Three Perspectives of Anthroposophy
Cultural Phenomena
from the Perspective of Spiritual Science
GA 225
7 July 1923, Dornach
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Anthroposophy as Cosmosophy I, tr. SOL
5. Gemeinschaftsbildungen In Mitteleuropa
5. Community-Building in Central Europe
[ 1 ] Gestern versuchte ich eine Art Jahrhundertbetrachtung anzustellen, indem ich Ihnen schilderte, wie namentlich in den westlichen europäischen Gegenden der Mensch sich in gesellschaftliche Bindungen hineinstellte, die zusammenhingen mit der Volksklasse auf der einen Seite und dem Berufsleben auf der andern Seite, und wir haben gesehen, wie diesen Verbindungen, diesen Vergesellschaftungen Geistiges zugrunde lag. Ja, wir mußten sogar bis zum Astralischen und bis zum Ich-Wesen des Menschen vordringen, damit wir die beiden einander entgegenstehenden Berufsvereinigungen, die «Dévorants» und die «Gavots», studieren konnten. Und das Eigentümliche dieser Vereinigungen, die wie gesagt mehr westlichen Gegenden Europas angehören und in denen sich die neuere Zivilisation vorzugsweise im Westen gebildet hat, das Wesentliche dieser Vereinigungen ist, daß der Mensch sich mit seiner ganzen Seelenverfassung in einer solchen Gemeinschaft drinnen fühlt und daß auch die verschiedenen Erkennungszeichen, die Symbole, von denen ich Ihnen gesprochen habe, die Legenden, irgendeinen Bezug zum Berufsleben haben, wenngleich sie einen durchaus geistigen Hintergrund haben.
[ 1 ] Yesterday I attempted to offer a kind of overview of the century by describing to you how, particularly in Western European regions, people entered into social bonds connected with social class on the one hand and professional life on the other, and we saw how these connections, these forms of socialization, were grounded in the spiritual. Indeed, we even had to delve into the astral realm and the human ego in order to study the two opposing professional associations, the “Dévorants” and the “Gavots.” And the distinctive feature of these associations—which, as I said, are found primarily in the western regions of Europe, where modern civilization has developed predominantly in the West—the essence of these associations is that a person feels at home within such a community with his entire spiritual constitution, and that the various identifying marks, the symbols I have spoken to you about, the legends, have some connection to professional life, even though they have a thoroughly spiritual background.
[ 2 ] So wie ich gestern Ihnen dieses Leben vor einem Jahrhundert für die westlichen europäischen Länder geschildert habe, wäre es unmöglich, das Leben zum Beispiel der mitteleuropäischen Gegenden zu schildern. Daher muß es begreiflich erscheinen, daß, als George Sand einen Roman schreiben wollte, in dem sie sich gewisse gesellschaftliche Probleme stellte, sie als Hintergrund diese Vergesellschaftungen wählte. Man kann durchaus sagen: Auch Goethe hat ja mit seinem «Wilhelm Meister» etwas Ähnliches angestrebt. Er wollte schildern, wie der Mensch mit der Menschheit und mit dem Geistes- und Berufsleben der Menschheit zusammenhängt, wie sich der einzelne Mensch aus der Menschheit heraus entwickelt. Goethe hat das versucht in seinem «Wilhelm Meister». Er würde ganz zweifellos, wenn das für ihn hätte eine Realität sein können, auch solche Handwerkerverbindungen zur Grundlage gewählt haben wie George Sand. Er hat es nicht getan, weil das in den Gegenden, denen Goethe mit seiner Bildung angehörte, einfach nicht möglich war.
[ 2 ] Just as I described to you yesterday what life was like a century ago in Western European countries, it would be impossible to describe life in, for example, the regions of Central Europe. It should therefore be understandable that when George Sand wanted to write a novel in which she addressed certain social issues, she chose these social settings as her backdrop. One can certainly say that Goethe, too, sought something similar with his Wilhelm Meister. He wanted to depict how the individual is connected to humanity and to humanity’s intellectual and professional life, and how the individual develops out of humanity itself. Goethe attempted this in his Wilhelm Meister. Had it been a reality for him, he would undoubtedly have chosen such craftsmen’s guilds as a foundation, just as George Sand did. He did not do so because it was simply not possible in the circles to which Goethe belonged by virtue of his education.
[ 3 ] Das ist das Eigentümliche, daß in Mitteleuropa, seitdem überhaupt das an die Menschheit herangetreten ist, was ich Ihnen oftmals als den Intellektualismus bezeichnet habe, also seit dem 15. Jahrhundert, die menschlichen Probleme ganz anders aufgefaßt wurden als im Westen. Ich mußte Ihnen gestern schildern, wie der einzelne Handwerker seine Tour durch Frankreich macht, wie er in irgendeiner Stadt sich in eine solche, man könnte fast sagen, Geheimverbindung aufnehmen läßt, wie er da seine Erkennungszeichen bekommt, wie er, wenn er nun seine Gesellenwanderung antritt, in irgendeiner anderen Stadt einen ähnlichen Zweig seiner Vereinigung findet: er gibt sich zu erkennen, er wird innerhalb dieses Zweiges seiner Vereinigung aufgenommen. So war es, wie gesagt, durchaus noch 1823. Und diese Vereinigungen beeinflußten dann das Leben des entsprechenden Standes tief.
[ 3 ] What is peculiar is that in Central Europe, ever since what I have often referred to as “intellectualism” first emerged—that is, since the 15th century—human problems have been understood quite differently than in the West. Yesterday I had to describe to you how the individual craftsman makes his journey through France, how in some city he is admitted into what one might almost call a secret society, how he receives his identifying marks there, and how, when he sets out on his journey as a journeyman, he finds a similar branch of his guild in some other city: he identifies himself, and he is admitted into that branch of his guild. As I said, this was still very much the case as late as 1823. And these associations then had a profound influence on the life of the respective guild.
[ 4 ] So könnte man eben nicht für Mitteleuropa schildern. Für Mitteleuropa müßte man sagen, daß stets, seit dem Beginn dieser neueren Zeit, also seit dem 15. Jahrhundert, in den Menschen das Bestreben war, die Individualität, das menschliche Selbst zu pflegen. Es war kein so intensiver Zusammenhang zwischen dem einzelnen individuellen Menschen und seinem Berufe oder seiner Gesellschaftsklasse wie im Westen. Daher war es so, daß der Mensch seinen Beruf man möchte sagen: sine ira — in einer mehr äußerlichen Weise nahm. Er wuchs nicht so zusammen mit seinem Berufe, er verband nicht sein geistiges Leben mit seinem Berufe.
[ 4 ] One could not describe Central Europe in this way. For Central Europe, one would have to say that, ever since the beginning of the modern era—that is, since the 15th century—people have consistently strived to cultivate individuality and the human self. There was not such an intense connection between the individual and his profession or social class as there was in the West. Consequently, people approached their professions—one might say—sine ira, in a more detached manner. They did not become so closely intertwined with their professions; they did not link their spiritual lives to their professions.
[ 5 ] Von den hauptsächlichsten Berufen her waren im Westen die Bezeichnungen genommen, waren die Symbole genommen. So etwas war in Mitteleuropa nicht der Fall. Es war vielmehr so, daß das geistige Leben mehr abgesondert wurde vom Beruf, auch mehr abgesondert wurde von der Klasse. Man steckte natürlich auch in einer Volksklasse drinnen, aber wenn man sich dem geistigen Leben zuwendete, so war dieses geistige Leben mehr herausgehoben, sowohl aus dem Berufe wie aus der Volksklasse. Daher lebte man mehr so, daß man sich ganz vom Berufsleben frei machte in seinen Gedanken, wenn man sich der Geistigkeit hingeben wollte. Und es wurden daher in Mitteleuropa diejenigen Zweige der Geistigkeit besonders gepflegt, welche nichts mit dem Berufsleben, nichts mit dem Klassenleben zu tun hatten.
[ 5 ] In the West, the terms and symbols were derived from the principal professions. This was not the case in Central Europe. Rather, intellectual life was more distinct from one’s profession and also more distinct from one’s social class. Of course, one still belonged to a social class, but when one turned to spiritual life, that spiritual life was more detached—both from one’s profession and from one’s social class. Consequently, people tended to live in such a way that they completely freed their thoughts from professional life when they wished to devote themselves to spiritual matters. And so, in Central Europe, those branches of spirituality that had nothing to do with professional life or class life were particularly cultivated.
[ 6 ] Das Verhältnis des Menschen zur Welt wurde aufgefaßt ohne Rücksicht auf die Nation, ohne Rücksicht auf irgendeinen nationalen Zusammenhang. Der Mensch als solcher stand da im Vordergrund. Und dann, wenn der einzelne, sagen wir, auch der Handwerker, sich einem geistigen Leben hingeben wollte, so tat er dies als einzelner Mensch. Er sarnin über die Aufgaben des Lebens mehr als einzelner Mensch. Er hatte im Beginne des 19. Jahrhunderts wenig mehr aus irgendwelchen gesellschaftlichen Verbindungen heraus von einem solchen geistigen Leben, wie ich es gestern geschildert habe. Daher entwickelten sich die geistigen Anregungen in Mitteleuropa auf eine ganz andere Art,
[ 6 ] Humanity’s relationship to the world was conceived without regard to the nation, without regard to any national context. Humanity as such was at the forefront. And then, when the individual—let’s say, even a craftsman—wanted to devote himself to an intellectual life, he did so as an individual human being. He was more than just an individual when it came to life’s tasks. At the beginning of the 19th century, he had little access to the kind of intellectual life I described yesterday through any social connections. Consequently, intellectual impulses in Central Europe developed in a completely different way,
[ 7 ] Der einzelne Handwerker, der einen besonderen Drang hatte, der, wenn man den mehr süddeutschen Ausdruck gebraucht, ein Sinnierer wurde — es ist da das wunderschöne Wort Sinnierer vorhanden —, der also viel sann, der machte sich bekannt mit den Überresten dessen, was von der alten Alchimie geblieben war an Frkenntnissen, was also nichts mit irgendeiner Klasse, nichts mit irgendeiner Nationalität oder mit einem Berufe zu tun hat; er machte sich bekannt mit dem, was von der alten Astrologie zurückgeblieben war. Und was er so in sich aufnahm, das trug er wie einen seinen Mitmenschen wichtigen, wertvollen Schatz bei sich. Da wanderte er viel von Ort zu Ort. Es waren immer nur einzelne Menschen, man war nicht mit Erkennungszeichen, man war eben als Mensch gekommen. Da hatte man zunächst sonderbare Bezeichnungen für solch einen Menschen. Diese Bezeichnungen sind aufgekommen in der Zeit, wo es eben drunter und drüber gegangen war mit den Anschauungen aus alten Zeiten und den neueren Zeiten; und denjenigen, der sich abhob vom Volke, den nahm man zunächst nicht gleich ganz gerne auf. Solche Sinnierer galten als Sonderlinge. «Spornritter» nannte man sie, wenn sie so auftraten. Und ein solcher mußte sich erst dadurch, daß er nun den Leuten etwas zu sagen hatte, mit den Leuten zusammenkam, sein Ansehen verschaffen. Da sich nicht ständig gepflegte Verbindungen herausgebildet hatten, so mußte er bei den Leuten, mit denen er zusammenkam, die etwas wissen wollten von ihm, sich erst, wenn die Gelegenheit herbeigeführt wurde, sein Ansehen verschaffen. Und dadurch, daß er das geltend machte, was er sich ersinniert hatte, bekam er einen bestimmten Einfluß. Und lange vorher, bevor so einer kam, wurde schon in unbestimmter Weise gesprochen, daß einer kommen sollte.
[ 7 ] span>The individual craftsman who had a special urge—who, to use the more southern German expression, became a “Sinnierer”—there is this wonderful word, “Sinnierer”—who, in other words, pondered a great deal—familiarized himself with the remnants of the knowledge that had survived from ancient alchemy, knowledge that had nothing to do with any social class, any nationality, or any profession; he familiarized himself with what remained of ancient astrology. And what he thus absorbed within himself, he carried with him as a treasure of great importance and value to his fellow human beings. So he wandered a great deal from place to place. There were always only individuals; one did not wear any identifying marks—one simply came as a human being. At first, people had strange names for such a person. These terms arose during a time when there was great confusion between the views of ancient times and those of more recent times; and those who stood out from the masses were not immediately welcomed with open arms. Such thinkers were regarded as eccentrics. They were called “Spornritter” when they appeared in this way. And such a person had to first earn his reputation by coming together with people—precisely because he now had something to say to them. Since no consistently cultivated connections had yet developed, he had to earn his reputation among the people he met—those who wanted to learn something from him—only when the opportunity arose. And by asserting what he had conceived, he gained a certain influence. And long before such a person arrived, there had already been vague talk that someone was coming.
[ 8 ] Nun, zunächst kam es den Leuten komisch vor, nachher aber, wenn er den Ort verließ, dann dachte man lange nach über das, was so ein Sinnierer gesagt hatte, so ein besonders Gescheiter, der so viel Wissen in seinem Kopfe drinnen hatte, daß man es gar nicht zu begreifen vermochte, daß ein Menschenkopf so groß sein könne, daß man das alles drinnen habe, was der in seinem Menschenkopf drinnen hatte.
[ 8 ] Well, at first it seemed strange to people, but afterward, when he left town, they thought long and hard about what such a deep thinker had said—such a particularly clever man who had so much knowledge in his head that they couldn’t even comprehend how a human mind could be so vast as to hold everything that he had inside his head.
[ 9 ] Also es war die ganze Art, wie das geistige Leben gehandhabt wurde in dem Menschenmäßigen, eben anders. Und daher mußte es auch kommen, daß in westlichen Ländern die Bildung viel populärer blieb, viel mehr ins Breite gehend blieb, denn sie hing zusammen mit dem Berufs- und Klassenleben. In Mitteleuropa dagegen trat eben allmählich dieser Abgrund auf zwischen den Gebildeten und der großen Masse, die nicht mehr mitkonnte. Nun, das hängt vielfach zusammen mit der tiefen Tragik des mitteleuropäischen Lebens, dieser Abgrund zwischen denen, die dann unter den Forderungen der neueren Zeit das, was von alter Weisheit geblieben war — sei sie alchimistisch, sei sie astrologisch —, zusammenfaßsten und von diesem Gesichtspunkte aus tiefer ins Menschenleben hineinschauten, und jenen, die nur bei den untergeordneten Bildungsbegriffen etwa eines religiösen Lebens stehenblieben.
[ 9 ] So the whole way in which intellectual life was approached in the human realm was simply different. And that is why it was inevitable that, in Western countries, education remained much more popular and much more broadly based, since it was closely linked to professional and class life. In Central Europe, on the other hand, this gulf gradually emerged between the educated and the masses, who could no longer keep up. Well, this is largely connected to the profound tragedy of Central European life—this gulf between those who, in the face of the demands of modern times, synthesized what remained of ancient wisdom—be it alchemical or astrological—and, from this perspective, looked more deeply into human life, and those who remained stuck at the more rudimentary concepts of education, such as those associated with a religious life.
[ 10 ] Diese Verhältnisse hatte Goethe vor sich. So daß Goethe in seinem «Wilhelm Meister» nicht so hätte schildern können wie etwa die George Sand in dem Roman «Le compagnon du tour de France». Goethe schilderte den einzelnen Menschen, die einzelne menschliche Individualität, ihr Verhältnis zu den oberen, ihr Verhältnis zu den unteren Welten. So ist uns in Frankreich gewissermaßen die Wirksamkeit des Astralischen in den Dévorants, die Wirksamkeit des Ich in den Gavots entgegengetreten, das wirkte hindurch durch die Einrichtungen. Innerhalb Mitteleuropas wurde gesucht, wie der Mensch auf der einen Seite mit dem Himmel, wie der Mensch auf der andern Seite mit der Erde zusammenhängt.
[ 10 ] These were the circumstances Goethe faced. Consequently, in his Wilhelm Meister, Goethe could not have depicted things the way George Sand did, for example, in her novel Le compagnon du tour de France. Goethe portrayed the individual human being, individual human personality, and their relationship to the higher and lower worlds. Thus, in France, we encountered, so to speak, the influence of the astral realm in the Dévorants and the influence of the “I” in the Gavots—forces that worked through the social institutions. Within Central Europe, the search was on to understand how human beings are connected, on the one hand, to the heavens and, on the other hand, to the earth.
[ 11 ] In einer schönen Weise hat Goethe — aber, ich möchte sagen, sehr in die Bildungs-Sublimierung hineingeprägt, ins stark Abstrakte hineingetragen — dasjenige, was im Grunde genommen doch innerhalb Mitteleuropas an Menschenwissen und Menschenweisheit seit dem 15. Jahrhundert gelebt hat, hineingebracht in die beiden Gestalten, die in seinem «Wilhelm Meister» auftreten: in Makarie auf der einen Seite und in der Metallfühlerin auf der andern Seite.
[ 11 ] In a beautiful way—though, I would say, deeply imbued with the sublimation of education and carried into the realm of the highly abstract—Goethe incorporated what has, in essence, been alive within Central Europe as human knowledge and wisdom since the 15th century into the two characters who appear in his Wilhelm Meister: Makarie on the one hand, and the “Metal Seer” on the other.
[ 12 ] Da tritt diese merkwürdige Gestalt in Goethes «Wilhelm Meister» auf, Makarie, eine gereifte weibliche Persönlichkeit, die durch ihr kränkliches, krankhaftes Sein wenig mehr zusammenhängt mit dem irdischen Leben, die sozusagen sich ganz herausgehoben hat aus dem irdischen Leben, die kaum mehr viel sich bewegt innerhalb der irdischen Räumlichkeiten, die verehrt wird von allen, die um sie herum sind, von allen Familiengliedern im engeren, aber auch im weiteren Sinne, und die dadurch, daß sie unabhängig geworden ist von dem Irdischen, ein merkwürdiges kosmisches Leben entwickelt. Und dieses kosmische Leben, das Goethe so schildert, wie wenn Makarie mitlebte mit den Eigentümlichkeiten der Sterne, nicht mit den Eigentümlichkeiten der Erde, das führt dazu, daß sozusagen alle physische Weltenbetrachtung aus dem Geiste, aus der Seele Makariens verschwindet und sie ganz den kosmischen Gesetzmäßigkeiten hingegeben ist. Aber je mehr sie sich den kosmischen Gesetzmäßigkeiten hingibt, desto mehr hören die irdischen Naturgesetze auf, für sie eine Bedeutung zu haben, desto mehr verwandeln sich die Naturgesetze in kosmische Moralgesetze. Sie wird zur moralischen Autorität für alle, die sie kennenlernen. Und sie vertritt nicht eine Moralität, die auf Geboten beruht, nicht irgendeine Moralität, die von der oder jener Seite entlehnt ist, sondern sie vertritt eine Moralität, die dem Menschen, wenn er sich vom Irdischen frei macht, aber es noch hat, so erscheint, als ob sie von den Sternen selber in ihrem Gange geoffenbart würde. Und was auf diese Weise Makarie mit ihrer Sternenschau für ihre Umgebung verkündet, das interpretiert ihr Freund, der Astronom, der aber jetzt der Schüler der Seherin in den kosmischen Welten wird.
[ 12 ] This peculiar character appears in Goethe’s Wilhelm Meister, Makarie, a mature female character who, due to her frail, sickly nature, has little connection left to earthly life; who, so to speak, has completely detached herself from earthly life; who hardly moves within earthly spaces anymore; who is revered by everyone around her—by all family members in the narrower as well as the broader sense— and who, having become independent of the earthly realm, develops a remarkable cosmic life. And this cosmic life, which Goethe describes as if Makarie were attuned to the peculiarities of the stars rather than those of the Earth, leads to the disappearance, so to speak, of all physical perception of the world from Makarie’s mind and soul, leaving her entirely devoted to cosmic laws. But the more she surrenders herself to cosmic laws, the more the earthly laws of nature cease to have any meaning for her, and the more the laws of nature are transformed into cosmic moral laws. She becomes a moral authority for all who come to know her. And she does not advocate a morality based on commandments, nor any morality borrowed from this or that source, but rather a morality that, when a person frees themselves from the earthly—while still retaining it—appears to them as if it were revealed by the stars themselves in their course. And what Makarie proclaims in this way to those around her through her contemplation of the stars is interpreted by her friend, the astronomer, who is now becoming the seer’s disciple in the cosmic realms.
[ 13 ] Goethe hat nur in einer fein sublimierten Weise dasjenige, was Sie sich noch für das erste Drittel des 19. Jahrhunderts überall lebend vorzustellen haben, in einer höheren Gesellschaftsklasse dargestellt. Man muß sich zum Beispiel vorstellen, daß es in dieser Zeit immerhin noch, zerstreut allerdings, Familien gab, welche Familienmitglieder hatten, weibliche Familienmitglieder, die von einem bestimmten Alter an einfach nicht mehr fähig waren, sich auf der Erde zu bewegen, die bettlägerig wurden, deren Haut weiß und durchsichtig wurde, die durch die weiße, durchsichtig gewordene Haut interessant verlaufendes blaues Geäder bis an die Oberfläche ihres Leibes zeigten, die selten sprachen. Wenn sie aber sprachen, dann horchten alle, die in der Umgebung waren, sorgfältig auf das, was gesprochen wurde, denn dann erwiesen sich diese weiblichen Persönlichkeiten als solche Seherinnen, wie Goethe sie nur typisiert herausgehoben hat in seiner Makarie. Und man findet immerhin in dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts in Mitteleuropa überall Sagenkreise. Da wird erzählt: Dort und dort, in jenem Orte liegt eine solche Seherin; sie hat dieses oder jenes aus ihrer prophetischen Gabe heraus gesprochen. — Und solche Dinge wurden weit in den Gegenden herumgetragen. Und sie wurden mit jener Poesie herumgetragen, die möglich war in der menschheitlichen gesellschaftlichen Ordnung, als es noch keine Zeitungen gab, denn die Zeitungen haben ja im wesentlichen zur Vernichtung des Geisteslebens ein Ungeheures beigetragen.
[ 13 ] Goethe depicted—in a subtly refined manner—what you must still imagine as being a living reality throughout the first third of the 19th century, but within a higher social class. One must imagine, for example, that during this period there were still—albeit scattered— there were still families—albeit scattered—whose female members, once they reached a certain age, were simply no longer able to move about on earth; they became bedridden, their skin turned white and translucent, revealing blue veins running in intriguing patterns through the white, translucent skin all the way to the surface of their bodies; they rarely spoke. But when they did speak, everyone in the vicinity listened carefully to what was said, for then these women proved to be seers of the kind that Goethe had only typified and highlighted in his Makarie. And indeed, throughout the first third of the 19th century, circles of legends could be found everywhere in Central Europe. It was said: Here and there, in that place, there lies such a seer; she has spoken this or that through her prophetic gift.” — And such stories were carried far and wide throughout the regions. And they were carried with that poetry that was possible within the human social order when there were no newspapers yet, for newspapers have, in essence, contributed enormously to the destruction of spiritual life.
[ 14 ] So läßt also Goethe in seiner Makarie eine solche Gestalt auftreten. Und nun steht an einer bestimmten Stelle der «Wanderjahre» dieser Makarie entgegen die Metallfühlerin. Ihr Freund ist Montanus. Die Metallfühlerin fühlt ebenso, was im Innern der Erde vorgeht, also, ich möchte sagen, ganz und gar das Geistige der irdischen Natur. Sie weiß von den Geheimnissen der Metalle der Erde zu sprechen, sie weiß davon zu sprechen, wie die einzelnen Metalle auf den Menschen wirken. Und Montanus interpretiert dieses, was bei der Metallfühlerin geschieht, ebenso, wie der Astronom dasjenige interpretiert, was durch Makarie geoffenbart wird.
[ 14 ] So Goethe introduces such a character in his Makarie. And now, at a certain point in The Wander Years, this Makarie is contrasted with the Metal Sensitive One. Her friend is Montanus. The Metal-Sensor likewise senses what is happening within the Earth—that is, I would say, the very spiritual essence of earthly nature. She knows how to speak of the secrets of the Earth’s metals; she knows how to speak of how the individual metals affect human beings. And Montanus interprets what happens with the Metal Seer in the same way that the astronomer interprets what is revealed through Makarie.
[ 15 ] So hat Goethe in einer außerordentlich interessanten Weise der kosmischen Seherin gegenübergestellt diese Metallfühlerin, welche die Geheimnisse der Erde durch ihre besondere Organisation — wiederum eine etwas krankhafte Organisation — enthüllt. Goethe zeigt, daß er dasjenige, wodurch der Mensch tüchtig ist, wodurch der Mensch vor allen Dingen seine Taten auf der Erde ausführen kann, weder bei denen sucht, die nach der einen Seite im Kosmos leben, noch bei den anderen, die nach der andern Seite im Innern der Erde leben. Er sucht das, was den Menschen für das Erdenleben tüchtig macht, da, wo der Mensch von beiden Fähigkeiten in seinem Bewußtseinszustand nichts weiß, wo sie unbewußt hereinwirken, diese beiden Fähigkeiten, wo aber, wie im Waagebalken, ein Ausgleich zwischen beiden ist.
[ 15 ] Goethe thus contrasted, in an extraordinarily interesting way, the cosmic seer with this “metal-senser,” who reveals the secrets of the Earth through her special constitution—which is, in turn, a somewhat pathological one. Goethe shows that he does not seek what makes a human being capable—what enables a human being, above all, to carry out their deeds on Earth—neither among those who live on one side of the cosmos nor among those who live on the other side, within the Earth. He seeks what makes human beings capable of earthly life precisely where they are unaware of these two faculties in their state of consciousness—where they operate unconsciously—but where, like the beams of a balance scale, there is a balance between the two.
[ 16 ] Goethe weiß nicht, was da zugrunde liegt. Aber er fühlt selber aus dem Festhalten einer alten Bildung fühlt er es —, wie diese beiden Lebensextreme, Geistesextreme, aufeinander wirken und eigentlich den Menschen zum rechten Menschen machen, wenn sie nicht einseitig eines oder das andere wirken, sondern wenn sie beide mit ihrer Eigenart verschwinden, aber zusammenwirken und ein Gleichgewicht in der menschlichen Natur bewirken.
[ 16 ] Goethe does not know what lies at the root of this. But he senses it himself—drawing on his deep-rooted education—how these two extremes of life, these extremes of the spirit, interact and actually make a person truly human, not when one or the other exerts a one-sided influence, but when both, while retaining their distinct characteristics, work together to bring about a balance in human nature.
[ 17 ] Heute, wo wir vom Standpunkte der Anthroposophie aus sprechen können, können wir sagen: Da haben wir zunächst im Menschen den oberen Menschen, den Nerven-Sinnes-Menschen; da haben wir den mittleren Menschen, den rhythmischen Menschen, und da haben wir den unteren Menschen, den Stoffwechsel-Gliedmaßen-Menschen. Überwiegt beim Menschen der obere Mensch, gleicht er sich nicht mit dem unteren Menschen aus, dadurch daß gewissermaßen durch eine krankhafte Entwickelung, wie bei Makarie, der ganze Stoffwechsel-Gliedmaßen-Mensch in eine Art Erstarrung verfallen ist, in eine solche Erstarrung, die noch nicht das Leben nimmt, die aber den Menschen unfähig macht, in der irdischen Räumlichkeit sich zu bewegen, überwiegt also in einer solchen Persönlichkeit das Geschehen im Kopfe, dann wird der Mensch zum kosmischen Schauer, zum kosmischen Seher. Tritt wie bei der Metallfühlerin die Nerven-Sinnes-Organisation zurück und bildet sich besonders bedeutsam das Stoffwechsel-Gliedmaßen-System aus, dann lebt der Mensch vorzugsweise mit dem Irdischen, dann lebt er mit den Kräften, mit den Wirksamkeiten der Metalle der Erde, der Mineralien der Erde. Und im mittleren Menschen ist der Ausgleich.
[ 17 ] Today, now that we can speak from the standpoint of anthroposophy, we can say: First, we have the upper human being within the person—the nervous-sensory human being; then we have the middle human being—the rhythmic human being; and finally, we have the lower human being—the metabolic-limb human being. If the upper human being predominates in a person and is not balanced by the lower human being—as in the case of Makarie, where, through a pathological development, as in the case of Makarie, the entire metabolic-limb human has fallen into a kind of rigidity—a rigidity that does not yet take away life but renders the human being incapable of moving within earthly space—if, in such a personality, the activity in the head predominates, then the human being becomes a cosmic seer. If, as in the case of the “metal-senser,” the nervous-sensory organization recedes and the metabolic-limb system develops particularly prominently, then the person lives primarily with the earthly realm; they live with the forces and effects of the earth’s metals and minerals. And in the average person, there is a balance.
[ 18 ] So wollte Goethe eigentlich an dieser Stelle seines sozialen Romanes «Wilhelm Meisters Wanderjahre» andeuten, wie nach dem Menschlichen gesucht wurde in Mitteleuropa, wie der Mensch auf der einen Seite nach dem Kosmos, auf der andern Seite nach dem Irdischen gegliedert wurde und wie das rechte Menschentum in dem Ausgleich zwischen beiden besteht.
[ 18 ] At this point in his social novel Wilhelm Meister’s Journeyman Years, Goethe actually intended to suggest how the search for what it means to be human was underway in Central Europe, how human beings were divided, on the one hand, toward the cosmos and, on the other, toward the earthly realm, and how true humanity lies in the balance between the two.
[ 19 ] Über diesen Ausgleich zwischen Astrologie nach oben, Alchimie nach unten wurde viel, viel gesonnen. Und wenn einzelne solche Gestalten herausragen, wie der Paracelsus, wie der Faust, die von Ort zu Ort gezogen sind, um die Leute zu überraschen mit dem, was sie als Sinnierer wußten von diesen Geheimnissen, so daß die Leute aufhorchten auf das, was der Mensch über den Menschen wissen kann, wenn einzelne solche bedeutsame Persönlichkeiten heraustraten, so waren diese aber nicht die einzigen. Kleine Paracelsusse, kleine Fauste gab es überall, die nur nicht so weit wanderten, die ein kleineres Territorium hatten. Und was heute wiederum in den Geheimnissen der Wünschelrute erkundet wird, das war etwas, was dazumal durchaus gang und gäbe war. Da kam, nicht nur einmal, so etwas vor wie das Folgende.
[ 19 ] Much, much thought has been given to this balance between astrology above and alchemy below. And while individual figures such as Paracelsus and Faust stood out—traveling from place to place to astonish people with what they, as thinkers, knew of these mysteries, so that people took notice of what a human being can know about humanity—when such significant personalities emerged, they were by no means the only ones. There were little Paracelsuses and little Fausts everywhere—they simply did not travel as far and had a smaller sphere of influence. And what is being explored today in the mysteries of dowsing was something that was quite commonplace back then. On more than one occasion, something like the following occurred.
[ 20 ] Es kam solch ein Sinnierer in irgendeinen Ort und imponierte da den Leuten durch das, was er zu sagen hatte über die obere und die untere Welt. Und wenn er dann den Leuten mächtig imponiert hatte, wenn sie anfingen, an seine Autorität unbedingt zu glauben, dann sagten sie zuletzt: Aber Meister, jetzt mußt du noch irgend etwas tun, was für uns wichtig ist. Weißt du, wir brauchen einen Brunnen, und du mußt uns sagen, wo der Brunnen gebaut werden soll. — Da ging derjenige, der so als Sinnierer in die Orte gekommen war, mit den Leuten herum in der Gegend, und an manchen Orten blieb er stehen, ging wieder weiter, blieb wieder stehen, aber dann blieb er endlich an einem Orte stehen, wo er sagte: Da ist’s! Da haben wir’s! — Da wurde der Brunnen gebaut.
[ 20 ] Such a philosopher came to a certain town and impressed the people there with what he had to say about the upper and lower worlds. And once he had made a powerful impression on the people, once they began to believe unconditionally in his authority, they finally said: “But Master, now you must do something else that is important for us. You see, we need a well, and you must tell us where the well should be built.” — So the one who had come to these towns as a philosopher walked around the area with the people; in some places he stopped, then walked on again, stopped once more, but finally he stopped at a spot where he said, “There it is! There we have it!” — And that’s where the well was built.
[ 21 ] Diese Dinge verzeichnet eben die Geschichte nicht, diese Dinge reichen bis in das erste Drittel des 19. Jahrhunderts herein, wenn sie da auch immer spärlicher und spärlicher wurden. Aber diese Dinge sind real. Und das ist eben etwas, was gerade in den unteren Schichten des Volkes besonders gepflegt worden ist, was sozusagen hier das geistige Leben ausmachte. Das geistige Leben lag durchaus in diesen Dingen, weil man den innersten Drang hatte, das Menschliche als solches, ich möchte sagen, nicht nur symbolistisch, sondern sogar kosmisch zu fassen. Man frug hier weniger: Wie hängt der Mensch durch seine Klasse, durch seinen Beruf nach außen zusammen? Das machte man selbst geltend in den Zeiten des Zunftwesens, wenn man äußerlich mit den Abzeichen auftreten wollte, wenn man Aufzüge machen wollte und dergleichen, aber das hatte ja eigentlich nicht jene tiefe geistige Bedeutung wie im Westen. Dagegen hatte dieses von dem Äußeren abgezogene Leben hier seine große geistige Bedeutung.
[ 21 ] History simply does not record these things; they extend into the first third of the 19th century, even though they became increasingly rare there. But these things are real. And this is precisely something that was particularly cherished among the lower classes of the people—something that, so to speak, constituted their spiritual life. Their spiritual life lay entirely in these things, because they had the deepest urge to grasp the human as such—I would say—not merely symbolically, but even cosmically. Here, people asked less: How is a person connected to the outside world through their class or their profession? This was certainly emphasized during the era of the guild system, when people wanted to display their insignia outwardly, when they wanted to put on parades and the like, but that did not actually have the same deep spiritual significance as it did in the West. In contrast, this life, detached from the external, had great spiritual significance here.
[ 22 ] Ich möchte sagen: Im Westen war man darauf aus, die Menschheit in den äußeren Kräften des Zusammenlebens seelisch aufzufassen. In Mitteleuropa war es der Mensch innerhalb seiner Haut, der auch das, was er gesellschaftlich erlebte, als Mensch erleben wollte. Das ist dasjenige, was das mitteleuropäische Geistesleben in eine gewisse Höhe getrieben hat, so daß es nicht populär werden konnte wie im Westen. Und das ist es auch, was zu gleicher Zeit die tiefe geistige Tragik Mitteleuropas hervorgerufen hat. Und wir leben schon heute in einer Zeit, in der diese Dinge in weitesten Kreisen bewußt werden sollten, in der man aufwachen sollte in weitesten Kreisen über diese Dinge. Denn es ist Ja nur dann zu hoffen, daß unsere chaotisch gewordene Zivilisation wiederum neue Anstöße erhalten kann, daß ihr wieder neue Lebenskräfte zugeführt werden können, wenn man in dieser Weise den wirklichen Zusammenhang mit dem geschichtlichen Leben erfassen kann.
[ 22 ] I would like to say: In the West, the aim was to understand humanity spiritually through the external forces of social life. In Central Europe, it was the human being within his own skin who also wanted to experience what he encountered socially as a human being. This is precisely what elevated Central European spiritual life to a certain height, so that it could not become as popular as it did in the West. And this is also what, at the same time, gave rise to the profound spiritual tragedy of Central Europe. And we are already living in an age in which these things should be brought to the awareness of the broadest circles, in which people in the broadest circles should awaken to these matters. For it is only then that we can hope that our civilization, which has become chaotic, can receive new impetus, that new life forces can be infused into it, if we can grasp the true connection with historical life in this way.
[ 23 ] Man stieg schon in Mitteleuropa bis zur Erde herunter. Das zeigt insbesondere Goethe, der eben den Ausgleich haben wollte zwischen dem oberen und dem unteren Menschen, der die beiden Extreme, die Metallfühlerin und die kosmische Seherin, einander gegenüberstellte. Man wollte den Menschen als tätigen Menschen auf die Erde hereinstellen; aber man wollte hinaufschauen in die Region des Kosmischen auf der einen Seite, man wollte hinunterschauen in die Region des Irdischen, des Tellurischen auf der andern Seite, um den Menschen als einen Erdenbürger zu erkennen. Das sind die Differenzierungen, welche die moderne Zivilisation aus ihren Untergründen mit heraufgebracht haben.
[ 23 ] Even in Central Europe, people had already descended to the level of the Earth. This is demonstrated in particular by Goethe, who sought a balance between the “upper” and “lower” human beings, contrasting the two extremes: the “metal-sensing” woman and the “cosmic seer.” The aim was to place human beings on Earth as active beings; but one wanted to look up into the realm of the cosmic on the one hand, and look down into the realm of the earthly, the telluric, on the other, in order to recognize human beings as citizens of the Earth. These are the distinctions that modern civilization has brought to the surface from its depths.
[ 24 ] Daher konnte zum Beispiel auch so etwas wie Schillers «Ästhetische Briefe», über die ich öfter gesprochen habe, wo eigentlich der Mensch ganz nur als Mensch dasteht, losgelöst von jeder Nationalität, wo er nur als Mensch erfaßt werden soll, nur in Mitteleuropa geschrieben werden. Und im Grunde genommen war es selbstverständlich, daß ein Teil des Sinnens — wenn auch dafür nicht Goethe und auch nicht die Folgezeit die Lösungen gefunden hat — darinnen bestand, wie man die Menschen dazu bringen kann, daß eben alle Menschen dieses allgemein Menschliche in der modernen Weise wieder verstehen können.
[ 24 ] That is why, for example, something like Schiller’s Aesthetic Letters—which I have often discussed, and in which human beings are portrayed solely as human beings, detached from any nationality, and are to be understood only as human beings—could only have been written in Central Europe. And fundamentally, it went without saying that part of the reflection—even if neither Goethe nor subsequent generations found solutions for it—consisted in how to enable people, indeed all people, to understand this universal humanity once again in a modern way.
[ 25 ] Daher bildet bei Goethe einen großen Teil seines «Wilhelm Meister»-Romanes die sogenannte pädagogische Provinz. Die Erziehung des Menschen wird zum Problem: Ein Problem, für das die Zeit damals noch nicht gekommen war, für das die Zeit erst heute da ist, wo man nach anthroposophischer Menschenerkenntnis suchen kann.
[ 25 ] For this reason, the so-called “pedagogical province” constitutes a large part of Goethe’s novel Wilhelm Meister. The education of human beings becomes a problem: a problem for which the time had not yet come back then, but for which the time has only now arrived, when one can seek an anthroposophical understanding of human nature.
[ 26 ] Man war im Westen, ich möchte sagen, schon über die menschliche Haut herausgegangen. Man suchte tastend: Wie verbindet man sich mit dem andern Menschen? Wie gibt man sich dem andern Menschen zu erkennen? Wie ergreift man seine Hand? Wie hat man zu sprechen, daß er einen erkennt? — Zeichen, Griff und Wort, wie sie dann in einer etwas luxuriösen Weise in den Freimaurer-Gesellschaften aufgetreten sind, das ist etwas, was im Westen gewirkt hat als etwas lebenskräftig Tätiges bis zum Ende des ersten Drittels des 19. Jahrhunderts. In Mitteleuropa hatte man nicht so viel Sinn für solche besondere Symbolik, aber man hatte viel Sinn dafür, hinter das Rätsel des Menschen im allgemeinen zu kommen.
[ 26 ] In the West, I would say, people had already moved beyond the human skin. They were groping in the dark: How does one connect with another person? How does one make oneself known to another person? How does one take their hand? How should one speak so that they recognize you? — Signs, gestures, and words, as they later appeared in a somewhat elaborate manner in Masonic lodges, were a vital and dynamic force in the West until the end of the first third of the 19th century. In Central Europe, people did not have much of an appreciation for such specific symbolism, but they did have a keen interest in unraveling the mystery of humanity in general.
[ 27 ] Interessant ist es nun, damit Osteuropa zu vergleichen. Da kam der Mensch — nicht nur bis zum Ende des ersten Drittels des 19. Jahrhunderts, sondern bis in eine viel spätere Zeit — von seinem Inneren aus, ich möchte sagen, nicht bis zu seiner Haut. Er blieb in einem gewissen Sinne in einer Seelenverfassung, die ihn nicht ganz heraushob aus dem Göttlichen, nicht vorschob bis zum Menschen. Daher möchte ich sagen: Während im Westen die Gesinnung aufgekommen ist, die Welt ist Welt — höchstens muß man über soziale Utopien nachdenken —, die Welt ist Welt, man muß in ihr leben, man muß soziale Einrichtungen haben, um in ihr zu leben, oder muß diejenigen, die schon da sind, so ansehen, als ob sie ganz herrlich wären, um in ihnen zu leben — während es so war im Westen, war es in Mitteleuropa so, daß man eigentlich verlangte: Der Mensch muß erst Mensch werden, er muß erst sich durcharbeiten zum Menschtum, dann findet er die Erde. — Im Osten war man überzeugt: Beide Ideale sind eigentlich falsch. Schon wenn der Mensch daran denkt, sich zum Menschen durchzuarbeiten, so ist er auf dem Holzweg, denn er verläßt eigentlich damit das Paradies. Und es sollte der Mensch das Stück Erde, auf dem er wohnt, immer als ein Paradies ansehen können, sonst wird das Leben unmöglich. Man muß mehr auf dasjenige zurückgehen, was unbewußt im Menschen drinnen ist, und nicht zu stark ins Leben herausgehen.
[ 27 ] It is now interesting to compare this with Eastern Europe. There, human beings—not only until the end of the first third of the 19th century, but well into a much later period—came from within themselves; I would say, not quite to the surface. In a certain sense, they remained in a state of mind that did not quite lift them out of the divine, did not propel them forward to become fully human. Therefore, I would like to say: While in the West the attitude has emerged that the world is the world—at most, one must reflect on social utopias—the world is the world, one must live in it, one must have social institutions in order to live in it, or must regard those that already exist as if they were utterly wonderful in order to live within them—while this was the case in the West, in Central Europe the attitude was actually that one demanded: Man must first become human; he must first work his way toward humanity; only then will he find the earth. — In the East, people were convinced: Both ideals are actually wrong. The very moment a person thinks of working his way toward becoming human, he is on the wrong track, for in doing so he is actually leaving paradise. And a person should always be able to regard the patch of earth on which he lives as a paradise; otherwise, life becomes impossible. One must return more to what lies unconsciously within a person, and not venture too far out into life.
[ 28 ] Aus diesem Grunde ist es, daß im Osten Europas zwar eine gewisse Toleranz gegen den Westen und gegen Mitteleuropa immer vorhanden war, aus einer gewissen Gutmütigkeit, auch aus Menschenliebe heraus, daß aber dennoch die Gegenden, in denen man entweder ganz mit dem äußeren Menschentum wie im Westen oder mit der einzelnen menschlichen Individualität wie in Mitteleuropa rechnete, gewissermaßen wie ein Abfall von dem göttlichen Menschen angesehen wurden. Und als dann — man kann es für Rußland zum Beispiel durchaus so sagen — die Tendenz auftrat im Osten, sich Anschauungen zu verschaffen über das Westliche, da sehen wir eben, weil der Mensch nicht aus sich heraus will, wie zwar bei den Besten gerade eine Toleranz vorhanden ist, eine Tolerierung, aber kein inneres Eingehen auf die übrige Welt. Der Russe dringt, wenn er ein richtiger Russe ist, nicht bis an seine Haut heran; er bleibt tiefer drinnen in sich stecken. Es ist schon viel zu irdisch, bis zu seiner Haut vorzudringen, man muß mehr im Innern bleiben.
[ 28 ] For this reason, although a certain tolerance toward the West and toward Central Europe has always existed in Eastern Europe—arising from a certain good-naturedness and also from love of humanity—the regions where people relied either entirely on outward humanity, as in the West, or on individual human individuality, as in Central Europe, were nevertheless regarded, in a sense, as a deviation from the divine human being. And when—as is certainly the case with Russia, for example—the tendency arose in the East to form views about the West, we see precisely because human beings do not wish to go beyond themselves that, while a tolerance—a mere putting up with—is indeed present, especially among the best, there is no inner engagement with the rest of the world. The Russian, if he is a true Russian, does not penetrate as far as his skin; he remains stuck deeper within himself. It is already far too earthly to penetrate as far as one’s skin; one must remain more within.
[ 29 ] Sehen Sie, das war eine Seelenstimmung, die noch bei Dostojewskij im höchsten Grade auftrat. Und da ist es immerhin interessant, zu hören, was Dostojewskij, also einer derjenigen, die vor allen Dingen repräsentativ sind für das östliche europäische Leben, den Leuten des Westens sagt.
[ 29 ] You see, this was a state of mind that was still present to the highest degree in Dostoevsky. And so it is certainly interesting to hear what Dostoevsky—that is, one of those who are, above all, representative of Eastern European life—has to say to people in the West.
[ 30 ] In der neuesten Nummer der Zeitschrift «Wissen und Leben», die jetzt herausgekommen ist, wo Briefe abgedruckt sind, die Dostojewskij an Apollon Maikow 1868 geschrieben hat, können Sie es lesen. Aber eben, solche Briefe könnten geschrieben sein, wenn dazumal das Reisen schon so üblich gewesen wäre, auch im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts.
[ 30 ] You can read about it in the latest issue of the journal Wissen und Leben, which has just been published and includes letters that Dostoevsky wrote to Apollon Maikov in 1868. But then again, such letters could have been written if traveling had already been so common back then, even in the first third of the 19th century.
[ 31 ] Eine Anzahl von hier Sitzenden muß ich vielleicht um Entschuldigung bitten, daß ich einige Stellen aus dem Briefe Dostojewskijs vorlese, aber es sagt es ja Dostojewskij, nicht ich, und ich bin natürlich weit entfernt, damit etwas anderes sagen zu wollen, als Dostojewskij sprechen zu lassen. Dostojewskij fühlt sich also nach Genf verschlagen; und die Genfer Westmenschen und jene, die in der Nähe wohnen, müssen es schon entschuldigen, wenn ich also nur als Charakteristik einige Stellen aus einem Briefe von Dostojewskij von 1868 zur Verlesung bringe.
[ 31 ] I may have to ask some of those seated here to excuse me for reading aloud a few passages from Dostoevsky’s letter, but it is Dostoevsky who says this, not I, and I am, of course, far from intending to say anything other than to let Dostoevsky speak for himself. Dostoevsky thus finds himself in Geneva; and the people of Geneva and those who live nearby will have to excuse me if I read aloud a few passages from a letter by Dostoevsky dated 1868, merely by way of illustration.
[ 32 ] «Am meisten hatten wir in Genf unter den materiellen Unannehmlichkeiten und unter der Kälte zu leiden. Wenn Sie nur wüßten, wie dumm, stumpfsinnig, unbedeutend und wild dieses Volk ist! Es genügt nicht, als Tourist das Land zu besuchen. Nein, versuchen Sie einmal hier zu leben! Aber ich kann Ihnen jetzt meine Eindrücke selbst kurz nicht wiedergeben; es haben sich gar zu viele angesammelt. Das bourgeoise Leben in dieser Republik ist nec plus ultra entwickelt. In der Regierung und in der ganzen Schweiz — nichts als Parteien, ununterbrochene Streitigkeiten, Pauperismus, eine erschreckende Mittelmäßigkeit in allem; der hiesige Arbeiter ist nicht den kleinen Finger des unseren wert: es ist lächerlich, ihn anzuschauen und ihm zuzuhören. Die Sitten sind wild; ach, wenn Sie wüßten, was man hier für gut und was für schlecht hält. Niedrige Bildung: welch eine Trunksucht, welche Diebereien, welch ein kleinlicher Schwindel, der im Handel zum Gesetz geworden ist. Es gibt übrigens auch einige gute Züge, die sie unermeßlich hoch über die Deutschen stellen.»
[ 32 ] “In Geneva, we suffered most from the material hardships and the cold. If only you knew how stupid, dull, insignificant, and wild these people are! It’s not enough to visit the country as a tourist. No, try living here for a while! But I can’t even briefly convey my impressions to you right now; there are simply too many of them. Bourgeois life in this republic has reached its absolute peak. In the government and throughout Switzerland—nothing but political parties, incessant disputes, pauperism, and a terrifying mediocrity in everything; the local worker isn’t worth a fraction of what ours are: it’s ridiculous to look at him and listen to him. The customs are wild; oh, if only you knew what is considered good and what is considered bad here. Low levels of education: what drunkenness, what theft, what petty swindling that has become the norm in commerce. Incidentally, there are also some good qualities that place them immeasurably above the Germans.”
[ 33 ] Jetzt muß ich wieder nach der andern Seite um Entschuldigung bitten!
[ 33 ] Now I have to apologize to the other side again!
[ 34 ] «In Deutschland mußte ich am meisten über die Dummheit des Volkes staunen; sie sind maßlos dumm, sie sind inkommensurabel dumm. Bei uns will selbst Nikolai Nikolajewitsch Strachow, ein Mann von hohem Verstande, die Wahrheit nicht einsehen, er sagte: «Die Deutschen sind klug, sie haben das Pulver erfunden.» Aber ihr Leben hat sich eben so gefügt!»
[ 34 ] “In Germany, I was most astonished by the stupidity of the people; they are immeasurably stupid, they are incomparably stupid. Even Nikolai Nikolayevich Strakhov, a man of great intellect, refuses to see the truth; he said, ‘The Germans are clever—they invented gunpowder.’ But that’s just how their lives have turned out!”
[ 35 ] Also, daß sie das Pulver erfunden haben, rechnet er ihnen nicht als etwas an, was ihre inkommensurable Dummheit etwas mindern würde. Nun:
[ 35 ] So, he does not count their invention of gunpowder as something that would in any way diminish their immeasurable stupidity. Well then:
[ 36 ] «... In der Schweiz gibt es noch genug Wald, in den Bergen ist unvergleichlich mehr davon geblieben als in den andern Ländern Europas, obwohl er von Jahr zu Jahr entsetzlich abnimmt. Nun stellen Sie sich vor: Fünf Monate im Jahre herrscht hier eine schreckliche Kälte und dazu die Bisen. Und drei Monate ist hier fast der gleiche Winter wie bei uns. Alle zittern vor Kälte, legen Flanell und Watte niemals ab (dabei gibt es bei ihnen gar keine Dampfbäder, Sie können sich also den Schmutz vorstellen, an den sie gewohnt sind), Winterkleider haben sie nicht, laufen fast in den gleichen Kleidern herum wie im Sommer (Flanell allein ist aber zu wenig für einen solchen Winter), und dabei fehlt es ihnen an Verstand, um ihre Wohnungen auch nur ein wenig zu verbessern! Was kann ein Kamin mit Kohle oder Holz ausrichten, selbst wenn man den ganzen Tag heizt? Den ganzen Tag heizen kostet aber 2 Franken täglich. So viel Wald wird dabei unnütz vernichtet, Wärme hat man aber nicht. Was glauben Sie? wenn sie bloß Doppelfenster hätten, könnte man auch mit den Kaminen leben! Ich sage gar nicht, daß man Öfen einbauen sollte. Dann könnte man den ganzen Wald retten. In 25 Jahren bleibt gar kein Wald mehr übrig. Sie leben wirklich wie die Wilden! Dafür können sie auch was vertragen. In meinem Zimmer sind beim fürchterlichen Heizen nur +5 Grad R&aumur (5 Grad Wärme). Ich saß bei dieser Kälte im Mantel, wartete auf Geld, versetzte die Sachen und überlegte mir den Plan zu einem Roman — ist das schön? Man sagt, in Florenz hätte es in diesem Jahre bis -10 Grad gegeben. In Montpellier gab es 15 Grad Reaumur Kälte. Bei uns in Genf sank die Temperatur nicht unter -8 Grad, aber es ist ganz gleich, wenn das Wasser in den Zimmern einfriert. Neulich habe ich die Wohnung gewechselt und habe jetzt schöne Zimmer; das eine ist ständig kalt, das andere aber warm, und in diesem warmen Zimmer habe ich immer +10 oder +11 Grad Wärme, also kann man noch leben.» Und so weiter und so weiter.
[ 36 ] “... There is still plenty of forest in Switzerland; incomparably more of it remains in the mountains than in other European countries, although it is dwindling at an alarming rate year after year. Now imagine this: for five months of the year, there is terrible cold here, compounded by the Bisen winds. And for three months, the winter here is almost the same as ours. Everyone shivers from the cold, never taking off their flannel and cotton padding (and yet they don’t even have steam baths—so you can imagine the filth they’re used to); they don’t have winter clothes, walking around in almost the same clothes as in summer (though flannel alone isn’t enough for such a winter), and on top of that, they lack the sense to improve their homes even a little! What good is a fireplace with coal or wood, even if you heat it all day long? But heating all day costs 2 francs a day. So much forest is being needlessly destroyed, yet they still don’t have any heat. What do you think? If only they had double-paned windows, one could get by with just the fireplaces! I’m not even saying that stoves should be installed. Then the entire forest could be saved. In 25 years, there won’t be any forest left at all. They really do live like savages! They deserve what’s coming to them. In my room, even with the heating cranked up, it’s only +5 degrees Réaumur (5 degrees warmth). I sat there in my coat in that cold, waiting for money, sorting through my things, and thinking up a plot for a novel—isn’t that lovely? They say it got down to -10 degrees in Florence this year. In Montpellier, it was 15 degrees Réaumur below freezing. Here in Geneva, the temperature didn’t drop below -8 degrees, but it’s all the same when the water in the rooms freezes. I recently moved apartments and now have nice rooms; one is constantly cold, but the other is warm, and in that warm room I always have +10 or +11 degrees heat, so it’s still livable.” And so on and so forth.
[ 37 ] Sie sehen also: Sehr gut kommen die Mittel- und Westeuropäer in dieser Schilderung eines der allerhervorragendsten Russen nicht gerade weg. Und das muß eben darauf zurückgeführt werden, daß ein Herausgehen auch nur bis zu der Haut des Menschen da nicht vorhanden ist. Da ist noch durchaus das In-sich-Geschlossensein, und daher das Sich-nicht-Angleichen an die Umgebung, sondern das, ich möchte sagen, Fordern, daß alles so ist, wie man selbst ist.
[ 37 ] So you see: Central and Western Europeans do not exactly come across very well in this portrayal of one of the most outstanding Russians. And that must simply be attributed to the fact that there is no attempt to go even as far as the surface of the human being. There is still a distinct sense of self-containment, and hence a refusal to conform to one’s surroundings—rather, I would say, a demand that everything be just as one is oneself.
[ 38 ] Wie gesagt, es ist ja auch von einem gewissen zeitgeschichtlichen Standpunkte aus ganz interessant, diese eben veröffentlichte Briefstelle einmal sich vor die Seele zu führen. Deshalb habe ich eben diese gewählt und nicht etwa solche aus dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts bei dieser Jahrhundertbetrachtung. Denn in Rußland sind die Dinge in einer solchen Klarheit eigentlich erst später herausgekommen; sie haben aber immer gewebt und gelebt, sind immer da. Und man charakterisiert auch die Zeit vor einem Jahrhundert, wenn man diese Aussagen über eine schon etwas veränderte Zeit ins Auge faßt. Ja selbst Dinge, über die man wahrscheinlich recht erstaunt sein kann im Westen, die finden sich da. Wenn Sie westliche oder mitteleuropäische Schilderungen nehmen, dann wird Ihnen die folgende Briefstelle, die nun aus derselben Zeit — 1. März 1868 — ist, interessant sein. Sie werden gerade daraus sehen, daß man die Dinge der Welt von verschiedenen Standpunkten aus ansehen kann.
[ 38 ] As I said, from a certain historical perspective, it is quite interesting to reflect on this recently published excerpt from a letter. That is why I chose this particular passage—and not, for example, ones from the first third of the 19th century—for this historical overview. For in Russia, these matters actually only came to light with such clarity later on; yet they have always been woven into the fabric of life and have always been present. And one can also characterize the era of a century ago by considering these statements about a time that has already undergone some changes. Indeed, even things that are likely to cause quite a bit of astonishment in the West can be found there. If you consider Western or Central European accounts, then the following passage from a letter—which dates from the same period, March 1, 1868—will be of interest to you. From it, you will see precisely that one can view the affairs of the world from different perspectives.
[ 39 ] «Über unsere Gerichte habe ich mir (nach allem, was ich gelesen) folgende Meinung gebildet: Das moralische Wesen unseres Richters» — nämlich die Richter in Rußland — «und, vor allem, unseres Geschworenen ist unendlich höher als in Europa; sie betrachten die Verbrecher wie Christen. Selbst die im Auslande lebenden russischen Verräter geben es zu. Aber eines scheint noch nicht gefestigt: ich glaube, daß in diesem humanen Verhältnis zu den Verbrechern noch viel aus Büchern Geschöpftes, Liberales, Unselbständiges steckt. Das kommt zuweilen vor. Übrigens kann ich mich aus der Entfernung furchtbar irren. Aber unser Grundwesen ist in dieser Beziehung unendlich höher als das europäische.» Und so weiter.
[ 39 ] “Based on everything I have read, I have formed the following opinion about our courts: The moral character of our judges”—namely, the judges in Russia—“and, above all, of our jurors is infinitely higher than in Europe; they regard criminals as Christians. Even Russian traitors living abroad admit this. But one thing does not yet seem firmly established: I believe that this humane attitude toward criminals still contains a great deal that is derived from books—liberal and lacking in independence. That happens from time to time. Incidentally, I may be terribly mistaken from a distance. But our fundamental nature in this regard is infinitely superior to that of Europe.” And so on.
[ 40 ] Sie sehen also, es ist auch die Anschauung über die Gerichte hier von einem andern Standpunkt gegeben, als Sie sie in Westeuropa oftmals gegeben hören.
[ 40 ] So you see, the view of the courts here is presented from a different perspective than the one you often hear in Western Europe.
[ 41 ] Ich möchte, daß aus der gestrigen und heutigen Betrachtung doch zweierlei hervorgeht: Erstens, daß es ein Unding ist zu glauben, daß selbst an für ein Jahrhundert zurückliegende Lebensverhältnisse der heutige Maßstab irgendwie angelegt werden darf, sondern man muß tatsächlich liebevoll auf die vergangenen Verhältnisse eingehen, wenn man zu einem gültigen, zu einem mit der Realität rechnenden Urteil kommen will. Aber auch bei denjenigen Menschen, die gleichzeitig leben, handelt es sich darum, daß man sich eine gewisse Weitherzigkeit des Urteils aneignet. Das ist es, was wir heute finden müssen. Wir müssen die Möglichkeit finden, von diesen nationalen Standpunkten abzusehen, um tatsächlich einen Standpunkt des Erdenbürgers zu finden.
[ 41 ] I would like two things to emerge from yesterday’s and today’s discussion: First, that it is absurd to believe that today’s standards can somehow be applied to living conditions from a century ago; rather, one must genuinely and empathetically engage with the conditions of the past if one wishes to arrive at a valid judgment that takes reality into account. But even when it comes to people living in the same era, the point is to cultivate a certain generosity of judgment. That is what we must find today. We must find a way to set aside these national perspectives in order to truly adopt the perspective of a citizen of the world.
[ 42 ] Dann ist es aber so, daß dies vor allen Dingen nur von einer tieferen Menschenerkenntnis aus kommen kann. Diese tiefere Menschenerkenntnis, zu der konnte eben die Welt nicht vordringen, solange die Welt nicht Anthroposophie gesucht hat. Und man möchte sagen: Läßt man sich gerade richtig ein auf das, was vor einem Jahrhundert in Europa vorhanden war, so sieht man, es ist das Sehnen nach einer Menschenerkenntnis. Aber mit dem, was dazumal über die Natur gewußt worden ist, konnte man noch nicht im modernen Sinne zu einer Menschenerkenntnis kommen. Dann hat die äußere Naturwissenschaft alles überflutet in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Und jetzt müssen wir das, wonach man sich vor hundert Jahren sehnte, wonach die Besten in Europa sich sehnten, was nur eine Zeitlang überflutet war, jetzt müssen wir das mit einer höheren Geist-Erkenntnis wiederum suchen.
[ 42 ] But the fact is that this can arise, above all, only from a deeper understanding of the human being. The world simply could not reach this deeper understanding of the human being as long as it did not seek anthroposophy. And one might say: If one really immerses oneself in what existed in Europe a century ago, one sees that it was a longing for an understanding of the human being. But with what was known about nature at that time, it was not yet possible to arrive at an understanding of the human being in the modern sense. Then, in the second half of the 19th century, external natural science flooded everything. And now we must once again seek what people longed for a hundred years ago—what the best minds in Europe longed for, and which was only temporarily overwhelmed—we must now seek it anew through a higher spiritual understanding.
[ 43 ] Das wird einzig und allein der Menschheit die Kraft liefern, die zu einem Aufstiege der Kultur gegenüber dem Verfall irgendwie führen kann. Es ist trostlos, daß so wenig Geschichte und so wenig Geographie in dem gestern erwähnten Sinne gepflegt wird, daß die Dinge solch äußerliche Gestalt angenommen haben. Da handelt es sich darum, wirklich den Geist in der Geschichte zu suchen, in der Geschichte und über die Erde hin in geographischem Sinne. Gerade Geschichte und Geographie müssen in geistiger Weise eine Metamorphose erfahren. Das ist nötig.
[ 43 ] That alone will provide humanity with the strength that can somehow lead to a rise in culture in the face of decline. It is disheartening that so little history and so little geography are cultivated in the sense mentioned yesterday, that things have taken on such an external form. The point is to truly seek the spirit in history—in history and across the earth in a geographical sense. History and geography, in particular, must undergo a spiritual metamorphosis. This is necessary.
[ 44 ] Das ist dasjenige, was die Goethesche pädagogische Provinz in «Wilhelm Meister» auch noch nicht hatte, wonach aber die Sehnsucht lebt in den Gestalten, die dort auftreten. Und vieles eben von diesen Sehnsuchten der damaligen Zeit muß heute in die Zivilisation hereinbrechen. Die Menschen müssen aufwachen in bezug auf das, wovon dazumal mit einer besonderen Sehnsucht geträumt worden ist, damit die Träume von dazumal durch die Kraft einer geistigen Erkenntnis jetzt Wirklichkeit werden können. Denn diese Wirklichkeit braucht die Menschen für ihre Zivilisation.
[ 44 ] This is precisely what Goethe’s “pedagogical province” in Wilhelm Meister also lacked, yet it is the very thing for which the characters who appear there yearn. And much of this yearning from that era must now find its way into our civilization. People must awaken to what was once dreamed of with such longing, so that the dreams of that time can now become reality through the power of spiritual insight. For people need this reality for their civilization.

