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The Rudolf Steiner Archive

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The History of the German Section
of the Theosophical Society
1902–1913
GA 250

7 June 1906, Berlin

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The History of the German Section of the Theosophical Society, tr. SOL
  1. Zur Geschichte der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft

29. Aussprache zum Fall Leadbeater der Deutschen Teilnehmenden am Theosophischen Kongress

29. Discussion on the Leadbeater Case by the German Participants at the Theosophical Congress

[ 1 ] [Rudolf Steiner:] «Die erste Bedingung für den Okkultisten, der Kräfte erlangt, um andere zu leiten, ist Opferwilligkeit. Das Gute, was ein solcher opferwilliger Okkultist geleistet hat, ist nicht auszulöschen. Es wirkt fort, es bleibt. Und es wäre höchst unchristlich und erst recht untheosophisch, über einen gefallenen Okkultisten lieblos zu richten. Auf brüderliche Gesinnung muss ein jeder rechnen können, der sich der Theosophischen Gesellschaft anschließt. Wer in die Gesellschaft tritt, nur um zu lernen, der legt einen falschen Maßstab an. Wer sein Bestes hergibt, um den Brüdern zu helfen und dadurch der brüderlichen Gesinnung zu helfen, hat den Zweck der Gesellschaft richtig erkannt.

[ 1 ] [Rudolf Steiner:] “The first requirement for the occultist who wishes to acquire the powers to guide others is a willingness to make sacrifices. The good that such a self-sacrificing occultist has accomplished cannot be erased. It continues to have an effect; it endures. And it would be highly unchristian—and all the more un-theosophical—to judge a fallen occultist without love. Everyone who joins the Theosophical Society must be able to count on a spirit of brotherhood. Anyone who joins the Society merely to learn is applying the wrong standard. Anyone who gives their best to help their brothers and thereby foster a spirit of brotherhood has correctly understood the purpose of the Society.

[ 2 ] Nun liegt der Fall vor, dass ein Mitglied, das viel Gutes gewirkt hat, verworfen worden ist. Was ist es, [das] verwirft?

[ 2 ] Now there is a case where a member who has done much good has been rejected. What is it that [rejects] him?

[ 3 ] Es ist sehr schwierig, in der Öffentlichkeit über diese Sache zu sprechen. Es handelt sich hier um Ansichten. Indem Leadbeater Dinge getrieben, die von der gewöhnlichen Moral nicht zu billigen sind, hat ihm das Ideal vorgeschwebt, gerade diesem sexuellen Übel entgegenzuwirken. Er meinte, nichts Unrechtes getan zu haben, er sah die Sache an als ein Heilmittel.

[ 3 ] It is very difficult to speak publicly about this matter. This is a matter of opinion. Although Leadbeater engaged in acts that ordinary morality would not approve of, he was guided by the ideal of counteracting precisely this sexual evil. He believed he had done nothing wrong; he viewed the matter as a remedy.

[ 4 ] Man kann nicht sagen: «Leadbeater will sich nicht bessern.»

[ 4 ] You can't say, “Leadbeater doesn't want to improve.”

[ 5 ] Die Gesellschaft hat ihn ausgeschlossen. Sie hat sich damit zum Richter über eine Idee gemacht. Damit hat sie sich selbst zu einer Unfehlbarkeit bekannt. Es ist im Kongress mal vom Common Sense - Gemeinsinn die Rede gewesen. Hier ist ein okkulter Fall vor das Forum des «gesunden Menschenverstandes» gebracht worden. Die Möglichkeit ist damit gegeben, dass jeder Okkultist vor dieses Forum gestellt werden kann.

[ 5 ] Society has excluded him. In doing so, it has set itself up as the judge of an idea. In doing so, it has declared itself infallible. There was once talk in Congress of “common sense.” Here, an occult case has been brought before the forum of “common sense.” This opens up the possibility that any occultist could be brought before this forum.

[ 6 ] Der Fall ist geschaffen und die Gesellschaft muss sehen, wie sie damit fertig wird.» Fr. fragte nach der näheren Ursache und Art des Ausschlusses.

[ 6 ] “The situation has arisen, and society must figure out how to deal with it.” Ms. asked about the specific reason and nature of the expulsion.

[ 7 ] Dr. Steiner: «Uns ist nur die Tatsache mitgeteilt. Wir haben kein Recht, über die Handlungen der andern zu richten; tun wir das, so machen wir Ketzer. Jeder soll sein Wirken selbst verantworten.

[ 7 ] Dr. Steiner: “We have only been informed of the fact. We have no right to judge the actions of others; if we do so, we create heretics. Everyone must take responsibility for their own actions.

[ 8 ] Die exoterische Leitung der Gesellschaft hat sich nur mit den Verwaltungssachen zu beschäftigen. Das Übrige haben sie in die Hände derjenigen zu legen, die dahinterstehen. Sie soll keine Polizeigewalt ausüben.

[ 8 ] The Society’s exoteric leadership is to concern itself only with administrative matters. The rest must be entrusted to those who stand behind it. It shall not exercise any police authority.

[ 9 ] Wenn sie anfangen will, über die Fehler der Mitglieder zu urteilen, so schlägt sie sich selbst ins Gesicht. Da gibt es scheinbar ganz harmlose Dinge, die aber nicht so harmlos sind, wie sie scheinen. Zu diesen gehören zum Beispiel der Kaffeeklatsch der Damen und der Früh- oder Dämmerschoppen der Herren. Da wird die Wollust gefördert. Und die Betroffenen betreiben gewissermaßen Unzucht auf dem astralen Plan. Sie führen dort einen wahren Hexensabbat auf. Von diesem Klatsch nähren sich gewisse astrale Wesen.

[ 9 ] If she wants to start judging the members’ mistakes, she is only shooting herself in the foot. There are things that seem quite harmless, but are not as harmless as they appear. These include, for example, the ladies’ coffee klatches and the gentlemen’s morning or evening drinks. This fosters lust. And those involved are, in a sense, committing fornication on the astral plane. They stage a veritable witches’ sabbath there. Certain astral beings feed on this gossip.

[ 10 ] Nur die Absicht des Täters bedingt den Unterschied zwischen der weißen und schwarzen Magie.

[ 10 ] Only the perpetrator's intent determines the difference between white and black magic.

[ 11 ] Die Frage, um die es sich hier handelt, ist also die: Ist das, was geschehen ist, zur eigenen Wollust geschehen?»

[ 11 ] The question at hand, then, is this: Did what happened occur for the sake of one’s own pleasure?

[ 12 ] Kieser, Stuttgart: «Wie hat Leadbeater sich benommen bei dem Verhör? Hat er gestanden?»

[ 12 ] Kieser, Stuttgart: “How did Leadbeater behave during the interrogation? Did he confess?”

[ 13 ] Miss Bright: «Ja. Er hat es voll zugestanden und hat sich zum Besten der Gesellschaft zurückgezogen von derselben. Er will sein Karma nicht an das der Gesellschaft ketten, deshalb tritt er zurück. Er hat entschieden erklärt, dass er es nicht getan, um seine Lust zu befriedigen.»

[ 13 ] Miss Bright: “Yes. He fully admitted to it and has withdrawn from society for the good of society. He doesn’t want to tie his karma to that of society, which is why he is stepping down. He has clearly stated that he did not do it to satisfy his own desires.”

[ 14 ] Dr. Steiner: «Leadbeater handelte also in gutem Glauben. Ist die Methode, die er anwandte, um das Übel zu bekämpfen, falsch, so zeigt sich das an den Früchten, die sie zeitigt. Ist sie richtig, so kann das ebenfalls auch nur an den Früchten erkannt werden.

[ 14 ] Dr. Steiner: “Leadbeater, then, acted in good faith. If the method he used to combat evil is wrong, this will be evident from the results it produces. If it is correct, this, too, can only be recognized by its results.

[ 15 ] Ein ähnlicher Fall liegt im Zölibat vor. Die Gesellschaft hat nicht das Recht, okkulte Sachen zu richten. Tut sie es, so macht sie sich zu einer Sekte, die Dogmen aufstellt. Das Dogma ist die Aufstellung einer Lehre, deren Sinn man nicht versteht. Die Trinität zum Beispiel ist ein Dogma, so lange man sie nicht versteht. Versteht man sie, so hört sie auf, Dogma zu sein.

[ 15 ] A similar case can be found in celibacy. Society has no right to judge occult matters. If it does, it turns itself into a sect that establishes dogmas. A dogma is the establishment of a doctrine whose meaning one does not understand. The Trinity, for example, is a dogma as long as one does not understand it. Once one understands it, it ceases to be a dogma.

[ 16 ] Die Dinge, die hier infrage kommen, sind immer getrieben worden in okkulten Gesellschaften. - Der Okkultismus ist die Weisheit der Zukunft. Durch den Heldenmut der Okkultisten bereiten sich diese oft ein tragisches Ende. Der Okkultist lebt eben die Moral der Zukunft und die wird von den Mitmenschen nicht verstanden.

[ 16 ] The matters under consideration here have always been pursued within occult societies. — Occultism is the wisdom of the future. Through their heroism, occultists often bring about a tragic end for themselves. The occultist simply lives by the morality of the future, which is not understood by his fellow human beings.

[ 17 ] Dieser Fall wird uns klarer werden, wenn wir uns die Evolution des Menschen vor Augen halten. Die Weisheit lehrt uns, von unten nach oben zu schauen, vom Menschen zu Gott. Da sahen wir eine ganze Stufenfolge von geistigen Wesen, eine Hierarchie, einen Geisterstaat. In dieser Stufenfolge nimmt der Okkultist eine ganz bestimmte Stelle ein; es ist nicht angezeigt, dass ein weniger entwickelter Mensch einen Okkultisten anklagt, denn das hieße die Götter anklagen. Die Götter haben Krankheit und Sünde in die Welt gebracht. Wo viel Licht ist, ist auch viel schwarzer Schatten. Deshalb konnten uns die Götter nicht das Gute bringen, ohne zugleich das Böse zu verursachen. Den Schatten im Licht zu suchen, das ist Unsinn; aber der Schatten ist die Folge des Lichtes. Der Mensch musste erst vollständig heraustreten auf den physischen Plan, ehe er auf den höheren Planen selbstbewusst werden konnte. Erst sollte er den physischen Plan selbstständig durchforschen. Einstmals im alten Griechenland war der Mensch noch nicht selbstständig, er fühlte sich noch nicht als Individuum, das bildete sich erst in Rom aus. So drei- bis vierhundert Jahre vor Christus [bildeten] die Römer dieses Selbstständigkeitsgefühl aus. Den alten Römern verdanken wir in Wirklichkeit das selbstständige Denken. Mit der Ausbildung des Denkens hängt nun aber der Niedergang der sexuellen Moral zusammen. Das alles ist dem Okkultisten bekannt, [und hohen Okkultisten haben wir die Einrichtung der Prostitution zu verdanken]. Hier müssen wir anknüpfen, wenn wir nicht mit verbundenen Augen durch die Welt gehen wollen.

[ 17 ] This case will become clearer to us if we consider the evolution of humankind. Wisdom teaches us to look from below to above, from humankind to God. There we saw a whole series of spiritual beings, a hierarchy, a spiritual realm. Within this hierarchy, the occultist occupies a very specific place; it is not appropriate for a less developed person to accuse an occultist, for that would be tantamount to accusing the gods. The gods brought illness and sin into the world. Where there is much light, there is also much dark shadow. That is why the gods could not bring us good without at the same time causing evil. To seek the shadow within the light is nonsense; but the shadow is the consequence of the light. Humanity first had to emerge fully onto the physical plane before it could become self-aware on the higher planes. First, he had to explore the physical plane independently. In ancient Greece, man was not yet independent; he did not yet feel himself to be an individual—that only developed in Rome. Thus, three to four hundred years before Christ, the Romans developed this sense of independence. In reality, we owe independent thinking to the ancient Romans. The development of thinking, however, is linked to the decline of sexual morality. All of this is known to the occultist, [and we owe the institution of prostitution to the high occultists]. This is where we must pick up the thread if we do not want to walk through the world blindfolded.

[ 18 ] Ein großer Prozentsatz der Menschheit ist behaftet mit sexuellen Lastern. Das ist eine Tatsache und dagegen lässt sich wenig machen. Wer da glaubt, durch Moralpredigten dem Übel abhelfen zu können, irrt sich. Der Okkultist weiß, dass dazu andere Dinge nötig sind. Wenn diese Dinge auch stinken, sie sind notwendig und wir können uns ihnen nicht ganz entziehen, ebenso wenig wie wir uns dem Gestank der Fäkalien entziehen können, die wir selbst absondern. Der Mensch muss hindurch durch den Sumpf. Es fragt sich nur, ob er im Schmutze wühlt wie ein Schwein oder ob er sich in den Schmutz begibt, um ihn umzuwandeln, wie denn bekanntlich aus den Fäkalien die schönsten Wohlgerüche entwickelt werden können. Wer dieses für die Menschheit unternimmt, der handelt im apokalyptischen Sinne. Er nimmt etwas voraus, wohin die Menschheit als Ganzes erst in späteren Zeiten kommen wird. Was er ausrichten will im Blick auf die Zukunft, das muss er durchführen in einem physischen Leibe, der ihm besonders in seinem Gehirn nicht die nötigen Bedingungen bietet, um das durchzuführen, was er im Geiste schon vorweggenommen hat vor der übrigen Menschheit. Er ist im Fleische gekreuzigt. Er hat eine Stufe übersprungen und sein physischer Leib bietet ihm nicht die nötigen Bedingungen.

[ 18 ] A large percentage of humanity is plagued by sexual vices. That is a fact, and there is little that can be done about it. Anyone who believes they can remedy this evil through moralizing is mistaken. The occultist knows that other things are necessary for this. Even if these things stink, they are necessary, and we cannot completely escape them—just as we cannot escape the stench of the feces we ourselves excrete. Man must wade through the swamp. The only question is whether he wallows in the filth like a pig or whether he enters the filth to transform it—for, as is well known, the most beautiful fragrances can be developed from feces. Whoever undertakes this for humanity acts in an apocalyptic sense. He anticipates something that humanity as a whole will only reach in later times. What he intends to accomplish with a view to the future, he must carry out in a physical body that—especially in his brain—does not provide him with the necessary conditions to accomplish what he has already anticipated in spirit ahead of the rest of humanity. He is crucified in the flesh. He has skipped a step, and his physical body does not provide him with the necessary conditions.

[ 19 ] Lasst die Sache sprechen, wie sie durch die Persönlichkeit spricht. Lasst sie nicht zum Dogma werden, über das man diskutieren kann. Die Zusammengcehörigkeit der Menschen, die da alle wirken auf verschiedenen Menschheitsgraden, hat zur Folge, dass wenn ein Mensch fällt, viele mitfallen.

[ 19 ] Let the matter speak for itself, as it does through the individual. Do not let it become a dogma open to debate. The interconnectedness of human beings—who all operate at different levels of human development—means that when one person falls, many fall with them.

[ 20 ] Hier (bei Leadbeater) handelt es sich darum, dass in der besten, edelsten Absicht etwas geschehen ist, das sich mit der jetzigen Ordnung der Dinge nicht verträgt.»

[ 20 ] Here (according to Leadbeater), the point is that something happened with the best and noblest of intentions that is incompatible with the current order of things.»

[ 21 ] Frage: «Was sollen wir nun von diesem Fall sagen, wenn wir gefragt werden?»

[ 21 ] Question: “What should we say about this case when we are asked?”

[ 22 ] Dr. Steiner: «Recht und Unrecht lässt sich nur unterscheiden nach der Gesinnung, aus welcher eine Tat geschieht.

[ 22 ] Dr. Steiner: “Right and wrong can only be distinguished by the attitude from which an act is performed.

[ 23 ] Die höheren Wesen schicken uns Lehren zu durch die Gesellschaft. Wer die nicht will, hat in der Gesellschaft nichts zu suchen. Wenn ein Lehrer gefallen [ist], so wollen wir darum nicht Klagelieder singen, wir brauchen keine Furcht zu haben. Es gibt noch mehr geeignete Lehrer, um die gute Sache dem Siege entgegenzuführen. Es kommt auf den Menschen an, nicht auf eine Idee, die er hat; nicht auf die Organisation der Gesellschaft, sondern auf die spirituelle Individualität des Menschen, zu dem wir Vertrauen haben oder kein Vertrauen haben.»

[ 23 ] The higher beings send us teachings through society. Those who do not want them have no place in society. If a teacher has passed away, we need not sing dirges; we need not be afraid. There are still more suitable teachers to lead the good cause to victory. It depends on the person, not on an idea they have; not on the organization of society, but on the spiritual individuality of the person in whom we have—or do not have—trust.”