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An Anthroposophical Understanding
of the Psychic Human Being
GA 231

15 November 1923, The Hague

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Anthroposophie als Zeitforderung

Anthroposophy as a Response to the Needs of Our Time

[ 1 ] Es ist in der Gegenwart eine allgemeine Anschauung, daß die menschliche Erkenntnis gewisse Grenzen habe, nicht nur zeitliche Grenzen, die darin bestehen würden, daß man im Verlaufe der schon abgelaufenen Zeit nicht alles erreicht hat und noch manches der Zukunft überlassen muß, sondern in einem ganz allgemeinen Sinne spricht man heute von «Erkenntnisgrenzen», von Wissensgrenzen für die Menschheit. Man meint, es sei der Mensch nun einmal so veranlagt, daß er nur gewisse Dinge einsehen könne, nur über gewisse Dinge Bescheid wissen könne, während andere Dinge eben über seine Erkenntnisfähigkeit hinaus lägen. Und man bezeichnet wohl am meisten die Dinge der sogenannten übersinnlichen Welt als diejenigen, die der Mensch durch Erkenntnis nicht erreichen könne, für die er sich begnügen müsse mit dem, was man oftmals einen Glauben, eine Annahme aus dunklen Gefühlen und dergleichen heraus nennt. Gerade die Bestrebungen der letzten Jahrhunderte und der Gegenwart, welche in wissenschaftlicher Beziehung die größten Erfolge gebracht haben, die naturwissenschaftlichen, die auch den denkbar weitesten praktischen Nutzen gebracht haben, hält die heutige Menschheit dafür beweisend, daß man stehenbleiben müsse bei dem, was Sinne beobachten können, was durch Experimente festgestellt werden könnte und dergleichen, und das ist eben nur die sinnlich-wirkliche Welt. Das ist, wenn man vom Menschen spricht, nur diejenige Welt, die der Mensch im physischen Leibe zwischen Geburt und Tod oder Empfängnis und Tod durchläuft.

[ 1 ] It is a widely held view today that human knowledge has certain limits—not only temporal limits, which would consist in the fact that we have not achieved everything in the course of time already elapsed and must leave many things to the future, but in a very general sense, people today speak of “limits of knowledge,” of the limits of human understanding. It is believed that human beings are simply so constituted that they can comprehend only certain things and know only certain things, while other things lie beyond their capacity for knowledge. And it is probably the phenomena of the so-called supersensible world that are most often cited as those which human beings cannot reach through cognition, for which they must be content with what is often called a belief, an assumption arising from obscure feelings and the like. It is precisely the endeavors of the past centuries and the present—those that have yielded the greatest successes in the scientific realm, namely the natural sciences, which have also brought the greatest conceivable practical benefits—that today’s humanity regards as proof that one must confine oneself to what the senses can observe, what can be established through experiments, and the like; and that is precisely only the sensory-real world. When speaking of human beings, this is merely the world that a person experiences in the physical body between birth and death, or between conception and death.

[ 2 ] Nun soll ja nicht geleugnet werden, daß gerade die Naturwissenschaft ihre so großen Erfolge dem Umstande verdankt, daß sie sich in dieser Weise beschränkt hat, daß sie sich darauf beschränkt, die Sinneswelt nach allen Seiten zu durchforschen und nicht sich herbeiJäßt, in irgendeiner Weise von der Sinneswelt aus Schlüsse zu ziehen für eine übersinnliche Welt. Aber auf der anderen Seite ist für den sinnigen Menschen gerade mit dieser, wie man glaubt, voll bewiesenen Annahme von Erkenntnisgrenzen überhaupt etwas innerlich ungemein Tragisches verbunden, etwas Tragisches, das: heute\noch nicht zum Bewußtsein vieler Menschen kommt, das aber in unbestimmten Gefühlen, it allerlei unterbewußten Empfindungen in zahlreichen Menschenseelen spielt, sie unsicher im Leben, ja, sie oftmals unsicher und untüchtig im äußeren Handeln, im Verhältnis zu ihren Mitmenschen und so weiter macht. Denn es wird allmählich immer mehr und mehr gefühlt, daß die Grenzen, vor denen man in dieser Art haltmachen will, nicht bloß die einer äußeren übersinnlichen Welt sind, sondern daß mit diesen Erkenntnisgrenzen, wenn sie in richtiger Weise angenommen werden sollen, noch etwas ganz anderes verbunden ist. Der Mensch fühlt allmählich, daß ja sein wahres Wesen selber übersinnlicher Natur sein müsse, daß sein wahres Wesen, durch das er sich als Mensch seinen Wert und seine Würde zuerkennt, im Geistigen, also im Nicht-Sinnlichen liegen müsse. Wenn man mit aller Erkenntnis vor dem Übersinnlichen haltmacht, dann macht man ja vor der menschlichen Selbsterkenntnis halt. Dann verzichtet man darauf, das Wertvollste, das Würdigste im Menschen selbst zur Einsicht zu bringen.

[ 2 ] Now, it should not be denied that the natural sciences in particular owe their great successes to the fact that they have limited themselves in this way—that they confine themselves to investigating the sensory world from every angle and do not allow themselves to draw conclusions in any way from the sensory world regarding a supersensory world. But on the other hand, for the rational person, there is something deeply tragic associated with this very assumption—which is believed to be fully proven—regarding the limits of knowledge; something tragic that, while not yet brought to the consciousness of many people today, plays out in vague feelings and all manner of subconscious sensations in numerous human souls, making them insecure in life—indeed, often makes them insecure and inept in their outward actions, in their relationships with their fellow human beings, and so on. For it is gradually being felt more and more that the limits at which one wishes to draw a line in this way are not merely those of an external supersensible world, but that something quite different is connected with these limits of knowledge, if they are to be accepted in the right way. Human beings are gradually coming to feel that their true nature itself must be of a supersensible nature, that their true nature—through which they recognize their own value and dignity as human beings—must lie in the spiritual, that is, in the non-sensory realm. If one stops at the suprasensory realm with all one’s knowledge, then one is in fact stopping short of human self-knowledge. Then one forgoes bringing to light the most valuable and most dignified aspects of the human being itself.

[ 3 ] Damit aber untergräbt man sich auch das richtige innerliche Selbstvertrauen. Wodurch fühlt sich denn der Mensch als ein Angehöriger der heute mit so großen Erfolgen durchforschten Naturwelt? Nur dadurch, daß er diese Naturwelt in sich selber, zunächst in seinem äußeren physischen Leibe trägt. Alles was in unserer Umgebung an Naturstoffen und Naturgesetzen ist, tragen wir, wenigstens zum großen Teile, in uns. Wir können uns dadurch verbunden fühlen mit der sinnlichen Natur. Wir würden uns gar nicht als existierend fühlen in dieser sinnlichen Natur, wenn wir ihr nicht mit unserem eigenen Leibe angehörten, oder wenn wir uns selber nicht als Sinneswesen erforschen könnten. Ebenso aber, wenn auch die Menschen sich das noch nicht voll zum Bewußtsein bringen, ist es mit dem Übersinnlichen, mit dem als wahrhaftem Menschenwesen gefühlten mensch lichen geistigen Inneren. Können wir uns nicht fühlen als angehörig einer geistigen Natur, können wir uns nicht fühlen als Wesen, welche die Kräfte, die Substanzen des Geistigen in sich aufnehmen und an sich tragen, dann können wir uns nicht als geistige Menschenwesen überhaupt anerkennen. Dann aber muß in uns fehlen das Selbstvertrauen zu dem, was wir doch fühlen als unser Wertvollstes, als unser Würdigstes, als das, wodurch wir eigentlich Menschen sind, ja Menschen sein wollen.

[ 3 ] But in doing so, one also undermines one’s true inner self-confidence. How, then, does a person feel connected to the natural world, which has been explored with such great success today? Only by carrying this natural world within oneself—first and foremost in one’s outer physical body. Everything in our surroundings—all natural substances and natural laws—we carry within us, at least to a large extent. This allows us to feel connected to the sensory world of nature. We would not feel that we existed at all within this sensory nature if we did not belong to it through our own bodies, or if we could not explore ourselves as sensory beings. Similarly, however—even if people have not yet fully brought this to consciousness—the same is true of the supersensible, of the human spiritual inner life that is felt as the true human being. If we cannot feel that we belong to a spiritual nature, if we cannot feel that we are beings who take in and carry within ourselves the forces and substances of the spiritual, then we cannot recognize ourselves as spiritual human beings at all. But then we must lack self-confidence in what we do feel to be our most precious, our most worthy, and that through which we are actually human—indeed, through which we want to be human.

[ 4 ] Das hat noch nach einer anderen Seite hin eine gewisse Verbindung. Wir fühlen, wie nicht aus dem Naturhaften heraus, ganz gewiß nicht aus den Vorgängen, die in Muskeln und Knochen oder im Blute vor sich gehen, dasjenige fließt, was wir die moralischen Impulse nennen, was wir den Inhalt unserer moralisch-geistigen Kräfte nennen. Wir fühlen sie hervorgehen aus einer geistigen Welt, wir kommen aber über diese ganze geistige Welt in Unsicherheit, wenn wir vor den Grenzen des Übersinnlichen mit der Erkenntnis haltmachen müssen.

[ 4 ] This also has a certain connection to another aspect. We sense that what we call moral impulses—what we call the content of our moral-spiritual powers—flows not from the natural realm, and certainly not from the processes taking place in muscles and bones or in the blood. We feel them emerging from a spiritual world, but we are left in uncertainty regarding this entire spiritual world when we must stop at the boundaries of the supersensible with our knowledge.

[ 5 ] Und so kann die heutige Menschheit von dem aus, was ihr, ich möchte sagen, brutal feststeht im äußeren Naturdasein, keine rechte Brücke schlagen zu dem, was ihr aus dem intimsten geistigen Inneren fließt als der Inhalt der moralischen Weltordnung. Man hat gar nicht den Mut, sich das, was da für das menschliche Gemüt vorliegt, immer richtig klarzumachen. Die Naturwissenschaft hat gründlich danach hingearbeitet, wenigstens hypothetisch irgend etwas sagen zu können über die heutigen Lebewesen, aus denen sich der Mensch entwikkelt habe. Man schildert, wenigstens hypothetisch, wie sich einmal aus dem Weltennebel heraus unsere jetzige Welt gestaltet habe; man stellt auch Hypothesen auf über das Ende unseres Planetensystems oder des Systems, zu dem wir überhaupt gehören. Man denkt sich dieses ganze in der Zeit verlaufende System als aus Naturstoffen und durch Naturkräfte in irgendeiner Weise sich zusammenballend, sich konstituierend. Man denkt sich aus einem Teil dieser Kräfte dann in einer gewissen Zeit den physischen Menschen aufsteigend. Elektrizität, Magnetismus, Wärmekraft und so weiter, sie drängen sich der äußeren Beobachtung auf, in ihnen fühlt sich der denkende Mensch mit seinem Bewußtseinsinhalt sicher. Aber wenn dann in ihm das Bedürfnis entsteht, das, was nicht aus seiner physischen Natur kommt, die moralisch-geistigen Impulse, als wirksam in der Welt zu denken, wenn er wirksam denken soll, was er aus einer geistigelementaren Kraft verwirklicht, was nun auch da sein soll in der Welt, wenn er Erlebnisse haben soll in der Welt, die nicht vergehen sollen mit dem, was mit dem Physischen vergeht — dann hat der Mensch keinen Anhaltspunkt, um aus dem, was als Erkenntnisgrenzen anerkannt wird, sich zu sagen: Diese moralischen Kräfte sind ebenso wirksam wie das, was die brutalen physischen Naturkräfte als ihr Ergebnis haben.

[ 5 ] And so humanity today is unable to build a proper bridge from what is, I would say, brutally fixed in its external natural existence to what flows from its most intimate spiritual innermost being as the content of the moral world order. People simply lack the courage to always make themselves fully aware of what is actually before the human mind. Natural science has worked diligently toward being able to say, at least hypothetically, something about the living beings of today from which human beings are said to have evolved. We describe, at least hypothetically, how our present world once took shape out of the cosmic nebula; we also formulate hypotheses about the end of our planetary system or the system to which we belong. We conceive of this entire system, unfolding over time, as coalescing and constituting itself in some way from natural substances and through natural forces. One then conceives of physical human beings emerging from a portion of these forces over a certain period of time. Electricity, magnetism, thermal energy, and so on—these present themselves to external observation, and within them the thinking human being feels secure with the contents of their consciousness. But when the need then arises within him to conceive of that which does not stem from his physical nature—the moral and spiritual impulses—as active in the world; when he is to think of what he actualizes from a spiritual-elemental force as active, of what is now also to be present in the world; when he is to have experiences in the world that are not to pass away with what passes away with the physical — then human beings have no point of reference from which, based on what is recognized as the limits of knowledge, to say to themselves: These moral forces are just as effective as the results produced by the brutal physical forces of nature.

[ 6 ] Daraus entspringen dem Menschen heute nicht bloß theoretische Zweifel, sondern Unsicherheit der ganzen Seele, Unsicherheit des Gemütes, die für den, der eine unbefangene Beobachtung unseres Zivilisationslebens hat, überall durchschaubar ist, wenn auch die Menschen sich darüber hinwegtäuschen. Denn das ist ja das Charakteristikon der heutigen Zivilisation, daß man sich gerade über die tiefsten Fragen der Zivilisation hinwegtäuscht. Aber im Unterbewußtsein sind diese Fragen doch tätig, da äußern sie sich — zwar nicht als Theorien, aber in der ganzen Seelenstimmung, in der Zuversichtlichkeit und Tüchtigkeit des Seelenlebens. Da liegt die innere Tragik, die eigentlich auf dem Grunde jeder Seele, selbst der oberflächlichsten, zu bemerken ist. Und da entspringt dann das, was uns in der Gegenwart paradox erscheinen kann, es entspringt die Sehnsucht vieler Menschen gerade nach einer übersinnlichen Erkenntnis! Man möchte sagen, auf geistigem Gebiete geht es damit ebenso, wie es mit Hunger und Durst geht. Man verlangt nicht nach Speise und Trank, wenn man gesättigt ist, sondern verlangt nach ihnen, wenn man eben ungesättigt ist. Und aus einem innersten Bedürfnis heraus verlangt die gegenwärtige Menschheit nach dem Übersinnlichen, weil sie das Übersinnliche nicht hat. Während auf der einen Seite Philosophen und Naturforscher heute immer mehr und mehr beweisen wollen, daß es gegenüber dem Übersinnlichen unübersteigbare Schranken und Grenzen gäbe, sehen wir gerade auf der anderen Seite einen unstillbaren Durst schon sehr vieler Menschenseelen nach über sinnlicher Erkenntnis, und die Zahl dieser Menschen wird immer größer werden.

[ 6 ] This gives rise in people today not merely to theoretical doubts, but to a deep-seated unease of the soul, an unease of the mind, which is plain to see everywhere to anyone who observes our civilized life with an unbiased eye—even if people delude themselves about it. For that is, after all, the defining characteristic of today’s civilization: that people delude themselves precisely about the deepest questions of civilization. But these questions are still at work in the subconscious; there they manifest themselves—not as theories, but in the entire mood of the soul, in the confidence and vigor of the soul’s life. Therein lies the inner tragedy that can actually be perceived at the very core of every soul, even the most superficial. And from this springs what may seem paradoxical to us today: the longing of many people for precisely a supersensible understanding! One might say that in the spiritual realm, the situation is just as it is with hunger and thirst. One does not crave food and drink when one is sated, but craves them precisely when one is unsatisfied. And out of a deepest need, present-day humanity craves the supernatural, precisely because it lacks the supernatural. While, on the one hand, philosophers and natural scientists today increasingly seek to prove that there are insurmountable barriers and limits to the supersensible, we see, on the other hand, an insatiable thirst in the souls of many people for supersensible knowledge, and the number of these people will continue to grow.

[ 7 ] Dieser übersinnlichen Erkenntnis will entgegenkommen eine Anschauung, ich könnte besser sagen eine Forschungsart, von der ich Ihnen heute sprechen will. Aber ich will Ihnen nicht von einer solchen Forschungsart sprechen, wie man sie heute vielfach auf eine sehr leichte Weise für das Übersinnliche erlangen will, sondern ich werde Ihnen sprechen über eine Erkenntnisart, die zwar eine durchaus innere, intime Angelegenheit der Menschenseele ist, aber darin ebenso wissenschaftlich, ja so exakt sicher ist, nicht einmal wie ein äußeres naturwissenschaftliches Ergebnis nur, sondern wie die mathematischen oder geometrischen Ergebnisse der Wissenschaft selber. Aber indem man nach einer solchen Erkenntnis strebt und gerade an eine Erkenntnis desjenigen herantritt, was im Menschen das Übersinnliche ist, kommt man sogleich in etwas hinein, das von Anfang an alle möglichen Zweifel erregt, von Anfang an Unsicherheiten bewirkt.

[ 7 ] This form of supersensible knowledge is complemented by a perspective—or, I might better say, a method of inquiry—that I would like to discuss with you today. But I do not wish to speak to you about the kind of research that many today seek to use as a very easy means of attaining the supersensible; rather, I will speak to you about a kind of knowledge that, while it is indeed a thoroughly inner, intimate matter of the human soul, is nonetheless just as scientific—indeed, just as precisely certain—not merely like an external scientific finding, but like the mathematical or geometric findings of science itself. But in striving for such knowledge—and especially in approaching an understanding of what constitutes the supersensible in human beings—one immediately enters into something that, from the very beginning, arouses all manner of doubts and gives rise to uncertainties.

[ 8 ] Wenn wir nach außen schauen, dann bemerken wir sehr bald, daß gegenüber der nächsten äußeren Anschauung die Naturwissenschafter und die Philosophen, die von Erkenntnisgrenzen reden, recht haben. Wir müssen also nach innen schauen. Wenn wir aber nach innen schauen, und wenn wir beim gewöhnlichen Bewußtsein bleiben, bei demjenigen, das wir im gewöhnlichen Leben und auch in der gebräuchlichen Wissenschaft haben, dann tritt uns da zunächst auch gar nichts anderes entgegen als in einer Art Gedankenbild wiederum die Außenwelt. Wenn man mit seiner erstrebten Selbsterkenntnis ganz ehrlich ist und sich fragt: Was ist da, wenn du, statt hinauszuschauen in die Welt, zurückschaust in dich, was ist da in dir eigentlich drinnen? — so wird man sich klar sein müssen, daß man die Welt, nur eben im Bilde, drinnen wiederfindet. Was man erlebt hat, das hat sich unserem Vorstellungsleben, unserem Empfindungsleben eingeprägt. Wir erleben sozusagen ein gedankliches und empfindungsgemäßes Bild von dem, was draußen auch ist. Wir haben nur den Blick nach rückwärts gewendet. Der bietet uns zunächst gar nichts Neues, sondern nur in einer abgeschwächten Weise bildhaft dasjenige, was draußen auch ist. Nur ein allgemeines Gefühl bemächtigt sich da des Menschen, daß er in diesen wogenden Gedanken, Ideen und Empfindungen als ein Ich, als ein Selbst da ist. Aber das ist so allgemein und unbestimmt, daß er damit zunächst nicht viel anfangen kann.

[ 8 ] When we look outward, we very soon realize that, in light of our immediate external perception, the natural scientists and philosophers who speak of the limits of knowledge are right. So we must look inward. But when we look inward, and if we remain within ordinary consciousness—the kind we have in everyday life and also in conventional science—then at first we encounter nothing other than the external world again, this time in the form of a mental image. If one is completely honest in one’s quest for self-knowledge and asks oneself: What is there when, instead of looking out into the world, you look back into yourself—what is actually inside you?—then one will have to realize that one finds the world there again, albeit only as an image. What one has experienced has become imprinted on our life of imagination and our life of sensation. We experience, so to speak, a mental and emotional image of what is also out there. We have merely turned our gaze inward. At first, this offers us nothing new at all, but only a faint, pictorial representation of what is also out there. Only a general feeling takes hold of the person—that in these surging thoughts, ideas, and sensations, they are present as an “I,” as a self. But this is so general and indefinite that, at first, they cannot make much of it.

[ 9 ] Daher hat man im Mittelalter in den Zeiten, in denen man in einer intensiveren Weise an die Selbsterkenntnis, an die menschliche Seelenerkenntnis herangegangen ist, zunächst nicht so sehr auf das geachtet, was man durch eine bloß nach rückwärts gewendete Selbstbeobachtung während des gewöhnlichen Bewußtseins gewinnen kann, sondern man hat vielmehr gesucht, die Seelenerkenntnis auf eine andere Art zu gewinnen. Diese andere Art ist immerhin interessant, und ich muß, damit wir uns über diejenige Seelenerkenntnis, die ich eigentlich meine, verständigen können, von dieser anderen, oftmals sehr begehrten Seelenerkenntnis ausgehen. Ich bemerke aber von vornherein, daß ich nur zur Verdeutlichung dessen, was ich darlegen will, von dieser anderen Seelenerkenntnis ausgehen, ihr aber nicht einen eigentlichen Wert beimessen will. Also, es darf niemand glauben, daß ich, weil ich vom Traume ausgehe, diesem schon einen Erkenntniswert beilege. Dieses Traumleben aber ist ungemein bedeutungsvoll. Diejenigen, welche einmal Seelenerkenntnis durch das Traumleben gesucht haben, sie haben schon bemerkt, daß in einer gewissen Beziehung das Seelische im Traume viel charakteristischer erscheint, als wenn man bloß in sich hineinbrütet und, wie man oftmals sagt, sich selber beobachten will. Sie haben die Träume verfolgt und haben zunächst zweierlei Art von Träumen gefunden. Es ist ja so, daß der Traum auf und ab wogende Bilder ausbildet von einer phantastischen Anschaulichkeit, die zunächst nicht so abstrakt ist wie die Gedanken, die wir beim Tagesbewußtsein haben. Aber der Traum bildet zunächst etwas, was rätselhaft erscheint, auf der einen Seite durch seine Zusammensetzung, auf der anderen Seite durch seinen Inhalt.

[ 9 ] For this reason, in the Middle Ages—during periods when people approached self-knowledge and the knowledge of the human soul in a more intensive way—they did not initially pay much attention to what could be gained through mere introspection directed inward during ordinary consciousness; rather, they sought to gain insight into the soul in a different way. This other way is certainly interesting, and—so that we can understand the kind of insight into the soul I actually have in mind—I must begin with this other, often highly sought-after form of insight into the soul. I should note from the outset, however, that I am taking this other form of insight into the soul as a starting point solely to clarify what I wish to explain, but I do not intend to attribute any intrinsic value to it. Thus, no one should believe that, simply because I take dreams as my starting point, I am already attributing any epistemological value to them. This dream life, however, is immensely significant. Those who have ever sought insight into the soul through the life of dreams have already noticed that, in a certain respect, the soul appears much more characteristically in dreams than when one merely broods inwardly and, as is often said, seeks to observe oneself. They have studied their dreams and have initially found two distinct types of dreams. It is true that dreams form images that ebb and flow with a fantastical vividness that, at first glance, is not as abstract as the thoughts we have in our waking consciousness. But dreams initially form something that appears enigmatic—on the one hand, due to their composition, and on the other, due to their content.

[ 10 ] Zweierlei Dinge sind es, die dem Menschen im Traume als Bilder sich ergeben. Zunächst Bilder von Erlebnissen, die wir im Erdendasein durchgemacht haben, Reminiszenzen aus dem Leben. Das steigt herauf und zeigt dies oder jenes, was wir vor vielen Jahren erlebt haben. Aber was sich da geltend macht, das steigt herauf neben anderem, in einem Zusammenhange, den das Leben nicht dargeboten hat. Ereignisse, die vor zehn Jahren stattgefunden haben, werden zusammengeballt mit solchen, die sich vorgestern abgespielt haben. Das Entfernteste kommt zueinander. Dadurch, daß der Traum die Lebensfetzen zusammenstellt, bildet er unmögliche Bilder, chaotische Bilder. Alles, was das äußere Leben an Ereignissen, die wir durchgemacht haben, darbot, wird im Traume in einer chaotischen Weise uns vorgezaubert. Das ist die eine Form der Träume. Die andere Form ist die, wo wir in einer Art symbolischer Bilder unser eigenes Innere vom Traume vörgegaukelt erhalten. Wer hätte es nicht geträumt, daß er gelitten hat unter der Wärme eines kochenden Ofens? Er hat die Flammen flackern gesehen, er wacht auf und hat ein heftiges Herzklopfen. Oder wir träumen davon, wie wir an einem Zaune vorbeigehen; wir sehen die einzelnen Pfähle des Zaunes, wir sehen, wie zwei Pfähle oder ein Pfahl beschädigt sind, und dann wachen wir auf mit Zahnschmerzen. In dem einen Falle, wo wir von dem kochenden Ofen mit seiner Hitze geträumt haben, war es ein Bild unseres Herzens, das heftig gepocht hat. Im anderen Falle, wo wir vom Zaune geträumt haben, war es ein Bild unserer Zahnreihe, die uns irgendwie Schmerzen machte. Und wer genauer auf diese Dinge eingehen kann, der weiß, daß sich ein gewisses Gebiet der Träume dadurch charakterisiert, daß innere Organe oder Vorgänge sinnbildlich durch den Traum uns vorgestellt werden. Aber man muß schon ein wenig kundig auf alle die Verhältnisse, die darin walten, eingehen können, wenn man oftmals in den Sinnbildern des Traumes das wiedererkennen will, was sich eigentlich in ihnen ausdrückt vom Inneren des Menschenwesens. Dann wird man aber finden, wie es fast kein Organ oder keinen inneren Prozeß gibt, der nicht einmal in einer inneren Weise uns vom Traume vorgegaukelt werden kann.

[ 10 ] There are two kinds of things that appear to us as images in our dreams. First, images of experiences we have gone through in our earthly existence—reminiscences from life. These rise up and show this or that which we experienced many years ago. But what asserts itself there rises up alongside other things, in a context that life did not present. Events that took place ten years ago are jumbled together with those that occurred the day before yesterday. The most distant things come together. By piecing together these fragments of life, the dream forms impossible images, chaotic images. Everything that external life has offered in terms of events we have experienced is conjured up before us in a chaotic manner in the dream. That is one form of dreams. The other form is where, through a kind of symbolic imagery, the dream presents us with an illusion of our own inner world. Who hasn’t dreamed of suffering from the heat of a burning stove? They’ve seen the flames flickering; they wake up with a pounding heart. Or we dream of walking past a fence; we see the individual posts of the fence, we see how two posts—or one post—are damaged, and then we wake up with a toothache. In the first case, where we dreamed of the burning stove and its heat, it was an image of our heart beating violently. In the other case, where we dreamed of the fence, it was an image of our teeth, which were somehow causing us pain. And anyone who can examine these things more closely knows that a certain realm of dreams is characterized by the fact that internal organs or processes are symbolically presented to us through the dream. But one must be somewhat knowledgeable about all the circumstances at play in order to recognize, within the symbols of the dream, what is actually being expressed from within the human being. Then one will discover that there is almost no organ or internal process that cannot be symbolically presented to us, even in an inner way, through the dream.

[ 11 ] Nun haben ältere Seelenforscher, die sich an den Traum herangemacht haben, eine sehr richtige Anschauung entwickelt über das Verhältnis des Menschen zum Traum. Sie haben sich gesagt: was wir in uns tragen, das fühlen wir eigentlich höchstens nur, aber wir schauen es nicht an, wir haben es nicht wie einen äußeren Gegenstand vor uns. Wenn wir aber unser eigenes Herzklopfen in dem Bilde eines kochenden Ofens vor uns haben, so haben wir ein Bild wenigstens in unserem Bewußtsein, das so aussieht wie das Bild eines äußeren Gegenstandes, das wir uns machen. Wir müssen von dem äußeren Gegenstande getrennt sein, wenn von ihm ein Bild in uns entstehen soll. Das, was man selber ist, auch wenn es der eigene Körper ist, das fühlt man an sich, man fühlt es schmerzhaft zuweilen, wenn irgend etwas Organisches nicht in Ordnung ist, aber man schaut es nicht an. Wenn man etwas anschaut in bildhafter Form, dann muß man außerhalb desselben sein. Und so haben die älteren Seelenforscher, die aber durchaus noch solche des 19. Jahrhunderts waren, sich gesagt: Träume ich in Sinnbildern von meinem eigenen Körper und seinen Vorgängen, so kann ich nicht in meinem Körper sein, denn sonst würde ich ihn nicht erleben. Ich muß daher in einem solchen Falle außerhalb meines Körpers sein. Das Bild stellt mir jedenfalls etwas dar von einem unabhängigen seelisch-geistigen Leben gegenüber dem Körper. Und wiederum sagten sie sich: Wenn ich in irgendeiner, wenn auch noch so verborgenen Weise Reminiszenzen des Lebens träume, so müßte das äußere Naturdasein doch so, wie es ist, sich mir darbieten. Aber da wird fortwährend etwas verändert, da gaukelt mir der Traum die phantastischsten Zusammenhänge vor. Da muß ich wieder drinnen stecken, denn die Natur, die mich sonst umgibt, kann mir doch nicht die Ereignisse, die ich mit ihr erlebt habe, auch nicht die Ereignisse des Menschenlebens, die ich erlebt habe, in einer ganz anderen Ordnung zeigen.

[ 11 ] Now, older researchers of the soul who have studied dreams have developed a very accurate view of the relationship between human beings and dreams. They have said to themselves: what we carry within us, we actually feel at most, but we do not look at it; we do not have it before us like an external object. But when we have the image of our own heartbeat before us in the form of a burning stove, we at least have an image in our consciousness that looks like the image of an external object that we form in our minds. We must be separated from the external object if an image of it is to arise within us. What one is oneself—even if it is one’s own body—one feels within oneself; one feels it painfully at times when something organic is not right, but one does not look at it. When one looks at something in pictorial form, one must be outside of it. And so the earlier researchers of the soul—who were, after all, still very much of the 19th century—said to themselves: If I dream in symbols about my own body and its processes, I cannot be within my body, for otherwise I would not experience it. I must therefore, in such a case, be outside my body. In any event, the image presents to me something of an independent soul-spiritual life distinct from the body. And again they said to themselves: If I dream of reminiscences of life in any way, however hidden, then external natural existence should present itself to me just as it is. But there, things are constantly changing; the dream conjures up the most fantastical connections for me. I must be inside my body again, for the nature that otherwise surrounds me cannot possibly show me the events I have experienced with it—nor the events of human life that I have experienced—in a completely different order.

[ 12 ] So stellte sich etwas zusammen, von dem man sagen konnte: Es war eine berechtigte Überzeugung für diese älteren Seelenforscher, daß sie da etwas erhaschten von der Seele in einem Zustande, wo sie getrennt ist von dem physischen Leib. Denn erstens kann der Mensch nicht mit seinem Leibe vereinigt sein, wenn ihm die Vorgänge des Leibes, wenn auch nur im Sinnbilde, im Traume getrennt erscheinen, er muß dann außerhalb seines Leibes sein. Aber wir müssen auch wiederum drinnen sein, zusammen sein mit den Erinnerungen an unsere Erlebnisse, wenn wir die zweite Art Träume haben; denn die Natur ändert nicht den Zusammenhang, in dem Erlebnisse stattgefunden haben. Den müssen wir selber ändern. Wir müssen daher draußen sein, außerhalb unseres Körpers, bei der ersten Art Träume, und wir müssen ebenso drinnen stecken in unseren Erlebnissen bei der zweiten Art. Das heißt, wir müssen tatsächlich außerhalb des physischen Leibes sein mit unseren seelischen Erlebnissen, wenn wir träumen. Insofern ist das, was sich ältere Seelenforscher gesagt haben, absolut unanfechtbar; es läßt sich gar nichts dagegen einwenden.

[ 12 ] Thus, something took shape that could be described as follows: It was a justified conviction on the part of these early researchers of the soul that they had caught a glimpse of the soul in a state where it is separated from the physical body. For, first of all, a person cannot be united with their body if the body’s processes appear separate to them—even if only as a mental image—in a dream; they must then be outside their body. But we must also, in turn, be inside—be together with the memories of our experiences—when we have the second kind of dreams; for nature does not alter the context in which experiences have taken place. We must alter that ourselves. We must therefore be outside, outside our body, in the first type of dreams, and we must likewise be immersed in our experiences in the second type. That is to say, we must actually be outside the physical body with our mental experiences when we dream. In this respect, what earlier researchers of the soul have said is absolutely indisputable; there is absolutely nothing to object to.

[ 13 ] Aber etwas anderes muß gesagt werden. Irgendeine Erkenntnissicherheit über das Selbst kann mir der Traum nicht geben, er kann uns nur hinführen, wie man auf den Weg zu einer solchen Sicherheit kommt. Denn was wir innen sind, während der Zeit vom Einschlafen bis zum Aufwachen, wo wir außerhalb des Körpers sind: das, was uns der Traum da zeigt, das sind wir ja ganz gewiß nicht; denn das sind auf der einen Seite Bilder unseres körperlichen Inneren, noch dazu Sinnbilder dieses körperlichen Inneren, also das, was wiederum von unserem körperlichen Inneren genommen ist. Wir können doch nicht, wenn wir schlafend außerhalb unseres Körpers sind, sozusagen dasselbe sein, was wir im Inneren sind, im physischen Leibe sind. Es muß also etwas anderes vorliegen. Wir müssen da etwas sein außerhalb unseres Körpers, aber das macht sich nicht geltend. Dazu sind wir zunächst nicht fähig, das eigentliche Wesen des Seelischen im schlafenden Zustande zu erfassen. Das verbirgt sich und maskiert sich zunächst; es umhüllt sich mit Bildern der eigenen Körperlichkeit und zeigt sich in bezug auf sein Eigenleben in willkürlichen Zusammenstellungen des Erlebten. Daß wir außerhalb unseres Leibes sind, wenn wir träumen, das haben die älteren Seelenforscher gut geschlossen; aber daß uns der Traum etwas zeige über das außer unserem Körper befindliche Wesen, das haben sie zwar geglaubt, aber das ist nicht der Fall. Denn er zeigt uns gar nichts als das, was wir sonst erlebt haben im Leibe, und unseren eigenen Leib in Sinnbildern. Also, wenn wir außerhalb unseres Leibes etwas sind, so maskiert sich das im Traume, so trägt der Traum in bezug darauf eine Maske. Wollen wir hinter unser eigenes Wesen kommen, so müssen wir dem Traume, das heißt der Seele, diese Maske — denn der Traum ist diese Maske — herunternehmen können. — Bis hierher leitet uns auf einen Weg eine intimere Anschauung vom Traume. Indem ältere Seelenforscher durchaus bemerkt haben, daß der Traum schließlich nichts anderes zeigt als das, was er selbst wiederum aus der Sinneswelt nimmt, kamen ihnen natürlich auch darüber die Zweifel. Und ebensowenig wie man Sicherheit zu haben glaubte durch eine gewöhnliche, rückwärtsgewendete Selbstbeobachtung, ebensowenig war man befriedigt von dem, was die Beobachtung der Traumwelt geben konnte.

[ 13 ] But something else must be said. A dream cannot give me any certainty of knowledge about the self; it can only show us how to find the path to such certainty. For what we are inside, during the time from falling asleep to waking up, when we are outside our bodies—what the dream shows us there—is certainly not who we are; for on the one hand, these are images of our physical interior, and moreover, symbols of this physical interior—that is, things derived from our physical interior. After all, when we are outside our bodies while asleep, we cannot, so to speak, be the same as what we are inside, in our physical bodies. So there must be something else at work. We must be something outside our body, but this does not make itself known. Moreover, we are initially incapable of grasping the true nature of the soul in the sleeping state. It conceals and masks itself at first; it envelops itself in images of its own physicality and reveals itself, in relation to its own life, in arbitrary combinations of what has been experienced. The older researchers of the soul correctly concluded that we are outside our bodies when we dream; but while they believed that the dream reveals something to us about the being located outside our bodies, this is not the case. For it reveals nothing to us other than what we have otherwise experienced within the body, and our own body in symbolic forms. So, if we are something outside our body, this is masked in the dream; in this respect, the dream wears a mask. If we wish to get to the heart of our own being, we must be able to remove this mask from the dream—that is, from the soul—for the dream is this mask. —Thus far, a more intimate understanding of the dream guides us along a path. Since earlier researchers of the soul had certainly noted that the dream ultimately reveals nothing other than what it itself draws from the sensory world, doubts naturally arose in their minds as well. And just as one could not believe one had certainty through ordinary, inward-turned self-observation, one was equally unsatisfied with what the observation of the dream world could provide.

[ 14 ] Demgegenüber tritt nun das auf, was von mir immer genannt wird die anthroposophische Weltanschauung oder anthroposophische Forschungsart. Diese stellt sich zunächst auf den Standpunkt: Wenn uns der Traum zeigt, daß wir etwas außerhalb unseres Leibes sind, so erweist er sich ja für sich zu schwach, um sein eigenes Wesen zur Anschauung, zur Offenbarung zu bringen. Um sich zu offenbaren, bedient er sich der Erinnerungsfetzen des Lebens, der Sinnbilder der eigenen Körperlichkeit. Wir müssen daher das Seelenleben verstärken, erkraften, damit wir an das herankommen, was im Seelenleben maskiert im Traume vor uns steht. Das kann man. Man kann es dadurch, daß man, wie ich in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und in anderen Schriften ausgeführt habe, mit vollem Bewußtsein durch ein systematisch-exaktes sogenanntes «meditatives» Leben den Traum nachahmt, aber ihn nicht etwa dadurch nachahmt, daß man künstlich Träume erzeugt, sondern daß man dasjenige, was aus dem Unterbewußtsein unwillkürlich im Traume heraufsteigt, mit vollem Bewußtsein in der Seele erweckt. Dazu kommt man dadurch, daß man sich gewöhnt, ebenso zu verfahren, wie der Traum unwillkürlich verfährt — so zu verfahren, daß man in innerer Meditation Dinge, die man gut kennt, sinnbildlich vorstellt. Der Traum gaukelt uns sinnbildlich unsere eigene Körperlichkeit vor. Man übt sich nun — da uns weder unser eigenes Inneres noch die Natur Sinnbilder gibt — streng systematisch, bildlich vorzustellen. So werden Vorstellungen von uns willkürlich in ein Sinnbild gebracht, wie der Traum es uns unwillkürlich vorgaukelt. Durch innere Aktivität muß es erzeugt werden, das heißt aber, es muß der Traum verstärkt werden.

[ 14 ] In contrast to this stands what I always refer to as the anthroposophical worldview or the anthroposophical method of research. This takes the following initial standpoint: If a dream shows us that we are something outside our body, it proves, in and of itself, too weak to bring its own essence to light, to reveal itself. In order to reveal itself, it makes use of fragments of memory from life, the symbols of our own physicality. We must therefore strengthen and invigorate our soul life so that we can approach what stands before us in the dream, masked within the soul life. This is possible. It can be achieved by, as I have explained in my book How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds? and in other writings, by consciously imitating the dream through a systematic and precise so-called “meditative” life—not by artificially creating dreams, but by consciously awakening in the soul that which spontaneously rises from the subconscious in the dream. This is achieved by accustoming oneself to proceed in the same way that the dream proceeds involuntarily—that is, by symbolically representing things one knows well in inner meditation. The dream symbolically presents our own physicality to us. Since neither our own inner life nor nature provides us with symbols, we must now practice—in a strictly systematic way—visualizing things figuratively. In this way, our mental images are arbitrarily transformed into symbols, just as the dream unconsciously presents them to us. This must be brought about through inner activity; in other words, the dream must be intensified.

[ 15 ] Wenn wir im äußeren Leben sind, geben wir uns passiv den äußeren Beobachtungen und Wahrnehmungen hin. Dann ist die innere Tätigkeit eine schattenhafte. Jeder empfindet eigentlich, wie schattenhaft das abstrakte Vorstellen ist, wie die Gedanken hingegeben sind an die Außenwelt und dann schattenhaft verlaufen. Jeder spricht von den schattenhaften Gedanken gegenüber der konkreten Wirklichkeit. Wenn man aber dazu aufsteigt, jetzt Sinnbildliches vorzustellen, so muß man diese Sinnbilder machen. Und wenn man nun ein vollbewußter Mensch ist und kein Narr, so weiß man, daß man sie selbst macht. Man ist dann durchaus kein Träumer, sondern ein gewöhnlich Wachender, ja noch mehr als ein gewöhnlich Wachender. Dem Träumer kommen die Sinnbilder unwillkürlich, dem Wachenden die Vorstellungsbilder durch äußere Anregung. Der Wachende, der selber sich rege macht, was die Träume geben, der Sinnbilder mit aller inneren Kraft sich vor die Seele hinstellt und in voller, bewußter Besonnenheit den Traum nachahmt, der erweckt sich sozusagen zu einer höheren Denk- und Vorstellungsaktivität und damit zu einer höheren Seelenaktivität überhaupt, als man sie im gewöhnlichen Bewußtsein hat. Das muß dann aber wirklich ganz systematisch durchgeführt werden.

[ 15 ] When we are engaged in external life, we passively surrender ourselves to external observations and perceptions. Then our inner activity becomes shadowy. Everyone actually senses how shadowy abstract imagination is, how thoughts are devoted to the external world and then fade into the shadows. Everyone speaks of thoughts as being shadowy in comparison to concrete reality. But when one rises to the level of imagining symbolic images, one must create these symbols. And if one is a fully conscious person and not a fool, one knows that one creates them oneself. One is then by no means a dreamer, but an ordinary waking person—indeed, even more than an ordinary waking person. To the dreamer, the symbols come involuntarily; to the waking person, the images of the imagination arise through external stimulation. The person who is awake—who actively creates for themselves what dreams provide, who places symbols before their soul with all their inner strength, and who imitates the dream with full, conscious deliberation—awakens, so to speak, to a higher level of thought and imagination, and thus to a higher level of soul activity in general than one experiences in ordinary consciousness. But this must then be carried out in a truly systematic manner.

[ 16 ] Und ebenso kann die andere Seite des Traumes imitiert werden. Wir nehmen Ereignisse aus unserem Leben, die jahrelang voneinander abstehen können. Wir stellen sie nach Gesichtspunkten zusammen, so daß das eine neben dem anderen steht, aber jetzt nicht chaotisch wie im Traume, sondern nach Gesichtspunkten, die vielleicht auch durchaus aus der Phantasie sind, die wir aber ganz bewußt überschauen, die nichts Inneres uns aufdrängt, sondern die wir selber innerlich machen. Und so schulen wir uns allmählich, in einem inneren Seelenleben zu verharren; stark zu verharren in einem Seelenleben, das ganz aus der inneren Tätigkeit, aus der inneren Aktivität hervorgeht.

[ 16 ] And the other side of the dream can be imitated in the same way. We take events from our lives that may be years apart. We arrange them according to certain criteria so that one stands next to the other—but not chaotically as in a dream, rather according to criteria that may well be entirely products of the imagination, yet which we consciously oversee; criteria that are not imposed on us from within, but which we ourselves create internally. And in this way we gradually train ourselves to remain within an inner life of the soul; to remain firmly within a life of the soul that arises entirely from inner activity.

[ 17 ] Was da eigentlich mit dem Menschen vorgeht, wenn er solche Übungen macht, unterschätzt man heute vielfach, weil man die innere Aktivität des Denkens nicht liebt, weil man es schon sehr aktiv findet, wenn man unter der Anleitung der äußeren Beobachtung in Gedanken lebt. Aber der, der im Ernste zu einem wirklichen Imitator des Traumes mit vollem Bewußtsein wird, der erlebt, daß er seine innere Seelenregsamkeit stark intensiviert, daß er sie durchaus erkraftet. Er ist aber, wenn er kein Narr, sondern ein vernünftiger Mensch ist, sich dessen voll bewußt, daß er sich selber alle diese Bilder und diese Lebenszusammenhänge macht, das heißt, daß er also in Illusion lebt. Beim Traume muß man erst aufwachen, um vom Gesichtspunkte des Wachlebens aus das Illusorische des Traumes zu durchschauen. Der Traum läßt sich nur vom Standpunkte des Wachens aus durchschauen, der Träumende hält den Trauminhalt für Wirklichkeit, obwohl sein Gefühl für Wirklichkeit kein so erdichtetes ist. Wer zum Imitator des Traumes wird, der wird gewahr, wie ein lebendiges Inneres, Aktives in ihm regsam erweckt wird, wie er aber einen Inhalt hat, der durchaus Selbstbild, Illusion ist. Daher kommt er dazu, gar nichts darauf zu geben, was als Inhalt in ihm anwesend ist, sondern das ins Auge zu fassen, was in ihm arbeitet, regsam ist. Kurz, was wir sonst nur als ein allgemeines Ich- oder Selbstgefühl haben, das wird eine stark gefühlte innere Tätigkeit. Will man ein Geistesforscher werden und kein verschwommener Mystiker, so muß man besonnen und exakt bleiben. Bleibt man das aber, so wird man immer mehr und mehr dazu kommen, auch die Natur des Illusorischen zu erleben. Man weiß: Du stellst nichts vor, aber du stellst vor. Dadurch kommt man auch zu der Möglichkeit, einmal die Seelenfähigkeit zu entwickeln, mit der man wirklich nichts vorstellt und dennoch so tätig ist, wie man es in der Nachahmung des Traumes gelernt hat.

[ 17 ] What actually happens to a person when they engage in such exercises is often underestimated today, because people do not appreciate the inner activity of thinking, and because they already consider it very active when they live in their thoughts under the guidance of external observation. But the person who seriously becomes a true imitator of the dream with full consciousness experiences that they greatly intensify their inner soul activity, that they truly draw strength from it. However, if they are not a fool but a reasonable person, they are fully aware that they themselves are creating all these images and these life contexts—that is to say, that they are thus living in an illusion. With dreams, one must first wake up in order to see through the illusory nature of the dream from the perspective of waking life. A dream can only be seen through from the standpoint of wakefulness; the dreamer regards the content of the dream as reality, even though his sense of reality is not one that has been fabricated in this way. Whoever becomes an imitator of the dream becomes aware of how a living, inner, active force is vigorously awakened within him, yet how its content is entirely a self-image, an illusion. Consequently, one comes to attach no importance whatsoever to what is present within as content, but rather to focus on what is at work within, what is active. In short, what we otherwise have only as a general sense of “I” or self becomes a strongly felt inner activity. If one wishes to become a researcher of the spirit and not a vague mystic, one must remain level-headed and precise. But if one remains so, one will increasingly come to experience the very nature of the illusory. One knows: You are not imagining anything, yet you are imagining. Through this, one also gains the possibility of eventually developing the soul’s capacity to truly imagine nothing and yet be as active as one has learned to be in the imitation of a dream.

[ 18 ] Ich verweise Sie hier auf eine Seelentätigkeit, die durchaus beim Geistesforscher ausgebildet werden muß. Man glaubt gewöhnlich, und diejenigen, die die Sachen oberflächlich beurteilen, sprechen es oft aus: Geistesforschung ist etwas, wobei der Mensch sich so seinen Gedanken hingibt und etwas ausphantasiert — das ist leicht, während im Laboratorium, in der Klinik und auf der Sternwarte zu forschen, etwas Schwieriges, Entsagungsvolles ist. — Aber so ist es nicht. Denn was der Mensch als eine solche innere Seelenfähigkeit ausarbeiten muß, das nimmt zum mindesten eine ebensolange, ja auch viel längere innere Arbeit in Anspruch als irgendeine äußerlich angeeignete Wissenschaftlichkeit, wie sie heute in der Naturwissenschaft etwa üblich ist. Es sollte von denjenigen, die sich bekannt machen wollen mit dem, was hier Geistesforschung genannt wird, überhaupt nicht der Einwand erhoben werden: In der Naturforschung darf man kein Dilettant sein, wenn man mitreden will, da muß man wirklich etwas verstehen. — Was der Geistesforscher vorbringt, wird gewöhnlich so betrachtet, als ob es nur so leicht erworben würde gegenüber dem, was in der Naturforschung mit vieler Mühe erreicht wird. Aber es ist nur der Weg ein anderer. Bei der Naturforschung handelt es sich um das Verarbeiten der äußeren Wahrnehmungen und Tatsachen. Der Geistesforscher dagegen muß zuerst daran gehen, seine eigene innere Anschauungsfähigkeit zu entwickeln. Er entwickelt sie als Imitator des Traumes, aber indem in der meditativen Tätigkeit von ihm überwunden wird, was uns im Traume vorgegaukelt wird. Einer Tätigkeit werden wir uns im Traume nicht bewußt, die Traumbilder gaukelt sie uns vor; auf der ersten Stufe einer übersinnlichen Erkenntnis aber wird die Illusion vollständig durchschaut. Man weiß: Du stellst nichts vor — aber man wird die innere verstärkte, ermächtigte Tätigkeit gewahr und gelangt am Schluß dazu, an vielem Üben zu lernen, wie man diese Tätigkeit hervorrufen kann, ohne daß man erst eine illusorische Tätigkeit dazu braucht, ohne daß man erst den Traum nachahmen muß.

[ 18 ] I would like to draw your attention here to a mental activity that must certainly be cultivated by the spiritual researcher. It is commonly believed—and those who judge matters superficially often say so—that spiritual research is something in which a person simply indulges in their thoughts and imagines things—that is easy, whereas conducting research in a laboratory, a clinic, or an observatory is difficult and requires self-sacrifice. — But that is not the case. For what a person must develop as such an inner spiritual capacity requires, at the very least, an inner process of work that is just as long—if not much longer—than any externally acquired scientific expertise, such as is customary today in the natural sciences. Those who wish to familiarize themselves with what is called spiritual research here should not raise the objection at all: In natural science, one cannot be an amateur if one wishes to participate in the discussion; one must truly understand something. — What the spiritual researcher presents is usually viewed as if it were acquired so easily compared to what is achieved in natural science through great effort. But it is simply a different path. Natural science involves processing external perceptions and facts. The spiritual researcher, on the other hand, must first set out to develop his own inner capacity for insight. He develops it by imitating the dream, but by overcoming, through meditative activity, what is delusionally presented to us in the dream. In the dream, we are not conscious of an activity; the dream images merely delude us into believing in it; but at the first stage of supersensible knowledge, the illusion is completely seen through. One knows: You are not imagining anything—but one becomes aware of the inner, intensified, empowered activity and ultimately learns, through much practice, how to evoke this activity without first needing an illusory activity, without first having to imitate the dream.

[ 19 ] In der Nachahmung also entwickelt man diese Seelenfähigkeit. Wenn die Fähigkeit da ist, weiß man, was man mit ihr anfangen kann. Denn dann ist man in einem Zustande, wo man leeres aber durchaus waches Bewußtsein hat, aber auch innere Tätigkeit. Nachdem man das Illusorische dieser Tätigkeit abgeworfen hat, hat man zunächst keinen Inhalt. Doch der Zustand, den man durchlebt, gerade wenn man dazu kommt, die Fähigkeit der inneren Aktivität zu entwickeln, ohne zunächst auch einen Inhalt zu haben, dieser Zustand erfordert eine starke Überwindung. Und eigentlich ist diese Überwindung, die man dabei nötig hat, der Probier- und Prüfstein dafür, ob diese Geistesforschung eine ehrliche und echte ist. Denn in dem Moment, wo man sich dazu nur anschickt, mit leerem Bewußtsein, mit einfachem Wachbewußtsein, ohne daß dieses Wachbewußtsein einen Inhalt hat, zu leben, in diesem Moment breitet sich über das ganze Seelenleben ein unsäglicher Schmerz, eine unbegrenzte Entbehrung aus. Alles, was man sonst als Schmerzen in der Welt erleben kann, ist eigentlich gering gegenüber diesem geistig-seelischen Schmerz, den man in diesem Augenblicke der Erkenntnis erlebt. Und über diesen Schmerz muß man hinwegkommen. Denn dieser Schmerz ist eben der Ausdruck einer Kraft, die ihr physisches Abbild in allen möglichen Formen der Entbehrung hat: im Hunger, der uns zum Essen anleitet, im Durst, der uns zum Trinken zwingt und so weiter. Jetzt fühlen wir in der Seele etwas, was an uns herankommen muß, und wir fühlen es als einen unsäglichen Schmerz. Aber leben wir in dem Schmerz eine Weile, fühlen wir so recht unser Inneres selbst als ein schmerzerfülltes, das heißt, sind wir eine Weile Schmerz, ist unser eigenes Menschenwesen für unser Bewußtsein eine Weile nichts anderes als ein Zusammenhang von Schmerz, dann bleibt dieses Bewußtsein nicht länger leer, dann erfüllt sich dieses Bewußtsein, und es erfüllt sich nun nicht mit sinnlichem Inhalt, wie wir ihn durch Augen, Ohren und so weiter erhalten, sondern es erfüllt sich das Bewußtsein jetzt mit geistigem Inhalt. Und wir erhalten als das erste, was sich uns als geistiger Inhalt auf diese Art ergibt, unser eigenes geistiges Wesen, wie es als eine einheitliche Geistorganisation — aber in der Zeit, nicht im Raume lebend — sich ausdehnt zwischen der Geburt oder der Empfängnis und dem gegenwärtigen Augenblick, bis zu dem wir das Erdenleben durchlebt haben. Wie wir sonst in eine Perspektive des Raumes hineinschauen, unter der Perspektive Gegenstände, die fern sind, wieder sehen, so lernen wir von unserem gegenwärtigen Lebensaugenblicke aus hineinschauen in unsere eigene Vergangenheit. Das Körperliche schauen wir nicht in diesem Augenblicke, wir erinnern uns nur daran, wir müssen uns jedoch daran erinnern, denn sonst sind wir in unserem Bewußtsein zerstört. Der aber, der ein Geistesforscher werden will, darf kein Phantast werden, auch kein verworrener Mystiker, er muß sein Bewußtsein und seine Besonnenheit ganz so anwenden wie ein Mathematiker bei einem mathematischen Problem. Aber so, wie wir sonst die Dinge des Raumes in der Perspektive sehen, so schauen wir jetzt hinein in eine Zeitperspektive. Alles, was wir in unserem Dasein erlebt haben, steht jetzt vor uns in einem Zeittableau, aber in einem lebendigen Zeittableau. Doch nicht nur dasjenige, was wir selbst durchlebt haben, steht so vor uns, sondern auch dasjenige, was uns zeigt, wie wir geworden sind, wie innere geistig-seelische Kräfte von der Geburt oder Konzeption an unseren Körper aufgebaut haben, wie die plastischen Kräfte sind, die an unserem Leibe gearbeitet haben. Wir schauen uns äußerlich. Aber das, was wir da schauen, wodurch unser eigenes Seelenleben vor unserer Seele dasteht, das unterscheidet sich jetzt auch qualitativ von dem Erleben dieses Zeittableaus. Wenn man sonst auf sein Leben zurückblickt, dann erlebt man die Ereignisse, die an einen herankommen. Man erlebt zum Beispiel, wie ein Mensch an einen herangekommen ist, wie er einem entgegengetreten ist, liebevoll oder mit Haß, wie er dieses oder jenes vollbracht hat, indem er an einen herangekommen ist. Man erlebt sich in diesem Erinnerungsbilde so, wie die Außenwelt an einen herangetreten ist. In diesem anderen Erinnerungstableau dagegen, das aber jetzt in wirklichen Bildern dasteht, von denen man weiß, daß sie die eigene geistige Natur des Menschen wiedergeben, so wie sonst die gewöhnlichen Erinnerungsbilder die äußere Natur wiedergeben, in diesem anderen Erinnerungstableau blickt uns entgegen, wie wir uns der Außenwelt genähert haben. Da steht drinnen, wie man selber war, als man sich zum Beispiel einer anderen Persönlichkeit genähert hat, wie sich in unserem Gemüte Kräfte entfaltet haben, die gerade durch diese Persönlichkeit ihre Befriedigung, ihr Genüge, ihr Entzücken, ihre Froheit gefunden haben. Man schaut wirklich auf sich hin, wie man als Erdenmensch war. Und man sieht dann, wie jetzt in der Wirklichkeit die beiden Seiten, in denen der Traum maskiert war, zusammenfließen.

[ 19 ] It is through imitation, then, that one develops this capacity of the soul. Once the capacity is there, one knows what to do with it. For then one is in a state of empty yet thoroughly alert consciousness, accompanied by inner activity. After casting off the illusory nature of this activity, one initially has no content. Yet the state one experiences—precisely when one begins to develop the capacity for inner activity without initially having any content—this state requires a great deal of effort to overcome. And in fact, this effort required to overcome it is the test and touchstone of whether this spiritual research is honest and genuine. For at the very moment one sets out to live with an empty consciousness—with simple waking consciousness, without this waking consciousness having any content—at that very moment an indescribable pain, a boundless deprivation, spreads throughout one’s entire soul life. Everything else one might otherwise experience as pain in the world is actually insignificant compared to this spiritual-psychic pain that one experiences in this moment of realization. And one must overcome this pain. For this pain is precisely the expression of a force that finds its physical counterpart in all possible forms of deprivation: in hunger, which prompts us to eat; in thirst, which compels us to drink; and so on. Now we feel something in our soul that must come to us, and we feel it as an unspeakable pain. But if we live within that pain for a while—if we truly feel our inner self as one filled with pain; that is, if for a while we are pain itself, if our own human being is, for our consciousness, nothing but a web of pain—then this consciousness no longer remains empty; then this consciousness is filled, and it is now filled not with sensory content as we receive it through our eyes, ears, and so on, but rather this consciousness is now filled with spiritual content. And the first thing that presents itself to us as spiritual content in this way is our own spiritual being, as it extends—as a unified spiritual organization, existing in time rather than in space—from birth or conception to the present moment, up to which point we have lived out our earthly life. Just as we otherwise look into a spatial perspective, seeing objects that are distant from that perspective, so we learn to look back into our own past from the present moment of our life. We do not see the physical aspect at this moment; we merely remember it—but we must remember it, for otherwise we are destroyed in our consciousness. But anyone who wishes to become a spiritual researcher must not become a fantasist, nor a confused mystic; they must apply their consciousness and their level-headedness just as a mathematician would when solving a mathematical problem. But just as we normally view spatial objects in perspective, so now we look into a temporal perspective. Everything we have experienced in our lives now stands before us in a tableau of time—but a living one. Yet it is not only what we ourselves have lived through that stands before us in this way, but also that which shows us how we have become who we are—how inner spiritual and soul forces have built up our body from birth or conception onward, and what the formative forces are that have worked upon our body. We look at ourselves from the outside. But what we see there—through which our own soul life stands before our soul—now also differs qualitatively from the experience of this timeline. When one otherwise looks back on one’s life, one experiences the events that come toward one. For example, one experiences how a person approached one, how they met one—lovingly or with hatred—and how they accomplished this or that by approaching one. In this image of memory, one experiences oneself in the way the external world approached one. In this other tableau of memory, however—which now stands before us in real images that we know reflect our own spiritual nature, just as ordinary memories reflect our external nature—in this other tableau of memory, we see how we ourselves approached the outside world. There, within it, is how one was oneself when, for example, one approached another personality—how forces unfolded within one’s soul that found their satisfaction, their fulfillment, their delight, and their joy precisely through that personality. One truly looks upon oneself as one was as an earthly human being. And one then sees how, in reality, the two sides in which the dream was masked now flow together.

[ 20 ] Jetzt wird der Traum zu einer vollbewußten Wirklichkeit. Er wird sogar mehr, als das gewöhnliche Bewußtsein sieht. Man schaut zunächst das geistige Dasein, das im Körper drinnen lebt, das im Schlafe von ihm unabhängig ist, ja, das der Schöpfer des Körperlichen ist. Das schaut man. Und da merkt man schon, dieses geistige Dasein enthält auch noch, aber auf geistige Art, metamorphosiert, etwas wie die Naturgesetze, aber — Sie protestieren schon dagegen — in einem geistigen Dasein. In das, was man da erlebt, spielt schon die moralische Welt hinein. Da drinnen stecken schon die moralischen Gesetze, und sie stecken so darinnen, daß man jetzt weiß: so wie die eigene Geistigkeit wirkt, so sind die moralischen Gesetze wirksam. Da fangen die moralischen Gesetze an, sich ebenbürtig neben die Naturgesetze hinzustellen.

[ 20 ] Now the dream becomes a fully conscious reality. It even becomes more than what ordinary consciousness perceives. First, one perceives the spiritual being that lives within the body, that is independent of it during sleep—indeed, that is the creator of the physical body. That is what one perceives. And there one already notices that this spiritual being also contains, though in a spiritual form—metamorphosed—something akin to the laws of nature, but—you are already objecting to this—within a spiritual being. The moral world already plays a role in what one experiences there. The moral laws are already present there, and they are present in such a way that one now knows: just as one’s own spirituality acts, so do the moral laws take effect. This is where the moral laws begin to stand on an equal footing alongside the laws of nature.

[ 21 ] Aber man kommt damit nur bis zum Erleben des eigenen geistigen Daseins des Menschen im Erdendasein. Will man weiterkommen, so muß man noch andere Fähigkeiten in der Seele entwickeln. — Das Genauere darüber können Sie in den schon angeführten Büchern nachlesen, denn das Genauere ist nur durch das Üben vieler Einzelheiten zu erreichen. Hier soll nur das Prinzipielle erörtert werden. — Denken Sie sich, Sie erinnern sich an einen Zeitpunkt des Tages bis zum Morgen, wo Sie aufstanden, ja aufgewacht sind. Wenn Sie sich Mühe geben, kann der Tagesverlauf bis zu diesem Zeitpunkte vor Ihrer Seele stehen. Wenn Sie nun nicht in der Weise den Tagesverlauf sich vor die Seele stellen, daß Sie beim Morgen anfangen, dann zu den Erlebnissen des Vormittags und so weiter gehen, sondern wenn Sie den Tagesverlauf in rückwärtigem Ablauf vor die Seele stellen, so daß Sie bei dem bestimmten Zeitpunkte anfangen und ihn nun weiter rückwärts verfolgen, dann können Sie auch sagen, Sie kommen dann bis zu der Nacht, wo Sie geschlafen haben. Aber da stückeln Sie dann nichts an, da bleibt etwas unausgefüllt, und was sich dann an die rückwärts vorgestellten Ereignisse wieder anschließt, ist das letzte Erlebnis vor dem Einschlafen, und dann können Sie wieder den Tagesverlauf des vorigen Tages sich vor die Seele rücken. Kurz, wenn der Mensch in dieser Weise im gewöhnlichen Leben erinnert, so bleiben immer Abgründe zwischen dem bewußten Erleben — die Abgründe, die wir im bewußtlosen Zustande während des Schlafens durchgemacht haben.

[ 21 ] But this only takes one as far as experiencing one’s own spiritual existence as a human being on Earth. If one wishes to go further, one must develop other abilities within the soul. — You can read more details about this in the books already mentioned, for a deeper understanding can only be attained through practicing many specific details. Here, only the fundamental principles will be discussed. — Imagine that you are recalling a moment in the day leading up to the morning when you got up—or rather, when you woke up. If you make an effort, the course of the day up to that point can unfold before your soul. Now, if you do not present the course of the day to your soul by starting in the morning, then moving on to the experiences of the morning, and so on, but instead present the course of the day in reverse order—beginning at that specific moment and tracing it backward—then you can also say that you arrive at the night when you fell asleep. But then you leave out some parts; something remains unfilled, and what follows the events you’ve recalled in reverse is the last experience before falling asleep, and then you can once again bring the course of the previous day to mind. In short, when a person recalls events in this way in ordinary life, there are always gaps between conscious experiences—the gaps we have gone through in the unconscious state during sleep.

[ 22 ] Um nun weiterzukommen mit den Übungen, die sich an dieses Rückwärts-Erleben anknüpfen können, handelt es sich darum, daß man einen recht starken Wirklichkeitssinn sich aneignet. Ein solcher Wirklichkeitssinn ist zunächst nicht das, was die Menschen der Gegenwart stark auszeichnet. Es ist sogar etwas, was nicht ganz leicht zu erringen ist, denn mit Bezug auf das Erinnern bleiben die Menschen zumeist bei dem stehen, was im engsten Sinne irgendwie an ihrer Persönlichkeit haftet. Sie ziehen in ihren Gedanken nicht so stark die Fäden nach der Außenwelt, daß sich diese Fäden nach der Außenwelt mit ihren Erinnerungen verknüpfen. Der Mensch hat zumeist überhaupt nicht die Neigung, mit seinen Erinnerungen in der Außenwelt zu leben, real in der Außenwelt zu leben. Wie sehr das der Fall ist, davon kann man sich im alltäglichen Leben überzeugen. Ich habe schon Menschen kennengelernt, die zum Beispiel am Vormittag eines Tages eine Dame gesehen haben, die sie sehr interessiert hat, und wenn man sie fragt: Wie war die Farbe des Kleides der Dame? — wissen sie es nicht. Also ist es so, als wenn sie überhaupt die Dame nicht gesehen hätten, denn wenn sie sie gesehen haben, so haben sie doch damit auch die Farbe des Kleides gesehen. Wie locker ist man also mit der Außenwelt verbunden, wenn man am Nachmittage nicht einmal weiß, welche Farbe das Kleid eines Menschen hatte, den man am Vormittag gesehen hat! Ja, ich habe schon Leute kennengelernt, die haben sich in einem Raume aufgehalten und wußten nachher nicht, ob Bilder oder keine Bilder in dem Raume waren. Die unglaublichsten Erfahrungen kann man da machen. So muß daher der, der sich einen Wirklichkeitssinn aneignen will, sich erst darauf trainieren, auch in der äußeren sinnlichen Wirklichkeit voll zu leben, so daß das, an dem er vorübergeht, so vor ihm steht, wie es da draußen in der Wirklichkeit ist. Der Geistesforscher wird wahrhaftig kein Phantast; er muß sich Wirklichkeitssinn bis zu dem Grade aneignen, daß es ihm nicht passieren kann, am Nachmittage nicht zu wissen, was für ein Kleid die Dame trug, die er am Vormittag gesprochen hat. Er muß wirklich schon in der Sinneswelt mit Wirklichkeitssinn leben können.

[ 22 ] To move forward with the exercises that can build on this experience of looking back, the key is to develop a strong sense of reality. Such a sense of reality is not, at first, something that strongly characterizes people today. It is, in fact, something that is not entirely easy to attain, for when it comes to memory, people generally limit themselves to what, in the narrowest sense, is somehow attached to their personality. In their thoughts, they do not draw the threads toward the outside world strongly enough for those threads to become linked to their memories. People generally have no inclination whatsoever to live in the external world through their memories—to live truly in the external world. Just how true this is can be seen in everyday life. I have met people who, for example, saw a woman one morning who greatly interested them, and when asked, “What color was the woman’s dress?”—they don’t know. So it’s as if they hadn’t seen the woman at all, because if they did see her, they must also have seen the color of her dress. So how loosely are we connected to the outside world if, by the afternoon, we don’t even know what color the dress was of someone we saw that morning! Yes, I’ve even met people who were in a room and afterward didn’t know whether there were pictures in the room or not. One can have the most incredible experiences in this regard. Therefore, anyone who wishes to acquire a sense of reality must first train themselves to live fully even within external sensory reality, so that what they pass by stands before them just as it is out there in reality. The spiritual researcher certainly does not become a fantasist; he must acquire a sense of reality to such an extent that it cannot happen to him that, in the afternoon, he does not know what kind of dress the lady he spoke with that morning was wearing. He must truly be able to live with a sense of reality even within the sensory world.

[ 23 ] Nur wenn man sich darauf trainiert, dasjenige, was einem von den Dingen in der Erinnerung bleibt, anzuknüpfen an die äußere Welt der Wirklichkeit, dann entwickelt man den Sinn, für eine solche Geist-Erkenntnis eine fruchtbare Rückschau zustande zu bringen. Denn für das gewöhnliche Erinnerungsvermögen der Menschen schließt sich sehr leicht das Erinnerungsbild vor dem letzten Einschlafen an dasjenige nach dem letzten Aufwachen an. Ganz ohne Schwierigkeiten lassen die Menschen einfach das, was als Nachtabgrund zwischen diesen beiden Bildern liegt, weg, sie stükkeln das Bild des ersten Ereignisses nach dem Aufwachen unmittelbar an dasjenige des letzten Ereignisses vor dem Einschlafen an. Sie bemerken es meistens gar nicht mit einem lebhaften Bewußtsein, daß etwas dazwischen liegt. Will man sich aber ein solches Bewußtsein aneignen, daß man das, was man im Inneren erlebt hat, verknüpft mit dem Bilde, das von der Außenwelt da ist, dann muß man sich klarmachen, daß ja das, was man am Morgen nach dem Aufwachen erlebt, verbunden ist mit der ganzen Natur, die auf uns einen Eindruck macht, verbunden mit der aufgehenden Sonne, mit all den Eindrücken, die man durch die aufgehende Sonne hat, und so weiter — und was man als die letzten Ereignisse vor dem letzten Einschlafen hat, ist verbunden mit etwas, was in der Natur nicht zusammengehört, nämlich mit dem, was man nach dem letzten Aufwachen erlebte. Da wird man an den Bildern, die da nebeneinander stehen, gewahr werden: Da fehlt ja etwas! — Aber indem man so übt, indem man wiederum Seelenfähigkeiten erweckt, die im gewöhnlichen Leben nicht da sind, erlangt man die Kraft, daß man beim Rückwärtsschauen, wo man jetzt das erste Bild nach dem letzten Aufwachen hat und vordringen will zu dem letzten Bilde vor dem letzten Einschlafen, nun nicht eine Strecke Finsternis dazwischen erblickt, sondern daß diese Finsternis anfängt, sich geistig aufzuhellen, daß etwas sich hineinstellt in diese Finsternis. Wie man sonst für die tagwachen Zustände nur das verfolgt, was man erlebt hat, so tritt da plötzlich zwischen dem ersten Erlebnis nach dem letzten Aufwachen und dem letzten Erlebnis vor dem letzten Einschlafen etwas dazwischen, wovon man sich jetzt sagt: Du erinnerst dich ja an etwas — nur an etwas —, was du bisher nicht gewußt hast. — Es ist genau so wie im gewöhnlichen Erinnern sonst, nur daß man von dem, was nun herauftaucht, vorher nichts wußte. Jetzt fängt man an, zu erinnern, was man sonst verschlafen hat, selbst im traumerfüllten Schlafe verschlafen hat. Die leere Zeit, die man sonst im Bewußtsein hat zwischen dem letzten Erlebnis vor dem Einschlafen und dem ersten nach dem Aufwachen, sie füllt sich aus. Und wie sich unser gewöhnliches Bewußtsein ausfüllt mit den Erlebnissen des Naturdaseins, so füllt sich jetzt unser Bewußtsein aus mit dem, was wie eine Erinnerung heraufsteigt, aber wie eine, von der man jetzt weiß, du hast es im Unbewußten erlebt. Unser Bewußtsein füllt sich jetzt aus mit dem Seeleninhalt, der die äußeren Erlebnisse nicht mitgemacht, sondern sich vor den äußeren Erlebnissen zurückgezogen hat, schlafend geworden ist. Jetzt lernt man erkennen, wie die schlafende Seele wirklich ist, wenn sie nicht die Kraft hat, ihre Erlebnisse, die sie während des Schlafes in der geistigen Welt hat, so sich bewußt zu machen, wie der Mensch im Tagesleben sich die Ereignisse des physischen Lebens bewußt macht. Jetzt lernt man die menschliche Innerlichkeit als Geist und Seele wirklich kennen, und in diesem Augenblicke blickt man über das Erdenleben hinaus. Und man wird jetzt dasjenige, was man auf die geschilderte Weise wie ein großes aber konkretes Erinnerungstableau seines bisherigen Erdenlebens erblickt, nun angliedern können an das, was man war als seelisch-geistiger Mensch in einer rein geistigen Welt, bevor man durch die Geburt oder Konzeption in diese physische Welt heruntergestiegen ist.

[ 23 ] Only by training oneself to connect what remains of things in one’s memory to the external world of reality can one develop the ability to bring about a fruitful review for such spiritual insight. For in the ordinary human memory, the mental image before falling asleep last is very easily linked to the one after waking up last. Without any difficulty at all, people simply omit what lies between these two images—the abyss of the night—and immediately link the image of the first event after waking to that of the last event before falling asleep. Most of the time, they do not even notice with a vivid awareness that something lies in between. But if one wishes to cultivate an awareness that connects what one has experienced inwardly with the image of the external world, then one must realize that what one experiences in the morning upon waking is connected to the whole of nature, which makes an impression on us—connected to the rising sun, with all the impressions one receives from the rising sun, and so on—and what one experiences as the last events before falling asleep is connected to something that does not belong together in nature, namely, to what one experienced after waking up last. Then, looking at the images side by side, one will realize: Something is missing! — But by practicing in this way, by reawakening soul faculties that are not present in ordinary life, one gains the power so that, when looking backward—where one now has the first image after the last waking and wants to advance to the last image before the last falling asleep— you no longer see a stretch of darkness in between, but rather that this darkness begins to lighten spiritually, that something steps into this darkness. Just as one normally, in waking states, only traces what one has experienced, so suddenly something interposes itself between the first experience after the last waking and the last experience before the last falling asleep, about which one now says to oneself: You do remember something—just something—that you did not know before. — It is exactly the same as in ordinary memory, except that one knew nothing beforehand about what is now surfacing. Now one begins to recall what one would otherwise have slept through—even during dream-filled sleep. The empty time that one usually experiences in consciousness between the last experience before falling asleep and the first after waking up is now filled. And just as our ordinary consciousness is filled with the experiences of our existence in nature, so now our consciousness is filled with what rises up like a memory—but one of which you now know you experienced in the unconscious. Our consciousness is now filled with the content of the soul that did not participate in the external experiences but withdrew from them and fell asleep. Now one learns to recognize what the sleeping soul is truly like when it lacks the strength to become aware of the experiences it has in the spiritual world during sleep in the same way that a person becomes aware of the events of physical life in daily existence. Now one truly comes to know human inner life as spirit and soul, and at this moment one looks beyond earthly life. And one will now be able to connect what one perceives—in the manner described, as a vast yet concrete tableau of memories from one’s earthly life thus far—to what one was as a spiritual-soul being in a purely spiritual world before descending into this physical world through birth or conception.

[ 24 ] Und ebenso gliedert sich an dieses Erleben ein anderes. Wenn man während des ganzen Übens zu alledem hinzuentwickelt eine Fähigkeit, die gewöhnlich nicht als eine Erkenntnisfähigkeit angesehen wird, die aber doch eine solche auch ist — wenn man das entwickelt, was Liebe der Seele ist, volle Hingabe an das, was einem entgegentritt, so stark, daß einem diese Liebe bleibt, wenn man auch auf das eigene Selbst jetzt sieht, daß man das, was als Neues in der Seele auftritt, lieben kann mit einer wirklich hingebungsvollen Liebe —, dann entwickelt sich die Möglichkeit, mit vollem Bewußtsein im Wachzustande sich freizumachen im innerlichen Erleben von dem Körperlichen. In dem Augenblick aber, wo man sich im inneren Erleben frei gemacht hat von dem Körperlichen, da weiß man, wie es mit dem Menschen ist, wenn er ohne seine Körperlichkeit sein Leben durchlebt. Und im Bilde tritt einem vor die Seele die Tatsache des Durchgehens durch die Todespforte, des Sterbens. Hat man einmal erkannt, was es heißt, unabhängig vom Leibe in seinen geistigen Kräften sich zu erfassen, dann weiß man auch, was man ist im geistigen Dasein, wenn man den Leib abgelegt hat und durch die Todespforte geschritten ist. Und man lernt auch die Umgebung kennen, die dann für den Menschen vorhanden ist. Man lernt erkennen, wie mit dem Leibe, wenn er abgelegt ist, dasjenige von uns abfällt, was uns mit der Sinneswelt verbindet. Es bleibt aber das, was uns erst selbst gestaltet hat als Mensch, das Seelisch-Geistige des Menschen. So lernt man erkennen die Erlebnisse, die man mit anderen Menschen gehabt hat. Das aber, was in diesen Sinneserlebnissen gesteckt hat, wie sich Seele zu Seele gefunden hat, was sich ausgelebt hat in den Beziehungen zu anderen Menschen, zu näher und ferner stehenden, was sich im Raume und in der Zeit abspielte, das Ewig-Geistige lernt man erkennen, wie es die irdische Form des Erlebens abstreift. Und um so mehr erlebt dann die Seele das, was geistig in ihr gesteckt hat an Beziehungen zu anderen Menschen. Und es wird das, was sonst nur Gegenstand des Glaubens ist, Erkenntnisgewißheit.

[ 24 ] And just as this experience unfolds, another follows. If, throughout the entire practice, one develops alongside all this a capacity that is not usually regarded as a capacity for insight, but which is indeed one—if one develops what is love of the soul, full devotion to whatever comes one’s way, so strong that this love remains even when one now looks at one’s own self, so that one can with a truly devoted love—then the possibility arises of freeing oneself from the physical in one’s inner experience while fully conscious in the waking state. But the moment one has freed oneself from the physical in one’s inner experience, one knows what it is like for a human being to live out their life without their physicality. And the image of passing through the gate of death—of dying—arises before one’s soul. Once one has recognized what it means to perceive oneself in one’s spiritual powers, independent of the body, then one also knows what one is in spiritual existence once one has laid aside the body and passed through the gate of death. And one also comes to know the environment that then exists for the human being. One learns to recognize how, when the body is shed, that part of us which connects us to the sensory world falls away. What remains, however, is what has shaped us as human beings in the first place: the soul-spiritual aspect of the human being. Thus one learns to recognize the experiences one has had with other human beings. But one comes to recognize the eternal-spiritual aspect of what lay within these sensory experiences—how soul met soul, what played out in relationships with other people, both close and distant, what unfolded in space and time—as it sheds the earthly form of experience. And all the more does the soul then experience what was spiritually inherent in its relationships with other people. And what is otherwise only a matter of faith becomes certainty of knowledge.

[ 25 ] Das erleben die Menschen, wenn sie selber durch die Todespforte gegangen sind. Was von der Menschenseele gewöhnlich als Unsterblichkeit ersehnt wird, das tritt nur auf diese Weise in die wirkliche Menschenerkenntnis herein. Aber nur indem wir das wirklich Ewige im Menschen erkennen, dadurch, daß wir unsere Kräfte so weit anspannen, dieses Ewige in unserem Dasein im vorirdischen, geistig-seelischen Sein zu erkennen, erringen wir uns auch das, was uns das Fortleben nach dem Tode zur Gewißheit werden läßt. Das [Vorirdische] hat selbst als Ewiges in der Menschenseele in der heutigen Zivilisation kein Wort mehr, denn wir kennen nur die eine Hälfte der Ewigkeit, wir sprechen von Unsterblichkeit. Ältere Sprachen haben die andere Seite gehabt, die Ungeborenheit, das heißt unser Dasein, ehe wir ins Erdenleben eintreten. Aber erst die beiden Seiten — Ungeborenheit und Unsterblichkeit — machen die Ewigkeit aus. Und es ist so, daß der Mensch seine Sehnsucht nach der Unsterblichkeit damit bezahlen muß, daß sie ein bloßer Glaube wird, wenn er in der Erkenntnis verzichten will auf die Ungeborenheit, denn die Ewigkeit wird ihm nur klar, wenn er die beiden Seiten der Ewigkeit, die Ungeborenheit sowie die Unsterblichkeit seines Wesens in einer Einheit erkennt. Damit ist dann der Mensch vorgeschritten zu einem wirklichen Ergreifen desjenigen, was er ist, zu einer wirklichen Selbsterkenntnis.

[ 25 ] This is what people experience when they themselves have passed through the gate of death. What the human soul usually longs for as immortality enters into true human knowledge only in this way. But only by recognizing the truly eternal in the human being—by straining our powers to the limit to recognize this eternal aspect in our existence within our pre-earthly, spiritual-soul life—do we also attain that which gives us the certainty of life after death. That [pre-earthly] aspect, even as the eternal within the human soul, has no place in today’s civilization, for we know only one half of eternity; we speak of immortality. Older languages had the other aspect—unbornness—that is, our existence before we enter earthly life. But it is only these two aspects—unbornness and immortality—that constitute eternity. And it is the case that a person must pay for his longing for immortality by allowing it to become a mere belief if he wishes to renounce “unbornness” in his understanding; for eternity becomes clear to him only when he recognizes the two sides of eternity—the “unbornness” as well as the immortality of his being—as a unity. Thus, human beings have advanced toward a true grasp of what they are, toward true self-knowledge.

[ 26 ] Immer wieder muß ich bei solchen Gelegenheiten betonen, gewiß, eine solche Geistesforschung kann nur der ausüben, der die entsprechenden Fähigkeiten durch Übung oder sonst irgendwie durch das Schicksal sich angeeignet hat, aber wenn die Ergebnisse einer solchen Forschung ausgesprochen werden, dann können sie eigentlich von jedem ebenso plausibel gefunden werden wie zum Beispiel die Ergebnisse der Astronomie. Und so, wie man kein Maler zu sein braucht, um die Schönheit eines Bildes zu erleben — denn wenn das nötig wäre, könnten es nur die Maler —, ebensowenig braucht man, um die Erkenntnisse der Geistesforschung aufzunehmen, selbst unbedingt ein Geistesforscher zu werden, obwohl man es bis zu einem gewissen Grade werden kann, denn der Mensch ist auf die Wahrheit und nicht auf die Verworrenheit und auf den Irrtum hin angelegt. Wie man mit seinem gesunden Erleben einem Bilde gegenüberstehen und seine Schönheiten bewundern kann, so kann man, wenn man sich nur nicht selber Steine in den Weg legt als Vorurteile und dergleichen, dasjenige erleben, was von der Geistesforschung dargestellt wird. Man kann es einsehen, wenn man sich nur tatsächlich mit seinem Wahrheitssinn der Sache hingibt, und durchaus unberechtigt ist der Vorwurf derjenigen, die von den Bekennern der Geisteswissenschaft sagen, sie huldigten nur einem blinden Glauben. Gerade in der heutigen Zeit wird die Anthroposophie, wenn die Menschen durch Anwendung ihres Wahrheitssinnes oder durch Forschung in der geschilderten Weise zu einer Selbsterkenntnis des Menschenwesens kommen, den Menschenseelen dasjenige bringen können, wonach, wie ich in der Einleitung des heutigen Vortrages gesagt habe, diese Seelen in der jetzigen Zeit hungern. Wenn sich auch diese Zeitforderung noch gar nicht vielen Menschen zum Bewußtsein bringt, wenn sie auch nur unbestimmt oder auch nur in der Untüchtigkeit im Leben sich zeigt — da ist sie in dem, was sich in der Zivilisation der Gegenwart so deutlich ausdrückt.

[ 26 ] Time and again, on such occasions, I must emphasize that, certainly, such spiritual research can only be carried out by those who have acquired the necessary abilities through practice or in some other way through fate; but when the results of such research are presented, they can actually be found just as plausible by anyone as, for example, the results of astronomy. And just as one need not be a painter to experience the beauty of a painting—for if that were necessary, only painters could do so—one need not, in order to grasp the insights of spiritual research, necessarily become a spiritual researcher oneself, although one can become one to a certain degree, for human beings are inclined toward truth and not toward confusion and error. Just as one can stand before a painting with a healthy sense of experience and admire its beauty, so too can one experience what spiritual science presents—provided one does not place obstacles in one’s own path in the form of prejudices and the like. One can understand this if one simply devotes oneself to the matter with a genuine sense of truth, and the accusation made by those who claim that adherents of spiritual science merely indulge in blind faith is entirely unfounded. Especially in our time, when people come to a self-knowledge of the human being through the application of their sense of truth or through research in the manner described, anthroposophy will be able to bring to human souls that which, as I said in the introduction to today’s lecture, these souls are hungry for in the present age. Even if this need of our time has not yet come to the awareness of many people, even if it manifests itself only vaguely or even merely as a lack of competence in life—it is present in what is so clearly expressed in contemporary civilization.

[ 27 ] Die Naturwissenschaft und viele philosophische Weltanschauungen sprechen von unübersteiglichen Erkenntnisgrenzen. Damit ist ihnen unübersteigbar die Grenze, die zum Menschen selber führt. Der Mensch aber kann der wirklichen Selbsterkenntnis für die Dauer nicht entbehren.

[ 27 ] The natural sciences and many philosophical worldviews speak of insurmountable limits to knowledge. For them, the limit that leads to human beings themselves is insurmountable. Human beings, however, cannot do without true self-knowledge in the long run.

[ 28 ] Ich werde im morgigen Vortrage dort anknüpfen, wo ich heute aufgehört habe, und das sittlich-religiöse Leben schildern, wie es sich im Menschen bereichert und verinnerlicht. Ich werde damit die Anwendung auf das unmittelbar praktische Leben dann morgen zu geben haben. Im heutigen Vortrage wollte ich zunächst zeigen, wie dieser Zeitforderung, die als eine Gemüts- und Seelenforderung bei immer mehr und mehr Menschen gegenüber der gegenwärtigen Zivilisation mit ihren Erkenntnisgrenzen auftaucht, Genüge getan werden kann durch eine wirkliche Geisteserkenntnis; durch eine Erkenntnis dessen, was der Mensch über seine eigene Unsterblichkeit und das, was mit ihr zusamrnenhängt, wissen will, ja, wissen muß, weil nur auf diese Art eine wahre Selbsterkenntnis erlangt wird und nur mit dieser wahren Selbsterkenntnis ein sich selbst Erfassen und sich selbst Erfühlen verbunden sein kann. Denn nur dadurch wird der Mensch vor der eigenen Seele mit ihrer Ewigkeitsnatur stehen können, daß er sich eine Erkenntnis dessen verschafft, wie er als geistig-seelisches Wesen eingewoben ist in die geistig-seelische Sphäre der Welt, so wie er als körperhaftes Wesen in der Welt des Körperhaften sein Dasein hat. Nur dann, wenn er sich von sich selbst eine Erkenntnis als Geist unter Geistern verschafft, wird er sich auch eine wirkliche innere Sicherheit verschaffen können. Weiß der Mensch, wessen er in der Welt wert und würdig ist, erst dann steht er mit dem Bewußtsein von sich als Mensch in der Welt, das er aus unbestimmtem Gefühl heraus als das einzig richtige Menschenbewußtsein anerkennen kann. Und erst dadurch, daß die Menschen wiederum nach einem solchen Licht der Selbsterkenntnis und der geistigen Welterkenntnis suchen werden, erst dadurch wird der Hunger der Gegenwart nach einem wirklichen Durchdringen der eigenen Menschennatur gestillt werden können. Denn die Menschheit wird gegenüber allen Anforderungen der fortschreitenden Zivilisation nicht anders zurechtkommen können, als wenn sie begreift: Selbst-Erkenntnis des Menschen kann nicht etwas anderes sein als Geist- Erkenntnis, denn der Mensch kann sich als wahrer Mensch nur erfühlen, wenn er sich als Geist unter Geistern erkennt, wie er sich in seinem vorübergehenden Erdendasein nur empfinden kann als körperliches Wesen unter körperlichen Wesen.

[ 28 ] In tomorrow’s lecture, I will pick up where I left off today and describe moral and religious life as it enriches and becomes internalized within the human being. I will then have to apply this to immediate practical life tomorrow. In today’s lecture, I wanted first to show how this demand of our time—which arises as a demand of the mind and soul in more and more people in the face of present-day civilization with its limits of knowledge—can be met through genuine spiritual knowledge; through an understanding of what human beings wish to know—indeed, must know—about their own immortality and all that is connected with it, for only in this way can true self-knowledge be attained, and only this true self-knowledge can be linked to a grasping and feeling of one’s own self. For it is only by gaining an understanding of how, as a spiritual-soul being, he is woven into the spiritual-soul sphere of the world—just as he exists as a physical being in the physical world—that a human being will be able to stand before his own soul with its eternal nature. Only when a person gains an understanding of themselves as a spirit among spirits will they also be able to attain true inner security. Only when a person knows what they are worth and worthy of in the world do they stand in the world with an awareness of themselves as a human being—an awareness that they can recognize, out of an indefinable feeling, as the only true human consciousness. And only when people once again seek such a light of self-knowledge and spiritual understanding of the world—only then—will the present-day hunger for a true penetration of their own human nature be satisfied. For humanity will be unable to cope with all the demands of advancing civilization unless it understands: Self-knowledge of the human being can be nothing other than knowledge of the spirit, for the human being can only perceive himself as a true human being if he recognizes himself as a spirit among spirits, just as he can only perceive himself in his transient earthly existence as a physical being among physical beings.