Three Perspectives of Anthroposophy
Cultural Phenomena
from the Perspective of Spiritual Science
GA 225
8 July 1923, Dornach
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Anthroposophy as Cosmosophy I, tr. SOL
6. Die europäische Kultur und ihr Zusammenhang mit der lateinischen Sprache griechisches und rmische Mysterienwesen
6. European Culture and Its Connection to the Latin Language: Greek and Roman Mysteries
[ 1 ] Aus den beiden Vorträgen, die ich gestern und vorgestern gehalten habe, werden Sie ersehen haben, wie man es vom anthroposophischen Gesichtspunkte aus für wichtig halten muß, in rechter Weise an dasjenige anzuknüpfen, was in Europa im Laufe des 19. Jahrhunderts geschehen ist. Und wir konnten ja die Erscheinungen, die wir da vor unsere Seele gestellt haben, anknüpfen an manches von dem, was sich uns ergeben hat als die eigentliche Charakteristik der neueren Zeit, die wir von Mitte des 15. Jahrhunderts an als die eigentliche Charakteristik der geistigen und auch sonstigen geschichtlichen Entwickelung Europas rechnen.
[ 1 ] From the two lectures I gave yesterday and the day before yesterday, you will have seen how, from an anthroposophical point of view, it is important to properly build upon what took place in Europe during the 19th century. And we were indeed able to connect the phenomena we have set before our souls to many of the characteristics that have emerged as the defining features of the modern era—which, from the middle of the 15th century onward, we regard as the defining characteristics of Europe’s spiritual and other historical developments.
[ 2 ] Ich möchte nun heute, gerade indem ich das Gestrige und Vorgestrige als eine Art Unterbau, als eine Art Perspektivenausgang, könnte ich auch sagen, betrachte, den Blick nach etwas weiterem, auch der Zeit nach weiterem richten.
[ 2 ] Today, by viewing yesterday and the day before as a kind of foundation—or, I might also say, a starting point for perspective—I would like to turn my gaze toward something broader, including a broader perspective on time.
[ 3 ] Wir müssen uns ja klar sein darüber, daß im Laufe des 19. Jahrhunderts in der europäischen Entwickelung auf der einen Seite der Materialismus heraufgekommen ist. Und ich rechne zum Materialismus alles das, was sich überhaupt nur hinwenden kann zu den materiellen Erscheinungen, wenn es etwas über die Welt sagen will, was nicht ein Bedürfnis empfindet, zu einem Geistigen sich zu wenden, wenn es sich um dasjenige handelt, was den Menschen in der Welt aufrechterhält, was dem Menschen in der Welt seine Bahn anweist. Auf der anderen Seite kam zu diesem Materialismus hinzu, was man Intellektualismus, Rationalismus, Verstandesansicht nennen kann, die Ansicht, welche nur, ich möchte sagen, in logischen Begriffen leben und weben will.
[ 3 ] We must be clear that, in the course of the 19th century, materialism emerged as one aspect of European development. And by materialism I mean everything that can turn only toward material phenomena when it seeks to say something about the world—that which feels no need to turn to the spiritual when it comes to what sustains human beings in the world and what guides their path. On the other hand, this materialism was accompanied by what might be called intellectualism, rationalism, or an intellectual perspective—a perspective that, I would say, seeks only to live and function within logical concepts.
[ 4 ] Nun fassen Sie das nicht so auf, als ob ich meinte, daß dieser logischen Denkungsart eine andere nichtlogische oder gar antilogische entgegengestellt werden soll. Das fällt mir natürlich gar nicht ein. Aber das Logische allein ist für die Wirklichkeit so, wie das Knochensystem für den Menschen ist, und das Logische stellt eigentlich in allen Dingen nicht das Lebendige, sondern das Tote dar. Und so förderte dasjenige, wozu sich der Mensch naiv durchgerungen hat, diese bloße Verstandeslogik, die tote Begriffe enthält, sie förderte den Materialismus, der nur anknüpfte an die tote Substanz.
[ 4 ] Now, please don’t take this to mean that I’m suggesting this logical way of thinking should be contrasted with another, non-logical—or even anti-logical—one. Of course, that would never occur to me. But logic alone is to reality what the skeletal system is to a human being, and in all things, logic actually represents not the living, but the dead. And so what humanity has naively brought upon itself—this mere intellectual logic, which contains dead concepts—has fostered materialism, which is tied only to dead substance.
[ 5 ] Nun kann heute wirklich zu einer Weiterentwickelung der menschheitlichen Zivilisation nichts anderes uns verhelfen als ein ganz illusionsfreies Hineinschauen in die wahren Gründe, die auf der einen Seite diesen Materialismus, auf der anderen Seite den Rationalismus heraufgebracht haben. Und da müssen wir eben auch zeitlich heute etwas weiter ausgreifen, damit die gestrige und vorgestrige Schilderung einen noch weiteren Hintergrund bekommt.
[ 5 ] Today, nothing can truly help us further the development of human civilization except a completely unbiased examination of the true reasons that have given rise, on the one hand, to this materialism and, on the other, to rationalism. And to that end, we must also look a little further back in time today, so that the descriptions from yesterday and the day before can be placed in an even broader context.
[ 6 ] Ich habe ja schon öfter darauf hingewiesen, welch ein tiefer Riß vorhanden ist zwischen alle dem, was einmal griechische Bildung war — sagen wir, diejenige Bildung, welche sich zum Teil in griechischer Sprache dargelebt hat —, und dem, was dann westlich davon als römische, als lateinische Bildung nach und nach sich ausgebildet hat. Es ist ja öfter hingewiesen worden auf die Anschauung von Herman Grimm, der da sagt: Die Römer kann der heutige Mensch noch verstehen, denn er hat im Grunde genommen noch dieselben Begriffe wie die Römer in sich; die Griechen erscheinen ihm wie die Bewohner eines Märchenlandes. — Nun, ich habe mich ja in den Aufsätzen, die im «Goetheanum» vor kurzem erschienen sind, gerade über diese Tatsache genauer ausgesprochen.
[ 6 ] I have often pointed out the profound divide that exists between what was once Greek culture—that is, the culture that was partly expressed in the Greek language—and what subsequently developed to the west of it as Roman, or Latin, culture. Attention has often been drawn to the view of Herman Grimm, who says: Modern people can still understand the Romans, for they essentially still possess the same concepts as the Romans; the Greeks, however, appear to them as if they were inhabitants of a fairy-tale land. — Well, I have, in fact, discussed this very point in more detail in the essays that recently appeared in Goetheanum.
[ 7 ] Nun müssen wir uns aber darüber klar sein, daß der Osten von Europa, den ich gestern sozusagen nur anhangsweise und vielleicht in einer für manche, die hier sitzen, anfechtbaren Weise zu schildern versucht habe, eine Welle der Zivilisation erlebt hat, die in späterer Zeit stark von dem Griechischen beeinflußt worden ist. Im Osten Europas treffen wir die Spätlinge des griechischen Fühlens, des griechischen Empfindens. Im Westen von Europa und auch in Mitteleuropa pflanzt sich dagegen die lateinische Bildung in einer ganz intensiven Weise fort. Und gerade jene Differenzierung über Europa hin, die ich Ihnen in den letzten zwei Tagen geschildert habe, die steht im Grunde genommen doch ganz unter dem Einfluß dessen, was im Osten wie eine Fortsetzung des Griechentums, im Westen wie eine Fortsetzung des lateinischen Römertums vorhanden war.
[ 7 ] Now, however, we must be clear that Eastern Europe—which I attempted to describe yesterday, so to speak, only in passing and perhaps in a way that some of you sitting here might find questionable—has experienced a wave of civilization that was strongly influenced by Greek culture in later times. In Eastern Europe, we encounter the late manifestations of the Greek sensibility, of the Greek way of feeling. In Western Europe, and also in Central Europe, on the other hand, Latin culture continues to flourish in a very intense way. And precisely that differentiation across Europe that I have described to you over the past two days is, in essence, entirely shaped by what existed in the East as a continuation of Greek culture and in the West as a continuation of Latin-Roman culture.
[ 8 ] Wir müssen nämlich folgendes nicht vergessen. Wir müssen uns klar sein darüber, daß der Westen in einer ganz anderen Weise in der Lage war, innerlich seelisch das lateinisch römische Wesen zu verdauen als Mitteleuropa. Der Westen hat das Lateinische in sich aufgenommen. Mitteleuropa ist am Lateinischen krank geworden. Und wer diese Erscheinung, die heute sich in ihren letzten Ausläufern gerade in der denkbar intensivsten Weise zeigt, richtig ins Auge zu fassen vermag, der allein weiß eigentlich sich zurechtzufinden innerhalb der gegenwärtigen Bildungsbegriffe.
[ 8 ] We must not forget the following. We must be clear that the West was able to assimilate the Latin-Roman essence internally and spiritually in a completely different way than Central Europe. The West has absorbed the Latin element into itself. Central Europe, on the other hand, has become ill because of it. And only those who are able to properly grasp this phenomenon—which is now manifesting itself in its final stages in the most intense way imaginable—can truly find their way within contemporary concepts of education.
[ 9 ] Sehen wir die Sache einmal zunächst vom mitteleuropäischen Standpunkte an. Ich möchte da noch einmal aufmerksam machen auf das, was aus der Sprache heraus, aus der Kritik der Sprache heraus der vor kurzem verstorbene Fritz Mauthner geltend gemacht hat. Fritz Mauthner hat nicht so wie Kant eine Kritik der Vernunft, das heißt eigentlich eine Kritik der Begriffe, sondern er hat eine Kritik der Sprache schreiben wollen. Er hat nämlich die vermeintliche Entdeckung gemacht, daß die Menschen im Grunde genommen, wenn sie über höhere Dinge reden, nur in Worten reden und nicht bemerken, daß sie nur in Worten reden. Kommt man aber darauf, wie die Menschen Worte gebrauchen, zum Beispiel Gott, Geist, Seele, das Gute und so fort, so sieht man, daß die Menschen glauben, wenn sie Worte gebrauchen, auch eine Sache zu haben, daß sie aber eben nur die Worte gebrauchen, ohne damit auf eine wirkliche Sache hinzudeuten.
[ 9 ] Let us first consider the matter from a Central European perspective. I would like to draw attention once again to what the late Fritz Mauthner asserted based on language itself—specifically, on the critique of language. Unlike Kant, who wrote a Critique of Reason—that is, essentially a critique of concepts—Fritz Mauthner sought to write a critique of language. He made the supposed discovery that, when people speak of higher things, they essentially speak only in words and do not realize that they are speaking only in words. But if one considers how people use words—for example, God, spirit, soul, the good, and so on—one sees that people believe that when they use words, they also possess a thing; yet they are in fact merely using the words without pointing to any real thing.
[ 10 ] Nun habe ich ja schon, ich glaube auch hier, angedeutet, daß natürlich diese ganze Mauthnersche Ansicht nicht zutrifft, wenn es sich um Dinge der Natur handelt, denn da können die Leute ganz gut unterscheiden zwischen dem Wort und der Sache. Wenigstens habe ich noch nicht erfahren, daß irgend jemand zum Beispiel die Absicht gehabt hätte, nicht einen wirklichen Schimmel zu besteigen, wenn er reiten will, sondern bloß das Wort «Schimmel» zu besteigen! Also in bezug auf die Dinge der Natur können die Leute schon unterscheiden das Wort und seinen Inhalt von der Realität.
[ 10 ] Now, I have already hinted—I believe here as well—that, of course, this entire view of Mauthner’s does not apply when it comes to things in nature, because in that case people are quite capable of distinguishing between the word and the thing itself. At least, I have not yet heard of anyone, for example, who intended—when wanting to ride—not to mount an actual gray horse, but merely to mount the word “gray horse”! So, when it comes to things in nature, people are indeed able to distinguish between the word and its meaning on the one hand, and reality on the other.
[ 11 ] Aber die Sache wird doch anders — und das gibt Fritz Mauthner einen gewissen Schein von Recht — in dem Augenblick, wo man auf der einen Seite auf seelisches Gebiet und auf der anderen Seite auf ethisch-moralisches Gebiet kommt. In bezug auf das Seelische haben sich eben Worte erhalten aus alten Zeiten, die die Menschen fortsprechen, aber es haben sich nicht die Anschauungen über die Sachen erhalten. So daß die Menschen zwar Worte gebrauchen wie Seele, Geist, aber die Anschauung der Sache nicht haben. Und da Mauthner das auf seelischem Gebiete bemerkt hat, hat er gemeint, das verallgemeinern zu können. Aber auf seelischem Gebiete und auch auf ethisch-moralischem Gebiete ist es so, daß zum Beispiel auf ethisch-moralischem Gebiete die moralischen Impulse allmählich für den Menschen den sachlichen Inhalt verloren haben und eigentlich heute nur noch als äußere Gebote oder gar als äußere Gesetze figurieren.
[ 11 ] But the situation changes—and this lends Fritz Mauthner a certain semblance of validity—the moment one enters the realm of the soul on the one hand and the realm of ethics and morality on the other. With regard to the psychological realm, words from ancient times have indeed been preserved and are still used by people, but the corresponding conceptions of these things have not been preserved. Thus, while people use words like “soul” and “spirit,” they lack a true understanding of what they signify. And since Mauthner observed this in the psychological realm, he believed he could generalize it. But in the realm of the soul—and also in the ethical and moral realm—it is the case that, for example, in the ethical and moral realm, moral impulses have gradually lost their substantive content for human beings and today actually function only as external commandments or even as external laws.
[ 12 ] Also für ein gut Stück des Sprachschatzes ist die Anschauung der Sache verlorengegangen. Daher kostet es ja so viel Mühe, wenn man heute für die wichtigsten Fähigkeiten der menschlichen Seele — Denken, Fühlen und Wollen — auf die Sache wirken will. Denn Denken, Fühlen und Wollen sind Dinge, die heute jeder bespricht, aber eine Anschauung von den entsprechenden Sachen haben die Menschen eigentlich nicht. Und es handelt sich darum, darauf zu kommen, was da eigentlich dahintersteckt.
[ 12 ] So, for a good portion of our vocabulary, the concrete sense of the thing has been lost. That is why it takes so much effort today to influence the most important faculties of the human soul—thinking, feeling, and willing. For thinking, feeling, and willing are things that everyone discusses today, but people do not actually have a concrete conception of the corresponding realities. And the point is to discover what actually lies behind them.
[ 13 ] Nun müssen wir uns darüber klar sein, daß die Bildung, die eigentlich zum Geistesleben geführt hat, durch viele, viele Jahrhunderte im Mittelalter hindurch von der lateinischen Sprache getragen war und daß die lateinische Sprache wirklich nicht nur im Sinne einer äußerlichen Bezeichnung, sondern in ganz innerlichem Sinne eine tote Sprache geworden ist. Die lateinische Sprache, die man sich im Mittelalter aneignen mußte, wenn man überhaupt an die höhere Bildung herankommen wollte, wurde immer mehr und mehr zu einem, wenn ich mich so ausdrücken darf, Mechanismus in sich. Und sie wurde gerade zu dem logischen Mechanismus in sich.
[ 13 ] Now we must be clear that education—which actually led to intellectual life—was sustained by the Latin language throughout many, many centuries of the Middle Ages, and that Latin has truly become a dead language, not merely in the sense of an external label, but in a deeply intrinsic sense. The Latin language, which one had to master in the Middle Ages if one wanted to gain access to higher education at all, became more and more—if I may put it this way—a mechanism in and of itself. And it became precisely that: a logical mechanism in and of itself.
[ 14 ] Dieser Prozeß ist sehr gut zu verfolgen, wenn man eben die Geschichte so betrachtet, wie wir sie für das 19. Jahrhundert gestern und vorgestern betrachtet haben. Wenn man das Innere im Fortleben der Menschheit betrachtet, da sieht man, wie im 4. nachchristlichen Jahrhundert die lateinische Sprache allmählich aufhört, innerlich erlebt zu werden, wie sie nicht mehr den Logos auslebt, sondern nur noch die Hüllen des Logos. Dasjenige, was dann als Nachzügler von der lateinischen Sprache geblieben ist, die italienische Sprache, die französische Sprache, sie haben allerdings vieles von der lateinischen Sprache in sich aufgenommen. Dadurch haben sie teilgenommen an dem Absterbeprozeß der lateinischen Sprache. Aber sie haben auch dasjenige in sich aufgenommen, was ausgestrahlt hat von den verschiedenen Völkerschaften, die von Osten nach Westen gezogen sind und den Westen bewohnt haben. So daß im Italienischen und im Französischen das ganz andere Element mitlebt, nicht etwa bloß in den Worten, sondern vor allen Dingen in der Gestaltung der Sprache mitlebt, in dem Dramatischen der Sprache. Dagegen ist das wirkliche Lateinische abgestorben. Und in dieser Abgestorbenheit, wo allmählich die Anschauungen herausgefallen sind, ist es zur allherrschenden wissenschaftlichen Sprache geworden. Und man muß gerade bei der Sprache anfragen, wenn man einsehen will: Warum hat die mittelalterliche Weltanschauung die Gestalt bekommen, die sie nun einmal hat?
[ 14 ] This process can be traced very clearly if one views history in the same way we examined it yesterday and the day before for the 19th century. If one looks at the inner life of humanity as it has continued, one sees how, in the 4th century A.D., the Latin language gradually ceased to be experienced inwardly—how it no longer embodied the Logos, but only the outer forms of the Logos. What then remained of the Latin language as a latecomer—the Italian language, the French language—did indeed absorb much of the Latin language. In this way, they participated in the process of the Latin language’s decline. But they have also absorbed what radiated from the various peoples who migrated from east to west and settled in the West. Thus, in Italian and French, a completely different element lives on—not merely in the words, but above all in the structure of the language, in the drama of the language. In contrast, true Latin has died out. And in this state of obsolescence, as its worldviews gradually faded away, it has become the dominant language of scholarship. And it is precisely through language that one must inquire if one wishes to understand: Why did the medieval worldview take on the form that it has?
[ 15 ] Denken Sie doch nur einmal, daß der Mensch im Knabenalter in dieses Lateinische hineingedrängt wurde, also daß nicht der Prozeß so bei ihm gewesen ist, daß er vom lebendig Seelischen aus die Sprache gestaltet hat, sondern die Sprache wurde als fertiges logisches Instrument in ihn hineingegossen, und er lernte sozusagen an der Art und Weise, wie die Worte grammatisch zusammenhingen, die Logik. Die Logik wurde etwas, was den Menschen von außen herein ausfüllte.
[ 15 ] Just consider for a moment that people were forced into this Latin system during their boyhood—that is, the process for them was not one in which they shaped the language from their living soul, but rather the language was poured into them as a ready-made logical instrument, and they learned logic, so to speak, from the way the words were grammatically connected. Logic became something that filled people from the outside in.
[ 16 ] Und so wurde der Zusammenhang der Menschenseele mit der geistigen Bildung ein immer loserer und loserer, und man wuchs nicht mit Begeisterung aus dem, was man schon in sich hatte, in die Bildung hinein, man wurde aufgenommen von einem fremden Elemente der Bildung, von dem im Lateinischen perrifizierten, fremden Elemente der Bildung. Das sprühte aus sozusagen in der Seele und trieb das, was man ursprünglich hatte, heraus aus dem Menschen oder tiefer in den Menschen hinein, in eine solche Region, wo man keinen Anspruch auf Logik machte.
[ 16 ] And so the connection between the human soul and spiritual education became increasingly tenuous, and people no longer grew with enthusiasm from what they already possessed within themselves into education; instead, they were absorbed by a foreign element of education—that foreign element of education that had been “perrified” in Latin. This, so to speak, burst forth in the soul and drove what one originally possessed out of the person or deeper into the person, into a region where one made no claim to logic.
[ 17 ] Denken Sie nur, wie es durch viele Jahrhunderte im Mittelalter war und wie es in unserer Jugend war, in der Jugend derjenigen, die jetzt schon so alt gewordene Wesen sind wie ich. Da war es so, daß wenn jemand irgend etwas in seiner Muttersprache ausgedrückt hatte und es in der Gesellschaft, in der man gerade war, nicht klar erschien, man es rasch ins Lateinische übersetzte, denn da wurde es klar. Aber es wurde auch kalt und nüchtern. Es wurde logisch. Man verstand sogleich, wenn irgend etwas in einem lateinischen Kasus ausgedrückt wurde, man verstand sogleich, wie eigentlich genau und exakt die Sache gemeint ist.
[ 17 ] Just think about how things were for many centuries during the Middle Ages, and how they were in our youth—the youth of those who are now as old as I am. Back then, if someone expressed something in their native language and it wasn’t clear to the people around them, they would quickly translate it into Latin, because then it became clear. But it also became cold and detached. It became logical. One understood immediately when something was expressed in a Latin case; one understood immediately just how precisely and exactly the matter was meant.
[ 18 ] Das aber wurde durch die Jahrhunderte des Mittelalters immer gemacht. Man erlaubte sich in der gesprochenen Sprache jede Schlamperei, weil man die Exaktheit, die Genauigkeit eben dem Denken in der lateinischen Sprache zuschrieb. Das war aber dem Menschen etwas Fremdes. Und weil es fremd war und der Mensch nur durch seine Seele zum Geist kommen kann, so petrifizierte die lateinische Sprache so weit, daß man da überhaupt nicht mehr irgendwie ein Wort anwenden konnte, wenn man nicht draußen in der physischen Sinnlichkeit das Ding hatte. Beim Pferd, da wäre es nicht gegangen, wenn man bloß das Wort gehabt hätte, denn da hätte man nicht darauf reiten können. Aber bei denjenigen Dingen, die übersinnlich sind, da rauchte allmählich der Inhalt aus dem Worte heraus, und da hatten die Leute nur das Wort. Und dann sagten sie später, als ihre Muttersprache heraufkam, in der Muttersprache auch nur das Wort, das einfach lexigraphisch übersetzte Wort. Dadurch brachten sie nicht die Anschauung hinein. Indem man anima und Seele zusammenstellte und anima als Inhalt die Wirklichkeit verloren hatte, blieb auch der Inhalt bei der Seele aus. Und so kam es, daß die lateinische Sprache nurmehr anwendbar war auf das äußerlich Sinnliche.
[ 18 ] But this was the practice throughout the centuries of the Middle Ages. People allowed themselves every kind of sloppiness in spoken language, because they attributed precision and accuracy precisely to thinking in Latin. But that was something foreign to human beings. And because it was foreign—and because human beings can only reach the spiritual realm through their soul—the Latin language became so fossilized that it was no longer possible to use a word in any way at all unless one had the thing itself right there in the physical world. In the case of a horse, for example, it wouldn’t have worked if one had merely had the word, because one wouldn’t have been able to ride it. But with those things that are supersensory, the content gradually evaporated from the word, and people were left with only the word. And then later, when their mother tongue emerged, they used only the word in that mother tongue as well—simply the lexically translated word. As a result, they failed to bring the visual perception into it. By combining anima and Seele (soul), and since anima had lost its reality as content, the content was also missing from Seele. And so it came to pass that the Latin language was applicable only to the outwardly sensory.
[ 19 ] Da haben Sie aus der Sprache heraus einen der Gründe, warum dann die Theologie in der Mitte des Mittelalters gesagt hat: Man kann durch die Wissenschaft nur die äußeren sinnlichen Dinge begreifen, und höchstens ihren Zusammenhang, und die übersinnlichen Dinge muß man dem Glauben überlassen. Hätten nämlich diese Leute die volle Kraft entwickelt, noch das auszusprechen, was wahr ist, dann hätten sie gesagt: Der Mensch kann von der Welt nur so viel erkennen, als auf lateinisch ausdrückbar ist, und das übrige muß er einem nicht ganz ausdrückbaren, nur gefühlten Glauben überlassen.
[ 19 ] Therein lies one of the reasons, rooted in language, why theology in the Middle Ages asserted: Science can only grasp external, sensory things—and at most their interrelationships—while supernatural things must be left to faith. For if these people had developed the full capacity to articulate what is true, they would have said: Human beings can know only as much of the world as can be expressed in Latin, and the rest must be left to a faith that cannot be fully expressed, but is felt.
[ 20 ] Sehen Sie, in gewissem Sinne ist das die Wahrheit, und das andere ist nur eine Illusion. Die Wahrheit ist diese, daß durch die Jahrhunderte die Anschauung gewirkt hat, daß wissenschaftlich wahr nur dasjenige sei, was durch die lateinische Sprache ausdrückbar ist.
[ 20 ] You see, in a certain sense, that is the truth, and the other is merely an illusion. The truth is that, over the centuries, the view has prevailed that only what can be expressed in Latin is scientifically true.
[ 21 ] Und nun kam eigentlich erst im 18. Jahrhundert die Prätention der Volkssprache. Nun hatten aber in dieser Zeit, als die Prätentionen der Volkssprachen heraufkamen, die verschiedenen Gegenden Europas eine ganz verschiedene Beziehung zu den Volkssprachen. Da wo das Lateinische noch nachwirkte, da fand sich die Volkssprache mit der Bildung leichter zusammen. Daher haben wir diese Erscheinungen im Westen Europas, die wir vorgestern geschildert haben, daß eigentlich die Zusammenhänge im sozialen Leben, die sozialen Bindungen, wie ich sie genannt habe, sich in einer Weise entwickeln, die populär ist, an der jedermann teilnimmt, weil da im Westen, als das Volkstum heraufkam, gewissermaßen dieses Volkstum im Lateinischen einschnappte in eine verwandte Art.
[ 21 ] And it was not until the 18th century, in fact, that the claim to the vernacular really emerged. However, at that time, as these claims to the vernacular were gaining ground, the various regions of Europe had quite different relationships to the vernaculars. Where Latin still exerted its influence, the vernacular found it easier to merge with the educated classes. That is why we see these phenomena in Western Europe—which we described the day before yesterday—where the interconnections in social life, the “social bonds” as I have called them, develop in a way that is popular and in which everyone participates; for there in the West, as folk culture emerged, this folk culture, so to speak, became embedded in Latin in a related form.
[ 22 ] In Mitteleuropa war das ganz unmöglich, denn da hatte die Volkssprache nichts Lateinisches angenommen. Da war die Volkssprache etwas durchaus vom Lateinischen Verschiedenes. Und darüber war nun die Schicht der Bildung, die lateinisch lernte, wenn sie gebildet werden wollte. Also hier war die Differenz eine ungeheure. Ja, von dieser Differenz rührt nämlich jene Tragik für Mitteleuropa her, von der ich gestern gesprochen habe, die Tragik, die da bestand zwischen den Menschen der breiten Masse, die nicht Lateinisch lernten, die daher auch keine Wissenschaft hatten — denn Wissenschaft war das, was man auf lateinisch sagen konnte —, und denjenigen, die Wissenschaft erwarben, die also einfach in dem Momente, wo sie Wissenschaft erwarben, sich umschalteten. Im gewöhnlichen Leben, wenn sie aßen und tranken und wenn sie sonst irgendwie mit den Landesgenossen zusammen waren, da waren sie ungelehrte Leute, weil sie in der Sprache sprachen, die überhaupt nicht die Gelehrsamkeit in sich hatte. Und wenn sie Wissenschafter waren, da waren sie etwas ganz anderes, da zogen sie einen inneren Talar an. So daß eigentlich einer, der gebildet war, im Grunde genommen in sich ein zerspaltener Mensch war.
[ 22 ] In Central Europe, this was completely impossible, because there the vernacular had adopted nothing from Latin. There, the vernacular was something entirely distinct from Latin. And above that was the educated class, which had to learn Latin if it wanted to be educated. So here the difference was enormous. Indeed, it is precisely this difference that gave rise to the tragedy for Central Europe that I spoke of yesterday—the tragedy that existed between the masses, who did not learn Latin and therefore had no access to scholarship—for scholarship was defined by what could be expressed in Latin— and those who acquired scholarship—who, the very moment they acquired it, underwent a transformation. In everyday life, when they ate and drank and otherwise socialized with their fellow countrymen, they were uneducated people, because they spoke a language that contained no trace of scholarship. And when they were scholars, they were something entirely different; they donned an inner academic robe. So that, in fact, someone who was educated was, at heart, a split person.
[ 23 ] Sehen Sie, das wirkte besonders auf das Geistesleben Mitteleuropas ganz tief. Denn in der Volkssprache war durch alle möglichen Umstände, die wir ja auch einmal berühren werden, eigentlich nur dasjenige enthalten, was ich gestern angedeutet habe auf der einen Seite als ein astrologisches Element, auf der andern Seite als ein alchimistisches Element. Das lebte schon in der Volkssprache, und die Volkssprache hatte eigentlich eine innere Spiritualität, eine innere Geistigkeit. Die Volkssprache hatte keinen Materialismus in Europa. Der Materialismus wurde der Volkssprache erst aufgedrückt aus dem Materialismus der lateinischen Sprache heraus, indem die lateinische Sprache, als sie nicht mehr die Gelehrtensprache war, den Leuten doch noch die Allüren ließ, die sich herausgebildet hatten, als sie die Gelehrtensprache wurde. Und so konnte die mitteleuropäische Sprache gar nicht dazu gelangen, einen Ausgleich, eine Harmonisierung mit demjenigen zu finden, was sich am Lateinischen herauf als Bildung festgelegt hatte.
[ 23 ] You see, this had a particularly profound effect on the spiritual life of Central Europe. For, due to all sorts of circumstances—which we will also touch upon at some point—the vernacular actually contained only what I hinted at yesterday: on the one hand, an astrological element, and on the other, an alchemical element. This was already alive in the vernacular, and the vernacular actually possessed an inner spirituality, an inner spiritual quality. The vernacular in Europe was not materialistic. Materialism was only imposed on the vernacular from the materialism of the Latin language, in that Latin—even after it was no longer the language of the learned—still left the people with the airs and graces that had developed when it became the language of the learned. And so the Central European language could not possibly achieve a balance or harmonization with what had become established in Latin as “education.”
[ 24 ] Das ist eine ungeheuer ernste Angelegenheit. Es ist das bis heute in intensiver Weise zu bemerken. Ich will gleich ein konkretes Beispiel anführen, in wie intensiver Weise das zu bemerken ist. Sehen Sie, es wird heute an den verschiedenen Universitäten auch eine sogenannte Nationalökonomie gepflegt. Diese Nationalökonomie ist eigentlich aus juristischen Vorstellungen herausgewachsen, und die sind ganz und gar ein Kind des Lateinertums. Juristisch denken heißt auf lateinisch denken, auch heute noch. Und die nationalökonomischen Vorstellungen — ja, da kommt man eben auf eine unglückselige Weise für die Lateiner zu den Sachen hinunter. Geradeso wie man das bloße Wort Schimmel nicht reiten kann, so kann man die bloßen ökonomischen Begriffe nicht essen. Man kann mit den bloßen ökonomischen Begriffen nicht wirtschaften. Da aber die Wissenschaft sich nur aus dem Lateinischen heraus entwickelt hat — es ist den Leuten ja nur der Zusammenhang nicht klar —, so haben die ökonomischen Wissenschaften der Gegenwart eben gar keinen Inhalt mehr. Die Nationalökonomie, so wie sie heute gelehrt wird, begreift eigentlich nur etwas, was mit der Wirklichkeit gar nichts mehr zu tun hat, weil sie vom Lateinischen abstammt, aber den Anschluß an die gegenwärtige Wirklichkeit gar nicht gefunden hat, sondern alles aus Begriffen herausspinnt.
[ 24 ] This is an immensely serious matter. It is still evident today in a very pronounced way. I will give a concrete example right away to illustrate just how pronounced this is. You see, so-called “political economy” is also taught at various universities today. This “national economics” actually grew out of legal concepts, and those are entirely a product of the Latin tradition. To think legally means to think in Latin—even today. And when it comes to economic concepts—well, that’s where, unfortunately for the Latin scholars, things really come down to earth. Just as one cannot ride the mere word “Schimmel,” one cannot “eat” mere economic concepts. One cannot manage an economy with mere economic concepts. But since science has developed solely out of Latin—people simply do not see the connection—the economic sciences of the present day have no substance left at all. Political economy, as it is taught today, actually deals only with something that no longer has anything to do with reality, because it derives from Latin but has failed to connect with present-day reality, instead spinning everything out of abstract concepts.
[ 25 ] Man könnte sagen, gerade auf nationalökonomischem Gebiete zeigt sich ein Gegensatz. Ich habe Ihnen gestern davon gesprochen, daß in Mitteleuropa unter dem Volke Leute herumgingen, die man Sinnierer nannte — die wirkten aus dem Volkstume heraus, die hatten daher die alte Astrologie, die alte Alchimie —, Sinnierer, das heißt diejenigen, die sinnen. Solche, die dann das Lateinische in jener Sublimation weiter auch in die Nationalökonomie hineingetragen haben, das sind diejenigen, die nun nicht sinnen, sondern spinnen. Ja, wirklich, das ist nicht im Spaß gemeint, sondern das ist ganz im Ernst gemeint, weil aus einem bloßen logischen Netz, zu dem die lateinische Sprache geworden ist, herausgesponnen wird, was als eine einzelne Wissenschaft ausgebildet wird.
[ 25 ] One might say that a contrast is particularly evident in the field of political economy. I spoke to you yesterday about how, in Central Europe, there were people among the common folk who were called “Sinnierer”—they drew their inspiration from folk traditions and thus practiced ancient astrology and alchemy—Sinnierer, that is, those who ponder. Those who then carried Latin, in that sublimated form, further into political economy—these are the ones who no longer “ponder,” but rather “spin.” Yes, truly, this is not meant as a joke, but is meant quite seriously, because from a mere logical web—which the Latin language has become—is spun what is developed into a distinct science.
[ 26 ] Ich habe im vorigen Herbst hier einen Kursus über Nationalökonomie vorgetragen. Der ist aus den Sachen heraus gewesen, nicht aus dem Wortgespinst. Und da stellt sich immer mehr und mehr heraus, weil da aus den Sachen heraus gesprochen worden ist, also von den Wirklichkeiten des wirtschaftlichen Lebens geredet wird: Es können nun die nationalökonomischen Studenten das nicht zusammenbringen mit dem, was bloß gesponnen ist! Es geht das eine nicht in das andere herüber. Und nun könnte jemand die Aufgabe stellen, man solle noch einen Nebenkursus halten, wo man die Hülle, die Begriffshülle der heutigen Nationalökonomie in Konkretisierung bringt mit dem, was da aus der Wirklichkeit geschöpft worden ist. Das hieße aber ja, man solle jemandem die Fruchtbarkeit einer Orange an den weggeworfenen Orangenschalen erklären, und das geht eben nicht. Wo es sich darum handelt, ein Wissen aus der Wirklichkeit heraus zu gewinnen, da kann man nicht Fäden hinüberziehen zu dem, was ein bloßes Gespinst ist. Da muß tatsächlich vom Ursprünglichen, Elementaren heraus eben neu gearbeitet werden, wenn Realität wirken soll.
[ 26 ] Last fall, I taught a course here on economics. It was based on facts, not on empty rhetoric. And it’s becoming increasingly clear—precisely because the course was grounded in facts, that is, because it addressed the realities of economic life—that: Students of economics simply cannot reconcile this with what is merely theoretical! The two do not overlap. And now someone might suggest that a supplementary course should be offered to concretize the conceptual framework of modern economics by linking it to what has been drawn from reality. But that would be like trying to explain the fruitfulness of an orange to someone using the discarded orange peels—and that simply doesn’t work. When it comes to deriving knowledge from reality, one cannot draw connections to what is merely a figment of the imagination. One must actually start anew from the original, elementary principles if reality is to have an effect.
[ 27 ] Und weil in der Volksbildung, die nicht vom Lateinischen durchsetzt war, wenn auch in einer nicht mehr zeitgemäßen Form die alte Himmelskunde und die alte Erdkunde, Astrologie und Alchimie, fortlebten, so gesellten sich zu der Empfindung, daß Erkenntnis dasjenige ist, was man auf lateinisch sagen kann, allmählich die anderen Empfindungen: Aberglaube ist all das, was man nicht auf lateinisch sagen kann, sondern in den Volkssprachen sagen muß. Nur drücken das die Leute nicht so aus, weil sie allerlei Schönheiten über die Dinge hinüberzimmern. Aber unsere ganze Bildung ist durchdrungen auf der einen Seite von dem Satze: Wissenschaftlich ist alles das, was man in lateinische Sätze bringen kann; und auf der anderen Seite: Aberglaube ist alles das, was man nicht in lateinische Sätze bringen kann, sondern in der Volkssprache ausdrücken muß.
[ 27 ] And because in popular education—which was not permeated by Latin—the ancient sciences of astronomy and geography, astrology, and alchemy lived on, albeit in a form no longer in keeping with the times, the notion that knowledge is whatever can be expressed in Latin was gradually joined by other notions: Superstition is everything that cannot be expressed in Latin, but must be expressed in the vernacular. People just don’t put it that way, because they embellish things with all sorts of flourishes. But our entire education is permeated, on the one hand, by the principle: “Everything that can be expressed in Latin sentences is scientific”; and on the other hand: “Everything that cannot be expressed in Latin sentences but must be expressed in the vernacular is superstition.”
[ 28 ] Das ist etwas, was im Westen viel weniger erlebt worden ist, was aber in einer furchtbar tragischen Weise gerade in Mitteleuropa erlebt worden ist. Im Osten wieder weniger. Erstens hatte der Osten das noch ganz von dem Safte der Wirklichkeit durchdrungene Griechische vielfach in seine Zivilisation einströmen lassen, und zweitens hat er sich das, was nun der furchtbare innere Seelenkampf zwischen dem lebendigen Volksgemäßen und dem abgestorbenen Lateinischen wurde, nicht sehr tief zu Herzen genommen, sondern er hat sich hingesetzt und hat sich gesagt: Ach was, in solche Lebenskämpfe hinein kommen ja doch nur solche Menschen, die aus dem Paradiese heruntergefallen sind; wir aber im Osten sind eigentlich im Paradiese geblieben. Es ist nur ein äußerer Schein, daß wir aus dem Paradies heruntergefallen sind, wir sind innerliche Menschen — innerlich; innerliche Menschen!
[ 28 ] This is something that has been experienced much less in the West, but which has been experienced in a terribly tragic way, particularly in Central Europe. In the East, however, this was less so. First, the East had allowed Greek culture—still thoroughly imbued with the vitality of reality—to flow into its civilization in many ways; and second, it did not take to heart very deeply what had now become the terrible inner struggle between the living, folk-based tradition and the dead Latin tradition, but instead sat back and said to itself: Oh, come on—only people who have fallen from paradise get caught up in such struggles of life; but we in the East have actually remained in paradise. It is only an outward appearance that we have fallen from paradise; we are inner people—inner people!
[ 29 ] Sehen Sie, auf solche Dinge muß durchaus eingegangen werden, wenn man diese furchtbare Spaltung begreifen will, die heute besteht zwischen den Menschen, die in dem leben, was auf lateinische Art gezimmert worden ist, und den Menschen, die als heimatlose Seelen — ich habe den Ausdruck vor kurzem hier einmal gebraucht — aus dem Elementaren ihres eigenen Wesens heraus wiederum den Weg zum Geistigen suchen wollen. Da tritt dann die ungeheure Autorität dessen, was eine Dependance des Lateinischen ist, den Menschen entgegen. Der Respekt vor dem Lateinischen nämlich, der steckt in dem Autoritätsglauben, der unserer heutigen Wissenschaft entgegengebracht wird.
[ 29 ] You see, such matters must certainly be addressed if one is to understand this terrible division that exists today between people who live within what has been constructed in the Latin manner, and people who, as homeless souls—I used that expression here recently—wish to seek the path back to the spiritual from the elemental core of their own being. It is here that the immense authority of what is an offshoot of the Latin tradition confronts people. For the respect for the Latin tradition is embedded in the belief in authority that is accorded to our modern science.
[ 30 ] Denken Sie doch nur einmal, was es durch Jahrhunderte geheißen hat, wenn so ein Bauernbüblein ins Klostergymnasium gekommen ist und da Lateinisch gelernt hat! Dann ist es in den Ferien nach Hause gekommen, hat Lateinisch gekonnt! Keiner hat etwas verstanden von dem, was das Bauernbüblein gelernt hatte, die andern alle wußsten aber, nun ja, daß man nichts verstehen darf und kann, was zur Wissenschaft, was zur Erkenntnis führt. Das wußten sie ja nun. Denn das Bauernbüblein, das in das Klostergymnasium gekommen ist, das sprach in einer Sprache, in der man eben die Erkenntnis sucht, und die andern Bauernbuben, die Kartoffeln ausnahmen — nun, das war in früheren Zeiten nicht der Fall —, die also, sagen wir, auf der Wiese oder auf dem Acker irgendwie arbeiteten, die hatten einen ungeheuren Respekt.
[ 30 ] Just think for a moment what it meant for centuries when a farm boy like that came to the monastery school and learned Latin there! Then he’d come home for vacation, knowing Latin! No one understood a thing of what the farm boy had learned, but all the others knew—well, that one must not and cannot understand anything that leads to science or to knowledge. They knew that, after all. For the farm boy who had come to the monastery school spoke a language in which one seeks precisely that insight, and the other farm boys, who were peeling potatoes—well, that wasn’t the case in earlier times—who, let’s say, were working in some way in the meadow or in the field, had an immense respect.
[ 31 ] Denn einen Respekt hat man nicht vor dem, was man weiß, sondern vor dem, was man nicht wissen kann. Und dieses setzte sich fest als ein ungeheurer Respekt vor dem, was man nicht wissen kann, wo man von vornherein darauf verzichtet. Ja, das setzt sich dann fort, und solche Dinge nehmen Wege, die man nur dann verfolgen kann, wenn man wirklich den guten Willen hat, die geistigen Wege der Menschheit zu verfolgen. Das Bauernbüblein im 13., 12. Jahrhundert, das draußen nur den Pflug hielt und sonst mithalf, vielleicht höchstens noch beim Zerkleinern des Schweinespecks zu Grammeln und so weiter mitwirkte, das Bauernbüblein, das wußte: Wir können nichts wissen, wir werden niemals etwas wissen können, weil nur diejenigen etwas wissen können, die Lateinisch lernen. — Das Bauernbüblein sagt das, und dann geht das die geheimen Wege, und dann, dann hält in neueren Jahrhunderten ein Naturforscher eine Rede vor der erleuchteten Naturforscherversammlung, und es gipfelt diese Rede in denselben Worten, die im 12. Jahrhundert der Bauernbub von dem Klosterbauernbüblein gesagt hat: Wir werden nicht wissen ignorabimus! Würde man nämlich heute den Sinn dafür haben, den geschichtlichen Tatsachen nachzugehen, dann würde man, wenn man um Jahrhunderte zurückgeht, den Ursprung des Du Bois-Reymondschen Impulses finden bei dem Bauernbub, der nicht Lateinisch gelernt hat, gegenüber dem Bauernbüblein, das Lateinisch gelernt hat.
[ 31 ] For one does not feel respect for what one knows, but for what one cannot know. And this took root as an immense respect for what one cannot know—something one renounces from the very beginning. Yes, this then continues, and such things take paths that one can follow only if one truly has the goodwill to follow the spiritual paths of humanity. That farm boy in the 13th or 12th century, who out in the fields did nothing but hold the plow and otherwise lend a hand—perhaps at most helping to chop pork fat into cracklings and so on—that farm boy knew: We can know nothing; we will never be able to know anything, because only those who learn Latin can know anything. — The farm boy says that, and then it takes secret paths, and then, in more recent centuries, a naturalist delivers a speech before an enlightened assembly of naturalists, and this speech culminates in the very same words that the farm boy spoke in the 12th century about the monastery farm boy: “We will not know—ignorabimus!” For if one were to have the insight today to trace the historical facts, then, going back centuries, one would find the origin of the Du Bois-Reymond impulse in the peasant boy who did not learn Latin, as opposed to the young peasant boy who did learn Latin.
[ 32 ] Nun hat eine Sprache, wenn sie tot wird, eine Sprache, welche diesen Rückschritt durchmacht, den die lateinische Sprache durchgemacht hat, die Tendenz, eben auch in ihren Worten zum Toten hinzuneigen. Das Tote der Welt ist aber das Materielle. Und so hat die lateinische Sprache auch da, wo sie besonders herrschend war, die Dinge zum Toten hin getrieben, nämlich zum Materiellen. Ursprünglich wußte man überall, ich habe das schon einmal berührt, was die Verwandlung des Brotes und Weines in den Leib und in das Blut Christi bedeuten, weil man die Sache noch aus dem lebendigen Erleben heraus wußte. Das Volk hätte es auch wissen können, aber die Volksalchimie galt ja als abergläubisch, die war ja nicht in lateinischer Sprache. Die lateinische Sprache aber konnte das Spirituelle nicht festhalten. Und so entstand der triviale Glaube, daß dasjenige, was man sich unter Materie des Brotes und Weines vorstellte, sich verwandeln soll, und es entstanden die ganzen Diskussionen über die Abendmahlslehre eigentlich so, daß diejenigen, die diskutierten, damit nichts anderes bewiesen, als daß sie diese Lehre in lateinischer Sprache übernommen hatten. Aber da hatten die Worte nur mehr einen toten Charakter, und man verstand das Lebendige nicht mehr, wie die heutigen Anatomen aus dem toten Leichnam auch nicht mehr den lebendigen Menschen verstehen.
[ 32 ] Now, when a language dies—a language that undergoes the regression that Latin underwent—it tends to lean toward death even in its words. But what is dead in the world is the material. And so, even where Latin was particularly dominant, it drove things toward death—namely, toward the material. Originally, as I have already touched upon, people everywhere knew what the transformation of bread and wine into the body and blood of Christ meant, because they still understood the matter from living experience. The common people could have known it as well, but folk alchemy was considered superstitious—after all, it was not expressed in Latin. The Latin language, however, could not capture the spiritual. And so the trivial belief arose that what people imagined to be the material substance of the bread and wine was supposed to be transformed, and all the discussions about the doctrine of the Lord’s Supper arose in such a way that those who debated it proved nothing more than that they had adopted this doctrine in the Latin language. But by then the words had taken on only a lifeless character, and people no longer understood what was alive—just as today’s anatomists can no longer understand the living human being from a dead corpse.
[ 33 ] Mitteleuropa hat in tief tragischer Weise das durchgemacht, indem seine Sprache nichts hatte von dem, was die lateinische Sprache heraufbrachte. Mitteleuropa hatte eine Sprache, die angewiesen gewesen wäre, in das Lebendige hineinzuwachsen. Aber das Denken war, weil ja auch dieses Denken eine Dependance war des Lateinischen, das Denken war tot. Und so fanden die Begriffe die Worte nicht und die Worte die Begriffe nicht.
[ 33 ] Central Europe went through this in a profoundly tragic way, in that its language lacked everything that the Latin language had brought forth. Central Europe had a language that would have needed to grow into the living world. But thought—since this thought, too, was a offshoot of Latin—was dead. And so the concepts could not find the words, and the words could not find the concepts.
[ 34 ] So hätte zum Beispiel das Wort «Seele» ebenso das Lebendige finden können, wie einstmals das Wort «Psyche» im Griechischen das Lebendige gefunden hat. Aber die Vorbildung war Lateinertum, und da wußte man nichts von diesem Lebendigen und tötete das Lebendige, das in den Volksworten war, eben auch damit ab. Deshalb ist es heute so wichtig, wiederum hinzuschauen auf den tiefen Riß, der eingetreten war zwischen Griechentum und Römertum. Und dieser tiefe Riß zeigt sich ganz besonders, wenn wir gerade in das Mysterienwesen hineinschauen.
[ 34 ] For example, the word “Seele” could just as easily have captured the essence of life as the Greek word “psyche” once did. But the cultural background was Latin, and in that culture people knew nothing of this living quality and thus killed off the living quality that was present in the vernacular. That is why it is so important today to look once again at the deep rift that had developed between Greek and Roman culture. And this deep rift becomes particularly evident when we look specifically at the world of the mysteries.
[ 35 ] Wenn wir nach Griechenland hinübergehen, da haben wir, ich möchte sagen, als die populärsten Mysterien die Eleusinischen Mysterien, die Mysterien von Eleusis. Sie waren diejenigen Mysterien, die sozusagen am meisten den Weg zum Geistigen hin populär gemacht hatten. Und diejenigen, die in die Eleusinischen Mysterien eingeweiht waren, das waren die Telesten; sie waren in Eleusis eingeweiht. Schauen wir uns einmal an, erstens was in dieser Benennung «Eleusis» steckt und zweitens was in dieser Benennung «Telesten» steckt.
[ 35 ] If we turn to Greece, we find—I would say—that the most popular mysteries were the Eleusinian Mysteries, the mysteries of Eleusis. These were the mysteries that, so to speak, had most popularized the path to the spiritual. And those who were initiated into the Eleusinian Mysteries were the Telestai; they were initiated in Eleusis. Let’s take a look, first, at what lies behind the name “Eleusis,” and second, at what lies behind the name “Telestai.”
[ 36 ] Eleusis ist ja nur die etwas sprachliche Umwandlung von Elosis und heißt eigentlich: der Ort, wo die Kommenden sind, diejenigen, die die Zukunft in sich tragen wollen. Eleusis heißt: das Kommende. Und die Telesten sind die Kommenden, die eleusisch Eingeweihten sind die Kommenden. Das deutet darauf hin, daß der Mensch das Bewußtsein hatte, er ist so, wie er da steht, mehr ein Unvollkommener und er muß ein Kommender werden, einer der die Zukunft in sich trägt. Telos nimmt die Zukunft voraus, das, was erst in der Zukunft allmählich sich realisiert. So daß in den Eleusinischen Mysterien in der Stätte des Kommens, in der Stätte der Kommenden, die unvollkommenen Menschen zu vollkommenen ausgebildet wurden. Telesten waren sie.
[ 36 ] Eleusis is, after all, merely a slight linguistic variation of Elosis and actually means: the place where the “Coming Ones” are—those who wish to carry the future within themselves. Eleusis means “that which is to come.” And the Telestai are those who are to come; the Eleusinian initiates are those who are to come. This suggests that human beings were aware that, as they stand, they are more like imperfect beings and must become those who are to come—those who carry the future within themselves. Telos anticipates the future—that which will only gradually come to fruition in the future. Thus, in the Eleusinian Mysteries, at the place of coming, at the place of those who are to come, imperfect human beings were transformed into perfect ones. They were the Telestoi.
[ 37 ] Der ganze Sinn dieses Einweihens erlitt einen Bruch, als es hinüberkam ins Römertum. In Griechenland wies noch alles in der Einweihung auf die Zukunft, auf das Erdenende hin. Man sollte sich mit einem starken inneren Impuls ausgestalten, damit man den Weg nach dem Erdenende in der richtigen Weise findet. Dann war man ein Telest, einer, der nach dem Erdenende hin in der richtigen Weise sich entwickeln sollte.
[ 37 ] The entire meaning of this initiation suffered a rupture when it was adopted by the Romans. In Greece, everything in the initiation still pointed toward the future, toward the end of the world. One was to develop oneself through a strong inner impulse so that one might find the path to the end of the world in the right way. Then one was a Telest, one who was to develop in the right way toward the end of the world.
[ 38 ] Indem das nach dem Römertum hinüberkam, wurde der Ausdruck der Telesten allmählich der der Initiierten — Initium, Anfang. Es wurde das Ziel sozusagen von dem Erdenende nach dem Erdenanfang verlegt. Die Telesten wurden Initiierte. Diejenigen, die eingeweiht waren in die Geheimnisse des Kommenden, wurden Wissende des Vergangenen. Die prometheisch Strebenden wurden epimetheisch, nach dem Wissen des Vergangenen Strebende. Vom Vergangenen kann aber nur das abstrakte Wissen bleiben; wenn man in die Zukunft hin will, braucht man ein lebendiges, willengetragenes Wissen, denn da muß der Wille sich hineinentwickeln. Das Vergangene ist vergangen. Da kann man ein höheres Wissen gewinnen, wenn man zu dem Initium, zu dem Vergangenen zurückgeht; aber es bleibt ein Wissen; es wird immer abstrakter und abstrakter.
[ 38 ] As this concept was passed down from the Roman era, the term “Telesten” gradually came to refer to the “Initiates”—Initium, meaning “beginning.” The focus shifted, so to speak, from the end of the world to its beginning. The Telesten became Initiates. Those who had been initiated into the mysteries of what was to come became those who knew the past. Those who strove in the spirit of Prometheus became Epimethean, striving for knowledge of the past. But only abstract knowledge of the past can remain; if one wants to move toward the future, one needs a living, will-driven knowledge, for the will must develop within it. The past is past. One can gain a higher knowledge by returning to the Initium, to the past; but it remains merely knowledge; it becomes ever more abstract.
[ 39 ] Und damit zog der Impuls nach der Abstraktion, also nach jener Vertotlichung, die vom 4. nachchristlichen Jahrhundert an und dann immer mehr und mehr eingetreten ist, in die lateinische Sprache ein. Man wollte nach der Vergangenheit zurück, wo noch die Ideen mit dem Leben verbunden waren, weil man wußte, jetzt sind sie nicht mehr mit dem Leben verbunden, jetzt tritt man in ein unlebendiges Reden ein, wenn man sich zu den Ideen erhebt. Und initiiert werden in Griechenland hieß ein höheres Leben in seiner Seele empfangen. Initiiert werden im Römertum, hieß resignieren für das Erdenleben auf ein höheres Tun und nur sich Gedanken darüber zu bilden: Im Erdenanfange, da hatte der Mensch einmal ein höheres Tun, aber von dem ist er heruntergegangen; man kann nicht ein Tuender, höchstens ein Wissender in bezug auf das höhere Wissen sein.
[ 39 ] And thus the impulse toward abstraction—that is, toward that dehumanization that began in the 4th century A.D. and then became increasingly prevalent—made its way into the Latin language. People longed to return to the past, when ideas were still connected to life, because they knew that now they are no longer connected to life; now, when one rises to the realm of ideas, one enters into lifeless discourse. And to be initiated in Greece meant to receive a higher life within one’s soul. To be initiated in Roman times meant resigning oneself to a higher activity in earthly life and merely reflecting on it: In the beginning of the earth, humanity once had a higher activity, but it had fallen from that; one cannot be a doer, but at most a knower with regard to the higher knowledge.
[ 40 ] Sehen Sie, das sind die Schwierigkeiten, unter denen wir heute stehen. Wenn wir, sagen wir, das Wort «Einweihung» bilden, so ist das so furchtbar anschaulich, denn «Weihen», das steckt in der ganzen Anschauung drinnen: unter Wasser tauchen den Menschen, wegbringen von den scharfen Konturen des physischen Lebens, in das flüssige Weltenelement hineinbringen, so daß er im webenden, lebenden, flüchtig-flüssigen Geistigen mit seiner Seele sich bewegen kann. Hineinweihen ist jemanden einführen in die in sich bewegliche, fluktuierende, flüssige Welt des Lebens. Nun muß das irgendwie übersetzt werden. Und es wird ins Gegenteil übersetzt. Für die Einweihung muß man zum Beispiel sagen: Initiation.
[ 40 ] You see, these are the difficulties we face today. When we form, say, the word “initiation,” it is so incredibly vivid, because “consecration”—that is embedded in the entire concept: immersing a person underwater, removing them from the sharp contours of physical life, and bringing them into the fluid element of the world, so that they can move with their soul within the weaving, living, fleeting, and fluid spiritual realm. To “initiate” someone is to introduce them into the inherently dynamic, fluctuating, fluid world of life. Now this has to be translated somehow. And it is translated into the opposite. For “Einweihung,” for example, one must say: “Initiation.”
[ 41 ] Es ist eben notwendig, daß man weiß, daß solche Gegensätze, solche Schwierigkeiten in unserer gegenwärtigen Zivilisation drinnen stecken, man muß sich über diese Spieße, möchte ich sagen, die einem so weh tun in unserer gegenwärtigen Zivilisation, klar sein. Dann erst kann dasjenige kommen, was die Menschheit wirklich lebendig vorwärtsbringt.
[ 41 ] It is simply necessary to realize that such contradictions, such difficulties, are inherent in our present-day civilization; we must be clear about these “spears,” so to speak, that cause us so much pain in our present-day civilization. Only then can that which truly propels humanity forward in a vibrant way come to pass.
[ 42 ] Es ist mir natürlich sehr ferne, die Vorträge zu einer Philippika gegen das Lateinischlernen gestalten zu wollen. Im Gegenteil, ich möchte, daß? die Menschen noch mehr Lateinisch lernen würden, damit sie auch das ins Gefühl hereinkriegen, daß man mit dem Lateinischen nur das Tote bezeichnen kann, daß das Lateinische ganz richtig in die Anatomie, in den Seziersaal hineingehört, aber daß man, wenn man wiederum das kennenlernen will, was nicht tot ist, sondern was lebt, zu dem lebendigen Elemente des Sprachlichen seine Zuflucht nehmen muß. Man kann heute nicht mit irgendwelchem abstrakten Wollen in die Zukunft hineinkommen, sondern mit einem illusionsfreien Einsehen desjenigen, was aus dem Toten das Leben des Geistes wiederum herausschlagen kann. Und wir leben ja in einem Moment, wo die Sache eigentlich bis zur Entscheidung getrieben ist im Geistesleben. Wir leben in einem ungeheuer wichtigen Momente.
[ 42 ] Of course, it is far from my intention to turn these lectures into a tirade against the study of Latin. On the contrary, I would like people to learn even more Latin, so that they, too, might come to realize that Latin can only be used to describe what is dead, that Latin quite rightly belongs in anatomy, in the dissection room; but that if one wishes to get to know what is not dead but alive, one must take refuge in the living elements of language. Today, one cannot enter the future with some abstract will, but rather with an illusion-free understanding of what can once again draw forth the life of the spirit from the dead. And we are, after all, living at a moment when the matter has actually been driven to a decisive point in spiritual life. We are living in an immensely important moment.
[ 43 ] Ich weiß nicht, wie viele von Ihnen ernst genommen haben, was ich in den letzten Nummern des «Goetheanum» ausgeführt habe, dafß man noch vor zwanzig, fünfzehn, zehn Jahren solch einen Menschen wie Herman Grimm zitieren konnte wie einen Gegenwärtigen. Heute ist er ein Vergangener, und man kann von ihm nur wie von einem Vergangenen sprechen. Ich habe dies, was ich gerade in diesen vier Artikeln in Anknüpfung an Herman Grimm gesagt habe, ungeheuer bitter ernst gemeint. Ich selber habe, wie Sie wissen, mit Vorliebe früher Herman Grimm in ganz anderem Sinne zitiert, als ich ihn jetzt zitiere. Ich habe ihn zitiert da, wo er in seinem Ausdruck als ein Geist verwendet werden konnte, der mit in die Zukunft hineinführt. Heute ist er ein Vergangener, gehört er der Geschichte an, und man kann höchstens in solchen Dingen, wo er auf das alte Griechen und Römertum hinweist, dasjenige zitieren, was vor kurzem noch Gegenwart war; das ist heute schon Vergangenheit.
[ 43 ] I do not know how many of you took seriously what I have explained in recent issues of Goetheanum—namely, that as recently as twenty, fifteen, or ten years ago, one could still quote a man like Herman Grimm as if he were still with us. Today he is a figure of the past, and one can speak of him only as such. I meant what I said in these four articles in connection with Herman Grimm with the utmost seriousness. As you know, I myself used to quote Herman Grimm with great pleasure in a completely different sense than I do now. I quoted him when his words could be used as a guiding spirit leading us into the future. Today he is a figure of the past; he belongs to history, and at most, in those instances where he refers to ancient Greece and Rome, one can quote what was still the present not long ago—but that, too, is already the past.
[ 44 ] Aber ich gebe zu, daß dieses merkwürdige Hinüberleben einer schnell zur Vergangenheit werdenden Zeit in unserer Zeit etwas ganz anderes fordert — und vieles wird sanft verschlafen! Denn das sanfte Verschlafen ist heute überhaupt etwas, das die Menschen so lieben.
[ 44 ] But I admit that this strange way of living on in a time that is rapidly becoming the past demands something quite different in our own time—and much of it is gently slept through! For gentle slumber is, after all, something that people love so much today.
[ 45 ] Aber Anthroposophie ist diejenige Erkenntnis, die man nicht bloß in Ideen sammelt, sondern woran man aufwachen soll. Daher sind so viele Auseinandersetzungen, und auch die, welche ich jetzt gehalten habe, eben durchaus wiederum so gemeint, daß sie weckend wirken sollen.
[ 45 ] But anthroposophy is the kind of knowledge that is not merely gathered in ideas, but rather one that is meant to awaken us. That is why there are so many debates, and even the ones I have just held are, in turn, intended precisely to have an awakening effect.
