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Understanding Art
GA 271

circa 1888

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Understanding Art, tr. SOL
  1. Kunst und Kunsterkenntnis

1. Aus einem Notizbuch

1. From a Notebook

[ 1 ] Alles Denken sucht den Geist in der Natur; der Wissenschaft ist die Welt des Wirklichen ein Ding, bei dem sie nicht stehen bleiben kann, ein Durchgangspunkt, durch den sie fortgehen muß zu dem Wesen der Dinge, das nur als Idee zu erfassen ist. Nur indem der Menschengeist diese Wirklichkeit überschreitet, die Schale zerschlägt und bis zum Kern dringt, wird ihm offenbar, was diese Welt im Innersten zusammenhält. Nimmermehr kann uns am einzelnen Naturgeschehen, nur am Gesetze, nimmermehr am Individuum, nur an der Allgemeinheit Befriedigung werden. In seinem Innern baut sich der Mensch eine Welt auf, die seinen geistigen Bedürfnissen entspricht, der jene Harmonie eigen, nach der sein Geist verlangt, der jene strenge Logik innewohnt, die er erstrebt. Nie ist die äußere Natur so, wie sie sich uns unmittelbar darbietet, in der Lage, uns das zu erfüllen. Nur der in die Tiefe dringende Blick des sonnenhaften Auges sieht die geistige Sonne, die hinter den Erscheinungen lebt und waltet. Die unmittelbare Erscheinung erscheint uns entgöttlicht. Deshalb konnten die Zeiten mit vorherrschend theologisierender Richtung nie eine Ästhetik begründen.

[ 1 ] All thought seeks the spirit in nature; for science, the world of the real is something it cannot linger upon, a point of passage through which it must proceed to the essence of things, which can be grasped only as an idea. Only by transcending this reality, shattering the shell, and penetrating to the core does the human spirit come to understand what holds this world together at its very core. We can never find fulfillment in individual natural phenomena, but only in laws; never in the individual, but only in universality. Within himself, man builds a world that corresponds to his spiritual needs, a world characterized by the harmony his spirit craves and imbued with the rigorous logic he strives for. External nature, as it immediately presents itself to us, is never capable of fulfilling this. Only the penetrating gaze of the sun-like eye sees the spiritual sun that lives and reigns behind appearances. The immediate appearance seems deified to us. That is why eras dominated by a theological orientation were never able to establish an aesthetics.

[ 2 ] Die Ästhetik kann nur jener Zeiten Kind sein, wo dem Menschen in der Kunstpflege eine hohe Aufgabe erscheint, wo ihm die Kunst zur hohen Tochter des Himmels wird, die eine göttliche Sendung zu erfüllen hat. Wenn uns in jeder einzelnen Erscheinung der Natur schon das göttliche Walten in seiner ganzen Intensität erscheint, was kann der Kunst für eine Aufgabe zufallen? Das Göttliche müßte in seiner hehrsten Form, als Idee erkannt werden, um auch der Erscheinung des Einzelnen ihren rechten Platz im Systeme unserer Weltanschauung anzuweisen. Der intuitive Geist sieht zwar im Besonderen das Allgemeine, im Individuum die Idee, aber nur weil er, während sein Blick ganz im Realen bleibt, mehr in diesem sieht, als die bloßen Sinne vermögen. Es geht ihm an der Einzelerscheinung die Idee auf, weil er nicht bei dem Individuum als solchem stehen bleibt.

[ 2 ] Aesthetics can only be the product of an age in which the cultivation of art appears to humanity as a lofty task, an age in which art becomes the noble daughter of heaven, destined to fulfill a divine mission. If the divine order already appears to us in all its intensity in every single manifestation of nature, what task can then fall to art? The divine must be recognized in its loftiest form, as an idea, in order to assign even the manifestation of the particular its proper place within the system of our worldview. The intuitive mind does indeed see the universal in the particular, and the idea in the individual, but only because, while its gaze remains entirely fixed on the real, it perceives more in it than the mere senses are capable of. It is in the individual phenomenon that the idea is revealed to him, because he does not stop at the individual as such.

[ 3 ] Der Künstler schafft das Individuum um, er verleiht ihm den Charakter der Allgemeinheit; er macht es aus einem bloß Zufälligen zu einem Notwendigen, aus einem Irdischen zu einem Göttlichen. Nicht der Idee sinnliche Gestalt zu geben, ist die Aufgabe des Künstlers, nein, sondern das Wirkliche im idealen Lichte erscheinen zu lassen. Das Was ist der Wirklichkeit entnommen, darauf aber kommt es nicht an, das Wie ist Eigentum der gestaltenden Kraft des Genius, und darauf kommt es an.

[ 3 ] The artist transforms the individual; he imbues it with the character of the universal; he turns it from something merely accidental into something necessary, from something earthly into something divine. The artist’s task is not to give the idea a sensory form, but rather to allow the real to appear in an ideal light. The what is taken from reality, but that is not what matters; the how is the property of the creative power of genius, and that is what matters.

[ 4 ] Indem das Individuum herausgerissen erscheint aus dem Gefüge des Weltganzen und nun seine freie Idealität entfalten kann, erscheint es uns wesentlich anders denn in der Realität, und obwohl es uns in seiner Wahrheit erscheint, so ist diese Wahrheit der Naturgesetzlichkeit gegenüber doch Schein. Das Naturnotwendige wird zum Ethischen im Drama, da doch das Wirken der Menschheit nicht ethisch, sondern historisch genannt werden muß. Das Schöne ist kein Mikrokosmos, und ein solcher wäre auch nicht schön. Denn gerade in dem Übertreffen seiner selbst beim Individuum in bezug auf Eigenschaften und Größe liegt das Schöne. Wir empfinden das als eine Vollkommenheit, die uns an dem Weltall nicht erheben kann, weil sie da einfach selbstverständlich ist.

[ 4 ] Since the individual appears to be torn from the fabric of the whole world and can now unfold its free ideality, it appears to us as fundamentally different than it does in reality; and although it appears to us in its truth, this truth is nevertheless an illusion in the face of natural law. What is naturally necessary becomes ethical in drama, since the actions of humanity must be called not ethical, but historical. Beauty is not a microcosm, nor would such a microcosm be beautiful. For beauty lies precisely in the individual’s surpassing of itself in terms of qualities and magnitude. We perceive this as a perfection that cannot elevate us to the universe, because there it is simply taken for granted.