Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Faust, the Striving Human Being
Spiritual Scientific Explanations of Goethe's Faust
GA 272

1931

Translate the original German text into any language:

Versions Available:

Faust, the Striving Human Being, tr. SOL
  1. Faust, der strebende Mensch Geisteswissenschaftliche

Vorwort von Marie Steiner

Foreword by Marie Steiner

[ 1 ] Die hier gedruckten Vorträge waren für den Sprecher und die Zuhörer unmittelbares Erleben, hervorgehend aus der dramatisch-eurythmischen Darstellung von Szenen aus Goethes «Faust», die alle Kräfte der Mitwirkenden, von der Erarbeitung an des Verständnisses für die gegebenen Rätsel bis zur Herstellung jeder szenischen Einzelheit, in Tätigkeit brachte. Die Verstandesarbeit war nur die Brücke zum Erfassen der durch Rudolf Steiner hier erschlossenen wesenhaften Wirklichkeit, die hinter den Geheimnissen dieses Werkes steht und sich Wege des Ausdrucks sucht, für welche die bisher bekannten künstlerischen Mittel nicht mehr genügen. In der Eurythmie hatte Rudolf Steiner eine Ausdrucksmöglichkeit geschaffen, durch welche das Element des Übersinnlichen seine eigene Sprache sprechen kann: die Sprache der Bewegung, welche die Ausdrucksform jener Welten ist, die nicht bis zum Physischen hinab sich verhärtet haben. Geheime Naturgesetze können wieder zur Offenbarung kommen durch das Medium einer neuen Kunst. Und in seiner Weisheit vom Menschen, in seiner Wissenschaft von der Initiation hat Rudolf Steiner das Tor geöffnet, durch welches wir den Zugang finden können zu jenen Gebieten, in welche die Faust-Dichtung uns immer wieder hineinversetzt, und die uns doch durchweg als Phantasmagorie erscheinen müssen, wenn wir nicht den Schlüssel handhaben können, der jenes Tor eröffnet. Wer versteht denn den «Faust»? Kommentare, gelehrte Betrachtungen können uns hierbei nicht helfen. Sie tun wenig mehr als den Geist erschweren, ja ersticken, der durch die Dichtung zu uns sprechen will. Wenn wir auch Schröer zu Dank verpflichtet sind, weil wir durch seine fleißigen Erklärungen manches wieder auffrischen können, was in den Schächten des Gedächtnisses sonst leicht verschwindet, so wird man bei dieser Arbeit doch oft an Schmerzen erinnert, die man durchmacht zum Beispiel beim Lesen der «Divina Commedia», wenn einem die Seele wie zerschlagen wird durch die Kommentare, die fast jeder schwungvollen Terzine angehängt werden: eine schwer zu ertragende Zergliederung ins Pedantisch-Trockene hinein. Nur ist der Abstand von Text zu Kommentar hier nicht ein so gewaltiger. Schröer trägt in sich die Wesensverwandtschaft mit Goethe und die Begeisterung, und so wirkt seine Gelehrtenarbeit nicht so sehr vertrocknend als gewissenhaft. Man kann sie ohne Ärger beiseite legen, um dann den Text der Faust-Dichtung unmittelbar zu erleben. Dasjenige, was hinter der Dichtung steht, spricht uns zunächst an wie eine Ahnung. Es ergreift uns etwas, das keine gelehrten Kommentare erklären können, das Wort und Schall wäre, wenn es nicht tiefe Wahrheiten enthielte, die uns zunächst freilich nicht zugänglich sind. Das Rauschen von Unterströmungen wird vernehmlich; Geheimnisse raunen aii unser inneres Ohr. Man ist Schröer dankbar dafür, daß er die Stimme der Tiefe nicht ertötet hat, daß er nur geholfen hat, manches Mythologische oder Historische wieder präziser uns ins Gedächtnis zu prägen. Zu den Quellen, die durch die Dichtung pulsieren, haben uns auch diese Erläuterungen nicht führen können. Die Quellen, nach denen Faust drängt, sich sehnt, so daß er das Heil seiner Seele dran wagt, sie, die ihm sein verlorenes Menschtum wieder zurückgeben sollen durch den Lebenstrank, den er aus ihnen schlürfen will, sind auch Schröer in diesem Gelehrtendasein nicht geflossen; sie haben nur seine Seele durchzittert als Sehnsucht und als moralischer Impuls. Faust, und durch ihn Goethe, schreit nach den Quellen des Lebens; es ist der Schrei auch der heutigen Menschheit, welche diesen Namen noch voll verdient, welche ihr Menschtum nicht betäubt hat durch den Lärm der Maschinen und den Druck der die Seelen zermalmenden Mechanik. Sie sollte diesen Schrei in der Dichtung in seiner erschütternden Wucht wieder vernehmen, ihn in sich wühlen lassen, auf ihn reagieren. Auf der Bühne sehen wir aber gewöhnlich einen blasierten Faust, der uns irgend etwas vorredet, was sehr abstrakt klingt und ihn nicht stark in seinen Tiefen berührt, nur mit unendlicher Langeweile und Ekel erfüllt, die ihn zuletzt zur Flasche mit der braunen Flüssigkeit greifen lassen; das macht ihn dann etwas sentimental. Eine reale Beziehung zu dem Erlebnis mit dem Erdgeist hat man kaum empfinden können. Dann spielt sich noch ein Stückchen nicht recht fundierter unrealer Sagenromantik auf der Bühne ab, mittelalterlicher Spuk - und so recht lebendig wird Faust erst, wenn es ums Gretchen geht; da weiß er, woran er ist. Sein Spiel mit ihr dauert aber nicht lange. Er muß wieder hinein in spukhafte Romantik. Es folgt dann wohl etwas Reue beim Anblick des wahnsinnig gewordenen Gretchens im Kerker. Aber er vergißt rasch und wacht auf, erfrischt und gestärkt, auf blumiger Wiese.

[ 1 ] The lectures printed here were a direct experience for both the speaker and the audience, arising from the dramatic-eurythmic presentation of scenes from Goethe’s *Faust*, which engaged all the participants’ faculties—from developing an understanding of the mysteries presented to the creation of every individual scenic detail. Intellectual work served merely as a bridge to grasping the essential reality revealed here by Rudolf Steiner—the reality that lies behind the mysteries of this work and seeks forms of expression for which the artistic means known to date are no longer sufficient. In eurythmy, Rudolf Steiner had created a means of expression through which the supersensible element can speak its own language: the language of movement, which is the form of expression of those worlds that have not hardened all the way down to the physical realm. Secret laws of nature can once again be revealed through the medium of a new art. And in his wisdom regarding the human being, in his science of initiation, Rudolf Steiner has opened the gate through which we can gain access to those realms into which the Faust epic repeatedly transports us—realms that must, however, appear to us as nothing but phantasmagoria unless we possess the key that unlocks that gate. Who, after all, understands *Faust*? Commentaries and scholarly analyses cannot help us here. They do little more than weigh down—indeed, stifle—the spirit that seeks to speak to us through the poem. Although we are indebted to Schröer, for his diligent explanations allow us to refresh our memory of many things that would otherwise easily vanish into the depths of oblivion, this work nevertheless often brings to mind the pain one experiences, for example, when reading the *Divina Commedia*, when one’s soul feels as if it were being shattered by the commentaries appended to nearly every spirited tercet: a dissection into pedantic dryness that is hard to bear. However, the gap between text and commentary is not quite so vast here. Schröer embodies a kinship with Goethe and a sense of enthusiasm, and so his scholarly work comes across not so much as stifling but rather as conscientious. One can set it aside without annoyance, only to then experience the text of the *Faust* poem directly. What lies behind the poem initially speaks to us like a premonition. We are moved by something that no scholarly commentary can explain—something that would be mere words and sound were it not for the profound truths it contains, truths that are, of course, initially inaccessible to us. The murmur of undercurrents becomes audible; mysteries whisper into our inner ear. We are grateful to Schröer for not stifling the voice of the depths, for merely helping to etch certain mythological or historical elements more precisely into our memory. Even these explanations have not been able to lead us to the sources that pulse through the poem. The sources toward which Faust strives and yearns—so much so that he risks the salvation of his soul for them—those that are to restore his lost humanity through the elixir of life he wishes to sip from them—have not flowed to Schröer either in his scholarly existence; they have merely quaked through his soul as longing and as a moral impulse. Faust—and through him, Goethe—cries out for the springs of life; it is also the cry of today’s humanity, which still fully deserves this name, which has not numbed its humanity through the din of machines and the pressure of soul-crushing mechanics. It should hear this cry again in poetry with all its shattering force, let it stir within itself, and respond to it. On stage, however, we usually see a jaded Faust who recites something to us that sounds very abstract and does not deeply move him—it merely fills him with endless boredom and disgust, which ultimately leads him to reach for the bottle of brown liquid; this then makes him somewhat sentimental. It’s hard to feel any real connection to the experience with the Earth Spirit. Then a bit of unfounded, unrealistic legendary romanticism plays out on stage—medieval ghostly spectacle—and Faust only really comes to life when it comes to Gretchen; that’s when he knows where he stands. But his interlude with her doesn’t last long. He must return to that ghostly romanticism. This is followed by a hint of remorse at the sight of Gretchen, who has gone mad in the dungeon. But he quickly forgets and wakes up, refreshed and invigorated, in a flower-filled meadow.

[ 2 ] Wie sich hier erschütternde Wirklichkeit und toller Aberglaube zu einer Gesamtwirkung von unentrinnbarer Größe vereinigen, darüber wird wenig nachgedacht. Freilich ist das Menschliche in dieser GretchenTragödie so packend zum Ausdruck gebracht, daß dies genügt, um der Dichtung dauernden Wert zu geben, auch wenn man das andere, das eigentlich Treibende in Faust, nur als Zutat empfindet. Da aber die Zutaten an Umfang die Gretchen-Episode weit überragen, wenigstens beim Lesen des Werks, wo man nicht nach Belieben kürzt oder streicht wie bei der Bühnendarstellung, so kann man immerhin erstaunt sein, daß sich die Dichtung so durchgesetzt hat, und man ihr den hohen kulturellen Wert zuerkennt, der sie unter den Schätzen deutschen Geistes an erste Stelle hebt. Die Funken, die aus den feingeschliffenen Gedankendemanten nur so sprühen, die überall in den Dialogen mit Mephisto und in den Selbstgesprächen Fausts uns entgegenblitzen, sie haben, neben dem Blütenzauber und dem Leide Gretchens, in ihrer Farbigkeit und Lichtkraft genügt, um die ganze Dichtung vor der Vergessenheit zu retten, trotzdem Goethe selbst gesagt hat, daß sein «Faust» nicht popuJär werden könne: es wäre zu viel hineingeheimnifßt.

[ 2 ] Little thought is given to how, here, harrowing reality and wild superstition combine to create an overall effect of inescapable grandeur. Admittedly, the human element in this tragedy of Gretchen is expressed so grippingly that this alone suffices to give the work lasting value, even if one perceives the other element—the actual driving force in *Faust*—as merely an accessory. But since the other elements far outweigh the Gretchen episode in scope—at least when reading the work, where one cannot cut or omit passages at will as in a stage production—one cannot help but be amazed that the work has gained such widespread acceptance and is recognized as having the high cultural value that elevates it to the foremost position among the treasures of the German spirit. The sparks that fly from the finely polished diamonds of thought, which flash at us everywhere in the dialogues with Mephisto and in Faust’s soliloquies, have, alongside Gretchen’s blossoming charm and suffering, been sufficient in their vividness and radiance to save the entire work from oblivion—even though Goethe himself said that his *Faust* could never become popular: there was too much mystery woven into it.

[ 3 ] Und mit dieser Tatsache haben wir zu rechnen. In die tiefen Schächte der Gedankengänge Goethes, seiner Ahnungen und Intuitionen, in die Welt jener Imaginationen, aus der heraus die feingeschliffenen Worte ihren Bilderreichtum und Ewigkeitswert erhalten haben, konnte vor Rudolf Steiner niemand hineinführen. Er erst macht es uns möglich, tiefer hineinzusteigen in jene Schichten seelenbildenden Menschengeschehens, aus denen die Erkenntnisse von heute ihre Substanz herleiten. Sie geben gleichsam die Kohle her, aus welcher durch Metamorphose der Demant entsteht. Und wie die Kohle nicht zum Demanten werden könnte, wenn nicht in ihr der Strahl der Sonne eingefangen und geborgen wäre, so erhält auch der Gedanke sein Licht von der dem Urbild zugrunde liegenden geistigen Sonne.

[ 3 ] And we must reckon with this fact. Before Rudolf Steiner, no one was able to guide us into the deep recesses of Goethe’s train of thought, his premonitions and intuitions, into the world of those imaginings from which his finely honed words derived their richness of imagery and timeless value. He alone makes it possible for us to delve deeper into those layers of soul-forming human events from which today’s insights derive their substance. They provide, as it were, the coal from which the diamond is formed through metamorphosis. And just as coal could not become a diamond unless the sun’s ray were captured and preserved within it, so too does the thought receive its light from the spiritual sun underlying the archetype.

[ 4 ] Den Weg in diese tiefen Schächte des werdenden Geschehens, den Weg zu den «Müttern», hat uns Rudolf Steiner erschlossen. Nicht, wie der «Faust», den Goethe geschaffen hat, und wie der Faust der Sage, sollen wir diesen Weg suchen mit den Mitteln einer mittelalterlichen Okkultistik, die sich schon damals überlebt hatte, als an der Schwelle der Neuzeit faustische Gestalten kämpften zwischen übernommenen, dekadent gewordenen alchimistischen Forschungsmethoden und neu aufkommender exakter Naturwissenschaft. Man arbeitete an jener Wende des Zeitalters mit vielfach abirrenden, trüben Mitteln, um zu des Lebens Geheimnissen durchzudringen: mit verblichenen Zauberformeln, mit Beschwörungsexperimenten, mit Mediumismus, Hypnose, Tinkturen und Salben, die auch die heutigen Experimentalpsychologen locken würden zur Bereicherung ihrer Wissenschaft. Rudolf Steiner hat uns andere Wege gewiesen, um zu des Lebens Quellen zu gelangen: die Wege des reinen Gedankens, der moralischen Selbsterziehung, der wissenschaftlichen und künstlerischen Arbeit, der freien Ich-Betätigung im Dienste der Menschheit. Doch war die Vorbereitung dazu nötig durch das, was in der Zwischenzeit geschehen ist: der Verzicht auf die letzten Reste atavistischen Hellsehens von seiten der vorgeschrittenen europäischen Menschen, das Untertauchen in die Grenzen der Naturwissenschaft, die Eroberung der Technik, die zeitweilige Abschnürung der Persönlichkeit von ihrem geistigen Urquell. Nun stehen wir vor einem andern Wendepunkt. Wir sind im Begriff, die Persönlichkeit zu verlieren, den Menschen von der Mechanik ertöten zu lassen. Die Kraft des Denkens muß uns zu unserer Seelenhaftigkeit zurückführen, zum Ergreifen der bildhaften Anschauung, zum Verstehen der Geistigkeit, die in uns waltet und allen Erscheinungen des Lebens zugrunde liegt. Im Ringen um das höchste Ziel kann uns die Gestalt des Faust, wie Goethe sie hingestellt hat, Beispiel und Ansporn werden. Und wir brauchen nicht mehr uns verlocken zu lassen durch die Abirrungen mittelalterlicher Zauberei. Es wird uns in der Geisteswissenschaft ein sicherer Erkenntnisweg gewiesen.

[ 4 ] Rudolf Steiner has opened up for us the path into these deep shafts of unfolding events, the path to the “Mothers.” Unlike the “Faust” created by Goethe, and unlike the Faust of legend, we are not to seek this path through the means of medieval occultism, which had already become obsolete by the time Faustian figures, on the threshold of the modern era, were struggling between inherited, now-decadent alchemical research methods and the newly emerging exact natural sciences. At that turning point in history, people worked with often misguided and murky methods to penetrate the mysteries of life: with obsolete magic formulas, with conjuration experiments, with mediumship, hypnosis, tinctures, and ointments—methods that would even tempt today’s experimental psychologists to enrich their science. Rudolf Steiner has shown us other paths to reach the sources of life: the paths of pure thought, moral self-education, scientific and artistic work, and the free exercise of the “I” in the service of humanity. Yet preparation for this was necessary through what has happened in the meantime: the renunciation by advanced Europeans of the last remnants of atavistic clairvoyance, the immersion in the boundaries of natural science, the conquest of technology, and the temporary severing of the personality from its spiritual source. Now we stand at another turning point. We are on the verge of losing our individuality, of allowing mechanics to kill the human being. The power of thought must lead us back to our spiritual nature, to the grasping of pictorial insight, to an understanding of the spirituality that reigns within us and underlies all phenomena of life. In the struggle for the highest goal, the figure of Faust, as Goethe portrayed him, can serve as an example and an inspiration. And we no longer need to be tempted by the aberrations of medieval sorcery. Spiritual Science points us toward a sure path to knowledge.

[ 5 ] Die Tragik der mittelalterlichen, an der Schwelle der Neuzeit stehenden Okkultisten bestand darin, daß sie durch die Überlieferung der Geheimschulen noch wußten von dem realen geistigen Verkehr der höchstentwickelten Menschen mit den Intelligenzen des Kosmos, aber auch wußten, daß für sie dieser Weg nun verschlossen war. Sie konnten nicht weiter gelangen als bis zu dem Verkehr mit den Kräften des Zwischenreichs. Eine allmähliche Verdüsterung, ein Abbiegen von den strengen Wegen geistiger Forschung war oft die Folge dieses Experimentierens mit der Retorte und mit den Kräften der Elemente und ihrer Wesenhaftigkeiten. Das Streben verirrte sich, griff im Verdursten zu den Mitteln der Verzweiflung, jagte nach Gaukelbildern. In diesem Sinne haben wir zu verstehen dasjenige, was die Seele des Faust durchwühlt. Doch lag in der Intensität des Strebens dieser Forscher eineKraft, die Ich-weckend war. Ihr Bewußtsein öffnete sich durch das Leid immer mehr den wachen Impulsen des Ich; durch die Eroberung der Materie hindurch strebte der Mensch dem Zentrum seines Wesens entgegen, in dem er sich selbst würde finden können, das ihn zum Leben im Geist zurückbringen konnte. In der kleineren Kuppel des verbrannten Goetheanum, in welcher Rudolf Steiner die Repräsentanten der verschiedenen Kulturepochen der Menschheit in Bild und Farbe hat erstehen lassen, sah man in verschwebendem dunklem Blau auch diese Gestalt des Faust, des ernsten Alchimisten an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit, in sinnender Gebärde und tiefen Blicks die Rechte zum Antlitz hebend, hinter deren beredter Fingergeste das Siegelwort «Ich» erscheint; ihm die Hände entgegenstreckend schwebt heran in engelartiger Kindesgestalt das werdende höhere, das geistige Ich des Menschen. Unter ihm ragt der Knochenmann, das Skelett, der andere Pol des menschlichen Ich; über der Gestalt des Faust neigt sich zu ihm hin der ihn inspirierende Genius.

[ 5 ] The tragedy of the medieval occultists, standing on the threshold of the modern era, lay in the fact that, through the traditions of the secret schools, they still knew of the real spiritual communion between the most highly developed human beings and the intelligences of the cosmos, but they also knew that this path was now closed to them. They could go no further than communication with the forces of the intermediate realm. A gradual darkening, a turning away from the rigorous paths of spiritual inquiry, was often the consequence of this experimentation with the retort and with the forces of the elements and their essences. Their striving went astray; parched for meaning, they resorted to the means of despair and chased after illusions. It is in this sense that we must understand what torments Faust’s soul. Yet in the intensity of these researchers’ striving lay a force that awakened the “I.” Through suffering, their consciousness opened itself ever more to the alert impulses of the “I”; through the conquest of matter, the human being strove toward the center of his being, where he might find himself—the center that could bring him back to life in the spirit. In the smaller dome of the burned-down Goetheanum, where Rudolf Steiner had brought to life the representatives of humanity’s various cultural epochs in image and color, one could also see, floating in a dark blue haze, this figure of Faust—the serious alchemist on the threshold between the Middle Ages and the modern era—raising his right hand to his face in a pensive gesture and with a deep gaze, behind whose eloquent finger gesture the seal word “I” appears; reaching out its hands toward him, the emerging higher, spiritual “I” of the human being floats toward him in the form of an angelic child. Beneath him looms the Skeleton, the other pole of the human “I”; above the figure of Faust, the genius who inspires him leans toward him.

[ 6 ] Wir können nicht aus kurzgeschürzten Voraussetzungen heraus an das Verständnis des «Faust» herantreten, wir müssen Blickweite gewinnen. Die hier gebrachten Vorträge geben uns Unterlagen zum Verständnisse des «Faust». Sie sind keine in dem Gelehrtenzimmer verfaßten Kommentare, sondern eine Einführung in die Gebiete der Geisteswissenschaft an Hand eines von ihnen inspirierten Dichterwerks, dessen Geheimnisse erst durch diese Geisteswissenschaft ihre rechte Beleuchtung finden. Auf anderen Wegen dringt man nicht durch zum Kern des Faust-Problems. Und erst dann wird diese größte Dichtung des deutschen Geistes populär werden können, wenn die Geisteswissenschaft ebensosehr das Kulturleben des Volkes durchdringen wird, als es die Naturwissenschaft in den letzten Jahrhunderten getan hat.

[ 6 ] We cannot approach an understanding of *Faust* based on narrow-minded assumptions; we must broaden our perspective. The lectures presented here provide us with the foundation for understanding *Faust*. They are not commentaries written in a scholar’s study, but rather an introduction to the fields of Spiritual Science through a poetic work inspired by them—a work whose mysteries are only properly illuminated by these very Spiritual Sciences. There is no other way to penetrate to the core of the Faust problem. And this greatest work of German literature will only be able to become popular when Spiritual Science permeates the cultural life of the people just as much as natural science has done in recent centuries.

[ 7 ] Gewiß kann man manches einwenden gegen die Veröffentlichung eines solchen Buches, das wie aus Bruchstücken besteht. Die Erläuterungen wurden von Fall zu Fall gegeben, je nachdem es die Arbeit am Goetheanum mit sich brachte; es wurden jene Szenen dargestellt, in denen Faust mit den Geheimnissen des Daseins ringt und in das übersinnliche Erleben hineinrückt. Gespielt wurde in der großen Schreinerei des Goetheanum, in welcher auch die Säulen des verbrannten Baues hergestellt wurden, unter primitiven Verhältnissen, aber mit dem Bestreben, das herauszuarbeiten, was als geistige Wirklichkeit der Dichtung zugrunde liegt. Zur Wiedergabe jener Szenen, die in den übersinnlichen Welten spielen, sei es in der Ober- oder Unterwelt, fand sich als geeignetes Mittel die im Goetheanum gepflegte Bewegungskunst der Eurythmie. Es war, als ob die Faust-Dichtung auf diese Ausdrucksform gewartet hätte, um auf der Bühne ganz lebendig zu werden, um das sonst Unaussprechbare in künstlerische Wirklichkeit überzuführen. Was sonst abstrakt und konventionell-schablonenhaft geblieben wäre, fand in der Eurythmie die ihm angemessene lebensvolle Sprache. Helfend und ratend in jeder Einzelheit der Wiedergabe stand Rudolf Steiner den Darstellern zur Seite. Unser Leid besteht darin, daß es unter den damals herrschenden Verhältnissen nur zu Teilaufführungen kommen konnte. Sie dienen uns aber als Leitfaden zum Erfassen des Ganzen. Deshalb dürfen wir auch diese Gabe nicht ängstlich nur einem kleinen Kreise vorbehalten. Wir müssen unsern Zeitgenossen und der Zukunft weitergeben, was wir hier zur Erkenntnisbildung erhalten haben. Sind es auch leider nur mangelhaft nachgeschriebene Vorträge, die einer unmittelbar gegebenen Situation entspringen, so liegt in ihnen doch das, was kein anderer geben kann, und was die Menschheit zu ihrem Heile fördern wird. Aus dem größten Werke der deutschen Dichtkunst, das zugleich weltanschauungsbildend wirken will, sollte das Volk, das seine Aufgabe in der Eroberung des Geistigen hat, die Impulse schöpfen können, die ihm zu seiner schweren Aufgabe Kraft und Mut geben.

[ 7 ] Certainly, one could raise many objections to the publication of such a book, which seems to consist of fragments. The explanations were provided on a case-by-case basis, depending on what the work at the Goetheanum entailed; those scenes were presented in which Faust grapples with the mysteries of existence and enters into the supersensible realm. The performances took place in the large carpentry workshop of the Goetheanum—where the columns of the burned-down building had also been crafted—under primitive conditions, yet with the aim of bringing to light what underlies the poetry as spiritual reality. To portray those scenes set in the supersensible worlds—whether in the upper or lower realms—the art of eurythmy, cultivated at the Goetheanum, proved to be the appropriate medium. It was as if the Faust epic had been waiting for this form of expression to come fully alive on stage, to transform what is otherwise inexpressible into artistic reality. What would otherwise have remained abstract and conventional—a mere stereotype—found in eurythmy the vibrant language befitting it. Rudolf Steiner stood by the performers, offering help and advice on every detail of the presentation. Our regret is that, under the circumstances prevailing at the time, only partial performances could take place. Yet they serve as a guide for us to grasp the whole. That is why we must not timidly reserve this gift for only a small circle. We must pass on to our contemporaries and to future generations what we have received here for the formation of knowledge. Even if, unfortunately, these are only imperfectly transcribed lectures arising from an immediate situation, they nevertheless contain what no one else can provide—and what will promote humanity’s well-being. From the greatest work of German poetry—which also aims to shape a worldview—the people, whose mission is the conquest of the spiritual, should be able to draw the inspiration that gives them the strength and courage for their difficult task.