The Faust Problem
The Romantic and Classical Walpurgis Night
GA 273
19 January 1919, Dornach
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The Faust Problem, tr. SOL
12. Statt Homunkulismus und Mephistophelismus: Goetheanismus
12. Instead of Homunculism and Mephistophelemism: Goetheanism
[ 1 ] Durch die beiden Betrachtungen, die ich anknüpfte an die Darstellung der letzten Walpurgisnachtszene aus dem zweiten Teil von Goethes «Faust», wollte ich die Empfindung hervorrufen, daß Goethe in der Tat mit seinem ganzen inneren Leben auf dem Wege war, wenn man so sagen darf, in die übersinnliche Welt hinein, und daß es ihm, wie vielleicht keinem andern Künstler, keinem andern Dichter, gelungen ist, künstlerisches Schaffen aus solchem spirituellem Leben heraus wirklich zu entfalten, so daß weder die Kunst noch die Weisheit in diesem Goetheschen Schaffen zu kurz kommt, sondern jedes dieser WeisheitsStrebensgebiete an seinem Platze voll zum harmonischen Ausdruck kommt.
[ 1 ] Through the two reflections I offered in connection with the description of the final Walpurgis Night scene from the second part of Goethe’s Faust, I sought to convey the sense that Goethe was indeed, with his entire inner life, on a path—if one may put it that way—into the supernatural world, and that he succeeded—perhaps more than any other artist or poet—in truly developing artistic creation out of such a spiritual life, so that neither art nor wisdom is neglected in Goethe’s work, but rather each of these realms of the pursuit of wisdom finds its full and harmonious expression in its proper place.
[ 2 ] Ich möchte nicht den Glauben erwecken, als ob ich mit alldem, was ich gesagt habe, eine Interpretation dieser Dichtung hätte geben wollen; das will ich überhaupt nie. Denn Interpretationen halte ich für das Unnützlichste, was es überhaupt auf diesem Gebiete geben kann. Alles das, was versucht wird durch solche Betrachtungen, wie die beiden vorangegangenen, zu geben, das ist, die Möglichkeiten hervorzurufen, in demselben Elemente eine Dichtung oder ein Kunstwerk zu genießen, aufzunehmen, in dem es geschaffen ist. Gewissermaßen soll eine solche Betrachtung nur lehren die Sprache, die Geistessprache, in der so etwas geschrieben ist, nicht irgend etwas auslegen oder erklären, was ohnedies meistens nur ein Unterlegen und ein Mißerklären ist.
[ 2 ] I do not wish to give the impression that, with everything I have said, I intended to offer an interpretation of this poem; that is not my intention at all. For I consider interpretations to be the most useless thing that can possibly exist in this field. All that such reflections as the two preceding ones attempt to provide is to evoke the possibilities of enjoying and absorbing a poem or a work of art within the very elements in which it was created. In a sense, such a reflection is meant only to teach the language—the language of the mind—in which such a work is written, not to interpret or explain anything, which in most cases is nothing more than a misrepresentation and a misinterpretation.
[ 3 ] Wenn man diese Stimmung der Sache festhält, dann darf man auch vielleicht das Folgende geltend machen. Allem Erkenntnisstreben, allem nach geistigem Erleben überhaupt gerichteten Menschheitsstreben liegen zwei Grundempfindungen unter. Die eine Grundempfindung kommt daher, daß der Mensch, indem er sein Leben zwischen Geburt und Tod im physischen Leibe verbringt, denken muß, vorstellen muß. Nicht wahr, wir wären nicht voll Mensch, wenn wir nicht über die Dinge und über uns selbst denken würden. Dann aber müssen wir, wenn wir unser Leben vollenden wollen zwischen Geburt und Tod im physischen Leibe, nicht nur denken, sondern auch wollen. Das Fühlen liegt eigentlich zwischen dem Denken und Wollen in der Mitte darinnen. Es ist manchmal mehr ein Denken und Vorstellen, manchmal mehr ein Wollen. Daher kann man, wenn man diese Betrachtung, auf die wir jetzt hinsteuern wollen, anstellen will, von dem Fühlen absehen, nach dem einen Pol des Denkens und Vorstellens hinblicken und auch nach dem andern Pol der menschlichen Betätigung, nach dem Wollen. Der Mensch ist einmal ein denkendes und ein wollendes Wesen. Aber mit diesem Denken und Wollen hat es doch noch seine ganz besondere Bewandtnis. Der Trivialmensch, der gewöhnliche Durchschnittsbürger, betrachtet schon dasjenige, zu dem man kommen kann, als etwas Erreichtes, wenn er auf der einen Seite — wenigstens nach seinen Vorstellungen — möglichst klar denkt, möglichst nach seinen Vorstellungen eindringlich denkt, und wenn er nach seinem Bedürfnisse entsprechend will. Dadurch unterscheidet sich aber gerade der wirklich bis ins tiefe Innerste seiner eigenen Wesenheit hinein ehrliche Erkenntnismensch, daß er sich, wenn er versucht, auf dem Wege des Denkens weiterzugehen, zuletzt gesteht: Ach, mit diesem Denken innerhalb des physischen Leibes komme ich doch nur bis zu einem gewissen Abstand an dasjenige heran, nach dem ich eigentlich hinstrebe.
[ 3 ] If one captures the essence of this matter, then perhaps one may also make the following point. Underlying all striving for knowledge, all human striving directed toward spiritual experience in general, are two fundamental feelings. One of these fundamental feelings arises from the fact that, as human beings spend their lives between birth and death in a physical body, they must think and create mental images. After all, we would not be fully human if we did not think about things and about ourselves. But if we wish to live our lives to the fullest between birth and death in a physical body, we must not only think but also will. Feeling actually lies in the middle, between thinking and willing. Sometimes it is more like thinking and creating mental images; sometimes more like willing. Therefore, if one wishes to undertake the consideration toward which we are now heading, one can set feeling aside, look toward one pole—that of thinking and creating mental images—and also toward the other pole of human activity—that of willing. Human beings are, first and foremost, thinking and willing beings. But there is still a very special aspect to this thinking and willing. The trivial person, the ordinary average citizen, already regards whatever one can arrive at as an achievement if, on the one hand—at least according to his own mental images—he thinks as clearly as possible, thinks as intensely as possible in accordance with his own mental images, and if he wills in accordance with his own needs. But this is precisely what distinguishes the person of true knowledge—who is honest right down to the deepest core of his own being—in that, when he attempts to go further along the path of thought, he ultimately admits to himself: “Ah, with this thinking within the physical body, I can only come so close to that which I am actually striving for.”
[ 4 ] Es ist mit dem Denken gerade so, wie wenn man nach einem Ziele hinstreben würde; die Richtung hat man, aber keine Anschauung vom Ziel. Man will bis zum Ziele hineilen, man weiß, in welcher Richtung das Ziel etwa liegen kann, aber es ist noch alles dunkel um das Ziel herum. Man hat genau die Vorstellung, hell kann es erst werden, wenn man hinkommt. Aber indem man noch lange nicht am Ziele sich fühlt, sondern in einem gehörigen Abstande vom Ziele ist, packt einen gewissermaßen ein Wesen dahinten und hält einen auf, läßt einen nicht weiter. Und man fühlt: Das Denken, das Vorstellen treiben einen in einer gewissen Richtung, aber man wird aufgehalten. Wenn man nur auf diesem Wege des Denkens bleiben will in dieser Richtung, kann man nicht an das Ziel gelangen, das einem das Denken selber, das Vorstellen, eigentlich vorzeichnet. -— So gelangt der Mensch an die eine Grenze, die seinem Wesen gesetzt ist für das Leben zwischen Geburt und Tod. Und man kann sagen: Eigentlich hat derjenige kein tieferes Erkenntnisleben, der nicht alle Schmerzen und Schicksalsrückschläge empfunden hat, die sich aus einem solchen Zurückgehaltenwerden gegenüber dem Denkziele auf dem Denk wege selbst ergeben. — Man ist gewissermaßen verurteilt, oberflächlich zu bleiben, wenn man durch seine innere Seelenkonstitution die Meinung haben kann, man könne durch das Denken zum Ziele dieses Denkens selber kommen. Man bewahrt sich bloß vor der Oberflächlichkeit, wenn man gerade, indem man versucht, mit aller Klarheit, mit aller Eindringlichkeit zu denken, durch diese Klarheit, durch diese Eindringlichkeit des Denkens dahin gebracht wird, daß man fühlt, wie einem der Denkhinderer im Nacken sitzt. Dieses Im-Nacken-sitzenFühlen des Hinderers, das ist ein tiefes menschliches Erlebnis, und ohne das geht es eigentlich nicht aus der Oberflächlichkeit in die Tiefe der Lebensauffassung hinein.
[ 4 ] Thinking is just like striving toward a goal; you have the direction, but no clear picture of the goal. You want to rush toward the goal; you know roughly in which direction it might lie, but everything around the goal is still shrouded in darkness. You have a clear mental image of how things will look once you get there; it can only become clear. But just as you feel you are still far from the goal—in fact, at a considerable distance from it—a certain presence behind you, as it were, seizes you and holds you back, preventing you from going any further. And one feels: Thinking and mental images are driving one in a certain direction, but one is being held back. If one simply wants to remain on this path of thought in this direction, one cannot reach the goal that thinking itself—that is, mental images—actually points toward. — Thus does a person reach the one limit set upon their being for life between birth and death. And one can say: In truth, one who has not experienced all the pains and setbacks of fate that arise from being held back in this way from the goal of thought along the very path of thought itself has no deeper life of insight. — One is, in a sense, condemned to remain superficial if, due to one’s inner soul constitution, one believes that one can reach the goal of thought itself through thought. One guards against superficiality only when, precisely by attempting to think with all clarity and all intensity, one is led—through this very clarity and intensity of thought—to feel the obstacle to thinking breathing down one’s neck. This feeling of the obstacle breathing down one’s neck is a profound human experience, and without it, it is actually impossible to move from superficiality into the depths of one’s view of life.
[ 5 ] Aber nun ist dies nicht die einzige Grenze, die dem Ausleben des menschlichen Wesens zwischen Geburt und Tod gezogen ist, sondern die andere Grenze ist aufgerichtet da, wo das Wollen sich entfaltet. Wo das Wollen sich entfaltet, da keimen erstens auch die Begierden des Menschen, die aus dem Triebleben heraus kommen. Der Mensch wird zum Wollen getrieben durch Hunger und Durst im gröbsten Sinne, durch andere Triebe; und es ist dann eine ganze Skala von den Trieben hinauf bis zu den reinsten geistigen Idealen. In all dem, von den gröbsten Trieben bis hinauf zu dem reinsten geistigen Ideal entfaltet, liegen die Impulse des Wollens. Wenn man nun aber versucht, mit dem Wollen ins Leben sich hineinzustellen — das war im Grunde gerade Goethes Ziel in seinem «Faust», den Faust mit dem Wollen ins Leben hineinzustellen, damit er erfahren könne alles Lebenbeglückende, alles Lebenzerschmetternde, alles Befreiende und alles Sündhafte im Leben -, wenn man versucht, mit dem Wollen, das ins Tun übergeht, in die Tat sich übersetzt, in das Leben sich hineinzustellen, so kommt man wiederum an eine Grenze. Aber es ist jetzt eine andere Empfindung, die auftritt. Nicht so sehr, daß einen wie beim Denken einer im Nacken faßt und hält vor dem Ziele, sondern indem man will, faßt einen einer und setzt eigentlich immer in einer Weise, wie man es nicht selber haben will, das Wollen fort. Man wird sich gewissermaßen selbst entrissen im Wollen. Da tritt ein anderer auf im Wollen und reißt einen mit sich fort.
[ 5 ] But this is not the only boundary drawn around the human being’s existence between birth and death; rather, another boundary is established where the will unfolds. Where the will unfolds, that is where, first of all, human desires—which arise from the life of instincts—take root. Human beings are driven to will by hunger and thirst in the grossest sense, by other instincts; and there is then a whole spectrum ranging from the instincts all the way up to the purest spiritual ideals. In all of this—from the coarsest instincts all the way up to the purest spiritual ideal—lie the impulses of volition. But when one attempts to step into life with volition—which was, in essence, Goethe’s very goal in his Faust, to place Faust into life through his will, so that he might experience everything in life that brings joy, everything that shatters life, everything that liberates, and everything that is sinful—if one tries to step into life with the will that passes into action, that translates into deed—then one once again comes to a limit. But now a different sensation arises. It is not so much that, as in thinking, something seizes one by the nape of the neck and holds one back from the goal, but rather that, as one wills, something seizes one and actually always carries on the act of willing in a way that one does not oneself desire. One is, so to speak, torn away from oneself in the act of willing. Then another appears in the act of willing and carries one away with it.
[ 6 ] Das ist die Empfindung, die, wenn sie der Mensch hat, wiederum aus dem Oberflächlichen ins Tiefe einer Lebensauffassung hineinführt. Philiströse Sattlinge, satte Menschen sind allerdings der Meinung, daß man, wenn man das Denken nur weit genug ausbildet, das Wollen nur weit genug entwickelt, am Ziele ankommt. Aber in diesem satten SichFühlen auf erfüllbaren Wegen liegt des Lebens Oberflächlichkeit, liegt nicht das, was möglich macht in der Lebensprüfung — denn geprüft wird man, wenn man mit gehöriger Intensität die zwei angedeuteten Grenzen sich im Inneren der Seele ausmalt — nach gehöriger Prüfung, gewissermaßen über einen Abgrund hinübersetzend, in eine andere Welt einzutreten, die nicht mit dem Bewußtsein durchlebt werden kann, das sich im Leben zwischen Geburt und Tod entfaltet. Es muß die Menschheit schon einmal gerade aus dem Goetheanismus heraus begreifen, daß wahrhaftig nicht bloße Beseligung des Strebens, die man sich oftmals nur einredet, die oftmals nur von Illusionen getragen ist, erlebt werden kann, sondern daß dasjenige, was den Menschen zu seinem Ziele führt, über Hindernisse, über Enttäuschungen, über Desillusionierungen führt, und wer sich sträubt, Entillusionierungen zu erleben, und sich dadurch sträubt, den ganzen Menschen in gewissen Zeitmomenten des Lebens umzugestalten, zu metamorphosieren, der kann nicht zur Menschheitserkenntnis, nicht zur Menschheitserfassung vorwärtsdringen.
[ 6 ] This is the feeling that, when a person experiences it, leads them back from the superficial to the depths of a worldview. Philistine, complacent people, however, believe that if one merely trains one’s thinking sufficiently and develops one’s will sufficiently, one will reach one’s goal. But in this complacent sense of security on paths that can be fulfilled lies the superficiality of life; it does not contain what makes one capable of withstanding life’s trials—for one is tested when, with due intensity, one envisions the two limits mentioned within the depths of the soul — after due examination, crossing over an abyss, as it were, to enter another world that cannot be experienced with the consciousness that unfolds in life between birth and death. Humanity must first come to understand, precisely through Goetheanism, that what can truly be experienced is not merely the bliss of striving—which one often merely convinces oneself of, and which is often sustained only by illusions—but that what leads the human being to his goal leads him through obstacles, through disappointments, through disillusionments; and whoever resists to experience disillusionment—and thereby resists transforming and metamorphosing the whole human being at certain moments in life—cannot advance toward an understanding of humanity or a grasp of humanity.
[ 7 ] Man darf schon annehmen, daß in dieser Beziehung gerade die durchchristete Weltauffassung und Lebensanschauung gegen die nächste Zukunft hin einen bedeutsamen Umschwung erfahren muß. Das Christentum ist bisher durch die Entwickelung, die es in verschiedenen Konfessionen erlebt hat, eigentlich nur in seinem Anfangsstadium. Will man ausdrücken, was das Christentum bis jetzt ausgestaltet hat, so könnte man sagen, eigentlich nur die Empfindung in dem Menschen, daß ein Christus einmal da war. Und diese Empfindung ist eigentlich der materiellen Forschung im 19. Jahrhundert wieder verlorengegangen, daß ein Christus da war. Was der Christus in die Welt gebracht hat, wie der Christus im Zusammenhang steht mit dem menschlichen Seelenstreben, da hinein soll erst Licht kommen gegen die Zukunft hin durch geisteswissenschaftliche Untersuchungen und geistige Art der Weltempfindung, durch übersinnliches Erleben, wenn auch zunächst die Menschheit in diesem intellektualistischen Zeitalter dieses übersinnliche Erleben nur im Vorstellen, in den Bildern des Vorstellens wird in ihrer großen Masse haben können.
[ 7 ] One may safely assume that, in this regard, the Christian worldview and philosophy of life in particular will undergo a significant transformation in the near future. Christianity, as it has developed within various denominations, is actually still only in its initial stage. If one were to describe what Christianity has achieved so far, one could say that it is, in essence, merely the feeling within human beings that a Christ once existed. And this feeling—that a Christ existed—was actually lost again to materialistic research in the 19th century. What Christ brought into the world, and how Christ relates to the human soul’s striving—light is to be shed on these matters in the future through Spiritual Science investigations and a spiritual way of perceiving the world, through supersensible experience, even if, for the time being, in this intellectualistic age, the vast majority of humanity will be able to have this supersensible experience only in mental images, in the images of the imagination.
[ 8 ] Aber diese zwei Grundempfindungen, die ich angedeutet habe, von den beiden Grenzen des menschlichen Selbsterkennens und Selbsterfassens, müssen den Übergang finden aus einem mehr passiven Christentum zu einem aktiven Christentum. Denken Sie nur einmal, bei wie vielen Menschen der Christus eigentlich nichts weiter war in der Vergangenheit als eine Art Helfer in der Not für dasjenige, was der Mensch nur ja nicht selber tun mag. Jene eigenrümliche Art, wie die römisch-katholische Kirche von einem bestimmten Zeitpunkte an die Sünden vergeben hat -— man konnte sündigen, was man wollte, wenn man dann nur aufrichtig Buße leistete, Reue hatte und so weiter, so war einem das vergeben. Schließlich, der Christus war da zum Helfen in der Not, zum Gutmachen desjenigen, was man selber gar nicht beabsichtigte in erheblichem Maße gutzumachen, von dieser Abirrung, wo man eigentlich auch passiv bleibt, das weltliche Leben, das weltliche Treiben für sich einrichtet, und dann womöglich nur dadurch, daß man an den Christus glaubt, daß man sich ganz in Passivität mit dem Christus verbunden fühlt, von dem Christus sich erlösen läßt — dieses zwiefache passive Verhalten zu dem Christus gehört und muß angehören der Vergangenheit. Und dasjenige, was an die Stelle treten muß, das muß sein ein Verhältnis zu dem Christus als zu einer aktiven Macht, ein Entgegengehen dem Christus so, daß er nicht für sich das tut, was man selber nicht gerne:tut, sondern so, daß er einem durch sein Dasein die Kraft gibt, selber etwas zu tun. Ein aktives, oder besser gesagt, ein zur Aktivität kommendes Christentum ist dasjenige, was an Stelle des Passivitäts-Christentums treten muß, wo man im Grunde genommen — nun, verzeihen Sie, daß ich es so trivial ausdrücke - selber auf dem physischen Plane tut, was man will, und dann Gott einen guten Mann sein läßt, der einem alles verzeiht, wenn man nur im rechten Momente zu ihm zurückkommt.
[ 8 ] But these two fundamental feelings I have alluded to—regarding the two limits of human self-knowledge and self-understanding—must find a way to transition from a more passive Christianity to an active Christianity. Just think for a moment how, for so many people in the past, Christ was really nothing more than a kind of helper in times of need—for those things that people simply did not want to do themselves. That peculiar way in which the Roman Catholic Church, from a certain point onward, forgave sins—one could sin as much as one wanted, as long as one then sincerely repented, felt remorse, and so on; in that way, one was forgiven. After all, Christ was there to help in times of need, to make amends for what one had no real intention of making amends for to any significant degree—this deviation in which one actually remains passive, organizing one’s worldly life and worldly pursuits for oneself, and then, perhaps, simply by believing in Christ—by feeling completely connected to Christ in passivity, allowing oneself to be redeemed by Christ—this twofold passive attitude toward Christ belongs to the past and must belong to the past. And what must take its place must be a relationship with Christ as an active force, a meeting Christ halfway—not so that He does for oneself what one does not like to do, but so that, through His very existence, He gives one the strength to do something oneself. An active—or rather, a Christianity that becomes active—is what must take the place of a Christianity of passivity, where, basically—well, forgive me for putting it so trivially—one does whatever one wants on the physical plane and then lets God be the good man who forgives everything, as long as one returns to him at the right moment.
[ 9 ] Das bezeichnet zu gleicher Zeit die Grenzscheide zwischen dem Zeitalter, das vergangen sein muß, das in eine furchtbare Menschheitskatastrophe hineingeführt hat, und dem, das da kommen muß und nur, wenn es ein Passivitäts-Christentum in ein Aktivitäts-Christentum überführt, geeignet sein kann, jede Schäden, die sich schon herausgestellt haben und die sich aus dem Vergangenheitsprinzip immer mehr herausstellen werden, zu heilen. Diese Schäden sitzen noch tief in den menschlichen Herzen und menschlichen Seelen. Und sie müssen geheilt werden, wenn die Erdenentwickelung weitergebracht werden soll.
[ 9 ] This simultaneously marks the dividing line between the age that must have passed—the one that led into a terrible catastrophe for humanity—and the age that must come, which can only be capable of heal all the damage that has already become apparent—and that will become increasingly apparent as a result of the principle of the past. This damage still lies deep within human hearts and souls. And it must be healed if the development of the Earth is to move forward.
[ 10 ] Die beiden Grundempfindungen von den Grenzen im Denken und im Wollen kann man auch so bezeichnen, daß man sagt: Die eine Grenze macht einen aufmerksam darauf, wie man an sein eigenes Wesen nicht heran kann. — Ja, wir sind wirklich als Menschen so, daß wir auf der einen Seite an das eigene Menschenwesen nicht heran können, und wir kommen nicht bis zu uns selber mit unserem Denken. Im Wollen, da kommen wir bis zu uns selber, denn das Wollen geht wirklich von uns aus. Aber da erfaßt uns wiederum ein anderer, ein anderes Weltenwesen, da verlieren wir uns. Im Denken erreichen wir uns nicht, und im Wollen verlieren wir uns. Der Mensch ist einfach nach dem Prinzip dieses Dualismus als irdisches Wesen gestaltet, er ist ein duales Wesen, keine Monade, ein duales Wesen. Das eine Glied dieses dualistischen Wesens kann sich nicht erreichen, das andere Glied dieses dualistischen Wesens verliert sich.
[ 10 ] The two fundamental sensations of limits in thinking and in willing can also be described as follows: One limit makes one aware of how one cannot approach one’s own being. — Yes, as human beings we are truly such that, on the one hand, we cannot reach our own human nature, and we cannot reach ourselves through our thinking. In volition, however, we do reach ourselves, for volition truly emanates from us. But there, in turn, another—another worldly being—seizes us, and we lose ourselves. In thinking we do not reach ourselves, and in volition we lose ourselves. Human beings are simply constituted as earthly beings according to the principle of this dualism; they are dual beings, not monads, but dual beings. One aspect of this dualistic being cannot reach itself, while the other aspect of this dualistic being loses itself.
[ 11 ] Man stellt daher den Menschen niemals richtig dar, wenn man ihn ‚bloß als Monon darstellt, sondern nur, wenn man versucht, ihn darzustellen als einen Mittelzustand zwischen dem Sich-nicht-erreichenKönnen und dem Sich-Verlieren. Und wenn man womöglich beides gleichzeitig in aller Stärke fühlt, dann fühlt man sich so recht als Erdenmensch. Wenn man fühlt eine Art Hin- und Herpendeln zwischen Sich-nicht-erreichen-Können und Sich-Verlieren, dann fühlt man sich als Erdenmensch. Und dasjenige, was man erreichen muß, ist, trotzdem man in einem solchen Pendeln darinnensteht, die Ruhe des Daseins. Die Ruhe des Daseins erreicht auf dem physischen Gebiete der Pendel, erreicht die Waage. Auf dem geistig-moralischen Gebiete muß dasselbe, was die Waage, was der Pendel erreicht in seiner Ruhelage, der Mensch erreichen können. Der Mensch soll nicht anstreben, die absolute Ruhelage zu haben, das macht ihn faul, verfault. Der Mensch soll anstreben die Ruhelage, die der Mittelzustand zwischen dem Ausschlagen ist, zwischen dem Nicht-Erreichen und Sich-Verlieren.
[ 11 ] Therefore, one never truly portrays a human being by depicting them “merely as a monon,” but only by attempting to portray them as a middle state between the inability to attain oneself and the loss of oneself. And when one feels both of these at the same time with full intensity, then one truly feels like an earthly human being. When one feels a kind of oscillation back and forth between the inability to reach oneself and losing oneself, then one feels like an earthly human being. And what one must attain, even while caught up in such an oscillation, is the tranquility of existence. The tranquility of existence is achieved in the physical realm through the pendulum; it achieves equilibrium. In the spiritual-moral realm, human beings must be able to achieve the same state that the pendulum and the balance achieve in their state of rest. A person should not strive for absolute rest; that makes them lazy and causes them to stagnate. A person should strive for the state of rest that is the middle ground between the extremes—between not achieving anything and losing oneself.
[ 12 ] Wenn man solche Empfindungen richtig entwickeln will, dann müssen andere Empfindungen über Leben und Wirklichkeit noch wesentlich dazukommen.
[ 12 ] If one wishes to develop such feelings properly, then other feelings about life and reality must also be added in a significant way.
[ 13 ] Ich habe Sie öfters aufmerksam gemacht, wie einseitig eigentlich heute das Entwickeln aufgefaßt wird. Denken Sie nur einmal, daß die ganze Entwickelung heute so aufgefaßt wird, wie wenn immer das Folgende aus dem Vorhergehenden so herausgezogen würde. Eigentlich denkt sich der heutige Mensch die aufeinanderfolgenden Entwickelungszustände ungefähr wie eine Folge von Pappschachteln, die so ineinandergeschachtelt sind. Und nun, wenn es sich entwickelt — eine Pappschachtel, der Mensch zwischen der Geburt und dem siebenten Jahre. Dann nimmt man die zweite heraus und man hat den Menschen vom siebenten bis vierzehnten Jahr. Dann die dritte, und man hat den Menschen vom vierzehnten bis einundzwanzigsten Jahr, und so eins aus dem andern heraus. Das geradlinige Fortschreiten in der Entwickelung ist das, was dem heutigen Menschen am angenehmsten ist.
[ 13 ] I have often pointed out to you just how one-sided the concept of development actually is today. Just consider for a moment that the entire process of development is viewed today as if the next stage were always extracted from the previous one. In fact, people today imagine the successive stages of development roughly like a series of cardboard boxes nested one inside the other. And now, as it develops—one cardboard box represents the human being from birth to the age of seven. Then you take out the second one, and you have the person from the seventh to the fourteenth year. Then the third, and you have the person from the fourteenth to the twenty-first year, and so on, one after another. This linear progression in development is what is most comfortable for people today.
[ 14 ] Das liegt auch zugrunde all den grotesken Vorstellungen, die wir heute in der Schule lernen, und die in der Zukunft einmal als der wissenschaftliche Wahnsinn der aufgeklärten Periode vom 19. und 20. Jahrhundert dargestellt sein werden. Sich so vorzustellen, daß einmal ein Nebelzustand dagewesen ist - Kant-Laplacesche Theorie -, dann nach und nach eins aus dem andern hervorgehend, Pappschachtel aus Pappschachtel, eine aus der andern hervorgehend, der folgende Zustand immer aus dem früheren, das ist die krankhafte Wissenschaftsvorstellung der Gegenwart. Denn so sind die Dinge nicht. Denken Sie doch, wie die Entwickelung beim Einzelmenschen zwischen Geburt und Tod bei einigermaßen unbefangener Beobachtung Ihnen entgegentritt.
[ 14 ] This also underlies all the grotesque mental images we learn in school today, which in the future will be portrayed as the scientific madness of the Enlightenment period of the 19th and 20th centuries. To imagine that there was once a state of primordial mist—the Kant-Laplacean theory—and then, little by little, one thing emerging from another, a cardboard box emerging from another cardboard box, one emerging from the other, with each subsequent state always arising from the previous one—that is the pathological mental image of the present. For that is not how things are. Just consider how the development of an individual human being between birth and death presents itself to you upon reasonably unbiased observation.
[ 15 ] Nicht wahr, die wirkliche Grenze der ersten Lebensperiode ist der Zahnwechsel, das Bekommen der zweiten Zähne. Ich habe öfters darauf aufmerksam gemacht. Was ist denn das eigentlich, dieses Bekommen der zweiten Zähne gegen das siebente Jahr hin, wo die erste Lebensperiode abschließt? Es ist das ein Konsolidieren, ein Verhärten des Menschen, respektive das Verhärten im Menschen gestaltet sich. Es ist wie ein Zusammenziehen aller Lebenskräfte, daß man Dichtestes, Mineralisiertestes zuletzt noch einmal hervorbringen kann, die zweiten Zähne. Es ist ein wirkliches Zusammenziehen aller Lebenskräfte ins Dichte.
[ 15 ] Isn’t it true that the real boundary of the first period of life is the change of teeth—the emergence of the second set of teeth? I have often drawn attention to this. What, then, is this emergence of the second set of teeth around the age of seven, when the first period of life comes to a close? It is a process of consolidation, a hardening of the human being—or rather, this hardening takes shape within the human being. It is like a contraction of all life forces, enabling the body to produce, as a final act, the densest, most mineralized substance: the permanent teeth. It is a genuine contraction of all life forces into density.
[ 16 ] Die zweite Lebensperiode schließt ab mit der Geschlechtsreife. Da ist gerade das Umgekehrte der Fall. Da ist nicht wiederum ein Zusammenziehen zur Verhärtung aller Lebenskräfte, sondern da ist im Gegenteil eine Verdünnung aller Lebenskräfte, ein Auseinandertreiben, ein Üppigwerden. Da ist ein entgegengesetzter Zustand, der in dem Organismus pulsiert.
[ 16 ] The second stage of life concludes with sexual maturity. Here, the exact opposite is true. There is not, once again, a contraction leading to the hardening of all life forces, but rather, on the contrary, a dilution of all life forces, a drifting apart, a becoming lush. There is an opposite state pulsating within the organism.
[ 17 ] Und nur etwas verfeinert, aber doch wiederum so, wenn um das einundzwanzigste Lebensjahr die dritte Lebensperiode abschließt. Da konsolidiert sich der Mensch wiederum, zieht seine Kräfte zusammen. Mit dem achtundzwanzigsten Lebensjahr dehnt er sie wiederum aus. Einundzwanzigstes Jahr: Zusammenziehung, mehr auf das stellen, was in seinem Inneren lebt. Achtundzwanzigstes Jahr: Ausdehnung, mehr auf das stellen, das ihn zusammenbringt mit der ganzen weiten Welt. Mit dem fünfunddreißigsten Lebensjahr — approximativ zu nehmen ist wiederum eine Art Zusammenziehung da. Das ist ja die Lebensmitte, das fünfunddreißigste Jahr.
[ 17 ] And only slightly refined, but still in the same way, when the third period of life comes to a close around the age of twenty-one. At that point, a person consolidates once more, drawing their strength inward. By the age of twenty-eight, they expand it once again. The twenty-first year: contraction, focusing more on what lives within. The twenty-eighth year: expansion, focusing more on what connects them to the whole wide world. Around the age of thirty-five—roughly speaking—there is once again a kind of contraction. That is, after all, the midpoint of life, the thirty-fifth year.
[ 18 ] Also die Entwickelung ist nicht so geradlinig, sondern so, daß sie sich in einer Wellenlinie bewegt: Zusammenziehung, Erhärtung; Erweichung, Ausdehnung; Zusammenziehung, Erhärtung; Erweichung, Ausdehnung. Im Grunde genommen ist das auch das Leben des Menschen im Großen. Indem wir hier in die physische Welt hineingeboren werden, ziehen wir uns zusammen, so daß wir innerhalb unserer Haut sind. Indem wir das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt durchmachen, dehnen wir uns immer mehr und mehr aus.
[ 18 ] So development is not so linear, but rather moves in a wave-like pattern: contraction, hardening; softening, expansion; contraction, hardening; softening, expansion. Essentially, this is also the life of a human being on a grand scale. When we are born into the physical world, we contract so that we are contained within our skin. As we go through the period between death and a new birth, we expand more and more.
[ 19 ] Was folgt aus alledem? Aus alledem folgt, daß der Entwickelungsgedanke, der nur geradlinig die Entwickelung denkt, nichtsnutzig ist, daß er die Menschheit nasführt und abgestreift werden muß. Alle Entwickelung schreitet nämlich im Rhythmus voran. Alle Entwickelung geht: Wellental, Wellenberg, Zusammenziehung, Ausdehnung.
[ 19 ] What follows from all this? It follows that the concept of development, which conceives of development only in a linear fashion, is useless; that it misleads humanity and must be discarded. For all development proceeds in rhythm. All development proceeds in a cycle: trough, crest, contraction, expansion.
[ 20 ] Wiederum auf elementaren Stufen hat das Goethe geahnt. Lesen Sie seine Metamorphose der Pflanzen, lesen Sie nur das Gedicht «Die Metamorphose der Pflanzen», so werden Sie sehen, wie jene eigentümliche Gestaltung, die von Laubblatt zu Laubblatt geht, dann Blütenblatt, dann Staubgefäß, dann Stempel, wie das von Goethe dargestellt wird als ein fortwährendes Ausdehnen, Zusammenziehen, aber nicht in ganz äußerlichen Gebilden nur, sondern auch die Säfte dehnen sich in ihren Kräften aus, ziehen sich wieder zusammen, expandieren, konzentrieren sich. Ich habe versucht, in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, als ich meine erste Einführung geschrieben habe zu Goethes naturwissenschaftlichen Werken, nachzukonstruieren die Goethesche Urpflanze, wo ich versuchte, in das Bild hineinzubringen dieses Ausdehnen und Zusammenziehen, Ausdehnen, Zusammenziehen bis in die Blüte hinauf. Also niemand kann das Leben wirklich erfassen, der dieses Leben nicht rhythmisch, in rhythmischem Gange vorstellt. Die geradlinige Entwickelung — das muß immer wieder betont werden - ist eine Idee, die nichtsnutzig ist als eine wirkliche Lebenserfassung.
[ 20 ] Goethe, too, had a premonition of this at a fundamental level. Read his Metamorphosis of Plants; just read the poem “The Metamorphosis of Plants,” and you will see how that peculiar formation—which proceeds from leaf to leaf, then to petal, then to stamen, then to pistil—is depicted by Goethe as a continuous process of expansion and contraction, not only in purely external structures, but also in the sap, whose forces expand, contract, expand again, and concentrate. In the 1880s, when I wrote my first introduction to Goethe’s scientific works, I attempted to reconstruct Goethe’s “primordial plant,” striving to incorporate into the image this process of expansion and contraction, expansion and contraction, all the way up to the flower. Thus, no one can truly grasp life who does not have a mental image of it that is rhythmical, in a rhythmic process. Linear development—this must be emphasized again and again—is an idea that is of no use in truly grasping life.
[ 21 ] Und so ist es auch mit dem Begreifen des geschichtlichen Lebens der Menschheit. Ich habe in den letzten Heften der Zeitschrift «Das Reich», wo ich über Ahrimanisches und Luziferisches im Leben abgehandelt habe, darauf aufmerksam gemacht, wie luziferische Perioden und ahrimanische Perioden der geschichtlichen Entwickelung abwechseln im Rhythmus. Alies Leben geht nicht geradlinig vorwärts, sondern schreitet von Wellenberg zu Wellental. Aber das ist verknüpft mit einer auch äußeren Veränderung, indem von Wellenberg zu Wellental geschritten wird. Und nur, wenn man diese Verhältnisse durchschaut, kommt man zu einer tieferen Lebensauffassung. Wer geradlinig sich die Evolution denkt, der denkt: Erst waren unvollkommenste Tiere, dann immer vollkommenere, dann so affenartige Tiere, dann hat sich daraus der Mensch entwickelt. - Und wenn man das dann aufs Moralische anwendet - ich habe Sie darauf schon öfter aufmerksam gemacht, auch in öffentlichen Vorträgen -, wenn man das dann weiter ausdehnt, ja, dann kommt so für den richtigen, für den waschechten Darwinisten heraus, daß er sagt: Man sieht ja schon im Tierreiche moralische Triebe, Instinkte, Veranlagungen, die dann zu menschlichem Wohlwollen und so weiter hinführen! — Wiederum eine nichtsnutzige Vorstellung, denn diese rechnet ganz und gar nicht mit dem Lebensrhythmus. Sie denkt die EntwickeJung in einer geraden Linie, Pappschachtel aus Pappschachtel hervorgehend. In Wahrheit liegt die Sache so. Denken Sie sich die höchstentwickelten Tiere mit ihren Eigentümlichkeiten weiterentwickelt, geradlinig weiterentwickelt, da kommt nicht der Mensch heraus, käme nie der Mensch heraus, sondern das höher entwickelte Tier, das würde gerade die Eigenschaften, die Ihnen sympathisch erscheinen im Tierreich, entwickeln in allerantipathischester Weise. Dasjenige, was Sie bei den Tieren bewundern als eine gewisse Geselligkeit, als den Anfang des Wohlwollens, eines sozialen Verhaltens, das weiter heraufentwickelt, schlägt ins Gegenteil rhythmisch um, wird zum Prinzip des Bösen. Hätte sich der Mensch so entwickelt, wie es Haeckel vorstellt, dann hätte sich entwickelt aus den menschenähnlichen Affen eine Menschengesellschaft, die von vornherein den Krieg aller gegen alle vollständig entwickelt haben würde. Denn in allen den Anlagen, die beim Tiere noch gut sind, liegt der weitere Entwickelungsimpuls zum Aufeinanderplatzen in heftigstem, blutigstem Kampfe. Das ist der Rhythmus! Wellenberg schlägt in Wellental um, und niemand sieht hinein in dasjenige, was die Natur birgt, der nicht auf die Entwickelungsmösglichkeiten im Rhythmus sieht. Nach außen anzuschauen das, was geschieht, das lehrt niemals erkennen dasjenige, was wirklich da ist. Nur dadurch, daß gar nicht herauskamen die Entwickelungsmöglichkeiten, die in den höheren Tieren liegen, sondern daß ihnen entgegenkam eine andere Welle des Weltenwerdens, welche abtötete das Bösewerden und gewissermaßen. darüberstülpte über das Bösewerden dasjenige, was die Menschen sein sollten vom Urbeginne aus, nur dadurch entwickelte sich die Menschheit. So daß man vorzustellen hat: Tierreich bis zu einer gewissen Höhe; ihm entgegenkommend die andere Welle, welche abstumpft das Bösewerden.
[ 21 ] And the same is true of our understanding of the historical life of humanity. In the most recent issues of the journal Das Reich, where I have discussed the Ahrimanic and Luciferic aspects of life, I have pointed out how Luciferic and Ahrimanic periods alternate rhythmically in historical development. Life does not proceed in a straight line, but moves from crest to trough. But this is linked to an external change as well, as we move from the crest of a wave to its trough. And only by seeing through these relationships can one arrive at a deeper understanding of life. Those who conceive of evolution as a straight line think: First there were the most imperfect animals, then increasingly perfect ones, then ape-like animals, and from these, human beings evolved. - And when one applies this to morality—I have drawn your attention to this many times before, including in public lectures—when one extends this further, well, then the true, die-hard Darwinist ends up saying: “One can already see moral impulses, instincts, and predispositions in the animal kingdom that then lead to human benevolence and so on!” — Yet another futile mental image, for it takes no account whatsoever of the rhythm of life. It conceives of evolution as a straight line, one cardboard box emerging from another. In truth, the matter is as follows. Imagine the most highly developed animals, with their peculiarities, evolving further—developing in a straight line—and what emerges is not a human being, nor would a human ever emerge from this process, but rather a more highly developed animal that would develop precisely those characteristics that you find appealing in the animal kingdom in the most repulsive way possible. That which you admire in animals—a certain sociability, the beginnings of benevolence, or social behavior—when developed further, rhythmically reverses into its opposite and becomes the principle of evil. Had humankind developed as Haeckel has in his mental image, then a human society would have emerged from the human-like apes that would have fully developed the war of all against all from the very beginning. For within all the predispositions that are still good in animals lies the further impulse of development toward an explosion into the most violent, bloodiest struggle. That is the rhythm! A crest turns into a trough, and no one can see into what nature conceals unless they look at the possibilities of development within the rhythm. Observing what happens from the outside never teaches us to recognize what is truly there. It was only because the possibilities for development inherent in the higher animals did not come to the fore at all, but were met by another wave of world-becoming that stifled the emergence of evil and, in a sense, superimposed upon that emergence what human beings were meant to be from the very beginning—it was only through this that humanity developed. So one must create a mental image: the animal kingdom up to a certain level; meeting it head-on, the other wave, which blunts the emergence of evil.
[ 22 ] Die Reinkarnation läßt sich auch moralisch anschauen. Was glauben Sie, was wäre dann der Mensch geworden, wenn er nur immer geboren und geboren würde hier auf dem physischen Plane, wenn nicht dem, was geboren wird rein physisch auf dem physischen Plane, entgegenkäme dasjenige, was immer in die geistige Welt aufgenommen und wieder hinuntergetan wird? Wenn der Mensch nur geboren würde, wenn er nicht durchseelt würde von den Wesen, die immer wiederum in die geistige Welt aufgenommen werden und herunterkommen, dann würde der Mensch nur im Kriege auf der Erde leben, nur im Kampfe auf der Erde leben wollen, dann würden sich die furchtbarsten Kampfesinstinkte entwickeln. Diese Kampfesinstinkte ruhen auf dem Grunde der menschlichen Seele, sie ruhen im menschlichen Organismus. Und sie werden abgelähmt durch dasjenige, was, wenn ich mich jetzt so ausdrücken darf, von oben kommt, was aus der geistigen Welt heraus kommt von derjenigen Menschenwesenheit, die immer wiederum in die geistige Welt aufgenommen wird.
[ 22 ] Reincarnation can also be viewed from a moral perspective. What do you think would become of human beings if they were simply born over and over again here on the physical plane, if what is born purely physically on the physical plane were not met by that which is constantly received into the spiritual world and sent back down again? If human beings were merely born, if they were not animated by the beings who are continually received into the spiritual world and then sent back down, then human beings would live only in war on Earth, would want to live only in struggle on Earth, and the most terrible instincts for struggle would develop. These instincts for struggle lie dormant at the very foundation of the human soul; they lie dormant within the human organism. And they are tempered by that which—if I may put it this way—comes from above, that which comes from the spiritual world from the human being who is continually received back into the spiritual world.
[ 23 ] Das drückt sich auch aus in der äußeren Form. Es ist geradezu grotesk für den Einsichtigen, wenn das Menschenhaupt so dargestellt wird, als ob es sich aus dem Tierkopf entwickelt hätte nach und nach. Es ist nämlich ein völliger Unsinn. In Wahrheit würde, wenn sich der Tierkopf weiterentwickelte, ein schreckliches Ungetüm herauskommen in dem, was Sie in der gegenwärtigen Inkarnation entwickeln aus Ihrem Unterleibe. Wenn das allein den Kopf bilden würde, wenn es aus sich heraus den Kopf bilden würde, nun, das wäre eine richtige Mißgeburt als Kopf, das wäre ein schreckliches Tierungeheuer. Denn da sitzt die Möglichkeit zum Tierungeheuer. Nur dadurch, daß das Geistige von oben kommt und sich entgegenstülpt, entsteht dasjenige, was Menschenhaupt ist, das aus dem Zusammengehören von zwei Kräften entsteht, von dem, was aus dem Leibe hinaufstrebt, und dem, was aus dem Kosmos entgegenstrebt. Als eine Gleichgewichtslage wird dieses Menschenhaupt herausgebildet. Und in dieser Gleichgewichtslage des Menschenhauptes ruht es, daß wir mit dem, was wir mitbringen aus der geistigen Welt, nicht frei hantieren können. Wir schlüpfen in unseren physischen Kopf hinein, und da können wir nicht das ganz zum Ausdruck bringen, was wir eigentlich sind, wenn wir durch die Geburt ins Dasein eilen. Könnten wir so denken, wie wir gedacht haben vor unserer Geburt, beziehungsweise vor unserer Konzeption, da würden wir nicht einen Homunkulus, da würden wir einen Menschen denken, einen Homo.
[ 23 ] This is also reflected in the external form. To the discerning observer, it is downright grotesque when the human head is depicted as if it had gradually evolved from an animal head. For that is utter nonsense. In truth, if the animal head were to develop further, a terrible monster would emerge from what you develop in your lower abdomen in your present incarnation. If that alone were to form the head—if it were to form the head on its own—well, that would be a true monstrosity of a head; it would be a terrible animal monstrosity. For that is where the potential for such an animal monstrosity lies. Only through the spiritual coming from above and folding over does that which is the human head come into being—arising from the union of two forces: that which strives upward from the body and that which strives toward it from the cosmos. This human head is formed as a state of equilibrium. And it is in this state of equilibrium of the human head that we cannot freely dispose of what we bring with us from the spiritual world. We slip into our physical head, and there we cannot fully express what we actually are when we rush into existence through birth. If we could think as we did before our birth—or rather, before our conception—we would not conceive of a homunculus; we would conceive of a human being, a Homo.
[ 24 ] Sie erinnern sich, ich habe neulich einmal auf so etwas aufmerksam gemacht vorübergehend, als ich den Weihnachtsvortrag in Basel gehalten habe, wo ich darauf aufmerksam gemacht habe, daß Nikolaus von der Flüe vor seiner Geburt geschaut hat Szenen, die er nach seiner Geburt erlebt hat. Da hat er sich als Mensch geschaut vor der Geburt. Aber wenn man geboren ist und nicht den Erkenntnisschlaf überwindet, das heißt, das Erwachtsein außerhalb des Leibes entfalten kann, sondern nur mit dem Leibe denkt, denkt man nie einen Menschen, sondern nur einen Homunkulus. Man erreicht sich nicht, indem man auf dem Wege durch den Kopf in sich hineinzukommen sucht. (Es wird gezeichnet.) Es ist eigentlich so, daß man in sich hineinzukommen sucht, dann gehalten wird, und - irgendwo in der Mitte des Menschen - da irgendwo ist eigentlich das, was man nicht erreicht. Es ist im Menschen selber darinnen. Man bleibt beim Homunkulus und wird nicht kommen zum Menschen.
[ 24 ] You may recall that I briefly mentioned something like this recently when I gave the Christmas lecture in Basel, where I pointed out that Nicholas of Flüe, before his birth, had glimpsed scenes that he later experienced after his birth. There, he saw himself as a human being before his birth. But if one is born and does not overcome the “sleep of knowledge”—that is, if one cannot develop the state of being awake outside the body—but thinks only with the body, one never conceives of a human being, but only of a homunculus. One does not reach oneself by trying to enter into oneself through the head. (A drawing is made.) It is actually the case that one tries to enter into oneself, is then held back, and—somewhere in the center of the human being—that is where what one cannot reach actually lies. It is within the human being itself. One remains with the homunculus and will not reach the human being.
[ 25 ] Und eigentlich, wenn man alle technischen Hilfsmittel hätte, so würde man in die Phiole, die über die Bühne geführt wird als der Homunkulus, hineintun — klein, daher auch niedlich - ein schreckliches kleines Ungetüm, das eigentlich dasjenige wäre, was entstehen würde, wenn es dem menschlichen Leibe allein übergeben wäre, daraus etwas zu entwickeln. Da käme so ein Tier, das doch kein Tier ist, sondern eine menschliche Mißgeburt, zustande, die auf dem Wege zum Menschwerden ist und doch nicht ganz Mensch wird. Daher erlangt man es nicht, wenn man nicht herankommt an dieses, was auf dem Wege zum Menschwerden ist und doch nicht ganz Mensch wird. Man erlangt es nicht, man kommt nicht in sich hinein.
[ 25 ] And actually, if one had all the technical means at one’s disposal, one would place inside the vial—which is paraded across the stage as the homunculus—a small, and therefore cute, yet terrible little monster, which would in fact be what would arise if it were left solely to the human body to develop something from it. The result would be a creature that is not really an animal, but rather a human monstrosity—one that is on the path to becoming human and yet never quite becomes fully human. That is why one cannot attain it unless one can approach that which is on the path to becoming human and yet never quite becomes fully human. One cannot attain it; one cannot enter into oneself.
[ 26 ] Und wiederum, wenn man mit dem Wollen sich erfaßt, dann faßt einen gleich ein anderer. Dann verliert man sich, dann treten alle möglichen fremdartigen Motive und Impulse in diesem Wollen auf. Nur wenn man versucht, ins Gleichgewicht hinein die inneren Kräfte zu bringen, dann gelangt man zum wahren Menschtum.
[ 26 ] And again, when one becomes absorbed in one’s will, another will immediately takes hold of one. Then one loses oneself, and all sorts of strange motives and impulses arise within that will. Only when one tries to bring one’s inner forces into balance does one attain true humanity.
[ 27 ] Nun, mit dem, was ich gesagt habe, vergleichen Sie drei Momente, die Ihnen jetzt vor Augen treten können im zweiten Teil des «Faust». Jenen erhebenden Moment, wo der Faust vor die Manto hintritt. Da versucht Goethe, auszugießen über diesen ganzen Moment jene innere Ruhe der menschlichen Seele, welche durch die Empfindungen des Gleichgewichtszustandes hervorgerufen wird. Faust möchte weder auf der einen Seite hinein in das Schwärmerische einer abstrakten Mystik: «Könnt? ich» das ist eine seiner letzten Reden —- «Magie von meinem Pfad entfernen». Er möchte nicht äußere Magie, er möchte den inneren Weg in die übersinnliche Welt hinauf. Er ist nahe daran und doch wiederum entfernt. Goethe ist, wie ich das gestern ausführte, durchaus ehrlich in dem Augenblicke, wo Faust vor der Manto steht. Aber Faust wird auch nicht bloß in abstrakter Ruhe gehalten, sondern durch die Gegensätze hin- und hergeworfen. Daher wird er auf der einen Seite immerfort wiederum in den Gegensatz hineingeworfen, wo der Mensch sich verliert, indem er sich im Wollen zu erfassen versucht. Vergleichen sie alles das miteinander, was dem Faust passiert in den Szenen, in denen er selbst mit dem Mephisto zusammen sein Leben entfaltet. Da haben Sie immer den Willens-Faust, der aber sich immer verliert, indem eigentlich der Mephisto seine Impulse ergreift. Da haben Sie dasjenige, wo der Mensch abirrt in dem Willen, wo er sich verlieren will. Da haben Sie all die Gefahren, die den moralischen Impulsen des Menschen drohen. Und das ist eben in einer ungeheuren Tiefe im Goetheschen «Faust» zum Ausdruck gebracht.
[ 27 ] Now, compare what I have said with three moments that may come to mind as you read the second part of Faust. That uplifting moment when Faust steps before the Manto. Here, Goethe attempts to imbue this entire moment with that inner peace of the human soul which is evoked by the sensations of a state of equilibrium. Faust wishes neither to succumb to the raptures of abstract mysticism—“Could I”—that is one of his final lines—“remove magic from my path.” He does not want external magic; he wants the inner path leading up into the supernatural world. He is close to it and yet, at the same time, far from it. Goethe, as I explained yesterday, is entirely sincere in the moment when Faust stands before the Mantle. But Faust is not merely kept in abstract tranquility; rather, he is tossed back and forth by the contradictions. Thus, on the one hand, he is constantly thrown back into the contradiction where the human being loses himself by trying to grasp himself through his will. Compare all of this with what happens to Faust in the scenes where he himself, together with Mephisto, unfolds his life. There you always have the Faust of the will, who, however, always loses himself because Mephisto actually seizes his impulses. There you have the instance where the human being strays in the will, where he wants to lose himself. There you have all the dangers that threaten the moral impulses of the human being. And this is expressed with tremendous depth in Goethe’s Faust.
[ 28 ] Nehmen Sie den Moment, wo Mephisto sich vereinigt mit den Phorkyaden, wo er selbst die Gestalt einer Phorkyade annimmt, wo er in seiner ganzen Häßlichkeit auch seine Häßlichkeit gesteht, denn vorher lügt er, nachher, als die Phorkyaden ihn umfassen, da muß er seine eigene Häßlichkeit gestehen. Die Phorkyaden gestehen ja — lesen Sie die Rede der Phorkyaden noch einmal nach — ihre Häßlichkeit, sind gewissermaßen ehrlich in ihrer Häßliichkeit. In diesem Moment haben Sie einen Gegensatzmoment zu jenem heilig-erhabenen Moment, da Faust vor der Manto steht. Dasjenige, was uns uns selbst verlieren läßt im Willensmotiv, das steht so recht da, als Mephisto in der «Klassischen Walpurgisnacht» zum letzten Male auftritt. Faust tritt zum letzten Male auf, sichtbarlich, äußerlich dramatisch, in der Manto-Szene, Mephisto in der Phorkyaden-Szene. Und Goethe wollte aus seiner tiefen Empfindung heraus andeuten, daß im Grunde genommen dasjenige, was uns uns selbst verlieren läßt im Willensmotiv, nur dann Heilung finden kann, wenn wir es nicht bloß moralisch verabscheuen, sondern wenn wir es gegen unseren Geschmack verstoßend als Häßliches erleben. Das war ja auch die Grundempfindung Schillers, als er das Moralische so nahe heranbrachte an das Ästhetische in den «Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen».
[ 28 ] Consider the moment when Mephisto unites with the Phorcys, when he himself takes on the form of a Phorcys, when, in all his ugliness, he also admits his ugliness—for before that he lies, but afterward, when the Phorcys embrace him, he is forced to admit his own ugliness. The Phorcys do, after all—read the Phorcys’ speech again—admit their ugliness; they are, in a sense, honest about their ugliness. In this moment, you have a moment of contrast to that sacred, sublime moment when Faust stands before Manto. That which causes us to lose ourselves in the motive of the will is so clearly evident when Mephisto appears for the last time in the “Classical Walpurgis Night.” Faust appears for the last time—visibly, outwardly, and dramatically—in the Manto scene; Mephisto in the Phorcys scene. And Goethe, drawing from his deep intuition, wanted to suggest that, fundamentally, that which causes us to lose ourselves in the motive of the will can find healing only if we do not merely abhor it morally, but if we experience it as something ugly that offends our taste. That was, after all, Schiller’s fundamental sentiment as well, when he brought the moral so close to the aesthetic in his “Letters on the Aesthetic Education of Man.”
[ 29 ] Das ist gerade das Jammervolle, daß innerhalb der neueren Menschheitsentwickelung die Bildung es einmal bis zu einer solchen Höhe gebracht hat, wie sie zum Beispiel in Schillers Ästhetischen Briefen vorhanden ist, und daß das alles von der Menschheit vergessen worden ist. Man denke sich, daß Schiller eigentlich glaubte, eine politische Tat zu verrichten mit seinen zunächst an den Herzog von Augustenburg geschriebenen Asthetischen Briefen. Der lernt viel über die Entwickelung der Menschheit, der die zwei Tatsachen in ihrer richtigen Tiefe auffaßt, daß einmal das da war, daß Schiller aus der Anschauung von Goethes "Werdegang heraus seine Asthetischen Briefe geschrieben hat, daß einmal das da war; daß das vergessen werden konnte. Und daß durch das Vergessen die heutige Menschheitskatastrophe mit herbeigeführt worden ist. Wer diese zwei Tatsachen ins Auge faßt, der lernt wirklich viel über die Entwickelung der Menschheit kennen.
[ 29 ] That is precisely what is so lamentable: that, in the course of humanity’s recent development, culture once reached such heights as those found, for example, in Schiller’s Aesthetic Letters, and that all of this has been forgotten by humanity. Just imagine that Schiller actually believed he was performing a political act with his Aesthetic Letters, which were originally written to the Duke of Augustenburg. One learns a great deal about the development of humanity by grasping the true depth of these two facts: first, that Schiller wrote his Aesthetic Letters based on his view of Goethe’s “life course”; and second, that this could have been forgotten—and that this forgetting has contributed to the catastrophe facing humanity today. Anyone who takes these two facts to heart truly learns a great deal about the development of humanity.
[ 30 ] Und dramatisch groß ist der Moment, wo wie eine ästhetisch-ekelhafte Empfindung das moralisch Unerlaubte im Menschen lebt, dargestellt in der eigentlich furchtbaren Szene, wo Mephistopheles unter den Phorkyaden steht. Da wird charakterisiert in seiner ganzen Abscheulichkeit der Impuls, der wesenhafte Impuls, der den Menschen dazu treibt, sich selber im Willenspol zu verlieren. Lernt man ihn nicht erkennen, so wird man ihm verfallen. Denn nur das Erkennen befreit einen davon. Das finden Sie in der Schlußszene meines ersten Mysteriums «Die Pforte der Einweihung» ausgesprochen. Da ist ausgesprochen, wie nur die Erkenntnis, die unmittelbare Anschauung desjenigen, was eigentlich unser Verführer, unser Versucher ist, uns auch erlösen kann von der Verführung, von der Versuchung. Im Zeitalter der Bewußtseinsseele, in das wir eingetreten sind, ist es daher notwendig, daß wir, um die Versuchung, die Verführung zu überwinden, nach Erkenntnis des Versuchers, des Verführers in rechtmäßiger Weise streben, nicht fortsumpfen in einem bloß äußerlichen Naturerkennen und in einer bloß abstrakten Mystik.
[ 30 ] And the moment is dramatically powerful when the morally forbidden lives within man as an aesthetically repulsive sensation, depicted in the truly terrifying scene where Mephistopheles stands beneath the Phorcys. There, the impulse—the essential impulse—that drives human beings to lose themselves in the pole of the will is characterized in all its abhorrence. If one does not learn to recognize it, one will fall prey to it. For only recognition frees one from it. You will find this expressed in the final scene of my first Mystery Play, The Gate of Initiation. There it is stated how only knowledge—the direct perception of that which is actually our seducer, our tempter—can also redeem us from seduction, from temptation. In the Age of the Consciousness Soul, into which we have now entered, it is therefore necessary that, in order to overcome temptation and seduction, we strive in a legitimate way for knowledge of the tempter and the seducer, rather than wallowing in a merely external understanding of nature and in a merely abstract mysticism.
[ 31 ] Schließlich ist ebenso schlimm die abstrakte Mystik, das bequeme «den göttlichen Menschen erfassen in seinem Inneren», wobei nichts anderes als eine furchtbare, egoistische Abstraktion herauskommt. Ebenso schlimm als der Materialismus ist dieses abstrakte Mystifizieren.
[ 31 ] Finally, just as bad is abstract mysticism—the convenient notion of “comprehending the divine human being within oneself”—which results in nothing more than a terrible, selfish abstraction. This abstract mystification is just as bad as materialism.
[ 32 ] Drei Momente, sagte ich, nehmen Sie im Goetheschen «Faust». Nehmen Sie so recht künstlerisch empfindungsgemäß das, was Sie fühlen können, da Faust der Manto gegenübersteht; das, was Sie fühlen können, da Mephisto unter den Phorkyaden selber zu einer Phorkyas wird. Und jetzt den dritten Moment: da Homunkulus am Muschelwagen der Galatee zerschellt, und fühlen Sie, was nun dieser Homunkulus ist. Wir kommen aus der geistigen Welt, suchen durch die Empfängnis und die Geburt das physische Dasein. Im physischen Dasein treten wir entgegen demjenigen, was aus dem physischen Dasein uns als unser Leib gegeben wird. Jeden Abend kehren wir zurück in die Welt, aus der wir heraustreten durch die Geburt; jeden Morgen müssen wir die Geburt bildhaft erneuern, indem wir wiederum in den physischen Körper untertauchen. Da können wir fühlen, wie wir von außen hereinkommend nicht das erreichen, was der Mensch ist, sondern wie uns nur der Homunkulus, das Menschlein, das embryonale -Menschentum entgegentritt, und wie schwierig es ist, zum wirklichen Menschen zu kommen. Wir könnten zum wirklichen Menschen kommen, wenn es uns gelingen würde, knapp vor dem Aufwachen, wenn alle Entwickelungsmöglichkeiten der Nacht ausgeschöpft sind, eine ganz helle Vorstellung zu haben. Diese helle Vorstellung wäre eine Weltvorstellung; diese helle Vorstellung wäre so, daß wir uns nirgends begrenzt glaubten, daß wir uns ausgegossen fühlten über die Welt; daß wir uns ausgegossen fühlten über alles Weltenlicht, allen Weltenton, über alles Weltenleben. Vor uns etwas wie einen Abgrund; jenseits des Abgrundes die Fortsetzung desjenigen, was wir gerade noch fühlen, bevor wir den Abgrund betreten beim Aufwachen: Wärme. Wärme, sie strömt über den Abgrund hinüber. Nun aber treten wir über den Abgrund ein durch das Aufwachen in Luft, Wasser, Erde, die ja unseren eigenen Organismus zusammensetzen. Allerdings, wir treten dem Menschen nahe, wir haben uns vorbereitet, indem wir den Homunkulus befruchten ließen in der geistigen Welt, den Menschen zu erfassen. Aber im gewöhnlichen Verlauf des Lebens tun wir das nicht, was ich jetzt eben angedeutet habe. Die lebendige Vorstellung, die wir haben, die ein Sich-Erleben im Licht, im Weltenton, im Weltenleben wäre, die ein Sich-Zusammenfinden wäre mit den Wesenheiten der höheren Hierarchien, die ebensogut sich verbunden fühlen würde mit den Wesen der höheren Hierarchien, wie sich hier der physische Leib verbunden fühlt mit dem mineralischen, mit dem pflanzlichen, mit dem tierischen Reich, diese Vorstellung, die wir entwickeln würden, wenn der Schlaf knapp vor dem Aufwachen an uns sein Werk getan hätte, die müßten wir mitbringen ins Aufwachen hinein, müßten wir hineinversenken in unseren Leibesmenschen. Dann würden wir das verstehen können, was der Leibesmensch ist. Aber, ach:
[ 32 ] Three moments, I said, from Goethe’s Faust. Take, in a truly artistic and intuitive way, what you can feel when Faust stands before Manto; what you can feel when Mephisto, among the Phorkyades, becomes a Phorkyas himself. And now the third moment: when the homunculus shatters against Galatea’s shell chariot, and feel what this homunculus now is. We come from the spiritual world, seeking physical existence through conception and birth. In physical existence, we encounter that which is given to us from physical existence as our body. Every evening we return to the world from which we emerge through birth; every morning we must symbolically renew birth by immersing ourselves once more into the physical body. There we can feel how, coming in from the outside, we do not attain what a human being is, but how only the homunculus—the little human, the embryonic humanity—stands before us, and how difficult it is to become a real human being. We could become a true human being if we could, just before waking—when all the night’s possibilities for development have been exhausted—form a very clear mental image. This clear mental image would be a mental image of the world; this clear mental image would be such that we would feel no boundaries, that we would feel ourselves pouring out over the world; that we would feel ourselves pouring out over all the light of the world, all the sounds of the world, over all the life of the world. Before us lies something like an abyss; beyond the abyss lies the continuation of what we still feel just before we step into the abyss upon waking: warmth. Warmth—it flows across the abyss. But now, as we step across the abyss through waking, we enter into air, water, and earth, which, after all, make up our own organism. However, we draw near to the human being; we have prepared ourselves by having the homunculus fertilized in the spiritual world in order to grasp the human being. But in the ordinary course of life, we do not do what I have just indicated. The living mental image we have—which would be an experiencing of ourselves in the light, in the tone of the world, in the life of the world; which would be a coming together with the beings of the higher hierarchies; which would feel just as connected to the beings of the higher hierarchies as the physical body here feels connected to the mineral, plant, and animal kingdoms— this mental image that we would develop if sleep had done its work just before we awoke—we would have to bring it with us into waking life, we would have to immerse it into our physical human being. Then we would be able to understand what the physical human being is. But, alas:
Die Götter wollen’s nicht leiden.
The gods do not approve.
[ 33 ] Wir tauchen unter. Es flammt auf, es blitzt - das bemerken wir kaum. Statt in uns selber hineinzuschauen, schauen wir aus dem Auge heraus, statt in uns selber hineinzuhorchen, hören wir aus dem Ohre heraus, statt in uns selber hineinzufühlen, fühlen wir mit den Tastnerven aus der Haut heraus. Homunkulus, der aufleben würde und zum Menschen werden, wenn wir nicht untertauchen würden in das, was durch die physischen Augen nur erreichbar liegt, durch die physischen Ohren, durch den physischen Ton, durch das physische Getaste nur erreichbar liegt, Homunkulus zerschellt in dem Augenblicke an dem Widerstand der Elemente. Das Augenlicht flammt auf statt des Weltenlichtes, der Ohrenton beginnt statt des Weltentones, das Körperleben beginnt statt des Weltenlebens: Homunkulus zerschellt. Und wenn man es bewußt erlebt, so ist der Schluß der «Klassischen Walpurgisnacht» erlebt. So ist dieser Schluß der «Klassischen Walpurgisnacht» aus dem wahren, wirklichen Leben genommen.
[ 33 ] We dive beneath the surface. It flares up, it flashes—we hardly notice it. Instead of looking inward, we look out through our eyes; instead of listening inward, we hear out through our ears; instead of feeling inward, we feel out through the tactile nerves of our skin. The homunculus, which would come to life and become human if we did not plunge into that which is accessible only through the physical eyes, through the physical ears, through physical sound, and through physical touch—the homunculus shatters in that very moment against the resistance of the elements. Sight flares up instead of the light of the world; the sound in the ear begins instead of the sound of the world; bodily life begins instead of the life of the world: the homunculus shatters. And when one experiences this consciously, one has experienced the conclusion of “The Classical Walpurgis Night.” Thus, this conclusion of “The Classical Walpurgis Night” is drawn from true, real life.
[ 34 ] Diese Dinge sind nicht dazu da, daß nur in Sonntagnachmittagspredigten in der Anthroposophischen Gesellschaft über sie gesprochen werde, sondern diese Dinge sind wahrhaftig dazu da, daß sie von der Menschheit allmählich gewußt werden, und daß sie als Impulse wesenhaft durchdringen dasjenige, was in die Entwickelung der Menschheit gegen die Zukunft hin aufgenommen werden muß, wenn diese Menschheit dem Heil und nicht dem Unheil entgegengehen soll. Denn seinen richtigen Zusammenhang mit der Wirklichkeit findet der Mensch wirklich nur, wenn er sich von jetzt ab neue Begriffe aneignet. Wenn er anfängt zu durchschauen, daß dasjenige, was man gerade als die große Errungenschaft des 19. Jahrhunderts immer gepriesen hat, ein Ende ist.
[ 34 ] These things are not meant merely to be discussed in Sunday afternoon sermons at the Anthroposophical Society; rather, they are truly meant to be gradually understood by humanity, and so that they may permeate, as essential impulses, that which must be incorporated into the future development of humanity if humanity is to move toward salvation and not toward ruin. For human beings can truly find their proper connection with reality only if they begin to acquire new concepts from this moment onward. When they begin to realize that what has always been praised as the great achievement of the 19th century is, in fact, an end.
[ 35 ] Es ist nicht zu verwundern, daß von einem gewissen Gesichtspunkte aus diese Errungenschaft des 19. Jahrhunderts, die ins 20. Jahrhundert hinüberreicht, als vollkommen empfunden wurde. Es ist gar nicht zu verwundern. Denn, nicht wahr, bevor der Baum im Herbste alles abwirft, ist er gerade in seiner vollkommensten Fruchtentfaltung. Diese Naturwissenschaft des 19. Jahrhunderts, die noch hereinspukt in das 20. Jahrhundert, alle diese technischen Vollkommenbheiten, die bis zu einer gewissen Höhe gekommen sind, sie sind der Baum, bevor er seine Früchte abwirft. Das, worauf das alles gewachsen ist, es ist ja zum Verdorren, und es genügt nicht, daß dieser Baum weiterwächst, sondern es muß in den Kulturboden der Menschheit ein neuer Same gelegt werden, und ein neuer Baum gepflanzt werden. Es genügt nicht, daß wir denken, wir haben die Entwickelung der Tiere erkannt, wir denken sie uns etwas weitergeführt, dann den Menschen. Es genügt nicht, daß immer mehr solche Geister auftreten, die zuerst in einer genialen Weise über Tiere Artikel schreiben und später ein Buch über die Entstehung des Menschen so wie eine Fortsetzung schreiben, sondern es ist notwendig, daß mit der Geradlinigkeit der Entwickelung gebrochen werde, und die Menschen verstehenlernen den Rhythmus des Lebens, der in Wellenberg und Wellental verfließt; daß die Menschen lernen, wie in das Innere der Menschheit der Weg nicht geht in geradliniger Weise, sondern über zwei Grenzen. An der einen Grenze glaubt man schier ersticken zu müssen, weil einen jemand erfaßt, der einen nicht bis dahin kommen läßt, wo das Denken hinkommen will. Auf der andern Seite glaubt man schier, daß man zugrunde gehe mit dem Geschleiftwerden durch die mephistophelischen Gewalten. Das Gleichgewicht zu finden zwischen dem Homunkulismus und dem Mephistophelismus, zwischen dem im Homunkeltum-Aufgehen und Sich-nicht-erreichen-Können, und dem vom Mephistopheles Erfaßtwerden und Sich-Verlieren. Das Verständnis dieses Gleichgewichtes, das ist es, was über die moderne Menschheit kommen muß, und das ist es, in dem Goethe vorahnend als in der Empfindung davon lebte, als er versuchte, ganz ehrlich zu sagen, was er über das Menschheitsrätsel zu sagen hatte in seinem «Faust». Herauswachsen aus dem, was heute bildhaft die Vorstellung der platten Menge ist, das ist es gerade, wonach die Menschheit hinstreben soll. Nichts wird heute mehr angefeindet als dieses Herausstreben. Mit nichts schadet sich die Menschheit mehr als durch dieses Anfeinden des Herausstrebens aus der platten Alltäglichkeit. Aber solange dieses Bekämpfen des Herausstrebens aus der platten Alltäglichkeit nicht auf der andern Seite wirklich bekämpft wird von denjenigen, welche die Notwendigkeit des Eindringens in das Übersinnliche anerkennen, so lange kann nicht Heil kommen in die Entwickelung der Menschheit.
[ 35 ] It is not surprising that, from a certain point of view, this achievement of the 19th century—which extends into the 20th century—was perceived as perfect. It is not surprising at all. For, isn’t it true that before the tree sheds all its fruit in the fall, it is at the very height of its fruitfulness? This 19th-century science, which still haunts the 20th century, all these technical perfections that have reached a certain height—they are the tree before it sheds its fruit. That upon which all this has grown is, after all, destined to wither away, and it is not enough for this tree to continue growing; rather, a new seed must be sown in the cultivated soil of humanity, and a new tree must be planted. It is not enough for us to think that we have understood the evolution of animals, that we have imagined it continuing a bit further, and then arrived at humanity. It is not enough that more and more such minds appear—who first write brilliant articles about animals and later pen a book on the origin of humankind as if it were a sequel—but it is necessary to break with the linearity of evolution, so that people may come to understand the rhythm of life, which flows in peaks and valleys; that people learn how the path into the innermost being of humanity does not proceed in a straight line, but rather across two boundaries. At one boundary, one feels as if one is about to suffocate, because someone seizes hold of you and does not let you reach the point where your thinking wants to go. On the other hand, one feels as if one were perishing, being dragged down by Mephistophelean Powers. To find the balance between homunculism and Mephistopheleanism—between dissolving into homunculism and the inability to reach oneself, and being seized by Mephistopheles and losing oneself. An understanding of this balance—that is what must come to modern humanity, and that is what Goethe, in a prescient way, lived by as a feeling when he attempted to say, in all honesty, what he had to say about the riddle of humanity in his Faust. To grow beyond what is today figuratively represented by the mental image of the shallow masses—that is precisely what humanity should strive for. Nothing is met with more hostility today than this striving. Nothing harms humanity more than this hostility toward the striving to rise above mundane everyday life. But as long as this opposition to the striving to rise above mundane everyday life is not genuinely countered by those who recognize the necessity of penetrating into the supersensible, there can be no salvation in the development of humanity.
[ 36 ] Hamerling versuchte am Ende des 19. Jahrhunderts in seinem «Homunkulus», man möchte sagen, einen noch aus der alten Zeit hervorgehenden, letzten Ruf an die Menschheit zu richten, indem er wirklich all das, was an verfaultem Wesen in dieser neueren Menschheit ist, als Homunkeltum hinstellte.
[ 36 ] In his Homunkulus, published at the end of the 19th century, Hamerling attempted—one might say—to issue a final appeal to humanity, one that still stemmed from the old era, by portraying everything that is rotten in this newer humanity as “homunculism.”
[ 37 ] Man könnte sich eines denken: jemand läse jetzt den Hamerlingschen «Homunkulus», der am Ende der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts erschienen ist, diesen «Homunkulus», über den ich ja manchen Vortrag gehalten habe, wahrhaftig auch vor dem Kriege nicht ohne eine gewisse Bedeutung darüber gesprochen habe. Nehmen wir an, es läse jetzt jemand diesen Hamerlingschen «Homunkulus», er lasse auf sich wirken, was Hamerling sich denkt von dem Werdegang seines Homunkel. Das alles hat er gedacht am Ende der achtziger Jahre, als schon gebrochen war mit allem Goetheanismus, als schon die Menschen nichts mehr wissen wollten von allem Goetheanismus. Hamerling hat dargestellt den Werdegang des Homunkel: wie er ganz von materialistischem Denken erfaßt wird, wie er lebt in einer Welt, in der man sich nicht bereichert durch geistige Schätze, wohl aber Billionär wird -— Homunkel wird Billionär -, in der man sich in der frivolsten Weise selbst mit der geistigen Welt zu schaffen macht, in der sich schon ausbildet, mit Respekt zu vermelden, jener Journalismus, der seither noch viel furchtbarere Versumpfung erfahren hat. Man nehme an: jetzt läse jemand diesen Hamerlingschen «Homunkulus». Nun würde er sich vielleicht sagen: Ja, Gott, dieser Hamerling - er ist 1889 gestorben - hat eigentlich doch nur mit physischen Augen, als er seinen «Homunkulus» schrieb, die Menschheit gesehen, wie sie damals war auf den Wegen, denen sie zueilte. Nehmen wir an — so könnte ein solcher sagen, der jetzt diesen «Homunkulus» liest —, die Leute hätten damals so etwas, wie das ist, was Hamerling in seinem «Homunkulus» zeigt, ernst genommen, sie hätten es wirklich ein bißchen auf sich wirken lassen, nicht bloß als literarisches Produkt, sondern sie hätten es ernst genommen, dann hätten sie sich wahrhaftig nicht verwundert, wenn jemand gesagt hätte: Aus dieser Menschheit muß diese Weltkatastrophe entstehen ganz notwendigerweise. - Das kann sich jemand sagen, der heute den «Homunkulus» liest. Was ist weiter verwunderlich daran, daß diese Weltenkatastrophe entstanden ist, da ein Dichter der achtziger Jahre den Menschen Homunkel in dieser Weise darzustellen vermochte?
[ 37 ] One might imagine this: someone reading Hamerling’s Homunkulus now—which was published in the late 1880s—this Homunkulus about which I have given many lectures and which I certainly spoke of with some significance even before the war. Let’s suppose someone were to read Hamerling’s Homunkulus now, allowing themselves to be moved by what Hamerling envisions regarding the development of his homunculus. He conceived all of this in the late 1880s, when the break with all forms of Goetheanism had already occurred, when people no longer wanted to know anything about Goetheanism. Hamerling depicted the homunculus’s development: how he is completely gripped by materialistic thinking, how he lives in a world where one does not enrich oneself through spiritual treasures, but does become a trillionaire— —the homunculus becomes a trillionaire—in which one engages with the spiritual world in the most frivolous manner, and in which, it must be respectfully noted, that form of journalism was already taking shape, a journalism that has since undergone an even more terrible decline. Suppose someone were to read Hamerling’s Homunculus today. Now he might say to himself: My goodness, this Hamerling—who died in 1889—actually saw humanity, as it was back then on the paths it was rushing down, with nothing but his physical eyes when he wrote his Homunkulus. Let’s suppose—as someone reading this Homunkulus today might say—that people back then had taken something like what Hamerling depicts in his Homunkulus seriously, that they had truly let it sink in a little, not merely as a literary work, but had taken it seriously; then they truly would not have been surprised if someone had said: This global catastrophe must inevitably arise from this humanity. — That is what someone reading The Homunculus today might say to themselves. What, then, is so surprising about the fact that this global catastrophe did occur, since a poet of the 1880s was able to portray the human homunculus in this way?
[ 38 ] Aber der Ruf, der da liegt in dieser Darstellung des Menschen Homunkel, ist zu gleicher Zeit der, nicht stehenzubleiben bei dem Leben, das doch nur ein Homunkeltum gibt, sondern hinüberzusetzen über den Abgrund da, wo Geisteswissenschaft redet von den übersinnlichen Erkenntnissen, die erst den Homunkulus in einen Homo verwandeln können. Und so könnte man sagen: In den Homunkulismus, der sich in einer Welt, in die sich der Mensch heute nicht so gern versetzen will, befindet in der Szene, die wir heute darstellen, zwischen den Homunkulismus und den Mephistophelismus, der aber in die Region der Phorkyaden führt, ist die Menschheit hineingestellt. - Goethe ahnte das und stellte es dar in seinem «Faust». Er ahnte schon, daß ein Weg gebahnt werden muß, der ebenso sehr die Klippe phantastisch-abstrakter Mystik vermeidet wie die andere Klippe wirklichkeitsfremder gespensterhafter Naturanschauung, der aber hinführt ins übersinnliche Erkennen und aus dem übersinnlichen Erkennen heraus auch wiederum soziale Impulse findet.
[ 38 ] But the call contained in this portrayal of the human homunculus is, at the same time, a call not to remain stuck in a life that amounts to nothing more than homunculism, but to cross over the abyss to where Spiritual Science speaks of the supersensible insights that alone can transform the homunculus into a homo. And so one might say: Humanity is placed within homunculism—which is situated in a world into which people today are not so eager to enter—in the scene we are depicting today, between homunculism and Mephistopheleanism, the latter of which, however, leads into the realm of the Phorkyades. —Goethe sensed this and depicted it in his Faust. He already sensed that a path must be forged that avoids both the pitfall of fantastical-abstract mysticism and the other pitfall of a ghostly view of nature detached from reality, but which leads to supersensible knowledge and, from that supersensible knowledge, also finds social impulses once again.
[ 39 ] Das ist nun gewissermaßen eine tiefere Bewußtseinsschicht. Dringen wir in sie ein, durchdringen wir unsere Empfindung mit ihr, lernen wir gewissermaßen die Sprache jener Bewußtseinsschicht verstehen, die aus den Regionen kommt, wo man fühlt, im Denken kann man sich nicht erreichen, im Wollen verliert man sich. Das Sich-nicht-erreichen-Können im Denken ist homunkelisch, das Sich-Verlieren im Wollen ist mephistophelisch. Empfindet man dies, dann steht man darinnen in so tiefen Szenen mit einer Sprache, die einem eben verständlich macht dasjenige, was in einer solchen Szene gegeben ist, wie die Szene ist vom Schluß der «Klassischen Walpurgisnacht».
[ 39 ] This is, so to speak, a deeper layer of consciousness. If we penetrate it, if we imbue our perception with it, we learn, so to speak, to understand the language of that layer of consciousness, which comes from the regions where one feels; in thinking, one cannot reach oneself; in willing, one loses oneself. The inability to reach oneself through thinking is homunculic; losing oneself through willing is Mephistophelean. If one senses this, one finds oneself in such profound scenes, with a language that makes one understand precisely what is present in such a scene—such as the scene at the end of “The Classical Walpurgis Night.”
[ 40 ] Schließlich, jeder sieht die Welt so an, wie sie sich ihm darstellen kann nach seinen empfangenen Kräften. Aber die gegenwärtige Aufgabe der Menschheit besteht darinnen, diese empfangenen Kräfte zu steigern, damit manches von der Welt gesehen werde, was zum Unheil der Menschheit in den letzten Jahrzehnten nicht gesehen worden ist.
[ 40 ] After all, everyone perceives the world as it can be revealed to them according to the faculties they have been given. But humanity’s current task is to enhance these faculties so that we may perceive aspects of the world that, to the detriment of humanity, have gone unnoticed in recent decades.
[ 41 ] Und so ist auch eine wirkliche Vertiefung in solch eine tiefe Szene, wie diejenige ist, die wir jetzt vorführen, ein Weg für den Menschen, um gerade in der Richtung weiterzukommen, in der die Menschheit jetzt weiterkommen soll. Wie überhaupt Goetheanismus - nicht ProfessorenGoetheanismus, nicht der Goetheanismus der Goethe-Gesellschaft, an deren Spitze kein Goethe-Mann, sondern ein ehemaliger Finanzminister mit dem symptomatischen Namen Kreuzwendedich steht, nicht all das, was man geglaubt hat, aus Goethe machen zu müssen am Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts, sondern was im Goetheanismus wirklich liegt - gesucht werden muß. Das wird ein Gutes und ein guter Impuls sein, um die Menschheit in der Richtung weiterzubringen, in der sie weiterkommen muß, wenn ihr Heil und nicht Unheil werden soll in der nächsten Zeit.
[ 41 ] And so, truly immersing oneself in a scene as profound as the one we are now presenting is a way for people to move forward precisely in the direction in which humanity is now meant to progress. Just as Goetheanism in general—not the Goetheanism of professors, not the Goetheanism of the Goethe Society, which is headed not by a Goethe scholar but by a former finance minister with the symptomatic name Kreuzwendedich, not all that people felt compelled to make of Goethe at the end of the 19th century and the beginning of the 20th century—but rather what truly lies at the heart of Goetheanism—must be sought. This will be a positive development and a good impetus for moving humanity forward in the direction it must take if it is to find salvation—and not disaster—in the time to come.
