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Faust, the Striving Human Being
Spiritual Scientific Explanations of Goethe's Faust
GA 272

9 September 1916, Dornach

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Faust, the Striving Human Being, tr. SOL
  1. Faust, der strebende Mensch Geisteswissenschaftliche

13. Goethes Einblicke In Die Geheimnisse Des Menschlichen Daseins

13. Goethe's Insights into the Mysteries of Human Existence

nach einer eurythmischen Darstellung der Szenen «Mitternacht» und «Grablegung»

following a eurythmic performance of the scenes “Midnight” and “The Burial”

[ 1 ] Wir haben wieder ein Stück des Goetheschen «Faust» vor unserer Seele vorüberziehen lassen. Einiges von dem, was aus geisteswissenschaftlichen Grundlagen heraus in das Verständnis einführen kann, versuchte ich im letzten Vortrag hier zu entwickeln, als ich über das Wesen der Lemuren, der Dick- und Dürrteufel sprach. Bei einer solchen Gelegenheit versuchen wir dann immer, nicht bloß etwas zum Verständnis dieser Dichtung uns aufzusuchen, sondern von der Dichtung ausgehend einiges zu gewinnen in allgemein geisteswissenschaftlicher Bedeutung, Ausblicke zu tun in jene wahren Wirklichkeiten, die Goethe zu erreichen versuchte mit seinem «Faust».

[ 1 ] Once again, we have allowed a passage from Goethe’s *Faust* to pass before our souls. In my last lecture here, I attempted to develop some of the insights that can be gained from a perspective based on Spiritual Science, when I spoke about the nature of the lemurs and the fat and thin devils. On such occasions, we always try not merely to seek insights for understanding this work of literature, but—starting from the work itself—to gain something of general significance in the field of Spiritual Science and to glimpse those true realities that Goethe sought to attain with his *Faust*.

[ 2 ] Heute möchte ich einige Betrachtungen anknüpfen gerade an dasjenige, was eben vor unserer Seele vorübergezogen ist. Bedeutsam kann es uns doch erscheinen, daß diese Szene, die wir gerade haben zu Ende gehen sehen, nicht die letzte Szene des Goetheschen «Faust» ist, sondern daß sie, wie wir wissen, gefolgt ist von jener andern Szene, die wir vor einiger Zeit schon hier aufgeführt haben. Sie erinnern sich: Bergschluchten, Wald, Fels, Einöde, heilige Anachoreten, Chor, Echo, Waldung, die heranschwankt und so weiter, wo wir geführt werden durch die andächtige Meditation des Pater ecstaticus, Pater profundus, Pater Seraphicus, durch den Chor der seligen Knaben, wo uns die Engel wieder begegnen, welche in der Szene, die wir heute gesehen haben, Faustens Unsterbliches in die oberen Regionen tragen, wo uns ferner begegnet die Dreiheit der Büßerinnen, der Doctor Marianus, die Mater gloriosa als Gretchen-Führerin bis zum Schlußchor, dem eigentlichen mystischen Chor:

[ 2 ] Today I would like to offer some reflections specifically on what has just passed before our eyes. It may seem significant to us, after all, that this scene, which we have just seen come to an end, is not the final scene of Goethe’s *Faust*, but that—as we know—it is followed by that other scene which we presented here some time ago. You will recall: mountain gorges, forest, cliffs, wilderness, holy anchorites, a chorus, an echo, the forest swaying toward us, and so on—where we are guided through the devout meditation of Pater ecstaticus, Pater profundus, Pater Seraphicus, through the choir of the blessed boys, where we once again encounter the angels who, in the scene we saw today, carry Faust’s immortal soul to the higher regions, where we also encounter the Trinity of Penitents, Doctor Marianus, and Mater Gloriosa as Gretchen’s guide, right up to the final chorus—the true mystical chorus:

Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis ...

All that is fleeting
Is just a parable ...

[ 3 ] Das alles folgt auf jene Szene, die wir heute gesehen haben, und die darstellt den Kampf der Lichtgeister mit den Geistern der Finsternis um die Seele des Faust.

[ 3 ] All of this follows the scene we saw today, which depicts the battle between the spirits of light and the spirits of darkness for Faust’s soul.

[ 4 ] Man geht oftmals, wenn man den «Faust» zu erklären versucht, von Szene zu Szene, ja oftmals von Satz zu Satz, man stellt nicht Fragen, die gestellt werden können, und die eigentlich erst Licht verbreitend sind über diese große, gewaltige Dichtung. — Wir haben heute gesehen, wie Fausts Grablegung erfolgt ist, wie Mephistopheles-Ahriman sein Spiel verloren hat, wie die Seele in die geistigen Regionen hinaufgetragen worden ist. Man könnte sich von einem gewissen Gesichtspunkte aus fragen: Könnte denn nicht die Faust-Dichtung eigentlich damit schließen? Wissen wir jetzt nicht im Grunde genommen alles, um was es sich handelt? Wissen wir nicht, daß Mephistopheles seine Wette verloren hat, daß alle Anstrengungen, die er hat machen können durch die Lebenszeit des Faust hindurch, die er hat begleiten können, verloren sind, daß Faustens Seele in die Lichtregion aufgenommen ist, daß also das ebenfalls im Hinblick auf eine Faust-Dichtung von Lessing gesprochene Wort gegenüber den Geistern der Finsternis: «Ihr sollt nicht siegen» erfüllt ist? Könnten wir nicht glauben, damit wäre eigentlich alles aus, die Faust-Dichtung hätte ihr Ende gefunden? — Die Frage stellt sich uns vor die Seele: Warum folgt denn der uns bekannte Schluß nun noch auf dasjenige, was wir heute gesehen haben? — Und indem man diese Frage aufwirft und sich dann mit ihrer Beantwortung beschäftigt, rührt man an bedeutungsvolle Geheimnisse des menschlichen Lebens in seinem Zusammenhange mit dem Weltganzen. Daß Goethe diesen Schluß des «Faust» so gestaltet hat, wie er ihn gestaltet hat, zeigt gerade, wie tief er in den Untergründen seines Lebens in einer Zeit, in der es die Geisteswissenschaft noch nicht gegeben hat, Einblick hatte in die Geheimnisse des menschlichen Daseins. Vieles, vieles liegt in der Szene, die heute vorgeführt worden ist, und noch mehr liegt in der Tatsache, daß diese Szene gefolgt wird von andern Schlußszenen. Vieles von dem, welches beweist, daß Goethe tiefste Geheimnisse des Daseins kannte, daß er aber auch genötigt war, in einer solchen Weise die Geheimnisse des Daseins vorzuführen, welche nur dem, der tiefer in das geistige Leben, in seine Wesenheit sich einlassen will, zugänglich sind. Ganz absichtlich hat Goethe vieles verhüllt ausgedrückt, wie er selbst sagte, in die Faust-Dichtung hineingeheimnißt. Vieles von dem gewissermaßen nur in Umhüllung gesagt, was bei den stumpfsinnigen Menschen, die aus Furcht und Bequemlichkeit nicht an die Erkenntnis der geistigen Welt heran wollen, Haß und Gegnerschaft auslöst, vieles von dem hat er verhüllt angedeutet. Allerdings ist dadurch auch durch vierundachtzig Jahre die Faust-Dichtung Goethes mehr oder weniger unverstanden geblieben und wird erst nach und nach, wenn wir der Zukunft entgegenleben können, in ihren Tiefen sich der Menschheit enthüllen. Ja, man kann schon sagen, die geisteswissenschaftliche Erkenntnis wird erst diejenigen künstlerischen Empfindungen auslösen können, welche das Verständnis der Faust-Dichtung vermitteln können.

[ 4 ] When attempting to explain *Faust*, one often proceeds from scene to scene, indeed often from sentence to sentence; one does not ask the questions that could be asked—and which are actually the ones that shed light on this great, powerful work of poetry. — Today we have seen how Faust’s burial took place, how Mephistopheles-Ahriman lost his game, and how the soul was carried up into the spiritual realms. From a certain point of view, one might ask: Couldn’t the *Faust* epic actually end there? Don’t we now, in essence, know everything there is to know about it? Do we not know that Mephistopheles has lost his wager, that all the efforts he was able to make throughout Faust’s lifetime—which he was able to accompany—have been in vain, that Faust’s soul has been received into the realm of light, and that thus the words spoken by Lessing with regard to the *Faust* epic to the spirits of darkness—“You shall not prevail”—have been fulfilled? Could we not believe that this actually brings everything to a close, that the “Faust” epic has reached its end? — The question arises in our souls: Why, then, does the conclusion we know still follow what we have seen today? — And in raising this question and then engaging with its answer, we touch upon profound mysteries of human life in its connection with the whole of the world. The fact that Goethe shaped this conclusion to *Faust* the way he did shows precisely how deeply he had insight into the mysteries of human existence, even in the depths of his own life at a time when Spiritual Science did not yet exist. There is much, very much, contained in the scene that was performed today, and even more lies in the fact that this scene is followed by other concluding scenes. Much of it proves that Goethe knew the deepest mysteries of existence, but that he was also compelled to present these mysteries in a way that is accessible only to those who are willing to delve more deeply into spiritual life and its essence. Quite deliberately, Goethe expressed much in veiled terms; as he himself said, he enshrined it as a mystery within the *Faust* poem. Much of what is, so to speak, expressed only in veiled terms—which provokes hatred and opposition among dull-witted people who, out of fear and complacency, do not wish to approach the knowledge of the spiritual world—much of this he hinted at in a veiled manner. However, as a result, Goethe’s *Faust* has remained more or less misunderstood for eighty-four years and will only gradually reveal its depths to humanity as we move toward the future. Indeed, one can already say that Spiritual Science insight will be the first to awaken those artistic sensibilities capable of conveying an understanding of the *Faust* epic.

[ 5 ] Blicken wir zunächst zurück auf die erschütternd eindrucksvolle Szene, in der Faust ansichtig wird der vier grauen Weiber: des Mangels, der Schuld, der Not, der Sorge. Seien wir uns klar darüber, daß Faust dieses Erlebnis mit den vier grauen Weibern hat in einem Augenblicke, da er durchgegangen ist durch viele, viele geistige Lebenserfahrungen, besser gesagt: Lebenserfahrungen, die bei ihm geistiges Verständnis hervorgerufen haben. Goethe stellt sich seinen Faust in der Zeit, welche für den Faust dargestellt wird durch diese Schlußszene, hundertjährig vor, hundert Jahre alt geworden, das hat Goethe selbst ausgesprochen. Heute ist Faust zunächst vor uns gestanden mit diesen ganzen in seiner Seele vergeistigten Erfahrungen, wie er auf dem Balkon steht seines Heims, das er sich geschaffen hat an einer Arbeitsstätte, von der aus er für die menschliche Zukunft hat Arbeit leisten wollen. Auf seine Seele blicken wir so, daß in deren Empfindungen sich gleichsam zusammenfaßt all das, was er an Befriedigung empfindet, was er hat leisten dürfen für die Menschheit dadurch, daß er ein freies Land für freie Menschen dem Meere abgerungen hat.

[ 5 ] Let us first look back at the deeply moving and striking scene in which Faust encounters the four gray women: Want, Guilt, Distress, and Worry. Let us be clear that Faust has this encounter with the four gray women at a moment when he has already gone through many, many spiritual life experiences—or rather, life experiences that have evoked spiritual understanding in him. Goethe envisions his Faust, at the time depicted in this final scene, as being one hundred years old; he has reached the age of one hundred—as Goethe himself stated. Today, Faust has first appeared before us with all these experiences spiritualized within his soul, as he stands on the balcony of his home—a home he has created for himself at a place of work from which he sought to contribute to the future of humanity. We look upon his soul in such a way that its feelings, as it were, encapsulate all the satisfaction he feels—all that he was able to accomplish for humanity by reclaiming a free land for free people from the sea.

Die Sterne bergen Blick und Schein,
Das Feuer sinkt und lodert klein;
Ein Schauerwindchen fächelt’s an,
Bringt Rauch und Dunst zu mir heran.
Geboten schnell, zu schnell getan!

The stars hold their gaze and radiance,
The fire dies down and blazes faintly;
A light, chilly breeze fans it,
Bringing smoke and mist my way.
Quickly commanded, too quickly done!

[ 6 ] Nun geht scheinbar vor seinem Blick, in Wahrheit in innerer Vision, dasjenige vor, was die Erscheinung der vier grauen Weiber bildet:

[ 6 ] Now, seemingly before his eyes—but in reality in an inner vision—unfolds the scene that constitutes the apparition of the four gray women:

Was schwebet schattenhaft heran?

What is that shadowy figure floating toward us?

[ 7 ] Wir müssen uns vorstellen, daß durch die Vertiefung, welche die Seele Fausts erfahren hat, diese Seele fähig geworden ist, aus dem tiefen inneren Born selber heraus die Vision der vier Gestalten — des Mangels, der Not, der Sorge, der Schuld — zu haben. Innerliches Erlebnis im wahrsten Sinne des Wortes ist diese «Szene um Mitternacht», innerliches Erlebnis, wie es in Faust dadurch hervorgerufen wird, daß sich die Seele beginnt langsam vom Leibe zu lösen. Denn das ist das merkwürdig Geheimnisvolle, was Goethe ganz augenscheinlich beabsichtigt hat, daß von dem Augenblicke an, wo die drei grauen Weiber sprechen das Wort:

[ 7 ] We must create a mental image of the situation in which, through the deepening of experience that Faust’s soul has undergone, this soul has become capable of drawing from its own deep inner wellspring the vision of the four figures—Deprivation, Distress, Worry, and Guilt. This “Midnight Scene” is an inner experience in the truest sense of the word—an inner experience evoked in Faust by the soul’s gradual detachment from the body. For this is the remarkable mystery that Goethe quite clearly intended: from the moment the three gray women utter the words:

Es ziehen die Wolken, es schwinden die Sterne!
Dahinten, dahinten! von ferne, von ferne,
Da kommt er, der Bruder, da kommt er, der - Tod,

The clouds are drifting, the stars are fading!
Over there, over there! From afar, from afar,
Here he comes, my brother, here he comes—Death,

[ 8 ] — daß von diesem Moment ab bereits sich der Tod wirklich breitet über Faustens Leben. Und nur dann verstehen wir diese Szene recht, wenn wir uns von da ab Faust wie einen Sterbenden denken, wie einen, bei dem sich die Seele langsam loslöst vom Leibe. Und unrecht wäre es, wenn man sich denken würde, daß dasjenige, was jetzt folgt, bloß äußerlich sinnlich realistisch gemeint sei. Das ist es nicht. Indem wir Faust im Zimmer seines Palastes, in das die Sorge eingetreten ist, sehen, finden wir, so wie er da sitzt, daß die Seele in einer gewissen Weise sich schon gelockert hat von dem Leibe, daß zusammenfließen die Erfahrungen des physischen Lebens mit den Erfahrungen, welche die Seele macht, wenn sie sich schon vom Leibe gelockert hat. Und nur dann verstehen wir die merkwürdig tief ineinandergeflochtenen Sätze, wenn wir dieses Ineinanderspielen der geistigen Welt, in die Faust sich schon hineinversetzt durch seine sich lockernde Seele, ins Auge fassen, dieses Zusammenspielen der geistigen Welt mit der physisch-sinnlichen Welt, in der Faust noch ist, weil eben die Seele sich lockert, noch nicht gelöst hat. Mangel, Schuld, Not vermochten nichts, sie sind nur die Verkündiger gewesen des Todes. Aber die zehrende Sorge bleibt da, wo sich die Vision so verwandelt, daß sie schon die Vision der vom Leibe gelockerten Seele ist:

[ 8 ] — that from this moment on, death is already truly spreading over Faust’s life. And we can only truly understand this scene if, from that point on, we imagine Faust as a dying man, as one whose soul is slowly detaching itself from his body. And it would be wrong to think that what follows is meant to be merely outwardly, sensually, and realistically portrayed. That is not the case. As we see Faust in the room of his palace, into which anxiety has crept, we find—as he sits there—that his soul has, in a certain sense, already begun to detach itself from the body, and that the experiences of physical life merge with the experiences the soul has once it has begun to detach itself from the body. And only then do we understand the strangely deeply interwoven lines when we take in this interplay of the spiritual world—into which Faust has already transported himself through his loosening soul—and this interplay of the spiritual world with the physical-sensual world in which Faust still resides, precisely because the soul is loosening but has not yet detached itself. Deprivation, guilt, and distress were powerless; they were merely the harbingers of death. But the gnawing anxiety remains where the vision transforms to such an extent that it is already the vision of the soul that has loosened itself from the body:

Vier sah ich kommen, drei nur gehn;
Den Sinn der Rede konnt ich nicht verstehn.
Es klang so nach, als hieß es - Not,
Ein düstres Reimwort folgte — Tod.
Es tönte hohl, gespensterhaft gedämpft.

I saw four coming, but only three leaving;
I could not understand the meaning of the words.
It sounded as if it said—Distress,
followed by a somber rhyme—Death.
It sounded hollow, ghostly and muffled.

[ 9 ] Wenn man weiß, was Goethe bei dem Worte gespensterhaft empfand, er, der viel konkreter bei den Worten empfand als die heutigen stumpfen Materialisten, dann nimmt man ein solches Wort:

[ 9 ] If one understands what Goethe felt when he used the word “ghostly”—he, who felt the meaning of words much more concretely than today’s dull materialists—then one uses a word like this:

Es tönte hohl, gespensterhaft gedämpft

It sounded hollow, ghostly and muffled

[ 10 ] auch nicht leicht, sondern wichtig und wesentlich und sucht nach der Empfindung, die Goethe hatte, als er dem Faust diese Worte in den Mund legte. Bei Goethe findet sich unter anderem ein schönes Wort, worinnen er das Folgende ausspricht. Er sagt: «Manchmal kommt mir das Leben vor, wie wenn urferne vergangene Freignisse in das gegenwärtige Bewußtsein hereintreten würden, und dann erscheint alles fern Vergangene wie Gespenst, das in die Gegenwart herein sich versetzt.» Goethe hatte einen sehr konkreten Begriff von dem, was er gespensterhaft nannte. Da standen vor ihm, visionär, jahrtausendealte Zeiten seines eigenen Lebens, die er oftmals glaubte, wie die Gespenster hereinrücken zu sehen in sein gegenwärtiges Leben. Da sind nicht Behauptunsen, die ich tue aus der Willkür heraus, das läßt sich streng nachweisen aus dem, was Goethe selber geäußert hat, wenn er sich intim äußerte über die Erfahrungen seines inneren Lebens.

[ 10 ] not easy, but important and essential, and seeks to capture the feeling Goethe had when he put these words into Faust’s mouth. Among other things, Goethe offers a beautiful passage in which he expresses the following. He says: “Sometimes life seems to me as if events from the distant past were entering my present consciousness, and then everything from the distant past appears like a ghost that has transported itself into the present.” Goethe had a very concrete concept of what he called “ghostly.” There, before him, stood—as a vision—millennia-old periods of his own life, which he often believed he saw entering his present life like ghosts. These are not assertions I make on a whim; this can be rigorously demonstrated from what Goethe himself expressed when he spoke intimately about the experiences of his inner life.

[ 11 ] Nun fließen die Anschauungen, die Gedanken zusammen, die der Faust hat, halb darinnenstehend in der geistigen Welt, halb noch auf dem physischen Plane lebend. Wie wenn Sie sich das Ineinanderspielen dieser zwei Welten vorstellen würden, so ist es nun für Faust. Er erlebt jetzt etwas, was man eigentlich nur in diesem Ineinanderspielen der zwei Welten erleben kann, was nicht entwickelt würde, wenn er sich mehr entfernt haben würde von seinem physischen Leibe. Gebunden fühlt er noch die Ereignisse von jenseits der Schwelle an die Ereignisse des physischen Lebens:

[ 11 ] Now the perceptions and thoughts that Faust has—halfway into the spiritual world, yet still living partly on the physical plane—converge. It is as if you were to create a mental image of the interplay of these two worlds—that is how it is for Faust now. He is now experiencing something that can truly only be experienced in this interplay of the two worlds, something that would not have unfolded had he distanced himself further from his physical body. He still feels the events from beyond the threshold bound to the events of physical life:

Noch hab’ ich mich ins Freie nicht gekämpft.

I haven't managed to fight my way out into the open yet.

[ 12 ] Und nun die merkwürdige Rede, die manchem wie ein bloßer Widerspruch erscheinen wird, die aber gerade verständlich wird, wenn man das Erlebnis so faßt, daß es sich abspielt zwischen physischem Leben und geistigem Leben. Die geistige Welt suchte Faust zu erreichen sein ganzes Leben hindurch. Geisteswissenschaft im eigentlichen Sinne gab es ja damals nicht. Er hat die geistige Welt versucht zu erkennen auf dem Wege der vom Mittelalter her übernommenen Magie, jener Magie, die ihn in Zusammenhang brachte mit Ahriman-Mephistopheles in der Weise, wie wir das öfter und auch im letzten Vortrag besprochen haben. Diese Magie, durch die er in die geistige Welt gelangte, ist von Mephistopheles nicht zu trennen. Blicken Sie auf das zurück, was sich zugetragen hat um Faust herum, Sie werden überall sehen, daß Mephistopheles die magischen Handlungen in Szene gesetzt hat. Da können wir nicht hoffen, daß Faust festhalten will, jetzt, da er schon halb darinnensteht in der geistigen Welt, an dieser Magie:

[ 12 ] And now for the strange statement that will seem to some like a mere contradiction, but which becomes perfectly understandable when one conceives of the experience as taking place between physical life and spiritual life. Faust sought to reach the spiritual world throughout his entire life. Spiritual Science in the true sense did not yet exist at that time. He attempted to gain insight into the spiritual world through magic inherited from the Middle Ages—that very magic which brought him into contact with Ahriman-Mephistopheles, as we have discussed on several occasions, including in the last lecture. This magic, through which he entered the spiritual world, is inseparable from Mephistopheles. If you look back at what took place around Faust, you will see everywhere that Mephistopheles orchestrated the magical acts. We cannot hope that Faust, now that he is already halfway into the spiritual world, would want to cling to this magic:

Könnt’ ich Magie von meinem Pfad entfernen,
Die Zaubersprüche ganz und gar verlernen.

If only I could rid my path of magic,
And completely forget all the spells.

[ 13 ] Jene Zaubersprüche, die er sich aus alten Büchern geschöpft hat, und die schon, weil sie sich von alten Zeiten erhalten haben, luziferisch und ahrimanisch geworden sind. Auf diesem Wege findet er jetzt, wo er wirklich die geistige Welt betritt, daß das, was er erreicht hat, doch nicht das war, was er gesucht hat. Und jetzt blickt er zurück. Er beginnt schon zurückzublicken, wie man bei der gelockerten Seele zurückblickt. Jetzt beginnt er zurückzublicken in das eben verflossene Leben. Der Augenblick steht lebendig vor ihm, der Augenblick, bevor er zu den mittelalterlichen Büchern gegriffen hat, bevor er das verhängnisvolle Wort ausgesprochen hat:

[ 13 ] Those spells he has drawn from ancient books—spells that, simply because they have been preserved from ancient times, have become Luciferic and Ahrimanic. In this way, now that he is truly entering the spiritual world, he finds that what he has achieved was not, after all, what he had sought. And now he looks back. He is already beginning to look back, as one does when the soul has become more at ease. Now he begins to look back on the life that has just passed. The moment stands vividly before him—the moment before he reached for the medieval books, before he uttered the fateful words:

Drum hab’ ich mich der Magie ergeben.

So I surrendered to the magic.

[ 14 ] Er ist durch gute Kräfte, die ihn gnadevoll geleitet haben im Sinne des «Prologs im Himmel», bewahrt geblieben vor den Früchten derjenigen Magie, die er hätte pflücken müssen, wenn dieses gnadevolle Wirken besonderer Kräfte nicht durch seinen Lebensweg durchgegangen wäre. Jetzt sieht er schon hinein in die geistige Welt, jetzt weiß er es anders. Das spielt hinein. Mit dem jetzigen Wissen würde er den Weg anders machen:

[ 14 ] Thanks to benevolent forces that have graciously guided him in the spirit of the “Prologue in Heaven,” he has been spared the fruits of that magic which he would have had to reap had this gracious influence of special forces not accompanied him throughout his life. Now he can already glimpse into the spiritual world; now he sees things differently. That plays a role. With his current knowledge, he would take a different path:

Stünd’ ich, Natur! vor dir ein Mann allein,
Da wär’s der Mühe wert, ein Mensch zu sein.

If I stood before you, Nature, a man all alone,
Then it would be worth the trouble to be human.

[ 15 ] Das konnte er früher, solange er seine Seele nicht gelockert hatte vom Leibe, nicht sagen in dieser Weise. Da mußte er den ganzen Irrtumsweg machen. Jetzt blickt er zurück, sieht, daß es eben doch der Weg durch die Finsternisse des Mephistopheles war. Zurück blickt er zunächst auf diejenige Zeit seines Lebens, da Mephistopheles noch nicht seine Bahn durchkreuzt hatte:

[ 15 ] He could not have said that in this way before, as long as he had not separated his soul from his body. He had to travel the entire path of error. Now he looks back and sees that it was, after all, the path through the darkness of Mephistopheles. He first looks back on that time in his life when Mephistopheles had not yet crossed his path:

Das war ich sonst,

That used to be me,

[ 16 ] — ein Mensch allein

[ 16 ] — a person alone

eh’ ich’s im Düstern suchte,
Mit Frevelwort mich und die Welt verfluchte.
Nun ist die Luft von solchem Spuk so voll,
Daß niemand weiß, wie er ihn meiden soll.

I sought it in the gloom,
Cursing myself and the world with blasphemous words.
Now the air is so full of such a specter,
That no one knows how to avoid it.

[ 17 ] Die ganze Schwere der Ereignisse liegt jetzt auf seiner Seele.

[ 17 ] The full weight of these events now weighs heavily on his soul.

Wenn auch ein Tag uns klar vernünftig lacht,
In Traumgespinst verwickelt uns die Nacht;
Wir kehren froh von junger Flur zurück,

Even when a day smiles upon us with clear reason,
The night entangles us in a web of dreams;
We return joyfully from the young fields,

[ 18 ] — so hat er ja sein Leben zugebracht, halb bloß in der physischen Welt, halb schon - obzwar im physischen Leib -— von Mephistopheles in die geistige Welt versetzt, hineinblickend in die geistige Welt, aber immer wieder und wiederum zurück müssend in die physische Welt, weil Mephistopheles nicht finden kann, ihn auch nicht vermitteln kann, den Zugang, weil er den Zusammenhang doch nicht ordentlich finder.

[ 18 ] — that is how he spent his life, half in the physical world, half already—albeit in a physical body—transferred by Mephistopheles into the spiritual world, gazing into the spiritual world, but having to return again and again to the physical world, because Mephistopheles cannot find, nor can he facilitate, the access, since he cannot quite grasp the connection.

Ein Vogel krächzt; was krächzt er? Mißgeschick.

A bird caws; what is it cawing? Misfortune.

[ 19 ] Auf diesem Wege ist nur Aberglaube zu finden.

[ 19 ] This path leads only to superstition.

Von Aberglauben früh und spät umgarnt —
Es eignet sich, es zeigt sich an, es warnt —
Und so verschüchtert stehen wir allein.

Ensnared by superstition from morning till night —
It is fitting, it reveals itself, it warns —
And so, intimidated, we stand alone.

[ 20 ] Immer hat sich der Weg des Aberglaubens, allerdings in den starken Weg, den Faust durch seine eigene starke Natur gehen konnte, gemischt. Und jetzt hat er jene Vision, die ihm bleiben konnte, da sich seine Seele immer mehr und mehr lockert: die Vision der Sorge. Und versuchen Sie zu empfinden, wie Goethe auch in der Sprache an Höchstes hier seine Worte anklingen läßt. Man möchte sagen, die ganze Weltgeschichte liegt auf unserer Seele, wenn wir das Gewicht dieser Worte verspüren. Die Sorge schleicht sich ein. Ist jemand da? - frägt Faust.

[ 20 ] Superstition has always intertwined with the path—albeit the powerful path—that Faust was able to follow through his own strong nature. And now he has that vision which could remain with him as his soul grows increasingly unmoored: the vision of sorrow. And try to sense how Goethe, even in his language, lets his words resonate with the highest here. One might say that the entire history of the world lies upon our soul when we feel the weight of these words. Worry creeps in. “Is anyone there?” Faust asks.

Ist jemand hier?

Is anyone here?

[ 21 ] Die Antwort ertönt:

[ 21 ] The answer is:

Die Frage fordert Ja!

The question calls for a “Yes”!

[ 22 ] Nicht eine einfache Antwort: Ja! Die Frage fordert Ja! Ich sagte: Die ganze Weltgeschichte drängt sich in unsere Seele herein durch die Fügung der Worte schon. Denn wie könnte man anders als bei diesen Worten denken an jene großartige Szene, wo vor dem Gericht der Christus Jesus gefragt wird: «Bist du es, der Sohn Gottes?» Der antwortet auch nicht einfach: Ja —, sondern: «Du sagst es!»

[ 22 ] Not a simple answer: Yes! The question demands a “Yes!” I said: The entire history of the world already forces its way into our souls through the power of words. For how could one think of that magnificent scene—where, before the court, Christ Jesus is asked, “Are you the Son of God?”—without thinking of these very words? He does not simply answer, “Yes,” but rather, “You have said so!”

[ 23 ] Nun wird nicht in einem abstrakten Wort ausgedrückt, wen jetzt Faust erlebt:

[ 23 ] Faust’s current experience is not expressed in abstract terms:

Bin einmal da.

I'll be there.

[ 24 ] Aber sie ist in ihm. Es ist im Grunde ein Selbstgespräch. Und es ist ein tiefes Selbstgespräch. Die Menschheit wird erst nach und nach erfahren, in inneren Erlebnissen erfahren die ganze Schwere dieses Selbstgespräches. Mit dem, was als Geisteswissenschaft in die Menschheit versetzt werden soll, werden auch Erkenntnisse in die Menschheit kommen, welche mit tiefen, tiefen Gefühlen und Empfindungen über das Leben verknüpft sein werden, mit Gefühlen und Empfindungen, von denen sich der dumpfe, stumpfe Materialismus allerdings nichts träumen läßt, und nichts träumen läßt auch diejenige leicht errungene Weltanschauung, welche da glaubt, mit Sätzen, in denen man das Physische oder Geistig-Wirkliche charakterisiert, sei nun schon alles gewonnen. Solche Sätze hat man. Von solchen Sätzen weiß man, daß sie in schweren inneren Erlebnissen errungen sind. Man birgt sie in seiner Seele, man trägt sie mit durchs Leben. Aber sie sind nicht, was sie wirklich sein können und sein müssen der menschlichen Seele, wenn sie nicht begleitet sind von allen möglichen Stimmungen, von jenen Stimmungen, die oftmals uns das Seelenleben so erscheinen lassen, als ob es über einem Abgrunde dahinlebte. Und nie kann uns, wenn wir uns geistige Erkenntnisse errungen haben, die Sorge verlassen, die uns überkommt über die Beziehung der geistigen Erkenntnisse zu der gesamten Wirklichkeit des Lebens. Der Mensch muß fühlen, gerade wenn er in die geistige Welt eintritt, daß es eine Flachheit ist, in falscher Askese davon zu sprechen, daß dieses Erdenleben nur ein niedriges ist, das man am liebsten abstreifen möchte. Den ganzen tiefen Sinn dieses Erdenlebens für die Ewigkeit fühlt der Mensch gerade aus den geistigen Erkenntnissen heraus: daß dieses Erdenleben durchgemacht werden muß, damit dasjenige, was es gibt, einverleibt werden kann den Impulsen, die wir durch den Tod in die Sphäre der Ewigkeit hineintragen. Aber wie könnte es anders sein, als daß am Ende eines Prüfungslebens gerade in einem solchen Augenblicke, wo die Seele herausgelockert ist, der Mensch gewahr wird in ernster, schwerer Sorge, was werden kann aus seinem eben erlebten Leben, wenn er nun mit seiner Seele durch die geistige Welt zu gehen hat, was die Früchte sein können dieses eben verlebten Lebens. Viel, viel hat Faust durchgekämpft. Aber groß ist er dadurch, daß er jetzt, wo er eben in die geistige Welt eingetreten ist und halb darinnen ist und halb noch zurückfühlt zum physischen Erdendasein, in dem ganz ungeheuer bedeutungsvollen Vergleiche, der sich zwischen Physischem und Geistigem in einer solchen Lebens-Todeslage ergibt, weiß:

[ 24 ] But it is within him. It is, in essence, a soliloquy. And it is a profound soliloquy. Humanity will only gradually come to experience—through inner experiences—the full gravity of this soliloquy. Along with what is to be instilled in humanity as Spiritual Science, insights will also come to humanity that will be linked to deep, deep feelings and sensations about life—feelings and sensations of which dull, blunt materialism, of course, cannot even dream, nor can that easily acquired worldview even dream of them—the one that believes everything has already been gained through propositions that characterize the physical or the spiritual-real. We have such propositions. We know that they have been won through profound inner experiences. We cherish them in our souls; we carry them with us through life. But they are not what they truly can and must be for the human soul unless they are accompanied by all manner of moods—those moods that often make our inner life seem as though it were hovering over an abyss. And once we have attained spiritual insights, the concern that overwhelms us regarding the relationship of these insights to the total reality of life can never leave us. Precisely when a person enters the spiritual world, they must feel that it is shallow to speak, in a false asceticism, of this earthly life as merely a lowly one that one would most like to cast off. It is precisely through spiritual insights that a person senses the full, profound meaning of this earthly life for eternity: that this earthly life must be lived through so that what exists in it can be incorporated into the impulses we carry through death into the sphere of eternity. But how could it be otherwise than that, at the end of a life of trials—precisely at such a moment when the soul is loosened from its earthly bonds—a person becomes aware, with grave and heavy concern, of what might become of the life he has just lived as he now must journey with his soul through the spiritual world, and what the fruits of that life might be. Faust has struggled through much, much indeed. But he is great in that now, having just entered the spiritual world—half within it and half still feeling his way back to physical earthly existence—in the immensely significant comparison that arises between the physical and the spiritual in such a life-and-death situation, he knows:

Ich bin nur durch die Welt gerannt;
Ein jed’ Gelüst ergriff ich bei den Haaren,
Was nicht genügte, ließ ich fahren,
Was mir entwischte, ließ ich ziehn.
Ich habe nur begehrt und nur vollbracht
Und abermals gewünscht, und so mit Macht
Mein Leben durchgestürmt; erst groß und mächtig,
Nun aber geht es weise, geht bedächtig.

I have merely raced through the world;
I seized every desire by the hair,
What was not enough, I let go,
What slipped away from me, I let it go.
I have only desired and only accomplished
And desired again, and thus with force
I have stormed through my life; at first great and mighty,
But now I proceed wisely, I proceed thoughtfully.

[ 25 ] Fühlen Sie dieses Zusammenklingen dessen, was jetzt in seiner Seele ersteht: wie er die kleine und die große Welt, wie es im «Faust» heißt, durchgegangen ist und mit einem Gesamtblick, der sich eben eröffnet, wie in dem bedeutungsvollen Rückblick auf das Leben — jetzt erst, seit er aus der geistigen Welt ein Überleuchten fühlt in seinem Schauen, das, was er so durchgemacht hat im Durchrasen der Lebensfluten, weise und bedächtig überschauen kann. Und jetzt: Was sieht er? Was beginnt er zu schauen? —- Das, was er im Erdenkreise erlebt hat, beginnt er zu schauen. Denken Sie zurück an all das, was wir besprochen haben über die Rückschau, die im Beginne des nach dem Tode folgenden Lebens die Seele überkommt, die jetzt langsam Faust überkommt. Denken Sie an diese Rückschau. Er sieht sein Erdenleben. Er sieht es gerade so, daß er sich sagen muß:

[ 25 ] Feel this harmony of what is now arising in his soul: how he has traversed the small and the great world, as it is said in *Faust*, and with a comprehensive view that is just now opening up—as in that meaningful retrospective on life—only now, since he feels a radiance from the spiritual world illuminating his vision, can he wisely and thoughtfully survey all that he has gone through in the rush of life’s currents. And now: What does he see? What is he beginning to perceive? —- He begins to see what he has experienced in the earthly realm. Think back to everything we have discussed regarding the retrospective that overwhelms the soul at the beginning of the life following death—the one that is now slowly overwhelming Faust. Think of this retrospective. He sees his earthly life. He sees it in such a way that he must say to himself:

Der Erdenkreis ist mir genug bekannt.

I am quite familiar with the Earth's orbit.

[ 26 ] Was er im Erdenkreis erlebt hatte, das schaut er jetzt. Halb ist er schon in der geistigen Welt. Aus dieser Stimmung fühlen Sie die Worte:

[ 26 ] He now beholds what he had experienced in the earthly realm. He is already halfway into the spiritual world. From this state of mind, you sense the words:

Nach drüben ist die Aussicht uns verrannt.

Over there, the view has eluded us.

[ 27 ] Das kann man sagen, wenn man zurückblickt gerade auf das Erdenleben. Das ist kein philosophisches Bekenntnis zum Materialismus, das ist ein unmittelbares Erleben, nachdem der Tod halb schon die Seele ergriffen hat. Tröpfe, welche Faust-Kommentatoren geworden sind, haben diese Stelle so ausgelegt, als ob Faust in seinem hohen Alter noch einmal zurückkäme zu einem materialistischen Glaubensbekenntnis. Jetzt aber, in dieser Lage wäre Faust wahrhaftig ein Tor, wenn er überrennen wollte die Rückschau auf das Leben und jetzt schon blinzelnd nach jener geistigen Welt schauen wollte, die oftmals ausgemalt wird hier von denjenigen Toren, die diese geistige Welt so aufbauen, daß sie über Wolken einfach ihresgleichen dichten, wie das in vielen Bekenntnissen gemacht wird. Auf seinem Ergebnis des Lebens, da will er fest stehen. Und jetzt fallen eigentlich tief bedeutungsvolle Worte, vor denen jeder Schein von Materialismus schwinden muß, ganz schwinden muß. Die verwaschenen Mystiker, jene gräßlichen Mystiker, welche immer davon sprechen, im All nur aufzugehen, die Ewigkeit mystisch ergreifen zu wollen im chaotischen Alldunkel, das sie All-Licht nennen, wollen in die Ewigkeit schweifen. Derjenige, der konkret das geistige Leben ergreifen will, ergreift es da, wo es zu ergreifen ist in seiner Konkretheit, er wird nicht zum Toren, verschwimmend in unbestimmten Fernen, die eigentlich nichts enthalten als Leerheit und leeren Raum, und in die sich die Seele einträumt, er wird nicht verführt, in solche Ewigkeiten zu schweifen, sondern die Erkenntnis konkret zu ergreifen, Das, was er erkennt, läßt sich ergreifen:

[ 27 ] One can say that when looking back, especially on life on earth. This is not a philosophical confession of materialism; it is an immediate experience after death has already half seized the soul. Petty-minded commentators on Faust have interpreted this passage as if Faust, in his old age, were returning once more to a materialistic creed. But now, in this situation, Faust would truly be a fool if he were to disregard the retrospective view of his life and, already squinting, look toward that spiritual world which is often painted here by those fools who construct this spiritual world in such a way that they simply invent its like above the clouds, as is done in many creeds. He wants to stand firm on the outcome of his life. And now come words of profound significance, before which every semblance of materialism must vanish—must vanish completely. The vague mystics—those dreadful mystics who always speak of merely merging into the cosmos, of seeking to mystically grasp eternity in the chaotic, all-encompassing darkness they call “all-light”—wish to wander off into eternity. The one who wishes to grasp spiritual life concretely seizes it where it is to be grasped in its concreteness; he does not become a fool, blurring into indeterminate distances that actually contain nothing but emptiness and empty space, and into which the soul dreams itself away; he is not tempted to wander into such eternities, but rather to grasp knowledge concretely. That which he recognizes can be grasped:

Er wandle so den Erdentag entlang.

He walks along the earth's day like this.

[ 28 ] Denken Sie daran, wie wunderbar dieser Satz wird, wenn man denkt, es beginnt die Rückschau auf das Erdenleben: die Schauung wandelt den Erdentag entlang. Jetzt steht er auf dem Punkt, wo er das rechte Verhältnis finden kann zu jenen spukenden Geistern, zu denen ihn Mephistopheles hier verführt hat.

[ 28 ] Think how wonderful this sentence becomes when one considers that it marks the beginning of a retrospective look at life on earth: the vision travels through the days of earthly life. Now he stands at the point where he can find the proper relationship to those haunting spirits to which Mephistopheles has led him here.

Wenn Geister spuken,

When ghosts haunt,

[ 29 ] - jetzt in der Rückschau

[ 29 ] - now in retrospect

geh’ er seinen Gang;
Im Weiterschreiten find’ er Qual und Glück,
Er! unbefriedigt jeden Augenblick.

Let him go his own way;
As he moves forward, he finds both torment and joy,
He! Unsatisfied at every moment.

[ 30 ] Die noch nicht ganz vollendete, aber jetzt hereinbrechende Rückschau müssen wir uns vorstellen, jene Rückschau, die noch voll von der Sorge durchsetzt ist, durch welche Früchte aus dem erlebten Erdentag in die geistige Welt hineingetragen werden können. Und immer so: hinüberherüber. Geistiges Erleben, aber weil er noch am Leibe haftet, auch physisches Erleben, so finden wir Faust. Die Sorge hält ihn noch am physischen Leibe. Bewußt soll er hineingehen in die geistige Welt, bewußt gemacht gerade von der lastenden Sorge. Daher wächst er auch so hinein in die geistige Welt, daß er, indem er schon die geistige Welt in seiner Seele trägt, noch immer glaubt, der physischen Welt befehlen zu können. Die Menschen, welche der banalen Gegenwartsansicht sind, daß der Mensch im wesentlichen immer so war, wie er jetzt ist, wissen nicht, daß viele Griechen so gestorben sind, wie Faust stirbt, besser gesagt, wie Goethe Faust sterben läßt. Wir können es aus der griechischen Literatur nachweisen, daß dieser Tod für die Griechen geradezu ein Begehrenswertes war, wie noch nachzuleben etwas von dem physischen Dasein, während man die Seele schon gelockert hat. Bei Sophokles können Sie Worte finden, welche das andeuten, wie der Grieche etwas Besonderes gesehen hat in einem solchen Sterben, in einem nicht plötzlich Sterben, sondern langsam Hinsterben, wobei sich schon für die physische Welt halb das Bewußtsein herabdämmert, aber das, was da als Dämmerung ins physische Bewußtsein tritt, erleuchtet wird nach und nach, um voll hineinzuschauen in die geistige Welt. Und Goethe hat ja versucht, vieles vom Griechentum gerade in den zweiten Teil seines «Faust» herüberzunehmen. Wir dürfen uns schon denken, daß er etwas von dem wollte, was man so charakterisieren könnte, als hätte er Faust als sterbenden Griechen darstellen wollen. So fließt schon herüber aus der geistigen Welt dasjenige, was er an Empfindungen hineinlegt in die Worte, wenn er auch noch hier befiehlt. Und das können wir weiter verfolgen, verfolgen, wie Goethe voll bewußt das darstellt, von dem ich Ihnen gesprochen habe.

[ 30 ] We must create a mental image of this retrospective view—not yet fully complete, but now breaking in upon us—a view still permeated by the concern over which fruits from the earthly life lived can be carried over into the spiritual world. And always in this way: back and forth. We find Faust in a state of spiritual experience—but also, because he is still bound to the body, in a state of physical experience. This concern still holds him to his physical body. He is to enter the spiritual world consciously, made conscious precisely by this weighing concern. That is why he grows into the spiritual world in such a way that, even as he already carries the spiritual world within his soul, he still believes he can command the physical world. People who hold the banal contemporary view that human beings have essentially always been as they are now do not know that many Greeks died as Faust dies—or rather, as Goethe has Faust die. We can demonstrate from Greek literature that this kind of death was, for the Greeks, something truly desirable—like living on in some way from physical existence while the soul has already been set free. In Sophocles you can find words that suggest how the Greeks saw something special in such a death—not a sudden death, but a slow passing away, in which consciousness is already half-fading from the physical world, but what enters physical consciousness as twilight is gradually illuminated, allowing a full glimpse into the spiritual world. And Goethe did indeed attempt to incorporate much of Greek culture into the second part of his *Faust*. We can well imagine that he wanted something that could be characterized as if he had wanted to portray Faust as a dying Greek. Thus, what he imbues the words with in terms of feelings already flows over from the spiritual world, even as he still issues commands here. And we can follow this further, observe how Goethe fully and consciously portrays what I have spoken to you about.

[ 31 ] Sie sahen Faust an die Stelle treten, wo sein Grab schon geschaufelt wird. Man darf wieder sagen: Geschmack volle Leute sind jene GoetheKommentatoren nicht, die Goethe die Geschmacklosigkeit zutrauen, das Grab schaufeln zu lassen, solang der Faust noch lebt! - Das wäre natürlich eine bloße Geschmacklosigkeit. Wir sehen den hinsterbenden Faust. Dann ist es keine Geschmacklosigkeit, dann ist es eine wunderbare Imagination, wenn wir neben dem hinsterbenden Faust nun auch von jenen halbgeistigen Wesen, von deren Artung ich neulich gesprochen habe, von den Lemuren, das Grab geschaufelt sehen. Aber wie spricht Faust? Nun, ich will zunächst die Worte übergehen, die er spricht, indem er sich, aus dem Palaste heraustretend, an den Türpfosten vortastet. Ich will auf die Worte Ihr Augenmerk lenken, die Faust aus spricht, indem er gewissermaßen den Auftrag gibt, den Graben zu graben, der den verpestenden Sumpf ableiten soll. Zunächst kann man der Meinung sein, daß alles physisch gemeint ist. Aber Goethe war sich wohl bewußt, daß Faust halb aus dem geistigen Bewußtsein heraus spricht, und so will er diese Worte aufgefaßt haben. Und was offenbart sich aus diesem physisch-geistigen, geistig-physischen Bewußtsein? Zunächst in Faust ein wunderbares Wohlgefühl. Denken Sie, was Faust sagt:

[ 31 ] They saw Faust step to the spot where his grave was already being dug. One may say once again: those Goethe commentators who accuse Goethe of bad taste for having the grave dug while Faust is still alive are not people of good taste themselves! — That would, of course, be sheer bad taste. We see Faust dying. Then it is not a lack of taste; then it is a marvelous flight of imagination when, alongside the dying Faust, we now also see the grave being dug by those semi-spiritual beings—the lemurs—whose nature I spoke of recently. But how does Faust speak? Well, I will first set aside the words he speaks as he steps out of the palace and feels his way along the doorpost. I want to draw your attention to the words Faust utters as he, so to speak, gives the order to dig the trench that is to drain the pestilential swamp. At first, one might think that everything is meant in a physical sense. But Goethe was well aware that Faust speaks partly from a spiritual consciousness, and that is how he intended these words to be understood. And what is revealed by this physical-spiritual, spiritual-physical consciousness? First of all, a wonderful sense of well-being in Faust. Consider what Faust says:

Ein Sumpf zieht am Gebirge hin,
Verpestet alles schon Errungene;
Den faulen Pfuhl auch abzuziehn,
Das Letzte wär’ das Höchsterrungene.
Eröffn’ ich Räume vielen Millionen,
Nicht sicher zwar, doch tätig-frei zu wohnen.

A swamp creeps along the mountainside,
Tainting all that has already been achieved;
To drain that putrid pool as well,
That would be the ultimate achievement.
I open up spaces for many millions,
Not safe, perhaps, but free to live actively.

[ 32 ] Schön, aber nun folgen andere Worte:

[ 32 ] That's nice, but now come some different words:

Grün das Gefilde, fruchtbar; Mensch und Herde
Sogleich behaglich auf der neusten Erde,
Gleich angesiedelt an des Hügels Kraft,
Den aufgewälzt kühn-emsige Völkerschaft.
Im Innern hier ein paradiesisch Land,

Green and fertile is the plain; people and herds
At once at home on this new land,
Settled right at the foot of the hill,
Which the bold and industrious people had cleared.
Here within lies a paradisiacal land,

[ 33 ] — voll bewußt sind diese Worte hingesetzt, aus dem Physisch-Geistigen, Geistig-Physischen bewußt heraus. Das paradiesische Land ist das Hineinspielen des Geistigen in das physische Bewußtsein, dann wiederum ins Physische zurück:

[ 33 ] — These words are written with full awareness, consciously emerging from the physical-spiritual and the spiritual-physical. The paradisiacal land is the interplay of the spiritual into physical consciousness, and then back into the physical again:

Da rase draußen Flut bis auf zum Rand.

Outside, the floodwaters are rushing right up to the edge.

[ 34 ] Gewiß, es bedeutet auch die äußere Situation, aber daß die Worte gewählt sind, das ist von Goethe voll bewußt geschehen. Nun:

[ 34 ] Certainly, it also refers to the external situation, but Goethe chose these words quite deliberately. Now:

Gemeindrang eilt, die Lücke zu verschließen.

The congregation is eager to fill the gap.

[ 35 ] Und jetzt merkwürdige Worte:

[ 35 ] And now some strange words:

Ja! diesem Sinne bin ich ganz ergeben,
Das ist der Weisheit letzter Schluß:
Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,
Der täglich sie erobern muß.
Und so verbringt, umrungen von Gefahr,
Hier Kindheit, Mann und Greis sein tüchtig Jahr.
Solch ein Gewimmel möcht’ ich sehn,
Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn.
Zum Augenblicke dürft’ ich sagen:
Verweile doch, du bist so schön!
Es kann die Spur von meinen Erdetagen
Nicht in Äonen untergehn.

Yes! I am wholly devoted to this ideal,
This is the ultimate truth:
Only he deserves freedom as much as life itself,
Who must conquer it anew each day.
And so, surrounded by danger,
Here childhood, manhood, and old age spend their fruitful years.
Such a teeming crowd I would like to see,
Standing on free soil with a free people.
To the moment I might say:
Stay a while, you are so beautiful!
The trace of my days on earth
Cannot fade away in eons.

[ 36 ] Man muß dieses Wort oft und oft wiederholt hören als ein schönes Wort, das Faust ausspricht, weil er fühlt: Du hast etwas getan für das Gemeinwohl, du hast gewirkt. — Und jetzt überkommt ihn das ungeheure Gefühl, wie das fortwirken wird durch Äonen, wie er gleichsam seinen Ruhm begründet hat in seinen Taten, und seinem Wohlgefühl überläßt er sich, Man hört es oft zitieren. Ich habe es sogar schon zitieren gehört von Leuten, die andern Leuten etwas Schönes sagen wollten und diese Worte zitieren. Du kannst auch sagen: Es wird die Spur von meinen Erdentagen — das heißt, von deinen Erdentagen — nicht in ÄAonen untergehn. — Und dennoch, wie sehr auch dies als ein schönes Wort aufgefaßt wird, seien wir uns doch klar darüber, es ist ein rein luziferisches Wort, ein Wohlgefühl im Ruhm. Wir fühlen noch einmal, wie die Seele des Faust ganz wie von Luzifer verführt wird, nicht nur hinblickend auf die Taten, sondern in wüst geistig-egoistischer Weise fühlend seinen Ruhm durch Äonen. Es wächst der Egoismus ins Riesengroße und wird noch besiegelt, dieser maßlose Egoismus:

[ 36 ] One must hear this phrase repeated over and over again as a beautiful phrase spoken by Faust, because he feels: You have done something for the common good; you have made a difference. — And now he is overcome by the immense feeling of how this will continue to have an effect through the eons, how he has, as it were, established his fame through his deeds, and he surrenders himself to this sense of well-being. One often hears it quoted. I have even heard it quoted by people who wanted to say something beautiful to others and quoted these words. You could also say: “The trace of my days on earth—that is, of your days on earth—will not perish in the eons.” — And yet, no matter how much this is regarded as a beautiful phrase, let us be clear: it is a purely Luciferic phrase, a sense of well-being in fame. Once again, we sense how Faust’s soul is completely seduced by Lucifer—not only looking back on his deeds, but also, in a wild, spiritually egotistical way, feeling his glory through the eons. This egotism grows to gigantic proportions and is further sealed:

Im Vorgefühl von solchem hohen Glück
Genieß’ ich jetzt den höchsten Augenblick.

In anticipation of such great joy
I now savor this most sublime moment.

[ 37 ] Wahrhaftig, der Teufel ist kein Tropf. Nach solchem Juziferischen Ausbruch, da könnte man schon vermeinen, daß der Teufel ihn hätte, denn es ist noch einmal ein ganz luziferisch-wonniges Gefühl, eine höchste Ewigkeitsbegierde. Und wir dürfen nicht an den dummen Teufel denken, sondern an den gescheiten Mephistopheles-Ahriman, wenn er jetzt sagt, was ganz zutreffend ist:

[ 37 ] Truly, the devil is no fool. After such a Luciferian outburst, one might well think that the Devil had taken hold of him, for it is once again a thoroughly Luciferian, blissful feeling—a supreme longing for eternity. And we must not think of the foolish Devil, but rather of the clever Mephistopheles-Ahriman, when he now says, quite aptly:

Ihn sättigt keine Lust, ihm genügt kein Glück,
So buhlt er fort nach wechselnden Gestalten;
Den letzten, schlechten, leeren Augenblick,
Der Arme wünscht ihn festzuhalten.

No desire can satisfy him, no happiness is enough for him,
So he continues to pursue ever-changing forms;
That last, wretched, empty moment—
The poor man longs to hold on to it.

[ 38 ] Die Seele hat sich ganz gelockert, aber mit einem Luziferischen vom Leibe getrennt. Ganz gut schließt es sich an die nicht minder innerlich wollüstigen Worte an, die der Faust äußert, indem er aus dem Palast tritt und sich an den Türpfosten forttastet:

[ 38 ] The soul has completely relaxed, but has separated from the body in a Luciferian manner. This ties in quite well with the no less inwardly voluptuous words that Faust utters as he steps out of the palace and feels his way along the doorpost:

Wie das Geklirr der Spaten mich ergetzt!
Es ist die Menge, die mir frönet.

How the clinking of the spades delights me!
It is the crowd that delights me.

[ 39 ] Man soll nicht denken, daß das keine Versuchung ist, in diesem letzten Augenblicke noch einmal daran zu denken, daß einem die Menge frönet! Die luziferische Versuchung ist noch einmal da, deutlich da. Und nicht dumm ist Mephistopheles, wenn er glaubt, jetzt sei der Augenblick da, der sich anschließen kann an jenes Gespräch, in dem Faust ihm die Seele verschrieben hat. Da sind sie miteinander im Gespräch gewesen: wir erinnern uns an den ersten Teil, wo Faust noch nicht aus dem halb errungenen geistigen Bewußtsein, sondern aus dem physischen Bewußtsein heraus die Worte gesagt hat:

[ 39 ] One should not think that it is no temptation, in this final moment, to recall once more that the crowd adores you! The Luciferian temptation is there once more, clearly present. And Mephistopheles is no fool to believe that now is the moment that can follow on from that conversation in which Faust sold his soul to him. They were in conversation with one another: we recall the first part, where Faust spoke those words not yet from his half-attained spiritual consciousness, but from his physical consciousness:

Schlägst du erst diese Welt zu Trümmern,
Die andere mag darnach entstehn.
Aus dieser Erde quillen meine Freuden,
Und diese Sonne scheinet meinen Leiden;
Kann ich mich erst von ihnen scheiden,
Dann mag, was will und kann, geschehn.
Davon will ich nichts weiter hören,
Ob man auch künftig haßt und liebt,
Und ob es auch in jenen Sphären
Ein Oben oder Unten gibt.

First shatter this world to pieces,
Then the other may arise.
From this earth spring my joys,
And this sun shines upon my sufferings;
If only I could part myself from them,
Then let whatever wills and can, come to pass.
I want to hear no more of it,
Whether people will continue to hate and love in the future,
And whether, even in those spheres,
There is an “up” or a “down.”

[ 40 ] Man könnte meinen, zurückblickend auf diese Zeit könnte Faust schon sagen:

[ 40 ] Looking back on this time, one might think Faust could already say:

Ich bin nur durch die Welt gerannt.

[ 41 ] Da sagt Mephistopheles:

I just ran all over the world.

[ 41 ] Then Mephistopheles says:

In diesem Sinne kannst du’s wagen.
Verbinde dich; du sollst in diesen Tagen
Mit Freuden meine Künste sehn,
Ich gebe dir, was noch kein Mensch gesehn.

With that in mind, you can take the plunge.
Connect with me; these days,
You’ll delight in seeing my art,
I’ll give you what no one has ever seen.

[ 42 ] Faust:

[ 42 ] Faust:

Was willst du armer Teufel geben?
Ward eines Menschen Geist, in seinem hohen Streben,
Von deinesgleichen je gefaßt?
Doch hast du Speise, die nicht sättigt, hast
Du rotes Gold, das ohne Rast,
Quecksilber gleich, dir in der Hand zerrinnt,
Ein Spiel, bei dem man nie gewinnt,
Ein Mädchen, das an meiner Brust
Mit Augeln schon dem Nachbar sich verbindet,
Der Ehre schöne Götterlust,
Die, wie ein Meteor, verschwindet?
Zeig mir die Frucht, die fault, eh’ man sie bricht,
Und Bäume, die sich täglich neu begrünen!
Ein solcher Auftrag schreckt mich nicht,

What do you, poor devil, have to offer?
Has the spirit of a human being, in its lofty aspirations,
Ever been captured by your kind?
Yet you have food that does not satisfy; you have
Red gold that, without rest,
Like mercury, slips through your fingers,
A game in which one never wins,
A girl who, at my breast,
Already connects with the neighbor with her eyes,
The beautiful divine delight of honor,
Which, like a meteor, vanishes?
Show me the fruit that rots before it is picked,
And trees that turn green anew each day!
Such a task does not daunt me,

[ 43 ] antwortet Mephistopheles,

[ 43 ] Mephistopheles replies,

Mit solchen Schätzen kann ich dienen.
Doch, guter Freund, die Zeit kommt auch heran,
Wo wir was Gut’s in Ruhe schmausen mögen.

I can offer such treasures.
But, my good friend, the time is also approaching
When we may enjoy a good meal in peace.

[ 44 ] Und jetzt das gewichtige Wort, das Faust spricht:

[ 44 ] And now the weighty words spoken by Faust:

Werd’ ich beruhigt je mich auf ein Faulbett legen,
So sei es gleich um mich getan!
Kannst du mich schmeichelnd je belügen,
Daß ich mir selbst gefallen mag,
Kannst du mich mit Genuß betrügen;
Das sei für mich der letzte Tag!
Die Wette biet ich!

If I ever lie down on a lazy bed in peace,
Then let it be the end of me right then!
If you can ever lie to me with flattery,
So that I may please myself,
If you can deceive me with pleasure;
Let that be my last day!
I’ll take that bet!

[ 45 ] Nun, wie wäre das nicht erfüllt? Vollster Genuß sogar im Vorgefühl ewigen Ruhmes ist jetzt da.

[ 45 ] Well, how could that not be fulfilled? The fullest enjoyment—even in the anticipation of eternal glory—is here now.

[ 46 ] Mephistopheles:

[ 46 ] Mephistopheles:

Top!

Great!

[ 47 ] Faust:

[ 47 ] Faust:

Und Schlag auf Schlag!
Werd’ ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! du bist so schön!

And one thing after another!
I’ll say to the moment:
Stay a while! You’re so beautiful!

[ 48 ] — Sagt er es denn nicht?! —

[ 48 ] — Doesn't he say so?! —

Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
Dann will ich gern zu Grunde gehn!
Dann mag die Totenglocke schallen,
Dann bist du deines Dienstes frei,
Die Uhr mag stehn, der Zeiger fallen,
Es sei die Zeit für mich vorbei!

Then you may bind me in chains,
Then I will gladly perish!
Then let the death bell toll,
Then you will be free of your duty,
Let the clock stand still, let the hands fall,
Let time be over for me!

[ 49 ] Mephistopheles:

[ 49 ] Mephistopheles:

Bedenk’ es wohl, wir werden’s nicht vergessen.

Think about it carefully—we won’t forget it.

[ 50 ] Und er vergißt es nicht. Er sagt es jetzt, der Mephistopheles, nachdem Faust den höchsten Augenblick genossen hat:

[ 50 ] And he doesn't forget it. Mephistopheles says this now, after Faust has savored the supreme moment:

Ihn sättigt keine Lust, ihm gnügt kein Glück,
So buhlt er fort nach wechselnden Gestalten;
Den letzten, schlechten, leeren Augenblick,
Der Arme wünscht ihn festzuhalten.
Der mir so kräftig widerstand,
Die Zeit wird Herr, der Greis hier liegt im Sand.
Die Uhr steht still

No pleasure can satisfy him, no happiness is enough for him,
So he continues to pursue ever-changing forms;
That last, wretched, empty moment,
The poor man longs to hold on to it.
Who resisted me so fiercely,
Time reigns supreme; the old man lies here in the sand.
The clock stands still

[ 51 ] Vollständig die Erfüllung der Situation; denn Faust sagt:

[ 51 ] A complete fulfillment of the situation; for Faust says:

Die Uhr mag stehn, der Zeiger fallen.

The clock may stop, the hands may fall.

[ 52 ] Mephisto:

[ 52 ] Mephisto:

Die Uhr steht still —

The clock has stopped —

[ 53 ] Der Lemurenchor:

[ 53 ] The Lemur Choir:

Steht still! sie schweigt wie Mitternacht.
Der Zeiger fällt.

Stand still! It is silent as midnight.
The hand falls.

[ 54 ] Eingetreten, was beim Eingehen der Wette vorausbestellt ist. Mephistopheles kann annehmen, sein Werk sei getan:

[ 54 ] What was predetermined when the wager was made has come to pass. Mephistopheles can assume his work is done:

Er fällt, es ist vollbracht.

He falls; it is finished.

[ 55 ] Aus des Mephistopheles Munde das Wort des Kreuzes: «Es ist vollbracht!» Gleich aber der Lemurenchor, der die Stimme der Erde gibt:

[ 55 ] From Mephistopheles’ mouth, the words of the cross: “It is finished!” But immediately the chorus of lemurs, giving voice to the earth:

Es ist vorbei.

It's over.

[ 56 ] Das fällt in des Mephistopheles Seelentum furchtbar hinein. Er hat gesagt: «Es ist vollbracht.» Der Lemurenchor antwortet ihm: «Es ist vorbei.» Das ist der gewaltige Unterschied. Vorbei — das Wort will er nicht:

[ 56 ] This strikes a terrible chord in Mephistopheles’ soul. He said, “It is finished.” The chorus of lemurs replies, “It is over.” That is the enormous difference. “Over”—he does not want that word:

Vorbei! Ein dummes Wort.
Warum vorbei?
Vorbei und reines Nichts, vollkommnes Einerlei!

Gone! What a silly word.
Why gone?
Gone and pure nothingness, utter indifference!

[ 57 ] Bei diesen Worten, da ist es zu suchen, um was es sich handelt. Zunächst ist ja Mephistopheles im Gespräch mit seinen Lemuren; er glaubt, es ist vollbracht, aber es ist nur vorbei. Und nun besinnt er sich auf sich. Den Widerspruch: Vollbracht, vorbei - er will ihn verstehen.

[ 57 ] It is in these words that we must look to understand what is going on. First of all, Mephistopheles is in conversation with his lemurs; he believes it is accomplished, but it is only over. And now he turns his attention to himself. The contradiction—accomplished, over—he wants to understand it.

Vorbei und reines Nichts, vollkommnes Einerlei!
Was soll uns denn das ew’ge Schaffen!
Geschaffenes zu nichts hinwegzuraffen!
«Da ist’s vorbei!» Was ist daran zu lesen?
Es ist so gut, als wär es nicht gewesen,
Und treibt sich doch im Kreis, als wenn es wäre.
Ich liebte mir dafür das Ewigleere.

Gone and pure nothingness, utter indifference!
What good is this eternal creation to us!
To sweep away what has been created into nothingness!
“It’s over!” What is there to be read in that?
It is as good as if it had never been,
And yet it goes round in circles, as if it were.
I would prefer the eternal void to that.

[ 58 ] In diesen Worten, ich sagte schon, liegt das, was zu suchen ist. Daß Goethe solche Worte gewählt hat, daß er die Szene aufgebaut hat aus dem Genießen des höchsten Augenblicks, so wie es dargestellt ist, daß er den Mephistopheles so mit den Lemuren sich unterhalten läßt, bezeugt, daß Goethe ein Allertiefstes hat sagen können, ein Tiefstes, an das auch heute eigentlich nur gerührt werden kann, denn in diesem liegt es, warum die letzte Szene folgen muß. Wäre die Sache so, wie viele FaustKommentatoren gemeint haben, daß Mephisto einfach mißverstanden hat, aufgesessen ist, dann brauchte die letzte Szene wahrhaftig nicht mehr zu folgen. Dann wäre die Sache einfach genug, dann läge sie so, daß Faust nicht gedacht hat, daß es auch einen so hohen Genuß geben kann wie den, der sich ausdrückt in den Worten:

[ 58 ] As I have already said, these words contain what we are looking for. The fact that Goethe chose such words, that he constructed the scene around the enjoyment of the supreme moment as it is depicted, and that he has Mephistopheles converse with the lemurs in this way, testifies to the fact that Goethe was able to express something profoundly deep—a depth that even today can really only be touched upon—for therein lies the reason why the final scene must follow. If the matter were as many *Faust* commentators have suggested—that Mephisto simply misunderstood, that he was taken in—then the final scene truly would no longer need to follow. Then the matter would be simple enough; it would be such that Faust did not imagine that there could be a pleasure as sublime as that expressed in the words:

Es kann die Spur von meinen Erdetagen
Nicht in Aonen untergehn ...

The traces of my days on Earth
Cannot be lost in the ages...

[ 59 ] Mephisto hatte auch nicht daran gedacht; alle beide haben sie daran nicht gedacht. Alle beide haben sie nicht gedacht, daß Faust jemals zum Augenblick sagen wird: «Verweile doch, du bist so schön.» Aber weil das etwas Höheres ist, den Augenblick so zu empfinden, wird der dumme Teufel geprellt um seine Wette: so ungefähr erklären es die Faust-Erklärer alle zusammen. — Nun, dann hätte der Teufel eben die Seele verloren, die Engel hätten sie erbeutet — es wäre alles in Ordnung. Wir brauchten die letzte Szene nicht. Und Goethe hätte sie ganz gewiß nicht geschrieben, da er ein Mann der dichterischen Okonomie war. Aber man versteht den «Faust» nicht, wenn man ihn so oberflächlich nimmt. Man versteht ihn nur, wenn man sich voll klarmacht: Ja, hier will Goethe noch einmal eine luziferische Verführung, selbst schon als der Tod vollständig eintritt, an Faust herankommen lassen, eine echte luziferische Verführung. — Und es ist Luzifer nochmals da in dem Augenblicke, als Faust spricht:

[ 59 ] Mephisto hadn’t thought of that either; neither of them had thought of it. Neither of them had imagined that Faust would ever say to the moment: “Stay a while, you are so beautiful.” But because perceiving the moment in this way is something higher, the foolish devil is cheated out of his wager: that is roughly how all the commentators on *Faust* explain it. — Well, then the devil would simply have lost the soul, the angels would have seized it—everything would be in order. We didn’t need the final scene. And Goethe certainly wouldn’t have written it, since he was a man of poetic economy. But one cannot understand *Faust* if one takes it so superficially. One can only understand it if one fully realizes: Yes, here Goethe wants to have a Luciferian temptation—even as death is already fully setting in—approach Faust once more, a genuine Luciferian temptation. — And Lucifer is there once again at the very moment when Faust speaks:

Im Vorgefühl von solchem hohen Glück
Genieß? ich jetzt den höchsten Augenblick.

In anticipation of such great happiness
I now savor this most sublime moment.

[ 60 ] Nun folgt die eigentliche Grablegung und das Sich-Anschicken des Mephisto, mit den Höllengeistern die Seele zu erbeuten. Die Engel kommen und gewinnen den Sieg über die Teufel. Die Seele ist scheinbar erlöst, wird hinweggetragen, aber die Dichtung ist nicht aus. Was geht da eigentlich vor? Ja, so ohne weiteres konnte Goethe nicht sagen, was da vorgeht. Aber es stehen viele Worte da, durch die er sich für den, der verstehen will, deutlich genug ausgesprochen hat. Nur stimmt die Vorstellung nicht, die man sich so leicht macht von jenem Engelchore, der da anrückt, um sich die Seele zu holen. So ganz ist es nicht unrichtig, daß die Engel, die da anrücken, allzu hoffärtig sind und sich nun vorkommen als die vollsten Lichtgeister, und die Teufel — die dicken und die dürren Teufel - nur so verachten, und sich jetzt ganz fromm nur vorkommen, so recht brav, so recht fromm. Daß er die Vorstellung doch nicht so ohne weiteres haben wollte, hat Goethe schon angedeutet, indem er den Mephisto, den er wahrhaftig nicht als einen ganz dummen Teufel hinstellt, die Worte sagen läßt, die so eingestreut sind an einer Stelle:

[ 60 ] Now comes the actual burial and Mephisto’s preparation to capture the soul with the spirits of Hell. The angels arrive and triumph over the devils. The soul appears to be redeemed and is carried away, but the poem is not yet over. What is actually happening there? Yes, Goethe could not say offhand what was going on. But there are many words there through which he has expressed himself clearly enough for those who wish to understand. It is just that the mental image one so easily conjures up of that choir of angels advancing to claim the soul is not quite accurate. It is not entirely incorrect that the angels who are approaching are all too haughty and now imagine themselves to be the very embodiment of light, while the devils—the fat and the gaunt devils—they simply despise, and now imagine themselves to be quite pious, so very good, so very pious. Goethe had already hinted that he did not want to accept this mental image so readily by having Mephisto—whom he certainly does not portray as a completely foolish devil—utter the words scattered throughout one passage:

Die Pfaffenmiene will dich gar nicht kleiden,

That priestly look doesn't suit you at all,

[ 61 ] und insbesondere das bedeutungsvolle Wort:

[ 61 ] and, in particular, the significant word:

Es sind auch Teufel, doch verkappt.

They are devils, too, but in disguise.

[ 62 ] Sie sind auch von Luzifers Geschlecht. Das steht nicht zum Spaß da! So weit sich das überhaupt sagen läßt, inwieferne es im Ernste dasteht, wollen wir morgen die Sache weiterbetrachten.

[ 62 ] They, too, are of Lucifer’s lineage. That’s not just for fun! As far as one can even say—to what extent it’s meant seriously—we’ll take a closer look at the matter tomorrow.