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Drei Perspektiven der Anthroposophie
Kulturphänomene
geisteswissenschaftlich betrachtet
GA 225

7 Juli 1923, Dornach

5. Gemeinschaftsbildungen In Mitteleuropa

[ 1 ] Gestern versuchte ich eine Art Jahrhundertbetrachtung anzustellen, indem ich Ihnen schilderte, wie namentlich in den westlichen europäischen Gegenden der Mensch sich in gesellschaftliche Bindungen hineinstellte, die zusammenhingen mit der Volksklasse auf der einen Seite und dem Berufsleben auf der andern Seite, und wir haben gesehen, wie diesen Verbindungen, diesen Vergesellschaftungen Geistiges zugrunde lag. Ja, wir mußten sogar bis zum Astralischen und bis zum Ich-Wesen des Menschen vordringen, damit wir die beiden einander entgegenstehenden Berufsvereinigungen, die «Dévorants» und die «Gavots», studieren konnten. Und das Eigentümliche dieser Vereinigungen, die wie gesagt mehr westlichen Gegenden Europas angehören und in denen sich die neuere Zivilisation vorzugsweise im Westen gebildet hat, das Wesentliche dieser Vereinigungen ist, daß der Mensch sich mit seiner ganzen Seelenverfassung in einer solchen Gemeinschaft drinnen fühlt und daß auch die verschiedenen Erkennungszeichen, die Symbole, von denen ich Ihnen gesprochen habe, die Legenden, irgendeinen Bezug zum Berufsleben haben, wenngleich sie einen durchaus geistigen Hintergrund haben.

[ 2 ] So wie ich gestern Ihnen dieses Leben vor einem Jahrhundert für die westlichen europäischen Länder geschildert habe, wäre es unmöglich, das Leben zum Beispiel der mitteleuropäischen Gegenden zu schildern. Daher muß es begreiflich erscheinen, daß, als George Sand einen Roman schreiben wollte, in dem sie sich gewisse gesellschaftliche Probleme stellte, sie als Hintergrund diese Vergesellschaftungen wählte. Man kann durchaus sagen: Auch Goethe hat ja mit seinem «Wilhelm Meister» etwas Ähnliches angestrebt. Er wollte schildern, wie der Mensch mit der Menschheit und mit dem Geistes- und Berufsleben der Menschheit zusammenhängt, wie sich der einzelne Mensch aus der Menschheit heraus entwickelt. Goethe hat das versucht in seinem «Wilhelm Meister». Er würde ganz zweifellos, wenn das für ihn hätte eine Realität sein können, auch solche Handwerkerverbindungen zur Grundlage gewählt haben wie George Sand. Er hat es nicht getan, weil das in den Gegenden, denen Goethe mit seiner Bildung angehörte, einfach nicht möglich war.

[ 3 ] Das ist das Eigentümliche, daß in Mitteleuropa, seitdem überhaupt das an die Menschheit herangetreten ist, was ich Ihnen oftmals als den Intellektualismus bezeichnet habe, also seit dem 15. Jahrhundert, die menschlichen Probleme ganz anders aufgefaßt wurden als im Westen. Ich mußte Ihnen gestern schildern, wie der einzelne Handwerker seine Tour durch Frankreich macht, wie er in irgendeiner Stadt sich in eine solche, man könnte fast sagen, Geheimverbindung aufnehmen läßt, wie er da seine Erkennungszeichen bekommt, wie er, wenn er nun seine Gesellenwanderung antritt, in irgendeiner anderen Stadt einen ähnlichen Zweig seiner Vereinigung findet: er gibt sich zu erkennen, er wird innerhalb dieses Zweiges seiner Vereinigung aufgenommen. So war es, wie gesagt, durchaus noch 1823. Und diese Vereinigungen beeinflußten dann das Leben des entsprechenden Standes tief.

[ 4 ] So könnte man eben nicht für Mitteleuropa schildern. Für Mitteleuropa müßte man sagen, daß stets, seit dem Beginn dieser neueren Zeit, also seit dem 15. Jahrhundert, in den Menschen das Bestreben war, die Individualität, das menschliche Selbst zu pflegen. Es war kein so intensiver Zusammenhang zwischen dem einzelnen individuellen Menschen und seinem Berufe oder seiner Gesellschaftsklasse wie im Westen. Daher war es so, daß der Mensch seinen Beruf man möchte sagen: sine ira — in einer mehr äußerlichen Weise nahm. Er wuchs nicht so zusammen mit seinem Berufe, er verband nicht sein geistiges Leben mit seinem Berufe.

[ 5 ] Von den hauptsächlichsten Berufen her waren im Westen die Bezeichnungen genommen, waren die Symbole genommen. So etwas war in Mitteleuropa nicht der Fall. Es war vielmehr so, daß das geistige Leben mehr abgesondert wurde vom Beruf, auch mehr abgesondert wurde von der Klasse. Man steckte natürlich auch in einer Volksklasse drinnen, aber wenn man sich dem geistigen Leben zuwendete, so war dieses geistige Leben mehr herausgehoben, sowohl aus dem Berufe wie aus der Volksklasse. Daher lebte man mehr so, daß man sich ganz vom Berufsleben frei machte in seinen Gedanken, wenn man sich der Geistigkeit hingeben wollte. Und es wurden daher in Mitteleuropa diejenigen Zweige der Geistigkeit besonders gepflegt, welche nichts mit dem Berufsleben, nichts mit dem Klassenleben zu tun hatten.

[ 6 ] Das Verhältnis des Menschen zur Welt wurde aufgefaßt ohne Rücksicht auf die Nation, ohne Rücksicht auf irgendeinen nationalen Zusammenhang. Der Mensch als solcher stand da im Vordergrund. Und dann, wenn der einzelne, sagen wir, auch der Handwerker, sich einem geistigen Leben hingeben wollte, so tat er dies als einzelner Mensch. Er sarnin über die Aufgaben des Lebens mehr als einzelner Mensch. Er hatte im Beginne des 19. Jahrhunderts wenig mehr aus irgendwelchen gesellschaftlichen Verbindungen heraus von einem solchen geistigen Leben, wie ich es gestern geschildert habe. Daher entwickelten sich die geistigen Anregungen in Mitteleuropa auf eine ganz andere Art,

[ 7 ] Der einzelne Handwerker, der einen besonderen Drang hatte, der, wenn man den mehr süddeutschen Ausdruck gebraucht, ein Sinnierer wurde — es ist da das wunderschöne Wort Sinnierer vorhanden —, der also viel sann, der machte sich bekannt mit den Überresten dessen, was von der alten Alchimie geblieben war an Frkenntnissen, was also nichts mit irgendeiner Klasse, nichts mit irgendeiner Nationalität oder mit einem Berufe zu tun hat; er machte sich bekannt mit dem, was von der alten Astrologie zurückgeblieben war. Und was er so in sich aufnahm, das trug er wie einen seinen Mitmenschen wichtigen, wertvollen Schatz bei sich. Da wanderte er viel von Ort zu Ort. Es waren immer nur einzelne Menschen, man war nicht mit Erkennungszeichen, man war eben als Mensch gekommen. Da hatte man zunächst sonderbare Bezeichnungen für solch einen Menschen. Diese Bezeichnungen sind aufgekommen in der Zeit, wo es eben drunter und drüber gegangen war mit den Anschauungen aus alten Zeiten und den neueren Zeiten; und denjenigen, der sich abhob vom Volke, den nahm man zunächst nicht gleich ganz gerne auf. Solche Sinnierer galten als Sonderlinge. «Spornritter» nannte man sie, wenn sie so auftraten. Und ein solcher mußte sich erst dadurch, daß er nun den Leuten etwas zu sagen hatte, mit den Leuten zusammenkam, sein Ansehen verschaffen. Da sich nicht ständig gepflegte Verbindungen herausgebildet hatten, so mußte er bei den Leuten, mit denen er zusammenkam, die etwas wissen wollten von ihm, sich erst, wenn die Gelegenheit herbeigeführt wurde, sein Ansehen verschaffen. Und dadurch, daß er das geltend machte, was er sich ersinniert hatte, bekam er einen bestimmten Einfluß. Und lange vorher, bevor so einer kam, wurde schon in unbestimmter Weise gesprochen, daß einer kommen sollte.

[ 8 ] Nun, zunächst kam es den Leuten komisch vor, nachher aber, wenn er den Ort verließ, dann dachte man lange nach über das, was so ein Sinnierer gesagt hatte, so ein besonders Gescheiter, der so viel Wissen in seinem Kopfe drinnen hatte, daß man es gar nicht zu begreifen vermochte, daß ein Menschenkopf so groß sein könne, daß man das alles drinnen habe, was der in seinem Menschenkopf drinnen hatte.

[ 9 ] Also es war die ganze Art, wie das geistige Leben gehandhabt wurde in dem Menschenmäßigen, eben anders. Und daher mußte es auch kommen, daß in westlichen Ländern die Bildung viel populärer blieb, viel mehr ins Breite gehend blieb, denn sie hing zusammen mit dem Berufs- und Klassenleben. In Mitteleuropa dagegen trat eben allmählich dieser Abgrund auf zwischen den Gebildeten und der großen Masse, die nicht mehr mitkonnte. Nun, das hängt vielfach zusammen mit der tiefen Tragik des mitteleuropäischen Lebens, dieser Abgrund zwischen denen, die dann unter den Forderungen der neueren Zeit das, was von alter Weisheit geblieben war — sei sie alchimistisch, sei sie astrologisch —, zusammenfaßsten und von diesem Gesichtspunkte aus tiefer ins Menschenleben hineinschauten, und jenen, die nur bei den untergeordneten Bildungsbegriffen etwa eines religiösen Lebens stehenblieben.

[ 10 ] Diese Verhältnisse hatte Goethe vor sich. So daß Goethe in seinem «Wilhelm Meister» nicht so hätte schildern können wie etwa die George Sand in dem Roman «Le compagnon du tour de France». Goethe schilderte den einzelnen Menschen, die einzelne menschliche Individualität, ihr Verhältnis zu den oberen, ihr Verhältnis zu den unteren Welten. So ist uns in Frankreich gewissermaßen die Wirksamkeit des Astralischen in den Dévorants, die Wirksamkeit des Ich in den Gavots entgegengetreten, das wirkte hindurch durch die Einrichtungen. Innerhalb Mitteleuropas wurde gesucht, wie der Mensch auf der einen Seite mit dem Himmel, wie der Mensch auf der andern Seite mit der Erde zusammenhängt.

[ 11 ] In einer schönen Weise hat Goethe — aber, ich möchte sagen, sehr in die Bildungs-Sublimierung hineingeprägt, ins stark Abstrakte hineingetragen — dasjenige, was im Grunde genommen doch innerhalb Mitteleuropas an Menschenwissen und Menschenweisheit seit dem 15. Jahrhundert gelebt hat, hineingebracht in die beiden Gestalten, die in seinem «Wilhelm Meister» auftreten: in Makarie auf der einen Seite und in der Metallfühlerin auf der andern Seite.

[ 12 ] Da tritt diese merkwürdige Gestalt in Goethes «Wilhelm Meister» auf, Makarie, eine gereifte weibliche Persönlichkeit, die durch ihr kränkliches, krankhaftes Sein wenig mehr zusammenhängt mit dem irdischen Leben, die sozusagen sich ganz herausgehoben hat aus dem irdischen Leben, die kaum mehr viel sich bewegt innerhalb der irdischen Räumlichkeiten, die verehrt wird von allen, die um sie herum sind, von allen Familiengliedern im engeren, aber auch im weiteren Sinne, und die dadurch, daß sie unabhängig geworden ist von dem Irdischen, ein merkwürdiges kosmisches Leben entwickelt. Und dieses kosmische Leben, das Goethe so schildert, wie wenn Makarie mitlebte mit den Eigentümlichkeiten der Sterne, nicht mit den Eigentümlichkeiten der Erde, das führt dazu, daß sozusagen alle physische Weltenbetrachtung aus dem Geiste, aus der Seele Makariens verschwindet und sie ganz den kosmischen Gesetzmäßigkeiten hingegeben ist. Aber je mehr sie sich den kosmischen Gesetzmäßigkeiten hingibt, desto mehr hören die irdischen Naturgesetze auf, für sie eine Bedeutung zu haben, desto mehr verwandeln sich die Naturgesetze in kosmische Moralgesetze. Sie wird zur moralischen Autorität für alle, die sie kennenlernen. Und sie vertritt nicht eine Moralität, die auf Geboten beruht, nicht irgendeine Moralität, die von der oder jener Seite entlehnt ist, sondern sie vertritt eine Moralität, die dem Menschen, wenn er sich vom Irdischen frei macht, aber es noch hat, so erscheint, als ob sie von den Sternen selber in ihrem Gange geoffenbart würde. Und was auf diese Weise Makarie mit ihrer Sternenschau für ihre Umgebung verkündet, das interpretiert ihr Freund, der Astronom, der aber jetzt der Schüler der Seherin in den kosmischen Welten wird.

[ 13 ] Goethe hat nur in einer fein sublimierten Weise dasjenige, was Sie sich noch für das erste Drittel des 19. Jahrhunderts überall lebend vorzustellen haben, in einer höheren Gesellschaftsklasse dargestellt. Man muß sich zum Beispiel vorstellen, daß es in dieser Zeit immerhin noch, zerstreut allerdings, Familien gab, welche Familienmitglieder hatten, weibliche Familienmitglieder, die von einem bestimmten Alter an einfach nicht mehr fähig waren, sich auf der Erde zu bewegen, die bettlägerig wurden, deren Haut weiß und durchsichtig wurde, die durch die weiße, durchsichtig gewordene Haut interessant verlaufendes blaues Geäder bis an die Oberfläche ihres Leibes zeigten, die selten sprachen. Wenn sie aber sprachen, dann horchten alle, die in der Umgebung waren, sorgfältig auf das, was gesprochen wurde, denn dann erwiesen sich diese weiblichen Persönlichkeiten als solche Seherinnen, wie Goethe sie nur typisiert herausgehoben hat in seiner Makarie. Und man findet immerhin in dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts in Mitteleuropa überall Sagenkreise. Da wird erzählt: Dort und dort, in jenem Orte liegt eine solche Seherin; sie hat dieses oder jenes aus ihrer prophetischen Gabe heraus gesprochen. — Und solche Dinge wurden weit in den Gegenden herumgetragen. Und sie wurden mit jener Poesie herumgetragen, die möglich war in der menschheitlichen gesellschaftlichen Ordnung, als es noch keine Zeitungen gab, denn die Zeitungen haben ja im wesentlichen zur Vernichtung des Geisteslebens ein Ungeheures beigetragen.

[ 14 ] So läßt also Goethe in seiner Makarie eine solche Gestalt auftreten. Und nun steht an einer bestimmten Stelle der «Wanderjahre» dieser Makarie entgegen die Metallfühlerin. Ihr Freund ist Montanus. Die Metallfühlerin fühlt ebenso, was im Innern der Erde vorgeht, also, ich möchte sagen, ganz und gar das Geistige der irdischen Natur. Sie weiß von den Geheimnissen der Metalle der Erde zu sprechen, sie weiß davon zu sprechen, wie die einzelnen Metalle auf den Menschen wirken. Und Montanus interpretiert dieses, was bei der Metallfühlerin geschieht, ebenso, wie der Astronom dasjenige interpretiert, was durch Makarie geoffenbart wird.

[ 15 ] So hat Goethe in einer außerordentlich interessanten Weise der kosmischen Seherin gegenübergestellt diese Metallfühlerin, welche die Geheimnisse der Erde durch ihre besondere Organisation — wiederum eine etwas krankhafte Organisation — enthüllt. Goethe zeigt, daß er dasjenige, wodurch der Mensch tüchtig ist, wodurch der Mensch vor allen Dingen seine Taten auf der Erde ausführen kann, weder bei denen sucht, die nach der einen Seite im Kosmos leben, noch bei den anderen, die nach der andern Seite im Innern der Erde leben. Er sucht das, was den Menschen für das Erdenleben tüchtig macht, da, wo der Mensch von beiden Fähigkeiten in seinem Bewußtseinszustand nichts weiß, wo sie unbewußt hereinwirken, diese beiden Fähigkeiten, wo aber, wie im Waagebalken, ein Ausgleich zwischen beiden ist.

[ 16 ] Goethe weiß nicht, was da zugrunde liegt. Aber er fühlt selber aus dem Festhalten einer alten Bildung fühlt er es —, wie diese beiden Lebensextreme, Geistesextreme, aufeinander wirken und eigentlich den Menschen zum rechten Menschen machen, wenn sie nicht einseitig eines oder das andere wirken, sondern wenn sie beide mit ihrer Eigenart verschwinden, aber zusammenwirken und ein Gleichgewicht in der menschlichen Natur bewirken.

[ 17 ] Heute, wo wir vom Standpunkte der Anthroposophie aus sprechen können, können wir sagen: Da haben wir zunächst im Menschen den oberen Menschen, den Nerven-Sinnes-Menschen; da haben wir den mittleren Menschen, den rhythmischen Menschen, und da haben wir den unteren Menschen, den Stoffwechsel-Gliedmaßen-Menschen. Überwiegt beim Menschen der obere Mensch, gleicht er sich nicht mit dem unteren Menschen aus, dadurch daß gewissermaßen durch eine krankhafte Entwickelung, wie bei Makarie, der ganze Stoffwechsel-Gliedmaßen-Mensch in eine Art Erstarrung verfallen ist, in eine solche Erstarrung, die noch nicht das Leben nimmt, die aber den Menschen unfähig macht, in der irdischen Räumlichkeit sich zu bewegen, überwiegt also in einer solchen Persönlichkeit das Geschehen im Kopfe, dann wird der Mensch zum kosmischen Schauer, zum kosmischen Seher. Tritt wie bei der Metallfühlerin die Nerven-Sinnes-Organisation zurück und bildet sich besonders bedeutsam das Stoffwechsel-Gliedmaßen-System aus, dann lebt der Mensch vorzugsweise mit dem Irdischen, dann lebt er mit den Kräften, mit den Wirksamkeiten der Metalle der Erde, der Mineralien der Erde. Und im mittleren Menschen ist der Ausgleich.

[ 18 ] So wollte Goethe eigentlich an dieser Stelle seines sozialen Romanes «Wilhelm Meisters Wanderjahre» andeuten, wie nach dem Menschlichen gesucht wurde in Mitteleuropa, wie der Mensch auf der einen Seite nach dem Kosmos, auf der andern Seite nach dem Irdischen gegliedert wurde und wie das rechte Menschentum in dem Ausgleich zwischen beiden besteht.

[ 19 ] Über diesen Ausgleich zwischen Astrologie nach oben, Alchimie nach unten wurde viel, viel gesonnen. Und wenn einzelne solche Gestalten herausragen, wie der Paracelsus, wie der Faust, die von Ort zu Ort gezogen sind, um die Leute zu überraschen mit dem, was sie als Sinnierer wußten von diesen Geheimnissen, so daß die Leute aufhorchten auf das, was der Mensch über den Menschen wissen kann, wenn einzelne solche bedeutsame Persönlichkeiten heraustraten, so waren diese aber nicht die einzigen. Kleine Paracelsusse, kleine Fauste gab es überall, die nur nicht so weit wanderten, die ein kleineres Territorium hatten. Und was heute wiederum in den Geheimnissen der Wünschelrute erkundet wird, das war etwas, was dazumal durchaus gang und gäbe war. Da kam, nicht nur einmal, so etwas vor wie das Folgende.

[ 20 ] Es kam solch ein Sinnierer in irgendeinen Ort und imponierte da den Leuten durch das, was er zu sagen hatte über die obere und die untere Welt. Und wenn er dann den Leuten mächtig imponiert hatte, wenn sie anfingen, an seine Autorität unbedingt zu glauben, dann sagten sie zuletzt: Aber Meister, jetzt mußt du noch irgend etwas tun, was für uns wichtig ist. Weißt du, wir brauchen einen Brunnen, und du mußt uns sagen, wo der Brunnen gebaut werden soll. — Da ging derjenige, der so als Sinnierer in die Orte gekommen war, mit den Leuten herum in der Gegend, und an manchen Orten blieb er stehen, ging wieder weiter, blieb wieder stehen, aber dann blieb er endlich an einem Orte stehen, wo er sagte: Da ist’s! Da haben wir’s! — Da wurde der Brunnen gebaut.

[ 21 ] Diese Dinge verzeichnet eben die Geschichte nicht, diese Dinge reichen bis in das erste Drittel des 19. Jahrhunderts herein, wenn sie da auch immer spärlicher und spärlicher wurden. Aber diese Dinge sind real. Und das ist eben etwas, was gerade in den unteren Schichten des Volkes besonders gepflegt worden ist, was sozusagen hier das geistige Leben ausmachte. Das geistige Leben lag durchaus in diesen Dingen, weil man den innersten Drang hatte, das Menschliche als solches, ich möchte sagen, nicht nur symbolistisch, sondern sogar kosmisch zu fassen. Man frug hier weniger: Wie hängt der Mensch durch seine Klasse, durch seinen Beruf nach außen zusammen? Das machte man selbst geltend in den Zeiten des Zunftwesens, wenn man äußerlich mit den Abzeichen auftreten wollte, wenn man Aufzüge machen wollte und dergleichen, aber das hatte ja eigentlich nicht jene tiefe geistige Bedeutung wie im Westen. Dagegen hatte dieses von dem Äußeren abgezogene Leben hier seine große geistige Bedeutung.

[ 22 ] Ich möchte sagen: Im Westen war man darauf aus, die Menschheit in den äußeren Kräften des Zusammenlebens seelisch aufzufassen. In Mitteleuropa war es der Mensch innerhalb seiner Haut, der auch das, was er gesellschaftlich erlebte, als Mensch erleben wollte. Das ist dasjenige, was das mitteleuropäische Geistesleben in eine gewisse Höhe getrieben hat, so daß es nicht populär werden konnte wie im Westen. Und das ist es auch, was zu gleicher Zeit die tiefe geistige Tragik Mitteleuropas hervorgerufen hat. Und wir leben schon heute in einer Zeit, in der diese Dinge in weitesten Kreisen bewußt werden sollten, in der man aufwachen sollte in weitesten Kreisen über diese Dinge. Denn es ist Ja nur dann zu hoffen, daß unsere chaotisch gewordene Zivilisation wiederum neue Anstöße erhalten kann, daß ihr wieder neue Lebenskräfte zugeführt werden können, wenn man in dieser Weise den wirklichen Zusammenhang mit dem geschichtlichen Leben erfassen kann.

[ 23 ] Man stieg schon in Mitteleuropa bis zur Erde herunter. Das zeigt insbesondere Goethe, der eben den Ausgleich haben wollte zwischen dem oberen und dem unteren Menschen, der die beiden Extreme, die Metallfühlerin und die kosmische Seherin, einander gegenüberstellte. Man wollte den Menschen als tätigen Menschen auf die Erde hereinstellen; aber man wollte hinaufschauen in die Region des Kosmischen auf der einen Seite, man wollte hinunterschauen in die Region des Irdischen, des Tellurischen auf der andern Seite, um den Menschen als einen Erdenbürger zu erkennen. Das sind die Differenzierungen, welche die moderne Zivilisation aus ihren Untergründen mit heraufgebracht haben.

[ 24 ] Daher konnte zum Beispiel auch so etwas wie Schillers «Ästhetische Briefe», über die ich öfter gesprochen habe, wo eigentlich der Mensch ganz nur als Mensch dasteht, losgelöst von jeder Nationalität, wo er nur als Mensch erfaßt werden soll, nur in Mitteleuropa geschrieben werden. Und im Grunde genommen war es selbstverständlich, daß ein Teil des Sinnens — wenn auch dafür nicht Goethe und auch nicht die Folgezeit die Lösungen gefunden hat — darinnen bestand, wie man die Menschen dazu bringen kann, daß eben alle Menschen dieses allgemein Menschliche in der modernen Weise wieder verstehen können.

[ 25 ] Daher bildet bei Goethe einen großen Teil seines «Wilhelm Meister»-Romanes die sogenannte pädagogische Provinz. Die Erziehung des Menschen wird zum Problem: Ein Problem, für das die Zeit damals noch nicht gekommen war, für das die Zeit erst heute da ist, wo man nach anthroposophischer Menschenerkenntnis suchen kann.

[ 26 ] Man war im Westen, ich möchte sagen, schon über die menschliche Haut herausgegangen. Man suchte tastend: Wie verbindet man sich mit dem andern Menschen? Wie gibt man sich dem andern Menschen zu erkennen? Wie ergreift man seine Hand? Wie hat man zu sprechen, daß er einen erkennt? — Zeichen, Griff und Wort, wie sie dann in einer etwas luxuriösen Weise in den Freimaurer-Gesellschaften aufgetreten sind, das ist etwas, was im Westen gewirkt hat als etwas lebenskräftig Tätiges bis zum Ende des ersten Drittels des 19. Jahrhunderts. In Mitteleuropa hatte man nicht so viel Sinn für solche besondere Symbolik, aber man hatte viel Sinn dafür, hinter das Rätsel des Menschen im allgemeinen zu kommen.

[ 27 ] Interessant ist es nun, damit Osteuropa zu vergleichen. Da kam der Mensch — nicht nur bis zum Ende des ersten Drittels des 19. Jahrhunderts, sondern bis in eine viel spätere Zeit — von seinem Inneren aus, ich möchte sagen, nicht bis zu seiner Haut. Er blieb in einem gewissen Sinne in einer Seelenverfassung, die ihn nicht ganz heraushob aus dem Göttlichen, nicht vorschob bis zum Menschen. Daher möchte ich sagen: Während im Westen die Gesinnung aufgekommen ist, die Welt ist Welt — höchstens muß man über soziale Utopien nachdenken —, die Welt ist Welt, man muß in ihr leben, man muß soziale Einrichtungen haben, um in ihr zu leben, oder muß diejenigen, die schon da sind, so ansehen, als ob sie ganz herrlich wären, um in ihnen zu leben — während es so war im Westen, war es in Mitteleuropa so, daß man eigentlich verlangte: Der Mensch muß erst Mensch werden, er muß erst sich durcharbeiten zum Menschtum, dann findet er die Erde. — Im Osten war man überzeugt: Beide Ideale sind eigentlich falsch. Schon wenn der Mensch daran denkt, sich zum Menschen durchzuarbeiten, so ist er auf dem Holzweg, denn er verläßt eigentlich damit das Paradies. Und es sollte der Mensch das Stück Erde, auf dem er wohnt, immer als ein Paradies ansehen können, sonst wird das Leben unmöglich. Man muß mehr auf dasjenige zurückgehen, was unbewußt im Menschen drinnen ist, und nicht zu stark ins Leben herausgehen.

[ 28 ] Aus diesem Grunde ist es, daß im Osten Europas zwar eine gewisse Toleranz gegen den Westen und gegen Mitteleuropa immer vorhanden war, aus einer gewissen Gutmütigkeit, auch aus Menschenliebe heraus, daß aber dennoch die Gegenden, in denen man entweder ganz mit dem äußeren Menschentum wie im Westen oder mit der einzelnen menschlichen Individualität wie in Mitteleuropa rechnete, gewissermaßen wie ein Abfall von dem göttlichen Menschen angesehen wurden. Und als dann — man kann es für Rußland zum Beispiel durchaus so sagen — die Tendenz auftrat im Osten, sich Anschauungen zu verschaffen über das Westliche, da sehen wir eben, weil der Mensch nicht aus sich heraus will, wie zwar bei den Besten gerade eine Toleranz vorhanden ist, eine Tolerierung, aber kein inneres Eingehen auf die übrige Welt. Der Russe dringt, wenn er ein richtiger Russe ist, nicht bis an seine Haut heran; er bleibt tiefer drinnen in sich stecken. Es ist schon viel zu irdisch, bis zu seiner Haut vorzudringen, man muß mehr im Innern bleiben.

[ 29 ] Sehen Sie, das war eine Seelenstimmung, die noch bei Dostojewskij im höchsten Grade auftrat. Und da ist es immerhin interessant, zu hören, was Dostojewskij, also einer derjenigen, die vor allen Dingen repräsentativ sind für das östliche europäische Leben, den Leuten des Westens sagt.

[ 30 ] In der neuesten Nummer der Zeitschrift «Wissen und Leben», die jetzt herausgekommen ist, wo Briefe abgedruckt sind, die Dostojewskij an Apollon Maikow 1868 geschrieben hat, können Sie es lesen. Aber eben, solche Briefe könnten geschrieben sein, wenn dazumal das Reisen schon so üblich gewesen wäre, auch im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts.

[ 31 ] Eine Anzahl von hier Sitzenden muß ich vielleicht um Entschuldigung bitten, daß ich einige Stellen aus dem Briefe Dostojewskijs vorlese, aber es sagt es ja Dostojewskij, nicht ich, und ich bin natürlich weit entfernt, damit etwas anderes sagen zu wollen, als Dostojewskij sprechen zu lassen. Dostojewskij fühlt sich also nach Genf verschlagen; und die Genfer Westmenschen und jene, die in der Nähe wohnen, müssen es schon entschuldigen, wenn ich also nur als Charakteristik einige Stellen aus einem Briefe von Dostojewskij von 1868 zur Verlesung bringe.

[ 32 ] «Am meisten hatten wir in Genf unter den materiellen Unannehmlichkeiten und unter der Kälte zu leiden. Wenn Sie nur wüßten, wie dumm, stumpfsinnig, unbedeutend und wild dieses Volk ist! Es genügt nicht, als Tourist das Land zu besuchen. Nein, versuchen Sie einmal hier zu leben! Aber ich kann Ihnen jetzt meine Eindrücke selbst kurz nicht wiedergeben; es haben sich gar zu viele angesammelt. Das bourgeoise Leben in dieser Republik ist nec plus ultra entwickelt. In der Regierung und in der ganzen Schweiz — nichts als Parteien, ununterbrochene Streitigkeiten, Pauperismus, eine erschreckende Mittelmäßigkeit in allem; der hiesige Arbeiter ist nicht den kleinen Finger des unseren wert: es ist lächerlich, ihn anzuschauen und ihm zuzuhören. Die Sitten sind wild; ach, wenn Sie wüßten, was man hier für gut und was für schlecht hält. Niedrige Bildung: welch eine Trunksucht, welche Diebereien, welch ein kleinlicher Schwindel, der im Handel zum Gesetz geworden ist. Es gibt übrigens auch einige gute Züge, die sie unermeßlich hoch über die Deutschen stellen.»

[ 33 ] Jetzt muß ich wieder nach der andern Seite um Entschuldigung bitten!

[ 34 ] «In Deutschland mußte ich am meisten über die Dummheit des Volkes staunen; sie sind maßlos dumm, sie sind inkommensurabel dumm. Bei uns will selbst Nikolai Nikolajewitsch Strachow, ein Mann von hohem Verstande, die Wahrheit nicht einsehen, er sagte: «Die Deutschen sind klug, sie haben das Pulver erfunden.» Aber ihr Leben hat sich eben so gefügt!»

[ 35 ] Also, daß sie das Pulver erfunden haben, rechnet er ihnen nicht als etwas an, was ihre inkommensurable Dummheit etwas mindern würde. Nun:

[ 36 ] «... In der Schweiz gibt es noch genug Wald, in den Bergen ist unvergleichlich mehr davon geblieben als in den andern Ländern Europas, obwohl er von Jahr zu Jahr entsetzlich abnimmt. Nun stellen Sie sich vor: Fünf Monate im Jahre herrscht hier eine schreckliche Kälte und dazu die Bisen. Und drei Monate ist hier fast der gleiche Winter wie bei uns. Alle zittern vor Kälte, legen Flanell und Watte niemals ab (dabei gibt es bei ihnen gar keine Dampfbäder, Sie können sich also den Schmutz vorstellen, an den sie gewohnt sind), Winterkleider haben sie nicht, laufen fast in den gleichen Kleidern herum wie im Sommer (Flanell allein ist aber zu wenig für einen solchen Winter), und dabei fehlt es ihnen an Verstand, um ihre Wohnungen auch nur ein wenig zu verbessern! Was kann ein Kamin mit Kohle oder Holz ausrichten, selbst wenn man den ganzen Tag heizt? Den ganzen Tag heizen kostet aber 2 Franken täglich. So viel Wald wird dabei unnütz vernichtet, Wärme hat man aber nicht. Was glauben Sie? wenn sie bloß Doppelfenster hätten, könnte man auch mit den Kaminen leben! Ich sage gar nicht, daß man Öfen einbauen sollte. Dann könnte man den ganzen Wald retten. In 25 Jahren bleibt gar kein Wald mehr übrig. Sie leben wirklich wie die Wilden! Dafür können sie auch was vertragen. In meinem Zimmer sind beim fürchterlichen Heizen nur +5 Grad R&aumur (5 Grad Wärme). Ich saß bei dieser Kälte im Mantel, wartete auf Geld, versetzte die Sachen und überlegte mir den Plan zu einem Roman — ist das schön? Man sagt, in Florenz hätte es in diesem Jahre bis -10 Grad gegeben. In Montpellier gab es 15 Grad Reaumur Kälte. Bei uns in Genf sank die Temperatur nicht unter -8 Grad, aber es ist ganz gleich, wenn das Wasser in den Zimmern einfriert. Neulich habe ich die Wohnung gewechselt und habe jetzt schöne Zimmer; das eine ist ständig kalt, das andere aber warm, und in diesem warmen Zimmer habe ich immer +10 oder +11 Grad Wärme, also kann man noch leben.» Und so weiter und so weiter.

[ 37 ] Sie sehen also: Sehr gut kommen die Mittel- und Westeuropäer in dieser Schilderung eines der allerhervorragendsten Russen nicht gerade weg. Und das muß eben darauf zurückgeführt werden, daß ein Herausgehen auch nur bis zu der Haut des Menschen da nicht vorhanden ist. Da ist noch durchaus das In-sich-Geschlossensein, und daher das Sich-nicht-Angleichen an die Umgebung, sondern das, ich möchte sagen, Fordern, daß alles so ist, wie man selbst ist.

[ 38 ] Wie gesagt, es ist ja auch von einem gewissen zeitgeschichtlichen Standpunkte aus ganz interessant, diese eben veröffentlichte Briefstelle einmal sich vor die Seele zu führen. Deshalb habe ich eben diese gewählt und nicht etwa solche aus dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts bei dieser Jahrhundertbetrachtung. Denn in Rußland sind die Dinge in einer solchen Klarheit eigentlich erst später herausgekommen; sie haben aber immer gewebt und gelebt, sind immer da. Und man charakterisiert auch die Zeit vor einem Jahrhundert, wenn man diese Aussagen über eine schon etwas veränderte Zeit ins Auge faßt. Ja selbst Dinge, über die man wahrscheinlich recht erstaunt sein kann im Westen, die finden sich da. Wenn Sie westliche oder mitteleuropäische Schilderungen nehmen, dann wird Ihnen die folgende Briefstelle, die nun aus derselben Zeit — 1. März 1868 — ist, interessant sein. Sie werden gerade daraus sehen, daß man die Dinge der Welt von verschiedenen Standpunkten aus ansehen kann.

[ 39 ] «Über unsere Gerichte habe ich mir (nach allem, was ich gelesen) folgende Meinung gebildet: Das moralische Wesen unseres Richters» — nämlich die Richter in Rußland — «und, vor allem, unseres Geschworenen ist unendlich höher als in Europa; sie betrachten die Verbrecher wie Christen. Selbst die im Auslande lebenden russischen Verräter geben es zu. Aber eines scheint noch nicht gefestigt: ich glaube, daß in diesem humanen Verhältnis zu den Verbrechern noch viel aus Büchern Geschöpftes, Liberales, Unselbständiges steckt. Das kommt zuweilen vor. Übrigens kann ich mich aus der Entfernung furchtbar irren. Aber unser Grundwesen ist in dieser Beziehung unendlich höher als das europäische.» Und so weiter.

[ 40 ] Sie sehen also, es ist auch die Anschauung über die Gerichte hier von einem andern Standpunkt gegeben, als Sie sie in Westeuropa oftmals gegeben hören.

[ 41 ] Ich möchte, daß aus der gestrigen und heutigen Betrachtung doch zweierlei hervorgeht: Erstens, daß es ein Unding ist zu glauben, daß selbst an für ein Jahrhundert zurückliegende Lebensverhältnisse der heutige Maßstab irgendwie angelegt werden darf, sondern man muß tatsächlich liebevoll auf die vergangenen Verhältnisse eingehen, wenn man zu einem gültigen, zu einem mit der Realität rechnenden Urteil kommen will. Aber auch bei denjenigen Menschen, die gleichzeitig leben, handelt es sich darum, daß man sich eine gewisse Weitherzigkeit des Urteils aneignet. Das ist es, was wir heute finden müssen. Wir müssen die Möglichkeit finden, von diesen nationalen Standpunkten abzusehen, um tatsächlich einen Standpunkt des Erdenbürgers zu finden.

[ 42 ] Dann ist es aber so, daß dies vor allen Dingen nur von einer tieferen Menschenerkenntnis aus kommen kann. Diese tiefere Menschenerkenntnis, zu der konnte eben die Welt nicht vordringen, solange die Welt nicht Anthroposophie gesucht hat. Und man möchte sagen: Läßt man sich gerade richtig ein auf das, was vor einem Jahrhundert in Europa vorhanden war, so sieht man, es ist das Sehnen nach einer Menschenerkenntnis. Aber mit dem, was dazumal über die Natur gewußt worden ist, konnte man noch nicht im modernen Sinne zu einer Menschenerkenntnis kommen. Dann hat die äußere Naturwissenschaft alles überflutet in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Und jetzt müssen wir das, wonach man sich vor hundert Jahren sehnte, wonach die Besten in Europa sich sehnten, was nur eine Zeitlang überflutet war, jetzt müssen wir das mit einer höheren Geist-Erkenntnis wiederum suchen.

[ 43 ] Das wird einzig und allein der Menschheit die Kraft liefern, die zu einem Aufstiege der Kultur gegenüber dem Verfall irgendwie führen kann. Es ist trostlos, daß so wenig Geschichte und so wenig Geographie in dem gestern erwähnten Sinne gepflegt wird, daß die Dinge solch äußerliche Gestalt angenommen haben. Da handelt es sich darum, wirklich den Geist in der Geschichte zu suchen, in der Geschichte und über die Erde hin in geographischem Sinne. Gerade Geschichte und Geographie müssen in geistiger Weise eine Metamorphose erfahren. Das ist nötig.

[ 44 ] Das ist dasjenige, was die Goethesche pädagogische Provinz in «Wilhelm Meister» auch noch nicht hatte, wonach aber die Sehnsucht lebt in den Gestalten, die dort auftreten. Und vieles eben von diesen Sehnsuchten der damaligen Zeit muß heute in die Zivilisation hereinbrechen. Die Menschen müssen aufwachen in bezug auf das, wovon dazumal mit einer besonderen Sehnsucht geträumt worden ist, damit die Träume von dazumal durch die Kraft einer geistigen Erkenntnis jetzt Wirklichkeit werden können. Denn diese Wirklichkeit braucht die Menschen für ihre Zivilisation.