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Education for Life
Self-Education and Pedagogical Practice
GA 297a

28 February 1921, Amsterdam

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2. Erziehungs-, Unterrichts- und praktische Lebensfragen vom Gesichtspunkte anthroposophischer Geisteswissenschaft

2. Issues in Education, Teaching, and Practical Life from the Perspective of Anthroposophical Spiritual Science

[ 1 ] In meinem ersten Vortrag, den ich hier in Amsterdam am 19. des Monats gehalten habe, versuchte ich auseinanderzusetzen, wie sich in die gegenwärtige Zivilisation der Menschheit anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft hineinstellen will. Diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, die heute ja schon auch eine künstlerisch ausgeführte äußere Pflegestätte in der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft, dem Goetheanum in Dornach bei Basel in der Schweiz hat, will zu den gewaltigen, den großen Ergebnissen naturwissenschaftlicher Erkenntnisse, die sie voll anerkennt, ihrerseits durch exakte geisteswissenschaftliche Methoden übersinnliche Erkenntnisse hinzufügen. Und ich erlaubte mir in meinem letzten Vortrag am 19. Februar hier darauf aufmerksam zu machen, daß ja in der Gegenwart zahlreiche Seelen sich sehnen nach einer Erkenntnis, die ebenso sicher begründet ist wie es die heute als wissenschaftlich geltenden Erkenntnisse sind, aber eben einer Erkenntnis, welche sich über Gebiete der Welt erstreckt, mit denen das Ewige in der Menschenseele zusammenhängt.

[ 1 ] In my first lecture, which I gave here in Amsterdam on the 19th of this month, I attempted to explore how an anthroposophically oriented Spiritual Science seeks to position itself within humanity’s present-day civilization. This anthroposophically oriented Spiritual Science, which today already has an outwardly artistic center at the School of Spiritual Science, the Goetheanum in Dornach near Basel, Switzerland, seeks to supplement the tremendous, great achievements of natural scientific knowledge—which it fully acknowledges—with supersensible insights gained through precise spiritual scientific methods. And in my last lecture here on February 19, I took the liberty of pointing out that, in the present day, numerous souls yearn for a form of knowledge that is just as securely grounded as the knowledge currently regarded as scientific, but one that extends into realms of the world with which the eternal in the human soul is connected.

[ 2 ] Ich machte darauf aufmerksam, daß diese übersinnlichen Erkenntnisse nur dadurch erreicht werden können, daß der Mensch gewisse, in seiner Seele veranlagte Fähigkeiten zur Entwicklung bringt. Von diesen Fähigkeiten will man heute in weiten Kreisen unserer gebildeten Menschheit allerdings noch nichts wissen. Aber gerade darauf, daß man von diesen Fähigkeiten nichts wissen will, beruht ja das für jeden bemerkbare Katastrophale unserer Zeit.

[ 2 ] I pointed out that these supersensible insights can be attained only by developing certain abilities inherent in the human soul. However, in many circles of our educated society today, people still do not want to hear anything about these abilities. But it is precisely this refusal to acknowledge these abilities that underlies the catastrophic nature of our times, which is evident to everyone.

[ 3 ] Ausgehen muß man zunächst — will man überhaupt an das herankommen, was hier als Geisteswissenschaft gemeint ist - von dem, was ich in meinem Vortrag vom 19. Februar «intellektuelle Bescheidenheit» genannt habe. Diese intellektuelle Bescheidenheit wird gerade in demjenigen Zeitalter als eine Paradoxie aufgefaßßt werden, das sich auf seine Intellektualität ganz besonders viel einbildet. Aber wer in die übersinnlichen Welten - denen doch die menschliche Seele mit ihrer eigentlichen Wesenheit angehört - eindringen will, der braucht diesen Ausgangspunkt der intellektuellen Bescheidenheit. Und ich möchte das Gleichnis, wodurch ich schon neulich hingewiesen habe auf diese intellektuelle Bescheidenheit, noch einmal wiederholen, da ich ja voraussetzen muß, daß durch den Wechsel des Vortragssaales eine große Reihe des heute hier versammelten Publikums bei meinem ersten Vortrag nicht anwesend war.

[ 3 ] If one is to even begin to approach what is meant here by “Spiritual Science,” one must start with what I called “intellectual humility” in my lecture on February 19. This intellectual humility will be perceived as a paradox precisely in an age that takes particular pride in its intellectuality. But anyone who wishes to penetrate the supersensible worlds—to which the human soul, with its true essence, belongs—needs this starting point of intellectual humility. And I would like to repeat the parable I used recently to illustrate this intellectual humility, since I must assume that, due to the change in lecture hall, a large number of those gathered here today were not present at my first lecture.

[ 4 ] Wenn wir ein fünfjähriges Kind vor uns haben und wir geben ihm einen Band Shakespeare in die Hand, so wird es mit diesem Band spielen, es wird ihn vielleicht zerreißen, jedenfalls aber nicht das tun, was dem Band Shakespeare angemessen ist. Wenn das Kind aber weitere zehn oder fünfzehn Jahre absolviert hat, dann werden sich diejenigen Fähigkeiten, die vorher in der Seele des Kindes veranlagt waren, durch die Erziehung, durch den Unterricht herausgearbeitet haben; es wird nun den Band Shakespeare lesen. Das Kind ist zu einer höheren Stufe des Menschendaseins aufgestiegen, ist seelisch nach fünfzehn bis zwanzig Jahren ein anderes Wesen geworden.

[ 4 ] If we have a five-year-old child in front of us and we put a volume of Shakespeare in his hands, he will play with it; he might tear it apart—but in any case, he will not do what is appropriate for a volume of Shakespeare. But once the child has grown another ten or fifteen years, the abilities that were previously latent in the child’s soul will have been developed through education and instruction; the child will then read the volume of Shakespeare. The child has ascended to a higher stage of human existence and, after fifteen to twenty years, has become a different being in terms of its soul.

[ 5 ] Man muß, wenn man wirklich in die übersinnliche Welt eindringen will, in der Lage sein, sich zu sagen: Vielleicht ist man als erwachsener Mensch gegenüber der Natur mit ihren Geheimnissen, mit ihren tieferen Gesetzmäßigkeiten in derselben Lage wie das fünfjährige Kind gegenüber dem Band Shakespeare, und vielleicht ruhen im Innern der Seele Kräfte, die man erst herausholen muß. Wenn man ernsthaft mit dieser intellektuellen Bescheidenheit als erwachsener Mensch an die in der Seele schlummernden Kräfte und Fähigkeiten herangeht, dann gelangt man dazu, höhere Erkenntnisse, als es die gewöhnlichen des Tages und der gewöhnlichen Wissenschaft sind, in sich auszubilden.

[ 5 ] If one truly wishes to penetrate the supersensible world, one must be able to say to oneself: Perhaps, as an adult, one is in the same position with regard to nature—with its mysteries and its deeper laws—as a five-year-old child is with regard to a volume of Shakespeare; and perhaps there are powers lying dormant within the soul that one must first bring to the surface. If, as an adult, one approaches the powers and abilities slumbering within the soul with this intellectual humility, one will come to develop within oneself insights that are higher than those of everyday life and conventional science.

[ 6 ] Zunächst muß das Vermögen in der Menschenseele ausgebildet werden, welches man im gewöhnlichen Leben als Erinnerungsvermögen kennt. Durch dieses Erinnerungsvermögen bringen wir Zusammenhang in unser Leben hinein. Durch dieses Erinnerungsvermögen zaubert sich vor unsere Seele in Bildern herauf, was wir bis zu einem sehr frühen Jahre der Kindheit erlebt haben. Dieses Erinnerungsvermögen macht dasjenige dauernd, was sonst als Vorstellung vorüberhuschen würde. Wenn wir uns nur der Außenwelt hingeben könnten, wenn wir uns nur Vorstellungen von den vorüberhuschenden Begebenheiten und Erlebnissen hingeben würden, wäre unser ganzes Seelenleben ja ein anderes. - Wenn man nun das, was in der Erinnerung allerdings als dauernde Vorstellungen vorhanden ist, weiter ausbildet, dann gelangt man zu einem ganz anderen Erkenntnisvermögen. Und man kann das durch Methoden ausbilden, die ich in meinem Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», in meiner «Geheimwissenschaft» und in anderen meiner Schriften geschildert habe. Man kann das durch gewisse Vorgänge der Meditation und Konzentration ausbilden, durch ein hingebungsvolles Ruhen auf gewissen, leicht überschaubaren Vorstellungen, die nicht Reminiszenzen sein dürfen, die nicht auf irgendeiner Autosuggestion beruhen dürfen; deshalb müssen sie leicht überschaubar sein.

[ 6 ] First, the faculty within the human soul that is commonly known as memory must be developed. Through this faculty of memory, we bring coherence to our lives. Through this power of memory, images of what we have experienced up to a very early age in childhood conjure themselves up before our soul. This power of memory makes lasting what would otherwise flit by as mental images. If we could only surrender ourselves to the external world, if we could only surrender ourselves to mental images of the fleeting events and experiences, our entire soul life would indeed be different. - If one now further develops what is indeed present in memory as lasting mental images, one arrives at an entirely different capacity for insight. And one can develop this through methods that I have described in my book *How Does One Attain Insights into the Higher Worlds?*, in my *Esoteric Science*, and in other writings of mine. One can develop this through certain processes of meditation and concentration, through a devotional resting on certain, easily comprehensible mental images that must not be reminiscences and must not be based on any form of autosuggestion; therefore, they must be easily comprehensible.

[ 7 ] Auf solchen Vorstellungen muß man mit dem ganzen Gefüge seiner Seele ruhen. Und diese Studien, die der wirkliche Geistesforscher bezüglich der Erkenntnisse der übersinnlichen Welten zu machen hat, sind nicht leichter als die Studien, die man in der Klinik, im physikalischen, im chemischen Laboratorium oder auf der Sternwarte macht, und sie dauern keineswegs eine kürzere Zeit. Dieses Meditieren, dieses Konzentrieren mit der ganzen Seelenkraft auf gewisse Vorstellungen, die man dauernd macht und auf denen man ruht, das muß jahrelang fortgesetzt werden. In der Seele tief unten ruhende Erkenntniskräfte, von denen der Mensch sonst keine Ahnung hat, sie müssen heraufgeholt werden. Werden sie heraufgeholt, dann gelangt man dazu, das, was uns ebenso umgibt, wie uns die physisch-sinnliche Welt umgibt, durch diese höheren Erkenntniskräfte wahrzunehmen. Zuerst nimmt man sein eigenes Erleben wahr, aber nicht so als den unbestimmten Strom, der bis nahe zu unserer Geburt hingeht, wo die Erinnerungsfragmente herauftauchen, sondern man nimmt zunächst wie ein einheitliches, auf einmal vorhandenes Lebenspanorama den ganzen Überblick dessen wahr, was man in diesem Leben seit seiner Geburt durchlebt hat. —Und lernt man dieses kennen, dann erfährt man, was es heißt, in seiner Seele außerhalb des Leibes zu leben. Gewöhnlich behauptet der Materialismus — und man findet es ja zunächst berechtigt -, daß alles gewöhnliche Vorstellen, alles gewöhnliche Erinnern, alles gewöhnliche Empfinden und Wollen an den physischen Leib gebunden sei. Aber im gewöhnlichen Leben wird ja dieses Empfinden, wird dieses Wollen, wird dieses Vorstellen unterbrochen. Jeden Tag wird durch den Schlaf dasjenige unterbrochen, was das gewöhnliche, an den Leib gebundene Seelenleben ist. Man empfindet nur nicht jene bedeutsame Rätselfrage tief genug, welche mit Einschlafen, dem Schlafen und dem Wiederaufwachen verbunden ist. Der Mensch muß ja vorhanden sein im Schlafe, sonst müßte er beim Aufwachen jedesmal wieder neu erstehen. Aber man lernt erst erkennen, in welcher Form der Mensch schlafend vorhanden ist, wenn man jene Übungen absolviert, von denen ich jetzt einige Andeutungen gemacht habe.

[ 7 ] One must rest with the entire structure of one’s soul upon such mental images. And these studies, which the true spiritual researcher must undertake regarding the insights into the supersensible worlds, are no easier than the studies conducted in a hospital, a physics or chemistry laboratory, or an observatory, and they by no means take less time. This meditation—this focusing of one’s entire soul’s power on certain mental images that one continually forms and upon which one rests—must be continued for years. The powers of cognition lying deep within the soul—of which a person otherwise has no inkling—must be brought to the surface. Once they are brought to the surface, one is able to perceive, through these higher powers of cognition, that which surrounds us just as the physical-sensory world surrounds us. At first, one perceives one’s own experiences, but not as the indeterminate stream extending back nearly to one’s birth—where fragments of memory surface—but rather, one initially perceives, as a unified, all-at-once panorama of life, the entire overview of what one has lived through in this life since birth. —And once one comes to know this, one experiences what it means to live in one’s soul outside the body. Materialism usually asserts—and at first glance this seems justified—that all ordinary mental images, all ordinary memories, all ordinary feelings, and all ordinary volitions are bound to the physical body. But in ordinary life, this feeling, this volition, and this mental image are interrupted. Every day, sleep interrupts what constitutes the ordinary, body-bound life of the soul. People simply do not grasp deeply enough that significant, enigmatic question connected with falling asleep, sleeping, and waking up again. After all, the human being must be present during sleep; otherwise, he would have to come into being anew each time he wakes up. But one only learns to recognize the form in which the human being is present while sleeping when one completes those exercises to which I have now alluded.

[ 8 ] Wenn man tatsächlich in die Lage kommt, seelisch so vorzustellen, daß? man sich nicht der äußeren Augen bedient, nicht anderer Sinne bedient, auch nicht des gewöhnlichen, an das Gehirn gebundenen Verstandes bedient, sondern nur des rein Geistig-Seelischen - und dazu gelangt man, wenn man das Erinnerungsvermögen ausbildet in der Weise, wie ich das geschildert habe -, so kommt man dazu, zu wissen, daß der Mensch vom Einschlafen bis zum Aufwachen allerdings als geistig-seelische Wesenheit außerhalb seines Leibes vorhanden ist und daß nur die Begierde, wiederum zu seinem Leibe zurückzukehren, sich dann geltend macht. Und diese Begierde, die verdunkelt das Bewußtsein.

[ 8 ] If one actually reaches a state in which one can create a mental image of oneself in which—one does not rely on the physical eyes, nor on other senses, nor even on the ordinary intellect bound to the brain, but only on the purely spiritual-soul aspect—and one arrives at this by training the power of memory in the way I have described— then one comes to know that from the moment of falling asleep until waking up, the human being does indeed exist as a spiritual-soul being outside of the body, and that it is only the desire to return to the body that then asserts itself. And this desire obscures consciousness.

[ 9 ] Wer sein Erinnerungsvermögen so entwickelt, wie ich es geschildert habe, der wird imstande sein, sich ganz genau wie der Schlafende zu verhalten - also nicht mit den Sinnen wahrzunehmen, nicht mit dem Verstande die Sinneswahrnehmungen zu kombinieren -, nur ist er vollbewußt. Er kennt das Geistig-Seelische unabhängig vom Leibe. Dadurch gelangt er auch dazu, dieses Geistig-Seelische vor der Geburt oder Empfängnis und nach dem Tode in seiner wahren Wesenheit und im Zusammenhang mit der übrigen übersinnlichen Welt zu erkennen.

[ 9 ] Anyone who develops their memory in the way I have described will be able to behave exactly like a sleeping person—that is, not perceiving with the senses, nor combining sensory perceptions with the intellect—except that they remain fully conscious. They perceive the spiritual-soul aspect independently of the body. Through this, they also come to recognize this spiritual-soul aspect—before birth or conception and after death—in its true essence and in connection with the rest of the supersensible world.

[ 10 ] Und wenn er dann dazu noch eine zweite, auch im gewöhnlichen Leben vorhandene Seelenkraft weiter ausbildet, nämlich die Kraft der Liebe, wenn er die Kraft der Liebe zu einer Erkenntniskraft macht, dann lernt der Mensch die Bilder, die er sonst wie ein übersiinnliches Panorama erlebt, auch in ihrer unmittelbaren Realität kennen. Bildet man in der Art, wie ich es auch schon geschildert habe, die Liebefähigkeit aus, dann wird die übersinnliche Erkenntnis eine bis zu einem gewissen Grade vollkommene. Und was wir dann dadurch erlangen, das ist nicht bloß eine seelische Befriedigung, das ist nicht bloß etwas, was unser theoretisches Bedürfnis befriedigt, sondern das ist im wesentlichen auch praktisches Lebensresultat. Daher war es so, daß alles, was von Dornach ausging, von Anfang an ins praktische Leben eingreifen wollte. Und manches ist uns gerade für die Lebenspraxis bereits gelungen.

[ 10 ] And if he then goes on to further develop a second spiritual power that also exists in ordinary life—namely, the power of love—and if he transforms the power of love into a power of cognition, then the human being comes to know the images that he otherwise experiences as a supersensory panorama in their immediate reality as well. If one develops the capacity for love in the way I have already described, then supersensible knowledge becomes, to a certain degree, perfect. And what we thereby attain is not merely a spiritual satisfaction; it is not merely something that satisfies our theoretical need, but it is essentially also a practical result in life. That is why everything that originated in Dornach sought from the very beginning to have an impact on practical life. And we have already succeeded in many things precisely for the sake of practical living.

[ 11 ] Heute möchte ich auf etwas aufmerksam machen, was im eminentesten Sinne ein Glied einer Lebenspraxis ist, die alle Menschen interessieren muß. Ich möchte auf die Art und Weise aufmerksam machen, wie die hier gemeinte anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft die Erziehungs- und Unterrichtskunst befruchten kann.

[ 11 ] Today I would like to draw attention to something that, in the truest sense, is an integral part of a way of life that should be of interest to everyone. I would like to highlight the ways in which the anthroposophically oriented Spiritual Science referred to here can enrich the art of education and teaching.

[ 12 ] Was erlangt man denn eigentlich durch eine solche Geisteswissenschaft, wie ich sie nun ganz skizzenhaft in ihren Methoden dargestellt habe? Man erlangt vor allen Dingen eine wirkliche Menschenerkenntnis. Ohne daß man in das Übersinnliche hineinschauen kann, ist es Ja unmöglich, Menschenerkenntnis zu haben. Der Mensch ist ja nicht nur die äußere physische Organisation, über die uns so großartige, gewaltige, nicht genug zu würdigende Aufschlüsse die äußere naturwissenschaftliche Weltanschauung gibt. Der Mensch ist auch Seele und Geist. Der Mensch birgt in sich den ewigen Wesenskern, der durch Geburten und Tode geht, der ein Bewußtsein nach dem Tode hat, weil er dann nicht die Begierde nach dem Leibe hat, welcher beim Schlafe im Bette liegt und wonach er während des Schlafes Begierde hat, die ihm eben sein Bewußtsein im gewöhnlichen Schlafe auslöscht.

[ 12 ] What, then, does one actually gain from a Spiritual Science such as I have now outlined in very general terms with regard to its methods? Above all, one gains a true understanding of human nature. Without being able to look into the supersensible realm, it is indeed impossible to have an understanding of human nature. After all, the human being is not merely the external physical organism, about which the external scientific worldview provides us with such magnificent, powerful insights that cannot be sufficiently appreciated. Human beings are also soul and spirit. Human beings harbor within themselves the eternal core of being that passes through births and deaths, that possesses consciousness after death, because it then has no longing for the body that lies in bed during sleep and for which it longs while asleep—a longing that extinguishes its consciousness during ordinary sleep.

[ 13 ] Wenn dieser gewöhnliche physische Leib im Tod abgelegt ist, dann erhält der Mensch ein um so helleres Bewußtsein, weil er dann nicht durch irgendeine Begierde nach einem Leib das Bewußtsein ausgelöscht hat. Durch alles das und noch durch vieles, das ich jetzt nicht schildern möchte, das Sie aber in meinen Schriften nachlesen können, erlangt der Mensch dasjenige, was wirkliche Menschenerkenntnis ist. Und nur aus wirklicher Menschenerkenntnis heraus kann wahre Unterrichtskunst und wahre Erziehungskunst entstehen.

[ 13 ] When this ordinary physical body is shed at death, the human being attains an all the more luminous consciousness, because he has not extinguished his consciousness through any desire for a body. Through all of this—and through much more that I do not wish to describe here, but which you can read about in my writings—a person attains what constitutes true knowledge of the human being. And only from this true knowledge of the human being can the true art of teaching and the true art of education arise.

[ 14 ] Wir haben versucht, gerade dieses Gebiet des praktischen Lebens in der von Emil Molt in Stuttgart begründeten Waldorfschule zu behandeln, die von mir geleitet wird und deren Pädagogik und Didaktik ganz und gar aus anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft heraus fließt. Erstens ist schon die Gesinnung der Lehrerschaft eine solche, daß mit jeder Unterrichtsstunde, mit jedem neuen Morgen in die Klasse etwas hineingetragen wird, was das Erziehen und Unterrichten zu einer Art geistigem Dienst macht. Heißt es denn nicht etwas Besonderes, wenn man durch anthroposophische Geisteswissenschaft weiß: Dieses Menschenwesen, das sich uns so rätselhaft wunderbar offenbart in dem heranwachsenden Kinde, es ist aus geistigen Welten durch die Empfängnis oder Geburt herabgestiegen? Wenn das eine wirkliche Erkenntnis ist, wenn sie durch anthroposophische Geisteswissenschaft vermittelt wird, dann steht man dem werdenden Menschen, dem Kind so gegenüber, daß hier eine einem von den geistigen Welten anvertraute Aufgabe ist. Dann sieht man, wie das Ewige, das aus geistigen Welten heruntergestiegen ist, sich von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, von Jahr zu Jahr aus den zuerst unbestimmten physiognomischen Zügen, den unbestimmten Bewegungen des Kindes herausarbeitet zu immer größerer Bestimmtheit. Das GeistigSeelische sieht man arbeiten an der physischen Ausgestaltung des Menschen.

[ 14 ] We have sought to address precisely this aspect of practical life at the Waldorf School founded by Emil Molt in Stuttgart, which I direct and whose pedagogy and didactics stem entirely from anthroposophically oriented Spiritual Science. First of all, the very attitude of the teaching staff is such that with every lesson, with every new morning, something is brought into the classroom that transforms education and teaching into a kind of spiritual service. Is it not something special, after all, to know through anthroposophical Spiritual Science: This human being, who reveals himself to us in such a mysterious and wondrous way in the growing child, has descended from the spiritual worlds through conception or birth? If this is a true insight, if it is conveyed through anthroposophical Spiritual Science, then one approaches the developing human being—the child—in such a way that one recognizes this as a task entrusted to us by the spiritual worlds. Then one sees how the eternal, which has descended from the spiritual worlds, works its way out day by day, week by week, year by year, from the child’s initially indeterminate physiognomic features and indeterminate movements toward ever greater definiteness. One sees the spiritual-soul aspect at work in the physical formation of the human being.

[ 15 ] Es soll hier nicht irgendwie eine leichtfertige Kritik geübt werden an dem, was durch pädagogische Genies im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts hervorgebracht worden ist. Gewiß, es ist da mancher schöne Grundsatz gerade mit Bezug auf Pädagogik geäußert worden. Es wird zum Beispiel mit Recht betont: Ja, die Pädagogik hat doch solche Grundsätze wie «man solle nichts von außen in die Kinder hineinpfropfen; man solle alles das, was man an die Kinder heranbringen will, aus ihren eigenen Anlagen und Fähigkeiten herausholen». Ganz richtig, ein ausgezeichneter Grundsatz — aber abstrakt und theoretisch. Und so tritt uns gerade das weitaus meiste unserer Lebenspraxis in Abstraktionen, in theoretischen Programmen entgegen. Denn das, was man braucht, um so etwas auszuführen wie aus der Individualität dasjenige herauszuholen, was das Kind in sich ausbilden soll, dazu braucht man wirkliche Menschenerkenntnis. Menschenerkenntnis, die in alle Tiefen des Menschen hineingeht. Solche Menschenerkenntnis kann aber die Wissenschaft, die bisher in der modernen Zivilisation vorhanden ist, trotz ihrer großen Triumphe nicht haben.

[ 15 ] The intention here is not to offer any kind of thoughtless criticism of what was produced by educational geniuses throughout the 18th and 19th centuries. Certainly, many fine principles have been articulated, particularly with regard to pedagogy. For example, it is rightly emphasized that: Yes, pedagogy does have principles such as “one should not impose anything from the outside onto children; one should draw everything one wishes to impart to children from their own innate dispositions and abilities.” Quite right, an excellent principle—but abstract and theoretical. And so it is precisely the vast majority of our practical life that confronts us in the form of abstractions, of theoretical programs. For what is needed to carry out something like drawing out of the individuality that which the child is to develop within itself—for this, one needs a true understanding of human nature. An understanding of human nature that penetrates to the very depths of the human being. Yet such an understanding of human nature cannot be possessed by the science that has existed thus far in modern civilization, despite its great triumphs.

[ 16 ] Ich möchte Ihnen nun ganz konkret gewisse Dinge vorführen, an denen Sie sehen werden, wie diese Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, zu wirklicher Menschenerkenntnis gelangt, Man hat einen billigen Ausspruch, der immer wieder gedankenlos wiederholt wird in den Worten: Die Natur macht keine Sprünge! - Die Natur macht nämlich fortwährend Sprünge, und dieser Ausdruck beruht, wie gesagt, nur auf Gedankenlosigkeit. Denken Sie an die Pflanze: Sie entwickelt die grünen Laubblätter, dann macht sie den Sprung zum Kelch, dann den Sprung zu den farbigen Blumenblättern, den Staubgefäßen und so weiter. Und so ist es mit allem Leben. Es ist nur eine Phrase, zu sagen, die Natur mache keine Sprünge. Und so ist es namentlich im Menschenleben. Wir haben im Menschenleben, wenn wir es unbefangenerweise durch die Impulse beobachten können, die gerade anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft gibt, deutlich voneinander unterschiedene Lebensepochen. Die erste Lebensepoche geht von der Geburt bis zum Zahnwechsel so um das siebente Jahr herum. Sie endet also mit dem Jahr, in dem wir die Kinder in die Volksschule hereinbekommen. Man kann - wenn man nur die nötige Einsicht und Unbefangenheit des Beobachtens hat, wenn man sich gewöhnt, das Leben nur auf einer höheren Stufe so zu beobachten, wie man sonst gerade in der Naturwissenschaft auf der untersten Stufe beobachtet - die großen Unterschiede zwischen der ersten und der zweiten Lebensphase des Menschen scharf charakterisieren. Die erste Lebensphase endet mit dem Zahnwechsel, die zweite mit der Geschlechtsreife. Beide Lebensepochen sind durchaus voneinander verschieden. Die erste Lebensepoche zeigt uns das Kind als ein nachahmendes Wesen. Bis in das Spiel hinein ist das Kind ein nachahmendes Wesen. Gewiß, mancher glaubt, im Spiel präge sich ein gewisses imaginatives Wesen aus. Das ist auch der Fall, aber wenn Sie das Spiel im tiefsten Wesen studieren, werden Sie überall die Nachahmungsmomente gerade im kindlichen Spiel wahrnehmen. Und in Anknüpfung an dieses Spiel möchte ich gleich bemerken, wie ungeheuer bedeutungsvoll für eine lebensvolle, wirklich ins Dasein eingreifende Erziehung und pädagogische Kunst Menschenerkenntnis, Erkenntnis des Menschen in bezug auf seine Totalität ist.

[ 16 ] I would now like to demonstrate to you, in very concrete terms, certain things that will show you how the Spiritual Science—as it is understood here—arrives at a true understanding of the human being. There is a trite saying that is thoughtlessly repeated time and again: “Nature does not make leaps!” —But nature does, in fact, constantly make leaps, and this expression, as I said, is based solely on thoughtlessness. Think of a plant: it develops green leaves, then makes the leap to the calyx, then the leap to the colorful petals, the stamens, and so on. And so it is with all life. It is merely a cliché to say that nature takes no leaps. And this is especially true in human life. In human life, if we can observe it impartially through the insights provided by anthroposophically oriented Spiritual Science, we find clearly distinct life phases. The first life phase extends from birth until the change of teeth, around the age of seven. It thus ends in the year when we enroll the children in elementary school. If one possesses the necessary insight and objectivity in observation—if one accustoms oneself to observing life on a higher level in the same way that one otherwise observes it at the lowest level in the natural sciences—one can sharply characterize the great differences between the first and second phases of human life. The first phase of life ends with the change of teeth; the second with sexual maturity. These two phases of life are quite distinct from one another. The first phase reveals the child as an imitative being. Even in play, the child is an imitative being. Certainly, some believe that a certain imaginative quality manifests itself in play. That is indeed the case, but if you study play in its deepest essence, you will perceive moments of imitation everywhere, especially in children’s play. And in connection with this play, I would like to note right away how immensely significant an understanding of the human being—an understanding of the human being in terms of their totality—is for an education and pedagogical art that is full of life and truly engages with existence.

[ 17 ] Sehen Sie, jedes Kind spielt anders. Wer einen unbefangenen Beobachtungssinn hat, kann genau unterscheiden, wie das eine Kind, wie das andere Kind spielt. Wenn auch der Unterschied kein großer ist - man muß Psychologe sein, um so etwas beobachten zu können, wenn man überhaupt Pädagoge werden will. Kann man das aber, dann muß man die verschiedenen Arten des Spielens auf eine ganz andere Lebensepoche des Menschen beziehen. In bezug auf die Menschenbeobachtung ist ja die äußere Wissenschaft so, daß sie überhaupt nur das Nächste an das Nächste reiht. Aber damit kommt man nicht weit. Das, was man beobachten kann im kindlichen Spiel, bleibt nicht in der nächsten Lebensepoche. Da ist das Kind anderen Dingen zugewendet, also in der Zeit vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife. Wenn es auch fortspielt, das eigentliche Spielalter prägt sich nicht mehr so charakteristisch aus wie früher. Das, was die Spielleidenschaften sind, tritt in die Tiefe der Seele zurück und erst in einem viel späteren Lebensalter tritt es wieder zutage: in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre, wenn der Mensch sich in das praktische Leben hineinstellen soll. Der eine stellt sich mit großer Geschicklichkeit in die Aufgaben des Schicksals hinein, der andere wird ein weltenferner Träumer, und zwischen beiden sind die mannigfaltigsten Nuancen möglich. Die Art, wie sich der Mensch in diesen Jahren in das praktische Leben hineinstellen kann, ist durchaus zu erklären, wenn man weiß, wie der Mensch mit vier, fünf, sechs, sieben Jahren gespielt hat.

[ 17 ] You see, every child plays differently. Anyone with an unbiased eye for observation can clearly distinguish how one child plays from how another does. Even if the difference isn’t a big one—you have to be a psychologist to observe something like that, if you want to become an educator at all. But if you can do that, then you have to relate the different types of play to a completely different stage of human life. When it comes to observing people, external science is such that it merely strings one thing after another. But that doesn’t get you very far. What can be observed in children’s play does not persist into the next stage of life. During the period from the loss of baby teeth to sexual maturity, the child is focused on other things. Even if the child continues to play, the actual “play age” no longer manifests itself as characteristically as it did before. The passions of play recede into the depths of the soul and only resurface at a much later stage of life: in the second half of one’s twenties, when a person is expected to engage with practical life. One person tackles the tasks of fate with great skill, while another becomes a dreamer detached from the world, and between the two, the most varied nuances are possible. The way in which a person can engage with practical life during these years can be fully explained if one knows how that person played at the ages of four, five, six, and seven.

[ 18 ] Daher ist es von einer durchgreifenden Wichtigkeit, als Pädagoge, als Erzieher das kindliche Spiel zu leiten; zu beobachten, was aus dem Kind herauswill, zu lenken dasjenige, was nicht heraus soll, weil das Kind dadurch ungeschickt würde im späteren Leben. Denn man gibt dem Kind, wenn man das Spiel im zartesten Alter in der richtigen Weise leitet, etwas mit für die Lebenspraxis, wie sie sich erst in den zwanziger Jahren ausbildet. Das ganze Leben des Menschen hängt zusammen, und was wir in der Jugend in die kindliche Seele einpflanzen, das kommt erst viel später im Leben in den mannigfaltigsten Metamorphosen zutage. Nur eine totale Menschenkenntnis, wie sie anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft gibt, kann tatsächlich Zusammenhänge, die so weit auseinanderliegen wie die zwanziger Jahre und das kindliche Alter, wie das Hineinfinden in die Lebenspraxis und die Spieltriebe, durchschauen; nur solche Geisteswissenschaft kann so tief hineinschauen in das Leben. Das wird Ihnen eine Vorstellung davon geben, aus welchem Umfang einer Menschenerkenntnis diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft arbeiten will, um eine pädagogische Kunst auszubilden.

[ 18 ] Therefore, it is of the utmost importance for educators and teachers to guide children’s play; to observe what the child wants to express, and to steer away from what should not be expressed, because that would make the child clumsy in later life. For when we guide a child’s play in the right way at the earliest age, we are giving the child something that will serve them in the practical aspects of life—aspects that do not fully develop until their twenties. A person’s entire life is interconnected, and what we plant in the child’s soul during youth only comes to light much later in life in the most diverse forms. Only a comprehensive understanding of human nature, such as that provided by anthroposophically oriented Spiritual Science, can truly penetrate connections as far apart as the twenties and childhood, such as the process of finding one’s way into practical life and the instincts for play; only such Spiritual Science can look so deeply into life. This will give you a mental image of the breadth of human understanding from which this anthroposophically oriented Spiritual Science seeks to draw in order to develop the art of education.

[ 19 ] Ein nachahmendes Wesen ist das Kind, sagte ich, bis zum siebenten Jahre ungefähr. Und ich sage diese Zahl Sieben wahrhaftig nicht aus irgendeiner mystischen Neigung heraus, sondern weil tatsächlich der Zahnwechsel ein Wichtiges in der ganzen Lebensentwicklung des Kindes ist. - Das Kind lernt durch Nachahmung die besondere Artung seiner Bewegungen, auch seine Sprache; es entwickelt sogar auf diese Weise die Form seiner Gedanken. Weil der Zusammenhang zwischen der Umgebung des Kindes und dem Kind selbst nicht nur von dem Äußerlichen abhängig ist, sondern Imponderabilien in sich birgt, müssen Eltern oder Erzieher, die in der Umgebung des Kindes leben, sich klar darüber sein, wie das Kind sich anpaßt an das, was die Erwachsenen in seiner Umgebung nicht nur äußerlich tun - nicht nur, was sie sprechen -, sondern was sie empfinden, was sie fühlen, was sie denken. Man glaubt das gewöhnlich nicht in unserem materialistischen Zeitalter, daß auch ein Unterschied besteht in bezug auf die Heranbildung des Kindes, ob wir uns edlen oder unedlen Gedanken in der Nähe des Kindes hingeben, weil man die Lebenszusammenhänge nur nach äußerlichen materiellen Entitäten sieht, und nicht, wie die Dinge innerlich durch Imponderabilien zusammenhängen. Das sieht man, wenn man das Leben wirklich seinen innerlichen Strukturen nach beobachtet.

[ 19 ] “A child is an imitative being,” I said, “until about the age of seven.” And I truly do not mention the number seven out of any mystical inclination, but because the change of teeth is, in fact, a significant milestone in the child’s overall development. - Through imitation, the child learns the specific nature of its movements, as well as its language; it even develops the form of its thoughts in this way. Because the relationship between the child’s environment and the child itself does not depend solely on external factors but also involves intangible elements, parents or educators who live in the child’s environment must be clearly aware of how the child adapts not only to what the adults around them do outwardly—not just what they say—but also to what they perceive, what they feel, and what they think. In our materialistic age, people generally do not believe that there is a difference in the child’s development depending on whether we indulge in noble or base thoughts in the child’s presence, because they view the interrelationships of life solely in terms of external, material entities, and not in terms of how things are internally connected through intangible factors. This becomes clear when one truly observes life according to its inner structures.

[ 20 ] Ich möchte an einem Beispiel erhärten, auf was es eigentlich bei solchen Dingen ankommt: Es kam einmal ein Vater zu mir, der klagte bitterlich - und ich könnte manches ähnliche Beispiel anführen -, sein fünfjähriges Knäblein habe gestohlen. Er war darüber sehr unglücklich. Ich sagte: Wir wollen einmal nachsehen, ob der fünfjährige Knabe wirklich gestohlen hat. - Ich ließ mir den Fall beschreiben. Was war eigentlich geschehen? Der Junge hatte aus der Schublade, in der die Mutter ihre Pfennige verwahrte, die sie immer brauchte für die täglichen kleinen Bedürfnisse, etwas Geld herausgenommen, Näschereien dafür gekauft; er hatte nicht einmal aus Egoismus das getan, sondern er hatte die Näschereien verteilt unter andere Kinder. Ich sagte zu dem Vater: Das Kind hat nicht gestohlen, sondern was die Mutter immer tut, das hält das Kind auch für richtig, daß es das tun dürfe, denn es ist ja in dem Alter von fünf Jahren noch durchaus ein nachahmendes Wesen. Dessen müssen wir uns bewußt sein: nicht durch Ermahnungen, durch Gebote wirken wir auf die Kinder, sondern lediglich durch das, was wir in ihrer Umgebung tun.

[ 20 ] I’d like to use an example to illustrate what really matters in such situations: A father once came to me, complaining bitterly—and I could cite many similar examples—that his five-year-old son had stolen something. He was very upset about it. I said: Let’s see if the five-year-old boy really did steal. — I asked him to describe the incident. What had actually happened? The boy had taken some money from the drawer where his mother kept her pennies—which she always needed for small daily expenses—and used it to buy snacks; he hadn’t even done it out of selfishness, but had shared the snacks with other children. I said to the father: “The child did not steal; rather, the child considers it right to do what the mother always does—that he is allowed to do it—because at the age of five, he is still very much a creature of imitation. We must be aware of this: we do not influence children through admonitions or commands, but solely through what we do in their presence.”

[ 21 ] Und wir gelangen erst zu einem gesunden Urteil über die ganze Seelenkonfiguration des Kindes, wenn wir wissen: Mit dem Zahnwechsel wird diese Seelenkonfiguration des Kindes eine wesentlich andere. Da tritt an die Stelle des bloßen Nachahmens das seelische Verhalten zur Umgebung als einer selbstverständlichen Autorität. Und wir haben es während der ganzen Schulzeit zu tun mit diesem Verlangen des Kindes nach der selbstverständlichen Autorität des Lehrers, des Erziehers oder dessen, der sonst das Kind umgibt. Man muß} nur wissen, was es für das ganze Leben bedeutet, wenn man in diesem kindlichen Alter vom siebenten bis zum fünfzehnten Jahr mit einer wirklichen, großen inneren Scheu zu denjenigen aufgesehen hat, die als Erwachsene mit erzieherischer Autorität in der Umgebung waren, die so zu uns standen, daß uns das, was wir für wahr und falsch hielten, hervorging aus der Art und Weise, wie diese Erzieher wahr und falsch sahen; auf dasjenige, was für die Erzieher der Maßstab von wahr und falsch war. Ins Menschliche, nicht in irgend etwas Abstraktes gehen wir hinein, wenn wir Wahr und Falsch, Gut und Böse in diesem kindlichen Lebensalter unterscheiden wollen.

[ 21 ] And we can only arrive at a sound judgment regarding the child’s entire psychological makeup once we understand that, with the change of teeth, this psychological makeup undergoes a fundamental transformation. At that point, mere imitation gives way to the child’s psychological attitude toward the environment as a natural authority. And throughout the entire school years, we are confronted with this desire on the part of the child for the self-evident authority of the teacher, the educator, or whoever else surrounds the child. One need only} realize what it means for one’s entire life to have looked up, during this childhood period from the age of seven to fifteen, with a genuine, profound inner reverence toward those adults in our environment who held educational authority—people who related to us in such a way that what we considered true and false stemmed from the way these educators viewed truth and falsehood; from whatever served as the standard of truth and falsehood for the educators themselves. It is into the human realm, not into anything abstract, that we enter when we seek to distinguish between right and wrong, good and evil, at this age of childhood.

[ 22 ] Sie werden nicht glauben, daß ich aus irgendeiner Vorliebe für konservative oder reaktionäre Ideen diese Notwendigkeit — daß aller Unterricht, alle Erziehung zwischen dem siebenten und fünfzehnten Jahr auch auf selbstverständliche Autorität gebaut werde vertrete, wenn ich Ihnen sage, daß ich schon 1892 eine kleine Schrift geschrieben habe, in der ich mit aller Entschiedenheit die individuelle Freiheit des Menschen als eine soziale Grundforderung hingestellt habe. Aber keiner kann ein wirklich freier Mensch werden, keiner kann in Freiheit das rechte soziale Verhältnis zu seinen Mitmenschen finden, wenn er nicht zwischen dem siebenten und fünfzehnten Jahr eine selbstverständliche Autorität neben sich anerkannt hat, und aus dieser heraus den Maßstab für Wahr und Falsch, Gut und Böse prägen lernte, um erst hinterher zu dem selbständigen Maßstab der verstandesmäßigen oder sonstigen rein innerlichen, autonomen Beurteilung zu kommen.

[ 22 ] You will not believe that I advocate this necessity—that all instruction and education between the ages of seven and fifteen must also be based on self-evident authority—out of any preference for conservative or reactionary ideas, when I tell you that as early as 1892 I wrote a short treatise in which I emphatically presented individual human freedom as a fundamental social requirement. But no one can become a truly free person; no one can find the proper social relationship with their fellow human beings in freedom unless, between the ages of seven and fifteen, they have recognized a natural authority alongside themselves and, based on this, learned to distinguish between right and wrong, good and evil, so that only afterward can they arrive at an independent standard of rational or other purely internal, autonomous judgment.

[ 23 ] Und dann ist die Seele des Kindes in diesem Lebensalter noch so beschaffen, daß sie zuerst durchaus noch mit der Umgebung verwachsen ist. Erst wenn wir an das Ende dieser Lebensphase kommen, die in das zwölfte, dreizehnte Jahr fällt, da sehen wir, daß das Kind sich deutlich von seiner Umgebung unterscheidet, daß es weiß: das Ich ist innerlich, die Natur äußerlich. Gewiß, das IchBewußtsein ist natürlich in dem allerersten Kindesalter vorhanden, aber da ist es doch mehr ein Gefühl. Man muß wissen, wenn man richtig erziehen will, daß zwischen dem neunten und dem zehnten und einem halben Jahr ungefähr ein außerordentlich wichtiger Punkt in der kindlichen Entwicklung liegt. Es ist der Punkt, wo das Kind sich innerlich so vertieft, daß es sich überall von der Natur und der sonstigen Außenwelt unterscheiden lernt. Vor diesem Zeitpunkt, der ein starker Wendepunkt im menschlichen Leben ist, sieht das Kind im Grunde seine Umgebung in Bildern, weil sie noch verwachsen ist mit dem eigenen inneren Leben, in Bildern, die oftmals symbolisch sind. Es denkt über seine Umgebung in symbolischer Weise. Nachher tritt eine andere Epoche ein. Das Kind unterscheidet sich von der Natur und der äußeren Umgebung. Von einer ungeheuren Bedeutung ist es, daß der Erzieher diesen Lebenspunkt, der für das eine Kind etwas später, für das andere etwas früher liegt, in der richtigen Weise beurteilen kann. Denn wie der Lehrer und Erzieher sich zwischen dem neunten und zehnten Jahr in der richtigen Weise verhält - väterlich, freundlich, liebevoll das Kind über diesen Rubikon führend -, das bedeutet einen Einschlag in das menschliche Leben, der für das ganze folgende Dasein bis zum physischen Tode hin bleibend ist. Ob ein Mensch in den entscheidenden Augenblicken Lebensfrische haben kann, ob er innere Seelenöde durch das Leben trägt, das hängt in vieler Beziehung — allerdings nicht in jeder - davon ab, wie sich der Lehrer und Erzieher zwischen dem neunten und zehnten und einem halben Jahr zu dem Kinde verhalten hat. Da handelt es sich manchmal darum, daß man im rechten Augenblick einfach das rechte Wort findet, wenn einem vielleicht ein Junge oder ein Mädchen auf dem Korridor begegnet und etwas fragt, daß man die rechte Miene macht, indem man antwortet. Erziehungskunst ist nicht etwas, was sich abstrakt lernen oder lehren läßt - so wenig wie Malen oder Bildhauern oder irgendeine andere Kunst, sondern sie ist etwas, was auf unendlichen Einzelheiten beruht, die aus seelischem Takt hervorgehen. Dieser seelische Takt wird aber gerade aus der anthroposophischen Geisteswissenschaft heraus gewonnen.

[ 23 ] And at this stage of life, the child’s soul is still such that it is, at first, completely intertwined with its surroundings. It is only when we reach the end of this phase of life, which falls around the twelfth or thirteenth year, that we see the child clearly distinguishing itself from its surroundings, that it knows: the “I” is internal, nature is external. Certainly, self-awareness is naturally present in very early childhood, but there it is more of a feeling. If one wishes to educate properly, one must know that between the ages of nine and ten and a half, there is an extraordinarily important point in a child’s development. It is the point at which the child becomes so inwardly absorbed that it learns to distinguish itself from nature and the rest of the external world in every respect. Before this point—which marks a major turning point in human life—the child essentially perceives its surroundings in images, because they are still intertwined with its own inner life, in images that are often symbolic. It thinks about its surroundings in a symbolic way. Afterward, a new phase begins. The child distinguishes itself from nature and the external environment. It is of immense importance that the educator be able to assess this stage of life—which occurs somewhat later for one child and somewhat earlier for another—in the right way. For the way the teacher and educator behaves between the ages of nine and ten—guiding the child across this Rubicon in a fatherly, friendly, and loving manner—has a profound impact on human life that remains with the child for the rest of their existence, right up to physical death. Whether a person can retain a zest for life in decisive moments, or whether they carry an inner spiritual desolation through life, depends in many respects—though not in every one—on how the teacher and educator behaved toward the child between the ages of nine and ten and a half. Sometimes it is simply a matter of finding the right word at the right moment—perhaps when a boy or girl happens to meet you in the hallway and asks a question—and of making the right expression while answering. The art of education is not something that can be learned or taught in the abstract—any more than painting, sculpture, or any other art—but rather it is something based on infinite details that arise from spiritual sensitivity. This spiritual sensitivity, however, is derived precisely from anthroposophical Spiritual Science.

[ 24 ] Nun ergibt sich auch, wie man unterscheiden muß zwischen dem, was man an das Kind heranzubringen hat vor diesem wichtigen Lebenspunkte zwischen dem neunten und zehnten und einem halben Jahr und nachher. Da muß man vor allen Dingen beachten, daß wir in unserer jetzigen, vorgerückten Zivilisation etwas haben, was äußerlich, abstrakt und zeichenhaft geworden ist. Gehen Sie zurück in alte Zivilisationen, nehmen Sie irgendwelche Bilderschriften, da wurde dasjenige fixiert, was der Sinn noch faßte. Das wurde zum Bilde gemacht, mit dem der Mensch zusammenhing, womit der Mensch durch Empfindung und Gefühl lebte. Heute ist das alles zum Zeichen geworden. Wir dürfen nicht wie etwas Fremdes das Lesen und Schreiben an das Kind heranbringen, weil es mit seiner Umgebung vor dem neunten Jahr verwachsen will; wir dürfen es nicht aus jenem Abstrakten heraus lehren, wie das heute geschieht. In der Waldorfschule beginnen wir den Unterricht durchaus künstlerisch, indem wir das Kind Formen zuerst zeichnen, sogar farbig zeichnen, malen lassen, die sich aus dem vollen Menschentum heraus ergeben. Wir lassen das Kind zunächst dies machen, und dann, wenn wir das Kind weiterführen in dieser zeichnerisch-malerischen Weise, entwickeln wir aus diesem Zeichnen die Buchstabenformen, das Schreiben. Aus dem Künstlerischen gehen wir vor, aus dem Künstlerischen holen wir zuerst das Schreiben, dann das Lesen heraus. Dadurch entsprechen wir wirklich dem, was im Kind liegt.

[ 24 ] It now becomes clear how one must distinguish between what should be introduced to the child before this important stage of life—between the ages of nine and ten and a half years—and afterward. Above all, we must bear in mind that in our present, advanced civilization, we have something that has become external, abstract, and symbolic. Go back to ancient civilizations; take any pictographic writing—there, what the mind could still grasp was captured. It was made into an image with which the human being was connected, through which the human being lived by sensation and feeling. Today, all of that has become mere symbols. We must not introduce reading and writing to the child as something foreign, because before the age of nine the child wants to become one with its surroundings; we must not teach it from that abstract realm, as is done today. In the Waldorf school, we begin instruction in a thoroughly artistic way by first letting the child draw—even in color—and paint forms that arise from the fullness of human nature. We let the child do this at first, and then, as we guide the child further in this drawing and painting approach, we develop the letter forms—writing—from this drawing. We proceed from the artistic; from the artistic we first draw out writing, then reading. In this way, we truly respond to what lies within the child.

[ 25 ] Nicht darum handelt es sich, daß man irgendwie abstrakt in der Pädagogik sagt, man solle nur dasjenige herausholen, was im Kind ist - man muß wissen, wie man das praktisch anfangen soll, daß man wirklich die Menschennatur trifft. Anthroposophische Geisteswissenschaft ist nirgends Theorie, sondern überall wirkliche Praxis. Das ist es, was sie befähigt, eine solche Erziehungskunst auszubilden.

[ 25 ] It is not a matter of making some abstract statement in pedagogy that one should simply draw out what is already within the child—one must know how to go about this in practice so as to truly touch human nature. Anthroposophical Spiritual Science is never mere theory, but always genuine practice. That is what enables it to develop such an art of education.

[ 26 ] Was ich erwähnt habe über die Autorität, das kann uns noch mit etwas anderem bekanntmachen, was Ihnen vielleicht paradox erscheinen wird. Man gibt im heutigen materialistischen Zeitalter außerordentlich viel auf den sogenannten Anschauungsunterricht. Demjenigen, der die wahre Natur des Kindes versteht, ist es etwas Schreckliches, wenn er die abstrakten Rechenmaschinen und alles das, womit das Kind heute oftmals traktiert wird, sieht. Man verlangt heute von dem Kinde, daß es alles gleich verstehe. Man will den Unterricht so einrichten, daß nichts über das gewöhnliche acht- oder neunjährige Verständnis hinausgeht. Es scheint außerordentlich wissenschaftlich zu sein. - Glauben Sie nur, meine sehr verehrten Anwesenden, auch ein anthroposophisch durchgebilderer Mensch kann das Begreifliche eines solchen Grundsatzes einsehen, geradeso gut wie diejenigen, die solche Grundsätze heute verteidigen als etwas, was selbstverständlich sein soll. Dasjenige, was aber selbstverständlich ist, das ist, daß das Kind vor allen Dingen zwischen dem siebenten und vierzehnten Lebensjahr in gesunder Weise das Gedächtnis und das Autoritätsgefühl in der Weise ausgebildet bekommen muß, wie ich es eben geschildert habe.

[ 26 ] What I have mentioned about authority can lead us to something else that may seem paradoxical to you. In today’s materialistic age, an extraordinary amount of emphasis is placed on so-called “visual instruction.” To anyone who understands the true nature of the child, it is a terrible sight to see the abstract calculators and all the other things with which children are so often bombarded today. Today, children are expected to understand everything immediately. The aim is to structure instruction so that nothing exceeds the comprehension level of an average eight- or nine-year-old. This seems extraordinarily scientific. — Believe me, my esteemed audience, even a person thoroughly educated in anthroposophy can grasp the logic of such a principle, just as well as those who defend such principles today as something that should be taken for granted. What is self-evident, however, is that the child—especially between the ages of seven and fourteen—must develop a healthy sense of memory and a healthy sense of authority in the manner I have just described.

[ 27 ] Wer nur immer Anschaulichkeit und Anschaulichkeit haben will, die angepaßt ist dem Verständnis des Kindes, der weiß folgendes nicht: Der weiß nicht, was es für das ganze Leben bedeutet, wenn man, sagen wir im achten oder neunten Jahr oder im zehnten bis fünfzehnten Jahr etwas auf die Autorität des Lehrers hin aufgenommen hat; weil es die verehrte autoritative Persönlichkeit einem sagt, hält man es für wahr. Es liegt noch über dem Horizont, man nimmt es aber in die Seele auf. Vielleicht erst im fünfunddreißigsten, vierzigsten Jahr holt man es wieder hervor. Was man gedächtnismäßig schon gehabt hat, durch die reifer gewordene Kraft versteht man es jetzt. Dieses Bewußtsein des Reifergewordenseins, dieses Bewußtsein, etwas heraufholen zu können, das erfrischt und erquickt die seelische Kraft in einer Weise, wie man es im gewöhnlichen Leben nicht würdigt, während es die Seele verödet, wenn man alles zuschneiden will auf das Verständnis des Kindes im achten, neunten, zwölften Jahr. — Das ist etwas, was man heute sagen muß, weil die Menschen aus ihrer materialistischen Gescheitheit heraus überhaupt gar nicht mehr in der Lage sind, das Naturgemäße, das Richtige, Wesentliche auf solchem Gebiete zu sehen.

[ 27 ] Anyone who insists on nothing but clarity and clarity tailored to a child’s understanding does not realize the following: They do not know what it means for one’s entire life when, say, at the age of eight or nine, or between the ages of ten and fifteen, one has absorbed something based on the teacher’s authority; because the revered, authoritative figure tells you so, you take it as true. It still lies beyond one’s horizon, yet one takes it into one’s soul. Perhaps only in one’s thirty-fifth or fortieth year does one bring it back to the surface. What one already had in one’s memory, one now understands through one’s more matured faculties. This awareness of having matured—this awareness of being able to bring something to the surface—refreshes and invigorates the soul’s strength in a way that is not appreciated in ordinary life, whereas the soul becomes desolate when one tries to tailor everything to the understanding of a child in the eighth, ninth, or twelfth year. — This is something that must be said today, because, out of their materialistic cleverness, people are no longer at all capable of seeing what is natural, right, and essential in such matters.

[ 28 ] Und aus den Untergründen der menschlichen Natur, aus dem, was sich bilden, was sich von Woche zu Woche, von Jahr zu Jahr entwickeln will, wird der Lehrplan einer solchen Schule gewonnen, wie es die Waldorfschule ist. Dieser Lehrplan ergibt sich ganz aus der Erkenntnis der Wesenheit des Menschen. Er ist kein abstrakter Lehrplan, sondern er ist etwas, was der Pädagogik dieser Schule zugrunde liegt wie das Malenkönnen dem Maler, das Bildhauen demjenigen, der als Plastiker tätig sein will.

[ 28 ] And from the depths of human nature—from that which is taking shape, that which seeks to develop from week to week, from year to year—the curriculum of a school such as the Waldorf School is derived. This curriculum arises entirely from an understanding of the essence of the human being. It is not an abstract curriculum, but rather something that underlies the pedagogy of this school, just as the ability to paint underlies the work of a painter, and the art of sculpting underlies the work of a sculptor.

[ 29 ] Sehen Sie, hier habe ich Ihnen aus dem Erziehungs- und Unterrichtsgebiet geschildert, wie anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft in die Lebenspraxis eingeht. Aber überlegen Sie sich einmal, wie das Geistesleben beschaffen sein muß, wenn solche Erziehungs- und Unterrichtspraxis wirklich Platz greifen soll! Wir sind heute gewöhnt, dieses Geistesleben nur als einen Anhang des Staates, als einen Anhang vielleicht des Wirtschaftslebens zu sehen. Wir sind heute gewöhnt, den wichtigsten Teil des Geisteslebens, eben gerade das Unterrichts- und Erziehungswesen, von Staats wegen uns vorschreiben zu lassen. Was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft nun aus einer wirklich eindringenden Erkenntnis der Unterrichts- und Erziehungsmethoden, die von wahrer Menschenerkenntnis ausgehen, für die moderne Zivilisation geltend machen muß, das ist, daß das Geistesleben, das Unterrichts- und Erziehungswesen in seine eigene freie Verwaltung gestellt werden muß. Ich möchte mich ganz konkret aussprechen: Nicht nur Lehren und Erziehen sollen die Lehrer und Erzieher, sondern sie sollen auch die gesamte Verwaltung des Unterrichtens und Erziehens frei und unabhängig von Staat und Wirtschaftsleben in der Hand haben. Von der untersten Volksschule an bis hinauf zu den höchsten Lehranstalten soll jeder Lehrer und Erzieher so viel mit Unterrichten beschäftigt sein, daß ihm noch soviel Zeit übrig bleibt, um auch Verwalter des Unterrichts- und Erziehungswesens zu sein. Und nur diejenigen, die noch lebendig im Unterricht und in der Erziehung drinnenstehen, die wirklichen Lehrer und Erzieher auf irgendeinem Gebiete, nicht die, die Staatsbeamte geworden sind und aus dem Erziehungswesen heraus sind, sollen auch die Verwalter des Erziehungswesens sein. Nichts soll hineinsprechen in das Unterrichts- und Erziehungswesen als allein das, was auch in Erkenntnis und Kunst und religiöse Weltauffassung hineinspricht. Die Menschen wollen nicht anerkennen, daß das, was für eine Epoche der geschichtlichen Entwicklung notwendig war, vielleicht auch außerordentlich gut war, nicht für jede Epoche der Geschichte gilt. Als die neuere Zeit heraufkam mit ihrem zentralistisch eingerichteten Staat, da war es eine gute, eine selbstverständliche Sache, daß den alten konfessionellen Verwaltungen die Schulen abgenommen worden sind. Das war damals eine Wohltat für die Menschheitsentwicklung. Jetzt aber sind wir an einem Punkt in der Menschheitsentwicklung angekommen, wo das ferner nicht so bleiben kann; wo das, was der Staat Gutes für das Schulwesen leisten konnte, erschöpft ist und wo das freie Geistesleben, dasjenige Geistesleben, das aus wirklichen geistigen Quellen herausschöpftt, die selbständige Verwaltung des Schulwesens will.

[ 29 ] You see, here I have described to you, in the context of education and teaching, how anthroposophically oriented Spiritual Science is integrated into everyday life. But consider for a moment what the spiritual life must be like if such educational and teaching practices are to truly take root! Today we are accustomed to viewing this spiritual life merely as an appendage of the state, or perhaps as an appendage of economic life. Today we are accustomed to having the most important part of spiritual life—namely, education and teaching—dictated to us by the state. What anthroposophically oriented Spiritual Science must now assert for modern civilization—based on a truly profound understanding of teaching and educational methods that stem from a genuine understanding of the human being—is that spiritual life, and the system of teaching and education, must be placed under its own free administration. I would like to put it in very concrete terms: Teachers and educators should not only teach and educate, but they should also have full control over the entire administration of teaching and education, free and independent of the state and economic life. From the lowest elementary school all the way up to the highest institutions of learning, every teacher and educator should be engaged in teaching to such an extent that they still have enough time left to also serve as administrators of the educational system. And only those who are still actively engaged in teaching and education—the true teachers and educators in any field, not those who have become government officials and have left the educational system—should also be the administrators of the educational system. Nothing should influence the educational system except that which also influences knowledge, art, and a religious worldview. People refuse to acknowledge that what was necessary for one epoch of historical development—and may even have been exceptionally good—does not apply to every epoch of history. When the modern era dawned with its centrally organized state, it was a good and natural thing that schools were taken away from the old denominational administrations. At that time, this was a boon for the development of humanity. But now we have reached a point in human development where this can no longer remain the case; where what the state could contribute of good to the school system has been exhausted, and where free spiritual life—the spiritual life that draws from genuine spiritual sources—calls for the independent administration of the school system.

[ 30 ] Hier berührt sich die Schulfrage, die Erziehungsfrage, unmittelbar mit der großen sozialen Frage, mit alledem, was gerade das Wesentliche der sozialen Frage ist. Sehen Sie, bezüglich der sozialen Frage meinen viele, daß das Wesentliche auf äußeren Einrichtungen beruht, daß man nur diese äußeren Einrichtungen anzusehen hat, um die soziale Frage zu erkennen, daß man an diesen äußeren Einrichtungen zu arbeiten habe, um für die soziale Frage etwas zu tun. — Wer das Leben wirklich kennengelernt hat, kann so nicht denken. Ich habe das proletarische Denken kennengelernt. Ich hatte dazu nicht nur in meiner eigenen Jugendzeit Gelegenheit, sondern auch dadurch, daß ich durch viele Jahre hindurch an einer Arbeiterbildungsschule als Lehrer der verschiedensten Fächer tätig war und gesehen habe, was eigentlich in den breitesten Schichten des Proletariats lebt, das sich im Grunde genommen nur durch die moderne Technik als Klasse, als Stand herausgebildet hat.

[ 30 ] Here, the issue of schooling and education intersects directly with the broader social issue—with everything that constitutes the very essence of the social issue. You see, when it comes to the social question, many believe that its essence lies in external institutions, that one need only look at these external institutions to understand the social question, and that one must work on these external institutions to do something about the social question. — Anyone who has truly come to know life cannot think this way. I have come to know proletarian thinking. I had the opportunity to do so not only during my own youth, but also because, for many years, I worked as a teacher of various subjects at a workers’ educational school and saw what actually lives within the broadest strata of the proletariat—a class that, fundamentally speaking, has emerged only through modern technology.

[ 31 ] Da sind es nicht die äußeren Einrichtungen, nicht einmal die Brotfragen, aus der die eigentliche soziale Frage quillt; da ist es die Seelenverfassung, die damit zusammenhängt, daß jene Art des Geisteslebens, die bei den führenden Schichten in den letzten drei bis vier Jahrhunderten sich ausgebildet hat, wie eine Art Religion auf die breiten Massen des Proletariats übergegangen ist. Ich habe diese Weltanschauung aus den materialistischen Grundlagen hervorgehen sehen bei ernst zu nehmenden Menschen, bei tief angelegten Seelen, die in der Bourgeoisie drinnen waren, die zu den führenden Klassen gehörten, und ich habe dabei folgendes erfahren: Solche tiefer angelegten Seelen, sie sagten sich: Man nehme die äußere naturwissenschaftliche Weltanschauung ernst; man sehe hin, wie sie zeigt, wie die Erde aus irgendwelchen Nebelzuständen durch rein natürliche Notwendigkeiten bis zu ihrem jetzigen Stadium sich entwickelt hat und wie sich die verschiedenen Lebewesen stufenweise mitentwickelt haben bis hinauf zum Menschen. Und es wird wiederum eine Zeit kommen, wo für die Erde entweder die Vereisung oder der Wärmetod eintritt - man mag es so oder so sich vorstellen -, dann aber wird der große Kirchhof da sein. Was wird dann geworden sein aus dem, was der Mensch doch als das Edelste der Menschennatur sehen muß, was in seinem Innern aufgeht als sittliche Ideale, als religiöse Impulse, als Kunst, als Wissenschaft? Menschen habe ich kennengelernt, die diese Frage sich ernsthaft vorlegten, während der größte Teil der modernen Menschen gedankenlos diese zwei Welten nebeneinandersetzt, die Welt der äußeren Naturnotwendigkeit und die Welt des eigentlich Menschlich-Wertvollen, der sittlichen Ideale, der religiösen Überzeugungen, der Erkenntnis, der künstlerischen Hervorbringung. Da sagen sich dann ernste Seelen: Ja, der Mensch wird dasjenige gewahr, was aus der Seele hervorquillt; das ist aber eine Illusion, das ist wie Rauch, der aus der materiellen Grundlage aufsteigt. Aber es wird einmal der große Kirchhof da sein, und verschwunden und verklungen wird sein, was wir die großen Ideale nennen. - Ich habe die Tragik und den Pessimismus kennengelernt, zu dem tief veranlagte Menschen gekommen sind. Aber ich habe es auch miterlebt, wie diese Weltanschauung dann in die proletarische Seele eingedrungen ist und wie einem da mit ungeheurer Wirkungskraft ein Wort entgegentrat, das aber vieles bezeichnet. Versteht man es, wie es in der proletarischen Seele lebt, dann weiß man viel über die Untergründe der gegenwärtigen Zivilisation und ihre sozialen Fragen. Da lebt in den Proletarierseelen das Wort «Ideologie». Was diese Proletarierseelen als Geistesleben kennen, als Sitte, Recht, Wissenschaft, Kunst und Religion, das nennen sie einen Überbau über den Produktionsprozessen, die ihnen das geschichtlich allein Reale sind. Das ist die Erbschaft derjenigen Weltanschauung, die ich eben als tragische geschildert habe und die die Proletarierseelen, die Millionen von Seelen verödet.

[ 31 ] It is not external institutions, nor even questions of bread and butter, from which the actual social question springs; rather, it is the state of mind associated with the fact that the kind of intellectual life that has developed among the ruling classes over the last three to four centuries has spread like a kind of religion to the broad masses of the proletariat. I have seen this worldview emerge from materialist foundations in people to be taken seriously—in souls of profound depth who were part of the bourgeoisie, who belonged to the ruling classes—and in doing so I have learned the following: Such souls of profound depth said to themselves: Let us take the external, scientific worldview seriously; let us observe how it shows that the Earth has developed from some nebulous states through purely natural necessities to its present stage, and how the various living beings have gradually evolved alongside it, right up to the human being. And a time will come again when the Earth will either face glaciation or heat death—one may form a mental image of it in one way or the other—but then the great graveyard will be there. What will then have become of what humanity must surely regard as the noblest aspect of human nature, what arises within us as moral ideals, as religious impulses, as art, as science? I have met people who have seriously pondered this question, while the vast majority of modern people thoughtlessly juxtapose these two worlds: the world of external natural necessity and the world of what is truly human and valuable—moral ideals, religious convictions, knowledge, and artistic creation. Then serious souls say to themselves: “Yes, human beings become aware of what wells up from the soul; but that is an illusion, it is like smoke rising from the material foundation. But one day there will be the great graveyard, and what we call the great ideals will have vanished and faded away.”—I have come to know the tragedy and pessimism to which deeply inclined people have arrived. But I have also witnessed how this worldview then penetrated the proletarian soul and how a single word confronted one there with immense power—a word that, however, signifies so much. If one understands how it lives within the proletarian soul, then one knows a great deal about the foundations of contemporary civilization and its social issues. For the word “ideology” lives within the souls of the proletariat . What these proletarian souls recognize as spiritual life—as custom, law, science, art, and religion—they call a “superstructure” built upon the processes of production, which, historically speaking, are the only reality for them. This is the legacy of the worldview I have just described as tragic, one that desolates the souls of the proletariat—those millions of souls.

[ 32 ] Man mag heute als ein Idealist erscheinen, wenn man die eigentliche proletarische Frage in dem sucht, was das furchtbare Wort Ideologie ausdrückt. Aber diese Idealisten, sie werden recht haben. Und diejenigen, welche in großen Mengen Menschenweisheit und Lebensroutine gepachtet zu haben glauben, die werden sehen, daß über sie die Geschichte hinschreiten wird. — Diese «Ideologie» bedeutet, daß die Seelen dieser Menschenmassen verödet bleiben, keinen Zusammenhang haben mit dem lebendigen Geiste — wie ja die führenden Klassen auch nicht, die an die Proletarier diese Wissenschaft herankommen lassen.

[ 32 ] One might seem like an idealist today if one seeks the true proletarian question in what that dreadful word “ideology” expresses. But these idealists—they will be right. And those who believe they have a monopoly on human wisdom and life experience in large numbers will see that history will march right over them. — This “ideology” means that the souls of these masses remain desolate, having no connection to the living spirit—just as the ruling classes do not, who deny the proletariat access to this science.

[ 33 ] Und da darf ich etwas sagen, was Ihnen im wesentlichen die Aufgabe und die Mission von Dornach, des Goetheanum in Dornach im heutigen Zivilisationszeitalter vor Augen stellen soll. Manche sehen heute ein: In die breiten Massen muß Aufklärung, muß Wissenschaft hineingebracht werden. Man gründet Volksbibliotheken, Volkshochschulen und alles mögliche, um die Wissenschaft, die an unseren Hochschulen ist, an unseren Mittelschulen ist, ins Volk zu bringen. Dornach kann das nicht mitmachen. Dornach will das machen, was in der Veranstaltung jenes Herbstkurses lag, den wir im Herbste 1920 veranstaltet haben und den wir in kleinerem Maßsstabe, entsprechend unseren bescheidenen Verhältnissen, zu Ostern wiederholen werden. Da handelte es sich darum, daß von Geisteswissenschaft aus die einzelnen Wissenschaften befruchtet werden sollen. Dreißig Dozenten aus allen Zweigen der Wissenschaft, auch Industrielle, Kommerzielle und Künstler, trugen in diesem Herbstkurse vor, um zu zeigen, wie alle Zweige der Wissenschaft, der Kunst und des Lebens von dieser Geisteswissenschaft befruchtet werden können. Da handelt es sich darum, daß die Wissenschaft erneuert werde. Da handelt es sich darum, daß in die Wissenschaften Geistiges hereingebracht werde, daß Geist hereingebracht werde, der nicht einer Kopfkultur entspringt, sondern der aus dem vollen Menschentum herauskommt.

[ 33 ] And here I would like to say something that is essentially intended to illustrate to you the task and mission of Dornach—of the Goetheanum in Dornach—in today’s age of civilization. Some people today recognize that enlightenment and science must be brought to the broad masses. Public libraries, adult education centers, and all sorts of institutions are being established to bring the science found in our universities and secondary schools to the people. Dornach cannot participate in this. Dornach intends to carry out what was the purpose of that fall course we organized in the fall of 1920 and which we will repeat on a smaller scale, in keeping with our modest circumstances, at Easter. The aim there was for the individual sciences to be enriched by Spiritual Science. Thirty lecturers from all branches of science—including industrialists, businesspeople, and artists—presented at this fall course to demonstrate how all branches of science, art, and life can be enriched by the Spiritual Science. The aim here is to renew science. The aim is to introduce the spiritual into the sciences—to introduce a spirit that does not spring from an intellectual culture, but arises from the fullness of humanity.

[ 34 ] Das also bezweckt das Goetheanum in Dornach, daß in die Hochschulen ein neuer Geist hereingetragen werde, dann erst wird er volkstümlich werden können. - Man will den Geist unserer Hochschule in das Volk hineintragen - kann man nicht an der modernen Zivilisation sehen, was dieser Geist genützt hat bei denjenigen, die ihn haben? Dieser Geist muß erneuert werden. Nicht muß von diesen Schulen herausgetragen werden die Volksbildung, sondern erst muß in die Schulen hineingetragen werden eine geistgetragene Bildung. - Das ist es, wodurch sich Dornach unterscheidet von allem anderen, was heute in dieser Richtung geschehen soll. Denn auf diesem Gebiet steht man durchaus auf dem Standpunkt, daß man sich zwar vormacht, man sei sehr frei gesinnt, daß man sich aber gerade gegenüber der landläufigen Wissenschaft einem furchtbaren Autoritätsglauben hingibt. Das sage ich wahrhaftig nicht aus Geringschätzung moderner wissenschaftlicher Denk weise, sondern aus einer jahrzehntelangen Beschäftigung mit allen Zweigen dieses Denkens. Wir haben es nötig, auf die Befreiung des Geisteslebens und damit die Befreiung des Schul- und Erziehungswesens hinzuwirken, wie einstmals der Staat in die Notwendigkeit versetzt war, Unterricht und Erziehung in sich aufzunehmen und sie den alten Konfessionen zu entreißen.

[ 34 ] This, then, is the purpose of the Goetheanum in Dornach: to bring a new spirit into the schools of higher learning; only then will it be able to take root among the people. — We want to carry the spirit of our school of higher learning out into the people—can we not see in modern civilization what good this spirit has done for those who possess it? This spirit must be renewed. It is not that public education must be carried out from these schools; rather, an education imbued with this spirit must first be brought into the schools. — This is what distinguishes Dornach from everything else that is supposed to be happening in this direction today. For in this field, people certainly take the position that, while they may pretend to be very open-minded, they actually succumb to a terrible belief in authority, particularly when it comes to mainstream science. I truly say this not out of contempt for modern scientific thought, but out of decades of engagement with all branches of this thinking. We must work toward the liberation of spiritual life and, with it, the liberation of the school and educational systems, just as the state was once compelled to take education and instruction into its own hands and wrest them from the old denominations.

[ 35 ] Ich weiß, was sich dagegen einwenden läßt, das freie Geistesleben als erstes Glied des dreigegliederten sozialen Organismus auszubilden. Aber wenn die Leute kommen und ihre Angst äußern, die Menschen würden dann wohl ihre Kinder nicht in diese freien Schulen schicken, so heißt das doch, die Sache falsch ansehen. Nicht darum handelt es sich, ob die Leute freiwillig ihre Kinder zur Schule schicken oder nicht, sondern darum, daß ein freies Unterrichts- und Erziehungssystem der Menschheit heute eine Notwendigkeit ist und daß man dann dafür zu sorgen hat, daß trotzdem die Kinder in die Schulen hineingehen. Nicht ein Einwand gegen das freie Geistesleben kann dies sein, sondern es muß sich lediglich ein Nachdenken darüber ergeben, wie man trotz eines freien Geisteslebens die Kinder nachlässiger Eltern, gewissenloser Eltern in die Schule hineinbringt. Das ist das erste Glied des von der anthroposophischen Weltanschauung auch als richtige Bewegung hin zu Lösungsmöglichkeiten der sozialen Fragen aufgestellten Impulses der Dreigliederung des sozialen Organismus: das freie Geistesleben, das von den Geistig-Wirkenden allein verwaltet wird.

[ 35 ] I know what objections can be raised to establishing the free spiritual life as the first member of the threefold social organism. But when people come and express their fear that parents would then probably not send their children to these free schools, that simply means they are looking at the matter the wrong way. The issue is not whether people voluntarily send their children to school or not, but rather that a free system of instruction and education is a necessity for humanity today, and that we must therefore ensure that children attend school regardless. This cannot be an objection to a free spiritual life; rather, it must simply lead to reflection on how, despite a free spiritual life, to bring the children of negligent or unscrupulous parents into school. This is the first link in the impulse toward the threefold social order—which the anthroposophical worldview also regards as the correct path toward solutions to social issues: the free spiritual life, administered solely by those who work in the spiritual realm.

[ 36 ] Man kann logisch leichtgeschürzte Begriffe finden, die allerlei beibringen, um diese notwendige Freiheit des Geisteslebens zu verteidigen, wie auch um sie anzugreifen, sie abzukanzeln. Darum handelt es sich aber nicht. Denn Anthroposophie geht überall von der Lebenspraxis und der Lebensbeobachtung aus. Derjenige, der weiß, was der Menschheit eine wirkliche Geisteswissenschaft wieder bedeuten wird, der weiß auch, wie notwendig die Befreiung des Geisteslebens ist. Man spricht von Ideologie, weil das Geistesleben in Abstraktionen besteht, weil man keinen Begriff davon hat, daß eine Vorstellung, dasjenige, was in der Seele lebt, etwas anderes ist als das Abbild von irgend etwas, weil man nicht mehr weiß, daß die alten Religionen dem Menschen gegeben haben, daß lebendiger Geist in jedem Menschen lebt, der Mensch mit seinem Ewigen dem lebendigen Geiste angehört und nicht nur in seiner Seele wesenlose abstrakte Bilder leben. Lebendige Geisteswelt, die uns innerlich erfüllt, uns mit dem Ewigen verbindet, ist keine Ideologie. In diesem Aufkommen der Ideologie liegt dasjenige, was zu den Katastrophen unseres Zeitalters geführt hat. Aber ein Schul- und Erziehungswesen, welches wiederum lebendigen Geist in die Menschheit hineinbringen will, das muß ein so freies Schulwesen sein, wie ich es geschildert habe. Dieses freie Schulwesen erscheint mir als etwas, was im eminentesten Sinne als eine Notwendigkeit von der modernen Menschheit - sofern es diese ehrlich meint mit Menschenheil und Menschenfortschritt - aufgefaßßt werden muß.

[ 36 ] One can easily find superficially logical concepts that offer all sorts of arguments both to defend this necessary freedom of spiritual life and to attack or denounce it. But that is not the point. For anthroposophy always proceeds from the practice of life and the observation of life. Anyone who knows what a true Spiritual Science will once again mean for humanity also knows how necessary the liberation of spiritual life is. People speak of ideology because spiritual life consists of abstractions, because they have no concept that a mental image—that which lives in the soul—is something other than the image of something, because they no longer know that the ancient religions taught humanity that a living spirit dwells within every human being, that human beings, with their eternal essence, belong to the living spirit, and that it is not merely formless, abstract images that live within their souls. The living spiritual world that fills us from within and connects us to the eternal is not an ideology. It is in this rise of ideology that we find the root of what has led to the catastrophes of our age. But a school and educational system that seeks to reintroduce the living spirit into humanity must be as free a school system as I have described. This free school system strikes me as something that, in the most eminent sense, must be recognized as a necessity by modern humanity—insofar as it is sincere in its concern for human well-being and progress.

[ 37 ] Daher betrachte ich es - ich sage das, ohne agitieren zu wollen als unbedingt notwendig, um viele Niedergangskräfte, die in unserer modernen Zivilisation sind, durch Aufgangskräfte zu beseitigen, daß auf internationaler, breitester Grundlage etwas entstehe wie dasjenige, was ich nennen möchte einen Weltschulverein. Dieser Weltschulverein müßte alle Nationen und die weitesten Kreise von Menschen umfassen. Diese Menschen müßten sich bewußt sein, daß ein freies Geistesleben zu schaffen ist. Es nützt gar nichts, wenn die Menschen finden, daß unsere Waldorfschule in Stuttgart etwas Praktisches ist, das man für ein paar Stunden oder für ein paar Wochen ansehen muß. So etwas, was aus einem ganzen geistigen Leben hervorgeht, ansehen zu wollen, heißt so viel, wie wenn man ein Stück aus der Sixtinischen Madonna herausschneiden würde, um eine Vorstellung von dem ganzen Bilde zu bekommen. Nicht durch Hospitieren kann man von dem Geist der Waldorfschule etwas erfahren, sondern indem man die Anthroposophie kennen lernt, die anthroposophische Geisteswissenschaft, die in jedem Lehrer lebt, in jeder Stunde lebt, in den Kindern lebt, die auch lebt in den Zeugnissen. Ich möchte nur kurz charakterisieren, wie wir in der Waldorfschule nach und nach jedes Kind, trotzdem wir auch große Klassen haben, seiner Individualität nach genau kennenlernen. Wir geben ihm nicht Zensuren mit, Zeugnisse, in denen steht «fast befriedigend», «kaum genügend» — das ist ja alles Unsinn. Man kann nicht so zensieren. Sondern wir geben den Kindern tatsächlich eine Beschreibung ihres Wesens, die ihnen einen Spiegel das ganze nächste Jahr vorhält, und einen Spruch, der aus tiefster Seele heraus gewählt war. Wir haben es auch erlebt, welchen Wert für die Waldorfschulkinder gerade diese Zeugnisse bekommen haben. Wir haben also das erlebt, was als anthroposophischer Geist in diese Waldorfschule eingezogen ist.

[ 37 ] Therefore, I consider it—and I say this without wishing to agitate—absolutely necessary, in order to counteract the many forces of decline present in our modern civilization with forces of renewal, that something be established on the broadest possible international basis, something I would like to call a World School Association. This World School Association would have to encompass all nations and the broadest possible circles of people. These people would have to be aware that a free spiritual life must be created. It is of no use at all if people think that our Waldorf School in Stuttgart is merely a practical matter that one must observe for a few hours or a few weeks. To want to observe something that arises from an entire spiritual life is like cutting out a piece of the Sistine Madonna to get a mental image of the entire painting. One cannot experience the spirit of the Waldorf School by simply observing classes, but rather by becoming acquainted with anthroposophy—the anthroposophical Spiritual Science—which lives in every teacher, in every lesson, in the children, and which also lives in the report cards. I would like to briefly describe how, in the Waldorf School, we gradually come to know each child intimately according to their individuality, even though we have large classes. We do not give them grades or report cards that say “almost satisfactory” or “barely passing”—that is all nonsense. You can’t grade that way. Instead, we actually give the children a description of their character—one that serves as a mirror for them throughout the coming year—and a motto chosen from the depths of their souls. We have also seen just how valuable these very report cards have become for the Waldorf school children. We have thus experienced what has entered this Waldorf school as the anthroposophical spirit.

[ 38 ] Aber wir wünschen nicht, daß man möglichst viele Winkelschulen nach dem Muster der Waldorfschule errichtet, sondern was wir wollen, ist, daß in weitesten Kreisen auf internationalem Gebiete die Einsicht entsteht: man muß den alten Zopf bekämpfen, der nur auf staatlicher Grundlage das Schulwesen aufbauen will. Man muß danach streben, es zu erzwingen, daß das freie Geistesleben seine vollberechtigte freie Schule schaffen könne. Wir wollen nicht von Staates Gnaden Winkelschulen errichten, wir werden nicht unsere Hand dazu bieten, sondern was notwendig ist, das ist ein Verständnis für einen solchen Völkerbund, wie er spirituell-geistig in einem Weltschulverein liegen würde. Das würde die Menschen über das weite Erdenrund in einer großen, einer Riesenaufgabe für ein Stück zusammenführen.

[ 38 ] But we do not wish to see as many independent schools as possible established along the lines of the Waldorf School; rather, what we want is for the realization to take hold in the broadest possible circles internationally: we must combat the old-fashioned mindset that seeks to build the school system solely on a state-run basis. We must strive to ensure that free spiritual life can create its own fully legitimate, free school. We do not want to establish small, isolated schools at the state’s mercy; we will not lend a hand to that end. Rather, what is necessary is an understanding of a League of Nations of the kind that would be embodied spiritually and intellectually in a World School Association. This would bring people together across the globe in a great, a colossal undertaking.

[ 39 ] Das ist dasjenige, was ich zunächst über das erste Glied des dreigliedrigen sozialen Organismus sagen will. Die anderen Glieder kann ich, weil sie ja der Lebenspraxis auf anderen Gebieten angehören, nur streifen. - Wir haben den Einheitsstaat im Laufe der letzten vier bis fünf Jahrhunderte gerade in der heutigen zivilisierten Welt herausgebildet. Er hat auf der einen Seite das Geistesleben mit dem Schul- und Erziehungswesen in sich aufgesogen; er hat auch das Wirtschaftsleben aufgesogen, wenigstens zu einem großen Teil. Und die Sozialdemokratie strebt ja danach, den ganzen Staat, den staatlichen Rahmen zu benützen, um im Grunde genommen eine Art kasernierte Wirtschaft einzurichten, wodurch jede wirtschaftliche Freiheit und jede Individualität zerstört wird, wie wir das sehen am Trotzkismus, am Leninismus, gerade an dem, was da geworden ist, was da in so furchtbarer Weise im Osten Europas bis nach Asien hinein die Menschheit in Konvulsionen versetzt. Es handelt sich darum, daß die Menschen lernen, wie gewisse Dinge der Menschheit heute notwendig sind.

[ 39 ] That is what I would like to say first about the first member of the threefold social organism. As for the other parts—since they pertain to practical life in other areas—I can only touch on them briefly. —Over the course of the last four to five centuries, we have developed the unitary state precisely within today’s civilized world. On the one hand, it has absorbed spiritual life through the school and educational systems; it has also absorbed economic life, at least to a large extent. And social democracy, after all, strives to use the entire state—the state framework—to essentially establish a kind of militarized economy, thereby destroying all economic freedom and all individuality, as we see in Trotskyism, in Leninism, and especially in what has come of it—what is now, in such a terrible way, throwing humanity into convulsions across Eastern Europe and into Asia. The point is for people to learn what certain things are necessary for humanity today.

[ 40 ] Das Wirtschaftsleben hat geradeso seine eigenen Bedingungen wie das Geistesleben. Wer wie ich dreißig Jahre, die Hälfte seines Lebens, in Österreich zugebracht hat, das ja gerade das Experimentierland war für das Wirken der sozialzerstörenden Kräfte - deshalb ist dieses Österreich auch das erste Opfer dieser Weltkatastrophe geworden -, wer mit sehenden Augen in diesem Österreich gelebt hat, der konnte schon in den siebziger Jahren sehen, wie es dem Ende entgegeneilte. Da kann ich mich auf ein Beispiel beziehen, wie in diesem Österreich im Großen in den Niedergang hineingearbeitet worden ist. Da wollte man in den siebziger Jahren auch demokratisch parlamentarisieren. Wie hat man das gemacht? Man hat vier Kurien festgesetzt, die Kurie der Großgrundbesitzer, die Kurie der Handelskammern, die Kurie der Städte, Märkte und Industrialorte, die Kurie der Landgemeinden. Lauter Wirtschaftsinteressen wurden in das Parlament hineingezogen. Die Vertreter von bloßen Wirtschaftsinteressen in vier Kurien, die sollten für alles Staatliche die Entscheidung fällen. Sie fällten sie natürlich nach Wirtschaftsinteressen. Dadurch kamen weder die berechtigten staatlichen Interessen noch die Wirtschaftsinteressen zu ihrer Geltung.

[ 40 ] Economic life has its own conditions just as much as intellectual life does. Anyone who, like me, has spent thirty years—half their life—in Austria, which was, after all, the testing ground for the forces of social destruction—which is why this Austria also became the first victim of this global catastrophe—anyone who has lived in this Austria with open eyes could already see as early as the 1870s how it was rushing toward its end. I can cite an example of how, on a large scale, this Austria was engineered into decline. In the 1870s, there was also a push to establish a democratic parliamentary system. How was this done? Four curiae were established: the Curia of Large Landowners, the Curia of Chambers of Commerce, the Curia of Cities, Markets, and Industrial Centers, and the Curia of Rural Communities. Purely economic interests were drawn into the parliament. The representatives of mere economic interests in these four curiae were supposed to make decisions on all matters of state. Naturally, they made these decisions based on economic interests. As a result, neither legitimate state interests nor economic interests were given due consideration.

[ 41 ] Ich könnte Ihnen Hunderte und Hunderte von Gründen aufzählen, welche Ihnen zeigen würden, daß ebenso wie auf der einen Seite das Geistesleben abgesondert werden muß vom eigentlichen Staatsleben, auf der anderen Seite das Wirtschaftsleben ebenfalls abgesondert werden muß. Wie das Geistesleben auf den vollständig freien Menschen und die Verwaltung der freien Menschen eingerichtet werden muß, so muß das Wirtschaftsleben eingerichtet werden auf das assoziative Prinzip.

[ 41 ] I could list hundreds and hundreds of reasons that would show you that, just as intellectual life must be separated from actual political life on the one hand, economic life must likewise be separated on the other. Just as intellectual life must be organized around the fully free individual and the governance of free individuals, so too must economic life be organized according to the principle of association.

[ 42 ] Was heißt das, ein assoziatives Prinzip? Nun, wir haben ja heute schon ein Streben nach der Bildung von Konsumvereinen. Die konsumierenden Menschen schließen sich zusammen. Und wir haben eine Bewegung, wo sich die produzierenden Menschen der verschiedensten Kreise zusammentun. Aber letztlich haben wir eigentlich nur ein Surrogat, zusammengesetzt aus Konsumierenden und Produzierenden. Erst wenn man nicht nach dem Barometer des Gewinns, sondern wenn man nach dem Bedarf die Produktion einrichtet, wo man die Zusammenhänge von Konsumenten und Produzenten von denjenigen Menschen leiten läßt, die in verschiedenen Wirtschaftszweigen als Sach- und Fachkundige stehen, wo man Ernst macht damit, daß wir in bezug auf das Geistesleben nach Totalität streben, aber niemals im Wirtschaftsleben, wo man in Zusammenhang steht mit Menschen, die in anderen Branchen stehen sobald man damit Ernst macht, wird das assoziative Prinzip im Wirtschaftsleben einziehen. Assoziation wird nicht Organisation sein. Trotzdem ich einen Teil meines Lebens in Deutschland verbrachte, hat für mich das Wort «Organisation» etwas Fürchterliches, und ich habe gerade in Deutschland kennengelernt, was es heißt, alles mögliche organisieren zu wollen. Furchtbares erreicht man, wenn man von einer zentralen Stelle aus immer organisieren will. Assozueren ist nicht Organisieren. Da bleiben die Individualitäten in voller Wirkung, schließen sich zusammen, so daß durch den Zusammenschluß ein Kollektivurteil zustande kommt. Sie können Näheres darüber nachlesen in meinem Buch «Die Kernpunkte der Sozialen Frage» und in dem Buche «In Ausführung der Dreigliederung», das eine Anzahl von Artikeln zusammenfaßt, die von mir erschienen sind in der Stuttgarter Zeitschrift «Die Dreigliederung», die herausgegeben wird vom Bund für Dreigliederung des sozialen Organismus.

[ 42 ] What does an “associative principle” mean? Well, we already see a trend today toward the formation of consumer cooperatives. Consumers are banding together. And we have a movement in which producers from a wide variety of circles are joining forces. But ultimately, what we actually have is merely a surrogate, made up of consumers and producers. Only when production is organized not according to the barometer of profit but according to need—when the relationships between consumers and producers are guided by those who serve as experts and specialists in various economic sectors—and when we take seriously our striving for totality in spiritual life— but never in economic life—where one interacts with people in other sectors—as soon as we take this seriously, the principle of association will take hold in economic life. Association will not be organization. Although I spent part of my life in Germany, the word “organization” has a terrifying connotation for me, and it was precisely in Germany that I learned what it means to want to organize everything possible. Terrible things happen when one always tries to organize everything from a central authority. Associating is not organizing. There, individualities remain fully effective; they come together so that a collective judgment emerges through this union. You can read more about this in my book *The Key Points of the Social Question* and in the book *In Implementation of the Threefold Social Order*, which compiles a number of articles I have published in the Stuttgart journal *Die Dreigliederung*, edited by the Association for the Threefold Social Order.

[ 43 ] Ich habe darin gezeigt, wie aus dem wirklich praktischen Wirtschaftsleben heraus diese Assoziationen gebildet werden können; wie diese Assoziationen zu einer gerechten Preisbildung, zu einer erträglichen Preisbildung führen werden. Während wir heute nur eine Zufalls-Preisbildung haben, wird es sich da um eine Preisbildung handeln, die wirklich durch das assoziative Zusammenarbeiten zwischen Konsumenten und Produzenten entsteht. Denn im wirtschaftlichen Leben ist die Preisfrage die Mittelpunktsfrage des ganzen wirtschaftlichen Daseins. Wer nicht einsieht, daß Preise vor allen Dingen durch Assoziationen geregelt werden müssen und nicht durch Statistiken oder dergleichen, sondern durch das lebendige Zusammenwirken in Assoziationen, der weiß nicht, worauf es ankommt. Man braucht sich nicht zu fürchten vor der Bürokratie; größer als heute wird sie sicher nicht sein. Aber dadurch, daß dieselben Leute, die im geschäftlichen praktischen Leben darinnenstehen, auch die Leiter sein werden, dadurch vereinfacht sich die ganze Arbeit. Und man wird erreichen, daß ein jeder soviel bekommen wird, wenn er irgend etwas produziert, wie er verbraucht für sich und die Seinen, für die anderen Dinge, die er zu besorgen hat, bis er wiederum ein gleiches Produkt hervorgebracht hat. Grob gesprochen: fabriziere ich ein Paar Stiefel, so muß ich dafür soviel bekommen, wie ich brauche, um wiederum ein Paar Stiefel zu produzieren. Das soll aber nicht in utopischer Weise irgendwie festgesetzt werden, sondern das wird sich als das letzte Resultat ergeben, wenn die Assoziationen in der Weise da sein werden, wie ich es in dem Buche «Die Kernpunkte der Sozialen Frage» dargestellt habe. Das ist das Wesentliche bei diesem Impuls der Dreigliederung des sozialen Organismus, daß er nichts Utopisches enthält, sondern ganz und gar aus der Lebenspraxis und aus den Zeitforderungen heraus geboren ist. Sach- und Fachkenntnis müssen leiten das geistige Leben, Sach- und Fachtüchtigkeit müssen das wirtschaftliche Leben in Assoziationen leiten, die sich bis zu einer großen, von Landesgrenzen unabhängigen Weltwirtschaftsassoziation verbinden.

[ 43 ] In it, I have shown how these associations can be formed out of real, practical economic life; how these associations will lead to fair pricing, to affordable pricing. Whereas today we have only random price formation, this will be a form of price formation that truly arises from the associative cooperation between consumers and producers. For in economic life, the question of price is the central issue of the entire economic existence. Anyone who fails to recognize that prices must be regulated first and foremost through associations—not through statistics or the like, but through the dynamic interaction within associations—does not understand what really matters. There is no need to fear bureaucracy; it will certainly not be any greater than it is today. But because the very people who are actively involved in practical business life will also be the leaders, this will simplify the entire process. And we will achieve a situation where everyone who produces something will receive enough to cover what they consume for themselves and their families, as well as the other necessities they must provide for, until they have once again produced an equivalent product. Roughly speaking: if I make a pair of boots, I must receive enough in return to produce another pair of boots. But this is not to be determined in some utopian way; rather, it will emerge as the ultimate result once the associations are organized in the manner I have described in the book *The Key Points of the Social Question*. This is the essence of this impulse toward the threefold social order: that it contains nothing utopian, but is born entirely out of practical life and the demands of the times. Practical and technical knowledge must guide spiritual life, and practical and technical competence must guide economic life within associations that unite to form a large global economic association independent of national borders.

[ 44 ] In bezug auf das geistige Leben und das wirtschaftliche Leben sind Majoritätsbeschlüsse ein Unding; da muß alles aus Sach- und Fachtüchtigkeit heraus sich entwickeln. Majoritätsbeschlüsse, eigentliche Demokratie ist nur möglich für diejenigen Angelegenheiten, in denen jeder Mensch kompetent ist. Es ist ein weites Feld von politisch-rechtlichen Angelegenheiten, die dann übrig bleiben zwischen einem freien Geistesleben und dem auf das AssoziationsPrinzip gestellten Wirtschaftsleben. Es sind alle diejenigen Angelegenheiten, in denen jeder mündig gewordene Mensch dem anderen als ein gleicher im parlamentarischen Leben gegenübersteht, wo alle die Fragen entschieden werden, die dann schon von selbst übrig bleiben aus dem Wirtschaftsleben, aus dem Geistesleben.

[ 44 ] With regard to intellectual life and economic life, majority decisions are an absurdity; there, everything must develop on the basis of expertise and professional competence. Majority decisions—true democracy—are possible only for those matters in which every person is competent. There is a vast field of political and legal matters that remain between a free intellectual life and an economic life based on the principle of association. These are all those matters in which every person who has come of age faces others as an equal in parliamentary life, where all the issues are decided that naturally remain outside the economic and intellectual spheres.

[ 45 ] Die Fachleute haben merkwürdigerweise eingewendet, sie verstünden, daß im dreigliedrigen sozialen Organismus das freie Geistesleben und das assoziative Wirtschaftsleben sein müssen, aber für das Staatsleben bleibe ja dann nichts mehr übrig. — Das ist sehr charakteristisch. Das moderne Staatsleben hat so stark - sogar in den Ideen - Wirtschaftsleben und Geistesleben aufgesogen, daß es gerade die wichtigsten Dinge nicht entwickelt hat, so daß Fachleute gar keine Ahnung haben, welche Aufgaben das Staatsleben haben kann.

[ 45 ] Strangely enough, the experts have objected that while they understand that the threefold social organism must include a free spiritual life and an associative economic life, there would then be nothing left for political life. — That is very telling. Modern political life has absorbed economic and spiritual life so strongly—even in its ideas—that it has failed to develop precisely the most important things, with the result that experts have absolutely no idea what roles political life can play.

[ 46 ] Das, was ich Ihnen heute vorgetragen habe, ist nur skizzenhaft. Es wird in den genannten Büchern weiter ausgeführt. Es knüpft aber im Grunde doch an die intensivsten historischen Notwendigkeiten an.

[ 46 ] What I have presented to you today is only a rough outline. It is discussed in greater detail in the books mentioned. However, it is fundamentally rooted in the most pressing historical necessities.

[ 47 ] Wir sehen aus dem 18. Jahrhundert herüberstrahlen in unser Zeitalter die großen Menschheitsideale Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Wie könnten wir nicht fühlen, was in diesen drei großen Menschheitsimpulsen liegt! Und dennoch - es hat gescheite Leute gegeben im Laufe des 19. Jahrhunderts, die unwiderleglich gezeigt haben, daß im Einheitsstaat Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit nicht nebeneinander bestehen können. So haben wir auf der einen Seite das Merkwürdige, daß unsere Herzen höher schlagen, wenn wir von diesen drei großen Menschheitsidealen hören, wenn wir sie innerlich empfinden, daß aber andererseits wiederum der gescheite Staatsmann - ich sage das ganz ohne Ironie - nachweisen kann, daß diese drei Ideale im Einheitsstaat sich nicht miteinander vertragen. Was liegt da vor? Da liegt das vor, daß die Menschen im 18. Jahrhundert als unwiderlegliche Menschheitsideale und Menschheitsimpulse Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gefühlt haben. Sie waren aber noch in der Suggestion, daß alles der Einheitsstaat machen müsse. Heute müssen wir reif werden für den dreigegliederten sozialen Organismus. In ihm erst werden sich wahrhaft Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit verwirklichen können. In einem freien Geistesleben, von dem ich hoffe, daß es durch einen Weltschulverein wirklich an das Tageslicht gefördert werden könnte, wird wirkliche Freiheit der Menschen herrschen. In dem Staatsleben, das zwischen dem freien Geistesleben und dem Wirtschaftsleben steht, wird alles auf Gleichheit gebaut werden können; es werden in seiner Verwaltung nur diejenigen Dinge vorkommen, in denen wirklich jeder mündig gewordene Mensch kompetent ist und als Gleicher dem anderen mündig gewordenen Menschen gegenüberstehen kann. Im Wirtschaftsleben werden sich in den Assoziationen Konsumenten- und Produzenten-Interessen zusammenschließen, den Ausgleich finden und zuletzt gipfeln in einer menschenwerten Preisbildung.

[ 47 ] We see the great ideals of humanity—liberty, equality, and fraternity—shining down from the 18th century into our own age. How could we fail to feel the significance of these three great human impulses! And yet—there have been wise people throughout the 19th century who have irrefutably demonstrated that freedom, equality, and fraternity cannot coexist within a unitary state. So, on the one hand, we have the curious phenomenon that our hearts beat faster when we hear of these three great ideals of humanity, when we feel them deep within; yet on the other hand, the wise statesman—and I say this without any irony—can demonstrate that these three ideals are incompatible within a unitary state. What is going on here? What is at work here is that people in the 18th century perceived freedom, equality, and brotherhood as irrefutable human ideals and impulses. However, they were still under the impression that the unitary state must provide for everything. Today we must mature toward the threefold social organism. Only within it will true freedom, equality, and brotherhood be able to be realized. In a free spiritual life—which I hope could truly be brought to light through a World School Association—true human freedom will prevail. In public life, which stands between the free spiritual life and economic life, everything will be built on equality; its administration will involve only those matters in which every person who has attained maturity is truly competent and can stand as an equal before other people who have likewise attained maturity. In economic life, consumer and producer interests will unite within associations, find a balance, and ultimately culminate in a system of pricing that is worthy of human dignity.

[ 48 ] Wir werden eine Möglichkeit haben, die drei großen Menschheitsideale der Menschheitsentwicklung einzuverleiben, wenn wir uns befreien von der Suggestion des Einheitsstaates, indem wir erstreben: Im Geistesleben Freiheit, im Staatsleben oder politischen oder rechtlichen Leben - dem zweiten Gliede des sozialen Organismus - die Gleichheit; im assoziativ gestalteten Wirtschaftsleben die aus der Sachlichkeit der Produktion und Konsumtion heraus wirkende Brüderlichkeit.

[ 48 ] We will have an opportunity to incorporate the three great ideals of human development into our society if we free ourselves from the notion of a unitary state by striving for: freedom in spiritual life; equality in public life—or political and legal life—the second member of the social organism; and brotherhood in economic life, organized on an associative basis, arising from the objectivity of production and consumption.

[ 49 ] Freiheit im Geistesleben, Gleichheit im Staatsleben, Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben: das gibt erst den drei größten sozialen Idealen der Menschheit — Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit die richtige Bedeutung.

[ 49 ] Freedom in intellectual life, equality in political life, fraternity in economic life: this is what gives the three greatest social ideals of humanity—freedom, equality, and fraternity—their true meaning.