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The Concept and Practice of Waldorf schools
GA 297

25 November 1919, Basel

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5. Die sozial-pädagogische Bedeutung der Anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft

The Social Pedagogical Significance of Spiritual Science

[ 1 ] Daß die soziale Frage zu den brennendsten öffentlichen Angelegenheiten der Gegenwart gehört, das braucht man gegenüber den laut und deutlich sprechenden Tatsachen nicht erst zu beweisen. Aber für denjenigen, der diese laut und deutlich sprechenden Tatsachen vorurteilslos zu beobachten vermag, kann es auch durchaus ersichtlich sein, wie in jene Forderungen, die sich als die sozialen heute geltend machen, nicht nur diejenigen Probleme hineinspielen, die man gewöhnlich unter dem Schlagwort der «sozialen» zusammenfaßt, sondern viel, viel tiefere Menschheitsfragen.

[ 1 ] In the face of facts that speak loud and clear, we do not need to prove that the social question is now one of the most burning public concerns. However, those who can observe these facts without prejudice can also see that much deeper human questions play into modern social demands than the problems usually associated with slogans. If you look beyond current academic activity and trends to social facts, you can see how deeper human questions in a certain respect spring from these social problems.

[ 2 ] Man dürfte erkennen, wie gewissermaßen herausspringen aus diesen sozialen Problemen diese tieferen Menschheitsfragen, wenn man auf die Beziehungen, auf die zunächst sich äußerlich offenbarenden Beziehungen des gegenwärtigen Geisteslebens und Geistesstrebens zu den sozialen Tatsachen sein Augenmerk wendet.

[ 2 ] It is obvious that, for the most part, academic life stands by helplessly when confronted with these burning social demands. I need only mention two things to prove this helplessness.

[ 3 ] Da wird am auffallendsten sein, wie in weitem Umfange unser gegenwärtiges Geistesleben gerade den brennenden sozialen Forderungen gewissermaßen ohnmächtig gegenübersteht. Ich brauche nur auf zwei Erscheinungen im Wissenschaftsleben der Gegenwart aufmerksam zu machen, um diese Ohnmacht zu beweisen. Wir wissen ja, daß sich neben anderen wissenschaftlichen Zweigen im Laufe der neueren Kulturentwicklung auch so etwas wie eine Art von akademischer Sozial- oder Nationalökonomie herausgebilder hat. Es dürfte auch bekannt sein, wie die verschiedensten Schulrichtungen sich im Laufe der letzten Jahrhunderte, insbesondere des 19. Jahrhunderts, auf dem Gebiete der Nationalökonomie geltend gemacht haben. Man weiß, daß da eine merkantilistische Schule, eine physiokratische Schule und so weiter existiert haben, daß Persönlichkeiten gewirkt haben wie Adam Smith und so fort. Und man weiß, wie diese verschiedenen Strömungen sich auf der einen Seite Mühe gegeben haben, die sozialen Tatsachen, die im sozialen Leben wirkenden Antriebe zu verstehen, sich aber auf der andern Seite auch Mühe gegeben haben, gewissermaßen herauszufinden, wie in das menschliche Wollen - zum Beispiel in die verschiedensten Staatswillen — hineingetragen werden kann, was als soziale Erkenntnis dem Menschen erblühen kann.

[ 3 ] We know that in the course of recent cultural development, in addition to the other branches of science, a theoretical socio- or world economics has emerged. We know how the differing schools of thought have affected the area of world economics in the last centuries, particularly in the nineteenth century. We know that there was a mercantilist school, a physiocratic school and so forth, and we know how these different streams have attempted to understand social facts. They have attempted to discover how human social understanding can become a part of human willing, for example, in various governmental programs. However, we have seen that these different theoretical viewpoints have not resulted in any really thorough, fruitful social initiatives. The clearest proof of that is the form that world economic theory has taken. It has slowly withdrawn into a scientific observation of social life and world economics. It has withdrawn into a description of social facts.

[ 4 ] Aber man mußte sehen, daß sich irgendein wirklich durchgreifend fruchtbares soziales Wollen aus den verschiedenen sozial-theoretischen Anschauungen nicht ergeben hat. Der deutlichste Beleg dafür ist ja die Gestalt, welche nach und nach die akademische Nationalökonomie angenommen hat. Sie hat sich gewissermaßen auf eine Art naturwissenschaftliche Betrachtung des sozialen und des nationalökonomischen Lebens zurückgezogen, auf eine Art Beschreibung der sozialen Tatsachen. Und gerade die neuesten Bestrebungen auf diesem Gebiete sehen wir zwar in allerlei Beschreibungen oder Beobachtungen von Statistiken und dergleichen ausmünden; aber wir sehen in alledem nirgends einen Impuls, der in das soziale Wollen wirklich übergehen kann, befruchtend für das soziale Wirken im öffentlichen Leben sein könnte.

[ 4 ] Specifically, we see the newest efforts in this area developing into all manner of descriptions or statistical observations and such. However, we do not see anywhere an impulse that can really be carried into social will, that can be fruitful for the social activity of public life.

[ 5 ] So hat sich gerade auf diesem Gebiete die Ohnmacht der nationalökonomischen Betrachtungen gezeigt. Auf der anderen Seite sehen wir namentlich aus dem breiten Kreise des Proletariats soziale Ideen, soziale Zivilisationsforderungen herauswachsen.

[ 5 ] The incapacity of world economic theories in this area is thus evident. On the other hand, we see the growth of social ideas and social demands from a wide spectrum of the working class.

[ 6 ] Gewiß, man hätte viel zu sprechen, wenn man über die geschichtliche Entwicklung dieser, in ihrer heutigen Gestalt ja mehr als ein halbes Jahrhundert alten, sozialen Forderungen sprechen wollte. Hier soll nur auf ein Kennzeichen, ein Charakteristikum gerade dieser sozialen Forderungen besonders hingewiesen werden.

[ 6 ] Certainly, we would have much to discuss if we wanted to speak about the historical development of these more-thanhalf-century-old social demands.

[ 7 ] Dieses Charakteristikum möchte ich so ausdrücken: Nachdem auch nach dieser Richtung hin ältere Bestrebungen waren, Bestrebungen, die sich nicht bloß auf die theoretische Betrachtung verlegt haben wie die akademische Nationalökonomie, sondern die sich schon auf Ziele des menschlichen Suchens nach einem sozialen Neuaufbau verlegt haben - man braucht nur zu erinnern an Fourier, an Saint-Simon, an Louis Blanc und so weiter -, trat allmählich ein ganz anderes Element in diesen Bestrebungen ein. Das kann man dadurch charakterisieren: In den breitesten Massen wie auch unter den Führern dieser breitesten Masse der sozialistischen Kulturkreise ist ein gewisses Mißtrauen, eine Antipathie herrschend geworden gegen alles dasjenige, was aus dem Geiste heraus, aus dem Nachsinnen, aus dem menschlichen Wollen heraus zu einer Gesundung der sozialen Verhältnisse führen soll. Der Glaube ist entstanden: das alles trägt einen utopistischen Charakter mögen auch führende Kreise, mögen auch diejenigen, die die geistigen Impulse der neueren Zeit in ihr Fühlen, in ihr Denken aufgenommen haben, noch so viel guten Willen haben, um soziale Umschwünge herbeizuführen; aus dem, was der Mensch ersinnen kann, aus dem, was aus dem guten Willen des Menschen stammen kann, ist es unmöglich, Impulse zu erzeugen, die in das praktische soziale Leben, in eine praktische soziale Neugestaltung wirklich eingreifen wollen. - Der Unglaube an den menschlichen Geist und seine sozialen Ideale, er ist in den breitesten Kreisen und in der Führerschaft dieser breitesten Kreise geradezu das Maßgebende geworden.

[ 7 ] Here we wish to take note of only one feature, of one characteristic of these demands. I wish to express it like this: There were also older efforts in this direction, efforts that did not simply rely upon theoretical contemplation, as has been done in world economics, but that were based upon the goals of people seeking a new social structure. Since the time of these efforts (we need only recall Fourier, Saint-Simon, Louis Blanc and so forth), a quite different element has entered into these contemplations. This can be characterized by a certain mistrust. Among the masses and their socialist leaders a certain antipathy is prevalent concerning everything that arises out of the spirit, out of contemplation, out of the human willing that should lead to a rejuvenation of social relationships. Those whose feeling and thinking embody the intellectual impulses of modern times have much goodwill toward achieving social change. Regardless of that goodwill, the belief has arisen that all this has a utopian character. In spite of all the human inventiveness and goodwill, the belief has arisen that it is impossible to create impulses that will lead to practical changes in social life, to a truly practical reformation of social life. Disbelief in the human spirit and its social ideas has become the prevailing sentiment of the masses and their leaders.

[ 8 ] Dafür ist etwas aufgetreten, was ein außerordentlich Schwieriges ist. Die Überzeugung ist aufgetreten, welche in diesen breitesten Kreisen geradezu als eine Selbstverständlichkeit empfunden wird, so sehr als eine Selbstverständlichkeit empfunden wird, daß ein Kampf dagegen etwas außerordentlich Schwieriges ist: Die Überzeugung ist aufgetreten, daß nur aus den ökonomischen Verhältnissen, aus den Antrieben der äußerlichen, materiellen Produktionskräfte selber die Umgestaltung kommen könne, daß der menschliche Wille gewissermaßen ohnmächtig sei, daß er zu warten habe, bis die Produktionskräfte selber [sich] so gestalten, daß sie eine andere Konfiguration des sozialen Lebens herbeiführen.

[ 8 ] Thus, something has come forth that people in these groups feel to be a foregone conclusion—so much a foregone conclusion that to fight against it is extraordinarily difficult. The conviction has arisen that only the means of economic production can stimulate a reformation. The conviction has arisen that, in a certain sense, the human will is powerless and must wait until the means of production themselves cause a different configuration in social life.

[ 9 ] Und es ist Gewohnheit geworden, von alledem, was aus dem Geiste erzeugt wird, wie von einer Ideologie zu sprechen, von etwas, was dem Leben gegenüber ohnmächtig ist, und nur von materiellen Verhältnissen, von den materiellen Umwälzungen als von etwas Realem zu sprechen, das gleichsam das Geistige wie einen Rauch aus sich hervorbringt. Aus diesem Grunde spricht man von der materiellen Geschichtsauffassung: weil man nur in dem Materiellen, namentlich in den ökonomischen Vorgängen, das Reale sucht und dasjenige, was der menschliche Geist hervorbringt, als etwas ansieht, was wie ein Rauch aufsteigt, wie bloße Ideen sich in einer Art ideologischem Überbau ergeben aus dem, was die wirklichen, in diesem Falle die ökonomischen Vorgänge sind.

[ 9 ] It has become a habit to speak of everything created through thinking as an ideology, as something powerless in real life. It has also become habitual to speak as though only material relationships and changes are real, as though thinking emerges from these like a wisp of smoke. People speak of historical materialism because they see reality only in materialism, particularly in economic activity. People view what comes from the human spirit as something that rises like smoke out of what is real—in this case, economic activity—and forms a kind of ideological superstructure.

[ 10 ] Und wenn man nun frägt: Kann man von dem Gesichtspunkte, von dem aus auf der einen Seite, ich möchte sagen theoretische Nationalökonomie nach dem methodischen Muster der naturwissenschaftlichen Weltbetrachtung entstanden ist, oder kann man nach demjenigen, was durch solche durch und durch ehrlichen, aber aus dem Geistesleben der neueren Zeit heraus schaffenden Persönlichkeiten wie Saint Simon oder Louis Blanc und so weiter auf der anderen Seite gewollt ist - kann man aus dem, was von diesen zwei Seiten gewollt ist, wirklich so unbegreiflich finden, daß ein Unglaube an die geistigen Impulse entstanden ist?

[ 10 ] If we look at theoretical world economics, based as it is on the world view of conventional science, or at the thoughts of such thoroughly honest, creative personalities as Saint-Simon or Louis Blanc, whose work comes fully out of modern intellectual life, a question arises. We now ask, given what these two sides desire, is it so incomprehensible that a disbelief in true spiritual impulses has occurred?

[ 11 ] Nein, man kann es nicht. Man kann es vor allen Dingen nicht, wenn man sich den ganzen Grundcharakter des neuzeitlichen Geisteslebens vor Augen führt.

[ 11 ] No, it is not. If we look at the basic character of modern intellectual life we will find the main reason.

[ 12 ] Dieser Grundcharakter des neuzeitlichen Geisteslebens, er ist allmählich, man möchte sagen etwas rein Abstraktes geworden, etwas geworden, was der äußeren Wirklichkeit lebensfremd und lebensfern gegenübersteht.

[ 12 ] The basic character of modern intellectual life has slowly become purely abstract, something foreign and removed from reality.

[ 13 ] Immer wieder muß darauf aufmerksam gemacht werden, wie neuere Weltanschauungen aus dem, was Geistesleben der letzten Jahrhunderte geworden ist, allerdings auch Ethiken erzeugt haben, moralische Anschauungen erzeugt haben. Aber diese moralischen Anschauungen, haben sie die Kraft, die äußere Wirklichkeit zu durchziehen? Haben sie die Kraft, in der äußeren Wirklichkeit zu schaffen?

[ 13 ] We must constantly note that attitudes arising from what intellectual life has become in the last centuries have created ethical and moral viewpoints. However, the question is, do these moral viewpoints have the power to affect outer reality? Do they have the power to be creative in outer reality?

[ 14 ] Weder die Wissenschaft noch die moralischen Anschauungen haben vermocht, eine wirkliche Brücke zu schaffen zwischen dem, was im Geiste des Menschen lebt, und demjenigen, was äußerlich in den materiellen oder in den Naturvorgängen liegt. Wir sehen, wie auf diese Weise die Angelegenheiten der menschlichen Seele, die Angelegenheiten des menschlichen Geistes durch lange Zeiten hindurch gewissermaßen das geistige Monopol, das Kulturmonopol derjenigen Gemeinschaften geworden sind, die dieses oder jenes Glaubensbekenntnis zu dem ihrigen gemacht haben. Dadurch ist es allmählich dem wissenschaftlichen Streben ungewohnt geworden, sich mit Geist und Seele zu befassen. Man glaubt, auf der einen Seite recht frei von Vorurteilen zu sein, einer vollständig vorurteilslosen Wissenschaft zu huldigen, wenn man sagt: Die äußeren wissenschaftlichen Methoden können sich nur auf das äußerlich Sinnliche beschränken; sie überschreiten sogleich die Grenze des menschlichen Erkennens, wenn sie sich auf seelisches oder geistiges Gebiet, wenn sie sich auf das übersinnliche Gebiet begeben.

[ 14 ] Neither science nor moral points of view have been able to create a true bridge between what lives in people’s spirit and what lies in material or natural processes. We see that over time the concerns of the human soul, the concerns of the human spirit, have become the intellectual monopoly, the cultural monopoly, of those groups who have made this or that credo their own. Thus, scientific endeavors have slowly become unaccustomed to concerning themselves with spirit and soul. People believe they are free from prejudice, that they follow a completely unprejudiced science, when they limit scientific methods to what is sense perceptible. People believe these methods immediately go beyond the bounds of human cognition when they enter the spiritual realm, when they enter the supersensible realm. People think that they are unprejudiced when, in fact, they are only following those forces that arise out of the historical course of events.

[ 15 ] Man glaubt vorurteilslos zu sein, und man folgt doch nur einer Kraft, die aus dem historischen Hergang sich ergeben hat. Diejenigen Bekenntnis-Gemeinschaften, welche durch die geschichtliche Entwicklung das Monopol hatten, aus alten Traditionen oder Ähnlichem heraus Dogmen aufzustellen über das Wesen von Geist und Seele, über das Wesen der menschlichen Unsterblichkeit, die die Möglichkeit hatten, der äußeren Forschung zu verwehren, sich auf diese Dinge zu erstrecken, diese Bekenntnis-Gemeinschaften hatten ihren Druck ausgeübt auf diese äußere Forschung. So daß diese äußere Forschung sich früher einfach diesem Druck, diesem Gebot der Bekenntnisse fügte. Und nach und nach glauben die Wissenschaften, daß sie ihrer eigenen Vorurteilslosigkeit, ihrer eigenen Voraussetzungslosigkeit folgen, weil ihnen nicht mehr bewußt ist, daß dasjenige, dem sie eigentlich folgen, die alten Verbote der Kirche sind. Das auf der einen Seite mit Bezug auf unser Geistesleben, das sich rein auf die äußere sinnliche Wirklichkeit beschränkt und das mit seinen gewissenhaften Methoden, mit den Methoden, die gerade in der Naturerkenntnis in der neueren Zeit so große Triumphe gefeiert haben, nicht eingreifen kann in das Gebiet von Geist und Seele. Und so ist das Gebiet von Geist und Seele etwas Lebensfremdes geworden. Das Leben, die äußere Wirklichkeit, ist mit gewissenhaften Methoden erfaßt; was aber Geist und Seele betrifft, ist nach und nach aller unmittelbar wirklich lebendigen Begriffe entkleidet. Und wer heute die gebräuchlichen, die angesehenen, die offiziellen Handbücher, Vorträge, wissenschaftlichen Betriebe der Psychologie und Ähnliches verfolgt, der wird finden, daß in alledem nichts steckt, aus dem Realität hervorsprudelt. Geistesleben ist etwas geworden, was mit dem Leben keine Verbindung hat.

[ 15 ] Those religious groups who, due to historical development, have had a monopoly in creating dogmas concerning the essence of spirit and soul out of old traditions, concerning the essence of human immortality, were in a position to prevent scientific research into these things. These groups applied pressure upon research until it simply succumbed to the pressure and accepted the dictates of the credo. Slowly the sciences came to believe they followed their own lack of prejudice, their own objectivity, because they were no longer conscious that what they actually followed are the prohibitions of the Church. This “objective” approach has limited itself completely to external, sensible reality and has not endeavored to examine spiritual life with the conscientious methods that have brought modern science such great triumphs. It has, nonetheless, been able to affect the realm of spirit and soul. Thus the realm of spirit and soul has become something foreign to life. Life, external reality, is measured with exact methods. However, what concerns spirit and soul has slowly lost all living concepts. Those of you who follow the usual, the respected, the official textbooks and lectures on psychology and such will find in them nothing sparkling with life. Spiritual life has become something disconnected from life.

[ 16 ] So aber ist das, was einzig und allein als geistige Gesinnung zugrunde liegen könnte, wenn solche Menschen wie Saint Simon, Fourier oder Louis Blanc über das Soziale nachgedacht haben, unfruchtbar geblieben, weil man das lebendige Eingreifen des menschlichen Geistes in die unmittelbare soziale Wirklichkeit nirgends erfaßte. Man redete in Abstraktionen herum.

[ 16 ] The only thing that could be a basis for the spiritual attitude of such people as Saint-Simon or Fourier or Louis Blanc when they considered social questions has remained unfruitful because nowhere were the living effects of the human spirit upon social reality taken into account. People go around talking in abstractions.

[ 17 ] Und so kann man sagen: man kann mit den Mitteln des gewöhnlichen Geisteslebens gar nicht widerlegen, wenn auf der einen Seite gesagt wird, man könne nur nationalökonomisch die sozialen Tatsachen beobachten und nicht in das menschliche soziale Wollen die Impulse hineinsenden, oder wenn auf der anderen Seite betont wird, aus dem geistigen Leben heraus selbst ergebe sich nichts, was zu einer wirklichen Gesundung der sozialen Verhältnisse führen könne, man müsse die Entwicklung den äußeren Produktionskräften selber überlassen. Das neuzeitliche Geistesleben ist abstrakt geworden. Das neuzeitliche Geistesleben ist gewissermaßen eine Ideologie geworden. Daher glauben weiteste sozialistisch orientierte Kreise, alles Geistesleben müsse eine Ideologie sein.

[ 17 ] With normal modern intellectuality, we cannot refute the statement that social facts can be observed only through economics, that no steps can be taken to fulfill human social longings. With only these means, we can make no counter argument when people insist that nothing results from spiritual life that could lead to a true healing of social relationships, that we must leave social development to the means of production. Modern intellectual life has become abstract. In a certain sense modern intellectual life is an ideology. Thus those who are, in the widest sense, members of socialist circles believe that a//thinking must be ideological.

[ 18 ] Das ist es, was gerade demjenigen schwer auf der Seele liegt, der zu jener Geisteswissenschaft sich bekennt, von der heute hier die Rede sein soll. Denn diese Geisteswissenschaft will nicht in demselben Fahrwasser laufen, in dem Geisteswissenschaft, ausgebrannte Geisteswissenschaft, wie sie sich in der Neuzeit herausgebildet hat, läuft. Diese Geisteswissenschaft will die Menschheit wiederum zurückführen zum wirklichen Geist, zu dem Ergreifen des wirklichen geistigen Lebens, dem der Mensch ebenso angehört, wie er durch seinen Leib der äußeren physischen Wirklichkeit angehört, wie er durch seine materiellen Bedürfnisse der äußeren ökonomischen Wirklichkeit angehört.

[ 18 ] This is just what lies so heavily upon the souls of those who accept spiritual science. Spiritual science does not want to follow the same path taken by that burned-out academic science that has developed in modern times. Spiritual science wishes to lead people back to the true spirit. It wishes to lead people to an understanding of the true spiritual life to which they belong in just the same way that their bodies belong to physical reality, in the same way that through their material needs they are part of economic reality.

[ 19 ] Aber sobald man von wirklichem Geiste heute redet, ich möchte sagen sobald man nur Miene macht, von wirklichem Geiste zu reden, dann kommt heute nicht nur Gegnerschaft, dann kommt heute Verhöhnung, jener Hohn, der alles solches geistiges Streben hinstellt als eine Zeiten-Phantasterei, wenn nicht als etwas Schlimmeres. Und wenn gar gesagt werden muß, dasjenige, was hier als Geist gemeint ist, könne nicht mit den gewöhnlichen Erkenntniskräften erkannt werden, mit jenen Erkenntniskräften, die im alltäglichen Leben und die auch in der gewöhnlichen Wissenschaft unsere Führer sind, sondern wenn betont wird, daß zum Ergreifen, zum Erfassen des Geistes Erkenntniskräfte notwendig sind, die in der menschlichen Natur sonst nur schlummern, die erst erweckt werden müssen, ebenso sehr erweckt werden müssen wie die gewöhnlichen Erkenntniskräfte in dem heranwachsenden Kinde dann begegnet man erst recht dem Unglauben der Gegenwart. Denn der Mensch der Gegenwart will nicht gelten lassen, daß es so etwas geben könne wie eine intellektuelle Bescheidenheit, daß es so etwas geben könne wie ein Weiterentwickeln des menschlichen Inneren, das zu entwickeln ist von unserer Kindheit, wo wir instinktiv, dumpf ins Leben hereintreten, um später auferweckt zu werden zum Handhaben der gewöhnlichen Erkenntniskräfte, daß fortgesetzt werden könne diese Entwicklung und daß sie nicht fortgesetzt wird, weil die neuere Geistesentwicklung sich gegen diese Fortsetzung der Entwicklung gestemmt hat.

[ 19 ] When we speak of real spirit today, when we attempt to speak of real spirit, we not only meet opposition, we meet mockery. We meet the kind of ridicule that derides all spiritual desires as pipe dreams or worse. We really meet modern disbelief when we say that what we mean as spirit cannot be comprehended with the usual powers of cognition that lead us through everyday life, through conventional science. We meet disbelief when we emphasize that to grasp and understand this spirit, it is necessary first to awaken powers of cognition that otherwise only sleep in human nature—in the same way that we awaken the usual powers of cognition in the developing child. Modern people will not admit that there could be something like an intellectual unpretentiousness, that there could be something like a further development of the inner human out of our childhood when we instinctively and dully step into life. They will not believe that we can awaken this later development to assist the normal powers of cognition, and that we can continue its development. But, it is not continued because modern intellectual life has resisted its continuance.

[ 20 ] Nun soll hier nicht in einer unbestimmten Weise vom Geiste und seiner Wirklichkeit herumgesprochen werden. Leichter ist es heute, zu den Herzen, zu den Gemütern der Menschen zu sprechen, wenn man in allgemeinen Phrasen von Geist und Geistigkeit redet — wie das vielfach geschieht aus der geistigen Entwicklung der letzten Jahrhunderte heraus -, als in so bestimmter Art von dem Geiste zu sprechen, wie es hier geschehen soll. Wenn man vom Geist spricht, so denkt ja jeder gleich an solch ein Abstraktum von Geist, an jenes Lebensfremde, das auch bewirkt hat, daß man zum Beispiel heute sagen kann, daß ein gewisses Richten nach dem Geiste populär geworden ist, von dem man sagen möchte: ihm ist der wirkliche Geist so fremd geworden, daß er diesem Geist zumutet, er begebe sich, um sich zu offenbaren, nur zuweilen auf «Gastrollen» in das menschliche Leben herein.

[ 20 ] It is not our intent to speak in a vague way about spirit and its reality. Due to the spiritual development of the last centuries, it is easier to speak to the hearts and souls of people when we talk about spirit and spirituality in generalities instead of in a more definite manner. When people speak about spirit, they almost immediately think of spirit as an abstraction, something foreign to life. We might say that true spirit has become so foreign to them that they expect this spirit to reveal itself only in an occasional guest appearance.

[ 21 ] Ich will Sie gewiß nicht lange mit solchen Dingen aufhalten, wie es der landläufige Spiritismus ist, dem auch neuere Gelehrte zum Opfer gefallen sind. Aber was ist schließlich dieser Spiritismus anderes als der letzte dekadente Ausfluß des Strebens nach einem abstrakten Geistesleben! Ein wirkliches, konkretes Geistesleben muß als ein solches erfaßt werden, mit dem sich der menschliche Geist verbinden kann, mit dem man eingreifen kann bei jedem Schritt des Lebens in die äußere, in die physische natürliche, in die kosmische Wirklichkeit. So hat es mit wirklichem Geistesleben nichts zu tun, wenn Menschen mit irgendwelchen theatralischen Mitteln versuchen, mit Geistern in Kontakt zu treten, wie es bei spiritistischen Sitzungen geschieht oder wie es sonst von abstrakten Mystikern auf andere Weise angestrebt wird. Von Bemühungen um solche Gastrollen des Geistes ist hier nicht die Rede, eines Geistes, der im übrigen nichts zu tun hat mit der äußeren Wirklichkeit, der nur dazu hereingerufen wird, damit der Mensch einmal - ich möchte sagen als Eckensteher des Lebens — die Überzeugung davon gewinne, es gebe einen Geist. Von einem solchen Geist kann die Geisteswissenschaft, die hier gemeint ist, nicht sprechen. Sie kann nur sprechen von dem Geiste, der in Wahrheit in jedem materiellen Wirken, in jedem materiellen Geschehen drinnensteckt und mit dem der Mensch sich verbinden kann zur Beherrschung dieser äußeren Wirklichkeit.

[ 21 ] Now I do not want to hold you up long with things common to the spiritualism to which modern thinking has fallen prey. In the end, however, what is this spiritualism other than the final decadent outstreaming of a desire for an abstract spiritual life! What we must understand is a true, concrete spiritual life to which human spirit can connect itself, and which we can grasp at every step in physical and cosmic reality. true spiritual life is not there to fulfill people’s desires for theatrical effects, to show itself in spiritualist seances or in other ways desired by abstract mystics. The science of the spirit cannot speak of a spirit that partakes of guest appearances that have nothing to do with external reality, and are called forth simply to convince passive people that spirit exists. The science of the spirit cannot speak of such a spirit. Spiritual science can speak only of the spirit that in truth participates in every material effect and every material event. It speaks of the spirit with which people can connect themselves in order to master external reality.

[ 22 ] Daher werde ich vor allen Dingen von derjenigen Wirksamkeit des Geistes zu sprechen haben, auf die wir zuerst unsere Aufmerksamkeit zu wenden haben, wenn wir sehen wollen, wie der Geist durch den Menschen selber im äußeren Leben wirksam gemacht werden kann. Wir werden unsere Aufmerksamkeit hinzuwenden haben auf die Art und Weise, wie der Geist allmählich sich herausentwickelt aus dem werdenden Menschen.

[ 22 ] Thus, I will primarily speak about the activity of the spirit we must turn toward if we wish to learn how the spirit, working through people, can have an effect in life.

[ 23 ] Selbst diese Anschauung des werdenden Menschen, dieses, ich möchte sagen völligen Rätsels der Welt, das wir in der Erziehung fortwährend zu lösen haben, selbst dieses Wunderrätsel vom werdenden Menschen ist in eine gewisse abstrakte, nebulose Höhe gebracht worden in der neueren Zeit. Wir reden in der neueren Zeit viel von der Kraft, die wir in die Erziehung hineinlegen sollen. Vieles ist in der letzten Zeit entstanden an Versuchen, diese oder jene Erziehungsgrundsätze anzuwenden. Alle solchen Versuche werden scheitern. Sie werden sich als Dokumente des guten Willens ihrer Träger entpuppen, aber sie werden gegenüber den großen, gegenüber den intensiven Anforderungen unseres Lebens scheitern müssen, wenn sie nicht hervorgehen aus wahrer Erkenntnis der menschlichen Wesenheit selber.

[ 23 ] We first need to look at the way the spirit gradually develops out of the growing human. The growing child presents us with one of the greatest riddles of the world—a riddle we in education continuously try to solve. People have recently brought even this amazing riddle to a particularly abstract, nebulous height. Recently, there has been much talk about recognizing the power of education. People have recently made many attempts to use various educational principles. All such attempts have failed. They will stand as evidence of the goodwill of their proponents, but in the face of the great, the intense demands of our lives, these attempts must fail if they do not arise from a recognition of human essence.

[ 24 ] Diese menschliche Wesenheit selber aber erkennt man nicht, wenn man sie nur mit den Mitteln einer äußeren Wissenschaft oder mit den Mitteln der an der äußeren Wissenschaft gewonnenen Sinnenbeobachtung und ihrer verstandesmäßigen Verarbeitung erkennen will. Die menschliche Wesenheit enthüllt sich uns, indem wir uns die Fähigkeit aneignen, tatsächlich jenes geheimnisvolle Etwas zu erforschen, das sich, indem der Mensch hereintritt durch die Geburt oder Empfängnis ins physische Dasein, mit jedem Tage, mit jeder Woche, mit jedem Jahre enthüllt, wenn wir es nur zu beobachten verstehen. Und da müssen wir, wenn wir eben nicht in dem Geiste abstrakt bleiben wollen, sondern auf die geistig konkrete Wirksamkeit in der äußeren Wirklichkeit gehen, da müssen wir ganz bestimmte Abschnitte zunächst im Leben des jugendlichen Menschen beobachten.

[ 24 ] People will not recognize human essence if they attempt to understand it only through modern science, or by intellectually assimilating the observations gained through science. Human essence reveals itself only if we understand how to observe it. It shows itself only if we develop the capability to investigate that certain something that reveals itself with every day, every week, every year after human beings enter into physical existence through birth or conception. We must observe the specific stages in the life of young humans if we do not want to remain in abstractions, but instead want to understand the spiritually concrete activity in external reality.

[ 25 ] Diese Dinge werden heute viel, viel zu wenig gewürdigt. Jener Abschnitt, der sich deutlich beobachten läßt in der Zeit, in welcher der Mensch die Zähne wechselt, so um das sechste, siebente Jahr herum, bedeutet für den Kenner der Menschenwesenheit einen tiefgehenden Umschwung der ganzen menschlichen Natur. Wenn man das Seelenleben vor diesem Abschnitt prüft, wenn man ein Organ dafür hat, wirklich empirisch solche Sachen zu prüfen, wie man heute empirisch prüft in den Laboratorien oder in den physikalischen Instituten oder der Sternwarte, dann findet man, daß der Mensch in der Zeit, die dem Zahnwechsel vorangeht, im wesentlichen ein Nachahmer ist. Was sein ganzes Wesen beherrscht bis zum siebenten Jahre, ist ein Leben in einem nachahmenden Elemente, eine Art selbstverständlicher naiver Hingabe an die Umgebung. Bis in die Bewegung, bis in die Geste, bis in den Tonfall hinein lernen wir in den ersten sieben Jahren unseres Lebens alles durch Nachahmung, durch strengste Anpassung an dasjenige, was in unserer Umgebung ist.

[ 25 ] People value these things much too little today. For the observer of human essence, the stage when children change teeth, around six or seven years of age, indicates a deep change in the totality of human nature. If you have an organ that can truly examine such things empirically, the way we can empirically observe physical experiments in laboratories or in the astronomical observatory, then you can see such things. When you examine the life of the soul before this stage, you find that during the time preceding the change of teeth, people are primarily imitators. The imitative element, a kind of intuitive dependence upon the environment, motivates their entire being until seven years of age. In the first seven years of our lives we learn everything through imitation, through the most strict conformity to what is in our environment, right down to our movements, our gestures, our intonation.

[ 26 ] Man kann solche Dinge in der Tat in extremen Fällen leicht beobachten. Unter den vielen Fällen, die einem dann entgegentreten, wenn man überhaupt für so etwas einen Sinn hat im Leben, will ich nur einen erwähnen. Ich könnte den einen verhundertfachen. Ich kannte ein junges Kind, das hinkte; trotzdem ihm nicht das Geringste fehlte, hinkte es, und man konnte ihm das Hinken nicht abgewöhnen. Obwohl im Bein nicht die geringste Veranlassung war zum Hinken, hinkte es. Und es hinkte aus dem Grunde, weil ein älteres Geschwisterchen wirklich durch eine Beinkrankheit alle Veranlagung zum Hinken hatte! So drückt sich in einem extremen Falle dieses Nachahmungsprinzip des Menschen aus, das bis zum Zahnwechsel in seinem Leben herrschend ist. Aber man braucht es nicht in solchen extremen Fällen zu beobachten - man wird sogar leicht irregeführt, wenn man das tut -, sondern man kann es beobachten, wenn man Anlagen hat für intime Kindeserkenntnis.

[ 26 ] In extreme cases, we can easily observe such things. I wish to mention only one of the many cases that become obvious if you have any sense at all for such things in life. I could mention a hundred others. I knew a young child who limped. Even though there was nothing wrong, the child limped, and people could not get her to stop limping. The reason the child limped was that she had an older sibling who, due to a diseased leg, actually had cause to limp! This imitative principle that motivates people until the change of teeth is thus expressed in an extreme case.

[ 27 ] Und dann, wenn dieser Zahnwechsel vorüber ist, dann treten für den wirklichen Beobachter ganz neue Kräfte in das seelisch-leiblich-geistige Leben des Menschen herein. Dann wird sich der Mensch nicht mehr bloß hinwenden an das, was in seiner Umgebung seine Sinne wahrnehmen, sondern dann wird er ganz besonders reif dazu, etwas in seinen Glauben, in seine Meinung hereinzunehmen, etwas, von dem er verspürt, daß es die Meinung, daß es der Glaube derjenigen ist, die ihm wegen ihres Alters, wegen ihres Auftretens in seiner Umgebung eine selbstverständliche Autorität sind.

[ 27 ] The true observer sees that quite new forces enter into the human life of body, soul and spirit when the change of teeth is complete. Then, what children perceive in their environment does not motivate them as much. Instead, they are especially ready to believe, to accept, what they feel to be the opinion or the belief of those who, through age or bearing, they intuitively perceive as authorities.

[ 28 ] Und diese Hingabe, diese selbstverständliche Hingabe an die Autorität, ist im Menschenleben drinnen wie ein Naturgesetz bis zu der Zeit, in der der Mensch geschlechtsreif wird. Will man in dieser Zeit auf das Menschenwesen sachgemäß wirken, dann muß man sich an dieses selbstverständliche Autoritätsprinzip wenden.

[ 28 ] Until the time of puberty, this acceptance, this automatic acceptance of authority, is like a law of human nature. If you wish to properly affect the human essence during this time, then you must turn to this intuitive principle of authority.

[ 29 ] Wer nicht aus Vorurteilen heraus, nicht aus irgendeinem naheliegenden Rationalismus, sondern aus den Tatsachen heraus das Leben des jugendlichen Menschen beobachtet, der weiß, was es für das ganze Leben für eine Bedeutung hat, wenn man in der Tat als Kind in der Lage ist, zu einer Autorität, die als Autorität berechtigt ist, hinzuschauen. Wie sich die Gefühle gegenüber einer solchen Autorität im Menschen wandeln, das muß man nur beobachtet haben, nur beobachtet haben, was aus diesen der Autorität zugewandten Gefühlen im späteren Leben wird! Alles, was wir in wirklich freiem, unabhängigem, demokratischem Gefühl im Zusammenleben der Menschen entwickeln, alles, was wir uns aneignen an wahrer Menschenerkenntnis und Menschenachtung, es resultiert im Grunde genommen aus der richtigen, sachgemäßen Entwicklung unter der selbstverständlichen Autorität in der Zeit der Kindesentwicklung vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife.

[ 29 ] Those who, without prejudice, without some pet theory, observe the life of young people, those who work with facts, know how much it can mean for their whole life if children have someone they can look up to as an authority. You need only observe how people’s feelings about such an authority change! You need only observe what later in life results from these feelings toward authority! Everything that we develop as truly free independent democratic feelings in human social life, everything that we gain in true human understanding and human respect, is at heart a result of appropriate development under intuitive authority during the period from the change of teeth until puberty.

[ 30 ] Man sollte in diese Dinge nicht hineinpfuschen aus gewissen Programmen heraus, sondern sollte sich gerade auf diesem Gebiete einer rein empirischen Betrachtungsweise hingeben. Dann wird man empfinden, dann wird man finden, an was man zu denken hat, wenn man das Kind aus der Sorgsamkeit der Eltern - oder auch der Unsorgsamkeit, der Verziehung durch die Eltern — empfängt, die namentlich wirkte unter dem Nachahmungsprinzip, wenn man es hereinbekommt in das Schulleben, in jenes Schulleben, in dem man, wenn man wirklich sachgemäß wirken will, aus diesem Prinzip der Autorität heraus wirken muß. Aber man kann nur wirken, wenn man aus Menschenkenntnis heraus seine pädagogischen Maßnahmen, seine ganze Lehr- und Erziehungstätigkeit entwickeln kann.

[ 30 ] We should not meddle with such things through special programs. We should approach this area through purely empirical observation. Then we will discover what we need to think and feel when we receive the school child who has developed in imitation of the care—or the neglect—of the parents. We will see how we must work out of the principle of authority in school if we truly want to work appropriately. We can only be effective when we derive our pedagogical methods and develop our whole teaching activity out of a human understanding.

[ 31 ] Nun, wenn man nicht in der Lage ist, von Jahr zu Jahr, von Woche zu Woche zu beobachten, wie [jeweils] andere Anforderungen aus dem Zentrum des Kindes sich entwickeln, an die Oberfläche dringen, denen man entgegenzukommen hat mit dem Lehrstoff und den Lehrmethoden, wird man nicht mit den Kräften der Entwicklung des Menschen wirken, man wird gegen sie wirken.

[ 31 ] If you are not able to observe from year to year, from week to week how other demands develop out of the core of the child and rise to the surface, then you will not be able to work with human developmental powers, you will work against them. Educational material and methods must, in fact, meet these requirements of the developing child.

[ 32 ] Wenn man aber nicht weiß, wie die Autorität wirkt, wenn man nicht die intimen Wechselwirkungen kennt zwischen der Autorität und dem aufwachsenden Kinde, dann wird man gerade auf dem Gebiete der Unterrichts- und Erziehungstätigkeit nimmermehr für diese Jahre im lebenfördernden Sinne wirken können.

[ 32 ] If you do not know how authority works, if you do not know the intimate interactions that exist between the authority and the growing child, then you will never be able to work positively in the education of children this age.

[ 33 ] Ich möchte wiederum einzelnes Konkrete anführen. Aus gewissen Programmen, aus gewissen Vorurteilen heraus wird heute viel gesprochen vom Anschauungsunterricht. Anschauungsunterricht: das heißt, man soll dem Kinde alles einzeln zeigen. Und darinnen liegt sehr häufig auch die Anforderung, man soll ihm nur dasjenige zeigen, was man ihm vor Augen oder wenigstens vor seinem Verstande demonstrieren kann, so daß es aus seiner kindlichen Auffassung heraus alles gleich begreifen kann.

[ 33 ] I wish to mention a single concrete example. You know that due to certain programs and prejudices, there is now much discussion concerning visual aids. You are supposed to show the children everything. This often implies that you should teach the children only about things you can place before their eyes, or at least demonstrate to their intellect, so that they can immediately understand everything with their immature comprehension.

[ 34 ] Man nehme nur einmal in die Hand, was heute vielfach als Handbücher zur Anleitung für solchen Anschauungsunterricht gilt. Gewiß, der Anschauungsunterricht ist in gewissen Grenzen sehr berechtigt; allein, gerade was in gewissen Grenzen berechtigt ist, führt zum Unheil, wenn es über die Grenzen hinausgeführt und angewendet wird. Dieser Anschauungsunterricht — man kann es, wie gesagt, aus den Handbüchern ersehen - führt sehr häufig zur äußersten Trivialität. Man sucht sich herunterzuschrauben zu demjenigen, was das Kind verstehen soll, zu demjenigen, wovon man glaubt, in seiner Einfalt einfach glaubt, daß es das Kind verstehen könne. Man berücksichtigt dabei aber nicht, was es im Leben des Menschen bedeutet, wenn man zum Beispiel, nun sagen wir fünfunddreißig Jahre alt geworden ist und sich plötzlich erinnert, aus irgendeinem Lebensanlasse heraus, daß einem von einer verehrten Autorität vielleicht im siebenten, achten, neunten oder zehnten Jahre in der Schule etwas beigebracht worden ist. Das, sagt man sich, hast du dazumal nicht verstanden; du blicktest voll Hingabe zu der verehrten Autorität auf; du wußtest, wenn die verehrte Autorität es spricht, wenn sie es in deine Seele hereinleitet - du wußtest das instinktiv, du machtest dir das nicht klar, aber du empfandest es dazumal -, du wußstest: das ist etwas Wertvolles. Du nahmst es hin, vielleicht nur seinem Wortlaute nach, aber es lebte in dir nach noch jahrelang. Nach Jahren erinnerst du dich, jetzt, wo du reif dazu geworden bist, rufst du dasjenige, was du einstmals aufgenommen hast, dir in die Erinnerung. Dieses Zurückgreifen von dem Standpunkte der Reife aus auf dasjenige, was man in der Zeit der Unreife aufgenommen hat, auf bloße Autorität hin aufgenommen hat, das ist nun ein Quell der Kraft. Und man weiß jetzt, was es bedeutet, daß man so etwas als Kind in der Jugend beigebracht bekam, wofür man erst in späterer Lebensreife, in der Erinnerung, das volle Verständnis finden kann: Lebendige Kräfte führen wir dadurch einem Menschen zu!

[ 34 ] You need only look at the books that are to serve as guides for such teaching. Certainly, illustrative material is, within bounds, quite appropriate. But, what is appropriate within certain boundaries leads to error when we extend it beyond these boundaries. Visual aids—as I mentioned, you can see it in the guides—often lead to extremely materialistic triviality. People try to limit instruction to what children can understand, to what such people, in their simple-mindedness, believe is the maximum children can understand. However, they neglect something. They do not take into account what teaching out of authority means to human life. Individuals who are thirty-five years old may, due to some event, suddenly remember that when they were seven, eight, nine or ten years old, they learned something in school from a highly regarded authority. They say to themselves, “I did not really understand it then. I only looked with high regard to that honored authority. When that honored authority said something, led something into my soul, I knew it instinctively. I did not know how I knew it, but I felt it was something valuable. I remembered it, perhaps only as words, but it lived in me for many years afterward. After many years, now that I have become mature, I recall what I learned long ago.” When people are mature, these recollections of things they accepted in youth upon simple authority now become a source of strength. They now know what it means that things they learned as children can first be fully understood as recollections in later life. In this way, we can give people living strength!

[ 35 ] Noch etwas anderes möchte ich anführen für das intime Walten zwischen der Erzieher-Autorität und dem Kinde. Man will gewisse Dinge der Jugend beibringen, und man sagt sich: Die Jugend, sie versteht ja natürlich nicht diese Dinge, die erst für ein späteres Lebensalter sind. Also kleidet man das für die Jugend in allerlei Vergleiche, in allerlei Sinnbilder ein. Wollen wir irgendein solches Sinnbild nehmen, das vielleicht jemand ausdenken könnte: Irgend jemand bildet das Sinnbild für die Unsterblichkeit aus, indem er sie sinnlich einmal dem Kinde vorführen will. Er sagt vielleicht: Mein Kind, hier hast Du eine Schmetterlingspuppe. In dieser Schmetterlingspuppe, da ist das Tier verborgen drinnen. Das Tier wird auskriechen, der schöne Schmetterling tritt aus der Puppe hervor.

[ 35 ] I wish to mention one other thing about the intimate workings between educational authority and the child. We want to teach the child certain things meant for a later period in life. Of course, the child does not understand these things. Thus, we clothe them in all kinds of allegories and pictures. Let us take a picture someone might think of, for instance, the picture of immortality.

[ 36 ] Nun geht man weiter und sagt: So wie in dieser Puppe der Schmetterling drinnen ist, so ruht in Deinem Leibe die unsterbliche Seele. Und wenn Du durch die Todespforte gehst, dann wird diese unsterbliche Seele in der geistigen Welt wie der Schmetterling erscheinen. Erinnere Dich, wie hier in der physischen Welt aus der Puppe heraus der schöne Schmetterling hervortritt.

[ 36 ] The teacher might say, “Here you have the cocoon of a butterfly. The animal is nestled within it. It will creep out, the beautiful butterfly will come out of the cocoon.” Now, the teacher might go further and say, “Just as the butterfly is in this cocoon, in the same way the immortal soul lies within your body. When you go through the gates of death, this immortal soul will appear in the spiritual world just as the butterfly will appear here. Remember how here in the physical world the beautiful butterfly comes out of the cocoon.”

[ 37 ] Man kann solch ein Sinnbild bilden. Das Kind wird vielleicht etwas berührt davon. Allein, was durch ein solches Sinnbild erreicht werden soll, wird doch nicht erreicht, wenn man als Erzieher bloß das Bewußtsein hat: Du bist gescheit, das Kind ist noch dumm. Du kleidest dasjenige, was das Kind noch nicht verstehen kann, in ein Bild. - Es gibt Imponderabilien im menschlichen Zusammenleben, ohne daß irgend etwas zwischen dem Verstand der Autorität und dem Verstand des Kindes spielt. Im Unterbewußten wird etwas bewirkt, was ein Ergebnis der Ungläubigkeit des Lehrers gegenüber seinem Bilde und dem Glauben, der sich durch das Bild bei dem Kinde entwickeln soll, ist.

[ 37 ] You can make such a picture. It may touch the child. But, such a picture will not achieve what it should achieve if, as a teacher, you only have the consciousness that you are clever and the child is dumb, and that, therefore, you have to clothe in a picture what the child cannot yet understand. There are great intangibles in living human relationships. Regardless of what occurs between the intellect of the authority and the child’s intellect, something will happen in the child’s subconscious that comes from the discrepancy between the teacher’s disbelief in the picture and the intent to develop the child’s belief through the picture.

[ 38 ] Man muß eben nur beobachtet haben, wie anders solche Dinge wirken - ich werde jetzt etwas zunächst sehr Paradoxes sagen -, wenn man nun selbst daran glauben kann, daß das Bild von der Puppe und dem Schmetterling nicht ein bloßes Bild ist, wenn man sich klar darüber ist, daß nicht ich dieses Bild mache, sondern die schöpferischen Naturkräfte selber machen dieses Bild. Dieses Bild ist von der einzig großen Künstlerin Natur, die ihr Göttliches in sich trägt, so geprägt, daß es auf einer niedrigeren Stufe dasselbe ausdrückt wie die Unsterblichkeit auf einer höheren Stufe. Wenn man, mit anderen Worten ausgedrückt, völlig an sein Bild glauben kann, wenn das nichts Ausgedachtes ist, wenn das für einen selbst innerlicher Glaube ist, dann wirkt in dem, wie man sich zu dem Kinde verhält, etwas in der Art, daß, wenn es in das Leben des Kindes in der rechten Weise eingreift, das Kind später ein echtes Bild für die Unsterblichkeit der eigenen Seele hat. Man soll nur ja nicht nach den äußeren Dingen urteilen, die man heute mit dem Autoritätsprinzip auch für dieses Lebensalter verbindet. Es ist zumindest noch ein sorgfältiges Studium von jenem Gesichtspunkte aus, den ich gleich nachher besprechen werde, notwendig, um wirklich zu durchschauen, was da im Leben des Menschen waltet und angewendet werden muß in der Erziehung zwischen dem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife.

[ 38 ] You need only observe how differently things occur—this is something paradoxical—when you yourself believe that the picture of the cocoon and the butterfly is not simply a picture, when you are clear that you do not make this picture, but the creative natural powers themselves make this picture. The one and only great artist, Natura, forms this picture. She carries her divinity within her in such a way that this picture expresses the same thing at a lower level as immortality expresses at a higher level. In other words, when you have complete belief in the picture, when it is not something made up for someone else, when it is your own inner belief, then something occurs in your telling of it to the child. Then, when it affects the child in the proper way, later in life the grown child’s soul will carry a true picture of immortality. Today we must not judge the things connected with the principle of authority by appearances. To really understand what occurs in people’s lives, we need, at the least, a careful study from the standpoint I will discuss in a moment. We need such a study to understand what to use in education during the period between the change of teeth and puberty.

[ 39 ] Im Grunde genommen tritt erst nach der Geschlechtsreife in der menschlichen Natur die eigene Urteilsfähigkeit, das freie, unabhängige Verständigsein auf. Greift man früher zu diesem unabhängigen Verständigsein, appelliert man bei dem Kinde vor der Geschlechtsreife zu sehr an den Verstand, appelliert man nicht an dasjenige, was von Person zu Person durch Autorität übertragen wird, dann ertötet man vieles von dem, was sich gerade zwischen dem sechsten, siebenten und vierzehnten, fünfzehnten Lebensjahre, also während der Volksschulzeit, in dem Kinde entwickeln will.

[ 39 ] Real capabilities of judgment, of free, independent reason, first appear in human nature after puberty. If we activate this independent reason too early, if we appeal too much to the child’s intellect before puberty, then we do not appeal to what can be given from one person to another through authority. Then we kill much of what we need to develop between the ages of six to seven and fourteen to fifteen, that is, during the time of elementary school.

[ 40 ] Nun müssen wir vorher fragen: woher kommen dem Erziehenden diese Einsichten in die Kräfte, die er bei dem Kinde verwenden soll, wenn es zunächst noch ein Nachahmer ist, dann in der Zeit zwischen dem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife und dann in dem Lebensalter nach der Geschlechtsreife? Man kann spotten, man kann heute höhnen über dasjenige, was die Geisteswissenschaft meint, wenn sie davon spricht, daß besondere Kräfte, höhere Erkenntniskräfte in der menschlichen Natur gebildet werden müssen, damit man das Geistige erkennen kann, auch wenn es als Geistiges so wirkt, wie ich es jetzt beschrieben habe für die verschiedenen Lebensalter des Menschen.

[ 40 ] Now we must ask, where will the teachers gain insight into the forces they must use, first when the child is an imitator, then when the child is between the change of teeth and puberty, and then in that stage of life after puberty? Our detractors can mock, they can ridicule what spiritual science means when it says that particular powers, higher powers of cognition, must be formed in human nature so that people can recognize the spiritual and its actions in the different ages of human life.

[ 41 ] Ich habe in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» im einzelnen beschrieben, wie man sich diese höheren Erkenntniskräfte aneignet; desgleichen im zweiten Teil meiner «Geheimwissenschaft» und in anderen Büchern. Ich habe gezeigt, wie der Mensch, indem er gewissermaßen das gewöhnliche alltägliche Erkennen und das gewöhnliche wissenschaftliche Erkennen als einen Grund und Boden betrachtet, durch drei Stufen höherer Erkenntnisse aufsteigen kann, die ich - stoßen Sie sich nicht an Namen, man braucht eben gangbare Namen - genannt habe: die imaginative Erkenntnis, die inspirierte Erkenntnis und die intuitive Erkenntnis.

[ 41 ] In my book How to Know Higher Worlds, 1 have described in detail how people can obtain these higher powers of cognition. The same thing is in the second part of my Outline of Occult Science, and in other books. I have shown how people can use common everyday cognition, common scientific cognition, as a basis to rise through three higher stages that I have called (do not be disturbed by the names, you have to use some common names) Imaginative cognition, Inspired cognition and Intuitive cognition.

[ 42 ] Die imaginative Erkenntnis eignen wir uns an, wenn wir ganz besondere Meditationen machen, systematisch, so wie ich es in den genannten Büchern beschrieben habe, indem wir das Denken über jenen Grad hinaus schulen, den es für das gewöhnliche Leben und für die gewöhnliche Wissenschaft erreicht. Diese imaginative Erkenntnis gibt uns zunächst die Möglichkeit, in unserem Seelenleben Bilder zu entwickeln, aber Bilder, die nicht Raumesbilder, die nicht Phantasiebilder sind, sondern Bilder, welche die Repräsentanten sind einer geistigen Wirklichkeit.

[ 42 ] We can obtain Imaginative cognition when we systematically do quite specific meditations that I describe in the abovenamed books, when we train thinking beyond the level of normal life and conventional science. Imaginative cognition first gives us the possibility of developing pictures in our soul life, pictures that are not spatial, not fantasy, but that represent spiritual reality.

[ 43 ] Man lernt erkennen, daß schließlich alles dasjenige, was der Mensch für das gewöhnliche Leben und für die gewöhnliche Wissenschaft an Ideen, an Vorstellungen, an Übermittlung von Sinneswahrnehmungen entwickelt, allerdings gebunden ist an die menschliche Leiblichkeit. Aber man lernt, indem man immer mehr und mehr dazu übergeht, das Denken, die Denkkraft in einer meditativen Tätigkeit in sich zu steigern, allmählich das Seelenleben von dem bloßen Leibesleben loszulösen. Und man steigt zunächst auf zu einer imaginativen Erkenntnis, die nur in Bildern besteht, die uns aber Realität vorführt in dem Momente, in dem wir uns so weiterentwickeln, wie ich es in den genannten Büchern beschrieben habe. Wenn das inspirierende Element aus den geistigen Welten, die ebenso um uns herum sind wie die physische Welt, hereinspricht, dann erfüllen sich diese Bilder, für deren Auffassungsfähigkeit wir uns zuerst geeignet gemacht haben, für uns mit Wirkungen aus der geistigen Welt.

[ 43 ] People learn to recognize that, in the end, everything humans develop as ideas, as conceptions, as sense perceptions for normal life and for conventional science is connected to human physical existence. We learn to slowly disengage the life of the soul from simple bodily life as we increasingly undertake to raise our powers of thinking to a meditative activity. We rise to an Imaginative cognition that at first consists only of pictures, but that shows us reality the moment we further develop ourselves as I describe in the above-mentioned books. When the Inspiration (which we have first prepared ourselves to be capable of comprehending) enters from the spiritual world that is just as much around us as the physical world, then the effects of the spiritual world fill these pictures.

[ 44 ] Und steigen wir auf zur intuitiven Erkenntnis, so treten wir den geistigen Wesenheiten so gegenüber, wie wir hier in der physischen Welt physischen Wesenheiten gegenübertreten. Ich kann das heute nur andeuten, muß auf die Bücher verweisen, die ich angeführt habe, sowie auf zahlreiche Vorträge, welche ich auch hier in Basel gehalten habe und wobei ich diese Dinge im einzelnen beschrieben habe. Wenn der Mensch wirklich aufsteigen kann zu dem, was ich hier nenne imaginative, inspirierte und intuitive Erkenntnis, so ist das keine Phantasterei, Träumerei — so spricht die Geistlosigkeit unserer Zeitgenossen noch, wenn man ihnen von diesen Erkenntnisstufen spricht; höchstens, wenn sie guten Willens sind, sagen sie: «Nun ja, Auswüchse einer krankhaften Phantasie!» Aber man braucht nur auf die wirklichen Grundlagen dieser höheren Erkenntnis hinzuweisen, und das will ich heute tun. Indem ich mich beziehe auf die Charakteristik, die ich sonst gegeben habe, möchte ich hinweisen auf die eigentliche Quelle dieser höheren Erkenntnisse. Wo liegen in der menschlichen Natur diese Kräfte, die entwickelt werden müssen im Leben, damit der Mensch in die geistige Welt hineinsehen kann?

[ 44 ] If we then rise to Intuitive cognition, we will meet spiritual beings in just the same way we meet physical beings in the physical world. Today I can merely mention this and must direct you to the books where I describe these things in detail. If we can really rise to what I call Imaginative, Inspired and Intuitive cognition, then these stages of cognition are not phantasms, are not daydreams as our contemporaries, with their lack of spirituality, call them. When they are feeling kindly, they say at best, “Well, all right, the product of a sick mind!” However, they will judge differently if we only indicate the true basis, the real source of this higher knowledge—and I will do that today by referring to a characteristic I have mentioned before. Where in human nature do these forces lie that we must develop in life so that we can look into the spiritual world?

[ 45 ] Bedenken Sie nur: bis zum Zahnwechsel hat der Mensch gewisse Kräfte in sich, die ihn zu einem nachahmenden Wesen machen, Kräfte, die später gewissermaßen sich rückbilden. In unserem heutigen gewöhnlichen und sozialen Leben finden diese Kräfte, möchte ich sagen, keine Verwendungen. Sie werden rückgebildet. Aber sie bleiben mit der menschlichen Natur verbunden.

[ 45 ] Think for a moment. We have certain forces that make us into imitative beings until the change of teeth, forces that, in a certain sense, later recede. These forces find no further use in normal modern social life—they recede. However, they remain connected with human nature.

[ 46 ] Und wiederum die Kräfte, die zwischen dem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife wirken, die da aus dem Seelisch-Leiblichen heraus jene Hinneigung zum Autoritätsprinzip bewirken, diese Kräfte, die ich Ihnen charakterisiert habe in dem Wirken im Sinne von Imponderabilien zwischen dem Erzieher und dem zu Erziehenden, diese Kräfte sind reale Kräfte des Kindesalters; sie werden später zurückgebildet. Und noch von der Geschlechtsreife bis in die Zwanzigerjahre hinein haben wir als Menschen solche Kräfte, welche später zurücktreten.

[ 46 ] Again, there are the forces that act between the change of teeth and puberty to stimulate the inclination toward authority out of the soul-physical realm. These forces, which I described in connection with the intangibles living between the teacher and the children, are real forces in childhood, but they, too, later recede.

[ 47 ] Es ist ja heute allerdings schon eine seltenere Erscheinung, was wir den Idealismus der Jugend nennen, was wir diejenigen Antriebe der Jugend nennen, die Ideale hinstellen, lebensvolle Ideale, so wie sonst nur für den späteren Menschen das äußere reale Leben empfunden wird. Aber dieselben Kräfte sind es, die erst nach der Geschlechtsreife unsere eigentliche Urteilsfähigkeit begründen, diese Kräfte sind es, die zur besonderen Ausbildung gebracht werden müssen, wenn der Mensch geschlechtsreif geworden ist. Diese Kräfte werden nach dem zwanzigsten, einundzwanzigsten, zweiundzwanzigsten Jahre wiederum zurückgebildet.

[ 47 ] Furthermore, as human beings we have forces that are active from puberty until around the age of twenty that also later recede. (Of course, now we seldom see what we call youthful idealism, youthful motivations that lead to living ideals. At one time people perceived living ideals in the same way that we perceive external life.) These are the same forces that after puberty first form the foundation of true judgment and that need to be brought to a special level of development. They also recede after the age of twenty-one or twenty-two.

[ 48 ] So wie in den letzten Jahrhunderten das menschliche Leben sich einzig und allein zur Entwicklung der intellektuellen Fähigkeiten, der äußeren wissenschaftlichen Fähigkeiten, der äußeren Naturbeobachtung und sozialen Beobachtung entwickelt hat, so werden zunächst diese Kräfte, die in den drei ersten Lebensaltern des Menschen wirken, zurückgebildet. Sie können wieder heraufgeholt werden. Und nichts anderes ist es, was heraufgeholt wird nach Anleitung meines Buches «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» aus den Tiefen der Menschennatur für das imaginative Erkennen, als jene Seelenkräfte, jenes Geisteswirken, die nach der Geschlechtsreife bis in die Zwanzigerjahre hinein den Menschen eigentlich als solchen geistig-leiblich bilden. Was zurücktritt, wird wieder hervorgeholt von dem Geistesforscher. Es wird wieder hervorgeholt, damit es ins Bewußtsein herauftritt, während es sonst zurückgetreten ist. Da entwickelt es dann die imaginative Erkenntnis.

[ 48 ] In the last centuries, human life has developed such that we only cultivate intellectual capabilities, scientific capabilities, the ability to observe natural and social things. To the extent that this development has taken place, those powers active in the first three stages of life have receded. We can, however, bring them forth again. Imaginative cognition is nothing more than those forces whose spiritual activity forms the human body and soul from puberty until the age of twenty. It is nothing more than those soul forces that, under the direction of my book How To Know Higher Worlds, we can bring forth out of the depths of human nature. The spiritual researcher brings forth again what has receded. Where it otherwise remains hidden, we bring it forth again so that it enters into consciousness. Then it develops Imaginative cognition.

[ 49 ] Schwieriger ist schon, dasjenige hervorzuholen, was im Menschenleben vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife gewirkt hat, die Kräfte, die wiederum zurückgetreten sind im späteren Leben, die, ich möchte sagen tiefer drinnenstecken in dem Organsystem. Auch sie können durch solche Übungen, wie ich sie beschrieben habe in den genannten Büchern, heraufgeholt werden in das Bewußtsein. Dann erweisen sich diese Kräfte als identisch mit unbekannten, durch keine äußere Wissenschaft aufstellbaren Naturkräften, die gerade im Menschen aber wirken. Dann lernen wir diese Kräfte beherrschen. Dann bringen sie uns gewisse Geistgeheimnisse der Umgebung durch eine inspirierte Wissenschaft in unser Bewußtsein herein. Nicht erfundene Kräfte, nicht irgend etwas, was im Leben nicht vorhanden ist, sondern gerade, was sich in wichtigsten Entwicklungsjahren des Menschen als wirksam erweist, das wird durch die Geistesforschung wiederum heraufgeholt, um zur Grundlage für Einsichten in die geistige Welt zu werden.

[ 49 ] It is more difficult to bring forth those human forces that are active from the change of teeth until puberty but that recede later in life and lie deep in the organism. However, through such exercises as I have described in my books, we can call them, too, into consciousness. These prove to be identical with forces that are active in children, but remain unknown and unnoticed by science. We learn how to master these forces. Through an Inspired cognition, they bring into our consciousness certain spiritual secrets of our surroundings. This is not a made-up force, not something that does not already exist in life. This is something that proves itself to be active during the most important developmental years. Spiritual research brings it forth again to become the basis of insight into the spiritual world.

[ 50 ] Am schwierigsten hervorzuholen - weil sie eigentlich schon für die Beobachtung verborgen bleiben - sind diejenigen Kräfte, die tätig sind in der menschlichen Natur und später ganz verschwinden. Es sind dies die Kräfte, die in der menschlichen Natur zwischen der Geburt oder sagen wir sogar der Empfängnis und dem Zahnwechsel tätig sind und im Heraustreiben der bleibenden Zähne sozusagen ihren Abschluß, ihren Schlußpunkt finden. Diese Kräfte ziehen sich ganz in das organische System des Menschen zurück, können aber ebenfalls herausgeholt werden, nachdem wir die anderen Kräfte herausgeholt haben.

[ 50 ] Because they remain hidden from observation, the most difficult forces to bring forth are those forces that are active in human nature between birth, we can even say between conception, and the change of teeth. Those forces find their conclusion in the permanent teeth and later completely withdraw into the human organic system. Nevertheless, we can bring these forces forth after we have called forth the others.

[ 51 ] Dann sehen wir, daß - indem wir diese Kräfte erfassen - wir uns mit unserer Wesenheit, die uns eigentlich den Lebensanstoß gegeben hat, nun verbinden. Wir rollen gewissermaßen das Leben nach dem siebenten Lebensjahre nurmehr ab. Den eigentlichen Anstoß aus der tiefsten Seele heraus, die wir als Geist erkennen, wenn wir sie heraufholen, den empfangen wir in dem ersten Lebensabschnitt; wenn wir das aus unserem Bewußtsein heraufbringen, was sonst zurückgetreten ist, dann empfangen wir die intuitive Erkenntnis. Dann verbinden wir uns nicht nur mit unserem eigenen Wesen, sondern dann verbinden wir uns mit etwas, wogegen allerdings unsere gewöhnlichen Gedanken Absurditäten sind, wir verbinden uns mit etwas, was einerlei ist mit dem Wesen der Welt. Dann erkennen wir den Geist in uns im Zusammenhange mit der Geistigkeit der Welt.

[ 51 ] We see that we now connect ourselves with these forces when we grasp them with our full being, these forces that actually gave us the life impulse. In a certain sense, we unroll in the first seven years of our life—we bring forth out of our deepest souls the actual impulse, which we recognize as spirit, that we received in the first stage of life. When we bring into our consciousness what has receded, then we have Intuitive cognition. We do not connect ourselves only with our own being, but with something in comparison to which our normal thoughts are absurdities. We connect ourselves with something that is one and the same as the Being of the World. We then recognize the spirit in us as connected to the Spirit of the World.

[ 52 ] Der Erzieher, welcher im Sinne der Geisteswissenschaft sich Menschenkenntnis erwirbt, er blickt, indem er den werdenden Menschen vor sich hat, auf dasjenige hin, was aus dem Geiste heraus diesen werdenden Menschen bildet. Er kommt mit seinen Bildungsmitteln diesem werdenden Menschen entgegen. Der im Sinne der Geisteswissenschaft wirkende Pädagoge hat nicht eine Pädagogik im Auge, die, wie es heute normal ist, nach abstrakten Regeln einen Zögling heranbilden soll; für ihn ist der einzelne Zögling ein Rätsel. Für ihn ist dasjenige, was im einzelnen Zögling sich auslebt, etwas, das mit jedem Tag, mit jeder Stunde lebendig gelöst werden muß. Aber indem sich der Erzieher die Anschauung dieses lebendig wirkenden Geistes im lebendig sich entwickelnden Menschen aneignet, nimmt er in sich eine Wirklichkeits-Erkenntnis auf, die nicht in Begriffen, nicht in abstrakten Gewohnheiten bleibt, sondern die seinen Willen mit Geistigkeit durchdringt. Er wird wirklich eine Erkenntniskraft entwickeln können, er wird ein Erkenntnisweiser, und er wird daraus eine Pädagogik entwickeln, die unmittelbar Leben ist, weil sie aus Menschenkenntnis, aus der Erkenntnis des vollen, ganzen Menschen hervorgeht.

[ 52 ] You see, teachers who understand human beings through spiritual science, who have the developing human before them, look at what the spirit forms out of this developing human. The teachers meet this developing human with their educational skills. The teacher working from spiritual science does not have in mind a pedagogy used to educate children according to abstract rules, as is normal today. For this teacher, each child is a riddle. What should come to life in each child is something the teacher must solve in a living way every day, in every hour. However, when the teacher acquires the viewpoint of this living, working spirit in the living development of the child, he or she absorbs a recognition of reality that does not remain in concepts, does not remain in abstract generalities, but permeates the will with spirit. Such a teacher really becomes a pillar of knowledge, and he or she will develop a truly living pedagogy because it comes from an understanding of the human being, from a recognition of the complete, whole person.

[ 53 ] Geisteswissenschaft, anthroposophisch orientiert, wie sie hier gemeint ist, sie ist nichts anderes, als was aus den Kräften geschöpft wird, die in den geistigen Entwicklungsstadien des Menschen die eigentlich wirksamen sind. Nicht aus irgendeiner Phantastik heraus, nicht aus irgend etwas heraus, was in einem Menschen auftreten kann oder nicht auftreten kann, wird der Quell für die Entwicklung der höheren Geisteskräfte geholt, sondern aus dem bewußten Aufnehmen dessen, was gerade in den gesündesten Wachstums- und Lebenskräften in den drei ersten Lebensaltern des Menschen wirkt. Indem wir Geistesforscher werden, erheben wir ins Bewußtsein zu unserer Erkenntnis der Welt und des Menschen herauf, was unser Wachstum, unsere Menschwerdung eigentlich bewirkt.

[ 53 ] Spiritual science is nothing other than what we can create out of the forces that are spiritually active in the stages of human development. It is not some fantasy. The source for the development of higher spiritual powers does not come from just anything that might arise in people, but from the conscious apprehension of what works in the healthiest forces of growth and life in the first three stages of human development. In that we become spiritual researchers, we raise into the consciousness of our understanding of the world and of people what really causes our growth and development as human beings.

[ 54 ] So verwandt ist Geisteswissenschaft mit dem geistig-seelischen Werk- und Rüstzeug des Erkennens. Deshalb ist Geisteswissenschaft nicht etwas, was bloß von unserem Verstande aufgenommen wird. Weil es hervorgeholt ist aus den Wesens- und Wachstumskräften unseres ganzen Menschen, durchdringt es unseren ganzen Menschen, unser Gemüt und unseren Willen. Es wird elementare Menschenkraft in uns. Denn Unreife, Unbewußtheit sind Begriffe, welche vor diesem Walten des Geistes im Menschen ihre Berechtigung verlieren. Man darf nicht sagen, der Mensch verliere seine instinktive, elementarische Kraft, wenn er den Geist bewußt entwickelt — nein, die Naivität geht mit, und gerade dieselbe elementare Kraft, die sonst nur im instinktiven Wirken vorhanden ist, ist auch vorhanden, wenn man in dieser Weise vom Geiste wirklich durchdrungen ist. Da geht Geistiges über, wirklich über in die Wesenheit des Lehrenden, in die Wirksamkeit des Lehrenden, desjenigen, der unter der Jugend sozial-pädagogische Kraft zu entwickeln hat. Denn was Geisteswissenschaft ist, stammt aus demselben Quell, aus dem der Mensch selber herauswächst. Und Sich-Entwickeln ist nur die Umwandlung unserer Wachstumskräfte.

[ 54 ] So closely related is Anthroposophy to the spiritual sword and shield of cognition! For that reason, spiritual science is not something we can take up simply through our intellect. Since we bring it forth out of the being and growth forces of the whole human, it permeates our whole being, our feeling and will. It becomes a basic human force. Immaturity and unconsciousness are concepts that lose their relevance through the activity of the spirit in human beings. We may not say that people lose their instinctive, basic forces when they consciously develop the spirit. No, this remains. The same basic strength that is otherwise present only in instinctive actions is present when the spirit permeates people in this way. The spirit really enters into the being of the teacher, into the effectiveness of the teacher, into those who are to develop social pedagogical forces in youth. What spiritual science is comes from the same source from which people themselves grow. Self-development is only a transformation of our growth forces.

[ 55 ] Das sind Dinge, denen die Menschheit heute vielfach so gegenübersteht, wenigstens ihrem eigenen tieferen Prinzipe nach so gegenübersteht, wie sie etwa der modernen Naturwissenschaft gegenübergestanden hat zu der Zeit, als Kopernikus und Galilei sie inauguriert haben. Aber ebenso sicher, wie dasjenige, was dazumal als eine Absurdität von den weitesten Kreisen angesehen worden ist und heute für diese zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist, so sicher wird die Erkenntnis von den drei vorhergehenden Lebensaltern und ihren Grundkräften und der Umwandlung zu Imagination, Inspiration und Intuition in der Geisteswissenschaft eine Selbstverständlichkeit werden.

[ 55 ] You see, these are things, at least in their underlying principles, that modern people often regard much as people once viewed the science of Copernicus and Galileo. What most people once viewed as an absurdity has now become a matter of course. In the same way, the knowledge of the three stages of life, their basic forces and their transformation into Imagination, Inspiration and Intuition through spiritual science will become a matter of course.

[ 56 ] Unser Zeitalter aber, das bemerken kann, wie das neuere Geistesleben - ich habe das an zwei Beispielen ausgeführt - ohnmächtig geworden ist gegenüber dem sozialen Leben und sozialen Wollen, unser Zeitalter sollte Sympathie und Interesse entwickeln, wenn gezeigt werden kann, daß es nicht nur die abstrakte, lebensfremde und lebensferne Geisteswissenschaft gibt, die sich in den letzten Jahrhunderten heraufentwickelt hat, sondern eine Geisteswissenschaft, die aus der Umwandlung der Wachstumskräfte selber hervorgeht, die den lebendigen Geist ergreift, der nicht bloß Gastrollen gibt im Leben, sondern der im Leben auftritt, im Leben wirkt und mit dem sich der menschliche eigene Geist so verbinden kann, daß er ihn entwickeln kann als sozial-pädagogische Kraft.

[ 56 ] Our age can notice that modern intellectual life (I have shown this in two examples) has become powerless in the face of social life and social desires. When modern people see that the intellectualism developed in the last centuries (abstract, foreign and removed from life) is not the only possibility, that there is also a science that comes from the transformation of growth forces, they will develop sympathy and interest. This spiritual science can understand the living spirit that does not play guest roles in life, but is present and active in life; and the human spirit, by connecting itself with that living spirit, develops social pedagogical strength.

[ 57 ] Warum - legen wir uns diese Frage noch einmal vor -, warum findet denn diese neuere Zeit so wenig die Möglichkeit, dasjenige, was sie an Ideen aufnimmt, was sie an Ideen entwickelt, in soziales Wollen umzuwandeln? Warum ist es denn gekommen, daß ein solcher Unglaube eingetreten ist gegenüber der Macht des Geistes, daß man nur von Ideologie spricht?

[ 57 ] Why (again we put this question) are we so seldom able to transform into social will what we receive in ideas, what we develop in ideas? How is it that such disbelief has arisen that people speak only of ideology when they refer to the power of the spirit?

[ 58 ] Nun, die Zeit, die wir eben hinter uns haben, ist die Zeit, in der die großen Triumphe der Naturwissenschaft eingeleitet werden sollten. Diese großen Triumphe der Naturwissenschaft konnten nur dadurch eingeleitet werden, daß der Mensch zunächst absah von dem, was in ihm selber ist, und sich dem Wirken und Weben der äußeren Natur mit allem seinem Methodischen hingab. Gerade derjenige, der Geistesforscher ist, wird die Gewissenhaftigkeit, die Exaktheit der naturwissenschaftlichen Methode der neueren Zeit und auch die Fruchtbarkeit des Wirkens dieser Methode auf ihren Gebieten anerkennen. Er wird sich durchaus nicht in einer bloßen unverständigen Kritik über das begrenzte und eingeschränkte Naturwissen ergehen. Aber eine Erfahrungstatsache muß geltend gemacht werden, die heute deshalb nicht beobachtet wird, weil man von der einen Seite aus vollberechtigt die Aufmerksamkeit darauf wendet, wie sehr die naturwissenschaftlichen Methoden geeignet sind, ein richtiges Bild des äußeren Naturwirkens oder wenigstens ein Bild des äußeren Wirkens der Natur zu geben; da ist man dann nicht geneigt, zu fragen: Ja, wie wirkt denn aber dieses Bild, das auf solche Art entsteht, nun auf das ganze Wesen des Menschen ein?

[ 58 ] The period that is just behind us was a time of great triumphs for modern science. Those great scientific triumphs could arise only when people first turned away from what was within them and devoted themselves to the activities of nature and to the scientific method. Those who are spiritual researchers will certainly recognize the conscientiousness, the exactitude, of modern scientific methods, and will also recognize the fertility of these methods within their areas. They will certainly not go into a simplistic, unsympathetic criticism of limited and bounded material knowledge. However, we must be clear about one fact of experience that people do not observe today. People do not observe it because they can see, completely correctly from at least one point of view, that scientific methods are well suited to give a picture of natural phenomena. Because scientific methods work so well in this realm, people are not inclined to ask how this experience, derived in this way, affects the whole essence of humanity.

[ 59 ] Der Mensch ist in der Naturbeobachtung und in der Erkenntnis der Naturgesetze an das nur hingegeben, was seine Sinne glauben und was sein Verstand bearbeitet. Da schließt er bewußt alles das aus, was aus seinem Gemüts- und Willensleben kommt. Dafür aber greift dasjenige, was er als Naturwissen sich aneignet, auch nicht auf sein Willensleben und auf sein Gemütsleben über. Daher kommt es, daß mit einem gewissen Rechte manche Menschen, die sich vorurteilslos die ganze Sachlage ansehen, anders reden über die Naturwissenschaft und ihre Wirkung als diejenigen, die eben — wie gesagt, von der einen Seite ist das durchaus berechtigt - sich nur an die Betrachtung der großen Triumphe der Naturwissenschaft hingeben.

[ 59 ] Concerning observations of nature and the recognition of natural laws, people accept only what their senses believe and their intellect can process. They consciously shut out everything that comes from their feeling and will life. What they understand about nature does not affect the will and feeling life. Thus, many people who view the entire situation without prejudice speak about modern science and its effects differently than those who simply accept all the great scientific triumphs.

[ 60 ] Was wir als Naturbild durch die naturwissenschaftliche Methode gewinnen, hat etwas Schicksalhaftes, gerade, wenn wir unseren Blick auf die menschliche Wesenheit selber lenken; es ist etwas, was nur unseren Verstand erfüllt, was nicht unseren Willen ergreift. Wenden wir daher die naturwissenschaftliche Methode auch nur in populärem Denken oder in wissenschaftlichem Denken auf das soziale Leben an, flutet uns gewissermaßen das soziale Leben heraus, es fällt heraus. Wie irgend etwas, das kleinkörnig ist, durch ein Sieb fällt, so fällt uns das wirkliche soziale Leben aus unserer Betrachtung heraus, wenn wir nur mit naturwissenschaftlicher Methode daran gehen. Wir brauchen doch nur zu sehen, wie strenges, kausales naturwissenschaftliches Denken durchaus in dem Augenblicke versagt - ich will Ihnen ein empirisches Beispiel dafür anführen -, in dem es sich auf das soziale oder überhaupt auf das äußerliche gesellschaftliche Gebiet begibt. Es gibt vielleicht kein Buch, das auf einem viel angefochtenen Gebiete exaktes naturwissenschaftliches Denken so schön entwickelt wie das Buch des bekannten Biologen Oskar Hertwig «Das Werden der Organismen, eine Widerlegung der Darwinschen Zufallstheorie». Man kann nur im höchsten Sinne loben, was da mit diesem Buche an Charakteristik naturwissenschaftlicher Einsichten in das Entwicklungsgebiet versucht worden ist.

[ 60 ] If we look at the human essence, the picture we can achieve through the scientific method has something fatalistic about it—it is something that fills only our intellect, but does not touch our will. If we use the scientific method in popular or scientific thinking about social life, then social life in a sense ebbs away, falls apart. Just as something finely ground runs through a sieve, true social life slips past our observation when we approach it only with modern scientific methods. We can see how strict causal scientific thinking fails the moment it is applied to the social realm or general external society. I want to give an example of this: There is perhaps no other book in a much-debated area that so beautifully develops exact scientific thinking as Das Werden der Organismen, eine Widerlegung der Darwinschen Zufallstheorie (The development of the organism—a rebuttal of the Darwinian theory of chance), by the well-known biologist, Oskar Hertwig. We can offer only the highest praise for this book’s attempt to characterize conventional scientific insights into the theory of evolution.

[ 61 ] Kurze Zeit, nachdem dieses Buch von Oskar Hertwig erschienen ist, ließ Oskar Hertwig auch eine Schrift erscheinen über soziale, rechtliche und Staatsfragen, Gesellschaftsfragen überhaupt. Man kann sich etwas Dilettantischeres und Unzulänglicheres nicht denken als diesen Spaziergang eines ausgezeichneten Biologen in das Gebiet, welches wir mit dem Begriff des sozialen Lebens umspannen!

[ 61 ] A short time after Hertwig’s book appeared, he also published something about social, legal and political issues, issues concerning general society. It would be impossible to think of something more dilettantish and incompetent than this firstrate biologist’s stroll through an area generally encompassed by the concept “social life”!

[ 62 ] Solche Beispiele ließen sich verhundertfachen, vertausendfachen. Sie alle zeigen, was man aber auch unmittelbar beobachten kann: daß gerade die beste Hingabe an naturwissenschaftliche Erkenntnisse bewirkt, daß wir unser Bewußtsein mit Ideen erfüllen, die wirklich der Inhalt einer Ideologie sind, die nicht wirklich unser Gemüt und unseren Willen durchpulsen können. Gemüts- und willensunfruchtbar bleiben diese Ideen.

[ 62 ] There are hundreds, thousands, of such examples. They all show what we can directly observe, namely, that even the highest devotion to natural scientific knowledge causes us to fill our consciousness with ideas that are actually the content of an ideology that cannot pulse into our feeling and will. These ideas remain unfruitful in feeling and willing.

[ 63 ] Nun möchte ich ausdrücklich betonen, daß ich in der Betrachtung solcher Dinge nicht den verkehrten Weg zu gehen beabsichtige. Ich möchte durchaus nicht behaupten, daß die allgemeine populäre Denkweise der weitaus größten Menge der heutigen Menschen etwa ein Einfluß naturwissenschaftlicher Denkweise ist. O nein, im Gegenteil, die letzten Jahrhunderte haben eine gewisse populäre Denkweise heraufgebracht - wer Geschichte wirklich studiert, nicht nach dem, was bloß eine «fable convenue» ist, sondern sie wirklich studiert, kann sehen, wie seit drei bis vier Jahrhunderten sich das Leben der Menschen, namentlich das soziale Leben der Menschen bis in die bäuerlichsten Kreise hinauf gewandelt hat. Und dasjenige, was als naturwissenschaftliches Denken hervorgetreten ist, das ist nur, ich möchte sagen der äußere Exponent, der äußere Ausdruck dessen, was das menschliche Seelenleben überhaupt ergriffen hat. Ich möchte das Leben der Menschen, das Denk- und Empfindungsleben der Menschen nicht etwa einen Ausfluß nennen naturwissenschaftlicher Gesinnung und Wissensbereiche, sondern umgekehrt: ich möchte in der naturwissenschaftlichen Gesinnung und Wissensrichtung nur das äußere Zeichen, die Offenbarung für das sehen, was allgemeine Gesinnung des Menschen ist, allgemeine Stimmung dem Leben und der äußeren Wirklichkeit gegenüber.

[ 63 ] I want to expressly emphasize that in considering such things, it is not my intention to go in the reverse direction. I do not wish to contend that the way of thinking of the vast majority of modern people is simply the outcome of the scientific way of thinking. No, quite the opposite. The last centuries have brought forth a certain kind of common thinking. Those who really study history, not simply a fable convenue, a convenient story, see how human life, particularly social life right down to the peasantry, has changed in the last three or four centuries. What has come forth as natural scientific thinking is, in my opinion, only an external expression of what has generally taken hold of human soul life. I do not wish to call human thinking and feeling a product of modern scientific attitude and knowledge, but just the opposite. I see in the scientific attitude and knowledge only the external symbol, the revelation, of what is the general direction of human thinking, the general attitude toward life and external reality.

[ 64 ] Was sich so herausgebilder hat, das ist eben gerade die Grundlage für ein lebensfremdes Geistesleben. Nimmt man dagegen auf, was die Grundlage für die hier gemeinte anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft ist - ich habe ja gezeigt, wie diese Geisteswissenschaft nur die Umwandlung gerade der Wachstums- und Bildekräfte des Menschen ist -, nimmt man das auf, kann man sich dazu erheben, in diesen Dingen eine wirkliche Welt zu sehen, dann geht dasjenige, was wir so aufnehmen mit dem Wissen vom Geistigen, wiederum über in unsere Gemüts-, in unsere Willenskräfte. Und dieses ist der einzige Weg zu einem wirklichen sozialen Wollen, den es als einen gesunden für die Menschheit der Gegenwart und der nächsten Zukunft geben kann: Dieses soziale Wollen durchpulsen mit der Erkenntnis, die aus dem Geistigen heraus kommen kann. Man sage nur ja nicht: Jeder Mensch kann ohne weiteres irgendwie das erlangen, was da gemeint ist, was die Entwicklung höherer Geisteskräfte ist; das soll hier auch gar nicht behauptet werden. Gewiß, es ist so, nur wenige Menschen werden dazu kommen, die Geheimnisse des geistigen Lebens durch das unmittelbare Anschauen der höchsten geistigen Tatsachen oder hoher geistiger Tatsachen selbst zu erkennen. Denn dieses Erkennen, das ist erstens verbunden oder gebunden an eine gewisse innere Mutigkeit, an eine gewisse innere Tapferkeit. Man muß den menschlichen Willen, die menschlichen Denkkräfte, alle menschlichen Seelenkräfte so entwickeln, daß sie über das Maß der gewöhnlichen Stärke hinausgehen, damit diese Seelenkräfte etwas ergreifen können, was vor dem gewöhnlichen Erfassen der Menschen ganz vorbeihuscht, was er nicht wahrnimmt: die geistige Welt. Man muß gewissermaßen das Feinste ergreifen unter Aufwendung der allertätigsten Kräfte. Der Geist tritt einem zunächst nicht so entgegen, wie einem eine äußere Wirklichkeit entgegentritt. Der Geist tritt einem entgegen, wie man sich mit ihm verbindet, wie man in seinem eigenen Schmerz und wie man Lust und Leid empfindet. Das ist dasjenige, was durch die eigene Seele flutet, aber etwas sehr Reales ist. So empfindet man, erlebt man und erkennt man das Geistige im Durchfluten durch die eigene Seele; nur weiß man, daß es nicht etwas bloß Subjektives ist wie Lust und Leid. Es ist so intim an die Seele gebunden wie Lust und Leid und Freude und Schmerz, aber es ist etwas, was als ein Fremdes, Geistgemäßes in unsere Seele hereinströmt. Dem ist man zunächst nicht angepaßt. Der Mensch ist angepaßt an ganz anderes, äußeres Leben. Daher muß er, indem er ein Leben in sich aufnimmt und um sich herum wahrnimmt, an das er nicht angepaßt ist, dieses Leben in Leid und Schmerzen aufnehmen. Niemand kommt in die geistige Welt hinein, der sich diesen Eingang nicht erkämpft, Schritt für Schritt durch Leiden und Schmerzen. Das bezieht sich aber zunächst nur auf die Erforschung der geistigen Welt.

[ 64 ] What has developed is the basis for a thinking and feeling foreign to life, for a spiritual life foreign to life. If, on the other hand, you consider what forms the basis of spiritual science (I have just shown that this spiritual science is only a transformation of the human forces of growth and development), then you can rise to see a real world in these things. Then what we take in with spiritual knowledge enters into our powers of feeling and will. This is the only healthy way for people now and in the near future to come to a truly social willing. It is necessary for the future to infuse this social willing with the knowledge that can come from the spiritual. We would not say that everyone can effortlessly achieve the development of higher spiritual powers. We certainly do not at all contend that. Certainly, only a few people will be able to recognize the secrets of spiritual life through direct vision of the highest spiritual facts. This recognition is first connected to a certain inner courage, a certain boldness. Human will, human intellectual power, all human soul forces must develop so that they extend beyond the normal level of strength. These soul forces must grow so they can grasp the spiritual world that flits past ordinary human cognition, the spiritual world people cannot usually perceive. In a certain sense, we must reach for the finest among everyday capacities. The spirit does not come in the same way that external realities come. The spirit comes when you connect yourself with it in the same way that you feel pain, that you feel desire and distress that flood through your soul, as something very real. In this way you will feel, experience and recognize the spiritual through a flooding in your soul, only you know that it is not something simply subjective like desire and distress. It is so intimately connected with the soul, like desire and distress, joy and sorrow, yet it streams into our souls as something foreign, something spiritual. At first, it will be something unexpected. We expect something quite different in external life. Thus, we must accept this spiritual life in sorrow and pain, since we receive and perceive around us a life that we do not expect. No one comes into the spiritual world who does not struggle for this entrance, step by step, through sorrow and pain. This, though, only concerns research of the spiritual world.

[ 65 ] Dagegen muß man sagen, daß die Fähigkeiten, zu begreifen, was der Geistesforscher mitteilt, nur an den gewöhnlichen, gesunden Menschenverstand gebunden sind. Der Geistesforscher ist nicht darauf angewiesen, daß er den Leuten bloß die Versicherung gibt, er sei ein wahrheitsliebender Mensch und sehe und schaue dasjenige, wovon er als dem Geistigen spricht, sondern der Geistestorscher kann so sprechen, daß der Mensch aus dem gesunden Menschenverstand heraus die Art und Weise verfolgen kann, wie er seine Gedankengänge aufbaut, die er allerdings aus der geistigen Anschauung heraus aufbaut, denen man es aber anmerken kann, daß sie dieselbe innere Logik haben, die wir an der äußeren sinnlichen Wirklichkeit erlernen. Daher kann der gesunde Menschenverstand, wenn er nur nicht eingeengt ist durch die entgegengesetzten Vorurteile, darüber urteilen, ob der Geistesforscher Unsinn spricht oder ob der Geistesforscher durch die Art und Weise, wie er spricht, erkennen läßt, daß ihm die geistige Welt wirklich offen ist, daß er in sie hineinschaut.

[ 65 ] In contrast, we must say that the capacities to understand what spiritual research has to say comprise only ordinary healthy common sense. For spiritual researchers, it is unimportant simply to assure others that they love truth and see what they speak of as spiritual. Rather, spiritual researchers can speak so that people with healthy common sense can understand their path of thinking. Of course, their thinking is formed from spiritual vision. However, people can recognize that it has the same inner logic they learn from external, sense-perceptible reality. Thus, if it is not limited by opposing prejudices, healthy common sense can judge whether spiritual researchers talk nonsense. Healthy common sense can judge from the way spiritual researchers speak whether the spiritual world is open to them, whether they really see into it.

[ 66 ] Damit aber ist das, was durch den einzelnen Geistesforscher in das soziale Leben hineingebracht wird, selbst eine sozial-pädagogische Kraft.

[ 66 ] Thus, what individual spiritual researchers bring into social life is itself a social pedagogical force.

[ 67 ] Bequemen sich die Menschen dazu, sich Verständnis anzueignen, jene Gabe des gewöhnlichen gesunden Menschenverstandes, durch die man die überzeugende Kraft von dem empfindet, was die Geisteswissenschaft als die wahre Wirklichkeit des Menschen zu enthüllen versteht, so entwickeln sie ganz andere soziale Kräfte. Kräfte, welche die Menschen zueinander führen und in die Struktur des sozialen Organismus hineinbringen würden, was auf eine andere Art nicht hineinzubringen ist, so, wie sie in der Vergangenheit der drei bis vier, fünf letzten Jahrhunderte und in der Gegenwart geworden ist. Kräfte, welche ein intimeres Erkennen zwischen Mensch und Mensch bilden würden, ein Eingehenkönnen auf den anderen Menschen, ein Aufkeimen wirklicher sozialer Impulse. Das ist es, was gerade durch jenen Verkehr der Menschen angewandt werden kann, der sich auf der Grundlage der wirklichen geistigen Erkenntnis und alles dessen, was damit zusammenhängt, entwickelt. Die Menschen werden fühlen, was an sozial-pädagogischer Kraft in das soziale Wollen übergehen kann, wenn sie dazu kommen, dasjenige, was zunächst den Wachstums- und Werdebedingungen des Menschen entnommen ist, nun auf den lebendigen sozialen Organismus auszudehnen. Dann erst wird man verstehen, daß soziale Organismen zum Wesen des Menschen gehören. Man wird hineintragen können in das Volksleben, in den sozialen Organismus, was man erst als die Erkenntnis des im natürlichen Organismus wirksamen Geistes gefunden hat.

[ 67 ] If people accustom themselves to acquiring understanding, to acquiring the healthy common sense to be able to perceive the convincing power of what spiritual science reveals as the true reality of human life, then they will develop another social force. This social force will lead people to one another and will bring into the structure of the social organism things that cannot come into it any other way. These things form a more intimate recognition of one person by another, an ability to accept other people, a germination of true social impulses. This is what develops in human interactions based upon true spiritual cognition and everything connected with it. People will feel how social pedagogical forces can enter social will when they begin to extend what we can draw from human growth and development into the living social organism. Only then will they understand that human essence embodies social organs. People will be able to bring into the social organism what they understand of the spirit working in the natural organism.

[ 68 ] Nicht eher wird man zu einer wirklichen sozial-pädagogischen Kraft kommen, bis man in der Lage sein wird, seine sozial-pädagogische Kraft aus den Antrieben, aus den Impulsen der geistigen Erkenntnis heraus zu schöpfen!

[ 68 ] People will not come to true social pedagogical strength until they are able to draw social pedagogical forces from the motives, from the impulses, of spiritual knowledge!

[ 69 ] Woraus kommt es aber denn, was der Mensch verstehen wird, indem er die geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse verstehen wird? Es kommt doch aus dem, was den Menschen vom kleinen Kinde leiblich und geistig zum erwachsenen Menschen gemacht hat und was sich nur rückgebildet hat. Der Mensch braucht das nicht brach liegen lassen, er braucht es nur anzuwenden; er braucht seine eigentliche Menschenwirksamkeit nur auch in der äußeren sozialen Ordnung wirklich anzuwenden, dann entwickelt sich auf der einen Seite, wie ich gezeigt habe, eine wirkliche sozial-pädagogische Kraft in der Jugenderziehung. Dann aber entwickelt sich auch in dem Umgang zwischen Mensch und Mensch jenes unaussprechbare, aber sehr real vorhandene Walten eines Erziehungsmomentes, das im menschlichen Verkehre, im menschlichen Umgange selbst liegt. Wenn wir verstehen werden, was aus der Persönlichkeit uns entgegentritt, von der wir heute glauben, es sei der ganze Mensch, wenn wir verstehen werden, was Geheimnisvolles in jedem Menschen liegt, was in jedem Menschen so liegt, daß er über sich selber hinauswächst mit seinem Unter- und Überbewußten, dann wird in dem menschlichen Verkehre selbst eine sozial-pädagogische Kraft liegen. Dann werden die Menschen so miteinander in Verkehr treten, daß das Dasein des einen durch das Dasein des anderen erhöht und getragen werden kann. Kurz, nicht bloß für die Jugenderziehung, für das ganze Menschenleben erfließt aus der Erkenntnis des Geistes heraus sozial-pädagogische Kraft.

[ 69 ] Where does our understanding of spiritual scientific knowledge come from? It comes from those diminished forces that made physical and spiritual adults from little children. We do not need to let those forces lie fallow, we need to use them. We need only to apply our own humanity to external social order for a true social pedagogical strength to develop in the education of children. Then, too, that indefinable but very real activity in education that lies in human relationships, in human interactions, will develop between us. If we will only understand what meets us from the personality of the whole person, if we will only understand what mysterious things lie in each person, how individuals can, in their sub- and superconsciousness, grow beyond themselves, then a social pedagogical strength will exist in human interactions. We will so interact with one another that the being of one raises and carries the being of the other. In short, social pedagogical strength flows out of spiritual recognition, not only for the education of children, but for the totality of human life.

[ 70 ] Sehen Sie, die Idee des dreigliedrigen sozialen Organismus ist wahrhaftig nicht aus irgendeinem Programm heraus entstanden wie so viele soziale Ideen. Bei meinem letzten Vortrage, den ich hier in Basel über die soziale Frage halten durfte, habe ich das bereits erwähnt. Die Idee des dreigliedrigen Organismus ist aus einer neuen Geistesrichtung heraus entstanden, aus einer Geistesrichtung, die auf der einen Seite der gegenwärtigen Menschheit noch sehr wenig sympathisch ist, nach der sie sich aber, ich möchte sagen mit allen ihren unterbewußten Sehnsüchten und Trieben gerade sehnt und danach lechzt. Denn viel mehr, als die Menschen das in ihrem Bewußtsein glauben, haben sie in ihrem Unterbewußten die Sehnsucht nach dem Geistigen. Wir sehen heute, wie in allen möglichen Formeln und Formen und Forderungen sich dasjenige kleidet, was die Menschen sozial wollen. Wenn man dasjenige angreifen will, was die Menschen uns aus gutgemeinten Willenskräften heraus, aus richtigen, berechtigten Bedürfnissen heraus als soziale Forderungen entgegentragen, so kann man es in der Regel doch nicht erfassen, nicht so erfassen, daß daraus eine wirklich aufbauende Arbeit entstehen könnte.

[ 70 ] You see, the idea of the threefold social organism does not, in truth, come from some program, like so many social ideas. It comes from a new spiritual direction for which, on the one side, modern people have only very little sympathy. But, on the other side, they yearn for it with all of their subconscious desires and instincts. They thirst for it. Much more than people consciously believe, they carry in their subconscious a thirst for the spiritual. Today we see that people clothe their social desires in all sorts of formulas, forms and demands. What is characteristic about them, if you look at what meets us from people’s well-meaning will forces, from correct rightful needs, is that they cannot generally be understood. They cannot be so understood that genuinely constructive activity could arise from them.

[ 71 ] Das ist geradezu charakteristisch, und es ist sehr merkwürdig, wie auch diejenigen Menschen, die jahrzehntelang an Ideen, an Programmen gearbeitet haben für einen sozialen Aufbau, wie diese all ihr Denken, all dasjenige, was sie aus ihrem Geistesleben heraus gearbeitet haben, heute versagend finden.

[ 71 ] This is quite characteristic, and it is very remarkable the way those people who have worked for years on ideas and programs for social reform, the way all their thinking, everything they have derived from their spiritual life, fails.

[ 72 ] Es ging neulich durch die Zeitungen ein Brief eines bekannten Sozialrevolutionärs, der es durch Jahrzehnte war, Kropotkin, ein Brief an Georg Brandes, worinnen er die trostlosen Verhältnisse des europäischen Ostens darlegt, worin er in seiner Art die ganze europäische Situation schildert und worinnen er zuletzt schreibt: Ja, das einzige, auf das wir hoffen können, ist, daß man uns Brot und Werkzeuge gibt, um Brot zu erzeugen.

[ 72 ] Recently a letter from a well-known social revolutionary appeared in the newspapers, a letter from Kropotkin to George Brandes. In it Kropotkin describes the bleak situation in eastern Europe. In his way, he really describes the whole European situation, and concludes, “Yes, the only thing we can hope for is that we are given bread and tools to produce bread.”

[ 73 ] Dahin ist nun ein Sozialrevolutionär gekommen, der Jahrzehnte hindurch nachdenkt, nachzudenken versuchte, wie die Welt zu gestalten ist, damit die Werkzeuge in der richtigen Weise herbeigeschafft werden können, die Brot erzeugen sollen, damit das Brot so erzeugt wird, daß die Menschheit wirklich ernährt werden kann. Zuletzt ist der abstrakte Schrei nach Brot und Werkzeugen entstanden! - Unglaube an die abstrakte Geistigkeit, an seine eigene bisherige Geistigkeit!

[ 73 ] You see a social revolutionary, who has for years attempted to think about his ideas, has come so far as to state that the world is to be organized so that the tools to produce bread shall be properly provided, so that people can be fed. In the end, only an abstract cry for bread and tools results! Disbelief in abstract spirituality, in his own spirituality!

[ 74 ] Man wird durchschauen müssen, daß das moderne Leben in dem Schrei nach Brot ja auch nichts anderes hat als den Schrei nach Geistigkeit; denn nur aus einem Ergreifen des wirklichen Geistes können diejenigen sozialen Wollenskräfte kommen, welche in der richtigen Weise Werkzeuge und Broterzeugung in das Leben hineinstellen.

[ 74 ] We have to see through the cry for bread, to see that it is nothing other than a modern cry for the spirit. Only out of an understanding of the true spirit can come the social strength of will that can properly provide tools for bread production.

[ 75 ] Es handelt sich nicht darum, heute nach Programmen zu schreien, sondern es handelt sich darum, in der richtigen Weise sich an die menschlichen Anlagen, an die menschliche Berätigungskraft zu wenden. Das heißt aber, den Menschen in der richtigen Weise zu erkennen, damit er an den richtigen Ort im Leben gestellt werde und in der fruchtbarsten Weise für Ernährung der Familie, für das ganze Leben seiner Mitmenschen wirken könne.

[ 75 ] The point is not to cry for programs, but to turn rightly to human faculties, to turn to the strength of human activity. That means to correctly understand people, so that they find their proper place in life and can work in the most efficient way to feed their families, to work for the whole life of their fellow human beings.

[ 76 ] Zu einer Menschheitsfrage im umfassendsten Sinne müssen wir die soziale Frage machen. Eher wird in ihr kein Heil sein. Erst, wenn wir erkennen, daß wir die soziale Frage nur dann ganz haben, wenn wir aus ihr den Geist heraus empfinden, erst dann kann für diese soziale Frage Heil kommen. Aus einer neuen Geistesrichtung ist dasjenige entstanden, was wir insbesondere für die Dreigliederung des sozialen Organismus anstreben aus der Erkenntnis heraus. Die Forderungen, die uns heute, trotzdem sie berechtigt sind, so nebulos entgegentreten, sie haben unterbewußt eine Berechtigung, denn in diesen Forderungen lebt unbewußt auch schon die Sehnsucht nach dieser neuen Geistigkeit. Und in alledem, was man als dekadente Erscheinungen kennt in dem Streben nach Geist, drückt sich nur das, ich möchte sagen noch ungeschickte Hinstreben der Menschen nach dem Geiste aus. Gewiß, es ist eine der dekadentesten Erscheinungen das Anschauen des Geistes auf die Weise, wie es zum Beispiel im Spiritismus oder in falschen mystischen Richtungen gepflogen wird. Denn diese dekadenten Richtungen sind hervorgegangen aus einer jahrhunderte-, ja man könnte in diesem Falle sagen jahrtausendealten Erziehung, durch die der Mensch nicht gelernt hat, in der Wirklichkeit selber den Geist zu suchen, in der Wirklichkeit, der er angehört. In abstrakte Höhen ist das Streben nach dem Geiste dadurch hinaufgetragen worden, daß nur dogmatische Monopole sich dieses geistigen Strebens bemächtigen wollen.

[ 76 ] We must make the social question a question of humanity in the broadest sense. Otherwise, no good will come of it. It is possible to improve things when we recognize that the social question is complete only when we perceive it out of the spirit. What we strive for in the threefolding of the social organism arises out of a new spiritual direction, out of a recognition of the demands that are so nebulous today. Although they are correct, they are nonetheless nebulous. What we strive for arises out of the recognition that an unconscious longing for this new spirituality lives in these demands. Everything we recognize as decadence in the striving for spirituality is an expression of people’s still clumsy search for the spirit. Certainly, one of the most decadent forms of this search is spiritism, or false mystical paths. This decadent direction has come out of centuries, we can even say in this case millennia, of education through which people have not learned to search for the spirit in reality itself, in the reality to which they belong. The striving toward spirituality has been carried to such abstract heights because dogmatic monopolies wanted to usurp it.

[ 77 ] Die hier gemeinte Geisteswissenschaft will geltend machen, daß dieselben Kräfte, die äußerlich die Natur ergreifen können, auch in das geistige Leben eindringen können, wenn sie sich weiter entwikkeln, so wie ich es heute wieder geschildert habe. Dann wird man nicht nach einem abstrakten Geiste streben, nach einem Geiste, der, ich möchte sagen nur zur Befriedigung des menschlichen Bewußtseins in Gastrollen erfaßt werden soll, sondern nach einem solchen Geiste, der in der Wirklichkeit drinnen ist, der mit dem materiellen Leben eines ist. Denn nicht dadurch erkennen wir den Geist, daß wir die Materie als bloße Materie anschauen und sagen: «Aber das ist Ja bloße Materie, der Geist ist irgendwo anders.» — Nein, denn wer den Geist sucht durch abstrakte Formulierungen und meint, er sei nur auf dem Wege des Spiritismus zu suchen, ich möchte sagen in den Ecken des Lebens, der hat noch keine richtige menschliche Beziehung zu dem Geiste hergestellt.

[ 77 ] Spiritual science wants to prove that the same powers that can grasp external nature, if we develop them further as I described today, can also penetrate spiritual life. Then people will not strive toward an abstract spirit, toward a spirit created for the occasional gratification of human consciousness, but toward a spirit that is in reality, that is ome with material life. We do not recognize the spirit when we look at matter simply as matter, and say that it is only matter and the spirit is somewhere else. No. Those who seek the spirit through abstract formulations and think they should seek it along the path of spiritism, for instance, in the dark corners of life, have not yet achieved the correct human relationship to the spirit.

[ 78 ] Eine richtige menschliche Beziehung zu dem geistigen Leben haben wir nur dann hergestellt, wenn wir nach einem solchen Geiste gehen, der in dem, was wir um uns herum in der Natur und insbesondere im Menschenleben selbst - in der Jugend, im späteren sozialen Zusammenhang, in alle dem, was da äußerlich, sogar im ökonomischen Leben um uns herum ist — erblicken, den Geist walten wissen, aber so suchen, daß wir uns mit dem Geisteswalten verbinden. Eine richtige Geistessuche wird nur das sein, wo der Mensch den Geist ergreifen will, indem er den in ihm selbst waltenden Geist liebt und eine Brücke schlägt zwischen der geistigen Wirklichkeit in sich und der geistigen Wirklichkeit in der Welt. Nur durch einen solchen Geist und nur durch das Wissen eines solchen Geistes kann jene sozial-pädagogische Kraft entwickelt werden, die wir wirklich für das Menschenleben schon der Gegenwart, insbesondere aber auch für dasjenige der nächsten Zukunft brauchen.

[ 78 ] We have achieved the proper human relationship to spiritual life only if we seek such a spirit as we can see in nature around us, particularly in human life itself, in the life of children, in social connections. We have achieved the correct relationship when we know that in everything around us, even in economic life, the spirit is active, and when we search in such a way that we connect this spiritual activity to ourselves. A proper seeking of the spirit exists only when people want to understand the spirit, only when they love the spirit that is active in themselves. It exists only when people can form a bridge between the spiritual reality in themselves and the spiritual reality in the world. Only through such a spirit and through the knowledge of such a spirit can we develop the social pedagogical strength that we need for human life now and in the near future.

[ 79 ] Daher kann man immer wiederum nur sagen: Mögen die dunkeln unterbewußten Sehnsüchte, die in menschlichen Herzen, in menschlichen Gemütern leben, hell auflodern im bewußten Leben der Seelen, damit die Menschheit finde gerade in dem Zeitalter, in dem die soziale Frage so brennend geworden ist, die wirkliche geistige Kraft der Welt, mit der sich die geistige Kraft im Innern des Menschen verbinden kann. Denn aus diesem Bunde zwischen Weltengeist und Menschheitsgeist wird die beste Quelle der sozialpädagogischen Kraft für das menschliche Leben erfließen.

[ 79 ] Thus, we can only repeat time and again: May the dark unconscious desires living in human hearts and minds flame up into the conscious life of soul, so that humanity may find, in this age when social concern has become so bright, the true spiritual power of the world with which inner spiritual powers of humans can connect. Out of this union between the World Spirit and the human spirit will flow the best source of social pedagogical strength for human life.

[ 80 ] Kurze Diskussion mit Fragenbeantwortung

[ 80 ] After a short discussion, Dr. Steiner concluded with the following:

[ 81 ] Herr Wachter: [...] Wie es mir scheint, hatte Herr Dr. Steiner ganz richtig erwähnt, daß in unserer [Zeit] Naturwissenschaft, Philosophie, Religion und man darf sogar auch sagen die modernen Künste, vollständig versagt haben. (...] Warum haben diese versagt? [...] - Und da glaube ich, daß der Hauptgrund des Versagens darinnen liegt, weil man eben die Naturwissenschaft, die Religion und die Künste in Abstraktum behandelt. Man hat die Religion wegen der Religion behandelt; man hat die Naturwissenschaft der Naturwissenschaft zuliebe getrieben; man hat Pädagogik betrieben, nicht um die Kinder zu erziehen, nein, man hat die Kinder gequält der Pädagogik zuliebe. Hat man die Künste getrieben, um den Menschen das Leben zu verschönen? Nein, man hat die Künste getrieben gewissermaßen als kuriose Gedankenspiele, einfach der Kunst zuliebe. Und darinnen liegt, glaube ich, der Denkfehler, der beseitigt werden muß. Man müßte Religion ins Leben tragen, Naturwissenschaft anwenden im Leben und darinnen den Zweck der Naturwissenschaft sehen, daß man sie im Leben eben verwendet; den Schwerpunkt gerade darauf richtet, daß man die Kunst im Leben drinnen sieht, nicht vom Leben loslöst. Aber es ist deshalb absolut nicht notwendig, daß man diese Sachen alle wegschmeißt und sagt: «Sie bedeuten an sich nichts...». Denn eine falsche Anwendung der Sache beweist noch lange nicht, daß die Sache nichts wert ist. [...] Und ich glaube, daß gerade die Geisteswissenschaft, wie sie Herr Dr. Steiner in seinem Vortrag gebracht hat, dazu beitragen und in dieser Richtung sehr Gutes wirken kann, indem sie den Menschen zeigt: Ihr müßt Leben in die Sachen hineinbringen, und die Sachen nicht abstrakt bringen.

[ 81 ] Not translated

[ 82 ] Rudolf Steiner: Was der verehrte Vorredner gesagt hat, erfordert ja von meiner Seite aus nicht ein weiteres Eingehen, denn das war ja nur der Hinweis auf einen besonderen Punkt, und zwar in einem Sinne, mit dem ich durchaus einverstanden sein kann.

[ 82 ] Not translated

[ 83 ] Selbstverständlich wird gerade derjenige, der im Sinne der von mir hier gemeinten Geisteswissenschaft spricht, nicht der Ansicht sein, daß man dasjenige, was in der neueren Zeit hervorgetreten ist als Naturwissenschaft, als Philosophie, oder - ich bin vollständig einverstanden mit dem, was Herr Wachter gesagt hat — auch in bezug auf die Künste, daß man das wegzuschmeißen habe aus dem Grunde, weil es in der Tat zu jenem Abwege geführt hat, von dem Herr Wachter gesprochen hat. Aber das soll gerade das Wesen der hier gemeinten Geisteswissenschaft sein, daß alle diese, durch gewisse naturwissenschaftlich notwendigen Voraussetzungen des Lebens der letzten Jahrhunderte einseitig gewordenen menschlichen Betätigungen ihre Finseitigkeit aufgeben und in eine allgemeine Strömung des umfassenden Lebens einmünden.

[ 83 ] Now, of course, those who speak out of spiritual science will not be of the opinion that what has come forth recently as science, philosophy or art needs to be thrown away simply because it has led to the false path mentioned by the previous speaker. However, the essence of spiritual science should be that the one-sided human activities that arose in the last centuries out of modern scientific assumptions should give up their one-sidedness and merge into a general stream of all-encompassing life.

[ 84 ] Sie werden ja, wenn Sie verfolgen, wie ich nicht nur geisteswissenschaftliche Bücher geschrieben habe, sondern zum Beispiel den Werdegang der Philosophie in meinem Buch «Die Rätsel der Philosophie» beschrieben habe, wie ich versucht habe, das Wesen der Künste zu deuten, und was ich versuche jetzt in Dornach draußen in dem Bau, der als Goetheanum, als Hochschule für Geisteswissenschaft, auch in bezug auf seine äußere Ausgestaltung ein Repräsentant der hier gemeinten Geisteswissenschaft sein soll wenn Sie das verfolgen, werden Sie nicht von mir voraussetzen, daß ich irgendwie gegen dasjenige bin, was in Naturwissenschaft, in Philosophie, in den Künsten in der neueren Zeit hervorgetreten ist, sofern man es in seinen berechtigten Grenzen auftreten lassen will. Ja, ich möchte sagen, mir erscheint sogar die Einseitigkeit, die auf diesen Gebieten zutage getreten ist, wie etwas Notwendiges. Das Leben entwickelt sich in Gegensätzen. Und so können wir, wenn wir Geschichte innerlich betrachten, sehen, wie immer solche Perioden, in denen gewisse Betätigungen einseitige werden, abwechseln mit denjenigen Perioden, in denen diese Betätigungen wiederum einmünden in eine gewisse universelle, dem Leben entsprechende, dem Leben gerecht werdende Betätigung.

[ 84 ] You will not expect that I am in any way against what science, philosophy or the arts have generated within their rightful boundaries, if you follow not only my spiritual scientific books but also, for example, my description of the progress of philosophy in The Riddles of Philosophy. If you look at the way I have interpreted the essence of art—the Goetheanum in Dornach that houses the School for Spiritual Science, which, in its external appearance, attempts to represent spiritual science—you will not see an opposition to the modern developments in science, philosophy or art, to the extent that they occur within their proper limits. The one-sidedness that has come forth in these areas seems to me even to be something necessary. Life develops in contradictions, even polar contradictions. Thus, if we introspectively consider history, we can see that periods when certain activities were one-sided alternate with periods when these activities flow into a certain universal, consonant, harmonious life activity.

[ 85 ] Also gerade das Fruchtbarmachen naturwissenschaftlicher Anschauungen, das Fruchtbarmachen philosophischer Erwägungen und das Fruchtbarmachen dessen, was in den neueren Kunstrichtungen liegt, das ist dasjenige, was in der Geisteswissenschaft besonders zur Geltung kommen soll.

[ 85 ] However, it is the fructification of modern scientific views, of philosophical considerations and modern artistic trends that spiritual science should particularly accentuate.

[ 86 ] Nehmen wir zum Beispiel - um etwas, was im Vortrage weniger berührt werden konnte, herauszugreifen - manche neuere Kunstrichtungen. Gewiß, man kann über solche neueren Kunstrichtungen leicht spotten. Aber so unvollkommen gewisse Dinge, wie zum Beispiel die, die man heute expressionistische Kunstprodukte nennt, vor unsere Seele treten, so muß man doch sagen: sie sind im Grunde genommen nur die Antwort, nur die noch sehr anfänglichen, manchmal täppischen Versuche, zu etwas zu kommen, das dem Leben wirklich gerecht wird. Wir sind in dem letzten Jahrhundert in eine Art Intellektualität verfallen. Die Intellektualität ist unfruchtbar. Und im sozialen Leben und auch in der Kunst - was ist die Folge gewesen? Die notwendige Folge ist gewesen, daß, weil man sich doch hat künstlerisch betätigen wollen, man in den Naturalismus, in die bloße Nachahmung der Natur verfallen ist.

[ 86 ] Let us take, for example, to use something that I could barely mention in the lecture, many of the more modern trends in art. Certainly, we can easily make fun of such trends in art. But, you see, even though certain things like expressionist art appear incomplete to our souls, nevertheless we must say that they are only a preliminary, often clumsy attempt to come to something that is really in accordance with life. In the last century, we have slipped into a kind of intellectuality. Intellectuality is unfruitful. In social life and in art, what has been the consequence? The necessary consequence has been that although people have wanted to be artistically active, they have slipped into naturalism, into the simple imitation of nature.

[ 87 ] Ja, die bloße Nachahmung der Natur im absoluten Sinne kann niemals Kunst sein, weil, wenn jemand noch so stark nachahmt, was er äußerlich in der Natur sieht, er doch die Natur nie erreichen wird. Es wird, wenn man einen Sinn dafür hat, einem die Natur immer noch besser gefallen, als dasjenige, was die Natur nachahmt.

[ 87 ] The simple imitation of nature can never be art in an absolute sense. I say that not in deference to the art critics, but simply because when someone so strongly imitates what they see in external nature, they will never reach nature. If you have a sense for it, you will always prefer nature over what simply imitates nature.

[ 88 ] Und es ist nun wirklich der Ausdruck - erlauben Sie, daß ich diese triviale Sache anführe — eines empörend schlechten Geschmacks, wenn einem Leute einen Apfel vorführen - ja, es kommt vor, ich habe es schon erlebt - und wenn er ihnen nun besonders in die Augen sticht, schön glänzt und so weiter, daß sie sagen: wie aus Wachs gemacht! Man kann sich nicht etwas empörend Täppischeres denken, als wenn jemand dasjenige, was ihm aus der Natur entgegentritt, mit irgendeinem Kunstprodukte, und sei es einem noch so guten Kunstprodukt vergleicht! Also schon aus dem Grunde, weil die wirkliche Natur doch nicht erreicht werden kann in der Kunst, muß der absolute Naturalismus abgewiesen werden.

[ 88 ] An outrageously inept thing often occurs (you will excuse me if I bring up this trivial example) that is the expression of outrageously bad taste. You show people, let’s say, an apple that you find particularly pleasing, beautifully polished, and so forth. Then, you say, “It’s as though it were made out of wax!” It is impossible to think of something more outrageously inept than when someone compares something from nature with an artificial thing, regardless of how good this artificial thing is! For the simple reason that we can never reach true nature in art, we must reject absolute naturalism.

[ 89 ] Etwas ganz anderes ist es, wenn in expressionistischer Weise verkörpert werden will, was der Mensch über das bloße Naturgemäße hinaus erlebt, und sei es auch zunächst nur ungeschickt verkörpert. Aber um zu erkennen, wie ungeschickte Keime weder überschätzt werden sollen noch auch unterschätzt werden sollen, muß man in der Tat einen offenen Sinn haben für dasjenige, was man heute durch ein Schlagwort vielfach ausdrückt, was aber doch namentlich mit Bezug auf das menschliche Leben nicht richtig verstanden wird.

[ 89 ] It is something quite different if, in the expressionist manner, the artist wants to embody something that people experience beyond what is simply natural—even though the embodiment may be clumsy. However, to recognize that clumsy beginnings should be neither over- nor undervalued, you must be open to what is today often expressed by a slogan, but which, in connection with human life, people do not correctly understand.

[ 90 ] Es mag Ihnen wieder paradox klingen: ich gehöre gewiß zu denjenigen, die Raffael auf das Allerhöchste bewundern. Aber ich möchte behaupten aus meiner Weltauffassung heraus: Heute hat nur der ein Recht, Raffael wirklich zu bewundern, der davon überzeugt ist, daß, wenn heute einer so malen würde wie Raffael, genauso malen würde, wie Raffael gemalt hat, das unzeitgemäß und unmöglich sein würde. Es würde keine Kunst sein, zu der wir uns heute als zeitgenössische Kunst bekennen könnten. Es mag paradox klingen. Aber was im Laufe der Menschheitsentwicklung erscheint, gehört zu der betreffenden Phase der Menschheitsentwicklung hinzu. Man muß es mit der Entwicklung wirklich ernst meinen. Und so ist dasjenige, was sich namentlich seit der Mitte des 15. Jahrhunderts an Naturwissenschaft, Philosophie, an Künsten entwickelt hat, es ist als, ich möchte sagen Erziehungsimpuls der sich entwickelnden Menschheit vollberechtigt gewesen, aber es ist heute in einem Stadium angelangt, in dem der andere Pol angestrebt werden muß. Wir mußten als Menschheit eine Weile durch die einseitige Naturwissenschaft gehen, damit wir, indem wir die Gedanken dieser Naturwissenschaft aufnehmen, in uns zu der Seelenstimmung kommen, die gerade dadurch hervorgerufen wird, daß man die Ohnmacht dieser bloßen naturwissenschaftlichen Gedanken bemerkt.

[ 90 ] The following may sound like a paradox. I certainly belong among those who have the highest admiration for Raphael. However, from my point of view the only people who have a right to admire Raphael are those who are convinced that if someone today were to paint just as Raphael painted, it would be impossible and inconsistent with modern times. It would not be art that we could accept today as contemporary art. This may sound paradoxical. However, what has occurred during human development belongs to its particular stage. You must really take this whole idea of development seriously. What developed since the middle of the fifteenth century in science, philosophy and art is completely justifiable as an educational impulse in developing humanity. However, human development has today reached a stage where it must strive for the other pole. As humans, we needed to go through a one-sided science for a time. We needed to absorb the thoughts of this science, to come to a mood of soul brought about by our noticing the powerlessness of these scientific thoughts.

[ 91 ] Diese Ohnmacht, die ruft im lebendigen Seelenleben die Gegenkraft hervor: die Gegenkraft nach Geisteserkenntnis, nach Geistesanschauung.

[ 91 ] This powerlessness calls forth a counterforce in the active soul life, the counterforce toward spiritual recognition, toward a spiritual viewpoint.

[ 92 ] Wenn man es mit dem Lessingschen Gedanken ernst nimmt, daß die Geschichte eine Erziehung des Menschengeschlechtes ist, dann kommt man gerade mit solchen Dingen am besten zurecht. Und so möchte ich in einem Schlußworte darauf hinweisen, daß man ja in der Tat heute noch bestimmte Gebiete hat, in denen es einem die Vorurteile des Menschen gestatten, wirklich dasjenige, was Geisteswissenschaft bietet, überzuführen in unmittelbares Sozial-Pädagogisches, das heißt überhaupt in äußere Wirklichkeitsanschauung.

[ 92 ] If you take Lessing’s thoughts earnestly, that history is an education of humanity, then you can best come to grips with such things. Thus, today in certain areas people’s prejudices allow what spiritual science has to offer to enter directly into social pedagogy, that is, into external reality.

[ 93 ] Uns ist es möglich geworden, in dem Dornacher Bau äußerlich künstlerisch zur Anschauung zu bringen, in Formen auszudrücken, was uns innerlich belebt. Und es konnte - ich darf das ja wohl hier erwähnen - in der allerletzten Zeit wirklich der Versuch auf pädagogischem Gebiete gemacht werden, eine Schule zu begründen. In Stuttgart hat sich unser Freund Emil Molt gefunden, der — auch darüber haben sich die Leute ja in Hohn ergossen - an ein modernes Industrieunternehmen, an die Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik in Stuttgart, die Begründung der Waldorfschule angegliedert, angeknüpft hat, eine Einheitsvolksschule, die nun ganz auf dasjenige aufgebaut sein soll, was für die pädagogische Entwicklung aus der Erfassung der Geistesanschauung, wie sie hier gemeint ist, erfolgen kann. Und ich muß sagen, es gehört zu dem Schönsten, was ich mir als Aufgabe setzen durfte, daß ich den pädagogischen Kurs für die Lehrerschaft dieser Waldorfschule halten konnte. In diesem Kurs konnte eine Pädagogik begründet werden, die nun auch wirklich seit dem 7. September, seitdem diese Schule begründet ist, von diesen Menschen unmittelbar im Schulleben angewendet wird, eine Pädagogik, die nicht dazu da sein will, Normen zu verwirklichen, von denen man sich vorstellt, daß sie den Menschen dressieren sollen, sondern eine Pädagogik, die aus einer wirklichen Erkenntnis des ganzen Menschen, das heißt des leiblichen, seelischen und geistigen Menschen, hervorgegangen ist, so daß es der Lehrer auf der anderen Seite tatsächlich schwerer hat als mit einer bloßen Normpädagogik.

[ 93 ] It has been possible to make artistically visible in the Dornach building what moves us inwardly, to express in forms what moves us inwardly. I might also mention that only very recently has it been possible to attempt to found a school upon real pedagogy. Our friend Emil Molt integrated the founding of the Waldorf School in Stuttgart into a modern industrial undertaking (people are beside themselves in ridicule over this), into the Waldorf cigarette factory in Stuttgart. Here we can now build a unified elementary school upon what can result for pedagogy from an understanding of the spiritual point of view. I held the pedagogical seminar for the faculty of the Waldorf School, and I must say that this belongs among the most beautiful of things I could imagine as a task for myself. There, a pedagogy was founded that does not exist to fulfill norms imagined as necessary to train people, but rather a pedagogy that results from a true understanding of the whole person, that is, the body, soul and spirit of human beings. This is a pedagogy that paradoxically makes life more difficult for the teacher than it would be with simple, normative education.

[ 94 ] Wer einer Normpädagogik anhängt, Programme prägt, die gewisse Erziehungsgrundsätze geben, nun, der weiß, wie man unterrichtet. Derjenige aber, der aus dem unmittelbaren Leben heraus unterrichten soll, der kann, ich möchte sagen nur die Impulse bekommen, um zu beobachten, was sich von Jahr zu Jahr, von Woche zu Woche, von Monat zu Monat in dem werdenden Menschen wirklich ergibt. Da muß man fortwährend, wenn es auch eine noch so große Klasse wäre, in lebendigem Verkehre sein, da muß man Verständnis dafür haben, was es heißt, nicht aus dem Gedächtnis heraus eine eingelernte Pädagogik zu üben, sondern in jedem Momente dem lebendigen Menschen gegenüber die individuelle Methode neu zu erfinden, die man gerade diesem lebendigen Menschen gegenüber anzuwenden hat.

[ 94 ] Those who believe in standardized education, who preach programs, who give educational principles, know how to instruct. However, those who teach directly from life can only receive impulses to observe what really occurs in the developing human being, from year to year, from week to week, from month to month. Even though it may be a large class, you must continuously be in living interactions. You must understand what it means not to practice a learned pedagogy from memory, but to invent at each moment the individual methods that this child needs.

[ 95 ] Dasjenige, was im Leben wirken soll, darf nicht auf dem Gedächtnis, nicht auf der Gewohnheit beruhen. Was uns ins Gedächtnis eingeht und was wir gedächtnismäßig üben in unserer menschlichen Betätigung, was wir aus der Gewohnheit heraus üben, das wird unter allen Umständen zu etwas wie einer strohernen Schablone. Dasjenige, was aus dem Geistesleben hervorgeht, das kann niemals zu einer strohernen Schablone werden!

[ 95 ] What is effective in life cannot be based in memory or in habit. What we have in our memory, what we practice from memory in our human activities, what we practice out of habit is something that in all cases is simply a cliché. What results from spiritual life can never be a cliché!

[ 96 ] Es hat Zeiten gegeben, gibt es bestimmt noch, in denen ich dasselbe Thema Woche für Woche hindurch vorgetragen habe. Ich glaube nicht, daß man mir nachsagen kann, daß ich einen einzigen Vortrag zweimal gehalten habe, daß ich jemals über dasselbe Thema zweimal hintereinander genau gleich gesprochen habe, weil es sich, wenn es sich um das Sprechen aus dem Geiste heraus handelt, um das unmittelbar augenblickliche Produzieren handelt, weil es gar nicht möglich ist, dasjenige, was aus dem Geiste heraus produziert wird, im gewöhnlichen Sinne dem Gedächtnismäßigen anzuvertrauen, weil das in unmittelbarem Leben sich fortwährend entwickeln muß. Wer aus dem Geist heraus wirkt, dem ist das bloße gedächtnismäßige Aufbewahren irgendeines geistigen Wissens ungefähr so, wie wenn einer sagen würde: Ich esse heute nicht, denn ich habe ja vorgestern gegessen. Warum soll ich heute wieder essen? Mein Leib wird sich schon auf Grund dessen aufbauen, was ich vorgestern gegessen habe. — Ja, unser physischer Organismus ist in der fortwährenden Lage, daß er sich immer erneuert. Dem muß auch der Geist Rechnung tragen. In diesem lebendigen Leben muß auch der Geist drinnenstehen. Der wirkliche Geist muß jederzeit ein Schaffendes sein. So muß auch eine vom Geiste getragene Pädagogik eine fortwährend schaffende Kunst sein.

[ 96 ] There have been times, and probably still will be, when I have lectured on the same theme week after week. I do not think anyone can say I have ever spoken about the same theme in exactly the same way. When you speak from the spirit, your concern is to create something immediate. It is not at all possible in the normal sense to memorize what comes from the spirit, because it must continuously develop in direct contact with life. For those who are active out of the spirit, the simple memorization of spiritual knowledge is about the same as if someone were to say, “I am not going to eat today because I ate yesterday; why should I eat again today? My body will continue simply on the basis of what I ate yesterday.” Yes, our physical organism is such that it continuously renews itself. This is also true for the spirit. The spirit must also be within this vigorous life. The true spirit must at all times be a creator. In the same way, education carried by the spirit must be a continuously creative art.

[ 97 ] Nicht eher wird Segen namentlich in das Volksschulwesen hineinkommen, aber auch in das andere Schulwesen Heil hineinkommen, bis die Pädagogik eine fortwährend lebendig schaffende Kunst wird, die von wirklicher Liebe und von jenen Imponderabilien getragen wird, von denen ich heute morgen gesprochen habe.

[ 97 ] There will be no blessing upon our elementary schools, and there will also be no healing in our school systems, until education becomes a continuously living, creating art, carried by true love and those intangibles of which I have spoken.

[ 98 ] Und so könnten wiir auf allen Gebieten sehen, wenn wir die Zeit dazu hätten, wie notwendig es ist angesichts der unbewußten und unterbewußten Forderungen der Menschheit in der heutigen Gegenwart -, und in der nächsten Zukunft wird es noch notwendiger sein aus demjenigen, was man zu einem bequemen ProgrammWirken im Geiste machen möchte, überzugehen zu einem wirklichen, produktiven Erleben des Geistigen.

[ 98 ] We can see in all areas how necessary it is in the face of the unconscious and subconscious demands of modern humanity (and in the near future it will be even more necessary) to take what people wish to make into a comfortable intellectual program and go from that to a truly productive experience of the spirit.

[ 99 ] Das wird weniger bequem zu erlangen sein als manches, was man heute Geistesleben nennt. Aber das wird eine sozial-pädagogische Kraft sein, wie wir sie brauchen.

[ 99 ] This will be much less comfortably achieved than a great deal of what people today call spiritual life.

[ 100 ] Und wenn es auf der einen Seite auch wahr ist, daß heute die Menschheit, nachdem sie sich so lange Jahre naturwissenschaftlicher Denkweise hingegeben hat, direkt aus ihren innersten Seelenbedürfnissen heraus verlangt nach einer unmittelbaren Geisterkenntnis, so ist es auf der anderen Seite wahr, daß die sozialen Forderungen nach einer geistigen Vertiefung schreien und daß, was den Gegenstand meines heutigen Themas bildete - «Geisteswissenschaft als sozial-pädagogische Kraft» -, nicht etwas ist, was in einer willkürlichen Weise als Vortragsthema gedacht ist, sondern was abgelauscht ist dem, was die menschliche Entwicklung eigentlich aus der Gegenwart heraus sagt.

[ 100 ] However, this will become the social pedagogical force that we need. On the one hand, it is true that after so many years of devotion to scientific thinking the innermost souls of modern people long for a direct recognition of the spirit. It is on the other hand true that social demands cry for a spiritual deepening. It is true that the subject of my lecture is not something thought of haphazardly, but something heard from contemporary human development. However, you must first educate yourselves to it and connect yourselves with it.

[ 101 ] Aber man muß sich dazu auch erst heranerziehen und heranbändigen. Ich möchte da zum Schlusse doch noch auf etwas hinweisen, was der Gegenwart ganz besonders notwendig ist, weil heute jeder meint, aus den subjektivistischen Willensmeinungen heraus könne irgendein fruchtbares philosophisches Leben entstehen; ich möchte an einem Beispiele hinweisen auf die Art und Weise, wie heute Fragen erfaßt werden müssen.

[ 101 ] In conclusion, I would like to point out one other thing that is particularly necessary now. Because everyone thinks that some fruitful philosophical life can result from subjective opinions, we must indicate how to understand questions today. I want to do that with an example.

[ 102 ] In einer süddeutschen Stadt - heute ist sie keine deutsche Stadt mehr - habe ich vor vielen Jahren einen Vortrag gehalten, in dem ich gesprochen habe über die «Weisheitslehren des Christentums». Da waren auch zwei Geistliche drinnen im Vortrag. Weil gerade in jenem Vortrage nichts vorgekommen ist, wogegen sie sich inhaltlich wenden konnten, so traten sie nach dem Vortrag an mich heran und sagten: Gegen den Inhalt desjenigen, was Sie heute gesagt haben, haben wir gar nichts einzuwenden; aber daß Sie für Leute sprechen, die sich in diese Vorstellungsart hineinfinden, aus der heraus Sie sprachen, während wir für alle Menschen sprechen, das hätten wir doch zu der Sache zu sagen. - So sagten sie. - Ich sprach sie natürlich mit dem ihnen gebührenden Titel an. Artig muß man immer sein. Ich sagte: Sehen Sie, daß Sie glauben, Hochwürden, Sie sprechen für alle Menschen, das finde ich natürlich und selbstverständlich, denn das liegt subjektiv nahe. Aber ob Sie glauben, sch spreche [nicht] für alle Menschen, das entscheidet gar nichts, insbesondere in der Gegenwart nicht, wo so sehr das einzelne Menschenleben drinnensteht in der sozialen Gesamtheit. Heute müssen wir lernen, uns unsere Aufgaben nicht durch unsere subjektive Willkür stellen zu lassen, sondern sie individuell aus der Objektivität und den objektiven Tatsachen zu entwickeln. Und da frage ich Sie, Hochwürden, wenn Sie nun auch meinen, für alle Menschen zu sprechen, beobachten Sie die Tatsache: Gehen alle Menschen noch zu Ihnen in die Predigt? - Da konnten sie nicht «Ja» sagen! - Ja, sehen Sie, so sprechen die Tatsachen! Ich sagte ihnen, daß das nicht richtig ist, denn: für diejenigen, die nicht zu Ihnen in die Predigt gehen, für die spreche ich, für die, die heute nicht mehr zu Ihnen in die Predigt gehen. — Das ist dasjenige, was heute die Tatsachen lehren.

[ 102 ] Many years ago I held a lecture in a southern German city in which I spoke about the Christian saints. There were two priests at the lecture. Since they could say nothing against the content of the lecture, they came to me and said, “We don't have anything to say against the content of what you said today. However, we do want to say something about the fact that you claim to speak for people whose path leads them to your way of thinking. We, however, speak for all people.” This is what they said. I, of course, addressed them with their proper title. You must always be polite. I said, “You see, Reverend, you believe that you speak for all people. I find that natural and reasonable since, subjectively, that is the case. However, whether I speak, or whether you believe that you speak, for all people doesn't mean anything, particularly not in the present when individual human lives exist so much in the whole of society. Today we must learn not to define our tasks by subjective arbitrariness, but to develop them individually out of objectivity and objective facts. And so I ask you, Reverend, if you think that you speak for all people, then look at the facts. Does everyone go to church?” There they could not say yes! You see, thus speak the facts. I then said to them, “I speak for those who no longer come to you in the church.” That is what the facts teach us today.

[ 103 ] Nicht nur auf einen Einwand hin lehren einen die Dinge, sondern man muß die Tatsachen sehen, wie sie den Einwand machen. Das ist ganz natürlich, daß man sich einbildet, man spreche für alle Menschen. Es handelt sich aber heute darum, daß — während noch aus dem Bewußtsein heraus die große Mehrzahl der Menschen dem widerstrebt, was gemeint ist mit eigentlichen geisteswissenschaftlichen Impulsen - man doch weiß, daß im Unterbewußten sich ankündigt, was wie ein Schrei wirkt auf den, der die Ankündigung verstehen kann: O machet dasjenige, was sich vereinzelt hat nach Philosophie, Naturwissenschaft, nach den Künsten, nach der Religion, nach anderen Kulturzweigen, namentlich nach dem Sozialen, machet das wiederum zu einem Ganzen!

[ 103 ] Things do not merely guide us in the direction of an objection. Rather, we must see the facts as they are and let them form the argument. It is something quite natural that people think that they speak for everyone. What is important today is that (although we can know that the majority of people consciously resist real spiritual scientific impulses) if we can understand the revelation, we can also know that these impulses have the effect of a subconscious cry, “Make whole again what has split into philosophy, science, art, religion and the other areas, especially the social areas, of culture!”

[ 104 ] Aber ein Ganzes kann es nur werden, wenn wir es seinem Geiste nach verfolgen. Dann erst spricht uns aus allen Dingen nicht eine abstrakte, sondern eine konkrete Einheit an von dem wirklichen Geist, den wir in allen einzelnen Erscheinungen finden, wirklicher Geist, der eins ist in allem. Aber weil das Einheitliche ein konkretes Lebendiges ist, kann es nicht erfaßt werden, wenn wir es bloß mit abstrakten Begriffen, mit einer Ideologie umspannen wollen. Wir müssen uns entschließen, den lebendigen Geist zu suchen. Den können wir nur suchen, wenn wir mit einer gewissen intellektuellen Bescheidenheit die Brücke finden zwischen den im menschlichen Inneren schlummernden Kräften, die geistiger Art sind, und dem Geiste, der in der Natur, der im Menschenleben, der im ganzen übrigen Kosmos außer uns lebt. Deshalb möchte ich auch in unserem Schlußwort noch einmal betonen: Dem muß Rechnung getragen werden, daß heute in den Tiefen der Menschenseele die Sehnsucht lebt, den Geist im Menschen mit dem Geist der Welt zu verbinden. Und in diesem Bündnisse zwischen Menschengeist und Weltengeist wird die Lösung von vielem liegen, was die Menschheit heute als brennendes Rätsel empfindet.

[ 104 ] However, we can only make these things whole according to their own spirit. Only then do things speak to us not out of the abstract, but out of a concrete unity where the true spirit that we find in all individual things is the one spirit in everything. However, because the unifying spirit is something concretely alive, we cannot understand it by encompassing it with abstract concepts, with ideology. We must resolve to seek the living spirit. We can only seek it, though, if, with a certain intellectual modesty, we find the bridge between the sleeping inner human forces that are of a spiritual nature, and the spirit that lives in nature, in human life, in the whole cosmos. Thus, in concluding, I wish to emphasize once again that we must take into account the longing that lives in the depths of the human soul to bind the human spirit with the Spirit of the World. Much of the solution to humanity’s burning questions lies in this bond between human spirit and World Spirit.

[ 105 ] Ich will nicht etwa den Glauben erwecken, daß man jedes Rätsel lösen kann. Aber die Menschheit ist auf dem Wege, Rätsel, die ihr immer aufgegeben werden, teilweise zu lösen. Und gerade in diesem Teilweise-Lösen liegt der wahre Menschheitsfortschritt, indem man erkennt, wie Geist in allen Dingen lebt, wie dieser Geist uns leuchten kann, wenn wir den Geist in uns selbst erwecken. In dieser Erkenntnis leben die größten, leben auch die bedeutsamsten sozialen Aufgaben der Gegenwart, und es wird heilsam sein, wenn die Erkenntnis davon sich in immer weitere und weitere Kreise verbreitet.

[ 105 ] I do not want to arouse the belief that we can solve every problem. However, humanity is on the path to a partial resolution of riddles that have always been presented to it. In this partial resolution lies true human progress in that we recognize how the spirit lives in everything, and how this spirit can light the way if we awaken the spirit in ourselves. The greatest, most important contemporary social tasks live in this recognition, and it will lead to healing when wider and wider circles realize this.