Earthly Knowledge and Heavenly Insight
GA 221
2 February 1923, Dornach
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Earthly Knowledge and Heavenly Insight, tr. SOL
1. Erkenne dich Selbst. Das Erleben des Christus im Menschen als Licht, Leben und Liebe
1. Know Thyself. Experiencing Christ in Humanity as Light, Life, and Love
[ 1 ] Wenn wir ein tierisches Wesen betrachten in seinem Leben, sagen wir während eines Jahreslaufes, so finden wir, daß das Tier den Jahreslauf in einer gewissen Weise miterlebt. Bedenken Sie zum Beispiel ein Insekt, das sich im Zusammenhange mit der Jahreszeit verpuppt, das zu einer anderen Zeit als Schmetterling auskriecht, dann zu einer anderen Jahreszeit seine Eier ablegt und so weiter. Wir können den äuBeren Naturlauf verfolgen, können dann den Lebenslauf eines solchen Insektes verfolgen, und wir werden einen gewissen Zusammenhang finden, gewissermaßen so etwas, wovon wir sagen können, das Tier richtet sich in seinem eigenen Leben nach seiner natürlichen Umgebung ein. Wenn wir den Menschen irgendeiner Menschengruppe, einer größeren Menschengemeinschaft, in älteren Zeiten der Erdenentwickelung betrachten, so finden wir, daß er auch mehr oder weniger instinktiv das Äußerlich-Natürliche miterlebt. Indem aber die Menschheitsentwickelung vorwärtsgeschritten ist, hörten jene Instinkte mehr oder weniger auf, welche den Menschen dazu brachten, seine unmittelbare natürliche äußere Umgebung mitzuerleben. So daß wir bei den Mitgliedern der vorgeschritteneren Menschheit nicht mehr ein solches äußeres Zusammenstimmen finden zwischen der unmittelbaren Umgebung der Natur und demjenigen, was an dem Menschen selbst auftritt. Das hängt damit zusammen, daß der Mensch ja einer Entwickelung unterliegt, welche die Geschichte der Menschheit ausmacht, und welche ein Ganzes innerhalb der langen planetarischen Entwickelungsepoche der Erde bildet.
[ 1 ] When we observe an animal throughout its life—say, over the course of a year—we find that the animal experiences the changing seasons in a certain way. Consider, for example, an insect that pupates in accordance with the season, emerges as a butterfly at another time, lays its eggs during yet another season, and so on. We can observe the external course of nature, then follow the life cycle of such an insect, and we will find a certain connection—something, so to speak, that allows us to say the animal adapts its own life to its natural environment. If we consider human beings—whether as part of a particular group or a larger human community—during earlier periods of Earth’s development, we find that they, too, more or less instinctively experienced the external natural world. However, as human development has progressed, those instincts that led human beings to experience their immediate natural external environment have more or less ceased. Consequently, among members of more advanced humanity, we no longer find such an external harmony between the immediate natural environment and what occurs within the human being. This is connected to the fact that human beings are subject to a process of development that constitutes the history of humanity and forms a whole within the long epoch of the Earth’s planetary evolution.
[ 2 ] Wenn wir, weil dabei ja die Verhältnisse am deutlichsten auftreten, ein niederes Tier nehmen, ein Insekt eben, so finden wir, daß ein solches Tier einen verhältnismäßig kurzen Zeitraum, einen Jahreslauf etwa miterlebt. Dann wiederholt sich mit dem Tiere dasjenige, was in einem einzelnen Jahreslauf sich abspielt.
[ 2 ] If we take a lower animal—an insect, for example—because that is where these relationships are most clearly evident, we find that such an animal experiences a relatively short period of time, roughly one annual cycle. Then, what takes place over the course of a single annual cycle is repeated in the life of the animal.
[ 3 ] Für die Menschheit haben wir ja bei unseren geschichtlichen Betrachtungen des öfteren eine gewisse Gesetzmäßigkeit gefunden, die durch lange Erdenzeiten, durch lange Zeiten unseres Planeten hindurchgeht. Wir haben zum Beispiel das uns ja so Geläufige gefunden, daß in älteren Zeiten die Menschen eine Art instinktiven Hellsehens hatten, ein Bilderbewußtsein, daß dann dieses Bilderbewußtsein abgeglommen ist in einer mittleren Zeit der Menschheitsentwickelung, wo ein Übergang war von dem alten Bilderbewußtsein zu dem modernen intellektualistischen Begriffsbewußtsein. Und unsere geschichtliche Gegenwart seit dem ersten Drittel des 15. Jahrhunderts haben wir ja öfters angeführt als die Zeit der eigentlichen Bewußtseinsseelenentwickelung, da wo der Mensch eintritt in das intellektualistische Denken im engeren Sinne, das ihn dann zum freien Selbstbewußtsein erst vollständig bringt.
[ 3 ] In our historical reflections on humanity, we have often found a certain pattern that runs through long periods of Earth’s history, through long eras of our planet. For example, we have found—as is well known to us—that in earlier times, people possessed a kind of instinctive clairvoyance, a visual consciousness, which then faded during a middle phase of human development, when there was a transition from the old visual consciousness to the modern, intellectualistic conceptual consciousness. And we have often cited our historical present—since the first third of the 15th century—as the period of the actual development of the soul of consciousness, when human beings enter into intellectual thinking in the narrower sense, which then fully leads them to free self-consciousness.
[ 4 ] Wenn wir von diesem Gesichtspunkte aus also einen langen Zeitraum betrachten, dann erst finden wir eine gewisse überschaubare Regelmäßigkeit in der Entwickelung der ganzen Menschheit, eine Regelmäßigkeit, die wir für diesen langen Zeitraum schon vergleichen müssen mit der Regelmäßigkeit in einem verhältnismäßig kurzen Zeitraum, sagen wir für ein Insekt, das den Jahreslauf miterlebt.
[ 4 ] If we therefore consider a long period of time from this perspective, only then do we find a certain manageable regularity in the development of all humanity—a regularity that, for this long period, we must already compare to the regularity observed over a relatively short period, say, in the life of an insect that experiences the cycle of the year.
[ 5 ] Nun, in älteren Zeiten war noch ein gewisses Miterleben, ein instinktives Miterleben der Menschheit mit dem natürlichen Lauf, mit der natürlichen Umgebung. Aber die Instinkte sind mehr oder weniger abgelähmt worden, und heute leben wir in einer Zeit, in der das bewußte Innenleben an die Stelle des alten instinktiven Lebens treten muß.
[ 5 ] Well, in earlier times there was still a certain sense of being in tune with—an instinctive sense of being in tune with—the natural order and the natural environment. But those instincts have been more or less dulled, and today we live in an age in which conscious inner life must take the place of the old instinctive life.
[ 6 ] Würde nun der Mensch nur so leben, daß er, ich möchte sagen, sich dem Zufall übergibt, daß er nicht aufnimmt innere Richtungslinien und Gesetzmäßigkeiten, in einem bestimmten Zeitpunkte nicht sich sagt: So mußt du deine ganze Wesenheit orientieren —, würde der Mensch nicht zu einer solchen inneren Orientierung kommen, sondern sich dem Zufall überlassen in seinem Hinleben von der Geburt bis zum Tode hier auf Erden, er würde, trotzdem er durch sein höher entwikkeltes Seelenleben über das Tier hinausragt, durch diese Handhabung seines Seelenlebens unter die Tierheit heruntersinken.
[ 6 ] If a person were to live in such a way that—I might say—he surrenders himself to chance, that he does not adopt inner guiding principles and laws, and does not say to himself at a certain point in time: ‘This is how you must orient your entire being’—if human beings did not arrive at such an inner orientation but instead left themselves to chance as they lived out their lives from birth to death here on Earth, they would, despite rising above the animal realm through their more highly developed soul life, sink below the animal realm through this way of handling their soul life.
[ 7 ] Dann müßten wir sagen: Das Insekt hat eine gewisse Richtung seines Lebens für den Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Es überläßt sich nicht dem Zufall des Werdens, es stellt sich in einer gewissen RegelmäBigkeit in der Aufeinanderfolge der Lebensstadien in die Welt hinein.
[ 7 ] Then we would have to say: The insect follows a certain course of life through spring, summer, fall, and winter. It does not leave itself to the whims of chance; rather, it enters the world with a certain regularity in the sequence of its life stages.
[ 8 ] Wenn wir aber sehen, wie der Mensch aus dem instinktiven älteren Miterleben mit der Natur, das zwar seelischer war als das der Tiere, das aber dennoch instinktiv war, herausgetreten ist und die neuere, bewußtere Form angenommen hat, so finden wir allerdings, daß der Mensch, trotz seines höheren Seelen- und Denklebens, mit der Ablähmung seiner Instinkte sich mehr in ein chaotisches Leben hineinbegeben hat und dadurch in einer gewissen Weise unter das Tierische heruntergesunken ist.
[ 8 ] But when we consider how human beings have moved away from their earlier, instinctive communion with nature—which, though more spiritual than that of animals, was nonetheless instinctive—and have adopted a newer, more conscious form, we do indeed find that human beings, despite his higher spiritual and intellectual life, has, with the atrophy of his instincts, plunged more deeply into a chaotic existence and thereby, in a certain sense, sunk below the animal realm.
[ 9 ] Man möge noch so sehr hervorheben, was der Mensch zunächst als herausragend über die Tierheit hat, dasjenige, was er auf der anderen Seite als seinen neueren Fortschritt entwickelt hat, wir werden dennoch gerade von den hier angegebenen Gesichtspunkten aus sagen müssen: Jenes innere Richtunggebende seines Lebens hat der Mensch eigentlich verloren. Denn er müßte dieses Richtunggebende seines Lebens darinnen sehen, daß er als ein Glied der Menschheit sich bewußt ist: Du bist ein Mensch dieses oder jenes Jahrhunderts. Dieses oder jenes Jahrhundert nimmt aber in dem Gesamtwerden deines Planeten eine bestimmte Stellung ein, so wie der Monat September eine bestimmte Stellung im Jahreslauf für ein niederes Lebewesen einnimmt. Du mußt dir bewußt werden, wie dein Seelenleben sich in eine bestimmte historische Epoche hineinstellen muß.
[ 9 ] No matter how much one may emphasize what humans initially possess that sets them apart from the animal realm—or, on the other hand, what they have developed as their more recent progress—we must nevertheless conclude, precisely from the perspectives outlined here, that humans have in fact lost that inner guiding force of their lives. For humans would have to see this guiding force in their lives in the fact that, as a member of humanity, they are conscious of: “You are a human being of this or that century.” But this or that century occupies a specific position in the overall development of your planet, just as the month of September occupies a specific position in the course of the year for a lower living being. You must become aware of how your soul life must position itself within a specific historical epoch.
[ 10 ] Das muß allerdings etwas werden, das sich der Mensch aneignet, indem er immer mehr und mehr hineintritt in die Bewußtseinsseelenentwickelung. Der Mensch muß bewußt sich sagen können: Ich lebe in dieser oder jener Epoche, und ich bin nicht im vollen Sinne des Wortes Mensch, wenn ich mich dem Zufall überlasse, der mich durch die Geburt ins irdische Dasein hereingestellt hat, das heißt für mein Bewußtsein dem Zufall überlasse, sonst bin ich dem Karma überlassen. Ich bin nur dann im vollen Sinne des Wortes Mensch, wenn ich mir Rechenschaft darüber ablege, was die geschichtliche Entwickelung der Menschheit von meinem Seelenleben will, indem ich einer gewissen Epoche angehöre. Das Tier lebt im Jahreslauf. Der Mensch muß lernen, in der Geschichte der Erde zu leben.
[ 10 ] This, however, must become something that a person acquires by delving ever deeper into the development of the soul of consciousness. A person must be able to say to themselves consciously: I live in this or that epoch, and I am not a human being in the full sense of the word if I leave myself to chance—the chance that brought me into earthly existence through birth—that is, if I leave my consciousness to chance; otherwise, I am at the mercy of karma. I am a human being in the full sense of the word only when I take stock of what the historical development of humanity demands of my soul life by virtue of my belonging to a certain epoch. The animal lives according to the cycle of the year. Human beings must learn to live within the history of the Earth.
[ 11 ] Wir haben ja als wichtigstes Ereignis in diese Geschichte der Erde das Mysterium von Golgatha hineingestellt. Und wir haben des öfteren betrachtet, was es heißt, der Mensch habe vor dem Mysterium von Golgatha gelebt, oder er lebte in einem gewissen Zeitpunkt nach dem Mysterium von Golgatha. Wir haben gewissermaßen einen Ruhepunkt in der geschichtlichen Entwickelung, indem wir von diesem größten historischen Ereignis auf Erden zurück- und vorwärtsrechnen. Aber wir werden einem solchen Rechnen in bezug auf das Mystetium von Golgatha erst voll gerecht, wenn wir auch für die einzelnen Epochen des geschichtlichen Lebens ins Auge fassen können, was eben des Menschen Seelenaufgabe in einer bestimmten Epoche ist.
[ 11 ] We have, of course, identified the Mystery of Golgotha as the most important event in the history of the Earth. And we have often considered what it means for a human being to have lived before the Mystery of Golgotha, or to have lived at a certain point in time after the Mystery of Golgotha. In a sense, we have a point of reference in historical development by counting backward and forward from this greatest historical event on Earth. But we can only do full justice to such a reckoning with regard to the Mystery of Golgotha when we can also consider, for each individual epoch of historical life, what the task of the human soul is in that particular epoch.
[ 12 ] Die geschichtliche Darstellung, wie man sie heute gewöhnlich hat, genügt nicht, um ein solches Bewußtsein für eine bestimmte Epoche zu gewinnen. Denn die bloße Erzählung, wie sich das persische, das babylonische, das ägyptische, das griechische, das römische Leben und so weiter entwickelt hat, das gibt dem Menschen doch keinen Aufschluß über ein regelmäßiges Sich-Hineinstellen in das ganze geschichtliche Werden seines Planeten, so wie sich regelmäßig das Tier hineinstellt in den Jahreslauf.
[ 12 ] The historical account, as it is commonly presented today, is not sufficient to gain such an awareness of a particular era. For the mere narration of how Persian, Babylonian, Egyptian, Greek, Roman life, and so on, developed does not provide people with insight into a regular way of placing themselves within the entire historical evolution of their planet, just as animals regularly place themselves within the cycle of the year.
[ 13 ] Nun haben wir ja schon in der verschiedensten Weise die einzelnen Epochen der Geschichte studiert, um daraus einen Begriff zu bekommen, was wir besonders in unserer Epoche innerhalb unseres Seelenlebens lebendig zu machen haben. Aber das Leben ist reich und vielartig, und wenn man zu der wahren Wirklichkeit des Erdenlebens, des Menschheitslebens überhaupt kommen will, so muß das Leben immer wieder von den verschiedensten Gesichtspunkten aus betrachtet werden. Und so möchte ich Ihnen heute wiederum einen Gesichtspunkt im Menschenleben entwickeln, der geeignet ist, hinzuweisen auf die besondere Artung des Seelenlebens des Menschen in unserer Zeit.
[ 13 ] We have, of course, already studied the various epochs of history in many different ways in order to gain an understanding of what we need to bring to life, especially in our own time, within our inner lives. But life is rich and multifaceted, and if one wishes to arrive at the true reality of earthly life—of human life in general—then life must be viewed again and again from the most diverse perspectives. And so today I would like to present to you yet another perspective on human life that is suited to pointing out the particular character of human soul life in our time.
[ 14 ] Wenn wir in sehr alte Zeiten der Menschheitsentwickelung zurückblicken, so finden wir ja in den einzelnen Lebensgebieten der Erde eingestreut dasjenige, was wir als die Mysterien kennengelernt haben. Wir finden, daß die einzelnen über die Erde hin lebenden Menschengruppen sich äußerlich sogar, aber namentlich seelisch, kulturell, unter dem Einfluß dieser Mysterien entwickeln. Wir finden, daß einzelne Menschen je nach ihrem Reifegrade in die Mysterien aufgenommen werden, daß sie dort eine Entwickelung durchmachen, die sie zu einer gewissen Stufe des Erkennens, des Fühlens, des Wollens bringt, und daß sie dann als solche Erkennende, Höher-Fühlende, Höher-Wollende unter die übrigen Menschengenossen hinaustreten und diesen für die einzelnen Dinge des Lebens, für die innere Stärke und Kräftigung der Seele, für das äußere Wollen und Tun die Richtungslinien geben. Man kann daher das, was solche Richtungslinien für ältere Epochen der Menschheit waren, am besten daran studieren, wie die in die Mysterien Einzuweihenden zu solchen Richtungslinien gebracht worden sind.
[ 14 ] When we look back to the very early stages of human development, we find scattered throughout the various spheres of life on Earth what we have come to know as the Mysteries. We find that the various groups of people living across the Earth develop—externally, to be sure, but especially spiritually and culturally—under the influence of these mysteries. We find that individual human beings, depending on their degree of maturity, are admitted into the Mysteries, that they undergo a process of development there which brings them to a certain level of cognition, feeling, and will, and that they then, as such cognizers, those with a higher sense of feeling, and those with a higher will, step out among their fellow human beings and provide them with guiding principles for the various aspects of life, for the inner strength and fortification of the soul, and for outward will and action. One can therefore best study what such guiding principles were for earlier epochs of humanity by examining how those to be initiated into the Mysteries were led to such guiding principles.
[ 15 ] Ähnlich wie heute, nur eben nicht, wie wir oft gehört haben, in der abstrakt-intellektualistischen Weise wie gegenwärtig, wurden die Schüler der Mysterien dazu gebracht, ihre Umwelt kennenzulernen, sagen wir, um das Hauptsächlichste herauszugreifen, dasjenige kennenzulernen, was in den sogenannten drei Reichen der Natur lebt. Wir lernen heute schon von der untersten Schulstufe ab durch allerlei Begriffe und Vorstellungen uns hineinversetzen in die drei Reiche der Natur. Wir lernen durch Begriffe und Ideen das Mineralische, das Pflanzliche, das Tierische kennen und wollen, von da ausgehend, auch Aufschlüsse über das menschliche Leben und Wesen selber gewinnen.
[ 15 ] Much like today—though not, as we have often heard, in the abstract, intellectualistic way that is common today—the students of the Mysteries were led to become acquainted with their environment; to put it simply, to focus on the most essential aspects and to come to know what lives in the so-called three kingdoms of nature. Even today, starting in the earliest grades, we learn through all kinds of concepts and ideas to immerse ourselves in the three kingdoms of nature. Through concepts and ideas, we come to know the mineral, plant, and animal kingdoms, and, building on that foundation, we also seek to gain insights into human life and the human being itself.
[ 16 ] Solche Begriffe, solchen intellektualistischen Seeleninhalt, wie er heute den Menschen mitgeteilt wird, gab es allerdings in jenen älteren Zeiten bei den in die Mysterien Einzuweihenden nicht. Begriffe waren auch da, aber sie waren nicht in der Weise errungen, erarbeitet im inneren Seelenleben durch Logik, Beobachtung und so weiter wie heute, sondern sie waren dadurch an den Menschen herangebracht, daß der Mensch eine innere Seelenentwickelung durchzumachen hatte, und daß er dann zu Bildern kam über das Mineralische, über das Pflanzliche, über das Tierische. Nicht jene abstrakten Begriffe nahm er auf, die er heute aufnimmt, sondern Bilder — Bilder, die der heutige intellektualistische Mensch vielleicht als phantastisch empfinden wird, aber eben Bilder nahm er auf, der Mensch. Er wußte aber von diesen Bildern durch unmittelbares Erleben, daß ihm das, was er in den Bildern erfuhr, in den Bildern erlebte, etwas gab von dem, was in den Dingen, in den Mineralien, Pflanzen, Tieren selber drinnen war, was in ihnen wuchs, was in ihnen Gestalt annahm, was in ihnen sich entfaltete. Das wußte er. Er wußte es eben aus den Bildern, die dem heutigen Menschen wie phantastische Mythen und dergleichen vorkommen.
[ 16 ] Such concepts, such intellectualistic content of the soul as is communicated to people today, did not, however, exist in those earlier times among those to be initiated into the Mysteries. Concepts did exist then as well, but they were not acquired in the same way—developed in the inner life of the soul through logic, observation, and so on, as they are today—but were brought to people through the process of undergoing an inner development of the soul, which led them to form images of the mineral, plant, and animal kingdoms. They did not absorb the abstract concepts that they absorb today, but rather images—images that today’s intellectualistic person might find fanciful—yet it was precisely these images that people absorbed. But through direct experience of these images, they knew that what they experienced in the images—what they lived through in the images—gave them a sense of what was within the things themselves—within the minerals, plants, and animals—what grew within them, what took shape within them, what unfolded within them. He knew this. He knew it precisely from the images that seem to modern people like fantastical myths and the like.
[ 17 ] Der alte Mensch wußte, daß er Wirklichkeitsgemäßes hatte an dem, was der heutige Mensch mehr oder weniger als mythologisch-phantastisch empfindet. Der ältere Mensch wußte: Wenn ich ein Tier in der physisch-sinnlichen Welt anschaue, so steht es vor mir in festen Umtissen. — Diese festen Umrisse zu begreifen, war aber nicht eigentlich seine Absicht. Seine Absicht war vielmehr, das überall flutende, bewegliche, flüssige Leben zu verfolgen. Das konnte man nach seinen Anschauungen nicht in scharf umrissenen Bildern, nicht in scharf umtissenen Begriffen, sondern das mußte man in flüssigen, sich verwandelnden, sich metamorphosierenden Bildern vermitteln. Und so wurde es ihm in den Mysterien vermittelt.
[ 17 ] People of the past knew that there was something true in what people today perceive, to a greater or lesser extent, as mythological and fantastical. Ancient people knew: When I look at an animal in the physical, sensory world, it stands before me with fixed contours. — But comprehending these fixed contours was not actually their intention. Their intention was rather to trace the life that flows everywhere, moving and fluid. According to their views, this could not be conveyed through sharply defined images or sharply defined concepts, but rather through fluid, transforming, metamorphosing images. And this is how it was conveyed to them in the Mysteries.
[ 18 ] Dann aber, wenn der Mensch auf Grundlage dieser Mysterienerkenntnis aufsteigen sollte dazu, sich selbst zu erkennen, dann machte er in seiner Seele zunächst eine bedeutungsvolle Krise durch. Er hatte in seiner für die alte Zeit zeitgemäßen Erkenntnis Bilder empfangen von dem Mineralischen, von dem Pflanzlichen, von dem Tierischen. Er konnte in der seinem traumhaften Bewußtsein entsprechenden Weise gewissermaßen das Innere der Naturreiche durchschauen. Er hatte aus seinem Mysterienwesen heraus in einer ähnlichen Weise, wie spätere Zeiten, die Richtungslinien daraufhin bekommen, sich selbst zu erkennen. Das «Erkenne dich selbst» war doch ein Ideal durch alle Zeiten der menschlichen Kultur- und Zivilisationsentwickelung hindurch. Aber indem er, dieser ältere Mensch, von seiner Art imaginativer Naturerkenntnis aufsteigen sollte zur Selbsterkenntnis, machte er eine innere Seelenkrise durch.
[ 18 ] But then, when a person, on the basis of this knowledge of the mysteries, was to rise to the point of recognizing himself, he first underwent a profound crisis in his soul. In his understanding, which was appropriate for the ancient era, he had received images of the mineral, plant, and animal kingdoms. In a manner corresponding to his dreamlike consciousness, he was able, so to speak, to see through to the inner nature of the kingdoms of nature. From his experience of the mysteries, he had received the guiding principles for self-knowledge in a manner similar to that of later times. “Know thyself” has, after all, been an ideal throughout all periods of human cultural and civilizational development. But as this ancient human was to ascend from his form of imaginative knowledge of nature to self-knowledge, he underwent an inner crisis of the soul.
[ 19 ] Soll ich Ihnen schildern, worin diese innere Seelenkrisis bestand, so muß ich das Folgende sagen: Der Mensch hatte sein Seelenleben erfüllt, indem er hinaussehen gelernt hatte auf das Wesen des ausgebreiteten Mineralischen, er trug Wirkungen der mineralisch-physischen Vorgänge in sich. Er trug des weiteren Bilder von dem mannigfaltig in sich verwebenden pflanzlichen Leben in sich. Er trug Bilder des Tierischen in sich. Er konnte das auch zusammenfügen zu einer mineralisch-pflanzlich-tierischen Welt. Indem er, gewissermaßen von dem Hinausschauen ausgehend, zurückschaute in sein Inneres, hatte er in seiner primitiveren Art von Gedächtnis ein inneres Bild des Mineralreiches, des Pflanzenreiches, des Tierreiches und ein inneres Bild des Zusammenwirkens.
[ 19 ] If I am to describe to you what this inner crisis of the soul consisted of, I must say the following: Human beings had enriched their inner life by learning to look out upon the essence of the vast mineral realm; they carried within themselves the effects of mineral-physical processes. Furthermore, he carried within himself images of the plant life that was intricately interwoven within him. He carried images of the animal realm within himself. He was also able to bring these together into a mineral-plant-animal world. By looking back into his inner self, as it were, from this outward gaze, he possessed—in his more primitive form of memory—an inner image of the mineral kingdom, the plant kingdom, the animal kingdom, and an inner image of their interplay.
[ 20 ] Wenn er dann heranging an die Erfüllung der Forderung: «Erkenne dich selbst», dann mußte er plötzlich stehenbleiben, dann mußte er sich sagen: Ich habe eine mannigfaltige, formenreiche, farbenreiche, sogar innerlich tönende, man möchte sagen, innerlich musikalische Bilderwelt von demjenigen, was außer dem Menschen im Erdenleben vorhanden ist. Aber diese ganze formenreiche, mannigfaltige, sich verwandelnde, in Farben überall schillernde und leuchtende und glänzende, in Tönen erklingende Welt, sie läßt mich im Stiche, wenn ich die Forderung «Erkenne dich selbst» erfüllen will. Indem ich das Menschenwesen selber in einer solch bildhaften Weise fassen will, kann ich das nicht. Ich bekomme zwar auch für den Menschen Bilder, aber indem ich diese Bilder erlebe, weiß ich aus dem Erleben der Bilder selbst heraus: das ist nicht der wirkliche Mensch, das ist nicht das, was ich empfinde, wenn ich meine Menschenwürde empfindend erlebe. Das bin ich nicht in Wirklichkeit.
[ 20 ] When he then set about fulfilling the demand: “Know thyself,” he suddenly had to stop in his tracks; he had to say to himself: I have a multifaceted, richly varied, colorful, even inwardly resonant—one might say, inwardly musical—world of images of that which exists outside of the human being in earthly life. But this entire world—rich in form, manifold, ever-changing, shimmering, glowing, and shining with colors everywhere, resounding with tones—it fails me when I want to fulfill the demand ‘Know thyself.’ By trying to grasp the human being itself in such a pictorial way, I cannot do so. I do indeed receive images of the human being as well, but as I experience these images, I know from the very experience of the images themselves: this is not the real human being; this is not what I feel when I experience my human dignity with feeling. That is not who I really am.
[ 21 ] Und aus dieser Krise heraus, die da der Mensch durchmachte in bezug auf die Ohnmacht der Selbsterkenntnis, entwickelte sich dann für den Menschen, der durch die Mysterieneinweihung eben diese Krisis durchlebt hat, etwas anderes. Es entwickelte sich daraus eine ganz bestimmte Lebensüberzeugung, eine Lebensüberzeugung, die wir auf dem Grunde aller alten Zivilisationen finden.
[ 21 ] And out of this crisis—which humanity was undergoing in relation to the powerlessness of self-knowledge—something else then developed for the person who had lived through this very crisis through initiation into the mysteries. From this emerged a very specific philosophy of life—one that we find at the root of all ancient civilizations.
[ 22 ] Diese Lebensüberzeugung bestand darinnen, daß der Mensch, der wirklich aufgeklärt war in älteren Zivilisationen, sich sagte: Hier auf Erden, wo die Mineralien, die Pflanzen, die Tiere ihre Bestimmung finden, wo sie in der Lage sind, ihr Wesen zu offenbaren in den Bildern, die ich mir selber von ihnen machen kann, hier auf dieser Erde offenbart der Mensch sein Wesen nicht.
[ 22 ] This philosophy of life held that a person who was truly enlightened in ancient civilizations would say to himself: Here on Earth, where minerals, plants, and animals find their purpose, where they are able to reveal their essence in the images I can form of them in my mind—here on this Earth, human beings do not reveal their essence.
[ 23 ] Das ist die auf dem Grunde aller älteren Zivilisationen lebende Überzeugung, daß der Mensch nicht in demselben Sinne zur Erde gehört, wie die Wesen der anderen Naturreiche, daß er gewissermaßen die Heimat seines eigenen Wesens woanders als auf Erden hat, daß er diese Heimat seines eigenen Wesens in der übersinnlichen Welt hat. Und das war keine willkürliche Glaubensvorstellung, sondern das war etwas, was die Menschen sich in einer Krisis ihres Seelenlebens errungen haben, nachdem sie eben zunächst die ihrer Zeit gemäße Erkenntnis über das Außermenschliche im Erdenleben erworben hatten.
[ 23 ] This is the conviction underlying all ancient civilizations: that human beings do not belong to the Earth in the same sense as the beings of the other kingdoms of nature; that, in a sense, the true home of their own being lies elsewhere than on Earth; that this true home of their own being is in the supersensible world. And this was not an arbitrary belief, but rather something that people had arrived at during a crisis in their spiritual life, after they had first acquired the understanding of the non-human aspects of earthly life that was appropriate to their time.
[ 24 ] Und eine Lösung dieser Krisis gab es ja nur dadurch, daß in jenen älteren Zeiten der Mensch vermöge der in ihm damals noch vorhandenen Fähigkeiten hingewiesen werden konnte auf das vorirdische Leben, und von da aus auch auf das nachirdische Leben, auf das Leben nach dem Tode.
[ 24 ] And the only way to resolve this crisis was that, in those ancient times, human beings—by virtue of the abilities they still possessed at that time—could be guided toward an understanding of pre-earthly life, and from there also toward an understanding of post-earthly life, that is, life after death.
[ 25 ] Das vorirdische Leben war in einer gewissen Weise jedem instinktiven Menschen bewußt. Es ragte herein wie eine vorirdische Erinnerung in das irdische Leben. Und das nachirdische Leben wurde in der Weise, wie ich das ja in dem sogenannten Französischen Kurs angedeutet habe, dann in der Erkenntnis auf Grundlage des vorirdischen Lebens erworben.
[ 25 ] In a certain sense, every instinctive human being was aware of pre-earthly life. It loomed into earthly life like a pre-earthly memory. And, as I indicated in the so-called French Course, knowledge of life after death was then acquired on the basis of pre-earthly life.
[ 26 ] Aber was lernte der Mensch da auf Grundlage seiner alten Fähigkeiten wissen? Er lernte wissen: Wenn du durch die Pforte des Todes getreten bist, dann erst wird der Zeitpunkt gekommen sein, in dem du nicht nur das Wesen der außermenschlichen Natur vor dir haben wirst, sondern in der du dein eigenes Wesen vor deiner Seele wirst auftreten schauen. Denn das war das Eigentümliche einer älteren Menschheitsentwickelung, daß der Mensch damals zwischen Geburt und Tod ausschließlich ein Bilderbewußtsein entwickelte, wie ich es öfters geschildert habe, noch nicht das intellektualistische Bewußtsein, das wir heute haben. Dieses intellektualistische Bewußtsein, das wir heute haben, das entwickelte der Mensch in jenen älteren Zeiten unmittelbar nach dem Tode. Und er behielt es dann nach dem Tode.
[ 26 ] But what did human beings come to know there, based on their ancient abilities? They came to know this: Only when you have passed through the gate of death will the moment have come when you will not only have the essence of non-human nature before you, but when you will see your own essence appear before your soul. For that was the distinctive feature of an earlier stage of human development: that in those days, between birth and death, human beings developed exclusively an imaginal consciousness—as I have often described—and not yet the intellectual consciousness we possess today. This intellectual consciousness that we possess today was developed by human beings in those earlier times immediately after death. And they retained it after death.
[ 27 ] Das ist das Eigentümliche im Fortschritt der Menschheitsentwickelung, daß das intellektualistische Bewußtsein, das die Menschen einer älteren Zeit nach dem Tode so hatten, wie wir heute für den Menschen die bloß bildhafte Rückschau der drei Tage nach dem Tode beschreiben, das war das Eigentümliche, daß der Mensch einer älteren Zeit auf der Erde ein traumhaftes Bilderbewußtsein hatte, so wie wir heute schon im Erdenleben das intellektualistische Bewußtsein haben, und nach dem Tode hineinwuchs in das intellektuelle Leben, das ihm dann, wenn er körperbefreit war, die Freiheit gab. In älteren Zeiten wurde der Mensch nach dem Tode ein intellektualistisches und freies Wesen.
[ 27 ] What is peculiar about the progress of human development is that the intellectualistic consciousness which people of an earlier time possessed after death—just as we today describe for people the purely pictorial retrospect of the three days following death— that was the peculiarity: that people of an earlier time on Earth had a dreamlike, pictorial consciousness, just as we today already have intellectual consciousness during our earthly life, and after death they grew into the intellectual life that then, once they were freed from the body, gave them freedom. In earlier times, after death, human beings became intellectual and free beings.
[ 28 ] Und indem der Mysterienschüler eingeweiht wurde in diese Tatsache, konnte ihm klargemacht werden, auf Grundlage der damaligen Menschenerkenntnis: Hier auf dieser Erde kannst du durch dein Bilderbewußtsein eine Erkenntnis gewinnen von dem Außermenschlichen. Aber indem du gemäß der Forderung «Erkenne dich selbst» auf dich zurückblickst, findest du dich mit deiner vollen Menschenwürde im irdischen Leben vor dem Tode eigentlich nicht. Du wirst ein voller Mensch erst, wenn du durch die Pforte des Todes getreten bist. Dann wirst du das reine Denken in deinen Besitz bekommen können, dann wirst du mit dem reinen Denken ein freies Wesen werden können.
[ 28 ] And as the initiate was initiated into this truth, it could be made clear to him, based on the understanding of humanity at that time: Here on this Earth, through your imagery consciousness, you can gain insight into the non-human realm. But when you look back upon yourself in accordance with the command “Know thyself,” you do not actually find yourself, with your full human dignity, in earthly life before death. You become a fully realized human being only after you have passed through the gate of death. Then you will be able to take possession of pure thinking; then, through pure thinking, you will be able to become a free being.
[ 29 ] Das ist das Eigentümliche, diese Form des Bewußtseins, die für ältere Zeiten der Menschheitsentwickelung so für den Menschen nach dem Tode eingetreten ist, wie für uns heute die Rückschau nach dem Tode; die hat sich gewissermaßen in einer dem Menschenleben entgegengesetzten Strömung hereinbewegt von dem nachtodlichen Leben, von dem nachirdischen Leben in das irdische Leben herein. Und das, was wir in ausgesprochenem Maße als Menschen uns erworben haben seit dem ersten Drittel des 15. Jahrhunderts, das ist hereingewandert von dem nachirdischen Menschen in den irdischen Menschen. Das heißt, es ist das wirkliche Menschenwesen, von dem den älteren Mysterienschülern klargeworden ist, du findest es erst im überirdischen Dasein nach dem Tode, es ist dieses Menschenwesen in das irdische Leben hereingezogen. Ein wirklicher übersinnlicher Strom ist in das irdische Menschenleben hereingezogen, indem er unserem Menschenleben, das vom Vorher zu dem Nachher geht, sich entgegensetzt, vom Nachher zum Vorher bewegt. Wir sind als Menschen eines Überirdischen teilhaftig geworden und haben damit allerdings die Aufgabe übernommen, dieses aus dem Übersinnlichen in das Sinnliche Hereingezogenen würdig zu werden, unsere Freiheit auch innerlich zu gewinnen, das Übersinnliche bewußt im Sinn der Bewußtseinsseelenentwickelung voll anzuerkennen.
[ 29 ] This is what is so peculiar: this form of consciousness, which in earlier periods of human development occurred for people after death in the same way that, for us today, it is the looking back after death; it has, so to speak, flowed in from the afterlife—from the life beyond the earth—into earthly life, in a current opposed to human life. And what we, as human beings, have acquired to a marked degree since the first third of the 15th century has flowed in from the human being beyond the earth into the earthly human being. That is to say, it is the true human being—which the older students of the mysteries had come to realize can only be found in the super-earthly existence after death—that has drawn into earthly life. A truly supersensible current has flowed into earthly human life, opposing our human existence—which moves from the “before” to the “after”—by moving from the “after” to the “before.” As human beings, we have become partakers of something supraterrestrial, and in doing so we have indeed taken on the task of becoming worthy of this element drawn from the suprasensory into the sensory realm, of gaining our freedom inwardly as well, and of fully acknowledging the suprasensory in the sense of the development of the soul of consciousness.
[ 30 ] Es ist wirklich so, daß, wenn auch ältere Zeiten gewissermaßen über den Menschen erhoben gefunden haben die Forderung: «Erkenne dich selbst», ihm als Antwort wurde: Hier auf Erden gibt es keine Selbsterkenntnis, denn hier auf Erden ist das volle Menschenwesen gar nicht erfüllt. Du bist nicht voll Mensch auf der Erde, du bist voll Mensch erst, wenn du durch die Pforte des Todes geschritten sein wirst und hineingegangen sein wirst in die übersinnliche Welt.
[ 30 ] It is truly the case that, even though in earlier times the demand “Know thyself” was, so to speak, placed upon human beings, the answer given to them was: Here on earth there is no self-knowledge, for here on earth the full human being is not yet fully realized. You are not a fully human being on Earth; you will only be a fully human being once you have passed through the gate of death and entered the supersensible world.
[ 31 ] Noch zur Zeit des Mysteriums von Golgatha und Jahrhunderte später nannte man daher den Menschen, wie er auf Erden lebt, im Sinne der alten Mysterienweisheit: den natürlichen Menschen. Aber man war zu gleicher Zeit der Ansicht, dieser natürliche Mensch ist nicht der wahre Mensch, ist nicht der volle Mensch, trägt das volle Menschenwesen gar nicht in sich. Und man unterschied von diesem natürlichen Menschen den pneumatischen Menschen, den geistigen Menschen. Und man war der Ansicht, daß der Mensch erst, wenn er nach Ablegung des physischen Leibes mit Durchschreiten der Todespforte pneumatischer Mensch geworden ist, er erst als ein solcher pneumatischer Mensch voller Mensch sein kann. Daher war mit der Mysterieneinweihung der alten Zeiten die Entwickelung höchster Bescheidenheit für das Erdenbewußtsein des Menschen verbunden. Hochmütig konnte der Erdenmensch durch die Mysterieneinweihung nicht gemacht werden, denn er bekam nicht etwa das Gefühl: du bist auf dieser Erde schon im vollen Sinne des Wortes Mensch, sondern er bekam das Bewußtsein: du bist gewissermaßen ein Kandidat des Menschlichen hier auf Erden, und du mußt dein Erdenleben so anwenden, daß du nach deinem Tode voll Mensch werden könntest.
[ 31 ] Even at the time of the Mystery of Golgotha and for centuries afterward, the human being as he lives on earth was therefore referred to, in the sense of the ancient wisdom of the mysteries, as the natural human being. But at the same time, it was believed that this “natural human being” is not the true human being, is not the complete human being, and does not even carry the full human essence within. And a distinction was made between this “natural human being” and the “pneumatic human being,” the spiritual human being. And it was believed that only when a human being, after shedding the physical body and passing through the gate of death, had become a pneumatic human—only then, as such a pneumatic human, could he be a complete human being. Therefore, the mystery initiations of ancient times were associated with the development of the utmost humility in the human being’s earthly consciousness. The mystery initiation could not make the earthly human being arrogant, for it did not give him the feeling: “You are already a human being in the full sense of the word on this earth,” but rather it gave him the awareness: “You are, so to speak, a candidate for humanity here on earth, and you must live your earthly life in such a way that you might become a fully human being after your death.”
[ 32 ] So also empfand man den auf der Erde herumwandelnden Menschen im Sinne dieser Mysterienweisheit nicht als eine wahre Offenbarung des Vollmenschlichen. Erst in der Griechenzeit und in derjenigen Zeit, die dann später unter dem Einflusse der griechischen Kultur bestanden hat, empfand man, ich möchte sagen, mit der Intellektualität und mit der Freiheit das Hereinströmen des nachirdischen wahren Menschenwesens in das irdische Menschenwesen. Und man sah im Sinne der griechischen Zivilisation den irdischen Menschen so an, daß zwar auch nicht in dem einzelnen auf Erden herumwandelnden irdischen Menschen das ganze menschliche Wesen voll erfüllt war, aber in dem, was der irdische Mensch war, sah man gewissermaßen den aus dem Überirdischen in das Irdische hereinziehenden arbeiten. In der Art und Weise, wie sich ausprägten des Menschen Physiognomie, seine Betätigungsweise, seine Gestaltung, in alledem sah man verehrungsvoll das Hereinströmen des Überirdischen in das Irdische.
[ 32 ] Thus, in the sense of this mystery wisdom, human beings walking the earth were not perceived as a true revelation of the fullness of humanity. It was not until the Greek era and the period that followed under the influence of Greek culture that people perceived—I would say—through intellectuality and freedom, the inflow of the true, post-earthly human being into the earthly human being. And in the spirit of Greek civilization, one viewed the earthly human being in such a way that, although the whole human being was not fully realized even in the individual earthly human being walking the earth, one saw, as it were, the supernatural working its way from the super-earthly into the earthly in what the earthly human being was. In the way a person’s physiognomy, manner of activity, and form manifested themselves—in all of this—one reverently perceived the inflow of the supraterrestrial into the terrestrial.
[ 33 ] Das alles ist mit der neueren Menschheitsentwickelungsphase anders geworden. Mit der neueren Menschheitsentwickelungsphase muß sich der Mensch sagen: Ich habe die große Aufgabe, meiner Menschheit mir bewußt zu werden. Ich habe die Aufgabe auf dieser Erde, wenigstens bis zu einem gewissen Grade den Menschen in seinem Wesen schon voll darzustellen. Auch über mir erhebt sich die Forderung: «Erkenne dich selbst.» Aber indem ich ein intellektualistisches Bewußtsein erworben habe, kann ich eben die innerliche Kraft des reinen Denkens und die innerliche Seelenverfassung der Freiheit erfassen in der Selbsterkenntnis des Menschen. Ich kann vor mein Seelenauge den Menschen bekommen. Hochmütig darf der Mensch auch durch diese, bis zu einem gewissen Grade sich erfüllende Forderung «Erkenne dich selbst» nicht werden. Denn in jedem Momente muß er sich ja bewußt werden, wie er zu erringen hat dasjenige, was seine wirkliche Freiheit ist, wie er in seinen Leidenschaften, in seinen Emotionen, in seinen Gefühlen und Empfindungen von dem abhängig ist, was untermenschlich ist, und was in einem so hohen Grade eine alte Menschheit durch das Bilderbewußtsein lebendig im Außermenschlichen geschaut hat, und damit auch schauen konnte im Menschlichen, das heißt aber im Untermenschlichen. Und die Anerkennung dieses Untermenschlichen für das, was man erkennen konnte, die war eine große in jenen alten Zeiten. Denn man sagte sich: Der wahre Mensch lebt gar nicht auf Erden — denn den wahren Menschen hätte man als intellektualistisches Wesen mit dem intellektualistischen Erkennen erfassen müssen. Mit dem nichtintellektualistischen Bildererkennen kann man nur das Untermenschliche zunächst erfassen. Erst dann, wenn das Intellektualistische, das in freier innerer Seelenverfassung lebt, so wie ich es dargestellt habe in meiner «Philosophie der Freiheit», erst wenn dieses nun weiterentwickelt wird zur bewußten exakten Hellsichtigkeit, vermag der Mensch auch sich zu erkennen in bezug auf die anderen Glieder seiner Wesenheit, außer dem intellektualistischen reinen Denken und dem freien Impuls des Wollens.
[ 33 ] All of this has changed with the newer phase of human development. In this newer phase of human development, each person must tell themselves: I have the great task of becoming conscious of my own humanity. My task on this Earth is to fully embody, at least to a certain degree, the essence of the human being. The demand “Know thyself” also arises within me. But because I have acquired an intellectual consciousness, I am able to grasp the inner power of pure thought and the inner state of the soul that is freedom through self-knowledge. I can bring the human being before the eye of my soul. Human beings must not become arrogant, even through this demand—“Know thyself”—which is fulfilled to a certain degree. For at every moment they must become aware of how they must attain that which is their true freedom, how they are dependent, in their passions, emotions, feelings, and sensations, on what is subhuman, and what an ancient humanity, through its pictorial consciousness, beheld so vividly in the extra-human—and thus was also able to perceive in the human, that is, in the subhuman. And the recognition of this subhuman realm as that which could be perceived was widespread in those ancient times. For people told themselves: The true human being does not live on earth at all—for the true human being would have had to be grasped as an intellectualistic being through intellectualistic cognition. Through non-intellectualistic pictorial cognition, one can initially grasp only the subhuman realm. Only then, when the intellectual aspect—which lives in a free inner state of the soul, as I have described it in my *Philosophy of Freedom*—only when this is further developed into conscious, precise clairvoyance, can a human being also come to know themselves in relation to the other aspects of their being, apart from pure intellectual thinking and the free impulse of the will.
[ 34 ] Er vermag durch ein solches höheres Bewußtsein, durch das imaginative, inspirierte, intuitive Bewußtsein sich auch in seinem außerintellektuellen Wesen zu erkennen als einen Angehörigen der übersinnlichen Welt. Und dann wird ihm klar: Du bist zwar ein voller Mensch — das enthüllt sich vor deiner Selbsterkenntnis —, aber das volle Menschentum erfordert von dir, daß es immer vollkommener und vollkommener werde.
[ 34 ] Through such a higher consciousness—the imaginative, inspired, intuitive consciousness—he is able to recognize himself, even in his non-intellectual nature, as a member of the supersensible world. And then it becomes clear to him: You are indeed a complete human being—this is revealed to your self-knowledge—but complete humanity demands of you that you become ever more perfect.
[ 35 ] Und so kann der Mensch der neueren Zeit nicht jene Art von Bescheidenheit entwickeln, die er entwickeln mußte in älteren Epochen der Zivilisation, und die ihm dadurch kam, daß er sich sagen mußte: Indem du in einem physischen Leibe lebst, bist du ja gar nicht Vollmensch, erfüllst du ja gar nicht deine volle Menschenwürde und deinen vollen Menschenwert, sondern du bist nur ein Kandidat des Menschenwesens. Du kannst dich nur vorbereiten für Bewußtsein und Freiheit, wie sie unmittelbar nach dem Tode in dir auftreten.
[ 35 ] And so modern man cannot develop the kind of humility that he had to develop in earlier eras of civilization, and which came to him because he had to tell himself: “Since you live in a physical body, you are not yet a fully realized human being; you do not yet fulfill your full human dignity and worth, but are merely a candidate for humanity. You can only prepare yourself for the consciousness and freedom that will arise within you immediately after death.”
[ 36 ] Der neuere Mensch aber muß sich sagen, nachdem er die Zwischenstufe des Griechischen in anderen Erdenleben durchgemacht hat: Du mußt achtgeben, daß du nicht versäumst, ein wahrer Vollmensch zu sein in deinem fleischlichen Leibe zwischen Geburt und Tod, denn dir ist es beschieden als moderner Mensch, innerlich auszuarbeiten dasjenige, was aus dem vorirdischen Leben in das irdische Leben hereingetreten ist. Du kannst Mensch auf Erden werden. Du mußt daher die Schwierigkeit auf dich nehmen, Mensch zu werden auf der Erde.
[ 36 ] But modern man, having passed through the intermediate stage of Greek existence in other earthly lives, must tell himself: You must be careful not to fail to become a truly complete human being in your physical body between birth and death, for it is your destiny as a modern human to work through inwardly that which has entered earthly life from pre-earthly existence. You can become a human being on Earth. You must therefore take upon yourself the challenge of becoming a human being on Earth.
[ 37 ] Das drückt sich auch aus in der Entwickelung des religiösen Bewußtseins der Menschen. Wir haben ja das letzte Mal hier gehört, wie eine ältere Zeit vorzugsweise aufblickte zu dem Vatergotte und in dem Christus den Gottsohn hatte. Den Vatergott aber sah man in dem Substantiell-Schöpferischen und Lenkerischen des Übersinnlichen, von dem das Sinnlich-Irdische nur ein Abglanz ist. Man blickte auf zu dem Kosmischen von der Erde aus. Und im religiösen Bewußtsein blickte man in diesem Sinne zum Vatergotte auf.
[ 37 ] This is also reflected in the development of human religious consciousness. As we heard here last time, in earlier times people looked primarily to the Father God and saw Christ as the Son of God. But the Father God was seen in the substantial, creative, and guiding aspects of the supersensible realm, of which the sensory-earthly realm is merely a reflection. People looked up to the cosmic from the earth. And in religious consciousness, they looked up to the Father God in this sense.
[ 38 ] Die Mysterienschüler waren sich immer bewußt: das Höchste, was sie über den Menschen lernen konnten, ist eine Vorbereitung für das Leben nach dem Tode. Nun ist durch das Mysterium von Golgatha der Gottessohn verbunden worden mit dem Erdenleben, und der Mensch kann im Sinne des Paulinischen Wortes das Bewußtsein entwickeln: «Nicht ich, sondern der Christus in mir.» Dadurch aber, daß der Mensch den Christus-Impuls in sich aufleben läßt, daß er seine innere Tätigkeit orientiert, so daß ihn der Sinn, das Leben des ChristusImpulses durchweht und durchwellt, dadurch kann der Mensch eben jenen Strom erfühlen, der zu uns Menschen gekommen ist aus dem vorirdischen Leben und ihn während des irdischen Lebens in sich aufnehmen. Und das erste primitive Aufnehmen dieses Stromes in das irdische Leben besteht eben darin, daß sich der Mensch sagt: In einem gewissen Zeitpunkte meines Lebens komme ich dazu, innerlich aufsprießen und aufleben zu fühlen etwas, was bisher unter der Schwelle meines Bewußtseins gesessen hat, wovon ich jetzt merke, es ist da. Jetzt steigt es herauf! Es erfüllt mich mit innerem Lichte, also mit innerer Wärme. Ich weiß neuerdings dadurch, daß dieses innere Leben, diese innere Wärme, dieses innere Licht im Laufe des Erdenlebens nach der Geburt erst in mir aufgestiegen ist, ich weiß jetzt vom Erdenleben mehr, als mir angeboren ist. Ich lerne im Erdenleben etwas kennen, was in meiner Menschheit heraufsteigt.
[ 38 ] The mystery students were always aware that the highest thing they could learn about human beings was a preparation for life after death. Now, through the Mystery of Golgotha, the Son of God has been united with earthly life, and human beings can develop the awareness expressed in Paul’s words: “Not I, but Christ in me.” But by allowing the Christ impulse to come alive within themselves, by orienting their inner activity so that the meaning and life of the Christ impulse flows through and surges within them—in this way, human beings can sense precisely that current which has come to us from pre-earthly life and take it into themselves during their earthly lives. And the first, primitive absorption of this stream into earthly life consists precisely in a person saying to themselves: At a certain point in my life, I come to feel something sprouting and coming to life within me—something that until now had lain beneath the threshold of my consciousness, and which I now realize is there. Now it is rising up! It fills me with inner light—and thus with inner warmth. Through this, I now know that this inner life, this inner warmth, this inner light has only risen within me in the course of my earthly life after birth; I now know more about earthly life than I was born with. In my earthly life, I am coming to know something that rises up within my humanity.
[ 39 ] Indem dann der Mensch dieses in ihm heraufsteigende Licht und Leben und diese in ihm heraufsteigende Liebe als den in ihm webenden und lebenden Christus-Impuls empfindet, bekommt er in sich die Kraft, das Nachirdische als das Vollmenschliche im freien inneren Seelenleben zu erfassen.
[ 39 ] When a person then perceives this light and life rising within them, and this love rising within them, as the Christ impulse weaving and living within them, they gain within themselves the strength to grasp the post-earthly as the fully human in their free inner soul life.
[ 40 ] Und so hängt das Mysterium von Golgatha und der Christus-Impuls innig zusammen mit der Erlangung des menschlichen Freiheitsbewußtseins, jenes Bewußtseins, das auch imstande ist, das bloße Denken, das sonst tot und abstrakt wird, mit innerem Leben und mit innezer Wärme zu durchpulsen.
[ 40 ] And so the mystery of Golgotha and the Christ impulse are intimately connected with the attainment of human consciousness of freedom—that consciousness which is also capable of infusing mere thinking, which otherwise becomes dead and abstract, with inner life and inner warmth.
[ 41 ] Dadurch aber wird das Erleben des Christus in dem Menschen in der neueren Zeit hingestellt in seiner ganzen Wichtigkeit und Wesentlichkeit neben die Forderung, die an den Menschen zu allen Zeiten ergangen ist und auch heute ergeht: «Erkenne dich selbst. Befruchte dich in dir selbst zum vollen Menschentum.»
[ 41 ] This, however, places the experience of Christ within the human being in modern times—in all its importance and essence—alongside the demand that has been made of human beings throughout the ages and continues to be made today: “Know thyself. Nurture thyself within thyself to full humanity.”
[ 42 ] Damit ist aber wieder in einer gewissen Weise angedeutet, wie unterschieden dasjenige im Menschen ist, was in der heutigen Epoche in seiner Seelenverfassung zu leben hat, gegenüber der Seelenverfassung in einer älteren Zeitepoche. Und wir lernen über einen großen Zeitraum hinüber den Menschen so betrachten, wie wir betrachten müssen das Insekt, von dem wir sagen müssen: es spürt, es empfindet im ganzen Weltenzusammenhange die Epoche des Sommers, und schickt sich an, zur rechten Zeit zu empfinden den Übergang in die Herbstepoche, um eine andere Lebensgestaltung in diese Herbstepoche hineinzusetzen, als es in die Frühlings- und Sommerepoche hineingesetzt hat. So wie das Tier im Jahreslauf lebt, so soll der Mensch in der Geschichte seines Erdenplaneten leben können. Er soll sich sagen können: Da war, wie für das Insekt die Frühlingszeit, so für mich einmal die Zeit des alten instinktiven Hellsehens mit Unfreiheit, mit dem Bilderbewußtsein, mit der Unmöglichkeit der Erfüllung der Forderung «Erkenne dich selbst», mit dem Bewußtsein: du bist ein Vollmensch erst, wenn du durch die Pforte des Todes geschritten bist. Dann kam, wie für das Insekt der Sommer und Herbst, die Griechenzeit. Da war der Übergang zu einer späteren Zeitepoche, in der ich nun lebe, und in der jetzt die Seelenaufgabe diese ist: in einem gewissen Sinne hier auf Erden zu erfüllen das «Erkenne dich selbst», und dadurch auch nach dem Tode zu höheren Stufen der Lebensentfaltung zu kommen, als es diejenigen einer älteren Menschheit waren, wo der Mensch eben erst nach dem Tode ein voller Mensch werden konnte.
[ 42 ] This, however, once again hints in a certain way at how different that aspect of the human being—which, in the present epoch, must live within its soul constitution—is from the soul constitution of an earlier epoch. And over a long period of time, we learn to view human beings in the same way we must view an insect, of which we must say: it senses, it perceives the summer epoch within the entire context of the world, and prepares itself to perceive, at the right time, the transition into the autumn epoch, in order to establish a different way of life in this autumn epoch than it has established in the spring and summer epochs. Just as the animal lives in the course of the year, so should human beings be able to live within the history of their Earth. He should be able to say to himself: Just as springtime is for the insect, so for me there was once the time of the old instinctive clairvoyance—with a lack of freedom, with pictorial consciousness, with the impossibility of fulfilling the demand “Know thyself,” and with the awareness that you are a fully realized human being only when you have passed through the gate of death. Then came—just as summer and fall follow for the insect—the Greek era. That marked the transition to a later epoch, in which I now live, and in which the soul’s task is this: to fulfill, in a certain sense, the “Know thyself” here on earth, and thereby, even after death, to attain higher stages of life’s unfolding than those of an earlier humanity, where a person could only become a fully realized human being after death.
[ 43 ] In jenen älteren Zeiten hatte der Mensch die Aufgabe, hier auf Erden ein Kandidat des Lebens zu sein, nach dem Tode dadurch ein voller Mensch zu werden. In dieser unserer gegenwärtigen Epoche hat der Mensch die Aufgabe, hier auf Erden sich die Möglichkeit zu erringen, ein Vollmensch zu sein, damit er dann nach dem Tode in höhere Stufen der Entwickelung eintreten könne, als das der ältere Mensch konnte. Der ältere Mensch setzte sich der Gefahr aus, wenn er das Erdenleben nicht richtig lebte, nicht bis zur vollen Menschheit zu kommen. Der neuere Mensch steht vor etwas anderem. Er steht davor, auf Erden erringen zu müssen das volle Menschentum. Und erringt er es nicht, dann verleugnet er es, und dann stößt er sich für das Leben nach dem Tode weiter in das Untermenschliche hinunter. Der ältere Mensch konnte etwas unterlassen; der neuere Mensch zerstört etwas. Der ältere Mensch unterließ etwas, wenn er nicht ein Kandidat des Lebens wurde; der neuere Mensch zerstört in seinem Menschentum etwas für die ganze Menschheit, wenn er nicht darnach strebt, auf Erden ein vollmenschliches Wesen zu werden, denn er verleugnet dadurch die Menschheit, während der ältere Mensch sie nur versäumte.
[ 43 ] In those earlier times, it was humanity’s task to be a candidate for life here on Earth, thereby becoming a fully realized human being after death. In our present era, human beings have the task of attaining the ability here on Earth to be fully human, so that after death they may enter higher stages of development than the human beings of earlier times were able to. The human beings of earlier times ran the risk of failing to attain full humanity if they did not live their earthly lives correctly. Modern humanity faces something different. It faces the necessity of attaining full humanity here on Earth. And if it fails to attain it, then it denies it, and thus propels itself further down into the subhuman realm for life after death. The older human being could fail to do something; the newer human being destroys something. The older human being failed to do something if he did not become a candidate for life; the newer human being destroys something in his humanity for the sake of all humanity if he does not strive to become a fully human being on earth, for in doing so he denies humanity, whereas the older human being merely failed to attain it.
[ 44 ] So muß gedacht werden, wenn der Mensch auf seiner höheren Stufe des Daseins bewußt in demselben Sinne in die Welt sich hineinstellen will, wie das Tier instinktiv auf einer niederen Stufe in seine Welt sich hineinstellt, sonst liefert sich der Mensch dem Chaos aus, was das Tier aus seinem Instinkte heraus nicht tut.
[ 44 ] This is the mindset one must adopt if, at a higher level of existence, a human being wishes to consciously engage with the world in the same way that an animal instinctively engages with its world at a lower level; otherwise, the human being surrenders to chaos, something the animal, guided by its instinct, does not do.
[ 45 ] Das ist etwas, was wir lernen müssen durch Anthroposophie: wirklich Mensch zu sein, damit wir nicht die Schande erleben, weniger zu sein im Weltenall, trotzdem uns die Götter zu Höherem bestimmt haben, weniger zu sein im Weltenall als das Tier, das nicht versäumt, die Harmonie des Weltenalls mitzumachen, während wir Menschen, wenn wir so nicht denken wollen, wie es angedeutet ist durch das Hineinstellen des rechten Bewußtseins in die rechten Zeiten, die Weltenharmonie in Mißtöniges verwandeln und dadurch, ich möchte sagen, kosmisch Schande auf uns laden.
[ 45 ] This is something we must learn through anthroposophy: to truly be human, so that we do not experience the shame of being less in the cosmos, even though the gods have destined us for something higher, to be less in the universe than the animal, which never fails to participate in the harmony of the universe, whereas we humans, if we refuse to think as indicated by placing the right consciousness in the right times, transform the harmony of the universe into disharmony and thereby, I would say, bring cosmic shame upon ourselves.
[ 46 ] So müssen wir unser Gefühlsleben verbinden lernen mit unserem intellektualistischen Leben in der modernen Zeit. Wir müssen erleben lernen, daß es eine Schande sein kann, nicht nach derjenigen Erkenntnis zu streben, welche uns zum vollen Menschen macht, eine Schande vor den Göttern der Welt.
[ 46 ] Thus, in modern times, we must learn to integrate our emotional life with our intellectual life. We must learn to recognize that it can be a disgrace not to strive for the knowledge that makes us fully human—a disgrace before the gods of the world.
