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Faust, the Striving Human Being
Spiritual Scientific Explanations of Goethe's Faust
GA 272

9 September 1916, Dornach

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Faust, der strebende Mensch Geisteswissenschaftliche
  1. Faust, the Striving Human Being, tr. SOL

13. Goethes Einblicke In Die Geheimnisse Des Menschlichen Daseins

13. Goethes Einblicke In Die Geheimnisse Des Menschlichen Daseins

nach einer eurythmischen Darstellung der Szenen «Mitternacht» und «Grablegung»

nach einer eurythmischen Darstellung der Szenen «Mitternacht» und «Grablegung»

[ 1 ] Wir haben wieder ein Stück des Goetheschen «Faust» vor unserer Seele vorüberziehen lassen. Einiges von dem, was aus geisteswissenschaftlichen Grundlagen heraus in das Verständnis einführen kann, versuchte ich im letzten Vortrag hier zu entwickeln, als ich über das Wesen der Lemuren, der Dick- und Dürrteufel sprach. Bei einer solchen Gelegenheit versuchen wir dann immer, nicht bloß etwas zum Verständnis dieser Dichtung uns aufzusuchen, sondern von der Dichtung ausgehend einiges zu gewinnen in allgemein geisteswissenschaftlicher Bedeutung, Ausblicke zu tun in jene wahren Wirklichkeiten, die Goethe zu erreichen versuchte mit seinem «Faust».

[ 1 ] Wir haben wieder ein Stück des Goetheschen «Faust» vor unserer Seele vorüberziehen lassen. Einiges von dem, was aus geisteswissenschaftlichen Grundlagen heraus in das Verständnis einführen kann, versuchte ich im letzten Vortrag hier zu entwickeln, als ich über das Wesen der Lemuren, der Dick- und Dürrteufel sprach. Bei einer solchen Gelegenheit versuchen wir dann immer, nicht bloß etwas zum Verständnis dieser Dichtung uns aufzusuchen, sondern von der Dichtung ausgehend einiges zu gewinnen in allgemein geisteswissenschaftlicher Bedeutung, Ausblicke zu tun in jene wahren Wirklichkeiten, die Goethe zu erreichen versuchte mit seinem «Faust».

[ 2 ] Heute möchte ich einige Betrachtungen anknüpfen gerade an dasjenige, was eben vor unserer Seele vorübergezogen ist. Bedeutsam kann es uns doch erscheinen, daß diese Szene, die wir gerade haben zu Ende gehen sehen, nicht die letzte Szene des Goetheschen «Faust» ist, sondern daß sie, wie wir wissen, gefolgt ist von jener andern Szene, die wir vor einiger Zeit schon hier aufgeführt haben. Sie erinnern sich: Bergschluchten, Wald, Fels, Einöde, heilige Anachoreten, Chor, Echo, Waldung, die heranschwankt und so weiter, wo wir geführt werden durch die andächtige Meditation des Pater ecstaticus, Pater profundus, Pater Seraphicus, durch den Chor der seligen Knaben, wo uns die Engel wieder begegnen, welche in der Szene, die wir heute gesehen haben, Faustens Unsterbliches in die oberen Regionen tragen, wo uns ferner begegnet die Dreiheit der Büßerinnen, der Doctor Marianus, die Mater gloriosa als Gretchen-Führerin bis zum Schlußchor, dem eigentlichen mystischen Chor:

[ 2 ] Heute möchte ich einige Betrachtungen anknüpfen gerade an dasjenige, was eben vor unserer Seele vorübergezogen ist. Bedeutsam kann es uns doch erscheinen, daß diese Szene, die wir gerade haben zu Ende gehen sehen, nicht die letzte Szene des Goetheschen «Faust» ist, sondern daß sie, wie wir wissen, gefolgt ist von jener andern Szene, die wir vor einiger Zeit schon hier aufgeführt haben. Sie erinnern sich: Bergschluchten, Wald, Fels, Einöde, heilige Anachoreten, Chor, Echo, Waldung, die heranschwankt und so weiter, wo wir geführt werden durch die andächtige Meditation des Pater ecstaticus, Pater profundus, Pater Seraphicus, durch den Chor der seligen Knaben, wo uns die Engel wieder begegnen, welche in der Szene, die wir heute gesehen haben, Faustens Unsterbliches in die oberen Regionen tragen, wo uns ferner begegnet die Dreiheit der Büßerinnen, der Doctor Marianus, die Mater gloriosa als Gretchen-Führerin bis zum Schlußchor, dem eigentlichen mystischen Chor:

Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis ...

Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis ...

[ 3 ] Das alles folgt auf jene Szene, die wir heute gesehen haben, und die darstellt den Kampf der Lichtgeister mit den Geistern der Finsternis um die Seele des Faust.

[ 3 ] Das alles folgt auf jene Szene, die wir heute gesehen haben, und die darstellt den Kampf der Lichtgeister mit den Geistern der Finsternis um die Seele des Faust.

[ 4 ] Man geht oftmals, wenn man den «Faust» zu erklären versucht, von Szene zu Szene, ja oftmals von Satz zu Satz, man stellt nicht Fragen, die gestellt werden können, und die eigentlich erst Licht verbreitend sind über diese große, gewaltige Dichtung. — Wir haben heute gesehen, wie Fausts Grablegung erfolgt ist, wie Mephistopheles-Ahriman sein Spiel verloren hat, wie die Seele in die geistigen Regionen hinaufgetragen worden ist. Man könnte sich von einem gewissen Gesichtspunkte aus fragen: Könnte denn nicht die Faust-Dichtung eigentlich damit schließen? Wissen wir jetzt nicht im Grunde genommen alles, um was es sich handelt? Wissen wir nicht, daß Mephistopheles seine Wette verloren hat, daß alle Anstrengungen, die er hat machen können durch die Lebenszeit des Faust hindurch, die er hat begleiten können, verloren sind, daß Faustens Seele in die Lichtregion aufgenommen ist, daß also das ebenfalls im Hinblick auf eine Faust-Dichtung von Lessing gesprochene Wort gegenüber den Geistern der Finsternis: «Ihr sollt nicht siegen» erfüllt ist? Könnten wir nicht glauben, damit wäre eigentlich alles aus, die Faust-Dichtung hätte ihr Ende gefunden? — Die Frage stellt sich uns vor die Seele: Warum folgt denn der uns bekannte Schluß nun noch auf dasjenige, was wir heute gesehen haben? — Und indem man diese Frage aufwirft und sich dann mit ihrer Beantwortung beschäftigt, rührt man an bedeutungsvolle Geheimnisse des menschlichen Lebens in seinem Zusammenhange mit dem Weltganzen. Daß Goethe diesen Schluß des «Faust» so gestaltet hat, wie er ihn gestaltet hat, zeigt gerade, wie tief er in den Untergründen seines Lebens in einer Zeit, in der es die Geisteswissenschaft noch nicht gegeben hat, Einblick hatte in die Geheimnisse des menschlichen Daseins. Vieles, vieles liegt in der Szene, die heute vorgeführt worden ist, und noch mehr liegt in der Tatsache, daß diese Szene gefolgt wird von andern Schlußszenen. Vieles von dem, welches beweist, daß Goethe tiefste Geheimnisse des Daseins kannte, daß er aber auch genötigt war, in einer solchen Weise die Geheimnisse des Daseins vorzuführen, welche nur dem, der tiefer in das geistige Leben, in seine Wesenheit sich einlassen will, zugänglich sind. Ganz absichtlich hat Goethe vieles verhüllt ausgedrückt, wie er selbst sagte, in die Faust-Dichtung hineingeheimnißt. Vieles von dem gewissermaßen nur in Umhüllung gesagt, was bei den stumpfsinnigen Menschen, die aus Furcht und Bequemlichkeit nicht an die Erkenntnis der geistigen Welt heran wollen, Haß und Gegnerschaft auslöst, vieles von dem hat er verhüllt angedeutet. Allerdings ist dadurch auch durch vierundachtzig Jahre die Faust-Dichtung Goethes mehr oder weniger unverstanden geblieben und wird erst nach und nach, wenn wir der Zukunft entgegenleben können, in ihren Tiefen sich der Menschheit enthüllen. Ja, man kann schon sagen, die geisteswissenschaftliche Erkenntnis wird erst diejenigen künstlerischen Empfindungen auslösen können, welche das Verständnis der Faust-Dichtung vermitteln können.

[ 4 ] Man geht oftmals, wenn man den «Faust» zu erklären versucht, von Szene zu Szene, ja oftmals von Satz zu Satz, man stellt nicht Fragen, die gestellt werden können, und die eigentlich erst Licht verbreitend sind über diese große, gewaltige Dichtung. — Wir haben heute gesehen, wie Fausts Grablegung erfolgt ist, wie Mephistopheles-Ahriman sein Spiel verloren hat, wie die Seele in die geistigen Regionen hinaufgetragen worden ist. Man könnte sich von einem gewissen Gesichtspunkte aus fragen: Könnte denn nicht die Faust-Dichtung eigentlich damit schließen? Wissen wir jetzt nicht im Grunde genommen alles, um was es sich handelt? Wissen wir nicht, daß Mephistopheles seine Wette verloren hat, daß alle Anstrengungen, die er hat machen können durch die Lebenszeit des Faust hindurch, die er hat begleiten können, verloren sind, daß Faustens Seele in die Lichtregion aufgenommen ist, daß also das ebenfalls im Hinblick auf eine Faust-Dichtung von Lessing gesprochene Wort gegenüber den Geistern der Finsternis: «Ihr sollt nicht siegen» erfüllt ist? Könnten wir nicht glauben, damit wäre eigentlich alles aus, die Faust-Dichtung hätte ihr Ende gefunden? — Die Frage stellt sich uns vor die Seele: Warum folgt denn der uns bekannte Schluß nun noch auf dasjenige, was wir heute gesehen haben? — Und indem man diese Frage aufwirft und sich dann mit ihrer Beantwortung beschäftigt, rührt man an bedeutungsvolle Geheimnisse des menschlichen Lebens in seinem Zusammenhange mit dem Weltganzen. Daß Goethe diesen Schluß des «Faust» so gestaltet hat, wie er ihn gestaltet hat, zeigt gerade, wie tief er in den Untergründen seines Lebens in einer Zeit, in der es die Geisteswissenschaft noch nicht gegeben hat, Einblick hatte in die Geheimnisse des menschlichen Daseins. Vieles, vieles liegt in der Szene, die heute vorgeführt worden ist, und noch mehr liegt in der Tatsache, daß diese Szene gefolgt wird von andern Schlußszenen. Vieles von dem, welches beweist, daß Goethe tiefste Geheimnisse des Daseins kannte, daß er aber auch genötigt war, in einer solchen Weise die Geheimnisse des Daseins vorzuführen, welche nur dem, der tiefer in das geistige Leben, in seine Wesenheit sich einlassen will, zugänglich sind. Ganz absichtlich hat Goethe vieles verhüllt ausgedrückt, wie er selbst sagte, in die Faust-Dichtung hineingeheimnißt. Vieles von dem gewissermaßen nur in Umhüllung gesagt, was bei den stumpfsinnigen Menschen, die aus Furcht und Bequemlichkeit nicht an die Erkenntnis der geistigen Welt heran wollen, Haß und Gegnerschaft auslöst, vieles von dem hat er verhüllt angedeutet. Allerdings ist dadurch auch durch vierundachtzig Jahre die Faust-Dichtung Goethes mehr oder weniger unverstanden geblieben und wird erst nach und nach, wenn wir der Zukunft entgegenleben können, in ihren Tiefen sich der Menschheit enthüllen. Ja, man kann schon sagen, die geisteswissenschaftliche Erkenntnis wird erst diejenigen künstlerischen Empfindungen auslösen können, welche das Verständnis der Faust-Dichtung vermitteln können.

[ 5 ] Blicken wir zunächst zurück auf die erschütternd eindrucksvolle Szene, in der Faust ansichtig wird der vier grauen Weiber: des Mangels, der Schuld, der Not, der Sorge. Seien wir uns klar darüber, daß Faust dieses Erlebnis mit den vier grauen Weibern hat in einem Augenblicke, da er durchgegangen ist durch viele, viele geistige Lebenserfahrungen, besser gesagt: Lebenserfahrungen, die bei ihm geistiges Verständnis hervorgerufen haben. Goethe stellt sich seinen Faust in der Zeit, welche für den Faust dargestellt wird durch diese Schlußszene, hundertjährig vor, hundert Jahre alt geworden, das hat Goethe selbst ausgesprochen. Heute ist Faust zunächst vor uns gestanden mit diesen ganzen in seiner Seele vergeistigten Erfahrungen, wie er auf dem Balkon steht seines Heims, das er sich geschaffen hat an einer Arbeitsstätte, von der aus er für die menschliche Zukunft hat Arbeit leisten wollen. Auf seine Seele blicken wir so, daß in deren Empfindungen sich gleichsam zusammenfaßt all das, was er an Befriedigung empfindet, was er hat leisten dürfen für die Menschheit dadurch, daß er ein freies Land für freie Menschen dem Meere abgerungen hat.

[ 5 ] Blicken wir zunächst zurück auf die erschütternd eindrucksvolle Szene, in der Faust ansichtig wird der vier grauen Weiber: des Mangels, der Schuld, der Not, der Sorge. Seien wir uns klar darüber, daß Faust dieses Erlebnis mit den vier grauen Weibern hat in einem Augenblicke, da er durchgegangen ist durch viele, viele geistige Lebenserfahrungen, besser gesagt: Lebenserfahrungen, die bei ihm geistiges Verständnis hervorgerufen haben. Goethe stellt sich seinen Faust in der Zeit, welche für den Faust dargestellt wird durch diese Schlußszene, hundertjährig vor, hundert Jahre alt geworden, das hat Goethe selbst ausgesprochen. Heute ist Faust zunächst vor uns gestanden mit diesen ganzen in seiner Seele vergeistigten Erfahrungen, wie er auf dem Balkon steht seines Heims, das er sich geschaffen hat an einer Arbeitsstätte, von der aus er für die menschliche Zukunft hat Arbeit leisten wollen. Auf seine Seele blicken wir so, daß in deren Empfindungen sich gleichsam zusammenfaßt all das, was er an Befriedigung empfindet, was er hat leisten dürfen für die Menschheit dadurch, daß er ein freies Land für freie Menschen dem Meere abgerungen hat.

Die Sterne bergen Blick und Schein,
Das Feuer sinkt und lodert klein;
Ein Schauerwindchen fächelt’s an,
Bringt Rauch und Dunst zu mir heran.
Geboten schnell, zu schnell getan!

Die Sterne bergen Blick und Schein,
Das Feuer sinkt und lodert klein;
Ein Schauerwindchen fächelt’s an,
Bringt Rauch und Dunst zu mir heran.
Geboten schnell, zu schnell getan!

[ 6 ] Nun geht scheinbar vor seinem Blick, in Wahrheit in innerer Vision, dasjenige vor, was die Erscheinung der vier grauen Weiber bildet:

[ 6 ] Nun geht scheinbar vor seinem Blick, in Wahrheit in innerer Vision, dasjenige vor, was die Erscheinung der vier grauen Weiber bildet:

Was schwebet schattenhaft heran?

Was schwebet schattenhaft heran?

[ 7 ] Wir müssen uns vorstellen, daß durch die Vertiefung, welche die Seele Fausts erfahren hat, diese Seele fähig geworden ist, aus dem tiefen inneren Born selber heraus die Vision der vier Gestalten — des Mangels, der Not, der Sorge, der Schuld — zu haben. Innerliches Erlebnis im wahrsten Sinne des Wortes ist diese «Szene um Mitternacht», innerliches Erlebnis, wie es in Faust dadurch hervorgerufen wird, daß sich die Seele beginnt langsam vom Leibe zu lösen. Denn das ist das merkwürdig Geheimnisvolle, was Goethe ganz augenscheinlich beabsichtigt hat, daß von dem Augenblicke an, wo die drei grauen Weiber sprechen das Wort:

[ 7 ] Wir müssen uns vorstellen, daß durch die Vertiefung, welche die Seele Fausts erfahren hat, diese Seele fähig geworden ist, aus dem tiefen inneren Born selber heraus die Vision der vier Gestalten — des Mangels, der Not, der Sorge, der Schuld — zu haben. Innerliches Erlebnis im wahrsten Sinne des Wortes ist diese «Szene um Mitternacht», innerliches Erlebnis, wie es in Faust dadurch hervorgerufen wird, daß sich die Seele beginnt langsam vom Leibe zu lösen. Denn das ist das merkwürdig Geheimnisvolle, was Goethe ganz augenscheinlich beabsichtigt hat, daß von dem Augenblicke an, wo die drei grauen Weiber sprechen das Wort:

Es ziehen die Wolken, es schwinden die Sterne!
Dahinten, dahinten! von ferne, von ferne,
Da kommt er, der Bruder, da kommt er, der - Tod,

Es ziehen die Wolken, es schwinden die Sterne!
Dahinten, dahinten! von ferne, von ferne,
Da kommt er, der Bruder, da kommt er, der - Tod,

[ 8 ] — daß von diesem Moment ab bereits sich der Tod wirklich breitet über Faustens Leben. Und nur dann verstehen wir diese Szene recht, wenn wir uns von da ab Faust wie einen Sterbenden denken, wie einen, bei dem sich die Seele langsam loslöst vom Leibe. Und unrecht wäre es, wenn man sich denken würde, daß dasjenige, was jetzt folgt, bloß äußerlich sinnlich realistisch gemeint sei. Das ist es nicht. Indem wir Faust im Zimmer seines Palastes, in das die Sorge eingetreten ist, sehen, finden wir, so wie er da sitzt, daß die Seele in einer gewissen Weise sich schon gelockert hat von dem Leibe, daß zusammenfließen die Erfahrungen des physischen Lebens mit den Erfahrungen, welche die Seele macht, wenn sie sich schon vom Leibe gelockert hat. Und nur dann verstehen wir die merkwürdig tief ineinandergeflochtenen Sätze, wenn wir dieses Ineinanderspielen der geistigen Welt, in die Faust sich schon hineinversetzt durch seine sich lockernde Seele, ins Auge fassen, dieses Zusammenspielen der geistigen Welt mit der physisch-sinnlichen Welt, in der Faust noch ist, weil eben die Seele sich lockert, noch nicht gelöst hat. Mangel, Schuld, Not vermochten nichts, sie sind nur die Verkündiger gewesen des Todes. Aber die zehrende Sorge bleibt da, wo sich die Vision so verwandelt, daß sie schon die Vision der vom Leibe gelockerten Seele ist:

[ 8 ] — daß von diesem Moment ab bereits sich der Tod wirklich breitet über Faustens Leben. Und nur dann verstehen wir diese Szene recht, wenn wir uns von da ab Faust wie einen Sterbenden denken, wie einen, bei dem sich die Seele langsam loslöst vom Leibe. Und unrecht wäre es, wenn man sich denken würde, daß dasjenige, was jetzt folgt, bloß äußerlich sinnlich realistisch gemeint sei. Das ist es nicht. Indem wir Faust im Zimmer seines Palastes, in das die Sorge eingetreten ist, sehen, finden wir, so wie er da sitzt, daß die Seele in einer gewissen Weise sich schon gelockert hat von dem Leibe, daß zusammenfließen die Erfahrungen des physischen Lebens mit den Erfahrungen, welche die Seele macht, wenn sie sich schon vom Leibe gelockert hat. Und nur dann verstehen wir die merkwürdig tief ineinandergeflochtenen Sätze, wenn wir dieses Ineinanderspielen der geistigen Welt, in die Faust sich schon hineinversetzt durch seine sich lockernde Seele, ins Auge fassen, dieses Zusammenspielen der geistigen Welt mit der physisch-sinnlichen Welt, in der Faust noch ist, weil eben die Seele sich lockert, noch nicht gelöst hat. Mangel, Schuld, Not vermochten nichts, sie sind nur die Verkündiger gewesen des Todes. Aber die zehrende Sorge bleibt da, wo sich die Vision so verwandelt, daß sie schon die Vision der vom Leibe gelockerten Seele ist:

Vier sah ich kommen, drei nur gehn;
Den Sinn der Rede konnt ich nicht verstehn.
Es klang so nach, als hieß es - Not,
Ein düstres Reimwort folgte — Tod.
Es tönte hohl, gespensterhaft gedämpft.

Vier sah ich kommen, drei nur gehn;
Den Sinn der Rede konnt ich nicht verstehn.
Es klang so nach, als hieß es - Not,
Ein düstres Reimwort folgte — Tod.
Es tönte hohl, gespensterhaft gedämpft.

[ 9 ] Wenn man weiß, was Goethe bei dem Worte gespensterhaft empfand, er, der viel konkreter bei den Worten empfand als die heutigen stumpfen Materialisten, dann nimmt man ein solches Wort:

[ 9 ] Wenn man weiß, was Goethe bei dem Worte gespensterhaft empfand, er, der viel konkreter bei den Worten empfand als die heutigen stumpfen Materialisten, dann nimmt man ein solches Wort:

Es tönte hohl, gespensterhaft gedämpft

Es tönte hohl, gespensterhaft gedämpft

[ 10 ] auch nicht leicht, sondern wichtig und wesentlich und sucht nach der Empfindung, die Goethe hatte, als er dem Faust diese Worte in den Mund legte. Bei Goethe findet sich unter anderem ein schönes Wort, worinnen er das Folgende ausspricht. Er sagt: «Manchmal kommt mir das Leben vor, wie wenn urferne vergangene Freignisse in das gegenwärtige Bewußtsein hereintreten würden, und dann erscheint alles fern Vergangene wie Gespenst, das in die Gegenwart herein sich versetzt.» Goethe hatte einen sehr konkreten Begriff von dem, was er gespensterhaft nannte. Da standen vor ihm, visionär, jahrtausendealte Zeiten seines eigenen Lebens, die er oftmals glaubte, wie die Gespenster hereinrücken zu sehen in sein gegenwärtiges Leben. Da sind nicht Behauptunsen, die ich tue aus der Willkür heraus, das läßt sich streng nachweisen aus dem, was Goethe selber geäußert hat, wenn er sich intim äußerte über die Erfahrungen seines inneren Lebens.

[ 10 ] auch nicht leicht, sondern wichtig und wesentlich und sucht nach der Empfindung, die Goethe hatte, als er dem Faust diese Worte in den Mund legte. Bei Goethe findet sich unter anderem ein schönes Wort, worinnen er das Folgende ausspricht. Er sagt: «Manchmal kommt mir das Leben vor, wie wenn urferne vergangene Freignisse in das gegenwärtige Bewußtsein hereintreten würden, und dann erscheint alles fern Vergangene wie Gespenst, das in die Gegenwart herein sich versetzt.» Goethe hatte einen sehr konkreten Begriff von dem, was er gespensterhaft nannte. Da standen vor ihm, visionär, jahrtausendealte Zeiten seines eigenen Lebens, die er oftmals glaubte, wie die Gespenster hereinrücken zu sehen in sein gegenwärtiges Leben. Da sind nicht Behauptunsen, die ich tue aus der Willkür heraus, das läßt sich streng nachweisen aus dem, was Goethe selber geäußert hat, wenn er sich intim äußerte über die Erfahrungen seines inneren Lebens.

[ 11 ] Nun fließen die Anschauungen, die Gedanken zusammen, die der Faust hat, halb darinnenstehend in der geistigen Welt, halb noch auf dem physischen Plane lebend. Wie wenn Sie sich das Ineinanderspielen dieser zwei Welten vorstellen würden, so ist es nun für Faust. Er erlebt jetzt etwas, was man eigentlich nur in diesem Ineinanderspielen der zwei Welten erleben kann, was nicht entwickelt würde, wenn er sich mehr entfernt haben würde von seinem physischen Leibe. Gebunden fühlt er noch die Ereignisse von jenseits der Schwelle an die Ereignisse des physischen Lebens:

[ 11 ] Nun fließen die Anschauungen, die Gedanken zusammen, die der Faust hat, halb darinnenstehend in der geistigen Welt, halb noch auf dem physischen Plane lebend. Wie wenn Sie sich das Ineinanderspielen dieser zwei Welten vorstellen würden, so ist es nun für Faust. Er erlebt jetzt etwas, was man eigentlich nur in diesem Ineinanderspielen der zwei Welten erleben kann, was nicht entwickelt würde, wenn er sich mehr entfernt haben würde von seinem physischen Leibe. Gebunden fühlt er noch die Ereignisse von jenseits der Schwelle an die Ereignisse des physischen Lebens:

Noch hab’ ich mich ins Freie nicht gekämpft.

Noch hab’ ich mich ins Freie nicht gekämpft.

[ 12 ] Und nun die merkwürdige Rede, die manchem wie ein bloßer Widerspruch erscheinen wird, die aber gerade verständlich wird, wenn man das Erlebnis so faßt, daß es sich abspielt zwischen physischem Leben und geistigem Leben. Die geistige Welt suchte Faust zu erreichen sein ganzes Leben hindurch. Geisteswissenschaft im eigentlichen Sinne gab es ja damals nicht. Er hat die geistige Welt versucht zu erkennen auf dem Wege der vom Mittelalter her übernommenen Magie, jener Magie, die ihn in Zusammenhang brachte mit Ahriman-Mephistopheles in der Weise, wie wir das öfter und auch im letzten Vortrag besprochen haben. Diese Magie, durch die er in die geistige Welt gelangte, ist von Mephistopheles nicht zu trennen. Blicken Sie auf das zurück, was sich zugetragen hat um Faust herum, Sie werden überall sehen, daß Mephistopheles die magischen Handlungen in Szene gesetzt hat. Da können wir nicht hoffen, daß Faust festhalten will, jetzt, da er schon halb darinnensteht in der geistigen Welt, an dieser Magie:

[ 12 ] Und nun die merkwürdige Rede, die manchem wie ein bloßer Widerspruch erscheinen wird, die aber gerade verständlich wird, wenn man das Erlebnis so faßt, daß es sich abspielt zwischen physischem Leben und geistigem Leben. Die geistige Welt suchte Faust zu erreichen sein ganzes Leben hindurch. Geisteswissenschaft im eigentlichen Sinne gab es ja damals nicht. Er hat die geistige Welt versucht zu erkennen auf dem Wege der vom Mittelalter her übernommenen Magie, jener Magie, die ihn in Zusammenhang brachte mit Ahriman-Mephistopheles in der Weise, wie wir das öfter und auch im letzten Vortrag besprochen haben. Diese Magie, durch die er in die geistige Welt gelangte, ist von Mephistopheles nicht zu trennen. Blicken Sie auf das zurück, was sich zugetragen hat um Faust herum, Sie werden überall sehen, daß Mephistopheles die magischen Handlungen in Szene gesetzt hat. Da können wir nicht hoffen, daß Faust festhalten will, jetzt, da er schon halb darinnensteht in der geistigen Welt, an dieser Magie:

Könnt’ ich Magie von meinem Pfad entfernen,
Die Zaubersprüche ganz und gar verlernen.

Könnt’ ich Magie von meinem Pfad entfernen,
Die Zaubersprüche ganz und gar verlernen.

[ 13 ] Jene Zaubersprüche, die er sich aus alten Büchern geschöpft hat, und die schon, weil sie sich von alten Zeiten erhalten haben, luziferisch und ahrimanisch geworden sind. Auf diesem Wege findet er jetzt, wo er wirklich die geistige Welt betritt, daß das, was er erreicht hat, doch nicht das war, was er gesucht hat. Und jetzt blickt er zurück. Er beginnt schon zurückzublicken, wie man bei der gelockerten Seele zurückblickt. Jetzt beginnt er zurückzublicken in das eben verflossene Leben. Der Augenblick steht lebendig vor ihm, der Augenblick, bevor er zu den mittelalterlichen Büchern gegriffen hat, bevor er das verhängnisvolle Wort ausgesprochen hat:

[ 13 ] Jene Zaubersprüche, die er sich aus alten Büchern geschöpft hat, und die schon, weil sie sich von alten Zeiten erhalten haben, luziferisch und ahrimanisch geworden sind. Auf diesem Wege findet er jetzt, wo er wirklich die geistige Welt betritt, daß das, was er erreicht hat, doch nicht das war, was er gesucht hat. Und jetzt blickt er zurück. Er beginnt schon zurückzublicken, wie man bei der gelockerten Seele zurückblickt. Jetzt beginnt er zurückzublicken in das eben verflossene Leben. Der Augenblick steht lebendig vor ihm, der Augenblick, bevor er zu den mittelalterlichen Büchern gegriffen hat, bevor er das verhängnisvolle Wort ausgesprochen hat:

Drum hab’ ich mich der Magie ergeben.

Drum hab’ ich mich der Magie ergeben.

[ 14 ] Er ist durch gute Kräfte, die ihn gnadevoll geleitet haben im Sinne des «Prologs im Himmel», bewahrt geblieben vor den Früchten derjenigen Magie, die er hätte pflücken müssen, wenn dieses gnadevolle Wirken besonderer Kräfte nicht durch seinen Lebensweg durchgegangen wäre. Jetzt sieht er schon hinein in die geistige Welt, jetzt weiß er es anders. Das spielt hinein. Mit dem jetzigen Wissen würde er den Weg anders machen:

[ 14 ] Er ist durch gute Kräfte, die ihn gnadevoll geleitet haben im Sinne des «Prologs im Himmel», bewahrt geblieben vor den Früchten derjenigen Magie, die er hätte pflücken müssen, wenn dieses gnadevolle Wirken besonderer Kräfte nicht durch seinen Lebensweg durchgegangen wäre. Jetzt sieht er schon hinein in die geistige Welt, jetzt weiß er es anders. Das spielt hinein. Mit dem jetzigen Wissen würde er den Weg anders machen:

Stünd’ ich, Natur! vor dir ein Mann allein,
Da wär’s der Mühe wert, ein Mensch zu sein.

Stünd’ ich, Natur! vor dir ein Mann allein,
Da wär’s der Mühe wert, ein Mensch zu sein.

[ 15 ] Das konnte er früher, solange er seine Seele nicht gelockert hatte vom Leibe, nicht sagen in dieser Weise. Da mußte er den ganzen Irrtumsweg machen. Jetzt blickt er zurück, sieht, daß es eben doch der Weg durch die Finsternisse des Mephistopheles war. Zurück blickt er zunächst auf diejenige Zeit seines Lebens, da Mephistopheles noch nicht seine Bahn durchkreuzt hatte:

[ 15 ] Das konnte er früher, solange er seine Seele nicht gelockert hatte vom Leibe, nicht sagen in dieser Weise. Da mußte er den ganzen Irrtumsweg machen. Jetzt blickt er zurück, sieht, daß es eben doch der Weg durch die Finsternisse des Mephistopheles war. Zurück blickt er zunächst auf diejenige Zeit seines Lebens, da Mephistopheles noch nicht seine Bahn durchkreuzt hatte:

Das war ich sonst,

Das war ich sonst,

[ 16 ] — ein Mensch allein

[ 16 ] — ein Mensch allein

eh’ ich’s im Düstern suchte,
Mit Frevelwort mich und die Welt verfluchte.
Nun ist die Luft von solchem Spuk so voll,
Daß niemand weiß, wie er ihn meiden soll.

eh’ ich’s im Düstern suchte,
Mit Frevelwort mich und die Welt verfluchte.
Nun ist die Luft von solchem Spuk so voll,
Daß niemand weiß, wie er ihn meiden soll.

[ 17 ] Die ganze Schwere der Ereignisse liegt jetzt auf seiner Seele.

[ 17 ] Die ganze Schwere der Ereignisse liegt jetzt auf seiner Seele.

Wenn auch ein Tag uns klar vernünftig lacht,
In Traumgespinst verwickelt uns die Nacht;
Wir kehren froh von junger Flur zurück,

Wenn auch ein Tag uns klar vernünftig lacht,
In Traumgespinst verwickelt uns die Nacht;
Wir kehren froh von junger Flur zurück,

[ 18 ] — so hat er ja sein Leben zugebracht, halb bloß in der physischen Welt, halb schon - obzwar im physischen Leib -— von Mephistopheles in die geistige Welt versetzt, hineinblickend in die geistige Welt, aber immer wieder und wiederum zurück müssend in die physische Welt, weil Mephistopheles nicht finden kann, ihn auch nicht vermitteln kann, den Zugang, weil er den Zusammenhang doch nicht ordentlich finder.

[ 18 ] — so hat er ja sein Leben zugebracht, halb bloß in der physischen Welt, halb schon - obzwar im physischen Leib -— von Mephistopheles in die geistige Welt versetzt, hineinblickend in die geistige Welt, aber immer wieder und wiederum zurück müssend in die physische Welt, weil Mephistopheles nicht finden kann, ihn auch nicht vermitteln kann, den Zugang, weil er den Zusammenhang doch nicht ordentlich finder.

Ein Vogel krächzt; was krächzt er? Mißgeschick.

Ein Vogel krächzt; was krächzt er? Mißgeschick.

[ 19 ] Auf diesem Wege ist nur Aberglaube zu finden.

[ 19 ] Auf diesem Wege ist nur Aberglaube zu finden.

Von Aberglauben früh und spät umgarnt —
Es eignet sich, es zeigt sich an, es warnt —
Und so verschüchtert stehen wir allein.

Von Aberglauben früh und spät umgarnt —
Es eignet sich, es zeigt sich an, es warnt —
Und so verschüchtert stehen wir allein.

[ 20 ] Immer hat sich der Weg des Aberglaubens, allerdings in den starken Weg, den Faust durch seine eigene starke Natur gehen konnte, gemischt. Und jetzt hat er jene Vision, die ihm bleiben konnte, da sich seine Seele immer mehr und mehr lockert: die Vision der Sorge. Und versuchen Sie zu empfinden, wie Goethe auch in der Sprache an Höchstes hier seine Worte anklingen läßt. Man möchte sagen, die ganze Weltgeschichte liegt auf unserer Seele, wenn wir das Gewicht dieser Worte verspüren. Die Sorge schleicht sich ein. Ist jemand da? - frägt Faust.

[ 20 ] Immer hat sich der Weg des Aberglaubens, allerdings in den starken Weg, den Faust durch seine eigene starke Natur gehen konnte, gemischt. Und jetzt hat er jene Vision, die ihm bleiben konnte, da sich seine Seele immer mehr und mehr lockert: die Vision der Sorge. Und versuchen Sie zu empfinden, wie Goethe auch in der Sprache an Höchstes hier seine Worte anklingen läßt. Man möchte sagen, die ganze Weltgeschichte liegt auf unserer Seele, wenn wir das Gewicht dieser Worte verspüren. Die Sorge schleicht sich ein. Ist jemand da? - frägt Faust.

Ist jemand hier?

Ist jemand hier?

[ 21 ] Die Antwort ertönt:

[ 21 ] Die Antwort ertönt:

Die Frage fordert Ja!

Die Frage fordert Ja!

[ 22 ] Nicht eine einfache Antwort: Ja! Die Frage fordert Ja! Ich sagte: Die ganze Weltgeschichte drängt sich in unsere Seele herein durch die Fügung der Worte schon. Denn wie könnte man anders als bei diesen Worten denken an jene großartige Szene, wo vor dem Gericht der Christus Jesus gefragt wird: «Bist du es, der Sohn Gottes?» Der antwortet auch nicht einfach: Ja —, sondern: «Du sagst es!»

[ 22 ] Nicht eine einfache Antwort: Ja! Die Frage fordert Ja! Ich sagte: Die ganze Weltgeschichte drängt sich in unsere Seele herein durch die Fügung der Worte schon. Denn wie könnte man anders als bei diesen Worten denken an jene großartige Szene, wo vor dem Gericht der Christus Jesus gefragt wird: «Bist du es, der Sohn Gottes?» Der antwortet auch nicht einfach: Ja —, sondern: «Du sagst es!»

[ 23 ] Nun wird nicht in einem abstrakten Wort ausgedrückt, wen jetzt Faust erlebt:

[ 23 ] Nun wird nicht in einem abstrakten Wort ausgedrückt, wen jetzt Faust erlebt:

Bin einmal da.

Bin einmal da.

[ 24 ] Aber sie ist in ihm. Es ist im Grunde ein Selbstgespräch. Und es ist ein tiefes Selbstgespräch. Die Menschheit wird erst nach und nach erfahren, in inneren Erlebnissen erfahren die ganze Schwere dieses Selbstgespräches. Mit dem, was als Geisteswissenschaft in die Menschheit versetzt werden soll, werden auch Erkenntnisse in die Menschheit kommen, welche mit tiefen, tiefen Gefühlen und Empfindungen über das Leben verknüpft sein werden, mit Gefühlen und Empfindungen, von denen sich der dumpfe, stumpfe Materialismus allerdings nichts träumen läßt, und nichts träumen läßt auch diejenige leicht errungene Weltanschauung, welche da glaubt, mit Sätzen, in denen man das Physische oder Geistig-Wirkliche charakterisiert, sei nun schon alles gewonnen. Solche Sätze hat man. Von solchen Sätzen weiß man, daß sie in schweren inneren Erlebnissen errungen sind. Man birgt sie in seiner Seele, man trägt sie mit durchs Leben. Aber sie sind nicht, was sie wirklich sein können und sein müssen der menschlichen Seele, wenn sie nicht begleitet sind von allen möglichen Stimmungen, von jenen Stimmungen, die oftmals uns das Seelenleben so erscheinen lassen, als ob es über einem Abgrunde dahinlebte. Und nie kann uns, wenn wir uns geistige Erkenntnisse errungen haben, die Sorge verlassen, die uns überkommt über die Beziehung der geistigen Erkenntnisse zu der gesamten Wirklichkeit des Lebens. Der Mensch muß fühlen, gerade wenn er in die geistige Welt eintritt, daß es eine Flachheit ist, in falscher Askese davon zu sprechen, daß dieses Erdenleben nur ein niedriges ist, das man am liebsten abstreifen möchte. Den ganzen tiefen Sinn dieses Erdenlebens für die Ewigkeit fühlt der Mensch gerade aus den geistigen Erkenntnissen heraus: daß dieses Erdenleben durchgemacht werden muß, damit dasjenige, was es gibt, einverleibt werden kann den Impulsen, die wir durch den Tod in die Sphäre der Ewigkeit hineintragen. Aber wie könnte es anders sein, als daß am Ende eines Prüfungslebens gerade in einem solchen Augenblicke, wo die Seele herausgelockert ist, der Mensch gewahr wird in ernster, schwerer Sorge, was werden kann aus seinem eben erlebten Leben, wenn er nun mit seiner Seele durch die geistige Welt zu gehen hat, was die Früchte sein können dieses eben verlebten Lebens. Viel, viel hat Faust durchgekämpft. Aber groß ist er dadurch, daß er jetzt, wo er eben in die geistige Welt eingetreten ist und halb darinnen ist und halb noch zurückfühlt zum physischen Erdendasein, in dem ganz ungeheuer bedeutungsvollen Vergleiche, der sich zwischen Physischem und Geistigem in einer solchen Lebens-Todeslage ergibt, weiß:

[ 24 ] Aber sie ist in ihm. Es ist im Grunde ein Selbstgespräch. Und es ist ein tiefes Selbstgespräch. Die Menschheit wird erst nach und nach erfahren, in inneren Erlebnissen erfahren die ganze Schwere dieses Selbstgespräches. Mit dem, was als Geisteswissenschaft in die Menschheit versetzt werden soll, werden auch Erkenntnisse in die Menschheit kommen, welche mit tiefen, tiefen Gefühlen und Empfindungen über das Leben verknüpft sein werden, mit Gefühlen und Empfindungen, von denen sich der dumpfe, stumpfe Materialismus allerdings nichts träumen läßt, und nichts träumen läßt auch diejenige leicht errungene Weltanschauung, welche da glaubt, mit Sätzen, in denen man das Physische oder Geistig-Wirkliche charakterisiert, sei nun schon alles gewonnen. Solche Sätze hat man. Von solchen Sätzen weiß man, daß sie in schweren inneren Erlebnissen errungen sind. Man birgt sie in seiner Seele, man trägt sie mit durchs Leben. Aber sie sind nicht, was sie wirklich sein können und sein müssen der menschlichen Seele, wenn sie nicht begleitet sind von allen möglichen Stimmungen, von jenen Stimmungen, die oftmals uns das Seelenleben so erscheinen lassen, als ob es über einem Abgrunde dahinlebte. Und nie kann uns, wenn wir uns geistige Erkenntnisse errungen haben, die Sorge verlassen, die uns überkommt über die Beziehung der geistigen Erkenntnisse zu der gesamten Wirklichkeit des Lebens. Der Mensch muß fühlen, gerade wenn er in die geistige Welt eintritt, daß es eine Flachheit ist, in falscher Askese davon zu sprechen, daß dieses Erdenleben nur ein niedriges ist, das man am liebsten abstreifen möchte. Den ganzen tiefen Sinn dieses Erdenlebens für die Ewigkeit fühlt der Mensch gerade aus den geistigen Erkenntnissen heraus: daß dieses Erdenleben durchgemacht werden muß, damit dasjenige, was es gibt, einverleibt werden kann den Impulsen, die wir durch den Tod in die Sphäre der Ewigkeit hineintragen. Aber wie könnte es anders sein, als daß am Ende eines Prüfungslebens gerade in einem solchen Augenblicke, wo die Seele herausgelockert ist, der Mensch gewahr wird in ernster, schwerer Sorge, was werden kann aus seinem eben erlebten Leben, wenn er nun mit seiner Seele durch die geistige Welt zu gehen hat, was die Früchte sein können dieses eben verlebten Lebens. Viel, viel hat Faust durchgekämpft. Aber groß ist er dadurch, daß er jetzt, wo er eben in die geistige Welt eingetreten ist und halb darinnen ist und halb noch zurückfühlt zum physischen Erdendasein, in dem ganz ungeheuer bedeutungsvollen Vergleiche, der sich zwischen Physischem und Geistigem in einer solchen Lebens-Todeslage ergibt, weiß:

Ich bin nur durch die Welt gerannt;
Ein jed’ Gelüst ergriff ich bei den Haaren,
Was nicht genügte, ließ ich fahren,
Was mir entwischte, ließ ich ziehn.
Ich habe nur begehrt und nur vollbracht
Und abermals gewünscht, und so mit Macht
Mein Leben durchgestürmt; erst groß und mächtig,
Nun aber geht es weise, geht bedächtig.

Ich bin nur durch die Welt gerannt;
Ein jed’ Gelüst ergriff ich bei den Haaren,
Was nicht genügte, ließ ich fahren,
Was mir entwischte, ließ ich ziehn.
Ich habe nur begehrt und nur vollbracht
Und abermals gewünscht, und so mit Macht
Mein Leben durchgestürmt; erst groß und mächtig,
Nun aber geht es weise, geht bedächtig.

[ 25 ] Fühlen Sie dieses Zusammenklingen dessen, was jetzt in seiner Seele ersteht: wie er die kleine und die große Welt, wie es im «Faust» heißt, durchgegangen ist und mit einem Gesamtblick, der sich eben eröffnet, wie in dem bedeutungsvollen Rückblick auf das Leben — jetzt erst, seit er aus der geistigen Welt ein Überleuchten fühlt in seinem Schauen, das, was er so durchgemacht hat im Durchrasen der Lebensfluten, weise und bedächtig überschauen kann. Und jetzt: Was sieht er? Was beginnt er zu schauen? —- Das, was er im Erdenkreise erlebt hat, beginnt er zu schauen. Denken Sie zurück an all das, was wir besprochen haben über die Rückschau, die im Beginne des nach dem Tode folgenden Lebens die Seele überkommt, die jetzt langsam Faust überkommt. Denken Sie an diese Rückschau. Er sieht sein Erdenleben. Er sieht es gerade so, daß er sich sagen muß:

[ 25 ] Fühlen Sie dieses Zusammenklingen dessen, was jetzt in seiner Seele ersteht: wie er die kleine und die große Welt, wie es im «Faust» heißt, durchgegangen ist und mit einem Gesamtblick, der sich eben eröffnet, wie in dem bedeutungsvollen Rückblick auf das Leben — jetzt erst, seit er aus der geistigen Welt ein Überleuchten fühlt in seinem Schauen, das, was er so durchgemacht hat im Durchrasen der Lebensfluten, weise und bedächtig überschauen kann. Und jetzt: Was sieht er? Was beginnt er zu schauen? —- Das, was er im Erdenkreise erlebt hat, beginnt er zu schauen. Denken Sie zurück an all das, was wir besprochen haben über die Rückschau, die im Beginne des nach dem Tode folgenden Lebens die Seele überkommt, die jetzt langsam Faust überkommt. Denken Sie an diese Rückschau. Er sieht sein Erdenleben. Er sieht es gerade so, daß er sich sagen muß:

Der Erdenkreis ist mir genug bekannt.

Der Erdenkreis ist mir genug bekannt.

[ 26 ] Was er im Erdenkreis erlebt hatte, das schaut er jetzt. Halb ist er schon in der geistigen Welt. Aus dieser Stimmung fühlen Sie die Worte:

[ 26 ] Was er im Erdenkreis erlebt hatte, das schaut er jetzt. Halb ist er schon in der geistigen Welt. Aus dieser Stimmung fühlen Sie die Worte:

Nach drüben ist die Aussicht uns verrannt.

Nach drüben ist die Aussicht uns verrannt.

[ 27 ] Das kann man sagen, wenn man zurückblickt gerade auf das Erdenleben. Das ist kein philosophisches Bekenntnis zum Materialismus, das ist ein unmittelbares Erleben, nachdem der Tod halb schon die Seele ergriffen hat. Tröpfe, welche Faust-Kommentatoren geworden sind, haben diese Stelle so ausgelegt, als ob Faust in seinem hohen Alter noch einmal zurückkäme zu einem materialistischen Glaubensbekenntnis. Jetzt aber, in dieser Lage wäre Faust wahrhaftig ein Tor, wenn er überrennen wollte die Rückschau auf das Leben und jetzt schon blinzelnd nach jener geistigen Welt schauen wollte, die oftmals ausgemalt wird hier von denjenigen Toren, die diese geistige Welt so aufbauen, daß sie über Wolken einfach ihresgleichen dichten, wie das in vielen Bekenntnissen gemacht wird. Auf seinem Ergebnis des Lebens, da will er fest stehen. Und jetzt fallen eigentlich tief bedeutungsvolle Worte, vor denen jeder Schein von Materialismus schwinden muß, ganz schwinden muß. Die verwaschenen Mystiker, jene gräßlichen Mystiker, welche immer davon sprechen, im All nur aufzugehen, die Ewigkeit mystisch ergreifen zu wollen im chaotischen Alldunkel, das sie All-Licht nennen, wollen in die Ewigkeit schweifen. Derjenige, der konkret das geistige Leben ergreifen will, ergreift es da, wo es zu ergreifen ist in seiner Konkretheit, er wird nicht zum Toren, verschwimmend in unbestimmten Fernen, die eigentlich nichts enthalten als Leerheit und leeren Raum, und in die sich die Seele einträumt, er wird nicht verführt, in solche Ewigkeiten zu schweifen, sondern die Erkenntnis konkret zu ergreifen, Das, was er erkennt, läßt sich ergreifen:

[ 27 ] Das kann man sagen, wenn man zurückblickt gerade auf das Erdenleben. Das ist kein philosophisches Bekenntnis zum Materialismus, das ist ein unmittelbares Erleben, nachdem der Tod halb schon die Seele ergriffen hat. Tröpfe, welche Faust-Kommentatoren geworden sind, haben diese Stelle so ausgelegt, als ob Faust in seinem hohen Alter noch einmal zurückkäme zu einem materialistischen Glaubensbekenntnis. Jetzt aber, in dieser Lage wäre Faust wahrhaftig ein Tor, wenn er überrennen wollte die Rückschau auf das Leben und jetzt schon blinzelnd nach jener geistigen Welt schauen wollte, die oftmals ausgemalt wird hier von denjenigen Toren, die diese geistige Welt so aufbauen, daß sie über Wolken einfach ihresgleichen dichten, wie das in vielen Bekenntnissen gemacht wird. Auf seinem Ergebnis des Lebens, da will er fest stehen. Und jetzt fallen eigentlich tief bedeutungsvolle Worte, vor denen jeder Schein von Materialismus schwinden muß, ganz schwinden muß. Die verwaschenen Mystiker, jene gräßlichen Mystiker, welche immer davon sprechen, im All nur aufzugehen, die Ewigkeit mystisch ergreifen zu wollen im chaotischen Alldunkel, das sie All-Licht nennen, wollen in die Ewigkeit schweifen. Derjenige, der konkret das geistige Leben ergreifen will, ergreift es da, wo es zu ergreifen ist in seiner Konkretheit, er wird nicht zum Toren, verschwimmend in unbestimmten Fernen, die eigentlich nichts enthalten als Leerheit und leeren Raum, und in die sich die Seele einträumt, er wird nicht verführt, in solche Ewigkeiten zu schweifen, sondern die Erkenntnis konkret zu ergreifen, Das, was er erkennt, läßt sich ergreifen:

Er wandle so den Erdentag entlang.

Er wandle so den Erdentag entlang.

[ 28 ] Denken Sie daran, wie wunderbar dieser Satz wird, wenn man denkt, es beginnt die Rückschau auf das Erdenleben: die Schauung wandelt den Erdentag entlang. Jetzt steht er auf dem Punkt, wo er das rechte Verhältnis finden kann zu jenen spukenden Geistern, zu denen ihn Mephistopheles hier verführt hat.

[ 28 ] Denken Sie daran, wie wunderbar dieser Satz wird, wenn man denkt, es beginnt die Rückschau auf das Erdenleben: die Schauung wandelt den Erdentag entlang. Jetzt steht er auf dem Punkt, wo er das rechte Verhältnis finden kann zu jenen spukenden Geistern, zu denen ihn Mephistopheles hier verführt hat.

Wenn Geister spuken,

Wenn Geister spuken,

[ 29 ] - jetzt in der Rückschau

[ 29 ] - jetzt in der Rückschau

geh’ er seinen Gang;
Im Weiterschreiten find’ er Qual und Glück,
Er! unbefriedigt jeden Augenblick.

geh’ er seinen Gang;
Im Weiterschreiten find’ er Qual und Glück,
Er! unbefriedigt jeden Augenblick.

[ 30 ] Die noch nicht ganz vollendete, aber jetzt hereinbrechende Rückschau müssen wir uns vorstellen, jene Rückschau, die noch voll von der Sorge durchsetzt ist, durch welche Früchte aus dem erlebten Erdentag in die geistige Welt hineingetragen werden können. Und immer so: hinüberherüber. Geistiges Erleben, aber weil er noch am Leibe haftet, auch physisches Erleben, so finden wir Faust. Die Sorge hält ihn noch am physischen Leibe. Bewußt soll er hineingehen in die geistige Welt, bewußt gemacht gerade von der lastenden Sorge. Daher wächst er auch so hinein in die geistige Welt, daß er, indem er schon die geistige Welt in seiner Seele trägt, noch immer glaubt, der physischen Welt befehlen zu können. Die Menschen, welche der banalen Gegenwartsansicht sind, daß der Mensch im wesentlichen immer so war, wie er jetzt ist, wissen nicht, daß viele Griechen so gestorben sind, wie Faust stirbt, besser gesagt, wie Goethe Faust sterben läßt. Wir können es aus der griechischen Literatur nachweisen, daß dieser Tod für die Griechen geradezu ein Begehrenswertes war, wie noch nachzuleben etwas von dem physischen Dasein, während man die Seele schon gelockert hat. Bei Sophokles können Sie Worte finden, welche das andeuten, wie der Grieche etwas Besonderes gesehen hat in einem solchen Sterben, in einem nicht plötzlich Sterben, sondern langsam Hinsterben, wobei sich schon für die physische Welt halb das Bewußtsein herabdämmert, aber das, was da als Dämmerung ins physische Bewußtsein tritt, erleuchtet wird nach und nach, um voll hineinzuschauen in die geistige Welt. Und Goethe hat ja versucht, vieles vom Griechentum gerade in den zweiten Teil seines «Faust» herüberzunehmen. Wir dürfen uns schon denken, daß er etwas von dem wollte, was man so charakterisieren könnte, als hätte er Faust als sterbenden Griechen darstellen wollen. So fließt schon herüber aus der geistigen Welt dasjenige, was er an Empfindungen hineinlegt in die Worte, wenn er auch noch hier befiehlt. Und das können wir weiter verfolgen, verfolgen, wie Goethe voll bewußt das darstellt, von dem ich Ihnen gesprochen habe.

[ 30 ] Die noch nicht ganz vollendete, aber jetzt hereinbrechende Rückschau müssen wir uns vorstellen, jene Rückschau, die noch voll von der Sorge durchsetzt ist, durch welche Früchte aus dem erlebten Erdentag in die geistige Welt hineingetragen werden können. Und immer so: hinüberherüber. Geistiges Erleben, aber weil er noch am Leibe haftet, auch physisches Erleben, so finden wir Faust. Die Sorge hält ihn noch am physischen Leibe. Bewußt soll er hineingehen in die geistige Welt, bewußt gemacht gerade von der lastenden Sorge. Daher wächst er auch so hinein in die geistige Welt, daß er, indem er schon die geistige Welt in seiner Seele trägt, noch immer glaubt, der physischen Welt befehlen zu können. Die Menschen, welche der banalen Gegenwartsansicht sind, daß der Mensch im wesentlichen immer so war, wie er jetzt ist, wissen nicht, daß viele Griechen so gestorben sind, wie Faust stirbt, besser gesagt, wie Goethe Faust sterben läßt. Wir können es aus der griechischen Literatur nachweisen, daß dieser Tod für die Griechen geradezu ein Begehrenswertes war, wie noch nachzuleben etwas von dem physischen Dasein, während man die Seele schon gelockert hat. Bei Sophokles können Sie Worte finden, welche das andeuten, wie der Grieche etwas Besonderes gesehen hat in einem solchen Sterben, in einem nicht plötzlich Sterben, sondern langsam Hinsterben, wobei sich schon für die physische Welt halb das Bewußtsein herabdämmert, aber das, was da als Dämmerung ins physische Bewußtsein tritt, erleuchtet wird nach und nach, um voll hineinzuschauen in die geistige Welt. Und Goethe hat ja versucht, vieles vom Griechentum gerade in den zweiten Teil seines «Faust» herüberzunehmen. Wir dürfen uns schon denken, daß er etwas von dem wollte, was man so charakterisieren könnte, als hätte er Faust als sterbenden Griechen darstellen wollen. So fließt schon herüber aus der geistigen Welt dasjenige, was er an Empfindungen hineinlegt in die Worte, wenn er auch noch hier befiehlt. Und das können wir weiter verfolgen, verfolgen, wie Goethe voll bewußt das darstellt, von dem ich Ihnen gesprochen habe.

[ 31 ] Sie sahen Faust an die Stelle treten, wo sein Grab schon geschaufelt wird. Man darf wieder sagen: Geschmack volle Leute sind jene GoetheKommentatoren nicht, die Goethe die Geschmacklosigkeit zutrauen, das Grab schaufeln zu lassen, solang der Faust noch lebt! - Das wäre natürlich eine bloße Geschmacklosigkeit. Wir sehen den hinsterbenden Faust. Dann ist es keine Geschmacklosigkeit, dann ist es eine wunderbare Imagination, wenn wir neben dem hinsterbenden Faust nun auch von jenen halbgeistigen Wesen, von deren Artung ich neulich gesprochen habe, von den Lemuren, das Grab geschaufelt sehen. Aber wie spricht Faust? Nun, ich will zunächst die Worte übergehen, die er spricht, indem er sich, aus dem Palaste heraustretend, an den Türpfosten vortastet. Ich will auf die Worte Ihr Augenmerk lenken, die Faust aus spricht, indem er gewissermaßen den Auftrag gibt, den Graben zu graben, der den verpestenden Sumpf ableiten soll. Zunächst kann man der Meinung sein, daß alles physisch gemeint ist. Aber Goethe war sich wohl bewußt, daß Faust halb aus dem geistigen Bewußtsein heraus spricht, und so will er diese Worte aufgefaßt haben. Und was offenbart sich aus diesem physisch-geistigen, geistig-physischen Bewußtsein? Zunächst in Faust ein wunderbares Wohlgefühl. Denken Sie, was Faust sagt:

[ 31 ] Sie sahen Faust an die Stelle treten, wo sein Grab schon geschaufelt wird. Man darf wieder sagen: Geschmack volle Leute sind jene GoetheKommentatoren nicht, die Goethe die Geschmacklosigkeit zutrauen, das Grab schaufeln zu lassen, solang der Faust noch lebt! - Das wäre natürlich eine bloße Geschmacklosigkeit. Wir sehen den hinsterbenden Faust. Dann ist es keine Geschmacklosigkeit, dann ist es eine wunderbare Imagination, wenn wir neben dem hinsterbenden Faust nun auch von jenen halbgeistigen Wesen, von deren Artung ich neulich gesprochen habe, von den Lemuren, das Grab geschaufelt sehen. Aber wie spricht Faust? Nun, ich will zunächst die Worte übergehen, die er spricht, indem er sich, aus dem Palaste heraustretend, an den Türpfosten vortastet. Ich will auf die Worte Ihr Augenmerk lenken, die Faust aus spricht, indem er gewissermaßen den Auftrag gibt, den Graben zu graben, der den verpestenden Sumpf ableiten soll. Zunächst kann man der Meinung sein, daß alles physisch gemeint ist. Aber Goethe war sich wohl bewußt, daß Faust halb aus dem geistigen Bewußtsein heraus spricht, und so will er diese Worte aufgefaßt haben. Und was offenbart sich aus diesem physisch-geistigen, geistig-physischen Bewußtsein? Zunächst in Faust ein wunderbares Wohlgefühl. Denken Sie, was Faust sagt:

Ein Sumpf zieht am Gebirge hin,
Verpestet alles schon Errungene;
Den faulen Pfuhl auch abzuziehn,
Das Letzte wär’ das Höchsterrungene.
Eröffn’ ich Räume vielen Millionen,
Nicht sicher zwar, doch tätig-frei zu wohnen.

Ein Sumpf zieht am Gebirge hin,
Verpestet alles schon Errungene;
Den faulen Pfuhl auch abzuziehn,
Das Letzte wär’ das Höchsterrungene.
Eröffn’ ich Räume vielen Millionen,
Nicht sicher zwar, doch tätig-frei zu wohnen.

[ 32 ] Schön, aber nun folgen andere Worte:

[ 32 ] Schön, aber nun folgen andere Worte:

Grün das Gefilde, fruchtbar; Mensch und Herde
Sogleich behaglich auf der neusten Erde,
Gleich angesiedelt an des Hügels Kraft,
Den aufgewälzt kühn-emsige Völkerschaft.
Im Innern hier ein paradiesisch Land,

Grün das Gefilde, fruchtbar; Mensch und Herde
Sogleich behaglich auf der neusten Erde,
Gleich angesiedelt an des Hügels Kraft,
Den aufgewälzt kühn-emsige Völkerschaft.
Im Innern hier ein paradiesisch Land,

[ 33 ] — voll bewußt sind diese Worte hingesetzt, aus dem Physisch-Geistigen, Geistig-Physischen bewußt heraus. Das paradiesische Land ist das Hineinspielen des Geistigen in das physische Bewußtsein, dann wiederum ins Physische zurück:

[ 33 ] — voll bewußt sind diese Worte hingesetzt, aus dem Physisch-Geistigen, Geistig-Physischen bewußt heraus. Das paradiesische Land ist das Hineinspielen des Geistigen in das physische Bewußtsein, dann wiederum ins Physische zurück:

Da rase draußen Flut bis auf zum Rand.

Da rase draußen Flut bis auf zum Rand.

[ 34 ] Gewiß, es bedeutet auch die äußere Situation, aber daß die Worte gewählt sind, das ist von Goethe voll bewußt geschehen. Nun:

[ 34 ] Gewiß, es bedeutet auch die äußere Situation, aber daß die Worte gewählt sind, das ist von Goethe voll bewußt geschehen. Nun:

Gemeindrang eilt, die Lücke zu verschließen.

Gemeindrang eilt, die Lücke zu verschließen.

[ 35 ] Und jetzt merkwürdige Worte:

[ 35 ] Und jetzt merkwürdige Worte:

Ja! diesem Sinne bin ich ganz ergeben,
Das ist der Weisheit letzter Schluß:
Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,
Der täglich sie erobern muß.
Und so verbringt, umrungen von Gefahr,
Hier Kindheit, Mann und Greis sein tüchtig Jahr.
Solch ein Gewimmel möcht’ ich sehn,
Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn.
Zum Augenblicke dürft’ ich sagen:
Verweile doch, du bist so schön!
Es kann die Spur von meinen Erdetagen
Nicht in Äonen untergehn.

Ja! diesem Sinne bin ich ganz ergeben,
Das ist der Weisheit letzter Schluß:
Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,
Der täglich sie erobern muß.
Und so verbringt, umrungen von Gefahr,
Hier Kindheit, Mann und Greis sein tüchtig Jahr.
Solch ein Gewimmel möcht’ ich sehn,
Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn.
Zum Augenblicke dürft’ ich sagen:
Verweile doch, du bist so schön!
Es kann die Spur von meinen Erdetagen
Nicht in Äonen untergehn.

[ 36 ] Man muß dieses Wort oft und oft wiederholt hören als ein schönes Wort, das Faust ausspricht, weil er fühlt: Du hast etwas getan für das Gemeinwohl, du hast gewirkt. — Und jetzt überkommt ihn das ungeheure Gefühl, wie das fortwirken wird durch Äonen, wie er gleichsam seinen Ruhm begründet hat in seinen Taten, und seinem Wohlgefühl überläßt er sich, Man hört es oft zitieren. Ich habe es sogar schon zitieren gehört von Leuten, die andern Leuten etwas Schönes sagen wollten und diese Worte zitieren. Du kannst auch sagen: Es wird die Spur von meinen Erdentagen — das heißt, von deinen Erdentagen — nicht in ÄAonen untergehn. — Und dennoch, wie sehr auch dies als ein schönes Wort aufgefaßt wird, seien wir uns doch klar darüber, es ist ein rein luziferisches Wort, ein Wohlgefühl im Ruhm. Wir fühlen noch einmal, wie die Seele des Faust ganz wie von Luzifer verführt wird, nicht nur hinblickend auf die Taten, sondern in wüst geistig-egoistischer Weise fühlend seinen Ruhm durch Äonen. Es wächst der Egoismus ins Riesengroße und wird noch besiegelt, dieser maßlose Egoismus:

[ 36 ] Man muß dieses Wort oft und oft wiederholt hören als ein schönes Wort, das Faust ausspricht, weil er fühlt: Du hast etwas getan für das Gemeinwohl, du hast gewirkt. — Und jetzt überkommt ihn das ungeheure Gefühl, wie das fortwirken wird durch Äonen, wie er gleichsam seinen Ruhm begründet hat in seinen Taten, und seinem Wohlgefühl überläßt er sich, Man hört es oft zitieren. Ich habe es sogar schon zitieren gehört von Leuten, die andern Leuten etwas Schönes sagen wollten und diese Worte zitieren. Du kannst auch sagen: Es wird die Spur von meinen Erdentagen — das heißt, von deinen Erdentagen — nicht in ÄAonen untergehn. — Und dennoch, wie sehr auch dies als ein schönes Wort aufgefaßt wird, seien wir uns doch klar darüber, es ist ein rein luziferisches Wort, ein Wohlgefühl im Ruhm. Wir fühlen noch einmal, wie die Seele des Faust ganz wie von Luzifer verführt wird, nicht nur hinblickend auf die Taten, sondern in wüst geistig-egoistischer Weise fühlend seinen Ruhm durch Äonen. Es wächst der Egoismus ins Riesengroße und wird noch besiegelt, dieser maßlose Egoismus:

Im Vorgefühl von solchem hohen Glück
Genieß’ ich jetzt den höchsten Augenblick.

Im Vorgefühl von solchem hohen Glück
Genieß’ ich jetzt den höchsten Augenblick.

[ 37 ] Wahrhaftig, der Teufel ist kein Tropf. Nach solchem Juziferischen Ausbruch, da könnte man schon vermeinen, daß der Teufel ihn hätte, denn es ist noch einmal ein ganz luziferisch-wonniges Gefühl, eine höchste Ewigkeitsbegierde. Und wir dürfen nicht an den dummen Teufel denken, sondern an den gescheiten Mephistopheles-Ahriman, wenn er jetzt sagt, was ganz zutreffend ist:

[ 37 ] Wahrhaftig, der Teufel ist kein Tropf. Nach solchem Juziferischen Ausbruch, da könnte man schon vermeinen, daß der Teufel ihn hätte, denn es ist noch einmal ein ganz luziferisch-wonniges Gefühl, eine höchste Ewigkeitsbegierde. Und wir dürfen nicht an den dummen Teufel denken, sondern an den gescheiten Mephistopheles-Ahriman, wenn er jetzt sagt, was ganz zutreffend ist:

Ihn sättigt keine Lust, ihm genügt kein Glück,
So buhlt er fort nach wechselnden Gestalten;
Den letzten, schlechten, leeren Augenblick,
Der Arme wünscht ihn festzuhalten.

Ihn sättigt keine Lust, ihm genügt kein Glück,
So buhlt er fort nach wechselnden Gestalten;
Den letzten, schlechten, leeren Augenblick,
Der Arme wünscht ihn festzuhalten.

[ 38 ] Die Seele hat sich ganz gelockert, aber mit einem Luziferischen vom Leibe getrennt. Ganz gut schließt es sich an die nicht minder innerlich wollüstigen Worte an, die der Faust äußert, indem er aus dem Palast tritt und sich an den Türpfosten forttastet:

[ 38 ] Die Seele hat sich ganz gelockert, aber mit einem Luziferischen vom Leibe getrennt. Ganz gut schließt es sich an die nicht minder innerlich wollüstigen Worte an, die der Faust äußert, indem er aus dem Palast tritt und sich an den Türpfosten forttastet:

Wie das Geklirr der Spaten mich ergetzt!
Es ist die Menge, die mir frönet.

Wie das Geklirr der Spaten mich ergetzt!
Es ist die Menge, die mir frönet.

[ 39 ] Man soll nicht denken, daß das keine Versuchung ist, in diesem letzten Augenblicke noch einmal daran zu denken, daß einem die Menge frönet! Die luziferische Versuchung ist noch einmal da, deutlich da. Und nicht dumm ist Mephistopheles, wenn er glaubt, jetzt sei der Augenblick da, der sich anschließen kann an jenes Gespräch, in dem Faust ihm die Seele verschrieben hat. Da sind sie miteinander im Gespräch gewesen: wir erinnern uns an den ersten Teil, wo Faust noch nicht aus dem halb errungenen geistigen Bewußtsein, sondern aus dem physischen Bewußtsein heraus die Worte gesagt hat:

[ 39 ] Man soll nicht denken, daß das keine Versuchung ist, in diesem letzten Augenblicke noch einmal daran zu denken, daß einem die Menge frönet! Die luziferische Versuchung ist noch einmal da, deutlich da. Und nicht dumm ist Mephistopheles, wenn er glaubt, jetzt sei der Augenblick da, der sich anschließen kann an jenes Gespräch, in dem Faust ihm die Seele verschrieben hat. Da sind sie miteinander im Gespräch gewesen: wir erinnern uns an den ersten Teil, wo Faust noch nicht aus dem halb errungenen geistigen Bewußtsein, sondern aus dem physischen Bewußtsein heraus die Worte gesagt hat:

Schlägst du erst diese Welt zu Trümmern,
Die andere mag darnach entstehn.
Aus dieser Erde quillen meine Freuden,
Und diese Sonne scheinet meinen Leiden;
Kann ich mich erst von ihnen scheiden,
Dann mag, was will und kann, geschehn.
Davon will ich nichts weiter hören,
Ob man auch künftig haßt und liebt,
Und ob es auch in jenen Sphären
Ein Oben oder Unten gibt.

Schlägst du erst diese Welt zu Trümmern,
Die andere mag darnach entstehn.
Aus dieser Erde quillen meine Freuden,
Und diese Sonne scheinet meinen Leiden;
Kann ich mich erst von ihnen scheiden,
Dann mag, was will und kann, geschehn.
Davon will ich nichts weiter hören,
Ob man auch künftig haßt und liebt,
Und ob es auch in jenen Sphären
Ein Oben oder Unten gibt.

[ 40 ] Man könnte meinen, zurückblickend auf diese Zeit könnte Faust schon sagen:

[ 40 ] Man könnte meinen, zurückblickend auf diese Zeit könnte Faust schon sagen:

Ich bin nur durch die Welt gerannt.

[ 41 ] Da sagt Mephistopheles:

Ich bin nur durch die Welt gerannt.

[ 41 ] Da sagt Mephistopheles:

In diesem Sinne kannst du’s wagen.
Verbinde dich; du sollst in diesen Tagen
Mit Freuden meine Künste sehn,
Ich gebe dir, was noch kein Mensch gesehn.

In diesem Sinne kannst du’s wagen.
Verbinde dich; du sollst in diesen Tagen
Mit Freuden meine Künste sehn,
Ich gebe dir, was noch kein Mensch gesehn.

[ 42 ] Faust:

[ 42 ] Faust:

Was willst du armer Teufel geben?
Ward eines Menschen Geist, in seinem hohen Streben,
Von deinesgleichen je gefaßt?
Doch hast du Speise, die nicht sättigt, hast
Du rotes Gold, das ohne Rast,
Quecksilber gleich, dir in der Hand zerrinnt,
Ein Spiel, bei dem man nie gewinnt,
Ein Mädchen, das an meiner Brust
Mit Augeln schon dem Nachbar sich verbindet,
Der Ehre schöne Götterlust,
Die, wie ein Meteor, verschwindet?
Zeig mir die Frucht, die fault, eh’ man sie bricht,
Und Bäume, die sich täglich neu begrünen!
Ein solcher Auftrag schreckt mich nicht,

Was willst du armer Teufel geben?
Ward eines Menschen Geist, in seinem hohen Streben,
Von deinesgleichen je gefaßt?
Doch hast du Speise, die nicht sättigt, hast
Du rotes Gold, das ohne Rast,
Quecksilber gleich, dir in der Hand zerrinnt,
Ein Spiel, bei dem man nie gewinnt,
Ein Mädchen, das an meiner Brust
Mit Augeln schon dem Nachbar sich verbindet,
Der Ehre schöne Götterlust,
Die, wie ein Meteor, verschwindet?
Zeig mir die Frucht, die fault, eh’ man sie bricht,
Und Bäume, die sich täglich neu begrünen!
Ein solcher Auftrag schreckt mich nicht,

[ 43 ] antwortet Mephistopheles,

[ 43 ] antwortet Mephistopheles,

Mit solchen Schätzen kann ich dienen.
Doch, guter Freund, die Zeit kommt auch heran,
Wo wir was Gut’s in Ruhe schmausen mögen.

Mit solchen Schätzen kann ich dienen.
Doch, guter Freund, die Zeit kommt auch heran,
Wo wir was Gut’s in Ruhe schmausen mögen.

[ 44 ] Und jetzt das gewichtige Wort, das Faust spricht:

[ 44 ] Und jetzt das gewichtige Wort, das Faust spricht:

Werd’ ich beruhigt je mich auf ein Faulbett legen,
So sei es gleich um mich getan!
Kannst du mich schmeichelnd je belügen,
Daß ich mir selbst gefallen mag,
Kannst du mich mit Genuß betrügen;
Das sei für mich der letzte Tag!
Die Wette biet ich!

Werd’ ich beruhigt je mich auf ein Faulbett legen,
So sei es gleich um mich getan!
Kannst du mich schmeichelnd je belügen,
Daß ich mir selbst gefallen mag,
Kannst du mich mit Genuß betrügen;
Das sei für mich der letzte Tag!
Die Wette biet ich!

[ 45 ] Nun, wie wäre das nicht erfüllt? Vollster Genuß sogar im Vorgefühl ewigen Ruhmes ist jetzt da.

[ 45 ] Nun, wie wäre das nicht erfüllt? Vollster Genuß sogar im Vorgefühl ewigen Ruhmes ist jetzt da.

[ 46 ] Mephistopheles:

[ 46 ] Mephistopheles:

Top!

Top!

[ 47 ] Faust:

[ 47 ] Faust:

Und Schlag auf Schlag!
Werd’ ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! du bist so schön!

Und Schlag auf Schlag!
Werd’ ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! du bist so schön!

[ 48 ] — Sagt er es denn nicht?! —

[ 48 ] — Sagt er es denn nicht?! —

Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
Dann will ich gern zu Grunde gehn!
Dann mag die Totenglocke schallen,
Dann bist du deines Dienstes frei,
Die Uhr mag stehn, der Zeiger fallen,
Es sei die Zeit für mich vorbei!

Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
Dann will ich gern zu Grunde gehn!
Dann mag die Totenglocke schallen,
Dann bist du deines Dienstes frei,
Die Uhr mag stehn, der Zeiger fallen,
Es sei die Zeit für mich vorbei!

[ 49 ] Mephistopheles:

[ 49 ] Mephistopheles:

Bedenk’ es wohl, wir werden’s nicht vergessen.

Bedenk’ es wohl, wir werden’s nicht vergessen.

[ 50 ] Und er vergißt es nicht. Er sagt es jetzt, der Mephistopheles, nachdem Faust den höchsten Augenblick genossen hat:

[ 50 ] Und er vergißt es nicht. Er sagt es jetzt, der Mephistopheles, nachdem Faust den höchsten Augenblick genossen hat:

Ihn sättigt keine Lust, ihm gnügt kein Glück,
So buhlt er fort nach wechselnden Gestalten;
Den letzten, schlechten, leeren Augenblick,
Der Arme wünscht ihn festzuhalten.
Der mir so kräftig widerstand,
Die Zeit wird Herr, der Greis hier liegt im Sand.
Die Uhr steht still

Ihn sättigt keine Lust, ihm gnügt kein Glück,
So buhlt er fort nach wechselnden Gestalten;
Den letzten, schlechten, leeren Augenblick,
Der Arme wünscht ihn festzuhalten.
Der mir so kräftig widerstand,
Die Zeit wird Herr, der Greis hier liegt im Sand.
Die Uhr steht still

[ 51 ] Vollständig die Erfüllung der Situation; denn Faust sagt:

[ 51 ] Vollständig die Erfüllung der Situation; denn Faust sagt:

Die Uhr mag stehn, der Zeiger fallen.

Die Uhr mag stehn, der Zeiger fallen.

[ 52 ] Mephisto:

[ 52 ] Mephisto:

Die Uhr steht still —

Die Uhr steht still —

[ 53 ] Der Lemurenchor:

[ 53 ] Der Lemurenchor:

Steht still! sie schweigt wie Mitternacht.
Der Zeiger fällt.

Steht still! sie schweigt wie Mitternacht.
Der Zeiger fällt.

[ 54 ] Eingetreten, was beim Eingehen der Wette vorausbestellt ist. Mephistopheles kann annehmen, sein Werk sei getan:

[ 54 ] Eingetreten, was beim Eingehen der Wette vorausbestellt ist. Mephistopheles kann annehmen, sein Werk sei getan:

Er fällt, es ist vollbracht.

Er fällt, es ist vollbracht.

[ 55 ] Aus des Mephistopheles Munde das Wort des Kreuzes: «Es ist vollbracht!» Gleich aber der Lemurenchor, der die Stimme der Erde gibt:

[ 55 ] Aus des Mephistopheles Munde das Wort des Kreuzes: «Es ist vollbracht!» Gleich aber der Lemurenchor, der die Stimme der Erde gibt:

Es ist vorbei.

Es ist vorbei.

[ 56 ] Das fällt in des Mephistopheles Seelentum furchtbar hinein. Er hat gesagt: «Es ist vollbracht.» Der Lemurenchor antwortet ihm: «Es ist vorbei.» Das ist der gewaltige Unterschied. Vorbei — das Wort will er nicht:

[ 56 ] Das fällt in des Mephistopheles Seelentum furchtbar hinein. Er hat gesagt: «Es ist vollbracht.» Der Lemurenchor antwortet ihm: «Es ist vorbei.» Das ist der gewaltige Unterschied. Vorbei — das Wort will er nicht:

Vorbei! Ein dummes Wort.
Warum vorbei?
Vorbei und reines Nichts, vollkommnes Einerlei!

Vorbei! Ein dummes Wort.
Warum vorbei?
Vorbei und reines Nichts, vollkommnes Einerlei!

[ 57 ] Bei diesen Worten, da ist es zu suchen, um was es sich handelt. Zunächst ist ja Mephistopheles im Gespräch mit seinen Lemuren; er glaubt, es ist vollbracht, aber es ist nur vorbei. Und nun besinnt er sich auf sich. Den Widerspruch: Vollbracht, vorbei - er will ihn verstehen.

[ 57 ] Bei diesen Worten, da ist es zu suchen, um was es sich handelt. Zunächst ist ja Mephistopheles im Gespräch mit seinen Lemuren; er glaubt, es ist vollbracht, aber es ist nur vorbei. Und nun besinnt er sich auf sich. Den Widerspruch: Vollbracht, vorbei - er will ihn verstehen.

Vorbei und reines Nichts, vollkommnes Einerlei!
Was soll uns denn das ew’ge Schaffen!
Geschaffenes zu nichts hinwegzuraffen!
«Da ist’s vorbei!» Was ist daran zu lesen?
Es ist so gut, als wär es nicht gewesen,
Und treibt sich doch im Kreis, als wenn es wäre.
Ich liebte mir dafür das Ewigleere.

Vorbei und reines Nichts, vollkommnes Einerlei!
Was soll uns denn das ew’ge Schaffen!
Geschaffenes zu nichts hinwegzuraffen!
«Da ist’s vorbei!» Was ist daran zu lesen?
Es ist so gut, als wär es nicht gewesen,
Und treibt sich doch im Kreis, als wenn es wäre.
Ich liebte mir dafür das Ewigleere.

[ 58 ] In diesen Worten, ich sagte schon, liegt das, was zu suchen ist. Daß Goethe solche Worte gewählt hat, daß er die Szene aufgebaut hat aus dem Genießen des höchsten Augenblicks, so wie es dargestellt ist, daß er den Mephistopheles so mit den Lemuren sich unterhalten läßt, bezeugt, daß Goethe ein Allertiefstes hat sagen können, ein Tiefstes, an das auch heute eigentlich nur gerührt werden kann, denn in diesem liegt es, warum die letzte Szene folgen muß. Wäre die Sache so, wie viele FaustKommentatoren gemeint haben, daß Mephisto einfach mißverstanden hat, aufgesessen ist, dann brauchte die letzte Szene wahrhaftig nicht mehr zu folgen. Dann wäre die Sache einfach genug, dann läge sie so, daß Faust nicht gedacht hat, daß es auch einen so hohen Genuß geben kann wie den, der sich ausdrückt in den Worten:

[ 58 ] In diesen Worten, ich sagte schon, liegt das, was zu suchen ist. Daß Goethe solche Worte gewählt hat, daß er die Szene aufgebaut hat aus dem Genießen des höchsten Augenblicks, so wie es dargestellt ist, daß er den Mephistopheles so mit den Lemuren sich unterhalten läßt, bezeugt, daß Goethe ein Allertiefstes hat sagen können, ein Tiefstes, an das auch heute eigentlich nur gerührt werden kann, denn in diesem liegt es, warum die letzte Szene folgen muß. Wäre die Sache so, wie viele FaustKommentatoren gemeint haben, daß Mephisto einfach mißverstanden hat, aufgesessen ist, dann brauchte die letzte Szene wahrhaftig nicht mehr zu folgen. Dann wäre die Sache einfach genug, dann läge sie so, daß Faust nicht gedacht hat, daß es auch einen so hohen Genuß geben kann wie den, der sich ausdrückt in den Worten:

Es kann die Spur von meinen Erdetagen
Nicht in Aonen untergehn ...

Es kann die Spur von meinen Erdetagen
Nicht in Aonen untergehn ...

[ 59 ] Mephisto hatte auch nicht daran gedacht; alle beide haben sie daran nicht gedacht. Alle beide haben sie nicht gedacht, daß Faust jemals zum Augenblick sagen wird: «Verweile doch, du bist so schön.» Aber weil das etwas Höheres ist, den Augenblick so zu empfinden, wird der dumme Teufel geprellt um seine Wette: so ungefähr erklären es die Faust-Erklärer alle zusammen. — Nun, dann hätte der Teufel eben die Seele verloren, die Engel hätten sie erbeutet — es wäre alles in Ordnung. Wir brauchten die letzte Szene nicht. Und Goethe hätte sie ganz gewiß nicht geschrieben, da er ein Mann der dichterischen Okonomie war. Aber man versteht den «Faust» nicht, wenn man ihn so oberflächlich nimmt. Man versteht ihn nur, wenn man sich voll klarmacht: Ja, hier will Goethe noch einmal eine luziferische Verführung, selbst schon als der Tod vollständig eintritt, an Faust herankommen lassen, eine echte luziferische Verführung. — Und es ist Luzifer nochmals da in dem Augenblicke, als Faust spricht:

[ 59 ] Mephisto hatte auch nicht daran gedacht; alle beide haben sie daran nicht gedacht. Alle beide haben sie nicht gedacht, daß Faust jemals zum Augenblick sagen wird: «Verweile doch, du bist so schön.» Aber weil das etwas Höheres ist, den Augenblick so zu empfinden, wird der dumme Teufel geprellt um seine Wette: so ungefähr erklären es die Faust-Erklärer alle zusammen. — Nun, dann hätte der Teufel eben die Seele verloren, die Engel hätten sie erbeutet — es wäre alles in Ordnung. Wir brauchten die letzte Szene nicht. Und Goethe hätte sie ganz gewiß nicht geschrieben, da er ein Mann der dichterischen Okonomie war. Aber man versteht den «Faust» nicht, wenn man ihn so oberflächlich nimmt. Man versteht ihn nur, wenn man sich voll klarmacht: Ja, hier will Goethe noch einmal eine luziferische Verführung, selbst schon als der Tod vollständig eintritt, an Faust herankommen lassen, eine echte luziferische Verführung. — Und es ist Luzifer nochmals da in dem Augenblicke, als Faust spricht:

Im Vorgefühl von solchem hohen Glück
Genieß? ich jetzt den höchsten Augenblick.

Im Vorgefühl von solchem hohen Glück
Genieß? ich jetzt den höchsten Augenblick.

[ 60 ] Nun folgt die eigentliche Grablegung und das Sich-Anschicken des Mephisto, mit den Höllengeistern die Seele zu erbeuten. Die Engel kommen und gewinnen den Sieg über die Teufel. Die Seele ist scheinbar erlöst, wird hinweggetragen, aber die Dichtung ist nicht aus. Was geht da eigentlich vor? Ja, so ohne weiteres konnte Goethe nicht sagen, was da vorgeht. Aber es stehen viele Worte da, durch die er sich für den, der verstehen will, deutlich genug ausgesprochen hat. Nur stimmt die Vorstellung nicht, die man sich so leicht macht von jenem Engelchore, der da anrückt, um sich die Seele zu holen. So ganz ist es nicht unrichtig, daß die Engel, die da anrücken, allzu hoffärtig sind und sich nun vorkommen als die vollsten Lichtgeister, und die Teufel — die dicken und die dürren Teufel - nur so verachten, und sich jetzt ganz fromm nur vorkommen, so recht brav, so recht fromm. Daß er die Vorstellung doch nicht so ohne weiteres haben wollte, hat Goethe schon angedeutet, indem er den Mephisto, den er wahrhaftig nicht als einen ganz dummen Teufel hinstellt, die Worte sagen läßt, die so eingestreut sind an einer Stelle:

[ 60 ] Nun folgt die eigentliche Grablegung und das Sich-Anschicken des Mephisto, mit den Höllengeistern die Seele zu erbeuten. Die Engel kommen und gewinnen den Sieg über die Teufel. Die Seele ist scheinbar erlöst, wird hinweggetragen, aber die Dichtung ist nicht aus. Was geht da eigentlich vor? Ja, so ohne weiteres konnte Goethe nicht sagen, was da vorgeht. Aber es stehen viele Worte da, durch die er sich für den, der verstehen will, deutlich genug ausgesprochen hat. Nur stimmt die Vorstellung nicht, die man sich so leicht macht von jenem Engelchore, der da anrückt, um sich die Seele zu holen. So ganz ist es nicht unrichtig, daß die Engel, die da anrücken, allzu hoffärtig sind und sich nun vorkommen als die vollsten Lichtgeister, und die Teufel — die dicken und die dürren Teufel - nur so verachten, und sich jetzt ganz fromm nur vorkommen, so recht brav, so recht fromm. Daß er die Vorstellung doch nicht so ohne weiteres haben wollte, hat Goethe schon angedeutet, indem er den Mephisto, den er wahrhaftig nicht als einen ganz dummen Teufel hinstellt, die Worte sagen läßt, die so eingestreut sind an einer Stelle:

Die Pfaffenmiene will dich gar nicht kleiden,

Die Pfaffenmiene will dich gar nicht kleiden,

[ 61 ] und insbesondere das bedeutungsvolle Wort:

[ 61 ] und insbesondere das bedeutungsvolle Wort:

Es sind auch Teufel, doch verkappt.

Es sind auch Teufel, doch verkappt.

[ 62 ] Sie sind auch von Luzifers Geschlecht. Das steht nicht zum Spaß da! So weit sich das überhaupt sagen läßt, inwieferne es im Ernste dasteht, wollen wir morgen die Sache weiterbetrachten.

[ 62 ] Sie sind auch von Luzifers Geschlecht. Das steht nicht zum Spaß da! So weit sich das überhaupt sagen läßt, inwieferne es im Ernste dasteht, wollen wir morgen die Sache weiterbetrachten.