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General Human Studies
as the Basis of Education
GA 293

2 September 1919, Stuttgart

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Elfter Vortrag

Lecture Eleven

[ 1 ] Können Sie von dem im vorigen Vortrag geltend gemachten Gesichtspunkte aus überschauen zunächst wie vom Geiste und von der Seele aus die menschliche Leibeswesenheit, dann werden Sie rasch eingliedern können all dasjenige in den Aufbau und die Entwickelung dieser menschlichen Leibeswesenheit, was Sie brauchen. Wir werden daher, bevor wir dann in den restlichen Vorträgen übergehen zu der körperlichen Beschreibung des Menschen, diese Beleuchtung von der geistig-seelischen Seite her fortsetzen.

[ 1 ] In yesterday's lecture I treated of the bodily nature of man from the standpoint of spirit and of soul, and if you understand this survey you will readily be able to fit into it all that you need to know of the body's structure and growth. Thus, before we pass on in the remaining lectures to a description of the human body, we will throw further light on the subject from the side of soul and spirit.

[ 2 ] Sie haben ja gestern erkennen können, wie der Mensch dreigegliedert ist: als Kopfmensch, als Rumpfmensch, als Gliedmaßenmensch. Und Sie haben gesehen, daß die Beziehungen jedes dieser drei Glieder zu der Welt des Seelischen und des Geistigen verschieden sind.

[ 2 ] You have realised that man is a threefold being, head-man, trunk man and limb man; and you saw how each of the three parts has a different relationship to the world of soul and spirit.

[ 3 ] Betrachten wir einmal zunächst die Kopfbildung des Menschen. Da haben wir ja gestern gesagt: der Kopf ist vorzugsweise Leib. Den Brustmenschen haben wir als «leibig» und seelisch anzusehen gehabt. Und den Gliedmaßenmenschen als «leibig», seelisch und geistig. Aber damit ist natürlich die Kopfwesenheit nicht erschöpft, wenn wir sagen: der Kopf ist vorzugsweise Leib. Es ist ja schon einmal in der Wirklichkeit so, daß die Dinge nicht scharf voneinander getrennt sind, und wir dürfen daher ebensogut sagen: der Kopf ist nur in anderer Weise seelisch und geistig als die Brust und die Gliedmaßen. Der Kopf ist schon, wenn der Mensch geboren wird, vorzugsweise Leib, das heißt, es hat sich gewissermaßen dasjenige, was ihn als Kopf zunächst zusammensetzt, in der Form des leiblichen Kopfes ausgeprägt. Daher sieht der Kopf so aus - er ist ja auch das erste, was sich in der menschlichen Embryonalentwickelung ausbildet -, daß das allgemein Menschliche geistig-seelisch zunächst im Kopfe zum Vorschein kommt. Welche Beziehung hat der Leib Kopf zu dem Seelischen und zu dem Geistigen? Weil der Kopf ein möglichst schon vollkommen ausgebildeter Leib ist, weil er alles, was zur Ausbildung notwendig ist, durch das Tierische zum Menschen hindurch schon durchgemacht hat in früheren Entwickelungsstadien, deshalb kann er in leiblicher Beziehung am vollkommensten ausgebildet sein. Das Seelische ist so verbunden mit diesem Kopfe, daß das Kind, indem es geboren wird und auch noch während es sich entwickelt in den ersten Lebensjahren, im Kopfe alles Seelische träumt. Und der Geist schläft im Kopfe.

[ 3 ] First let us consider the head formation of man. Yesterday we said that the head is mainly body; the chest is body and soul; and the limb man body, soul and spirit. But of course it is not an exhaustive description of the head to say that it is principally body. In actual truth things are not sharply divided from one another. Therefore we may equally well say that the head is also soul and spirit, but in a different manner from that of chest and limbs. Even at birth the head is principally body. That is to say the soul and spirit of the head have set their seal on the bodily form. The head (the first thing to evolve in the embryo) is a manifestation of what is essentially human, of the human soul and spirit. What relation has the bodily head to the soul and spirit? Because the head has reached something like completion in its bodily aspect, having evolved in former epochs through the necessary stages from animal to man, it is therefore capable of fullest physical development. The manner of the soul's relation to the head is this: at birth and throughout its earliest years the child's soul is dreaming in the head; while his spirit in the head is asleep.

[ 4 ] Jetzt haben wir eine merkwürdige Zusammengliederung von Leib, Seele und Geist im menschlichen Haupte. Wir haben einen sehr, sehr ausgebildeten Leib als Kopf. Wir haben darin eine träumende Seele, eine deutlich träumende Seele und einen noch schlafenden Geist. Nun handelt es sich darum, mit der ganzen Entwickelung des Menschen diese eben charakterisierte Tatsache in Einklang zu sehen. Diese Entwickelung ist ja bis zum Zahnwechsel hin so, daß der Mensch vorzugsweise ein nachahmendes Wesen ist. Es tut der Mensch alles dasjenige, was er seiner Umgebung absieht. Daß er das tun kann, verdankt er eben gerade dem Umstande, daß sein Kopfgeist schläft. Dadurch kann er mit diesem Kopfgeiste außerhalb des Kopfleibes weilen. Er kann sich in der Umgebung aufhalten. Denn wenn man schläft, so ist man mit seinem Geistig-Seelischen außerhalb des Leibes. Das Kind ist mit seinem Geistig-Seelischen, mit seinem schlafenden Geiste und mit seiner träumenden Seele außerhalb des Kopfes. Es ist bei denen, die in seiner Umgebung sind, es lebt mit denen, die in seiner Umgebung sind. Daher ist das Kind ein nachahmendes Wesen. Daher entwickelt sich auch aus der träumenden Seele heraus die Liebe zur Umgebung, vorzugsweise die Liebe zu den Eltern. Wenn nun der Mensch die zweiten Zähne bekommt, wenn er den Zahnwechsel durchmacht, so bedeutet das in seiner Entwickelung eigentlich den letzten Abschluß der Kopfentwickelung. Wenn der Kopf auch vollständig schon als Leib geboren wird, so macht er doch eine letzte Entwickelung erst durch in den ersten sieben Lebensjahren des Menschen. Was er da durchmacht, das findet seinen Abschluß, setzt sich gewissermaßen seinen Schlußpunkt mit dem Zahnwechsel.

[ 4 ] Thus we find body, soul and spirit related to each other in the human head in a remarkable way. In our head nature we have a very highly developed body, a dreaming soul—truly a dreaming soul—and a spirit that is still asleep. Now we must see how we can bring this into harmony with the whole development of man. The characteristic feature of this development up to the change of teeth is that man is an imitative being. He imitates everything that he sees going on around him. He is able to do this owing to the fact that his head spirit is asleep. Hence in his head spirit he can dwell outside the head body. He can remain in the environment. For man's spirit and soul are outside his body in sleep. The child in spirit and soul, in his sleeping spirit and dreaming soul, is outside his head; he is with those who are around him. Because of this the child is an imitative being. Because of this, love goes forth from the dreaming soul towards his environment, particularly love towards his parents. Now when the child changes his teeth, and the second ones appear, this is an actual indication that the head development has reached its final stage. Even though the head as body is born complete yet it goes through a final stage of its development during the first seven years of life. The last stage culminates in the change of teeth.

[ 5 ] Was ist denn da eigentlich abgeschlossen? Sehen Sie, da ist abgeschlossen die Formbildung. Da hat der Mensch dasjenige, was ihn erhärtet, was ihn vorzugsweise zur Form macht, in seinen Leib hineingegossen. Sehen wir die zweiten Zähne aus dem Menschen herauskommen, so können wir sagen: Es ist die erste Auseinandersetzung mit der Welt vollendet. - Der Mensch hat dasjenige getan, was zu seiner Formgebung, zu seiner Gestaltung gehört. Indem der Mensch vom Kopf aus sich in dieser Zeit seine Form, seine Gestalt eingliedert, geschieht mit ihm als Brustmensch etwas anderes.

[ 5 ] What is it that is thus brought to an end? It is the moulding of the form. Man has now poured into his body all the hardening elements, all that gives him form. When we see the second teeth appear we can say that the first stage in man's intercourse with the world has come to an end. He has accomplished the formation of his body, its moulding and configuration. But whilst the head is occupied during this time in giving man his form and figure, something different is happening in the chest system.

[ 6 ] In der Brust, da liegen die Dinge wesentlich anders als für den Kopf. Die Brust ist ein Organismus, der von vorneherein, wenn der Mensch geboren wird, leiblich-seelisch ist. Die Brust ist nicht bloß leiblich wie der Kopf; die Brust ist leiblich-seelisch, nur den Geist hat sie noch als einen träumenden außer sich. Wenn wir das Kind also in seinen ersten Jahren beobachten, so müssen wir die größere Wachheit, die größere Lebendigkeit der Brustglieder gegenüber den Kopfgliedern scharf ins Auge fassen. Es wäre durchaus nicht richtig, wenn wir den Menschen zusammengeworfen als einziges chaotisches Wesen ansehen würden.

[ 6 ] For things are essentially different in the chest. From the very beginning, from birth, the chest is an organism both of body and soul. It is not solely body, as is the head, it is body and soul; but its spirit is still dreaming and outside of itself. When we observe a child in his early years, we see clearly that the chest organs, as contrasted with the head organs, are much more awake and more living. It would be quite wrong to look upon the human being as a chaotic conglomeration of parts.

[ 7 ] Bei den Gliedmaßen liegt die Sache wieder anders. Da ist von dem ersten Augenblick des Lebens an Geist, Seele und Leib miteinander innig verbunden; sie durchdringen sich gegenseitig. Da ist auch das Kind am allerfrühesten ganz wach. Das merken diejenigen, die das zappelnde, das strampelnde Wesen zu erziehen haben in den ersten Jahren. Da ist alles wach, nur daß alles unausgebildet ist. Das ist überhaupt das Geheimnis des Menschen: sein Kopfgeist ist, wenn er geboren wird, sehr, sehr ausgebildet schon, aber er schläft. Seine Kopfseele ist, wenn er geboren wird, sehr ausgebildet, aber sie träumt nur. Sie müssen erst nach und nach erwachen. Als Gliedmaßenmensch ist der Mensch, indem er geboren wird, zwar ganz wach, aber noch unausgebildet, unentwickelt.

[ 7 ] With the limbs it is different again. Here from the first moment of life spirit, soul and body are intimately connected; they all flow into one another. Moreover it is here that the child is first fully awake, as those who have to bring up these lively, kicking little creatures in their babyhood very well know. Everything is awake, but absolutely unformed. This is the great secret of man: when he is born his head spirit is already very highly developed, but asleep. His head soul, when he is born, is very highly developed, but it only dreams. The spirit and soul have yet gradually to awaken. The limb man is indeed fully awake at birth, but unformed, undeveloped.

[ 8 ] Eigentlich brauchen wir nur den Gliedmaßenmenschen auszubilden und einen Teil des Brustmenschen. Denn der Gliedmaßenmensch und der Brustmensch, die haben dann die Aufgabe, den Kopfmenschen aufzuwecken, so daß Sie also hier eigentlich erst die wirkliche Charakteristik des Erziehens und Unterrichtens bekommen. Sie entwickeln den Gliedmaßenmenschen und einen Teil des Brustmenschen, und Sie lassen von dem Gliedmaßenmenschen und einem Teil des Brustmenschen den anderen Teil des Brustmenschen und den Kopfmenschen aufwecken. Daraus sehen Sie, daß Ihnen das Kind schon etwas Beträchtliches entgegenbringt. Es bringt Ihnen das entgegen, was es in seinem vollkommenen Geiste und in seiner relativ vollkommenen Seele durch die Geburt trägt. Und Sie haben nur auszubilden dasjenige, was es ihnen entgegenbringt an unvollkommenem Geist und noch unvollkommenerer Seele.

[ 8 ] All we have really to do is to develop the limb man and part of the chest man. For after that it is the task of the limb man and chest man to awaken the head-man. Here we come to the true function of teaching and education. You have to develop the limb man and part of the chest man, and then let this limb man and part of the chest man awaken the other part of the chest man and the head-man. From this you will see that the child brings something of great consequence to meet you. He meets you with a perfected spirit and relatively perfected soul, which he has brought through birth. All you have to do is to develop that part of his spirit which is not yet perfect, and that part of his soul which is as yet still less perfect.

[ 9 ] Wenn das anders wäre, dann wäre das Erziehen, das wirkliche Erziehen und Unterrichten überhaupt unmöglich. Denn denken Sie, wenn wir den ganzen Geist, den ein Mensch mit auf die Welt bringt in der Anlage, heranerziehen und heranunterrichten wollten, dann müßten wir ja immer als Erzieher vollkommen gewachsen sein dem, was aus einem Menschen werden kann. Nun, da könnten Sie bald das Erziehen aufgeben, denn Sie könnten ja nur so gescheite und so geniale Menschen heranerziehen, als Sie selber sind. Sie kommen selbstverständlich in die Lage, viel gescheitere und viel genialere Menschen heranerziehen zu müssen auf irgendeinem Gebiete, als Sie selber sind. Das ist nur möglich, weil wir es in der Erziehung eben nur mit einem Teil des Menschen zu tun haben; mit jenem Teil des Menschen, den wir auch dann heranerziehen können, wenn wir nicht so gescheit und nicht so genial sind und vielleicht nicht einmal so gut sind, als er selbst zur Genialität, zur Gescheitheit, zur Güte veranlagt ist. Dasjenige, was wir als das Beste der Erziehung bewirken können, das ist eben die Willenserziehung und ein Teil der Gemütserziehung. Denn das, was wir durch den Willen erziehen, das heißt durch die Gliedmaßen, was wir durch das Gemüt erziehen, das heißt durch einen Teil des Brustmenschen, das können wir bis zu dem Grade von Vollkommenheit bringen, den wir selbst haben. Und wie sich schließlich nicht nur der Diener, sondern auch die Weckeruhr abrichten läßt, einen viel gescheiteren Menschen als er selbst ist, aufzuwecken, so kann auch ein viel weniger genialer und sogar viel weniger guter Mensch einen Menschen erziehen, der zu Besserem als er selbst veranlagt ist. Allerdings, darüber werden wir uns klar sein müssen, daß mit Bezug auf alles Intellektuelle wir dem sich entwickelnden Menschen durchaus nicht gewachsen zu sein brauchen; daß wir aber, weil es auf die Willensentwickelung ankommt - wie wir jetzt auch aus diesem Gesichtspunkte sehen -, in dem Gutsein alles mögliche anstreben müssen, was wir nur anstreben können. Der Zögling kann besser werden als wir selber, wird es aber höchstwahrscheinlich nicht, wenn nicht zu unserer Erziehung eine andere durch die Welt oder durch andere Menschen dazukommt.

[ 9 ] If this were not so, real education and teaching would be utterly impossible. For suppose we had to teach and educate the whole of the spirit which man brings into the world only in germ, then our stature as teachers would require to be equal to whatever the human beings in our care might become. If this were so you might as well give up teaching at once, for you could only educate people equal in brilliance and ability to yourselves. But you must of course be ready to educate people who, in some ways, are much more clever and brilliant than you are. This is only possible if in education we have to touch only one part of man, for we can educate this one part even if we are not as clever, as brilliant, perhaps not even as good, as the child potentially is. The thing we can accomplish best in our teaching is the education of the will, and part of the education of the feeling life. For we can bring what we educate through the will—that is through the limbs—and through the heart, that is through part of the chest man—to the stage of perfection we have reached ourselves. And just as a man servant (or even an alarm clock) can be trained to awaken a much cleverer man than himself, so a person much inferior in cleverness, or even in goodness, can educate someone who has greater possibilities than he. We must of course realise that we do not need to be equal to the developing human being in intellectual capacity; but as, once again, it is a question of the development of the will it is for the attainment of goodness that we must strive to the uttermost. Our pupil may become better than we are, but he will very probably not do so unless in addition to the education we give him he gets another education from the world or from other people.

[ 10 ] Ich habe Ihnen in diesen Vorträgen angedeutet, daß in der Sprache ein gewisser Genius lebt. Der Genius der Sprache ist, sagte ich, genial; er ist gescheiter als wir selbst. Wir können viel lernen von der Art, wie die Sprache gefügt ist, wie die Sprache ihren Geist enthält.

[ 10 ] I have shown you in these lectures that there lives a certain genius in language. The genius of language is truly gifted; it is cleverer than we are. We can learn a great deal from the articulation of language and the way its spirit dwells within it.

[ 11 ] Aber Genius ist auch noch in anderem in unserer Umgebung, als in der Sprache. Bedenken wir das, was wir uns eben angeeignet haben: daß der Mensch eintritt in die Welt mit schlafendem Geiste, mit träumender Seele in bezug auf den Kopf; daß wir also eigentlich nötig haben, schon von ganz früh ab, von der Geburt ab, den Menschen durch den Willen zu erziehen, weil wir, wenn wir nicht durch den Willen auf ihn wirken könnten, wir an seinen schlafenden Kopfgeist gar nicht herankommen könnten. Wir würden aber eine große Lücke in der menschlichen Entwickelung schaffen, wenn wir nicht an seinen Kopfgeist irgendwie herankommen könnten. Der Mensch würde geboren werden, sein Kopfgeist wäre schlafend. Wir können noch nicht das Kind mit den zappelnden Beinen veranlassen, etwa zu turnen oder Eurythmie zu treiben. Das geht nicht. Wir können ihm auch noch nicht gut, wenn es erst mit den Beinen zappelt und höchstens mit dem Munde etwas brüllt, eine musikalische Erziehung angedeihen lassen. Mit der Kunst können wir auch noch nicht heran. Wir finden noch nicht eine deutlich ausgesprochene Brücke von dem Willen zu dem schlafenden Geiste des Kindes hin. Später, wenn wir irgendwie herankommen an den Willen des Kindes, dann können wir auf den schlafenden Geist wirken, wenn wir nur ihm die ersten Worte vorsprechen können, denn da ist schon ein Angriff auf den Willen da. Dann setzt sich dasjenige, was wir durch die ersten Worte in den Stimmorganen loslösen, schon als Willensbetätigung in den schlafenden Kopfgeist hinein fort und beginnt ihn aufzuwecken. Aber in der allerersten Zeit haben wir gar keine rechte Brücke zunächst. Es geht nicht ein Strom hinüber von den Gliedmaßen, in denen der Wille wach ist, der Geist wach ist, zum schlafenden Geist des Kopfes. Da braucht es einen anderen Vermittler noch. Da können wir als menschliche Erzieher in der ersten Zeit des Menschen nicht viele Mittel schaffen.

[ 11 ] But genius is to be found in other parts of our environment as well as in language. Let us consider what we have now discovered: that the human being enters the world with a sleeping spirit and a dreaming soul, as far as his head is concerned; that hence it is necessary right from the beginning, from birth onwards, to educate him through his will, for we can only approach his sleeping head spirit by working upon his will. But if we could not approach his head spirit in some way we should inevitably have a great gap in human development. Man would be born—his head spirit would be asleep. We could not make the little child who lies kicking his legs do gymnastics, for instance, or Eurythmy. It wouldn't do. Nor can we give him a musical training as long as he can only kick his legs or yell. Neither can we bring art to him as yet. We find, as yet, no distinct bridge from the will to the sleeping spirit of the child. Later on, when we have managed to approach the child's will, we can work upon his sleeping spirit simply through the very first words we say for him to repeat. Here we have a direct access to the will. For now what we release in the vocal organs through these first words will penetrate the sleeping head spirit as an activity of will, and will arouse it. But in the earlier years we have no direct bridge. No stream passes over from the limbs—where the will, the spirit, is awake—to the sleeping spirit of the head. Another mediator is needed here. We human educators have nothing at our disposal.

[ 12 ] Da tritt etwas auf, was auch Genius ist, was auch Geist ist außerhalb unser. Die Sprache enthält ihren Genius, aber wir können in den allerersten Zeiten der kindlichen Entwickelung noch gar nicht an den Sprachgeist appellieren. Aber es enthält die Natur selber ihren Genius, ihren Geist. Hätte sie ihn nicht, müßten wir Menschen durch die Lücke, die in unserer Entwickelung geschaffen wird erzieherisch in den allerersten Kinderzeiten, wir müßten verkümmern. Da schafft der Genius der Natur etwas, was diese Brücke bilden kann. Er läßt aus der Gliedmaßenentwickelung heraus, aus dem Gliedmaßenmenschen heraus eine Substanz entstehen, welche, weil sie auch mit dem Gliedmaßenmenschen in ihrer Entwickelung verbunden ist, etwas von diesem Gliedmaßenmenschen in sich hat — das ist die Milch. Die Milch entsteht ja im weiblichen Menschen zusammenhängend mit den oberen Gliedmaßen, mit den Armen. Die milcherzeugenden Organe sind gleichsam dasjenige, was sich nach innen von den Gliedmaßen aus fortsetzt. Die Milch ist im Tier- und Menschenreich die einzige Substanz, welche innere Verwandtschaft hat mit der Gliedmaßenwesenheit, welche gewissermaßen aus der Gliedmaßenwesenheit heraus geboren ist, welche daher auch die Kraft der Gliedmaßenwesenheit in sich noch enthält. Und indem wir dem Kinde die Milch geben, wirkt die Milch als die einzige Substanz, wenigstens im wesentlichen, weckend auf den schlafenden Geist. Das ist, meine lieben Freunde, der Geist, der in aller Materie ist, der sich äußert da, wo er sich äußern soll. Die Milch trägt ihren Geist in sich, und dieser Geist hat die Aufgabe, den schlafenden Kindesgeist zu wecken. Es ist kein bloßes Bild, sondern es ist eine tiefbegründete naturwissenschaftliche Tatsache, daß der in der Natur sitzende Genius, der aus dem geheimnisvollen Untergrund der Natur heraus die Substanz Milch entstehen läßt, der Wecker des schlafenden Menschengeistes im Kinde ist. Solche tief geheimnisvollen Zusammenhänge im Weltendasein müssen durchschaut werden. Dann begreift man erst, was für wunderbare Gesetzmäßigkeiten in diesem Weltenall eigentlich enthalten sind. Dann begreift man nach und nach, daß wir eigentlich entsetzlich unwissend werden, wenn wir uns Theorien ausbilden von der materiellen Substanz so, als ob diese materielle Substanz nur ein gleichgültig Ausgedehntes wäre, das in Atome und Moleküle zerfällt. Nein, das ist diese Materie nicht. Diese Materie ist so etwas, daß ein solches Glied dieser Materie wie die Milch, indem sie erzeugt wird, das innigste Bedürfnis hat, den schlafenden Menschengeist zu wecken. Wie wir im Menschen und im Tiere von Bedürfnis reden können, das heißt von der Kraft, die dem Willen zugrunde liegt, so können wir auch bei der Materie im allgemeinen von «Bedürfnis» reden. Und wir schauen die Milch umfassend nur dann an, wenn wir sagen: Die Milch, indem sie erzeugt wird, begehrt der Auferwecker des kindlichen Menschengeistes zu sein. So belebt sich alles dasjenige, was in unserer Umgebung ist, wenn wir es recht anschauen. So kommen wir eigentlich niemals frei von der Beziehung von allem, was da ist in der Welt draußen, zum Menschen.

[ 12 ] But now comes something, apart from us, which is both genius and spirit. Language indeed has its genius, but in the very earliest babyhood we cannot appeal to the spirit of language at all. But Nature has her own genius, her own spirit. If it were not so we human beings would perish, because a discontinuous education in babyhood would create a breach in our development. Here the genius of Nature intervenes and creates something which can build this bridge. Out of the limb system it produces a substance which partakes of the limb nature, as it is bound up with its development, and has something of that nature in it. This substance is milk. In woman the production of milk is connected with the upper limbs, with the arms. The milk producing organs can be said to be a continuation of the limbs, inwards. Both in the animal and human kingdoms milk is the only substance which has an inner connection with the limbs, which is, as it were, born of the limbs, and hence retains the power of the limbs within it. And as we give the child milk it works upon the sleeping spirit and awakens it—the only substance, essentially, which can do this. Here the spirit that dwells in all matter asserts itself in its rightful place. Milk bears its own spirit within it, and this spirit has the task of awakening the sleeping spirit of the child. This is no mere picture, it is a profound scientific truth that the genius in Nature, which creates the substance milk from out of secret depths, is the awakener of the human spirit in the child. We must learn to penetrate into these deep and secret relationships in the world, for only then shall we understand the wonderful laws that hold sway in the universe. Only then do we come to see what horrible ignoramuses we are when we theorise about matter as though it were some uniform mass that could be divided into atoms and molecules. Indeed it is no such thing. Matter is of such a nature, rather, that when milk, which is an integral part of it, is produced it has the inner need to awaken the sleeping human spirit. As in human beings and in animals we can speak of an inner need, namely of the force that lies at the basis of will, so can we speak of a “need” in matter generally. And if we want fully to comprehend the nature of milk we must say: when milk is produced it seeks to be the awakener of the child's human spirit. Thus everything we see around us springs to life if we regard it aright. Nor do we ever lose the relationship between man and what is in the world outside.

[ 13 ] Sie sehen daraus, daß für die erste Zeit der menschlichen Entwickelung gesorgt ist durch den Genius der Natur selbst. Und wir nehmen, indem wir das Kind weiterentwickeln und erziehen, dem Genius der Natur in einer gewissen Weise seine Arbeit ab. Indem wir beginnen, durch die Sprache und durch unser Tun, welche das Kind nachmacht, auf das Kind durch den Willen zu wirken, setzen wir jene Tätigkeit fort, welche wir den Genius der Natur haben ausführen sehen, indem er das Kind mit der Milch nährt und den Menschen nur Mittel sein läßt, diese Ernährung auszuführen. Damit sehen Sie aber auch, daß die Natur natürlich erzieht. Denn ihre Ernährung durch die Milch ist das erste Erziehungsmittel. Die Natur erzieht natürlich. Wir Menschen beginnen, indem wir durch die Sprache und durch unser Tun auf das Kind erzieherisch wirken, wir Menschen beginnen seelisch zu erziehen. Daher ist es so wichtig, daß wir im Unterricht und in der Erziehung uns bewußt werden: wir können eigentlich als Erzieher und Unterrichter mit dem Kopf selbst nicht allzuviel anfangen. Der bringt uns das, was er werden soll in der Welt, schon durch die Geburt in diese Welt herein. Wir können wecken dasjenige, was in ihm ist, aber wir können es nicht durchaus in ihn hineinversetzen.

[ 13 ] Thus, it is the genius of Nature herself which cares for the early years of human development. And when we educate and develop the child we are, in a certain sense, taking over the work of this genius. Through our words and actions, which the child copies, we begin to work upon the child through his will, and in so doing we continue the activity which we have left to the genius of Nature to carry out; for Nature has made use of the adult merely as a means to the process of nourishing the child with milk. From this you will perceive that Nature educates naturally; for her nourishment by milk is the first medium of education. Nature educates in a natural way. But we, as human beings, working to educate the child through language and through our actions, begin to educate in the realm of soul. For this reason it is so important to be conscious in our teaching and education that we cannot really undertake much with the head. At birth the head brings with it what it is destined to become in the world. We can awaken what is in the child, but we cannot implant a content into him.

[ 14 ] Da beginnt aber natürlich die Notwendigkeit, sich klarzuwerden darüber, daß nur ganz Bestimmtes durch die Geburt in das physische Erdendasein hereingebracht werden kann. Was nur im Laufe der Kulturentwickelung durch äußere Konvention entstanden ist, damit gibt sich die geistige Welt nicht ab. Das heißt, unsere konventionellen Mittel zum Lesen, unsere konventionellen Mittel zum Schreiben - ich habe das von anderen Gesichtspunkten aus schon ausgeführt -, die bringt natürlich das Kind nicht mit. Die Geister schreiben nicht. Die Geister lesen auch nicht. In Büchern lesen sie nicht, und mit der Feder schreiben sie nicht. Das ist nur eine Erfindung der Spiritisten, daß die Geister eine menschliche Sprache führen und sogar schreiben. Dasjenige, was in der Sprache und im Schreiben enthalten ist, ist Kulturkonvention. Das lebt hier auf der Erde. Und nur dann, wenn wir nicht bloß diese Kulturkonvention, dieses Lesen und Schreiben, dem Kinde beibringen durch den Kopf, sondern wenn wir dem Kinde dieses Lesen und Schreiben beibringen auch durch Brust und Gliedmaßen, dann tun wir ihm Gutes.

[ 14 ] Here we must indeed be clear that it is only certain definite things that can be brought into the physical earth existence through birth. The spiritual world has no concern with things which have come into civilisation only through external convention. For instance, the child naturally does not bring with him our conventional methods of reading and writing—I have shown this before in other connections. The spirits do not write, neither do they read. They do not read out of books, nor do they write with pens. It is only an invention of spiritualists that spirits use human language and can write. Language and writing as we know them are conventions of our civilisation. They belong to life on earth. And only when we bring this conventional reading and writing to the child, not by way of his head alone, but by way of his chest and limb systems too, can we really do him any good.

[ 15 ] Natürlich, wenn das Kind sieben Jahre alt geworden ist und zur Volksschule kommt — wir haben es ja nicht immer in die Wiege gelegt, sondern es hat etwas getan, es hat sich selbst durch Nachahmung der Alten fortgeholfen, es hat dafür gesorgt, daß sein Kopfgeist aufgewacht ist in einer gewissen Beziehung -, dann können wir das, was es sich selbst im Kopfgeist aufgeweckt hat, dazu benützen, um ihm Lesen und Schreiben in konventioneller Weise beizubringen; aber dann beginnen wir, diesen Kopfgeist durch unseren Einfluß zu schädigen. Deshalb habe ich Ihnen gesagt: Es darf der Lese- und Schreibunterricht nicht anders erteilt werden, im guten Unterrichten, als von der Kunst her. Die ersten Elemente des Zeichnens und Malens, die ersten Elemente des Musikalischen, die müssen vorangehen. Denn die wirken auf den Gliedmaßen- und auf den Brustmenschen und nur mittelbar auf den Kopfmenschen. Dann aber wecken sie dasjenige auf, was im Kopfmenschen drinnen ist. Sie malträtieren nicht den Kopfmenschen, wie wir ihn malträtieren, wenn wir bloß das Lesen und Schreiben so, wie sie konventionell geworden sind, auf intellektuelle Weise dem Kinde beibringen. Lassen wir das Kind erst zeichnen und dann aus dem, was es gezeichnet hat, die Schriftformen entwickeln, so erziehen wir es durch den Gliedmafßsenmenschen zum Kopfmenschen hin. Wir machen dem Kinde vor, sagen wir ein F. Muß es dann das F anschauen und nachfahren, dann wirken wir im Anschauen zunächst auf den Intellekt, und dann dressiert sich der Intellekt den Willen. Das ist der verkehrte Weg. Der richtige Weg ist, soviel als möglich durch den Willen den Intellekt zu wecken. Das können wir nur, wenn wir vom Künstlerischen übergehen in die intellektuelle Bildung. So müssen wir schon in diesen ersten Jahren des Unterrichts, wo uns das Kind übergeben wird, so verfahren, daß wir Schreiben und Lesen in künstlerischer Art dem Kinde beibringen.

[ 15 ] Now, of course, when the child is seven years old, he has not merely been lying in his cradle all the time, he has achieved something, he has been helping himself forward by imitating grown-up people, and he has seen to it that his head spirit is in some respects awake; then we can, of course, take advantage of this awakening to introduce reading and writing to him in a conventional way. But as soon as we do this we have a damaging effect upon the head spirit. This is why I told you that in good teaching reading and writing must only be given by way of art. The first elements of drawing, painting and music must precede it. For these work upon the limbs and chest man, and only indirectly on the head. But in time they awaken what is within the head-man. They do not misuse the head nature as we misuse it when we teach children the conventional reading and writing of to-day in a merely intellectual manner. If we first let the child draw, and then develop the written forms from its drawings, we shall be educating through the limb man up to the head-man. When, for instance, we make an “F” on the board for the children, and let them look at it and follow its form with their hands, we are then working through perception directly upon the intellect. That is the wrong way round. The right way is, as far as possible, to awaken the intellect through the will. We can only do this by passing over to intellectual education by way of artistic education. Thus, even in these early years when the child is first given into our charge, we must teach him reading and writing in an artistic way.

[ 16 ] Sie müssen bedenken, daß ja das Kind, während Sie es unterrichten und erziehen, auch noch etwas anderes zu tun hat als dasjenige, was Ste mit ihm machen. Das Kind hat allerlei zu tun, was gewissermaßen nur indirekt in Ihr Ressort gehört. Das Kind muß wachsen. Wachsen muß es, und Sie müssen sich klar darüber sein, daß, während Sie erziehen und unterrichten, das Kind richtig wachsen muß. Was heißt das aber? Das heißt: Sie dürfen durch Ihren Unterricht und durch Ihr Erziehen das Wachstum nicht stören. Sie dürfen nicht störend in das Wachstum eingreifen. Sie dürfen nur so erziehen und unterrichten, daß Sie mit diesem Erziehen und Unterrichten neben dem Bedürfnis des Wachstums einhergehen. Das, was ich jetzt sage, ist von ganz besonderer Wichtigkeit für die Volksschuljahre. Denn, ist zunächst die Formbildung da bis zum Zahnwechsel vom Kopfe ausgehend, so ist während der Volksschulzeit da die Lebensentwickelung, das heißt, das Wachstum und alles, was damit zusammenhängt bis zur Geschlechtsreife, also gerade während der Volksschulzeit. Die Geschlechtsreife bildet erst den Abschluß der Lebensentwickelung, die von dem Brustmenschen ausgeht. Sie haben es daher sogar während der Volksschulentwickelung vorzugsweise mit dem Brustmenschen zu tun. Sie kommen nicht anders zurecht, als wenn Sie wissen: während Sie das Kind unterrichten und erziehen, wächst es und entwickelt sich durch seinen Brustorganismus. Sie müssen gewissermaßen der Kamerad der Natur werden, denn die Natur entwickelt das Kind durch die Brustorganisation, durch Atmung, Ernährung, Bewegung und so weiter. Und Sie müssen ein guter Kamerad der Naturentwickelung werden. Aber wenn Sie diese Naturentwickelung gar nicht kennen, wie sollen Sie ein guter Kamerad der Naturentwickelung werden? Wenn Sie zum Beispiel gar nicht wissen, wodurch Sie seelisch im Unterricht oder in der Erziehung das Wachstum verlangsamen oder beschleunigen, wie können Sie gut erziehen und unterrichten? Bis zu einem gewissen Grade haben Sie es sogar seelisch in der Hand, diejenigen Kräfte des Wachstums im heranwachsenden Kinde zu stören, so daß sie es aufschießen lassen zum Rixen, was unter Umständen schädlich sein könnte. Bis zu einem gewissen Grade haben Sie es in der Hand, das Wachstum des Kindes ungesund zu hemmen, so daß es klein und stupsig bleibt, allerdings nur bis zu einem gewissen Grade, aber Sie haben es in der Hand. Sie müssen also Einsicht haben gerade in die Wachstumsverhältnisse des Menschen. Sie müssen diese Einsicht haben vom Seelischen und auch vom Leiblichen aus.

[ 16 ] You must bear in mind that the child you are teaching and educating has something else to do besides what you do with him. He has all manner of things to do which only indirectly belong to your sphere of work. The child has to grow. Yes, he must grow, and while educating him you should realise that he must grow rightly. What does this mean? It means that you must not by your teaching, by your education, disturb the child's growth. You must not effect a disturbance of his growth; rather your teaching and education should only be such as is compatible with the child's growth. What I am now saying is of special significance for the primary school period. For just as up to the change of teeth there takes place the building up of forms from the head, so during the primary school period—from the change of teeth to adolescence—there takes place life-development, growth and all that goes with it. This belongs to the primary school period. This life-development which proceeds from the chest, only reaches completion with the onset of adolescence, Thus during the primary school period you have chiefly to do with the chest man. You cannot teach rightly unless you know that, while you are teaching and educating the child, he is growing and evolving through his chest organisation. Thus you are called upon to be the comrade of Nature, for Nature is developing the child through his chest organisation, through breathing, nourishment, movement, and the like. And you must become a good comrade to Nature's development. But how can you be this if you are ignorant of natural development? How can you teach if you do not know by what means you can work through the soul to retard or accelerate growth? It is within your power, to a certain extent, so to affect the healthy growth of the child, by way of the soul, that he shoots up, lanky and lean—a thing which could have bad results. Similarly it is within your power, to a certain extent, to check the child's growth in an unhealthy way, so that he will remain short and stumpy. You have this power, of course, only to a certain extent—but you have it. Thus you must have insight into the conditions of human growth. You must have this insight from the point of view of the soul and also of the body.

[ 17 ] Wie können wir nun vom Seelischen aus Einblick haben in die Wachstumsverhältnisse? Da müssen wir uns eben an eine bessere Psychologie wenden, als die gewöhnliche Psychologie ist. Die bessere Psychologie sagt uns, daß mit alledem, was die Wachstumskräfte des Menschen beschleunigt, was die Wachstumskräfte des Menschen so gestaltet, daß der Mensch rixig aufschießt, mit alledem zusammenhängt dasjenige, was in gewisser Beziehung Gedächtnisbildung ist. Muten wir nämlich dem Gedächtnis zuviel zu, dann machen wir den Menschen innerhalb gewisser Grenzen zum schmalaufschießenden Wesen. Und muten wir der Phantasie zuviel zu, dann halten wir den Menschen in seinem Wachstum zurück. Gedächtnis und Phantasie stehen mit den Lebensentfaltungskräften des Menschen in einem geheimnisvollen Zusammenhang. Und wir müssen uns die Augen dafür aneignen, diesen Zusammenhängen etwas Aufmerksamkeit zuzuwenden.

[ 17 ] Now how can we gain an understanding of the growth forces from the point of view of the soul? For this we must turn to a better kind of psychology than that current to-day. This better psychology tells us that all that accelerates the growing forces of the human being, or makes him shoot up too rapidly, is related to a certain aspect of memory formation. Now, if we over-stimulate the memory, we cause the human being, within certain limits, to grow tall and thin. And if we over-stimulate his imagination and fantasy we retard his growth. Memory and imaginative fantasy have a certain secret relation to the forces of life development in man. And we must acquire the power of perceiving such a relation.

[ 18 ] Der Lehrer muß zum Beispiel in der Lage sein, folgendes zu tun: er muß eine Art zusammenfassenden Blick über seine Schülerzahl am Beginn des Schuljahres werfen, insbesondere im Beginn der Lebensepochen, die ich Ihnen angegeben habe, die mit dem neunten und zwölften Jahr zusammenhängen. Da muß er gewissermaßen Revue halten über die leibliche Entwickelung, und er muß sich merken, wie seine Kinder ausschauen. Und dann am Ende des Schuljahres oder einer anderen Periode muß er wiederum Revue halten und die Veränderung sich anschauen, die sich da vollzogen hat. Und das Ergebnis dieser zwei Revuen muß das sein, daß er weiß: das eine Kind ist nicht so gut gewachsen während der Zeit, wie es hätte wachsen sollen; das andere ist ein Stück aufgeschossen. Dann muß er sich fragen: Wie richte ich im nächsten Schuljahr oder in der nächsten Schulperiode das Gleichgewicht zwischen Phantasie und Gedächtnis ein, damit ich der Anomalie entgegenarbeite?

[ 18 ] For example the teacher should be able to do as follows: At the beginning of the school year he must pass his pupils through his mind in a comprehensive review; this is particularly important for those turning points of the ninth and twelfth year which I have described to you. (see Practical Course for Teachers) He must, then, hold a review, so to speak, of the bodily development of his children, and he must notice what they look like. And then at the end of the school year, or of some definite period, he must pass them once more in review and see what changes have taken place. And the result of these two reviews must be that he knows if some child or other has not grown as much as he should during that time; or perhaps another has shot up too much. Then the teacher must ask himself: How can I get the right balance between imagination and memory in the next school year, or period, so that I can counteract this irregularity?

[ 19 ] Sehen Sie, deshalb ist es auch so wichtig, daß man die Schüler behält durch alle Schuljahre hindurch, und deshalb ist es eine so wahnsinnige Einrichtung, jedes Jahr die Schüler einem anderen Lehrer in die Hand zu geben. Aber die Sache ist auch umgekehrt. Der Lehrer lernt nach und nach im Beginn des Schuljahres und am Anfang der Entwickelungsepochen (siebenten, neunten, zwölften Jahr) seine Schüler kennen. Er lernt solche Schüler kennen, die ausgesprochen den Typus von Phantasiekindern haben, die alles umgestalten. Und er lernt solche Schüler kennen, die ausgesprochen den Typus von Gedächtniskindern haben, die sich gut alles merken können. Auch damit muß sich der Lehrer bekanntmachen. Er macht sich ja bekannt durch die beiden Revuen, die ich angeführt habe. Aber er muß diese Bekanntschaft noch in der Weise ausbauen, daß er nicht nur durch das Wachstum äußerlichleiblich, sondern wiederum durch Phantasie und Gedächtnis selbst kennenlernt, ob das Kind droht, zu schnell aufzuschießen — das würde es tun, wenn es ein zu gutes Gedächtnis hat -, oder ob es droht, zu untersetzt zu werden, wenn es zuviel Phantasie hat. Man muß nicht nur durch allerlei Redensarten und Phrasen den Zusammenhang von Leib und Seele anerkennen, sondern man muß auch im werdenden Menschen das Zusammenwirken von Leib und Seele und Geist beobachten können. Phantasievolle Kinder wachsen anders, als gedächtnisbegabte Kinder wachsen.

[ 19 ] This is why it is so important to keep the children right through their school life; why it is such a mad arrangement to pass the children on to another teacher every year. And, to look at the matter the other way round, at the beginning of the school year, or of the periods of development (seventh, ninth, twelfth year) the teacher gets to know his pupils. He gets to know those who are typically children of imagination, who transform everything in their minds, and those on the other hand who are typically children of memory, who easily notice and remember things. The teacher must get to know all this. And he does so by twice passing the children in review, as I have explained. But he must come to know whether a child threatens to grow too quickly or too slowly, not only by watching the outward physical growth, but also by means of the powers of imagination and memory themselves; for the child would be in danger of growing too fast if he had too good a memory, and too slowly if he had too much imagination. It is not enough to acknowledge the connection between body and soul in catchwords and phrases, we must be able to observe in the growing human being the working together of body, soul and spirit. Imaginative children grow differently from children endowed with a good memory.

[ 20 ] Heute ist für die Psychologen alles fertig; das Gedächtnis ist da, das wird dann in den Psychologien beschrieben; die Phantasie ist da, die wird dann beschrieben; während in der wirklichen Welt alles in gegenseitiger Beziehung ist. Und wir lernen diese gegenseitigen Beziehungen nur kennen, wenn wir uns auch ein bißchen anbequemen mit unserer Auffassungsgabe diesen gegenseitigen Beziehungen. Das heißt, wenn wir diese Auffassungsgahe nicht so gebrauchen, daß wir alles richtig definieren wollen, sondern daß wir diese Auffassung selbst beweglich machen, so daß sie das, was sie erkannt hat, auch wiederum ändern kann, innerlich, begrifflich ändern kann.

[ 20 ] The psychologists of to-day look upon everything as a finished product. Memory exists, and a description of it is given in the psychological book. Imagination exists; it, too, is described. But in the world of reality all things are in mutual relation to one another. And we can only come to know these mutual relations if we adjust ourselves and adapt our understanding to them. That is, we must use our power of understanding not in strict definition of everything, but in exercising mobility, so that the child can himself transform what he has acquired—transform it inwardly, in thought.

[ 21 ] Sie sehen, das Geistig-Seelische führt von selbst hinüber ins Körperlich-Leibliche. Es führt sogar in dem Grade hinüber, daß wir sagen können: Durch Leibeseinwirkung, durch die Milch, erzieht der Genius der Natur in der allerersten Zeit das Kind. So erziehen wir dann, indem wir Kunst volksschulmäßig dem Kinde einträufeln, von dem Zahnwechsel ab das Kind. Und indem das Ende der Volksschulzeit herannaht, ändert sich das wieder in einer gewissen Weise. Da schillert schon immer mehr und mehr hinein aus der späteren Zeit die selbständige Urteilskraft, das Persönlichkeitsgefühl, der selbständige Willensdrang. Dem tragen wir Rechnung, indem wir den Lehrplan so ausgestalten, daß wir das, was da hereinkommen soll, auch wirklich benützen.

[ 21 ] You see how the spiritual-soul element leads over of itself into the bodily element. So much so that we can say: through bodily influences, through milk, the genius of nature educates the child in his earliest years. From the change of teeth onwards it is we who educate the child by nurturing him in art in the way that is proper to him at this period. And as the end of the primary school age approaches there is another change. More and more there appear flashes of what is to come in later years, namely, the power of independent judgment, a feeling of personality, the independent impulse of will. We must meet all this by so arranging our curriculum as to make a right use of all that has to be contained in it.