The Concept and Practice of Waldorf schools
GA 297
21 May 1920, Aarau
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The Concept and Practice of Waldorf schools, tr. SOL
7. Gemeinschaft vom Gesichtspunkt der Geisteswissenschaft
7. Community from the Perspective of Spiritual Science
[ 1 ] Große Menschheitsfragen 1Die Niederschrift dieses Vortrages fand sich im Bundesarchiv Bern unter den Akten zum Einbürgerungsgesuch Rudolf Steiners. Es ist zu vermuten, daß er im Auftrag der Schweizerischen Bundesanwaltschaft von einem Manne namens von Bircher mitgeschrieben wurde. stehen vor der Türe. Eine Antwort auf diese will die geisteswissenschaftliche Richtung geben, deren äußerer Repräsentant der bekannte Bau in Dornach ist. Ich will hier sprechen von dem, was als pädagogische und soziale Konsequenzen aus jener anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft sich ergeben. Vorher möchte ich in großen Zügen das Wesen der ganzen geisteswissenschaftlichen Richtung charakterisieren. Bei dieser handelt es sich nicht um etwas, das außerhalb des Menschen gesucht wird, das durch Experimente der Menschheit vorgeführt werden könnte, sondern um eine innerlichste Menschheitsangelegenheit, die aber hofft, ins Allerpraktischste sich umsetzen zu können. Die Geisteswissenschaft will die Grundlagen aller bisherigen Weltanschauungen nicht stürzen, sondern ihnen etwas Neues beifügen: Die Anschauung eines wirklichen geistigen Lebens über das naturwissenschaftliche Erleben hinaus, die Erkenntnis der geistigseelischen Art des Menschen.
[ 1 ] Great Questions of Humanity 1The transcript of this lecture was found in the Federal Archives in Bern among the files pertaining to Rudolf Steiner’s application for naturalization. It may be assumed that it was transcribed on behalf of the Swiss Federal Prosecutor’s Office by a man named von Bircher. are knocking at the door. The Spiritual Science movement, whose outward manifestation is the well-known building in Dornach, seeks to provide an answer to these questions. I wish to speak here about the educational and social implications that arise from this anthroposophically oriented Spiritual Science. First, I would like to outline the essence of the entire Spiritual Science movement. This is not something sought outside of the human being, something that could be demonstrated through human experimentation, but rather a matter of the innermost human experience—one that nevertheless hopes to be translated into the most practical of applications. Spiritual Science does not seek to overturn the foundations of all previous worldviews, but rather to add something new to them: the vision of a real spiritual life beyond the experience of the natural sciences, and the recognition of the spiritual-soul nature of the human being.
[ 2 ] Seit drei bis vier Jahrhunderten haben die Grundvorstellungen naturwissenschaftlicher Denkweise unsere Anschauungen beherrscht. Zu diesen steht die Geisteswissenschaft nicht im Gegensatz. Sie anerkennt die großen Triumphe der naturwissenschaftlichen Weltanschauung, will aber naturwissenschaftlicher sein als diese selber, sie will nicht zurückweichen vor den sogenannten Grenzen menschlicher Erkenntnis, sondern zur wahren Erkenntnis des Menschen gelangen. Wenn man bisher gesagt hat, wo der Supranaturalismus beginne, höre die Wissenschaft auf, so will die Geisteswissenschaft eben auch auf diesem Gebiete wissenschaftlich arbeiten. Um zu diesem Ziele zu gelangen, muß sie sich zunächst auf den Standpunkt der intellektuellen Bescheidenheit stellen. Ein Vergleich: Wenn man einem fünfjährigen Kinde einen Band lyrischer Gedichte in die Hand gibt, spielt es mit ihm, zerreißt ihn, Nach zehn bis zwölf Jahren wird es den Band sinngemäß zu verwenden imstande sein. An diese im fünfjährigen Kinde schlummernden Entwicklungsmöglichkeiten müssen wir glauben.
[ 2 ] For three to four centuries, the fundamental concepts of scientific thinking have dominated our views. Spiritual Science does not stand in opposition to these. It acknowledges the great triumphs of the scientific worldview, but seeks to be more scientific than the scientific worldview itself; it does not wish to retreat before the so-called limits of human knowledge, but rather to attain true knowledge of the human being. Whereas it has been said until now that science ends where supernaturalism begins, Spiritual Science seeks to work scientifically in this very realm as well. To achieve this goal, it must first adopt a stance of intellectual humility. To draw a comparison: if you give a five-year-old child a volume of lyric poetry, the child will play with it and tear it apart; ten to twelve years later, the child will be able to use the volume appropriately. We must believe in these potentials for development that lie dormant within the five-year-old child.
[ 3 ] Der Geistesforscher sagt nun, was in uns liegt, ist nicht abgeschlossen mit dem, was durch Geburt, Vererbung und gewöhnliche Erziehung herausgebildet wurde. Die Kräfte der menschlichen Natur sind noch über das hinaus entwicklungsfähig. Durch innere intime Seelenarbeit gelangt der Mensch ganz allmählich dazu, Fähigkeiten, von denen man im gewöhnlichen Leben und [in der gewöhnlichen] Wissenschaft keine Ahnung hat, aus dem Innern der Seele herausholen zu können. Das Prinzipielle dabei ist, daß der Mensch wirklich ganz methodisch das innerliche Experiment ständig wiederhole, daß er ausdauernd einen leicht zu schauenden Gedanken zum Leitstern seines Bewußtseins mache. Diesen selbstgemachten Gedankeninhalt stellt man in den Mittelpunkt seines Bewußtseins und nimmt alle seelischen Kräfte zusammen, um nichts als diesen Gedankeninhalt sich zum Ziele zu setzen. Grundlage hierzu ist die intellektuelle Bescheidenheit und der Glaube an Entwicklungsmöglichkeit. Nach einer solchen Übung in Geduld machen wir die Erfahrung, daß menschliches Erleben sich losreißt von dem physisch-leiblichen Werkzeug. Man erlangt ein Denkerleben, von dem man weiß, daß es nicht gebunden ist an den menschlichen Leib, daß es verfließt im Geistig-Seelischen. Ein großer Moment ist es, wenn man sich sagen kann: Du lebst im GeistigSeelischen. Man erkennt dann, daß es wirklich höhere geistige Erkenntnisse gibt, die über das Leben zwischen Geburt und Tod hinausgehen. Es wird etwas geschaffen ähnlich dem Erinnerungsvermögen, ein Vorstellungvermögen, ein Leben, das wir vorgeburtliches Leben nennen können. Dieses vorgeburtliche Leben tritt als Erlebnis, als innere Erfahrung vor die Seele. Unsterblichkeit ist nicht mehr etwas, worüber man philosophiert. Die Kräfte, die andere zum Philosophieren verwenden, verwendet der Geistesforscher dazu, um neue Fähigkeiten zu entwickeln, um andere Erlebnisse zu erlangen. Auch das Willensvermögen kann ausgebildet werden. Der Geistesforscher nimmt seinen Entwicklungsgang in die Hand, er sucht an sich selbst Willenszucht auszuüben. Dadurch, daß er sich vornimmt, diese oder jene Gewohnheit sich einzuverleiben, wird der Wille herangezüchtet. Diese Erkenntnis wird vielleicht von vielen aufgenommen, wie zum Beispiel die Erkenntnisse eines Kopernikus, eines Giordano Bruno aufgenommen wurden, als die Menschheit noch an die Grenzen des Firmamentes glaubte.
[ 3 ] The spiritual researcher says that what lies within us is not limited to what has been shaped by birth, heredity, and ordinary upbringing. The powers of human nature are capable of developing even beyond that. Through intimate inner soul work, a person gradually comes to be able to draw from the depths of the soul abilities of which one has no inkling in ordinary life or [in ordinary] science. The fundamental principle here is that a person must truly and methodically repeat this inner experiment over and over, persistently making a clearly visualized thought the guiding star of their consciousness. One places this self-created thought at the center of one’s consciousness and gathers all one’s soul forces to set nothing but this thought as one’s goal. The foundation for this is intellectual humility and faith in the possibility of development. After such an exercise in patience, we experience that human experience breaks free from the physical body. One attains a life of thought that one knows is not bound to the human body, but flows into the spiritual-soul realm. It is a momentous occasion when one can say to oneself: You live in the spiritual-soul realm. One then recognizes that there truly are higher spiritual insights that extend beyond life between birth and death. Something is created similar to the power of memory—a power of imagination, a life that we can call prenatal life. This prenatal life appears before the soul as an experience, as an inner experience. Immortality is no longer merely a subject of philosophical speculation. The spiritual researcher uses the powers that others employ for philosophizing to develop new abilities and to attain different kinds of experiences. The power of the will, too, can be cultivated. The spiritual researcher takes control of his own path of development; he seeks to exercise self-discipline of the will. By resolving to adopt this or that habit, the will is cultivated. This insight may be received by many, just as the insights of a Copernicus or a Giordano Bruno were received when humanity still believed in the limits of the firmament.
[ 4 ] Wer selbst zum Geistesforscher wird, erlangt einen neuen Überblick über die Welt und eine tiefe Menschheitskenntnis. Nicht jeder kann ein Geistesforscher werden. Aber in die geistigen Welten kann vermöge der heutigen Weltentwicklung jeder eindringen.
[ 4 ] Those who become spiritual researchers themselves gain a new perspective on the world and a deep understanding of humanity. Not everyone can become a spiritual researcher. But thanks to the current state of global development, anyone can enter the spiritual worlds.
[ 5 ] Wie kann nun das pädagogische Leben von der Geisteswissenschaft befruchtet werden? In der Waldorf-Schule in Stuttgart ist ein praktischer Versuch gemacht worden. Heute wird so viel davon gesprochen, es müsse im Unterricht anders werden. Dennoch wäre es denk-historische Undankbarkeit und welt-historische Unwahrheit, wenn man sagen würde, die Erziehungswissenschaft stehe im wissenschaftlichen Leben am weitesten zurück. Als ich daran ging, meine Ideen in der Waldorfschule in die Tat umzusetzen, war es meine Überzeugung, daß nicht Pädagogik als Wissenschaft in erster Linie reformbedürftig sei, sondern daß wir eine Weltanschauung brauchen, welche alle Kunst und damit auch die Pädagogik unmittelbar befruchten könne, daß wir dadurch in die Lage versetzt werden, die ausgezeichneten Grundsätze der Pädagogik, die schon vorhanden sind, überall auch anwenden zu können.
[ 5 ] How, then, can the Spiritual Science enrich educational life? A practical experiment has been conducted at the Waldorf School in Stuttgart. Today there is so much talk about the need for change in the classroom. Nevertheless, it would be an act of ingratitude toward the history of thought and a falsehood in the context of world history to say that educational science lags far behind in the realm of scholarship. When I set out to put my ideas into practice at the Waldorf School, I was convinced that it was not educational science that was primarily in need of reform, but rather that we needed a worldview capable of directly enriching all the arts—and thus also education—so that we might be enabled to apply the excellent principles of education that already exist everywhere.
[ 6 ] Geisteswissenschaft spricht nicht bloß zum Intellekt, sie ergreift den ganzen Menschen. Vor allem ist durchdringende Menschenkenntnis nötig. In das wirkliche Leben des Menschen kann man nur durch Geisteswissenschaft eindringen. Durch sie eignen wir uns die Fähigkeiten an, den Menschen zu beobachten von dem Lebensabschnitt an, in dem er die Zähne wechselt. Nur durch Geisteswissenschaft gelangen wir eigentlich erst zu einer feineren Beobachtungsgabe. Diese lehrt uns erkennen, wie der Mensch in den ersten sieben Lebensjahren ein rein nachahmendes Wesen ist. Ein Beispiel: Ein fünfjähriger Junge hat aus der Schublade Geld entwendet. Die Eltern sind tief betrübt. Zu Unrecht. Der Junge hat eben gesehen, wie die Mutter der Schublade immer Geld entnimmt.
[ 6 ] Spiritual Science does not merely speak to the intellect; it engages the whole person. Above all, a profound understanding of human nature is necessary. It is only through Spiritual Science that we can penetrate into a person’s real life. Through it, we acquire the ability to observe a person from the stage of life when they begin to lose their baby teeth. It is only through Spiritual Science that we truly develop a more refined power of observation. This teaches us to recognize how, in the first seven years of life, a human being is a purely imitative creature. An example: A five-year-old boy has taken money from a drawer. The parents are deeply distressed. Unjustly so. The boy has simply seen how his mother always takes money out of that drawer.
[ 7 ] Greifen wir etwas anderes heraus. Wenn das Kind mit dem siebenten Jahre die zweiten Zähne bekommt, so bedeutet das zugleich einen inneren organischen Abschnitt. Wenn man gelernt hat, die geistig-seelischen Kräfte zu beobachten, so lernt man erkennen, wie die Kräfte hier zu einem Übergangspunkt gekommen sind (Metamorphosengesetz von Goethe). In diesem Jahre beginnen sich beim Kinde die menschlichen Vorstellungen so zu formen, daß sie vom Erinnerungsvermögen aufgenommen werden können. Die Kräfte lösen sich los vom Organismus, werden seelisch-geistig und erscheinen als gesonderte Vorstellungskraft. Diese Beobachtungen sind so sicher fundiert wie chemische Beobachtungen.
[ 7 ] Let us focus on something else. When the child gets its second set of teeth at the age of seven, this also marks an internal organic phase. Once one has learned to observe the spiritual and soul forces, one learns to recognize how these forces have reached a point of transition here (Goethe’s Law of Metamorphosis). In this year, human mental images begin to take shape in the child in such a way that they can be absorbed by the memory. The forces detach themselves from the organism, become spiritual-soul-related, and appear as a distinct power of imagination. These observations are as firmly grounded as chemical observations.
[ 8 ] Sie lassen erkennen, daß diejenigen Fähigkeiten, die das Kind im Spiele bis zum siebenten Jahre entwickelt, später wieder auftreten, aber erst in den zwanziger Jahren. In der Zwischenzeit bleiben sie gewissermaßen unter der Oberfläche. In der Zwischenzeit werden die Kräfte verwendet, um Lebenserfahrungen zu sammeln. Vom siebenten Jahre an wird das Spiel zu einem sozialen Spiel. Individuelles Spiel wird erst wieder lebendig in den zwanziger Jahren als Lebenserfahrungskraft.
[ 8 ] They reveal that the abilities a child develops through play up to the age of seven reappear later, but not until the 1920s. In the meantime, they remain, so to speak, beneath the surface. During this time, these abilities are used to gain life experience. From the age of seven onward, play becomes a social activity. Individual play only comes to life again in one’s twenties as a force derived from life experience.
[ 9 ] Es ist sehr schön, wenn die Erziehungsgrundsätze sagen, man müsse aus dem Kinde die schlummernden Kräfte herausholen. Es kommt aber auf diese Grundsätze nicht an, sondern darauf, daß man weiß, was aus dem Kinde sich herausentwickeln kann.
[ 9 ] It is all well and good when educational principles state that one must bring out the child’s latent potential. However, what matters is not these principles, but rather knowing what the child is capable of developing into.
[ 10 ] Nach dem siebenten Jahre - approximativ - tritt zum Nachahmungstrieb der Autoritätstrieb hinzu. Wer die Menschennatur kennt, weiß, daß vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife Veranlagung vorhanden ist für Hingabe an eine äußere Autorität.
[ 10 ] After the age of seven—approximately—the drive to imitate is joined by the drive toward authority. Anyone familiar with human nature knows that, from the time teeth begin to fall out until sexual maturity, there is a predisposition toward devotion to an external authority.
[ 11 ] Das neunte Jahr wird wieder zum Rubikon. Das Kind löst sich im inneren Bewußtsein von seiner Umgebung los, unterscheidet sich von derselben. Es unterscheidet sich von seiner Autorität, gibt sich ihr aber in Liebe hin.
[ 11 ] The ninth year becomes a Rubicon once again. The child detaches itself from its surroundings in its inner consciousness and distinguishes itself from them. It distinguishes itself from its authority figure, yet surrenders to that figure in love.
[ 12 ] Diese Erfahrungen müssen im praktischen Unterricht berücksichtigt werden. Die ersten Handlungen in der Volksschule müssen sich auf den Willen, nicht auf die Intellektualität einstellen. Auf dem Umwege über die Kunst dringt man zum Konventionellen vor. So entwickelt man das Schreiben am besten aus dem Zeichnen und Malen heraus.
[ 12 ] These experiences must be taken into account in practical instruction. The initial activities in elementary school must be geared toward the will, not toward intellectual development. It is through the detour of art that one advances toward the conventional. Thus, writing is best developed through drawing and painting.
[ 13 ] Noch andere Versuche sind in Stuttgart gemacht worden. Wir haben eine sichtbare Sprache geschaffen. Die durch übersinnliches Schauen erkannten Bewegungen des Kehlkopfes werden in beseeltes Turnen übertragen (Eurythmie), bei dem jede Bewegung zum Träger eines seelisch-geistigen Vorganges wird. Sprachen, die das Kind lernen soll, sollen möglichst früh an dasselbe herantreten. Im lebendigen Wechselverkehr mit dem Lehrer bringen wir schon den Sieben- und Achtjährigen Englisch und Französisch bei, so daß das Kind mit diesen Sprachen verwächst. Wir unterrichten Sprachen, weil wir wissen, daß dadurch die ganze Wesenheit des Menschen entwickelt wird.
[ 13 ] Other experiments have been conducted in Stuttgart. We have created a visible language. The movements of the larynx, perceived through supersensory observation, are translated into animated movement (eurythmy), in which every movement becomes the vehicle of a soul-spiritual process. The languages a child is to learn should be introduced as early as possible. Through lively interaction with the teacher, we teach English and French to children as young as seven and eight, so that the child grows up with these languages. We teach languages because we know that this develops the whole being of the human person.
[ 14 ] Im Alter zwischen dem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife soll man noch nicht mit Urteilskraft des Kindes rechnen, sondern ihm jede Vorstellung bildlich beibringen. Wenn man dem Kinde zum Beispiel die Unsterblichkeit der menschlichen Seele begrifflich darstellen will, so kann man den Werdegang des Schmetterlings vor Augen führen. Es ist dabei aber unerläßlich, daß der Lehrer selber an das dargestellte Bild glaubt.
[ 14 ] Between the time of tooth replacement and sexual maturity, one should not yet expect the child to possess the capacity for judgment, but rather teach every mental image to the child through imagery. For example, if one wishes to explain the immortality of the human soul to a child in conceptual terms, one can illustrate the life cycle of a butterfly. However, it is essential that the teacher himself believe in the image being presented.
[ 15 ] Mit dem neunten Jahre beginnt das Kind, sich von der Umwelt abzusondern. Jetzt können wir an seine selbständige Urteilskraft appellieren.
[ 15 ] At the age of nine, the child begins to set itself apart from its surroundings. Now we can appeal to its independent judgment.
[ 16 ] Die Geisteswissenschaft liest also aus der beobachteten Entwicklung des Kindes den Lehrplan ab. Sie nimmt die Welt, wie sie wirklich ist, und ist deshalb etwas eminent Praktisches. Technische Fragen, wie zum Beispiel die Festsetzung der Schülerzahl pro Klasse, treten dabei in den Hintergrund. Wenn der Lehrer von seiner Aufgabe erfüllt ist, so wird auch bei großer Schülerzahl die notwendige individuelle Behandlung des einzelnen nicht darunter leiden. Die Schüler werden [sich] selber individualisieren.
[ 16 ] The Spiritual Science, then, derives the curriculum from the observed development of the child. It takes the world as it truly is and is therefore eminently practical. Technical issues, such as determining the number of students per class, take a back seat. If the teacher is fulfilled in his or her task, the necessary individual attention to each student will not suffer, even with a large class size. The students will individualize [themselves].
[ 17 ] (Der Redner machte die Nebenbemerkung, daß er den Weltkrieg schon im Frühling 1914 vorausgesagt habe, als alle Kabinette glaubten, der Weltfrieden sei auf lange Zeit hinaus gesichert.)
[ 17 ] (The speaker remarked in passing that he had predicted the World War as early as the spring of 1914, when all the cabinets believed that world peace was secure for the foreseeable future.)
[ 18 ] Wir müssen aus innerem Erleben heraus an das praktische Leben herantreten. Die nächste Generation darf nicht in derselben Verfassung sein wie die Generation, die das Unglück der letzten Jahre über Europa gebracht hat. Wer geisteswissenschaftlich das Unterrichtswesen betrachtet hat, weiß, daß das Geistesleben auf sich selber gestellt werden muß. Damit kommen wir auf die soziale Bedeutung der ganzen Frage.
[ 18 ] We must approach practical life from a place of inner experience. The next generation must not be in the same state as the generation that brought misfortune upon Europe in recent years. Anyone who has examined the education system from a perspective of Spiritual Science knows that spiritual life must be allowed to stand on its own. This brings us to the social significance of the entire issue.
[ 19 ] Heute ist die Welt antisozialer als je. Es ist notwendig zu erkennen, daß das geistige Leben nur dann sich entfalten kann, wenn es unter eigene Verwaltung gestellt wird.
[ 19 ] Today, the world is more antisocial than ever. It is necessary to recognize that intellectual life can only flourish when it is placed under its own administration.
[ 20 ] Die Geisteswissenschaft erkennt, daß neue Bewegungen, die vorher latent geschlummert haben, jeweils aus den Tiefen der Menschheit an die Oberfläche drängen. Mit dem Gesetze von Ursache und Wirkung sind solche Erscheinungen nicht erklärt. So ist zum Beispiel das, was man Demokratie nennt, zum ersten Male im 15. Jahrhundert hervorgetreten und hat sich seither immer weiter entwickelt. Wenn man es mit dieser Demokratie ehrlich meint, so muß man aus derselben alles aussondern, was mit ihr überhaupt nichts zu tun hat. Demokratisch verwaltet werden kann nur das, was jeden mündig Gewordenen in gleicher Weise berührt: Das öffentliche Rechtsleben. Das geistige Leben aber kann nicht vom Staate regiert werden. Es muß in eigene Verwaltung gestellt werden. Diejenigen, die das geistige Leben leiten, sollen es auch verwalten.
[ 20 ] Spiritual Science recognizes that new movements, which had previously lain dormant, are constantly rising to the surface from the depths of humanity. Such phenomena cannot be explained by the law of cause and effect. For example, what is called democracy first emerged in the 15th century and has continued to develop ever since. If one is sincere about this democracy, one must separate from it everything that has absolutely nothing to do with it. Only that which affects every person who has come of age in the same way can be administered democratically: public legal life. Intellectual life, however, cannot be governed by the state. It must be placed under its own administration. Those who guide intellectual life should also administer it.
[ 21 ] Auch beim wirtschaftlichen Leben handelt es sich um etwas, bei dem nur die Leute vom Fach urteilsfähig sind. Auch dieses muß aus der demokratischen Verwaltung herausgenommen werden. Es darf nicht von einer Zentrale aus regiert werden. Aus den Kreisen der Konsumenten und Produzenten heraus müssen sich eigene Verwaltungsorganisationen bilden.
[ 21 ] Economic life, too, is a matter that only experts can judge. This, too, must be removed from democratic administration. It must not be governed from a central authority. Separate administrative organizations must be formed from within the circles of consumers and producers.
[ 22 ] Diese Dreigliederung des sozialen Staates ist nicht eine Parallele der platonischen Dreiteilung in Wehrstand, Lehrstand und Nährstand. Vielmehr muß jeder einzelne in allen drei Gliedern beteiligt sein. Unser heutiges Chaos rührt eben davon her, daß die Menschen nebeneinander stehen. Im dreigegliederten Sozialismus [sozialen Organismus] aber sollen sie ihre Kräfte organisch entwickeln.
[ 22 ] This threefold structure of the social state is not a parallel to the Platonic division into the military class, the teaching class, and the productive class. Rather, every individual must participate in all three members. Our current chaos stems precisely from the fact that people exist side by side. In threefold socialism [the social organism], however, they are to develop their powers organically.
[ 23 ] Im Einheitsstaate sind die Worte Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit ein hohes Ideal geblieben. Im dreigegliederten Sozialismus [sozialen Organismus], in dem jeder mit allen drei Gliedern organisch verbunden ist, können sie sich verwirklichen. Im Geistesleben wird Freiheit herrschen, die demokratische Verwaltung des Rechtslebens wird jedem Gleichheit bringen, das auf sich selber gestellte wirtschaftliche Leben wird in Brüderlichkeit gedeihen.
[ 23 ] In the unitary state, the words equality, freedom, and fraternity have remained a lofty ideal. In threefold socialism [the social organism], in which everyone is organically connected to all three parts, these ideals can be realized. Freedom will reign in spiritual life; the democratic administration of legal life will bring equality to all; and economic life, left to its own devices, will flourish in brotherhood.
