Initiations-Erkenntnis
GA 227
31 August 1923, Penmaenmawr
Abschiedsansprache
Meine sehr verehrten Anwesenden!
[ 1 ] Nach den ergreifenden Worten, die eben gesprochen worden sind, lassen Sie mich noch einige Begrüßungs- und Dankesworte am Ende dieser Summer School-Unternehmung sprechen.
[ 2 ] Wenn ich zurückblicke auf diese Zeit in Penmaenmawr, so kann ich sagen, daß ich in ihr eine Zeit tiefgehender Befriedigung erblikken muß. Es war gerade diese Summer School dasjenige, was Gelegenheit geboten hat, die Anthroposophie hier in England in einem ausgedehnteren Maße und durch längere Zeit für sich ganz als Anthroposophie zur Geltung zu bringen. Und das ist es vor allen Dingen, was mich mit einer tiefen Befriedigung erfüllt.
[ 3 ] Wir dürfen ja gerade auf unserem anthroposophischen Boden Ideen, von denen ein Unternehmen ausgeht, nicht allzu sehr unterschätzen. Die Idee, aus welcher diese Summer School entsprungen ist, entwickelte mir Mr. Dunlop, als ich ihn während seiner Krankheit besuchte - er erwähnte das schon bei meiner letzten Londoner Anwesenheit. Er war dazumal ganz erfüllt von dem Gedanken, in das Verschiedene, was ja in so anerkennenswerter Weise für die Anthroposophie geleistet worden ist, etwas hineinzustellen, das ganz das Zentrale der anthroposophischen Bewegung als solcher vor die Welt hinstellen soll. Und er äußerte mir dazumal, daß es seine besondere Idee sei, in einer solchen Summer School dasjenige vor die Welt hinzustellen, was Anthroposophie in ihrem Inhalte durch das Wort geben kann, und auch das, was aus ihr hervorgegangen ist durch die Eurythmie. Und er äußerte noch eine dritte Idee, deren Realisierung selbstverständlich nicht gleich möglich war, weil sie für die äußere Realisierung im ersten Anhub zu groß war. Aber es ist uns doch die Befriedigung geworden, das Mittelpunkts-Anthroposophische, dasjenige, was als Anthroposophie für sich auftritt, und das, was aus der Anthroposophie, ich möchte sagen, so innig hervorgewachsen ist —- die Eurythmie -, das gerade in Penmaenmawr zu realisieren und auch für sich zur Geltung zu bringen.
[ 4 ] Das soll nicht etwa darauf hinweisen, daß die Geltendmachung der einzelnen Strömungen, die sonst aus der Anthroposophie herauswachsen, unterschätzt werden sollen. Aber, meine sehr verehrten Anwesenden, derjenige, der die Zusammenhänge der menschlichen Seele, und namentlich die Zusammenhänge, die sich ergeben zwischen einer solchen Bewegung, wie sie die anthroposophische ist, und dem, was in der Welt aus ihr hervorgehen kann, tiefer prüfen kann, für den ist es klar, daß diese anderen Strömungen nur entsprechend in der Welt wirken können, wenn das ZentralAnthroposophische wirklich zur Geltung kommt.
[ 5 ] Glauben Sie es mir, meine sehr verehrten Anwesenden, die pädagogische Bewegung auf allen Gebieten liegt mir wirklich tief, tief am Herzen. Aber nimmermehr, vielleicht gerade deshalb, weil sie mir so am Herzen liegt, nimmermehr könnte ich jemanden die Versicherung geben, daß mit innerer Wahrheit diese pädagogische Bewegung, wie sie aus der Anthroposophie herausgewachsen ist, von selbst voll verstanden werden könnte, geschweige denn, daß dadurch, daß man zunächst ein Publikum gewänne für dasjenige, was als Pädagogik, als Erziehungswesen herausgewachsen ist aus Anthroposophie, daß das etwa zur Anthroposophie hinführen könnte.
[ 6 ] Das Umgekehrte in wahrstem Sinne des Wortes wird das Richtige sein müssen: daß gerade durch die Anthroposophie selber, durch die Pflege der Anthroposophie in ihrem zentralsten Gebiete auch das wirkliche Verständnis für dasjenige kommt, was aus der Anthroposophie herausgewachsen ist, namentlich die für die Welt so wichtige pädagogische Bewegung. Deshalb sprach mir dazumal Mr. Dunlop so außerordentlich aus dem Herzen, als er sagte, man müsse vor der Pflege der Dependance-Bewegungen vor allen Dingen dasjenige hinstellen, was doch die Quelle von allem sein müsse: die Anthroposophie. Trotzdem wäre es mir am liebsten, für die Anthroposophie alle acht Tage einen anderen Namen zu haben, damit nicht das Publikum am Namen klebt,.statt nach der Sache zu fragen. Aber das geht ja nicht wegen der Briefbogen und wegen anderen Arrangement-Schwierigkeiten. Und gerade wenn ich mich jenes Gespräches erinnere, so muss ich sagen: Wer so in der geisteswissenschaftlichen Bewegung drinnensteht, wie ich selber drinnenstehe, der kann dasjenige, was er imstande ist zu geben, dann geben, wenn er es in keiner Weise der Welt aufzudrängen braucht, wenn er es sozusagen deshalb geben darf, weil man es von ihm verlangt, weil man es von ihm in der rechten Weise verlangt.
[ 7 ] Eigentlich sollte dieses Gesetz viel mehr erkannt werden, daß wirkliche okkulte Geisteswissenschaft nur gegeben werden kann, wenn man sie verlangt, wenn man sie in der rechten Weise verlangt. Und sie ist dazumal in der rechten Weise verlangt worden.
[ 8 ] Und so darf ich sagen: Meine Meinung ist, daß gerade von dieser Summer School in Penmaenmawr eine ungeheure Befruchtung ausgehen kann auf die ganze anthroposophische Bewegung und ihre Verzweigungen in England. Deshalb darf mit einer solchen Befriedigung auf die Zeit, die wir hier in Penmaenmawr verbringen durften, hingesehen werden. Und ich spreche schon Frau Doktor Steiners und meinen Dank aus tiefst bewegtem Herzen Mr. Dunlop und denjenigen aus, die mit ihm dafür gewirkt haben, daß es einmal möglich war, gerade das Zentrale der Anthroposophie und die aus ihr herausgewachsene Eurythmie auch für sich vor einen so lieben Zuhörerkreis hinzustellen, wie derjenige es ist, der gerade hier vorhanden war. Und nicht minder dankbar sind wir diesem Zuhörerkreis - ich spreche auch da wohl im Namen von Frau Dr. Steiner — für seine die Sache so tragende Aufmerksamkeit. Es ist von einer außerordentlichen Bedeutung, wenn man auf der einen Seite über dasjenige sprechen kann, was man versucht herauszuschöpfen aus den Quellen geisteswissenschaftlichen Erkennens, denn es ist gegenwärtig ja das, was eigentlich dem Menschen am tiefsten zum Herzen und zur Seele sprechen soll. Wir leben aber auf der anderen Seite in einer Zeit, in der wirklich aus allen möglichen Symptomen gesehen werden kann, wie notwendig es die neuere Zivilisation hat, einen spirituellen Einschlag zu bekommen, wie wenig dasjenige, was aus alten Zeiten herübergekommen ist, geeignet ist, die Zivilisation in fruchtbarer Weise fortzubewegen. Sie würde zurückgehen, wenn sie nicht einen neuen spirituellen Anstoß erlangen könnte. Und da darf schon gesagt werden: Wenn sich die Möglichkeit ergibt, aus einem solchen Zusammenhange heraus, wie er hier ausgesprochen worden ist, gerade auf das auch hinzuweisen, was die Zeit notwendig hat, so erfüllt mich das mit tiefster Befriedigung.
[ 9 ] Ich mußte heute morgen zum Beispiel darauf aufmerksam machen, wie der Zivilisation selber eine Art okkulter Gefangenschaft droht, und mehr als man meint, ist gerade das gesamte Geistesleben in unserer Zeit vor der Gefahr dieser okkulten Gefangenschaft. Wir können überall auf diese Gefahr hinweisen. Ich erwähnte heute morgen die Rede, die vor kurzem in England in einer sehr bedeutsamen Versammlung Oliver Lodge gehalten hat. Ich erwähnte, wie man gerade aus dieser Rede sehen kann, wie Sehnsuchten selbst in der abstraktesten Wissenschaft vorhanden sind, Sehnsuchten, die zwar im Unterbewußten bleiben, die aber, wenn sie richtig verstanden werden und aus richtiger Gesinnung heraus kommen, hinführen zu dem, was - in aller Bescheidenheit sei das gesagt — Geisteswissenschaft doch wirklich zu geben vermag. Und wenn wir solche Dinge verfolgen, dann können wir überall sehen, welches das Wort der Geisteswissenschaft in einem solchen Falle sein muß.
[ 10 ] Sehen Sie, es ist ja eine bedeutsame Erscheinung, daß gerade aus der Denkweise und Gesinnung, die voll wurzelt in der alleroffiziellsten modernen Wissenschaft, herausgewachsen ist das bemerkenswerte Buch, das Oliver Lodge geschrieben hat über die Seele seines Sohnes nach dessen Tode unter dem Titel «Raymond or Life and Death». Ich brauche ja das Faktum nur zu erwähnen, es wird hier bekannt sein. Es handelte sich darum, daß der im Kriege gestorbene Sohn Oliver Lodges durch mediale Vermittelung sich kundgeben und Dinge sagen konnte, die dem schmerzlich bewegten Vater tief zur Seele gingen.
[ 11 ] Als die Broschüre des ausgezeichneten Mannes, Oliver Lodge, über Raymond Lodge herauskam, da war die Welt erstaunt; denn mit einer ungeheuren Gelehrsamkeit, die wirklich herausgenommen war aus dem gewissenhaftesten, exaktesten, modernen Denken, war in derselben von Oliver Lodge hingewiesen auf die geistige, auf die spirituelle Welt. Ein ungeheures Material war zusammengetragen, um zu zeigen, wie auf diese mediale Weise man wirklich hineinkommen kann in das geistige Leben der Welt durch eine der modernen Naturwissenschaft ähnliche Art und Methode. Besonders frappierend war ja der Welt der Umstand, daß durch mediale Vermittelung gesprochen werden konnte über eine Fotografie, die angefertigt war auf dem Kriegsschauplatz in Frankreich von Raymond Lodge und seinen Kollegen. Es waren hintereinander zwei Aufnahmen gemacht worden von Raymond Lodge und seinen Kriegskameraden; und wie es der Fotograf bei der zweiten Aufnahme oftmals macht, er läßt das Gesicht etwas anders wenden, höher heben und so weiter. Diese Fotografien waren so, daß man in England davon nichts wissen konnte, denn als man davon hörte, war Raymond schon gestorben.
[ 12 ] Durch mediale Vermittelung sprach, wie Oliver Lodge mitteilt, die Seele des Raymond Lodge zu ihm und den anderen Familienangehörigen, er sprach von diesen Fotografien, die niemand hier in England gesehen hatte; drei Wochen später erst kamen sie hier an. Es hat sich alles bewahrheitet über die geringste Änderung der Sitzung und Haltung. Was kann frappierender sein als dieses! Was kann frappierender sein, als daß auf medialem Wege etwas beschrieben wird unter der Angabe, daß es die Seele des Verstorbenen ist, die etwas beschreibt, was in England noch nicht bekannt war und erst später ankommt. |
[ 13 ] Dennoch schlich sich gerade in diesem Punkte ein furchtbarer Irrtum ein. Jeder, der auf diesem Gebiete bewandert ist, weiß, daß es unter Umständen durchaus Möglichkeiten gibt von Vorgesichten. Dasjenige, was der damals mit dem Medium versammelte Kreis sah, indem er die Augen richtete auf die Bilder, die erst später in England ankamen, das konnte von der medialen Person vorhergesehen werden, ohne daß dabei die Seele des Verstorbenen nur irgend in Betracht kam - ein Vorgesicht, allerdings ein außerordentlich zartes, intimes, aber ein Vorgesicht. Man muß wirklich nicht bloß moderner Wissenschafter sein, wenn man in der richtigen Weise kritisch sein will gegen die Offenbarungen der geistigen Welt. Alles, was auf diesem Gebiete kommt, selbst diese ausgezeichnete, ernste, exakte Arbeit von Oliver Lodge, führt eher vom wirklichen Ergreifen der geistigen Welt ab als zu ihr hin. Die heute aus den Naturwissenschaften genommenen Gewohnheiten des Denkens und Forschens sind so, daß man, auch wenn man das Geistige erforscht, so vorgehen will, wie man im Laboratorium gewohnt ist vorzugehen, daß man jeden Schritt an der Hand von Materiellem machen will. Aber diese Weise führt nicht ins Geistige hinein. Ins Geistige führen nur rein geistige Wege hinein, wie sie hier geschildert worden sind. Und derjenige Mensch, der glaubt, auf einem solchen medialen Wege ins Geistige hineinzukommen, der kommt auch hinein, aber in jenes Geistige, das sich auf dem physischen Plan, in der physischen Welt abspielt. Denn es war ein Vorgesicht von zwei Dingen, die sich in der physischen Welt abspielten; was beschrieben worden ist, ist nur scheinbar etwas, was von der geistigen Welt herunter projiziert ist. Gewiß, überall ist die physische Welt ausgefüllt mit Geistigem, aber man irrt sich über die Beziehung der irdischen Welt zur überirdischen Welt, wenn man nicht die Möglichkeit hat, in das wirkliche, wahrhaftige geistige Forschen hinzulenken. Und so ist dasjenige, was ich heute morgen erwähnt habe: Dieses nur aus naturwissenschaftlichen Gedanken, wie sie heute üblich sind, Herausschöpfenwollen und nur das gestatten wollen, was aus naturwissenschaftlichen Gedanken kommt, das ist dasjenige, was die Mauern der okkulten Gefangenschaft bringt. Und in diesen okkulten Gefängnissen drinnen macht man dann Versuche, die in Wahrheit ganz fehl gehen; denn sie stellen nicht das Wahre dar, sie stellen furchtbare Irrtümer dar, die von den Wahrheiten eher weiter ab führen; insbesondere dann ab führen, wenn so stark die Herzen daran beteiligt sind wie in diesem Falle bei dem, was in dem Buch über Raymond Lodge steht. Und wir müssen, weil ja in dem Gebiete, wo der Geist zu sprechen beginnt, ein so starkes Echo kommt aus unseren Herzen, weil die Herzen so stark mitsprechen, weil sehr leicht in die Herzen sich einschleicht dasjenige, was nun doch leicht menschliches Vorurteil sein kann, da müssen wir alle Mittel anwenden, damit es keine Möglichkeit gibt, umstellt zu werden mit den geistigen Mauern der okkulten Gefangenschaft.
[ 14 ] Diese Dinge würde ich hier gar nicht aussprechen, wenn es nicht eigentlich der tiefste Ernst der Zeit erforderte. Und dieser Ernst der Zeit erfordert es. Denn es ist einmal wahr: die Menschheit braucht einen energischen Schritt hin zum Geistigen.
[ 15 ] Ich bin um manches gefragt worden im Verlaufe dieses Sommerkurses. Manche Fragen konnten nicht vollständig beantwortet werden, nicht etwa weil die Materie zu schwierig war, aber weil eben noch in der Menschheitsentwickelung nicht die Zeit voll herangekommen ist, in der man ganz unbefangen über manche Dinge sprechen kann. So namentlich, wenn gefragt wird über die spirituellen Beziehungen der einzelnen Nationen. So auch bin ich gefragt worden, wie es denn in der geistigen Welt bewandt sei damit, daß eine Nation die andere eroberte und von sich abhängig machte.
[ 16 ] Oh, über derlei Fragen könnte natürlich die Geisteswissenschaft ganz gehörige Auskunft geben. Aber die Zeit ist wahrhaftig noch nicht geeignet — glauben Sie es mir, meine sehr verehrten Anwesenden - in völliger Unbefangenheit über diese Dinge zu sprechen. Denn in voller Unbefangenheit nimmt man heute noch nicht die letzten Konsequenzen jener Wahrheiten, die zum Beispiel so beginnen: Man soll sich nur einmal fragen, ob denn wirklich der äußere Aspekt immer der einzige ist, wenn eine Nation eine andere von sich abhängig gemacht hat in physischer Beziehung, in den materiellen Angelegenheiten der Welt. Und man sieht nicht immer, wie diejenige Nation, welche die andere materiell von sich abhängig gemacht hat, spirituell abhängig geworden ist von derjenigen, die sie materiell von sich abhängig gemacht hat. Aber das ist nur der Anfang von Wahrheiten, die auch populär werden müssen über den ganzen zivilisierten Erdkreis hin. Und wir kommen durch kein anderes Mittel zu jenem universellen Verständnis solcher Dinge, die dann auch im.praktischen Leben ihre volle Bedeutung gewinnen können, als wenn wir wirklich den inneren Mut haben, uns auf die eigentlichen Geisteswahrheiten einzulassen.
[ 17 ] Und so steht es letzten Endes auch mit der Frage: Ja, gibt es denn Individualitäten heute in der Welt, welche in irgendeinem Besitze höherer Wahrheiten sind, die diese Wahrheiten der Welt irgendwie vermitteln und die vielleicht miteinander in einer Beziehung stehen?
[ 18 ] Ich habe schon darauf hingewiesen, wie es nicht allein davon abhängt, daß von gewissen Individualitäten Wahrheiten in die Welt gesendet werden sollen, sondern daß es auch darauf ankommt, inwiefern die Welt diese Wahrheiten aufnehmen will. Ich habe auf mancherlei Hindernisse hingedeutet, die heute bestehen und die etwa so ausgesprochen werden könnten: Der Bodhisattva wartet schon; aber die Menschen müssen erst in einer genügend großen Anzahl sich fähig machen, ihn zu verstehen. Und wenn die Frage aufgeworden wird, ob diejenigen, die Geistiges der Welt zu sagen haben, dieses Geistige der Menschheit mitteilen, so darf man sagen: Daß irgend etwas äußerlich mit Druckbuchstaben auf dem Papier steht, das besagt ja noch nichts. Ich möchte nur erwähnen, daß heute vieles mit Druckbuchstaben auf dem Papier stehen kann, was die tiefsten Weisheiten und Weistümer enthüllt. Es kommt immer darauf an, ob diese Weisheiten und Weistümer auch verstanden werden. Und es gibt viele Mittel des Verständnisses; es gibt auch viele Mittel des Verständnisses, die angewandt werden können. Aber, meine sehr verehrten Anwesenden, die Verständigung unter Menschen, die aus höheren Welten etwas zu sagen haben, ‚war leichter in der Zeit, in der gesprochen wurde von geheiligten Stätten aus, wie sie hier die Druidenzirkel bergen, und in der dasjenige, was von solchen Stätten an Gedankenwellen durch die Welt ging, nicht den Wellen der drahtlosen Telegrafie begegnete.
[ 19 ] Wiederum sei nicht in reaktionärer Weise etwa auf die drahtlose Telegrafie hingewiesen. Sie ist selbstverständlich ein materieller Segen für die Menschheit. Aber es handelt sich darum, daß dann, wenn die geistigen Mitteilungen wirklich durch die Welt gehen sollen, stärkere Kräfte notwendig sind in der Zeit, in der die geistigen Wellen treffen auf die Wellen der drahtlosen Telegrafie als in der Zeit, in der das noch nicht der Fall ist. Sähe man nur einmal die Grundbegriffe ein, die grundlegende, tiefe Wahrheit, daß gerade in unserer Zeit, in der zum Segen der Menschen unsere materielle Kultur eine solche Höhe erreicht hat, wie sie sie eben erreicht hat, daß gerade in dieser Zeit es um so mehr notwendig ist, daß mit starker Intensität, mit kräftiger Intensität das Spirituelle in die Herzen der Menschen sich einschreibe und aus den Herzen der Menschen sich verbreite.
[ 20 ] Dazu war hier wirklich gute, große Gelegenheit. Denn wir lebten wie in einer Atmosphäre, die tatsächlich noch Wunderbares ausstrahlte in jenen alten Heiligtümern hier - und auch darauf konnte ich ja im Verlaufe der Vorträge aufmerksam machen. Deshalb war es ein glücklicher Griff, einmal auch diesen Ort gerade zu wählen, wo in einer gewissen Weise geistig dasjenige aufleben konnte, was nun einmal in Mittel- und Nordeuropa da war, bevor das Mysterium von Golgatha durch die Welt ging, was wartete auf das Mysterium von Golgatha, was aber dann zunächst keine Fortsetzung fand, indem das Christentum - so wie ich es heute morgen geschildert habe - vom Süden heraufkam. In einer gewissen Weise wartet es noch.
[ 21 ] Denn, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn man da hinaufkommt in jene bewundernswürdige Einsamkeit, in der diese Steinkreise stehen, da kann man noch auf die realen Nachklänge desjenigen treffen, was einmal mit starker Macht hier in den nördlichen Gegenden Europas gewirkt hat. Und es war damals in dem Machtstrom manches, was heute nicht mehr sein kann, weil die Menschenseelen fortschreiten müssen und bei den heutigen Fortschritten es nicht ertragen könnten, es würde sie in ihrer Freiheit hemmen. So ist gerade dadurch, daß gewissermaßen dasjenige, was einstmals aus den heiligen Geheimnissen erkundet wurde von tiefstem okkultem Wissen, allmählich in kosmische Erinnerung übergegangen ist, die wie leuchtende Wolken die Mulden der Bergspitzen umschweben, in denen diese Heiligtümer sind; gerade dadurch ist auch diese besondere Atmosphäre ausgebreitet über alles dasjenige, was hier gewirkt werden kann für ein neueres Geistesleben. Das sind schon die Dinge, welche im tiefsten Sinne Frau Dr. Steiners und meinen allerherzlichsten Dank dafür herausfordern, daß wir durch die Bemühungen von Mr. Dunlop, Mrs. Merry und anderen diese Penmaenmawr-Unternehmung einzeichnen dürfen in das, was die anthroposophische Bewegung ist.
[ 22 ] Es ist hier schon in schöner Weise erwähnt worden, wie viele mitgewirkt haben vor und hinter den Kulissen dafür, daß dies alles möglich war, und so wie Ihnen allen, meine sehr verehrten Zuhörer, der innigste Dank ausgesprochen wird gerade für die schöne Aufmerksamkeit, die Sie an einer so schönen Stätte der Anthroposophie, der Eurythmie und so weiter entgegengebracht haben, so gilt dieser Dank wirklich auch all denjenigen, die so schön diese Sache vorbereitet haben und in so schöner Weise dann während der Sommerschultage selbst sie weiter fortgeführt haben. Ich habe es ja schon erwähnt: Wer da weiß, wie viel Mühe aufgewendet werden muß, um so etwas zustande zu bringen, wer oftmals selbst dabei war, der vermag in der Tat diese Dinge gut zu beurteilen. Und, sehen Sie, er weiß auch noch etwas anderes: Diejenigen, die in früheren Zeiten um mich gewesen sind und selbst solche Dinge vorbereiten mußten, die schickten immer ihre Haut zuerst in jene Fabriken, wo man Leder gerbt — denn befriedigen kann man ja eigentlich im Grunde genommen meistens doch nicht. Man kann nicht alle befriedigen, man kommt trotzdem nachher zu seinen Hieben. Und da ist es gut, wenn man eine gegerbte Haut hat für diese Tage — gerade alle diejenigen, die hinter den Kulissen stehen und die das Ganze eingerichtet haben.
[ 23 ] Die anthroposophische Bewegung ist ja wirklich aus Kleinem heraus gewachsen, meine sehr verehrten Anwesenden. Ich habe in Dornach vor kurzem auf die Zeit hingewiesen - sie liegt jetzt 21 oder etwas mehr Jahre hinter uns — , da wurde die anthroposophische Bewegung eingeleitet innerhalb der theosophischen Bewegung durch die Zeitschrift «Lucifer-Gnosis». Die ist nicht eingegangen, es häufte sich nur so die Arbeit, daß sie nicht fortgesetzt werden konnte. Sie hatte ihre weitaus nicht nur genügende, sondern überragende Abonnentenzahl gerade in dem Momente, wo ich sie nicht fortführen konnte. Aber mit ihr fing die anthroposophische Bewegung recht klein an. Sozusagen der größte Teil von «Lucifer-Gnosis» wurde von mir geschrieben; dann mußte ich selbst in die Drukkerei fahren, um in der Druckerei die Korrekturen zu besorgen, dann bekamen wir die Hefte, und Frau Dr. Steiner und ich gaben die Kreuzbänder darüber, schrieben selbst die Adressen darauf wir hatten nicht einmal gedruckte Adressen, hatten auch keine Schreibmaschine -, nahmen dann jeder einen Waschkorb, legten die Nummern hinein und gingen damit zur Post. Im Kleinen fing eben die anthroposophische Bewegung an. Auch bei Vorträgen durfte man nicht darauf sehen, daß so elegante, wunderbare Räume da sind wie der hiesige. Ich habe einmal in einem Raum vorgetragen, wo ich achtgeben mußte, daß nicht, weil der Fußboden überall Löcher hatte, die Beine bei jedem Schritt in diese Löcher hineinfielen, wenn man durch den Saal ging. Deshalb war es mir gar nicht so überraschend, daß es in diesen Tagen hier wiederum einmal — fast möchte ich sagen, zur Erinnerung - hereinregnete, denn hier in der Stadthalle hat die Decke auch Löcher. Es nehmen sich diese Dinge, wie sie jetzt sind, wenn man mit den Anfängen der anthroposophischen Bewegung vergleicht, doch sehr aus wie richtige Festeszeiten gegenüber dem, was noch nicht in solch solenner Weise vorhanden sein konnte. Ich schäme mich gar nicht zu sagen, daß wir zum Beispiel in Berlin einmal — weil wir ein anderes Lokal nicht haben konnten an den uns bestimmten Tagen und aus manchen anderen Gründen, die ich hier nicht auseinandersetzen kann - vortragen mußten in einem Raume, den man uns durch eine sogenannte «spanische Wand» abgrenzte; dahinter klangen die Biergläser, denn dahinter war ein Bierausschank. Und als man uns einmal diesen Saal nicht geben konnte, da sagte man uns: Dieser Saal ist heute mit Wichtigerem ausgefüllt, gehen Sie in den einzigen Raum, den wir noch haben — das war nämlich so etwas zwischen Keller und Stall. Also die anthroposophische Bewegung hat sich schon durchringen müssen. Und deshalb weiß sie auch dankbar zu sein, insofern sie in den Herzen der Menschen lebt. Und Sie werden verstehen, daß voll gewürdigt werden soll dasjenige gerade von unserer Seite, was hier in diesen Tagen geschehen ist.
[ 24 ] In diese Dankesworte möchte ich alles dasjenige zusammenfassen, was ich in diesem Momente an tiefster, inniger Befriedigung empfinde über diese Tage von Penmaenmawr. Zum Schluß möchte ich nur noch sagen: Es ist ja allerdings immer eine Zumutung, wenn ich hier in England für Anthroposophie wirken soll, daß die Zuhörer bei den Vorträgen die doppelte Zeit zubringen müssen, weil alles übersetzt werden muß. Allein, von einem gewissen Gesichtspunkte aus ist es mir nicht einmal leid, und zwar von dem Gesichtspunkte aus, daß es etwas gezeigt hat, was im Grunde genommen ganz außerordentlich ist - es hat sich gezeigt die ausgezeichnete Übersetzungskunst von Mr. Kaufmann. Er wird auch das jetzt wieder übersetzen müssen, was ich sage, und ich bitte ihn wie immer, diese letzten Worte nicht auszulassen, sonst drohe ich ihm damit, daß ich Dr. Baravalle ersuchen werde, diese Worte zu übersetzen. Ich spreche Mr. Kaufmann auch meinen Dank aus für dasjenige, was er nun wiederum in einer so hingebungsvollen Weise geleistet hat, trotzdem er fast krank geworden ist, weil er seinen Winterrock nicht mitgebracht hat hierher, wo man wirklich Winterröcke braucht. Unaufhörlich hat er diese Arbeit übernommen, und wie ich ganz bestimmt weiß, zu der tiefsten Befriedigung der Zuhörer. Ihm gebührt vor allen Dingen der allerherzlichste Dank, denn ich muß sagen: Was sollte ich tun, wenn Mr. Kaufmann nicht da wäre zur Vermittelung desjenigen, was ich eben so sehr gerne an Sie vermittelt hätte. Und so sei wirklich allen - ich glaube, es begründet zu haben - Mr. Dunlop, Mrs. Merry, auch Mr. Kaufmann und allen anderen, die vor und hinter den Kulissen mitgewirkt haben, in Frau Dr. Steiners und meinem Namen der allerherzlichste Dank hier am Schlusse dieser Unternehmung ausgesprochen. Und es sei auch die Versicherung ausgesprochen, daß die Erinnerung an das, was hier in Penmaenmawr verlebt werden konnte, eine wirklich tief herzliche und stets rege sein wird.
[ 25 ] Mit diesen Worten, die uns doch zusammenhalten sollen für die Zukunft, da wir hier, wie ich glaube, in einer auch durch die historischen Erinnerungen geweihten Harmonie zusammen gewesen sind, mit diesen Worten möchte ich meinen Gruß und meine Danksagung für diese schönen Tage von Penmaenmawr beschließen.
