Faust, the Striving Human Being
Spiritual Scientific Explanations of Goethe's Faust
GA 272
1931
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Faust, der strebende Mensch Geisteswissenschaftliche
Vorwort von Marie Steiner
Vorwort von Marie Steiner
[ 1 ] Die hier gedruckten Vorträge waren für den Sprecher und die Zuhörer unmittelbares Erleben, hervorgehend aus der dramatisch-eurythmischen Darstellung von Szenen aus Goethes «Faust», die alle Kräfte der Mitwirkenden, von der Erarbeitung an des Verständnisses für die gegebenen Rätsel bis zur Herstellung jeder szenischen Einzelheit, in Tätigkeit brachte. Die Verstandesarbeit war nur die Brücke zum Erfassen der durch Rudolf Steiner hier erschlossenen wesenhaften Wirklichkeit, die hinter den Geheimnissen dieses Werkes steht und sich Wege des Ausdrucks sucht, für welche die bisher bekannten künstlerischen Mittel nicht mehr genügen. In der Eurythmie hatte Rudolf Steiner eine Ausdrucksmöglichkeit geschaffen, durch welche das Element des Übersinnlichen seine eigene Sprache sprechen kann: die Sprache der Bewegung, welche die Ausdrucksform jener Welten ist, die nicht bis zum Physischen hinab sich verhärtet haben. Geheime Naturgesetze können wieder zur Offenbarung kommen durch das Medium einer neuen Kunst. Und in seiner Weisheit vom Menschen, in seiner Wissenschaft von der Initiation hat Rudolf Steiner das Tor geöffnet, durch welches wir den Zugang finden können zu jenen Gebieten, in welche die Faust-Dichtung uns immer wieder hineinversetzt, und die uns doch durchweg als Phantasmagorie erscheinen müssen, wenn wir nicht den Schlüssel handhaben können, der jenes Tor eröffnet. Wer versteht denn den «Faust»? Kommentare, gelehrte Betrachtungen können uns hierbei nicht helfen. Sie tun wenig mehr als den Geist erschweren, ja ersticken, der durch die Dichtung zu uns sprechen will. Wenn wir auch Schröer zu Dank verpflichtet sind, weil wir durch seine fleißigen Erklärungen manches wieder auffrischen können, was in den Schächten des Gedächtnisses sonst leicht verschwindet, so wird man bei dieser Arbeit doch oft an Schmerzen erinnert, die man durchmacht zum Beispiel beim Lesen der «Divina Commedia», wenn einem die Seele wie zerschlagen wird durch die Kommentare, die fast jeder schwungvollen Terzine angehängt werden: eine schwer zu ertragende Zergliederung ins Pedantisch-Trockene hinein. Nur ist der Abstand von Text zu Kommentar hier nicht ein so gewaltiger. Schröer trägt in sich die Wesensverwandtschaft mit Goethe und die Begeisterung, und so wirkt seine Gelehrtenarbeit nicht so sehr vertrocknend als gewissenhaft. Man kann sie ohne Ärger beiseite legen, um dann den Text der Faust-Dichtung unmittelbar zu erleben. Dasjenige, was hinter der Dichtung steht, spricht uns zunächst an wie eine Ahnung. Es ergreift uns etwas, das keine gelehrten Kommentare erklären können, das Wort und Schall wäre, wenn es nicht tiefe Wahrheiten enthielte, die uns zunächst freilich nicht zugänglich sind. Das Rauschen von Unterströmungen wird vernehmlich; Geheimnisse raunen aii unser inneres Ohr. Man ist Schröer dankbar dafür, daß er die Stimme der Tiefe nicht ertötet hat, daß er nur geholfen hat, manches Mythologische oder Historische wieder präziser uns ins Gedächtnis zu prägen. Zu den Quellen, die durch die Dichtung pulsieren, haben uns auch diese Erläuterungen nicht führen können. Die Quellen, nach denen Faust drängt, sich sehnt, so daß er das Heil seiner Seele dran wagt, sie, die ihm sein verlorenes Menschtum wieder zurückgeben sollen durch den Lebenstrank, den er aus ihnen schlürfen will, sind auch Schröer in diesem Gelehrtendasein nicht geflossen; sie haben nur seine Seele durchzittert als Sehnsucht und als moralischer Impuls. Faust, und durch ihn Goethe, schreit nach den Quellen des Lebens; es ist der Schrei auch der heutigen Menschheit, welche diesen Namen noch voll verdient, welche ihr Menschtum nicht betäubt hat durch den Lärm der Maschinen und den Druck der die Seelen zermalmenden Mechanik. Sie sollte diesen Schrei in der Dichtung in seiner erschütternden Wucht wieder vernehmen, ihn in sich wühlen lassen, auf ihn reagieren. Auf der Bühne sehen wir aber gewöhnlich einen blasierten Faust, der uns irgend etwas vorredet, was sehr abstrakt klingt und ihn nicht stark in seinen Tiefen berührt, nur mit unendlicher Langeweile und Ekel erfüllt, die ihn zuletzt zur Flasche mit der braunen Flüssigkeit greifen lassen; das macht ihn dann etwas sentimental. Eine reale Beziehung zu dem Erlebnis mit dem Erdgeist hat man kaum empfinden können. Dann spielt sich noch ein Stückchen nicht recht fundierter unrealer Sagenromantik auf der Bühne ab, mittelalterlicher Spuk - und so recht lebendig wird Faust erst, wenn es ums Gretchen geht; da weiß er, woran er ist. Sein Spiel mit ihr dauert aber nicht lange. Er muß wieder hinein in spukhafte Romantik. Es folgt dann wohl etwas Reue beim Anblick des wahnsinnig gewordenen Gretchens im Kerker. Aber er vergißt rasch und wacht auf, erfrischt und gestärkt, auf blumiger Wiese.
[ 1 ] Die hier gedruckten Vorträge waren für den Sprecher und die Zuhörer unmittelbares Erleben, hervorgehend aus der dramatisch-eurythmischen Darstellung von Szenen aus Goethes «Faust», die alle Kräfte der Mitwirkenden, von der Erarbeitung an des Verständnisses für die gegebenen Rätsel bis zur Herstellung jeder szenischen Einzelheit, in Tätigkeit brachte. Die Verstandesarbeit war nur die Brücke zum Erfassen der durch Rudolf Steiner hier erschlossenen wesenhaften Wirklichkeit, die hinter den Geheimnissen dieses Werkes steht und sich Wege des Ausdrucks sucht, für welche die bisher bekannten künstlerischen Mittel nicht mehr genügen. In der Eurythmie hatte Rudolf Steiner eine Ausdrucksmöglichkeit geschaffen, durch welche das Element des Übersinnlichen seine eigene Sprache sprechen kann: die Sprache der Bewegung, welche die Ausdrucksform jener Welten ist, die nicht bis zum Physischen hinab sich verhärtet haben. Geheime Naturgesetze können wieder zur Offenbarung kommen durch das Medium einer neuen Kunst. Und in seiner Weisheit vom Menschen, in seiner Wissenschaft von der Initiation hat Rudolf Steiner das Tor geöffnet, durch welches wir den Zugang finden können zu jenen Gebieten, in welche die Faust-Dichtung uns immer wieder hineinversetzt, und die uns doch durchweg als Phantasmagorie erscheinen müssen, wenn wir nicht den Schlüssel handhaben können, der jenes Tor eröffnet. Wer versteht denn den «Faust»? Kommentare, gelehrte Betrachtungen können uns hierbei nicht helfen. Sie tun wenig mehr als den Geist erschweren, ja ersticken, der durch die Dichtung zu uns sprechen will. Wenn wir auch Schröer zu Dank verpflichtet sind, weil wir durch seine fleißigen Erklärungen manches wieder auffrischen können, was in den Schächten des Gedächtnisses sonst leicht verschwindet, so wird man bei dieser Arbeit doch oft an Schmerzen erinnert, die man durchmacht zum Beispiel beim Lesen der «Divina Commedia», wenn einem die Seele wie zerschlagen wird durch die Kommentare, die fast jeder schwungvollen Terzine angehängt werden: eine schwer zu ertragende Zergliederung ins Pedantisch-Trockene hinein. Nur ist der Abstand von Text zu Kommentar hier nicht ein so gewaltiger. Schröer trägt in sich die Wesensverwandtschaft mit Goethe und die Begeisterung, und so wirkt seine Gelehrtenarbeit nicht so sehr vertrocknend als gewissenhaft. Man kann sie ohne Ärger beiseite legen, um dann den Text der Faust-Dichtung unmittelbar zu erleben. Dasjenige, was hinter der Dichtung steht, spricht uns zunächst an wie eine Ahnung. Es ergreift uns etwas, das keine gelehrten Kommentare erklären können, das Wort und Schall wäre, wenn es nicht tiefe Wahrheiten enthielte, die uns zunächst freilich nicht zugänglich sind. Das Rauschen von Unterströmungen wird vernehmlich; Geheimnisse raunen aii unser inneres Ohr. Man ist Schröer dankbar dafür, daß er die Stimme der Tiefe nicht ertötet hat, daß er nur geholfen hat, manches Mythologische oder Historische wieder präziser uns ins Gedächtnis zu prägen. Zu den Quellen, die durch die Dichtung pulsieren, haben uns auch diese Erläuterungen nicht führen können. Die Quellen, nach denen Faust drängt, sich sehnt, so daß er das Heil seiner Seele dran wagt, sie, die ihm sein verlorenes Menschtum wieder zurückgeben sollen durch den Lebenstrank, den er aus ihnen schlürfen will, sind auch Schröer in diesem Gelehrtendasein nicht geflossen; sie haben nur seine Seele durchzittert als Sehnsucht und als moralischer Impuls. Faust, und durch ihn Goethe, schreit nach den Quellen des Lebens; es ist der Schrei auch der heutigen Menschheit, welche diesen Namen noch voll verdient, welche ihr Menschtum nicht betäubt hat durch den Lärm der Maschinen und den Druck der die Seelen zermalmenden Mechanik. Sie sollte diesen Schrei in der Dichtung in seiner erschütternden Wucht wieder vernehmen, ihn in sich wühlen lassen, auf ihn reagieren. Auf der Bühne sehen wir aber gewöhnlich einen blasierten Faust, der uns irgend etwas vorredet, was sehr abstrakt klingt und ihn nicht stark in seinen Tiefen berührt, nur mit unendlicher Langeweile und Ekel erfüllt, die ihn zuletzt zur Flasche mit der braunen Flüssigkeit greifen lassen; das macht ihn dann etwas sentimental. Eine reale Beziehung zu dem Erlebnis mit dem Erdgeist hat man kaum empfinden können. Dann spielt sich noch ein Stückchen nicht recht fundierter unrealer Sagenromantik auf der Bühne ab, mittelalterlicher Spuk - und so recht lebendig wird Faust erst, wenn es ums Gretchen geht; da weiß er, woran er ist. Sein Spiel mit ihr dauert aber nicht lange. Er muß wieder hinein in spukhafte Romantik. Es folgt dann wohl etwas Reue beim Anblick des wahnsinnig gewordenen Gretchens im Kerker. Aber er vergißt rasch und wacht auf, erfrischt und gestärkt, auf blumiger Wiese.
[ 2 ] Wie sich hier erschütternde Wirklichkeit und toller Aberglaube zu einer Gesamtwirkung von unentrinnbarer Größe vereinigen, darüber wird wenig nachgedacht. Freilich ist das Menschliche in dieser GretchenTragödie so packend zum Ausdruck gebracht, daß dies genügt, um der Dichtung dauernden Wert zu geben, auch wenn man das andere, das eigentlich Treibende in Faust, nur als Zutat empfindet. Da aber die Zutaten an Umfang die Gretchen-Episode weit überragen, wenigstens beim Lesen des Werks, wo man nicht nach Belieben kürzt oder streicht wie bei der Bühnendarstellung, so kann man immerhin erstaunt sein, daß sich die Dichtung so durchgesetzt hat, und man ihr den hohen kulturellen Wert zuerkennt, der sie unter den Schätzen deutschen Geistes an erste Stelle hebt. Die Funken, die aus den feingeschliffenen Gedankendemanten nur so sprühen, die überall in den Dialogen mit Mephisto und in den Selbstgesprächen Fausts uns entgegenblitzen, sie haben, neben dem Blütenzauber und dem Leide Gretchens, in ihrer Farbigkeit und Lichtkraft genügt, um die ganze Dichtung vor der Vergessenheit zu retten, trotzdem Goethe selbst gesagt hat, daß sein «Faust» nicht popuJär werden könne: es wäre zu viel hineingeheimnifßt.
[ 2 ] Wie sich hier erschütternde Wirklichkeit und toller Aberglaube zu einer Gesamtwirkung von unentrinnbarer Größe vereinigen, darüber wird wenig nachgedacht. Freilich ist das Menschliche in dieser GretchenTragödie so packend zum Ausdruck gebracht, daß dies genügt, um der Dichtung dauernden Wert zu geben, auch wenn man das andere, das eigentlich Treibende in Faust, nur als Zutat empfindet. Da aber die Zutaten an Umfang die Gretchen-Episode weit überragen, wenigstens beim Lesen des Werks, wo man nicht nach Belieben kürzt oder streicht wie bei der Bühnendarstellung, so kann man immerhin erstaunt sein, daß sich die Dichtung so durchgesetzt hat, und man ihr den hohen kulturellen Wert zuerkennt, der sie unter den Schätzen deutschen Geistes an erste Stelle hebt. Die Funken, die aus den feingeschliffenen Gedankendemanten nur so sprühen, die überall in den Dialogen mit Mephisto und in den Selbstgesprächen Fausts uns entgegenblitzen, sie haben, neben dem Blütenzauber und dem Leide Gretchens, in ihrer Farbigkeit und Lichtkraft genügt, um die ganze Dichtung vor der Vergessenheit zu retten, trotzdem Goethe selbst gesagt hat, daß sein «Faust» nicht popuJär werden könne: es wäre zu viel hineingeheimnifßt.
[ 3 ] Und mit dieser Tatsache haben wir zu rechnen. In die tiefen Schächte der Gedankengänge Goethes, seiner Ahnungen und Intuitionen, in die Welt jener Imaginationen, aus der heraus die feingeschliffenen Worte ihren Bilderreichtum und Ewigkeitswert erhalten haben, konnte vor Rudolf Steiner niemand hineinführen. Er erst macht es uns möglich, tiefer hineinzusteigen in jene Schichten seelenbildenden Menschengeschehens, aus denen die Erkenntnisse von heute ihre Substanz herleiten. Sie geben gleichsam die Kohle her, aus welcher durch Metamorphose der Demant entsteht. Und wie die Kohle nicht zum Demanten werden könnte, wenn nicht in ihr der Strahl der Sonne eingefangen und geborgen wäre, so erhält auch der Gedanke sein Licht von der dem Urbild zugrunde liegenden geistigen Sonne.
[ 3 ] Und mit dieser Tatsache haben wir zu rechnen. In die tiefen Schächte der Gedankengänge Goethes, seiner Ahnungen und Intuitionen, in die Welt jener Imaginationen, aus der heraus die feingeschliffenen Worte ihren Bilderreichtum und Ewigkeitswert erhalten haben, konnte vor Rudolf Steiner niemand hineinführen. Er erst macht es uns möglich, tiefer hineinzusteigen in jene Schichten seelenbildenden Menschengeschehens, aus denen die Erkenntnisse von heute ihre Substanz herleiten. Sie geben gleichsam die Kohle her, aus welcher durch Metamorphose der Demant entsteht. Und wie die Kohle nicht zum Demanten werden könnte, wenn nicht in ihr der Strahl der Sonne eingefangen und geborgen wäre, so erhält auch der Gedanke sein Licht von der dem Urbild zugrunde liegenden geistigen Sonne.
[ 4 ] Den Weg in diese tiefen Schächte des werdenden Geschehens, den Weg zu den «Müttern», hat uns Rudolf Steiner erschlossen. Nicht, wie der «Faust», den Goethe geschaffen hat, und wie der Faust der Sage, sollen wir diesen Weg suchen mit den Mitteln einer mittelalterlichen Okkultistik, die sich schon damals überlebt hatte, als an der Schwelle der Neuzeit faustische Gestalten kämpften zwischen übernommenen, dekadent gewordenen alchimistischen Forschungsmethoden und neu aufkommender exakter Naturwissenschaft. Man arbeitete an jener Wende des Zeitalters mit vielfach abirrenden, trüben Mitteln, um zu des Lebens Geheimnissen durchzudringen: mit verblichenen Zauberformeln, mit Beschwörungsexperimenten, mit Mediumismus, Hypnose, Tinkturen und Salben, die auch die heutigen Experimentalpsychologen locken würden zur Bereicherung ihrer Wissenschaft. Rudolf Steiner hat uns andere Wege gewiesen, um zu des Lebens Quellen zu gelangen: die Wege des reinen Gedankens, der moralischen Selbsterziehung, der wissenschaftlichen und künstlerischen Arbeit, der freien Ich-Betätigung im Dienste der Menschheit. Doch war die Vorbereitung dazu nötig durch das, was in der Zwischenzeit geschehen ist: der Verzicht auf die letzten Reste atavistischen Hellsehens von seiten der vorgeschrittenen europäischen Menschen, das Untertauchen in die Grenzen der Naturwissenschaft, die Eroberung der Technik, die zeitweilige Abschnürung der Persönlichkeit von ihrem geistigen Urquell. Nun stehen wir vor einem andern Wendepunkt. Wir sind im Begriff, die Persönlichkeit zu verlieren, den Menschen von der Mechanik ertöten zu lassen. Die Kraft des Denkens muß uns zu unserer Seelenhaftigkeit zurückführen, zum Ergreifen der bildhaften Anschauung, zum Verstehen der Geistigkeit, die in uns waltet und allen Erscheinungen des Lebens zugrunde liegt. Im Ringen um das höchste Ziel kann uns die Gestalt des Faust, wie Goethe sie hingestellt hat, Beispiel und Ansporn werden. Und wir brauchen nicht mehr uns verlocken zu lassen durch die Abirrungen mittelalterlicher Zauberei. Es wird uns in der Geisteswissenschaft ein sicherer Erkenntnisweg gewiesen.
[ 4 ] Den Weg in diese tiefen Schächte des werdenden Geschehens, den Weg zu den «Müttern», hat uns Rudolf Steiner erschlossen. Nicht, wie der «Faust», den Goethe geschaffen hat, und wie der Faust der Sage, sollen wir diesen Weg suchen mit den Mitteln einer mittelalterlichen Okkultistik, die sich schon damals überlebt hatte, als an der Schwelle der Neuzeit faustische Gestalten kämpften zwischen übernommenen, dekadent gewordenen alchimistischen Forschungsmethoden und neu aufkommender exakter Naturwissenschaft. Man arbeitete an jener Wende des Zeitalters mit vielfach abirrenden, trüben Mitteln, um zu des Lebens Geheimnissen durchzudringen: mit verblichenen Zauberformeln, mit Beschwörungsexperimenten, mit Mediumismus, Hypnose, Tinkturen und Salben, die auch die heutigen Experimentalpsychologen locken würden zur Bereicherung ihrer Wissenschaft. Rudolf Steiner hat uns andere Wege gewiesen, um zu des Lebens Quellen zu gelangen: die Wege des reinen Gedankens, der moralischen Selbsterziehung, der wissenschaftlichen und künstlerischen Arbeit, der freien Ich-Betätigung im Dienste der Menschheit. Doch war die Vorbereitung dazu nötig durch das, was in der Zwischenzeit geschehen ist: der Verzicht auf die letzten Reste atavistischen Hellsehens von seiten der vorgeschrittenen europäischen Menschen, das Untertauchen in die Grenzen der Naturwissenschaft, die Eroberung der Technik, die zeitweilige Abschnürung der Persönlichkeit von ihrem geistigen Urquell. Nun stehen wir vor einem andern Wendepunkt. Wir sind im Begriff, die Persönlichkeit zu verlieren, den Menschen von der Mechanik ertöten zu lassen. Die Kraft des Denkens muß uns zu unserer Seelenhaftigkeit zurückführen, zum Ergreifen der bildhaften Anschauung, zum Verstehen der Geistigkeit, die in uns waltet und allen Erscheinungen des Lebens zugrunde liegt. Im Ringen um das höchste Ziel kann uns die Gestalt des Faust, wie Goethe sie hingestellt hat, Beispiel und Ansporn werden. Und wir brauchen nicht mehr uns verlocken zu lassen durch die Abirrungen mittelalterlicher Zauberei. Es wird uns in der Geisteswissenschaft ein sicherer Erkenntnisweg gewiesen.
[ 5 ] Die Tragik der mittelalterlichen, an der Schwelle der Neuzeit stehenden Okkultisten bestand darin, daß sie durch die Überlieferung der Geheimschulen noch wußten von dem realen geistigen Verkehr der höchstentwickelten Menschen mit den Intelligenzen des Kosmos, aber auch wußten, daß für sie dieser Weg nun verschlossen war. Sie konnten nicht weiter gelangen als bis zu dem Verkehr mit den Kräften des Zwischenreichs. Eine allmähliche Verdüsterung, ein Abbiegen von den strengen Wegen geistiger Forschung war oft die Folge dieses Experimentierens mit der Retorte und mit den Kräften der Elemente und ihrer Wesenhaftigkeiten. Das Streben verirrte sich, griff im Verdursten zu den Mitteln der Verzweiflung, jagte nach Gaukelbildern. In diesem Sinne haben wir zu verstehen dasjenige, was die Seele des Faust durchwühlt. Doch lag in der Intensität des Strebens dieser Forscher eineKraft, die Ich-weckend war. Ihr Bewußtsein öffnete sich durch das Leid immer mehr den wachen Impulsen des Ich; durch die Eroberung der Materie hindurch strebte der Mensch dem Zentrum seines Wesens entgegen, in dem er sich selbst würde finden können, das ihn zum Leben im Geist zurückbringen konnte. In der kleineren Kuppel des verbrannten Goetheanum, in welcher Rudolf Steiner die Repräsentanten der verschiedenen Kulturepochen der Menschheit in Bild und Farbe hat erstehen lassen, sah man in verschwebendem dunklem Blau auch diese Gestalt des Faust, des ernsten Alchimisten an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit, in sinnender Gebärde und tiefen Blicks die Rechte zum Antlitz hebend, hinter deren beredter Fingergeste das Siegelwort «Ich» erscheint; ihm die Hände entgegenstreckend schwebt heran in engelartiger Kindesgestalt das werdende höhere, das geistige Ich des Menschen. Unter ihm ragt der Knochenmann, das Skelett, der andere Pol des menschlichen Ich; über der Gestalt des Faust neigt sich zu ihm hin der ihn inspirierende Genius.
[ 5 ] Die Tragik der mittelalterlichen, an der Schwelle der Neuzeit stehenden Okkultisten bestand darin, daß sie durch die Überlieferung der Geheimschulen noch wußten von dem realen geistigen Verkehr der höchstentwickelten Menschen mit den Intelligenzen des Kosmos, aber auch wußten, daß für sie dieser Weg nun verschlossen war. Sie konnten nicht weiter gelangen als bis zu dem Verkehr mit den Kräften des Zwischenreichs. Eine allmähliche Verdüsterung, ein Abbiegen von den strengen Wegen geistiger Forschung war oft die Folge dieses Experimentierens mit der Retorte und mit den Kräften der Elemente und ihrer Wesenhaftigkeiten. Das Streben verirrte sich, griff im Verdursten zu den Mitteln der Verzweiflung, jagte nach Gaukelbildern. In diesem Sinne haben wir zu verstehen dasjenige, was die Seele des Faust durchwühlt. Doch lag in der Intensität des Strebens dieser Forscher eineKraft, die Ich-weckend war. Ihr Bewußtsein öffnete sich durch das Leid immer mehr den wachen Impulsen des Ich; durch die Eroberung der Materie hindurch strebte der Mensch dem Zentrum seines Wesens entgegen, in dem er sich selbst würde finden können, das ihn zum Leben im Geist zurückbringen konnte. In der kleineren Kuppel des verbrannten Goetheanum, in welcher Rudolf Steiner die Repräsentanten der verschiedenen Kulturepochen der Menschheit in Bild und Farbe hat erstehen lassen, sah man in verschwebendem dunklem Blau auch diese Gestalt des Faust, des ernsten Alchimisten an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit, in sinnender Gebärde und tiefen Blicks die Rechte zum Antlitz hebend, hinter deren beredter Fingergeste das Siegelwort «Ich» erscheint; ihm die Hände entgegenstreckend schwebt heran in engelartiger Kindesgestalt das werdende höhere, das geistige Ich des Menschen. Unter ihm ragt der Knochenmann, das Skelett, der andere Pol des menschlichen Ich; über der Gestalt des Faust neigt sich zu ihm hin der ihn inspirierende Genius.
[ 6 ] Wir können nicht aus kurzgeschürzten Voraussetzungen heraus an das Verständnis des «Faust» herantreten, wir müssen Blickweite gewinnen. Die hier gebrachten Vorträge geben uns Unterlagen zum Verständnisse des «Faust». Sie sind keine in dem Gelehrtenzimmer verfaßten Kommentare, sondern eine Einführung in die Gebiete der Geisteswissenschaft an Hand eines von ihnen inspirierten Dichterwerks, dessen Geheimnisse erst durch diese Geisteswissenschaft ihre rechte Beleuchtung finden. Auf anderen Wegen dringt man nicht durch zum Kern des Faust-Problems. Und erst dann wird diese größte Dichtung des deutschen Geistes populär werden können, wenn die Geisteswissenschaft ebensosehr das Kulturleben des Volkes durchdringen wird, als es die Naturwissenschaft in den letzten Jahrhunderten getan hat.
[ 6 ] Wir können nicht aus kurzgeschürzten Voraussetzungen heraus an das Verständnis des «Faust» herantreten, wir müssen Blickweite gewinnen. Die hier gebrachten Vorträge geben uns Unterlagen zum Verständnisse des «Faust». Sie sind keine in dem Gelehrtenzimmer verfaßten Kommentare, sondern eine Einführung in die Gebiete der Geisteswissenschaft an Hand eines von ihnen inspirierten Dichterwerks, dessen Geheimnisse erst durch diese Geisteswissenschaft ihre rechte Beleuchtung finden. Auf anderen Wegen dringt man nicht durch zum Kern des Faust-Problems. Und erst dann wird diese größte Dichtung des deutschen Geistes populär werden können, wenn die Geisteswissenschaft ebensosehr das Kulturleben des Volkes durchdringen wird, als es die Naturwissenschaft in den letzten Jahrhunderten getan hat.
[ 7 ] Gewiß kann man manches einwenden gegen die Veröffentlichung eines solchen Buches, das wie aus Bruchstücken besteht. Die Erläuterungen wurden von Fall zu Fall gegeben, je nachdem es die Arbeit am Goetheanum mit sich brachte; es wurden jene Szenen dargestellt, in denen Faust mit den Geheimnissen des Daseins ringt und in das übersinnliche Erleben hineinrückt. Gespielt wurde in der großen Schreinerei des Goetheanum, in welcher auch die Säulen des verbrannten Baues hergestellt wurden, unter primitiven Verhältnissen, aber mit dem Bestreben, das herauszuarbeiten, was als geistige Wirklichkeit der Dichtung zugrunde liegt. Zur Wiedergabe jener Szenen, die in den übersinnlichen Welten spielen, sei es in der Ober- oder Unterwelt, fand sich als geeignetes Mittel die im Goetheanum gepflegte Bewegungskunst der Eurythmie. Es war, als ob die Faust-Dichtung auf diese Ausdrucksform gewartet hätte, um auf der Bühne ganz lebendig zu werden, um das sonst Unaussprechbare in künstlerische Wirklichkeit überzuführen. Was sonst abstrakt und konventionell-schablonenhaft geblieben wäre, fand in der Eurythmie die ihm angemessene lebensvolle Sprache. Helfend und ratend in jeder Einzelheit der Wiedergabe stand Rudolf Steiner den Darstellern zur Seite. Unser Leid besteht darin, daß es unter den damals herrschenden Verhältnissen nur zu Teilaufführungen kommen konnte. Sie dienen uns aber als Leitfaden zum Erfassen des Ganzen. Deshalb dürfen wir auch diese Gabe nicht ängstlich nur einem kleinen Kreise vorbehalten. Wir müssen unsern Zeitgenossen und der Zukunft weitergeben, was wir hier zur Erkenntnisbildung erhalten haben. Sind es auch leider nur mangelhaft nachgeschriebene Vorträge, die einer unmittelbar gegebenen Situation entspringen, so liegt in ihnen doch das, was kein anderer geben kann, und was die Menschheit zu ihrem Heile fördern wird. Aus dem größten Werke der deutschen Dichtkunst, das zugleich weltanschauungsbildend wirken will, sollte das Volk, das seine Aufgabe in der Eroberung des Geistigen hat, die Impulse schöpfen können, die ihm zu seiner schweren Aufgabe Kraft und Mut geben.
[ 7 ] Gewiß kann man manches einwenden gegen die Veröffentlichung eines solchen Buches, das wie aus Bruchstücken besteht. Die Erläuterungen wurden von Fall zu Fall gegeben, je nachdem es die Arbeit am Goetheanum mit sich brachte; es wurden jene Szenen dargestellt, in denen Faust mit den Geheimnissen des Daseins ringt und in das übersinnliche Erleben hineinrückt. Gespielt wurde in der großen Schreinerei des Goetheanum, in welcher auch die Säulen des verbrannten Baues hergestellt wurden, unter primitiven Verhältnissen, aber mit dem Bestreben, das herauszuarbeiten, was als geistige Wirklichkeit der Dichtung zugrunde liegt. Zur Wiedergabe jener Szenen, die in den übersinnlichen Welten spielen, sei es in der Ober- oder Unterwelt, fand sich als geeignetes Mittel die im Goetheanum gepflegte Bewegungskunst der Eurythmie. Es war, als ob die Faust-Dichtung auf diese Ausdrucksform gewartet hätte, um auf der Bühne ganz lebendig zu werden, um das sonst Unaussprechbare in künstlerische Wirklichkeit überzuführen. Was sonst abstrakt und konventionell-schablonenhaft geblieben wäre, fand in der Eurythmie die ihm angemessene lebensvolle Sprache. Helfend und ratend in jeder Einzelheit der Wiedergabe stand Rudolf Steiner den Darstellern zur Seite. Unser Leid besteht darin, daß es unter den damals herrschenden Verhältnissen nur zu Teilaufführungen kommen konnte. Sie dienen uns aber als Leitfaden zum Erfassen des Ganzen. Deshalb dürfen wir auch diese Gabe nicht ängstlich nur einem kleinen Kreise vorbehalten. Wir müssen unsern Zeitgenossen und der Zukunft weitergeben, was wir hier zur Erkenntnisbildung erhalten haben. Sind es auch leider nur mangelhaft nachgeschriebene Vorträge, die einer unmittelbar gegebenen Situation entspringen, so liegt in ihnen doch das, was kein anderer geben kann, und was die Menschheit zu ihrem Heile fördern wird. Aus dem größten Werke der deutschen Dichtkunst, das zugleich weltanschauungsbildend wirken will, sollte das Volk, das seine Aufgabe in der Eroberung des Geistigen hat, die Impulse schöpfen können, die ihm zu seiner schweren Aufgabe Kraft und Mut geben.
