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Faust, the Striving Human Being
Spiritual Scientific Explanations of Goethe's Faust
GA 272

23 January 1910, Strasbourg

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Faust, the Striving Human Being, tr. SOL
  1. Faust, der strebende Mensch Geisteswissenschaftliche

1. Goethes «Faust» vom Geisteswissenschaftlichen Standpunkt

1. Goethe’s “Faust” from a Perspective of Spiritual Science

[ 1 ] Die Geisteswissenschaft, die in die moderne Kulturströmung sich hineinleben will, will nichts Neues sein und unterscheidet sich gerade dadurch von vielerlei auftretenden Weltanschauungen und sonstigen Geistesrichtungen, die glauben, dadurch, daß sie behaupten, über diese oder jene Frage des Geisteslebens etwas Neues zu bringen, ihre Daseinsberechtigung darlegen zu können. Demgegenüber soll dasjenige, was man Geisteswissenschaft nennt, betonen, daß die Quellen ihrer Erkenntnisse und ihres Lebens zu allen Zeiten, da Menschen gedacht, Menschen gestrebt haben nach den höchsten Fragen und Rätseln des Daseins, in derselben Weise vorhanden waren. Das durfte ich schon öfters betonen auch in dieser Stadt, als ich die Ehre hatte, in früheren Vorträgen zu sprechen.

[ 1 ] The Spiritual Science that seeks to become part of the modern cultural current does not aim to be anything new, and it is precisely this that distinguishes it from the many worldviews and other intellectual movements that believe they can justify their existence by claiming to offer something new regarding this or that question of spiritual life. In contrast, what is called Spiritual Science seeks to emphasize that the sources of its insights and its life have always existed in the same way throughout history—ever since human beings have thought and striven to understand the highest questions and mysteries of existence. I have had the opportunity to emphasize this on several occasions, including here in this city, when I had the honor of speaking in previous lectures.

[ 2 ] Es muß nun ganz besonders reizvoll sein, von diesem Gesichtspunkte aus nicht nur die verschiedenen Religionsbekenntnisse, die verschiedenen Weltanschauungen, wie sie aufgetreten sind in der Entwickelung der Menschheit, zu betrachten, sondern auch Persönlichkeiten, die uns nahestehen, einmal von diesem Gesichtspunkte aus anzusehen. Denn soll etwas wahr sein in der Geisteswissenschaft, dann muß wenigstens ein Kern dieser Wahrheit sich finden bei all denjenigen, die ehrlich und energisch nach Erkenntnis und nach dem menschenwürdigen Dasein gestrebt haben.

[ 2 ] It must now be particularly fascinating to view not only the various religious creeds and worldviews that have emerged in the course of human development from this perspective, but also to look at the people closest to us from this perspective for once. For if anything is to be true in Spiritual Science, then at least a core of that truth must be found in all those who have honestly and energetically strived for knowledge and for a life worthy of human dignity.

[ 3 ] Wenn nun heute von Geisteswissenschaft die Rede ist, dann machen sich von der einen oder andern Seite die mannigfaltigsten Urteile geltend, und derjenige, der nicht tiefer eingedrungen ist in das entsprechende Gebiet, der sich aus diesen oder jenen Vorträgen oder Broschüren eine oberflächliche Kenntnis verschafft hat, wird je nach seinem Standpunkt diese Geisteswissenschaft ansehen als Phantasterei oder Träumerei einiger weltfremder Menschen, die sich kuriose Vorstellungen machen über das Leben und seine Untergründe. Es muß durchaus zugegeben werden, daß, wenn man nicht genauer zusieht, ein solches Urteil begreiflich erscheinen kann, denn obzwar heute davon nicht die Rede sein kann, da wir ein spezielles Thema zur Voraussetzung haben, so soll doch hingewiesen werden auf einige der hauptsächlichsten Erkenntnisse dieser Geisteswissenschaft. Und schon, wenn diese genannt und charakterisiert werden, wird sich auf eine ganz ehrliche Weise bei unseren Zeitgenossen das Gefühl regen können: Ach, was ist denn das für ein kurioses Zeug!

[ 3 ] When people speak of Spiritual Science today, a wide variety of opinions are expressed from one side or the other, and anyone who has not delved more deeply into the subject—who has gained only a superficial understanding from this or that lecture or pamphlet—will, depending on their point of view, regard the Spiritual Science as the fanciful mental images or daydreams of a few unworldly people who entertain curious notions about life and its underlying realities. It must certainly be admitted that, if one does not look more closely, such a judgment may seem understandable; for although this is not the subject of discussion today—since we are dealing with a specific topic—it is nevertheless worth pointing out some of the most important insights of the Spiritual Science. And as soon as these are named and characterized, a feeling may well arise quite honestly among our contemporaries: “Oh, what kind of strange stuff is this!”

[ 4 ] Im Ganzen beruht ja Geisteswissenschaft, wenn sie ernst genommen wird, darauf, daß vorausgesetzt wird: dasjenige, was uns in der sinnlichen Welt umgibt, was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen können, mit dem Verstande begreifen können, der an unsere Sinne gebunden ist, das ist nicht die ganze Welt, sondern hinter alldem, was sinnlich ist, liegt eine geistige Welt. Und diese geistige Welt ist nicht in einem unbestimmten Jenseits, sondern sie ist immer um uns herum, so wie die Farben- und Lichterscheinungen auch um den Blindgeborenen herum sind. Dazu aber, daß wir von etwas wissen, was um uns herum ist, gehört, daß wir ein Organ haben, um es wahrzunehmen. Und so wie der Blindgeborene Farbe und Licht nicht sehen kann, so kann auch in der Regel der Mensch in unserem Zeitalter mit seinen normalen Fähigkeiten die geistigen Tatsachen und Wesenheiten nicht wahrnehmen, die um uns herum sind. Wenn wir aber das Glück haben, einen Blindgeborenen zu operieren, dann gibt es für ihn den Augenblick der Erweckung des Auges, und was für ihn nicht da war, Licht und Farben, das flutet nun herein in sein Inneres. Das ist für ihn eben von seiner Operation ab eine wahrnehmbare Welt. So gibt es auf geistigem Gebiet eine höhere Erweckung, jene Erweckung, durch die ein Mensch ein Eingeweihter wird in die geistige Welt. Um mit Goethe zu sprechen: es gibt geistige Augen und Ohren, nur sind die Menschenseelen in der Regel nicht so weit, sie gebrauchen zu können. Wenn wir aber die Mittel und Methoden anwenden, durch die diese Kräfte zum Dasein kommen, dann geht etwas in uns vor auf einem höheren Gebiet wie für einen Blindgeborenen, der operiert wird, und dem dann hereinflutet die Welt der Farben und des Lichtes. Da wird der Mensch, wenn ihm geöffnet werden Augen und Ohren, ein Erweckter. Eine neue Welt ist um ihn herum, eine Welt, die immer da war, die er aber nur von dem Moment der Erweckung an wahrnehmen kann. Dann aber, wenn der Mensch so weit ist, lernt er verschiedene Erkenntnisse sich zu eigen zu machen, Erkenntnisse, welche das Leben aufhellen, Erkenntnisse, welche uns Kraft und Sicherheit für unser Arbeiten geben können, welche uns möglich machen, in das Wesen der Menschenbestimmung und in die Geheimnisse des Schicksals hineinzusehen.

[ 4 ] On the whole, Spiritual Science—if taken seriously—is based on the premise that what surrounds us in the sensory world, what we can perceive with our senses and comprehend with our intellect (which is bound to our senses), is not the whole world; rather, behind everything that is sensory lies a spiritual world. And this spiritual world is not in some indefinite hereafter, but is always around us, just as the phenomena of color and light are also around the person born blind. However, in order for us to know about something that is around us, we must have an organ with which to perceive it. And just as a person born blind cannot see color and light, so too, as a rule, people in our age, with their normal faculties, cannot perceive the spiritual realities and beings that surround us. But if we are fortunate enough to operate on someone born blind, there comes a moment when his eyes are opened, and what was not there for him—light and colors—now floods into his inner being. For him, this is a perceptible world from the moment of his operation onward. In the spiritual realm, too, there is a higher awakening—the awakening through which a person becomes an initiate into the spiritual world. To quote Goethe: there are spiritual eyes and ears, but human souls are generally not yet ready to make use of them. But when we apply the means and methods through which these powers come into being, then something takes place within us on a higher plane—much like for a person born blind who undergoes surgery and is then flooded by the world of colors and light. There, when his eyes and ears are opened, the person becomes awakened. A new world surrounds him—a world that has always been there, but which he can perceive only from the moment of his awakening. But then, when a person has reached this stage, he learns to make various insights his own—insights that illuminate life, insights that can give us strength and confidence for our work, and that enable us to glimpse the essence of the human destiny and the mysteries of fate.

[ 5 ] Und nur vorbereitend soll eine dieser Erkenntnisse besprochen werden, eine von jenen Erkenntnissen, die, wenn nicht verrückt, so doch absonderlich und träumerisch dem heutigen Menschen oftmals vorkommen müssen. Es ist die Erkenntnis, die nichts anderes ist als eine Belebung eines uralten Erkenntnisvorganges, seine Fortsetzung auf höherem Gebiet, eine Wahrheit, welche für ein niedrigeres Gebiet vor verhältnismäßig kürzerer Zeit erst errungen worden ist. Die Menschheit hat im allgemeinen für große Ereignisse der geistigen Welt ein kurzes Gedächtnis, und deshalb denkt man heute so wenig daran, daß im 17. Jahrhundert nicht nur Laien, sondern selbst Gelehrte daran geglaubt haben, daß aus Flußschlamm niedere Tiere, ja sogar Würmer und Fische sich entwickeln würden. Der große Naturforscher Francesco Redi war es, der zuerst darauf aufmerksam machte, daß kein Regenwurm, kein Fisch aus dem toten Flußschlamm herauswächst, wenn nicht vorher ein Regenwurm-, ein Fischkeim darinnen ist. Er hat den Satz ausgesprochen, daß Lebendiges nur von Lebendigem kommen kann, und daraus erkennt man, daß es nur eine ungenaue Betrachtungsweise ist, wenn man glaubt, es könne aus dem leblosen Flußschlamm. herauswachsen das Lebendige eines Fisches oder Wurmes. Genauere Betrachtung zeigt, daß wir zurückgehen müssen zu dem lebendigen Keim, und daß dieser lebendige Keim nur aus seiner Umgebung die Kräfte heranziehen kann, die da sind, um das zur größten Entfaltung zu bringen, was Lebendiges im Keime ist.

[ 5 ] And merely by way of introduction, we shall discuss one of these insights—one of those insights that, if not crazy, must often seem strange and dreamlike to people today. It is a realization that is nothing other than a revival of an ancient process of insight, its continuation on a higher plane—a truth that was only recently attained on a lower plane. Humanity generally has a short memory when it comes to major events in the spiritual world, and that is why so few people today remember that in the 17th century, not only laypeople but even scholars believed that lower animals—even worms and fish—could develop from river mud. It was the great naturalist Francesco Redi who first pointed out that no earthworm, no fish, grows out of dead river mud unless an earthworm or fish embryo is already present within it. He stated that life can come only from life, and from this we can see that it is merely an inaccurate way of looking at things to believe that the living essence of a fish or a worm could grow out of lifeless river mud. Closer examination shows that we must go back to the living germ, and that this living germ can draw only from its surroundings the forces that are present there to bring what is living in the germ to its fullest development.

[ 6 ] Das, was Redi gesagt hat, daß Lebendiges sich nur aus Lebendigem entwickelt, das gilt heute in der Wissenschaft als etwas Selbstverständliches. Als Redi damals den Satz ausgesprochen hat, entging er nur mit knapper Not dem Schicksale des Giordano Bruno. So geht es mit der Entwickelung der Menschheit. Erst muß eine solche Wahrheit so errungen werden, daß diejenigen, die sie zuerst aussprechen, verketzert werden, dann wird sie zur Selbstverständlichkeit, zum Gemeingut der Menschheit. Das, was Redi für die Naturwissenschaft getan hat, das soll für den Geist durch die Geisteswissenschaft heute geschehen dadurch, daß jener Satz, den Redi ausgesprochen hat für die Naturwissenschaft, übertragen wird aus den Erkenntnissen des erweckten Geistesauges und Geistesohres heraus auf das seelische Gebiet. Und da heißt dieser Satz: Geistig-Seelisches kann nur aus Geistig-Seelischem entstehen. — Das heißt, es ist eine ungenaue Betrachtungsweise, wenn wir einen Menschen ins Dasein treten sehen, zu glauben, daß alles, was ins Leben tritt, bloß aus Vater und Mutter und den Vorfahren herstammt. So wie wir zurückgehen müssen beim entstehenden Regenwurm zum lebendigen Regenwurmkeim, so müssen wir von dem Menschen, der sich herausentwickelt aus dem Keim zu einem bestimmten Wesen, zurückgehen zu einem früheren geistigen Dasein und müssen uns klar sein, daß dieses Wesen, das durch die Geburt ins Dasein tritt, von seinen leiblichen Vorfahren nur heranzieht die Kraft zu seiner Entfaltung, wie der Regenwurmkeim die Kraft aus der leblosen Umgebung heranzieht. Und in entsprechender Ausdehnung wird dieser Satz: Lebendiges kann nur aus Lebendigem kommen -, zu dem andern Satze: Das gegenwärtige Leben, das durch die Geburt ins Dasein tritt, führt nicht nur zu physischen Ahnen zurück, sondern führt durch die Jahrhunderte zurück auf ein früheres Geistig-Seelisches. —- Und wenn Sie sich tiefer darauf einlassen, werden Sie sehen, daß ganz wissenschaftlich gezeigt wird, daß es nicht nur ein, sondern wiederholte Erdenleben gibt, daß das, was jetzt zwischen Geburt und Tod in uns ist, die Wiederholung eines Geistig-Seelischen ist, das schon in früheren Daseinsstufen da war, und daß unser jetziges Leben wiederum der Ausgangspunkt für folgende Leben ist. Geistig-Seelisches kommt von Geistig-Seelischem, geht zurück auf Geistig-Seelisches, das da war vor der Geburt, das aus der geistigen Welt heruntersteigt und sich in physischen Verkörperungen auslebt. Wir sehen jetzt ganz anderes, wenn wir zum Beispiel als Erzieher gegenüberstehen einem Kinde, das stufenweise die Kräfte entfaltet. Wir sehen bei der Geburt, wie ein Unbestimmtes auf seinem Antlitze ist, wie aus seinem Inneren heraus immer bestimmter und bestimmter sich entfaltet, was nicht aus der Vererbung stammt, sondern was aus früheren Leben kommt. Wir sehen, wie dieses Zentrum des Geistig-Seelischen durch die Talente von der Geburt an immer weiter und weiter sich entfaltet.

[ 6 ] What Redi said—that life can only arise from life—is now taken for granted in science. When Redi uttered those words back then, he narrowly escaped the fate of Giordano Bruno. Such is the course of human development. First, such a truth must be won in such a way that those who first articulate it are condemned as heretics; then it becomes self-evident, the common heritage of humanity. What Redi accomplished for the natural sciences is to be accomplished today for the spirit through Spiritual Science, by applying the very principle that Redi articulated for the natural sciences—drawn from the insights of the awakened spiritual eye and spiritual ear—to the realm of the soul. And in that context, the principle states: Spiritual-soul aspects can arise only from spiritual-soul aspects. — That is to say, it is an inaccurate way of looking at things when we see a human being come into existence and believe that everything that comes into life originates merely from the father, mother, and ancestors. Just as we must trace the developing earthworm back to the living earthworm germ, so too, when considering a human being who develops from a seed into a specific being, we must trace back to a previous spiritual existence and realize that this being, who enters existence through birth, draws from its physical ancestors only the power for its unfolding—just as the earthworm seed draws power from its inanimate surroundings. And to the same extent, this statement—“Life can only come from life”—leads to the other statement: “The present life, which comes into being through birth, leads back not only to physical ancestors but also, through the centuries, to a previous spiritual-soul life.” —- And if you delve deeper into this, you will see that it is demonstrated entirely scientifically that there is not just one, but repeated earthly lives; that what is now within us between birth and death is the repetition of a spiritual-psychic reality that was already present in earlier stages of existence; and that our present life, in turn, is the starting point for subsequent lives. Spiritual-soul aspects arise from spiritual-soul aspects and trace back to spiritual-soul aspects that existed before birth—aspects that descend from the spiritual world and find expression in physical incarnations. We now perceive things quite differently when, for example, as educators, we are faced with a child who is gradually unfolding these powers. At birth, we see an indeterminate quality on the child’s face, and how, from within, something unfolds with ever greater clarity—something that does not stem from heredity but comes from previous lives. We see how this center of the spiritual-soul aspect unfolds further and further through the child’s talents from the moment of birth.

[ 7 ] Das hat heute Geisteswissenschaft zu sagen in bezug auf die wiederholten Erdenleben. Es mag heute eine Träumerei sein, wie es als eine Träumerei galt, was Francesco Redi im 17. Jahrhundert sagte. Aber was heute als Träumerei gilt, wird eine Selbstverständlichkeit werden in nicht gar zu ferner Zeit, und der Satz: Geistig-Seelisches kommt von Geistig-Seelischem —, wird Allgemeingut der Menschheit werden.

[ 7 ] This is what Spiritual Science has to say today regarding repeated earthly lives. It may seem like a pipe dream today, just as what Francesco Redi said in the 17th century was considered a pipe dream. But what is regarded as a pipe dream today will become a matter of course in the not-too-distant future, and the statement—that “spiritual-soul aspects come from spiritual-soul aspects”—will become common knowledge among humanity.

[ 8 ] Heute behandelt man die Ketzer nicht mehr so wie früher. Man liefert sie nicht mehr dem Scheiterhaufen aus, aber man betrachtet sie als Toren und Träumer, die aus beliebiger Phantasie heraus sprechen. Man macht sie lächerlich und setzt sich auf den hohen Stuhl der Wissenschaft und sagt, das sei mit wirklicher Wissenschaft nicht vereinbar, nicht wissend, daß es die wahre, echte Wissenschaft ist, die diese Wahrheit fordert. Und nun können wir hundert und hundert solcher Wahrheiten anführen, die uns zeigen würden, wie Geisteswissenschaft das Leben beleuchten kann, indem sie zeigt, daß ein unsterblicher Wesenskern im Menschen liegt, der durch den Tod in die geistige Welt zieht, und wenn er seine Bestimmung daselbst erfüllt hat, wiederum zurückkehrt ins physische Dasein, um neue Erfahrungen zu sammeln, die er dann wiederum durch den Tod hinaufträgt in geistige Welten. Wir würden sehen, wie die Bande, die geschlungen werden von Mensch zu Mensch, von Seele zu Seele auf allen Gebieten des Lebens, jene Züge des Herzens, die von Seele zu Seele gehen, die sonst nicht zu erklären sind, erklärt werden können dadurch, daß sie geknüpft worden sind in früheren Lebensverhältnissen. Und wie das, was wir heute knüpfen an inneren Geistesbanden, nicht aufhört, wenn der Tod über das Dasein hinzieht, sondern wie das, was als Lebensbande von Seele zu Seele zieht, unsterblich ist wie die menschliche Seele selber, wie das mitlebt durch die geistige Welt hindurch und wiederum aufleben wird in andern, zukünftigen Erdenverhältnissen und neuen Verkörperungen. Und nur eine Frage der Entwickelung ist es, daß die Menschen sich auch erinnern werden an ihre früheren Erdenerlebnisse, an das, was sie geistigseelisch durchgemacht haben in früheren Erdenleben und Daseinszuständen.

[ 8 ] Today, heretics are no longer treated as they once were. They are no longer burned at the stake, but they are regarded as fools and dreamers who speak from arbitrary fantasy. They are ridiculed, and those who sit on the high throne of science claim that this is incompatible with true science, not realizing that it is true, genuine science that demands this truth. And now we could cite hundreds upon hundreds of such truths that would show us how Spiritual Science can shed light on life by demonstrating that an immortal core of being lies within the human being, which passes into the spiritual world through death, and once it has fulfilled its destiny there, returns once more to physical existence to gather new experiences, which it then carries upward through death into the spiritual worlds. We would see how the bonds formed between one person and another, between one soul and another, in all areas of life—those traits of the heart that pass from soul to soul and cannot otherwise be explained—can be explained by the fact that they were forged in previous lifetimes. And how the inner spiritual bonds we form today do not cease when death passes over our existence, but how these bonds of life that stretch from soul to soul are immortal like the human soul itself, how they live on through the spiritual world and will be revived again in other, future earthly circumstances and new incarnations. And it is merely a matter of development that human beings will also remember their past earthly experiences—what they have undergone spiritually and soulfully in previous earthly lives and states of existence.

[ 9 ] Solche Wahrheiten werden sich in nicht zu ferner Zeit als notwendige Dinge einleben in das menschliche Leben, und die Menschen werden Kraft und Hoffnung und Zuversicht gewinnen aus solchen Voraussetzungen heraus. Heute können wir nur sehen, daß einzelne wenige Menschen in der Welt durch ihren gesunden Wahrheitssinn hingezogen werden zu dem, was geistige Forscher aus ihren Erlebnissen in der geistigen Welt heraus zu verkünden haben. Aber das, was geisteswissenschaftliche Erkenntnisse sind, wird Gemeingut der Menschheit werden und lebt sich hinein in ernstem Wahrheitssuchen. Und diejenigen, die die Pfade ernster Wahrheitssucher gegangen sind, haben immer in all dem, was sie der Menschheit geboten haben, die großen Weistümer und Erkenntnisse ausgestaltet, die heute die Geisteswissenschaft wiederbringt.

[ 9 ] Such truths will, in the not-too-distant future, become an integral part of human life, and people will draw strength, hope, and confidence from these principles. Today we can only observe that a few individuals in the world, through their sound sense of truth, are drawn to what spiritual researchers have to proclaim based on their experiences in the spiritual world. But the insights of Spiritual Science will become the common heritage of humanity and will take root in a serious search for truth. And those who have walked the paths of serious truth-seekers have always, in all that they have offered to humanity, given form to the great wisdom and insights that Spiritual Science is now bringing back.

[ 10 ] Ein Beispiel soll vor unsere Seele hintreten in einer Persönlichkeit, die unserem neuzeitlichen Leben nahesteht: das Beispiel Goethes, und bei ihm wiederum dasjenige, was ihn als sein umfassendstes und größtes Werk beschäftigt hat sein ganzes Leben hindurch: sein «Faust».

[ 10 ] Let us consider an example in the form of a figure closely associated with our modern way of life: the example of Goethe, and specifically the work that occupied him throughout his entire life as his most comprehensive and greatest achievement: his *Faust*.

[ 11 ] Wenn wir an Goethe herantreten und versuchen mit dem, was Geisteswissenschaft geben kann, sein Streben zu beleuchten, so können wir eigentlich ziemlich früh anfangen. Man kann sagen, aus seiner ganzen Anlage heraus erkennt man bei Goethe, wie in ihm Seele und Geist war. Alles dasjenige, was hindrängt, hinter den Erscheinungen der sinnlichen Welt ein Geistiges zu suchen, das war in ihm eine frühe Anlage. Da sehen wir den siebenjährigen Knaben Goethe, der da hätte aufnehmen können aus seiner Umgebung gewöhnliche Vorstellungen, wie sie ein Knabe aufnehmen kann zu seiner ersten Seelenvorstellung. Das befriedigt ihn nicht; er erzählt es selber in «Dichtung und Wahrheit». Da sehen wir, wie der siebenjährige Knabe etwas ganz Merkwürdiges beginnt, um seine Sehnsucht nach dem Göttlichen zum Ausdruck zu bringen. Er nimmt ein Notenpult aus der Sammlung seines Vaters, macht daraus einen Altar, indem er darauflegt allerlei Mineralien und Pflanzen und sonstige Produkte der Natur, aus denen der Geist der Natur spricht. Ahnend baut sich die Knabenseele einen Altar, stellt darauf ein Räucherkerzchen, nimmt ein Brennglas, wartet, bis die Morgensonne aufgeht, sammelt mit dem Brennglas die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne, läßt sie auf das Räucherkerzchen fallen, so daß der Rauch aufsteigt. Und im spätesten Alter erinnert sich Goethe daran, wie er als Knabe dem großen Gotte der Natur, der durch Mineralien und Pflanzen spricht, der uns in den Sonnenstrahlen sein Feuer sendet, seine frommen Gefühle hinaufsenden will. Das wächst mit Goethe heran. Wir sehen, wie er auf einer reiferen Stufe — aber doch aus sehnender Seele heraus, wie es lebt in Goethe -, nachdem er nach Weimar kommt, vom Herzog zu seinem Ratgeber berufen wird, wie da dieses Gefühl für den Geist, der aus allen Naturwesen spricht, in dem schönen Prosahymnus zum Ausdruck kommt. Da sagt er: «Natur, wir sind von ihr umgeben und umschlungen, unvermögend, aus ihr herauszutreten, und unvermögend, tiefer in sie hineinzukommen. Ungewarnt und ungebeten nimmt sie uns in den Kreislauf ihres Tanzes auf und treibt sich mit uns fort, bis wir ermüdet sind und ihrem Arme . entfallen ... Nicht wir haben getan, was wir tun, alles hat sie getan; sie denkt und sinnt beständig, schaut mit tausend Augen in die Welt.» Und wiederum später sagt er in dem schönen Buch über Winckelmann, «Antikes»: «Wenn die gesunde Natur des Menschen als ein Ganzes wirkt, wenn er sich in der Welt als in einem großen, schönen, würdigen und werten Ganzen fühlt, wenn das harmonische Behagen ihm ein reines, freies Entzücken gewährt: dann würde das Weltall, wenn es sich selbst empfinden könnte, als an sein Ziel gelangt, aufjauchzeni und den Gipfel des eigenen Werdens und Wesens bewundern.» So fühlte Goethe, wie alles, was draußen in der Natur lebt und webt, eine Auferstehung feiert aus der Menschenseele heraus, und wie eine höhere Natur, eine geistige Natur aus Geist und Seele des Menschen hervorgebracht wird. Aber nur langsam ringt sich Goethe zur völligen Klarheit in der geistigen Erkenntnis der Natur durch. Und wir sehen an nichts deutlicher und klarer, wie Goethe sein ganzes Leben ein Strebender war, der nicht gerastet und geruht hat, um die Erkenntnis immer wieder umzubilden, um zu höherer Stufe zu kommen, wir sehen das an nichts klarer und besser als an seinem Lebensgedicht, dem «Faust».

[ 11 ] When we approach Goethe and attempt to shed light on his aspirations using what Spiritual Science has to offer, we can actually begin quite early. One might say that, from his very nature, one can see in Goethe how soul and spirit were present within him. Everything that drives one to seek the spiritual behind the phenomena of the sensory world was an early predisposition in him. There we see the seven-year-old boy Goethe, who could have absorbed ordinary mental images from his surroundings—as any boy might—to form his first mental image of the soul. That does not satisfy him; he recounts it himself in *Poetry and Truth*. There we see how the seven-year-old boy begins something quite remarkable to express his longing for the divine. He takes a music stand from his father’s collection and turns it into an altar by placing on it all manner of minerals, plants, and other products of nature through which the spirit of nature speaks. Intuitively, the boy’s soul builds an altar, places a small incense stick on it, takes a magnifying glass, waits until the morning sun rises, focuses the first rays of the rising sun with the magnifying glass, and directs them onto the incense stick so that the smoke rises. And in his twilight years, Goethe recalls how, as a boy, he wished to send his devout feelings upward to the great God of Nature, who speaks through minerals and plants and sends us His fire in the sun’s rays. This grows with Goethe. We see how, at a more mature stage—yet still springing from the yearning soul that lives within Goethe—after he arrives in Weimar and is appointed by the Duke as his advisor, this feeling for the Spirit that speaks through all beings of nature finds expression in the beautiful prose hymn. There he says: “Nature—we are surrounded and embraced by her, unable to step out of her, and unable to penetrate deeper into her. Unwarned and uninvited, she draws us into the circle of her dance and carries us along until we are weary and slip from her arms... It is not we who have done what we do; she has done it all; she thinks and ponders ceaselessly, gazing into the world with a thousand eyes.” And again later, in his beautiful book on Winckelmann, *Antiques*, he says: “When the healthy nature of man functions as a whole, when he feels himself in the world as part of a great, beautiful, dignified, and valuable whole, when harmonious contentment grants him pure, free delight: then the universe, if it could perceive itself, would, having reached its goal, exult and admire the pinnacle of its own becoming and being.” Goethe felt that everything living and weaving out there in nature celebrates a resurrection from within the human soul, and that a higher nature—a spiritual nature—is brought forth from the spirit and soul of man. But Goethe only slowly struggles to achieve complete clarity in his spiritual understanding of nature. And nowhere do we see more clearly and distinctly how Goethe was, throughout his entire life, a seeker who never rested or ceased striving—always reshaping his understanding to reach a higher level—than in his life’s epic, *Faust*.

[ 12 ] In frühester Jugend hatte er begonnen, alles, was seine sehnende und ahnende Seele erfüllte, in sein Gedicht hineinzulegen; und als Greis im spätesten Alter, kurz vor seinem Tode, hat er dieses Gedicht, an dem er über fünfzig Jahre gearbeitet und in das er das Beste seines Lebens hineingelegt hat, vollendet. Der zweite Teil lag versiegelt bei seinem Tode da wie das große Testament, das er der Menschheit zu geben hatte. Es ist ein bedeutsames Dokument. Wir verstehen dieses Dokument nur, wenn wir Goethe ein wenig verfolgen, wie er selber sich zur Erkenntnis durchzuringen suchte.

[ 12 ] From his earliest youth, he had begun to pour everything that filled his yearning and intuitive soul into his poem; and as an old man in his twilight years, shortly before his death, he completed this poem, on which he had worked for over fifty years and into which he had poured the best of his life. The second part lay sealed at the time of his death, like the great testament he was to bequeath to humanity. It is a significant document. We can understand this document only if we follow Goethe a little as he himself sought to struggle his way to insight.

Diagram 1Diagram 1

[ 13 ] Da finden wir zum Beispiel den Studenten Goethe an der Leipziger Universität. Er soll eigentlich Jurist werden, aber das beschäftigt ihn nur untergeordnet. Ein unbesieglicher Drang nach den Geheimnissen der Welt, nach dem Geistigen, lebte schon dazumal in dem jungen Studenten. Deshalb tut er sich um in all dem, was Leipzig darbietet an Naturerkenntnis. Er sucht abzulauschen, was die Natur uns in ihren Erscheinungen zu sagen hat, abzulauschen der Welt die Rätsel ihres Daseins. Aber Goethe brauchte, um das, was die Naturwissenschaft ihm darbieten konnte, umzuprägen, umzuschmelzen in seiner Seele zu jenem alle Kraft seines Inneren durchlebenden und durchwebenden Drange, der nicht nach abstrakter Erkenntnis sucht, sondern nach warmer Herzenserkenntnis, ein großes Erlebnis, ein Erlebnis, das den Menschen wirklich zu jener Erkenntnis führt, die das Tor ist, zu dem wir ahnend hinschauen, das Tor, das zuschließt für den heutigen normalen Menschen das Unsichtbare, das Übersinnliche: das Tor des Todes. Der Tod ging am Ende seiner Leipziger Studentenzeit an ihm vorbei. Eine schwere Krankheit hatte ihn niedergeworfen, dem Tode nahegebracht. Stunden, Tage hatte er durchlebt, wo er sich sagen mußte, es könne jeden Augenblick jene geheimnisvolle Pforte durchschritten werden. Und der geheimnisvolle, ungestüme Drang des Erkennens erforderte höchsten Ernst des Erkenntnisstrebens. Mit der so ausgebildeten Erkenntnisstimmung kehrte Goethe in seine Vaterstadt Frankfurt zurück. Da fand er einen Kreis von Leuten, an deren Spitze eine Frau stand von großer, tiefer Begabung: Susanne von Klettenberg. Goethe hat ihr ein wundersames Denkmal gesetzt in den «Bekenntnissen einer schönen Seele». Er hat gezeigt, wie in der Persönlichkeit, der er dazumal geistig so nahegetreten ist, etwas lebte, was man nicht anders zu bezeichnen vermag als dadurch, daß man sagt: In Susanne von Klettenberg lebte eine Seele, welche suchte, das Göttliche in sich zu fassen, um durch das Göttliche in sich das die Welt durchlebende Geistige zu finden. - Goethe wurde dazumal eingeführt durch den Kreis, dem diese Dame angehörte, in Studien, die, wenn man sie heute als so recht moderner Mensch auf sich wirken läßt, einem verrückt erscheinen. Mittelalterliche Schriften waren es, in die sich Goethe hineinlebte. Derjenige, der sie heute in die Hand nimmt, kann nichts damit anfangen. Wenn man die merkwürdigen Zeichen sieht, die darin sind, frägt man sich: Was soll das gegenüber dem heutigen Wahrheitsstreben der Wissenschaft? — Da wirkte ein Buch: «Aurea catena Homeri», «Die goldene Kette des Homer». Wenn man es aufschlägt, findet man eine merkwürdige symbolische Abbildung: einen Drachen oben im Halbkreis, einen Drachen voller Leben, der angrenzt an einen andern Drachen, einen verdorrenden, in sich selber absterbenden Drachen. Allerlei Zeichen sind damit verknüpft: symbolische Schlüssel, zwei ineinander verschlungene Dreiecke und die Planetenzeichen. Das ist für unsere Zeitgenossen eine Phantasterei, gegenüber der heutigen Wissenschaft ist es eine Phantasterei, weil man nicht weiß, was man mit diesen Zeichen anfangen soll. Goethe spürt in seiner Ahnung, daß sie etwas ausdrücken, daß man etwas damit anfangen kann, wenn man sie betrachtet. Sie drücken nicht unmittelbar etwas aus, was man da oder dort finden kann in der Welt. Wenn man aber diese Zeichen auf sich wirken läßt, indem man sie sich so einprägt, daß man gleichsam taub und blind wird gegenüber seiner physischen Umgebung, nur diese Zeichen in sich wirken läßt, dann erlebt man etwas höchst Eigentümliches, dann erlebt man, daß die Seele in sich selber wie etwas verspürt, was früher geschlummert hat, wie ein geistiges Auge, das aufgeht. Und wenn man genügende Ausdauer hat, so ergreift man das, was man Meditation, Konzentration nennen kann, wodurch man seine Seele so zur Entwickelung bringt, daß man tatsächlich so etwas wie eine geistige Augenoperation durchmacht, durch die sich eine neue Welt erschließt. Für Goethe hat sich damals noch nicht eine neue Welt erschließen können, so weit war er noch nicht. Aber was in seiner Seele auflebte, war die Ahnung, daß es Schlüssel gibt für diese geistige Welt, daß man eindringen kann in diese geistige Welt. Diese Stimmung muß man sich vergegenwärtigen; die lebendige Empfindung, das lebendige Gefühl: da wird etwas in mir rege gemacht, wird etwas lebendig; es muß etwas geben, was in die geistige Welt hineinführt. Aber zu gleicher Zeit spürt er: er kann noch nicht hinein. Wäre Goethe jemals in seinem Leben identisch gewesen mit Faust, so würden wir sagen: Goethe war in derselben Lage, in der uns Faust entgegentritt im Anfang des ersten Teiles, da, wo Faust, nachdem er studiert hat die verschiedensten Gebiete menschlicher Wissenschaft, Bücher aufschlägt, worin solche Zeichen sind, und sich von einer geistigen Welt umgeben fühlt, aber nicht hinein kann in die geistige Welt. So fühlte sich Goethe niemals identisch mit diesem Faust: ein Teil von ihm war der Faust, er selber wuchs hinaus über das, was.nur ein Teil von ihm selber war. Und so wuchs das, was in Goethe über den Faust hinausging, wuchs dadurch, daß er, keine Unbequemlichkeit scheuend, immer weiter und weiter strebte und sich sagte: Hinter die Geheimnisse des Daseins kommt man nicht im Sprung, nicht durch Beschwörungen und Formeln, sondern indem man Schritt für Schritt in geduldiger, energischer Erkenntnis das, was immer in der physischen Welt einem entgegentritt, nach und nach wirklich geistigseelisch durchdringt. — Es ist leicht zu sagen: Es muß aufgehen in der Seele, was eine höhere Erkenntnis ist. — Aufgehen muß diese höhere Erkenntnis in der Seele, aber sie geht in wahrer Gestalt erst dann auf, wenn wir in Geduld und Ausdauer bestrebt sind, von Stufe zu Stufe kennenzulernen die wirklichen Erscheinungen der physischen Welt und dann hinter diesen Erscheinungen der physischen Welt das Geistige zu suchen. Mit dem aber, was Goethe mitnahm aus seiner Frankfurter Zeit, konnte er alles andere zusammenfassen, konnte er alles in anderem Lichte sehen.

[ 13 ] There, for example, we find the student Goethe at the University of Leipzig. He is actually supposed to become a lawyer, but that is only a secondary concern for him. An invincible urge to uncover the secrets of the world, to explore the spiritual, was already alive in the young student back then. That is why he immersed himself in everything Leipzig had to offer in terms of the study of nature. He sought to listen to what nature had to say to us through its phenomena, to listen to the world’s mysteries of existence. But in order to transform what the natural sciences could offer him—to melt it down in his soul into that urge that permeates and weaves through all his inner strength, an urge that seeks not abstract knowledge but warm, heartfelt insight—Goethe needed a profound experience, an experience that truly leads a person to that insight which is the gate toward which we gaze with a sense of foreboding, the gateway that, for the average person today, closes off the invisible, the supersensible: the gateway of death. Death passed him by at the end of his student days in Leipzig. A serious illness had struck him down, bringing him close to death. He had lived through hours and days when he had to tell himself that at any moment he might pass through that mysterious gateway. And the mysterious, impetuous urge for knowledge demanded the utmost seriousness in the pursuit of insight. With this spirit of inquiry now fully developed, Goethe returned to his hometown of Frankfurt. There he found a circle of people led by a woman of great, profound talent: Susanne von Klettenberg. Goethe erected a wondrous monument to her in *Confessions of a Beautiful Soul*. He showed how, within the personality to whom he had come so close spiritually at that time, there lived something that can be described only by saying: In Susanne von Klettenberg lived a soul that sought to grasp the divine within herself in order to find, through the divine within herself, the spiritual that permeates the world. - At that time, Goethe was introduced by the circle to which this lady belonged to studies that, when one allows them to take effect on oneself today as a truly modern person, seem crazy. Goethe immersed himself in medieval writings. Anyone who picks them up today cannot make sense of them. When one sees the strange symbols contained within them, one wonders: What is the point of this in light of science’s modern quest for truth? — One book had a particular impact: *Aurea catena Homeri*, *The Golden Chain of Homer*. When you open it, you find a curious symbolic illustration: a dragon at the top of a semicircle, a dragon full of life, adjoining another dragon—a withering dragon, dying within itself. All manner of symbols are associated with it: symbolic keys, two intertwined triangles, and the signs of the zodiac. To our contemporaries, this is a flight of fancy; in the light of modern science, it is a flight of fancy, because we do not know what to make of these symbols. Goethe senses intuitively that they express something, that one can make sense of them when one contemplates them. They do not directly express something that can be found here or there in the world. But if one allows these symbols to take effect by imprinting them on one’s mind in such a way that one becomes, as it were, deaf and blind to one’s physical surroundings—allowing only these symbols to work within oneself—then one experiences something most peculiar; one experiences that the soul senses within itself something that had previously lain dormant, like a spiritual eye that opens. And if one has sufficient perseverance, one attains what one might call meditation or concentration, through which one develops one’s soul to such an extent that one actually undergoes something like a spiritual eye operation, through which a new world opens up. For Goethe, a new world had not yet opened up at that time; he had not yet reached that point. But what stirred within his soul was the inkling that there are keys to this spiritual world, that one can penetrate this spiritual world. One must bring this mood to mind; the living sensation, the living feeling: something is being stirred within me, something is coming to life; there must be something that leads into the spiritual world. But at the same time, he senses that he cannot yet enter it. If Goethe had ever been identical with Faust in his life, we would say: Goethe was in the same situation in which Faust appears to us at the beginning of the first part, where Faust, after having studied the most diverse fields of human knowledge, opens books containing such symbols and feels surrounded by a spiritual world, but cannot enter into that spiritual world. Goethe never felt identical with this Faust: a part of him was Faust, but he himself grew beyond what was only a part of himself. And so that which in Goethe went beyond Faust grew through the fact that, shunning no discomfort, he strove farther and farther and said to himself: One does not reach the mysteries of existence in a single leap, nor through incantations and formulas, but by gradually, step by step, in patient, energetic insight, truly penetrating—spiritually and soulfully—whatever constantly confronts one in the physical world. — It is easy to say: What constitutes higher knowledge must dawn in the soul. — This higher knowledge must indeed dawn in the soul, but it only dawns in its true form when we strive, with patience and perseverance, to come to know, step by step, the real phenomena of the physical world and then to seek the spiritual behind these phenomena of the physical world. But with what Goethe took with him from his time in Frankfurt, he was able to synthesize everything else; he was able to see everything in a different light.

[ 14 ] Goethe kam von Frankfurt in diese Stadt, Straßburg. Wir könnten mancherlei anführen, was ihn hier höher geführt hat. Besonders charakteristisch ist aber, wie ihm dasjenige vor die Seele trat, was hier in dieser Stadt eine so große Bedeutung hat: das Münster, der Dom. Damals stellte sich vor Goethes Seele die Idee dieses wunderbaren Baues, und er begriff, warum jede einzelne Linie so ist, wie sie ist. Er sah mit geistigem Anschauen, mit dem durch seine Frankfurter Vertiefung gewonnenen Anschauen, jedes Dreieck, jeden einzelnen Winkel dieses bedeutsamen Baues als zum Ganzen gehörig, und in seiner Seele feierte die große Idee des Baumeisters eine Wiederauferstehung, und Goethe glaubte, wiederzuerkennen das, was als Gedanke, als Idee hineingeflossen war in dieses Bauwerk. Und so könnten wir vieles anführen, wo in Goethes Seele eine Ehe einging das, was als innere Anschauung diese Seele gewonnen hatte, und das, was sie an äußeren Weltvorgängen aufnahm. Deshalb ist es nicht weiter wunderbar, daß er, als er später nach Weimar kam, die Naturwissenschaft von einer neuen Seite aufnahm, die Botanik, die Zoologie, die Knochenlehre und so weiter, um jetzt alles wie Buchstaben zu betrachten, die zusammen das Buch der Natur ergeben, die hineinführen in die Geheimnisse des Daseins. So entstanden seine Studien über die Pflanzenentwickelung, über die Tierwelt, die er später noch so betreibt wie als Student, nur daß er überall den Geist hinter den sinnlichen Erscheinungen des Daseins suchte. So sehen wir, wie er gerade während seiner italienischen Reise die Kunst auf der einen Seite, die Naturwerke auf der andern Seite betrachtete, wie er die Pflanzenwelt betrachtete, um den Geist, der darinnen waltet, zu erkennen. Groß und schön sind die Worte, die er an seine Freunde schrieb, solcher Art geistige Naturwissenschaft treibend. Er sagte: Oh, hier tritt mir alles in neuer Weise entgegen; ich möchte nach Indien reisen, um das, was schon entdeckt, nach meiner Art anzuschauen. — Das heißt: wie es seine Entwickelung nach den Andeutungen, die wir geben konnten, von ihm gefordert hat. Und so sehen wir, wie er auch die Kunstwerke, die ihm da entgegentraten, betrachtet. Er schreibt in einem Briefe: «Soviel ist gewiß, die alten Künstler haben ebenso große Kenntnis der Natur und einen ebenso sicheren Begriff von dem, was sich vorstellen läßt und wie es vorgestellt werden muß, gehabt als Homer. Leider ist die Anzahl der Kunstwerke der ersten Klasse gar zu klein. Wenn man aber auch diese sieht, so hat man nichts zu wünschen, als sie recht zu erkennen und dann in Frieden hinzufahren. Diese hohen Kunstwerke sind zugleich als die höchsten Naturwerke von Menschen nach wahren und natürlichen Gesetzen hervorgebracht worden. Alles Willkürliche, Eingebildete fällt zusammen; da ist Notwendigkeit, da ist Gott.» Wie schon zu dem Knaben mit seinen sieben Jahren von dem selbsterrichteten Altare her der große Geist der Natur sprach, so sprach ihm der große Geist des Daseins der geistigen Welt aus diesen Kunstwerken heraus, die er als Einheit betrachtete. So kam Goethe immer mehr zu der Betrachtung des einzelnen in energischer, hingebungsvoller Arbeit. Dann konnte er den Augenblick ruhig erwarten, wo aus seinen Beobachtungen eine wirkliche Erkenntnis der geistigen Welt heraussprang, eine wahre Geisteswissenschaft, die uns dann entgegentritt, in künstlerischer Weise umgegossen und umgeschaffen, in seinem «Faust».

[ 14 ] Goethe came to this city, Strasbourg, from Frankfurt. We could cite many things that elevated him here. What is particularly characteristic, however, is how what holds such great significance in this city—the cathedral—stood out in his mind. At that time, the idea of this marvelous structure took shape in Goethe’s mind, and he understood why every single line is the way it is. With spiritual insight—the insight he had gained through his deep reflection in Frankfurt—he saw every triangle, every single angle of this significant structure as belonging to the whole, and within his soul the architect’s great idea was reborn; Goethe believed he recognized what had flowed into this building as thought, as an idea. And so we could cite many instances where, within Goethe’s soul, a union took place between what had been gained by that soul as inner insight and what it absorbed from external worldly events. It is therefore not surprising that, when he later came to Weimar, he approached the natural sciences from a new perspective—botany, zoology, osteology, and so on—in order to view everything now as letters that together form the book of nature, leading into the mysteries of existence. This is how his studies on plant development and the animal world came about; he continued to pursue them later just as he had as a student, except that he sought the spirit behind the sensory phenomena of existence in everything. Thus we see how, especially during his trip to Italy, he contemplated art on the one hand and the works of nature on the other, and how he observed the plant world in order to recognize the spirit that reigns within it. The words he wrote to his friends while pursuing this kind of spiritual natural science are grand and beautiful. He said: “Oh, here everything presents itself to me in a new way; I would like to travel to India to view what has already been discovered in my own way.”—That is to say: as his development, according to the hints we have been able to give, demanded of him. And so we see how he also regarded the works of art that met him there. He writes in a letter: “This much is certain: the ancient artists possessed just as great a knowledge of nature and just as sure a conception of what can be imagined and how it must be represented as Homer did.” Unfortunately, the number of first-rate works of art is far too small. But when one beholds even these, one has nothing left to wish for but to recognize them properly and then depart in peace. These sublime works of art are at the same time the highest works of nature, brought forth by human beings according to true and natural laws. Everything arbitrary and fanciful falls away; there is necessity, there is God.” Just as the great spirit of nature had spoken to the seven-year-old boy from the altar he had built himself, so the great spirit of existence in the spiritual world spoke to him through these works of art, which he regarded as a unity. Thus Goethe came ever more to the contemplation of the individual through energetic, devoted work. Then he could calmly await the moment when a true understanding of the spiritual world would spring from his observations—a true Spiritual Science that then confronts us, artistically recast and transformed, in his *Faust*.

[ 15 ] So haben die ersten Partien des «Faust», die entstehen, ganz die Stimmung eines Menschen, der die Geheimnisse des Daseins ahnt, der aber nicht in diese Geheimnisse hineinkommen kann. Da sehen wir, wie Faust jene Zeichen wirken läßt, die ihn vom Geistigen umgeben sein lassen, aber wir sehen, wie er noch nicht reif ist, dieses Geistige wirklich zu empfinden. Das sind die Sätze, wo Faust als die Nostradamus-Aura die Zeichen des Makrokosmos und des Erdgeistes auf sich wirken läßt, wo der Geist der Erde vor ihm erscheint. In wunderbar schönen Worten wird von Faust der Erdgeist charakterisiert. Wir sehen, wie er ahnt, daß das, was der Planet Erde ist, nicht einfach jene physische Kugel ist, als die sie von der Naturwissenschaft angesehen wird, sondern gerade so, wie der Leib eine Seele enthält, so der Erdenleib einen Geist.

[ 15 ] Thus, the early sections of *Faust* that are written capture the mood of a person who senses the mysteries of existence but cannot penetrate them. There we see how Faust allows those signs to take effect that surround him with the spiritual, but we also see that he is not yet mature enough to truly perceive this spiritual realm. These are the passages where Faust, embodying the aura of Nostradamus, allows the signs of the macrocosm and the Earth Spirit to take effect upon him, where the Earth Spirit appears before him. Faust characterizes the Earth Spirit in wonderfully beautiful words. We see how he senses that what the planet Earth is, is not simply that physical sphere as viewed by natural science, but just as the body contains a soul, so the body of the Earth contains a spirit.

In Lebensfluten, im Tatensturm
Wall’ ich auf und ab,
Webe hin und her!
Geburt und Grab,
Ein ewiges Meer,
Ein wechselnd Weben,
Ein glühend Leben,
So schaff’ ich am sausenden Webstuhl der Zeit
Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.

In the torrents of life, in the storm of deeds
I surge back and forth,
Weaving to and fro!
Birth and grave,
An eternal sea,
A shifting weave,
A blazing life,
Thus I create at the whirring loom of time
And weave a living garment for the Deity.

[ 16 ] Das ist das, was in der Erde lebt als der Geist der Erde, wie in uns unser Geist lebt. Aber Goethe kennzeichnet den Faust als noch nicht reif, seinen Geist als noch unvollendeten. Abwenden muß er sich von dem furchtbaren Zeichen wie ein furchtsam weggekrümmter Wurm. Der Erdgeist antwortet ihm: «Du gleichst dem Geist, den du begreifst, nicht mir.» In Goethes Seele lebte die Erkenntnis, wenn sie zunächst auch nur eine ahnende war, daß wir auf keiner Stufe uns befriedigt erklären dürfen, sondern von jeder Stufe aus höhere und immer höhere Stufen erstreben müssen, daß wir auf keiner Stufe sagen können, wir haben etwas erreicht, sondern von jeder Stufe aus immer höher streben müssen. Goethe führten in diese Geheimnisse hinein seine emsigen Studien von Erscheinung zu Erscheinung. Und nun sehen wir ihn wachsen.

[ 16 ] This is what lives within the earth as the spirit of the earth, just as our spirit lives within us. But Goethe characterizes Faust as not yet mature, his spirit as still incomplete. He must turn away from the terrible sign like a worm cowering in fear. The spirit of the earth replies to him: “You resemble the spirit you comprehend, not me.” In Goethe’s soul lived the realization—even if at first it was only a vague intuition—that we must not declare ourselves satisfied at any stage, but must strive from every stage toward higher and ever higher stages; that we cannot say at any stage that we have achieved something, but must strive ever higher from every stage. Goethe’s diligent studies, moving from phenomenon to phenomenon, led him into these mysteries. And now we see him grow.

[ 17 ] Denselben Geist, den er zuerst gerufen hat, und von dem er nur sagen konnte: «Schreckliches Gesicht!», läßt Goethe durch Faust anreden, nachdem Goethe selber eine höhere Stufe erreicht hatte nach der Italienreise, nach seiner Reise, die ich so charakterisiert habe, daß er die ganze Natur und Kunst mit seiner Anschauung durchdringen wollte. Jetzt ist Faust gestimmt, wie Goethe selber gestimmt war. Jetzt steht Faust vor demselben Geiste, den er also anredet:

[ 17 ] Goethe has Faust address the very same spirit whom he had first summoned—and of whom he could only say, “What a dreadful face!”—after Goethe himself had reached a higher level following his trip to Italy, a journey I have characterized as one in which he sought to permeate all of nature and art with his own perspective. Now Faust is in the same frame of mind as Goethe himself was. Now Faust stands before the very same spirit, to whom he thus speaks:

Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles,
Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst
Dein Angesicht im Feuer zugewendet.
Gabst mir die herrliche Natur zum Königreich,
Kraft, sie zu fühlen, zu genießen. Nicht
Kalt staunenden Besuch erlaubst du nur,
Vergönnest mir in ihre tiefe Brust
Wie in den Busen eines Freunds zu schauen.
Du führst die Reihe der Lebendigen
Vor mir vorbei, und lehrst mich meine Brüder
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.
Und wenn der Sturm im Walde braust und knarrt,
Die Riesenfichte stürzend Nachbaräste
Und Nachbarstämme quetschend niederstreift,
Und ihrem Fall dumpf hohl der Hügel donnert;
Dann führst du mich zur sichern Höhle, zeigst
Mich dann mir selbst, und meiner eignen Brust
Geheime tiefe Wunder öffnen sich.
Und steigt vor meinem Blick der reine Mond
Besänftigend herüber: schweben mir
Von Felsenwänden, aus dem feuchten Busch
Der Vorwelt silberne Gestalten auf,
Und lindern der Betrachtung strenge Lust.

Sublime Spirit, you gave me—you gave me everything
I asked for. You did not in vain
Turn your face toward me in the fire.
You gave me the magnificent natural world as my kingdom,
The power to feel it and enjoy it. You do not
Do you merely permit me to be a cold, marveling visitor,
But grant me to gaze into its deep bosom
As into the bosom of a friend.
You lead the procession of the living
Past me, and teach me to know my brothers
In the silent thicket, in air and water.
And when the storm roars and creaks in the forest,
The giant spruce, crashing down,
Crushing neighboring branches and trunks as it sweeps downward,
And the hill thunders with a dull, hollow roar at its fall;
Then you lead me to the safe cave, show me
Me to myself, and within my own breast
Secret, profound wonders unfold.
And before my eyes the pure moon rises
Soothingly across the sky: silver figures
From rocky cliffs, from the damp thicket
Of the ancient world float up to me,
And soothe the stern delight of contemplation.

[ 18 ] Da ist Goethe und mit ihm Faust zu der Höhe gelangt, nicht mehr sich wegzuwenden von dem Geist, den er im Sprunge hat erreichen wollen. Jetzt tritt ihm der Geist als ein solcher entgegen, von dem er sich nicht mehr hinwegzuwenden braucht. Jetzt erkennt er ihn in allem Lebendigen, in allen Reichen der Natur: in Wald und Wasser, im stillen Busch, in der Riesenfichte, in Sturm und Donner. Und nicht nur da. Nachdem er ihm erschienen ist in der großen Natur draußen, erkennt er ihn auch in seinem eigenen Herzen: seine geheimen tiefen Wunder öffnen sich.

[ 18 ] Goethe—and with him Faust—has reached the heights, no longer turning away from the Spirit he sought to attain in a single leap. Now the Spirit confronts him as that which he no longer needs to turn away from. Now he recognizes it in all living things, in all the realms of nature: in the forest and the water, in the quiet bush, in the giant spruce, in the storm and the thunder. And not only there. After it has appeared to him in the vastness of nature outside, he also recognizes it in his own heart: its secret, profound wonders open up.

[ 19 ] Das ist ein Fortschritt in Goethes Geist-Erkenntnis, und Goethe ruhte nicht, um weiterzukommen. Wir sehen dann, wie er, wohl angeeifert durch Schiller, sich zu vertiefen sucht, insbesondere in den neunziger Jahren des 18. Jahrhunderts. Sie brachten ihm dasjenige, was es ihm möglich machte, über die unbestimmte Charakteristik des Geistbewußtseins, daß in allem ein Geist lebt, hinauszukommen. Zu ergreifen diesen Geist, gelang ihm im Konkreten. Aber Goethe brauchte viele Vorbereitungen, bevor er imstande war, darzustellen das Leben des Menschengeistes in dem Sinne: Geistig-Seelisches kann nur aus GeistigSeelischem stammen. Daß aber Goethe den Versuch niemals versäumte, tiefer hineinzukommen, zeigt manches Werk, das er vor Vollendung des zweiten Teiles des «Faust» geschaffen hat. Bis zu welcher Höhe er gekommen ist, zeigt der zweite Teil des «Faust». Manche haben sich schon von ihm abgewendet, als sie in der «Pandora» den in sich vertieften Goethe kennenlernten. Auch heute erleben wir, daß man sagt: Der erste 'Teil des «Faust» ist voller Leben, atmet unmittelbare Natürlichkeit, der zweite Teil aber ist ein Produkt des Goetheschen Alters, voller Sinnbilder und Künsteleien. — Solche Leute ahnen gar nicht, was in ihm steckt, welche unendliche Weisheit in diesem zweiten Teile des «Faust» steckt, zu dem ein so reiches Leben wie das Goethes erst am Lebensabend kommen konnte, so daß er ihn als Testament hinterlassen hat. Deshalb begreifen wir auch, wenn Goethe gegenüber manchen Werken, die schon den Geist des «Faust» atmen, die Zeilen hinschreibt, von denen bekannt ist, daß er den Faust als eine ringende Seele darstellt, eine Seele, über die ein Neues hereingebrochen ist. Wir erkennen es an dem Ärger, den er ausgoß über diejenigen, die den «Faust» ein minderwertiges Werk des Alters genannt haben. Er sagt von ihnen:

[ 19 ] This represents a step forward in Goethe’s understanding of the spirit, and Goethe did not rest in his efforts to make further progress. We then see how he, likely spurred on by Schiller, sought to delve deeper into the subject, particularly in the 1790s. They provided him with what enabled him to move beyond the vague characterization of spiritual consciousness—that a spirit lives in everything. He succeeded in grasping this spirit in concrete terms. But Goethe needed much preparation before he was able to portray the life of the human spirit in this sense: what is spiritual-soul-related can only originate from the spiritual-soul-related. However, the fact that Goethe never failed to attempt to delve deeper is evident in many works he created before completing the second part of *Faust*. The second part of *Faust* shows just how far he had progressed. Some had already turned away from him when they encountered the introspective Goethe in *Pandora*. Even today we hear people say: The first part of *Faust* is full of life, exudes immediate naturalness, but the second part is a product of Goethe’s old age, full of symbols and affectations. — Such people have no idea what lies within him, what infinite wisdom is contained in this second part of *Faust*, which a life as rich as Goethe’s could only have produced in his twilight years, so that he left it behind as his testament. That is why we also understand why, in response to certain works that already embody the spirit of *Faust*, Goethe wrote the lines in which he is known to portray Faust as a struggling soul—a soul upon which something new has broken in. We recognize this in the anger he poured out on those who called *Faust* an inferior work of old age. He says of them:

Da loben sie den Faust,
Und was noch sunsten
In meinen Schriften braust,
Zu ihren Gunsten;

Das alte Mick und Mack,
Das freut sie sehr;
Es meint das Lumpenpack,
Man wär’s nicht mehr!

There they praise Faust,
And whatever else
Rages in my writings,
In their favor;

Good old Mick and Mack,
That makes them very happy;
The rabble thinks,
“We wouldn't be that anymore!”

[ 20 ] Da hat Goethe einmal seine Stimmung in Worte gekleidet, die er empfand gegenüber denen, die glauben, daß nur dasjenige Gültigkeit habe, was Goethe in seinen jüngeren Jahren geleistet hat, die nicht hinaufsteigen wollen zu dem, was er in seinen reiferen Jahren geleistet hat. |

[ 20 ] Goethe once put into words the sentiment he felt toward those who believe that only what Goethe accomplished in his younger years is valid, and who are unwilling to rise to the level of what he accomplished in his later years. |

[ 21 ] Nachdem Goethe seinen Faust hineingeführt hat in das Leben, das uns unmittelbar umgibt, ihn hat erleben lassen jene wunderbare Gretchen-Tragödie, führt er ihn hinaus in die Welt, die äußerlich die große Welt ist, zunächst in die Welt, die äußerlich die große ist: die Welt des Kaiserhofes. Da will Goethe nun zeigen, daß Faust nun wirklich auch geistig eindringen soll in die Geheimnisse dieser Welt. Dann aber sollte Faust nun eingeführt werden in die wirkliche geistige Welt, in die übersinnliche Welt.

[ 21 ] After Goethe has introduced his Faust into the life that immediately surrounds us—having him experience that wonderful tragedy of Gretchen—he leads him out into the world that, outwardly, is the “great world,” beginning with the world that, outwardly, is the “great one”: the world of the imperial court. Here, Goethe now seeks to show that Faust must truly penetrate, even spiritually, into the mysteries of this world. But then Faust should be introduced into the true spiritual world, into the supersensible world.

[ 22 ] Gleich im Anfange des zweiten Teiles sehen wir, wie Goethe den Faust umgeben sein läßt von allerlei geistigen Wesenheiten. Das soll ausdrücken, daß Faust nicht nur in eine äußere physische Welt geführt werden soll, sondern daß er auch durchleben soll, was derjenige durchleben kann, dessen geistiges Auge geöffnet ist, dessen geistiges Ohr wahrnehmen lernt. Daher zeigt uns Goethe im zweiten Teile Stufe für Stufe das Wesen der menschlichen Seele, der menschlichen Entwickelung. Was soll Faust erleben? Er soll erleben die Erkenntnisse der übersinnlichen Welt. Er soll eingeweiht werden in die Geheimnisse der übersinnlichen Welt. Wo ist diese übersinnliche Welt?

[ 22 ] Right at the beginning of the second part, we see how Goethe has Faust surrounded by all manner of spiritual beings. This is meant to express that Faust is not only to be led into an external, physical world, but that he is also to experience what can be experienced by one whose spiritual eye is opened and whose spiritual ear learns to perceive. That is why, in the second part, Goethe reveals to us, step by step, the nature of the human soul and human development. What is Faust to experience? He is to experience the insights of the supersensible world. He is to be initiated into the mysteries of the supersensible world. Where is this supersensible world?

[ 23 ] Bei dieser Gelegenheit kann uns eigentlich erst, wenn wir den Geistgehalt des «Faust» in Betracht ziehen, die Frage nach dem Mephistopheles beschäftigen, jenem Geiste, der den Faust von Anfang an umgibt, der mitspielt bei allem, was Faust unternimmt. Aber erst im zweiten Teile, da, wo Faust hineingeführt werden soll in die geistige Welt, sehen wir, was für eine Rolle Mephistopheles spielt. Nachdem Faust durchgemacht hat die Ereignisse am «Kaiserhof», beginnt er das zu sehen, was in der sinnlichen Welt nicht mehr da ist: den Geist der Helena, die vor Jahrhunderten und Jahrhunderten gelebt hat. Sie soll für Faust gefunden werden. Sie kann nicht in der physischen Welt gefunden werden. Faust muß in die geistige Welt hinuntersteigen. Mephistopheles hat den Schlüssel zu dieser Welt, er kann aber nicht selbst in diese geistige Welt hinein, er kann sie verstandesmäßig beschreiben. Er kann sagen: Du wirst hinuntersteigen, man könnte auch sagen, du wirst hinaufsteigen. — Er beschreibt dann tatsächlich die geistige Welt, in die Faust eintauchen soll, um sie übersinnlich kennenzulernen, um darin den Geist zu finden, das Unsterbliche, das Ewige, das zurückgeblieben ist von Helena. Ein Wort ertönt, ein wunderbares Wort: zu den Müttern soll Faust hinuntersteigen. Was sind die «Mütter»? Man könnte stundenlang reden, wenn man genau charakterisieren wollte, was die Mütter sind. Wir brauchen hier nur zu sagen, daß die Mütter für die Geisteswissenschaft zu allen Zeiten das waren, was der Mensch kennenlernt, wenn sein geistiges Auge geöffnet wird. Wenn er in die physische Welt blickt, sieht er alle Dinge begrenzt. Wenn er in die geistige Welt eintritt, kommt er in etwas, woraus alle physischen Dinge so herauskommen, wie aus einem Wasserteich das Eis herauskommt. Wie einer, der das Wasser nicht sehen könnte, sagen würde: Nichts ist da als Eis, es türmt sich auf aus dem Nichts, — so sagt der, der den Geist nicht kennt: Nur physische Dinge sind da. — Er sieht nicht den Geist, der zwischen und hinter den physisch-sinnlichen Dingen ist, aus dem sich alle sinnlichphysischen Dinge herausbilden wie Eis aus Wasser. Da, wo der Urgrund der physischen Dinge ist, der nicht mehr durch die physischen Augen sichtbar ist, sind die Mütter. Mephistopheles ist die Wesenheit, die darstellen soll jenen Verstand, der nur kennt, was äußerlich im Raume ausgestaltet ist, die zwar weiß, daß es eine geistige Welt gibt, die aber nicht in sie eindringen kann. Mephistopheles steht da neben Faust, wie heute neben dem Geistesforscher steht der materialistische Denker, der da sagt: Ach, du Geisteswissenschafter, du Theosoph, du willst in eine geistige Welt hineinschauen? Da drinnen ist ja gar nichts, das ist ja alles erträumt. Das ist alles nichts. - Diesem Materialisten, der da fest bauen willauf das, was das Mikroskop, das Teleskop offenbart, der aber alles, was hinter den physischen Erscheinungen liegt, wegleugnen will, ruft der Geistesforscher zu: «In deinem Nichts hoff’ ich das All zu finden.» So steht der materialistische Denker dem spirituellen Menschen gegenüber, der den Geist gerade dort zu finden hofft, wo der andere nichts sieht. Ewig werden sich diese zwei Mächte gegenüberstehen. Und von Anfang steht Mephisto dem Faust so gegenüber als der Geist, der bis zur Tür führen kann, der aber diese Pforte nicht durchschreiten kann. Der Theosoph oder Geisteswissenschafter sagt nicht: Die materielle Wissenschaft ist nichts, ist unnötig. — Er sagt: Wir müssen diese Wissenschaft ernst nehmen, sie studieren, aber sie hat nur den Schlüssel, sie führt uns dahin, wo erst das wahre geistige Leben zu finden ist.

[ 23 ] It is only on this occasion—when we consider the spiritual essence of *Faust*—that we can truly begin to grapple with the question of Mephistopheles, that spirit who surrounds Faust from the very beginning and plays a part in everything Faust undertakes. But it is only in the second part, when Faust is to be led into the spiritual world, that we see what role Mephistopheles plays. After Faust has gone through the events at the “Imperial Court,” he begins to see what is no longer present in the physical world: the spirit of Helena, who lived centuries and centuries ago. She is to be found for Faust. She cannot be found in the physical world. Faust must descend into the spiritual world. Mephistopheles holds the key to this world, but he cannot enter this spiritual world himself; he can only describe it intellectually. He can say: “You will descend”—one might also say, “you will ascend.” — He then actually describes the spiritual world into which Faust is to immerse himself in order to come to know it supersensually, to find within it the spirit, the immortal, the eternal—that which remains of Helena. A word resounds, a wondrous word: Faust is to descend to the Mothers. What are the “Mothers”? One could speak for hours if one wanted to characterize exactly what the Mothers are. We need only say here that, for Spiritual Science throughout the ages, the Mothers have been what a person comes to know when his spiritual eye is opened. When he looks into the physical world, he sees all things as limited. When he enters the spiritual world, he enters something from which all physical things emerge, just as ice emerges from a pond of water. Just as someone who could not see the water would say, “There is nothing but ice; it piles up out of nothing”—so says the one who does not know the spirit: “There are only physical things.” — He does not see the Spirit that lies between and behind the physical, sensory things, from which all physical, sensory things take shape, just as ice forms from water. There, where the source of physical things lies—which is no longer visible to the physical eyes—are the Mothers. Mephistopheles is the entity meant to represent that intellect which knows only what is outwardly manifested in space—an intellect that, while aware that a spiritual world exists, cannot penetrate it. Mephistopheles stands there beside Faust, just as the materialist thinker stands today beside the researcher in Spiritual Science, saying: “Oh, you researcher in Spiritual Science, you theosophist, you want to look into a spiritual world? There’s nothing in there at all—it’s all just a dream. It’s all nothing.” —To this materialist, who wants to build firmly on what the microscope and the telescope reveal, but who wants to deny everything that lies beyond physical phenomena, the spiritual researcher cries out: “In your nothingness I hope to find the universe.” Thus the materialistic thinker stands opposed to the spiritual person, who hopes to find the spirit precisely where the other sees nothing. These two forces will stand opposed to one another for all eternity. And from the very beginning, Mephisto stands opposite Faust as the spirit who can lead up to the door, but who cannot step through that threshold. The theosophist or Spiritual Scientist does not say: Material science is nothing; it is unnecessary. — He says: We must take this science seriously, study it, but it holds only the key; it leads us to where true spiritual life is to be found.

[ 24 ] Faust steigt dann hinunter in das Reich der Mütter, in die geistige Welt; es gelingt ihm den Geist der Helena heraufzuführen. Aber er ist noch nicht reif, diesen Geist mit seiner eigenen Seele wirklich zu verbinden. Daher die Szene, wo in Faust die Leidenschaft sich regt, wo er mit sinnlicher Leidenschaft umfassen will das Urbild der Helena. Deshalb wird er da zurückgestoßen. So ergeht es jedem, der aus persönlichen, egoistischen Gefühlen sich der geistigen Welt nähern will. Er wird zurückgestoßen, wie Faust zurückgestoßen wird, als er vom Reiche der Mütter herauf den Geist der Helena geholt hat. Faust muß erst reif werden, erkennen lernen, wie sich wirklich zusammenfinden die drei Glieder der menschlichen Natur: der unsterbliche Geist, der von Leben zu Leben, von Verkörperung zu Verkörperung geht; der Leib, der zwischen Geburt und Tod sich auslebt; und die Seele, die zwischen beiden drinnen steht. Leib, Seele und Geist, wie sie sich verbinden, wie sie zusammengehören, das soll Faust kennenlernen. Das Urbild der Helena, das Unsterbliche, das Ewige, das von Verkörperung zu Verkörperung, von Leben zu Leben geht, hat Faust schon gesucht, aber unreif. Jetzt soll er heranreifen, um würdig zu werden, wirklich in die geistige Welt einzutreten. Dazu muß Faust kennenlernen, wie dieses Unsterbliche erst dann herantritt an den Menschen, wenn er sich im physischen Dasein in einem neuen Leben zwischen Geburt und Tod wiederum verkörpern kann. Deshalb muß Goethe zeigen, wie die Seele zwischen Geist und Körper lebt, wie sie sich hineinstellt zwischen den unsterblichen Geist und den Leib, der zwischen Geburt und Tod steht. Das zeigt uns Goethe im zweiten Teile des «Faust».

[ 24 ] Faust then descends into the realm of the mothers, into the spiritual world; he succeeds in bringing Helena’s spirit up to him. But he is not yet ready to truly unite this spirit with his own soul. Hence the scene in which passion stirs within Faust, in which he seeks to embrace the archetype of Helena with sensual passion. That is why he is repelled there. This is what happens to anyone who seeks to approach the spiritual world out of personal, selfish feelings. They are repelled, just as Faust is repelled when he has brought Helena’s spirit up from the realm of the mothers. Faust must first come of age, learn to recognize how the three members of human nature truly come together: the immortal spirit, which passes from life to life, from incarnation to incarnation; the body, which lives out its life between birth and death; and the soul, which stands within between the two. Body, soul, and spirit—how they are connected, how they belong together—this is what Faust must come to understand. Faust has already sought the archetype of Helena—the immortal, the eternal, that which passes from incarnation to incarnation, from life to life—but he was not yet ready. Now he must mature in order to become worthy of truly entering the spiritual world. To this end, Faust must learn how this immortal essence approaches human beings only when it can once again incarnate in physical existence in a new life between birth and death. That is why Goethe must show how the soul lives between spirit and body, how it positions itself between the immortal spirit and the body, which stands between birth and death. Goethe shows us this in the second part of *Faust*.

[ 25 ] Die Seele ist bei Goethe verborgen in jenem wundersamen Gebilde, über das die Goethe-Forscher nicht viel zu sagen wissen, in dem die Geistesforscher, die bewandert sind, erkennen das Urbild der Seele. Das ist nichts anderes als das wunderbare Gebilde des Homunkulus, des kleinen Menschleins. Das ist ein Bild der menschlichen Seele. Was hat diese Seele zu tun? Sie ist der Vermittler zwischen Leib und Geist, sie muß die Elemente des Leibes aus allen Reichen der Natur heranziehen, um sich mit ihnen in Verbindung zu bringen. Erst dann kann sie mit dem unsterblichen Geiste vereinigt werden. Daher sehen wir, wie Faust von diesem Homunkulus geführt wird in die klassische Walpurgisnacht bis zu den Naturphilosophen Anaxagoras und Thales, die nachgedacht haben, wie die Natur und das Lebendige entstehen.

[ 25 ] In Goethe’s work, the soul is hidden within that wondrous entity about which Goethe scholars have little to say, but in which well-versed spiritual researchers recognize the archetype of the soul. This is none other than the wondrous entity of the homunculus, the little human being. This is an image of the human soul. What is the role of this soul? It is the mediator between body and spirit; it must draw upon the elements of the body from all the realms of nature in order to connect with them. Only then can it be united with the immortal spirit. Thus we see how Faust is led by this homunculus into the classic Walpurgis Night, all the way to the natural philosophers Anaxagoras and Thales, who pondered the origins of nature and life.

[ 26 ] Da wird jene wahre Entwickelungslehre gezeigt, die zurückgeht dazu, daß nicht nur ein Tierisches der menschlichen Entwickelung zugrunde liegt, sondern ein Seelisches, das die Elemente aus der Natur sammelt, um nach und nach den Leib aufzubauen. Daher wird dem Homunkulus der Rat gegeben: Vom untersten Reich mußt du beginnen, um zu höherem und höherem aufzusteigen. — An das mineralische Reich wird zunächst die Seele des Menschen verwiesen. Dann wird ihm gesagt: Du hast durch das Pflanzenreich durchzugehen. - Ein wunderbarer Ausdruck ist da: «Es grunelt so», um den Durchgang durch die Pflanzenwelt, das Saftig-Grüne, zu verzeichnen, Da sammelt die Seele alle Elemente der Naturreiche, um dann heraufzusteigen. Es wird ausdrücklich gesagt: «Und bis zum Menschen hast du Zeit.» Dann sehen wir, wie herantritt der Geist der Liebe, Eros, nachdem die Seele aus allen Reichen der Natur sich den Leib herangebildet hat. Da verbindet sie sich mit dem Geiste. Leib, Seele und Geist sind vereinigt. Hier verbindet sich das, was Seele des Homunkulus ist, was sie sich als Leib einorganisiert, mit dem Geist der Helena. Deshalb kann uns im dritten Akte des zweiten Teiles Helena leibhaftig entgegentreten. Die Wiederverkörperungslehre sehen wir künstlerisch-dichterisch in den zweiten Teil des «Faust» hineingeheimnißt. Nicht so kann man sich verbinden mit Helena, daß man in stürmischer Leidenschaft sie an sich heranzieht, sondern so, daß man wirklich die Geheimnisse des Daseins durchlebt, die wirkliche Wiederverkörperung durchlebt.

[ 26 ] Here, the true doctrine of evolution is presented, one that traces human evolution back to its roots—not merely an animal nature, but a spiritual nature that gathers the elements from nature in order to gradually build up the body. Therefore, the homunculus is advised: “You must begin with the lowest kingdom in order to ascend to higher and higher realms.” — The human soul is first directed to the mineral kingdom. Then it is told: “You must pass through the plant kingdom.” — There is a wonderful expression here: “It murmurs thus,” to describe the passage through the plant world, the lush greenery. There the soul gathers all the elements of the natural kingdoms in order to then ascend. It is explicitly stated: “And you have time until you reach the human being.” Then we see how the spirit of love, Eros, approaches after the soul has formed the body for itself from all the kingdoms of nature. There it unites with the spirit. Body, soul, and spirit are united. Here, that which is the soul of the homunculus—what it organizes as its body—unites with the spirit of Helena. That is why, in the third act of the second part, Helena can appear before us in the flesh. We see the doctrine of reincarnation artistically and poetically woven into the second part of *Faust*. One cannot unite with Helena by drawing her to oneself in stormy passion, but rather by truly living through the mysteries of existence—by living through true reincarnation.

[ 27 ] Goethe konnte im Sinne seiner Zeit noch nicht zum Ausdruck bringen, wie wir es heute können, die Idee der wiederholten Erdenleben. Aber er legte sie hinein in den zweiten Teil seines «Faust». Deshalb konnte er zu Eckermann sagen: Ich habe meinen «Faust» so geschrieben, daß er für das Theater paßt; daß die Bilder, die er darbietet, äußerlich sinnlich interessant sind für den, der nur äußerlich sinnlich sehen will. Für die Eingeweihten aber wird ersichtlich sein, daß Tiefstes in diesen zweiten Teil des «Faust» hineingeheimnißt worden ist. - So hat Goethe ausdrücklich darauf hingewiesen, daß man seine Lebensanschauung, seine Geistesanschauung in dieser Dichtung finden kann. Und so begreifen wir nun auch, daß Goethe uns veranschaulichen konnte in dieser Wiederverbindung des Faust mit der Helena das, was wahre Mystik ist.

[ 27 ] Goethe, in keeping with the spirit of his time, was not yet able to express the idea of repeated earthly lives as we can today. But he incorporated it into the second part of his *Faust*. That is why he was able to say to Eckermann: “I have written my *Faust* in such a way that it is suitable for the theater; so that the images it presents are outwardly and sensually interesting to those who wish to see only with the outer senses. But to the initiated, it will be evident that the deepest truths have been concealed within this second part of *Faust*.” - Thus Goethe explicitly pointed out that one can find his view of life and his spiritual outlook in this work of poetry. And so we now also understand that Goethe was able to illustrate to us, in this reunion of Faust and Helena, what true mysticism is.

[ 28 ] Faust verbindet sich mit der geistigen Welt. Da entsteht nicht ein gewöhnliches Kind, da entsteht Euphorion, der ebenso wahr ist, als er dichterisch ist. Ebenso wahr stellt er uns dar, was in unserer Seele auflebt, wenn sie sich mit der geistigen Welt verbindet. Wenn die Seele in die Geheimnisse der geistigen Welt eindringt, dann gibt es in der Seele einen Augenblick der Entwickelung, der von ungeheuer tiefer Bedeutung für diese Seele ist. Bevor die Seele zu weiterem gelangt, gelangt sie dazu, für kurze Augenblicke die Verbindung mit der geistigen Welt zu gewinnen, für ganz kurze Zeiträume zu wissen, was geistige Welt ist. Dann ist es so, wie wenn aus der geistigen Erkenntnis herausgeboren würde ein geistiges Kind. Aber dann kommen wieder die Momente des Lebens, wo uns dieses geistige Kind wie in die geistige Welt hinein verschwunden ist. Das muß man lebensvoll mit dem Herzen erfassen, dann fühlt man nach, wie der Euphorion, das geistige Kind des Mystikers, trotz aller dichterischen Lebenswahrheit, hinuntersinkt in die geistige Welt, in die Faust noch nicht ganz eintreten kann, wie er aber hinüberzieht etwas anderes noch. Das ist ein Erlebnis des Geistesforschers, des geistigen Suchers, wenn unsere Seele die Stunde hat, wo sie so recht empfindet ihr Verhältnis zur geistigen Welt, und wo die Erkenntnis erscheint wie ein Kind einer Ehe mit der geistigen Welt. Dann erlebt sie es tief, wenn sie in die Alltäglichkeit hinuntersinkt, und es ist, wie wenn es das Beste, was wir haben, mitnimmt. Es ist, wie wenn unsere eigene Seele entrinnen würde und mitzöge in die geistige Welt. Wenn man das gefühlt hat, fühlt man nachtönen die geistigen Worte des Euphorion, der hinuntergesunken ist, und der ruft aus der dunklen Tiefe: «Laß mich im düstern Reich, Mutter, mich nicht allein.» Diese Stimme kennt der wahre Mystiker, die Stimme, die von dem geistigen Kinde nach unserer Seele als seiner Mutter ruft.

[ 28 ] Faust connects with the spiritual world. What emerges is no ordinary child; what emerges is Euphorion, who is as real as he is poetic. He portrays for us, with equal reality, what comes to life in our soul when it connects with the spiritual world. When the soul penetrates the mysteries of the spiritual world, there is a moment of development within the soul that is of immense significance for that soul. Before the soul can proceed further, it first attains, for brief moments, a connection with the spiritual world—knowing, for very short periods, what the spiritual world is. Then it is as if a spiritual child were born out of spiritual knowledge. But then come again those moments in life when this spiritual child seems to have vanished into the spiritual world. One must grasp this vividly with the heart; then one senses how Euphorion, the mystic’s spiritual child, despite all poetic truth about life, sinks down into the spiritual world—a world into which Faust cannot yet fully enter—yet how he draws something else along with him. This is an experience of the spiritual researcher, the spiritual seeker, when our soul reaches that moment when it truly senses its relationship to the spiritual world, and when insight appears like a child born of a union with the spiritual world. Then it experiences this deeply as it sinks back into everyday life, and it is as if it were taking with it the very best we have. It is as if our own soul were slipping away and being drawn into the spiritual world. Once one has felt this, one hears the spiritual words of Euphorion, who has sunk down, echoing in one’s heart, and who cries out from the dark depths: “Do not leave me alone, Mother, in this gloomy realm.” The true mystic knows this voice—the voice of the spiritual child calling out to our soul as its mother.

[ 29 ] Aber diese Seele muß weiter. Loskommen muß sie von dem, was nur persönliche Leidenschaft ist. Unpersönlich müssen wir hingegeben sein können der geistigen Welt. So lange noch ein Eigennutz, ein Eigenwille da ist, können wir die geistige Welt nicht erfassen. Erst dann können wir diese geistige Welt erfassen, wenn alles Persönliche hinweggescheuert ist vor dem Höheren der geistigen Welt; erst dann können wir wirklich dauernd eintreten in die geistige Welt. Da aber kommen noch mancherlei Momente, wenn wir schon jenen Moment erlebt haben, der uns wieder zurückstößt in die physische Welt, Momente, die uns alle Mystik wegnehmen für lange Zeit. Das sind jene Momente, von denen wir uns sagen müssen: Ja, wenn wir schon alles überwunden haben von Eigennutz und Eigenwillen, es bleibt doch noch dieses oder jenes zurück, wie es im Faust zurückgeblieben ist, nachdem er schon gesagt hatte: Auf freiem Grunde stehe ich hier, ich will nur arbeiten, der Natur alles abgewinnen, nur für andere etwas tun. — So weit ist er aber noch nicht gekommen. Indem er auf die Hütte von Philemon und Baucis blickt, indem das seinen Blick stört, zeigt er: da ist noch nicht hinweg jener Egoismus, der durch den Anblick erfreut sein will. Er hat einen Besitz schaffen wollen, selbstlos, er kann aber noch nicht ertragen, was ihn verunziert: die Hütte des Philemon und der Baucis. Da naht sich ihm noch einmal der Geist des Bösen. Die Hütte wird abgebrannt. Da zeigt sich ihm das, was sich jedem zeigt, der die Entwickelung durchmacht: die Sorge, die an jeden herantritt, der noch eigennützige Bestrebungen in sich trägt, und die ihn nicht hinaufsteigen läßt in die geistige Welt. Da steht sie vor uns, die Sorge, da lernen wir sie erkennen in ihrer wahren Gestalt; dann ist sie etwas, was uns zum Letzten der wirklichen Geisteserkenntnis führen kann. Es soll nicht darauf hingewiesen werden, daß der Mensch weltfremd, weltfeindlich werden soll, sondern darauf, wie der Mensch in der Welt dasjenige kennenlernen soll, was ihn nicht loskommen läßt von der Welt. In weiser Selbsterkenntnis sollen wir die Sorge vor uns hintreten lassen, damit wir frei werden von dem Egoistischen der Sorge, nicht von der Sorge selbst, was veranschaulicht wird, indem die Sorge sagt, sie schleiche sich durch ein Schlüsselloch hinein. Wenn wir diese Sorge kennenlernen, nicht bloß fühlen, sondern ertragen lernen, dann erlangen wir jenen Entwickelungsgrad des Menschen, der uns das geistige Auge aufschließt. Dies wird veranschaulicht dadurch, daß Faust blind wird im hohen Alter, nicht mehr physisch-sinnlich sehen kann, sondern hineinschauen kann in die geistige Welt. «Die Nacht scheint tiefer, tief hereinzudringen.» Finster ist es äußerlich, aber inneres helles Licht, das Licht, das die Welt beleuchten kann, leuchtet auf, das Licht, in dem die Seele ist zwischen Tod und Geburt: das Reich der Mütter. Jetzt erst kann Faust die Wanderung antreten in die geistige Welt, da wo seine Himmelfahrt so schön geschildert wird.

[ 29 ] But this soul must move on. It must break free from what is merely personal passion. We must be able to devote ourselves to the spiritual world in an impersonal way. As long as there is still self-interest or self-will, we cannot comprehend the spiritual world. Only then can we grasp this spiritual world, when everything personal has been scrubbed away before the higher realm of the spiritual world; only then can we truly and permanently enter the spiritual world. But even then, there are still various moments—even after we have experienced that moment—that thrust us back into the physical world, moments that rob us of all mysticism for a long time. These are the moments of which we must say to ourselves: Yes, even if we have already overcome all self-interest and self-will, this or that still remains, just as it remained in Faust after he had already said: “I stand here on free ground; I want only to work, to gain everything from nature, to do something only for others.” — But he has not yet reached that point. By gazing at the hut of Philemon and Baucis—and by the fact that it disturbs his gaze—he reveals that the egoism which seeks delight in the sight has not yet been overcome. He wanted to create a possession, selflessly, but he still cannot bear what mars it: the hut of Philemon and Baucis. Then the spirit of evil approaches him once more. The hut is burned down. There he sees what is revealed to everyone who undergoes this development: the worry that befalls anyone who still harbors self-serving aspirations within themselves, and which prevents them from ascending into the spiritual world. There it stands before us, worry; there we learn to recognize it in its true form; then it becomes something that can lead us to the ultimate in true spiritual knowledge. The point is not to suggest that a person should become unworldly or hostile to the world, but rather to show how a person in the world should come to know that which prevents them from breaking free from the world. Through wise self-knowledge, we should let worry step aside so that we may become free from the selfishness of worry—not from worry itself—which is illustrated by the fact that worry says it sneaks in through a keyhole. When we come to know this worry—not merely feeling it, but learning to endure it—then we attain that stage of human development that opens our spiritual eye. This is illustrated by the fact that Faust goes blind in old age; he can no longer see with his physical, sensory eyes, but can look into the spiritual world. “The night seems to penetrate deeper and deeper.” Outwardly it is dark, but a bright inner light—the light that can illuminate the world—shines forth, the light in which the soul dwells between death and birth: the realm of the mothers. Only now can Faust embark on his journey into the spiritual world, where his ascension is so beautifully described.

[ 30 ] Dann kann Goethe zusammenfassen, was aus Faust geworden ist, von dem ahnenden Streben jenes Menschen an, der an der Wissenschaft verzweifelt und sich abwendet, was er von jener Stufe aus geworden ist bis zur höchsten Geist-Erkenntnis. Er kann es zusammenfassen im Chorus mysticus, der schon durch seinen Namen anzeigt, daß er etwas Tieferes bedeuten soll. In diesem Chorus mysticus soll paradigmatisch in wenigen Worten noch einmal zusammengefaßt werden, was den Schlüssel darbietet zu allen Weltgeheimnissen, wie alles Vergängliche nur ein Gleichnis ist für das Unvergängliche. Das, was das physische Auge sehen kann, ist nur ein Gleichnis für das Geistige, Unsterbliche, von dem Goethe gezeigt hat, daß er sogar die Erkenntnis der Wiederverkörperung erlangt, wenn er in dieses Geistige eintritt. Das soll endlich gezeigt werden, daß, wenn der Mensch eintritt in das geistige Reich, dann alles das, was in der physischen Welt Ahnung, Hoffnung ist, dort eine Wahrheit ist. Was in der physischen Welt angestrebt wird, wird Erreichnis in der geistigen Welt.

[ 30 ] Goethe can then summarize what has become of Faust—from the intuitive striving of that man who despaired of science and turned away from it, to what he has become from that stage onward, reaching the highest spiritual knowledge. He can summarize this in the *Chorus mysticus*, whose very name indicates that it is meant to signify something deeper. In this *Chorus mysticus*, what provides the key to all the world’s mysteries—how everything transitory is merely a parable for the imperishable—is to be summarized once more, paradigmatically, in just a few words. What the physical eye can see is merely a parable for the spiritual, the immortal—of which Goethe has shown that one even attains knowledge of reincarnation upon entering this spiritual realm. It is to be shown, finally, that when a person enters the spiritual realm, everything that is a premonition or hope in the physical world becomes a truth there. What is strived for in the physical world becomes a reality in the spiritual world.

[ 31 ] Fast pedantisch möchte es aussehen, wenn ich hier etwas angebe, was man wissen muß, um die Schlußworte zu verstehen.

[ 31 ] It might seem almost pedantic for me to include here something that one needs to know in order to understand the concluding remarks.

[ 32 ] Goethe sprach etwas undeutlich im hohen Alter, weil er zahnlos war. Er diktierte den zweiten Teil seines «Faust» einem Schreiber. Da er immer noch etwas hatte von Frankfurter Mundart, sind manche Worte und Laute etwas undeutlich herausgekommen. So ist für manches ch ein g gesetzt worden vom Schreiber. So zum Beispiel wurde für «Erreichnis» «Ereignis» geschrieben. Goethe hat, als er die Schlußworte des «Faust» diktierte, gesprochen «Erreichnis». Das Unzulängliche wird hier etwas, was erreicht werden kann, ein Erreichnis, also mit zwei r und ch. Überall, in allen Goethe-Ausgaben finden Sie «Ereignis» geschrieben. So wenig wissen die Goethe-Forscher in den Sinn einzudringen. Dasjenige, was unzulänglich ist in der physischen Welt, wird in der geistigen Welt «Erreichnis». Was nicht beschrieben werden kann in der physischen Welt, wird getan in der geistigen Welt. Es wird dort zur lebendigen Tat.

[ 32 ] Goethe spoke somewhat indistinctly in his old age because he had no teeth. He dictated the second part of his *Faust* to a scribe. Since he still retained some traces of the Frankfurt dialect, some words and sounds came out somewhat indistinctly. Thus, the scribe sometimes wrote a *g* instead of a *ch*. For example, “Erreichnis” was written as “Ereignis.” When Goethe dictated the closing words of *Faust*, he said “Erreichnis.” Here, what is inadequate becomes something that can be achieved—an “Erreichnis”—that is, with two “r”s and “ch.” Everywhere, in all editions of Goethe’s works, you will find “Ereignis” written. Goethe scholars are just as incapable of penetrating the meaning. That which is inadequate in the physical world becomes an “Erreichnis” in the spiritual world. What cannot be described in the physical world is accomplished in the spiritual world. There it becomes a living deed.

[ 33 ] Und endlich erleben wir das Große, das Goethe im Schlußwort des zweiten Teiles des «Faust» zum Ausdrucke bringen darf: «Das ewig Weibliche». Oh, es ist eine Versündigung an Goethe, zu sagen, Goethe meint mit diesem Worte das weibliche Geschlecht. Goethe meint jenes Tiefe, was die Menschenseele darstellt dem Weltgeheimnis gegenüber, das, was sich sehnt als das Ewige im Menschen: Das ewig Weibliche, das. die Seele hinanzieht zu dem ewig Unsterblichen, der ewigen Weisheit, und das sich dem ewig Männlichen hingibt. Das ewig Weibliche zieht uns hinan zu dem, was ewiges Männliches ist. Es bezieht sich nicht auf etwas Weibliches im gewöhnlichen Sinne. Deshalb dürfen wir durchaus dieses ewig Weibliche im Manne und in der Frau suchen: Das ewig. Weibliche, das zum ewig Männlichen im Kosmos hinstrebt, um sich zu vereinigen, um eins zu werden mit dem die Welt durchwebenden, die Welt durchwirkenden Göttlich-Geistigen, nach dem der Faust strebt. — Dieses Geheimnis der Menschen aller Zeiten, nach welchem der Faust strebt von allem Anfange an, dieses Geheimnis, zu dem uns Geisteswissenschaft in einem modernen Sinne führen soll, drückt Goethe paradigmatisch wie monumental in jenen schönen Worten am Schlusse des zweiten Teiles des «Faust» aus, die er als mystischen Geistchor hinstellt, daß alles Physische, was uns in der sinnlichen Welt umgibt, Maja, Illusion, Täuschung ist, ein Gleichnis ist des Geistigen. Dieses Geistige aber sehen wir, wenn wir zu dem durchdringen, was es wie ein Schleier bedeckt. In diesem Geistigen sehen wir erreicht, was hier auf Erden nicht erreicht werden kann. Wir sehen das, was unbeschreiblich ist für den an die Sinne gebundenen Verstand, in wirkliche Tat umgewandelt, wenn der Geist des Menschen sich vereinigt mit der geistigen Welt. «Das Unbeschreibliche, hier ist’s getan.» Und wir sehen jenes Bedeutsame, wo die Seele sich vereinigt, zusammenlebt mit dem ewig Männlichen der großen Welt, das diese Welt durchlebt und durchwebt. Das ist das große Geheimnis, das Goethe ausdrückt mit dem Worte:

[ 33 ] And finally, we experience the Great, which Goethe is allowed to express in the closing words of the second part of *Faust*: “The Eternal Feminine.” Oh, it is a disservice to Goethe to say that by these words he means the female sex. Goethe refers to that depth which the human soul represents in the face of the mystery of the world—that which yearns as the eternal within humanity: the eternal feminine, which draws the soul upward toward the eternally immortal, toward eternal wisdom, and which surrenders itself to the eternal masculine. The eternal feminine draws us upward toward that which is the eternal masculine. It does not refer to anything feminine in the ordinary sense. Therefore, we may certainly seek this eternal feminine in both men and women: the eternal feminine that strives toward the eternal masculine in the cosmos in order to unite, to become one with the divine-spiritual that interweaves and permeates the world—that which Faust strives for. — This mystery of humanity throughout the ages, toward which *Faust* has striven from the very beginning—this mystery to which Spiritual Science is meant to lead us in a modern sense—Goethe expresses in a paradigmatic and monumental way in those beautiful words at the end of the second part of *Faust*, which he presents as a mystical chorus of spirits: that everything physical that surrounds us in the sensory world is maya, an illusion, a deception—a parable of the spiritual. But we see this spiritual when we penetrate what veils it like a curtain. In this spiritual, we see achieved what cannot be achieved here on earth. We see what is indescribable to the mind bound to the senses transformed into reality when the human spirit unites with the spiritual world. “The indescribable—here it is accomplished.” And we see that which is significant where the soul unites and lives in harmony with the eternal Masculine of the great world, which permeates and weaves through this world. This is the great mystery that Goethe expresses with the words:

Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis;
Das Unzulängliche,
Hier wird’s Erreichnis;
Das Unbeschreibliche,
Hier ist’s getan;
Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan.

All that is fleeting
Is but a parable;
What is inadequate,
Here becomes an achievement;
What is indescribable,
Here is accomplished;
The eternal feminine
Draws us upward.

[ 34 ] Goethe durfte sich sagen: Jetzt habe ich mein Lebenswerk getan. Es ist jetzt eigentlich gleichgültig, was ich die übrige Zeit, die ich noch zu leben habe, auf Erden vollbringe. — Goethe siegelte den zweiten Teil seines «Faust» ein. Und dieser zweite Teil wurde erst nach seinem Tode der Menschheit übergeben, und diese Menschheit wird alle Geisteswissenschaft zusammennehmen müssen, um einzudringen in die Geheimnisse dieses gewaltigen Werkes.

[ 34 ] Goethe could say to himself: Now I have accomplished my life’s work. It really doesn’t matter now what I accomplish on earth during the rest of my life. — Goethe sealed away the second part of his *Faust*. And this second part was not revealed to humanity until after his death, and humanity will have to draw upon all the Spiritual Sciences to penetrate the mysteries of this monumental work.

[ 35 ] Nur Skizzenhaftes konnte heute gegeben werden. Man könnte stunden- und wochenlang mit allen Mitteln der Weisheit hineinleuchten in das, was Goethe als Testament der Menschheit gegeben hat. Möge die Menschheit immer mehr eröffnen dieses Testament! Siegel für Siegel wird fallen, je mehr die Menschen den Willen haben werden, in die Geheimnisse des zweiten Teiles einzudringen. Verstummen werden die Stimmen derjenigen, die sagen: Ihr sucht da etwas, was Goethe gar nicht hineinlegen wollte in sein Werk. — Sie kennen die Tiefen der Goetheschen Seele nicht, die da so sprechen. Die allein erkennen sie, die das Höchste sehen in diesem Werk, und in dem, was Goethe zusammendrängt in den mystischen Chor, der so viele Betrachtungen schließen kann, die zum Geiste führen sollen.

[ 35 ] Today, only a rough outline could be presented. One could spend hours and weeks, using every means of wisdom, shedding light on what Goethe bequeathed to humanity. May humanity uncover more and more of this testament! Seal by seal will fall as people increasingly find the will to penetrate the mysteries of the second part. The voices of those who say, “You are looking for something that Goethe never intended to include in his work,” will fall silent. — Those who speak thus do not know the depths of Goethe’s soul. Only those who see the highest in this work—and in what Goethe has condensed into the mystical chorus, which can encompass so many reflections intended to lead to the Spirit—can recognize them.