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Supplements to Member Lectures
GA 246

6 December 1914, Stuttgart

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Supplements to Member Lectures, tr. SOL
  1. Nachträge zur Abteilung Mitgliedervorträge

71. Erlösung dem Erlöser

71. Salvation through the Savior

Die Innere Mission Von Richard Wagners Parsifal Im Zusammenhang Mit Der Aufgabe Der Fünften Kulturepoche

The Inner Mission of Richard Wagner’s Parsifal in Relation to the Task of the Fifth Cultural Epoch

[ 1 ] Aus der Dichtung Richard Wagners «Der Ring des Nibelungen» kann man erkennen, wie aus der ursprünglichen Weisheit der atlantischen Zeit herausgeboren wurde das Ich, das Selbstbewusstsein des fünften Zeitalters, unseres Zeitalters, und mit diesem verknüpft die Aufgabe, ein freies, selbstständiges, tüchtiges Ich zu werden und den Intellekt zur höchsten Entfaltung zu bringen. An den Intellekt muss sich zunächst der Egoismus knüpfen, das Sondersein, welches andererseits dem Menschen die persönliche Freiheit gibt, was ihn stark macht für den physischen Plan. Den Freiheitsimpuls erhielt der Mensch ursprünglich durch den Willen der Götter. Wotan, die Götter führten in entsagender Liebe den Menschen. Im «Ring» heißt es: «Wen ich liebe, lass’ ich für sich gewähren, er steh’ oder fall’, sein Herr ist er.»

[ 1 ] From Richard Wagner’s epic “The Ring of the Nibelung,” one can see how the “I”—the self-consciousness of the fifth age, our age—was born out of the original wisdom of the Atlantean era, and how linked to this is the task of becoming a free, independent, capable “I” and bringing the intellect to its highest development. Egoism must first be linked to the intellect—that sense of individuality which, on the other hand, grants human beings personal freedom, making them strong for the physical plane. Human beings originally received the impulse toward freedom through the will of the gods. Wotan and the gods guided humanity with self-sacrificing love. In The Ring, it is written: “Whom I love, I let be to himself; let him stand or fall—he is his own master.”

[ 2 ] Das Freiheitsprinzip muss da sein, um den Menschen die Möglichkeit zu geben, aus vollständig freier Willensentschließung heraus den Weg zur Gottheit wieder zurückzufinden, ganz unabhängig von jeglichem höheren göttlichen Willen oder irgendwelcher göttlichen Beeinflussung. Herausgeboren wurde aus der Weisheit, aus der ursprünglich reinen Flamme, was dargestellt ist im Rheinstrom, das Verstandeswissen. Der Intellekt ist dargestellt im Gold, das aber ursprünglich bei den Rheintöchtern noch reine, lautere Kraft war. Herausgeboren ist das Ich des Menschen mit seinem Denken, Fühlen und Wollen aus dem Rheinstrom, aus dem Seelischen: Der Mensch war immer ein Teil des Gottes.

[ 2 ] The principle of freedom must exist to give human beings the opportunity to find their way back to the Divine through a completely free exercise of their will, entirely independent of any higher divine will or any divine influence. Intellectual knowledge was born from wisdom, from the originally pure flame, which is represented by the Rhine River. The intellect is represented by gold, which, however, was originally still a pure, unadulterated force among the Rhine Maidens. The human “I,” with its thinking, feeling, and willing, was born from the Rhine River, from the soul: Man has always been a part of God.

[ 3 ] Im [Es]-Dur-Akkord stellt uns Richard Wagner hin das Schaffen und Wirken der Gottheit in der Welt der seelischen Kräfte. In dem Grundton der Terz, der Quint, die schon in Bewegung ist, in dem Dreiklang haben wir das, was in figurierter Bewegung schafft, webt und wirkt. In diesem Dreiklang lebt und wirkt das Göttliche und in dieser göttlichen Dreiheit lebt das göttliche Ich selbst wirkend; was zugrunde liegt, ist Weisheit, ist heiliger Geist. Göttliche Weisheit durchzieht den Astralplan. Und heute wirkt sie vom Mittelpunkt der Erde aus in den dichtesten Kräften, um die Erde wieder zu vergeistigen, aufzulösen das, was zusammengepresst, eingeengt ist durch das Sondersein. Aufgelöst wird der Ring des Egoismus wieder durch jene Liebeskräfte, die hereinkamen durch die Liebestat, die sich vollzog im Mysterium von Golgatha. Davon weiß Brunhilde. Sie weiß, dass das Liebesfeuer des Geistes den Ring vom Fluche reinigt, dass dieses Feuer den Egoismus verbrennt, dass das Gold, der Intellekt geläutert wird vom Egoismus, dass er aufgelöst werden muss in Weisheit. Herausgeboren aber aus der Weisheit wird die selbstlose Liebe. Erlöst vom Zwange des irdischen Reiches wird das Ich im Wasser und Feuer der reinen astralischen Kräfte, der Kräfte des Geistes, und es muss wieder zurückgegeben werden dem ursprünglich reinen Feuer- und Wasserelemente.

[ 3 ] In the E-flat major chord, Richard Wagner presents to us the creation and workings of the Divine in the world of spiritual forces. In the fundamental tone, the third, and the fifth—which is already in motion—within the triad, we find that which creates, weaves, and works through figurative movement. The divine lives and works within this triad, and within this divine trinity, the divine Self lives and works; what underlies it all is wisdom, is the Holy Spirit. Divine wisdom permeates the astral plane. And today it works from the center of the Earth within the densest forces to re-spiritualize the Earth, to dissolve that which has been compressed and constricted by separateness. The ring of egoism is dissolved once again by those forces of love that entered through the act of love that took place in the Mystery of Golgotha. Brunhilde knows this. She knows that the fire of love from the Spirit purifies the ring from the curse, that this fire burns away egoism, that gold—the intellect—is purified of egoism, and that it must be dissolved in wisdom. But selfless love is born of wisdom. Freed from the constraints of the earthly realm, the “I” is reborn in the water and fire of the pure astral forces—the forces of the spirit—and must be returned to the originally pure elements of fire and water.

[ 4 ] Das persönliche Ich soll dazu kommen, sich dem Göttlichen wie eine Blüte zu erschließen, wie eine Blüte sich dem Sonnenstrahle erschließt. Das fünfte Zeitalter, das das reife Ich hervorbringt, muss Anschluss finden wiederum an das Göttliche, soll die Fortentwicklung der Menschheit nicht zur Verhärtung des Ich führen. Wir sind in der jetzigen Zeitentwicklung da angelangt, wo durch die ernste Zeit, in der wir jetzt stehen, die Prüfungen einsetzen, die uns durch Läuterungen führen, die uns so führen müssen, dass das Sondersein nach und nach wiederum sich auflöst. Wenn wir unsere kleinen Sonderinteressen, unsere selbstsüchtigen Ich-Interessen ein wenig opfern können den großen Weltinteressen, dann wird das geschehen können, was geschehen muss. Die fünfte Kulturepoche soll ein verinnerlichtes Christentum zeitigen, das frei ist von jenen Einflüssen, die egoistischer Natur sind. Das wahre Christentum soll zeigen, dass es der menschlichen Seele möglich ist, sich über das zu erheben, was die Seele im Denken, Fühlen und Wollen erniedrigt. Denn der wahre Mensch ist erniedrigt von Begierden und Leidenschaften der niederen Natur einerseits; der Mensch erniedrigt sich aber auch selbst, wenn er das Beste, das er besitzt, den Geist, erniedrigt, wenn er ihn zu niedrigen Zwecken missbraucht, zu Zwecken, die nur persönlicher Machtvergrößerung dienen. Das Töten einer SiegfriedNatur, das Spirituelle eines Baldur, wurde als tiefe Tragik von unseren germanischen Vorfahren empfunden. Siegfried-Baldur konnte noch nicht gewappnet sein, diejenigen finsteren Mächte zu besiegen, die in der Götterdämmerung geschildert sind, die dieselbe herbeiführen. Er konnte noch nicht das Ahrimanische, das ihm in Hagen entgegentritt, besiegen, durchschauen; er konnte noch nicht in sich besiegen das Egoistisch-Luziferische. Denn Siegfried hätte erkennen müssen, dass er den Ring den Rheintöchtern hätte zurückgeben müssen; er hätte Loge-Luzifer zu Ende hören müssen, der sagte, dass der Ring zurückgegeben werden müsse. Zu Ende hören wir ihn, wenn wir gelernt haben, Gutes und Böses zu unterscheiden, und wenn der Intellekt wieder einmündet in Weisheit. Aber der Mensch soll lernen, Luzifer widerstehen zu können in seinen Versuchen. Luzifer führt allerdings in negativer Weise - dadurch, dass der Mensch sich an ihm erkraftet, dass der Mensch ihn durchschauen lernt, den Menschen wieder zu erkennender Weisheit zurück. Luzifer ist gefährlich da, wo die menschlichen Leidenschaften sprechen: im Denken, Fühlen und Wollen; der Mensch muss ihn überwinden. Überwinden muss er das egoistische Ich-Verlangen im Denken, Fühlen und Wollen.

[ 4 ] The personal “I” must come to open itself to the Divine like a flower, just as a flower opens itself to a ray of sunlight. The fifth age, which brings forth the mature “I,” must once again find a connection to the Divine, lest the further development of humanity lead to a hardening of the “I.” In the current course of history, we have reached a point where, through the serious times in which we now find ourselves, trials are beginning that lead us through a process of purification—a process that must guide us in such a way that our sense of separateness gradually dissolves once more. If we can sacrifice our petty self-interests, our selfish “I” interests, a little for the sake of the greater interests of the world, then what must happen will be able to happen. The fifth cultural epoch is to bring forth an internalized Christianity that is free from influences of an egoistic nature. True Christianity is to show that it is possible for the human soul to rise above that which debases the soul in its thinking, feeling, and willing. For the true human being is debased by the desires and passions of the lower nature on the one hand; but the human being also debases himself when he debases the best he possesses—the spirit—by misusing it for base purposes, for purposes that serve only to increase personal power. The slaying of a Siegfried-like nature—the spiritual essence of a Baldur—was perceived as a profound tragedy by our Germanic ancestors. Siegfried-Baldur was not yet equipped to defeat those dark forces depicted in Götterdämmerung, the very forces that bring about the twilight of the gods. He was not yet able to defeat or see through the Ahrimanic force that confronted him in Hagen; he was not yet able to overcome the egoistic-Luciferic within himself. For Siegfried should have realized that he was supposed to return the Ring to the Rhine Maidens; he should have listened to Loge-Lucifer to the end, who said that the Ring must be returned. We hear him through to the end when we have learned to distinguish between good and evil, and when the intellect once again flows into wisdom. But human beings must learn to resist Lucifer in his temptations. Lucifer, however, leads in a negative way—by enabling human beings to draw strength from him, by helping them learn to see through him, and by guiding them back to wisdom that they may once again recognize. Lucifer is dangerous where human passions are at work: in thinking, feeling, and willing; human beings must overcome him. They must overcome the egoistic “I” desire in thinking, feeling, and willing.

[ 5 ] Warum schützte das Schwert Nothung Siegfried nicht vor Hagens Tücke? In den vier Einzelwerken - «Rheingold», «Walküre», «Siegfried» und «Götterdämmerung» — hat man einen Abstieg bis zur verfestigten Erde, bis der Mensch persönliches Ich wurde. Siegfried stieg ab bis zur letzten Phase, bis zum persönlichen Ich. Die alte Weisheit ging ihm verloren, eine neue besaß er noch nicht, darum konnte er die Gewalten noch nicht besiegen, die gerade dem persönlichen Ich Gefahr bringen. Er hatte sozusagen die letzten Reste alter Weisheit, die man beim Übergang vom Stammesbewusstsein zum persönlichen Ich noch hatte - auch diese geht ihm verloren, die nützt ihm nichts mehr. Die Menschen, die die vierte Phase voll durcherlebt haben voll erlebte Siegfried die vierte Phase nicht, er ist ein Mensch der Übergangszeit -, haben dieses Bewusstsein nicht mehr, in uns ist es finster geworden. Zwar haben wir Grane, das Ross, die Erdenklugheit. Aber diese schützt nicht genügend vor den finsteren Mächten. Und auch das Schwert alter Einweihungskräfte, alter Weisheit und Erkenntnis, die jetzt bei Siegfried zurückgehen, kann Siegfried nicht schützen vor dem, was der jetzt aufkommende Intellekt an Gefahren bringt — daher musste er den finsteren Mächten erliegen. Das Spiritwuelle und Lichtvolle alter Zeiten geht unter - die tückischen Ränke des Hagen siegen. Aber auch diesen ereilt sein Schicksal, auch er muss durch die Rheintöchter, die ihn in die Tiefe ziehen, den Weg zur Katharsis, zur Läuterung zurück einschlagen, und dieser führt in die Tiefen seiner eigenen Seele. Baldur-Siegfried muss überwunden werden durch die finsteren Mächte, die im Egoismus ihren Sitz haben. Und schlimm wäre es der Menschheit ergangen, wenn das Mysterium von Golgatha nicht eingetreten wäre, wenn nicht eingezogen wäre in die wunderbare reine Hülle des Jesus von Nazareth, die der große Meister Zarathustra-Jesus durcharbeitete und vergeistigte, der Christus-Jesus. Der Christus-Jesus musste sterben wie Baldur, wie Siegfried gestorben sind. Aber er, der Christus, überwand die finsteren Gewalten. Daher haben wir für alle Zeiten der Entwicklung durch das Mysterium von Golgatha jetzt die Gewähr durch die Kräfte, die seitdem in uns gelegt sind, die finsteren Mächte, die im Egoismus ihren Sitz haben, zu überwinden durch die Kräfte des höheren Ich, das in uns gelegt ward, keimhaft, indem wir es wecken - Herr zu werden über den Egoismus. Nur der unberechtigte Egoismus ist es, der uns furchtbar wird, wie er sich zeigt als Sinnlichkeit, Machtgier, Größenwahn oder Eitelkeit des persönlichen Ich.

[ 5 ] Why did the sword Nothung not protect Siegfried from Hagen’s treachery? In the four individual works—“Rheingold,” “Valkyrie,” “Siegfried,” and “Götterdämmerung”—we witness a descent down to the solid earth, until humanity became the personal self. Siegfried descended to the final phase, to the personal “I.” He had lost the ancient wisdom, and he did not yet possess a new one; therefore, he could not yet overcome the forces that pose a danger precisely to the personal “I.” He possessed, so to speak, the last remnants of ancient wisdom that one still had during the transition from tribal consciousness to the personal “I”—but even these are lost to him; they are of no use to him anymore. People who have fully lived through the fourth phase—Siegfried did not fully experience the fourth phase; he is a man of the transitional period—no longer possess this consciousness; within us, it has grown dark. True, we have Grane, the horse, and earthly wisdom. But these do not provide sufficient protection against the dark forces. Nor can the sword of ancient initiatory powers, ancient wisdom, and insight—which are now waning within Siegfried—protect him from the dangers posed by his emerging intellect; thus, he was bound to succumb to the dark forces. The spiritual and luminous essence of bygone ages is fading—Hagen’s treacherous schemes prevail. But fate also overtakes him; he, too, must turn back onto the path to catharsis, to purification, through the Rhine Maidens who pull him into the depths—and this path leads into the depths of his own soul. Baldur-Siegfried must be overcome by the dark forces that have their seat in selfishness. And humanity would have fared badly had the Mystery of Golgotha not taken place, had Christ Jesus—the great Master Zarathustra-Jesus, who worked through and spiritualized the wondrous, pure form of Jesus of Nazareth—not entered that form. Christ Jesus had to die just as Baldur and Siegfried had died. But he, the Christ, overcame the dark forces. Therefore, for all time, through the Mystery of Golgotha, we now have the assurance—through the powers that have been placed within us ever since—that we can overcome the dark forces that have their seat in selfishness through the powers of the higher Self, which was planted within us in embryonic form, by awakening it—to become masters over selfishness. It is only unwarranted egoism that becomes a terrible force to us, as it manifests itself as sensuality, lust for power, megalomania, or the vanity of the personal “I.”

[ 6 ] Das ist, was wir lernen müssen von Richard Wagner: Nirgends in der okkulten Schulung ist Gefahr, seitdem sich das Mysterium von Golgatha vollzogen hat, als dort, wo dieser Egoismus spricht. Wenn wir ihn überwinden, und wir können ihn überwinden, gehen wir gefahrlos durch die okkulte Schulung. Aber wir können uns frei entschließen, welche Wege wir einschlagen wollen. Wir haben das Denken bekommen, um frei aus eigener Einsicht handeln zu können.

[ 6 ] This is what we must learn from Richard Wagner: Nowhere in occult training has there been any danger—since the Mystery of Golgotha was fulfilled—except where this egoism speaks. If we overcome it—and we can overcome it—we will pass safely through occult training. But we are free to decide which paths we wish to take. We have been given the power of thought so that we may act freely according to our own insight.

[ 7 ] Wir sollen aber das Denken auch in Bezug auf das moralische Element freihalten von ahrimanischen und luziferischen Einschlägen, dann kann es dazu gelangen, einzusehen in Erkenntnis diejenigen Wege, die einzuschlagen sind. Wenn wir das wahrhaft Menschliche verwirklichen wollen, müssen wir in Bezug auf das Moralische, von unserem Ich aus, unsere Seele lernen in ihren drei Gliedern zu betrachten in mutiger Selbsterkenntnis, und durchschauen lernen, was die Gefahren und das Gute in Denken, Fühlen und Wollen sind. Der Christus hat über die finsteren Mächte gesiegt im Mysterium von Golgatha, über alles, was durch den Sündenfall hereingekommen ist in den Menschen. Der Sündenfall war nötig, um den Menschen zur Freiheit zu führen und sich entweder der Gottheit zu erschließen oder das Sondersein weiterzuführen.

[ 7 ] But we must also keep our thinking—especially with regard to the moral element—free from Ahrimanic and Luciferic influences; only then can we come to recognize, through insight, the paths we must take. If we wish to realize what is truly human, we must, with regard to morality and from the perspective of our “I,” learn to view our soul in its three parts with courageous self-knowledge, and learn to discern the dangers and the good in thinking, feeling, and willing. Christ triumphed over the dark forces in the Mystery of Golgotha, over everything that entered into human beings through the Fall. The Fall was necessary to lead human beings to freedom and to enable them either to open themselves to the Divine or to continue on the path of separateness.

[ 8 ] Die Gottheit hat das Denken gegeben, damit wir unterscheiden lernen das Gute und Böse. Aber dazu müssen wir das Denken zu Ende denken, wollen wir in Wirklichkeit das Gute und Böse unterscheiden lernen. Man denkt das Denken zu Ende, indem man sich bewusst wird, dass es sich aufschließen muss der Gottheit. Dazu muss das Denken geläutert werden; denn aus der Läuterung der Seelenkräfte geht hervor das Geistselbst, Manas. Die Gottes-Weisheit, die ein Teil des göttlichen Selbstes ist, geht hervor. Weisheit, die eine Einheit ist mit dem Lebensgeist, dem Geiste spiritueller Liebe und dem Geistesmenschen, der spiritueller Wille ist. Das ist es, was wir verstehen müssen, dass Gottesweisheit etwas ist, was wir erringen können, wenn wir die Wege wirklich gehen, die führen zunächst zu der Befreiung des Denkens vom Egoismus. Sonst gehen wir die Wege, die zur Ich-Verhärtung führen. Volle Gottes-Weisheit ist aber nur zu erlangen, indem wir die ganze Seele reinigen von Selbstsucht, auch im Fühlen und Wollen.

[ 8 ] The Deity has given us the power of thought so that we may learn to distinguish between good and evil. But to do so, we must think thought through to its conclusion if we truly wish to learn to distinguish between good and evil. One thinks thought through to its conclusion by becoming aware that it must open itself to the Deity. To do this, thought must be purified; for from the purification of the soul’s powers emerges the Spirit-Self, Manas. Divine wisdom, which is a part of the divine Self, emerges. Wisdom that is one with the Life-Spirit, the spirit of spiritual love, and the Spirit-Man, who is spiritual will. This is what we must understand: that divine wisdom is something we can attain if we truly walk the paths that lead, first and foremost, to the liberation of thought from egoism. Otherwise, we walk the paths that lead to the hardening of the ego. Full divine wisdom, however, can only be attained by purifying the entire soul of selfishness, including in our feelings and will.

[ 9 ] Aufgabe der fünften Kulturepoche ist, zunächst das Denken zu entwickeln und zweitens das Denken vom Egoismus zu befreien. Die Läuterung des Willens besteht darin, dass man sich den guten Willen erringt, der hinauf zur Gottes-Weisheit führt, denn: «Selig sind, die eines guten Willens sind.» Gottseligkeit ist das Ende dieses Weges, der allerdings den Willen mehr und mehr zu schweren Prüfungen hinführt. Aber schließlich wird sich aus der Läuterung des Denkens, Fühlens und Wollens ergeben müssen spirituelles Denken, spirituelles Wollen, die Gottseligkeit.

[ 9 ] The task of the fifth cultural epoch is, first, to develop thinking and, second, to free thinking from egoism. The purification of the will consists in attaining the good will that leads upward to divine wisdom, for: “Blessed are those who are of good will.” Godliness is the goal of this path, which, however, leads the will more and more toward severe trials. But ultimately, the purification of thinking, feeling, and willing must result in spiritual thinking, spiritual willing, and godliness.

[ 10 ] Gewinnen wir den guten Willen, mit dem schon jetzt begonnen werden sollte, dann reinigen wir das Ich vom Egoismus, dann werden wir selbst ein Teil der erbarmenden Liebe, indem wir uns verbinden mit dem, was selbst die erbarmende Liebe ist, indem wir unser kleines Ich werden lassen ein Abbild des großen Ich. Und diese spirituelle Liebe wird immer verbunden sein mit Weisheit.

[ 10 ] If we cultivate the goodwill that should already be beginning now, then we purify the self of selfishness; then we ourselves become a part of compassionate love by connecting with that which is compassionate love itself, by allowing our small self to become a reflection of the great Self. And this spiritual love will always be connected with wisdom.

[ 11 ] Das ist alles gegeben im «Parsifal». Das wahre Christentum muss aufblühen aus der fünften, der germanischen Kulturepoche. Was sich aus den geistigen Welten immer tiefer heruntersenkt auf das gereifte Ich, was sich immer tiefer einsenkt, sich immer mehr mit dem gereiften Ich verbindet, das nennen wir Gnade. Der Unterschied zwischen Parsifal und Siegfried ist: Siegfried konnte sich nicht schützen gegen die finsteren Hagen-Mächte. Parsifal ist im ersten Teil ähnlich wie Siegfried. Parsifal kommt mit seiner Reinheit, seiner Unschuld in das Gebiet des Grals; der Menschheit erscheint er als ein Tor, denn wie sollte die Welt verstehen, dass dieser Tor weiser ist als sie? Vielleicht durfte solch ein Tor, mehr als die Welt es vermag, die tiefe Bedeutung der Worte wissen, die Wotan an Mime richtete dort, wo er als Wanderer Einkehr bei Mime hält: «Mancher wähnte weise zu sein, nur was ihm nottut, wusste er nicht.» Kindlich erscheint uns solch eine Parsifal-Seele. Parsifal hätte ohne diese Kindlichkeit, die der Welt Torheit ist, die ihr aber nottäte, nicht in das Gralsgebiet kommen können.

[ 11 ] All of this is present in Parsifal. True Christianity must blossom from the fifth, the Germanic, cultural epoch. What descends ever deeper from the spiritual worlds onto the mature ego—what sinks ever deeper and unites ever more closely with the mature ego—that is what we call grace. The difference between Parsifal and Siegfried is this: Siegfried could not protect himself against the dark forces of Hagen. In the first part, Parsifal is similar to Siegfried. Parsifal enters the realm of the Grail with his purity and innocence; to humanity, he appears as a fool, for how could the world understand that this fool is wiser than they are? Perhaps such a fool, more than the world is capable of, was allowed to know the deep meaning of the words Wotan addressed to Mime when he stopped at Mime’s as a wanderer: “Many a man thought himself wise, yet he did not know what he truly needed.” Such a Parsifal soul seems childlike to us. Without this childlikeness—which the world regards as folly, yet which it so desperately needs—Parsifal could not have entered the realm of the Grail.

[ 12 ] Was ist das Gralsgebiet? Es ist in gewisser Weise dasselbe, was jener Wald ist, in dem Siegfried den Drachen erlegt. Es ist die elementarisch-astralische Welt, in der die Gralsburg gesucht wird. Klingsor, der Gegner der Gralsbruderschaft, ist eine Wesenheit, die ähnlich ist den Mächten, die im Egoismus des Menschen ihre Wirksamkeit entfalten können, und wie es Alberich und Hagen auch waren.

[ 12 ] What is the Grail region? In a certain sense, it is the same as the forest in which Siegfried slays the dragon. It is the elemental-astral world in which the Grail Castle is sought. Klingsor, the adversary of the Grail Brotherhood, is a being similar to the forces that can exert their influence through human selfishness—just as Alberich and Hagen were.

[ 13 ] Amfortas ist zunächst nicht so weit fortgeschritten, dass er imstande wäre, Klingsor zu besiegen. Große Heiligtümer werden in der Gralsburg verwahrt, deren Hüter Amfortas ist. Der heilige Speer wird beim Kampfe Amfortas von Klingsor entrissen, dadurch dass Amfortas unterliegt der verführerischen Frau, die eine schlimme Wesenheit ist, die als schlimme Kraft in der Seele wirksam sein kann auch sie wirkt im Egoismus des Menschen. Man kann sie Venus oder Paradies nennen, denn Luzifer und Ahriman sind in ihr verwoben, vermengt. Diese Kundry wird uns von Richard Wagner so geschildert, dass sie bei Tagesbewusstsein den Gralsrittern dient, bei nächtlichem Bewusstsein, da, wo ihr Ich nicht frei ist, durch die Unlauterkeit ihres Ich im Zwange Klingsors steht, ungewollt ist sie nächtlicherweise Klingsor verfallen. So erscheint sie wie die Seele, die zwischen Gut und Böse hin- und herschwankt und nicht mehr Herr wird über das Böse. Amfortas wollte den Zauberer, den Schwarzmagier mit den göttlichen Kräften des Speeres besiegen, verfiel aber der Gewalt der Kundry. Er war also nicht reif, nicht zur vollen Höhe der Läuterung des Ich gelangt. Er konnte den Egoismus, der seinen Sitz in der Begehrlichkeit hat, noch nicht überwinden. Es fehlte an der Reinheit des Ich.

[ 13 ] At first, Amfortas is not yet advanced enough to be able to defeat Klingsor. Great sacred objects are kept in the Grail Castle, of which Amfortas is the guardian. During the battle, Klingsor snatches the Holy Spear from Amfortas, causing Amfortas to succumb to the seductive woman, who is an evil entity capable of acting as a dark force within the soul—and she also operates through human selfishness. She may be called Venus or Paradise, for Lucifer and Ahriman are interwoven and mingled within her. Richard Wagner portrays this Kundry in such a way that, in her daytime consciousness, she serves the Knights of the Grail; but in her nighttime consciousness—where her “I” is not free—she is held captive by Klingsor due to the impurity of her “I,” and thus, unwittingly, she falls prey to Klingsor at night. Thus she appears as the soul that vacillates between good and evil and can no longer master the evil. Amfortas wanted to defeat the sorcerer, the practitioner of black magic, with the divine powers of the spear, but fell prey to Kundry’s power. He was therefore not yet mature; he had not reached the full height of the purification of the “I.” He was not yet able to overcome the egoism rooted in desire. He lacked the purity of the “I.”

[ 14 ] Einer sollte kommen, «der reine Tor, durch Mitleid wissend». Dieser sollte aber die volle Kraft und Reife des Ich bringen. Parsifal hatte einen Schwan getötet. Diese Schwanen-Tötung hat viel zu sagen. Hat doch das persönliche Ich noch immer durch seinen Egoismus das Spirituelle, das sich im Schwan darstellt, getötet. Parsifal lernt im brechenden Blick des Schwans, was es heißt, zu töten. Er lernt, Mitleid und Liebe zu haben gegenüber der Tierwelt, der der Mensch verschuldet ist; er erkennt, was es heißt, Schmerz zu verursachen.

[ 14 ] One was to come, “the pure fool, wise through compassion.” But this one was to bring the full power and maturity of the “I.” Parsifal had killed a swan. This killing of the swan has much to say. After all, the personal “I” has always killed the spiritual—represented by the swan—through its selfishness. In the swan’s breaking gaze, Parsifal learns what it means to kill. He learns to have compassion and love for the animal world, to which humankind is indebted; he realizes what it means to cause pain.

[ 15 ] Eine zweite Lektion muss er lernen durch die Fragen, die ihm Gurnemanz stellt. Parsifal weiß keine zu beantworten. Doch auf das «Melde, was du weißt, denn etwas musst du doch wissen», antwortet er: «Ich habe eine Mutter, Herzeleide sie heißt.» Ohne diese Mutter kommt der Mensch nicht in das Gralsgebiet, ja, er kommt auch nicht hin, ohne dass er Prüfungen durchmacht, die ihm Herzeleid bringen. Was ist also Herzeleide, die Mutter? Kundry kennt sie, sie teilt ihm mit, dass seine Mutter aus Gram über sein Weggehen gestorben ist. Es ist dies etwas, was jeder Mensch tut, unwissenderweise. Jeder von uns ist dieser Mutter entlaufen. In der ursprünglichen Sage wird erzählt, wie Parsifal beim Einsiedler lernt, dass einer seine Mutter nicht verlassen habe. Parsifal hat die Mutter Sophia verlassen, die göttliche Weisheit, die immer zusammenhängt mit Herzeleide. Letztere ist die alte vorchristliche Weisheit, die Mutter des persönlichen Ich. Diese göttliche Weisheit erstirbt, wenn der Mensch das persönliche Ich gewinnt. Die alte göttliche Weisheit haben wir verlassen, die neue Gottesweisheit haben wir noch nicht zu uns genommen; die müssen wir erst erlangen. In neuer Weise müssen wir die Mutter zu uns nehmen. Dies wird gesagt von Johannes, dem Jünger, den der Herr lieb hatte. Am Kreuz nimmt er die Mutter zu sich, die göttliche Weisheit, die jetzt eine neue, verchristete Weisheit ist, die aber mit Herzeleid wiedergewonnen wird. Siegfried erlebte die persönliche Ich-Werdung nicht voll und ganz. Dagegen hat Parsifal, obschon er auf ein Haar dem Siegfried gleicht, dieses persönliche Ich. Er kommt in Bezug auf diese neue Weisheit zunächst gänzlich unwissend in das Gralsgebiet. Parsifal steht im fünften Unterzeitalter. Siegfried im Übergang von der dritten zur vierten Kulturepoche. Parsifal musste die Mutter, die alte Weisheit, verlassen, um selbstständig zu werden. Herausgeführt wird der Mensch aus der alten Weisheit zum persönlichen Ich. Parsifal hatte viele Namen, doch weiß er deren keinen mehr. Er hatte viele Inkarnationen durchgemacht, in welchen er immer andere Namen hatte, er weiß aber nichts mehr davon. Der persönliche Mensch weiß nichts mehr davon, dass er schon viele Male da war und immer andere Namen getragen hat.

[ 15 ] He must learn a second lesson through the questions Gurnemanz asks him. Parsifal cannot answer any of them. But when told, “Tell me what you know, for surely you must know something,” he replies: “I have a mother; her name is Herzeleide.” Without this mother, a person cannot enter the Grail realm; indeed, he cannot reach it without undergoing trials that bring him “Herzeleide.” What, then, is “Herzeleide,” the mother? Kundry knows her; she tells him that his mother died of grief over his departure. This is something every human being does, unwittingly. Each of us has run away from this mother. The original legend tells how Parsifal learns from the hermit that one man had not abandoned his mother. Parsifal has abandoned his mother Sophia, the divine wisdom that is always connected with Herzeleide. The latter is the ancient pre-Christian wisdom, the mother of the personal self. This divine wisdom dies when a person attains the personal self. We have left behind the old divine wisdom; we have not yet taken the new divine wisdom into ourselves; we must first attain it. We must take the Mother into ourselves in a new way. This is spoken of by John, the disciple whom the Lord loved. On the cross, he takes the Mother into himself—the divine wisdom, which is now a new, Christianized wisdom, but which is regained through heartache. Siegfried did not fully experience the development of the personal “I.” Parsifal, on the other hand, although he resembles Siegfried to a T, possesses this personal “I.” With regard to this new wisdom, he initially enters the Grail realm in a state of complete ignorance. Parsifal stands in the fifth sub-age. Siegfried is in the transition from the third to the fourth cultural epoch. Parsifal had to leave the Mother—the ancient wisdom—in order to become independent. The human being is led out of the ancient wisdom toward the personal “I.” Parsifal had many names, yet he no longer remembers any of them. He had undergone many incarnations, in which he always bore different names, but he no longer knows anything about them. The personal human being no longer knows that he has been here many times before and has always borne different names.

[ 16 ] Die Gesundung des Amfortas verquickt sich mit der Entwicklung des Parsifal. Es gibt zwei Wege, den Amfortas- und den Parsifal-Weg, welche die Menschheit vor sich hat. Beide müssen sich vereinigen, wenn die Gesundung der Seele erreicht werden soll.

[ 16 ] Amfortas’s healing is intertwined with Parsifal’s development. There are two paths—the path of Amfortas and the path of Parsifal—that lie before humanity. Both must come together if the healing of the soul is to be achieved.

[ 17 ] Amfortas erscheint uns als ein Leidbehafteter, der seelisch krank ist vom Speer. Was ist der Speer? «Wer meines Speeres Spitze fürchtet, durchschreitet das Feuer nie.» Des Speeres Spitze ist zu fürchten für den, der die Waberlohe noch nicht durchschreiten kann. Ein solcher ist Amfortas. Er verfällt dem Begierdenelement, der Kundry, die im Reich des Verlangens wohnt. Er muss des Speeres Spitze fürchten, sie verletzt ihn. Er krankt an ihr seelisch und körperlich. Der Speer wird uns geschildert als der göttliche Liebespeer, als die Sonnenlanze der Gottheit. Wie Sonnenstrahlen, die den Menschen durchstechen, so wirkt geistig die Speeresspitze. Die Gottheit mit ihrem lichten Glanze beleuchtet dem Menschen das eigene Unvollkommene. Doch nicht die Gottheit ist es, die etwa den Menschen bestrafen würde, sondern der Mensch richtet sich selbst, er kommt durch die Lichtkräfte des Speeres zur Selbsterkenntnis. In dieser Lage ist Amfortas. Er muss erkennen, dass er, der auserwählte Hüter des Grales, das Göttliche nicht ertragen kann, weil er nicht genügend geläutert ist, weil er nicht die Waberlohe, das Feuer der Leidenschaft, gefahrlos durchschreiten kann. Das ist die Wunde, dass er sich sagen muss: Ich muss denjenigen, die rein sind in der Gralsburg, das Heiligtum enthüllen, und ich bin unwürdig dies zu tun. Klingsor benützte die schöpferischen Kräfte des Speeres in selbstsüchtiger Art, und das ist das Furchtbare. Der Egoismus darf nicht solche Kräfte besitzen, denn das wäre furchtbar für das Weltgeschehen. Dieser Kampf ist im Weltgeschehen noch nicht ausgefochten und wird so lange da sein, bis sich einst alle Menschen zum Guten entschieden haben werden.

[ 17 ] Amfortas appears to us as a man afflicted by suffering, whose soul is sickened by the spear. What is the spear? “Whoever fears the tip of my spear shall never pass through the fire.” The tip of the spear is to be feared by those who cannot yet pass through the swirling flames. Amfortas is such a person. He succumbs to the element of desire, to Kundry, who dwells in the realm of longing. He must fear the spear’s point; it wounds him. He suffers from it both spiritually and physically. The spear is described to us as the divine spear of love, as the sun-lance of the deity. Just as the sun’s rays pierce through a person, so does the spear’s tip act spiritually. The divinity, with its radiant splendor, illuminates a person’s own imperfections. Yet it is not the divinity that would punish the person; rather, the person judges himself—he attains self-knowledge through the light forces of the spear. This is the situation Amfortas finds himself in. He must recognize that he, the chosen guardian of the Grail, cannot bear the divine because he is not sufficiently purified—because he cannot safely pass through the swirling flame, the fire of passion. This is the wound: he must tell himself, “I must reveal the sanctuary to those who are pure within the Grail Castle, and I am unworthy to do so.” Klingsor used the creative powers of the spear in a selfish manner, and that is what is so terrible. Selfishness must not possess such powers, for that would be disastrous for the course of world events. This struggle has not yet been fought to a conclusion in the course of world events and will continue until all people have ultimately chosen the path of good.

[ 18 ] Parsifal muss Gurnemanz eine Enttäuschung bereiten dadurch, dass er erst jetzt lernt, die Lehre vom Mitleid, den achtfachen Pfad zu gehen. Parsifal hätte an den Kranken eine wichtige Frage stellen sollen: «Was fehlt euch, Oheim?» Er hätte Mitleid haben sollen und zugleich (denn sonst hat die Frage keinen Sinn) die helfenden Kräfte besitzen, die im Speer liegen. Aber diesen besitzt er ja nicht. Er muss sich denselben erst erobern. «Der deine Wund’ durfte schließen, ihm sch’ ich heiliges Blut entfließen.» Der Speer trägt die helfenden, heilenden Kräfte in sich. Unter der Anrede «Oheim» soll zum Ausdruck gebracht werden, dass Parsifal in der Gralsburg bei seinen geistigen Verwandten ist, das heißt bei seinen Geistesbrüdern. Er weiß aber nicht, dass Amfortas sein geistiger Bruder ist, ein Bruder, der höher steht im geistigen Range und daher mit Oheim angeredet werden soll. Er erkennt also seinen geistigen Bruder nicht. So weiß Parsifal auch nicht, dass Titurel sein Großvater ist, Titurel, der greise Erbauer der Gralsburg, der in den höheren Welten ja wirklich da ist, ja wirklich aufgefunden werden kann, wenn der Blick hellseherisch erkennend dorthin gelenkt wird; er ist immer den Gralsbrüdern der große Ahne, der große Meister. Parsifal darf durch seine Unschuld eingehen in die Gralsburg, darf die Mysterien erleben, den kranken König in seinen Schmerzen sehen. Es enthüllt sich ihm der heilige Gral: «Das heilige Blut erglüht». Er darf erleben die verjüngenden Kräfte, die sich auch auf ihn übertragen. So unwissend wie er ist, darf er doch schon die verjüngenden Kräfte erfahren, indem er schauen darf, wie der Kelch aufglüht, indem er mit empfangen darf das, was vom aufglühenden Kelch ausstrahlt. Das alles sieht er, aber er kann die Frage nicht stellen, er hat das Wissen nicht. Parsifal muss noch «Welterfahrung» lernen. Er muss durchschauen lernen, was Siegfried noch nicht konnte. Er muss die Tücke Klingsors und Kundrys besiegen: Ahriman- und Luzifer-Kräfte treten jetzt versuchend an ihn heran. Durch den Durchgang durch die Versuchung, durch die versuchenden Kräfte soll er erringen, was er noch nicht besitzt, aber nun erwerben soll. Kundry wird von Klingsor herbeibeschworen. Sie erscheint so, als wenn sie nicht recht physisch vorhanden wäre; fast durchsichtig erscheint sie, als wenn nur ihr Ich und Astralleib erschienen wären, traumhaft, schlafend, als wäre ihr Tagesbewusstsein nicht mit dabei. Dann wird sie künstlich wachgerufen unter dem Banne Klingsors. Man hat aber das Gefühl: Dieses alles, der gesamte zweite Akt spielt sich jetzt nicht auf dem physischen, sondern auf dem astralischen Plan ab. Es gelingt Klingsor, sie wachzurufen, sodass sie mit einem entsetzlichen Lachen in die Tiefe sinkt, um Parsifal zu versuchen. An diesem Lachen krankt Kundry. Dieses Lachen lachte sie einst, als der Heiland den Kreuzesgang ging. Wo Leichtsinn in der Seele wohnt, da ist dieses Lachen. Und immer lacht der Leichtsinn über das Reine, Unschuldige, Spirituelle. Den Blumenmädchen verfällt Parsifal nicht, und in dem Augenblick, als er Kundry verfallen könnte, die sich ihm in raffiniertester Weise naht, siegt Parsifal; in diesem Augenblick wird in ihm das Mitleid geboren. Jetzt fühlt er die entsetzlichen Schmerzen des Amfortas! Er versteht ihn, er fühlt sich jetzt hinein in die Seele des Gralskönigs, in die schmerzbehaftete Seele, und ruft aus: «Amfortas! Die Wunde, die Wunde, sie brennt in meinem Herzen!»

[ 18 ] Parsifal must disappoint Gurnemanz by only now learning to follow the path of compassion, the eightfold path. Parsifal should have asked the sick man an important question: “What ails you, Uncle?” He should have felt compassion and, at the same time (for otherwise the question makes no sense), possessed the healing powers that lie within the spear. But he does not possess it. He must first win it for himself. “That which might close your wound—from it I shall let holy blood flow.” The spear carries within it the helping, healing powers. The title “Uncle” is meant to express that Parsifal is in the Grail Castle among his spiritual kin, that is, among his spiritual brothers. But he does not know that Amfortas is his spiritual brother—a brother who ranks higher in the spiritual hierarchy and should therefore be addressed as “Uncle.” He therefore does not recognize his spiritual brother. Nor does Parsifal know that Titurel is his grandfather—Titurel, the aged builder of the Grail Castle, who truly exists in the higher worlds and can indeed be found there if one’s clairvoyant gaze is directed toward him; to the Grail Brothers, he is always the great ancestor, the great master. Through his innocence, Parsifal is permitted to enter the Grail Castle, to experience the mysteries, and to see the ailing king in his suffering. The Holy Grail reveals itself to him: “The holy blood glows.” He is allowed to experience the rejuvenating powers, which are also transferred to him. As ignorant as he is, he is nevertheless already permitted to experience the rejuvenating powers by being allowed to see how the chalice glows, by being allowed to receive what radiates from the glowing chalice. He sees all of this, but he cannot ask the question; he lacks the knowledge. Parsifal must still learn “worldly experience.” He must learn to see through what Siegfried was not yet able to do. He must overcome the treachery of Klingsor and Kundry: Ahriman and Lucifer forces now approach him to tempt him. By passing through the temptation, through the tempting forces, he is to attain what he does not yet possess but must now acquire. Kundry is summoned by Klingsor. She appears as if she were not quite physically present; she seems almost transparent, as if only her ego and astral body were visible—dreamlike, sleeping, as if her waking consciousness were not present. Then she is artificially roused under Klingsor’s spell. Yet one has the feeling that all of this—the entire second act—is now taking place not on the physical plane, but on the astral plane. Klingsor succeeds in rousing her, so that she sinks into the depths with a terrifying laugh to tempt Parsifal. Kundry is tormented by this laugh. She once laughed this very laugh when the Savior walked the Way of the Cross. Where frivolity dwells in the soul, there is this laughter. And frivolity always laughs at what is pure, innocent, and spiritual. Parsifal does not succumb to the flower maidens, and at the very moment when he might succumb to Kundry—who approaches him in the most cunning way—Parsifal triumphs; at that moment, compassion is born within him. Now he feels Amfortas’s terrible pain! He understands him; he now feels his way into the soul of the Grail King—into that pain-ridden soul—and cries out: “Amfortas! The wound, the wound—it burns in my heart!”

[ 19 ] Kundry versucht Parsifal, indem sie ihm die Mutter ins Gedächtnis ruft. Sie macht ihm den Vorwurf, den Tod der Mutter veranlasst zu haben, sodass er ausruft: «Ha, was alles vergaß ich noch? Was war ich je noch eingedenk? Nur dumpfe Torheit lebt in mir!» Kundry antwortet die versuchenden Worte: «Bekenntnis wird Schuld in Reue wenden, Erkenntnis im Sinn die Torheit wenden!» Kundry meint nicht die göttliche Erkenntnis. Alles, was die Versucherin sagt, ist verdreht, ist herumgedreht in sophistischer Weise, ist von Weiß zu Schwarz verdreht. Sie siegt jedoch nicht; denn gerade da ist der Moment, wo der Sieg erfochten wird, wo Parsifal die Schmerzen des anderen am eigenen Leibe spürt; da, wo die göttliche, die erbarmende Liebe in ihm geboren wird. Diese Schmerzen anderer am eigenen Leibe zu fühlen, darauf werden wir in der Gegenwart der Kriegszeit hingeführt, indem wir das Mantra zu üben haben:

[ 19 ] Kundry tempts Parsifal by reminding him of his mother. She accuses him of having caused his mother’s death, causing him to exclaim: “Ha, what else have I forgotten? What have I ever been mindful of? Only dull folly lives within me!” Kundry replies with these tempting words: “Confession will turn guilt into repentance; insight in the mind will turn folly around!” Kundry does not mean divine insight. Everything the temptress says is twisted, turned on its head in a sophistical manner, turned from white to black. Yet she does not triumph; for it is precisely there that victory is won, where Parsifal feels the pain of others in his own flesh; there, where divine, merciful love is born within him. To feel the pain of others in our own flesh—this is what we are led toward in the present time of war, as we are called to practice the mantra:

So lange du den Schmerz erfühlest,
Der mich meidet,
Ist Christus unerkannt
Im Weltenwesen wirkend.

As long as you feel the pain,
Which shuns me,
Christ remains unrecognized
Working within the fabric of the universe.

[ 20 ] Solange wir uns nicht einfühlen können in die Schmerzen anderer, so lange ist es nichts mit wahrem Christentum. So wird Parsifal durch Kundry in der Tat «welthellsichtig», aber so, wie das Kundry gewiss nicht wünscht. Jetzt hat er Welterfahrung gewonnen, jetzt durchschaut er die Seele der Kundry. Jetzt hat er die luziferische Versuchung besiegt, er hat Welterfahrung, Welthellsichtigkeit, jetzt erkennt er die Wunde, die im Herzen des Amfortas brennt. Klingsor begeht bei dem Hilferuf Kundrys eine Verblendung, das Unklügste, was er überhaupt tun kann: Er schleudert den Speer auf Parsifal, er gibt ihn aus der Hand. Parsifal ergreift ihn und schlägt damit das Kreuz. Durch dieses Zeichen werden Kundry und Klingsor besiegt, der ganze Zaubergarten fällt in Trümmer.

[ 20 ] As long as we cannot empathize with the suffering of others, there can be no true Christianity. Thus, through Kundry, Parsifal does indeed become “world-clear-sighted,” but in a way that Kundry certainly does not desire. Now he has gained worldly experience; now he sees through Kundry’s soul. Now he has overcome the Luciferian temptation; he has worldly experience, worldly clairvoyance; now he recognizes the wound that burns in Amfortas’s heart. When Kundry cries out for help, Klingsor is blinded by delusion and does the most foolish thing he could possibly do: he hurls the spear at Parsifal, letting it slip from his hand. Parsifal seizes it and makes the sign of the cross with it. Through this sign, Kundry and Klingsor are defeated, and the entire Enchanted Garden falls into ruins.

[ 21 ] Das Kreuz, das Siegfried noch nicht auf sich nehmen konnte, von diesem Kreuze weiß Parsifal. Er weiß, dass man das Kreuz auf sich nehmen muss, das Kreuz. der Läuterung des gesamten Menschen, will man würdig werden des Speeres und will man wiederum teilhaftig werden der Liebe des Gottes, die sich darstellt in der Sonnenlanze, der Liebeslanze, dem heiligen Speer. Die Gottheit wendet ihre Sonnenstrahlen der Liebe jeglichem Wesen zu, aber diese Liebe, die wie Sonnenstrahlen in die menschliche Seele hineinscheint, wirkt auf die Natur des Menschen - obschon nicht sie es tut —, wie wenn der Mensch Wunden empfängt, wie wenn diese Wunden, die der Speer sozusagen schlägt, auch von ihm geheilt werden. «Die Wunde heilt der Speer nur, der sie schlug.»

[ 21 ] The cross that Siegfried was not yet able to take upon himself—Parsifal knows of this cross. He knows that one must take upon oneself the cross—the cross of the purification of the whole human being—if one is to become worthy of the spear and, in turn, to share in the love of God, which is manifested in the sun-lance, the lance of love, the holy spear. The Deity directs its rays of love toward every being, but this love, which shines into the human soul like rays of the sun, affects human nature—though it is not the love itself that does so—as if the human being were receiving wounds, as if these wounds, inflicted, so to speak, by the spear, were also healed by it. “Only the spear that inflicted the wound can heal it.”

[ 22 ] Es gibt gutmeinende, aber nicht erkennende Christen, die gern sprechen von der Liebe des Erlösers, die da sagen: Der Heiland ist immer lieb. - Doch darf man nicht vergessen, dass man zum Erlöser nicht ohne Weiteres kommen kann, nicht ohne entsprechende Vorbereitung. Deshalb muss von dem Weg, der vorbereitet, der zu ihm führt, gesprochen werden. Der Christus verlangt von uns-und muss es verlangen - die Anstrengung der Läuterung unseres Wesens. Und wenn wir unreif ihm nahen, so wirkt er in seiner Herrlichkeit auf uns wie ein uns Richtender, obschon er nie richtet. Er wirkt so auf uns allein durch die Herrlichkeit seiner Erscheinung, die wir zu vergleichen haben mit unserer Unvollkommenheit, von der wir oftmals gar nicht wissen, wie groß sie ist. Das, was Amfortas in solcher Weise durchzumachen hat, das ist dargelebt worden in der palästinischen Zeit, das ist in der Tat erlebt worden von einem Menschen, der zuerst in Unwissenheit den Heiland und dessen Nachfolger verfolgte: Saulus. Das Licht, in welchem die Stimme des Christus ertönt, das ihm Selbsterkenntnis bringt, wirkt in ihm wie der Speer, der die Wunde schlägt. Dadurch wusste er, dass er das Spirituelle verfolgte. Er wusste: Der Christus in uns, der verchristete Mensch darf sich vereinigen mit dem Christus außer uns. Dazu müssen wir aber unsererseits vieles, vieles tun. Der Christus kann nicht ohne Weiteres in einer getrübten Seele wohnen.

[ 22 ] There are well-meaning but uninformed Christians who like to speak of the Savior’s love, saying: “The Savior is always loving.” - Yet we must not forget that one cannot simply come to the Savior without proper preparation. That is why we must speak of the path that is prepared, the one that leads to Him. Christ demands of us—and must demand—the effort to purify our very being. And if we approach him while still immature, he appears to us in his glory as one who judges us, even though he never actually judges. He has this effect on us solely through the glory of his appearance, which we must contrast with our own imperfection—an imperfection whose true extent we are often completely unaware of. What Amfortas must undergo in this way was lived out in the Palestinian era; it was, in fact, experienced by a man who, out of ignorance, initially persecuted the Savior and His followers: Saul. The light in which the voice of Christ resounds—the light that brings him self-knowledge—works within him like the spear that inflicts the wound. Through this, he knew that he was persecuting the spiritual. He knew: The Christ within us—the Christianized human being—may unite with the Christ outside of us. To achieve this, however, we must do much, much more on our part. Christ cannot simply dwell in a troubled soul.

[ 23 ] So wirkt er allein durch seine Erscheinung, dass er Gutes und Böses in uns trennt, obschon er nicht richtet wie ein Richter unserer geheimsten Gedanken, Gefühle und Empfindungen. Aber wenn wir ihm ein lauteres Gemüt zuführen können, brauchen wir uns nicht zu fürchten vor dem Durchleuchtet-Werden der Christussonne, dem heiligen Speer. Der Christus ist sozusagen erzieherisch tätig in uns, indem er das Gute und Böse unserer Seele mit seiner göttlichen Lanze, dem Liebesspeer, beleuchtet. Wir müssen also das, was er in Ordnung zu halten hat, das göttliche Harmonie-Gesetz, in uns hereinnehmen, in uns verwirklichen, wollen wir den Speer ertragen lernen. Der Speer wird abgewonnen im Zeichen des Kreuzes. Parsifal ist imstande, den Speer zu erobern dadurch, dass er Kundry, die niedere Wunschnatur, besiegt hat. Dadurch gewinnt er wieder die helfenden, heilenden Kräfte, die der weißen, der selbstlosen Magie angehören, die nicht in der Hand der selbstsüchtigen, schwarzen Magier fallen dürfen. Aber Kundry sendet ihm den Fluch nach: «Irre, irre! Mir so vertraut — dich weih’ ich ihm zum Geleit’!» Dieser Fluch wirkt so, dass Parsifal noch viele Erfahrungen durchleben muss. Dann aber erscheint er in der Rüstung gewappnet. Da haben wir die Rüstung, den Panzer, den Lohengrin besitzt, die Rüstung, die Waffen des Geistes, die Rüstung, die darin besteht, Welt und Menschen gegenüber gewappnet zu sein, sie zu durchschauen und widerstehen zu können den niederen Leidenschaften: Diejenigen Erkenntniskräfte und Welthellsichtigkeit, die besiegen den Irrtum, dem die Seele ausgesetzt ist von außen und von innen, die besiegen und neue verchristete Weisheit erlangen konnten. Der Mensch weiß nicht, wann er zum ersten Male, und er weiß auch nicht, wann er zum zweiten Male gewürdigt wird, in den Gralstempel eintreten zu dürfen.

[ 23 ] Thus, by his very presence alone, he separates good from evil within us, even though he does not judge our most secret thoughts, feelings, and emotions as a judge would. But if we can offer him a pure heart, we need not fear being illuminated by the Christ-sun, the holy spear. Christ, so to speak, acts as an educator within us by illuminating the good and evil of our soul with his divine lance, the spear of love. We must therefore take into ourselves and realize within ourselves that which He must keep in order—the divine law of harmony—if we are to learn to bear the spear. The spear is won under the sign of the cross. Parsifal is able to conquer the spear by defeating Kundry, the lower, desire-driven nature. Through this, he regains the helping, healing powers that belong to white, selfless magic—powers that must not fall into the hands of selfish, black magicians. But Kundry sends a curse after him: “Fool, fool! You who were so dear to me—I consecrate you to him as an escort!” This curse has the effect that Parsifal must still endure many trials. But then he appears, armed in his armor. Here we have the armor, the shield that Lohengrin possesses—the armor, the weapons of the spirit, the armor that consists of being prepared to face the world and humanity, to see through them, and to be able to resist base passions: Those powers of insight and worldly clarity that defeat the error to which the soul is exposed from without and within—those that were able to triumph and attain a new, Christ-infused wisdom. Man does not know when he will be deemed worthy for the first time, nor does he know when he will be deemed worthy for the second time, to be allowed to enter the Grail Temple.

[ 24 ] Eine Erweckung darf Kundry durchmachen, durchmachen aus langem Winterschlaf ihrer Irrwege. Sie darf erleben die Umkehr ihrer Seele, die erwacht aus Finsternis und Irrtümern. «Dienen, dienen.»

[ 24 ] Kundry is allowed to undergo an awakening—an awakening from the long hibernation of her misguided ways. She is allowed to experience the conversion of her soul, which awakens from darkness and error. “Serve, serve.”

[ 25 ] Parsifal ist an der heiligen Quelle angelangt, die die Weisheit darstellt, die Gottes-Weisheit, die in der Tat ihn von Irrtum reinigt. Die Fußwaschung beginnt. Die Fußwaschung, die immer bedeutet das «Dienen-Wollen». Nachdem Parsifal gereinigt ist von langer Irrfahrt Staub, empfindet er im Karfreitagszauber ein neu gewonnenes Verhältnis, eine innere Beziehung zur Pflanzenwelt, zur pflanzlichen Natur, zur Seele des Menschen. So spricht der Waldvogel zu Siegfried, weil Siegfried diese Beziehung hatte zur Natur und ihrem Wesen, nachdem Fafner getötet war. Wenn wir diese Beziehungen zur Natur gewonnen haben, dann hören wir, was die Natur zu uns spricht, dann werden wir hellhörend. Wir finden die Gralsburg im eigenen Innern, aber nur, wenn wir den Tempel selbst erbauen, wenn wir in unserer Seele erstehen lassen von eigener Hand die tragenden Säulen. In der Götterdämmerung wird erzählt, wie Walhall vernichtet wird von dem Mondenfeuer des Loki. Das will sagen, dass das Feuer des Luzifer den Verfall des physischen Leibes bewirkt. Der Egoismus der Leidenschaften bringt dem Menschen den Verfall des Leibes, der zum Tod führt. Der Mensch aber soll fortan aus eigenen Kräften einen neuen Tempel schaffen dadurch, dass er diejenigen Kräfte verwendet, die seit dem Mysterium von Golgatha in ihn hineingelegt sind, indem er seine Ich-Aufgabe im rechten Sinne erkennt; dann ersteht der neue Tempel der verchristeten Seele. Parsifal darf zuerst Amfortas entsühnen, ihm die Vereinigung mit der Gottheit bringen. So gesundet die Seele in der Läuterung. Die Gottheit will unsere ganze Seele, unser ganzes Ich haben, und dieses Ich muss die verarbeiteten Kräfte, die man auf dem physischen Plan erringt, in sich tragen. Dieses auf der Erde tüchtig dastehende Ich, das durch die Läuterung gegangen ist, ist berufen, der Träger zu werden des höheren Ich. Dann allerdings müssen wir absterben, aber wir sterben, um zu werden. Wir sterben in den Christus hinein, in den heiligen Weisheitshort des Rheines, der ursprünglich bei der Gottheit war, der gegeben wurde der Menschheit im Mysterium von Golgatha, und der uns wieder neu ersteht, wie es Richard Wagner ausspricht, ein heiliger Gral in den Verjüngungskräften des Rosenkreuzes. Der Mensch ist der Tempel, den die Gottheit bewohnen will.

[ 25 ] Parsifal has reached the holy spring, which represents wisdom—the wisdom of God—that indeed cleanses him of error. The washing of the feet begins. The washing of the feet, which always signifies the “desire to serve.” After Parsifal has been cleansed of the dust of his long odyssey, he experiences, in the magic of Good Friday, a newly gained connection—an inner relationship with the plant world, with plant nature, and with the human soul. This is what the forest bird says to Siegfried, because Siegfried had this connection to nature and its essence after Fafner was slain. When we have established these connections to nature, then we hear what nature says to us; then we become attuned to its voice. We find the Grail Castle within ourselves, but only if we build the temple ourselves, if we raise the supporting columns within our own souls with our own hands. In Götterdämmerung, it is told how Valhalla is destroyed by Loki’s moonfire. This means that the fire of Lucifer brings about the decay of the physical body. The selfishness of the passions brings about the decay of the body, which leads to death. But from now on, human beings are to create a new temple through their own efforts by utilizing the powers that have been placed within them since the Mystery of Golgotha, by recognizing their “I”-task in the true sense; then the new temple of the Christianized soul will arise. Parsifal must first atone for Amfortas, bringing him union with the Divinity. Thus the soul is healed through purification. The Godhead desires our entire soul, our entire “I,” and this “I” must carry within itself the processed forces that are attained on the physical plane. This “I,” standing firmly on earth and having undergone purification, is called to become the bearer of the higher “I.” Then, indeed, we must die, but we die in order to become. We die into Christ, into the sacred repository of wisdom on the Rhine, which was originally with the Deity, which was given to humanity in the Mystery of Golgotha, and which rises anew for us, as Richard Wagner expresses it, a Holy Grail in the rejuvenating powers of the Rosicrucians. The human being is the temple that the Deity wishes to inhabit.

[ 26 ] Jesus von Nazareth war ein solcher Tempel. Hinein wirkten in die Geisteshüllen des Jesus von Nazareth die Ich-Kräfte des Jesus-Zarathustra, die er sich auf der Erde in vielen Leben errungen hatte. Deshalb soll ein persönliches Ich sich bereiten, nachdem es die Seele durcharbeitet hat, Träger der Gottheit zu werden; denn von unten herauf, von der Erde muss ein solches reifes Ich der sich herabsenkenden Gottheit entgegengebracht werden. Das Ich des Jesus von Nazareth zog sich zurück, als der Christus einzog. Das persönliche Ich soll dem Persönlichen absterben, das heißt, dass wir hergeben sollen das, was an Vergänglichem, Persönlichem in uns lebt. Der Mensch muss wieder die Kindlichkeit der Seele erringen, um IchTräger sein zu können, was damit zusammenhängt, dass die Unkindlichkeit, der Egoismus fällt. Dann aber ist wahr das Wort des Paulus: «Nicht ich, sondern der Christus in mir.»

[ 26 ] Jesus of Nazareth was such a temple. The “I” forces of Jesus-Zarathustra—which he had attained on Earth over many lifetimes—worked their way into the spiritual sheaths of Jesus of Nazareth. Therefore, after it has worked through the soul, a personal “I” must prepare itself to become a bearer of the divinity; for from below, from the earth, such a mature “I” must be offered to the descending divinity. The “I” of Jesus of Nazareth withdrew when the Christ entered. The personal “I” must die to the personal, which means that we must surrender what is transitory and personal within us. Human beings must once again attain the childlikeness of the soul in order to be able to serve as bearers of the “I,” which is connected to the fact that unchildlikeness—egoism—falls away. Then, however, the words of Paul are true: “Not I, but Christ in me.”

[ 27 ] Stand nicht der wahre Mensch, wahres, heiliges Menschentum vor der Menschheit, als diese den Christus kreuzigte? «Ecce homo!» «Sehet den Menschen!»

[ 27 ] Did not the true human being—true, holy humanity—stand before humanity when it crucified Christ? “Ecce homo!” “Behold the man!”

[ 28 ] Ein herrliches Wort Nietzsches, das im Hinblick auf die große, innere kulturelle Mission Richard Wagners von ihm geprägt wurde, heißt:

[ 28 ] A magnificent quote by Nietzsche, which he coined with regard to Richard Wagner’s great, inner cultural mission, reads:

[ 29 ] «Und fragt euch selber, ihr Geschlechter jetzt lebender Menschen! Ward dies für euch gedichtet? Habt ihr den Mut, mit eurer Hand auf die Sterne dieses ganzen Himmelsgewölbes von Schönheit und Güte zu zeigen und zu sagen: «Es ist unser Leben, das Wagner unter die Sterne versetzt hat» — «Erlösung dem Erlöser!»

[ 29 ] “And ask yourselves, you generations of people living today! Was this composed for you? Do you have the courage to point with your hand to the stars of this entire celestial vault of beauty and goodness and say: ‘It is our life that Wagner has placed among the stars’—‘Salvation to the Savior!’