The Art of Education
Methodology and Didactics
GA 294
22 August 1919, Stuttgart
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Practical Course for Teachers, tr. Collison
Zweiter Vortrag
2. On Language—the Oneness of man with the Universe
[ 1 ] Wir werden solche Dinge, wie wir sie gestern angedeutet haben, nunmehr nach und nach aufzubauen haben. Sie werden ja wohl aus dem gestern Vorgebrachten gesehen haben, daß auch im ganz Speziellen des Unterrichtes vieles wird umzuwandeln und zu erneuern sein.
[ 1 ] We shall now have to build up gradually the principles outlined in the last lecture. You will have seen, no doubt, from what was discussed yesterday that much will have to be changed and revised even in the details of instruction.
[ 2 ] Nun denken Sie ein wenig zurück an das, was ich gerade eben in der vorhergehenden Stunde vorgebracht habe. Sie können eigentlich, wenn Sie dieses eben Vorgebrachte ins Auge fassen, den Menschen auffassen als ein Wesen, das drei Herde in sich trägt, in denen überall Sympathie und Antipathie sich begegnen. So können wir also sagen, im Kopfe schon begegnen sich Antipathie und Sympathie. Wir können einfach schematisch sagen: Nehmen wir an, an einer bestimmten Stelle des Kopfes sei das Nervensystem zum ersten Mal unterbrochen, die Sinneswahrnehmungen dringen ein, die Antipathie vom Menschen aus begegnet ihnen. Bei einer solchen Gelegenheit sehen Sie, daß Sie jedes einzelne System wieder in dem ganzen Menschen denken müssen, denn die Sinnestätigkeit als solche ist eigentlich eine feine Gliedmaßentätigkeit, so daß in der Sinnessphäre zunächst Sympathie waltet und vom Nervensystem hinaus die Antipathie geschickt wird. Wenn Sie also das Sehen sich vorstellen, so entwickelt sich im Auge selbst eine Art Sympathie — die Blutgefäße des Auges; die Antipathie durchstrahlt diese Sympathie — das Nervensystem des Auges. Dadurch kommt das Sehen zustande.
[ 2 ] Now just think back a little on what I brought to your notice in the previous lecture.1Rudolf Steiner: The General Study of the Human Being as the Basis of Pedagogy, Second Lecture. Phil.-Anthrop. Press, Dornach, Switzerland. With my analysis in mind you can really see man as a being with three centres, in which sympathy and antipathy meet. We can then say: “Antipathy and sympathy meet even in the head.” We can simply take as a formula the case of the nervous system being intercepted at a certain point in the head for the first time, so that the sense-perceptions penetrate, and encounter antipathy from the individual. In such a case you see that you must think of each separate system as repeated again in the whole person, for the activity of the senses as such is really a fine activity of the limbs, so that the sphere of the senses is primarily pervaded by sympathy, and antipathy is sent out from the nervous system. If, for instance, you imagine sight, a kind of sympathy develops in the eye itself: the blood vessels of the eye; antipathy radiates through this sympathy: the nervous system of the eye. This is the origin of sight.
[ 3 ] Aber eine zweite, für uns jetzt wichtigere Begegnung zwischen Sympathie und Antipathie liegt dann in der Mitte des Menschen. Da begegnen sich wieder Sympathie und Antipathie, so daß wir in dem mittleren System des Menschen, im Brustsystem, auch Begegnung von Sympathie und Antipathie haben. Dabei ist nun wieder der ganze Mensch tätig, denn während sich in uns Sympathie und Antipathie begegnen in der Brust, sind wir uns dessen bewußt. Sie wissen aber auch, daß sich dieses Begegnen dadurch ausdrückt, daß wir, sagen wir, nach einem Eindruck rasch eine Reflexbewegung ausführen, wobei wir nicht viel nachdenken, sondern wo wir irgend etwas, was uns mit Gefahr bedroht, rasch zurückstoßen, einfach instinktiv. Solche mehr unterbewußte Reflexbewegungen spiegeln sich dann auch im Gehirn, in der Seele, und dadurch bekommt das Ganze wieder eine Art von Bildcharakter. Wir begleiten in Bildern das, was sich in unserer Brustorganisation als Begegnung zwischen Sympathie und Antipathie abspielt. Dadurch erkennen wir dann nicht mehr so recht, daß das auf Begegnung von Sympathie und Antipathie beruht. Aber in der Brust geht etwas vor sich, das mit dem ganzen Leben des Menschen außerordentlich stark zusammenhängt. Eine Begegnung von Sympathie und Antipathie geht vor sich, die mit unserem äußeren Leben außerordentlich bedeutungsvoll zusammenhängt.
[ 3 ] But a second, and for us a more important encounter, between sympathy and antipathy, occurs at the centre of the human system. Here, again, sympathy and antipathy encounter one another, so that a meeting between sympathy and antipathy ensues midway in the human system, in the breast-system. Here, again, the whole individual is active; for while sympathy and antipathy meet in us, in our breast we are conscious of their conflict. But you also know that this meeting is expressed in our carrying out—let us say—an instantaneous reflex action on receiving an impression, and in this reflex action we do not think much about it, but we swiftly repulse something or other which threatens us with danger; we repulse it purely instinctively. Other more subconscious reflex movements are then further reflected in the brain, in the soul, and the whole again acquires the character of an image. We accompany with imagery the conflict in action between sympathy and antipathy in our breast-system. In so doing we no longer realize clearly that a meeting between sympathy and antipathy is in question. But the breast is the scene of a process intimately bound up with the whole life of the individual. A meeting between sympathy and antipathy is in progress which is significantly bound up with our external life.
[ 4 ] Wir entwickeln eine gewisse Tätigkeit im ganzen Menschen, die als Sympathie wirkt, die eine Sympathietätigkeit ist. Und wir lassen diese Sympathiebetätigung in unserem Brustmenschen mit einer kosmischen Antipathietätigkeit fortwährend durcheinanderspielen. Der Ausdruck dieser sympathischen und antipathischen Betätigungen, die sich begegnen, ist das menschliche Sprechen. Und ein deutliches Begleiten dieses Sich-Begegnens von Sympathie und Antipathie in der Brust durch das Gehirn ist das Verstehen des Sprechens. Wir verfolgen verstehend das Sprechen. Beim Sprechen ist im Grunde genommen eine Tätigkeit vorhanden, die sich in der Brust vollzieht und eine parallel gehende Tätigkeit, die sich im Haupte vollzieht; nur daß in der Brust diese Tätigkeit viel realer ist; im Haupte ist sie abgeschwächt zum Bilde. Sie haben, indem Sie sprechen, in der Tat fortwährend die Brusttätigkeit und begleiten sie zu gleicher Zeit mit dem Bilde davon, mit der Hauptestätigkeit. Sie werden dadurch leicht einsehen, daß das Sprechen im Grunde genommen auf einem fortwährenden Rhythmus von Sympathie- und Antipathiewirkungen beruht, wie das Fühlen. Die Sprache ist auch zunächst verankert im Fühlen. Und daß wir für die Sprache den mit dem Gedanken zusammenfallenden Inhalt haben, rührt davon her, daß wir den Gefühlsinhalt begleiten mit dem Erkenntnisinhalt, mit dem Vorstellungsinhalt. Verstehen wird man die Sprache aber nur dann, wenn man sie zunächst wirklich auffaßt als verankert im menschlichen Gefühl.
[ 4 ] We develop a certain activity of the whole individual which expresses itself as sympathy, as an activity of sympathy. We allow the constant interplay between this activity of sympathy and a cosmic antipathy to take place in our breast-system. The expression of these conflicting sympathetic and antipathetic activities is human speech. And a distinct accompaniment by the brain of this encounter of sympathy and antipathy in the breast is the comprehension of speech. We trace speech with an understanding of it. In speech there are really present an activity which takes place in the breast and a parallel activity which takes place in the head, only that the breast is much more positive in this activity; in the head it has faded into an image. When you speak, you have all the time the breast-activity, and you accompany it at the same time with an image of it, with an activity of the head. You will easily see from this that speech is really built up on a persisting rhythm of sympathetic and antipathetic activity—like feeling. Speaking, too, is primarily anchored in feeling. The thought content of our speech is introduced by our accompanying the content of feeling with the content of knowledge and perception. But we shall only learn to understand speech if we really see it as fundamentally anchored in human feeling.
[ 5 ] Nun ist tatsächlich die Sprache zwiefach verankert im menschlichen Fühlen. Einmal in alledem, was der Mensch aus seinem Fühlen heraus der Welt entgegenbringt. Was bringt der Mensch durch sein Gefühl der Welt entgegen? Nehmen wir ein deutliches Gefühl, eine deutliche Gefühlsnuance, zum Beispiel das Staunen, Erstaunen. Solange wir im Menschen, in diesem Mikrokosmos bleiben seelisch, haben wir es mit dem Staunen, Erstaunen zu tun. Kommen wir in die Lage, die kosmische Beziehung, das kosmische Verhältnis herzustellen, das verbunden sein kann mit dieser Gefühlsnuance des Erstaunens, dann wird Erstaunen zum «O». Der Laut «O» ist im Grunde genommen nichts anderes als das Wirken des Atmens in uns, so daß dieses Atmen ergriffen wird im Inneren vom Staunen, vom Erstaunen. Sie können daher das «O» auffassen als den Ausdruck des Staunens, Erstaunens.
[ 5 ] Now, as a matter of fact, speech is doubly anchored in human feeling: once, in all the feeling with which the individual confronts the world. With what feelings does he confront the world? Let us take a clear feeling, a clear shade of feeling: for instance, astonishment, amazement. As long as we remain in the individual, in this microcosm, with our soul, we experience astonishment, amazement. If we find ourselves able to establish the cosmic link, the cosmic relation, which can be bound up with this feeling-shade of astonishment, this astonishment becomes the sound o.2Extract from Eurythmy as Visible Speech referred to at end of this volume. (see inset) The sound o is really nothing less than the action of breath in us when this breath is caught inwardly by astonishment, by amazement. You can understand the o, therefore, as the expression of astonishment, of amazement.
[ 6 ] Die äußere Betrachtungsweise der Welt hat in den letzten Zeiten die Sprache immer auch an Äußerliches angegliedert. Man hat sich gefragt: Woher kommen die Zusammenhänge zwischen den Lauten und dem, was die Laute bedeuten? Man ist nicht darauf gekommen, daß alle Dinge der Welt auf den Menschen einen Gefühlseindruck machen. Irgendwie wirkt jedes einzelne Ding auf das menschliche Gefühl, wenn auch oftmals ganz leise, so daß es halb unbewußt bleibt. Aber wir werden nie ein Ding vor uns haben, das wir mit einem Worte bezeichnen, in dem der Laut «O» ist, wenn wir nicht irgendwie vor diesem Dinge ins Staunen kommen, wenn auch dieses Staunen sehr leise ist. Sagen Sie Ofen, so sagen Sie deshalb ein Wort, das ein «OÖ» enthält, weil in Ofen irgend etwas liegt, was ein leises Staunen in Ihnen zum Ausdruck bringt. Es ist die Sprache in dieser Weise in dem menschlichen Gefühl begründet. Sie stehen zur ganzen Welt in Gefühlsbeziehung und geben der ganzen Welt solche Laute, welche die Gefühlsbeziehung in irgendeiner Weise zum Ausdruck bringen.
[ 6 ] Lately the world's superficial method of observation has linked speech with something external. People have asked themselves: “What is the origin of the connections between sounds and the meaning of sounds?” People have not realized that everything in the world makes a feeling-impression on the individual. In some manner every single thing reacts upon human feeling, even if often quite delicately, so that it remains half-unconscious. But we shall never have a thing in front of us which we can describe by a word containing the sound o, unless somehow we feel astonishment, even if this astonishment is very subdued. If you say “stove” (German: Ofen) you say a word with o in it, because in “stove” there lies something which excites a subdued astonishment in you. Speech is grounded in this way in human feeling. You stand in a relation of feeling to the whole world and you respond to the whole world with sounds which express the relation of feeling in some way.
[ 7 ] Diese Dinge hat man eben gewöhnlich sehr äußerlich genommen. Man glaubte, man ahmt in der Sprache nach, wie das Tier bellt oder brummt. Danach hat man eine Theorie ausgebildet, die berühmte linguistische «Wauwau-Theorie», nach der alles nachgeahmt wird. Diese Theorien haben das Gefährliche, daß sie Viertelswahrheiten sind. Indem ich den Hund nachahme und Wauwau sage — darin liegt die Nuance, die im «au» zum Ausdruck kommt -, versetze ich mich damit in seinen Seelenzustand. Nicht im Sinne dieser Theorie, sondern auf dem Umwege durch die Versetzung in den Seelenzustand des Hundes wird der Laut gebildet. - Eine andere Theorie ist die, welche glaubt, daß jeder Gegenstand in der Welt einen Ton in sich hat, so wie zum Beispiel die Glocke ihren Ton in sich hat. Auf Grund dieser Auffassung hat sich dann die sogenannte «Bimbam-Theorie» herausgebildet. Diese beiden Theorien, die Wauwau-Theorie und die Bimbam-Theorie gibt es. Den Menschen verstehen kann man aber nur, wenn man sich darauf einläßt, daß die Sprache der Ausdruck für die Gefühlswelt, für die Gefühlsbeziehungen ist, die wir zu den Dingen entwickeln.
[ 7 ] As a rule, you see, people have only dealt with these things very superficially. They imagined that we imitated in speech the barking or growling of the animal. Accordingly a theory was evolved—the famous “Bow-wow theory”—according to which everything is imitation. These theories are dangerous because they are quarter-truths. When I imitate the dog and say “bow-wow”—that expresses the shade of feeling which lies in “ow”—I transpose myself into his condition of soul. Not in the sense of this theory, but on a detour, by transposing oneself into the condition of soul of the dog, is the sound formed. Another theory supposes that every object in the world conceals a tone; as, for instance, a bell contains its own tone. Based on this conception, the so-called “Ding-dong” theory was evolved. These two theories exist: the Bow-wow theory and the Ding-dong theory. But a person can only be understood by entering into the nature of speech as the expression for the world of feeling, for the relations of feeling, which we develop in response to things.
[ 8 ] Eine andere Nuance den Dingen gegenüber ist diejenige Gefühlsnuance, die wir dem Leeren oder auch dem Schwarzen, das ja mit dem Leeren verwandt ist, gegenüber haben, oder alledem gegenüber haben, das mit dem Schwarzen verwandt ist: es ist die Furchtnuance, die Angstnuance. Sie drückt sich aus durch das «U». Dem Vollen gegenüber, dem Weißen, Hellen und alledem gegenüber, das mit dem Hellen oder Weißen verwandt ist, auch dem Klange gegenüber, der mit dem Hellen verwandt ist, haben wir die Gefühlsnuance der Bewunderung, der Verehrung: das «A». Haben wir das Gefühl, daß wir einen äußeren Eindruck abzuwehren haben, gewissermaßen uns wegwenden müssen von ihm, um uns selbst zu schützen, haben wir also das Gefühl des Widerstandleistens, dann drückt sich das aus in dem «E». Und haben wir wieder das entgegengesetzte Gefühl des Hinweisens, des Näherns, des Einswerdens, dann drückt sich das aus in dem «I».
[ 8 ] Another shade of response is that feeling-shade which we experience in the face of emptiness, or blackness, which, of course, is related to emptiness: this is the feeling-shade of fear, the feeling-shade of alarm. It is expressed by u, oo as in room. For fullness, for whiteness, light, and everything related to light or whiteness, including sound related to light, we have the feeling-shade of marvelling admiration, of wonder, of reverence: the a. If we have the feeling that an external impression is to be warded off, that we have, as it were, to avert our gaze from it, to protect ourselves, if, that is, we have the feeling that we must put up a resistance, this expresses itself in e. And if, again, we have the opposite feeling, of indicating, of approaching, of union, this expresses itself in i.
[ 9 ] Damit haben wir — auf alles einzelne wollen wir dann später noch eingehen, ebenso auch auf die Diphthonge - die wichtigsten Selbstlaute, wobei nur noch ein Selbstlaut in Betracht käme, der in den europäischen Gegenden weniger vorhanden ist und der ein Stärkeres ausdrückt als alle die andern. Wenn Sie den Versuch machen, einen Selbstlaut dadurch herauszubekommen, daß Sie einen Laut haben, in welchem eigentlich A, O und U anklingen, dann bedeutet das ein zwar zuerst Furchthaben, aber in das zuerst Gefürchtete sich trotzdem Hineinversetzen. Es ist die höchste Ehrfurcht, die durch diesen Laut zum Ausdruck kommen würde. Der Laut ist ja besonders in den orientalischen Sprachen ein sehr gebräuchlicher, aber er beweist auch, daß die Orientalen Menschen sind, die viel Ehrfurcht entwickeln können, während er in den abendländischen Sprachen weggeblieben ist, weil dort Menschen sind, denen die Ehrfurcht überhaupt nicht zur Seele steht.
[ 9 ] With these (we may go into all details later, as well as into diphthongs) we have the most important vowels, with the exception of one which is less common in European countries and which expresses a stronger emotion than all the others. If you try to produce a vowel by forming a sound in which a, o, u are all sounded, it means a feeling, at first, it is true, of fear, but an identification of oneself, in spite of it, with the former object of fear. The profoundest veneration would be expressed by this sound. The sound, as you know, is especially frequent in Oriental languages, but it also proves that the Orientals are people capable of developing great veneration—whereas it is absent from Occidental languages, because in the Occident we find people whose veneration is not their strongest point.
[ 10 ] Damit haben wir ein Bild gewonnen von dem, was als innere Seelenregung zum Ausdruck kommt in den Selbstlauten. Alle Selbstlaute drücken innere Seelenregungen aus, die in Sympathie zu den Dingen sich ausleben. Denn selbst wenn wir Furcht vor einem Dinge haben, so beruht diese Furcht auf irgendeiner geheimen Sympathie. Wir würden diese Furcht gar nicht haben, wenn wir zu diesem Dinge nicht eine geheime Sympathie hätten. Bei der Beobachtung von diesen Dingen müssen Sie nur eines berücksichtigen. Verhältnismäßig ist es leicht zu beobachten, daß das «O» etwas mit dem Staunen zu tun hat, das «U» mit Furcht und Angst, das «A» mit Verehrung, Bewunderung, das «E» mit Widerstandleisten, das «I» mit dem Sich-Nähern und das «AOU» mit der Ehrfurcht. Aber die Beobachtung wird Ihnen dadurch getrübt, daß Sie leicht verwechseln die Empfindungsnuance, die man beim Hören des Lautes hat, mit derjenigen, die man beim Aussprechen hat. Die beiden sind verschieden. Bei den Nuancen, die ich angeführt habe, müssen Sie darauf Rücksicht nehmen, daß sie gelten für die Mitteilung des Lautes. Also, indem man jemandem etwas mitteilen will durch den Laut, ist das gültig. Will man jemandem mitteilen, daß man selbst Angst gehabt hat, so drückt man es durch das «U» aus. Es ist nicht dieselbe Nuance, wenn einer selbst Angst hat, oder wenn er durch Hervorrufung des U-Lautes in dem andern Angst erregen will. Sie bekommen vielmehr den Anklang des Eigenen, wenn Sie Furcht erregen wollen, wenn Sie zum Beispiel bei einem Kinde sagen: U-u-u! — Das ist wichtig zu berücksichtigen für den sozialen Zusammenhang des Sprechens. Wenn Sie das berücksichtigen, können Sie leicht auf diese Beobachtung kommen.
[ 10 ] This survey gives us a picture of inner soul-stirrings expressed in vowels. All vowels express inner soul-emotions as experienced in sympathy with things. For even when we are afraid of a thing our fear is founded on some secret sympathy. We should not have this fear at all unless we had some secret sympathy with its object. In considering these facts you must be careful to take one complication into account. It is comparatively easy to observe that o is connected with astonishment, u with fear and alarm, a with wonder, reverence, e with resistance, i with approach, and aou with awe. But you will find the observation obscured by the facility with which confusion arises between the feeling-shades which you experience on hearing the sound and those you experience in making the sound. They are different. Of the feeling-shades which I have mentioned, you must remember that they are valid for communicating the sound. If, then, you wish to convey some emotion to someone by sound, these observations hold good. If you want to convey to someone that you yourself are afraid, or have had anxiety, you express it by u. One's own fear, and one's desire to excite fear in another person by making the и sound, are not the same feeling-shade. You will much more easily excite the echo of your own fear, if you want to excite fear, by saying to a child, for instance: “U-u-u-!” It is important to consider this in the light of the social significance of speech. If you take it into account you will readily make the above observation.
[ 11 ] Was da gefühlt wird, ist ja reiner innerer Seelenvorgang. Diesem seelischen Vorgang, der eigentlich durchaus auf dem Auswirken einer Sympathie beruht, kann die Antipathie von außen begegnen. Das geschieht durch die Konsonanten, durch die Mitlaute. Wenn wir einen Konsonanten mit einem Vokal zusammenfügen, dann fügen wir immer Sympathie und Antipathie ineinander, und unsere Zunge, unsere Lippen und unser Gaumen sind eigentlich dazu da, um sich als Antipathieorgane geltend zu machen, um die Dinge abzuhalten. Würden wir bloß in Vokalen, in Selbstlauten sprechen, so würden wir nur hingebungsvoll sein an die Dinge. Wir würden eigentlich mit den Dingen zusammenfließen, würden sehr unegoistisch sein, denn wir würden unsere tiefste Sympathie mit den Dingen entwickeln; wir würden nur gefühlsmäßig durch die Nuancierung der Sympathie, zum Beispiel wenn wir Furcht oder Entsetzen haben, uns etwas zurückziehen von den Dingen, aber in diesem Sich-Zurückziehen von den Dingen wäre selbst noch Sympathie vorhanden. So wie sich die Selbstlaute auf das Lauten von uns selbst beziehen, so die Konsonanten auf die Dinge; da klingen die Dinge mit.
[ 11 ] This experience through the vowels is manifestly a pure inward soul-process. This soul-process, actually the direct outcome of some sympathy, is often encountered by antipathy from outside. This occurs through the consonants, through the accompanying sounds. When we combine a vowel with a consonant, we always combine sympathy and antipathy, and our tongue, our lips, and our palate are really intended solely to function as antipathy-organs, to ward things off. If we spoke only in vowels, in self-sufficing sounds, we should have a simple relation of surrender towards things. We should actually identify ourselves with the flux of things, we should be very unegoistic, for we should develop the deepest possible sympathy with them; we should only draw back in response to the shade of sympathy in our feelings, for instance when we felt fear or horror, but in this very withdrawal sympathy would still be present. In the degree in which the vowels refer to the sound made by ourselves do the consonants refer to the description of the things themselves; the sound of things accompanies them.
[ 12 ] Daher werden Sie finden, daß Selbstlaute aufgesucht werden müssen als Gefühlsnuancen. Mitlaute: F, B, M und so weiter müssen aufgesucht werden als Nachahmung äußerer Dinge. Also, indem ich Ihnen gestern das F an dem Fisch gezeigt habe, hatte ich insofern recht, als ich die Form des äußeren Fisches nachahmte. Mitlaute werden immer auf Nachahmungen äußerer Dinge zurückgeführt werden können, Selbstlaute dagegen auf die ganz elementare Äußerung der menschlichen Gefühlsnuancen den Dingen gegenüber. Daher können Sie die Sprache geradezu auffassen als ein Begegnen von Antipathie und Sympathie. Die Sympathien liegen immer in den Selbstlauten, die Antipathien immer in den Mitlauten, in den Konsonanten.
[ 12 ] That is why you will find that the vowels must be sought out as shades of feeling. Consonants f b m, etc., must be sought out as imitations of external things. Therefore, in showing you, yesterday, f by the fish, I was right in so far as I imitated the outward form of the fish. Consonants can always be traced back to imitations of external things; vowels, on the other hand, to the quite elementary expression of human shades of feeling about things. Consequently, you literally can understand speech as a meeting between sympathy and antipathy. The sympathies always reside in the vowels, the antipathies in the consonants, the accompanying sounds.
[ 13 ] Wir können aber die Sprachbildung noch in einer andern Weise auffassen, Wir können sagen: Was ist denn das eigentlich für eine Sympathie, zum Ausdruck kommend im Brustmenschen, so daß er die Antipathie zum Stehen bringt und der Kopfmensch sie nur begleiter? Was da zugrunde liegt, ist in Wirklichkeit Musikalisches, das über eine gewisse Grenze hinübergegangen ist. Musikalisches liegt zugrunde und geht über eine gewisse Grenze hinaus, überhupft sich gewissermaßen, wird mehr als Musikalisches. Das heißt: Soweit die Sprache aus Selbstlauten besteht, hat sie ein Musikalisches in sich; soweit sie aus Mitlauten, aus Konsonanten besteht, hat sie ein Plastisches, ein Malerisches in sich. Und im Sprechen liegt eine wirkliche Synthese, eine wirkliche Verbindung von musikalischen mit plastischen Elementen im Menschen vor.
[ 13 ] But we can understand speech formation in still another way: what really is that sympathy which is expressed in the “breast-man,” so that he brings antipathy to a standstill and the “head-man” merely accompanies it? It is essentially music exceeding certain limits. An experience of music disintegrates, exceeds a certain limit, “outwits” itself, as it were, becomes something more than a mere musical experience. That is: in the degree in which speech consists of vowels, it contains something musical, but in the degree in which it contains consonants, it contains something plastic, a painter's experience. And speech expresses a real synthesis, a real fusion of musical with plastic elements in man.
[ 14 ] Sie können daher sehen, daß mit einer Art unbewußter Nuance sich im Sprechen richtig ausdrückt die Art, nicht nur wie einzelne Menschen sind, sondern namentlich auch, wie Menschengemeinschaften sind. Wir sagen im Deutschen Kopf. Kopf drückt in seinem ganzen Zusammenhange das Runde, die Form aus. Daher sagen wir nicht nur zum menschlichen Kopf «Kopf», sondern wir sagen auch Kohlkopf. Wir drücken im Deutschen die Form aus in dem Worte Kopf. Der Romane drückt nicht die Form des Kopfes aus; er sagt testa und drückt damit ein Seelisches aus. Er bringt zum Ausdruck, daß der Kopf der Bezeugende, der Testierende, der Feststellende ist. Er nimmt aus einem ganz andern Untergrunde die Bezeichnung für den Kopf her. Er weist auf die Gemütssympathie auf der einen Seite und auf das Verwachsen der Antipathie mit dem Äußeren auf der andern Seite hin. — Versuchen Sie zunächst, am Hauptvokal sich klarzumachen, worin der Unterschied besteht: Kopf, o = Staunen, Erstaunen! Es liegt etwas von Staunen, Erstaunen in der Seele gegenüber jedem Runden, weil das Runde an sich zusammenhängt mit allem, was Staunen, Erstaunen hervorruft. Nehmen Sie testa: das e = Widerstand setzen. Man muß sich behaupten, Widerstandsetzen, wenn der andere etwas behauptet; sonst würde man mit ihm verschwimmen. Diese Gefühlsnuance drückt sich sehr gut aus, wenn der Volkscharakter dem Testieren gegenübersteht, beim Kopfe.
[ 14 ] You can see from this that in speech not only the natures of separate individuals are expressed by a kind of unconscious nuance, but, in fact, the natures of human communities. In German we say “Kopf.” “Kopf” expresses in its whole setting “roundness” form. Thus not only for the human head do we say “Kopf,” but for cabbage “Kohlkopf.” In German we express the form of the head in the word “Kopf.” The Roman did not express the form of the head; he said “caput,” and thereby expressed something psychic. He expressed the comprehending, understanding power of the head. He drew his name for “head” from a quite different source. He indicated on the one hand the sympathy of soul, mind (gemüt), and on the other the fusion of antipathy with the outer world. Just try to get a clear idea from the principal vowel of the source of the difference: “Kopf”—astonishment, amazement! The soul feels some astonishment, some amazement about anything round, because roundness in itself is bound up with all that produces astonishment, amazement. Take “caput:” the “A”—reverence. When a person makes a statement you have to accept its demand to be understood. You have to accept another person's statement in order to comprehend it.
[ 15 ] So werden Sie, wenn Sie auf diese Dinge Rücksicht nehmen, hinweggeleitet von der Abstraktheit, auf das zu sehen, was im Lexikon steht: für die eine Sprache dieses Wort, für die andere Sprache jenes Wort. Aber die Worte der einzelnen Sprachen sind da und dort aus ganz andern Beziehungen hergenommen. Es ist eine reine Äußerlichkeit, wenn man sie einfach vergleichen wollte, und das lexikographische Übersetzen ist im Grunde genommen das schlechteste Übersetzen. Wenn wir im Deutschen das Wort Fuß haben, so hängt es damit zusammen: wir treten auf, wir machen ein Leeres, eine Furche. Fuß hängt mit Furche zusammen. Wir nehmen die Bezeichnung des Fußes von dem, was er tut, von Furche-machen, her. Die romanischen Sprachen, pes, nehmen sie wieder her von Feststehen, Standpunkt haben. Diese der Pädagogik außerordentlich hilfreiche Linguistik, welche die Bedeutungslinguistik wäre, haben wir noch gar nicht in der Wissenschaft, und wir können uns schon die Frage beantworten: Warum haben wir diese Dinge in der Wissenschaft noch nicht, die doch wirklich praktisch helfen könnten?
[ 15 ] In this way, in taking these things into account, you will be saved from the abstraction of going by what stands in the dictionary: For one language this word, for another language that. But the words of the separate languages have been derived here and there from quite different relations. It is utterly superficial to wish to compare them directly, and translating by the dictionary is really the worst translating. If in German we have the word “Fuss” (foot), that is because in our step we make a void, a furrow (Furche). Fuss is connected with Furche. We derive the name for foot from the action of making a furrow. The Romance languages derive “pes” from standing firm, having a point of stability. This linguistic study, so illuminating in teaching, this linguistic study of meanings, is completely absent in science, and it is easy to answer the question: Why is science still not enriched by things which, after all, could be of real practical help?
[ 16 ] Wir haben sie noch nicht aus dem Grunde, weil wir noch in der Ausarbeitung dessen sind, was wir für den fünften nachatlantischen Zeitraum, insbesondere für dieErziehung, brauchen. Wenn Sie auf diese Art die Sprache nehmen als auf Innerliches hinweisend in den SelbstJauten, als auf Äußerliches hinweisend in den Mitlauten, dann werden Sie in die Lage kommen, leicht Zeichnungen für die Mitlaute zu finden. Dann werden Sie nicht bloß das anzuwenden brauchen, was ich in den nächsten Stunden geben werde als Bilder von Mitlauten, sondern Sie werden sich selbst Bilder machen können und dadurch werden Sie es erreichen, daß Sie selbst den inneren Kontakt mit den Kindern bekommen, was viel besser ist, als wenn Sie nur das äußere Bild aufnehmen.
[ 16 ] The reason is that we are still in the process of working out what is necessary for the fifth post-Atlantean period, particularly for education. If you take language in this way, as expressing something inward in its vowels, as indicating something external in its consonants, you will find yourself easily able to make drawings of consonants. Then you will not only need to use the material I give you in the next lectures, but you will be able to make pictures yourself, and so establish by yourself the inner contact with the children, which is far better than merely assimilation adopting the outer picture.
[ 17 ] Auf diese Weise haben wir die Sprache erkannt als eine Beziehung des Menschen zum Kosmos. Denn der Mensch für sich würde bei Bewunderung, Staunen stehenbleiben; erst seine Beziehungen zum Kosmos rufen Bewunderung, Staunen zu demjenigen auf, was lautet.
[ 17 ] We have, then, recognized that speech is a relation of man to the cosmos. For man by himself would be content to admire, to be astonished; but his relations to the cosmos demand sound from his admiration, from his astonishment.
[ 18 ] Nun ist der Mensch auf eine bestimmte Art in den Kosmos eingebettet und man kann ja schon durch ganz äußerliche Erwägungen dieses Drinnenstehen des Menschen im Kosmos beobachten. Was ich jetzt sage, das sage ich aus dem Grunde, weil — wie Sie schon aus dem gestrigen Vortrage gesehen haben - viel davon abhängt, wie wir gefühlsmäßig zu dem werdenden Menschenwesen stehen, wie wir in dem werdenden Menschenwesen wirklich ein rätselvoll Offenbares des ganzen Kosmos verehren können. Daß wir dieses Gefühl als Erzieher und Unterrichter entwickeln können, davon hängt ungeheuer viel ab.
[ 18 ] Now man is embedded in the cosmos in a peculiar way. It is easily possible from quite superficial comparisons to observe his rooted-ness in it. I say what I am saying now because—as you already saw from my previous lecture—much depends on the nature of our feelings to the growing human being, on our reverence for the growing being as a mysterious revelation of the whole cosmos. It is tremendously important to develop this sense as educators and teachers.
[ 19 ] Nun nehmen Sie noch einmal in einem etwas erweiterten Gesichtskreise die bedeutungsvolle Tatsache, daß der Mensch etwa 18 Atemzüge in der Minute macht. Wieviel macht er dann in 4 Minuten? 18 mal 4 = 72 Atemzüge. Wieviel Atemzüge macht er am Tage? 18 mal 60 mal 24 = 25920 Atemzüge am Tage. Ich kann es aber auch so ausrechnen, daß ich die Zahl der Atemzüge von 4 Minuten nehme, das sind = 72. Ich hätte dann anstatt mit 24 mal 60, nur mit 6 mal 60, das heißt mit 360 die Zahl der Atemzüge von 4 Minuten zu multiplizieren und bekäme dann ebenfalls 25920 Atemzüge am Tage, 360 mal 72 = 25920. Man kann sagen: während 4 Minuten ist der Atmungsprozeß einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen — gewissermaßen ein kleiner Tagesprozeß, und indem wir diese Zahl mit 360 multipliziert haben, ist die andere Summe von 25 920 demgegenüber ein Jahresprozeß, und der Tag von 24 Stunden ist ein Jahr für unser Atmen. Jetzt nehmen Sie unseren größeren Atmungsprozeß, der darin besteht, daß wir täglich wechseln zwischen Wachen und Schlafen. Was heißt denn Wachen und Schlafen im Grunde genommen? Wachen und Schlafen bedeutet, daß wir auch etwas ausatmen und einatmen. Wir atmen aus das Ich und den astralischen Leib beim Einschlafen, und wir atmen sie wieder ein beim Aufwachen. Das tun wir innerhalb von 24 Stunden. Wenn wir diesen Tag nehmen, so müssen wir ihn, um dazu den Jahreslauf zu haben, mit 360 multiplizieren. Das heißt, im Laufe eines Jahres vollbringen wir in diesem Atmen etwas Ähnliches, wie in dem kleinen Atmungsprozeß an einem Tage, bei dem wir mit 360 das multiplizierten, was in 4 Minuten geschieht; multiplizieren wir mit 360 die Zeit zwischen Aufwachen und Einschlafen, was während eines Tages vor sich geht, so haben wir das, was in einem Jahr geschieht; und multiplizieren wir jetzt 1 Jahr mit unserem durchschnittlichen Lebensalter, also mit 72, so bekommen wir wieder 25920. Jetzt haben Sie eigentlich schon einen zweifachen Atmungsprozeß: unser Ein- und Ausatmen, das in 4 Minuten 72mal geschieht und in einem Tage 25 920 mal; unser Aufwachen und Einschlafen, das mit jedem Tage geschieht, das 360 mal in einem Jahre und 25 920 mal im ganzen Leben geschieht. — Dann haben Sie noch ein drittes Atmen, wenn Sie die Sonne in ihrem Umlauf verfolgen. Sie wissen, daß der Punkt, wo die Sonne im Frühling aufgeht, in jedem Jahr um ein Stück vorrückt scheinbar, und die Sonne geht auf diese Weise in 25920 Jahren um die ganze Ekliptik herum, ruckweise; also auch hier wieder die Zahl 25 920 im planetarischen Weltenjahr.
[ 19 ] Now take, again, from a rather wider point of view the significant fact that the human being takes 18 breaths in a minute. How many breaths does he take in a day? 18 ×60 ×24 = 25,920 breaths in a day. But I can also calculate it by taking the number of breaths in 4 minutes, that is, 72. I should then, instead of multiplying 24 by 60, only have to multiply 6 by 60, that is multiply by 360 the number of breaths in 4 minutes, and my result would still be 25,920 breaths in a day (360 ×72 = 25,920). We can say: Every 4 minutes the process of breathing—breathing in, breathing out, breathing in, breathing out—is, as it were, a little day, and in multiplying this number by 360, the sum 25,920 is like a year in comparison, and the day of 24 hours is a “year” for our breathing. Now take our larger breathing-process which takes place in our daily alternation from waking to sleeping. What do waking and sleeping really mean? The meaning of waking and sleeping is that we are “breathing something in” and “breathing something out.” We breathe out the ego and the astral body when we fall asleep, and we breathe them in again when we wake up. We do this within the space of 24 hours. If we take this day, to have a corresponding year we must multiply it by 360. That is, in the course of a year we accomplish in this breathing something similar to the little day-long breathing-process in which we multiplied the breath of 4 minutes by 360: if we multiply by 360 the time between waking and sleeping which is passed in a day, we have the time spent between waking and sleeping in a year: and if, further, we multiply one year by our average span of life, that is by 72, the result is again 25,920. Now really you already have a twofold breathing-process: our fourfold breathing in and out, occurring 72 times, and making 25,920 times in a day; our waking and sleeping, occurring every day, 360 times in a year, and 25,920 times in our whole life. Then you have a third breathing-process, if you follow the sun in its revolution. You know that the point at which the sun rises every spring appears to proceed gradually every year, and the sun takes in this way 25,920 years to go round its whole orbit: here, too, then, in the “Platonic cosmic year” (Precessional Period), the same number 25,920.
[ 20 ] Wie ist unser Leben in die Welt hineingestellt? Wir leben 72 Jahre im Durchschnitt. Multiplizieren Sie diese Zahl mit 360, so bekommen Sie wieder 25 920. Sie können sich also vorstellen, daß das platonische Jahr, der Weltenlauf der Sonne, der sich in 25920 Jahren vollendet, als seinen Tag unser menschliches Leben hat, so daß wir, wie wir in unserem menschlichen Leben dastehen, als einen Atemzug ansehen können denjenigen Vorgang, der sich im ganzen Weltenall darstellt als ein Jahr, daß wir unsere menschliche Lebensdauer verstehen können als einen Tag im großen Weltenjahr, so daß wir wieder den kleinsten Vorgang als das Abbild des großen kosmischen Vorganges verehren können. Sieht man es sich genauer an, dann bekommt man durch das platonische Jahr, das heißt, was im platonischen Jahre geschieht, ein Abbild des gesamten Vorganges, der sich von der alten Saturnentwickelung über Sonnen-, Monden-, Erdenentwickelung und so weiter bis zum Vulkan hin abspielt. Aber alle Vorgänge, die sich in der angedeuteten Art abspielen, sind geordnet als Atmungsprozesse nach der Zahl 25920. Und in dem, was sich abspielt für uns in der Zeit vom Aufwachen bis zum Einschlafen, ist wieder ausgedrückt, was sich abspielte während der Mondenentwickelung, sich abspielt während der Erdenentwickelung, sich abspielen wird während der Jupiterentwickelung. Da drückt sich aus, was uns zum Angehörigen des Außerirdischen macht. Und was sich in unserem kleinsten Atemprozeß, der sich in 4 Minuten ausdrückt, abspielt, darin ist das wirksam, was uns zu irdischen Menschen macht. Wir müssen also sagen: Wir sind irdische Menschen durch unseren Atmungsprozeß; wir sind durch unseren Wechsel von Aufwachen und Einschlafen Monden-, Erden- und Jupitermenschen; und wir sind dadurch, daß wir mit unserem Lebenslauf eingegliedert sind in die Verhältnisse des Weltenjahres, kosmische Menschen. Für das kosmische Leben, für das ganze Planetensystem, umfaßt ein Atemzug einen Tag unseres Daseins, und unsere 72 Lebensjahre sind ein Tag für jenes Wesen, dessen Organe das Planetensystem bilden. Kommen Sie über die Illusion hinweg, daß Sie ein begrenzter Mensch sind, fassen Sie das auf, was Sie sind, als Prozeß, als Vorgang im Kosmos, was es in Wirklichkeit ist, dann können Sie sagen: Ich selber bin ein Atemzug des Kosmos.
[ 20 ] How is our life poised in the world? We live 72 years on an average. Multiply this number by 360, and again you get 25,920. So you can visualize that the “Platonic year,” the sun's revolution round the worlds, which takes 25,920 years, has for its day our human life, so that we, in our human life, can look on the process which takes a year in the whole universe, as one breath, and can understand our human span of life as a day in the great year of the universe, so that again we can reverence the minutest process as a reflection of the great cosmic process. If you look at it more closely, the “Platonic year,” that is the course which is completed in the “Platonic year,” is a reflection of the entire process, which, since the old Saturn-evolution, through sun, moon, and earth-evolution, etc., up to Vulcan, has been taking place. But all the processes which take place in the way I have described are arranged as breathing-processes in terms of the number 25,920. And the process which takes place with us between waking and sleeping expresses again the process which took place during the moon-evolution, which is taking place during the earth-evolution, and which will take place during the Jupiter-evolution.3See Rudolf Steiner, Occult Science, World-evolution and Man, Philosophical-Anthroposophical Press of the Goetheanum, Dornach, Switzerland. It is an expression of our kinship with what is beyond earth. And our minutest breathing-process, which takes four minutes, expresses the force which makes us earthly beings. We must say, then: “We are earthly beings through our breathing-process; through our alternation from waking to sleeping we are moon, earth, and Jupiter beings; and through the interplay of our life's course with the conditions of the cosmic year we are cosmic beings. In the cosmic life, in the whole planetary system, one breath embraces a day of our existence; our seventy-two years of life are one day for that Being whose organs form the planetary system.” If you rise above the illusion that you are a limited being, if you comprehend what you are, as a process, as an interplay in the cosmos, what you are in reality, you can then say: “I myself am a breath of the cosmos.”
[ 21 ] Wenn Sie dies so auffassen, daß Ihnen das Theoretische dabei höchst gleichgültig ist, daß es nur ein Vorgang ist und daß es Ihnen gewissermaßen nur einmal recht war, so etwas gehört zu haben, wenn Sie aber daraus ein Gefühl mitnehmen: das Gefühl der unendlichen Verehrung dessen, was sich geheimnisvoll in jedem Menschenwesen zum Ausdruck bringt, dann wird sich dieses Gefühl bei Ihnen verdichten zu dem, was dem Unterrichten und Erziehen zugrunde liegen muß. Wir können nicht bei der Zukunftserziehung so verfahren, daß wir gewissermaßen das äußere Leben des Erwachsenen hineintragen in das Erziehen. Es ist ein Bild - schauervoll, höchst schauervoll, daß in Zukunft auf Grundlage demokratischer Wahl die Leute in den Parlamenten zusammenkommen sollen, um Entscheidungen zu treffen über Fragen des Unterrichts und der Erziehung, höchstens auf Grundlage des Gutachtens von Menschen, die nun auch nicht tiefer in der Sache stehen als durch ihr demokratisches Gefühl. Würde sich die Sache so verwirklichen, wie sie sich jetzt in Rußland anläßt, so würde dies bedeuten, daß die Erde ihre Aufgabe verlieren würde, ihrer Aufgabe entzogen würde, herausgenommen würde aus dem Weltenall und verahrimanisierte.
[ 21 ] You may understand this in such a way that its theoretical aspect remains a matter of complete indifference to you, and it is simply a process about which once in a while you were quite interested to hear, but if you retain from it a sense of infinite reverence for what is mysteriously expressed in every human being, this sense will deepen within you to form the necessary inspiration for teaching and education. We cannot, in the education of the future, proceed by introducing into the process of education the external life of the adult. The scene is fearful to contemplate if in future people are to assemble in parliaments on a basis of democratic election, in order to decide the manifold question of teaching and education, acting on the opinions of those whose sole claim to a thorough realization of the situation is their democratic sense. If the situation were to develop as it promises now in Russia, the earth would abandon her appointed task, would be withdrawn from its fulfilment, would be unseated in the universe, and be frozen up.
[ 22 ] Es ist jetzt die Zeit, wo der Mensch das, was zur Erziehung gehört, herholen muß aus der Erkenntnis der Beziehung des Menschen zum Kosmos. Wir müssen all unser Erziehen durchdringen mit dem Gefühl: der werdende Mensch steht uns gegenüber, aber er ist die Fortsetzung dessen, was sich abgespielt hat im Übersinnlichen, bevor der Mensch geboren oder empfangen worden ist. Dieses Gefühl soll entstehen aus einer solchen Erkenntnis heraus, wie wir sie zuletzt jetzt angeschlossen haben an die Betrachtung der Selbstlaute und Mitlaute. Dieses Gefühl muß uns durchdringen. Und nur, wenn uns wirklich dieses Gefühl durchdringt, werden wir wirklich richtig unterrichten können. Denn glauben Sie nicht, daß dieses Gefühl unfruchtbar ist! Der Mensch ist so organisiert, daß er mit richtig orientiertem Gefühl sich selber Richtkräfte gibt aus diesen Gefühlen. Wenn Sie dies nicht gewinnen, was jeden Menschen als ein kosmisches Rätsel ansehen läßt, so werden Sie dann nur das Gefühl sich erringen können, daß Sie jeden Menschen als einen Mechanismus ansehen, und in der Ausbildung dieses Gefühls, daß der Mensch nur ein Mechanismus sei, würde eben der Untergang der Erdenkultur liegen. Der Aufgang der Erdenkultur dagegen kann nur gesucht werden in der Durchdringung unseres Erziehungsimpulses mit der Empfindung von der kosmischen Bedeutung des ganzen Menschen. Dieses kosmische Gefühl ergibt sich uns aber, wie Sie sehen, nur dadurch, daß wir einmal dasjenige, was im menschlichen Fühlen liegt, als der Zeit angehörig betrachten, die zwischen Geburt und Tod eingeschlossen ist; was im menschlichen Vorstellen liegt, weist uns hinaus nach der einen Seite auf das Vorgeburtliche, und was im menschlichen Willen liegt, weist uns nach der andern Seite auf das Nachtodliche, auf das keimhaft Zukünftige. Indem wir den dreifachen Menschen vor uns haben, haben wir schon vor uns zuerst das Vorgeburtliche, dann das, was zwischen Geburt und Tod liegt, und drittens das Nachtodliche, nur daß das Vorgeburtliche bildhaft in unser Dasein hereinragt, während das Nachtodliche keimhaft schon in uns vorhanden ist vor dem Tode.
[ 22 ] The time is now ripe for man to extract what is necessary for education from his knowledge of the relation of man to the cosmos. We must permeate our whole education with this feeling: the growing being stands before us, but he is the continuation of what has taken place in the super-sensible before he was born or conceived. This feeling must arise from a knowledge such as we have just applied in the consideration of vowels and consonants. This feeling must permeate us. And only when, in actual fact, this feeling permeates us, shall we really be able to distinguish rightly. For do not imagine that this feeling is unfruitful! Man is so organized that with rightly directed feeling he can himself from these feelings derive his own guiding forces. If you do not achieve this vision in which every human being is a cosmic mystery, you can alternatively only get the feeling that each human being is a mere mechanism, and the cultivation of this feeling that the human being is a mere mechanism would, of course, mean the collapse of earthly civilization. The rise of this civilization, on the contrary, can only be sought in the permeation of our impulse for education by the experience of the cosmic significance of the whole being. We only acquire this cosmic feeling, however, as you see, by looking on the contents of human feeling as pertaining to the time between birth and death, and by regarding our human thinking as an indication of pre-natal processes, and on the human will as an indication of life after death, of the embryonic future or the embryo-to-be. In the threefold human being before us we have first the pre-natal experiences, then the experiences between birth and death, and thirdly what is after death; only that the pre-natal experiences loom into our life in the form of pictures, whereas what is after death is already present in us before death, like a seed.
[ 23 ] Nur durch solche Dinge bekommen Sie auch eine Vorstellung von dem, was eigentlich in Wirklichkeit geschieht, indem Mensch mit Mensch in Beziehung tritt. Man hat, wenn man ältere Pädagogiken liest, zum Beispiel die für ältere Zeiten ausgezeichnete Pädagogik von Herbart, immer das Gefühl: die Menschen operieren mit Begriffen, durch die sie gar nicht an die Wirklichkeit herankommen können, sie bleiben außerhalb der Wirklichkeit stehen. Man bedenke nur, wie Sympathie, so richtig im irdischen Sinne entwickelt, alles Wollen durchsetzt; also das, was als Zukunftskeim, als nachtodlicher Keim durch den Willen in uns liegt, wird von Liebe, von Sympathie durchsetzt. Dadurch wird gleichsam — aber nicht eigentlich gleichsam, sondern wirklich — alles, was mit dem Wollen zusammenhängt, damit es in der rechten Weise gehemmt oder gepflegt werden kann, auch in der Erziehung mit ganz besonderer Liebe verfolgt werden müssen. Wir werden der Sympathie, die schon im Menschen ist, zu Hilfe kommen müssen, indem wir uns an sein Wollen wenden. Was wird denn daher der eigentliche Impuls für die Willenserziehung sein müssen? Es kann kein anderer sein, als daß wir selber Sympathie mit dem Zögling entwickeln. Je bessere Sympathien wir mit ihm entwickeln, desto bessere Methoden werden wir in der Erziehung haben.
[ 23 ] Again, only through these facts do you get an idea of what really happens when one human being enters into a relation with another. If you read the old authorities on the art of teaching, for instance Herbart, so excellent for bygone times, you always have the feeling: They are operating with concepts with which they cannot approach reality at all; they remain outside reality. Only think how sympathy, rightly cultivated in the earthly sense, penetrates all willing. What lies in us as a seed of the future, as a seed of the after-death, through the will, prevails through love and sympathy. Because of this all that is involved in the will—so that it can be rightly checked or cultivated—must be pursued in education with quite peculiar love. We shall have to assist the sympathy already present in the individual by appealing to his will. What, then, will have to be the real impulse prompting the education of the will? It can be no other than the cultivation of our own sympathy with the pupil. The better the sympathies we cultivate with him, the better will be our educational methods.
[ 24 ] Und nun werden Sie sagen: Da nun Verstandeserziehung das Gegenteil ist von Willenserziehung, weil sie von Antipathie durchdrungen ist, so würden wir ja Antipathien entwickeln müssen, wenn wir den Zögling mit Bezug auf seinen Verstand, seinen Intellekt erziehen! Das ist auch richtig, nur müssen Sie es richtig auffassen. Sie müssen die Antipathien auf den richtigen Boden stellen. Sie müssen versuchen, den Zögling selber richtig zu begreifen, wenn Sie ihn für das VorstelJungsleben richtig erziehen wollen. In dem Begreifen liegt schon das antipathische Element, denn das gehört auf diese Seite. Indem Sie den Zögling begreifen, indem Sie in alles, was seine Wesensnuancen sind, einzudringen versuchen, werden Sie der Erzieher, der Unterrichter für seinen Verstand, für sein Erkennen. Darin liegen schon die Antipathien; nur machen Sie die Antipathie gut, indem Sie den Zögling erziehen. Und Sie können ganz sicher sein: Wir werden ja im Leben nicht zusammengeführt, ohne daß Bedingungen vorhanden sind. Was so äußerliche Vorgänge sind, das ist immer eigentlich der äußere Ausdruck für Innerliches, so sonderbar es für die äußere Weltenbetrachtung aussieht. Daß Sie jetzt dafür da sein sollen, die Waldorfkinder und was damit zusammenhängt, zu unterrichten und zu erziehen, das weist nun doch auf die karmische Zusammengehörigkeit dieser Lehrergruppe gerade mit dieser Kindergruppe hin. Und der richtige Lehrer für diese Kinder werden Sie dadurch, daß Sie in früheren Zeiten einmal Antipathien diesen Kindern gegenüber entwickelt haben, und davon befreien Sie sich, indem Sie jetzt den Verstand dieser Kinder erziehen. Und die Sympathien müssen wir in richtiger Weise entwickeln, indem wir in richtiger Weise Willensbildung hervorbringen.
[ 24 ] And now you will say: “But as the education of the intellect, because it is permeated by antipathy, is the opposite of the education of the will, we should have to cultivate antipathies if we wish to educate the pupil from the point of view of his reason, his intellect!” And that is true; only you must understand it rightly. You must establish these antipathies on the proper footing. You must try to understand the pupil himself correctly if you wish to educate him correctly for the life of ideas. Your understanding itself contains the element of antipathy, for this is inherent in it. By understanding the pupil, by trying to penetrate into the feeling-shades of his being, you become the educator, the teacher, of his reason, of his perception. Here already reside the antipathies, but you make them good by educating the pupil. And you can rest assured: We are not brought together in life unless our meeting is conditioned beforehand. What appear to be external processes are really always the external expression of something inward, however extraordinary this may seem to the superficial view of the world. The fact that you are here to instruct and educate the Waldorf children and all that they represent, certainly points to the Karmic kinship of this group of teachers with just this group of children. And you are the right teachers for these children because you have formerly developed antipathies for these children, and you free yourself from these antipathies by educating the reason of these children now. And we must cultivate sympathies in the right way by producing the right kind of will-training.
[ 25 ] So seien Sie sich klar: Sie werden in das Doppelwesen Mensch am besten so einzudringen versuchen, wie wir es in unserer seminaristischen Besprechung versuchten. Aber Sie müssen einzudringen versuchen in alle Seiten des menschlichen Wesens. Durch das, was wir im Seminar versuchten, werden Sie nur ein guter Erzieher für das Vorstellungsleben des Kindes. Für sein Willensleben werden Sie ein guter Erzieher, wenn Sie versuchen, jeden einzelnen mit Sympathie, mit wirklicher Sympathie zu umgeben. Diese Dinge gehören auch zum Erziehen: Antipathie, die uns befähigt zum Begreifen — Sympathie, die uns befähigt zum Lieben. Indem wir einen Leib haben und durch ihn Herde, wo Sympathie und Antipathie sich begegnen, schleicht sich das auch in denjenigen sozialen Verkehr der Menschen hinein, der sich im Erziehen und Unterrichten zum Ausdruck bringt. Das bitte ich zu durchdenken, zu durchfühlen, dann werden wir morgen weiterschreiten können.
[ 25 ] Be clear, then, as to this: You can best try to penetrate to the dual being, “man,” by the methods tried in our discussion of training.4See The Art of Education, periodical of the pedagogy of Rudolf Steiner, fifth year, numbers 5 and 6. But you must try to penetrate to every side of the human being. By following out the methods practised in our teachers' training course,5The discussion was on the study and treatment of children's temperaments. you will only become a good educator for the child's life of ideas. You will be a good teacher for the child's life of will if you try to surround each individual child with sympathy, with real sympathy. These things belong to education, too: antipathy, which enables us to comprehend; sympathy, which enables us to love. Because we have a body, and through it centres at which sympathy and antipathy meet, these insinuate themselves into that social human intercourse which is expressed in education and teaching. I beg you to feel this through and through.
