centered way. For this sense of human freedom is, in another sense, also an echo of the process of stepping out of the coexistence with the beings of the higher hierarchies between death and a new birth. One might say: The sense of freedom is the healthy aftereffect of this stepping out; egoism is the unhealthy aftereffect of this stepping out. — And just as coexistence with the beings of the higher hierarchies between death and a new birth is the foundation of human morality on earth, so too is the emergence from this coexistence—which is necessary— at the same time the foundation on Earth for human immorality, for the drifting apart of people, for people acting in such a way that one person’s actions interfere with another’s, and so on, for all immorality is based on this after all. You see that human beings must pay attention to the extent to which anything that may appear harmful here on Earth has a specific significance for the higher worlds. It is also the case here on Earth that the air we inhale is healthy, while the air we exhale is unhealthy—indeed, it causes illness—because we exhale carbon dioxide. Thus, what serves as the basis for immorality here on Earth is something that is necessary for our experience in the spiritual world.
[ 21 ] Diese Zusammenhänge muß man aus dem Grunde betrachten, weil aus den irdischen Verhältnissen heraus Moralität und Unmoralität eigentlich nicht zu erklären sind. Wer solche Erklärungen versucht, wird immer fehlgehen müssen. Denn dadurch, daß der Mensch moralisch oder unmoralisch ist, setzt er sich schon seelisch in eine Beziehung zu einer Welt, die im Übersinnlichen liegt. Und wir dürfen sagen: Indem anthroposophische Geisteswissenschaft in der angedeuteten Weise des Menschen Sinn hinneigen macht zur Betrachtung dieses Verhältnisses zu einer übersinnlichen Welt, macht sie eigentlich erst möglich, daß man eine Grundlage bekommt, um das Moralische ins Auge zu fassen. Für die Betrachtungsweise der Welt, die nur eine Naturerkenntnis zugeben will, kann das Moralische nur in Scheinbildern, in Illusionen bestehen, die sich aus den Naturvorgängen heraus ergeben, die sich auch im Menschen abspielen sollen.
[ 21 ] These connections must be considered from this perspective, because morality and immorality cannot actually be explained on the basis of earthly circumstances. Anyone who attempts such explanations is bound to fail. For by being moral or immoral, a person already establishes a spiritual connection to a world that lies beyond the physical. And we may say: By directing the human mind, in the manner indicated, toward contemplating this relationship to a supersensible world, anthroposophical spiritual science actually makes it possible for the first time to establish a foundation for grasping the moral. For a view of the world that acknowledges only knowledge of nature, morality can exist only in illusory images, in illusions arising from natural processes that are said to take place within human beings as well.
[ 22 ] Nehmen Sie einmal an, es wäre wirklich so, daß am Beginne des Erdendaseins der Kant-Laplacesche Weltnebel mit seinen mechanischen Kräften und mechanischen Gesetzen stände, und nehmen Sie an, aus diesen wirbelnden Nebelmassen hätten sich nach und nach durch gleichgültige, neutrale Naturgesetze die Reiche des irdischen Daseins ergeben, und es wäre zuletzt der Mensch aus alldem heraufgestiegen, dann wären eben seine moralischen Impulse Träume. Denn alles dasjenige, was er moralisch nennt, würde vergehen, wenn die Erde wiederum nach mechanischen Gesetzen am Ende angelangt und im Wärmetod verschwinden würde. Aus einer solchen Anschauung kann niemals eine Rechtfertigung des moralischen Lebens folgen, wenn man ehrlich die letzten Konsequenzen dieser Weltanschauung zugeben will. Eine Rechtfertigung desMoralischen ergibt sich einzig und allein dadurch, daß man, so wie es anthroposophische Geisteswissenschaft tut, diejenigen Gebiete des Daseins aufzeigt, wo das Moralische eine solche Realität hat wie das Natürliche hier in dem Leben zwischen der Geburt und dem Tode. Wie hier Pflanzen wachsen und blühen, so entwickeln sich gewisse Betätigungen, wenn der Mensch zwischen dem Tode und einer neuen Geburt unter den Göttern ist. Und diese Betätigungen sind das Moralische in Realität, sind die Wirklichkeit des Moralischen. Dieses Moralische hat da Realität, während auf der Erde nur ein Abglanz von dieser Realität vorhanden ist. Aber der Mensch gehört eben beiden Welten an. Daher hat für ihn, wenn er das tichtig durchschaut im geisteswissenschaftlichen Sinne, die moralische Welt eine ebensolche Realität, nur kann man sie niemals aus dem physischen Dasein heraus erkennen.
[ 22 ] Suppose for a moment that it were truly the case that, at the beginning of Earth’s existence, the Kant-Laplacean cosmic nebula stood there with its mechanical forces and mechanical laws, and suppose that, from these swirling nebular masses, the realms of earthly existence gradually emerged through indifferent, neutral laws of nature, and if, ultimately, humanity had emerged from all of this, then its moral impulses would indeed be nothing more than dreams. For everything that humanity calls “moral” would perish if the Earth, once again governed by mechanical laws, were to reach its end and vanish into heat death. From such a worldview, a justification for the moral life can never follow, if one is honest enough to acknowledge the ultimate consequences of this worldview. A justification for the moral arises solely from pointing out—as anthroposophical spiritual science does—those realms of existence where the moral possesses a reality just as tangible as the natural here in the life between birth and death. Just as plants grow and bloom here, so do certain activities unfold when a human being is among the gods between death and a new birth. And these activities are the moral in reality; they are the reality of the moral. The moral has reality there, whereas on Earth only a reflection of this reality exists. But human beings belong to both worlds. Therefore, for those who truly comprehend this in the spiritual-scientific sense, the moral world has just as much reality; it is simply that it can never be perceived from within physical existence.
[ 23 ] Dadurch aber haben Sie die eine Notwendigkeit gegeben, warum es für den Menschen notwendig ist, sich Geisteswissenschaft anzueignen. Der Mensch könnte ohne diese Geisteswissenschaft nicht ehrlich sein mit seinem Wissen, denn er könnte nicht der moralischen Welt Realität zuerkennen, weil er das Gebiet nicht erforschen will, dem die Realität der moralischen Welt angehört. Das ist etwas ungeheuer Bedeutungsvolles, solch einen Satz in der richtigen Weise zu verstehen.
[ 23 ] But in doing so, you have established the one necessity that explains why it is essential for human beings to acquire knowledge of spiritual science. Without this spiritual science, a person could not be honest with his knowledge, for he would be unable to recognize the reality of the moral world because he is unwilling to explore the realm to which the reality of the moral world belongs. It is immensely significant to understand such a statement correctly.
[ 24 ] Aber noch in einer andern Beziehung möchte ich Ihnen gerade heute hervorheben, inwiefern das Wissen, das durch die Geisteswissenschaft erworben werden kann, für den Menschen eine Notwendigkeit ist. Auch da werden wir wiederum hinblicken müssen auf die Realitäten einer andern Welt. Schon wenn man nur bis zur imaginativen Erkenntnis aufsteigt, bis zu derjenigen Erkenntnis, die einem also gestattet, statt in der physischen Welt in der Ätherwelt zu leben, so daß man statt der physischen Dinge die Tätigkeiten im Äther wahrnimmt — denn Tätigkeiten sind es —, schon wenn man dazu aufsteigt, entfällt einem der Raum, so wie er auf der Erde hier ist. Der dreidimensionale Raum entfällt einem. Es hat keinen Sinn, von dem dreidimensionalen Raum zu sprechen, denn im wesentlichen leben wir dann in der Zeit. Deshalb habe ich Ihnen auch hier bei andern Betrachtungsweisen den Ätherleib als einen Zeitorganismus dargestellt. So wie wir hier im Raumesorganismus zum Beispiel den Kopf haben und, sagen wir das Bein, und wie Sie es im Kopfe spüren, wenn Sie sich in das Bein stechen oder schneiden, wie also ein Organ mit dem andern räumlich für diesen Raumesleib zusammenhängt, so hängen im Zeitenleibe, der in Geschehen besteht, in Geschehen von alledem, was tiefer zugrunde liegt unserem Menschenwesen zwischen der Geburt und dem Tode, so hängen da alle diese Einzelheiten zusammen.
[ 24 ] But in yet another respect, I would like to emphasize to you today just how much the knowledge that can be gained through spiritual science is a necessity for human beings. Here, too, we must once again turn our gaze to the realities of another world. Even if one ascends only to the level of imaginative cognition—that is, to the level of cognition that allows one to live in the etheric world rather than in the physical world, so that one perceives the activities in the ether instead of physical objects (for they are activities)—even if one ascends to that level, space as we know it here on Earth ceases to exist. Three-dimensional space ceases to exist for us. It makes no sense to speak of three-dimensional space, for in essence we then live in time. That is why I have also described the etheric body to you here, in other contexts, as a temporal organism. Just as we have, for example, the head and—let’s say—the leg here in the spatial organism, and just as you feel it in your head when you prick or cut your leg—that is, just as one organ is spatially connected to another within this spatial body—so, too, in the temporal body, which consists of events—events of everything that lies deeper at the foundation of our human being between birth and death—all these details are interconnected.
[ 25 ] Erinnern Sie sich, wie ich in Vorträgen zum Beispiel über Pädagogik gesagt habe: Wenn man in einer gewissen Zeit des Kindesalters verehren gelernt hat, verwandelt sich diese Kraft der Verehrung im späteren Alter in eine gewisse segnende Milde, die man für andere Menschen haben kann, während derjenige, der in der Kindheit niemals die Gelegenheit gehabt hat, richtig zu verehren, diese segnende Milde nicht entfalten kann im späteren Alter. — So wie der Fuß oder das Bein mit dem Kopf zusammenhängt im Raumesorganismus, so hängt die Jugend mit dem Alter zusammen, und ich könnte auch sagen, das Alter mit der Jugend. Denn nur für das äußere physische Anschauen verfließt die Welt nach einer Seite, von der Vergangenheit nach der Zukunft. Für das höhere Anschauen gibt es auch den umgekehrten Strom: von der Zukunft in die Vergangenheit. Wir gehen in diesen Strom, wie ich beschrieben habe, ein nach dem Tode, rückwärts wandernd. Es hängt auch in diesem Zeitenorganismus alles zusammen. Ebenso wie Sie aus dem Raumesorganismus gewisse Organe nicht entfernen können, wie sie da sein müssen, damit der ganze Organismus in Ordnung ist, wie Sie zum Beispiel nicht einen großen Teil. Ihres Gesichtes entfernen können, ohne den Organismus zu zerstören, ebensowenig können Sie aus dem, was am Menschen in der Zeit fortfließt, irgend etwas entfernen.
[ 25 ] Do you remember how I said in lectures—on pedagogy, for example—that: If one has learned to revere during a certain period of childhood, this power of reverence transforms in later life into a certain blessing-giving gentleness that one can have toward other people, whereas someone who never had the opportunity to truly revere during childhood cannot develop this blessing-giving gentleness in later life. — Just as the foot or the leg is connected to the head within the spatial organism, so too is youth connected to old age—and I might also say that old age is connected to youth. For it is only to the outer, physical perception that the world flows in one direction, from the past toward the future. To the higher perception, there is also the reverse current: from the future into the past. We enter this current, as I have described, after death, moving backward. Everything is interconnected within this organism of time as well. Just as you cannot remove certain organs from the organism of space—since they must be there for the entire organism to function properly, just as you cannot, for example, remove a large part of your face without destroying the organism—so too can you not remove anything from what flows away from the human being in time.
[ 26 ] Nun denken Sie, es wäre am Raumesorganismus an der Stelle, wo Sie Ihre Augen haben, ein ganz anderes Wachstum, so daß nicht Augen entständen, sondern irgendwie Geschwülste. Dann könnten Sie nicht sehen. Wie die Augen am Raumesorganismus an einer bestimmten Stelle sind, so ist im Zeitorganismus — und mit dem meine ich jetzt nicht nur den Zeitorganismus zwischen Geburt und Tod, sondern den Zeitorganismus, der über alle Tode und alle Geburten beim Menschen hinausgeht —, eingegliedert dasjenige, was zwischen Geburt und Tod ist und sich in diesem Dasein zwischen Geburt und Tod durch Begriffe, durch Ideen, durch Vorstellungen einer geistigen Welt entwickelt. Und das, was sich da entwickelt, sind die Augen für das übersinnliche Dasein. Wenn Sie hier zwischen der Geburt und dem Tode kein Wissen über die übersinnliche Welt entwickeln, so bedeutet das für das Dasein in der übersinnlichen Welt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt ein Geblendetsein, wie das Fehlen der Augen am Raumesorganismus ein Geblendetsein bedeutet. Man geht durch den Tod, auch wenn man hier auf der Erde kein Wissen von der übersinnlichen Welt entwickelt, aber man tritt in eine Welt ein, in der man nichts sieht, sondern in der man sich nur forttasten kann.
[ 26 ] Now imagine that, in the spatial organism, at the point where your eyes are located, there were a completely different kind of growth—so that instead of eyes, some sort of tumors would form. Then you would not be able to see. Just as the eyes are located at a specific point on the spatial organism, so too is incorporated into the temporal organism—and by that I mean not only the temporal organism between birth and death, but the temporal organism that extends beyond all deaths and all births in human beings— that which lies between birth and death is integrated, and which develops in this existence between birth and death through concepts, through ideas, through mental images of a spiritual world. And what develops there are the eyes for the supersensible existence. If you do not develop any knowledge of the supersensible world here between birth and death, this means that in the supersensible world between death and a new birth, you will be blinded, just as the absence of eyes in the spatial organism means being blinded. One passes through death even if one does not develop any knowledge of the supersensible world here on Earth, but one enters a world in which one sees nothing, but can only feel one’s way forward.
[ 27 ] Das ist der ungeheure Schmerz, der, ich möchte sagen, als das Gegenbild des materialistischen Zeitalters für denjenigen erscheint, der heute in die Initiationswissenschaft richtig hineinschaut. Er sieht, wie auf der Erde die Menschen in den Materialismus verfallen. Er weiß aber auch, was dieses Verfallen in den Materialismus für das geistige Dasein bedeutet, er weiß, daß das ein Augenausreißen ist, daß es bedeutet, daß die Menschen im Dasein, das ihrer nach dem Tode wartet, nur tasten können. In älteren Zeiten der Menschheitsentwickelung, wo es ein instinktives Wissen von der übersinnlichen Welt gab, traten die Menschen durch die Pforte des Todes, indem sie sehen konnten. Dieses alte instinktive übersinnliche Wissen ist erloschen. Heute muß bewußt geistiges Wissen erworben werden, wohlgemerkt: geistiges Wissen, nicht Hellsehen! Ich habe immer betont: Hellsehen kann auch erworben werden, aber das ist es nicht, worauf es ankommt, sondern das Verstehen desjenigen, was durch die hellseherische Forschung zustande kommt, durch den gewöhnlichen gesunden Menschenverstand, denn es kann dadurch verstanden werden.
[ 27 ] This is the immense pain that, I would say, appears as the antithesis of the materialistic age to anyone who truly looks into the science of initiation today. He sees how people on Earth are sinking into materialism. But he also knows what this sinking into materialism means for spiritual existence; he knows that it is like having one’s eyes gouged out, that it means people can only grope their way through the existence that awaits them after death. In earlier times of human development, when there was an instinctive knowledge of the supersensible world, people passed through the gate of death with the ability to see. This ancient instinctive supersensible knowledge has died out. Today, spiritual knowledge must be acquired consciously—mind you: spiritual knowledge, not clairvoyance! I have always emphasized: Clairvoyance can also be acquired, but that is not what matters; rather, it is the understanding of what is brought about through clairvoyant research, through ordinary, sound common sense, for it can be understood in this way.
[ 28 ] Wer behauptet, daß das gewöhnliche Wissen durch den gesunden Menschenverstand ihm nicht das Auge gibt für das übersinnliche Dasein, daß er dazu Hellsehen braucht — Hellsehen braucht man, um die Dinge zu erforschen, aber man braucht es nicht, um sich die Fähigkeit des Sehens in der übersinnlichen Welt nach dem Tode zu erwerben —, wer das behauptet, der mag nur gleich behaupten, man könne nicht denken, wenn nicht die Augen denken. So wenig die Augen hier im physischen Leben zu denken brauchen, so wenig braucht das Wissen von den übersinnlichen Welten für dasjenige, was ich heute angedeutet habe, die Hellsichtigkeit zu haben. Es würde auf der Erde natürlich kein übersinnliches Wissen geben, wenn es nicht eine Hellsichtigkeit gäbe, aber selbst der Hellseher muß in gewöhnliches Begreifen verwandeln, was er im Übersinnlichen schaut. Würde ein Mensch hier auf Erden noch so hellsehend sein, würde er noch so klar in die geistige Welt hineinschauen — wenn er zu bequem wäre, das, was er schaut in der geistigen Welt, in ordentliche, logisch begreifbare Vorstellungen zu verwandeln, er würde dennoch nach dem Tode in der geistigen Welt geblendet sein.
[ 28 ] Anyone who claims that ordinary knowledge, based on common sense, does not give one the ability to perceive the supersensible realm—that one needs clairvoyance for this—[Clairvoyance is needed to investigate things, but it is not needed to acquire the ability to see in the supersensible world after death]—anyone who makes this claim might as well claim right away that that one cannot think unless the eyes think. Just as the eyes here in physical life do not need to think, so too does knowledge of the supersensible worlds not require clairvoyance for what I have indicated today. Of course, there would be no supersensible knowledge on Earth if there were no clairvoyance, but even the clairvoyant must translate what he sees in the supersensible realm into ordinary understanding. No matter how clairvoyant a person might be here on Earth, no matter how clearly he might see into the spiritual world—if he were too lazy to transform what he sees in the spiritual world into orderly, logically comprehensible concepts, he would nevertheless be blinded in the spiritual world after death.
[ 29 ] Das, sage ich, ist der große Schmerz für den, der in die Initiationswissenschaft der Gegenwart hineinschaut, daß er sich sagen muß: Der Materialismus macht die Leute blind, wenn sie durch die Pforte des Todes treten. — Und da haben wir wiederum etwas, an dem man sieht, daß es für die Realität, für das ganze Weltendasein eine Bedeutung hat, ob der Mensch sich heute hinneigt zu einem übersinnlichen Wissen oder nicht. Die Zeit, wo er das tun soll, ist eben gekommen. Es liegt im Fortschritt der Menschheit, heute zu übersinnlichem Wissen aufzusteigen.
[ 29 ] That, I say, is the great pain for anyone who looks into the initiatory science of the present day—that they must admit to themselves: Materialism blinds people as they pass through the gate of death. — And here again we have something that shows that it matters for reality—for the entire existence of the world—whether people today are inclined toward supersensible knowledge or not. The time has now come for them to do so. It is part of humanity’s progress to ascend to supersensible knowledge today.
