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An Anthroposophical Understanding
of the Psychic Human Being
GA 231

16 November 1923, The Hague

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An Anthroposophical Understanding of the Psychic Human Being, tr. SOL
  1. Der übersinnliche Mensch anthroposophisch erfasst

Anthroposophie als menschlich-persönlicher Lebensweg

Anthroposophy as a Human and Personal Path in Life

[ 1 ] Gestern habe ich mir erlaubt, darzustellen, wie der Weg des Menschen, zu einer Erkenntnis der geistigen Welt zu wandern, möglich ist, und wie dadurch, daß ein solcher Weg heute als eine Möglichkeit hingestellt wird, tatsächlich einem tiefen Bedürfnis, ich möchte sagen einem Hunger der gegenwärtigen Menschheit nach einer übersinnlichen Erkenntnis, Genüge geschehen kann. Es wird nun aus der gestrigen Schilderung ersichtlich geworden sein, wie dieser Weg zu geistigen Erkenntnissen in die unmittelbare Nähe des elementarsten menschlichen Strebens, des elementarsten inneren menschlichen Seelenlebens dringt. Mußte ich doch schildern, wie eine solche Erkenntnis des Ewigen in der Menschenseele nur möglich ist, wenn der Mensch erst gewisse innere vorbereitende Seelenerlebnisse durchmacht und dadurch gewissermaßen das sonst für die Welt des Geistes schlafende Bewußtsein erst aufweckt.

[ 1 ] Yesterday I took the liberty of describing how it is possible for human beings to embark on a path toward knowledge of the spiritual world, and how the fact that such a path is presented today as a possibility can indeed satisfy a deep need—I would even say a hunger—of present-day humanity for supersensory knowledge. It will now have become clear from yesterday’s description how this path to spiritual knowledge penetrates into the very heart of the most fundamental human striving, the most fundamental inner life of the human soul. After all, I had to describe how such an insight into the eternal in the human soul is only possible if the human being first undergoes certain inner, preparatory soul experiences and thereby, as it were, first awakens the consciousness that otherwise lies dormant for the world of the spirit.

[ 2 ] Dadurch unterscheidet sich das, was als eine solche übersinnliche Erkenntnis, als eine Erkenntnis des Ewigen in der Menschenwesenheit gestern geschildert werden konnte, ganz wesentlich von dem, was heute als die einzig anerkannte Erkenntnisart gilt, was ja, wie ich gestern auseinandersetzte, überall zu Grenzen dieser Erkenntnis führt. Sehen wir nur einmal darauf hin, wie das, was heute, sei es durch Beobachtung, sei es durch Experiment, aber doch in alledem nur durch die Betätigung des Verstandes an der Beobachtung und an dem Experiment als Erkenntnis gewonnen wird, einen ganz und gar unpersönlichen Charakter trägt. Dieser unpersönliche Charakter tritt uns gerade dann am lebhaftesten entgegen, wenn wir durch unser Schicksal an das heute gebräuchliche Erkenntnisleben näher herangeführt wurden. Aber wo ist denn dieses Erkenntnisleben? Man könnte sagen, es ist in Büchern. Es ist in einer mehr oder weniger geschriebenen Tradition, und der Mensch nimmt es sehr häufig, allermeistens, durch äußere Veranlassung auf. Bedenken wir doch nur einmal ganz ehrlich mit uns selbst vorgehend, wie der Mensch heute herangebändigt werden muß zu dem, was anerkannte Erkenntnis ist, und wie er im Hinblick auf alle die Prozeduren, die er zur Erlangung einer solchen Erkenntnis durchzumachen hatte, oft sehr froh ist, wenn er, hineintretend in die Fragen des praktischen Lebens, wiederum alle diese Dinge zum größten Teile den Büchern — der Objektivität könnten wir sagen, damit es schöner klingt — überlassen kann. Er will dann wieder ganz Mensch sein, will nicht bei dem stehenbleiben, von dem man immer mit einem solchen Stolz sagt, «man» hat es gefunden. Wie tritt einem doch dies «Man hat es gefunden» auf allen Gebieten entgegen! Wenn jemand aus den Tiefen seines Erlebens behauptet, etwas gefunden zu haben, dann wird gleich einer, der fix ist auf dem Gebiete des Wissenschaftslebens, kommen und sagen: Das stimmt aber nicht zu dem, was «man» gefunden hat, was wissenschaftliche Erkenntnis ist.

[ 2 ] As a result, what could be described yesterday as such supersensible knowledge—as knowledge of the eternal within the human being—differs quite fundamentally from what is today regarded as the only recognized form of knowledge, which, as I explained yesterday, inevitably leads everywhere to the limits of this knowledge. Let us just consider how what is gained as knowledge today—whether through observation or through experiment, but in all cases solely through the activity of the intellect in relation to observation and experiment—bears a completely impersonal character. This impersonal character strikes us most vividly precisely when fate has brought us closer to the way of knowing that is common today. But where, then, is this way of knowing? One might say it is in books. It exists in a more or less written tradition, and people very often—in the vast majority of cases—take it in through external influences. Let us just consider, in all honesty with ourselves, how people today must be guided toward what is recognized as knowledge, and how—in view of all the procedures they had to go through to attain such knowledge—they are often very glad when, upon entering into the questions of practical life, they can once again leave all these things largely to the books — we could call it “objectivity,” to make it sound nicer —. He then wants to be fully human again; he does not want to remain stuck at the point where people always say with such pride, “We” have found it. How often does this “We have found it” confront us in every field! If someone, from the depths of their experience, claims to have found something, then someone well-versed in the realm of scientific life will immediately come along and say: But that doesn’t agree with what “people” have found, with what constitutes scientific knowledge.

[ 3 ] So möchte ich sagen, die Erkenntnis ist etwas, was sich abgesondert hat von dem unmittelbaren, herzlichen Erleben des persönlichen Menschen. Man glaubt sogar, es könne nur dann etwas wahr sein, wenn es abgesondert von alledem, was aus dem unmittelbaren Gemüt der menschlichen Natur heraus kommt, erlebt wird. Dagegen mußte ich Ihnen gestern einen Erkenntnisweg schildern, der nicht so ist, sondern der einen persönlich in Anspruch nimmt, der auch unmittelbar das menschliche Gemüt elementar beteiligt. Man kann ihn nicht goutieren, wenn ich so sagen darf, ohne daß man mit dem innersten Herzen dabei ist. Da wird also die Erkenntnis an die menschliche Persönlichkeit herangeführt. Und heute möchte ich Ihnen einmal sprechen von allen Folgen dieser Heranführung der Erkenntnis an das persönliche Element für das menschliche Leben.

[ 3 ] I would like to say, then, that knowledge is something that has become separated from the immediate, heartfelt experience of the individual human being. People even believe that something can only be true if it is experienced in isolation from everything that springs from the immediate heart of human nature. In contrast, yesterday I had to describe to you a path to knowledge that is not like that, but rather one that engages the individual personally and directly involves the human heart in a fundamental way. One cannot appreciate it, if I may say so, without being fully present with one’s innermost heart. Thus, knowledge is brought into contact with the human personality. And today I would like to speak to you about all the consequences for human life of bringing knowledge into contact with this personal element.

[ 4 ] Es ist ja nicht so, daß diese gestern geschilderte Erkenntnis, wenn sie an uns herankommt, gewissermaßen nur eine Fortsetzung dessen ist, was man unter der Flagge des «Man hat es gefunden» heute als Erkenntnis auffaßt. Es ändert sich nicht bloß die Summe der Erkenntnisse, es ändert sich auch die ganze Art, wie man diese Erkenntnis erlebt.

[ 4 ] It is not as if this insight described yesterday, when it reaches us, is, so to speak, merely a continuation of what is today regarded as insight under the banner of “It has been found.” It is not merely the sum of our insights that changes; the entire way in which we experience this insight also changes.

[ 5 ] Sehen wir uns einmal das hervorstechendste Charakterzeichen jener Erkenntnis an, in der es die gegenwärtige Menschheit gerade zur allerhöchsten Höhe gebracht hat. Ich will damit gar nicht etwas einwenden gegen diese Erkenntnisart. Sie hat auf ihrem Boden die allergrößten Erfolge erzielt, hat der Menschheit in äußerer Beziehung außerordentlich viel Segen gebracht, allerdings einen Segen, der sich im gegenwärtigen Zeitalter der Zivilisation wiederum stark aufhebt. Aber diese Erkenntnis hat ein Kennzeichen, sie spricht davon, daß irgend etwas «wahr» oder «falsch» oder «irrtümlich» ist. Und man geht ja darauf aus, verstandesmäßig oder durch das, was der Verstand an der äußeren Welt sich erobern kann, zu entscheiden: Was ist wahr, was ist irrtümlich? — Man will logisch sein, will erfahrungsmäßig vorgehen, will Wahrheit und Irrtum erfahrungsgemäß feststellen. Gewiß, man hat schon Mittel, um Wahrheit und Irrtum erfahrungsgemäß festzustellen. Wie gesagt, eingewendet soll nichts gegen diese Methode werden; aber es soll hingestellt werden, wie anders jene Methoden auf den Menschen wirken, von denen ich gestern gesprochen habe. Wenn man nun schon wirklich etwas entdeckt hat, zu dem man sagt, das ist wahr, das ist falsch, das ist wirklich — dann bleibt es doch so auf einem abstrakten Tableau vor uns stehen. Es sondert sich auch in seiner Wahrheit und in seinem Irrtum so von uns ab, daß wir uns mit unserer Persönlichkeit wenig an dieser Wahrheit und an diesem Irrtum beteiligen. Gewiß, wir können für die Wahrheit enthusiasmiert sein und sollen es sein, wir können den Irrtum verabscheuen und sollen ihn verabscheuen, aber wenn wir alles, was wir als Wahrheit und Irrtum feststellen können, mit den anderen Lebensverhältnissen der Menschheit vergleichen, so zeigt sich doch ein gewaltiger Unterschied. Ich möchte etwas ganz Grobes sagen: Wenn wir das Hungerbedürfnis befriedigen, dann wissen wir, wir tun damit etwas an uns, was einen ganz persönlichen Charakter hat. Es läßt sich der Mensch dabei nicht ausschalten von dem, was wir da tun; es stellt sich das nicht auf einem solchen objektiven Tableau vor uns hin. Wenn wir dagegen über Wahrheit und Irrtum entscheiden, so wollen wir nicht eigentlich, daß dies mit uns in unmittelbarem Zusammenhange steht. Wenn wir gestern über eine Sache noch im Irrtum waren, heute über sie nicht mehr im Irrtum sind — gewiß, es ist eine abstrakte Entscheidung, aber wir sind dadurch in unserem persönlichen Sein nicht wesentlich geändert. Wenn wir jedoch seit gestern etwas gegessen haben, was wir vorher nicht gegessen haben, was wir uns innerlich einverleibt haben, dann hat sich in uns etwas persönlich geändert.

[ 5 ] Let us take a look at the most striking characteristic of that form of knowledge to which present-day humanity has just been raised to its very highest level. I do not mean by this to raise any objection to this type of knowledge. It has achieved the greatest successes within its own sphere and has brought humanity an extraordinary amount of benefit in external terms—though a benefit that, in the present age of civilization, is in turn being largely negated. But this form of knowledge has one defining characteristic: it speaks of something being “true,” “false,” or “erroneous.” And people naturally seek to determine—intellectually or through what the intellect can grasp of the external world—what is true and what is erroneous. — One wants to be logical, to proceed empirically, to determine truth and error on the basis of experience. Certainly, one already has means for determining truth and error empirically. As I said, no objection is to be raised against this method; but it should be pointed out how differently those methods I spoke of yesterday affect human beings. Now, even if one has truly discovered something about which one says, “This is true, this is false, this is real”—it still remains before us as an abstract tableau. It also separates itself from us in its truth and in its error in such a way that we, as individuals, have little personal involvement with this truth and this error. Certainly, we can be enthusiastic about the truth—and we should be—and we can abhor error—and we should abhor it—but when we compare everything we can identify as truth and error with the other conditions of human life, a tremendous difference becomes apparent. I would like to put it very bluntly: When we satisfy the need for food, we know that we are doing something to ourselves that has a thoroughly personal character. In doing so, we cannot detach ourselves from what we are doing; it does not present itself to us as some kind of objective tableau. When, on the other hand, we make judgments about truth and error, we do not actually want this to be directly connected to us. If we were mistaken about something yesterday but are no longer mistaken about it today—certainly, it is an abstract decision, but it does not fundamentally alter our personal being. However, if since yesterday we have eaten something we had not eaten before—something we have internally incorporated—then something within us has personally changed.

[ 6 ] Diese Begriffe «Wahrheit» und «Irrtum», «richtig» und «falsch» ändern sich im unmittelbaren Erleben der geisteswissenschaftlichen Wahrheiten. Indem man sich in jenen Erkenntnisweg hineinlebt, den ich gestern beschrieben habe, spricht man allmählich nicht mehr so, daß man sagt, etwas ist wahr, etwas ist Irrtum oder falsch. Diese Worte gelten eigentlich im Grunde genommen für das, was in der äußeren materiellen Welt von uns anerkannt oder abgewiesen werden kann, und die wenigsten Menschen wissen ja, was es mit dieser Wahrheit oder diesem Irrtum eigentlich auf sich hat. Denn dringt man ein wenig ein in das, was es heißt, etwas ist wahr, etwas ist falsch — so muß man zurückgehen in der Auffassung der Menschen über diese Begriffe Wahrheit und Irrtum, und dann kommt man auf etwas ganz Besonderes. Gerade wenn man in verschiedenen Sprachen die Bezeichnungen für Wahrheit und Irrtum auffaßt, kommt man darauf, daß diese beiden Begriffe in ihrer heutigen Abstraktheit ja erst entstanden sind. Sie waren in früheren Zeiten nicht vorhanden, sie sind ein Entwickelungsprodukt. In früheren Zeiten galt einmal eine bestimmte Sache, die ein Mensch anerkennen sollte, als das, was von den Göttern gewollt ist; und was er nicht anerkennen sollte, war das, was von den Göttern nicht gewollt ist. So unterschied man die Welt als das von den Göttern Gewollte und als das von ihnen nicht Gewollte. Und indem der Mensch das anerkannte, was von den Göttern gewollt wurde, war er wahr, war er treu den Göttern. Das Wort «treu» für «wahr» erkennt man noch in verschiedenen Sprachen. Wahr: treu der göttlichen Weltordnung, unwahr: untreu der göttlichen Weltordnung. Die andere Auffassung ist erst hinterher gekommen. Als der Intellekt alle Erkenntnis beherrschend geworden ist, hat man vergessen, auf welche Urgründe die Bezeichnungen Wahrheit und Irrtum eigentlich zurückgehen. Und so stehen wir heute der anerkannten Erkenntnis unpersönlich, ja in einem hohen Grade gleichgültig gegenüber.

[ 6 ] These concepts—“truth” and “error,” “right” and “wrong”—change in the direct experience of the truths of spiritual science. As one immerses oneself in the path of knowledge I described yesterday, one gradually ceases to speak in such a way as to say that something is true, something is an error, or something is false. These words actually apply, at their core, to what can be accepted or rejected by us in the outer material world, and very few people really know what this truth or this error is all about. For if one delves a little into what it means to say that something is true or something is false—one must go back to people’s understanding of these concepts of truth and error, and then one arrives at something quite special. Precisely when one examines the terms for truth and error in various languages, one realizes that these two concepts, in their present abstract form, have only recently come into being. They did not exist in earlier times; they are a product of development. In earlier times, a particular thing that a person was expected to acknowledge was regarded as what the gods willed; and what a person was not expected to acknowledge was what the gods did not will. Thus, the world was distinguished as that which the gods willed and that which they did not will. And by acknowledging what was willed by the gods, a person was true, was faithful to the gods. The word “faithful” as a synonym for “true” can still be found in various languages. True: faithful to the divine world order; false: unfaithful to the divine world order. The other conception came only later. When the intellect came to dominate all knowledge, people forgot the original foundations to which the terms “truth” and “error” actually trace back. And so today we regard accepted knowledge impersonally, indeed with a high degree of indifference.

[ 7 ] Die Erkenntnisart, von der ich gestern gesprochen habe, führt uns wieder dazu, etwas Reales, etwas Konkretes mit dem zu verbinden, was wir anerkennen, und mit dem, was wir abweisen. Daher sprechen wir in der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft nicht bloß davon, daß etwas wahr ist, sondern wir kommen da zu einem Begriff, der sehr ähnlich dem ist, wenn wir etwas gesund für uns Menschen nennen. Und was in der hier gemeinten Geisteswissenschaft gestern von mir vorgebracht worden ist, bezeichnet der, der in ihr drinnen steht, viel lieber als «gesund» denn als «wahr». Man spricht von gesunden Erkenntnissen, und man spricht von kranken Erkenntnissen, die abgewiesen werden sollen. So treten allmählich an die Stelle der Begriffe wahr und irrtümlich, die nur für die physische Welt gelten, die Begriffe gesund und krank. Dadurch ist man aber als Mensch genötigt, persönlich schon der ganzen Erkenntnis näherzukommen. Denn wir sind ja in begreiflicher Weise gewöhnt, irgend etwas als gesund zu empfinden, was wir begehren, was wir wollen, wozu unsere Persönlichkeit drängt. Dagegen weisen wir, sofern wir es können, das Kranke zurück als das, wozu unsere Persönlichkeit nicht drängt.

[ 7 ] The kind of knowledge I spoke of yesterday leads us once again to connect something real, something concrete, with what we accept and with what we reject. That is why, in anthroposophically oriented spiritual science, we do not merely speak of something being true; rather, we arrive at a concept that is very similar to what we mean when we call something “healthy” for us human beings. And what I presented yesterday regarding the spiritual science referred to here is described by those who are deeply immersed in it much more readily as “healthy” than as “true.” We speak of healthy insights, and we speak of unhealthy insights that should be rejected. Thus, the concepts of “true” and “false”—which apply only to the physical world—are gradually replaced by the concepts of “healthy” and “unhealthy.” This, however, compels us as human beings to personally draw closer to the whole of knowledge. For we are, understandably, accustomed to perceiving as “healthy” whatever we desire, whatever we want, whatever our personality strives toward. In contrast, we reject—as far as we are able—what is “unhealthy” as that toward which our personality does not strive.

[ 8 ] Indem sich so für uns das, was wahr ist, verwandelt in das Lebenfördernde, in das Gesunde, in das Lebenbereichernde — und das Unwahre, für uns Irrtümliche, in das das Leben Verarmende, das Leben Krankmachende, es Lähmende und Verödende, erweisen sich nach und nach die Vorstellungen, die man hat, als etwas, was sich allmählich mit unserem Empfinden und mit unserem ganzen persönlichen Leben intensiv verbindet. Dadurch ist es so, daß man der heute gebräuchlichen Erkenntnis wie einer Persönlichkeit entgegenkommt, die einen mehr oder weniger gleichgültig läßt, mit der man eigentlich — so ist es ja in der Mehrheit der Fälle — nur ein äußeres, konventionelles Verhältnis hat. Der hier gemeinten Geisteswissenschaft dagegen kommt man nicht auf eine so konventionelle Weise entgegen. Ihr kommt man entgegen wie einem Freunde, wie einer Wesenheit selber, zu der man Liebe aus dem Elementarsten seines Wesens heraus empfinden kann. Dadurch wird diese Geisteswissenschaft immer mehr und mehr zu einer persönlichen Angelegenheit.

[ 8 ] As what is true is thus transformed for us into that which fosters life, into that which is healthy, into that which enriches life—and what is untrue, what is erroneous for us, into that which impoverishes life, that which makes life sick, paralyzing, and desolating—our ideas gradually prove to be something that becomes deeply and intensely connected with our feelings and with our entire personal life. As a result, one approaches the knowledge commonly accepted today as one would a personality who leaves one more or less indifferent, with whom one actually—as is the case in the majority of instances—has only an external, conventional relationship. The spiritual science referred to here, on the other hand, is not approached in such a conventional manner. One approaches it as one would a friend, as a being in its own right, toward whom one can feel love from the very core of one’s being. As a result, this spiritual science becomes more and more a personal matter.

[ 9 ] Wenn man so zu den Wahrheiten hingeht, die ich gestern nur andeuten konnte — von dem vorgeburtlichen, vorirdischen Leben des Menschen; von einem geistig-seelischen Wesen des Menschen, das aus einer rein geistigen Welt durch Empfängnis und Geburt heruntersteigt in den physischen Menschenleib; oder wenn man, wie Sie dies aus der Literatur der Anthroposophie ersehen können, immer weiter und weiter hineinkommt in die Gebiete der geistigen Welten, die der Mensch zwischen dem Tode und einer neuen Geburt durchlebt, so wie er hier durch seine Sinne die physische Welt durchlebt —, wenn man in diese Welten immer mehr und mehr hineinkommt, dann fühlt man sich mit einem gewissen Inhalt dieser Welten so verbunden, daß man sein eigenes Sein an die gesunden Erkenntnisse, an die gesunden Anschauungen anknüpfen muß. Und ebenso fühlt man, daß man von dem, was man kranke Anschauungen nennen muß, abrücken muß, wegkommen muß.

[ 9 ] When one approaches the truths that I could only hint at yesterday—regarding the prenatal, pre-earthly life of the human being; of the human being’s spiritual-soul nature, which descends from a purely spiritual world into the physical human body through conception and birth; or when, as you can see from the literature of anthroposophy, one delves deeper and deeper into the realms of the spiritual worlds that the human being experiences between death and a new birth, just as one experiences the physical world here through one’s senses—if one delves deeper and deeper into these worlds, then one feels so connected to a certain aspect of these worlds that one must anchor one’s own being to sound insights and sound perspectives. And likewise, one feels that one must distance oneself from, and move away from, what one must call unhealthy perspectives.

[ 10 ] Wir wissen zum Beispiel, um einen Vergleich zu gewinnen für das, was ich meine, daß der Mensch, der sein Dasein physisch normal entfalten kann, Nahrung genießt, daß diese Nahrung in ihm eine Verwandlung durchmacht, und daß er dadurch ersetzen kann, was er von seinem Körperlichen verbraucht, und wir wissen, daß er sein gesundes Wohlbefinden in dieser Umwandlung der äußeren Nahrungsmittel für sein persönliches physisches Dasein hat. Wir wissen aber auch, daß beim Menschenwesen Verhältnisse eintreten können, durch die er vielleicht keine Nahrungsmittel aufnehmen kann, weil sein Organismus nicht dazu angetan ist, sie in der entsprechenden Weise zu verdauen, weil sein Verdauungssystem krank ist, oder es kann andere Gründe geben, warum der Mensch das, was er verliert, nicht durch die Nahrung ersetzen kann. Dann zehrt er von dem, was in seinem eigenen Leibe ist, dann beginnt er, sich selber zu verzehren.

[ 10 ] For example, to illustrate what I mean, we know that a person who is able to live a physically normal life consumes food, that this food undergoes a transformation within them, and that through this process they can replenish what their body has expended; and we know that their healthy well-being stems from this transformation of external food for their personal physical existence. But we also know that circumstances can arise in human beings whereby they may be unable to consume food, because their organism is not capable of digesting it properly—perhaps because their digestive system is diseased—or there may be other reasons why a person cannot replenish what they lose through food. Then they draw upon what is within their own body; then they begin to consume themselves.

[ 11 ] Das ist etwas, was uns hinführt zu dem Zusammenhange von gewissen Krankheitserscheinungen mit dem Verzehren des eigenen Leibes. Aber das ist auch das, in was man hineinwächst, wenn man allmählich über die geistige Welt Erkenntnisse gewinnt. Man hat gegenüber den Erkenntnissen, die gesundend wirken, eben das Gefühl: Man kommt durch sie zusammen mit der geistigen Welt, man geht durch sie in der geistigen Welt auf, man wird eins mit der geistigen Welt, man macht den Weg zu den Göttern, man macht den Weg zu der eigenen unsterblichen Seele. Man macht den Weg zu dem, was man durchlebt, wenn man durch die Todespforte gegangen ist und sich in der geistigen Welt findet, man macht aber auch den Weg zu dem, was man durchlebt hat, bevor man durch die Empfängnis oder Geburt aus der geistigen Welt auf die Erde herabgestiegen ist. Das alles empfindet man so, als ob man als Mensch in die Welt hinaus sein Dasein hingegeben habe, aber dadurch im Inneren voller, reicher geworden wäre. Dadurch, daß man allmählich geradezu Welt wird, erfaßt man sich erst in seiner vollen menschlichen Innerlichkeit. Und in der Art, wie sich eine solche Erkenntnis, eine solche gesunde Erkenntnis in einen einlebt, empfindet man, wie ja das ganze Sein des Menschen davon abhängt, daß man mit der Welt zusammenkommt. Ebenso empfindet man es nach und nach, daß das Entbehren solcher gesunder Wahrheiten so ist, als ob wir hineinlebten in die Welt ohne Aufnahmeorgan für die Nahrung und uns selber verzehren müßten. Und dasjenige, demgegenüber man das Gefühl hat, daß es etwas ist, was abgewiesen werden muß, was als krankmachender Inhalt der Welt sich ergibt, das empfindet man, wenn man es aufnimmt, so, als wenn man sich selber verzehren, als wenn man immer weniger und weniger würde.

[ 11 ] This is something that leads us to the connection between certain symptoms of illness and the consumption of one’s own body. But this is also what one grows into as one gradually gains insights into the spiritual world. One has precisely this feeling toward insights that have a healing effect: through them, one comes into communion with the spiritual world; through them, one merges into the spiritual world; one becomes one with the spiritual world; one makes one’s way to the gods; one makes one’s way to one’s own immortal soul. One makes one’s way toward what one will experience after passing through the gate of death and finding oneself in the spiritual world, but one also makes one’s way toward what one experienced before descending from the spiritual world to Earth through conception or birth. One experiences all of this as if, as a human being, one had given one’s existence to the world, yet thereby become fuller and richer within. It is precisely by gradually becoming the world itself that one first comes to grasp one’s full human inner being. And as such an insight—such a healthy insight—takes root within one, one senses how the whole being of a human being depends on coming together with the world. Likewise, one gradually comes to realize that being deprived of such healthy truths is as if we were living in the world without an organ to receive nourishment and were forced to consume ourselves. And that which one feels must be rejected—that which emerges as a pathogenic element of the world—one experiences, when one takes it in, as if one were consuming oneself, as if one were becoming less and less.

[ 12 ] Das ist der Unterschied zwischen dem Wahrheitsuchen, wenn man bloß im Intellektuellen bleibt, und dem, wenn man vordringt zu wirklichen geistigen Erkenntnissen, wozu ich gestern den Weg schilderte. Hier in der Sphäre des Intellektuellen kann man streiten über Idealismus, Spiritualismus und Materialismus, das eine macht freundliche Gesinnung, das andere tut nicht weh, es ist nicht ein intensives Menschliches darinnen. Wer dagegen die geistigen Wahrheiten, also die gesunde geistige Erkenntnis ergreift, den schmerzen die Ideen, die in materialistischer Richtung orientiert sind, weil er weiß, durch diese materialistisch gefärbten Wahrheiten verzehrt sich der Mensch. Damit aber bekommen die geistigen Wahrheiten wiederum zwei neue Nuancen — Nuancen, die man sehr scharf empfinden kann, wenn man sich allmählich in das Erfassen der geistigen Erkenntnis hineinlebt. Da lernt man erkennen die Verwandtschaft der Wahrheit mit der Liebe, die Verwandtschaft der gesunden Erkenntnis mit der Selbstlosigkeit des Menschen, aber jener Selbstlosigkeit, die nicht das Selbst verliert, sondern indem sie sich entwickelt, das Selbst erst recht gewinnt. Wenn der Mensch aus sich herauszugehen und in die Welt hineinzugehen weiß, wenn er in diesem Sinne — nicht daß er inhaltleer wird, sondern sich mit Welteninhalt erfüllt — selbstlos ist, dann führt diese Selbstlosigkeit erst zum rechten Menschensein, zum rechten Menschenfühlen, zum Seeleninhalt überhaupt.

[ 12 ] That is the difference between the search for truth when one remains solely in the intellectual realm, and the search when one advances to genuine spiritual insights—the path to which I described yesterday. Here in the realm of the intellectual, one can debate idealism, spiritualism, and materialism; one fosters a friendly disposition, the other does no harm—there is nothing intensely human in it. Whoever, on the other hand, grasps spiritual truths—that is, sound spiritual insight—is pained by ideas oriented toward materialism, because they know that these materialistically colored truths consume the human being. But this, in turn, gives the spiritual truths two new nuances—nuances that one can perceive very keenly as one gradually immerses oneself in the process of grasping spiritual insight. There one learns to recognize the kinship of truth with love, the kinship of sound insight with human selflessness—but that selflessness which does not lose the self, but rather, as it develops, gains the self all the more. When a person knows how to step outside of themselves and enter the world, when they are selfless in this sense—not in the sense of becoming empty of content, but of filling themselves with the content of the world—then this selflessness leads to true humanity, to true human feeling, to the very essence of the soul.

[ 13 ] Dieses Hingegebensein an die geistigen Tatsachen des Lebens, das ähnlich ist der Liebe, das ist es, was sich einem dann aufdrängt als eine Art Charaktereigenschaft. Sie wird daher eine charakteristische Erscheinung bei demjenigen, der geistige Erkenntnisse aufnehmen kann. Daher ist es auch so: Man verspürt in den Menschen nicht viel von den Charakterimpulsen der bloß intellektualistischen Verstandeserkenntnisse, weil sie eben nicht nahe an die Persönlichkeit herankommen, aber wenn man die geistige Erkenntnis in ihrem innersten Wesenskern erfaßt, dann wird man auch wissen, daß man diese geistige Erkenntnis nicht anerkennen kann, ohne daß sie einem den Charakter verwandelt, ohne daß sie eine, wenn ich das Paradoxon gebrauchen darf, wie in seelisches Fleisch und Blut hineingehende Charaktereigenschaft bringt, nämlich Hinneigung zunächst zur Selbstlosigkeit, zur Liebe. Das ist es, was die Aneignung von geistigen Wahrheiten von dem Aneignen physischer Wahrheiten unterscheidet.

[ 13 ] This devotion to the spiritual realities of life—which is akin to love—is what then presents itself as a kind of character trait. It therefore becomes a characteristic feature of those who are capable of absorbing spiritual insights. That is also why one does not sense much in people of the character impulses arising from purely intellectual, rational insights, because they simply do not come close to the personality; but when one grasps spiritual insight in its innermost essence, one will also know that one cannot accept this spiritual insight without it transforming one’s character—without it bringing about, if I may use the paradox, a character trait that penetrates, as it were, into the very flesh and blood of the soul: namely, a tendency, first and foremost, toward selflessness and love. This is what distinguishes the assimilation of spiritual truths from the assimilation of physical truths.

[ 14 ] Und wiederum lernt man erkennen, wie man in sich hinein verzehrend lebt, bei sich bleibt, wenn man die ungesunden Erkenntnisse aufnimmt, wie man sich da wirklich in geistiger Beziehung selber verzehrt. Und man lernt mit den beiden Empfindungsnuancen das erkennen, was der innerste Egoismus in der menschlichen Natur sein kann. Man lernt also an dieser Erkenntnis Liebe und Egoismus erkennen, und es gehört sogar zu den größten Errungenschaften, die durch geisteswissenschaftliche Erkenntnis an den Menschen herantreten können, daß die Ergebnisse dieser Geist-Erkenntnis charakterologisch sein können, daß solche Charaktereigenschaften notwendig werden können. Die bloß abstrakte Verstandeserkenntnis nimmt sich eigentlich aus wie eine künstlich aus Wachs gebildete Pflanzenwurzel. Aus der kommt keine Pflanze hervor, sie ist ja auch durch unseren Verstand künstlich gemacht. Alle die Erkenntnisse, die wir heute so verehren, so nützlich sie sind und nicht angefochten werden sollen, sie sind durch den Verstand künstlich geformt. Aus der wirklichen Pflanzenwurzel aber kommt auch die wirkliche Pflanze heraus. Und aus der wirklichen Erkenntnis, durch die der Mensch seinen Geist mit den Geistern der Welt verbinden kann, kommt nach und nach heraus der ganze innere Mensch: der Mensch, der in lebendigem Gefühl versteht, was Selbstlosigkeit, selbstlose Liebe, und was Egoismus ist, und der von diesem Verstehen nun Antriebe erhält, im Leben zu wirken, zu wirken da, wo es richtig ist, in Selbstlosigkeit, oder da, wo er es notwendig hat, zum Beispiel zur Vorbereitung des Lebens aus sich selbst heraus zu schöpfen, mit vollem Bewußtsein nichts bemäntelnd, dann diesen Egoismus zu entwickeln.

[ 14 ] And once again, one learns to recognize how one lives in a self-destructive way, remaining closed off within oneself, when one absorbs these unhealthy insights—how one truly consumes oneself spiritually in this process. And through these two nuances of feeling, one learns to recognize what the innermost selfishness in human nature can be. Through this insight, one thus learns to recognize love and selfishness, and it is indeed one of the greatest achievements that spiritual science can offer humanity—that the results of this spiritual insight can take the form of character traits, that such character traits can become necessary. Mere abstract intellectual knowledge actually resembles a plant root artificially fashioned from wax. No plant can grow from it, for it is, after all, an artificial creation of our intellect. All the insights we hold in such high regard today—as useful as they are and though they should not be disputed—are artificially shaped by the intellect. But from the real plant root, the real plant also emerges. And from the true insight through which a person can connect their spirit with the spirits of the world, the whole inner human being gradually emerges: the person who, through living feeling, understands what selflessness, selfless love, and what selfishness is—and who, from this understanding, is now driven to act in life, to act where it is right to do so—in selflessness—or where it is necessary, for example, to draw from within oneself to prepare for life, with full consciousness and without concealment, and then to develop this self-interest.

[ 15 ] Dadurch entsteht eine gewisse Hellsichtigkeit in der menschlichen Selbstbeobachtung und in der Überführung dieser Selbstbeobachtung in das äußere Tun. Ein seelisch-geistiger Mensch sprießt und sproßt hervor aus dem, was geistige Erkenntnis werden kann. Dadurch aber kommen wir ganz praktisch durch eine solche Erkenntnis heran an das Moralische. Wenn wir unsere heute anerkannte Erkenntnis treiben, so setzen wir ja unseren Stolz darein, nur ja nicht den Übergang ins Moralische zu finden. Wir wollen dadurch «objektiv» sein, daß wir sagen: Nun ja, die Vorgänge in der unorganischen, leblosen Natur müssen wir natürlich nach ihren Naturgesetzen so durchschauen, daß wir in ihnen Ursachen und Wirkungen verfolgen, aber das Moralische finden wir darin gar nicht. — Wir setzen unseren Stolz darein, diese Methode nun weiter fortzusetzen in die belebten Naturvorgänge hinein, ins Pflanzliche, Tierische und Menschliche hinein und als Moral nur gelten zu lassen, was ja nur aus gewissen Tiefen der Menschennatur hervorsprießt, wovon wir aber nicht sagen können, daß es sich in der Welt auch durch seine innere Kraft und Impulsivität Geltung verschaffen und den Übergang finden könne ins objektive Sein.

[ 15 ] This gives rise to a certain clarity in human self-observation and in the translation of this self-observation into outward action. A soul-spiritual human being springs forth from that which can become spiritual knowledge. Through this, however, we approach the moral realm in a very practical way through such knowledge. When we pursue the knowledge that is recognized today, we take pride in making sure we do not find the transition to the moral realm. We seek to be “objective” by saying: Well, of course we must understand the processes in inorganic, lifeless nature according to its natural laws, tracing causes and effects within them, but we find nothing moral in them at all. — We take pride in extending this method further into the processes of animate nature—into the plant, the animal, and the human realms—and to accept as morality only that which springs from certain depths of human nature, though we cannot say that it can assert itself in the world through its own inner power and impulsiveness or find its way into objective existence.

[ 16 ] Indem wir so durch eine Geist-Erkenntnis getrieben werden, einerseits in uns intensiv lebendig das Erleben der Selbstlosigkeit, der liebevollen Hingabe an die Sache auszubilden — denn ohne diese ist Geist-Erkenntnis nicht möglich —, andererseits uns ein feines Empfinden anzueignen für das, was selbstverzehrender Egoismus ist, treiben wir mit der Geist-Erkenntnis unmittelbar in die moralische Weltordnung hinein. Deshalb stellt sich uns dann nach und nach auch diese moralische Weltordnung wirklich in ihrer Konkretheit dar, und wir gelangen dazu, nicht nur in einer abstrakten Weise auf das vorirdische Menschenleben hinzuschauen, das heißt auf dasjenige, was der Mensch als geistig-seelisches Wesen durchgemacht hat, bevor er durch Empfängnis und Geburt auf die Erde heruntergestiegen ist, sondern wir gelangen dazu, wirklich hineinzuschauen in die geistige Welt, wie wir durch unsere physischen Sinne in die physische Umgebung schauen. Und wir lernen auf diese Weise erkennen, wie wir dort in der geistigen Welt umgeben sind von geistigen Wesenheiten, die niemals einen physischen Leib annehmen, so wie wir hier in der physischen Welt uns zusammenfinden mit Wesen, die gleich uns in einem physischen Leibe sind. Wir lernen aber diese geistige Welt und ihre Wesenheiten konkret kennen; wir lernen sie nicht kennen, ohne daß wir durch den Erkenntnisweg uns innerlich charakterologisch, lebensvoll angeeignet haben die Empfindung von der Selbstlosigkeit, von der selbstlosen Hingabe. Denn das ist das Geheimnis des irdischen körperlichen Daseins: Indem wir von unserer Geburt an durch das kindliche Lebensalter, wo wir noch mehr oder weniger triebhaft-unbewußt oder halbbewußt sind, hindurch immer mehr und mehr in unseren Körper hineinwachsen, treten wir — und das ist gerade das, was sich vor das Seelenauge eines Menschen so klar hinstellt — im physischen Leben durchaus durch unsere physischen Organe an die Welt heran. Wir verlieren uns seelisch und geistig, indem wir schaffend tätig sind, allerdings an unseren Körper. Aber dieses Seelisch-Geistige löscht sich für unser Bewußtsein aus. Aller Weltinhalt wird uns durch das Körperliche vermittelt. Daher hat für das irdische Bewußtsein der Materialismus recht, denn im Irdischen müssen wir uns des Körpers bedienen, wenn wir beim irdischen Bewußtsein, das uns auch nur dieses Körperliche gibt, bleiben. Für das irdische Bewußtsein müssen wir bei der Wahrnehmung des Körperlichen bleiben, wenn wir uns nicht zu der vom Körperlichen unabhängigen Bewußtheit erheben wollen.

[ 16 ] Driven as we are by spiritual knowledge, on the one hand to cultivate within ourselves a deeply vivid experience of selflessness and loving devotion to the cause—for without this, spiritual knowledge is not possible— on the other hand, to acquire a subtle sensitivity to what self-consuming egoism is, we are driven by spiritual insight directly into the moral world order. Therefore, this moral world order gradually reveals itself to us in all its concreteness, and we come to look not only in an abstract way at pre-earthly human life, that is, at what the human being, as a spiritual-soul being, has experienced before descending to Earth through conception and birth, but we come to truly look into the spiritual world, just as we look into our physical surroundings through our physical senses. And in this way we come to recognize how, there in the spiritual world, we are surrounded by spiritual beings who never take on a physical body, just as here in the physical world we come together with beings who, like us, are in physical bodies. But we come to know this spiritual world and its beings in a concrete way; we do not come to know them without having, through the path of knowledge, inwardly and characteristically—in a living, vital way—made our own the feeling of selflessness, of selfless devotion. For that is the secret of earthly, physical existence: As we grow more and more into our bodies from the moment of our birth through childhood—a time when we are still more or less driven by instinct, unconscious, or semi-conscious—we approach the world in physical life entirely through our physical organs—and this is precisely what stands so clearly before the soul’s eye of a human being. Through our creative activities, we do indeed lose ourselves—soul- and spirit-wise—to our bodies. But this soul-spiritual aspect fades from our consciousness. The entire content of the world is conveyed to us through the physical. Therefore, materialism is valid for earthly consciousness, for in the earthly realm we must make use of the body if we remain within earthly consciousness, which provides us with nothing but this physical reality. For earthly consciousness, we must remain within the perception of the physical if we do not wish to rise to a consciousness independent of the physical.

[ 17 ] So müssen wir sagen: um zum Ergreifen der geistigen Welt und seines eigenen übersinnlichen Wesens zu kommen, muß der Mensch etwas in sich entwickeln, woran ihn der Körper hindert, es zu ergreifen. Der Körper reißt uns heraus aus der geistigen Welt, er entfremdet uns der geistigen Welt und führt uns immer mehr auf das eigene Selbst und auf die Egoität zurück, und wir müssen es in der geistigen Erkenntnis so machen wie in der Liebe, wo wir aus uns heraus müssen. Da stellt sich insbesondere dann, wenn der Mensch zu einer vom Körperlichen unabhängigen Bewußtheit kommt, die tiefbedeutsame Wahrheit heraus, daß der Mensch wiederholte Erdenleben durchmacht. Was in unserer Seele durch die wiederholten Erdenleben auftritt, das beachten wir deshalb nicht, weil wir in unserem Körper drinnen stecken. Wir lernen im Leben einen Menschen kennen, dessen Erlebnis für uns ein Schicksal ist. Wir treffen ihn in einem bestimmten Lebensjahre, wir erleben mit ihm etwas, was nun Einschlag wird unseres ganzen folgenden Lebens. Wenn wir nun unbefangen auf unseren Lebensweg bis zu diesem Moment zurückschauen, wo wir diesen anderen Menschen getroffen haben, dann finden wir, wenn wir geistig schauen, was wir mit dem körperlichen Schauen nicht finden können, daß eigentlich unser bisheriges Erdenleben ein Suchen dieses Menschen war. Daher haben Leute, die in diesem Sinne alt geworden sind, rückschauend auf dieses Erdenleben auch immer gesagt: Es nimmt sich ganz planvoll aus, was wir in diesem Erdenleben gefunden haben. Es ist so, wie wenn man schon als kleines Kind die Richtung dahin nimmt, später mit einem bestimmten Menschen zusammenzutreffen. — Man muß, wenn man seinen Lebensweg geistig überschaut, dann sagen, man richtet jeden Schritt darauf ein, daß ein solches Erlebnis zuletzt sich vollziehen kann. Und wenn man in diesem Erleben immer weiter und weiter kommt, dann kommt man zu der Einsicht, daß alles, was man tut, was unter dem Einfluß der physischen Erdenkräfte steht, durch etwas anderes gelenkt wird. Und wir kommen dazu, anzuerkennen, daß dieses Leben, das wir gegenwärtig leben, abhängig ist von früheren Erdenleben, zwischen denen andere Leben zwischen Tod und neuer Geburt in einer geistigen Welt waren.

[ 17 ] Thus we must say: in order to come to a grasp of the spiritual world and of one’s own supersensible being, a person must develop something within themselves that the body prevents them from grasping. The body tears us away from the spiritual world; it alienates us from the spiritual world and leads us ever more back to our own self and to egotism; and in spiritual knowledge we must do as we do in love, where we must step outside of ourselves. This is where the profoundly significant truth emerges—especially when a person attains a consciousness independent of the physical—that human beings undergo repeated earthly lives. We do not take notice of what occurs in our soul through these repeated earthly lives because we are trapped within our bodies. In life, we meet a person whose experience becomes our destiny. We meet them at a certain stage in life; we experience something with them that then shapes the course of our entire subsequent life. If we now look back impartially on our life’s journey up to that moment when we met this other person, then—if we look with spiritual eyes, seeing what we cannot perceive with physical eyes—we find that our earthly life up to that point was actually a search for this person. That is why people who have grown old in this sense, looking back on this earthly life, have always said: What we have found in this earthly life seems to have been entirely planned. It is as if, even as a small child, one were already setting a course to meet a certain person later on. — When one surveys one’s life path spiritually, one must say that every step is directed toward ensuring that such an experience can ultimately come to pass. And as one progresses further and further in this experience, one comes to realize that everything one does—everything that is under the influence of the physical forces of the Earth—is guided by something else. And we come to acknowledge that this life we are currently living depends on previous earthly lives, between which other lives existed in a spiritual world between death and rebirth.

[ 18 ] Aber wir kommen nicht zur Anerkennung dieser anderen Leben, wenn wir nicht Erkenntnisliebe und liebende Erkenntnis entwickeln können. Denn der, der wir damals waren, der ist nicht so leicht zu erreichen, wie man sich dies oftmals vorstellt. Was wir in einem früheren Erdenleben waren, das ist der gegenwärtigen Persönlichkeit so fremd wie ein anderer Mensch, dem wir begegnen. Und nur wenn wir liebende Erkenntnis und Erkenntnisliebe entwickeln können, können wir diesen anderen, dem wir zunächst ganz fremd gegenüberstehen, auch wirklich mit der Erkenntnis erfassen. Dann tritt er herein in unser Bewußtsein.

[ 18 ] But we cannot come to recognize these other lives unless we are able to develop loving knowledge and knowledge-filled love. For the person we were back then is not as easy to reach as one often imagines. What we were in a previous earthly life is as foreign to our present personality as another person we encounter. And only when we can develop loving insight and insightful love can we truly grasp this other being—who at first seems completely foreign to us—through insight. Then he enters our consciousness.

[ 19 ] So ist es mit allen Schritten der höheren geistigen Erkenntnis, daß wir etwas entwickeln müssen wie liebende Erkenntnis, also etwas, was mit unserer Persönlichkeit innig zusammenhängt, woran wir unmittelbar persönlich beteiligt sind, und was wir sogar gar nicht haben können, ohne daß wir daran persönlich beteilige sind. Dadurch aber, daß wir in eine solche Welt hineinwachsen, daß wir tatsächlich im Erkennen das Dasein erweitern über Geburt und Tod hinaus, daß wir es erweitern auch über die sinnliche Welt hinaus — im Pflanzenreich, Tierreich, Mineralreich, überall sehen wir geistig wirksame Wesen —, dadurch steigen wir zu einem Reich der Wirklichkeit auf, das nun die sittlichen Impulse in unserer Erkenntnis annehmen kann. Speziell für den Menschen nimmt sich das etwa in der folgenden Weise aus. Wir sagen, es ist oftmals außerordentlich bedrückend, das Schicksal zu ertragen. Gewiß, wenn wir hier im physisch-sinnlichen Erdenleben bleiben, so sehen wir, wie nur allzu häufig das, was den besten sittlichen Impulsen entspringt, wenig Er folge trägt, während manches, was gar nicht guten, sittlichen Impulsen entspringt, gute Erfolge davonträgt. Warum ist das so? Es ist so aus dem Grunde, weil eben diese physisch-sinnliche Welt, die wir gewissermaßen auch «angezogen» haben, nämlich ein Stück von ihr als das Kleid unseres Leibes, ja gar nicht sittliche Impulse enthält. Es löschen sich zunächst aus unserem ganzen Tun und Treiben innerhalb der physischen Welt die sittlichen Impulse aus, höchstens der konventionelle Ausgleich kann kommen. Aber durch GeistErkenntnis lernen wir diese Welt erkennen als nicht die einzige, sondern als überall durchsetzt von Geistigem, und wir lernen auch erkennen, wie wir das, was wir mit uns tragen in unserem sittlichen oder unsittlichen Handeln, hineintragen in diese Welt des Geistigen. Lernen wir die Wahrheit als das Gesunde, die Irrtümer als das Kranke erkennen, dann dehnen wir diese Erkenntnis auch aus auf die sittliche Wahrheit und die unsittlichen Irrtümer, und wir lernen erkennen, wie der Mensch dadurch, daß er sich der sittlichen Wahrheit hingibt, innerlich, geistig-seelisch, ein voll ausgebildeter Mensch wird. Das braucht im gegenwärtigen Erdenleibe nicht unmittelbar zum Ausdruck zu kommen. Dadurch, daß einer sittliche Impulse in sich erlebt, wird er ein innerlich voll ausgebildeter geistig-sittlicher Mensch. Dadurch, daß sich jemand hingibt dem Irrtum, wird er innerlich, geistig-seelisch ein Krüppel. Dann lernt man das Sittliche als Gesundendes und das Irrtümliche als Krankmachendes erkennen, und man lernt erkennen, wie das Leben in der sittlichen Wahrheit den Menschen harmonisch ausgestaltet. Doch in dem Zyklus der Entwickelung, in dem wir drinnen sind, ist das nun etwas, was sich in dem physischen Leibe, den wir als das Ergebnis dessen tragen, was wir uns im vorigen Erdenleben schaffend angeeignet haben, nicht gleich zum Ausdruck bringt. Aber wir werden, indem wir uns der sittlich gesunden Wahrheit oder dem sittlich ungesunden Irrtum hingeben, entweder gesunde, harmonische Menschen an Geist und Seele, oder wir werden geistig und seelisch Krüppel. Gehen wir durch die Pforte des Todes, legen wir den physischen Leib ab, dann ist dieser kein Hindernis mehr, dann nimmt unsere geistig-seelische Wesenheit diejenige Physiognomie in ihrer Gänze an, die wir uns durch das Erleben des Sittlich-Guten oder des Sittlich-Bösen angeeignet haben; dann leben wir da entweder als ein Vollmensch an Seele und Geist oder als ein geistig-seelischer Krüppel.

[ 19 ] This is true of all stages of higher spiritual knowledge: we must develop something like loving knowledge—that is, something that is intimately connected to our personality, in which we are directly and personally involved, and which we cannot even possess without being personally involved in it. But by growing into such a world—by actually expanding our existence through knowledge beyond birth and death, and by expanding it beyond the sensory world as well—in the plant kingdom, the animal kingdom, the mineral kingdom, everywhere we see spiritually active beings—by doing this, we ascend to a realm of reality that can now incorporate moral impulses into our knowledge. For human beings in particular, this takes shape in roughly the following way. We say that it is often extraordinarily oppressive to endure one’s fate. Certainly, when we remain here in physical-sensory earthly life, we see how all too often what springs from the best moral impulses yields little result, while many things that do not at all spring from good moral impulses achieve good results. Why is this so? It is so because this very physical-sensual world—which we have, so to speak, “drawn upon” ourselves, namely a part of it as the garment of our body—does not contain any moral impulses at all. To begin with, moral impulses are entirely absent from all our actions and activities within the physical world; at best, conventional compensation may occur. But through spiritual insight, we learn to recognize this world not as the only one, but as one permeated everywhere by the spiritual, and we also learn to recognize how what we carry within us—in our moral or immoral actions—is carried into this world of the spiritual. If we learn to recognize truth as that which is healthy and error as that which is unhealthy, then we extend this insight to moral truth and immoral errors, and we learn to recognize how a person, by devoting themselves to moral truth, becomes a fully developed human being inwardly, spiritually, and soulfully. This need not be immediately evident in the present earthly body. By experiencing moral impulses within oneself, one becomes an inwardly fully developed spiritual-moral human being. By surrendering to error, one becomes inwardly—spiritually and soulfully—a cripple. Then one learns to recognize the moral as healing and the erroneous as sickening, and one learns to recognize how life in moral truth harmoniously shapes the human being. Yet in the cycle of development in which we find ourselves, this is something that does not immediately manifest itself in the physical body—which we bear as the result of what we actively acquired in our previous earthly life. But by devoting ourselves to morally healthy truth or to morally unhealthy error, we either become healthy, harmonious human beings in spirit and soul, or we become spiritually and soulfully crippled. When we pass through the gate of death and shed the physical body, it is no longer an obstacle; then our spiritual-soul being assumes in its entirety the physiognomy we have acquired through the experience of moral good or moral evil; then we live there either as a fully developed human being in soul and spirit or as a spiritually and emotionally crippled being.

[ 20 ] Und so gehen wir durch die geistige Welt durch, bis wir wieder zu einem physischen Erdenkörper kommen, durch den wir uns von innen heraus unser eigenes Schicksal bauen, indem wir entweder dadurch, daß wir aus einem früheren Erdenleben ein harmonisches Geistig-Seelisches an uns tragen, diesen Erdenkörper auch vollinhaltlicher gestalten können, ihn zu dem oder jenem Tüchtigen im Leben führen können, oder dadurch, daß wir als moralische Krüppel ankommen, ungeschickt und ungelenk leben in der Führung unseres Erdenkörpers, vom Embryo bis herauf zum Erwachsenen, dadurch uns ein inneres Schicksal bereiten, das dann auch zum äußeren Schicksal wird. Wer das Leben unbefangen zu betrachten vermag, der wird finden, wie sich das innere Schicksalbilden mit dem äußeren Schicksalerleben zusammenkettet, indem wir imstande sind, uns des Leibes und dessen, was mit ihm zusammenhängt, zu bedienen, wo wir durch unseren Leib mit der sinnlich-physischen Welt verkehren, ihn von innen heraus geschickt oder ungelenk gebrauchen können. Dadurch bereiten wir auch die äußeren Ereignisse, teilweise wenigstens, in einer solchen Weise zu, daß sich auch das äußere Schicksal ergibt als ein teilweises Ergebnis des inneren Schicksals. Und das, was wir so durchmachen, gleicht sich in den aufeinanderfolgenden Erdenleben wiederum aus.

[ 20 ] And so we journey through the spiritual world until we once again take on a physical earthly body, through which we shape our own destiny from within—either by carrying within us a harmonious spiritual-soul aspect from a previous earthly life, we can shape this earthly body more fully and lead it toward one form of achievement or another in life; or—by arriving as moral cripples, living clumsily and awkwardly in the guidance of our earthly body, from the embryo all the way to adulthood—we create an inner destiny for ourselves that then also becomes our outer destiny. Anyone who is able to view life impartially will discover how the shaping of inner destiny is linked to the experience of outer destiny, in that we are capable of making use of the body and all that is connected with it—where we interact with the sensory-physical world through our body—and can use it skillfully or clumsily from within. In this way, we also bring about external events—at least in part—in such a way that external fate, too, arises as a partial result of inner fate. And what we go through in this way is in turn balanced out in successive earthly lives.

[ 21 ] So gewinnen wir in der geistigen Welt — und hier ist es, wo sich wahr und falsch in geistiger Beziehung in gesund und krank verwandelt — tatsächlich die Gestaltungskräfte des Geistig-Seelischen und der moralischen Impulse. Es wird uns die moralische Welt zu einer ebensolchen Realität, und wir sagen uns: In dem einen Erdenleben kann der moralische Impuls nicht unmittelbar eine Wirkung im Physischen erzielen; wenn er aber von dem einen Erdenleben ins nächste hinübergeht, dann hat er seine gesundende Wirkung auch in aller Realität, so wie die Wärmekraft, das Licht und die Elektrizität in der physischen Welt ihre Wirkung haben. Daß wir der Meinung sind, die moralische Weltordnung wäre bloß eine aus dem Menschen entsprungene Abstraktheit, rührt nur davon her, daß wir nur die für die physische Welt zusammenfassenden Bedingungen zu kennen meinen. Wir überschauen da von der Wirkung aus den Weg der Ursachen. In der geistigen Welt können wir jedoch ebenso die Bedingungen des Zusammenwirkens der Kräfte erkennen, nur müssen wir für die Wirkungen in einem Erdenleben auch die Ursachen dazu in einem früheren Erdenleben — zwischen beiden liegt dann ein Leben in der geistigen Welt — erkennen. Mit anderen Worten, wir müssen das Niveau erkennen, auf dem sich für das menschliche Schicksal Ursache und Wirkung geltend machen. Dadurch erweitert sich das, was sonst nur als robuste physische Erkenntnis gilt, eben hinaus in die moralisch-geistige Weltordnung hinein, und wir erobern uns damit diese moralisch-geistige Weltordnung.

[ 21 ] Thus, in the spiritual world—and this is where, in a spiritual sense, true and false are transformed into healthy and unhealthy—we actually gain the formative powers of the spiritual-soul realm and of moral impulses. The moral world becomes just as real to us, and we tell ourselves: In a single earthly life, the moral impulse cannot directly produce an effect in the physical realm; but when it passes from one earthly life into the next, then it has its healing effect in all reality, just as heat, light, and electricity have their effects in the physical world. The fact that we believe the moral world order to be merely an abstraction arising from human thought stems solely from the fact that we think we know only the conditions that apply to the physical world. We overlook the path of causes by focusing on the effects. In the spiritual world, however, we can recognize the conditions governing the interplay of forces just as well; we must simply recognize that the causes of the effects in one earthly life lie in a previous earthly life—with a life in the spiritual world lying between the two. In other words, we must recognize the level at which cause and effect operate in human destiny. In this way, what is otherwise regarded merely as solid physical knowledge expands into the moral-spiritual world order, and we thereby gain a grasp of this moral-spiritual world order.

[ 22 ] Es könnte nun der auch schon gestern angedeutete Einwand gegen diese Geisteserkenntnis erhoben werden: Das mag alles sehr schön sein, aber zunächst haben doch die Menschen diese Geist-Erkenntnis nicht, sondern nur wer ein Geistesforscher ist, kann das, was er in der geistigen Welt schaut, in Worte und in Ideen kleiden, und diese Ideen können dann erfaßt werden. — Ich sagte schon gestern: um ein Bild zu malen, muß man ein Maler sein, aber um die Schönheit und den inneren Gehalt des Bildes zu erleben, braucht man kein Maler zu sein, sondern dazu braucht man sich nur der unbefangenen, unbeirrten Menschennatur hinzugeben. So ist es in der Tat auch bei der Geisteswissenschaft. Um sie selber in Ideen zu «malen», muß man Geistesforscher sein, wenn sie aber hingestellt wird, so wie sie in den Vorträgen, die darüber gehalten werden, und in unserer Literatur dargestellt ist, dann steht sie da wie das Bild vor dem Beschauer, der selber kein Maler ist. Nichts anderes braucht der Mensch, als sich seinem unbefangenen, unbeirrten Wirklichkeitssinn hinzugeben — und er bekommt den gesundenden Eindruck von der Schilderung der geistigen Welt! Ja, es muß darüber sogar etwas ganz Besonderes gesagt werden. Es ist ja heute noch immer so: Weil die Geisteswissenschaft, die hier gemeint ist, etwas verhältnismäßig Neues in unserer Zivilisation ist, deshalb steht ja auch der, der aus seiner unmittelbaren Erkenntnis heraus diese Geisteswissenschaft vertritt, recht einsam da, und er muß sich darauf beschränken, sie in Worte und Ideen zu kleiden, um sie den anderen Menschen mitzuteilen. Man könnte nun glauben, was er zu sagen hat, ginge eigentlich nur ihn an. So wie die Sachen aber heute liegen, noch liegen — man muß sehr hoffen, daß diese Dinge sehr bald anders werden, weil die Geisteswissenschaft für den Menschen etwas innerlich Belebendes ist —, so steht ja dem Geist-Erkennenden die Menschheit noch gegenüber als eine bloß aufnehmende. Für den aber, der heute in dieser Einsicht zur Geist-Erkenntnis in unmittelbarer eigener Anschauung vordringt, für den ist diese Geisteswissenschaft dennoch etwas anderes als für den Menschen, der sie zunächst, wie ich es eben geschildert habe, durch seinen unbeirrbaren Wahrheitssinn aufnimmt. Ich habe schon gestern angedeutet: An einem gewissen Punkte der Geist-Erkenntnis muß man einen Schmerz durchmachen, der sich sonst mit keinem Lebensschmerz vergleichen läßt. Es ist an dem Punkte, wo wir gerade über das eigene geistige Erleben zwischen Geburt und Tod hinausdringen in das weite Meer der geistigen Ewigkeit, in der wir sind, wenn wir durch die Pforte des Todes gegangen sind, oder in der wir waren, bevor wir durch die Geburt zum physischen Erdenleben heruntergeschritten sind. Man muß einen unsäglichen Schmerz durchmachen, wenn man in der Erkenntnis die sinnlich-physische Welt verlassen muß und eindringen will in die geistige Welt. Dieser Schmerz, möchte ich sagen, färbt schon ab auf das gesamte Menschenleben. Und vor allen Dingen stellt sich für den, der heute — und heute muß es ja so sein — aus eigener Kraft die Initiation, die Einweihung in die höhere Erkenntnis durchmacht, es stellt sich diese höhere Erkenntnis als etwas ein, was zwar zunächst seinen ganzen Menschen ergreift, sich aber dann in einer unglaublich starken Weise von ihm loslöst. Und gestatten Sie, daß ich an dieser Stelle etwas schildere, was scheinbar einen ganz persönlichen Charakter hat, aber das ganz Persönliche darin — ich will ja heute auch mehr auf das Persönliche eingehen — hat schon einen unpersönlichen Charakter, das kann jeder erleben, der in eine ähnliche Lage kommt.

[ 22 ] The objection to this spiritual insight—which was already hinted at yesterday—might now be raised: That may all be very well, but to begin with, people do not possess this spiritual insight; rather, only a spiritual researcher can clothe what he sees in the spiritual world in words and ideas, and these ideas can then be grasped. — As I said yesterday: to paint a picture, one must be a painter, but to experience the beauty and inner content of the picture, one need not be a painter; one need only surrender to one’s unbiased, undisturbed human nature. This is indeed the case with spiritual science as well. To “paint” it oneself in ideas, one must be a spiritual scientist; but when it is presented as it is in the lectures given on the subject and in our literature, it stands there like a painting before the viewer who is not a painter himself. All a person needs to do is surrender to their unbiased, unwavering sense of reality—and they will receive a healing impression from the description of the spiritual world! Indeed, something quite special must be said about this. It is still the case today: Because spiritual science—as we mean it here—is something relatively new in our civilization, the one who advocates this spiritual science based on his direct knowledge stands quite alone, and he must limit himself to expressing it in words and ideas in order to communicate it to others. One might now believe that what he has to say is really only his own concern. But as things stand today—and still stand—one must very much hope that this will change very soon, because spiritual science is something that inwardly enlivens people—humanity still stands before the spiritual knower as a mere recipient. But for the one who today, with this insight, advances to spiritual knowledge through direct personal perception, for that person spiritual science is nevertheless something different than it is for the person who initially receives it, as I have just described, through his unwavering sense of truth. I already hinted at this yesterday: At a certain point in spiritual knowledge, one must go through a pain that cannot be compared to any other pain in life. It is at the point where we transcend our own spiritual experience between birth and death and enter the vast sea of spiritual eternity—the realm in which we find ourselves once we have passed through the gate of death, or in which we were before we descended through birth into physical life on Earth. One must endure an unspeakable pain when, in the process of gaining knowledge, one must leave the sensory-physical world behind and seeks to enter the spiritual world. This pain, I would say, already casts its shadow over one’s entire human life. And above all, for those who today—and today it must indeed be so—undergo initiation, the initiation into higher knowledge, through their own efforts, this higher knowledge presents itself as something that, while initially seizing their entire being, then detaches itself from them in an incredibly powerful way. And allow me at this point to describe something that appears to be of a very personal nature, but the very personal aspect of it—since I also want to focus more on the personal today—already has an impersonal character; anyone who finds themselves in a similar situation can experience this.

[ 23 ] Erst ergreift das Geist-Erkennen den ganzen Menschen. Das gewöhnliche intellektualistische Erkennen ergreift ja nur den Kopf des Menschen, den Verstand, das heißt das, was im Grunde genommen recht neutral sich zu dem unmittelbar persönlichen Erleben verhält. Man weiß auch, wie man nur den Kopf anstrengen muß, und wie das andere alles Beigabe ist. Gewiß, man muß, um gewisse Dinge in der heutigen Erkenntnis zu erreichen, viel sitzen. Es wissen manche von diesem Sitzen zu erzählen, das sie öfter unterbrochen haben, weil es nicht angenehm ist. Aber was man in der gewöhnlichen Erkenntnis anstrengt, ist eigentlich nicht der ganze Mensch. Dringt man jedoch, wie ich es geschildert habe, in wirklicher Erkenntnis der übersinnlichen Welt vor, dann hat man das Gefühl: Wenn du nur deinen Verstand, das, wozu der Kopf das Organ ist, anstrengst, dann verfliegt dir diese Geist-Erkenntnis wie Träume, sie verfliegt in ihren großen umfassenden Ideen wie auch in bezug auf Details. Und es ist wirklich so, daß man beim Durchstoßen in die geistige Welt, beim Hinüberkommen über das, was man den «Hüter der Schwelle» zur geistigen Welt nennt, eine große Plage hat, nicht um den Inhalt, den man erkenntnismäßig erringt - der ist sehr real -, aber um das Erleben in vollster Realität in das Bewußtsein hereinzubringen. Es ist eigentlich so, daß sehr viele Menschen verhältnismäßig rasch Erlebnisse in der geistigen Welt haben können. Man muß aber Geistesgegenwart dazu haben, das heißt rasch auffassen. Für die meisten Men sehen ist das, was sie in der geistigen Welt erleben, zwar da, aber che sie die Aufmerksamkeit darauf verwenden, ist es schon wieder weg. Man muß die Geistesgegenwart haben, den Seelenblick rasch auf das Erlebte hinzuwenden. Geistesgegenwart ist etwas ungeheuer Notwendiges für die Geisteserkenntnis. Man muß die Geistesgegenwart, wie ich sie in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» geschildert habe, ganz ernst nehmen. Wenn man dazu gelangt, diese eigentlich aus dem Raume und aus der Zeit draußen liegenden Erkenntnisse zu erfassen - weil sie draußen liegen, entschlüpfen sie einem auch leicht -, dann nehmen sie sich äußerlich wie Träume aus. Man hat eine Plage, sie über den Traumcharakter hinüberzunehmen. Es entschlüpft wie Träume, was man nur mit dem Kopf behandelt. Daher darf ich schon sagen: wer aus der geistigen Welt heraus in Ideen redet, der muß auch in dem Momente, wo er redet, die geistige Welt immer vor sich haben. Er kann sich aber nur an dieses Drinnenstehen in der geistigen Welt gewöhnen, wenn er diese Erkenntnis, in irgendeiner Art wenigstens, mit dem ganzen Menschen teilt. Das kann der eine so machen, der andere anders. Mir zum Beispiel ist es immer eine Notwendigkeit, entweder durch einzelne abgerissene Worte oder durch kleine symbolische Zeichnungen das zu fixieren, was sich mir in geistiger Anschauung ergibt. Das ist nicht deshalb, um etwa medial zu schreiben. Es ist voll besonnenes, absolut bewußtes Schreiben, aber man betätigt dabei nicht bloß den Kopf, sondern auch noch etwas anderes, was die menschliche Tätigkeit vervollständigt zum ganzen Menschen hin, wenn man zugleich schreibt. Es kommt dabei gar nicht darauf an, daß man dies, was man so geschrieben hat, dann später als Notizen verwendet, sondern es kommt nur darauf an, was man tut. Ich kann Ihnen verraten, daß ich ganze Wagenladungen von Notizbüchern auf diese Weise in meinem Leben zustandegebracht habe, die ich nie wieder angesehen habe - weil es darauf ankommt, das, was man in der geistigen Welt geschaut hat, mit einer stärkeren Kraft festzuhalten, als es die bloße Kraft des Kopfes ist. Und es wird mit einer stärkeren Kraft festgehalten, wenn man das Erlebnis in die Hand hinein in jenen Willensimpuls ergießt, der zum Schreiben führt. Dies Fixieren der inneren Erlebnisse in der geistigen Welt hängt davon ab, daß man die Wahrheiten, ich möchte sagen «organisch» mit seinem ganzen Menschen erlebt.

[ 23 ] First, spiritual cognition encompasses the whole person. Ordinary intellectual cognition, after all, encompasses only the person’s head—the intellect—that is, that which, in essence, remains quite neutral in relation to immediate personal experience. One also knows that one need only exert the head, and that everything else is secondary. Certainly, in order to attain certain things in today’s understanding, one must spend a great deal of time sitting. Some people have much to say about this sitting, which they have often interrupted because it is not pleasant. But what one exerts in ordinary understanding is not actually the whole human being. However, if one advances, as I have described, into true knowledge of the supersensible world, then one has the feeling: If you exert only your intellect—that for which the head is the organ—then this spiritual knowledge slips away from you like dreams; it slips away both in its grand, all-encompassing ideas and in regard to details. And it is truly the case that when one breaks through into the spiritual world, when one crosses over what is called the “Keeper of the Threshold” to the spiritual world, one faces a great challenge—not regarding the content one attains through knowledge—which is very real—but in bringing the experience into consciousness in its fullest reality. The fact is that a great many people can have experiences in the spiritual world relatively quickly. But one must have presence of mind—that is, be quick to grasp them. For most people, what they experience in the spiritual world is indeed there, but by the time they turn their attention to it, it is already gone. One must have the presence of mind to quickly turn one’s soul’s gaze toward what has been experienced. Presence of mind is something immensely necessary for spiritual knowledge. One must take the presence of mind—as I have described it in my book How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?—very seriously. When one succeeds in grasping these insights—which actually lie outside of space and time—they easily slip away because they lie outside—and outwardly, they appear like dreams. It is a struggle to transcend their dreamlike nature. Whatever one approaches merely with the intellect slips away like a dream. That is why I can say: whoever speaks of ideas drawn from the spiritual world must, even at the very moment of speaking, always have the spiritual world before them. But one can only become accustomed to this inner presence in the spiritual world if one shares this insight—at least in some way—with one’s whole being. One person may do this one way, another another. For me, for example, it is always a necessity to capture—either through individual, disjointed words or through small symbolic drawings—what presents itself to me in spiritual vision. This is not, for instance, in order to write mediumistically. It is entirely deliberate, absolutely conscious writing, but in doing so one engages not merely the mind, but also something else that completes human activity as a whole when one writes at the same time. It does not matter at all whether what one has written in this way is later used as notes; what matters is simply the act itself. I can tell you that I have produced entire cartloads of notebooks in this way throughout my life, which I have never looked at again—because what matters is to capture what one has seen in the spiritual world with a power stronger than that of the mind alone. And it is recorded with a greater power when one pours the experience into one’s hand through that impulse of will that leads to writing. This fixation of inner experiences in the spiritual world depends on experiencing the truths—I would say—“organically” with one’s whole being.

[ 24 ] Es kommt dann noch etwas anderes dazu, etwas, was nicht so bleiben muß in der Zivilisation, was auch bei früheren, ganz anders gearteten Wegen zur Initiations-Erkenntnis nicht so war. Was ich aber jetzt meine, und was heute in einem hohen Grade so ist, das ist folgendes. Wenn man Geisteswissenschaftliches irgendwie produziert hat, und man will darauf später wieder zurückkommen, so ist dies - wenn man so alt geworden ist wie ich zum Beispiel und manches, was man nun mitzuteilen hat, vielleicht vor vierzig Jahren produziert hat - etwas sehr Altes eben, und dann ist die Tätigkeit, die man innerlich geistig ausübt, wirklich fast so, wie wenn man jemandem irgend etwas mitteilen will, was man in einem ganz fremden alten Buche liest. Verstehen Sie mich: Was man selber vor Jahren produziert hat, wird einem so fremd, wie etwas, was in einem fremden Buche aus diesen Jahren steht. Es sondert sich - nicht so wie die abstrakte Erkenntnis, die ich geschildert habe -, aber es sondert sich geistig von einem ab. Was man sonst, wenn man außerhalb der Initiationserkenntnis steht, so recht als mit seiner eigenen Wesenheit verbunden fühlt, das tritt heraus wie ein zweiter Mensch. Ich kann sagen, manche Bücher von befreundeter Seite sind mir heute vertrauter als die, welche ich selber früher geschrieben habe. Ich lese meine früheren Bücher ohnedies nur, wenn ich muß, zum Beispiel wenn ich sie bei Neuauflagen korrigieren muß, denn sie sind mir ja fremd. So sondert sich heute noch das, was der Geistesforscher hervorbringen muß, von ihm ab, es wird etwas Objektives. Man kann daran nicht in einer ganz elementaren Weise etwa furchtbare Freude erleben oder furchtbare Erhebung haben und so weiter. Das ist aber nicht verbunden mit der Erkenntnis als solcher, sondern das ist verbunden mit der Art und Weise noch, wie man heute dazu kommen muß - in Einsamkeit. In der früheren Zeit, als noch eine viel mehr instinktive, weniger besonnene Art zur Initiationswissenschaft zu kommen geherrscht hat, da wurde diese Initiationswissenschaft überhaupt nicht gut in Einsamkeit gepflegt. Sie werden, wenn Sie die Geschichte in dieser Beziehung verfolgen, immer davon hören, daß die Initiationswissenschaft in Gesellschaften gepflegt wird. Solche Gesellschaften gibt es auch heute, aber sie treiben nur Tradition. Wer aber heute aus dem unmittelbar persönlichen Erkenntnisweg heraus spricht, ist schon zu einer gewissen Einsamkeit verurteilt.

[ 24 ] There is also something else to consider—something that does not have to remain this way in civilization, something that was not the case even in earlier, entirely different paths to initiatory knowledge. But what I mean now—and what is very much the case today—is the following. If one has produced spiritual scientific work in some way and wishes to return to it later—especially if, like me, for example, one has grown quite old and some of what one now has to share was produced perhaps forty years ago—it is, after all, something very old, and then the activity one engages in inwardly and spiritually is really almost like wanting to tell someone something one reads in a completely unfamiliar old book. Do understand me: what one produced oneself years ago becomes as foreign to one as something written in a foreign book from those years. It becomes separated—not in the same way as the abstract knowledge I have described—but it separates from you spiritually. What one otherwise, when standing outside of initiatory knowledge, feels so closely connected to one’s own being, emerges as a second person. I can say that some books by friends are more familiar to me today than those I myself wrote in the past. In any case, I only read my earlier books when I have to—for example, when I need to correct them for new editions—because they are, after all, foreign to me. Thus, even today, what the spiritual researcher must produce separates itself from him; it becomes something objective. One cannot experience, in a purely elementary way, any profound joy or profound exaltation from it, and so on. But this is not connected with knowledge as such; rather, it is connected with the very way one must approach it today—in solitude. In earlier times, when a much more instinctive, less deliberate approach to the science of initiation prevailed, this science of initiation was not at all well cultivated in solitude. If you follow the history in this regard, you will always hear that the science of initiation was practiced in societies. Such societies still exist today, but they are merely perpetuating tradition. However, anyone who speaks today from the path of immediate personal knowledge is already condemned to a certain degree of solitude.

[ 25 ] Aber wie waren denn solche Gesellschaften eingerichtet, und wie wird es denn wiederum sein, wenn die Erkenntnis des Geistigen wieder in die Zivilisation aufgenommen sein wird, wenn sie wiederum berufen sein wird, in alle Lebenskreise und in alle Lebenspraxis einzuziehen? Denn das wird sie schon können, wenn die Menschen diese Geist-Erkenntnis ergreifen werden. Es war so, daß in solchen Gesellschaften durch eigene freie Übereinstimmung der eine diese, der andere jene Partie der Erkenntnis übernahm. Der eine konzentrierte sein eigenes geistiges Forschen darauf, den Einfluß der Welt der Gestirne auf das menschliche Leben zu erforschen, der andere darauf, den Weg des menschlichen Lebens von dem vorirdischen, geistigen Dasein in die irdische Sphäre hinein zu erforschen. Man wollte damit erreichen, daß die einzelnen Gebiete in allen Details erforscht werden könnten.

[ 25 ] But how were such societies organized, and what will it be like when knowledge of the spiritual is once again incorporated into civilization, when it is once again called upon to permeate all spheres of life and all aspects of daily practice? For it will certainly be able to do so once people embrace this spiritual knowledge. In such societies, it was the case that, through their own free agreement, one group took on this aspect of knowledge while another took on that aspect. One group focused its spiritual research on investigating the influence of the world of the stars on human life, while the other focused on investigating the path of human life from pre-earthly, spiritual existence into the earthly sphere. The aim was to ensure that these individual areas could be explored in every detail.

[ 26 ] Denn braucht man schon zehn Jahre, um etwas von dem Einfluß der Gestirne auf das Menschenleben zu erkennen, so braucht man, um wenige Schritte des Weges aus dem vorirdischen Leben in das Erdenleben hinein mit allen Details zu erforschen, eigentlich nicht zehn Jahre, sondern man brauchte eigentlich dazu ein ganzes Menschenleben. Daher war es ganz berechtigt, die einzelnen Wissensgebiete aufzuteilen. So lebte sich also jeder in das Gebiet hinein, worauf er sich besonders konzentrierte, und alles andere ließ er sich von den Genossen geben. Er hatte damit zugleich jenes innere Erlebnis, das im Produzieren der Erkenntnis besteht, und das andere Erlebnis, das im Empfangen der nicht selbst produzierten Erkenntnis besteht.

[ 26 ] For while it takes ten years just to begin to understand the influence of the celestial bodies on human life, it actually takes not ten years—but rather an entire human lifetime—to explore in detail even a few steps of the journey from pre-earthly life into earthly life. It was therefore entirely justified to divide the various fields of knowledge. In this way, each person immersed himself in the field on which he particularly concentrated, while relying on his comrades for everything else. In doing so, he experienced both the inner process of generating knowledge and the experience of receiving knowledge he had not generated himself.

[ 27 ] Wenn die Menschheit einmal wärmer werden wird, wenn sich die Herzen einmal öffnen werden in voller Wärme, dann wird es schon mit der Geisteswissenschaft so sein müssen wie mit einem gemalten Bilde. Dann wird der Mensch durch seinen natürlichen Wirklichkeitssinn auffassen, was in der Idee lebt, die er nicht selbst produziert hat, die er aber dadurch unmittelbar erlebt, daß er mit seinem unbefangenen Wahrheitssinn sie aufnimmt. Und auf der anderen Seite wird er auch jenen Schmerz und jenes Leid, von denen ich sprach, kurz, alle persönlichen Nuancen erleben an dem, was ihm als Erkenntnis entgegensteht. Dadurch wird er durchstoßen zu einem Erfassen des Geistigen mit seinen seelischen Kräften. Das kann der Mensch, indem er die geistigen Wahrheiten empfängt. Auf das muß er heute vielfach verzichten, in bezug auf das muß er vielfach resignieren, wenn er ein gewisses Gebiet der geisteswissenschaftlichen Wahrheiten selber produziert. Daher können die Früchte der geisteswissenschaftlichen Wahrheiten, wenn nur das volle warme Herz dazu da ist, gerade in diejenigen eindringen, die diese Wahrheiten empfangen. Empfangen mußte man eben in den früheren geisteswissenschaftlichen Genossenschaften. Daher wurde einem ausgesondert - oder man isolierte sich selbst - ein bestimmtes Gebiet des geistigen Forschens, für das man verzichtete auf jenes das Leben Fördernde, Bereichernde des Empfangens. Dagegen hatte man dieses das Leben Bereichernde des Empfangens von den anderen Genossen. Etwas Ähnliches muß für die Zukunft wieder entstehen.

[ 27 ] Once humanity becomes warmer, once hearts open up with full warmth, then spiritual science will inevitably be like a painted picture. Then, through his natural sense of reality, a person will grasp what lives in the idea—an idea he did not produce himself, but which he experiences directly by receiving it with his unbiased sense of truth. And on the other hand, they will also experience that pain and suffering of which I spoke—in short, all the personal nuances—in what stands before them as knowledge. Through this, they will be impelled to grasp the spiritual with their soul forces. Human beings can do this by receiving spiritual truths. Today, however, he must often forgo this; in this regard, he must often resign himself to it when he produces a certain area of spiritual-scientific truths on his own. Therefore, the fruits of spiritual-scientific truths—provided only that a full, warm heart is present—can penetrate precisely those who receive these truths. In the earlier spiritual science communities, one simply had to receive. Therefore, a specific area of spiritual research was set aside for one—or one isolated oneself—for which one renounced that life-sustaining, life-enriching aspect of receiving. In contrast, one received this life-enriching aspect of receiving from the other members. Something similar must arise again in the future.

[ 28 ] Ich schildere dies nicht deshalb, um gewissermaßen persönliche Erlebnisse vorzubringen, sondern um von dieser persönlichen, gefühlsmäßigen Seite darauf aufmerksam zu machen, daß die Früchte der hier gemeinten Geisteswissenschaft nicht allein davon abhängen, daß man sie selber produziert. Hat man auf irgendeinem Gebiete etwas produziert, so kennt man eben das Produzieren. Und dazu kann jeder kommen, wenn er nur einigermaßen das ins Auge faßt, was ich zum Beispiel in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» geschildert habe als Seelenübungen, Meditation und Konzentration und so weiter. Wenn er dann dadurch die innere Seelentätigkeit auch nur für einige Schritte erfaßt, die ins Leben hineinführen, dann öffnet er sich damit das Herz für das, was von den dazu berufenen Geistesforschern empfangen werden kann. Und dann wird die empfangene Geistesgabe das, was sich tief mit dem Persönlichen des Menschen verbinden kann, weil sie zu dem Persönlichen des Menschen spricht. Dann kommt der Mensch mit dem Persönlichen an die Quellen jenes Lebens, aus dem das Ewige in seiner Wesenheit stammt. Dann vertieft er sich in das hinein, was vor dem Erdenleben des Menschen war, was nach dem Erdenleben sein wird, vertieft sich in die Erlebnisse, die man vor dem Erdenleben in der geistigen Welt gehabt hat, und die man nach dem Erdenleben, nach dem Durchgange durch die Todespforte in der geistigen Welt haben wird. Es wächst der zweite, höhere Mensch aus dem ersten, niederen heraus. Dieser zweite, höhere Mensch kann aber nicht herauswachsen, wir können nicht Verständnis gewinnen für die Ideen der Geisteswissenschaft, ohne daß wir uns ruhend fühlen mit etwas in der geistigen Welt, so wie wir uns hier in der physischen Welt mit ihren robusten Naturideen in etwas ruhend fühlen. Daß wir Muskeln und Knochen haben, verbindet uns mit der äußeren Natur, wir ruhen dadurch mit unserer eigenen physischen Natur in der äußeren physischen Natur. Wenn wir den wahren Inhalt der geistigen Ideen erfassen und ihn erkennen als eins mit der geistigen Welt, dann lernen wir uns fühlen ruhend in einer geistig-göttlichen Welt, so wie wir uns durch unseren Körper ruhend fühlen in der sinnlichen Welt. Und auf dieses Sich-ruhend-Fühlen kommt es an, denn dadurch erfassen wir uns ebenso in unserem geistigen Sein, wie wir uns durch unseren Körper in unserem physischen Sein erfassen. Wie wir aber durch unseren Körper nur das vergängliche Sein erfassen, das Dasein zwischen Geburt und Tod, so erfassen wir uns durch unser geistig-seelisches, ewiges Dasein in der ewigen, göttlich-geistigen Welt. Gerade indem wir tiefer in das Persönliche untertauchen, erfahren wir, wie nicht nur der Mensch im allgemeinen, der abstrakte Mensch, in einer geistigen Welt wurzelt, sondern wir erfahren dann, wie jeder einzelne gerade durch sein Persönlichstes - durch das, was er in voller Individualität an einem Orte und in einer Zeit auf der Erde erleben kann - ganz elementar in einer geistigen Welt wurzelt, in einer geistigen Welt, der er angehört, und die den Charakter der Ewigkeit trägt. Und indem er so fühlt, fühlt er sozusagen die Stimme, die ihm zuruft: Mache dich nicht durch die ungesunden geistigen Inhalte zum seelisch-geistigen Krüppel, denn wie auf jeden Menschen, so ist auch auf dich nicht nur im allgemeinen gerechnet, sondern es ist auf dich gerechnet, insofern du ein ganz persönlicher, individueller Mensch bist!

[ 28 ] I am not describing this in order to present, so to speak, personal experiences, but rather to draw attention, from this personal, emotional perspective, to the fact that the fruits of spiritual science—as I mean it here—do not depend solely on one’s own production of them. If one has produced something in any field, then one simply knows what it means to produce. And anyone can achieve this if they only give some thought to what I have described, for example, in my book How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?—such as soul exercises, meditation, and concentration, and so on. If, through this, one then grasps—even if only for a few steps—the inner activity of the soul that leads into life, one thereby opens one’s heart to what can be received from the spiritual researchers called to this task. And then the spiritual gift received becomes something that can connect deeply with the individual’s personal being, because it speaks to the individual’s personal being. Then, through their individual self, the person reaches the sources of that life from which the Eternal originates in its essence. Then he delves into what existed before human life on Earth and what will exist after it; he delves into the experiences one had in the spiritual world before earthly life and those one will have in the spiritual world after earthly life, after passing through the gate of death. The second, higher human being grows out of the first, lower one. But this second, higher human being cannot grow forth—we cannot gain an understanding of the ideas of spiritual science—unless we feel at rest with something in the spiritual world, just as we feel at rest here in the physical world with its robust natural ideas. The fact that we have muscles and bones connects us to external nature; through them, we find a sense of rest with our own physical nature within external physical nature. When we grasp the true content of spiritual ideas and recognize it as one with the spiritual world, then we learn to feel at rest in a spiritual-divine world, just as we feel at rest in the sensory world through our body. And this sense of being at rest is what matters, for through it we perceive ourselves in our spiritual being just as we perceive ourselves in our physical being through our body. But just as we perceive through our body only the transitory being—existence between birth and death—so do we perceive ourselves through our spiritual-soulful, eternal existence in the eternal, divine-spiritual world. Precisely by delving deeper into the personal, we experience not only how humanity in general—the abstract human being—is rooted in a spiritual world, but we also come to realize how each individual, precisely through what is most personal to them —through what they can experience in full individuality at a particular place and time on Earth—is fundamentally rooted in a spiritual world, a spiritual world to which they belong and which bears the character of eternity. And as they feel this way, they hear, so to speak, the voice calling out to them: Do not make yourself a spiritual cripple through unhealthy spiritual content, for just as with every human being, so too with you—it is not merely a general matter, but it applies to you specifically, insofar as you are a wholly personal, individual human being!

[ 29 ] Und in diesem persönlichen, individuellsten Menschentum taucht der Mensch unter in die religiöse und in die höchste künstlerische Stimmung, die man der Welt gegenüber empfinden kann. Daher führt Geisteswissenschaft unmittelbar in ein religiöses Erfühlen hinein. Und jeder kann aus unserer Literatur sehen, wie das Christentum vertieft wird, wie es erst in seinem vollen Lichte und in seiner wahren Wesenheit dargestellt werden kann durch das Untertauchen in die persönlich-menschlichen Erlebnisse des in einer persönlichen Gestalt erschienenen Christus.

[ 29 ] And in this personal, most individual form of humanity, the human being immerses himself in the religious and highest artistic mood that one can feel toward the world. Therefore, spiritual science leads directly into a religious sense of feeling. And anyone can see from our literature how Christianity is deepened, how it can only be portrayed in its full light and true essence through immersion in the personal, human experiences of Christ, who appeared in a personal form.

[ 30 ] Dadurch, daß wir auf diese Weise auf einem persönlichen Lebenswege zu einer ewigen geistigen Wesenheit vordringen, dadurch stellt sich unsere Persönlichkeit erst in der richtigen Nuance in die wirkliche Welt hinein, denn dadurch bekommen wir das Bewußtsein, daß auf jeden von uns als Persönlichkeit gerechnet ist. Und wir bekommen wirklich dann die Erkenntnis des Geistes wie etwas, was unmittelbar ein menschlich-persönlicher Lebensweg wird. Wir kommen uns dann vor wie innerlich ergriffen werdend von dem Inhalte der Geisteserkenntnis, wie unser Körper ergriffen wird von der Kraftgewalt des Blutes für sein Leben.

[ 30 ] It is precisely by advancing in this way along a personal path of life toward an eternal spiritual being that our personality is truly integrated into the real world with the right nuance; for this is how we gain the awareness that each of us is counted upon as a personality. And we then truly come to perceive the spirit as something that directly becomes a human, personal life journey. We then feel as if we are being inwardly moved by the content of spiritual knowledge, just as our body is moved by the life-giving power of the blood.

[ 31 ] Wir kommen uns dann so vor, wie wenn wir unser individuelles, persönliches Dasein auf der Erde etwa durch folgenden Vergleich charakterisieren könnten. Irgendwo ist eine Versammlung. Wir sind aufgefordert, in diese Versammlung zu kommen. Wir sind deshalb aufgefordert, in diese Versammlung als einzelner zu kommen, weil man dort darauf wartet, daß gerade das gesagt wird, was nur wir, was das einzelne Ich als persönliche Individualität vorbringen kann. Nehmen wir an, wir machen nun irgend etwas, bevor wir in die Versammlung gehen, wo auf uns gewartet wird, machen etwas, was zur Folge hat, daß wir nicht hingehen können. Wir kommen nicht. Wir sind derjenige, der erwartet wird - und der nicht kommt!

[ 31 ] We then feel as if we could characterize our individual, personal existence on Earth using the following analogy, for example. There is a gathering somewhere. We are called upon to attend this gathering. We are therefore asked to come to this gathering as individuals because people there are waiting for us to say precisely what only we—the individual “I” as a personal entity—can say. Let’s suppose we do something before we go to the gathering where people are waiting for us—something that prevents us from going. We don’t go. We are the one who is expected—and who does not come!

[ 32 ] Indem Geisteswissenschaft persönlich-menschlichste Angelegenheit wird, lernt man allmählich erkennen, wie das, was man durch die Geisteswissenschaft im Leben tut, das Leben bereichert auch in seiner äußersten Praxis. Man lernt erkennen, daß dies die Richtung unseres persönlichsten Lebensweges nach etwas hin ist, wo man auf uns wartet. Indem wir in die geistige Welt hineinschauen, in die Welt, wo göttlich-geistige Wesenheiten schaffend an unserem individuellen Dasein tätig sind, schauen wir damit hinein in etwas, von dem man sieht, da wird auf uns gewartet, und wir werden die Erwartung, die man in uns setzt, nur erfüllen und bei denen ankommen, die die Genossen einer höheren, geistigen Welt sind, wenn wir durch den menschlich-persönlichen Lebensweg in die geistige Welt diesen ewigen Menschen in seiner vollen Harmonie, in seiner vollen Macht finden, indem wir das Geistig-Seelische in ihn aufnehmen. So führt uns die ins Menschliche vertiefte Geisteserkenntnis dazu, die Entscheidung darüber zu treffen, ob wir hingelangen oben in jenes Gebiet des menschlichen Miterlebens des Geistigen, wo auf uns gewartet wird, oder ob wir - wir gehen ja doch durch Geburten und Tode hin einmal an jenem Punkte ankommen werden, wo uns einst das vorwurfsvolle Wort entgegentönen wird: Auf dich ist gewartet worden - und du bist nicht gekommen!

[ 32 ] As spiritual science becomes a deeply personal and human endeavor, one gradually comes to recognize how what one does in life through spiritual science enriches life, even in its most practical application. One comes to realize that this is the direction of our most personal life path toward something where we are awaited. As we look into the spiritual world—the world where divine-spiritual beings are creatively at work in our individual existence—we thereby look into something where we see that we are awaited, and we will fulfill the expectation placed in us and arrive among those who are our companions in a higher, spiritual world only if, through our human-personal life path into the spiritual world, we find this eternal human being in his full harmony and in his full power by taking the spiritual-soul aspect into ourselves. Thus, spiritual insight rooted in the human leads us to make the decision as to whether we will reach that realm above where the spiritual is experienced alongside the human—where we are awaited—or whether we—since we do, after all, pass through births and deaths—will eventually arrive at that point where the reproachful words will one day ring out to us: “You were expected—and you did not come!”