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World History from an Anthroposophical Perspective
GA 233

1 January 1924, Dornach

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Neunter Vortrag

Ninth Lecture

[ 1 ] Da wir nun zum letzten Mal in dieser Tagung, von der Kraftvolles, Wichtiges für die anthroposophische Bewegung ausgehen soll, zusammen sind, lassen Sie mich wohl den letzten Vortrag so gestalten, daß er sich innerlich, dem Impulse nach, anschließt an die mancherlei Ausblicke, die uns diese Vortragsreihe gegeben hat, daß aber auch auf der anderen Seite in einer gewissen Weise, ich möchte sagen empfindungsgemäß, auf die Zukunft, namentlich die Zukunft des anthroposophischen Strebens dadurch hingewiesen werde.

[ 1 ] Since we are now gathered together for the last time in this conference—which is intended to generate powerful and important impulses for the anthroposophical movement—let me structure this final lecture in such a way that, in its inner spirit and impulse, it follows on from the various perspectives that this series of lectures has offered us, while also, in a certain sense, I would say, in a way that speaks to our feelings, point toward the future—namely, the future of the anthroposophical endeavor.

[ 2 ] Wenn man heute in die Welt hinaussieht, so bietet sich, zwar seit Jahren schon, außerordentlich viel Zerstörungsstoff. Kräfte sind am Werk, die ahnen lassen, in welche Abgründe die westliche Zivilisation noch hineinsteuern wird. Aber man möchte sagen: Wenn man gerade nach denjenigen Menschen sieht, welche gewissermaßen äußerlich die geistige Führerschaft auf den verschiedensten Gebieten des Lebens innehaben, dann wird man bemerken, wie diese Menschen in einem furchtbaren Weltenschlafe befangen sind. — Sie denken ja ungefähr so, noch vor kurzer Zeit dachten die meisten vielleicht so: Bis ins 19. Jahrhundert herein war die Menschheit in bezug auf ihre Einsichten und Anschauungen kindlich, primitiv. Dann ist die neuere Wissenschaft auf den verschiedensten Gebieten gekommen, und nun sei etwas da, was wohl in alle Ewigkeit als die Wahrheit weitergepflegt werden müsse.

[ 2 ] When one looks out at the world today—as has been the case for years now—one sees an extraordinary amount of destructive potential. Forces are at work that give us a sense of the abysses into which Western civilization is still heading. But one might say: If one looks specifically at those people who, in a sense, hold the position of spiritual leadership in the most diverse areas of life, one will notice how these people are caught up in a terrible slumber. — They think something like this—and until recently, most people probably thought this way: Up until the 19th century, humanity was childlike and primitive in terms of its insights and views. Then modern science emerged in a wide variety of fields, and now there is something that must surely be upheld as the truth for all eternity.

[ 3 ] Die Menschen, die so denken, leben eigentlich in einem ungeheuren Hochmut, wissen es nur nicht. Demgegenüber erscheint manchmal doch innerhalb der heutigen Menschheit diese oder jene Ahnung, daß die Dinge doch nicht so sind, wie ich sie eben als in der Meinung der meisten liegend dargestellt habe.

[ 3 ] People who think this way are actually living in tremendous arrogance; they just don’t realize it. In contrast, however, there are sometimes glimpses among people today that things are not, after all, as I have just described them—as being the opinion of the majority.

[ 4 ] Während ich vor einiger Zeit jene Vorträge halten konnte in Deutschland, die vom Wolffschen Büro organisiert waren und die eine außerordentlich reiche Zuhörerschaft gebracht haben, so daß schon mancher aufmerkte, wie Anthroposophie eigentlich begehrt wird, da zeigte sich unter so vielen albernen gegnerischen Stimmen eine, die ja inhaltlich nicht viel gescheiter als die anderen war, die aber dennoch eine merkwürdige Ahnung verriet. Sie bestand in einer Zeitungsnotiz, die anknüpfte an einen der Vorträge, die ich in Berlin zu halten hatte. Da sagte eine Zeitungsstimme: Wenn man sich so etwas anhört — wie ich es dazumal in jenem Berliner Vortrage vorgebracht habe —, dann würde man doch aufmerksam darauf, daß nicht nur auf der Erde — ich zitiere ungefähr, wie die Notiz war —, sondern im ganzen Kosmos etwas vorgeht, was die Menschen zu einer anderen Geistigkeit aufruft, als sie vorher da war. Man sehe, daß jetzt sozusagen die Kräfte des Kosmos, nicht bloß die irdischen Impulse, von den Menschen etwas fordern; eine Art Revolution im Kosmos, deren Ergebnis eben das Streben nach neuer Geistigkeit sein müsse.

[ 4 ] Some time ago, when I was able to give those lectures in Germany that were organized by Wolff’s office—and which drew an exceptionally large audience, so that many people began to realize just how much anthroposophy is actually in demand— amid so many silly opposing voices, one stood out—one that, in terms of content, was not much wiser than the others, but which nevertheless revealed a curious insight. It consisted of a newspaper article that referred to one of the lectures I was to give in Berlin. A newspaper commentator said: When one listens to something like this—as I presented it at that time in that Berlin lecture—one would surely take notice that not only on Earth—I am quoting roughly from the article—but throughout the entire cosmos, something is happening that calls upon people to embrace a different spirituality than existed before. One can see that now, so to speak, the forces of the cosmos—not merely earthly impulses—are demanding something from human beings; a kind of revolution in the cosmos, the result of which must be the striving for a new spirituality.

[ 5 ] Solch eine Stimme war immerhin da, und sie war eigentlich recht bemerkenswert. Denn wahr ist es ja: Was in richtiger Art impulsieren muß dasjenige, was nunmehr von Dornach ausgehen soll, das muß, wie ich in diesen Tagen von den verschiedensten Gesichtspunkten aus betonte, ein Impuls sein, nicht auf der Erde entsprossen, sondern ein Impuls, entsprossen in der geistigen Welt. Wir wollen hier die Kraft entwickeln, Impulsen aus der geistigen Welt zu folgen. Deshalb habe ich in diesen Abendvorträgen während dieser Weihnachtstagung von mannigfaltigen Impulsen, die in der geschichtlichen Entwickelung da waren, gesprochen, damit die Herzen aufgehen können für das Aufnehmen geistiger Impulse, die erst einströmen sollen in die irdische Welt, die nicht von der irdischen Welt selber genommen sein sollen. Denn alles, was bisher die irdische Welt in richtigem Sinne getragen hat, war aus der geistigen Welt entsprungen. Und sollen wir etwas für die irdische Welt Fruchtbares leisten, so müssen die Impulse dazu aus der geistigen Welt geholt werden.

[ 5 ] Such a voice was, after all, present, and it was actually quite remarkable. For it is indeed true: What must provide the proper impulse for what is now to emanate from Dornach—as I have emphasized these past few days from a wide variety of perspectives—must be an impulse not sprung from the earth, but an impulse sprung from the spiritual world. Let us develop here the strength to follow impulses from the spiritual world. That is why, in these evening lectures during this Christmas conference, I have spoken of the manifold impulses that have been present in historical development, so that hearts may open to receiving spiritual impulses that are first to flow into the earthly world—impulses that are not to be drawn from the earthly world itself. For everything that has truly sustained the earthly world up to now has sprung from the spiritual world. And if we are to accomplish anything fruitful for the earthly world, the impulses for this must be drawn from the spiritual world.

[ 6 ] Das, meine lieben Freunde, regt an, hinzuweisen darauf, wie die Antriebe, die wir mitnehmen sollen aus dieser Tagung in unser ferneres Wirken, verbunden sein müssen mit einer großen Verantwortung.

[ 6 ] This, my dear friends, prompts us to point out how the inspiration we are to carry forward from this conference into our future work must be accompanied by a great sense of responsibility.

[ 7 ] Lassen Sie uns einmal einige Minuten verweilen bei dem, was uns auferlegt ist durch diese Tagung als eine große Verantwortung. Man konnte in den letzten Jahrzehnten mit einem Sinn für die geistige Welt an mancherlei Persönlichkeiten vorbeigehen, geistig beobachtend und bittere Gefühle empfangend aus dieser geistigen Beobachtung für das kommende Schicksal der Erdenmenschheit. Man konnte vorbeigehen an den Mitmenschen der Erde auf jene Art, wie man es eben im Geiste kann, und diese Menschen beobachten, wenn sie schlafend ihren physischen und Ätherleib verlassen haben und mit ihrem Ich und mit ihrem astralischen Leib in der geistigen Welt weilen. Ja, Wanderungen anzustellen über die Schicksale der Iche und astralischen Leiber in den letzten Jahrzehnten, während die Menschen schliefen, das war schon die Veranlassung zu Erfahrungen, die auf schwere Verantwortlichkeiten für den, der diese Dinge wissen kann, hinweisen. Diese Seelen, die vom Einschlafen bis zum Aufwachen ihren physischen Leib und ihren Ätherleib verlassen hatten, diese Seelen sah man dann öfter herankommen an den Hüter der Schwelle.

[ 7 ] Let us take a few minutes to reflect on the great responsibility that this conference has placed upon us. In recent decades, one could have passed by various personalities with a sense of the spiritual world, observing them spiritually and receiving bitter feelings from this spiritual observation regarding the future fate of humanity on Earth. One could pass by one’s fellow human beings on Earth in the way that is possible in the spirit realm, and observe these people when, while asleep, they have left their physical and etheric bodies and are dwelling in the spiritual world with their I and their astral body. Indeed, undertaking journeys through the destinies of the I’s and astral bodies over the past decades, while people slept, was itself the cause of experiences that point to grave responsibilities for those who are able to know these things. These souls, who had left their physical and etheric bodies from the moment they fell asleep until they awoke, were then often seen approaching the Guardian of the Threshold.

[ 8 ] Dieser Hüter der Schwelle in die geistige Welt ist ja im Laufe der Menschheitsentwickelung den Menschen in der mannigfaltigsten Weise vor das Bewußtsein getreten. Manche Legende, manche Sage denn in solcher Form erhalten sich ja die wichtigsten Dinge, nicht in der Form der geschichtlichen Überlieferung —, manche Legende, manche Sage weist eben darauf hin, wie in älteren Zeiten diese oder jene Persönlichkeit dem Hüter der Schwelle begegnet ist und von ihm die Unterweisung bekommen hat, wie sie hineinkommen soll in die geistige Welt und wiederum zurück in die physische Welt. Denn alles richtige Hineinkommen in die geistige Welt muß begleitet sein von der Möglichkeit, in jedem Augenblicke wiederum zurückkehren zu können in die physische Welt und in ihr wirklich auf beiden Beinen zu stehen als ein durchaus praktischer, besonnener Mensch, nicht als ein Schwärmer, nicht als ein schwärmerischer Mystiker.

[ 8 ] This guardian of the threshold to the spiritual world has, in the course of human evolution, appeared in people’s consciousness in the most diverse ways. Many legends and myths—for it is in such forms that the most important things are preserved, not in the form of historical tradition—many legends and myths point to how, in ancient times, this or that individual encountered the Guardian of the Threshold and received instruction from him on how to enter the spiritual world and return again to the physical world. For any true entry into the spiritual world must be accompanied by the possibility of being able to return at any moment to the physical world and to stand firmly on one’s own two feet there as a thoroughly practical, level-headed person—not as a dreamer, not as a fanciful mystic.

[ 9 ] Das wurde im Grunde genommen gegenüber dem Hüter der Schwelle durch all die Jahrtausende des Menschenstrebens in die geistige Welt hinein verlangt. Aber insbesondere im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, da sah man kaum Menschen, die im wachen Zustande an den Hüter der Schwelle herangelangten. Um so mehr aber in unserer Zeit, wo es der ganzen Menschheit historisch auferlegt ist, in irgendeiner Form am Hüter der Schwelle vorbeizukommen, um so mehr findet man, wie gesagt, bei entsprechenden Wanderungen in der geistigen Welt, wie die schlafenden Seelen als Iche und astralische Leiber an den Hüter der Schwelle herankommen. Das sind die bedeutungsvollen Bilder, die man heute bekommen kann: der ernste Hüter der Schwelle, um ihn herum Gruppen von schlafenden Menschenseelen, die im wachenden Zustande nicht die Kraft haben, an diesen Hüter der Schwelle heranzukommen, die an ihn herankommen, während sie schlafen.

[ 9 ] This is essentially what has been demanded of the Keeper of the Threshold throughout all the millennia of human striving toward the spiritual world. But especially in the last third of the 19th century, one hardly saw anyone who approached the Keeper of the Threshold while awake. All the more so, however, in our time, when it is historically incumbent upon all of humanity to pass the Guardian of the Threshold in some form or another; all the more so, as I said, one finds during corresponding journeys into the spiritual world how the sleeping souls, as “I”-s and astral bodies, approach the Guardian of the Threshold. These are the meaningful images one can perceive today: the solemn Guardian of the Threshold, surrounded by groups of sleeping human souls who, in the waking state, lack the strength to approach this Guardian of the Threshold, but who do approach him while they sleep.

[ 10 ] Dann, wenn man die Szene sieht, die sich da abspielt, dann bekommt man einen Gedanken, der gerade verbunden ist mit dem, was ich das Aufkeimen einer notwendigen großen Verantwortung nennen möchte. Die Seelen, die so im schlafenden Zustande an den Hüter der Schwelle herankommen, sie fordern mit demjenigen Bewußtsein — für das wache bleibt es unbewußt oder unterbewußt —, das der Mensch im Schlafe hat, den Einlaß in die geistige Welt, das Hinüberwandern über die Schwelle. Und in zahllosen Fällen hört man dann die Stimme des ernsten Hüters der Schwelle: Du darfst zu deinem eigenen Heile nicht hinüber über die Schwelle. Du darfst nicht den Einlaß gewinnen in die geistige Welt. Du mußt zurück. Denn würde der Hüter der Schwelle solchen Seelen ohne weiteres den Einlaß in die geistige Welt gewähren, sie würden über die Schwelle hinübergehen, sie würden in die geistige Welt hineinkommen mit den Begriffen, die ihnen die heutige Schule, die heutige Bildung, die heutige Zivilisation überliefert, mit den Begriffen und Ideen, mit denen der Mensch heute aufwachsen muß zwischen dem sechsten Jahre und im Grunde genommen dem Ende seines Erdenlebens.

[ 10 ] Then, when one sees the scene unfolding there, a thought arises that is directly connected to what I would like to call the emergence of a necessary, great responsibility. The souls who approach the Guardian of the Threshold in this sleeping state demand—with the consciousness that a person possesses in sleep (which remains unconscious or subconscious to the waking mind)—admission into the spiritual world, the crossing over the threshold. And in countless cases, one then hears the voice of the solemn Keeper of the Threshold: “For your own good, you must not cross the threshold. You must not gain entry into the spiritual world. You must return.” For if the Keeper of the Threshold were to grant such souls entry into the spiritual world without further ado, they would cross the threshold, they would enter the spiritual world with the concepts handed down to them by today’s schools, today’s education, and today’s civilization—with the concepts and ideas with which people today must grow up between the age of six and, essentially, the end of their earthly lives.

[ 11 ] Diese Begriffe und Ideen, sie haben die Eigentümlichkeit: wenn man mit ihnen, so wie man mit ihnen geworden ist dutch die gegenwärtige Zivilisation und Schule, in die geistige Welt eintritt, wird man seelisch paralysiert. Und man würde zurückgelangen in die physische Welt in Gedanken- und Ideenleerheit. Würde der Hüter der Schwelle nicht ernst diese Seelen zurückstoßen, viele Seelen der gegenwärtigen Menschen zurückstoßen, würde er sie hinüberlassen in die geistige Welt, dann würden sie, wenn sie wiederum aufwachend zurückkommen, beim entscheidenden Aufwachen zurückkommen, das Gefühl haben: Ich kann ja nicht denken, meine Gedanken ergreifen mein Gehirn nicht, ich muß gedankenlos durch die Welt gehen. — Denn so ist die Welt der abstrakten Ideen, die der Mensch heute anknüpft an alles: man kann mit ihnen hinein in die geistige Welt, aber nicht wieder mit ihnen heraus. Und wenn man diese Szene sieht, die wirklich heute im Schlafe mehr Seelen erleben, als man gewöhnlich glaubt, dann sagt man sich: Oh, wenn es nur gelänge, diese Seelen davor zu behüten, daß, was sie im Schlafe erleben, sie nicht auch im Tode erleben müssen. — Denn wenn der Zustand, der so erlebt wird vor dem Hüter der Schwelle, lange genug fortdauern würde, das heißt, wenn die menschliche Zivilisation lange unter demjenigen bliebe, was man heute in den Schulen aufnehmen, durch die Zivilisation überliefert erhalten kann, dann würde aus dem Schlafe Leben werden. Die Menschenseelen würden hinübergehen durch die Pforte des Todes in die geistige Welt, aber nicht wieder eine Kraft der Ideen in das nächste Erdenleben bringen können. Denn man kann hinein mit den heutigen Gedanken in die geistige Welt, nicht aber mit ihnen wieder heraus. Man kann nur seelisch paralysiert wieder herauskommen.

[ 11 ] These concepts and ideas have a peculiar characteristic: if one enters the spiritual world with them—as one has come to regard them through present-day civilization and education—one becomes spiritually paralyzed. And one would return to the physical world in a state of mental and intellectual emptiness. If the Keeper of the Threshold did not seriously turn these souls away—turn away many of the souls of people today—if he were to let them pass into the spiritual world, then when they returned upon awakening, upon that decisive awakening, they would have the feeling: “I cannot think; my thoughts do not take hold of my brain; I must go through the world without thoughts.” — For such is the world of abstract ideas that people today attach to everything: one can enter the spiritual world with them, but not return from it with them. And when one sees this scene—which, in truth, more souls experience in sleep today than is generally believed—one says to oneself: Oh, if only we could protect these souls from having to experience in death what they experience in sleep. — For if the state experienced before the Guardian of the Threshold were to persist long enough—that is, if human civilization were to remain for a long time under the influence of what is taught in schools today and preserved through civilization—then sleep would become life. Human souls would pass through the gate of death into the spiritual world, but would be unable to bring the power of ideas back into their next earthly life. For one can enter the spiritual world with today’s thoughts, but not emerge from it with them. One can only emerge from it in a state of spiritual paralysis.

[ 12 ] Sehen Sie, die Zivilisation der Gegenwart läßt sich begründen mit dieser Form des geistigen Lebens, die eben seit so langer Zeit gepflegt worden ist, aber das Leben läßt sich damit nicht begründen. Diese Zivilisation könnte eine Zeitlang fortgehen. Die Seelen würden eben während des Wachens nichts ahnen von dem Hüter der Schwelle, während des Schlafens von ihm zurückgewiesen werden, damit sie nicht paralysiert würden, und zuletzt würde das bewirken, daß ein Menschengeschlecht in der Zukunft geboren würde, welches keinen Verstand, keine Möglichkeit, Ideen im Leben anzuwenden, in diesem künftigen Erdenleben zeigte, und das Denken, das Leben in Ideen würde von der Erde verschwinden. Ein krankhaftes, bloß instinktives Menschengeschlecht würde die Erde bevölkern müssen. Schlimme Gefühle und Emotionen allein, ohne die orientierende Kraft der Ideen, würden Platz greifen in der Menschheitsentwickelung. Ja, es ist so, daß nicht nur in der schon geschilderten Weise sich durch die Beobachtung der vor dem Hüter der Schwelle stehenden Seele, die keinen Einlaß gewinnen kann in die geistige Welt, daß nicht nur dadurch ein trauriges Bild sich darbietet dem geistig Schauenden, sondern auch noch in einer anderen Beziehung.

[ 12 ] You see, modern civilization can be grounded in this form of spiritual life, which has been cultivated for so long, but life itself cannot be grounded in it. This civilization might continue for a while. While awake, souls would be unaware of the Guardian of the Threshold; while asleep, they would be repelled by him so as not to be paralyzed; and ultimately, this would result in the birth of a future human race that would show no intellect, no ability to apply ideas to life in this future earthly existence, and thinking—life in ideas—would vanish from the Earth. A sickly, purely instinctive human race would be forced to populate the Earth. Only negative feelings and emotions—devoid of the guiding power of ideas—would take hold in human development. Indeed, it is true that not only in the manner already described—through the observation of the soul standing before the Keeper of the Threshold, unable to gain entry into the spiritual world—does a sad picture present itself to the spiritual observer, but also in another respect.

[ 13 ] Nimmt man eine Menschenwesenheit, die nun nicht aus westlicher Zivilisation, sondern aus östlicher Zivilisation entsprungen ist, mit auf jener Wanderung, die ich charakterisiert habe, auf der man beobachten kann die schlafenden Menschenseelen vor dem Hüter der Schwelle, nimmt man eine solche östliche Menschenwesenheit mit, dann kann man von ihr die Geistworte wie einen furchtbaren Vorwurf gegenüber der gesamten westlichen Zivilisation erheben hören: Seht ihr, wenn das so fortgeht, wird schon, wenn die Menschen, die heute leben, neuerdings in einer Inkarnation auf Erden erscheinen, die Erde barbarisiert sein. Die Menschen werden ohne Ideen, nur noch in Instinkten leben. So weit habt ihr es gebracht, weil ihr abgefallen seid von der alten Spiritualität des Morgenlandes.

[ 13 ] If one takes a human being—one who has emerged not from Western civilization but from Eastern civilization—along on that journey I have described, during which one can observe the sleeping human souls before the Keeper of the Threshold, if one takes such an Eastern human being along, then one can hear them utter words of the spirit that sound like a terrible accusation against the entire Western civilization: “Do you see? If this continues, by the time the people living today reappear in a new incarnation on Earth, the Earth will have been reduced to barbarism.” People will live without ideas, guided solely by instinct. You have brought things to this point because you have strayed from the ancient spirituality of the East.

[ 14 ] In der Tat, für dasjenige, was Aufgabe des Menschen ist, kann gerade ein solcher Blick in die geistige Welt hinein, wie ich ihn geschildert habe, von einer starken Verantwortlichkeit zeugen. Und hier in Dornach muß eine Stätte sein, wo für diejenigen Menschen, die es hören wollen, gesprochen werden kann von allen wichtigen, unmittelbaren Erlebnissen in der geistigen Welt. Hier muß eine Stätte sein, wo die Kraft gefunden wird, nicht bloß in ausspintisierender, dialektisch-empirischer Wissenschaftlichkeit der Gegenwart hinzudeuten darauf, daß es da oder dort solche kleinen Spuren des Geistigen gibt, sondern wenn Dornach seine Aufgabe erfüllen will, dann muß hier offen von dem, was in der geistigen Welt vorgeht geschichtlich, was in der geistigen Welt vorgeht als Impulse, die dann in das natürliche Dasein hineingehen und die Natur beherrschen, es muß in Dornach von wirklichen Erlebnissen, von wirklichen Kräften, von wirklichen Wesenheiten der geistigen Welt der Mensch hören können. Hier muß die Hochschule der wirklichen Geisteswissenschaft sein. Und wir dürfen fortan nicht zurückweichen vor den Anforderungen heutiger Wissenschaftlichkeit, die die Menschen so, wie ich es geschildert habe, schlafend vor den ernsten Hüter der Schwelle führt. Man muß sozusagen in Dornach Kraft gewinnen können, sich — geistig sei es gemeint — Auge in Auge der geistigen Welt wirklich gegenüberzustellen, von der geistigen Welt zu erfahren.

[ 14 ] Indeed, when it comes to what it means to be human, precisely such a glimpse into the spiritual world—as I have described it—can be a testament to a deep sense of responsibility. And here in Dornach there must be a place where, for those who wish to hear it, one can speak of all the important, direct experiences in the spiritual world. There must be a place here where the strength is found not merely to point, within the speculative, dialectical-empirical scientific mindset of the present, to the fact that here and there are such small traces of the spiritual; rather, if Dornach is to fulfill its mission, then here one must speak openly about what takes place in the spiritual world historically, about what takes place in the spiritual world as impulses that then enter into natural existence and govern nature; in Dornach, people must be able to hear about real experiences, real forces, and real beings of the spiritual world. Here must be the School of True Spiritual Science. And from now on, we must not shy away from the demands of today’s scientific rigor, which, as I have described, leads people, as if asleep, before the serious guardians of the threshold. One must, so to speak, be able to gain strength in Dornach to truly face—in a spiritual sense—the spiritual world eye to eye and to learn about it.

[ 15 ] Daher soll auch hier nicht in dialektischen Tiraden von dem Ungenügenden der heutigen Wissenschaftstheorie gesprochen werden, sondern ich mußte darauf aufmerksam machen, in welche Lage der Mensch gegenüber dem Hüter der Schwelle durch diese Wissenschaftstheorien mit ihren Ausläufern in die gewöhnliche Schule kommt. Wenn man sich jetzt bei dieser Tagung hier einmal dies ernsthaftig gegenüber der eigenen Seele eingestanden hat, dann wird diese Weihnachtstagung einen kräftigen Impuls in die Seelen hineinsenden, der dann diese Seelen hinaustragen kann zu kräftigem Wirken, wie es die Menschheit heute braucht, damit die nächste Inkarnation die Menschen so finde, daß sie wirklich dem Hüter der Schwelle begegnen können, das heißt, daß die Zivilisation so werde, daß sie selbst als Zivilisation vor dem Hüter der Schwelle bestehen kann.

[ 15 ] Therefore, I do not intend to launch into dialectical tirades here about the inadequacies of contemporary theories of science; rather, I felt compelled to draw attention to the situation in which human beings find themselves vis-à-vis the Guardian of the Threshold as a result of these theories of science and their ramifications in ordinary schools. If, at this conference, each of us has now sincerely acknowledged this to our own soul, then this Christmas conference will send a powerful impulse into our souls—an impulse that can then carry these souls forth to powerful action, as humanity needs today, so that the next incarnation may find people who are truly able to encounter the Keeper of the Threshold, that is, so that civilization may become such that it itself, as a civilization, can stand before the Keeper of the Threshold.

[ 16 ] Vergleichen Sie die heutige Zivilisation mit früheren Zivilisationen. In allen früheren Zivilisationen gab es Ideen, Begriffe, die zuerst hinaufgingen nach der übersinnlichen Welt, nach den Göttern, nach der Welt, wo gezeugt, geschaffen wird, hervorgebracht wird; dann konnte man mit den Begriffen, die vor allem den Göttern gehörten im Aufblicke, herabblicken auf die irdische Welt, um diese irdische Welt nun mit den götterwürdigen Begriffen und Ideen auch zu verstehen. Kam man mit diesen Ideen, die götterwürdig und götterwert ausgebildet waren, vor den Hüter der Schwelle, dann sagte einem der Hüter der Schwelle: Du kannst passieren, denn du bringst hinüber in die übersinnliche Welt dasjenige, was schon während deines Erdenlebens im physischen Leibe nach der übersinnlichen Welt gerichtet ist. Dann bleibt dir bei der Rückkehr in die physisch-sinnliche Welt noch genug der Kraft übrig, um nicht gelähmt zu werden durch den Anblick der übersinnlichen Welt. Heute entwickelt der Mensch Begriffe und Ideen, die er nach dem Genius der Zeit nur anwenden will auf die physisch-sinnliche Welt. Diese Begriffe und Ideen handeln von allem möglichen Wägbaren, Meßbaren und so weiter, nur nicht von den Göttern. Sie sind nicht götterwürdig, sie sind nicht götterwert. Deshalb donnert es den Seelen, die nun schon ganz verfallen sind dem Materialismus der götterunwerten und götterunwürdigen Ideen, deshalb donnert es ihnen, wenn sie schlafend den Hüter der Schwelle passieren, entgegen: Tritt nicht über die Schwelle! Du hast deine Ideen mißbraucht für die Sinneswelt. Du mußt mit ihnen deshalb in der Sinneswelt bleiben, kannst mit ihnen nicht, wenn du nicht seelisch paralysiert werden willst, in die Götterwelt eintreten.

[ 16 ] Compare today’s civilization with earlier civilizations. In all earlier civilizations, there were ideas and concepts that first ascended to the supersensible world, to the gods, to the world where things are conceived, created, and brought forth; then, using these concepts—which, in their ascent, belonged above all to the gods—one could look down upon the earthly world in order to understand this earthly world through these godly concepts and ideas. If one approached the Guardian of the Threshold with these ideas—which had been developed in a manner worthy of the gods—the Guardian of the Threshold would say: “You may pass, for you are bringing into the supersensible world that which, even during your earthly life in the physical body, was already directed toward the supersensible world.” Then, upon your return to the physical-sensory world, you will still have enough strength left not to be paralyzed by the sight of the supersensible world. Today, human beings develop concepts and ideas which, in keeping with the spirit of the times, they wish to apply only to the physical-sensory world. These concepts and ideas deal with all manner of things that can be weighed, measured, and so on—but not with the gods. They are not worthy of the gods; they are not of the gods’ worth. That is why a thunderous warning resounds to the souls who have already completely succumbed to the materialism of these ideas unworthy of the gods and of the gods’ worth—that is why, as they pass the Guardian of the Threshold in their sleep, the warning thunders to them: “Do not cross the threshold!” You have misused your ideas for the sensory world. You must therefore remain with them in the sensory world; you cannot enter the world of the gods with them unless you wish to be spiritually paralyzed.

[ 17 ] Sehen Sie, solche Dinge müssen gesagt werden, nicht, damit man über sie spintisiert, sondern sie müssen gesagt werden, damit man sein Gemüt von ihnen durchströmen und durchdringen läßt und in die rechte Stimmung kommt, die man mitnehmen soll von dieser so ernsten Weihnachtstagung der Anthroposophischen Gesellschaft. Denn wichtiger als alles übrige, was wir mitnehmen, wird sein die Stimmung, die wir mitnehmen, die Stimmung für die geistige Welt, die Gewißheit gibt: In Dornach wird ein Mittelpunkt geistiger Erkenntnis geschaffen werden.

[ 17 ] You see, such things must be said—not so that people can speculate about them, but so that they may allow these words to flow through and permeate their hearts, and enter into the right frame of mind to carry with them from this very solemn Christmas conference of the Anthroposophical Society. For more important than anything else we take with us will be the mood we carry forward—the mood for the spiritual world that gives us the certainty: A center of spiritual knowledge will be established in Dornach.

[ 18 ] Deshalb klang es heute vormittag wirklich schön, als gesprochen worden ist für ein Gebiet, das hier in Dornach gepflegt werden soll, für das Gebiet der Medizin, von Dr. Zeylmans, daß heute nicht mehr Brücken gebaut werden können von der gewöhnlichen Wissenschaft aus in dasjenige, was hier in Dornach begründet werden soll. Wenn wir dasjenige, was auf unserem Boden medizinisch erwächst, so beschreiben, daß wir den Ehrgeiz haben: Unsere Abhandlungen können bestehen vor den gegenwärtigen klinischen Anforderungen —, dann, dann werden wir niemals mit den Dingen, die wir eigentlich als Aufgabe haben, zu einem bestimmten Ziele kommen, denn dann werden die anderen Menschen sagen: Nun ja, das ist ein neues Mittel; wir haben auch schon neue Mittel gemacht. Dasjenige, um was es sich handelt, ist doch, daß tatsächlich hereingenommen werde in das anthroposophische Leben solch ein Zweig der Lebenspraxis, wie es die Medizin ist. Das habe ich wohl als eine Sehnsucht von Dr. Zeylmans heute vormittag richtig verstanden. Denn zu diesem Ziele sagte er doch: Derjenige, der heute Arzt geworden ist, sagt: Ich bin eben Arzt geworden —, aber er sehnt sich nach etwas, was aus einer neuen Weltenecke heraus Impulse gibt. Und sehen Sie, auf dem Gebiete der Medizin soll das in eindeutiger Weise in der Zukunft von Dornach aus hier so gemacht werden, wie mancher andere Zweig des anthroposophischen Wirkens, der im Schoße des Anthroposophischen geblieben ist, eben gewirkt hat und wie jetzt mit Frau Dr. Wegman als meiner Helferin ausgearbeitet wird gerade jenes ganz aus der Anthroposophie herauskommende medizinische System, das die Menschheit braucht und das demnächst vor die Menschheit treten wird. Ebenso wird es meine Absicht sein, eine engste Beziehung zu dem ja so segensreich wirkenden Klinisch-Therapeutischen Institut in Arlesheim, eine möglichst intime Verbindung des Goetheanum mit diesem Institute in möglichster Bälde, in kurzer Zukunft herzustellen, so daß tatsächlich dasjenige, was da gedeiht, in der wirklichen Orientierungslinie der Anthroposophie liegen wird. Das ist auch dasjenige, was Frau Dr. Wegmans Absicht ist.

[ 18 ] That is why it sounded truly beautiful this morning when Dr. Zeylmans spoke in favor of a field that is to be cultivated here in Dornach—the field of medicine—and noted that today it is no longer possible to build bridges from conventional science to what is to be established here in Dornach. If we describe what is developing medically on our own ground in such a way that we have the ambition to say, “Our treatises can stand up to current clinical requirements”—then, then we will never achieve a specific goal with the tasks we have actually set for ourselves, because then other people will say: “Well, that’s a new remedy; we’ve already developed new remedies, too.” What is at stake, after all, is that a branch of practical life such as medicine be truly incorporated into anthroposophical life. I believe I correctly understood this as a longing on the part of Dr. Zeylmans this morning. For regarding this goal, he said: “The one who has become a doctor today says: ‘I have just become a doctor’—but he longs for something that provides inspiration from a new corner of the world. And you see, in the field of medicine, this is to be done unambiguously in the future from here in Dornach, just as many other branches of anthroposophical work—which have remained within the bosom of anthroposophy— has been active, and just as is now being developed with Dr. Wegman as my assistant—precisely that medical system arising entirely from anthroposophy that humanity needs and that will soon be presented to humanity. Likewise, it will be my intention to establish the closest possible relationship with the Clinical-Therapeutic Institute in Arlesheim—which is, after all, having such a beneficial effect—and to forge the most intimate connection possible between the Goetheanum and this institute as soon as possible, in the near future, so that what is flourishing there will indeed be aligned with the true guiding principles of anthroposophy. This is also Dr. Wegman’s intention.

[ 19 ] Nun, damit aber hat ja Dr. Zeylmans hingewiesen für ein Gebiet auf dasjenige, was sich der Vorstand von Dornach nun auf allen Gebieten des anthroposophischen Wirkens zu seiner Aufgabe machen wird. Man wird daher in der Zukunft wissen, wie die Dinge stehen. Man wird nicht sagen: Bringen wir dorthin Eurythmie; wenn die Leute zuerst Eurythmie sehen und nichts hören von Anthroposophie, da gefällt ihnen die Eurythmie. Dann vielleicht kommen sie später und weil ihnen die Eurythmie gefallen hat und sie erfahren, daß hinter der Eurythmie die Anthroposophie steht, dann gefällt ihnen die Anthroposophie auch. — Oder: Man muß den Leuten zuerst die Praxis der Heilmittel zeigen, man muß ihnen zeigen, daß das richtige Heilmittel sind; dann werden die Leute das kaufen. Dann werden sie später einmal erfahren, da stecke die Anthroposophie dahinter, und dann werden sie auch da an die Anthroposophie herankommen.

[ 19 ] Well, with that, Dr. Zeylmans has pointed to an area that the Dornach Executive Board will now make its task in all fields of anthroposophical work. We will therefore know in the future how things stand. People won’t say: “Let’s bring eurythmy there”; if people see eurythmy first and hear nothing about anthroposophy, they’ll like the eurythmy. Then perhaps they’ll come later, and because they liked the eurythmy and learn that anthroposophy is behind it, they’ll like anthroposophy as well. — Or: One must first show people the practical application of the remedies; one must show them that these are the right remedies; then people will buy them. Later on, they will learn that anthroposophy lies behind them, and then they will also come to understand anthroposophy.

[ 20 ] Wir müssen den Mut haben, solch ein Vorgehen verlogen zu finden. Erst wenn wir den Mut haben, solch ein Vorgehen verlogen zu finden, es innerlich verabscheuen, dann wird Anthroposophie ihren Weg dutch die Welt finden. Und in dieser Beziehung wird schon gerade das Wahrheitsstreben dasjenige sein, was in der Zukunft von Dornach hier ohne Fanatismus, sondern in ehrlicher, gerader Wahrheitsliebe verfochten werden soll. Vielleicht können wir gerade dadurch eben manches gut machen, was in den letzten Jahren in so schwerer Weise versündigt worden ist.

[ 20 ] We must have the courage to recognize such an approach as hypocritical. Only when we have the courage to recognize such an approach as hypocritical—and to abhor it from the heart—will anthroposophy find its way through the world. And in this regard, it is precisely the pursuit of truth that will be championed here in Dornach in the future—not out of fanaticism, but out of an honest, straightforward love of truth. Perhaps it is precisely through this that we can make amends for some of the grave sins committed in recent years.

[ 21 ] Mit nicht leichten, sondern ernsten Gedanken müssen wir diese Tagung, die zur Begründung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft geführt hat, verlassen. Aber ich denke, daß es für niemanden nötig geworden ist, aus dem, was sich hier abgespielt hat an Weihnachten, Pessimismus mitzunehmen. Zwar gingen wir jeden Tag vorbei vor der traurigen Goetheanum-Ruine, aber ich denke, in jeder Seele, die hier, zu der Tagung auf diesen Hügel heraufsteigend, an dieser Ruine vorbeiging, ging zu gleicher Zeit durch dasjenige, was hier verhandelt worden ist, was hier, wie man sichtlich hat bemerken können, von unseren Freunden wohl in ihren Herzen verstanden worden ist, aus alledem ging doch der Gedanke hervor: Es wird geistige Feuerflammen geben können, die gerade als wahres Geistesleben aus dem wiedererstehenden Goetheanum zum Segen der Menschheit in der Zukunft hervorgehen sollen, hervorgehen sollen durch unseren Fleiß, hervorgehen sollen durch unsere Hingabe. Und je mehr wir mit Mut zur Führung der anthroposophischen Angelegenheiten von hier weggehen, desto besser haben wir vernommen, was immerhin wie ein hoffnungsvoller Geisteszug in diesen Tagen durch unsere Versammlung gegangen ist. Denn gerade die Szene, die ich Ihnen geschildert habe, die so oftmals zu sehen ist: Der heutige Mensch mit der dekadenten Zivilisation und Schule, schlafend vor dem Hüter der Schwelle — der ist eigentlich in den Kreisen der empfindenden Anthroposophen doch nicht vorhanden. Da ist doch dasjenige vorhanden, das unter Umständen nur die eine Ermahnung braucht, die eine Ermahnung, die da lautet: Du mußt zu dem Vernehmen der Stimme aus dem Geisterland den starken Mut, dich zu dieser Stimme zu bekennen, entwickeln, denn du hast begonnen zu wachen. Der Mut wird dich wach erhalten; die Mutlosigkeit allein könnte dich zum Einschlafen führen.

[ 21 ] It is not with lighthearted but with serious thoughts that we must leave this conference, which led to the founding of the General Anthroposophical Society. But I do not think anyone needs to take away a sense of pessimism from what took place here at Christmas. True, we passed by the sad ruins of the Goetheanum every day, but I believe that in every soul that came up this hill to the conference and passed by those ruins, the very things that were discussed here—which, as was clearly evident, were deeply understood in the hearts of our friends—gave rise to the thought: There will be spiritual flames of fire that, as true spiritual life, are to emerge from the rebuilt Goetheanum for the blessing of humanity in the future—to emerge through our diligence, to emerge through our devotion. And the more we leave here with the courage to lead anthroposophical affairs, the better we have perceived what has, after all, passed through our gathering these days as a hopeful spiritual current. For precisely the scene I have described to you—one that is so often seen: modern humanity, with its decadent civilization and educational system, sleeping before the Guardian of the Threshold—such a figure is actually not to be found in the circles of sensitive anthroposophists. What is present there is something that, under certain circumstances, needs only a single admonition—an admonition that goes like this: You must develop the strong courage to acknowledge the voice from the spirit realm, for you have begun to awaken. Courage will keep you awake; only despondency could lead you back to sleep.

[ 22 ] Die mahnende Stimme zum Mut, die mahnende Stimme durch den Mut zum Wachsein, das ist die andere Variante, die Variante für Anthroposophen im gegenwärtigen Zivilisationsleben. Die Nicht-Anthroposophen hörten: Bleibe draußen aus dem Geisterland, du hast mißbraucht die Ideen für die bloß irdischen Gegenstände, du hast keine Ideen gesammelt, die götterwert und götterwürdig wären. Daher würdest du paralysiert werden beim Wieder-Zurückkommen in die physisch-sinnliche Welt. — Denjenigen Seelen, die Anthroposophenseelen sind, denen aber wird gesagt: Ihr sollt nur noch erprobt werden in eurem Mute zum Bekenntnis dessen, was ihr als Stimme ja durch die Neigung eures Gemütes, durch die Neigung eures Herzens wohl vernehmen könnt.

[ 22 ] The voice that urges courage, the voice that, through courage, urges wakefulness—that is the other path, the path for anthroposophists in contemporary civilization. The non-anthroposophists heard: Stay out of the realm of the spirits; you have misused the ideas for merely earthly purposes; you have not gathered ideas that are godlike and worthy of the gods. Therefore, you would be paralyzed upon returning to the physical-sensory world. — But to those souls who are anthroposophical souls, it is said: You are to be tested only in your courage to profess what you can indeed hear as a voice through the inclination of your mind and the inclination of your heart.

[ 23 ] Meine lieben Freunde, wie es gestern Jahresfrist war, daß wir hinschauten auf die züngelnden Flammen, die uns das alte Goetheanum verzehrten, so dürfen wir schon heute — da wir, selbst als die Flammen draußen brannten, uns hier nicht stören ließen in der Fortsetzung der Arbeit vor einem Jahre —, so dürfen wir schon heute wohl darauf hoffen, daß wir, wenn das physische Goetheanum dastehen wird, so gearbeitet haben werden, daß das physische Goetheanum bloß das äußere Symbolum ist für unser geistiges Goetheanum, das wir mit als Idee nehmen wollen, wenn wir jetzt in die Welt hinausgehen.

[ 23 ] My dear friends, just as it was exactly one year ago yesterday that we watched the flickering flames consume the old Goetheanum, so we may already today—since, even as the flames burned outside, we did not allow ourselves to be distracted from continuing the work we began a year ago— so today we may well hope that, when the physical Goetheanum stands, we will have worked in such a way that the physical Goetheanum is merely the outward symbol of our spiritual Goetheanum, which we wish to take with us as an idea as we now go out into the world.

[ 24 ] Den Grundstein haben wir hier gelegt. Auf diesem Grundstein soll das Gebäude errichtet werden, dessen einzelne Steine sein werden die Arbeiten, die in allen unseren Gruppen nun von den einzelnen draußen in der weiten Welt geleistet werden. Auf diese Arbeiten wollen wir hinschauen im Geiste jetzt und uns bewußt werden der Verantwortung, von der heute gesprochen worden ist gegenüber dem vor dem Hüter der Schwelle stehenden Menschen der Gegenwart, dem der Einlaß in die geistige Welt verwehrt werden muß. Ganz gewiß darf es uns niemals einfallen, anders als den tiefsten Schmerz und die tiefste Trauer zu empfinden über dasjenige, was uns vor Jahresfrist passiert ist. Aber alles in der Welt — dessen dürfen wir auch eingedenk sein —, alles in der Welt, was eine gewisse Größe erreicht hat, ist aus dem Schmerz heraus geboren. Und so möge denn unser Schmerz so gewendet werden, daß aus ihm eine kräftige, leuchtende Anthroposophische Gesellschaft durch Ihre Arbeit, meine lieben Freunde, entstehe.

[ 24 ] We have laid the cornerstone here. Upon this cornerstone, the building is to be erected, and its individual stones will be the work now being done in all our groups by the individuals out there in the wider world. Let us now turn our attention to this work in spirit and become aware of the responsibility—of which we have spoken today—toward the people of the present who stand before the Keeper of the Threshold, those who must be denied entry into the spiritual world. Certainly, it must never occur to us to feel anything other than the deepest pain and the deepest sorrow over what happened to us a year ago. But everything in the world—and we may also bear this in mind—everything in the world that has attained a certain greatness has been born out of pain. And so may our pain be transformed in such a way that, through your work, my dear friends, a strong, radiant Anthroposophical Society may arise from it.

[ 25 ] Zu diesem Zwecke haben wir uns vertieft in jene Worte, mit denen ich begonnen habe, in jene Worte, mit denen ich schließen möchte diese Weihnachtstagung, diese Weihnachtstagung, die eine Weihenacht, ein Weihefest für uns sein soll für nicht nur einen Jahresanfang, sondern für einen Welten-Zeitenwende-Anfang, dem wir uns widmen wollen zu hingebungsvoller Pflege des geistigen Lebens:

[ 25 ] To this end, we have delved deeply into those words with which I began, into those words with which I would like to conclude this Christmas conference—a Christmas conference that is meant to be a night of consecration, a festival of consecration for us, not merely marking the beginning of a new year, but the beginning of a new world era, to which we wish to dedicate ourselves in the devoted cultivation of spiritual life:

Menschenseele!
Du lebest in den Gliedern,
Die dich durch die Raumeswelt
Im Geistesmeereswesen tragen:
Übe Geist-Erinnern
In Seelentiefen,
Wo in waltendem Weltenschöpfer-Sein
Das eigne Ich
Im Gottes-Ich
Erweset;
Und du wirst wahrhaft leben
Im Menschen-Welten-Wesen.

Denn es waltet der Vater-Geist der Höhen
In den Weltentiefen Sein-erzeugend.
Seraphim, Cherubim, Throne,
Lasset aus den Höhen erklingen,
Was in den Tiefen das Echo findet;
Dieses spricht:
Ex deo nascimur.
Das hören die Elementargeister
Im Osten, Westen, Norden, Süden:
Menschen mögen es hören.

Menschenseele!
Du lebest in dem Herzens-Lungen-Schlage,
Der dich durch den Zeitenrhythmus
Ins eigne Seelenwesenfühlen leitet:
Übe Geist-Besinnen
Im Seelengleichgewichte,
Wo die wogenden Welten-Werde-Taten
Das eigne Ich
Dem Welten-Ich
Vereinen;
Und du wirst wahrhaft fühlen
Im Menschen-Seelen-Wirken.

Denn es waltet der Christus-Wille im Umkreis
In den Weltenrhythmen Seelen-begnadend.
Kyriotetes, Dynamiis, Exusiai,
Lasset vom Osten befeuern,
Was durch den Westen sich gestaltet;
Dieses spricht:
In Christo morimur.
Das hören die Elementargeister
Im Osten, Westen, Norden, Süden:
Menschen mögen es hören.

Menschenseele!
Du lebest im ruhenden Haupte,
Das dir aus Ewigkeitsgründen
Die Weltgedanken erschließet:
Übe Geist-Erschauen
In Gedanken-Ruhe,
Wo die ew’gen Götterziele
Welten-Wesens-Licht
Dem eignen Ich
Zu freiem Wollen
Schenken;
Und du wirst wahrhaft denken
In Menschen-Geistes-Gründen.

Denn es walten des Geistes Weltgedanken
Im Weltenwesen Licht-erflehend.
Archai, Archangeloi, Angeloi,
O lasset aus den Tiefen erbitten,
Was in den Höhen erhöret wird;
Dieses spricht:
Per spiritum sanctum reviviscimus.
[Das hören die Elementargeister
Im Osten, Westen, Norden, Süden: Menschen mögen es hören.] 1Die in Klammern | stehenden Worte des Spruches wurden laut Stenogramm hier nicht gesprochen.

Human soul!
You live within the limbs,
Which carry you through the world of space
Into the essence of the sea of spirit:
Practice spiritual remembrance
In the depths of the soul,
Where, in the reigning Being of the Creator of the Worlds,
Your own Self
In the Divine Self
Exists;
And you will truly live
In the human-world being.

For the Father-Spirit of the Heights reigns
In the depths of the worlds, generating Being.
Seraphim, Cherubim, Thrones,
Let it resound from the heights,
What finds an echo in the depths;
This speaks:
Ex deo nascimur.
The elemental spirits hear this
In the east, west, north, and south:
May people hear it.

Human soul!
You live in the beating of heart and lungs,
Which, through the rhythm of time
Guides you into the feeling of your own soul-being:
Practice spiritual reflection
In the balance of the soul,
Where the surging acts of world-becoming
Unite your own “I”
With the “I” of the worlds;
And you will truly feel
In the workings of the human soul.

For the Christ-Will reigns in the sphere
Bestowing grace upon souls in the rhythms of the worlds.
Kyriotetes, Dynamiis, Exusiai,
Let what is shaped by the West
Be kindled by the East;
This speaks:
In Christo morimur.
The elemental spirits hear this
In the East, West, North, and South:
May human beings hear it.

Human soul!
You live in the resting head,
Which, from the depths of eternity,
Reveals to you the thoughts of the world:
Practice spiritual vision
In the stillness of thought,
Where the eternal divine goals
The light of the world’s essence
Bestow upon your own self
For free will;
And you will think truly
In the depths of the human spirit.

For the world’s thoughts of the Spirit reign
In the being of the world, imploring light.
Archai, Archangeloi, Angeloi,
O let us implore from the depths,
What is heard in the heights;
This is what it says:
Per spiritum sanctum reviviscimus.
[The elemental spirits hear this
In the east, west, north, and south: May people hear it.] 1According to the stenographic record, the words of the saying enclosed in | were not spoken here.



In der Zeiten Wende
Trat das Welten-Geistes-Licht
In den irdischen Wesensstrom;
Nacht-Dunkel
Hatte ausgewaltet;
Taghelles Licht
Erstrahlte in Menschenseelen;
Licht,
Das erwärmet
Die armen Hirtenherzen;
Licht,
Das erleuchtet
Die weisen Königshäupter.

Göttliches Licht,
Christus-Sonne Erwärme
Unsere Herzen;
Erleuchte
Unsere Häupter;
Daß gut werde,
Was wir aus Herzen
Gründen,
Aus Häuptern
Zielvoll führen wollen.

At the turning of the ages
The light of the World Spirit
Entered the earthly stream of being;
The darkness of night
Had reigned;
Light as bright as day
Shone forth in human souls;
Light,
That warms
The poor shepherds’ hearts;
Light,
That illuminates
The wise kings’ minds.

Divine Light,
Christ the Sun, warm
our hearts;
Enlighten
our minds;
So that what we
conceive in our hearts
and
resolve to pursue with purpose
from our minds

[ 26 ] So, meine lieben Freunde, traget hinaus Eure warmen Herzen, in denen Ihr hier eingegründet habt den Grundstein für die Anthroposophische Gesellschaft, traget hinaus diese warmen Herzen zu kräftigem, heilkräftigem Wirken in die Welt. Und Hilfe wird Euch werden, daß erleuchtet Eure Häupter dasjenige, was Ihr jetzt alle wollt zielvoll führen können. Das wollen wir uns heute in aller Kraft vornehmen. Wir werden doch sehen: Wenn wir uns dessen würdig erzeigen, wird ein guter Stern walten über demjenigen, was von hier aus gewollt wird. Folget, meine lieben Freunde, diesem guten Stern. Wir wollen sehen, wohin uns die Götter durch das Licht dieses Sternes führen werden.

[ 26 ] So, my dear friends, carry forth your warm hearts—in which you have laid the foundation here for the Anthroposophical Society—carry these warm hearts out into the world to perform powerful, healing work. And help will come to you, so that what you all now wish to pursue with purpose may illuminate your minds. Let us resolve to do this with all our strength today. We shall see: if we prove ourselves worthy of it, a lucky star will watch over what is intended from here. Follow, my dear friends, this lucky star. Let us see where the gods will lead us through the light of this star.

Göttliches Licht,
Christus-Sonne,
Erwärme
Unsere Herzen,
Erleuchte
Unsere Häupter!

Divine Light,
Christ the Sun,
Warm
Our hearts,
Enlighten
Our minds!