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Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge
Band I
GA 235

23 Februar 1924, Dornach

Dritter Vortrag

[ 1 ] Wie es mit dem Karma steht, sieht man am besten ein, wenn man den anderen Impuls im Menschenleben dagegenstellt, jenen Impuls, den man mit dem Worte Freiheit bezeichnet. Legen wir zunächst einmal, ich möchte sagen, ganz im groben uns die Karmafrage vor. Was bedeutet sie? Wir haben im Menschenleben aufeinanderfolgende Erdenleben zu verzeichnen. Indem wir uns erfühlen in einem bestimmten Erdenleben, können wir zunächst, wenigstens in Gedanken, zurückblicken darauf, wie dieses gegenwärtige Erdenleben die Wiederholung ist von einer Anzahl vorangehender. Diesem Erdenleben ging ein anderes, diesem wieder ein anderes voran, bis wir in diejenigen Zeiten zurückkommen, in denen es unmöglich ist, in der Art, wie es in der gegenwärtigen Erdenzeit der Fall ist, so von wiederholten Erdenleben zu sprechen, weil dann rückwärtslaufend eine Zeit beginnt, wo allmählich das Leben zwischen der Geburt und dem Tode und das zwischen dem Tode und einer neuen Geburt einander so ähnlich werden, daß jener gewaltige Unterschied, der heute besteht, nicht mehr da ist. Heute leben wir in unserem irdischen Leibe zwischen der Geburt und dem Tode so, daß wir uns mit dem gewöhnlichen Bewußtsein stark abgeschlossen fühlen von der geistigen Welt. Die Menschen sprechen aus diesem gewöhnlichen Bewußtsein heraus von dieser geistigen Welt wie von einem Jenseitigen. Die Menschen kommen dazu, von dieser geistigen Welt so zu sprechen, als ob sie sie in Zweifel ziehen könnten, als ob sie sie ganz ableugnen könnten und so fort.

[ 2 ] Das alles kommt davon her, weil das Leben innerhalb des Erdendaseins den Menschen auf die äußere Sinnenwelt und auf den Verstand beschränkt, der nicht hinaussieht auf das, was nun wirklich mit diesem Erdendasein zusammenhängt. Daher rühren allerlei Streitigkeiten, die eigentlich alle in einem Unbekannten wurzeln. Sie werden ja oftmals darinnen gestanden und erlebt haben, wie die Leute sich stritten: Monismus, Dualismus und so weiter. Es ist natürlich ein völliger Unsinn, über derlei Schlagworte zu streiten. Es berührt einen so, wenn in dieser Weise gestritten wird, als wenn, sagen wir, irgendein primitiver Mensch noch niemals etwas gehört hat davon, daß es eine Luft gibt. Es wird demjenigen, der da weiß, daß es eine Luft gibt, und was die Luft für Aufgaben hat, nicht einfallen, die Luft als etwas Jenseitiges anzusprechen. Es wird ihm auch nicht einfallen zu sagen: Ich bin ein Monist, Luft und Wasser und Erde sind eins; und du bist ein Dualist, weil du in der Luft noch etwas siehst, was über das Irdische und Wässerige hinausgeht.

[ 3 ] Alle diese Dinge sind eben einfach Unsinn, wie alles Streiten um Begriffe zumeist ein Unsinn ist. Also, es kann sich gar nicht darum handeln, gerade auf diese Dinge einzugehen, sondern es kann sich nur darum handeln, darauf aufmerksam zu machen. Denn geradeso wie für den, der noch keine Luft kennt, die Luft eben nicht da ist, sondern ein Jenseitiges ist, so ist für diejenigen, die noch nicht die geistige Welt kennen, die auch überall da ist geradeso wie die Luft, diese geistige Welt eine jenseitige; für den, der auf die Dinge eingeht, ist sie ein Diesseitiges. Also es handelt sich darum, bloß anzuerkennen, daß der Mensch in der heutigen Erdenzeit zwischen der Geburt und dem Tode so in seinem physischen Leibe, in seiner ganzen Organisation lebt, daß ihm diese Organisation ein Bewußtsein gibt, durch das er in einem gewissen Sinne abgeschlossen ist von einer gewissen Welt von Ursachen, die aber als solche hereinwirkt in dieses physische Erdendasein.

[ 4 ] Dann lebt er zwischen dem Tod und einer neuen Geburt in einer anderen Welt, die man eine geistige gegenüber unserer physischen Welt nennen kann, in der er nicht einen physischen Leib hat, der für Menschensinne sichtbar gemacht werden kann, sondern in der er in einem geistigen Wesen lebt; und in diesem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt ist die Welt, die man durchlebt zwischen der Geburt und dem Tode, wiederum eine so fremde, wie jetzt die geistige Welt eine fremde ist für das gewöhnliche Bewußtsein.

[ 5 ] Der Tote schaut herunter auf die physische Welt, so wie der Lebende, das heißt der physisch Lebende, in die geistige Welt hinaufschaut, und es sind nur die Gefühle sozusagen die umgekehrten. Während der Mensch zwischen Geburt und Tod hier in der physischen Welt ein gewisses Aufschauen hat zu einer anderen Welt, die ihm Erfüllung gibt für manches, was hier in dieser Welt entweder zu wenig ist oder ihm keine Befriedigung gewährt, so muß der Mensch zwischen dem Tod und einer neuen Geburt wegen der ungeheuren Fülle der Ereignisse, deshalb, weil immer zuviel geschieht im Verhältnis zu dem, was der Mensch ertragen kann, die fortdauernde Sehnsucht empfinden, wiederum zurückzukehren zum Erdenleben, zu dem, was dann für ihn das jenseitige Leben ist, und er erwartet mit großer Sehnsucht in der zweiten Hälfte des Lebens zwischen dem Tode und einer neuen Geburt den Durchgang durch die Geburt in das Erdendasein. So wie er sich im Erdendasein fürchtet vor dem Tode, weil er in Ungewißheit ist über das, was nach dem Tode ist — es herrscht ja im Erdendasein eine große Ungewißheit für das gewöhnliche Bewußtsein —, so herrscht in dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt über das . Erdenleben eine übergroße Gewißheit, eine Gewißheit, die betäubt, eine Gewißheit, die geradezu ohnmächtig macht. So daß der Mensch ohnmachts-traumähnliche Zustände hat, die ihm die Sehnsucht eingeben, wiederum zur Erde herunterzukommen.

[ 6 ] Das sind nur einige Andeutungen über die große Verschiedenheit, die zwischen dem Erdenleben und dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt herrscht. Aber wenn wir nun zurückgehen, sagen wir selbst nur in die ägyptische Zeit, vom 3. bis ins 1. Jahrtausend vor der Begründung des Christentums, wir gehen ja zurück zu denjenigen Menschen, die wir selber in einem früheren Erdenleben waren, wenn wir in diese Zeit zurückgehen, da war das Leben während des Erdendaseins gegenüber unserem jetzigen so brutal klaren Bewußtsein — und gegenwärtig haben ja die Menschen ein brutal klares Bewußtsein, sie sind alle so gescheit, die Menschen, ich meine das gar nicht ironisch, sie sind wirklich alle sehr gescheit, die Menschen —, gegenüber diesem brutal klaren Bewußtsein war das Bewußtsein der Menschen in der alten ägyptischen Zeit ein mehr traumhaftes, ein solches, das nicht sich stieß in derselben Weise wie heute an den äußeren Gegenständen, das mehr durch die Welt durchging, ohne sich zu stoßen, dafür aber erfüllt war von Bildern, die zu gleicher Zeit etwas vom Geistigen verrieten, das in unserer Umgebung ist. Das Geistige ragte noch herein ins physische Erdendasein.

[ 7 ] Sagen Sie nicht: Wie soll der Mensch, wenn er ein solches mehr traumhaftes, nicht brutal klares Bewußtsein hat, die starken Arbeiten haben verrichten können, die zum Beispiel während der ägyptischen oder chaldäischen Zeit verrichtet worden sind? Da brauchen Sie sich ja nur daran zu erinnern, daß bisweilen Verrückte gerade in gewissen Irrsinnszuständen ein ungeheures Wachstum ihrer physischen Kräfte haben und anfangen, Dinge zu tragen, die sie mit vollem klarem Bewußtsein nicht tragen können. Es war in der Tat auch die physische Stärke dieser Menschen, die vielleicht äußerlich sogar schmächtiger waren als die heutigen Menschen — aber es ist ja nicht immer der Dicke stark und der Dünne schwach —, es war auch die physische Stärke der Menschen entsprechend größer. Nur verwendeten sie dieses Dasein nicht so, daß sie alles einzelne, was sie physisch taten, beobachteten, sondern parallel gingen diesen physischen Taten die Erlebnisse, in die noch die geistige Welt hereinragte.

[ 8 ] Und wiederum, wenn diese Menschen in dem Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt waren, da kam viel mehr von diesem irdischen Leben in jenes Leben hinauf, wenn ich mich des Ausdruckes «hinauf» bedienen darf. Heute ist es mit den Menschen, die sich im Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt befinden, außerordentlich schwer, sich zu verständigen, denn die Sprachen schon haben allmählich eine Gestalt angenommen, die von den Toten nicht mehr verstanden wird. Unsere Substantiva zum Beispiel bedeuten in der Auffassung der Toten vom Irdischen bald nach dem Tode absolute Lücken. Sie verstehen nur noch die Verben, die Zeitwörter, das Bewegte, das Tätige. Und während wir hier auf der Erde immerfort von den materialistisch gesinnten Leuten aufmerksam gemacht werden, es solle alles ordentlich definiert werden, man solle jeden Begriff scharf definierend begrenzen, kennt der Tote überhaupt keine Definitionen mehr; denn er kennt nur dasjenige, was in Bewegung ist, nicht das, was Konturen hat und begrenzt ist.

[ 9 ] Aber in älteren Zeiten war eben auch dasjenige, was auf der Erde als Sprache lebte, was als Denkgebrauch, als Denkgewohnheit lebte, noch so, daß es hinaufragte in das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, so daß der Tote noch lange nach seinem Tode einen Nachklang hatte von demjenigen, was er hier auf der Erde erlebt hatte, und auch von dem, was nach seinem Tode noch auf der Erde vorging.

[ 10 ] Und wenn wir noch weiter zurückgehen, in die Zeit nach der atlantischen Katastrophe, ins 8., 9. Jahrtausend vor der christlichen Zeitrechnung, dann werden die Unterschiede noch geringer zwischen dem Leben auf der Erde und dem Leben — wenn wir so sagen dürfen — im Jenseits. Und dann kommen wir allmählich zurück in diejenigen Zeiten, wo die beiden Leben einander ganz ähnlich sind. Dann kann man nicht mehr sprechen von wiederholten Erdenleben.

[ 11 ] Also die wiederholten Erdenleben haben ihre Grenze, wenn man nach rückwärts schaut. Ebenso werden sie eine Grenze haben, wenn man nach vorwärts in die Zukunft schaut. Denn das, was ganz bewußt mit Anthroposophie beginnt, daß in das gewöhnliche Bewußtsein hereinragen soll die geistige Welt, das wird zur Folge haben, daß auch wiederum in die Welt, die man durchlebt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, diese Erdenwelt mehr hineinragt, aber trotzdem das Bewußtsein nicht traumhaft, sondern klarer werden wird, immer klarer und klarer werden wird. Der Unterschied wird wiederum geringer werden. So daß man dieses Leben in den wiederholten Erdenleben begrenzt hat zwischen den äußeren Grenzen, die dann in ein ganz andersgeartetes Dasein des Menschen hineinführen, wo es keinen Sinn hat, von den wiederholten Erdenleben zu sprechen, weil eben die Differenz zwischen dem Erdenleben und dem geistigen Leben nicht so groß ist, wie sie jetzt ist.

[ 12 ] Wenn man aber nun einmal für die weite Gegenwart der Erdenzeit annimmt, hinter diesem Erdenleben liegen viele andere — man darf gar nicht sagen unzählige andere, denn sie lassen sich bei einer genauen geisteswissenschaftlichen Untersuchung sogar zählen —, dann haben wir in diesen früheren Erdenleben bestimmte Erlebnisse gehabt, welche Verhältnisse von Mensch zu Mensch darstellten. Und die Wirkungen dieser Verhältnisse von Mensch zu Mensch, die sich damals eben in dem auslebten, was man durchmachte, die stehen in diesem Erdenleben geradeso da, wie die Wirkungen dessen, was wir in diesem jetzigen Erdenleben verrichten, sich hineinerstrecken in die nächsten Erdenleben. Wir haben also die Ursachen für vieles, was jetzt in unser Leben tritt, in früheren Erdenleben zu suchen. Da wird sich der Mensch leicht sagen: Also ist dasjenige, was er jetzt erlebt, bedingt, verursacht. Wie kann er dann ein freier Mensch sein?

[ 13 ] Nun, die Frage ist schon, wenn man sie so betrachtet, eine ziemlich bedeutsame; denn alle geistige Beobachtung zeigt eben, daß in dieser Weise das folgende Erdenleben durch die früheren bedingt ist. Auf der anderen Seite ist das Bewußtsein der Freiheit ganz unbedingt da. Und wenn Sie meine «Philosophie der Freiheit» lesen, so werden Sie sehen, daß man den Menschen gar nicht verstehen kann, wenn man nicht sich klar darüber ist, daß sein ganzes Seelenleben hintendiert, hingerichtet ist, hinorientiert ist auf die Freiheit, aber auf eine Freiheit, die man eben richtig zu verstehen hat.

[ 14 ] Nun werden Sie gerade in meiner «Philosophie der Freiheit» eine Idee der Freiheit finden, die aufzufassen im rechten Sinne außerordentlich wichtig ist. Es handelt sich dabei darum, daß man die Freiheit entwickelt hat zunächst im Gedanken. Im Gedanken geht der Quell der Freiheit auf. Der Mensch hat einfach ein unmittelbares Bewußtsein davon, daß er im Gedanken ein freies Wesen ist.

[ 15 ] Sie können sagen: Aber es gibt doch viele Menschen heute, welche die Freiheit bezweifeln. — Das ist nur ein Beweis dafür, daß heute der theoretische Fanatismus der Menschen größer ist als das, was der Mensch unmittelbar in der Wirklichkeit erlebt. Der Mensch glaubt ja nicht mehr an seine Erlebnisse, weil er vollgepfropft ist mit theoretischen Anschauungen. Der Mensch bildet sich heute aus der Beobachtung der Naturvorgänge die Idee: Alles ist notwendig bedingt, jede Wirkung hat eine Ursache, alles, was da ist, hat seine Ursache. Also, wenn ich einen Gedanken fasse, hat das auch eine Ursache. An die wiederholten Erdenleben denkt man gar nicht gleich, sondern man denkt daran, daß dasjenige, was aus einem Gedanken hervorquillt, ebenso verursacht ist wie das, was aus einer Maschine hervorgeht.

[ 16 ] Durch diese Theorie von der allgemeinen Kausalität, wie man es nennt, von der allgemeinen Verursachung, durch diese Theorie macht sich der Mensch heute vielfach blind dagegen, daß er deutlich in sich das Bewußtsein der Freiheit trägt. Die Freiheit ist eine Tatsache, die erlebt wird, sobald man nur wirklich zur Selbstbesinnung kommt.

[ 17 ] Nun gibt es auch Menschen, die da der Anschauung sind, daß nun einmal das Nervensystem eben ein Nervensystem ist und aus sich die Gedanken herauszaubert. Dann wären die Gedanken natürlich gerade so, sagen wir, wie die Flamme, die unter dem Einflusse des Brennstoffes brennt, notwendige Ergebnisse, und von Freiheit könnte nicht die Rede sein.

[ 18 ] Aber diese Menschen widersprechen sich ja, indem sie überhaupt reden. Ich habe schon öfters hier erzählt: Ich hatte einen Jugendfreund, der in einer gewissen Zeit einen Fanatismus hatte, dahingehend, recht materialistisch zu denken, und so sagte er auch: Wenn ich gehe, zum Beispiel, da sind es meine Gehirnnerven, die von gewissen Ursachen durchzogen sind, die bringen die Wirkung des Gehens hervor. — Das konnte unter Umständen eine lange Debatte abgeben mit diesem Jugendfreund. Ich sagte ihm zuletzt einmal: Ja, aber sieh einmal, du sagst doch, ich gehe. Warum sagst du denn nicht: mein Gehirn geht? Wenn du wirklich an deine 'Theorie glaubst, so mußt du niemals sagen: Ich gehe, ich greife, sondern: Mein Gehirn greift, mein Gehirn geht. Also, warum lügst du denn?

[ 19 ] Das sind mehr die Theoretiker. Es gibt nun auch Praktiker. Wenn sie irgendeinen Unfug an sich bemerken, den sie nicht abstellen wollen, dann sagen sie: Ja, das kann ich nicht abstellen, das ist nun einmal so meine Natur. Es kommt von selber, ich bin machtlos dagegen. — Solche Menschen gibt es viele. Sie berufen sich auf die unabänderliche Verursachung ihres Wesens. Sie werden nur meistens unkonsequent, wenn sie einmal etwas zur Schau tragen, was sie haben möchten an sich, wofür sie keine Entschuldigung brauchen, sondern wofür sie eine Belobigung wünschen; dann gehen sie ab von dieser Anschauung.

[ 20 ] Die Grundtatsache des freien Menschenwesens, die ist eben eine solche Tatsache, sie kann unmittelbar erlebt werden. Nun ist schon im gewöhnlichen Erdenleben die Sache so, daß wir vielerlei Dinge tun, in voller Freiheit tun, und eigentlich sie wiederum so liegen, diese Dinge, daß wir sie nicht gut ungetan sein lassen können. Trotzdem fühlen wir unsere Freiheit dadurch nicht beeinträchtigt.

[ 21 ] Nehmen Sie einmal an, Sie fassen jetzt den Beschluß, sich ein Haus zu bauen. Das Haus braucht, um erbaut zu werden, meinetwillen ein Jahr. Sie werden nach einem Jahre drinnen wohnen. Werden Sie Ihre Freiheit dadurch beeinträchtigt fühlen, daß Sie sich dann sagen müssen: Jetzt ist das Haus da, ich muß da herein, ich muß da drinnen wohnen — das ist doch Zwang! — Sie werden Ihre Freiheit nicht beeinträchtigt fühlen dadurch, daß Sie sich ein Haus gebaut haben.

[ 22 ] Diese zwei Dinge bestehen durchaus nebeneinander auch schon im gewöhnlichen Leben: daß man sozusagen sich für etwas engagiert hat, was dann Tatsache geworden ist im Leben, mit dem man rechnen muß.

[ 23 ] Nehmen Sie nun alles das, was aus früheren Erdenleben stammt, alles das, womit Sie eben rechnen müssen, weil es ja von Ihnen herrührt, geradeso wie der Hausbau von Ihnen herrührt, dann werden Sie dadurch, daß Ihr gegenwärtiges Erdenleben von früheren Erdenleben her bestimmt ist, keine Beeinträchtigung Ihrer Freiheit empfinden.

[ 24 ] Nun können Sie sagen: Ja, gut, ich baue mir ein Haus, aber ich will doch ein freier Mensch bleiben, ich will mich dadurch nicht zwingen lassen. Ich werde, wenn es mir nicht gefällt, nach einem Jahre eben nicht in dieses Haus einziehen, werde es verkaufen. — Schön! Man könnte darüber auch seine Ansicht haben, man könnte die Ansicht haben, daß Sie nicht recht wissen, was Sie eigentlich wollen im Leben, wenn Sie das tun. Gewiß, diese Ansicht könnte man auch haben; aber sehen wir ab von dieser Ansicht. Sehen wir ab davon, daß jemand ein Fanatiker der Freiheit ist und sich fortwährend Dinge vornimmt, die er dann aus Freiheit unterläßt. Man könnte dann sagen: Der Mann hat nicht einmal die Freiheit, auf dasjenige einzugehen, was er sich vorgenommen hat. Er steht unter dem fortwährenden Stachel, frei sein zu wollen, und wird geradezu gehetzt von diesem Freiheitsfanatismus.

[ 25 ] Es handelt sich wirklich darum, daß diese Dinge nicht starr theoretisch gefaßt werden, sondern daß sie lebensvoll gefaßt werden. Und gehen wir jetzt, ich möchte sagen, zu einem komplizierteren Begriffe über. Wenn wir dem Menschen Freiheit zuschreiben, so müssen wir ja den anderen Wesen, die nicht beeinträchtigt sind in ihrer Freiheit durch die Schranken der Menschennatur — wenn wir zu den Wesen hinaufgehen, die den höheren Hierarchien angehören, so sind die ja nicht beeinträchtigt durch die Schranken der Menschennatur —, da müssen wir die Freiheit bei ihnen sogar in einem höheren Grade suchen. Nun könnte jemand eine eigentümliche theologische Theorie aufstellen, könnte sagen: Aber Gott muß doch frei sein! Und doch hat er ja die Welt in einer gewissen Weise eingerichtet. Dadurch ist er aber doch engagiert, er kann doch nicht jeden Tag die Weltordnung ändern; also wäre er doch unfrei.

[ 26 ] Sehen Sie, wenn Sie in dieser Weise die innere karmische Notwendigkeit und die Freiheit, die eine Tatsache unseres Bewußtseins ist, die einfach ein Ergebnis der Selbstbeobachtung ist, gegeneinanderstellen, so kommen Sie aus einem fortwährenden Zirkel gar nicht heraus. Auf diese Weise kommen sie aus einem Zirkel gar nicht heraus. Denn die Sache ist diese: Nehmen Sie einmal — ich will das Beispiel zwar nicht tottreten, aber es kann uns doch noch auf die weitere Fährte führen —, nehmen Sie noch einmal das Beispiel vom Hausbau. Also jemand baut sich ein Haus. Ich will nicht sagen, ich baue mir ein Haus — ich werde mir wahrscheinlich niemals eins bauen —, aber sagen wir, jemand baut sich ein Haus. Nun, durch diesen Entschluß bestimmt er in einer bestimmten Weise seine Zukunft. Nun bleibt ihm für diese Zukunft, wenn das Haus fertig ist und er mit seinem früheren Entschluß rechnet, für das Drinnenwohnen scheinbar keine Freiheit. Er hat sie sich freilich selber beschränkt, diese Freiheit; aber es bleibt ihm scheinbar keine Freiheit.

[ 27 ] Aber denken Sie, für wievieles Ihnen dann noch innerhalb dieses Hauses doch Freiheit bleibt! Es steht Ihnen sogar frei, darinnen dumm oder gescheit zu sein. Es steht Ihnen frei, darinnen mit Ihren Mitmenschen ekelhaft oder liebevoll zu sein. Es steht Ihnen frei, darinnen früh oder spät aufzustehen. Vielleicht hat man dafür andere Notwendigkeiten, aber jedenfalls steht es Ihnen in bezug auf den Hausbau frei, früh oder spät aufzustehen. Es steht Ihnen frei, darinnen Anthroposoph oder Materialist zu sein. Kurz, es gibt unzählige Dinge, die Ihnen dann noch immer freistehen.

[ 28 ] Geradeso gibt es im einzelnen Menschenleben, trotzdem die karmische Notwendigkeit vorliegt, unzählige Dinge, viel mehr als in einem Haus, unzählige Dinge, die einem freistehen, die wirklich ganz im Bereiche der Freiheit liegen.

[ 29 ] Nun werden Sie vielleicht weiter sagen können: Gut, dann haben wir also im Leben einen gewissen Bereich von Freiheit. Den will ich hier in der Zeichnung hell machen, weil ihn die Menschen gern haben, und ringsherum die karmische Notwendigkeit (siehe Zeichnung, rot). Ja, die ist nun auch da! Also ein gewisser eingeschlossener Bereich von Freiheit, ringsherum die karmische Notwendigkeit.

[ 30 ] Nun, dieses anschauend, können Sie folgendes geltend machen. Sie können sagen: Nun ja, jetzt bin ich in einem gewissen Bezirke frei; aber nun komme ich an die Grenze meiner Freiheit. Da empfinde ich überall die karmische Notwendigkeit. Ich gehe in meinem Freiheitszimmer herum, aber überall an den Grenzen komme ich an meine karmische Notwendigkeit und empfinde diese karmische Notwendigkeit.

[ 31 ] Ja, meine lieben Freunde, wenn der Fisch ebenso dächte, so wäre er höchst unglücklich im Wasser, denn er kommt, wenn er im Wasser schwimmt, an die Grenze des Wassers. Außerhalb dieses Wassers kann er nicht mehr leben. Daher unterläßt er es, außerhalb des Wassers zu gehen. Er geht gar nicht außerhalb des Wassers. Er bleibt im Wasser, er schwimmt im Wasser herum und läßt das andere, was außer dem Wasser ist, Luft sein, oder was es eben ist. Und aus dem Grunde, weil der Fisch das tut, kann ich Ihnen die Versicherung abgeben, daß der Fisch gar nicht unglücklich ist darüber, daß er nicht mit Lungen atmen kann. Er kommt gar nicht darauf, unglücklich zu sein. Wenn aber der Fisch darauf kommen sollte, unglücklich zu sein darüber, daß er nur mit Kiemen atmet und nicht mit Lungen atmet, da müßte er Lungen in der Reserve haben, und da müßte er vergleichen, wie es ist, unter dem Wasser zu leben und in der Luft zu leben. Und dann wäre die ganze Art, wie der Fisch sich innerlich fühlt, anders. Es wäre alles anders.

[ 32 ] Wenden wir den Vergleich auf das Menschenleben in bezug auf Freiheit und karmische Notwendigkeit an, dann ist das so, daß ja zunächst der Mensch in der gegenwärtigen Erdenzeit das gewöhnliche Bewußtsein hat. Mit diesem gewöhnlichen Bewußtsein lebt er im Bezirk der Freiheit, so wie der Fisch im Wasser lebt, und er kommt gar nicht mit diesem Bewußtsein in das Reich der karmischen Notwendigkeit herein. Erst wenn der Mensch anfängt, die geistige Welt wirklich wahrzunehmen — was so wäre, wie wenn der Fisch Lungen in Reserve hätte —, und erst dann, wenn der Mensch wirklich in die geistige Welt sich einlebt, dann bekommt er eine Anschauung von den Impulsen, die als karmische Notwendigkeit in ihm leben. Und dann schaut er in seine früheren Erdenleben zurück und empfindet nicht, sagt nicht, indem er aus dem früheren Erdenleben herüber die Ursachen für gegenwärtige Erlebnisse hat: Ich bin jetzt unter dem Zwang einer eisernen Notwendigkeit und meine Freiheit ist beeinträchtigt —, sondern er schaut zurück, wie er selber sich dasjenige, was jetzt vorliegt, zusammengezimmert hat, so wie einer, der sich ein Haus gebaut hat, auf den Entschluß zurückschaut, der zum Bau dieses Hauses geführt hat. Und dann finder man es gewöhnlich gescheiter, zu fragen: War dazumal das ein vernünftiger Entschluß, das Haus zu bauen, oder ein unvernünftiger? — Nun, da kann man natürlich allerlei Ansichten später darüber gewinnen, wenn sich die Dinge herausstellen, gewiß; aber man kann höchstens, wenn man findet, daß es eine riesenhafte Torheit war, sich das Haus zu bauen, man kann höchstens sagen, daß man töricht gewesen ist.

[ 33 ] Nun, im Erdenleben, da ist das so eine Sache, wenn man sich in bezug auf irgendein Ding, das man inauguriert hat, sagen muß, es war töricht. Man hat das nicht gern. Man leidet nicht gern unter seinen Torheiten. Man möchte, daß man den Entschluß nicht gefaßt hätte. Aber das bezieht sich nämlich auch nur auf das eine Erdenleben, weil nämlich zwischen der Torheit des Entschlusses und der Strafe, die man dafür hat, indem man die Konsequenzen dieser Torheit erleben muß, das gleichartige Erdenleben dazwischen ist. Es bleibt immer so.

[ 34 ] So ist es aber nicht zwischen den einzelnen Erdenleben. Da sind immer dazwischen die Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, und diese Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, die ändern manches, was sich nicht ändern würde, wenn das Erdenleben sich in gleichartiger Weise fortsetzte. Nehmen Sie nur an, Sie schauen zurück in ein früheres Erdenleben. Da haben Sie irgendeinem Menschen Gutes oder Böses angetan. Das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt war zwischen diesem vorigen Erdenleben und dem jetzigen Erdenleben. In diesem Leben, in diesem geistigen Leben können Sie gar nicht anders denken als: Sie sind unvollkommen geworden dadurch, daß Sie einem Menschen irgend etwas Böses zugefügt haben. Das nimmt etwas weg von Ihrem Menschenwert, das macht Sie seelisch verkrüppelt. Sie müssen die Verkrüppelung wiederum ausbessern, und Sie fassen den Entschluß, im neuen Erdenleben dasjenige zu erringen, was den Fehler ausbessert. Sie nehmen zwischen dem Tod und einer neuen Geburt dasjenige, was den Fehler ausgleicht, durch Ihren eigenen Willen auf. Haben Sie einem Menschen etwas Gutes zugefügt, dann wissen Sie, daß das ganze menschliche Erdenleben — das sieht man insbesondere in dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt —, daß das ganze Erdenleben für die gesamte Menschheit da ist. Und dann kommen Sie darauf, daß, wenn Sie einen Menschen gefördert haben, er in der Tat ja dadurch gewisse Dinge errungen hat, die er ohne Sie nicht errungen hätte in einem früheren Erdenleben. Aber Sie fühlen sich dadurch wiederum in dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt mit ihm vereinigt, um dasjenige, was Sie mit ihm zusammen in bezug auf menschliche Vollkommenbheit erreicht haben, nun weiter auszuleben. Sie suchen ihn wieder auf im neuen Erdenleben, um gerade durch die Art und Weise, wie Sie ihn vervollkommnet haben, weiter zu wirken im neuen Erdenleben.

[ 35 ] Also es handelt sich gar nicht darum, daß man etwa, wenn man nun den Bezirk der karmischen Notwendigkeiten ringsherum durch eine wirkliche Einsicht in die geistige Welt wahrnimmt, diese Notwendigkeiten verabscheuen könnte, sondern es handelt sich darum, daß man dann zurücksieht auf diese Notwendigkeiten, wie die Dinge waren, die man da selber verrichtet hat, und sie so anschaut, daß man sich sagt: Es muß dasjenige geschehen — aus voller Freiheit auch müßte das geschehen —, was aus einer inneren Notwendigkeit heraus geschieht.

[ 36 ] Man wird eben niemals den Fall erleben, daß man bei einer wirklichen Einsicht in das Karma mit diesem Karma nicht einverstanden ist. Wenn sich im Karma Dinge ergeben, die einem nicht gefallen, dann sollte man sie eben aus der allgemeinen Gesetzmäßigkeit der Welt heraus betrachten. Und da kommt man immer mehr darauf, daß zuletzt doch dasjenige, was karmisch bedingt ist, besser ist, als wenn wir mit jedem neuen Erdenleben neu anfangen müßten, mit jedem neuen Erdenleben voller unbeschriebener Blätter wären. Denn wir sind eigentlich unser Karma selber. Das, was da herüberkommt aus früheren Erdenleben, das sind wir eigentlich selber, und es hat gar keinen Sinn, davon zu sprechen, daß irgend etwas in unserem Karma, neben dem eben der Bezirk der Freiheit durchaus da ist, daß irgend etwas in unserem Karma anders sein sollte, als es ist, weil überhaupt in einem gesetzmäßig zusammenhängenden Ganzen das einzelne gar nicht kritisiert werden kann. Es kann jemandem seine Nase nicht gefallen; aber es hat gar keinen Sinn, bloß die Nase an sich zu kritisieren, denn die Nase, die man hat, muß tatsächlich so sein, wie sie ist, wenn der ganze Mensch so ist, wie er ist. Und derjenige, der sagt, ich möchte eine andere Nase haben, der sagt eigentlich damit, er möchte ein ganz anderer Mensch sein. Aber damit schafft er sich in Gedanken selber weg. Man kann das doch nicht.

[ 37 ] So können wir auch unser Karma nicht wegschaffen, denn wir sind das, was unser Karma ist, selber. Es beirrt uns aber auch gar nicht, denn es verläuft durchaus neben den Taten unserer Freiheit, beeinträchtigt nirgends die Taten unserer Freiheit.

[ 38 ] Ich möchte einen anderen Vergleich noch gebrauchen, der das klar macht. Wir gehen als Menschen; aber es ist doch der Boden da, auf dem wir gehen. Kein Mensch fühlt sich in seinem Gehen beeinträchtigt dadurch, daß unter ihm der Boden ist. Ja er sollte sogar wissen, wenn der Boden nicht da wäre, könnte er nicht gehen, er würde überall herunterfallen. So ist es mit unserer Freiheit. Die braucht den Boden der Notwendigkeit. Die muß sich heraus erheben aus einem Untergrunde.

[ 39 ] Dieser Untergrund, wir sind es selbst. Sobald man in der richtigen Weise den Freiheitsbegriff und den Begriff des Karmas faßt, wird man sie durchaus miteinander vereinbaren können. Und dann braucht man auch nicht mehr davor zurückzuschrecken, diese karmische Notwendigkeit durch und durch zu betrachten. Ja, man kommt sogar dazu, in gewissen Fällen das Folgende sich zu sagen: Ich setze jetzt voraus, irgend jemand kann durch die Initiationseinsicht in frühere Erdenleben zurückschauen. Wenn er in frühere Erdenleben zurückschaut, weiß er dadurch ganz genau, daß ihm dieses oder jenes geschehen ist, was in dieses Erdenleben mit hereingekommen ist. Wäre er nicht zur Initiationswissenschaft gekommen, dann würde eine objektive Notwendigkeit ihn drängen, gewisse Dinge zu tun. Er täte sie unweigerlich. Seine Freiheit würde er ja dadurch nicht beeinträchtigt fühlen, denn seine Freiheit liegt im gewöhnlichen Bewußtsein. Mit dem reicht er gar nicht herein in die Region, wo diese Notwendigkeit wirkt, geradeso wie der Fisch nicht an die äußere Luft kommt. Aber wenn er die Initiationswissenschaft in sich hat, dann sieht er zurück, sieht, wie das war in einem vorigen Erdenleben, und betrachtet dasjenige, was da ist, als eine Aufgabe, die ihm für dieses Erdenleben bewußt zugeteilt ist. Es ist auch so.

[ 40 ] Sehen Sie, derjenige, der keine Initiationswissenschaft hat, der weiß eigentlich immer — ich sage jetzt etwas, was Ihnen etwas paradox erscheinen wird, was aber doch so ist — durch einen gewissen inneren Drang, durch einen Trieb, was er tun soll. Ach, die Leute tun ja immer, wissen immer, was sie tun sollen, fühlen sich immer zu dem oder zu jenem gedrängt! Bei dem, der mit Initiationswissenschaft anfängt, bei dem wird es in der Welt doch etwas anders. Es tauchen, wenn das Leben an ihn herantritt, den einzelnen Erlebnissen gegenüber ganz merkwürdige Fragen auf. Wenn er sich gedrängt fühlt, etwas zu tun, ist er gleich auch wiederum gedrängt, es nicht zu tun. Der dunkle Trieb, der die meisten Menschen zu dem oder jenem drängt, er fällt weg. Und tatsächlich, auf einer gewissen Stufe der Initiationseinsicht könnte der Mensch schon, wenn nichts anderes an ihn heranträte, dazu kommen, sich zu sagen: Jetzt verbringe ich am liebsten mein ganzes folgendes Leben, nachdem ich zu dieser Einsicht gekommen bin — ich bin jetzt vierzig Jahre alt, das kann mir ganz gleichgültig sein —, so, daß ich auf einen Stuhl mich setze und gar nichts mehr tue; denn es sind nicht solche ausgesprochenen Triebe da, das oder jenes zu tun.

[ 41 ] Glauben Sie nicht, meine lieben Freunde, daß die Initiation nicht eben reale Wirklichkeit hat. Es ist merkwürdig in dieser Beziehung, wie die Menschen manchmal denken. Von einem gebackenen Huhn glaubt jeder, wenn er es ißt, daß es reale Wirklichkeit hat. Von der Initiationswissenschaft glauben die meisten Menschen, daß sie nur theoretische Wirkungen habe. Sie hat Lebenswirkungen. Und eine solche Lebenswirkung ist diejenige, die ich eben jetzt angedeutet habe. Bevor der Mensch die Initiationswissenschaft hat, ist ihm immer das eine wichtig, das andere unwichtig aus einem dunklen Drange heraus. Der Initiierte möchte sich am liebsten auf einen Stuhl setzen und die Welt ablaufen lassen, denn es kommt nicht darauf an — so könnte es sich bei ihm einstellen —, ob das eine geschieht und das andere unterbleibt und dergleichen. Da gibt es dann nur die Korrektur — es wird ja nicht so bleiben, weil die Initiationswissenschaft auch noch etwas anderes bringt —, da gibt es nur die eine Korrektur dafür, daß sich der betreffende Initiierte nicht auf einen Stuhl setzt, die Welt ablaufen läßt und sagt: Mir ist alles gleichgültig —, da gibt es nur die Korrektur: zurückzublicken in frühere Erdenleben. Da liest er dann aus seinem Karma die Aufgabe für sein Erdenleben ab. Da tut er dann dasjenige, was ihm seine früheren Erdenleben auferlegen, bewußt. Er unterläßt es nicht, weil er meint, daß seine Freiheit dadurch beeinträchtigt wird, sondern er tut es, weil er, indem er auf das kommt, was er erlebt hat in früheren Erdenleben, zugleich gewahr wird, was in dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt war, wie er es da als vernünftig eingesehen hat, die entsprechenden Folgetaten zu tun. Er würde sich unfrei fühlen, wenn er nicht in die Lage kommen könnte, seine sich ihm aus dem vorigen Erdenleben gestellte Aufgabe zu erfüllen.

[ 42 ] Ich möchte hier nur eine kleine Parenthese machen. Sehen Sie, das Wort Karma ist ja auf dem Umweg durch das Englische nach Europa gekommen. Nun, deswegen, weil man das so schreibt: Karma, sagen die Leute sehr häufig «Karma». Das ist falsch ausgesprochen. Karma ist geradeso zu sprechen, wie wenn es mit ä geschrieben wäre. Ich spreche nun, seit ich die Anthroposophische Gesellschaft führe, immer «Ka(=ä)rma», und ich bedaure, daß sehr viele Leute sich daraus angewöhnt haben, fortwährend das schreckliche Wort «Kirma» zu sagen. Sie müssen immer verstehen, diese Leute, wenn ich «Karma» sage, «Kirma». Das ist schrecklich. Sie werden es auch schon gehört haben, daß manche sehr getreue Schüler nun seit einiger Zeit «Kirma» sagen.

[ 43 ] Also weder vor noch nach dem Eintritte der Initiationswissenschaft gibt es einen Widerspruch zwischen karmischer Notwendigkeit und Freiheit. Vor dem Eintritte der Initiationswissenschaft aus dem Grunde nicht, weil der Mensch eben mit dem gewöhnlichen Bewußtsein innerhalb des Bereiches der Freiheit bleibt und sich die karmische Notwendigkeit draußen wie naturhaft abspielt; er hat gar nicht etwas, das anders empfindet, als das, was ihm eben seine Natur eingibt. Und nachher aus dem Grunde nicht, weil er mit seinem Karma ganz einverstanden geworden ist, einfach im Sinne des Karmas handeln für vernünftig ansieht. Geradeso wie man nicht sagt, wenn man sich ein Haus gebaut hat: Das beeinträchtigt meine Freiheit, daß ich da jetzt hineinziehe —, sondern wie man sich sagt: Nun, das war ja doch ganz vernünftig von dir, daß du dir in dieser Gegend an diesem Platze ein Haus gebaut hast, jetzt sei frei in diesem Hause —, geradeso weiß derjenige, der mit Initiationswissenschaft zurückblickt in frühere Erdenleben, daß er frei wird dadurch, daß er seine karmische Aufgabe erfüllt, also in das Haus einzieht, das er sich in früheren Erdenleben gebaut hat.

[ 44 ] So wollte ich Ihnen heute, meine lieben Freunde, die Verträglichkeit von Freiheit und karmischer Notwendigkeit im menschlichen Leben darlegen. Wir werden morgen vom Karma weiter sprechend auf Einzelheiten des Karmas dann eingehen.