Esoteric Considerations of Karmic Connections
Volume IV
GA 238
23 September 1924, Dornach
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Esoteric Considerations of Karmic Connections, tr. SOL
Zehnter Vortrag
Tenth Lecture
[ 1 ] Aus den Betrachtungen am letzten Sonntag werden Sie jedenfalls dieses gesehen haben, daß der Mensch, wie er körperlich und durch die Erziehung in der Gegenwart gestaltet ist, nicht leicht hereinbringt in die gegenwärtige Inkarnation, selbst wenn sie so merkwürdig liegt wie diejenige, von der ich am letzten Sonntag gesprochen habe, das, was an spirituellem Inhalte aus früheren Inkarnationen hereinwill. Denn wir leben nun einmal in dem Zeitalter der Bewußtseinsseelen-Entwickelung, jener Seelenentwickelung, welche ganz besonders ausbildet den Intellekt, der ja heute das ganze Leben beherrscht, wenn man auch oftmals nach dem Gefühle und Gemüte schreit; diejenige Seelenfähigkeit, die sich am meisten emanzipieren kann von dem elementarisch Menschlichen, von dem, was der Mensch als sein tieferes seelisches \Wesen in sich trägt.
[ 1 ] From last Sunday’s reflections, you will certainly have seen that human beings, as they are physically and through their upbringing in the present, do not easily bring into their current incarnation—even one as remarkable as the one I spoke of last Sunday—the spiritual content that seeks to enter from earlier incarnations. For we are, after all, living in the age of the development of the conscious soul—that soul development which particularly cultivates the intellect, which today dominates the whole of life, even though people often cry out for feeling and emotion; that capacity of the soul which can emancipate itself most fully from the elemental human nature—from what the human being carries within as his deeper spiritual essence.
[ 2 ] Das Bewußtsein von dieser Emanzipation des Intellektuellen kommt ja dann durch, wenn gesprochen wird von dem kalten Verstande, in dem die Menschen ihren Egoismus äußern, in dem die Menschen ihre Anteilnahmslosigkeit, ihre Mitleidlosigkeit mit der anderen Menschheit, selbst oftmals mit Nahestehenden äußern. Mit dem kalten Verstande bezeichnet man das Verfolgen all derjenigen Wege, die nicht auf die Ideale der Seele gehen, sondern die darauf hinauslaufen, nach Nützlichkeitsgründen sich die Lebenswege vorzuzeichnen und so weiter.
[ 2 ] This awareness of the intellectual’s emancipation becomes evident when we speak of the “cold intellect”—through which people express their selfishness, their indifference, and their lack of compassion toward others, and often even toward those closest to them. The “cold intellect” refers to the pursuit of all those paths that do not lead to the ideals of the soul, but rather result in mapping out one’s life course based on utilitarian considerations, and so on.
[ 3 ] In diesen Dingen drückt sich eine Empfindung dafür aus, wie das Verständige, das Intellektualistische, das Rationalistische sich vom Menschlichen im Menschen drinnen emanzipiert. Und wer ganz durchschaut, in welch hohem Grade die heutigen Seelen intellektualisiert sind, der begreift dann auch in jedem einzelnen Falle, wie Karma gerade in jetzige Seelen dasjenige hineintragen muß, was auch an hoher Spiritualität in abgelaufenen Zeitaltern von diesen Seelen durchgemacht worden ist.
[ 3 ] These things express a sense of how the intellectual, the rational, and the intellectualistic aspects emancipate themselves from the human element within a person. And anyone who fully comprehends the high degree to which today’s souls are intellectualized will then also understand, in each individual case, how karma must impart to these very souls that which they themselves experienced in terms of high spirituality during past ages.
[ 4 ] Denn bedenken Sie nur das Folgende. Nehmen wir jetzt ganz im allgemeinen — ein spezielles Beispiel habe ich Ihnen das letzte Mal gezeigt —, aber nehmen Sie jetzt ganz im allgemeinen eine Seele, welche in den Jahrhunderten vor dem Mysterium von Golgatha oder in den Jahrhunderten nach dem Mysterium von Golgatha so gelebt hat, daß ihr die geistige Welt eine Selbstverständlichkeit war, daß sie nach ihren eigenen Erfahrungen von der geistigen Welt reden konnte wie von einer Welt, die ebenso vorhanden ist wie die farbige, die warme oder kalte Welt der Sinne.
[ 4 ] Just consider the following. Let’s take a very general example now—I showed you a specific example last time— but now, in very general terms, consider a soul who, in the centuries before the Mystery of Golgotha or in the centuries after the Mystery of Golgotha, lived in such a way that the spiritual world was a matter of course to them, so that, based on their own experiences, they could speak of the spiritual world as a world that is just as real as the colorful, warm, or cold world of the senses.
[ 5 ] Das alles liegt in der Seele drinnen. Das alles steht zwischen dem Tod und einer neuen Geburt oder in wiederholten solchen Zeiträumen im Verhältnis mit den geistigen Welten der höheren Hierarchien. Mannigfaltiges ist in dieser Seele ausgearbeitet worden.
[ 5 ] All of this lies within the soul. All of this exists between death and a new birth—or, during repeated such periods, in relation to the spiritual worlds of the higher hierarchies. Many things have been worked out within this soul.
[ 6 ] Aber nun soll ja gerade wiederum durch andere karmische Zusammenhänge, sagen wir, eine solche Seele in einem Leib sich inkarnieren, der ganz auf Intellektualismus hin gestimmt ist, der also aus der Zivilisation der Gegenwart nur allein die gangbaren Begriffe, die sich ja eigentlich nur auf Äußerliches beziehen, aufnimmt. Es ist dann nur das eine möglich, daß für diese Inkarnation dasjenige in das Unterbewußtsein sich zurückzieht, was da an Spiritualität herüberkommt, und daß eine solche Persönlichkeit in dem Intellekt, den sie entwickelt, vielleicht einen gewissen Idealismus zeigt, ein Hinneigen zu allerlei schönen, guten, wahren Idealen, aber doch nicht dazu kommt, die Dinge, die in der Seele liegen, aus dem Unterbewußten in das gewöhnliche Bewußtsein heraufzuheben. Solche Seelen gibt es viele heute. Und für denjenigen, der in der richtigen Weise mit einem auf das Spirituelle geschulten Auge die Welt anzuschauen vermag, für den widerspricht heute so manches Antlitz dem, was bei den betreffenden Menschen zutage tritt. Das Antlitz sagt: Da ist auf dem Grunde der Seele viel Spiritualität. Sobald der Mensch aber spricht, redet er gar nicht von Spiritualität. Daher hat es in keiner Zeit eigentlich das in einem so hohen Grade gegeben, daß die Gesichter demjenigen widersprochen haben, was der Mensch ausspricht, als eben in der heutigen Zeit.
[ 6 ] But now, precisely because of other karmic connections, let us say, such a soul is to incarnate in a body that is entirely attuned to intellectualism—a body that, therefore, absorbs from contemporary civilization only the commonly accepted concepts, which in fact relate solely to the external world. In that case, the only possibility is that, for this incarnation, whatever spirituality comes through retreats into the subconscious, and that such a personality, in the intellect it develops, may display a certain idealism—a inclination toward all manner of beautiful, good, and true ideals—but still fails to bring the things that lie within the soul up from the subconscious into ordinary consciousness. There are many such souls today. And for those who are able to view the world in the right way with an eye trained in the spiritual, many a face today contradicts what is revealed in the people in question. The face says: There is a great deal of spirituality at the core of the soul. But as soon as the person speaks, they do not speak of spirituality at all. Therefore, there has never been a time when faces have contradicted what people say to such a high degree as in the present day.
[ 7 ] Wer verstehen will, daß Kraft und Energie und Ausdauer und heilige Begeisterung notwendig sind, um das, was nun schon einmal für das heutige Zeitalter gehört: Intellektualismus, umzuwandeln in Spiritualität, so daß die Gedanken, die Ideen sich erheben in die geistige Welt und man mit Ideen ebenso zum Geiste hinauf den Weg finden kann wie hinunter zu der Natur, wer das verstehen will, der muß eben sich klar sein darüber, daß zunächst der Intellektualismus die denkbar stärksten Hemmnisse bietet für das Sichoffenbaren eines in der Seele befindlichen Spirituellen. Und nur dann, wenn man gewissermaßen aufmerksam darauf ist, wird man als Anthroposoph den innerlichen Enthusiasmus finden, die Ideen der Anthroposophie aufzunehmen, die ja nun schon einmal mit dem Intellektualismus des Zeitalters rechnen müssen, die sozusagen das Kleid des zeitgenössischen Intellektualismus annehmen müssen. Aber ein solcher Mensch wird auch durchdrungen werden können davon, daß er mit den ja nicht auf die äußere Sinnenwelt bezüglichen Ideen der Anthroposophie ausersehen ist dazu, dasjenige zu erfassen, worauf sich diese Ideen beziehen: das Geistige. Es bleibt das Sichversenken in die Ideen der Anthroposophie dennoch dasjenige, was den heutigen Menschen, wenn er nur will, am sichersten hinaufleiten kann in die Spiritualität.
[ 7 ] Anyone who wants to understand that strength, energy, endurance, and sacred enthusiasm are necessary to transform what already belongs to the present age— intellectualism—so that thoughts and ideas may rise into the spiritual world, and one may find the path upward to the Spirit through ideas just as one does downward to nature—whoever wishes to understand this must be clear about the fact that, first and foremost, intellectualism presents the strongest conceivable obstacles to the revelation of that which is spiritual within the soul. And only when one is, so to speak, attentive to this will one, as an anthroposophist, find the inner enthusiasm to take in the ideas of anthroposophy—ideas that, after all, must already reckon with the intellectualism of the age and must, so to speak, don the garb of contemporary intellectualism. But such a person will also be able to be imbued with the realization that, through the ideas of anthroposophy—which do not pertain to the external sensory world—they are destined to grasp that to which these ideas refer: the spiritual. Nevertheless, immersing oneself in the ideas of anthroposophy remains the surest way to lead people today—if they are only willing—upward into spirituality.
[ 8 ] Das, was ich jetzt als letzten Satz ausgesprochen habe, meine lieben Freunde, das kann man eigentlich erst aussprechen vielleicht seit zwei bis drei Jahrzehnten. Vorher war das noch nicht möglich. Denn vorher, trotzdem schon Ende der siebziger Jahre die MichaelHerrschaft begonnen hat, vorher war es doch so, daß die Ideen, welche die Zeit jemandem entgegentrug, selbst bei den Idealisten, so stark nur auf die Sinneswelt gerichtet waren, daß ein Erheben vom Intellektualismus zur Spiritualität in den siebziger, achtziger, neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts nur in Ausnahmefällen eben möglich war.
[ 8 ] What I have just said as my final sentence, my dear friends, is something that has perhaps only been possible to say for the past two or three decades. Before that, it wasn’t possible. For before that—even though the Michael era had already begun at the end of the 1970s—it was still the case that the ideas the times presented to people, even among idealists, were so strongly focused on the sensory world that a transition from intellectualism to spirituality in the 1970s, 1980s, and 1990s of the last century was possible only in exceptional cases.
[ 9 ] Was diese Tatsache bewirkte, möchte ich Ihnen heute an einem Beispiel zeigen. Ich möchte Ihnen zeigen, daß es in diesem Zeitalter, in das die Anthroposophie als die Anschauung vom Spirituellen hineingestellt werden muß aus den Gründen, die ich ja gerade in diesem Vortragszyklus für Mitglieder entwickelt habe, außerordentlich stark so ist, daß jenes Spirituelle, das von früher herauf in die Seelen kommt, zurückgestaut ist und zurückgestaut werden muß. Ja, am Ende des vorigen Jahrhunderts mußte es sich, ohne sich überhaupt in irgendeiner Weise offenbaren zu können, zurückziehen vor dem Intellektualismus.
[ 9 ] Today I would like to illustrate the effect of this fact using an example. I would like to show you that in this age—into which anthroposophy, as the view of the spiritual, must be placed for the reasons I have just elaborated in this lecture series for members—it is exceptionally true that the spiritual, which has been flowing into souls from earlier times, has been held back and must be held back. Indeed, at the end of the last century, without being able to reveal itself in any way at all, it had to withdraw in the face of intellectualism.
[ 10 ] Verstehen Sie recht, was ich meine. Nehmen wir an, irgendeine Persönlichkeit lebte in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts und hätte in sich gehabt eine starke Spiritualität aus früheren Inkarnationen: Sie lebt sich herein in die gegenwärtige Bildung, die damals gegenwärtige Bildung; die ist intellektualistisch, durch und durch intellektualistisch. Nun ist aber in der Persönlichkeit, die ich meine, die Nachwirkung der Spiritualität noch so stark, daß diese heraus will, richtig heraus will. Aber der Intellektualismus verträgt das nicht. Die Persönlichkeit wird intellektualistisch erzogen, die Persönlichkeit erlebt im gesellschaftlichen Umgange, in den sie hineinkommt, im Beruf, überall Intellektualismus; dahinein in diesen Intellektualismus kann das nicht, was sie in der Seele trägt. Es würde das eine Persönlichkeit sein, von der man sagen kann: Die wäre eigentlich zur Anthroposophie wie berufen. — Aber sie kann nicht Anthroposoph werden, weil gerade das, wenn es in den Intellekt schon hätte hinein können aus der Spiritualität der früheren Inkarnation, Anthroposophie geworden wäre. Es kann nicht Anthroposophie werden, bleibt zurück, bekommt gewissermaßen einen Schock vor dem Intellektualismus. Was kann die Persönlichkeit anderes tun, als höchstens den Intellektualismus überall als etwas behandeln, an das sie nicht heranwill, damit das, was in ihrer Seele ist, herauskommen kann in irgendeiner Inkarnation. Es wird dann natürlich nicht vollkommen herauskommen, weil es dem Zeitalter nicht entspricht. Es wird vielleicht sogar wie ein Stammeln sein; aber man wird der Persönlichkeit ansehen, daß sie überall davor zurückzuckt, gar zu weit zu gehen, von dem Intellektualismus des Zeitalters berührt zu werden.
[ 10 ] Please understand exactly what I mean. Let’s suppose that a certain individual lived in the second half of the nineteenth century and possessed a strong spirituality carried over from earlier incarnations: This person immerses themselves in the education of that time—which was intellectualistic, thoroughly intellectualistic. But in the individual I am referring to, the aftereffects of that spirituality are still so strong that it wants to break through—it truly wants to break through. Yet intellectualism cannot tolerate this. The individual is raised in an intellectualist environment; in the social circles they enter, in their profession—everywhere—they encounter intellectualism; and what the personality carries within its soul cannot fit into this intellectualism. It would be the kind of personality of whom one might say: This person is actually as if called to anthroposophy. — But the personality cannot become an anthroposophist, because precisely that which, had it been able to enter the intellect from the spirituality of a previous incarnation, would have become anthroposophy. It cannot become anthroposophy; it remains behind, suffering, as it were, a shock in the face of intellectualism. What else can the personality do but, at most, treat intellectualism everywhere as something she does not wish to approach, so that what is in her soul may emerge in some future incarnation? Of course, it will not emerge perfectly then, because it does not correspond to the age. It may even be like stammering; but one will see in the personality that it shrinks back everywhere from going too far, from being touched by the intellectualism of the age.
[ 11 ] Dafür möchte ich Ihnen eben ein Beispiel anführen. Ich möchte zunächst erinnern an eine hier auch oftmals und immer wieder für die verschiedensten Dinge genannte Persönlichkeit des Altertums, Plato. Plato, der Philosoph des fünften und vierten vorchristlichen Jahrhunderts, lebt eigentlich wie eine Seele, die vieles von dem vorausnimmt, was dann in Jahrhunderten die Menschheit sinnt. Und ich habe ja, als ich auf die großen geistigen Inhalte der Schule von Chartres hinwies, darauf hingewiesen, daß platonischer Geist seit langer Zeit in der Entwickelung des Christentums lebte und daß er in einer gewissen Weise gerade in diesen großen Lehrern der Schule von Chartres seine Ausgestaltung gefunden hat, so wie er eben damals hat ausgestaltet werden können.
[ 11 ] I’d like to give you an example of this. First, I would like to recall a figure from antiquity who is often and repeatedly cited here in connection with a wide variety of topics: Plato. Plato, the philosopher of the fifth and fourth centuries B.C., lives, in a sense, like a soul that anticipates much of what humanity would later contemplate over the centuries. And indeed, when I referred to the great spiritual teachings of the School of Chartres, I pointed out that the Platonic spirit had long been present in the development of Christianity and that, in a certain sense, it found its expression precisely in these great teachers of the School of Chartres, just as it could be expressed at that time.
[ 12 ] Man muß sich nur klar sein darüber: Platos Geist ist zunächst der Ideenwelt zugewendet. Allein man darf sich nicht vorstellen, meine lieben Freunde, daß Idee bei Plato dasselbe abstrakte Ungetüm ist, was für uns heute Ideen sind, wenn wir dem gewöhnlichen Bewußtsein huldigen. Für Plato war die Idee fast etwas von dem, was die persischen Götter Amschaspands waren, die dem Ahura Mazdao als wirkende Genien zur Seite standen; wirkende Genien, die in imaginativer Anschauung nur erreichbar waren, das waren für Plato eigentlich die Ideen: wesenhaft. Nur schilderte er sie schon nicht mehr mit der Lebendigkeit, mit der man in früheren Zeiten solche Dinge geschildert hat. Er schildert sie wie Schatten, könnte man sagen, von Wesenheiten. Und dadurch entstehen ja dann die abstrakten Gedanken, daß die Ideen immer schattenhafter und schattenhafter von den Menschen genommen werden. Aber Plato, indem er weiterlebt, vertieft sich doch in einer Weise, so daß man sagen möchte, in seine Ideenwelt ergießt sich fast die ganze Weisheit der damaligen Zeit. Man braucht bloß seine späteren Dialoge zu nehmen und man wird Astrologisch-Astronomisches, man wird Kosmologisches, wunderbar Psychologisches, Völkerhistorisches bei Plato finden, alles in einer Art von Spiritualität, welche das Spirituelle eben bis zur Idee, ich möchte sagen, verfeinert, verschattenhaftet.
[ 12 ] One must simply be clear about this: Plato’s mind is, first and foremost, turned toward the world of ideas. Yet, my dear friends, one must not imagine that, for Plato, an “idea” is the same abstract monstrosity that ideas are for us today when we succumb to ordinary consciousness. For Plato, the Idea was almost something like the Persian gods, the Amschaspands, who stood by Ahura Mazda as active genii; active genii that were accessible only through imaginative contemplation—that, for Plato, was what Ideas actually were: essential beings. Yet he no longer described them with the vividness with which such things were described in earlier times. He describes them, one might say, as shadows of beings. And this gives rise to the abstract notion that Ideas are perceived by people as increasingly shadowy. But Plato, as his legacy lives on, delves so deeply into his world of Ideas that one might say almost the entire wisdom of that era pours into it. One need only take his later dialogues, and one will find in Plato astrological and astronomical concepts, cosmological insights, marvelous psychological observations, and insights into the history of peoples—all within a kind of spirituality that refines the spiritual, so to speak, to the level of the idea, rendering it shadow-like.
[ 13 ] Aber es lebt alles in Plato. Und es lebt vor allen Dingen in Plato die Anschauung: Die Ideen sind die Gründe von alledem, was in der Sinneswelt vorhanden ist. Überall, wo wir hinblicken in der Sinneswelt, was wir auch schauen, es ist der äußere Ausdruck, die äußere Offenbarung von Ideen. — Dabei tritt in Platos Weltanschauung ein anderes Element noch herein, das ja auch der Welt bekanntgeworden ist in einem Schlagworte, das viel mißverstanden und auch viel mißbraucht worden ist: in dem Schlagworte der platonischen Liebe. Die durchgeistigte Liebe, die möglichst viel von dem abgelegt hat, was der Liebe oftmals noch beigemischt ist von Egoismus, diese durchgeistigte Hingabe an Welt, Leben, Mensch, Gott, Idee, das ist ja etwas, was die platonische Lebensauffassung durchaus durchzieht. Und das ist dasjenige, was in gewissen Zeitaltern zurücktritt, was aber dann immer wiederum aufleuchtet. Denn der Platonismus wird immer wieder aufgenommen, bildet da und dort wiederum dasjenige, an dem sich die Menschen hinaufranken, bildete eben auch den Einschlag für das, was gelehrt worden ist in der Schule von Chartres.
[ 13 ] But all of this lives on in Plato. And above all, the following view lives on in Plato: Ideas are the causes of everything that exists in the sensory world. Wherever we look in the sensory world, whatever we see, it is the outward expression, the outward manifestation of Ideas. — Yet another element enters into Plato’s worldview, one that has also become known to the world through a catchphrase that has been widely misunderstood and also widely misused: the catchphrase of Platonic love. Spiritualized love—which has shed as much as possible of the selfishness that is often still mixed in with love—this spiritualized devotion to the world, to life, to humanity, to God, to the Idea—this is something that thoroughly permeates the Platonic view of life. And this is what recedes in certain eras, only to shine forth again and again. For Platonism is taken up time and again, forming here and there the very thing toward which people strive to ascend; it also provided the impetus for what was taught at the School of Chartres.
[ 14 ] Nun, man hat oftmals schon in Plato eine Art Vorläufer des Christentums gesehen. Allein zu meinen, daß Plato ein Vorläufer des Christentums gewesen sei, das heißt das Christentum mißverstehen. Denn das Christentum ist nicht eine Lehre, sondern das Christentum ist eine Lebensströmung, welche an das Mysterium von Golgatha anknüpft, und vom wirklichen Christentum kann man erst seit dem Mysterium von Golgatha sprechen. Man kann aber davon sprechen, daß es Christen gegeben hat in dem Sinne, daß sie vor dem Mysterium von Golgatha jene Gestalt, die dann innerhalb des Erdenlebens der Menschheit als Christus erkannt wurde, als Sonnenwesenheit verehrt haben, dieselbe Wesenheit im Sonnenwesen gesehen haben. Wenn man in diesem Sinne von Vorläufern des Christentums sprechen will, muß man aber von vielen Mystetienschülern als solchen Vorläufern sprechen; dann kann man auch von Plato als einem Vorläufer des Christentums sprechen. Aber man muß natürlich die Sache nur richtig verstehen.
[ 14 ] Well, Plato has often been seen as a kind of precursor to Christianity. But to think that Plato was a precursor to Christianity is to misunderstand Christianity. For Christianity is not a doctrine; rather, it is a way of life that is rooted in the Mystery of Golgotha, and one can speak of true Christianity only from the time of the Mystery of Golgotha onward. One can, however, speak of there having been Christians in the sense that, before the Mystery of Golgotha, they revered that being—who was later recognized as Christ within the earthly life of humanity—as a solar being, seeing the same essence in the solar being. If one wishes to speak of precursors of Christianity in this sense, one must speak of many students of the Mysteries as such precursors; then one can also speak of Plato as a precursor of Christianity. But, of course, one must understand the matter correctly.
[ 15 ] Nun habe ich ja schon vor einiger Zeit hier davon gesprochen, daß, als Plato noch lebte, nicht gerade in Platos Philosophenschule, aber unter Platos Einfluß — ich habe es sogar schon vor Jahrzehnten erwähnt —, herangewachsen ist ein Künstler, nicht aus platonischer Philosophie, aber aus platonischem Geiste heraus, der dann, nachdem er durch andere Inkarnationen gegangen ist, als Goethe wiedergeboren worden ist, und der karmisch dasjenige, was aus den früheren Inkarnationen, namentlich aber aus der Plato-Strömung kam, in der Jupiter-Region umgewandelt hat, so daß es diejenige Art von Weisheit werden konnte, die eben bei Goethe alles durchdringt. Wir können also schon hinblicken auf ein edles Verhältnis Platos gerade zu diesem — nicht Plato-Zögling, aber Plato-Folger; denn er ist nicht Philosoph, wie gesagt, sondern Künstler im griechischen Zeitalter. Aber Platos Auge fiel noch auf ihn, nahm auf das ungeheuer Vielversprechende dieses Jünglings, der hier gemeint ist.
[ 15 ] Well, I mentioned this here some time ago: that while Plato was still alive—not exactly in Plato’s school of philosophy, but under Plato’s influence—I even mentioned it decades ago—an artist came of age, not out of Platonic philosophy, but from the Platonic spirit, who—after passing through other incarnations—was reborn as Goethe, and who, karmically, transformed in the Jupiter region that which came from his earlier incarnations, particularly from the Platonic current, so that it could become the very kind of wisdom that permeates everything in Goethe’s work. We can thus already glimpse a noble connection between Plato and this very individual—not a disciple of Plato, but a follower of Plato; for he is not a philosopher, as has been said, but an artist of the Greek era. Yet Plato’s eye still fell upon him, taking in the immense promise of this young man to whom reference is made here.
[ 16 ] Nun, Plato hatte es eigentlich schwer, hindurchzutragen durch die folgenden Zeiten, durch die übersinnliche Welt dasjenige, was er in seiner Plato-Inkarnation in seiner Seele trug. Er hatte es sehr schwer. Denn obzwar der Platonismus da und dort aufleuchtete: wenn Plato heruntersah auf dasjenige, was sich unten als Platonismus entwickelte, so bedeutete das für ihn vielfach eine furchtbare Störung seines übersinnlichen Seelen- und Geisteslebens.
[ 16 ] Well, Plato actually had a hard time carrying through the ages that followed—through the supersensible world—what he carried within his soul during his incarnation as Plato. He had a very hard time. For although Platonism flared up here and there, when Plato looked down upon what was developing below as Platonism, it often meant a terrible disruption of his supersensible soul and spiritual life.
[ 17 ] Nicht als ob man dasjenige, was als Platonismus fortlebte, deshalb verurteilen oder abkritisieren wollte. Selbstverständlich, die Seele des Plato lebte Stück für Stück immer mehr und mehr dasjenige in die folgenden Zeitalter hinüber, was eben in ihr lag. Aber gerade Plato, der ja noch verbunden war mit allen Mysterien des Altertums, von dem ich sagen konnte, daß seine Ideenlehre ja eine Art persischen Einschlags hatte, gerade Plato hatte es schwer, als er die Zeit absolviert hatte — es war bei ihm sogar eine ziemlich lange Zeit —, um zu einer neuen Inkarnation zu kommen, er hatte es eigentlich schwer, in die christliche Kultur einzutreten, in die er doch eintreten mußte. Und so kann man sagen: Trotzdem man in dem Sinne, wie ich es eben ausgesprochen habe, Plato dennoch als einen Vorläufer des Christentums bezeichnen kann, lag die ganze Seelen-Orientierung Platos so, daß es ihm außerordentlich schwer wurde, als er reif war zum Wiederheruntersteigen auf die Erde, eine Organisation, einen Leib zu finden, um in ihn das Frühere so hineinzutragen, daß es mit christlicher Schattierung, mit christlicher Nuancierung jetzt erschien. Und außerdem war Plato durch und durch Grieche mit all dem orientalischen Einschlag, den die Griechen hatten und den die Römer gar nicht hatten. Plato war in gewissem Sinne eine Seele, welche hinauftrug bis in das höherpoetische Reich die Philosophie, und künstlerisch sind die philosophischen Dialoge Platos. Überall ist Seele und überall drinnen eben die in wahrem Sinne zu verstehende platonische Liebe, die auch den orientalischen Ursprung durchaus verrät.
[ 17 ] Not that one would therefore wish to condemn or criticize what lived on as Platonism. Of course, Plato’s soul carried over, bit by bit, more and more of what lay within it into the ages that followed. But Plato in particular—who was, after all, still connected to all the mysteries of antiquity, and of whom I could say that his theory of ideas had a certain Persian influence—Plato in particular had a hard time, once he had completed his time on earth—and for him it was actually quite a long time—in coming to a new incarnation; he actually had a hard time entering Christian culture, into which he nevertheless had to enter. And so one can say: Even though, in the sense I have just expressed, Plato can still be described as a forerunner of Christianity, the entire orientation of Plato’s soul was such that, when he was ready to descend back to Earth, it became extraordinarily difficult for him to find an organization, a body, into which to carry his earlier teachings in such a way that they would now appear with a Christian hue, with Christian nuances. Moreover, Plato was Greek through and through, with all the Eastern influence that the Greeks possessed and that the Romans lacked entirely. In a certain sense, Plato was a soul who carried philosophy up into the realm of higher poetry, and Plato’s philosophical dialogues are artistic. Everywhere there is soul, and everywhere within it lies precisely that Platonic love—to be understood in the truest sense—which also unmistakably reveals its Eastern origin.
[ 18 ] Plato ist Grieche. Die Zivilisation, innerhalb welcher er sich allein verkörpern kann, als er reif ist zur Verkörperung, als er sozusagen für die übersinnliche Welt alt geworden ist, diese Zivilisation ist römisch und christlich. Ich möchte sagen, wenn ich mich trivial ausdrücken darf: Da muß er nun hinein. Da muß er auch alle Kräfte zusammennehmen, um zurückzudrängen das Widerstrebende. Denn in Platos Wesen liegt Zurückweisung des prosaischnüchtern Römischen, des juristisch Römischen, eigentlich die Zurückweisung von allem Römischen.
[ 18 ] Plato is Greek. The civilization within which he can embody himself—once he is ready for embodiment, once he has, so to speak, grown old enough for the supernatural world—is Roman and Christian. I would like to say, if I may put it simply: That is where he must now enter. There, too, he must muster all his strength to push back against what resists him. For inherent in Plato’s nature is a rejection of the prosaic, sober Roman world, of the legal Roman world—in fact, a rejection of everything Roman.
[ 19 ] Und in Platos Wesen liegt auch eine gewisse Schwierigkeit, das Christentum anzunehmen, weil er ja gerade den Höhepunkt der vorchristlichen Weltanschauung in gewissem Sinne darstellt und es sich auch an Äußerlichkeiten zeigte, daß das eigentliche PlatoWesen nicht in das Christentum leicht untertauchen konnte. Denn was tauchte dann unter in das Christentum hier in der sinnlichen Welt? Der Neuplatonismus. Der war aber etwas ganz anderes als der wirkliche Platonismus. Zwar bildete sich heraus, nicht wahr, eine Art von platonisierender Gnosis und so weiter, aber eben eine Möglichkeit, das unmittelbare Plato-Wesen ins Christentum herüberzunehmen, bestand nicht. Und so war es auch für Plato schwierig, aus all der Aktivität, die er als Plato-Wesen in sich trug und jetzt in den Ergebnissen wieder hereinbringen mußte, in die Welt irgendwie unterzutauchen. Er mußte die Aktivität zurückstellen.
[ 19 ] And there is also a certain difficulty inherent in Plato’s nature when it comes to embracing Christianity, because he, in a sense, represents the very pinnacle of the pre-Christian worldview, and it was also evident from outward appearances that Plato’s true nature could not easily merge with Christianity. For what was it, then, that became absorbed into Christianity here in the sensory world? Neoplatonism. But that was something entirely different from true Platonism. Admittedly, a kind of “Platonizing” Gnosticism and the like did emerge, but there was simply no way to carry the immediate essence of Plato over into Christianity. And so it was also difficult for Plato to somehow submerge himself into the world from all the activity that he carried within himself as the Platonic essence and now had to bring back into the world through its results. He had to set that activity aside.
[ 20 ] Und so verkörperte er sich im zehnten Jahrhundert des Mittelalters als die Nonne Hroswitha, jene ja vergessene, aber grandiose Persönlichkeit des zehnten Jahrhunderts, die das Christentum in einem wirklich platonischen Sinne eigentlich aufgenommen hat, die im Grunde genommen ungeheuer viel vom Platonismus in das mitteleuropäische Wesen hineingetragen hat. Sie gehörte dem Kloster Gandersheim im Braunschweigischen an, trug ungeheuer viel hinein in das mitteleuropäische Wesen vom Platonismus. Das konnte im Grunde genommen damals nur eine Frau tun. Würde nicht mit dem Frauenkolorit Platos Wesen erschienen sein, es hätte nicht das Christentum annehmen können in dieser Zeit. Aber auch das Römertum, das ja damals in aller Bildung war, mußte aufgenommen werden, ich möchte sagen, zwangsmäßig aufgenommen werden. So sehen wir denn diese Nonne zu jener merkwürdigen Persönlichkeit sich entwickeln, die lateinische Dramen schreibt in terenzischem Stil, im Stil des römischen Dichters Terenz, die wirklich außerordentlich bedeutend sind.
[ 20 ] And so, in the tenth century of the Middle Ages, he incarnated as the nun Hroswitha, that now-forgotten but magnificent figure of the tenth century who truly embraced Christianity in a genuinely Platonic sense and who, in essence, brought an immense amount of Platonism into the Central European spirit. She belonged to the Gandersheim Abbey in the Brunswick region and contributed an immense amount of Platonism to the Central European spirit. Essentially, only a woman could have done that at the time. Had Plato’s essence not appeared through a woman’s perspective, it would not have been able to be embraced by Christianity during that era. But Roman culture, which was, after all, pervasive in all areas of education at the time, also had to be assimilated—I would say, assimilated almost by necessity. Thus we see this nun develop into that remarkable personality who wrote Latin dramas in the style of Terence, the Roman poet, which are truly extraordinarily significant.
[ 21] Ja, sehen Sie, man möchte sagen, es liegt fast furchtbar nahe, Plato zu verkennen, wenn er irgendwie herankommt. Ich habe öfter erwähnt, wie Friedrich Hebbel sich ein Drama notiert hat — es ist der Plan nur als Notiz vorhanden —, worinnen er humoristisch behandeln wollte, wie in einer Gymnasialklasse der wiederverkörperte Plato sitzt. Das ist dichterische Phantasie natürlich, aber Hebbel wollte das darstellen: wie in einer Gymnasialklasse der wiederverkörperte Plato sitzt und die platonischen Dialoge von dem Lehrer, dem Gymnasiallehrer, durchgenommen werden und die schlechtesten Zensuren in bezug auf die Interpretationen der platonischen Dialoge der wiederverkörperte Plato bekommt. Das hat sich Hebbel notiert als Dramenstoff. Er hat es dann nicht ausgearbeitet. Aber es ist sozusagen eine Ahnung, wie leicht überhaupt Plato zu verkennen ist. Er kann leicht verkannt werden. Das ist so ein Zug, möchte ich sagen, der mich besonders interessiert hat in der Verfolgung der Plato-Strömung, weil dieses Verkennen eigentlich außerordentlich instruktiv ist, um die richtigen Wege zu finden für das Weitergehen der platonischen Individualität.
[ 21] Yes, you see, one might say it’s almost all too easy to misunderstand Plato when he comes up in conversation. I’ve mentioned several times how Friedrich Hebbel jotted down an idea for a play—it exists only as a rough outline—in which he wanted to humorously depict the reincarnated Plato sitting in a high school classroom. That’s poetic imagination, of course, but Hebbel wanted to depict this: reincarnated Plato sitting in a high school classroom while the teacher—the high school teacher—goes through the Platonic dialogues, and reincarnated Plato receives the worst grades for his interpretations of the Platonic dialogues. Hebbel jotted this down as material for a play. He never actually developed it further. But it is, so to speak, a hint of just how easily Plato can be misunderstood. He can easily be misunderstood. That is a trait, I would say, that has particularly interested me in my exploration of the Platonic tradition, because this misunderstanding is actually extraordinarily instructive for finding the right paths for the continuation of Platonic individuality.
[ 22 ] Es ist ja schon höchst interessant, daß sich ein deutscher Philologe gefunden hat, der den wissenschaftlichen Nachweis geführt hat — ich weiß jetzt den Namen nicht, irgendein Schmidt oder Müller —, den unumstößlichen Beweis erbracht hat, daß die Nonne Hroswitha kein einziges Drama geschrieben hat, überhaupt nichts von ihr herrührt, sondern daß irgendein Ratgeber des Kaisers Maximilian das alles gefälscht habe — was natürlich ein Unsinn ist. Aber an Plato hängt eben die Verkennung.
[ 22 ] It is indeed highly interesting that a German philologist has come forward who has provided scholarly proof—I don’t recall the name right now, some Schmidt or Müller—who has provided irrefutable proof that the nun Hroswitha never wrote a single play, that nothing at all can be attributed to her, but that some advisor to Emperor Maximilian forged it all—which is, of course, nonsense. But the misunderstanding lies precisely with Plato.
[ 23 ] Und so sehen wir denn wirklich intensive christlich-platonische Geistessubstantialität, verbunden mit mitteleuropäisch-germanischem Geist, in dieser Individualität der Nonne Hroswitha aus dem zehnten Jahrhundert. Es lebt in dieser Frau sozusagen die ganze Bildung der damaligen Zeit. Es ist eine staunenswerte Frau in Wirklichkeit. Und gerade diese Frau macht nun mit diejenigen übersinnlichen Entwickelungen, von denen ich Ihnen gesprochen habe: den Übergang der Lehrer von Chartres in die geistige Welt, das Herunterkommen derjenigen, die dann Aristoteliker sind, die MichaelSchulung. Aber eben doch in einer ganz merkwürdigen Art macht sie das mit. Man möchte sagen, hier streiten miteinander der männliche Geist Platos und der weibliche Geist der Nonne Hroswitha, die beide ihre Ergebnisse für die geistige Individualität hatten. Wäre die eine Inkarnation unbedeutend gewesen, was ja meistens der Fall ist, so würde ein solches innerliches Streiten dann nicht stattgefunden haben. Aber hier bei dieser Individualität hat dieses innerliche Streiten eigentlich die ganze Zeit über gedauert.
[ 23 ] And so we truly see an intense Christian-Platonic spiritual substance, combined with a Central European-Germanic spirit, in the individuality of the tenth-century nun Hroswitha. The entire cultural heritage of that era lives on in this woman, so to speak. She is, in fact, an astonishing woman. And it is precisely this woman who is now participating in those supersensible developments I have spoken to you about: the transition of the teachers of Chartres into the spiritual world, the descent of those who would later become Aristotelians, and the Michael Schooling. Yet she participates in all this in a most remarkable way. One might say that here the masculine spirit of Plato and the feminine spirit of the nun Hroswitha are in conflict with one another, both of whom had their own contributions to spiritual individuality. Had one of these incarnations been insignificant—which is usually the case—such an inner conflict would not have taken place. But in the case of this particular individual, this inner conflict actually persisted throughout the entire period.
[ 24 ] So daß wir sehen, daß die Individualität, als sie wiederum auf die Erde zu kommen reif ist im neunzehnten Jahrhundert, daß diese Individualität sich zu einer solchen ausbildet, wie ich sie hypothetisch schon gerade vorher beschrieben habe: Die ganze Spiritualität Platos wird zurückgehalten, staut sich vor der Intellektualität des neunzehnten Jahrhunderts, will nicht heran. Und damit das leichter wird, sitzt ja die Frauenkapazität der Nonne Hroswitha in derselben Seele. So daß diese Seele in der Weise auftritt, daß ihr alles dasjenige, was sie aus ihrer Fraueninkarnation, aus ihrer bedeutenden, leuchtenden Fraueninkarnation hat, es leicht macht, den Intellektualismus doch da, wo es ihr gefällt, abzustoßen.
[ 24 ] So we see that when individuality is once again ripe to return to Earth in the nineteenth century, it develops into the kind I have just described hypothetically: Plato’s entire spirituality is held back, pent up before the intellectuality of the nineteenth century, unwilling to approach it. And to make this easier, the feminine capacity of the nun Hroswitha resides within the same soul. Thus, this soul manifests in such a way that everything she possesses from her female incarnation—from her significant, radiant female incarnation—makes it easy for her to reject intellectualism wherever she pleases.
[ 25 ] Und so entsteht neu in dem neunzehnten Jahrhundert auf Erden diese Individualität, die hineinwächst in die Intellektualität des neunzehnten Jahrhunderts, aber diese Intellektualität eigentlich nur immer von außen etwas an sich herankommen läßt, innerlich aber ein gewisses Zurückzucken davor hat; dafür aber in einer nicht intellektualistischen Weise den Platonismus vorschiebt im Bewußtsein und überall, wo sie nur kann, davon redet, daß Ideen in allem leben. Dieses Leben in Ideen wurde dieser Persönlichkeit etwas ganz Selbstverständliches. Aber der Körper war so, daß man immer das Gefühl hatte: Der Kopf kann eigentlich nicht das alles ausprägen, was da an Platonismus herauswill. Auf der anderen Seite konnte diese Persönlichkeit in einer schönen, in einer herrlichen Weise dasjenige aufleben lassen, was sich hinter der platonischen Liebe verbirgt.
[ 25 ] And so, in the nineteenth century, this individuality emerges anew on earth; it grows into the intellectuality of the nineteenth century, yet in reality it only ever allows that intellectuality to approach it from the outside, while inwardly it recoils from it to a certain extent; instead, in a non-intellectualistic way, it puts forward Platonism in consciousness and, wherever it can, speaks of the fact that ideas live in everything. This life in ideas became something entirely self-evident to this personality. But the body was such that one always had the feeling: The mind cannot actually give full expression to all that Platonism seeks to bring forth. On the other hand, this personality was able, in a beautiful, magnificent way, to bring to life what lies hidden behind Platonic love.
[ 26 ] Aber noch weiter. In der Jugend hatte diese Persönlichkeit etwas wie Träume davon, daß doch nicht richtig römisch sein dürfe Mitteleuropa, wo sie ja gelebt hat als Nonne Hroswitha, sie stellte sich dieses Mitteleuropa als ein neues Griechenland vor — da schlägt der Platonismus durch — und stellte dasjenige, was als rauhere Gegend Griechenland gegenüberstand, Mazedonien, als den europäischen Osten vor. Merkwürdige Träume waren es, die in dieser Persönlichkeit lebten, denen man eigentlich ansah, daß sie die moderne Welt, in der sie selbst drinnen lebte, vorstellen wollte wie Griechenland und Mazedonien. Immer wieder tauchte gerade in der Jugend dieser Persönlichkeit der Drang auf, die moderne Welt, Europa im Großen, als das vergrößerte Griechenland und Mazedonien vorzustellen. Es ist sehr interessant.
[ 26 ] But let’s go even further. In her youth, this figure had something like dreams that Central Europe—where she had lived as the nun Hroswitha—could not truly be Roman; she imagined this Central Europe as a new Greece—here Platonism comes through—and portrayed Macedonia, the rougher region that stood in contrast to Greece, as the European East. These were strange dreams that lived within this figure; one could actually see from them that she wanted to imagine the modern world—in which she herself lived—as Greece and Macedonia. Time and again, especially in her youth, this figure felt the urge to envision the modern world—Europe as a whole—as an enlarged Greece and Macedonia. It is very interesting.
[ 27 ] Nun, diese Persönlichkeit, von der ich da spreche, ist Karl Julius Schröer. Und Sie brauchen ja nur mit dem, was ich Ihnen nun zusammengetragen habe, Karl Julius Schröers Schriften durchzugehen: von allem Anfange an redet er eigentlich ganz platonisch. Aber er hütet sich — es war etwas ganz Merkwürdiges —, er hütet sich, ich möchte sagen mit frauenhafter Zimperlichkeit, vor dem Intellektualismus da, wo er ihn nicht brauchen kann.
[ 27 ] Well, the person I’m talking about here is Karl Julius Schröer. And all you need to do is go through Karl Julius Schröer’s writings with what I’ve now compiled for you: from the very beginning, he actually speaks in a quite Platonic manner. But he is wary—it was something quite remarkable—he is wary, I would say with a womanly fastidiousness, of intellectualism in those areas where he cannot make use of it.
[ 28 ] Er sagte immer gern, wenn er über Novalis sprach: Ja, Novalis, das ist eben ein Geist, den man nicht begreifen kann mit dem modernen Intellektualismus, welcher ja nichts kennt, als daß zwei mal zwei vier ist.
[ 28 ] Whenever he spoke of Novalis, he always liked to say: “Yes, Novalis—he is precisely the kind of mind that cannot be grasped by modern intellectualism, which knows nothing beyond the fact that two times two equals four.”
[ 29 ] Und Karl Julius Schröer hat eine Geschichte der deutschen Dichtung im neunzehnten Jahrhundert geschrieben. Schauen Sie sich das an: Überall wo man mit dem Platonismus gefühlsmäßig herankommen kann, ist sie sehr gut; da wo man Intellektualismus braucht, da wird’s plötzlich so, daß die Zeilen versiegen. Er ist gar nicht professorenhaft. So schreibt er auch über Sokrates, der bei der neueren Inkarnation äußerlich in der Welt gar nicht berücksichtigt wurde, über den die übrigen Literaturgeschichten schweigen, viele Seiten; 1Der vorangehende Satz konnte nach einer nochmaligen gründlichen Prüfung der Originalstenogramme korrigiert werden. Näheres darüber siehe in «Beiträge zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe» Nr. 99/100, Ostern 1988, Seite 68-69. über diejenigen, die berühmt sind, da schreibt er manchmal ein paar Zeilen. Als diese Literaturgeschichte erschienen ist, oh, da haben alle literarischen Knöpfe die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen! Ein ganz berühmter Knopf war dazumal Emil Kuh. Der sagte: Diese Literaturgeschichte ist überhaupt nicht von einem Kopf geschrieben, sondern bloß aus einem Handgelenk herausgeflossen. — Karl Julius Schröer hat auch eine Faust-Ausgabe gemacht. Ein Grazer Professor, der übrigens sonst ein netter Mann war, hat eine so abscheuliche Rezension darüber geschrieben, daß, ich glaube, zehn Duelle unter den Grazer Studenten pro und kontra Schröer ausgefochten worden sind. Es war schon ein arges Verkennen da. Das ging so weit, daß mir einmal diese geringe Schätzung Schröers eigentümlich in einer Gesellschaft in Weimar entgegentrat, wo Erich Schmidt eine hochangesehene Persönlichkeit war und über alles dominierte, wenn er unter anderen war. Da war die Rede davon, welche Prinzessinnen und Prinzen am Hofe zu Weimar gescheit sind und welche töricht sind. Das wurde da auseinandergesetzt. Und Erich Schmidt sagt: Ja, die Prinzessin Reuß — das war ja eine der Töchter der Großherzogin von Weimar — ist keine kluge Frau, denn sie hält den Schröer für einen großen Mann. Das war sein Grund.
[ 29 ] And Karl Julius Schröer has written a history of German literature in the nineteenth century. Take a look at it: wherever one can approach the subject with an emotional connection to Platonism, it is very good; but where intellectualism is required, the flow of the text suddenly dries up. He doesn’t come across as a professor at all. He also writes at length—many pages—about Socrates, who, in his more recent incarnation, was completely overlooked in the wider world and about whom the other literary histories are silent; 1The preceding sentence was corrected following a thorough re-examination of the original stenographic transcripts. For more details, see “Beiträge zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe” No. 99/100, Easter 1988, pages 68–69. As for those who are famous, he sometimes writes just a few lines about them. When this literary history was published, oh, all the literary bigwigs threw their hands up in horror! One very famous bigwig at the time was Emil Kuh. He said: “This literary history wasn’t written by a mind at all, but merely flowed from a wrist.” — Karl Julius Schröer also edited an edition of Faust. A professor from Graz—who, incidentally, was otherwise a nice man—wrote such a vile review of it that, I believe, ten duels were fought among the students in Graz, for and against Schröer. It was indeed a grave misjudgment. It went so far that I once encountered this low opinion of Schröer in a peculiar way at a gathering in Weimar, where Erich Schmidt was a highly respected figure and dominated everything whenever he was among others. The conversation turned to which princesses and princes at the court of Weimar were intelligent and which were foolish. This was being discussed at length. And Erich Schmidt said: “Yes, Princess Reuss—who was, after all, one of the daughters of the Grand Duchess of Weimar—is not a clever woman, for she considers Schröer a great man.” That was his reasoning.
[ 30 ] Nun, sehen Sie, verfolgen Sie das alles, bis zu dem wunderschönen Büchelchen «Goethe und die Liebe»: da finden Sie drinnen wirklich, was einer ohne Intellektualismus über die platonische Liebe im unmittelbaren Leben sagen kann. Daß da etwas Außerordentliches in Stil und Haltung gegeben ist in diesem Büchelchen «Goethe und die Liebe», das trat mir einmal so schön entgegen, als ich über dieses Büchelchen mit der Schwester Schröers sprach. Die nannte den Stil «völlig süß vor Reife». Das ist er auch. Es ist ein schöner Ausdruck: völlig süß vor Reife. Es ist alles so — man kann da in diesem Falle nicht sagen konzentriert, sondern alles so vornehm fein ausgestaltet. Vornehmheit überhaupt ist ihm besonders eigen.
[ 30 ] Well, you see, follow all of this through to that wonderful little book, Goethe and Love: there you will truly find what one can say about Platonic love in everyday life without resorting to intellectualism. The fact that there is something extraordinary in the style and tone of this little book Goethe and Love struck me so beautifully once when I was talking about it with Sister Schröers. She called the style “utterly sweet with ripeness.” And so it is. It’s a beautiful expression: utterly sweet with ripeness. Everything is so—in this case, one cannot say “concentrated,” but rather everything is so elegantly and delicately crafted. Elegance, in general, is particularly characteristic of him.
[ 31 ] Nun aber, diese platonische Spiritualität mit dem Zurückstoßen des Intellektualismus, platonische Spiritualität, die in diesen Körper hineinwill, das machte auch einen ganz besonderen, einen merkwürdigen Eindruck. Man sah Schröer so, daß man ganz deutlich wahrnahm: ganz ist diese Seele nicht in dem Körper drinnen. Und als er dann älter wurde, da konnte man sehen, wie diese Seele, weil sie doch eigentlich nicht recht in den Körper der damaligen Gegenwart hineinwollte, sich Stück für Stück aus diesem Körper zurückzog. Zunächst wurden die Finger geschwollen und dick, dann zog sich das Seelische immer weiter zurück, und Schröer endete ja in Altersschwachsinn.
[ 31 ] But now, this Platonic spirituality—with its rejection of intellectualism, this Platonic spirituality that seeks to enter this body—also made a very special, a strange impression. When one looked at Schröer, one could perceive quite clearly: this soul is not entirely within the body. And as he grew older, one could see how this soul—because it did not really want to be fully within the body of that present moment—withdrew from that body bit by bit. First, his fingers became swollen and thick; then the soul withdrew further and further, and Schröer ultimately ended up with senile dementia.
[ 32 ] Nicht die ganze Individualität, aber gerade einige Züge von Schröer sind dann auf meinen Capesius in den Mysterien übergegangen, den Professor Capesius. Man kann schon sagen: Wir haben da ein glänzendes Beispiel für die Tatsache, daß in die Gegenwart herein nur unter gewissen Bedingungen die spirituellen Strömungen des Altertums getragen werden können. Und man möchte schon sagen: In Schröer zeigte sich das Zurückschrecken vor der Intellektualität. Hätte er die Intellektualität erreicht und sie vereinigen können mit der Spiritualität des Plato: Anthroposophie wäre gekommen.
[ 32 ] Not Schröer’s entire individuality, but specifically certain traits of his were then transferred to my Capesius in The Mysteries, Professor Capesius. One might well say: Here we have a brilliant example of the fact that the spiritual currents of antiquity can be carried into the present only under certain conditions. And one might well say: In Schröer, a reluctance toward intellectuality was evident. Had he attained intellectuality and been able to unite it with the spirituality of Plato, anthroposophy would have come into being.
[ 33 ] So aber sehen wir in seinem Karma, wie sich seine, ich möchte sagen, väterliche Liebe zu dem Folger Goethe — sie ist ja auf die Weise gekommen, wie ich es Ihnen gesagt habe, und Plato hatte dazumal für ihn eine väterliche Liebe —, wie sich diese umgestaltet und wie Schröer ein glühender Goethe-Verehrer wird. Das kommt in dieser Form wiederum herauf. Die Goethe-Verehrung Schröers hatte etwas außerordentlich Persönliches.
[ 33 ] But here we see in his karma how his—I would say—fatherly love for his successor Goethe—which came about in the way I have told you, and Plato had a fatherly love for him at that time—how this love is transformed and how Schröer becomes an ardent admirer of Goethe. This emerges once again in this form. Schröer’s admiration for Goethe had something extraordinarily personal about it.
[ 34 ] Er wollte in seinem Alter eine Goethe-Biographie schreiben. Er erzählte mir davon, bevor ich Ende der achtziger Jahre von Wien wegging. Dann schrieb er mir davon. Er schrieb aber niemals anders von dieser Goethe-Biographie, die er schreiben wollte, als so, daß er sagte: Goethe besucht mich immer in meiner Stube. — Es hatte etwas so Persönliches, was ja in dieser Weise karmisch vorausbestimmt war, wie ich es angedeuter habe.
[ 34 ] He wanted to write a biography of Goethe in his old age. He told me about it before I left Vienna in the late 1980s. Then he wrote to me about it. But he never spoke of this Goethe biography he wanted to write in any other way than by saying: “Goethe always visits me in my living room.” — There was something so personal about it, which was, as I have hinted, karmically predestined in this way.
[ 35 ] Die Goethe-Biographie ist ja nicht zustande gekommen, weil Schröer eben dann in Altersschwachsinn verfiel. Aber man kann schon für den ganzen Duktus seiner Schriften eine lichtvolle Interpretation finden, wenn man diese Antezedenzien, die ich eben auseinandergesetzt habe, kennt.
[ 35 ] The Goethe biography never came to fruition because Schröer succumbed to senile dementia at that very time. But one can certainly find an illuminating interpretation of the overall style of his writings if one is familiar with these antecedents, which I have just discussed.
[ 36 ] So sehen wir, wie in dem eigentlich ganz vergessenen Schröer der Goetheanismus vor dem Tore des in Spiritualismus verwandelten Intellektualismus stehengeblieben ist. Was konnte man denn eigentlich anderes tun, wenn man, ich möchte sagen, von Schröer angeregt ist, als weiter fortzuführen den Goetheanismus in die Anthroposophie hinein! Es blieb einem ja sozusagen nichts anderes übrig. Und oftmals stand dieses für mich ergreifende Bild vor meinem seelischen Auge, wie Schröer die alte Spiritualität an Goethe heranträgt, darinnen bis zum Intellektualismus vordringen kann, und wie Goethe wieder erfaßt werden muß mit dem ins Spirituelle erhobenen modernen Intellektualismus, um ihn nun eigentlich vollständig zu verstehen. Dieses Bild ist mir selber gar nicht besonders leicht geworden; denn immer mischte sich wiederum — weil das, was Schröer war, nicht unmittelbar aufgenommen werden konnte — in mein Seelenstreben etwas von Opposition gegen Schröer.
[ 36 ] Thus we see how, in Schröer—who has in fact been all but forgotten—Goetheanism came to a standstill at the threshold of intellectualism, which had been transformed into spiritualism. What else could one actually do, if one were, I might say, inspired by Schröer, other than to carry Goetheanism further into anthroposophy! One had, so to speak, no other choice. And often this moving image appeared before my inner eye: how Schröer brings the old spirituality to Goethe, how he is able to penetrate it all the way to intellectualism, and how Goethe must be grasped anew through modern intellectualism elevated to the spiritual realm in order to truly understand him completely. This image did not come easily to me at all; for—because Schröer’s nature could not be immediately grasped—a certain opposition to Schröer always crept into my spiritual striving.
[ 37 ] Ich habe zum Beispiel, als Schröer in Wien an der Hochschule Übungen gehalten hat im mündlichen Vortrage und in der schriftlichen Darstellung, einmal eine ziemlich verdrehte Mephisto-Interpretation gegeben, bloß um Schröer zu widerlegen, den Lehrer, mit dem ich dazumal noch nicht so intim befreundet war. Und so regte sich schon einige Opposition. Aber, wie gesagt, was konnte man anderes tun, als die Stauung, die da eingetreten war, beheben und den Goetheanismus wirklich in die Anthroposophie hinüberführen!
[ 37 ] For example, when Schröer was giving seminars at the university in Vienna—both in oral presentations and written assignments—I once offered a rather twisted interpretation of Mephisto, simply to refute Schröer, the teacher with whom I was not yet on such intimate terms at the time. And so some opposition began to stir. But, as I said, what else could one do but clear away the blockage that had arisen there and truly carry Goetheanism over into anthroposophy!
[ 38 ] So sehen Sie, wie nun der Gang der Weltgeschichte in Wirklichkeit verläuft. Er verläuft schon so, daß man sieht: Dasjenige, was man in der Gegenwart hat, das kommt zwar herauf mit Hemmnissen, Hindernissen, aber auf der anderen Seite auch wohl präpariert. Und eigentlich, wenn Sie dieses wunderbare, hymnenartige Darstellen der Frauenwesenheit bei Karl Julius Schröer lesen, wenn Sie seinen schönen Aufsatz, den er als Anhang zu seiner Literaturgeschichte, «Die deutsche Dichtung des neunzehnten Jahrhunderts», geschrieben hat: «Goethe und die Frauen», — wenn Sie dieses alles nehmen, ja, dann werden Sie sich sagen: Darinnen lebt wirklich etwas von Empfindung für Frauenwert und Frauenwesen, das ein Nachklang dessen ist, was die Nonne Hroswitha als ihr eigenes Wesen gelebt hat. Diese zwei vorangehenden Inkarnationen, diese gerade schwingen bei Schröer so wunderbar zusammen, daß einem dann das Abreißen gewiß tragisch ergreifend erscheint. Aber auf der anderen Seite auch stellt sich gerade in Schröer eine geistige Tatsachenwelt in das Ende des 19. Jahrhunderts hinein, die im ungeheuersten Sinne aufklärend wirkt für dasjenige, was die Frage beantworten kann: Wie bringen wir Spiritualität in das Leben der Gegenwart herein?
[ 38 ] So you can see how the course of world history actually unfolds. It unfolds in such a way that one can see: what we have in the present does indeed arise amid obstacles and hindrances, but on the other hand, it is also well prepared. And actually, when you read this wonderful, hymn-like portrayal of womanhood by Karl Julius Schröer—when you read his beautiful essay, “Goethe and Women,” which he wrote as an appendix to his literary history, German Poetry of the Nineteenth Century—when you take all of this in, yes, then you will say to yourself: There truly lives within it a sense of the value of women and the essence of womanhood, which is an echo of what the nun Hroswitha lived as her own essence. These two preceding incarnations resonate so wonderfully together in Schröer that their abrupt end certainly seems tragically poignant. But on the other hand, it is precisely in Schröer that a spiritual world of facts emerges at the end of the 19th century, one that has an immensely enlightening effect on the very question: How do we bring spirituality into contemporary life?
[ 39 ] Das ist dasjenige, wodurch ich diesen Zyklus von Vorträgen abrunden wollte.
[ 39 ] That is what I wanted to use to wrap up this series of lectures.
