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Esoteric Considerations of Karmic Connections
Volume V
GA 239

12 June 1924, Wrocław

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Dreizehnter Vortrag

Lecture VI

[ 1 ] Wollen wir heute einmal auf Erscheinungen des Seelenlebens hinweisen, die uns in die Nähe einer solchen Selbstbeobachtung bringen können, daß sich darin das persönliche Karina, das persönliche Schicksal gewissermaßen wie eine Art Wetterleuchten des Lebens zeigt. Wir haben ja zunächst, wenn wir in einer mehr oder weniger oberflächlichen Selbsterkenntnis an unser Seelenleben herantreten, doch den Eindruck: es sind in diesem Seelenleben klar und deutlich, so daß wir dabei vollständig wach sind, nur die sinnlichen Eindrücke und noch die Gedanken, die wir uns über diese sinnlichen Eindrücke machen. In den sinnlichen Eindrücken und in den Gedanken, die wir uns darüber machen, erschöpft sich eigentlich dasjenige, worin wir mit dem gewöhnlichen Bewußtsein vollständig wach sind. Wir haben ja allerdings außer diesem Gedankenleben und Sinneseindrucks-, Sinneswahrnehmungsleben nun auch zunächst unser Gefühlsleben. Allein bedenken Sie, wie unbestimmt flutend dieses Gefühlsleben ist, wie wenig klar und ganz wachend wir uns eigentlich im Gefühlsleben haben. Und derjenige, der unbefangen die Dinge des Lebens miteinander vergleichen kann, der wird sich ja sagen müssen: wenn er an seine Gefühle herantritt, so ist gegenüber den Gedanken hier alles unbestimmt. Es liegt einem das Gefühlsleben allerdings näher, persönlich näher als das Gedankenleben, aber es ist sowohl in der Art, wie es abläuft, wie auch, ich möchte sagen, in den Ansprüchen, die man darauf macht, unbestimmt. Bei unseren Gedanken werden wir uns doch nicht so leicht gestatten, in beliebiger Weise von den Gedanken anderer Menschen abzuweichen, wenn es sich darum handeln soll, über irgend etwas sich Gedanken zu machen, die wahr sein sollen. Da werden wir die unbestimmte Empfindung in uns tragen: unsere Gedanken, unsere Sinneseindrücke müssen mit denjenigen anderer Menschen übereinstimmen. Bei unseren Gefühlen kommt es uns nicht so vor. Wir geben uns sogar durchaus das Recht, in einer gewissen intimeren, persönlichen Art zu fühlen. Und vergleichen wir unsere Gefühle mit unseren Träumen, dann können wir sagen: Die Träume kommen allerdings herauf aus dem nächtlichen Leben, während die Gefühle aus den Tiefen der Seele im Tagesleben kommen, aber wiederum so unbestimmt wie die Träume in ihren Bildern sind doch eigentlich auch unsere Gefühle. Und wer da wirklich gut ins Bewußtsein hereinkommende Träume damit vergleicht, der wird schon empfinden, wie diese Träume eigentlich gerade ebenso als etwas Unbestimmtes in uns auftauchen wie die Gefühle. So daß wir sagen können: Nur in unseren Sinneseindrücken, in unseren Gedanken wachen wir eigentlich, während wir in unseren Gefühlen auch dann, wenn wir wachen, Träumer sind. Gefühle machen uns auch im gewöhnlichen wachen Tagesleben zu Träumern.

[ 1 ] We will turn our attention to-day to manifestations of the life of soul able to lead us to a kind of self-observation in which a vista of our personal karma, our personal destiny, flashes into life like lightning. When we reflect upon the nature of the life of soul even with more or less superficial self-knowledge, we realise that sense-impressions and the thoughts we form about them are the only clear and definite experiences in the life of soul in which, with ordinary consciousness, we are completely awake. As well as these thoughts, sense-impressions, sense-perceptions, we also have, of course, the life of feeling. But just think how indeterminately our feelings surge through us, how little we can speak of inner, wide-awake clarity in connection with our life of feeling. Anyone who faces these facts with an open mind will certainly admit that as compared with thoughts, his feelings are indeterminate, lacking in definition. True, the life of feeling concerns us in a more intimate, personal way than does the life of thought, but for all that there is something undefined in it and also in the way it functions. We shall not so readily allow our thoughts to deviate from those of other people when it is a question of reflecting about something that is alleged to be true. We shall feel that our thoughts, our sense-impressions must somehow tally with those of others. With our feelings it is different. We allow ourselves the right to feel in a more intimate, more personal way. And if we compare feelings with dreams, we shall say: dreams arise from the night-life, feelings from the depths of soul into the light of day-consciousness. But again, in respect of their pictures, feelings are as indeterminate as dreams. Anyone who makes the comparison, even with such dreams as enter quite distinctly into his consciousness, will realise that their lack of definition is just as great as that of feelings. Therefore we can say: it is only in our sense-impressions and thoughts that we are really awake; in our feelings we dream—even during waking life. In ordinary waking life, too, our feelings make us into dreamers.

[ 2 ] Und unser Wille erst! Ja, was haben wir denn von irgend etwas, von dem wir sagen: Jetzt will ich das! — im Bewußtsein? Wenn ich irgend etwas angreifen will, dann habe ich ja zuerst die Vorstellung: ich will das angreifen; dann geht diese Vorstellung ganz ins Unbestimmte hinunter, und ich weiß im gewöhnlichen Bewußtsein nichts darüber, wie in meine Nerven, in meine Muskeln, in meine Knochen selbst das hineingeht, was in dem «ich will» liegt. Wenn ich mir vorstelle: Ich will die Uhr ergreifen! — was weiß ich im gewöhnlichen Bewußtsein, wie das herankommt an meinen Arm und mein Arm dann dies erfaßt? Ich sehe erst wieder durch einen Sinneseindruck, durch eine Vorstellung, was da geschieht. Was zwischen diesen beiden Eindrücken liegt, das verschlafe ich bei gewöhnlichem Bewußtsein geradeso, wie ich in der Nacht dasjenige verschlafe, was ich in der geistigen Welt erlebe. Es kommt mir nicht zum Bewußtsein, nicht das eine und nicht das andere. So daß wir sagen können: Im wachen Leben haben wir eigentlich drei voneinander ganz verschiedene Bewußtseinszustände. Im Denken sind wir wach, richtig wach, im Fühlen träumen wir und im Wollen schlafen wir. Das eigentliche Wesen des Wollens verschlafen wir immer, denn das ruht ganz tief im Unterbewußtsein unten.

[ 2 ] And still more so the will! When we say: ‘Now I am going to do this, or that’—how much of the subsequent process is actually in our consciousness? Suppose I want to take hold of something. The mental picture comes first, then this picture completely fades away and in my ordinary consciousness I know nothing of how the impulse contained in the ‘I want’ finds its way into my nerves, into my muscles, into my bones. When I conceive the idea, ‘I want to get hold of the clock,’ does my ordinary consciousness know anything at all of how this impulse penetrates into my arm which then reaches out for the clock? It is only through another sense-impression, another mental picture, that I perceive what has actually happened. With my ordinary consciousness I sleep through what has happened intermediately, just as in the night I sleep through what I experience in the spiritual world. I am as unconscious of the one as of the other. In waking life, therefore, there are three different and distinct states of consciousness. In the activity of thinking we are awake, completely awake; in the activity of feeling we dream; in the activity of willing we are asleep. We are in a state of perpetual sleep as far as the essential core of the will is concerned, for it lies deep, deep down in the region of the subconscious.

[ 3 ] Nun gibt es allerdings etwas, was auch beim Wachen aus den Tiefen unserer Seele immer und immer wieder heraufkommt: das ist die Erinnerung. Wir haben Gedanken an das Gegenwärtige. Dieses Gegenwärtige macht einen bestimmten Eindruck auf uns. Aber in dieses Gegenwärtige tönt fortwährend hinein das in diesem Erdenleben Vergangene in der Form von Gedanken und Erinnerungen, von erinnerten Gedanken. Diese erinnerten Gedanken, Sie wissen ja, sie sind viel blasser, viel unbestimmter als die Eindrücke der Gegenwart. Aber sie kommen eben herauf, sie mischen sich hinein in dasjenige, was unser gewöhnliches Tagesleben ist. Und wenn wir die Erinnerung so walten lassen an alles dasjenige, was wir durchgemacht haben im Leben, dann sehen wir ja an diesem Walten der Erinnerung: es kommt unser Seelenleben, wie es in uns enthalten ist, wiederum herauf. Wir fühlen, wir sind in diesem Erdenleben in Wahrheit eigentlich dasjenige, an das wir uns erinnern können. Sie müssen sich nur vorstellen, was aus einem Menschen wird, wenn er sich an irgendeine Zeitepoche seines Lebens nicht erinnern kann, wenn die Erinnerung für eine Zeitepoche ausfällt. Man kann solche Menschen kennenlernen. Ich will ein einziges Beispiel anführen. Ein Mensch in einer verhältnismäßig recht angesehenen Stellung hatte zunächst, solange er sein normales Leben führte, die Erinnerung an alles dasjenige, was da war, die Erinnerung an das, was er getrieben hat, während er als Kind erzogen worden ist, die Erinnerung an alles das, was er erlebt hat in seiner Studienzeit, was er dann alles erlebt hat in seinem Berufe. Aber siche da, eines Tages erlöscht in ihm die Erinnerung. Er weiß nicht mehr, wer er war. Das Eigentümliche — ich erzähle Ihnen eine Wirklichkeit —, das Eigentümliche ist: es erlöscht in ihm nicht der Verstand, nicht das Vorstellen des Gegenwärtigen, aber die Erinnerung erlöscht. Er weiß nichts mehr von dem, was er als Knabe, als Jüngling, als Mann war, er kann sich nur dasjenige vorstellen, was gegenwärtig einen Eindruck auf ihn macht. Und weil er nicht weiß, was er als Knabe, als Jüngling, als Mann war, so kann er auch das gegenwärtige Leben nicht an sein vergangenes anknüpfen; das geht für ihn nicht in diesem Augenblicke, wo die Erinnerung verblaßt.

[ 3 ] Now there is something that in waking life too, is always rising up from the depths of the soul, namely, remembrance, memory. When we contact immediate reality, we have thoughts. This immediate reality makes a definite impression upon us. But the past of this earthly life plays all the time into present reality in the form of thoughts and memories, of recollected thoughts. As you know, these recollected thoughts are much dimmer, much less distinct than the impressions of present reality. Nevertheless they do well up and make their way into ordinary waking life. And when we give memory free play, letting it recall all that we have passed through in life, we realise: here is our own life of soul, rising up once again. We feel that in this earthly life we are that which we can remember. Think only what becomes of a man who cannot remember some period of his life, whose memory of that period is completely obliterated. We may come across such cases and I will give just one example.—There was a man in a respectable position who while his life was pursuing its normal course, remembered his past, what he had done in childhood and during his education, what he had experienced as a student, and then in his profession. But one day his memory was suddenly blotted out. He no longer knew who he was.—I am telling you of an actual case.—Strangely enough it was not the reasoning faculty, not the mental grasp of immediate reality that failed; the memory was completely blotted out. The man no longer knew who he was as a boy, as a youth, as a grown-up; his mind could grasp only what was making an impression upon him at the moment. And because he no longer knew who he was in boyhood, youth or maturity, he could not link his present with his past life; this was impossible from the moment his memory faded.

[ 4 ] Gerade wenn man solch einen Fall ins Auge faßt, so ersieht man so leicht, warum man in irgendeinem Zeitpunkte etwas tut. Nicht etwa deshalb, weil einen die Gegenwart dazu drängt, sondern weil man dies und jenes in der zunächst irdischen Vergangenheit erlebt hat. Was glauben Sie, was Sie alles tun oder nicht tun würden, wenn Sie es nicht aus der Erinnerung heraus täten! Viel mehr als man glaubt ist der Mensch von dieser Erinnerung abhängig. Aber dieser Mann hatte eben eines Tages das Unglück, daß die Erinnerung erlosch, und jetzt richtete er sich nur nach dem, was ihm seine Impulse für die Gegenwart eingaben, nicht nach dem, was ihm die Erinnerung eingab. Er zog sich an, verließ seine Familie, denn mit seiner Familie war er auch nur durch die Erinnerung zusammen, die erlosch. Es kamen in ihm Impulse, die gar nichts zu tun hatten mit den Erinnerungen an seine Familie. Er hatte seinen gegenwärtigen Verstand; deshalb suchte er sich einen Augenblick heraus — weil es unverständig gewesen wäre, das alles zu machen, wenn die anderen da gewesen wären —, einen Augenblick, wo die gerade nicht da waren. Ganz schlau und verständig war er unter ihnen, nur hatte er keine Erinnerung. Er zog sich an, ging zur Eisenbahn, nahm sich ein Billett nach einer sehr fernen Eisenbahnstation. Das, was man ausdenken kann, das war ihm durchaus klar. Er stieg ein und fuhr fort. Aber immer erlosch die Erinnerung an dasjenige, was er erlebt hatte, erlosch ihm selbst die Erinnerung an das Eisenbahnbillett-Nehmen. Immer nur war die Gegenwart da, die Erinnerung war krankhafterweise ausgelöscht. Aber wiederum, er war so der Gegenwart hingegeben, daß er auch an der Endstation wußte: Jetzt ist er da; er konnte das vergleichen mit dem Kursbuch. Dasjenige, was schon in die Gewohnheit übergegangen war, was nicht mehr Erinnerung war, das Lesenkönnen, das war wieder geblieben; nur die Erinnerung war ausgelöscht. Er stieg aus. Für den nächsten Zug nahm er sich ein weiteres Billett nach einer weiteren Station. Und so fuhr er, ohne daß er es eigentlich selber gewesen ist, in der Welt herum. Und eines Tages kam ihm wiederum die ausgelöschte Erinnerung zurück; nur von dem, was er vom Lösen des ersten Bahnbilletts an gemacht hatte, davon wußte er nichts. Eines Tages kam die Erinnerung zurück. Da war er angelangt in einem Berliner Asyl für Obdachlose. Da fand er sich wieder. Da war nur ausgelöscht alles dasjenige, was in der Eisenbahn und an den Orten geschehen war, wo er gewesen war; das gehörte nicht der Gegenwart an. Nun denken Sie sich, wie ein Mensch da in Verwirrung kommt, wie ein Mensch da unsicher wird an sich selber! Schließen Sie daraus, wie eng verbunden dasjenige, was wir unser Ich nennen, mit dem Schatze unserer Erinnerung ist. Wir erkennen uns einfach selber nicht wieder, wenn wir den Schatz unserer Erinnerungen nicht haben.

[ 4 ] A case like this makes it easy for us to realise just why we do one thing or another at a particular time; it is not because of the pressure of immediate circumstances but because of certain experiences we have had in the past—primarily in the past of our earthly life. Just think of all that you might do or leave undone if memory played no part in your actions! Man is dependent upon memory to a far greater extent than he imagines. The misfortune that befell the man of whom I told you, was that after the sudden obliteration of his memory he was guided only by the impulses of the present moment, not by any promptings of memory. He put on his outdoor clothes and left his home and family. He was tied to them only through memory—and now this memory was blotted out. Impulses worked in him that had nothing whatever to do with memories of his family. His reason and intelligence remained; and so—because it would have been senseless to do these things while other people were there—he waited until they happened to be absent. He had lived with his family as a sensible, rational individual, but his memory had gone. He went to the railway station and took a ticket for a place a long way off. His mind was absolutely clear in a matter where reason came into play. He got into the train and went off; but the memory of what had happened, even the memory of having taken the ticket was blotted out. He was aware only of the immediate present. The extinction of memory was a pathological condition. But he was so intensely engrossed with the present that he knew when he had arrived at his destination; he could compare this with the timetable. The ability to read—something that had already become habit and was therefore no longer a matter of memory—that too had remained. He alighted and took another ticket to a distant destination. And so he went on, travelling about the world without knowing who he was. One day his memory returned, but he knew nothing of what he had been doing since buying the first railway ticket. When his memory returned and he was himself again, he found himself in a Casual Ward in Berlin. It was only the things that had happened in the trains and the places where he had been that were blotted out, for they did not belong to the present. Just think what a state of confusion! How utterly uncertain of himself such a man must be! You will realise from this how closely our ‘I,’ our Ego, is bound up with our store of memories. We know nothing of the self within us if we are bereft of the store of memories.

[ 5 ] Nun, wie sind die Erinnerungen in uns? Sie sind seelisch. Seelisch sind diese Erinnerungen in uns; aber sie sind allerdings im gesamten Menschen nicht bloß seelisch, sondern sie sind auch noch auf eine andere Art da. Sie sind eigentlich bloß seelisch nur bei dem Menschen, der so das einundzwanzigste, zweiundzwanzigste Jahr erreicht hat und dann weiterlebt. Vorher wirken die Erinnerungen nicht bloß seelisch. Wir müssen uns durchaus stark bewußt sein dessen, was ich in diesen Tagen gesagt habe: daß wir eigentlich in den ersten sieben Jahren unseres Erdendaseins unsere substantielle physische Körperlichkeit von den Eltern ererbt haben. Es werden im Zahnwechsel dann ja nicht nur die ersten, die Milchzähne abgestoßen, sondern das ist nur der letzte Akt des Abstoßens; abgestoßen wird der gesamte erste Körper. Den zweiten Körper, den wir bis zur Geschlechtsreife haben, den bauen wir uns schon aus unserem Geistig-Seelischen auf, wie wir es mitgebracht haben, wenn wir heruntergestiegen sind aus der geistigen Welt zum physisch-irdischen Dasein. Aber wir haben ja eine ganze Menge an Eindrücken der Umgebung aufgenommen von der Geburt bis zum Zahnwechsel. Wir waren hingegeben an all das, was eingeflossen ist in uns dadurch, daß wir die Sprache gelernt haben. Denken Sie, welch ungeheuer Großartiges das ist, was da in uns einfließt mit der Sprache! Wer das unbefangen beobachtet, wird dem Jean Paul sicher recht geben, der da gesagt hat, er sei sich dessen ganz klar bewußt, daß er in den ersten drei Lebensjahren mehr gelernt hat als in den drei akademischen. Was das eigentlich bedeutet, das kann man sich ganz klar machen. Denn wenn auch jetzt die akademischen Jahre auf fünf, sechs erhöht sind — vermutlich nicht, weil man zu viel darin lernt, sondern weil man zu wenig darinnen lernt —, man lernt doch noch immer nur eine ganz verschwindende Kleinigkeit gegenüber dem, was man für das Menschliche in den ersten drei Lebensjahren in sich aufgenommen hat und in den Lebensjahren, die auf die ersten drei folgen bis zum Zahnwechsel. Das bleibt von einem gewissen Zeitpunkte an in einer Art unbestimmter Erinnerung. Aber denken Sie sich nur, wie verblaßt und unbestimmt diese Erinnerungen an die ersten sieben Jahre unseres Lebens gegenüber dem, was später ist, sind! Versuchen Sie nur einmal zu vergleichen: Manchmal sind es wie erratische Blöcke der Erinnerung, was da heraufkommt, aber sehr zusammenhängend ist das nicht. Warum denn nicht? Ja, dasjenige, was Sie aufnehmen in den ersten sieben Jahren, das hat noch etwas ganz anderes zu tun als das später Aufgenommene. Was Sie in den ersten sieben Lebensjahren aufnehmen, das arbeitet intensiv an der plastischen Ausgestaltung Ihres Gehirnes; das geht in Ihren Organismus hinein. Und es ist ein großer Unterschied zwischen dem verhältnismäßig unausgebildeten Gehirn, das wir besitzen, wenn wir ins Erdendasein eintreten, und dem schön ausgearbeiteten, das wir haben, wenn wir durch den Zahnwechsel gehen. Und vom Gehirn geht das in den ganzen übrigen Körper hinein. Es ist in der Tat etwas Großartiges, wie dieser innere Künstler, den wir da herunterbringen aus dem vorirdischen Dasein zu unserem physischen Körper hinzu, arbeitet in den ersten sieben Lebensjahren. Sehen Sie, wenn wir jetzt anfangen lesen zu lernen nicht bloß in bezug auf das, was in ein Kind einzieht, buchstabieren können —, so ist das ein wunderbares Phänomen, wie in ein Kind einzieht von dem ersten kindlichen Tage, wo alles so unbestimmt ist, der Gesichtsausdruck, der Blick, die Gesichtsgesten, die Bewegung der Arme und so weiter. Wenn wir sehen, wie da hineinkommt dasjenige, was das Kind an Eindrücken aufnimmt, wie das großartig sich durchgeistigt, was das Kind ist, so gehört es ja zum Größten, was man beobachten kann, dieses Sich-Durchgeistigen des Kindes in den ersten sieben Lebensjahren. Wenn wir dieses Werden der kindlichen Physiognomie oder der kindlichen Geste von der Geburt bis zum Zahnwechsel so lesend beobachten, daß wir es entziffern, wie wir irgend etwas in einem Buche aus den Buchstaben entziffern, wenn wir die aufeinanderfolgenden Formen der Geste, des Gesichtes so zu verbinden wissen, wie wir verbinden können die Buchstaben eines Wortes, daß wir das Wort lesen können, dann schauen wir auf das arbeitende Gehirn, das aber wiederum angeregt ist in seiner Arbeit durch die Eindrücke, die sich nur zu spärlichen Erinnerungen ausbilden, weil da plastisch an dem Gehirn und damit an der Physiognomie gearbeitet werden muß.

[ 5 ] What is the nature of these memories? Memories are of the nature of soul. But in the whole range of man's life and being they are present in another form as well. They work purely as soul-forces only in a human being who has reached the age of twenty one or twenty two, and continues living. Before then the memories do not work purely as forces of soul. We must be very conscious of what I have said in these lectures, namely that during the first seven years of earthly existence our physical corporality is an inheritance from our parents. At the change of teeth it is not only the first, milk teeth that are expelled—that is only the final act; the whole of the first body is discarded. We build up the second body—the body we bear until the onset of puberty—out of the soul-and-spirit we brought with us when we came down from the spiritual world to physical existence on the Earth. But from birth until the change of teeth we have received a host of impressions from the environment; Our being was absorbed in what flowed into us through having learnt to speak. Think of all the wonders that stream into us together with the power of speech! Any unprejudiced observer will agree in this respect with the statement made by Jean Paul to the effect that he had learnt more in the first three years of his life than in the three academic years. The meaning of this is clear. For even if the academic years are extended to five or six—not, presumably, because one learns too much but because one learns too little—even if this period is considerably extended we learn only the merest trifle in comparison with what we assimilate during the first three years of life, and thereafter through the years following the first three until the change of teeth. After a certain time all this remains in the form of hazy, indefinite memory. But just think how pale and indistinct are these memories of our first seven years compared with the events of later life. Just try to make the comparison. The memories often seem to loom up like erratic boulders without any obvious connection. And why? What we take in during the first seven years of life and what we take in later on have entirely different tasks to fulfil. What we take in during the first seven years works with intense activity at the plastic moulding of the brain, passes into the very organism. There is a great difference between the relatively undeveloped brain we possess when we come into earthly existence and the beautifully developed brain that is ours by the time of the change of teeth. And the result of this work penetrates from the brain into the whole of the rest of the body. This inner artist we bring with us from pre-earthly existence works in a most wonderful way upon our physical body during the first seven years of life. It is miraculous to see the facial expression, the look, the mobility of the features, the purposeful movements of arms and limbs beginning to appear in a child after the lack of definition characterising early babyhood. We see how spirit begins to permeate the child's being and the impressions he absorbs. The way in which spirit permeates the child during the first seven years of life is one of the most wonderful sights imaginable. When we observe how the physiognomy and gestures of the child develop from birth until the change of teeth, when we read and decipher it all just as we decipher something in a book from the single letters, when we know how to connect the forms of the gestures and the facial expressions appearing in succession just as we can connect the letters of a word and so read the word—then we are gazing at the workings of the brain which has been kindled into activity by the impressions received; these can form themselves only into sparse and scattered memories, because the plastic development of the brain and therewith of the physiognomy has primarily to be provided for.

[ 6 ] Und wenn nun das Leben weitergeht vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsteife, dann verbirgt sich mehr oder weniger dasjenige, was da arbeitet am Menschen. Es wird noch immer gearbeitet, es wird, wie gesagt, bis zum Anfang des einundzwanzigsten Jahres an der Ausprägung, an der Ausbildung, an der Plastizierung des Organismus gearbeitet; aber vom siebenten Jahre an wird eben weniger am Körperlichen des Menschen gearbeitet als vorher, und von der Geschlechtsreife bis zum Anfang des einundzwanzigsten Jahres wird noch weniger gearbeitet. Dafür aber kann etwas anderes kommen. Man kann, wenn man in seinem Gemüte überhaupt einen Sinn hat für solche Menschenbeobachtungen und diesen Sinn heranreifen läßt an dieser wunderbaren Erscheinung, wie die Physiognomie des Kindes sich enthüllt Monat für Monat, Jahr für Jahr, namentlich wenn man einen Blick hat für dasjenige, was in den Gesten des Kindes sich enthüllt, wie aus dem Zappeln das wunderbar durchgeistigte Bewegen der Glieder hervorgeht, — wenn man also ein feines Anschauen für alles das entwickelt, dann kann man diese Anschauung vertiefen, und man bekommt im Innern gewissermaßen einen feineren seelischen Sinnesorganismus. Man hat dann die Möglichkeit, bei einem Kinde, das zwischen dem siebenten und vierzehnten Jahre zwischen dem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife sich entwickelt, das nicht mehr in so schroffer Weise seine Physiognomie und seine Gesten entwickelt, sondern in einer noch verhüllteren Form diese Entwickelung zeigt —, man hat dann die Möglichkeit, wenn man dem Kinde gegenübertritt, durch ein inneres Gefühl, das so sicher wirkt wie ein seelisches Auge, zu sehen, wie es nun weiter in einer geheimeren Weise seinen Körper ausbildet. Und an dieser Körperausbildung zwischen dem siebenten und vierzehnten Jahre, wenn man sich einen intimen Blick dafür aneignet, läßt sich entwickeln der Sinn für das Hineinschauen in das Leben vor dem Erdendasein, das man zugebracht hat zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, bevor man heruntergestiegen ist zu diesem Erdendasein.

[ 6 ] As life continues its course from the time of the change of teeth to the onset of puberty, the forces working in this way are more or less lost to sight. As I said, until the beginning of the twenty-first year, work continues upon the shaping and elaboration of the organism; but from the seventh year onwards this work is less concerned with the bodily nature—and still less from puberty until the beginning of the twenties. But something else comes to our help. If we have any aptitude for this kind of observation and mellow it by contemplating the marvellous phenomenon of the child's physiognomy which reveals itself month by month, year by year in greater clarity, above all if we can perceive what the child's gestures reveal, how the awkward, unskilful movements of the limbs turn in a most wonderful way into movements filled with intelligence and purpose—this sensitive perception can be deepened and finer organs of sense will develop. Then, when we have before us a child between the ages of seven and fourteen, that is to say between the second dentition and puberty, when the changes in the physiognomy and the gestures are less marked and the development less obvious, it is possible through inner feeling which has all the certainty of an eye of soul to perceive how the child's development is proceeding in a more hidden way. And from this delicate, intimate observation of the bodily development of a child between the seventh and fourteenth years, there can arise the faculty to gaze into the life preceding the descent to earthly existence, the life between death and a new birth.

[ 7 ] Sehen Sie, zu solchen Dingen müssen wir es wieder bringen. Wir müssen es dazu bringen, daß wir sagen können gegenüber dem Kinde in seinen ersten sieben Lebensjahren: Du Mensch, um dich herum ist nicht bloß die Natur, die sich in Sinnesoffenbarungen enthüllt. In alledem, was sich da den Sinneswahrnehmungen offenbart, in Farbe, in Formen, in alledem lebt der Geist. — Aber es ist wunderbar, in allem den Geist sprechend zu schauen, und dann ihn wie im Spiegelbild reflektiert wahrzunehmen in der Art und Weise, wie sich in einem Kinde immer geistiger und geistiger seine Physiognomie gestaltet. Wenn man das mit rechter innerlicher Vertiefung durchmacht und mit einer gewissen Andacht gegenüber dem Leben immer wieder in der Seele regsam machen kann, dann wird es einem, aus dieser Andacht gegenüber dem Leben, an dem Kinde zwischen dem siebenten und vierzehnten Jahre aufgehen, wie in den Menschen hineinwirkt, wenn er hier auf der Erde ist, sein vorirdisches Dasein zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Und man wird seelisch erfühlen diese äußere körperliche Entwickelung des Menschen, fühlen, daß darinnen jetzt nicht mehr waltet dasjenige, was in der irdischen Umgebung ist, sondern daß jetzt waltet in der Bildung des Menschen der zweite physische Organismus, den wir uns selber gestalten nur nach dem Modell des ersten. Das kann etwas sehr Großes sein im Leben. Und das wird die Menschheit lernen müssen: den Menschen selber anzuschauen. Dann wird das Leben jene Vertiefung erfahren, ohne welche der weitere Fortschritt der Zivilisation einfach nicht mehr möglich ist. Denn sehen Sie, unsere Zivilisation ist ja ganz abstrakt geworden, total abstrakt geworden! Wir können in unserem gewöhnlichen Bewußtsein überhaupt nur mehr denken, und nur eigentlich dasjenige denken, was uns eingepfropft wird. Auf solche Feinheiten der Anschauung kommen wir ja gar nicht mehr, wie ich sie jetzt beschrieben habe. Daher gehen ja die Menschen heute aneinander vorbei. Der Mensch lernt manches über Tiere, Pflanzen, Mineralien, aber über die Feinheiten der menschlichen Entwickelung lernt er gar nichts. Dieses ganze Seelenleben muß mehr intim werden, muß innerlich feiner, zarter werden, dann werden wir wieder etwas sehen von diesem Leben. Und dann, dann werden wir aus der menschlichen Entwickelung selber heraus hinschauen auf das vorirdische Leben.

[ 7 ] These things must again be within our reach, enabling us to affirm of a child between the ages of seven and fourteen: around you there is not only the sense-world of nature; in everything that is revealed in sense-perceptions, in colours, in forms, lives the spirit! It is truly wonderful to see the spirit becoming articulate in all things and then, as it were in a mirror-image, to perceive a reflection of this in the way in which spirituality reveals itself more and more distinctly in the physiognomy of a child. If we feel this deeply and inwardly and with a certain reverence make the experience a living power in the soul, then, as we observe the child between the ages of seven and fourteen, this reverence will lead to an understanding of how the pre-earthly existence of a human being between death and a new birth works into him here on Earth. And we shall feel that this bodily development is governed, not by the forces of the earthly environment but by the second physical organism which we ourselves mould according to the model provided by the first. This can be of great importance in life. Humanity will have to learn to perceive the essential nature of Man. Life will then undergo the deepening without which the further progress of civilisation is simply no longer possible. Our civilisation has become totally abstract! In our ordinary consciousness we are no longer able to think in the real sense; we can only think what has been inculcated into us. We are no longer capable of perceptions as delicate as those of which I have been speaking. Hence men to-day pass each other by in ignorance. They learn a great deal about animals, plants, minerals, but nothing whatever about the subtle, impalpable processes of the development of the human being. The whole life of soul must become more intimate, more delicate, purer, and then we shall again perceive something of the real nature of human development itself; and this will lead us eventually to a vista of pre-earthly existence.

[ 8 ] Und dann kommt dasjenige, was an die Geschlechtsreife sich anschließt, es kommen die Jahre zwischen der Geschlechtsreife und dem einundzwanzigsten, zweiundzwanzigsten Jahre. Ja, was offenbart uns da der Mensch alles? Er offenbart uns für das gewöhnliche Bewußtsein eine ganze Umwandlung seines Lebens gegenüber früher, aber eigentlich auf eine grobe Art. Wir sprechen von Flegeljahren, Rüpeljahren, und deuten damit an, daß wir uns bewußt sind: eine Umänderung des Lebens geht vor sich. Der Mensch stellt mehr sein Inneres heraus. Aber wenn wir uns für die zwei ersten Lebensepochen ein feineres Empfinden aneignen, so wird dasjenige,was da der Mensch nach der Geschlechtsreife herausstellt, wie ein zweiter Mensch erscheinen, wirklich wie ein zweiter Mensch erscheinen. Es wird dann schon durch den physischen Menschen, wie er vor uns steht, sichtbar; und was in die Rüpeleien, aber auch in manches Schöne hineinschießt, das erscheint wie ein zweiter, ein wolkenartiger Mensch im Menschen. Wir brauchen dieses Anschauen jenes zweiten, wolkenartigen Menschen im Menschen. Es ist heute überall die Frage nach diesem zweiten Menschen. Aber unsere Zivilisation gibt darauf keine Antwort.

[ 8 ] Next comes the period immediately following puberty, the period between the onset of puberty and the twenty-first or twenty-second year. Just think of all that a human being reveals to us in this phase of his life! Even with our ordinary consciousness we see evidence of a complete change in his life, but it takes a crude form. We speak of the hobbledehoy years, of the ‘awkward’ years and this in itself indicates our awareness that a change is taking place. What is actually happening is that the inner being is now emerging more clearly. But if we can acquire sensitive perception of the first two life-periods, what emerges after puberty will appear as a ‘second man,’ actually as a second man, who becomes visible through the physical man standing there before us. And what expresses itself in the awkwardness, but also in very much that is admirable, appears like a second, cloudlike man within the physical man. It is important to detect this second, shadowy being, for questions on the subject are being asked on all sides to-day. But our civilisation gives no answer.

[ 9 ] Es ist außerordentlich viel vorgegangen in der geistig-physischen Entwickelung der Erde mit der Wende des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts. Das haben schon die alten Orientalen geahnt, indem sie gesprochen haben davon, daß das Kali Yuga, das finstere Zeitalter, mit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts schließt und ein lichtes Zeitalter beginnt. Das hat auch begonnen, nur weiß man es nicht, weil die Menschen mit ihrem Gemüte noch im neunzehnten Jahrhundert drinnenstehen und die Vorstellungen in ihren Herzen und ihren Seelen so träge fortrollen. Aber um uns herum ist schon helle, lichte Klarheit. Und wir brauchen nur hinzuhorchen auf dasjenige, was sich aus der geistigen Welt offenbaren will; wir können es vernehmen. Und weil das jugendliche Gemüt besonders empfänglich ist, tritt auch in den jugendlichen Gemütern mit der Jahrhundertwende eine unbestimmte Sehnsucht auf, den Menschen genauer kennenzulernen, den Menschen intimer anzuschauen. Wer um dieses Zeitalter geboren wurde, so um die Wende des neunzehnten, zwanzigsten Jahrhunderts, fühlt ganz instinktiv: Man muß viel mehr wissen vom Menschen, als einem die Menschen sagen können. — Man lebt und man wächst so heran, und man fühlt instinktiv: Viel mehr muß man vom Menschen wissen, aber kein Mensch sagt einem dasjenige, wonach man verlangt. — Man sucht nach dem Menschen, man tut alles mögliche, um den Menschen zu suchen. Es wurde einem ganz unbehaglich bei denjenigen, die alt waren, wenn man Kind war oder junger Mensch, denn man wollte von diesen etwas wissen, und die wußten nichts über den Menschen. Denn die moderne Zivilisation kann nichts aussprechen, weiß nichts zu sagen über den menschlichen Geist. Man vergleicht das nur nicht mit früheren Zeitaltern. Die wußten aus voller Herzhaftigkeit sehr vieles den Jungen zu sagen über den Menschen. Als die realen Vorstellungen noch lebendig waren, da wußten die Alten noch sehr viel zu sagen; jetzt wußte man nichts zu sagen. Und so wollte man laufen und laufen, irgendwohin, um etwas zu erfahren über den Menschen. Man wurde ein Wandervogel, man wurde ein Pfadfinder; man lief weg von den Menschen, die einem nichts zu sagen hatten, wollte irgendwo etwas suchen, was einem über den Menschen etwas sagen kann.

[ 9 ] The turn of the nineteenth/twentieth century was accompanied by momentous changes in the spiritual and physical evolution of the Earth. Men of the ancient East had divined this and said that Kali Yuga, the Age of Darkness, would come to an end at the close of the nineteenth century when an Age of Light would begin. This Age of Light has begun in very truth but men are still unaware of it because in their minds they are still living in the nineteenth century and their ideas flow on lethargically. Nevertheless around us there is clear, radiant light and if we pay heed to what will reveal itself from the spiritual world, we can become aware of this light. And because youth is peculiarly sensitive, with the turn of the century an undefined longing arose in the hearts of the young for a more intimate knowledge, a much more intimate perception of Man. Human beings born about this time—at the turn of the nineteenth century—have the instinctive feeling: we need to know a great deal more about Man than people are able to tell us. Nobody tells us what we long to know! There was this striving, this urgent, insistent striving for an understanding of Man. Children and young people were ill at ease with their elders for they longed to hear from them something about Man, and these elders knew nothing. Modern civilisation can say nothing, knows nothing about the spirit of Man. But in earlier epochs people were able, speaking with real warmth of heart, to tell the young very much about Man. When thoughts were still quick with life, the old had a very great deal to say—but now they knew nothing. And so there came an urge to run, run no matter where, in order to learn something about Man. The young became wanderers, path-finders; they ran away from people who had nothing to tell them, seeking here, there and everywhere for something that could tell them something about Man.

[ 10 ] Die Jugendbewegung des zwanzigsten Jahrhunderts, sie hat da ihren Ursprung. Was will denn eigentlich diese Jugendbewegung letzten Endes? Ja, sie will diesen wolkenartigen Menschen, der da hervortritt nach der Geschlechtsreife, der im Menschen lebt, diesen Menschen möchte sie erfassen! Die Jugend möchte so erzogen werden, daß sie diesen Menschen erfaßt. Aber wer ist dieser Mensch? Was stellt er eigentlich vor? Was tritt gewissermaßen aus diesem menschlichen Leib hervor, den man gesehen hat in seiner Physiognomie, in seinen Gesten sich heranbilden, bei dem man auch fühlen kann, wie im zweiten Lebensalter vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife sich das ausgestaltet, was vorirdisches Dasein hatte? Was kommt jetzt als etwas ganz Fremdes zum Vorschein, was schießt da aus dem Menschen heraus, wenn er jetzt nach der Geschlechtsreife seiner Freiheit sich bewußt wird, hingeht zu anderen Menschen, Zusammenschlüsse sucht aus einem inneren Impuls heraus, der den ihm unerklärlichen, den anderen unerklärlichen Zug, diesen ganz bestimmten Zug im Inneren des Menschen begründet hat? Was ist dieser Mensch, dieser zweite Mensch, der da erscheint? Er ist derjenige, der im vorigen Erdenleben gelebt hat und der schattenhaft sich jetzt in das gegenwärtige Erdenleben hineinstellt. Die Menschheit wird nach und nach Karma berücksichtigen lernen in dem, was in eigentümlicher Weise hereinschießt in das menschliche Leben um die Zeit der Geschlechtsreife herum. In dem Augenblicke des Lebens, wo der Mensch fähig wird, ein Menschenwesen seinesgleichen hervorzubringen, da tritt in ihm auch dasjenige an Impulsen auf, was er in früheren Erdenleben dargestellt hat. Aber mancherlei muß eben im menschlichen Gemüte hervorkommen, damit ein deutliches Erlebnis von dem, was ich jetzt Ihnen beschrieben habe, auftreten kann.

[ 10 ] There you have the real origin of the Youth Movement of the twentieth century. What is this Youth Movement really seeking? It is seeking to find the reality of this second, cloudlike man who comes into evidence after puberty and who is actually there within the human being. The Youth Movement wants to be educated in a way that will enable it to apprehend this second man.—But who is this second man? What does he actually represent? What is it that emerges as it were from this human body in which one has observed the gradual maturing of physiognomy and gesture, in connection with which one is also able to feel how in the second period of life from the change of teeth to puberty, pre-earthly existence is coming to definite expression? What is making its appearance here, like a stranger? What is it that now comes forth when, after puberty, the human being begins to be conscious of his own freedom, when he turns to other individuals, seeking to form bonds with them out of an inner impulse which neither he nor the others can explain but which underlies this very definite urge. Who is this ‘second man?’ He is the being who lived in the earlier incarnation and is now making his way like a shadow, into this present earthly life. From what breaks in upon human life so mysteriously at about the age of puberty, mankind will gradually learn to take account of karma. At the time of life when a human being becomes capable of propagating his kind, impulses to which he gave expression in earlier earthly lives also make their appearance in him. But a great deal must happen in human hearts and feelings before there can be any clear recognition, any clear perception of what I have just been describing to you.

[ 11 ] Nehmen Sie den gewaltigen Unterschied, der für das gewöhnliche Bewußtsein besteht zwischen Selbstliebe und Liebe zu den anderen. Nun, schon ziemlich gut verstehen alle Menschen die Selbstliebe, denn sie haben sich ja alle so gern! Das ist ja gar nicht zu bezweifeln. Auch diejenigen, die meinen, sie hätten sich nicht gern, haben sich eben gern. Ganz wenige Menschen, und bei diesen muß man erst ihr Karma genau untersuchen, ganz wenige Menschen sind, die da sagen, sie haben sich nicht gern. Mit der Liebe zu anderen, da ist es schon etwas schwieriger. Die kann ganz gewiß sehr echt sein, aber dennoch ist das sehr häufig getrübt durch die Beimischung von Selbstliebe. Man hat den anderen gern, weil er einem dies oder jenes tut, weil er bei einem ist — aus vielen Gründen, die mit der Selbstliebe innig zusammenhängen. Aber man kann lernen im Leben selbstlose Liebe. Die gibt es schon auch. Man kann lernen, allmählich die Eigenliebe hinauszutreiben aus der Liebe. Dann lernt man eben das Aufgehen in dem anderen kennen, die wirkliche Hingabe an den anderen. Nun, sehen Sie, an dieser Hingabe an den anderen, an dieser selbstlosen Liebe kann man wieder heranziehen dasjenige Gefühl, das man für sich selber haben muß, wenn man die vorangehenden Erdenleben ahnen will. Denn nehmen Sie an, Sie sind ein Mensch, der geboren worden ist meinetwillen 1881; Sie leben bis jetzt, Sie waren früher einmal in einem Menschen, in einem Erdenleben, sagen wir 737 geboren, 799 gestorben dazumal. Jetzt geht der Mensch, die Persönlichkeit B herum im neunzehnten, zwanzigsten Jahrhundert; damals ging die Persönlichkeit, die Sie aber selber waren, herum im achten Jahrhundert. Beides ist verbunden durch das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Aber wenn Sie eine Ahnung haben wollen von dem gerade damals im achten Jahrhundert Herumgegangenen, so dürfen Sie sich nur so lieben, wie Sie einen anderen lieben. Denn der, welcher im achten Jahrhundert herumgegangen ist, der ist in Ihnen, der ist Ihnen aber in gleichem Grade ein anderer, ist fremd geworden, wie Ihnen ein anderer, ein zweiter Mensch jetzt ist. Sie müssen sich stellen können zu Ihrer vorangehenden Inkarnation wie jetzt zu einem anderen Menschen, sonst kommen Sie zu keiner Ahnung von der vorhergehenden Inkarnation. Sie kommen auch nicht zu einer objektiven Auffassung desjenigen, was in einem Menschen auftritt als ein zweiter, wolkenartiger Mensch, wenn er geschlechtsreif wird. Aber wenn die selbstlose Liebe Erkenntniskraft wird, wenn wirklich die Selbstliebe so objektiv wird, daß man sich selber so beobachten kann wie den anderen, dann bietet sie den Weg, um in frühere Erdenleben wenigstens zunächst ahnungsvoll zurückzuschauen. Das muß sich wiederum verbinden mit einer solchen Menschenbeobachtung, wie ich sie charakterisiert habe, wodurch einem aufgeht die Eigentümlichkeit des Menschen. Es ist also im wesentlichen heute schon deutlich sichtbar der Drang der Menschheit seit dem Ablauf des Kali Yuga, Karma, die wiederholten Erdenleben zu begreifen. Man sagt das nur nicht so, weil man es nicht in dieser Deutlichkeit fühlt. Aber denken Sie, wenn zum Beispiel ein ganz ehrliches Mitglied der heutigen Jugendbewegung einmal so aufwachen würde am Morgen, daß ganz intensiv alles, was in der Nacht erlebt worden ist, eine Viertelstunde vor dem Bewußtsein stehen würde, und man würde während dieser Zeit dann ein solches Mitglied der Jugendbewegung fragen: Was ist eigentlich der Inhalt desjenigen, was du willst? —, dann würde dieses Mitglied sagen: Ich will nun endlich begreifen den ganzen Menschen, der durch wiederholte Erdenleben gegangen ist. Ich will wissen, was da innerlich lebt in mir selber aus früheren Daseinsstufen. Ihr wißt von alledem nichts. Ihr sagt mir nichts davon.

[ 11 ] Think of the great difference there is in the ordinary consciousness between self-love and love of others. People know well what self-love is, for every individual holds himself in high esteem—of that there is no doubt! Self-love is present even in those who imagine that they are entirely free from it. There are very few indeed—and a close investigation of karma would be called for in such cases—who would dream of saying that they have no self-love in them. Love of others is rather more difficult to fathom. Such love may of course be absolutely genuine, but it is very often coloured by an element of self-love. We may love another human being because he does something for us, because he is by our side; we love him for many reasons closely connected with self-love. Nevertheless there is such a thing as selfless love and it is within our reach. We can learn little by little to expel from love every vestige of self-interest, and then we come to know what it means to give ourselves to others in the true and real sense. It is from this self-giving, this giving of ourselves to others, this selfless love, that we can kindle the feeling that must arise if we are to glimpse earlier earthly lives. Suppose you are a person who was born, let us say, in the year 1881; you are alive now; once upon a time, in an earlier earthly life, you were born, say, in the year 737 and died in 799. The man, personality B, is living, now, in the nineteenth/twentieth century; formerly this personality—you yourself—lived in the eighth century. The two personalities are linked by the life stretching between death and the new birth. But before even so much as an inkling can come to you of the personality who lived in the eighth century, you must be capable of loving your own self exactly as if you were loving another human being. For although the being who lived in the eighth century is there within you, he is really a stranger, exactly as another person may be a stranger to you now. You must be able to relate yourself to your preceding incarnation in the way you relate yourself now to some other human being; otherwise no inkling of the earlier incarnation is possible. Neither will you be able to form an objective conception of what appears in a human being after puberty as a second, shadowy man. But love that is truly selfless becomes a power of knowledge, and when love of self becomes so completely objective that a man can observe himself exactly as he observes other human beings, this is the means whereby a vista of earlier earthly lives will disclose itself—at first as a kind of dim inkling. This experience must be combined with the kind of observation I have been describing, whereby we become aware of the essential, fundamental nature of man. The urge to apprehend the truth of repeated earthly lives has been present in humanity since the end of Kali Yuga and is already unmistakably evident. The only reason why people do not speak about it is because it is not sufficiently clear or defined. But let us suppose that a thoroughly sincere member of the modern Youth Movement were to wake up one morning and for a quarter of an hour be vividly conscious of what he had experienced during sleep—and suppose one were to ask him during this quarter of an hour: what is it that you are really seeking?—he would answer: ‘I am striving to apprehend the whole man, the being who has passed through many earthly lives. I am striving to know what it is within me that has come from earlier stages of existence. But you know nothing about it; you have nothing to tell me!’

[ 12 ] Es ist heute in den menschlichen Gemütern der Drang nach dem Durchschauen, nach der Erkenntnis des Karma. Daher ist heute auch die Zeit, in der angeregt werden muß eine Geschichtsbetrachtung, wie ich sie in einzelnen Beispielen vor Sie hingestellt habe, die wiederum, wenn man sie ganz ernst und intensiv verfolgt, dazu führt, dann auf das eigene Leben im Lichte der wiederholten Erdenleben und des Karma hinzuschauen. Deshalb verbinde ich in diesen Vorträgen solche geschichtlichen Betrachtungen mit der allmählichen Hinleitung zur Beobachtung des eigenen Karma eines jeden einzelnen Menschen. Das ist ja das Thema dieser Vorträge. Bis zum letzten Vortrage wollen wir dann so weit sein in unseren Betrachtungen, daß wir eine deutliche Vorstellung haben, wie man ahnen kann in sich selber sein Karma. Aber man kann das nicht anders, als wenn man zuerst an der großen Struktur der Weltgeschichte die Dinge sieht. Daher lassen Sie mich auch diese Betrachtung, die zuerst hineinleuchten wollte in das Innere des Menschen, hineinleuchtete in das Innere einer hoffnungsvollen Zeitbewegung, lassen Sie mich diese Betrachtung damit schließen, daß ich wieder ein weltgeschichtliches Bild vor Sie hinstelle. Geschichtliche Betrachtungen müssen in der Zukunft an den ganzen Menschen anknüpfen, müssen ersichtlich machen, wie aus einer Erdenepoche in die nächste der Mensch selber hineinträgt dasjenige, was an Impulsen in der Geschichte, im geschichtlichen Werden lebt. Betrachten wir die Zeit, in der in Europa Karl der Große gelebt hat, der regiert hat von 768 bis 814, rufen Sie sich für einen Augenblick alles dasjenige in die Seele, was Sie wissen über die geschichtliche Wirksamkeit Karls des Großen. Da man über Karl den Großen so viel in der Schule gelernt hat, so muß jetzt eine ganze Fülle von Vorstellungen in den Seelen der verehrten Zuhörer heraufkommen! Nun, gleichzeitig mit diesem Karl dem Großen und mit all den Dingen, die also jetzt in den Seelen der verehrten Zuhörer heraufkommen, lebte drüben im Orient eine sehr bedeutende Persönlichkeit: Harun al Raschid. Ganz herausgewachsen aus der vom Mohammedanismus aufgesammelten damaligen Bildung, begeisterte ihn der Wille, diese orientalische Bildung in einem Mittelpunkt, in einem Bildungszentrum ganz besonders zu pflegen. Und an diesem Hofe ist außerordentlich viel getrieben worden, denn er war sozusagen ein Zusammenfluß von all dem, was an physikalischen, astronomischen, alchemistischen, chemischen, geographischen Bestrebungen in der damaligen Zeit als Höchstes zu erreichen war. Künstlerische, literarische, geschichtliche, pädagogische Bestrebungen, alles floß zusammen an dem Hofe des Harun al Raschid. Viel bewunderungswürdiger, wenn man eben solches sehen kann, ist dasjenige, was man finden kann an diesem orientalischen Hofe, als alles dasjenige, was an Karls desGroßen Hofe, namentlich geistig, getrieben wurde. Und mancherlei in den Kriegszügen Karls des Großen ist ja auch nicht gerade etwas, was ein Herz der Gegenwart so ungeheuer entzücken kann. Gleichzeitig mit Harun al Raschid lebte am Hofe dieses Mannes eine andere Persönlichkeit, die damals nur ein umfassender Weiser war, aber in einer früheren Inkarnation, lange vorher, ein Eingeweihter gewesen war. Ich habe Ihnen ja gesagt, daß dasjenige, was eine Einweihung war in einer vorigen Inkarnation, zurücktreten kann in einem folgenden Leben. Es war wirklich eine grandiose Akademie, die da im Oriente drüben gestiftet worden ist. Aber diese andere Persönlichkeit war eine Art Organisator: Wissen, Kunst, Poesie, Architektur, Plastik in der damaligen Form, die Wissenschaften wurden organisiert von diesem Manne an dem Hofe Harun al Raschids.

[ 12 ] In human hearts to-day there is a longing to understand karma. Therefore this is the time when the impulse must be given to study history in the way I have illustrated by certain examples; it is this kind of study which, if earnestly and actively pursued, will lead human beings to an understanding of their own lives in the light of reincarnation and karma. That is why in these lectures I am combining studies of historical personages with indications that will gradually lead to perception of man's own individual karma. By the time we come to the last lecture we shall have gained a clear idea of how man can begin to glimpse his own karma. But the only way to achieve this is to observe things first of all in the great setting and structure of world-history. The primary aim of this lecture was to shed light on the inner nature and being of man and it has also been possible to elucidate the inner aspect of the strivings of a promising Movement of the times.—And now let me conclude with a picture drawn from world-history. Study of history in the future must be concerned with the whole man, must realise that man himself carries over from one epoch into the next the impulses that work in history, in the development of world-history. Let us think of the days when Charlemagne was reigning in Europe—it was from 768 to 814 A.D.. Just recall for a moment everything you know about Charlemagne and what he accomplished. As so much about him is taught in school, I am sure that countless details will come into the minds of my listeners! At the same time as Charlemagne, a very important personage was living in the East, namely, Haroun al Raschid. He was a product of the scholarship associated in those days with Mohammedanism and he was fired with the will to foster and promote this oriental scholarship at a centre of learning and culture. Extraordinary results were achieved at his Court, for the highest attainments of the physical sciences, of astronomy, alchemy, chemistry, geography, as they were in those days, converged, so to speak, in him. Art, literature, history, pedagogy—all these branches of culture flourished at the Court of Haroun al Raschid. When one can perceive what was actually accomplished at this Court, the spectacle is far grander, far more impressive than that of the achievements of Charlemagne's Court, above all in respect of spiritual culture. Moreover there is a great deal in the campaigns of Charlemagne that the modern mind will not exactly admire! Living at the Court of Haroun al Raschid was another personality, one who in those days was simply a very wise man, but who in a much earlier incarnation, a long time previously, had been an Initiate. I have told you that the results of Initiation in an earlier incarnation may recede into the background in a later epoch. A most wonderful academy was established over in the East at that time and this other personality of whom I am speaking possessed real genius as an organiser. Scholarship, art, poetry, architecture, sculpture, the sciences—all were organised and brought together by this man at the Court of Haroun al Raschid.

[ 13 ] Beide Seelen, Harun al Raschid, wie dieser sein Weiser, gingen nun durch die Pforte des Todes, entwickelten sich weiter. Wir wissen, daß das die Zeit war, in der sich der Arabismus nach Europa ausbreitete. Diese Ausbreitung des Arabismus nahm ihr Ende. Aber bei ihren Werken blieben sowohl Harun al Raschid selber wie auch sein Weiser. Während Harun al Raschid vom Oriente herüber gewissermaßen dem Zuge des Arabismus folgte durch Nordafrika, herüber nach Spanien und weiter hinauf in den Westen Europas, sich so entwickelte in dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, daß sein Blick hingerichtet war auf dieses Hinüberentwickeln des Arabismus, entwickelte sich der andere, sein weiser Ratgeber, so, daß er vom Orient herüber im Norden des Schwarzen Meeres bis nach Mitteleuropa herein sich die Dinge ansah. Es ist schon eine sehr eigentümliche Sache, daß man das Leben des Menschen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt auch so verfolgen kann, daß man das verfolgt, was er besonders anschaut, wenn er herunterblickt. Allerdings sieht er da, wie ich Ihnen ausgeführt habe, die Wirkungen von Seraphim, Cherubim, Thronen, aber es ist dieses verbunden mit demjenigen, was noch auf der Erde vorgeht. Wie man hier zum Himmel hinaufschaut, schaut man da auf die Erde herunter, wenn man im Leben zwischen Tod und einer neuen Geburt ist. Und als äußerlich das physische Leben längst vorüber war, da setzten die beiden noch immer ihr Werk fort. Sie nahmen äußerlich ganz andere Inhalte an. Aus Harun al Raschid wurde der Begründer der neueren Weltanschauung, Lord Baco von Verulam. Da erscheint demjenigen, der die Dinge unbefangen betrachten kann, in all dem, was Baco der Welt aufgenötigt hat, wirklich die Neuauflage dessen, was einstmals im Oriente getrieben worden ist. Im Osten war man fremd dem Christentum. Baco war äußerlich Christ, aber innerlich wieder in dem, was er wollte, unchristlich. Der andere, der sein weiser Ratgeber war, verfolgte den Weg nördlich vom Schwarzen Meere nach Mitteleuropa hinein. Das war derjenige, der in einer ganz anderen, viel innerlicheren Art als Baco den Arabismus herübergebracht hat, aber eben auch in die neuere Zeit in voller Umgestaltung den Arabismus gebracht hat: Amos Comenius.

[ 13 ] Both Haroun al Raschid and his wise Counsellor passed in due course through the gate of death and their evolution proceeded. This was the time when Arabism was spreading over Europe. The spread of Arabism came to a halt, but Haroun al Raschid himself, as well as his Counsellor, continued to be associated with its influence. Whereas the gaze of Haroun al Raschid in his life between death and rebirth was directed to Arabism as it swept through the North of Africa, across to Spain and further upwards to Western Europe, the attention of the other, the wise Counsellor, was directed from the East across the regions North of the Black Sea and from thence towards Middle Europe. It is strange that in following the life of a man between death and a new birth, one can also follow those things upon which his gaze is directed as he looks downwards. As I have told you, what he is actually beholding are the deeds of the Seraphim, Cherubim and Thrones whose workings are connected with what is happening on the Earth. In the life between death and a new birth we look downwards to the Earth, just as on the Earth we look upwards to the Heavens. The work of these two souls continued long after the close of their physical lives. Outwardly, they were reborn as men of very different characters. Haroun al Raschid appeared again as Lord Bacon of Verulam, the originator of the modern scientific mentality. Those who are capable of unprejudiced observation can see in everything that was forced upon the world by Bacon, a new edition of what was once cultivated over in the East. In the East men had turned away from Christianity. Bacon was outwardly a Christian, but inwardly, in his real aims, unchristian. The other man, the one who had once been the wise Counsellor, followed the path which led across to Middle Europe via the regions North of the Black Sea. It was he who as Amos Comenius brought Arabism over in a quite different form—a much deeper, more inward form than that in which it was introduced by Bacon—but who did, nevertheless, bear Arabism into the modern age.

[ 14 ] Sehen Sie, so wirkt so etwas in der Morgenröte des neuzeitlichen Geisteslebens zusammen. So begreift man erst dieses Geschichtswerden, wo auf der einen Seite bei dem einen das Christentum vergessen wird, wo die wissenschaftliche Bildung veräußerlicht wird, auf der anderen Seite aber bei dem anderen um so mehr verinnerlicht wird. Amos Comenius wirkt in seiner Inkarnation, in seiner Verkörperung, die vom Oriente herüberkommt und die gerade das vertiefte Leben Mitteleuropas annimmt, mit dem zusammen, was vom Westen herüberkommt. Da fließt in Mitteleuropa dasjenige zusammen, was von den beiden Seiten herkommt; aber es ist viel Morgenländisches darin. Nicht wenn man bloß das Geschichtswerden so ansieht, daß man ein Buch aufschlägt und just — ja, man nennt das in einem gewissen Dialekt «ochsen», ich weiß jetzt nicht ein anderes Wort —, und just ochst, was Lord Bacon ist, dann was Amos Comenius ist, nicht dadurch lernt man das innere Werden des Menschengeschlechts durchschauen, sondern dadurch, daß man hinschaut, wie die verschiedenen Epochen durch die Menschen selber entwickelt werden, wie die Impulse von früher in das Spätere hineingetragen werden. Versuchen Sie nur einmal sich klarzumachen, was da geschieht. Das Christentum hat sich ausgebreitet, das Christentum hat in einer gewissen Weise die Gegenden ergriffen von Mittel- und Nordeuropa. Aber da schiebt sich etwas hinein durch Menschen wie Baco von Verulam, den wiedergekommenen Harun al Raschid, wie Amos Comenius, den wiedergekommenen weisen Ratgeber, was nicht direkt Christentum ist, was sich aber mit alledem vermischt, was so wie die geistigen Ströme im Weltenwerden wirkt. Man begreift dadurch erst, was eigentlich geschieht, in welchem Weltzusammenhange der Mensch drinnensteht.

[ 14 ] And so at the dawn of modern spiritual life, two streams intermingled. We can perceive this development of history quite clearly—it is a phase when Christianity is temporarily forgotten, when on the one side scientific culture is externalised, but on the other becomes all the more inward. In his incarnation which had its roots in the East and then ran its course amid the deeper spiritual life of Middle Europe, much of the Eastern element persisted. It is not by casually opening some book ... in a certain dialect there is an expression ‘ochsen’ (to ‘swot’) and I can think of no other word at the moment ... and then swotting up Bacon and Amos Comenius, that we can discern the inner evolution of the human race; we must rather begin to perceive how the development of the several epochs is brought about by men themselves, how the impulses are carried over from earlier into later times. Try for a moment to picture quite clearly what happened here. Christianity has spread, has taken a certain hold in the regions of Middle and Northern Europe. But through men like Bacon of Verulam, the reincarnated Haroun al Raschid, and Amos Comenius, the reincarnated Counsellor, something creeps in that is not genuine Christianity, but merges nevertheless with all that is working like so many spiritual streams in world-evolution. Only in this way is it possible to grasp what is really happening and to understand the great world-processes in which man is rooted.

[ 15 ] Wenn wir zurückgehen hinter Harun al Raschid zu einem unmittelbaren Nachfolger Mohammeds, da müssen wir uns klarmachen, was gerade durch den Mohammedanismus in das orientalische Geistesleben hineingekommen ist. Wenn wir das ursprüngliche Christentum verfolgen, so zeigt es, daß es einen tiefen Sinn verbindet mit der Trinität. Wenn wir das Geistige in allem Naturleben betrachten, jenes Geistige, das uns zunächst als physische Menschen eben in die Welt hineinstellt, jenes Geistige, das der Geist der Naturgesetze, das Vaterwesen ist, so können wir uns fragen: Was wären wir dann, wenn nur das Vaterwesen in uns wirkte? — Wir würden durch das ganze Leben gehen von der Geburt bis zum Tode mit derselben Notwendigkeit, wie sie in der Welt wirkt, die uns umgibt. Aber wir werden in einem bestimmten Lebensalter freie Menschen, verlieren dadurch nicht unsere Menschlichkeit, sondern erwachen zu einer höheren Formung des Menschen. Dasjenige, was in uns wirkt, indem wir freie Menschen werden, indem wir uns ganz und gar von der Natur losmachen: es ist das Sonnenwesen, der Christus, die zweite Form der Trinität. Dasjenige aber, was uns den Impuls gibt anzuerkennen, daß wir nicht nur im Leibe leben, sondern — wenn wir den Leib in seiner Entwickelung durchgegangen sind — wieder aufwachen, auferweckt werden als Geist, das lebt in uns als der Impuls des sogenannten Heiligen Geistes. Wir können das gesamte Menschenwesen nur im Zusammenwirken dieser Trinität erkennen; da betrachtet man es konkret. Gegen diese Konkretheit richtet der Mohammedanismus die Abstraktheit auf: Es gibt kein anderes göttliches Wesen als allein den Vatergott, den einen Gott. Alles ist der Vater. Es ist keine Dreigestaltung der Gottheit anzuerkennen. — Dieser unmittelbare Vatergott-Protest ist Mohammed selber, waren seine Nachfolger.

[ 15 ] If we go back to the time preceding Haroun al Raschid, to a man who was an immediate disciple of Mohammed, we must be quite clear about what it was that had been indoctrinated into oriental spiritual life through Mohammedanism. Study of original Christianity reveals the deep significance of the fact that it has the Trinity. When we think of the Spiritual in nature, the Spiritual Power which places us in the world as physical human beings and operates in the laws of nature, namely, the Father Being, we may ask ourselves: What should we be if the Father Being alone worked in us? Through the whole of life from birth till death, we should be under the same sway of necessity as prevails in the world around us. But in point of fact, at a certain age in life we become free beings, not in any way losing our manhood but awakening to a higher form of it. The principle that is working in us when we attain our freedom, when we release ourselves altogether from the sway of nature, this principle is the Son Being, the Christ—the Second Form of the Godhead. But it is the Power of the Holy Spirit that quickens within us the recognition that we live not in the body alone but having been associated with the body through its phases of development, we awaken, we are awakened as beings of Spirit. Man in the fullness of his being can be understood only through the Trinity; it is there that we perceive the concrete reality. But over against the Trinity, Mohammedanism proclaims an abstraction: There is no other Divine Being save the Father God, the one and only God. The Father is all; it is not lawful to speak of a threefold Godhead. In Mohammed himself, and in his followers, this doctrine of the one Father God was personified.

[ 16 ] In einem Zeitalter, wo sich als die höchste menschliche Fähigkeit nur das Abstrakte, rein Gedankenhafte ausbilden kann, das Trockene, Nüchterne, in einem solchen Zeitalter identifizierte man allmählich immer mehr und mehr, weil man nur den einen abstrakten Gott kannte, diesen mit dem Denken, vergötterte der Mensch sein Gedankenleben; vergötterte, als man vergessen hatte, daß das Denken einen altruistischen Anflug hat, noch immer dieses menschliche Denken, diesen menschlichen Intellekt. Das war in den Nachfolgern des Mohammed in originaler Weise großartig veranlagt, dieses Abstrakte im Weltdurchdenken. Einer dieser Nachfolger war Muawija. Ich wünschte, Sie könnten die Geschichte nachlesen. Sie würden eine eigentümliche Geisteskonfiguration in ihm finden, sozusagen richtig den Anfang einer Menschenart haben, die man als rechte Abstraktlinge bezeichnen kann, Menschen, die alles in der Welt von gewissen einfachen Sätzen aus gestalten wollen. Muawija, einer der Nachfolger Mohammeds, kam in unserem Zeitalter wieder, wurde Woodrow Wilson. Die Abstraktheit des Mohammedanismus lebte in ihm auf, die Meinung entstand, aus vierzehn kalten, abstrakten, inhaltlosen Sätzen könne man eine Welt gestalten. In Wahrheit war keine welthistorische Illusion größer als diese, und in Wahrheit ist man auf keine welthistorische Illusion so hineingefallen, fast die ganze Menschheit, wie auf diese. Und nicht verstehen wollte man, als ich schon vor dem Kriege in meinen Helsingforser Vorträgen auf die Unzulänglichkeit von Woodrow Wilson hinwies — denn dazumal war er im Aufgange seines Ruhmes —, nicht verstehen wollte man, wenn ich immer wieder und wieder überall, wo ich reden konnte, hinwies darauf, wie das Unglück, das heraufdämmert, zusammenhängt mit der Abgötterei, welche die Welt betreibt mit Woodrow Wilson.

[ 16 ] In an epoch when the highest human faculty capable of development was that of thinking in cold, barren abstractions, when men knew only the one, abstract God, they began more and more to identify this God with thinking, to deify the life of thought and the human intellect—forgetting that real thinking has an essentially altruistic tendency. In Mohammed's followers, this talent for thinking about the world in pure abstractions was expressed with a certain originality and grandeur. One of these followers was Muawija. I wish you could look him up in history. You would find there a strange mental configuration, the prototype, as it were, of men who think in pure abstractions, who want to shape the world according to tenets contained in a few simple paragraphs. Muawija, one of Mohammed's followers, appeared again in our time as Woodrow Wilson. A revival of the abstract thinking of Mohammedanism gave rise to the view that it is possible to shape a whole world by applying the principles set forth in fourteen prosaic, abstract paragraphs, void of any real substance. Truth to tell, there has been no greater illusion than this in all world-history; no other illusion has proved such a pitfall for well-nigh the whole of mankind. Before the war, when I spoke in the Helsingfors Lecture Course1The Occult Foundations of the Bhagavad Gita. 28th May–5th June, 1913. of Woodrow Wilson's shortcomings—his fame was then just beginning—people were unwilling to understand when over and over again, wherever I had the opportunity of speaking, I indicated that the calamity looming ahead was by no means unconnected with the idolisation of Woodrow Wilson then going on in the world.

[ 17 ] Nun, jetzt nach unserem Weihnachtsimpuls ist die Zeit gekommen, wo über diese Dinge unbefangen gesprochen werden wird; wo auch über solche Dinge, welche unmittelbar wirksame Impulse sind, die Geschichtsbetrachtungen so angestellt werden sollen. Denn Esoterik soll durchziehen unsere ganze anthroposophische Bewegung, so daß sich enthüllt dasjenige, was unter dem Schleier des äußeren physischen Werdens verborgen ist. Gewachsen den Welterscheinungen, gewachsen dem, was zu tun ist, wird die Menschheit erst wieder werden, wenn sie in die Betrachtung des Karma eintritt und der einzelne Mensch sich selber wie auch die Weltgeschichte im Lichte des Karma schaut.

[ 17 ] Now, since the impulse of our Christmas Foundation, the time has come when such things will be spoken of openly and without reserve, when our studies of history will also be connected with matters that are potent impulses at this very time. Esotericism must permeate the whole Anthroposophical Movement in order that what lies hidden beneath the shroud of external history may be brought into the light of day. Men will not be equal to the task of coping with world-events nor of doing what needs to be done until they begin to study karma and until individuals learn to observe their own being, as well as world-history, in the light of karma.