Esoteric Considerations of Karmic Connections
Volume I
GA 235
23 February 1924, Dornach
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Dritter Vortrag
III. Karma and Freedom
[ 1 ] Wie es mit dem Karma steht, sieht man am besten ein, wenn man den anderen Impuls im Menschenleben dagegenstellt, jenen Impuls, den man mit dem Worte Freiheit bezeichnet. Legen wir zunächst einmal, ich möchte sagen, ganz im groben uns die Karmafrage vor. Was bedeutet sie? Wir haben im Menschenleben aufeinanderfolgende Erdenleben zu verzeichnen. Indem wir uns erfühlen in einem bestimmten Erdenleben, können wir zunächst, wenigstens in Gedanken, zurückblicken darauf, wie dieses gegenwärtige Erdenleben die Wiederholung ist von einer Anzahl vorangehender. Diesem Erdenleben ging ein anderes, diesem wieder ein anderes voran, bis wir in diejenigen Zeiten zurückkommen, in denen es unmöglich ist, in der Art, wie es in der gegenwärtigen Erdenzeit der Fall ist, so von wiederholten Erdenleben zu sprechen, weil dann rückwärtslaufend eine Zeit beginnt, wo allmählich das Leben zwischen der Geburt und dem Tode und das zwischen dem Tode und einer neuen Geburt einander so ähnlich werden, daß jener gewaltige Unterschied, der heute besteht, nicht mehr da ist. Heute leben wir in unserem irdischen Leibe zwischen der Geburt und dem Tode so, daß wir uns mit dem gewöhnlichen Bewußtsein stark abgeschlossen fühlen von der geistigen Welt. Die Menschen sprechen aus diesem gewöhnlichen Bewußtsein heraus von dieser geistigen Welt wie von einem Jenseitigen. Die Menschen kommen dazu, von dieser geistigen Welt so zu sprechen, als ob sie sie in Zweifel ziehen könnten, als ob sie sie ganz ableugnen könnten und so fort.
[ 1 ] Karma is best understood by contrasting it with that other impulse in man—the impulse which we indicate by the word freedom. Let us first, in a very crude way, I should say, place the question of karma before us. What does it signify? In human life we have to record the fact of successive earth lives. By feeling ourselves within a given earth life, we can look back—in thought at least, to begin with—and see how this present earth life is a repetition of a number of previous earth lives. It was preceded by another, and that in turn by yet another life on earth, and so on until we get back into the ages where it is impossible to speak of repeated earth lives as we do in the present epoch of the earth, for in going farther backward, we reach a time when the life between birth and death and the life between death and a new birth become so similar that the immense difference which exists be- l ween them today is no longer present. Today we live in our earthly body bet ween birth and death in such a way that in every-day consciousness we feel cut off from the spiritual world. Out of this every-day consciousness, men speak of the spiritual world as a “beyond.” They even speak of it as though they might doubt its existence, as though they might deny it altogether, and so forth.
[ 2 ] Das alles kommt davon her, weil das Leben innerhalb des Erdendaseins den Menschen auf die äußere Sinnenwelt und auf den Verstand beschränkt, der nicht hinaussieht auf das, was nun wirklich mit diesem Erdendasein zusammenhängt. Daher rühren allerlei Streitigkeiten, die eigentlich alle in einem Unbekannten wurzeln. Sie werden ja oftmals darinnen gestanden und erlebt haben, wie die Leute sich stritten: Monismus, Dualismus und so weiter. Es ist natürlich ein völliger Unsinn, über derlei Schlagworte zu streiten. Es berührt einen so, wenn in dieser Weise gestritten wird, als wenn, sagen wir, irgendein primitiver Mensch noch niemals etwas gehört hat davon, daß es eine Luft gibt. Es wird demjenigen, der da weiß, daß es eine Luft gibt, und was die Luft für Aufgaben hat, nicht einfallen, die Luft als etwas Jenseitiges anzusprechen. Es wird ihm auch nicht einfallen zu sagen: Ich bin ein Monist, Luft und Wasser und Erde sind eins; und du bist ein Dualist, weil du in der Luft noch etwas siehst, was über das Irdische und Wässerige hinausgeht.
[ 2 ] This is because man's life within earthly existence restricts him to the outer world of the senses, and to the intellect; the latter does not look far enough to perceive what really is connected with this earthly existence. Out of this, countless arguments arise, all of which actually are rooted in something unknown. No doubt, you will have often stood among people and experienced how they argued about monism, dualism, and so forth. It is, of course, quite absurd to argue about these catch-words. When people argue in this way, we are reminded of some primitive man, let us say, who has never heard that there is such a substance as air. It will not occur to anyone who knows that air exists, and what its functions are, to speak of it as something belonging to the beyond. Nor will he think of declaring: “I am a monist; air, water, and earth arc one, and you arc a dualist, because you regard air as something that extends beyond the earthly and watery elements.”
[ 3 ] Alle diese Dinge sind eben einfach Unsinn, wie alles Streiten um Begriffe zumeist ein Unsinn ist. Also, es kann sich gar nicht darum handeln, gerade auf diese Dinge einzugehen, sondern es kann sich nur darum handeln, darauf aufmerksam zu machen. Denn geradeso wie für den, der noch keine Luft kennt, die Luft eben nicht da ist, sondern ein Jenseitiges ist, so ist für diejenigen, die noch nicht die geistige Welt kennen, die auch überall da ist geradeso wie die Luft, diese geistige Welt eine jenseitige; für den, der auf die Dinge eingeht, ist sie ein Diesseitiges. Also es handelt sich darum, bloß anzuerkennen, daß der Mensch in der heutigen Erdenzeit zwischen der Geburt und dem Tode so in seinem physischen Leibe, in seiner ganzen Organisation lebt, daß ihm diese Organisation ein Bewußtsein gibt, durch das er in einem gewissen Sinne abgeschlossen ist von einer gewissen Welt von Ursachen, die aber als solche hereinwirkt in dieses physische Erdendasein.
[ 3 ] All these things are pure nonsense, as, indeed, are mostly all arguments about concepts. There can, therefore, be no question of our entering into such matters, but it can only be a question of drawing attention to them. For just as the air is not present for the one who knows nothing about it, but for him is something belonging to the “beyond,” so for those who do not yet know the spiritual world, which also exists everywhere just as the air, this spiritual world is something belonging to the “beyond;” but for those who take the matter into consideration, the spiritual world is something that belongs very much to this side. Thus, it is simply a question of our acknowledging the fact that at the present earth period the human being between birth and death lives in his physical body, in his whole organism, in such a way that this organism gives him a consciousness whereby he is cut off from a certain world of causes which, none the less, affects this physical earth existence.
[ 4 ] Dann lebt er zwischen dem Tod und einer neuen Geburt in einer anderen Welt, die man eine geistige gegenüber unserer physischen Welt nennen kann, in der er nicht einen physischen Leib hat, der für Menschensinne sichtbar gemacht werden kann, sondern in der er in einem geistigen Wesen lebt; und in diesem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt ist die Welt, die man durchlebt zwischen der Geburt und dem Tode, wiederum eine so fremde, wie jetzt die geistige Welt eine fremde ist für das gewöhnliche Bewußtsein.
[ 4 ] Then, between death and a new birth he lives in another world, which we may call a spiritual world in contrast to our physical world; in this spiritual world he does not have a physical body which can be made visible to human senses, but he lives in a spiritual nature. And in this life between death and a new birth the world through which he passes between birth and death is just as alien, in turn, as the spirit world is now alien to every-day consciousness.
[ 5 ] Der Tote schaut herunter auf die physische Welt, so wie der Lebende, das heißt der physisch Lebende, in die geistige Welt hinaufschaut, und es sind nur die Gefühle sozusagen die umgekehrten. Während der Mensch zwischen Geburt und Tod hier in der physischen Welt ein gewisses Aufschauen hat zu einer anderen Welt, die ihm Erfüllung gibt für manches, was hier in dieser Welt entweder zu wenig ist oder ihm keine Befriedigung gewährt, so muß der Mensch zwischen dem Tod und einer neuen Geburt wegen der ungeheuren Fülle der Ereignisse, deshalb, weil immer zuviel geschieht im Verhältnis zu dem, was der Mensch ertragen kann, die fortdauernde Sehnsucht empfinden, wiederum zurückzukehren zum Erdenleben, zu dem, was dann für ihn das jenseitige Leben ist, und er erwartet mit großer Sehnsucht in der zweiten Hälfte des Lebens zwischen dem Tode und einer neuen Geburt den Durchgang durch die Geburt in das Erdendasein. So wie er sich im Erdendasein fürchtet vor dem Tode, weil er in Ungewißheit ist über das, was nach dem Tode ist — es herrscht ja im Erdendasein eine große Ungewißheit für das gewöhnliche Bewußtsein —, so herrscht in dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt über das . Erdenleben eine übergroße Gewißheit, eine Gewißheit, die betäubt, eine Gewißheit, die geradezu ohnmächtig macht. So daß der Mensch ohnmachts-traumähnliche Zustände hat, die ihm die Sehnsucht eingeben, wiederum zur Erde herunterzukommen.
[ 5 ] The dead look down onto the physical world just as the living that is the physically living—look upward into the spiritual world, and only the feelings are, so to speak, reversed. While the human being here in the physical world between birth and death has a certain aspiration toward another world which grants him fulfilment of much of which there is too little in this world, or of which this world affords him no satisfaction, he must between death and a new birth on account of the multitude of events, and because too much happens in proportion to what a human being can bear, feel a constant longing to return to earth life, to what is then the life in the beyond; hence, during the second half of the life between death and a new birth, he awaits with great longing the passage through birth into a new earth existence. Just as in earth existence the human being is afraid of death, because an uncertainty prevails about what happens thereafter—for in earth life a great uncertainty prevails for ordinary consciousness about what happens after death—so in the life between death and a new birth the condition is just the reverse, there prevails an excessive certainty about earth life. It is a certainty that stuns the human being, that makes him literally faint, so that he is in a state resembling a fainting dream, a state which fills him with the longing to descend again to earth.
[ 6 ] Das sind nur einige Andeutungen über die große Verschiedenheit, die zwischen dem Erdenleben und dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt herrscht. Aber wenn wir nun zurückgehen, sagen wir selbst nur in die ägyptische Zeit, vom 3. bis ins 1. Jahrtausend vor der Begründung des Christentums, wir gehen ja zurück zu denjenigen Menschen, die wir selber in einem früheren Erdenleben waren, wenn wir in diese Zeit zurückgehen, da war das Leben während des Erdendaseins gegenüber unserem jetzigen so brutal klaren Bewußtsein — und gegenwärtig haben ja die Menschen ein brutal klares Bewußtsein, sie sind alle so gescheit, die Menschen, ich meine das gar nicht ironisch, sie sind wirklich alle sehr gescheit, die Menschen —, gegenüber diesem brutal klaren Bewußtsein war das Bewußtsein der Menschen in der alten ägyptischen Zeit ein mehr traumhaftes, ein solches, das nicht sich stieß in derselben Weise wie heute an den äußeren Gegenständen, das mehr durch die Welt durchging, ohne sich zu stoßen, dafür aber erfüllt war von Bildern, die zu gleicher Zeit etwas vom Geistigen verrieten, das in unserer Umgebung ist. Das Geistige ragte noch herein ins physische Erdendasein.
[ 6 ] These are only a few indications of the great difference prevailing between the earthly life and the life between death and a new birth. If, however, we now go back, let us say, even only as far as the Egyptian period, from the third on up into the first millennium before the founding of Christianity—and, after all, if we go back into this epoch, we go back to those human beings who were none other than ourselves, in a former earth life—indeed, then, at that time during earth existence, life was quite different from our so brutally clear consciousness of the present day. At present human beings have, indeed, a brutally clear consciousness; they are all so clever—I do not at all intend to be ironical—the people of today are, indeed, all very clever. In contrast to this brutally clear consciousness of today, the consciousness of the human being of the ancient Egyptian period was much more dream-like, a consciousness that did not, like ours, strike against outer objects. It passed through the world, as it were, without striking against objects. Instead, it was filled with pictures which, at the same time, revealed something of the spiritual existing in our environment. The spiritual still penetrated into physical earth existence.
[ 7 ] Sagen Sie nicht: Wie soll der Mensch, wenn er ein solches mehr traumhaftes, nicht brutal klares Bewußtsein hat, die starken Arbeiten haben verrichten können, die zum Beispiel während der ägyptischen oder chaldäischen Zeit verrichtet worden sind? Da brauchen Sie sich ja nur daran zu erinnern, daß bisweilen Verrückte gerade in gewissen Irrsinnszuständen ein ungeheures Wachstum ihrer physischen Kräfte haben und anfangen, Dinge zu tragen, die sie mit vollem klarem Bewußtsein nicht tragen können. Es war in der Tat auch die physische Stärke dieser Menschen, die vielleicht äußerlich sogar schmächtiger waren als die heutigen Menschen — aber es ist ja nicht immer der Dicke stark und der Dünne schwach —, es war auch die physische Stärke der Menschen entsprechend größer. Nur verwendeten sie dieses Dasein nicht so, daß sie alles einzelne, was sie physisch taten, beobachteten, sondern parallel gingen diesen physischen Taten die Erlebnisse, in die noch die geistige Welt hereinragte.
[ 7 ] Do not ask: How could a man with this more dream-like consciousness, not the brutally clear consciousness of today, have performed the tremendous tasks which were actually achieved, for instance, in the ancient Egyptian or Chaldean epochs? You need merely call to mind the fact that mad people at times, in certain states of mania, possess an immense increase of their physical forces; they begin to carry things which they could not carry when in a completely clear state of consciousness. It was, indeed, a fact that the physical strength of the human beings of that time was correspondingly greater, although they were perhaps of slighter build than men of today. For, as you know, it does not always follow that a stout man is strong and a thin man weak. But they did not spend their earthly life in observing every detail of their physical actions; their physical deeds went parallel with experiences into which the spiritual world still extended.
[ 8 ] Und wiederum, wenn diese Menschen in dem Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt waren, da kam viel mehr von diesem irdischen Leben in jenes Leben hinauf, wenn ich mich des Ausdruckes «hinauf» bedienen darf. Heute ist es mit den Menschen, die sich im Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt befinden, außerordentlich schwer, sich zu verständigen, denn die Sprachen schon haben allmählich eine Gestalt angenommen, die von den Toten nicht mehr verstanden wird. Unsere Substantiva zum Beispiel bedeuten in der Auffassung der Toten vom Irdischen bald nach dem Tode absolute Lücken. Sie verstehen nur noch die Verben, die Zeitwörter, das Bewegte, das Tätige. Und während wir hier auf der Erde immerfort von den materialistisch gesinnten Leuten aufmerksam gemacht werden, es solle alles ordentlich definiert werden, man solle jeden Begriff scharf definierend begrenzen, kennt der Tote überhaupt keine Definitionen mehr; denn er kennt nur dasjenige, was in Bewegung ist, nicht das, was Konturen hat und begrenzt ist.
[ 8 ] And again, when the people of that time were in the life between death and a new birth, then far more of this earthly life extended upward into the life beyond—if I may be allowed to use the expression “upward.” Nowadays it is exceedingly difficult to communicate with those who are present in the life between death and a new birth, for languages have gradually assumed a form no longer understood by the dead. Our nouns, for instance, soon after death are absolute gaps in the dead's comprehension of the earthly world. They understand nothing but the verbs, i.e. the words of motion, of action. And while we here on earth have our attention constantly drawn by materialistically minded people to the fact that everything should be defined in an orderly manner, and every concept be limited and sharply defined, the dead no longer know anything of definitions; they only know what is in motion, not what has contours and is limited.
[ 9 ] Aber in älteren Zeiten war eben auch dasjenige, was auf der Erde als Sprache lebte, was als Denkgebrauch, als Denkgewohnheit lebte, noch so, daß es hinaufragte in das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, so daß der Tote noch lange nach seinem Tode einen Nachklang hatte von demjenigen, was er hier auf der Erde erlebt hatte, und auch von dem, was nach seinem Tode noch auf der Erde vorging.
[ 9 ] But in more ancient times that which lived on earth as speech, that which lived as usage and habit of thought, was still of such a nature that it extended up into the life between death and a new birth, and the dead still heard an echo of this long after their death, and also an echo of what occurred on earth even after their death.
[ 10 ] Und wenn wir noch weiter zurückgehen, in die Zeit nach der atlantischen Katastrophe, ins 8., 9. Jahrtausend vor der christlichen Zeitrechnung, dann werden die Unterschiede noch geringer zwischen dem Leben auf der Erde und dem Leben — wenn wir so sagen dürfen — im Jenseits. Und dann kommen wir allmählich zurück in diejenigen Zeiten, wo die beiden Leben einander ganz ähnlich sind. Dann kann man nicht mehr sprechen von wiederholten Erdenleben.
[ 10 ] And if we go still farther back into the time following the catastrophe of Atlantis—the eighth and ninth millennium before the Christian era t lit* difference between the life on earth and the life in the beyond, if I may so describe it, becomes even more insignificant. And then, as we go backward, we gradually reach the ages when the two lives are similar. We can then no longer speak of repeated earth lives.
[ 11 ] Also die wiederholten Erdenleben haben ihre Grenze, wenn man nach rückwärts schaut. Ebenso werden sie eine Grenze haben, wenn man nach vorwärts in die Zukunft schaut. Denn das, was ganz bewußt mit Anthroposophie beginnt, daß in das gewöhnliche Bewußtsein hereinragen soll die geistige Welt, das wird zur Folge haben, daß auch wiederum in die Welt, die man durchlebt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, diese Erdenwelt mehr hineinragt, aber trotzdem das Bewußtsein nicht traumhaft, sondern klarer werden wird, immer klarer und klarer werden wird. Der Unterschied wird wiederum geringer werden. So daß man dieses Leben in den wiederholten Erdenleben begrenzt hat zwischen den äußeren Grenzen, die dann in ein ganz andersgeartetes Dasein des Menschen hineinführen, wo es keinen Sinn hat, von den wiederholten Erdenleben zu sprechen, weil eben die Differenz zwischen dem Erdenleben und dem geistigen Leben nicht so groß ist, wie sie jetzt ist.
[ 11 ] Thus, repeated earth lives have their limit as we look backward, just as they will have their limit when we look forward into the future. For what begins quite consciously with Anthroposophy—the extension of the spiritual world into the ordinary consciousness of man—will have the consequence that this earth world will extend, in turn, into the world through which we live between death and a new birth; but, in spite of this, our consciousness will not grow dream-like, but clearer and ever clearer. The difference will once again grow less. So that this living in repeated earth lives is limited by outermost boundaries, which then lead into quite another sort of human existence, where it is meaningless to speak of repeated earth lives, because the difference between the earthly and the spiritual life is not so great as it is today.
[ 12 ] Wenn man aber nun einmal für die weite Gegenwart der Erdenzeit annimmt, hinter diesem Erdenleben liegen viele andere — man darf gar nicht sagen unzählige andere, denn sie lassen sich bei einer genauen geisteswissenschaftlichen Untersuchung sogar zählen —, dann haben wir in diesen früheren Erdenleben bestimmte Erlebnisse gehabt, welche Verhältnisse von Mensch zu Mensch darstellten. Und die Wirkungen dieser Verhältnisse von Mensch zu Mensch, die sich damals eben in dem auslebten, was man durchmachte, die stehen in diesem Erdenleben geradeso da, wie die Wirkungen dessen, was wir in diesem jetzigen Erdenleben verrichten, sich hineinerstrecken in die nächsten Erdenleben. Wir haben also die Ursachen für vieles, was jetzt in unser Leben tritt, in früheren Erdenleben zu suchen. Da wird sich der Mensch leicht sagen: Also ist dasjenige, was er jetzt erlebt, bedingt, verursacht. Wie kann er dann ein freier Mensch sein?
[ 12 ] If we now assume, however, for the long stretch of the present period of the earth age that behind this earth life there lie others—we must not say countless others, for they can even be counted by exact spiritual- scientific research—if we say: behind our present earth life there lie many others, then we have had certain experiences in these previous earth lives which represented certain relationships between human beings. And the effects of these relationships between human beings, which at that time lived themselves out in what we then underwent, extend into this present earth life in the same way as the effects of what we do in this present earth life extend into our next lives on earth. Thus, we have to seek in the former earth life the causes of much that now enters into our present life. Then it is easy for the human being to say: “Thus, what I experience now is conditioned, caused. How can I, then, be a free human being?”
[ 13 ] Nun, die Frage ist schon, wenn man sie so betrachtet, eine ziemlich bedeutsame; denn alle geistige Beobachtung zeigt eben, daß in dieser Weise das folgende Erdenleben durch die früheren bedingt ist. Auf der anderen Seite ist das Bewußtsein der Freiheit ganz unbedingt da. Und wenn Sie meine «Philosophie der Freiheit» lesen, so werden Sie sehen, daß man den Menschen gar nicht verstehen kann, wenn man nicht sich klar darüber ist, daß sein ganzes Seelenleben hintendiert, hingerichtet ist, hinorientiert ist auf die Freiheit, aber auf eine Freiheit, die man eben richtig zu verstehen hat.
[ 13 ] Now, this question is, indeed, a rather significant one, if we consider it in this way. For all spiritual observation shows that in this way the subsequent earth life is conditioned by the earlier ones. On the other hand, the consciousness of freedom absolutely exists. And, when you read my Philosophy of Spiritual Activity, you will see that we cannot understand the human being at all, if we are not clear about the fact that his whole soul life tends, is directed, is oriented toward freedom, but a freedom which we have to understand correctly.
[ 14 ] Nun werden Sie gerade in meiner «Philosophie der Freiheit» eine Idee der Freiheit finden, die aufzufassen im rechten Sinne außerordentlich wichtig ist. Es handelt sich dabei darum, daß man die Freiheit entwickelt hat zunächst im Gedanken. Im Gedanken geht der Quell der Freiheit auf. Der Mensch hat einfach ein unmittelbares Bewußtsein davon, daß er im Gedanken ein freies Wesen ist.
[ 14 ] Now, it is precisely in my Philosophy of Spiritual Activity that you will find an idea of freedom which it is very important to grasp correctly. The point is that we have developed freedom, to begin with, in thought. The fountainhead of freedom is in thought.
[ 15 ] Sie können sagen: Aber es gibt doch viele Menschen heute, welche die Freiheit bezweifeln. — Das ist nur ein Beweis dafür, daß heute der theoretische Fanatismus der Menschen größer ist als das, was der Mensch unmittelbar in der Wirklichkeit erlebt. Der Mensch glaubt ja nicht mehr an seine Erlebnisse, weil er vollgepfropft ist mit theoretischen Anschauungen. Der Mensch bildet sich heute aus der Beobachtung der Naturvorgänge die Idee: Alles ist notwendig bedingt, jede Wirkung hat eine Ursache, alles, was da ist, hat seine Ursache. Also, wenn ich einen Gedanken fasse, hat das auch eine Ursache. An die wiederholten Erdenleben denkt man gar nicht gleich, sondern man denkt daran, daß dasjenige, was aus einem Gedanken hervorquillt, ebenso verursacht ist wie das, was aus einer Maschine hervorgeht.
[ 15 ] Man has an immediate consciousness of the fact that he is a free being in his thought. You may rejoin: “But there are many people today who doubt the fact of freedom.” Yes, but this only proves that the theoretical fanaticism of people today is often stronger than their direct experience in reality. Because he is so crammed full of theoretical concepts the human being no longer believes in his own experiences. Out of his observations of the processes of nature, he arrives at the idea that everything is conditioned by necessity, every effect has a cause, all that exists has its cause; thus, if I conceive a thought, this has also a cause. He does not at once think of repeated earth lives in this connection, but he imagines that what wells forth from human thinking is caused in the same way as that which comes out of a machine.
[ 16 ] Durch diese Theorie von der allgemeinen Kausalität, wie man es nennt, von der allgemeinen Verursachung, durch diese Theorie macht sich der Mensch heute vielfach blind dagegen, daß er deutlich in sich das Bewußtsein der Freiheit trägt. Die Freiheit ist eine Tatsache, die erlebt wird, sobald man nur wirklich zur Selbstbesinnung kommt.
[ 16 ] As a result of this theory of universal causation, as it is called, the human being blinds himself frequently to the fact that he bears very clearly within himself the consciousness of freedom. Freedom is a fact which we experience, as soon as we really reflect upon ourselves.
[ 17 ] Nun gibt es auch Menschen, die da der Anschauung sind, daß nun einmal das Nervensystem eben ein Nervensystem ist und aus sich die Gedanken herauszaubert. Dann wären die Gedanken natürlich gerade so, sagen wir, wie die Flamme, die unter dem Einflusse des Brennstoffes brennt, notwendige Ergebnisse, und von Freiheit könnte nicht die Rede sein.
[ 17 ] Now, there are also those who are of the opinion that the nervous system is just a nature system, conjuring thoughts out of itself. According to this, then, the thoughts would—let us say—be necessary results, just like the flame which burns under the influence of a fuel, and there could be no question of freedom.
[ 18 ] Aber diese Menschen widersprechen sich ja, indem sie überhaupt reden. Ich habe schon öfters hier erzählt: Ich hatte einen Jugendfreund, der in einer gewissen Zeit einen Fanatismus hatte, dahingehend, recht materialistisch zu denken, und so sagte er auch: Wenn ich gehe, zum Beispiel, da sind es meine Gehirnnerven, die von gewissen Ursachen durchzogen sind, die bringen die Wirkung des Gehens hervor. — Das konnte unter Umständen eine lange Debatte abgeben mit diesem Jugendfreund. Ich sagte ihm zuletzt einmal: Ja, aber sieh einmal, du sagst doch, ich gehe. Warum sagst du denn nicht: mein Gehirn geht? Wenn du wirklich an deine 'Theorie glaubst, so mußt du niemals sagen: Ich gehe, ich greife, sondern: Mein Gehirn greift, mein Gehirn geht. Also, warum lügst du denn?
[ 18 ] These people, however, contradict themselves in talking at all. As I have often related here, I had a friend in my youth, who had a fanatical inclination, at a certain period, to think materialistically. Thus, he said: “When I walk, for example, then it is the nerves of the brain, infiltrated by certain causes, which bring my walking into effect.” This led, at times, to quite a long debate with him. I finally said to him on one occasion: “Now, look here, you always say: ‘I walk.’ Why do you not say: ‘My brain walks?’ If you really believe in your theory, you ought never to say: ‘I walk, I take hold of things,’ but: ‘My brain walks, my brain takes hold of things.’ Why do you tell a lie?”
[ 19 ] Das sind mehr die Theoretiker. Es gibt nun auch Praktiker. Wenn sie irgendeinen Unfug an sich bemerken, den sie nicht abstellen wollen, dann sagen sie: Ja, das kann ich nicht abstellen, das ist nun einmal so meine Natur. Es kommt von selber, ich bin machtlos dagegen. — Solche Menschen gibt es viele. Sie berufen sich auf die unabänderliche Verursachung ihres Wesens. Sie werden nur meistens unkonsequent, wenn sie einmal etwas zur Schau tragen, was sie haben möchten an sich, wofür sie keine Entschuldigung brauchen, sondern wofür sie eine Belobigung wünschen; dann gehen sie ab von dieser Anschauung.
[ 19 ] These are the theorists, but there are also the practical men. If they observe any nonsense in themselves which they do not wish to stop, they say: “O, I cannot get rid of that; it is just a part of my nature. It is there of its own accord, and I am powerless against it.” There are many such people; they refer to the immutable causation of their own nature. But, as a rule, they do not remain consistent. If they happen to be showing off something they rather like about themselves for which they need no excuse, but on the contrary are glad to receive a little flattery, they then abandon the aforesaid view.
[ 20 ] Die Grundtatsache des freien Menschenwesens, die ist eben eine solche Tatsache, sie kann unmittelbar erlebt werden. Nun ist schon im gewöhnlichen Erdenleben die Sache so, daß wir vielerlei Dinge tun, in voller Freiheit tun, und eigentlich sie wiederum so liegen, diese Dinge, daß wir sie nicht gut ungetan sein lassen können. Trotzdem fühlen wir unsere Freiheit dadurch nicht beeinträchtigt.
[ 20 ] The fundamental fact of the free human being—a self-evident fact can be directly experienced. Now, even in the ordinary, everyday earth life it is a fact that we do many things in complete freedom which, nevertheless, are of such a kind that we cannot easily leave them undone. And yet we do not feel our freedom in the least impaired through this fact.
[ 21 ] Nehmen Sie einmal an, Sie fassen jetzt den Beschluß, sich ein Haus zu bauen. Das Haus braucht, um erbaut zu werden, meinetwillen ein Jahr. Sie werden nach einem Jahre drinnen wohnen. Werden Sie Ihre Freiheit dadurch beeinträchtigt fühlen, daß Sie sich dann sagen müssen: Jetzt ist das Haus da, ich muß da herein, ich muß da drinnen wohnen — das ist doch Zwang! — Sie werden Ihre Freiheit nicht beeinträchtigt fühlen dadurch, daß Sie sich ein Haus gebaut haben.
[ 21 ] Let us suppose, for a moment, that you now resolve to build yourself a house. It will take about a year to build it. In a year you will live in it. Will you feel that your freedom has been curtailed through the fact that you then have to say to yourself: “The house is now there, and I must move in, I must live in it; it is a case of compulsion?” No, you will surely not feel your freedom impaired through the fact of your having built a house for yourself.
[ 22 ] Diese zwei Dinge bestehen durchaus nebeneinander auch schon im gewöhnlichen Leben: daß man sozusagen sich für etwas engagiert hat, was dann Tatsache geworden ist im Leben, mit dem man rechnen muß.
[ 22 ] You see, therefore, even in ordinary life these two things stand side by side: You have committed yourself to something. It has thereby become a fact in life, a fact with which you have to reckon.
[ 23 ] Nehmen Sie nun alles das, was aus früheren Erdenleben stammt, alles das, womit Sie eben rechnen müssen, weil es ja von Ihnen herrührt, geradeso wie der Hausbau von Ihnen herrührt, dann werden Sie dadurch, daß Ihr gegenwärtiges Erdenleben von früheren Erdenleben her bestimmt ist, keine Beeinträchtigung Ihrer Freiheit empfinden.
[ 23 ] Now think of all that stems from former lives on earth, with which you have to reckon, because it is due to your own deeds—just as the building of the house is caused by you. Seen in this light, you will not feel your freedom impaired through the fact that your present life on earth is determined by former ones.
[ 24 ] Nun können Sie sagen: Ja, gut, ich baue mir ein Haus, aber ich will doch ein freier Mensch bleiben, ich will mich dadurch nicht zwingen lassen. Ich werde, wenn es mir nicht gefällt, nach einem Jahre eben nicht in dieses Haus einziehen, werde es verkaufen. — Schön! Man könnte darüber auch seine Ansicht haben, man könnte die Ansicht haben, daß Sie nicht recht wissen, was Sie eigentlich wollen im Leben, wenn Sie das tun. Gewiß, diese Ansicht könnte man auch haben; aber sehen wir ab von dieser Ansicht. Sehen wir ab davon, daß jemand ein Fanatiker der Freiheit ist und sich fortwährend Dinge vornimmt, die er dann aus Freiheit unterläßt. Man könnte dann sagen: Der Mann hat nicht einmal die Freiheit, auf dasjenige einzugehen, was er sich vorgenommen hat. Er steht unter dem fortwährenden Stachel, frei sein zu wollen, und wird geradezu gehetzt von diesem Freiheitsfanatismus.
[ 24 ] Perhaps you will say: “Very well. I will build me a house, but I still wish to remain a free man. I will not let myself be compelled. If I do not like it, I shall, in a year, not move into the new house; I shall sell it.” All right! We might also have our opinion about such a procedure; we might, perhaps, have the opinion that, if you do this, you are a person who does not know his own mind. Indeed, we might well have this opinion; but let us disregard this. Let us disregard the fact that a man is such a fanatical upholder of freedom that he constantly makes up his mind to do things, and afterwards out of sheer “freedom” leaves them undone. We then might well say: “That man has not even the freedom to enter upon the things he himself resolves upon. He constantly feels the goad of the will to be free and is positively persecuted by his fanatical worship of freedom.”
[ 25 ] Es handelt sich wirklich darum, daß diese Dinge nicht starr theoretisch gefaßt werden, sondern daß sie lebensvoll gefaßt werden. Und gehen wir jetzt, ich möchte sagen, zu einem komplizierteren Begriffe über. Wenn wir dem Menschen Freiheit zuschreiben, so müssen wir ja den anderen Wesen, die nicht beeinträchtigt sind in ihrer Freiheit durch die Schranken der Menschennatur — wenn wir zu den Wesen hinaufgehen, die den höheren Hierarchien angehören, so sind die ja nicht beeinträchtigt durch die Schranken der Menschennatur —, da müssen wir die Freiheit bei ihnen sogar in einem höheren Grade suchen. Nun könnte jemand eine eigentümliche theologische Theorie aufstellen, könnte sagen: Aber Gott muß doch frei sein! Und doch hat er ja die Welt in einer gewissen Weise eingerichtet. Dadurch ist er aber doch engagiert, er kann doch nicht jeden Tag die Weltordnung ändern; also wäre er doch unfrei.
[ 25 ] It is really important that these things not be taken in a rigid, theoretical manner, but be grasped in fullness of life. Let us now pass over to a more complicated concept. If we ascribe freedom to man, surely we must also ascribe it to the higher beings who are not hampered in their freedom by the limitations of human nature. If we rise to the beings of the higher Hierarchies, who certainly are not hampered by the limitations of human nature, we must, indeed, seek a higher degree of freedom with them. Now someone might propose a rather strange theological theory to the effect that God must surely be free; He has arranged the world in a certain way; He has, however, thereby committed Himself; He certainly cannot change the world-order every day; thus, after all, He would in that case be unfree.
[ 26 ] Sehen Sie, wenn Sie in dieser Weise die innere karmische Notwendigkeit und die Freiheit, die eine Tatsache unseres Bewußtseins ist, die einfach ein Ergebnis der Selbstbeobachtung ist, gegeneinanderstellen, so kommen Sie aus einem fortwährenden Zirkel gar nicht heraus. Auf diese Weise kommen sie aus einem Zirkel gar nicht heraus. Denn die Sache ist diese: Nehmen Sie einmal — ich will das Beispiel zwar nicht tottreten, aber es kann uns doch noch auf die weitere Fährte führen —, nehmen Sie noch einmal das Beispiel vom Hausbau. Also jemand baut sich ein Haus. Ich will nicht sagen, ich baue mir ein Haus — ich werde mir wahrscheinlich niemals eins bauen —, aber sagen wir, jemand baut sich ein Haus. Nun, durch diesen Entschluß bestimmt er in einer bestimmten Weise seine Zukunft. Nun bleibt ihm für diese Zukunft, wenn das Haus fertig ist und er mit seinem früheren Entschluß rechnet, für das Drinnenwohnen scheinbar keine Freiheit. Er hat sie sich freilich selber beschränkt, diese Freiheit; aber es bleibt ihm scheinbar keine Freiheit.
[ 26 ] You see, if in this way you place in antithesis inner karmic necessity and freedom, which is a fact of our consciousness, which is simply a result of self-observation, you cannot then escape a continuous circle. In this way you cannot escape from a circle. For the matter is as follows: Let us take once more the illustration of the building of a house. I do not wish to press this example too far, but at this point it can still help us along the way. Someone builds himself a house. I will not say: I build myself a house—I shall probably never build one for myself—but, let us say, someone builds himself a house. Well, by this resolve he does, in a certain respect, determine his future. Now, when the house is finished, and he takes his former resolve into account, no freedom apparently remains for him, so far as the living in the house is concerned. He himself has certainly set this limitation to his freedom; nevertheless, apparently no freedom remains for him.
[ 27 ] Aber denken Sie, für wievieles Ihnen dann noch innerhalb dieses Hauses doch Freiheit bleibt! Es steht Ihnen sogar frei, darinnen dumm oder gescheit zu sein. Es steht Ihnen frei, darinnen mit Ihren Mitmenschen ekelhaft oder liebevoll zu sein. Es steht Ihnen frei, darinnen früh oder spät aufzustehen. Vielleicht hat man dafür andere Notwendigkeiten, aber jedenfalls steht es Ihnen in bezug auf den Hausbau frei, früh oder spät aufzustehen. Es steht Ihnen frei, darinnen Anthroposoph oder Materialist zu sein. Kurz, es gibt unzählige Dinge, die Ihnen dann noch immer freistehen.
[ 27 ] But just think, how many things still remain for you to do in freedom within this house, Indeed, within it you are even free to be stupid or wise, you are free to be horrid or lovable to your fellow men. In the house you are free to get up early or late. Perhaps, you may be under other obligations in this respect; but so far as the house is concerned, you are free to get up early or late. You are free to be an anthroposophist or a materialist within this house. In short, there are innumerable things still at your free disposal.
[ 28 ] Geradeso gibt es im einzelnen Menschenleben, trotzdem die karmische Notwendigkeit vorliegt, unzählige Dinge, viel mehr als in einem Haus, unzählige Dinge, die einem freistehen, die wirklich ganz im Bereiche der Freiheit liegen.
[ 28 ] Likewise, in an individual human life, in spite of the presence of karmic necessity, there are countless things at your free disposal, far more than in a house, countless things fully and really in the domain of freedom.
[ 29 ] Nun werden Sie vielleicht weiter sagen können: Gut, dann haben wir also im Leben einen gewissen Bereich von Freiheit. Den will ich hier in der Zeichnung hell machen, weil ihn die Menschen gern haben, und ringsherum die karmische Notwendigkeit (siehe Zeichnung, rot). Ja, die ist nun auch da! Also ein gewisser eingeschlossener Bereich von Freiheit, ringsherum die karmische Notwendigkeit.
[ 29 ] Here you may, perhaps, be able to rejoin: “Very well, we do then have a certain domain of freedom in our life.” Indeed, that is so: a certain enclosed domain of freedom surrounded by the karmic necessity (see Figure III).


[ 30 ] Nun, dieses anschauend, können Sie folgendes geltend machen. Sie können sagen: Nun ja, jetzt bin ich in einem gewissen Bezirke frei; aber nun komme ich an die Grenze meiner Freiheit. Da empfinde ich überall die karmische Notwendigkeit. Ich gehe in meinem Freiheitszimmer herum, aber überall an den Grenzen komme ich an meine karmische Notwendigkeit und empfinde diese karmische Notwendigkeit.
[ 30 ] Now, looking at this, you may assert the following. You may say: “Well, I am free in a certain domain; but I now reach the limits of my freedom. I then feel the karmic necessity everywhere. I walk around in my room of freedom, but everywhere at the boundaries I come up against my karmic necessity and sense this necessity.”
[ 31 ] Ja, meine lieben Freunde, wenn der Fisch ebenso dächte, so wäre er höchst unglücklich im Wasser, denn er kommt, wenn er im Wasser schwimmt, an die Grenze des Wassers. Außerhalb dieses Wassers kann er nicht mehr leben. Daher unterläßt er es, außerhalb des Wassers zu gehen. Er geht gar nicht außerhalb des Wassers. Er bleibt im Wasser, er schwimmt im Wasser herum und läßt das andere, was außer dem Wasser ist, Luft sein, oder was es eben ist. Und aus dem Grunde, weil der Fisch das tut, kann ich Ihnen die Versicherung abgeben, daß der Fisch gar nicht unglücklich ist darüber, daß er nicht mit Lungen atmen kann. Er kommt gar nicht darauf, unglücklich zu sein. Wenn aber der Fisch darauf kommen sollte, unglücklich zu sein darüber, daß er nur mit Kiemen atmet und nicht mit Lungen atmet, da müßte er Lungen in der Reserve haben, und da müßte er vergleichen, wie es ist, unter dem Wasser zu leben und in der Luft zu leben. Und dann wäre die ganze Art, wie der Fisch sich innerlich fühlt, anders. Es wäre alles anders.
[ 31 ] Indeed, my dear friends, if a fish thought likewise, it would be extremely unhappy in the water, for as it swims in the water it reaches the water's boundary. Outside of the water it can no longer live. Hence it refrains from going outside of the water. It does not go at all outside of the water; it remains in the water, it swims around in the water, and it just lets alone the other element which lies beyond, be it air or something else. And because the fish does this, I can in assure you that it is not at all unhappy over the fact that it cannot breathe with lung«. It does not occur to it to be unhappy. But, if ever it did occur to the fish to be unhappy because it breathes only with gills and not with lungs, then it would have to have lungs in reserve, then it would have to compare the difference between living down below in it lie water, and up in the air. Then the fish's whole way of feeling itself inwardly would be different. It would all be quite different.
[ 32 ] Wenden wir den Vergleich auf das Menschenleben in bezug auf Freiheit und karmische Notwendigkeit an, dann ist das so, daß ja zunächst der Mensch in der gegenwärtigen Erdenzeit das gewöhnliche Bewußtsein hat. Mit diesem gewöhnlichen Bewußtsein lebt er im Bezirk der Freiheit, so wie der Fisch im Wasser lebt, und er kommt gar nicht mit diesem Bewußtsein in das Reich der karmischen Notwendigkeit herein. Erst wenn der Mensch anfängt, die geistige Welt wirklich wahrzunehmen — was so wäre, wie wenn der Fisch Lungen in Reserve hätte —, und erst dann, wenn der Mensch wirklich in die geistige Welt sich einlebt, dann bekommt er eine Anschauung von den Impulsen, die als karmische Notwendigkeit in ihm leben. Und dann schaut er in seine früheren Erdenleben zurück und empfindet nicht, sagt nicht, indem er aus dem früheren Erdenleben herüber die Ursachen für gegenwärtige Erlebnisse hat: Ich bin jetzt unter dem Zwang einer eisernen Notwendigkeit und meine Freiheit ist beeinträchtigt —, sondern er schaut zurück, wie er selber sich dasjenige, was jetzt vorliegt, zusammengezimmert hat, so wie einer, der sich ein Haus gebaut hat, auf den Entschluß zurückschaut, der zum Bau dieses Hauses geführt hat. Und dann finder man es gewöhnlich gescheiter, zu fragen: War dazumal das ein vernünftiger Entschluß, das Haus zu bauen, oder ein unvernünftiger? — Nun, da kann man natürlich allerlei Ansichten später darüber gewinnen, wenn sich die Dinge herausstellen, gewiß; aber man kann höchstens, wenn man findet, daß es eine riesenhafte Torheit war, sich das Haus zu bauen, man kann höchstens sagen, daß man töricht gewesen ist.
[ 32 ] If we apply this comparison to human life with respect to freedom and karmic necessity, then it is a fact, in the first place, that the human being in the present earth period has the ordinary consciousness. With this ordinary consciousness he lives in the sphere of freedom, just as the fish lives in the water, and with this consciousness he does not enter at all the realm of karmic necessity. Only when he begins really to perceive the spiritual world—this would be similar to the fish having lungs in reserve—only when he really finds his way into the spiritual world, does he acquire a perception of the impulses living in him as karmic necessity. He then looks back into his former lives on earth and does not feel, does not say, on finding the causes of his present experiences in a previous earth life: “I am now under the compulsion of an iron necessity, and my freedom is impaired,” but he looks back and sees how he himself has fashioned what now confronts him, just as someone who has built himself a house looks back on the resolve which led him to build it. And we generally find it more reasonable to ask: “Was it, at that time, a sensible or foolish resolve to build this house?” Well, naturally, we can come later on to all sorts of opinions on the matter, if the things turn out in a certain way; but, if we find that it was an enormous stupidity to build the house, we can, at best, say that we were foolish.
[ 33 ] Nun, im Erdenleben, da ist das so eine Sache, wenn man sich in bezug auf irgendein Ding, das man inauguriert hat, sagen muß, es war töricht. Man hat das nicht gern. Man leidet nicht gern unter seinen Torheiten. Man möchte, daß man den Entschluß nicht gefaßt hätte. Aber das bezieht sich nämlich auch nur auf das eine Erdenleben, weil nämlich zwischen der Torheit des Entschlusses und der Strafe, die man dafür hat, indem man die Konsequenzen dieser Torheit erleben muß, das gleichartige Erdenleben dazwischen ist. Es bleibt immer so.
[ 33 ] Now, in earth life it is an awkward matter in regard to anything which one has inaugurated to have to say that it was stupid. We do not like this. We do not like to suffer from our own follies. We wish we had not made the foolish decision. But this really applies only to the one earth life, because between the foolishness of the resolve and the punishment we suffer in having to experience its consequences there lies the same earth life. It always remains thus.
[ 34 ] So ist es aber nicht zwischen den einzelnen Erdenleben. Da sind immer dazwischen die Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, und diese Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, die ändern manches, was sich nicht ändern würde, wenn das Erdenleben sich in gleichartiger Weise fortsetzte. Nehmen Sie nur an, Sie schauen zurück in ein früheres Erdenleben. Da haben Sie irgendeinem Menschen Gutes oder Böses angetan. Das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt war zwischen diesem vorigen Erdenleben und dem jetzigen Erdenleben. In diesem Leben, in diesem geistigen Leben können Sie gar nicht anders denken als: Sie sind unvollkommen geworden dadurch, daß Sie einem Menschen irgend etwas Böses zugefügt haben. Das nimmt etwas weg von Ihrem Menschenwert, das macht Sie seelisch verkrüppelt. Sie müssen die Verkrüppelung wiederum ausbessern, und Sie fassen den Entschluß, im neuen Erdenleben dasjenige zu erringen, was den Fehler ausbessert. Sie nehmen zwischen dem Tod und einer neuen Geburt dasjenige, was den Fehler ausgleicht, durch Ihren eigenen Willen auf. Haben Sie einem Menschen etwas Gutes zugefügt, dann wissen Sie, daß das ganze menschliche Erdenleben — das sieht man insbesondere in dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt —, daß das ganze Erdenleben für die gesamte Menschheit da ist. Und dann kommen Sie darauf, daß, wenn Sie einen Menschen gefördert haben, er in der Tat ja dadurch gewisse Dinge errungen hat, die er ohne Sie nicht errungen hätte in einem früheren Erdenleben. Aber Sie fühlen sich dadurch wiederum in dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt mit ihm vereinigt, um dasjenige, was Sie mit ihm zusammen in bezug auf menschliche Vollkommenbheit erreicht haben, nun weiter auszuleben. Sie suchen ihn wieder auf im neuen Erdenleben, um gerade durch die Art und Weise, wie Sie ihn vervollkommnet haben, weiter zu wirken im neuen Erdenleben.
[ 34 ] But this is not so between the individual earth lives. For between them always lie the lives between death and a new birth; and these lives between death and a new birth change many things which would not change if earth life were to continue uniformly. Just suppose that you look back into a former earth life. There you did something good or ill to another human being. The life between death and a new birth took place between this previous earth life and the present earth life. In this life, in this spiritual life, you cannot think otherwise than that you have become imperfect by having done something evil to another human being. This takes away from your value as a human being. It cripples you in soul. You must repair the crippling, and you resolve to achieve in a new earth life what will make good the fault. Thus, between death and a new birth you absorb by your own will that which will compensate for the fault. If you have done good to another human being, you then know that the whole of human life is there for the whole of mankind. You see this most clearly in the life between death and a new birth. You then realize that when you have helped another human being, he has thereby achieved certain things which, without you, he would not have achieved in a former earth life; but, as a result, you feel again united with him in the life between death and a new birth, in order now to live and to develop further what you have achieved together with him in regard to human perfection. You seek him out again in a new earth life in order, in this new earth life, to work further with him through the way you have already helped him perfect himself.
[ 35 ] Also es handelt sich gar nicht darum, daß man etwa, wenn man nun den Bezirk der karmischen Notwendigkeiten ringsherum durch eine wirkliche Einsicht in die geistige Welt wahrnimmt, diese Notwendigkeiten verabscheuen könnte, sondern es handelt sich darum, daß man dann zurücksieht auf diese Notwendigkeiten, wie die Dinge waren, die man da selber verrichtet hat, und sie so anschaut, daß man sich sagt: Es muß dasjenige geschehen — aus voller Freiheit auch müßte das geschehen —, was aus einer inneren Notwendigkeit heraus geschieht.
[ 35 ] The fact is not at all that we might abhor such necessity, when we, through a real insight into the spirit world, now perceive the scope of this karmic necessity all around us, but the fact is that we look back upon this necessity and see how the things were which we ourselves had done, and then behold them in such a way that we say: “What occurs out of inner necessity has to happen—out of complete freedom also it would have, to happen.”
[ 36 ] Man wird eben niemals den Fall erleben, daß man bei einer wirklichen Einsicht in das Karma mit diesem Karma nicht einverstanden ist. Wenn sich im Karma Dinge ergeben, die einem nicht gefallen, dann sollte man sie eben aus der allgemeinen Gesetzmäßigkeit der Welt heraus betrachten. Und da kommt man immer mehr darauf, daß zuletzt doch dasjenige, was karmisch bedingt ist, besser ist, als wenn wir mit jedem neuen Erdenleben neu anfangen müßten, mit jedem neuen Erdenleben voller unbeschriebener Blätter wären. Denn wir sind eigentlich unser Karma selber. Das, was da herüberkommt aus früheren Erdenleben, das sind wir eigentlich selber, und es hat gar keinen Sinn, davon zu sprechen, daß irgend etwas in unserem Karma, neben dem eben der Bezirk der Freiheit durchaus da ist, daß irgend etwas in unserem Karma anders sein sollte, als es ist, weil überhaupt in einem gesetzmäßig zusammenhängenden Ganzen das einzelne gar nicht kritisiert werden kann. Es kann jemandem seine Nase nicht gefallen; aber es hat gar keinen Sinn, bloß die Nase an sich zu kritisieren, denn die Nase, die man hat, muß tatsächlich so sein, wie sie ist, wenn der ganze Mensch so ist, wie er ist. Und derjenige, der sagt, ich möchte eine andere Nase haben, der sagt eigentlich damit, er möchte ein ganz anderer Mensch sein. Aber damit schafft er sich in Gedanken selber weg. Man kann das doch nicht.
[ 36 ] We shall never have the experience of possessing a real insight into karma without being in agreement with it. If things result in the course of karma which do not please us, then we ought to consider them from the point of view of the general laws and principles of the universe. And we shall then realize more and more that, after all, what is karmically conditioned is better than our having to begin anew, better than our being a book of blank pages with every new earth life. For, as a matter of fact, we are ourselves our karma. We are ourselves that which comes over from previous earth lives. And it has no sense at all to say that something in our karma—alongside of which there exists definitely the realm of freedom—that something in our karma ought to be different from what it is, because it is not at all possible to criticize the single detail in an organically connected totality. Someone may not like his nose; but it is senseless to criticize merely the nose, as such, for the nose a man has must actually be as it is, if the whole man is as he is. The one who says: “I should like to have a different nose,” actually says that he would like to be an utterly different man. But in so doing he really eliminates himself in thought. This we cannot do.
[ 37 ] So können wir auch unser Karma nicht wegschaffen, denn wir sind das, was unser Karma ist, selber. Es beirrt uns aber auch gar nicht, denn es verläuft durchaus neben den Taten unserer Freiheit, beeinträchtigt nirgends die Taten unserer Freiheit.
[ 37 ] Thus, we cannot wipe out our karma, for we are ourselves our karma. Nor does it at all confound us, for it runs its course alongside the deeds of our freedom, and in no wise interferes with the deeds of our freedom.
[ 38 ] Ich möchte einen anderen Vergleich noch gebrauchen, der das klar macht. Wir gehen als Menschen; aber es ist doch der Boden da, auf dem wir gehen. Kein Mensch fühlt sich in seinem Gehen beeinträchtigt dadurch, daß unter ihm der Boden ist. Ja er sollte sogar wissen, wenn der Boden nicht da wäre, könnte er nicht gehen, er würde überall herunterfallen. So ist es mit unserer Freiheit. Die braucht den Boden der Notwendigkeit. Die muß sich heraus erheben aus einem Untergrunde.
[ 38 ] I should like to use still another comparison to make the point clear. As human beings, we walk; but the ground on which we walk is also there. No one feels interfered with in walking by having the ground underneath his feet. Indeed, he ought even to know that, were the ground not there, he could not walk at all; he would fall through everywhere. It is thus with our freedom; it needs the “ground” of necessity. It must rise out of a foundation.
[ 39 ] Dieser Untergrund, wir sind es selbst. Sobald man in der richtigen Weise den Freiheitsbegriff und den Begriff des Karmas faßt, wird man sie durchaus miteinander vereinbaren können. Und dann braucht man auch nicht mehr davor zurückzuschrecken, diese karmische Notwendigkeit durch und durch zu betrachten. Ja, man kommt sogar dazu, in gewissen Fällen das Folgende sich zu sagen: Ich setze jetzt voraus, irgend jemand kann durch die Initiationseinsicht in frühere Erdenleben zurückschauen. Wenn er in frühere Erdenleben zurückschaut, weiß er dadurch ganz genau, daß ihm dieses oder jenes geschehen ist, was in dieses Erdenleben mit hereingekommen ist. Wäre er nicht zur Initiationswissenschaft gekommen, dann würde eine objektive Notwendigkeit ihn drängen, gewisse Dinge zu tun. Er täte sie unweigerlich. Seine Freiheit würde er ja dadurch nicht beeinträchtigt fühlen, denn seine Freiheit liegt im gewöhnlichen Bewußtsein. Mit dem reicht er gar nicht herein in die Region, wo diese Notwendigkeit wirkt, geradeso wie der Fisch nicht an die äußere Luft kommt. Aber wenn er die Initiationswissenschaft in sich hat, dann sieht er zurück, sieht, wie das war in einem vorigen Erdenleben, und betrachtet dasjenige, was da ist, als eine Aufgabe, die ihm für dieses Erdenleben bewußt zugeteilt ist. Es ist auch so.
[ 39 ] And this foundation—we ourselves are. As soon as we grasp in the right way the concept of freedom and the concept of karma, we shall be able to find them compatible, and we then need no longer shrink from a detailed study of the karmic laws. Indeed, in some instances we may even come to the following conclusion: I now assume that someone, by means of the insight of initiation, is able to look back into former earth lives. He knows quite well, when he looks back into former earth lives that this and that has happened to him which has come with him into his present earth life. Had he not attained to initiation science, objective necessity would impel him to do certain things. He would do them quite inevitably. He would not feel his freedom hampered by it; for his freedom lies in his ordinary consciousness with which he never penetrates into the realm where this necessity acts, just as the fish never penetrates into the outer air. But when he has initiation science within him, he then looks back and he sees how things were in a former earth life, and he regards what now confronts him as a task which is consciously allotted to him for this present earth life. This is, indeed, a fact.
[ 40 ] Sehen Sie, derjenige, der keine Initiationswissenschaft hat, der weiß eigentlich immer — ich sage jetzt etwas, was Ihnen etwas paradox erscheinen wird, was aber doch so ist — durch einen gewissen inneren Drang, durch einen Trieb, was er tun soll. Ach, die Leute tun ja immer, wissen immer, was sie tun sollen, fühlen sich immer zu dem oder zu jenem gedrängt! Bei dem, der mit Initiationswissenschaft anfängt, bei dem wird es in der Welt doch etwas anders. Es tauchen, wenn das Leben an ihn herantritt, den einzelnen Erlebnissen gegenüber ganz merkwürdige Fragen auf. Wenn er sich gedrängt fühlt, etwas zu tun, ist er gleich auch wiederum gedrängt, es nicht zu tun. Der dunkle Trieb, der die meisten Menschen zu dem oder jenem drängt, er fällt weg. Und tatsächlich, auf einer gewissen Stufe der Initiationseinsicht könnte der Mensch schon, wenn nichts anderes an ihn heranträte, dazu kommen, sich zu sagen: Jetzt verbringe ich am liebsten mein ganzes folgendes Leben, nachdem ich zu dieser Einsicht gekommen bin — ich bin jetzt vierzig Jahre alt, das kann mir ganz gleichgültig sein —, so, daß ich auf einen Stuhl mich setze und gar nichts mehr tue; denn es sind nicht solche ausgesprochenen Triebe da, das oder jenes zu tun.
[ 40 ] What I shall now say may sound paradoxical to you, yet it is true. In reality, a man who possesses no initiation science practically always knows through a kind of inner urge, through an instinct, what he is to do. O, indeed, people always know what they ought to do, feel themselves always impelled to this thing or that. For the one who begins with initiation science, matters become somewhat different in the world. As he faces life, quite strange questions arise in regard to the individual experiences. If he feels impelled to do something, he immediately feels also impelled not to do it. The obscure urge which drives most human beings to this or that is eliminated. And, actually, at a certain stage of initiate-insight, if nothing else were to intervene, a man could really come to the point of saying to himself: “After having reached this insight, I now prefer to spend the entire remainder of my life—I am now 40 years old, which is a matter of indifference to me—sitting on a chair doing nothing. For such pronounced urges to do this or that are no longer present.”
[ 41 ] Glauben Sie nicht, meine lieben Freunde, daß die Initiation nicht eben reale Wirklichkeit hat. Es ist merkwürdig in dieser Beziehung, wie die Menschen manchmal denken. Von einem gebackenen Huhn glaubt jeder, wenn er es ißt, daß es reale Wirklichkeit hat. Von der Initiationswissenschaft glauben die meisten Menschen, daß sie nur theoretische Wirkungen habe. Sie hat Lebenswirkungen. Und eine solche Lebenswirkung ist diejenige, die ich eben jetzt angedeutet habe. Bevor der Mensch die Initiationswissenschaft hat, ist ihm immer das eine wichtig, das andere unwichtig aus einem dunklen Drange heraus. Der Initiierte möchte sich am liebsten auf einen Stuhl setzen und die Welt ablaufen lassen, denn es kommt nicht darauf an — so könnte es sich bei ihm einstellen —, ob das eine geschieht und das andere unterbleibt und dergleichen. Da gibt es dann nur die Korrektur — es wird ja nicht so bleiben, weil die Initiationswissenschaft auch noch etwas anderes bringt —, da gibt es nur die eine Korrektur dafür, daß sich der betreffende Initiierte nicht auf einen Stuhl setzt, die Welt ablaufen läßt und sagt: Mir ist alles gleichgültig —, da gibt es nur die Korrektur: zurückzublicken in frühere Erdenleben. Da liest er dann aus seinem Karma die Aufgabe für sein Erdenleben ab. Da tut er dann dasjenige, was ihm seine früheren Erdenleben auferlegen, bewußt. Er unterläßt es nicht, weil er meint, daß seine Freiheit dadurch beeinträchtigt wird, sondern er tut es, weil er, indem er auf das kommt, was er erlebt hat in früheren Erdenleben, zugleich gewahr wird, was in dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt war, wie er es da als vernünftig eingesehen hat, die entsprechenden Folgetaten zu tun. Er würde sich unfrei fühlen, wenn er nicht in die Lage kommen könnte, seine sich ihm aus dem vorigen Erdenleben gestellte Aufgabe zu erfüllen.
[ 41 ] Do not believe, my dear friends, that initiation does not have a reality. It is strange, in this connection, how people sometimes think. In regard to a roast chicken, everyone who eats it believes that it has reality. In regard to initiate science, most people believe that it has only theoretical effects. No, it has effects on life. And such a life effect is the one I have just indicated. Before a man has attained to initiation, under the influence of an obscure urge, one thing is always important to him and another unimportant. The initiate would prefer to sit in a chair and let the world run its course, for it really does not matter—so it might appear to him whether this is done and that is left undone, and so forth. It will, however, not remain so, for initiation science also offers something else besides. The only corrective for the initiate's sitting on a chair, letting the world run its course, and saying: “everything is a matter of indifference to me,” is to look back into former earth lives. He then reads there from his karma the tasks for his present earth life, and he does consciously what his former earth lives impose upon him. He does not abstain from doing it because he believes that thereby his freedom is encroached on, but he does it. He does it, because by his discovery of what he had experienced in previous earth lives he becomes aware, at the same time, of what his life between death and a new birth has been, how he then realized the performance of the corresponding consequential actions as something reasonable. He would feel himself unfree if he could not come into the position of fulfilling the task which is allotted to him by his former earth life.
[ 42 ] Ich möchte hier nur eine kleine Parenthese machen. Sehen Sie, das Wort Karma ist ja auf dem Umweg durch das Englische nach Europa gekommen. Nun, deswegen, weil man das so schreibt: Karma, sagen die Leute sehr häufig «Karma». Das ist falsch ausgesprochen. Karma ist geradeso zu sprechen, wie wenn es mit ä geschrieben wäre. Ich spreche nun, seit ich die Anthroposophische Gesellschaft führe, immer «Ka(=ä)rma», und ich bedaure, daß sehr viele Leute sich daraus angewöhnt haben, fortwährend das schreckliche Wort «Kirma» zu sagen. Sie müssen immer verstehen, diese Leute, wenn ich «Karma» sage, «Kirma». Das ist schrecklich. Sie werden es auch schon gehört haben, daß manche sehr getreue Schüler nun seit einiger Zeit «Kirma» sagen.
[ 42 ] Not translated
[ 43 ] Also weder vor noch nach dem Eintritte der Initiationswissenschaft gibt es einen Widerspruch zwischen karmischer Notwendigkeit und Freiheit. Vor dem Eintritte der Initiationswissenschaft aus dem Grunde nicht, weil der Mensch eben mit dem gewöhnlichen Bewußtsein innerhalb des Bereiches der Freiheit bleibt und sich die karmische Notwendigkeit draußen wie naturhaft abspielt; er hat gar nicht etwas, das anders empfindet, als das, was ihm eben seine Natur eingibt. Und nachher aus dem Grunde nicht, weil er mit seinem Karma ganz einverstanden geworden ist, einfach im Sinne des Karmas handeln für vernünftig ansieht. Geradeso wie man nicht sagt, wenn man sich ein Haus gebaut hat: Das beeinträchtigt meine Freiheit, daß ich da jetzt hineinziehe —, sondern wie man sich sagt: Nun, das war ja doch ganz vernünftig von dir, daß du dir in dieser Gegend an diesem Platze ein Haus gebaut hast, jetzt sei frei in diesem Hause —, geradeso weiß derjenige, der mit Initiationswissenschaft zurückblickt in frühere Erdenleben, daß er frei wird dadurch, daß er seine karmische Aufgabe erfüllt, also in das Haus einzieht, das er sich in früheren Erdenleben gebaut hat.
[ 43 ] Thus, neither before nor after the entry into initiation science is there a contradiction between karmic necessity and freedom. Before the entry into initiation science, there is none, because with every-day consciousness the human being remains within the realm of freedom, while karmic necessity takes place outside, like a process of nature. He has nothing that feels different from what his own nature inspires in him. Nor is there any contradiction after the entry into initiation science, because he is then quite in agreement with his karma and simply considers it reasonable to act in harmony with karma. Just as you do not say, if you have built yourself a house: “the fact that I must now move in is hampering my freedom,” but just as you will probably say: “well, on the whole it was quite sensible to build myself a house in this neighborhood and on this site; now, let me be free in this house!” so likewise the one who looks back with initiate knowledge into former earth lives knows that he becomes free by fulfilling his karmic task, by moving into the house which he built for himself in former earth lives.
[ 44 ] So wollte ich Ihnen heute, meine lieben Freunde, die Verträglichkeit von Freiheit und karmischer Notwendigkeit im menschlichen Leben darlegen. Wir werden morgen vom Karma weiter sprechend auf Einzelheiten des Karmas dann eingehen.
[ 44 ] Thus, my dear friends, I wanted to explain to you the true compatibility of freedom and karmic necessity in human life. Tomorrow we shall continue, going more into the details of karma.
