Anthroposophical Community Building
GA 257
30 January 1923, Stuttgart
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Awakening to Community, tr. Spock
Zweiter Vortrag
Lecture Two
[ 1 ] Es war eigentlich meine Absicht, heute nur Sachliches aus dem Gebiete der Anthroposophie hier vor Ihnen vorzutragen, nachdem ich ja dasjenige, was über unser schmerzliches Ereignis und über andere laufende Angelegenheiten der Anthroposophischen Gesellschaft zu sagen ist, vor acht Tagen hier entwickelt habe. Allein es ergibt sich mir doch die Notwendigkeit, wenigstens einleitungsweise einiges vorauszuschicken über anthroposophisch-gesellschaftliche Angelegenheiten, weil ich gestern wenigstens noch bei dem zweiten Teile der hier abgehaltenen Versammlung anwesend war und da gesehen habe, wie leicht doch mißverständliche Auffassungen von Dingen heraufkommen, die mit dem Wesen der Anthroposophischen Gesellschaft, so wie ich es ja vor acht Tagen hier charakterisiert habe, zusammenhängen und die, wie ich glaube, nicht schnell genug eine Korrektur erfahren sollen. In einem gewissen Sinne wird daher dasjenige, was ich so einleitungsweise heute abend zu sagen habe, trotzdem mit dem Wesen anthroposophischer Lebensauffassung zusammenhängen und vielleicht doch manches enthalten, was dem einen oder dem andern nützlich sein kann.
[ 1 ] A week ago I commented here on the grievous event of the Goetheanum fire and other current concerns of the Anthroposophical Society. Today I planned to speak about purely anthroposophical matters, but I find it necessary to say a few introductory words about Society problems. I was able to attend at least the second part of yesterday's meeting, and saw how easy it is to misunderstand matters involving the nature of the Society such as were brought up by me last week. It is not a moment too soon to correct these misconceptions. My introductory remarks tonight will nevertheless still have to do with an anthroposophical view of life and perhaps on that account prove worthwhile to this or that listener.
[ 2 ] Es handelt sich mir vor allen Dingen darum, anzuknüpfen an dasjenige, was gestern gesagt worden ist über die Urteilsbildung innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft. Unabhängig von demjenigen, was ich selber sage, ist aufgefordert worden, sich als einzelnes Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft selbständige Urteile über die verschiedenen Angelegenheiten, auch die Gesellschaft betreffend, zu bilden. Nun ist ja selbstverständlich nichts berechtigter als dieses. Allein es handelt sich darum, wenn eine solche Forderung vorgebracht wird, die, wie gesagt, prinzipiell in sich so berechtigt ist, als es nur irgend möglich sein kann, gegen die auch in der Definition, wie das gestern vorgebracht worden ist, von mir nicht das Geringste eingewendet werden soll, die ich nur bekräftigen will -, so hat man es nicht allein zu tun mit dem Inhalte des Vorgebrachten, sondern mit dem ganzen Zusammenhang, in dem eine solche Sache vorgebracht wird. Etwas kann wahr sein, aber es handelt sich darum, ob in einem bestimmten Zusammenhange eine Veranlassung ist, eine vielleicht auch selbstverständliche Wahrheit vorzubringen. Man kann jede Wahrheit isoliert vorbringen, das ist ja natürlich. Aber wenn ein gewisser Zusammenhang vorliegt, dann bekommt diese Wahrheit ihre unmittelbare Färbung durch diesen Zusammenhang und dann kann eben gerade durch die Stelle, innerhalb welcher man eine solche Wahrheit vorbringt, das ärgste Mißverständnis hervorgerufen werden.
[ 2 ] I am mainly interested in going on with yesterday's discussion about judgment-forming in the Society. A challenge was issued, quite independently of anything I said, to the effect that every member should form his own independent judgments about matters affecting the Society. Now of course nothing could be truer. But we need to concern ourselves with the fact that when a challenge of this kind is presented one has to consider the whole context of what is under discussion, no matter how right the isolated statement may be in itself nor how fully I agree with it in principle. Something can be perfectly true but it may not necessarily apply in a given instance. Every truth can be presented as true in itself, but it is colored by the context in which it is brought up, and in the wrong place it can lead to the gravest misconceptions.
[ 3 ] Diese Anschauung über die Urteilsbildung wurde vorgebracht im Zusammenhang mit dem Vortrag, den ich am 30. Dezember des vorigen Jahres in Dornach gehalten habe über die Beziehungen der Anthroposophischen Gesellschaft zu der Bewegung für religiöse Erneuerung. Und es wurde bemerklich gemacht, daß sich die Mitglieder unabhängig machen sollen mit Bezug auf ihre Urteilsfällung von demjenigen, was ich selber als ein solches Urteil abgebe. Nun, wie gesagt, das ist ganz berechtigt. Aber so, wie es vorgebracht worden ist, verstößt es in intensivstem Sinne gegen diejenige Gesinnung, die eigentlich aus der Erfassung des Kernes anthroposophischer Weltanschauung folgen muß. Denn bei der anthroposophischen Weltanschauung handelt es sich nicht darum, daß wir von dem einen Bild einer Weltanschauung, das wir heute durch die äußere Kultur gewinnen können, vielleicht den Blick abwenden und ihn hinführen zu einem andern Bild, das wir dann in derselben Begriffsart, in derselben Vorstellungsweise auffassen wie das erste Bild, welches eben nur eine andere Weltauffassung ist, sondern — und das wird ja aus der ganzen Haltung, die anthroposophische Weltanschauung einnimmt, klar sein müssen — es handelt sich bei der Anthroposophie darum, nicht nur in vieler Beziehung anderes zu denken als sonst gedacht wird, sondern vor allen Dingen dieses andere auf eine andere Art zu denken, in einer anderen Seelenverfassung zu empfinden. Umdenken und umempfinden, das ist dasjenige, was zur AnthroposoPhie notwendig ist, nicht bloß anderes denken und anderes empfinden.
[ 3 ] Now the point of view on judgment-forming was expressed in connection with my lecture of December 30th last in Dornach, in which I discussed the relationship of the Anthroposophical Society to the Movement for Religious Renewal. The comment was made that members should make their own judgments and not be influenced by mine. Of course they should! But in the form in which this advice was presented, it was and is profoundly at odds with the state of mind that comes from a real grasp of anthroposophy. For the anthroposophical world conception is not based on merely exchanging the view of things prevailing today for a different view similarly arrived at. As becomes evident in the whole posture of anthroposophy, it is not enough to think differently about all sorts of things, but—far more importantly—to think these different thoughts in a different way, to feel them with a different attitude of soul. Anthroposophy requires that thinking and feeling be utterly transformed, not just changed as to content.
[ 4 ] Wer die Neigung dazu hat, die Haltung der überwiegenden Mehrzahl meiner Vorträge zu prüfen, der wird finden, daß ich mich strengstens daran halte, dasjenige zu beobachten, was ich jetzt eben ausgesprochen habe, und daß es in der Eigentümlichkeit anthroposophischer Weltanschauung selber liegt, die Dinge so hinzustellen, daß die eigene Urteilsbildung schon durch diese Art der Hinstellung nicht in irgendeiner Weise beeinträchtigt wird. Gehen Sie die Mehrzahl meiner Vorträge durch, selbst diejenigen, die über ein solches Thema handeln, wie das des Vortrages vom 30. Dezember 1922, so werden Sie finden, daß der hauptsächlichste Inhalt aller meiner Vorträge die Angabe von Tatsachen ist, daß ich Tatsachen vorbringe, Tatsachen der übersinnlichen Welt oder Tatsachen auch wohl, die aus der sinnlichen oder historischen Welt stammen, und daß ich die Darstellung dieser Tatsachen so einrichte, daß auf Grundlage dieser Tatsachen der Zuhörer oder Leser imstande ist, immer sein eigenes Urteil zu bilden, weil ich darauf verzichte, dieses Urteil auch nur im geringsten zu beeinflussen. Einer der in Dornach gehaltenen Vortragszyklen trägt sogar den Untertitel: Darstellung von Tatsachen, die zu einer Urteilsbildung vorgelegt werden — oder so etwa. Weil das der Fall ist, stellt sich ja oftmals etwas ganz anderes ein, als daß man sagen könnte, er hat dieses oder jenes als das Richtige hingestellt. Es stellt sich vielmehr das andere ein, daß der eine sich dieses Urteil, der andere sich jenes Urteil aus meinen Vorträgen herausholt, und jeder glaubt Recht zu haben, hat vielleicht auch von seinem Gesichtspunkte aus Recht, weil es sich mir niemals darum handelt, irgendein Urteil in eine bestimmte Richtung zu bringen, sondern weil es sich mir immer darum handelt, die Tatsachengrundlage zu geben zur Bildung eines Urteils. Ich setze mich daher ganz absichtlich der Gefahr aus, daß der eine in meinen Tatsachenreihen das eine, der andere ein anderes lesen mag. Denn mir handelt es sich wirklich nur um die Mitteilung von Tatsachen, und wer die Neigung hat, die Dinge zu beobachten, wird sehen, daß ich eigentlich nur Urteile ausspreche, wenn es sich um Richtigstellungen oder Abwehrungen handelt.
[ 4 ] Anyone inclined to test the great majority of my lectures in this respect will find that I keep strictly to what I have just expressed, and that it lies in the very nature of an anthroposophical view of the world to present things in such a way that hearers are left wholly free to form their own judgments. If you go through most of my lectures, including those on subjects such as that treated in the lecture of December 30, 1922, you will find their chief content to be simply facts, that they present facts, either those of super-sensible realms, of the world of the senses, or of history, and that their presentation is such that the reader can always draw his own conclusions about them, completely uninfluenced by me. Indeed, one of the lecture cycles held in Dornach even carries the sub-title, “Presentation of Facts on which to base Conclusions,” or the like. Since this is the case, the results are such as to remove any justification for saying that people were told what to think. For one person will draw one conclusion from my lectures, another a quite different one, and each thinks his is the right view of the matter. Each could be right from where he stands, because I never try to pre-determine the outcome, but simply to provide facts on which conclusions can be based. I thus deliberately expose myself to the danger that a series of facts I am presenting can be quite variously interpreted. For my interest is solely in communicating facts, and anybody who wants to look into the matter will find that the only time I express a judgment is when something needs to be corrected or refuted.
[ 5 ] Dies muß so sein, aus dem Grunde, weil eine solche Weltanschauung, wie die anthroposophische es ist, sich stark bewußt bleiben muß des Zeitenzusammenhanges, in den sie hineingestellt ist. Wir leben im Zeitalter der Entwickelung der Bewußtseinsseele, das heißt derjenigen inneren Seelenverfassung, in der vor allen Dingen alles darauf ankommt, daß die Menschen als Individuen sich aus den Impulsen ihrer Seelen heraus selber ihr Urteil bilden, daß die Menschen lernen, die Tatsachen in unbefangener Weise auf sich wirken zu lassen, um aus dem vollen Bewußtsein heraus ihr Urteil zu bilden. Aus diesem Bewußtsein des Eintrittes der Menschheit in die Entwickelung der Bewußtseinsseele ist der Stil meiner Darstellungen genommen. Daher eben ist es, wie gesagt, daß der eine sich dieses, der andere sich jenes Urteil bilden kann. Die Tatsachen versuche ich so klar wie möglich hinzustellen. Von einem Sollen oder Nichtsollen ist auf keinem Gebiete die Rede. Denn Anthroposophie ist nicht zum Agitieren da, Anthroposophie ist da zum Mitteilen der Wahrheit. Ich habe oftmals dieses für andere Gebiete betont. Ich habe betont, daß ich weder für Fleischnahrung noch für Vegetarismus agitiere. Wenn ich darstelle, wie Vegetarismus auf den Menschen wirkt, wie Fleischnahrung auf den Menschen wirkt, so geschieht es, um die Wahrheit darzustellen, um die Tatsachen darzustellen. Kennt ein Mensch die Tatsachen genügend, so kann er sich eben im Zeitalter der Bewußtseinsseelenentwickelung sein Urteil bilden. Es gehört schon zum Wesen anthroposophischer Weltauffassung, daß man sich über diesen Punkt vollständig klar ist.
[ 5 ] This has to be the case. A world view such as that based on anthroposophy must always be keenly conscious of the time context to which it belongs. We are now living in the age of consciousness soul development, a condition of soul wherein the all-important thing is for individuals to draw their own conclusions and learn to give facts an unprejudiced hearing, so that they can then make fully conscious judgments. The style of my presentations springs from an awareness that man has entered upon the development of the conscious soul. This accounts, as I said, for the varying conclusions that can be drawn from my words. I try to present the facts as clearly as possible. But there is never any question of “should” or “shouldn't.” Anthroposophy is there to communicate truth, not to propagandize. This has often been emphasized as, for example, in my refusal to take sides about vegetarianism. When I describe what effects a vegetarian diet has on people and what the effects of meat-eating are, I do so merely to present the facts, to make the truth known. In the age of the consciousness soul, anyone really acquainted with the facts of any case can confidently be left free to form his own judgments. It is essential to an anthroposophical view of things to be really clear on this point.
[ 6 ] Und so habe ich auch damals am 30. Dezember 1922 in Dornach eben einfach zu entwickeln versucht, wie das Verhältnis der Anthroposophischen Gesellschaft zu der Bewegung für religiöse Erneuerung ist, habe mich bei der Stilisierung nicht gerichtet an die Bewegung für religiöse Erneuerung, sondern an die Anthroposophische Gesellschaft. Aus dieser, ich möchte sagen, Adresse und aus meinem allgemeinen Grundsatz, so viel als möglich bei den Tatsachen stehenzubleiben, ist dieser Vortrag von damals verfaßt, und wer ihn liest, wird das empfinden. Ob man nun das eine oder das andere tun soll, das steht durchaus im freien Ermessen eines jeden einzelnen; das wird man aus diesem Vortrag ersehen, und ich habe mich ja vor acht Tagen hier darüber mit aller Deutlichkeit ausgesprochen.
[ 6 ] So, taking my style from the Anthroposophical Society rather than from the Movement for Religious Renewal, I tried in my lecture at Dornach on December 30, 1922, to show what the relationship between the two groups is. On that occasion I followed my general rule of merely presenting facts, and anyone who reads the lecture of that date will see this to be true. What action to take was a matter left to everyone's free weighing. The lecture makes this clear, and I expressed myself on the subject here a week ago as plainly as could be.
[ 7 ] Es ist also notwendig, wenn man auf anthroposophischem Felde unter Verantwortung eine Behauptung aufstellt, daß man den Zusammenhang ins Auge faßt, daß man also nicht in Anknüpfung an dasjenige, was gerade im strengsten Sinn sich auf den Boden der Anthroposophie stellen will, die Bemerkung macht, man bilde sich ein Urteil unabhängig von dem, was Steiner spricht. Denn wenn dieser nicht in der Abwehr ist oder sonst genötigt wird, das eine oder das andere zu korrigieren, so wird er immer so sprechen, daß auch, wenn er gesprochen hat, der einzelne sogar gezwungen ist, sich sein eigenes Urteil zu bilden, weil ihm die Möglichkeit der Bildung eines abhängigen Urteils gar nicht gegeben ist. Dies zu betonen ist viel wichtiger und wesentlicher für die ganze anthroposophische Gesinnung, als dasjenige, was gestern von einigen hier betont worden ist und was eben durch seine Deplaciertheit viele Keime von Mißverständnissen hervorrufen kann. Das ist außerordentlich wichtig, daß ich einmal dieses als etwas prinzipiell zur Anthroposophie Gehöriges hier vorbringe.
[ 7 ] The matter of context has to be taken into consideration if one is to make really responsible assertions of an anthroposophical nature. One cannot make the remark that people should form their judgments independently of Steiner at utterances based in the strictest sense on anthroposophy. For except when Steiner is refuting or having to correct a statement, his hearers are even being forced by the way he puts things to form their own judgments; they are given no chance to adopt his. An overall view of things anthroposophical is far better served by emphasizing this than by what some were emphasizing here yesterday, and the inappropriateness of what was said could encourage many seeds of misunderstanding. It is exceedingly important that I state this here, because it is a matter of anthroposophical principle.
[ 8 ] Dann aber kommt noch etwas anderes in Betracht, Bei der Bildung eines eigenen Urteils kommt es ja nicht bloß darauf an, daß man sicher ist, man habe dieses Urteil selbst gebildet, sondern ebenso sehr, daß man sicher ist, wenn man dieses Urteil ausspricht, man habe alles dasjenige berücksichtigt, was zur Bildung eines solchen Urteils führen kann. Ein eigenes Urteil kann schließlich jeder haben. Das eigene Urteil muß zutreffend sein, soweit es zutreffend sein kann nach den Beobachtungsmöglichkeiten der Tatsachen, die zugrunde liegen, oder auch nach der Ausschließungsnotwendigkeit der Tatsachen, die offenbar nicht stimmen können, weil sie nicht so sind, wie sie sein müßten, wenn das entsprechende Urteil ausgesprochen wird. Und so muß ich schon betonen - ich sage ausdrücklich, daß ich das, was ich heute einleitungsweise sage, nur pflichtgemäß, nicht neigungsgemäß sage: Wenn gestern gesagt worden ist, daß allerlei Mitteilungen über die andere Seite, nämlich über die religiöse Bewegung, nach Dornach gekommen seien und auch dasjenige, was ich gesprochen habe, irgendwie beeinflußt oder nuanciert gewesen sein könnte von solchen Mitteilungen, so ist das nicht richtig. Denn ganz unabhängig - das wird jeder, der unbefangen auf die Sache eingehen will, dennoch einsehen -, ganz unabhängig von solchen Mitteilungen ist dieser Vortrag verfaßt. Und das dritte, was auch in Anknüpfung an diesen Vortrag vorgebracht worden ist, ist dieses, daß die eine Seite Gelegenheit gehabt hätte, über die Angelegenheiten zu sprechen, die andere nicht. Und wenn ich nicht irre, so ist zum Beispiel die Waldorfschul-Lehrerschaft genannt worden, die immer Gelegenheit gehabt hätte, mit mir über die Angelegenheit zu sprechen. Die Wahrheit ist, daß ich überhaupt nicht mit der Waldorfschul-Lehrerschaft bis zur Abhaltung dieses Vortrages hin über die Angelegenheit gesprochen habe. Es ist wieder ein Urteil gefällt worden, das mit den Tatsachen nicht stimmt. Man könnte ja glauben, weil ich selbstverständlich öfter zusammenkomme mit der Waldorfschul-Lehrerschaft, daß ich mit ihr öfter Gelegenheit gehabt hätte, über diese Angelegenheit zu sprechen. Allein bei solchen Zusammenkünften bilden, wie es naturgemäß ist, pädagogische und didaktische Probleme den Inhalt desjenigen, was verhandelt wird. Und vor allen Dingen bildet bei diesen Verhandlungen jedenfalls kein anthroposophischer Klatsch irgendwie einen Inhalt. Pflichtgemäß, sage ich, müssen diese Dinge betont werden, weil sie mit dem Wesen des anthroposophischen Wirkens zusammenhängen und weil wir ja jetzt gerade daran sind, das wenigstens herbeizusehnen, was das anthroposophische Wirken innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft zu einer gewissen Gesundung bringen kann. Selbstverständlich konnte ich verlangen, daß von maßgeblicher Seite, die dazu in der Lage war, gleich nach der Begründung der Bewegung für religiöse Erneuerung innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft die nötigen Aufschlüsse gegeben würden. Mir selbst fiel das nicht zu. Das kann derjenige am besten wissen, der in gebührender Weise meine Schlußworte gehört hat, die ich, nachdem die religiöse Erneuerung auf die Bahn geleitet war, gesprochen habe. Mir ist es immer sehr fatal, wenn ich gezwungen werde, von der Mitteilung der Tatsachen abzuweichen und solche Dinge auszusprechen, wie sie mir gestern abgenötigt worden sind. Allein in dieser Gegenwart wälzt sich mir die ganze Schwere desjenigen, was mit dem anthroposophischen Wirken verbunden ist, auf die Seele. Und wenn nicht in einem ausreichenden Maße zur Berichtigung gerade derjenigen Mißverständnisse beigetragen wird, die nicht so leicht bemerkt werden wie die groben, dann kommen wir im anthroposophischen Wirken doch eben nicht weiter. Und wir müssen weiterkommen im anthroposophischen Wirken, sonst müßte es selbstverständlich dabei bleiben, daß der Dornacher Bau abgebrannt ist. Ein Wiederaufnehmen der Arbeit hängt ganz und gar ab davon, daß die Anthroposophische Gesellschaft in sich erstarkt, daß sie sich vor allen Dingen von denjenigen Mißverständnissen freimacht, die an ihren Lebensnerv gehen. Und an ihren Lebensnerv geht es, wenn man zum Beispiel nicht beachtet, welches Prinzip darinnen liegt, gegenüber den Anforderungen des Zeitgeistes bei der Entwickelung der Bewußtseinsseele wirklich ehrlich in dem Sinne zu sprechen, wie ich dieses Sprechen für das wirklich Ethische unserer Zeit in meiner «Philosophie der Freiheit» angedeutet habe. Ich habe wahrhaftig dazumal mich nicht in leichter Weise jenem Vorwurf ausgesetzt, der von banausischer Seite selbstverständlich gefällt wird gegen das, was ich gegen die Gebotsethik vorgebracht habe. Aber jeder einzelne meiner Sätze — ich bemühe mich dessen immer - ist so geformt, daß er die Freiheit im Menschen streng achtet, selbst nur in bezug auf die Gedanken- und Empfindungsbildung, die in meiner «Philosophie der Freiheit» gemeint ist. Daher muß ich darauf aufmerksam machen, daß es deplaciert ist, im Zusammenhange mit einem solchen Vortrag, wie ich ihn am 30. Dezember 1922 gehalten habe, die Frage der Beeinflussung des Urteils der Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft vorzubringen. Gewiß, bei vielen andern, bei reichlich andern Gelegenheiten kann das vorgebracht werden. Wenn es aber im Zusammenhang mit einem solchen Vortrag geschieht, dann ruft man Mißverständnisse hervor, weil man die Wahrheit zudeckt, die von mir als eine heilige erstrebt wird: daß niemandes Urteil beeinflußt werde gegenüber dem, was ich selber als ein Wichtigstes innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft zu sagen habe. Auch damit wollte ich ja nur meine Intentionen aussprechen, daß dasjenige, was der Formulierung dessen, was ich zu geben versuche, zugrunde liegt, immer darauf hinausläuft, niemandes Urteil zu beeinflussen. Daher braucht auch im Zusammenhang mit meinem Vortrag niemand davor gewarnt werden, sich dieses Urteil frei zu erhalten.
[ 8 ] There is a further matter to consider. In forming independent judgments it is not enough to be sure they are one's own. One must be equally sure, before expressing them, that one has taken all the pertinent facts into consideration. Anybody can draw his own conclusions. The point is to arrive at the correct ones when a sufficient overview of the facts of the case permits it or when facts that obviously do not apply have been discarded. I must therefore emphasize—and I bring up these introductory problems in duty bound, not because I have the least desire to do so—that what was said yesterday about all kinds of reports about the Movement for Religious Renewal having been carried to Dornach, so that my words could have been influenced and my opinions shaped thereby, is simply incorrect. The lecture in question was completely unrelated to any such reports, as fair-minded reviewers will see for themselves. A third item was brought up in connection with my lecture, namely, that one faction was having chances to be heard while the other had none. If I am not mistaken, the Waldorf School faculty was named as a case in point, because I meet regularly with it. The truth is, however, that the matter had never even been discussed with the Waldorf faculty up to the time of giving the lecture. Here again is an example of a judgment made in ignorance of the facts. It might easily be thought that, since I meet frequently with the Waldorf faculty, there had been frequent discussions of the matter. But pedagogical matters naturally form the agenda of such meetings; anthroposophical gossip definitely has no share in them. As I said, I stress these things in duty bound because they have to do with the nature of anthroposophical work, and we are at the point of at least trying to put that work on a healthy basis in the Society. Of course I was able, right after the founding of the Movement for Religious Renewal, to hand over to appropriate persons the task of giving the Society all the necessary information about it; I didn't have to do this myself. That was apparent to anyone who heard the closing words I spoke on the occasion of launching the Movement for Religious Renewal. It is always a terrible thing for me to be forced to break off communicating facts in order to say the kind of things that I was compelled to say yesterday. But as things are now, the whole weight of everything connected with anthroposophical activities is burdening my soul, and unless something really adequate is done to clear up just those misunderstandings that are escaping notice because they are not as crassly evident as others, our anthroposophical work cannot progress. But the work must progress; otherwise, we would obviously have to leave the situation of the Goetheanum as it is. Resuming work on it depends entirely on strengthening the Society and freeing it of misunderstandings that sap its very lifeblood. That lifeblood is sapped when, for example, no attention is paid to the principle involved in speaking of ethics in the sense required by the Spirit of the Time for the age of the developing consciousness soul and delineated by me in the Philosophy of Freedom. At the time I wrote it, I did not exactly relish exposing myself to the reproaches certain to issue from narrow-minded quarters because of my repudiation of authoritarian ethics. But every sentence I set down was formulated in the way I am always at pains to do, taking the greatest care to leave the reader free, even in relation to the development of thought and feeling under discussion in the book mentioned. So I must point out how out of place it is to bring up the question of a lecture like that of December 30, 1922, influencing the conclusions drawn by members of the Anthroposophical Society. There might be many other occasions where such a question could be raised. But it creates misunderstandings to raise it in connection with the lecture referred to, and to do so disregards the fact of my sacred concern to avoid influencing people's judgment by what I say on the subject of vitally important aspects of activities within the Society. So I have again expressed my intention of formulating what I have to say in such a way that nobody's judgment can be influenced. It is therefore unnecessary to warn those who attend my lectures to preserve their freedom of judgment.
[ 9 ] Nun, ich möchte sagen, in demselben Geiste fortfahrend, aus dem heraus ich dieses gesprochen habe, möchte ich heute zunächst einiges vorbringen über die Bildung eines geisteswissenschaftlichen Urteils überhaupt, ich meine eines solchen Urteils, das eine geisteswissenschaftliche Wahrheit aussprechen will. Es berührt einen immer sehr eigentümlich, wenn man merkt, wie wenig Gefühl vorhanden ist für den Ernst, mit dem geisteswissenschaftliche Wahrheiten ausgesprochen werden. Für das Aussprechen irgendeines Urteils innerhalb der alltäglichen Welt, die man durch seine Sinne beobachtet, da gilt es, dieses Urteil durch Beobachtung oder Logik in einem bestimmten Zeitpunkte seines Lebens zu gewinnen. Und es ist voll berechtigt, wenn man durch Beobachtung und Logik ein solches Urteil über Dinge der sinnlichen oder der geschichtlichen Außenwelt gewonnen hat. Beim Geisteswissenschaftlichen kann es eigentlich so nicht sein. Da genügt es nicht, einmal sich der Bildung eines Urteils unterzogen zu haben, sondern da ist wesentlich ein anderes notwendig. Da ist notwendig dasjenige, was ich die zweimalige Umschmelzung des Urteils nennen möchte. Und diese Umschmelzung geschieht in der Regel nicht nach kurzen Zeiträumen, sondern meistens nach langen Zeiträumen. Man faßt irgendein Urteil nach den gewöhnlichen Methoden, die Sie ja kennen aus meiner Darstellung in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» oder aus dem zweiten Teil meiner «Geheimwissenschaft»; man gelangt, sage ich, durch solche Methoden zu irgendeinem Urteil über geistige Vorgänge oder geistige Wesenheiten. Man hat jetzt eigentlich die Verpflichtung, dieses Urteil zunächst bei sich selbst zu behalten, es nicht auszusprechen. Ja man hat sogar die innere Verpflichtung, dieses Urteil vor sich selbst so zu behandeln, daß man es zunächst als eine bloße Tatsache hinnimmt und ihm weder mit Zustimmung noch mit Ablehnung entgegenkommt. Dann wird man nach einiger Zeit, vielleicht nach Jahren erst, dazu kommen, in dem eigenen Seelenleben die erste Umschmelzung dieses Urteils vorzunehmen, es zu vertiefen, ja es in vieler Beziehung zu verwandeln. Es wird dieses Urteil, selbst wenn es inhaltlich dasselbe bleibt nach dieser Umschmelzung, eine andere Nuance von innerem Anteil, von innerer ihm zuerteilter Wärme zum Beispiel, annehmen. Es wird unter allen Umständen nach dieser ersten Umschmelzung sich in anderer Weise als beim ersten Fassen in das Seelenleben einverleiben, und man wird nach dieser ersten Umschmelzung das Gefühl haben: Du hast dich selber in einer gewissen Weiße von dem Urteil getrennt. - Wenn es zu der ersten Umschmelzung Jahre dauert, so kann man ja auch nicht immerfort dieses Urteil in seiner Seele weiterwälzen. Dieses Urteil geht natürlich ins Unbewußte hinunter. Dieses Urteil führt unabhängig von dem Ich ein eigenes Leben. Das ist notwendig. Solch ein Urteil muß unabhängig von dem eigenen Ich ein selbständiges Leben führen. Man muß gewissermaßen ein solches Urteil leben lassen, ohne daß man dabei ist. Dadurch schmilzt man aus dem Urteil die Egoität heraus. Man übergibt es demjenigen, was in einem selber objektiv ist, während beim ersten Beobachten und bei dem ersten logischen Zusammenstellen des Urteils eben die Egoität, das eigene Ich, immer mitwirkt und mitspielt. Und dann, wenn das Urteil zum ersten Male — wie gesagt, vielleicht nach Jahren - umgeschmolzen ist, dann wird man merken: Dieses Urteil kommt wieder, kommt einem aus den Seelentiefen so zu, wie irgendeine Tatsache der Außenwelt. Man hat es in der Zwischenzeit verloren gehabt, man findet es wieder. Man findet es wieder so, daß es einem jetzt sagt: Du hast mich unvollkommen, du hast mich vorerst vielleicht irrtümlich gefällt; ich habe mich selber richtiggestellt. - Dieses Urteil wird der wahre Geisteswissenschafter suchen, dieses Urteil, das sein eigenes Leben in der menschlichen Seele entfaltet. Geduld, viel Geduld gehört zu einem solchen Umschmelzen des Urteils, denn, wie gesagt, es ist oftmals erst nach Jahren möglich, diese Umschmelzung herbeizuführen, und die Gewissenhaftigkeit, die bei der Geisteswissenschaft entfaltet werden muß, die verlangt eben durchaus, daß man nicht sich sprechen läßt, sondern daß man die Dinge sprechen läßt.
[ 9 ] Now let me continue in the spirit of my previous comments and go on to consider how a spiritual-scientific judgment is arrived at. I am speaking now of judgments that express spiritual-scientific truths. It can give one a strange feeling to observe how little aware people are of the seriousness with which the communication of spiritual truths is weighted. All one has to do to form and express judgments about things of the everyday world of the senses is to practice observation or logic at a given moment. Observation and logic are perfectly adequate bases for forming judgments about sense-derived and historical data. In the realm of spiritual science, however, they are not adequate. There, it is not enough to deal just once with forming a particular judgment. What is required is something quite different, something I shall call here a twofold re-casting of a judgment. This re-casting usually takes more than a short period of time; indeed, the period tends to be quite a long one. Let us say that one forms some judgment or other on the basis of methods you are familiar with from descriptions given in my book, Knowledge of the Higher Worlds and its Attainment and in the second part of An Outline Of Occult Science. Following these procedures, one arrives at this or that conclusion about spiritual beings or processes. At this point one is obligated to keep this conclusion to oneself and not to express it. Indeed, one is even obligated to regard it simply as a neutral fact which, for the time being, one neither accepts nor rejects. Then, perhaps even years later, one comes to the point of undertaking the first re-casting of this judgment in one's own soul life; one deepens and in many respects even transforms it. Even though the content of the judgment may remain the same after its re-casting, it will have taken on a different nuance, a nuance of inner participation, perhaps, or of the warmth one has spent on it. In any case, it will incorporate itself in the life of the soul quite differently after this first re-casting than on the previous occasion, and one will then have the feeling of having separated oneself in some way from the judgment. If it has taken a matter of years to accomplish the first re-casting, one cannot, of course, have been turning the judgment over in one's mind every minute of the time. The judgment naturally disappears into the unconscious, where it carries on a life of its own quite independently of the ego. It has to have this independent life. One must stay away from it and let it live all to itself. Thus the ego element is eliminated from the judgment, which is then turned over to an objective faculty in oneself. When one first makes an observation and draws a logical conclusion from it, the ego is invariably involved. But when—possibly after a lapse of several years—a judgment is re-cast for the first time, one has the distinct experience of its emerging from the soul's depths to confront one like any other fact of the surrounding world. All this time it was out of sight. Now one comes across it again, one re-discovers it, and it seems to be saying, “The first time you formed me imperfectly, or even incorrectly, but now I have corrected myself.” This is the judgment the true spiritual scientist seeks, the kind that develops its own life in the human soul. It takes a lot of patience to re-cast it because, as I have said, the process of re-casting can take years, and the conscientiousness that spiritual science demands means keeping silent while letting things speak.
[ 10 ] Aber nun, meine lieben Freunde, wenn man ein Urteil also umgeschmolzen hat, dann erlangt man gerade diesem umgeschmolzenen, ich möchte sagen, aus der Objektivität wieder an einen herantretenden Urteile gegenüber das starke Gefühl: Man ist mit diesem Urteil, trotzdem man es sich objektiv hat wiedergeben lassen, dennoch in sich. Und noch immer kann es durchaus so sein, daß man sich durchaus außerstande fühlt, ein solches Urteil über eine geisteswissenschaftliche Angelegenheit schon abzugeben. Denn man hat eben die Aufgabe, die Dinge sprechen zu lassen und nicht sich sprechen zu lassen. Daher wartet man auf die zweite Umschmelzung des Urteils, bis zu der es unter Umständen wiederum Jahre dauern kann. So daß man also nach der zweiten Umschmelzung des Urteils eine dritte Gestalt des Urteils hat. Da wird man einen bedeutsamen Unterschied merken zwischen dem, was vorgeht in dem Zeitraum zwischen der ersten Fassung des Urteils und der ersten Umschmelzung, und zwischen der ersten Umschmelzung und der zweiten Umschmelzung. Man wird nämlich merken, daß man in einer verhältnismäßig leichten Weise zwischen dem ersten Fassen und der ersten Umschmelzung das Urteil wiederum in ‚das Gedächtnis heraufbringen konnte. Zwischen der ersten Umschmelzung und der zweiten Umschmelzung hat man die größte Mühe, das Urteil wieder in Erinnerung zu bringen, denn es geht in tiefe, tiefe Seelenuntergründe hinunter, in Seelenuntergründe, in die ein zunächst an der Außenwelt leicht geschürztes Urteil gar nicht hinuntergeht. Ein so umgeschmolzenes Urteil geht in tiefe Seelenuntergründe hinunter, und da lernt man erst kennen, wenn man dann ein solches Urteil zwischen der ersten Umschmelzung heraufbringen will in die Seele, wie es oft eines Ringens bedarf, um ein solches Urteil ins Gedächtnis zu rufen. Unter dem Urteile meine ich jetzt die Anschauung der ganzen Tatsache, wenn es sich auf eine geisteswissenschaftliche Tatsache bezieht. Und dann, wenn man das Urteil in der dritten Gestalt bekommt, dann weiß man, dieses Urteil ist bei der Sache oder bei dem Vorgang gewesen, auf den es sich bezieht oder auf die es sich bezieht. Das Urteil zwischen dem ersten Fassen und der ersten Umschmelzung ist noch bei einem selbst geblieben, aber zwischen dem ersten und zweiten Umschmelzen ist das Urteil untergetaucht in die objektiv geistige Tatsache oder die objektiv geistige Wesenheit, und man merkt: die Sache selber gibt einem mit dieser dritten Gestalt das Urteil, das eben eine Anschauung ist, zurück. Und jetzt erst fühlt man sich eigentlich gegenüber den geisteswissenschaftlichen Tatsachen berufen, Mitteilung von der Anschauung beziehungsweise dem Urteile zu machen. Mitteilung macht man erst dann, wenn man diese zweifache Umschmelzung vollzogen hat und dadurch die Gewißheit erhalten hat, daß dasjenige, was man erst angeschaut hat in der ersten Fassung, durch die Seele selber den Weg genommen hat zu den Tatsachen, zu den Dingen hin und von diesen wiederum zurückgekommen ist. Ja, ein Urteil, das abgegeben wird in gültiger Weise auf geisteswissenschaftlichem Gebiete, ein solches Urteil hat man erst geschickt zu den Tatsachen oder Wesenheiten, über die es sprechen will.
[ 10 ] But now, my dear friends, after re-casting a judgment in this way and experiencing its emergence out of an objective realm, one has the strong feeling that it occupies a place somewhere in oneself despite its objective recovery. So one can still feel that, in view of the responsibility one has to let the thing speak while remaining silent oneself, one should not express this kind of judgment on a spiritual-scientific matter. One therefore waits again, and perhaps again for years, for the second re-casting. As a result, one arrives at a third form of the judgment, and one will find a significant difference between the process that went on in the period between the first forming of the judgment and its first re-casting and the process it underwent between the first and second re-casting. One notices that it was comparatively easy to recall the judgment in the first time-interval described, while in the second it is extremely difficult to summon it up again, into such soul-depths has it descended, depths into which the easy judgments gleaned from the outer world never descend. Re-cast judgments of the kind I mean sink to the deepest levels of the soul, and one finds out what a struggle it costs to recall such a re-cast judgment between its first and second re-casting. By judgment I mean here an overview of the whole area covered by the fact in cases where the facts are of a spiritual-scientific nature. When one then arrives at the third form of the judgment, one knows that the judgment has been in the realm of the thing or process under study. In the period between its first forming and first re-casting it remained within one's own being, but in the second such interval it plunged into the realm of the objective spiritual fact or being. One sees that in its third shape the thing or being itself gives back the judgment in the form of a certain outlook one now has. Only now does one feel equal to communicating this view or judgment of a spiritual-scientific fact. The communication is made only after completing this twofold re-casting and thus arriving at the certainty that one's first view of the matter has pursued a path directly to the facts of the case and returned again. Indeed, a judgment of super-sensible things that is to find valid expression must be sent to the realm where the relevant facts or beings dwell.
[ 11 ] Sehen Sie, dem, was ich jetzt gesagt habe, wird man nicht fernestehen, wenn man über wesentliche und bedeutungsvolle geisteswissenschaftliche Tatsachen die Darstellungen richtig auffaßt. Wenn man freilich Zyklen so liest, wie man moderne Romane liest, dann wird man nicht aus der Fassung selber erkennen, daß das Wesentliche, der eigentliche Beweis in dieser zweimaligen Umschmelzung des Urteils liegt. Und man wird dann sagen, das sei eine Behauptung, das sei kein Beweis. Ja, ein anderer Beweis als das Erleben, aber das gewissenhafte Erleben nach zweimaliger Umschmelzung des Urteils, ein anderer Beweis kann für Geistiges nicht aufgezeigt werden. Denn das Beweisen des Geistigen besteht in einem Erleben. Das Begreifen nicht. Das Begreifen ist dem gesunden Menschenverstande nach einer hinlänglichen Darstellung überall zugänglich. Aber diese hinlängliche Darstellung muß die Möglichkeit geben, aus der Fassung der Sache eben dem gesunden Menschenverstande alle Anhaltspunkte zu liefern, damit er aus dieser Art der Darstellung sich überzeugen kann, daß durch das «Wie» des gegebenen Urteils seine Wahrheit verbürgt ist.
[ 11 ] No one with a right approach to presentations of basic and significant spiritual-scientific facts will find this hard to understand. Of course, a person who reads lecture cycles just as he would a modern novel will not notice from the way it is presented that the all-important thing, the real proof, lies in this twofold re-casting of a judgment. He will then call such a statement a mere assertion, not a proof at all. But the only proof of spiritual facts is experience, experience conscientiously come by and based on a twofold re-casting of judgments. Spiritual things can be proved only by experiencing them. This does not hold true of understanding them, however. Anyone with a healthy mind can understand any adequate presentation. But to be adequate, it has to have supplied that healthy mind with all the pertinent data, so pertinently arranged that the very manner of the presentation convinces of the truth of a given conclusion.
[ 12 ] Es macht immer einen höchst eigentümlichen Eindruck, wenn Leute kommen und sagen: Geisteswissenschaftliche Wahrheiten sollen in derselben Weise bewiesen werden, wie etwa Behauptungen über äußerlich sinnliche Tatsachen. Menschen, die dies fordern, kennen eben noch gar nicht den Unterschied zwischen dem, was eine Anschauung auf dem geistigen Gebiet ist, und demjenigen, was eine Anschauung auf dem Sinnes- oder gewöhnlichen historischen Gebiete ist. Derjenige, welcher Anthroposophie kennenlernt, wird bemerken, wie die einzelne Wahrheit, die vertreten wird, sich in den Zusammenhang der ganzen Anthroposophie hineinstellt. Und er wird einfach in demjenigen, das er im Zusammenhang kennengelernt hat, eine Bekräftigung einer neuen Wahrheit finden, die er hört. Und wiederum: die neue Wahrheit wird zurückwirken auf dasjenige, was er schon gehört hat. Und so ist mit Anthroposophie bekannt werden ein fortwährendes Wachsen in der Überzeugung von der Wahrheit der Anthroposophie. Von einer mathematischen Wahrheit kann man im Augenblick überzeugt sein, aber sie hat deshalb auch kein Leben. Das Anthroposophische ist Leben, daher ist auch die Überzeugung nicht in einem Augenblick abgeschlossen, das heißt, sie lebt, sie vergrößert sich fortwährend. Ich möchte sagen, die anthroposophische Überzeugung ist zunächst ein Baby, wo man noch ganz unsicher ist, wo man fast nur einen Glauben hat oder nur einen Glauben hat; dann wächst sich diese Überzeugung, indem man immer mehr und mehr kennenlernt, allmählich auch immer sicherer und sicherer aus. Dieses Auswachsen der anthroposophischen Überzeugung ist eben ein Zeuge von ihrer inneren Lebendigkeit.
[ 12 ] It makes a strange impression to have people come and say that spiritual-scientific truths ought to be as susceptible of proof as assertions about facts observed in the sense world. A person who makes such a demand shows that he is unfamiliar with the difference between perception of things spiritual and ordinary experience on the physical or historical level. Individuals who acquaint themselves with anthroposophy will notice that the single truths it presents fit into the picture of anthroposophy as a whole, and that this whole in turn supports the further single truths they hear. These further truths then illuminate things heard in the past. An increasing familiarity with anthroposophy is thus constant growth in experiencing its truth. The truth of a mathematical statement can be discerned in a flash, but it is correspondingly lifeless. Anthroposophical truth is a living thing. Conviction cannot be arrived at in a single moment; it is alive, and goes on growing. Conviction about anthroposophy might be compared to a baby just starting out in life, uncertain at first, scarcely more than a belief. But the more one learns, the more certain one's conviction becomes. This growing-up of anthroposophical conviction is actually proof of its inner aliveness.
[ 13 ] Und auch daran muß man erkennen, wie man nicht nur anderes empfindet und denkt auf anthroposophischem Felde als auf andern heute gebräuchlichen Gebieten, sondern wie man anders denken muß, anders empfinden, anders fühlen, anders gestimmt sein muß als auf andern Gebieten. In diesem Anders-Gestimmtsein liegt das Wesentliche des Verständnisses für Anthroposophie, und von diesem Gestimmtsein aus kann Anthroposophie, ich möchte sagen, ihre Kreise ziehen in die verschiedensten Gebiete des Lebens.
[ 13 ] We see here, furthermore, that what one thinks and feels about the concerns of anthroposophy is not only different from what one thinks and feels in other areas today, but that one must think differently, feel differently, take a different approach than is usual elsewhere. This different approach or attitude is basic to an understanding of anthroposophy, and it forms the basis for an anthroposophical fructification of all the various fields of life and learning.
[ 14 ] Das werden vor allen Dingen diejenigen zu berücksichtigen haben, die sich zum Beispiel als Wissenschafter in die anthroposophische Bewegung hineinbegeben haben. Als solche Wissenschafter sollten sie nicht nur anstreben, ein anderes Weltenbild zu entwerfen, als dasjenige ist, welches die sogenannte äußere Wissenschaft anstrebt, sondern sie sollten sich klar sein, daß sie vor allen Dingen das anthroposophische Gestimmtsein und innerlich Lebendigsein in die verschiedensten Wissenschaften hineinzutragen haben. Dann würden sie viel weniger in Polemik gegen die andern Wissenschaften geraten als vielmehr in ein Ausgestalten desjenigen an den andern Wissenschaften, was eben ohne Anthroposophie nicht ausgestaltet werden kann. Ich muß dies betonen in einer Zeit, in der wir in einer Krise der Anthroposophischen Gesellschaft leben, in einer Krise, die nicht zum wenigsten herbeigeführt wird durch das Verhalten wissenschaftlicher Kreise innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft. Ich muß es auch hier an dieser Stelle betonen, daß durch den Atomismusstreit in der «Drei» die naturwissenschaftliche Diskussion auf ein totes Geleise geführt worden ist. Denn so sollte dieser Streit, diese Diskussion niemals geführt werden, daß, ich möchte sagen, mit denselben Gedankenformen hinüber- und herübergeschlagen wird und unter Umständen mit dem Wichtigsten sogar der sogenannte Gegner noch Recht hat. Dasjenige, um was es sich heute handelt, ist, daß gerade zum Beispiel die physikalische Wissenschaft in ihren Tatsachen - wenn man sie nimmt, wie sie ist, ohne daß man wider sie polemisiert - gerade die allerwichtigste Grundlage gibt für die anthroposophische Auffassung, während das Polemisieren, ohne das Hineintragen des anthroposophischen Gestimmtseins, eben auf ein totes Geleise führt, wie es führen mußte und wie es geführt hat in der Polemik, die in der «Drei» entfaltet worden ist.
[ 14 ] This fact will have to be kept particularly clearly in mind by scientists coming into the movement. They should not only make it their goal as scientists to develop a different picture of the world than that striven for by external science, but should also be aware that their chief responsibility consists in bringing an anthroposophical frame of mind and an inner aliveness to bear on the various scientific fields they enter. This would keep them from resorting to polemics against other types of science, and instead help them to proceed in the direction of developing aspects of those sciences that would remain undeveloped without anthroposophy. I must stress this in a time of crisis for our Society, a crisis due in no small measure to the way scientists have been conducting themselves in it. I must add here that the battle over atomism that the journal Die Drei [DIE DREI: an anthroposophical journal.] has been waging can only mean the death of fruitful scientific exchange. This debate should not be carried on with resort to the same kind of thinking practiced by opponents and with a failure to see that in certain vital points their assertions are correct. The all-important thing is to realize that physics is just that field of science that has brought out facts quite ideally suited to serving as the foundation of an anthroposophical outlook, provided one takes physics just as it is, without polemics. As we have seen in the polemical debate in “Die Drei,” polemics unrelieved by an anthroposophical approach can only lead to unfruitfulness.
[ 15 ] Ich möchte dieses auch aus dem andern prinzipiellen Grund hervorheben, damit ersichtlich wird, daß ich auch in dieser Beziehung durchaus sagen darf: Nicht mir darf man alles in die Schuhe schieben, was auf anthroposophischem Felde getan wird! Denn ich achte die Freiheit der Menschen - aber wenn irgend etwas zur Schädlichkeit führt, dann muß ich auch mein freies Urteil haben, dieses aussprechen zu können. Auf anthroposophischem Felde muß völlige Unabhängigkeit herrschen, nicht etwa irgendein Opportunismus und am wenigsten eine Kameraderie in dem Sinne, wie es sonst vielfach in der Behandlung von wissenschaftlichen Fragen sogar der Fall ist.
[ 15 ] I had a further reason for stressing this: I want to make it fully clear as a matter of principle that everything that is done in the name of anthroposophy cannot be laid at my door! I respect people's freedom. But when harmful things happen I must be allowed to exercise my own judgment about bringing them up. Complete independence must be the rule in anthroposophical concerns, not opportunism. Least desirable of all is the comradely spirit so frequently met with in discussions about scientific questions.
[ 16 ] Nun, meine lieben Freunde, ich habe gesagt, man muß sich, wenn man Anthroposophisches ausspricht, immer klar sein darüber, daß wir im gegenwärtigen Zeitpunkte in der Entwickelung der Bewußtseinsseele leben, das heißt aber: Das Rationelle, das Intellektuelle ist die vorzüglichste Seelenverfassung der Menschen geworden. Wir urteilen eigentlich - die Anfänge davon liegen bei Anaxagoras im alten Griechenland — in der neueren Zeit so, daß wir alles, auch die Beobachtungsresultate, durchgehen lassen durch die Intellektualität. Und nehmen Sie das, was Sie heute als rationelle Wissenschaft haben, nehmen Sie die rationellsten Wissenschaften, die mathematischen, nehmen Sie aber auch dasjenige, was in den übrigen Wissenschaften durch den Rationalismus, der die Empirie bearbeitet, vorhanden ist, dann können Sie sich die Vorstellung bilden von dem eigentlichen Denkinhalt unserer Zeit. Aber dieser Denkinhalt unserer Zeit, wie ihn schon die kleinsten Kinder in der Schule aufnehmen - denn so ist es -, dieser Denkinhalt unserer Zeit ist, approximativ genommen, in einem bestimmten Zeitpunkte in der Entwickelung der Menschheit eingetreten. Wir können deutlich auf das erste Drittel des 15. Jahrhunderts hinweisen: da ist mit aller Deutlichkeit erst dieser Intellektualismus heraufgekommen. Früher haben die Menschen, auch wenn sie sogenanntes Wissenschaftliches gedacht haben, viel mehr in Bildern, welche die Wachstumskräfte der Dinge selber darstellten, gedacht, nicht in abstrakten Begriffen, wie wir das heute selbstverständlich tun müssen. Nun, diese abstrakten Begriffe, die uns innerlich zum reinen Denken erziehen, wovon ich gerade in meiner «Philosophie der Freiheit» gesprochen habe, diese abstrakten Begriffe, sie machen es möglich, daß wir freie Wesen werden. Als die Menschen noch nicht in Abstraktionen denken konnten, waren sie mit ihrer ganzen Seelenverfassung determiniert, abhängig. Frei können sich erst die Menschen entwickeln, nachdem sie innerlich durch nichts bestimmt sind, nachdem die moralischen Impulse — Sie können das nachlesen in meiner «Philosophie der Freiheit» - im reinen Denken erfaßt werden können. Reine Gedanken sind aber keine Realität, sondern sie sind Bilder. Bilder können uns nicht zwingen, wir selber müssen unser Handeln bestimmen; Bilder haben nichts Zwingendes. Die Menschheit hat sich auf der einen Seite zum abstrakten Gedanken, auf der andern Seite zur Freiheit entwickelt. Das habe ich von andern Gesichtspunkten aus öfter dargestellt.
[ 16 ] Now, my dear friends, as I often point out, we have to be clear when we are presenting anthroposophy that we are now living in the age of consciousness soul development. In other words, rational and intellectual capacities have become the most outstanding aspects of man's present state of soul. Ever since the time of Anaxagoras, a philosopher of ancient Greece, we have been sifting every judgment, even those based on external observation, through our intellectuality. If you examine the rationalistic science of today, particularly mathematics, which is the most rationalistic of all, and consider the rationalistic working over of empirical data by the other sciences, you will form some idea of the actual thought-content of our time. This thought-content, to which even the youngest children are exposed in modern schools, made its appearance at a fairly definite point in human evolution. We can pinpoint it in the first third of the fifteenth century, for it was then that this intellectuality appeared on the scene in unmistakable form. In earlier times people thought more in pictures even when they were dealing with scientific subject matter, and these pictures expressed the growth forces inherent in the things they thought about. They did not think in abstractions such as come so naturally to us today. But these abstract concepts educate our souls to the pure thinking described in my The Philosophy of Freedom. It is they that enable us to become free beings. Before people were able to think in abstractions they were not free, self-determined souls. One can develop into a free being only by keeping the inner man free of influences from outside, by developing a capacity to lay hold on moral impulses with the aid of pure thinking, as described in the The Philosophy of Freedom. Pure thoughts are not reality, they are pictures, and pictures exercise no sort of compulsion on us. They leave us free to determine our own actions.
[ 17 ] Aber nun, bevor die Menschheit fortgeschritten war dazu, im Erdenleben den abstrakten Gedanken zu fassen, im Erdenleben durch dieselbe Fähigkeit, die den abstrakten Gedanken fassen kann, zur Freiheit zu kommen, wie war es denn damals mit ihr? Da hat die Menschheit im Leben auf der Erde zwischen der Geburt und dem Tode nicht abstrakte Gedanken gefaßt; selbst im alten Griechenland war das noch nicht möglich, geschweige denn in früheren Zeiten. Da hat die Menschheit durchaus in Bildern gedacht und war demgemäß auch nicht mit dem innerlichen Freiheitsbewußtsein ausgestattet, das eben heraufgezogen ist mit dem reinen, das ist abstrakten Gedanken. Der abstrakte Gedanke läßt uns kalt. Dasjenige, was uns der abstrakte Gedanke an moralischer Fähigkeit gibt, das macht uns im intensivsten Sinne warm, denn das stellt im höchsten Sinne unsere Menschenwürde dar.
[ 17 ] So, on the one hand, mankind evolved to the level of abstract thinking, on the other to freedom. This has often been discussed here from several other angles. Let us now consider how things stood with man before earthly evolution brought him to a capacity for abstract thoughts, and so to freedom. The humanity incarnated on the earth in earlier periods was incapable of abstract thinking. This was true of ancient Greece, not to mention still earlier periods. The people living in those early days thought entirely in pictures, and were therefore not as yet endowed with the inner sense of freedom that became theirs when they attained the capacity for pure (that is, abstract) thinking. Abstract thoughts leave us cold. But the moral capacity given us by abstract thought makes us intensely warm, for it represents the very peak of human dignity.
[ 18 ] Wie war es, bevor der abstrakte Gedanke mit der Freiheit über die Menschheit kam? Nun, Sie wissen, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht, dann hat er in den ersten Tagen, nachdem er seinen physischen Leib verlassen hat, noch den ätherischen Leib an sich, und er hat wie in einer umfassenden Rückschau, nicht in Detailmalerei, aber in ausgleichenden universellen Bildern seinen ganzen Lebensgang, den er durchgemacht hat, soweit er sich zurückerinnert, vor sich. Dieses Lebenstableau hat der unmittelbar Verstorbene durch mehrere Tage vor sich als Bildinhalt. Ja, meine lieben Freunde, so ist es heute. In derjenigen Zeit, in der die Menschen hier auf der Erde Bildinhalt hatten, hatten sie unmittelbar nach dem Tode das, was der heutige Mensch erlebt, das Rationelle, die logische Erfassung der Welt, die sie zwischen Geburt und Tod nicht hatten, in der Rückschau vor sich. Das ist etwas, was uns im eminentesten Sinne hineinführt in das Verständnis der Menschenwesenheit. Dasjenige, was der Mensch einer älteren Geschichtsepoche sogar, nicht nur der Urzeit, erst nach dem Tode hatte: einen kurzen Rückblick in abstrakten Begriffen und den Impuls der Freiheit, der ihm dadurch dann blieb für das Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, das hat sich hereingeschoben während der Menschheitsentwickelung in das Erdenleben. Das gehört zu den Geheimnissen des Daseins, daß sich Übersinnliches fortwährend hereinschiebt in dasSinnliche. Was heute ausgedehnt ist über das Erdenleben, die Fähigkeit der Abstraktion und Freiheit, das war etwas, was bei einer älteren Menschheit nach dem Tode erst in den Menschenbesitz kam mit dieser Rückschau, während heute der Mensch während des Erdenlebens zwischen der Geburt und dem Tode die Rationalität, die Intellektualität und die Freiheit hat und daher eine bloße Bildrückschau nach dem Tode. So schieben sich die Dinge ineinander. Fortwährend schiebt sich real Konkret-Übersinnliches in das Sinnliche herein.
[ 18 ] What was the situation before abstract thought with its accompaniment of freedom was conferred on man? Well, you know that when man passes through the gates of death and casts off his physical body, he still retains his etheric body for a few days thereafter and sees his whole life, all the way back to the moment of his first memory, spread out before him in mighty pictures, in an undetailed, comprehensive and harmonious panorama. This tableau of his life confronts a person for several days after he has died. That is the way it is today, my dear friends. But in the time when people living on earth still possessed a picture consciousness, their experience immediately after death was that of a rational, logical view of the world such as human beings have today, but which those who lived in earlier times did not have in the period between birth and death. This is a fact that proves a signal aid in understanding human nature. An experience that people of ancient as well as somewhat later periods of history had only after death, that is, a short looking back in abstract thoughts and an impulse to freedom, which then remained with them during their lives between death and rebirth, came, in the course of evolution, to be instead an experience that they had during life on earth. This constant pressing through of super-sensible experience into earthly experience is one of the great secrets of existence. The capacity for abstraction and freedom that presently extends into earthly life was something that came into an earlier humanity's possession only after death in the form of the looking back I have described; whereas nowadays, human beings living on the earth possess rationality, intellectuality and freedom, exchanging these after death for a mere picture consciousness in their reviewing of their lives. There is a constant passing over of this kind going on, with the concretely super-sensible thrusting itself into sense experience.
[ 19 ] Daran können Sie ersehen, wie Anthroposophie, rein objektiv aus der Beobachtung des Geistigen, die Tatsachen holt, von denen sie spricht, wie nichts zunächst einfließt von subjektiver Willkür in die Behandlung dieser Tatsachen. Aber wenn wir diese Tatsachen haben, wirken sie nicht auf unser Gefühl, wirken sie nicht auf unsere Willensimpulse? Können wir bei Anthroposophie sagen, daß sie eine bloße Theorie sei? Wie theoretisch nimmt es sich aus, wenn wir bloß sagen, der Gegenwartsmensch ist der Mensch der Abstraktion und der Freiheit! Wie durchdrungen von künstlerischem Empfinden und religiöser Innigkeit wird es, wenn wir wissen lernen: Dasjenige, was uns als heutige Menschen in diesem Erdenleben die Freiheit und die Fähigkeit der Abstraktion gibt, das ist das, was durch die Pforte des Todes in entgegengeserzter Richtung von der, in welcher wir selbst gehen, wenn wir durch diese Pforte des Todes ziehen, aus himmlischen Welten in irdische hereingezogen ist. Wir ziehen durch das Tor des Todes hinaus in geistige Welten. Unsere Freiheit und unsere Abstraktionsfähigkeit ist ein himmlisches Geschenk, das hereingezogen ist in die irdischen Welten aus den übersinnlichen Welten. Das durchsetzt uns mit einem Erfühlen desjenigen, was wir als Menschen sind, indem es uns eben innig durchdringen kann mit dem Bewußtsein nicht nur, daß wir ein Geistiges in uns tragen, sondern woher wir dieses Geistige haben. Wir schauen hin auf den Tod und sagen: Was jenseits dieses Todes liegt, das hat eine ältere Menschheit in einer ganz bestimmten Weise nach dem Tode kennengelernt, es ist jetzt hereingezogen, und der Mensch der Gegenwart lernt es zwischen der Geburt und dem Tode kennen. —- Und indem so dieses Himmlische, die Intellektualität und die Freiheit, in das irdische Leben eingezogen ist, ist für die Menschheit ein anderes Aufblicken zur Göttlichkeit notwendig geworden, als das früher der Fall war. Und dieses andere Aufblicken zur Göttlichkeit ist für die Menschheit möglich geworden durch das Mysterium von Golgatha. Indem der Christus eingezogen ist in das irdische Leben, kann er heiligen dasjenige, was aus übersinnlichen Welten eingezogen ist und was sonst den Menschen zur Hoffart und zu allem möglichen verführen würde. In einer Zeit leben wir, wo wir einsehen müssen: Von dem Christus-Impuls muß durchdrungen werden dasjenige, was unser Heiligstes in diesem Zeitalter ist: die Fähigkeit, reine Begriffe zu fassen, und die Fähigkeit der Freiheit. Das Christentum ist nicht vollendet, das Christentum ist gerade dadurch groß, daß die einzelnen Entwickelungsimpulse der Menschheit nach und nach von diesem ChristusImpuls durchtränkt werden müssen. Der Mensch muß lernen, mit Christus rein zu denken, mit Christus ein freies Wesen zu sein, weil er sonst nicht in der rechten Weise dasjenige, was für ihn aus der übersinnlichen Welt in die sinnliche herübergezogen ist, im Zusammenhang mit der übersinnlichen Welt wahrnimmt. Hier stehen wir als Menschen, wenn wir auf uns selber schauen, und wissen als moderne Menschen: das Übersinnliche ist durch die Pforte des Todes in der Richtung entgegengesetzt jener, in der wir selber ziehen, wenn wir durch die Pforte des Todes gehen, in das irdische Leben hereingezogen. Das ist dasjenige, was in uns Menschen vor sich geht. Was in der Welt vor sich geht, ist, daß aus geistigen Höhen der Christus, die Geistsonne heruntergezogen ist in irdische Welten, damit dasjenige, was menschlich aus dem Übersinnlichen in das Sinnliche gezogen ist, sich finde mit dem, was kosmisch aus dem Übersinnlichen in das Sinnliche gezogen ist, auf daß der Mensch in der richtigen Weise sich zusammenfinde mit dem Geiste des Kosmos. Denn nur dann kann der Mensch in der richtigen Weise in der Welt stehen, wenn der Geist in ihm richtig den Geist außer ihm findet. Der Geist, der für die alte Menschheit jenseits des Todes gelebt hat, kann von der Menschheit der Gegenwart richtig nur in Besitz genommen werden im irdischen Leben, wenn der Mensch zugleich von demjenigen bestrahlt und beschienen wird, was als Christus auf die Erde herabgezogen ist aus jenen Welten, aus denen Rationalität und Intellektualität und Freiheit in das menschliche Leben zwischen Geburt und Tod herabgezogen sind.
[ 19 ] You can see from this example how anthroposophy obtains the facts it speaks of from observation of the spiritual, and how subjectivity has no chance to color its treatment of a fact. But once we arrive at these facts, do they not affect our feelings and work on our will impulses? Could it ever be said of anthroposophy that it is merely theory? How theoretical it would sound to say merely that modern man is ruled by freedom and abstraction! But how richly saturated with artistic feeling and religious content such a statement becomes when we realize that what gives us modern human beings freedom in our earthly experience and a capacity for abstraction is something that comes to us here on earth from the heavenly worlds we enter after death, but that makes its way to us in a direction exactly counter to the one we take to enter them! We go out through the gates of death into spiritual realms. Our freedom and capacity for abstraction come to us as a divine gift, given to the earth world by the spiritual. This imbues us with a feeling for what we are as human beings, making us warmly aware not only of the fact that we are bearers of a spiritual element, but of the source whence that element derives. We look on death with the realization that what lies beyond it was experienced by people of an earlier time in a way that has now been carried over into the modern experiencing of people here on earth. The fact that this heavenly element, intellectuality and freedom, has been thus translated into earthly capacity makes it necessary to look up to the divine in a different way from that of earlier ages. The Mystery of Golgotha made it possible to look up in this new way. The fact that Christ came to live on earth enables him to hallow elements of heavenly origin that might otherwise tempt man to arrogance and similar attitudes. We are living in a period that calls on us to recognize that our loftiest modern capacities, the capacity for freedom and pure concepts, must be permeated by the Christ impulse. Christianity has not reached its ultimate perfection. It is great just because the various evolutionary impulses of the human race must gradually be saturated by the Christ impulse. Man must learn to think pure thoughts with Christ, to achieve freedom with Christ, because he will otherwise not have that relationship to the super-sensible world that enables him to perceive correctly what it gives him. Studying ourselves as modern human beings, we realize that the super-sensible penetrates into earthly life through the gates of death in a direction directly counter to that that we take on dying. We go one way as human beings. The world goes the opposite way. With the descent of Christ, the spiritual sun enters from spiritual heights into the earth realm, in order that the human element that has made its way from the super-sensible to the sense world come together with the cosmic element that has taken the same path, in order that man find his way to the spirit of the cosmos. He can orient himself rightly in the world only if the spirit within him finds the spirit outside him. The spirit that an older humanity found living in the world beyond death can be rightly laid hold upon by people living on the earth today only if they are irradiated by the Christ, who descended to earth from that same world whence rationality and intellectuality and freedom made their way into the experience of incarnated human beings.
[ 20 ] So beginnt Anthroposophie überall mit Wissenschaft, belebt ihre Vorstellungen künstlerisch und endet mit religiöser Vertiefung; beginnt mit dem, was der Kopf erfassen kann, geht heran an dasjenige, was im weitesten Umfange das Wort gestalten kann, und endet mit dem, was das Herz mit Wärme durchtränkt und das Herz in die Sicherheit führt, auf daß des Menschen Seele sich finden könne zu allen Zeiten in seiner eigentlichen Heimat, im Geistesreich. So sollen wir auf dem Wege der Anthroposophie ausgehen lernen von der Erkenntnis, uns erheben zur Kunst und endigen in religiöser Innigkeit.
[ 20 ] So we may say that anthroposophy begins in every case at the scientific level, calls art to the enlivening of its concepts, and ends in a religious deepening. It begins with what the head can grasp, takes on all the life and color of which words are capable, and ends in warmth that suffuses and reassures the heart, so that man's soul can at all times feel itself in the spirit, its true home. We must learn, on the anthroposophical path, to start with knowledge, then to lift ourselves to the level of artistry, and to end in the warmth of religious feeling.
[ 21 ] Daß man das heute nicht will, das schafft der Anthroposophie ihre Gegner. Diese Gegner haben manche Eigentümlichkeit. Ich habe Ihnen Ernstes vorgeführt, ich kann, weil es so nahe liegt, nicht mit Ernstem schließen, obwohl die Dinge ernster sind, als man gewöhnlich meint. Aber es soll schon der Kontrast recht oft vor unsere Seele treten zwischen dem Ernste wahren anthroposophischen Strebens und demjenigen, was unsere Mitwelt vielfach aus diesem anthroposophischen Streben macht. Da kommt manchmal allerdings etwas Groteskes, vielleicht, wenn wir nicht so nötig hätten, uns dagegen zu wehren, auch bloß Komisches heraus. Ich bin schon genötigt, manchmal auch auf die Außenwelt ein kleines Schlaglicht zu werfen, worüber sich dann jeder auch das seinige denken mag, und so will ich denn mit einer nicht ganz seriösen Bemerkung die heutige sehr seriös gemeinte Betrachtung schließen.
[ 21 ] The present rejects this way of doing things, and that is why anthroposophy has enemies. These enemies have many strange qualities. I have been talking of such serious matters today that I don't want to end on a serious note, although these matters are a good deal more serious than is generally realized. But we should often consider what a contrast exists between the seriousness of genuine anthroposophical striving and the ideas about it entertained by a good many of our fellow men. Some of them are absolutely grotesque, though others would strike us as simply droll were it not for the fact that we have to put up a defense against them. Sometimes I also find it necessary to turn my own spotlight on the outer world, with everyone free to make of it what he will. So I am going to close today's weighty discussion with a comment that is not to be taken too weightily.
[ 22 ] Es war vor einiger Zeit, da brachte mir unser lieber Freund Wachsmuth nach Dornach ein grobes Pamphlet gegen Anthroposophie und namentlich gegen mich und einige mir nahestehende Persönlichkeiten, und er sagte dazumal, er wolle mir dieses Buch nicht lassen, weil er mich nicht verletzen will mit der Zumutung, es zu lesen, denn es sei eine gröbere Mache als manche andere. Nun, ich habe das Buch auch nicht wieder zu Gesicht bekommen. Herr Wachsmuth hat es damals mitgenommen, und ich habe mich nicht weiter darum gekümmert. Dagegen fuhr ich gestern in Begleitung von Frau Dr. Steiner und Herrn Leinhas durch Freiburg; wir hielten uns dort ein wenig auf, saßen an einem Tisch. An einem Nachbartisch saßen zwei Herren, von denen einer [unklare Textstelle, siehe Hinweis auf S. 217]. Wir hatten uns nicht sonderlich für die Leute interessiert, sie gingen etwas früher weg als wir, und nachdem sie weggegangen waren, brachte mir der Kellner ein Buch, er solle es mir abgeben von den beiden Herren, die da gesessen haben. Herr Leinhas erkundigte sich, wer die Herren waren,und erfuhr, daß der eine Herr Werner von der Schulenburg war. Vor dem Titelblatt, auf dem Schurzblatt steht: «Beste Empfehlungen, der Verfasser».
[ 22 ] A little while ago, our friend Dr. Wachsmuth brought me in Dornach a rude pamphlet not only attacking anthroposophy, but making me and those close to me its special targets. He said at the time that he wasn't leaving the book with me because it would be insulting even to assume that I would read such a particularly crude piece of invention. I didn't see the book again. Dr. Wachsmuth took it away with him, and I gave it no further thought. Yesterday I traveled through Freiburg, accompanied by Frau Dr. Steiner and Herr Leinhas. We stopped off for refreshments and were sitting at a restaurant table. Two men were seated at the adjoining one. One of them had a rather bulging briefcase and other such accoutrements. We took no special notice of these people, and they left shortly before we did. After their departure the waiter brought me a book, saying that one of the gentlemen had asked him to give it to me. Herr Leinhas asked who the men were, and was told that one of them was Werner von der Schulenburg. On the book's flyleaf stood the words, “With the author's compliments.”
[ 23 ] Sehen Sie, meine lieben Freunde, das passiert einem auch. Man bekommt daraus vielleicht eine Vorstellung, welche Begriffe von Takt gegenwärtig - von allem übrigen abgesehen — unter denen, die sich als unsere Gegner aufspielen, herrschen. Ich habe ja in der letzten Zeit wirklich nicht die Möglichkeit gehabt, mich viel mit meinen Gegnern zu befassen; denn derjenige, welcher ein wenig meine Tätigkeit in der letzten Zeit verfolgt hat, wird gesehen haben, wie sehr ich damit beschäftigt war, manche neue Wahrheiten zu den alten hinzuzufügen. Und das braucht Zeit, die man sich nicht verderben lassen kann, selbst wenn das Gegnerische noch so wild wird. Denn es ist für die Erringung anthroposophischer Wahrheiten so, wie ich es heute im Laufe des Vortrages geschildert habe. Wird sich die Anthroposophische Gesellschaft von diesem Bewußtsein durchdringen, dann wird sie manches von der Kraft erhalten, die in der jetzigen Zeit notwendig sein wird zur Reorganisation dieser Gesellschaft. Und die, meine lieben Freunde, die ist gar sehr notwendig. Nehmen Sie mir nicht übel, wenn ich es Ihnen nachdrücklich auch heute noch einmal wiederhole.
[ 23 ] You see, my dear friends, what can happen. Perhaps this will give you some idea what a conception of tact—not to mention other qualities—exists nowadays among those who parade their enmity. I have found it quite impossible lately to pay much attention to my enemies. Anyone who has been following my recent activities will have seen how occupied I have been presenting new truths to add to the old. This takes time, which one cannot afford to let anyone interrupt and waste, no matter how savage the attacks become. I have described to you today how much is involved in arriving at anthroposophical truths. If the Society becomes fully conscious of this, it will find some of the strength it needs for its current reorganization. That, my dear friends, is a vital need. Please do not take it amiss that I have harped on this theme so insistently today.
