Education for Life
Self-Education and Pedagogical Practice
GA 297a
17 January 1922, Stuttgart
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The Educational Value of Understanding Human Nature, tr. SOL
4. Anthroposophie und die Rätsel der Seele
4. Anthroposophy and the Mysteries of the Soul
[ 1 ] Den Daseinsrätseln steht der Mensch eigentlich erst dann wirklich gegenüber, wenn er einen Grad von Bewußtheit über das Leben ausgebildet hat, wenn er sich genötigt fühlt, sich Vorstellungen, Empfindungen, Gefühle über sein Verhältnis zur Welt zu machen. Dann aber, wenn er in eine solche Lage gekommen ist, dann bedeuten für ihn die Daseinsrätsel durchaus dasjenige, was man eine Lebensfrage nennen kann, denn sie hängen nicht nur zusammen mit irgendwelchen theoretischen Sehnsüchten, mit bloß äußerlichen Bildungsfragen, sondern es hängt von ihnen die ganze Stellung des Menschen zur Welt ab, die Art, wie sich der Mensch in der Welt zurechtfinden kann, der Grad an Sicherheit, den er im Leben haben kann, und der innere Halt, mit dem er sich durch dieses Leben bewegen kann.
[ 1 ] A person does not truly confront the mysteries of existence until he has developed a certain level of awareness about life, until he feels compelled to form mental images, sensations, and feelings about his relationship to the world. But once they have reached such a stage, the mysteries of existence represent for them precisely what one might call a question of life, for they are not merely connected to some theoretical longings or to purely external matters of education; rather, the entire human stance toward the world depends on them—the way in which a person can find their bearings in the world, the degree of security they can have in life, and the inner stability with which they can navigate this life.
[ 2 ] Nun ist aber doch ein beträchtlicher Unterschied zwischen den verschiedenen Arten von Daseinsrätseln. Der Mensch steht der Natur gegenüber, muß sich Vorstellungen, Empfindungen bilden über sein Verhältnis zur Natur, und wenn ich einen Vergleich gebrauchen darf, so möchte ich sagen: Wenn der Mensch in der Weise zum Bewußtsein gekommen ist, wie ich das charakterisiert habe, und er kann sich nicht hineinfinden in gewisse Dinge, die als Geheimnisse der Natur ihm entgegentreten, dann erscheint ihm das Dasein, dem er einmal angehört — wie gesagt, es ist nur als Vergleich ausgesprochen -, wie ein Geistig-Finsteres, er fühlt sich wie in eine finstere Welt hineingestellt, er fühlt, wie er sich in dieser finsteren Welt nicht orientieren kann. Aber es bleibt dieses ganze Verhältnis zu den Weltgeheimnissen des äußeren natürlichen Daseins dennoch bis zu einem gewissen Grade für den Menschen etwas Äußerliches, es betrifft sein äußeres Verhältnis zum Dasein.
[ 2 ] However, there is indeed a considerable difference between the various types of existential mysteries. Human beings stand before nature and must form mental images and sensations regarding their relationship to nature; and if I may use a comparison, I would say: When human beings have attained consciousness in the way I have described, and they cannot come to terms with certain things that confront them as mysteries of nature, then existence—to which they once belonged—appears to them—as I said, this is merely a comparison—as a dark, spiritual force; they feel as if they have been placed in a dark world, and they feel unable to find their bearings in this dark world. Yet this entire relationship to the mysteries of the external natural world remains, to a certain extent, something external to human beings; it concerns their external relationship to existence.
[ 3 ] Ganz anders steht der Mensch diesen Rätselfragen selber gegenüber, wenn es sich um die Rätsel seiner Seele handelt. In diesen Rätselfragen lebt er, diese Rätselfragen machen im Grunde dasjenige aus, was zunächst seelische Gesundheit und Krankheit sein kann, was aber auch zur körperlichen Gesundheit und Krankheit werden kann. Denn das Seelenleben, es ist etwas außerordentlich Kompliziertes, so einfach es zunächst auch erscheinen mag. Was wir während unseres tagwachen Zustandes vom Morgen bis zum Abend in unserem Bewußtsein tragen - es ist Ja heute durchaus auch wissenschaftlich anerkannt -, das ist ja nur ein Teil unseres Seelenlebens. Ein großer Teil unseres Seelenlebens ruht in unbewußten oder, ich könnte auch sagen unterbewußten Tiefen; es schlägt seine Wellen herauf in Form von unbestimmten Empfindungen, von unbestimmten Stimmungen, wohl auch von allerlei anderen Seeleninhalten, und bildet dasjenige, was eine unbestimmte Grundfassung unseres Seelenlebens ist. Das aber, was in dieser Weise mehr oder weniger unbestimmt in den Untergründen unseres Seelenlebens sich abspielt und heraufflutet, das hängt innig zusammen mit dem, was eigentlich das Glück oder Leid unseres Lebens ist. Und gerade wer auf anthroposophischem Weg versucht, in das Seelenleben des Menschen einzudringen, der merkt sehr bald, wie alles, was in einer solchen Art unbestimmt aus den Tiefen des Seelischen heraufflutet, mit dem Körperlich-Leiblichen zusammenhängt, wie zuerst leise, dann immer mehr und mehr unser ganzer Gesundheitszustand, der uns lebenstüchtig oder lebensunfähig macht, von diesen unterbewußten Seelenstimmungen abhängen kann.
[ 3 ] People approach these enigmatic questions quite differently when they concern the mysteries of their own souls. They live within these enigmatic questions; these questions essentially constitute what may initially be mental health and illness, but which can also become physical health and illness. For the life of the soul is something extraordinarily complex, however simple it may appear at first glance. What we carry in our consciousness during our waking hours from morning to evening—and this is indeed now scientifically recognized—is, after all, only a part of our soul life. A large part of our inner life lies in unconscious—or, I might also say, subconscious—depths; it surges upward in the form of vague sensations, vague moods, and indeed all manner of other inner contents, and constitutes what is an indeterminate underlying framework of our inner life. But what unfolds in this more or less vague way in the depths of our inner life and wells up from there is intimately connected with what actually constitutes the happiness or suffering of our lives. And precisely those who, following the anthroposophical path, attempt to penetrate the inner life of the human soul soon realize how everything that surges up in such an indeterminate way from the depths of the soul is connected to the physical body—how, at first gently, then more and more, our entire state of health—which makes us capable of living or incapable of living—can depend on these subconscious soul states.
[ 4 ] Nun will ich heute nicht in der Art zu Ihnen sprechen, wie gegenwärtig über dieses Unbewußte der Seele sehr häufig gesprochen wird, indem man alles dasjenige, was unklar im Bewußtsein schillert, eben in den großen Behälter dieses Unbewußten unterbringt und sich mehr oder weniger vage Vorstellungen darüber macht, wie dieses Unbewußste oder Unterbewußte wirkt. Ich spreche ja seit vielen Jahren hier von diesem Ort aus über Fragen der anthroposophischen Forschung und kann daher heute nicht von dem Allerelementarsten dieser Forschung ausgehen, sondern ich möchte die Fragen des Seelenlebens in ihrem ureigentlichen Sinne so betrachten, wie sie in einem gewissen Sinne mit Glück oder Unglück des Lebens zusammenhängen. Da muß man aber schon eingehen auf das, was im menschlichen Seelenleben, durchflutet von allerlei zunächst Unbekanntem, auf das wir eben gerade durch die heutigen Betrachtungen mehr oder weniger klar hinweisen wollen, beunruhigend oder beruhigend, beglückend oder leidvoll - und was dazwischenliegt - wirken kann.
[ 4 ] Today, however, I do not wish to speak to you in the manner in which this “unconscious” aspect of the soul is so frequently discussed these days—that is, by placing everything that shimmers unclearly in consciousness into the vast container of this “unconscious” and forming more or less vague mental images about how this unconscious or subconscious operates. I have, after all, been speaking here from this place for many years on questions of anthroposophical research, and so today I cannot begin with the most elementary aspects of this research; rather, I would like to consider the questions of the soul’s life in their very essence, insofar as they are, in a certain sense, connected to happiness or unhappiness in life. To do so, however, we must address what, in human soul life—permeated by all manner of things that are initially unknown, which we intend to point out more or less clearly through today’s reflections—can have a disturbing or soothing, joyful or painful effect—and everything in between.
[ 5 ] Nun finden wir in unserem Seelenleben, wenn wir auch nur oberflächlich über dasselbe hinblicken, zwei deutlich voneinander zu unterscheidende Pole: Auf der einen Seite das Vorstellungsleben, das alles das umfaßt, was sich klar, lichtvoll in unserem Bewußtsein abspielt, und auf der anderen Seite das Willensleben, das in einer gewissen Weise zunächst dunkel, finster aus den seelischen Untergründen heraufspielt.
[ 5 ] Now, even if we look only superficially at our inner life, we find two poles that can be clearly distinguished from one another: On the one hand, the life of the imagination, which encompasses everything that unfolds clearly and luminously in our consciousness; and on the other hand, the life of the will, which, in a certain sense, initially emerges darkly and gloomily from the depths of the soul.
[ 6 ] Wir unterscheiden — ich habe ja das schon öfter hier erwähnt - im gewöhnlichen Lebensverlauf des Menschen zwei Bewußtseinszustände, von denen eigentlich nur der eine ein deutlicher Bewußtseinszustand ist: den Wachzustand und den Schlafzustand. Im Schlafzustand hört das bewußte Vorstellungsleben auf, das ganze Seelenleben sinkt hinunter in ein mehr oder weniger finsteres Dunkel. Aber wir können, wenn wir ganz unbefangen auf unser Seelenleben im Wachzustand hinblicken, nur davon sprechen, daß wir in bezug auf alles dasjenige, was vorstellungsmäßig ist, wirklich wach sind. Wir haben uns gewissermaßen als wache Menschen in der Hand, insofern wir unser Bewußtsein angefüllt haben mit klaren Vorstellungen, mit lichtvollen Gedanken. Wir begleiten auch unsere Willensimpulse, wir begleiten unsere Handlungen mit Gedanken. Aber vollständig dunkel bleibt, selbst bei der einfachsten Bewegungshandlung des menschlichen Leibes, wie der Gedanke des Bewußtseins zusammenhängt mit demjenigen, was eigentlich bei einem Willensimpuls, bei einem Handeln vor sich geht. Wie dunkel ist es doch, was eigentlich im Innern des Armes geschieht, wenn ich nur diesen Arm hebe, wenn der Gedanke, der das Ziel dieses Armhebens hat, sich verwirklichen will, gewissermaßen hineinschießen und willentlich den Arm in Bewegung setzen will.
[ 6 ] As I have mentioned here on several occasions, we distinguish—in the ordinary course of human life—between two states of consciousness, of which only one is actually a distinct state of consciousness: the waking state and the sleeping state. In the state of sleep, conscious imagination ceases; the entire life of the soul sinks into a more or less pitch-black darkness. But if we look at our soul life in the waking state with complete objectivity, we can only say that, with regard to everything that pertains to imagination, we are truly awake. As waking human beings, we have control over ourselves, so to speak, insofar as we have filled our consciousness with clear mental images and luminous thoughts. We also accompany our volitional impulses; we accompany our actions with thoughts. But even in the simplest physical movement of the human body, it remains a complete mystery how the thought of consciousness is connected to what actually takes place during a volitional impulse or an action. How obscure it is, after all, what actually happens inside the arm when I simply raise this arm—when the thought that has the goal of raising the arm seeks to realize itself, as it were, to shoot into it and willfully set the arm in motion.
[ 7 ] Was da im eigenen Organismus vor sich geht, das entzieht sich dem wachen Tagesbewußtsein ganz genau so wie das, was im Menschen seelisch vorgeht vom Einschlafen bis zum Aufwachen, so daß wir eigentlich durchaus sagen müssen: Es ist für dieses menschliche Seelenleben so, daß wir auch im Wachzustand einen Einschlag des Schlafens haben, daß uns der Schlafenszustand fortwährend durchdringt und daß wir nur im Vorstellen selber, im Erleben liichtvoller, klarer Gedanken, vollständig wach sind. Zwischen diesen beiden Zuständen, zwischen dem, ich möchte sagen vollständig wachen Vorstellungszustand und dem in Dunkelheit eingetauchten Willensleben liegt, an beiden teilnehmend, das Gefühls-, das Gemütsleben. Unsere Gefühle durchdringen unsere Vorstellungen. Wir bringen aus unseren Gefühlen gewisse Sympathien und Antipathien in das Vorstellungsleben hinein, verbinden dadurch unsere Vorstellungen meist oder trennen sie. Wir begleiten das, was in unsere Willensimpulse einfließt, mit unserem Gefühlsurteil, indem wir die einen Handlungen als pflichtgemäß empfinden, die anderen als Verfehlungen gegenüber der Pflicht. Und indem wir den pflichtgemäßen Handlungen gegenüber eine gewisse Befriedigung des Gefühls haben oder eine Unbefriedigung des Gefühls demjenigen gegenüber, was uns nicht gelingen kann oder was wir aus einem anderen Grunde verfehlen, flutet zwischen dem Vorstellungsleben und dem Willensleben das Gefühlsleben hin und her.
[ 7 ] What goes on within our own organism eludes our waking daytime consciousness just as much as what takes place in the human soul from the moment we fall asleep until we wake up, so that we really must say: It is the case with this human soul life that even in the waking state we experience an influence of sleep, that the state of sleep continually permeates us, and that we are fully awake only in the formation of a mental image, in the experience of luminous, clear thoughts. Between these two states—between what I would call the fully awake state of imagination and the life of the will, which is immersed in darkness—lies the life of feeling and emotion, participating in both. Our feelings permeate our mental images. We bring certain sympathies and antipathies from our feelings into our mental images, thereby usually connecting our mental images or separating them. We accompany what flows into our volitional impulses with our emotional judgment, perceiving some actions as dutiful and others as failures to fulfill our duty. And because we experience a certain emotional satisfaction with actions that fulfill our duty, or emotional dissatisfaction with those things we cannot accomplish or fail to do for some other reason, the emotional life flows back and forth between the life of the imagination and the life of the will.
[ 8 ] Aber die eigentlichen Seelenrätsel, sie treten nicht auf für den dumpfen Menschen, der sich in der eben geschilderten Weise auf der einen Seite dem Vorstellungsleben, auf der anderen Seite dem Gefühlsleben und dem Willensleben übergibt, sondern diese Seelenrätsel treten hervor, indem sich der Mensch immer bewußter und bewußter wird. Und auch dann treten die erlebten Seelenrätsel nicht vollbewußt auf, sondern sie gehören gerade zu den mehr oder weniger unterbewußten Erlebnissen des Menschen. Der Mensch wird sich nie in seinem Bewußtsein ganz klar, wovon eigentlich die Stimmung, woher die Verfassungen seines Seelenlebens, die sein tägliches Glück, sein tägliches Leid so beeinflussen, eigentlich kommen. Man muß schon dasjenige aufsuchen und klar aussprechen, was unklar im Bewußtsein lebt. Und das bitte ich Sie zunächst bei den Ausführungen, die ich nun gleich machen werde, zu berücksichtigen: daß ich genötigt sein werde, etwas in klaren Worten auszusprechen, was niemals in dieser Klarheit im Bewußtsein lebt, was aber im Seelenleben gesundend und krankmachend vorhanden ist, was der Mensch spürt, was der Mensch empfindet, ohne daß er es sich zum Bewußtsein bringen kann. Und weil das so ist, deshalb sind die Seelenrätsel nicht bloß theoretisch, deshalb sind die Seelenrätsel durchaus erlebte Daseinsrätsel.
[ 8 ] But the true mysteries of the soul do not reveal themselves to the dull-witted person who, in the manner just described, surrenders himself on the one hand to the life of the imagination, and on the other to the life of feeling and the life of the will; rather, these mysteries of the soul emerge as the person becomes more and more conscious. And even then, the experienced mysteries of the soul do not arise fully consciously; rather, they belong precisely to the more or less subconscious experiences of the human being. A person will never become entirely clear in their consciousness as to what actually gives rise to the moods and states of their inner life that so influence their daily happiness and daily suffering. One must seek out and clearly articulate what remains unclear in one’s consciousness. And I ask you to bear this in mind, first and foremost, as I proceed with the remarks I am about to make: that I will be compelled to articulate in clear words something that never exists with such clarity in consciousness, yet which is present in the life of the soul—both as a source of healing and as a source of illness—something that a person senses and feels without being able to bring it into full consciousness. And because this is so, the mysteries of the soul are not merely theoretical; they are, in fact, lived mysteries of existence.
[ 9 ] Wenn der Mensch sich dem Vorstellungsleben hingibt — wie gesagt, ich spreche klar aus, was nur unklar empfunden wird, was niemals ganz zum Bewußtsein gebracht wird -, so empfindet er etwas wie die Nichtigkeit seines eigenen Daseins. Das Vorstellungsleben ist ein Bild-Erleben. Das Vorstellungsleben ist etwas, was sich uns während unseres wachen Tageslebens anfüllt mit dem, was wir aus der äußeren Welt an Eindrücken, an Wahrnehmungen empfangen; was wir aus der Natur herein erleben, das bildet den Inhalt unserer Vorstellungen, das lebt in uns, das ist es selbst, was wir aus unseren Erinnerungen heraufholen. Aber wir sind uns bewußt: Ja, du bist tätig, indem du deine Vorstellungen verarbeitest in den Vorstellungen, indem du die Vorstellungen trennst und verbindest, du bist innerlich tätig, aber du hast deine Tätigkeit nicht voll in deinem Geist gegenwärtig; was in deinem Geist gegenwärtig ist, das ist im Grunde genommen Spiegelbild der äußeren Welt. - Wir wissen, daß wir uns anlehnen müssen mit unserem Vorstellungsleben an diese äußere Welt. Das, was wir haben, ist bloß ein Bild der äußeren Welt; wir leben, indem wir in unseren Vorstellungen leben, in Bildern, wir empfinden kein vollinhaltliches Dasein in unserem Vorstellungsleben.
[ 9 ] When a person gives themselves over to the life of the imagination—as I said, I am clearly articulating what is only vaguely felt, what is never fully brought into consciousness—they experience something like the futility of their own existence. The life of the imagination is an experience of images. The life of the mental image is something that, during our waking daily life, fills us with the impressions and perceptions we receive from the external world; what we experience from nature forms the content of our mental images; it lives within us; it is precisely what we draw up from our memories. But we are aware: Yes, you are active in that you process your mental images within your imagination, in that you separate and connect mental images; you are inwardly active, but your activity is not fully present in your mind; what is present in your mind is, in essence, a reflection of the external world. - We know that we must anchor our life of imagination to this external world. What we have is merely an image of the external world; we live by living within our mental images, within mental images; we do not experience a fully realized existence within our life of imagination.
[ 10 ] Und diese Empfindung, sie lebt sich unterbewußt aus, so sonderbar, so paradox das klingt. Und so wenig es im Bewußtsein vorhanden ist - es ist im Unterbewußten lebendig, es lebt sich dieses Empfinden gegenüber dem Vorstellungsleben in gewissen ängstlichen Gefühlen aus, in Gefühlen der Angst.
[ 10 ] And this feeling plays itself out subconsciously, as strange and paradoxical as that may sound. And even though it is not present in consciousness—it is alive in the subconscious; this feeling manifests itself in relation to the life of the imagination in certain anxious emotions, in feelings of fear.
[ 11 ] Es klingt paradox, aber es gibt diese Unterströmung des menschlichen Seelenlebens. Die meisten Menschen wissen nichts davon, aber die meisten Menschen oder eigentlich alle Menschen stehen fortwährend unter ihrem Einfluß. Und diese Unterströmung ist eine ängstliche Strömung, daß wir sozusagen uns selber in der Welt verlieren könnten, daß wir über einem Abgrund stehen deshalb, weil unsere Vorstellungswelt eine Bilderwelt ist. Und wiederum lebt die unbestimmte Sehnsucht in der menschlichen Seele: Wie finde ich in dieser bloßen Bilderwelt das Dasein?
[ 11 ] It sounds paradoxical, but there is this undercurrent in human spiritual life. Most people know nothing about it, but most people—or rather, all people—are constantly under its influence. And this undercurrent is a fearful current—the fear that we might, so to speak, lose ourselves in the world, that we stand on the edge of an abyss—precisely because our world of imagination is a world of images. And yet, an indefinable longing lives within the human soul: How do I find true existence in this world of mere images?
[ 12 ] Man kann durchaus diese unbewußte Empfindung in der Unterströmung der Seele vergleichen mit der Empfindung, die der Mensch - durch Körperliches verursacht - dann hat, wenn er zu wenig Luft bekommt, wenn er an Lufthunger leidet und dadurch bewußt in ängstliche Gefühle verfällt. Was da der Mensch durch körperliche Zustände bewußt erlebt, das wird unbewußt eigentlich immer als eine Begleiterscheinung des Vorstellungslebens empfunden. Und so kann hingewiesen werden auf der einen Seite auf ein Seelenrätsel, nicht in theoretischer Formulierung, sondern indem man etwas heraufholt aus den Tiefen der Seele, was in dieser Seele keimt oder schlummert.
[ 12 ] One can certainly compare this unconscious sensation in the undercurrent of the soul to the sensation that a person—caused by physical factors—experiences when they are not getting enough air, when they suffer from a lack of oxygen, and consequently consciously fall into feelings of anxiety. What a person consciously experiences through physical conditions is, in reality, always unconsciously perceived as a concomitant of the life of the imagination. And so one can point, on the one hand, to a mystery of the soul—not in theoretical terms, but by bringing to the surface from the depths of the soul something that is germinating or slumbering within it.
[ 13 ] Auf der anderen Seite, indem der Mensch sich hinlebt zum Willenselement, empfindet er den entgegengesetzten Zustand. Da ist eine andere Unterströmung im Seelenleben vorhanden. Da empfindet der Mensch, wie er seinen Trieben, seinen Emotionen, seinen Instinkten ausgesetzt ist, wie da ein Naturhaftes in das menschliche Seelenleben hineinspielt, das sich nicht aufschließt zur Klarheit des Denkens, das immer in einer gewissen Weise in eine Realität, in eine Wirklichkeit getaucht ist, die wir nicht lichtvoll durchdringen können, die ein Finsteres in uns selber bildet. Und man kann wiederum, wenn man mit unbefangener Beobachtung in diese Uhnterströmungen der Seele eindringen kann, angeben - man muß eben immer einen Widerspruch sagen, wenn man dasjenige, was in den Tiefen der Seele existiert, charakterisieren will -, wie das, was da lebt, unbewußt empfunden wird. Man muß es dann charakterisieren, indem man sagt: Es wird empfunden so, wie im Bewußtsein etwa der Zorn empfunden wird oder auch wie der Mensch empfindet, wenn er nicht ausatmen kann, wenn seine Blutzirkulation so gestört ist, daß die Atmungsluft nicht in der richtigen Weise in seinem Leibe umgesetzt wird, wenn eine Art Ersticken kommt. Etwas wie Zornmütigkeit ist immer durch ein solches Hinleben zum Willenselement in der menschlichen Seele.
[ 13 ] On the other hand, when a person turns toward the element of will, they experience the opposite state. There is a different undercurrent at work in the life of the soul. There, the human being feels how he is exposed to his drives, his emotions, his instincts; how something natural intervenes in human soul life that does not open up to the clarity of thought, that is always, in a certain way, immersed in a reality that we cannot penetrate with light, that forms a darkness within ourselves. And yet, if one can penetrate these undercurrents of the soul with unbiased observation, one can describe—one must always point out a contradiction when characterizing what exists in the depths of the soul—how what lives there is felt unconsciously. One must then characterize it by saying: It is felt in much the same way as anger is felt in consciousness, or as a person feels when they cannot exhale, when their blood circulation is so disrupted that the air they breathe is not properly processed in their body, when a kind of suffocation sets in. Something like a hot-tempered disposition always arises from such a tendency toward the element of will in the human soul.
[ 14 ] Das sind Kräfte, die tief in dem Unbewußten der menschlichen Seele leben, die herauffluten und die das eigentlich Rätselvolle des menschlichen Seelenlebens ausmachen. Und wer bloß die Vorstellungen in ihrer Bildhaftigkeit, den Willen in seiner Triebhaftigkeit, wie sie sich dem Bewußtsein darbieten, nimmt, der fühlt zwar diese Seelenrätsel als etwas Unbestimmtes, als unbestimmte Empfindung der Seele, aber er macht sich diese Seelenrätsel nicht klar, er weiß im Grunde genommen nicht, was das unbestimmte Wirken in ihm ist, das aber tief sein glückliches oder unglückliches Gestimmtsein im Leben beeinflußt.
[ 14 ] These are forces that dwell deep within the unconscious of the human soul, that well up and constitute the very mystery of human soul life. And anyone who merely takes mental images in their pictorial nature and the will in its instinctual nature—as they present themselves to consciousness—may indeed sense these mysteries of the soul as something indefinite, as an indefinite sensation of the soul, but they do not grasp these mysteries of the soul; fundamentally, they do not know what this indefinite force within them is, a force that nevertheless profoundly influences their happy or unhappy state of mind in life.
[ 15 ] Man muß immer wieder sagen: Die Seelenrätsel sind nicht solche [Rätsel], wie wir sie an der Natur empfinden, die Seelenrätsel sind solche, die innerlich erlebt werden, die herauffluten aus den tiefen Unterströmungen der Seele und die erst gedeutet werden müssen. Deshalb weiß jegliche Wissenschaft - gegen die selbstverständlich, wie das ja schon öfter hier betont worden ist von mir, nichts auf ihrem berechtigten Gebiet eingewendet werden soll - mit den eigentlichen Seelenrätseln wenig anzufangen. Wir sehen es - und ich möchte zwei Beispiele dafür anführen - an dem ganzen neuzeitlichen wissenschaftlichen Denken, wie hilflos im Grunde genommen die auf anderen Gebieten so große Triumphe feiernde Wissenschaft dem Seelenleben eigentlich gegenübersteht, trotzdem die höchsten Daseinsrätsel an diesem Seelenleben des Menschen hängen. An zwei Beispiele möchte ich erinnern, die aber meiner Überzeugung nach tief bezeichnend sind für dasjenige, was da ist, und für das, was wissenschaftlich notwendig ist, um in das eigentliche Gebiet, das der Mensch als Seelenrätsel erlebt, einzudringen.
[ 15 ] It must be said time and again: The mysteries of the soul are not like the [mysteries] we encounter in nature; the mysteries of the soul are those that are experienced inwardly, that well up from the deep undercurrents of the soul and that must first be interpreted. That is why every branch of science—against which, of course, as I have often emphasized here, no objection should be raised within its legitimate sphere—has little to offer when it comes to the true mysteries of the soul. We see this—and I would like to cite two examples—in modern scientific thought as a whole: how fundamentally helpless science, which celebrates such great triumphs in other fields, actually stands before the life of the soul, even though the highest mysteries of existence hang upon this human soul life. I would like to recall two examples which, in my conviction, are deeply indicative of what exists and of what is scientifically necessary in order to penetrate the actual realm that human beings experience as the mysteries of the soul.
[ 16 ] Es ist jetzt fast ein halbes Jahrhundert her, da hat der große Physiologe Du Bois-Reymond auf der 45. Naturforscherversammlung in Leipzig eine Rede gehalten, auf die immer wieder hingewiesen werden muß, obwohl außerordentlich viel über sie gesprochen worden ist und sie heute fast vergessen und aus der Diskussion verschwunden ist. Diese Rede handelte über die «Grenzen der Naturerkenntnis», und Du Bois-Reymond gibt mit Recht auf der einen Seite als die eine Grenze des Naturerkennens die materielle Welt in ihrem Wesen an. Er sagt: Da hinein, wo Materie kommt, kann der menschliche Geist nicht eindringen, er dringt in die äußere Beobachtung der äußeren Sinneserscheinungen zu der Offenbarung des materiellen Daseins, aber er kann nicht angeben, was eigentlich die Materie selber ist. - Das gibt Du Bois-Reymond als die eine Grenze an. Als die andere Grenze gibt er die des menschlichen Bewußstseins an; das ist heute aber nichts anderes als die des menschlichen Seelenlebens. Er sagt: Mit der vollkommensten Naturerkenntnis kann man noch nicht einmal irgendeine Vorstellung gewinnen darüber, wie die allereinfachste Empfindung in der Menschenseele zustande kommt. Wenn man auch ganz klar wüßte, wie im Menschengehirn sich Kohlenstoff-, Wasserstoff-, Stickstoff-, Sauerstoff-Atome bewegen, man würde niemals aus der klaren Einsicht in diese Bewegungen ergründen können, wie die einfachste Empfindung - «ich sehe rot», «ich rieche Rosenduft» — zustande kommt, das heißt wie die ersten Elemente des Seelenlebens zustande kommen.
[ 16 ] It has now been nearly half a century since the great physiologist Du Bois-Reymond delivered a speech at the 45th Congress of Natural Scientists in Leipzig—a speech that must be referred to time and again, even though it has been discussed at great length and has now been almost forgotten and has disappeared from public discourse. This speech dealt with the “Limits of Knowledge of Nature,” and Du Bois-Reymond rightly identifies, on the one hand, the material world in its essence as one limit of knowledge of nature. He says: Where matter exists, the human mind cannot penetrate; it proceeds from the external observation of external sensory phenomena to the revelation of material existence, but it cannot specify what matter itself actually is. - Du Bois-Reymond identifies this as one limit. As the other limit, he identifies that of human consciousness; today, however, this is nothing other than that of human inner life. He says: Even with the most perfect knowledge of nature, one cannot even gain any mental image of how the simplest sensation arises in the human soul. Even if one knew perfectly clearly how carbon, hydrogen, nitrogen, and oxygen atoms move within the human brain, one would never be able to deduce from a clear understanding of these movements how the simplest sensation—“I see red,” “I smell the scent of roses”—arises, that is, how the first elements of the life of the soul come into being.
[ 17 ] Und Du Bois-Reymond hat mit diesem Ausspruch eigentlich vollständig recht. Hier liegt für die äußere Naturwissenschaft durchaus eine zweite Grenze, nur daß die Überzeugung Du BoisReymonds die ist, die gerade durch anthroposophische Forschung durchbrochen werden muß. Du Bois-Reymond meint, daß die Grenzen der Naturerkenntnis die Grenzen jeglicher Wissenschaftlichkeit seien. Deshalb sagt er: Wenn man hineindringen will in dieses Gebiet des Geistig-Seelischen, so muß man das durch andere Mittel als die wissenschaftlichen tun, denn wo der Supernaturalismus beginnt, wo man, mit anderen Worten, in das Gebiet des Geistig-Seelischen eindringt, da hört Wissenschaft auf. - Das will gerade anthroposophische Forschung vor der Welt verteidigen, daß Wissenschaft sich nicht erschöpfen braucht im äußerlichnatürlichen Dasein, daß Wissenschaft die Mittel entwickeln kann, um auch in das Geistig-Seelische einzudringen.
[ 17 ] And Du Bois-Reymond is actually entirely correct in this statement. Here lies a second boundary for the external natural sciences, except that Du Bois-Reymond’s conviction is precisely the one that must be transcended through anthroposophical research. Du Bois-Reymond believes that the limits of knowledge of nature are the limits of all scientific inquiry. That is why he says: If one wishes to penetrate this realm of the spiritual and psychological, one must do so by means other than scientific ones, for where supernaturalism begins—where, in other words, one enters the realm of the spiritual and psychological—science ends. - This is precisely what anthroposophical research seeks to defend before the world: that science need not be limited to external, natural existence, and that science can develop the means to penetrate the spiritual-psychic realm as well.
[ 18 ] Das andere Beispiel, das ich vorbringen will, ist das einer ausgezeichneten Persönlichkeit, Franz Brentano, der eine Seelenkunde ganz nach der Methode der modernen Naturwissenschaftlichkeit begründen wollte. Das war sein Ideal. Ich habe den ganzen Tatbestand, der den Forschungen Franz Brentanos zugrunde liegt, im dritten Teil meines Buches «Von Seelenrätseln» eingehend erörtert und möchte hier nur einiges Prinzipielle anführen. Franz Brentano hat dann zu Beginn der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts versucht, eine Seelenkunde zu schreiben, eine Psychologie. Der erste Band ist 1874 im Frühling erschienen. Für den Herbst war der zweite Band versprochen; er ist niemals erschienen. Auf vier Bände war das ganze Werk berechnet; außer dem ersten Band ist niemals etwas erschienen als einzelne Ansätze, die aber immer nur Ansätze sind. Das ganze Werk ist ein Torso geblieben. Warum das so sein mußte, habe ich in dem genannten Werke auseinandergesetzt. Franz Brentano wollte eben ganz nach dem Muster naturwissenschaftlicher Forschungsweise auch über das seelische Leben Forschungen anstellen, und man findet in diesem ersten Band ein merkwürdiges Bekenntnis Franz Brentanos. Er sagt da etwa: Mit dieser naturwissenschaftlichen Forschung gelingt es ja, in den Einzelheiten des seelischen Lebens bescheiden sich zurecht zu finden; man kann angeben, wie eine Vorstellung sich mit der anderen verbindet, wie eine Vorstellung sich von der anderen trennt, wie sich gewisse Gefühle an Vorstellungen anknüpfen, Willensimpulse an Vorstellungen anknüpfen, wie die Erinnerung wirkt und so weiter. Aber wenn, so sagt Franz Brentano, es dabei bleiben müßte, daß man nur diese Einzelheiten des Seelenlebens erforschen könnte, und wenn erkauft werden müßte das Wissen über die wichtigsten Fragen des menschlichen Daseins mit dieser strengen Wissenschaftlichkeit, wohin käme man? Denn berechtigt findet Franz Brentano die Sehnsucht, die schon in Plato, in Aristoteles im alten Griechentum lebte: dasjenige, was man im einzelnen über die Seele des Menschen erforschen kann, bis zu den großen Fragen von Geburt zu Unsterblichkeit zu verfolgen. Und traurig wäre es, meint Franz Brentano, wenn man, weil man wissenschaftlich sein will bei der Erkundung des Seelenlebens, verzichten müsse auf ein Wissen, wie es dem besseren Teil des Menschen in uns ergehe, wenn der physische Teil mit dem Tode der Erde übergeben wird.
[ 18 ] The other example I wish to cite is that of an outstanding figure, Franz Brentano, who sought to establish a science of the soul entirely in accordance with the methods of modern natural science. That was his ideal. I have discussed in detail the entire body of facts underlying Franz Brentano’s research in the third part of my book *On the Mysteries of the Soul*, and I would like to mention here only a few fundamental points. Franz Brentano then attempted, in the early 1870s, to write a treatise on the psychology of the soul. The first volume was published in the spring of 1874. The second volume was promised for the fall; it never appeared. The entire work was planned as a four-volume set; apart from the first volume, nothing else was ever published beyond individual fragments, which, however, remain merely fragments. The entire work remained an unfinished project. I have explained why this had to be the case in the aforementioned work. Franz Brentano simply wanted to conduct research into mental life entirely according to the model of the scientific method, and in this first volume one finds a remarkable confession by Franz Brentano. He says, for example: Through this scientific method of inquiry, one can indeed modestly make one’s way through the details of mental life; one can describe how a mental image connects with another, how a mental image separates from another, how certain feelings are linked to mental images, how volitional impulses are linked to mental images, how memory functions, and so on. But if, as Franz Brentano says, we were limited to investigating only these details of mental life, and if knowledge of the most important questions of human existence had to be traded for this rigorous scientific approach, where would that lead us? For Franz Brentano considers justified the longing that already existed in Plato, in Aristotle, and in ancient Greece: to trace what can be investigated in detail about the human soul all the way to the great questions of birth and immortality. And it would be sad, Franz Brentano argues, if—simply because we wish to be scientific in our exploration of the life of the soul—we had to forgo knowledge of what becomes of the better part of the human being within us when the physical part is surrendered to the earth upon death.
[ 19 ] Und man kann es dem, was Franz Brentano im ersten Band seiner Psychologie ausgeführt hat, ansehen, daß seine ganze wissenschaftliche Sehnsucht dahin geht, die einzelnen Fragen, die im Grunde genommen das weitere Publikum wenig berühren können, die dieses weitere Publikum gerne dem Gelehrten überlassen will, auf einem weiten Weg hinzuführen bis zu den großen Fragen der menschlichen Unsterblichkeit und des göttlich-geistigen Inhaltes der Welt, wie er sich in der Seele spiegelt. Brentano fand aber aus seiner naturwissenschaftlichen Denkweise heraus diesen Weg nicht, und weil er eine ehrliche Forschernatur war, so ließ er eben die folgenden Bände, für die er keinen Forschungsweg fand, bis zu seinem vor einigen Jahren erfolgten Tode ungeschrieben.
[ 19 ] And one can see from what Franz Brentano set forth in the first volume of his *Psychology* that his entire scholarly aspiration is directed toward taking the individual questions—which, strictly speaking, are of little concern to the general public, and which this general public is happy to leave to the scholar—on a long journey all the way to the great questions of human immortality and the divine spiritual content of the world, as reflected in the soul. However, Brentano could not find this path from his natural-scientific way of thinking, and because he was an honest scholar by nature, he left the subsequent volumes—for which he could find no path of inquiry—unwritten until his death a few years ago.
[ 20 ] Ich möchte sagen: gerade an diesem Forscherschicksal zeigt sich im echten Sinne tragisch, wie das, was oftmals heute als alleinige Wissenschaftlichkeit anerkannt wird, an den großen Rätselfragen der menschlichen Seele erlahmen muß. Das ist es - wiederum muß ich es sagen -, was Anthroposophie heute vor der Welt verteidigen muß: daß der Weg, den Brentano aus der Naturwissenschaft heraus nicht finden konnte, daß der gefunden werden kann! Und er kann gefunden werden, wenn man bei den gewöhnlichen Fähigkeiten des Seelenlebens, wie sie sich im äußeren Leben zunächst darbieten und wie sie in der gewöhnlichen Wissenschaft verwendet werden, nicht stehenbleibt.
[ 20 ] I would like to say: it is precisely in the fate of this researcher that we see, in the truest sense of the word, the tragedy of how what is often recognized today as the sole criterion of scientific rigor must falter in the face of the great mysteries of the human soul. That is—and I must say it again—what anthroposophy must defend before the world today: that the path which Brentano could not find through the natural sciences can indeed be found! And it can be found if one does not stop at the ordinary faculties of the soul’s life, as they initially present themselves in external life and as they are employed in conventional science.
[ 21 ] Ich habe oftmals davon gesprochen, daß in jedes Menschen Seele schlummernde, sagen wir mit einem wissenschaftlichen Ausdruck latente Erkenntnisfähigkeiten liegen, die erst aus dieser Seele heraufgeholt werden müssen, wie aus dem Kinde gewisse Fähigkeiten heraufgeholt werden müssen durch die Erziehung. Wer schon herangereift ist für die gewöhnlichen Erkenntnisfähigkeiten, muß sich in hingebungsvollen inneren Seelenübungen schulen, damit er jene Seelenfähigkeiten ausbilde, durch die nun nicht dasjenige unklar bleibt, was ich nach den beiden Seiten hin als menschliches, rätselvolles Seelen-Erleben charakterisiert habe - das Erleben gegenüber den Vorstellungen, das Erleben gegenüber den Willensimpulsen -, sondern damit der menschliche Seelenprozeß gewissermaßen durchsichtig werde, damit man in das, was da eigentlich im menschlichen Vorstellungs-, im menschlichen Willensleben vorgeht, eindringen kann. Denn ohne daß man in diese alltäglichen Seelenrätsel eindringt, kann man auch nicht den Weg finden zu den großen Fragen des menschlichen unsterblichen Daseins und des göttlich-geistigen Inhaltes der Welt, in dem auch des Menschen Seele urständet.
[ 21 ] I have often spoken of the fact that within every human soul lie dormant—or, to use a scientific term, latent—cognitive abilities that must first be drawn forth from that soul, just as certain abilities must be drawn forth from a child through education. Those who have already matured enough for the ordinary cognitive faculties must train themselves through devoted inner soul exercises so that they may develop those soul faculties through which what I have characterized on both sides as a mysterious human soul experience —the experience in relation to mental images, the experience in relation to impulses of the will—but so that the human soul process becomes, as it were, transparent, enabling one to penetrate into what is actually taking place in human conceptual life and in human volitional life. For without penetrating these everyday mysteries of the soul, one cannot find the path to the great questions of human immortal existence and the divine-spiritual content of the world, in which the human soul also has its origin.
[ 22 ] Nun habe ich des öfteren in Vorträgen hier charakterisiert, wie der Mensch innerliche Übungen zu machen hat, rein seelisch-geistige Übungen, durch die er die sonst schlummernden Erkenntnisfähigkeiten zum Dasein erweckt, so daß sie ihm wirklich in der Erkenntnis weiterhelfen können. Ich habe darauf hingewiesen, wie man das Vorstellungsleben selber erkraften, verstärken kann. Geradeso, wie wir einen Muskel stärken, wenn wir ihn fortwährend arbeitend gebrauchen, so können wir das Vorstellungsleben stärken, wenn wir in dem Sinne, wie ich es zum Beispiel in meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» in allen Einzelheiten angeführt habe, wenn wir dieses Vorstellungsleben durch innerliche seelische Arbeit in eine gewisse Richtung bringen, wenn wir gewisse leicht überschaubare Vorstellungen in den Mittelpunkt des Bewußtseins rücken und immer wieder auf diese Weise einer vorstellenden Arbeit uns hingeben, der wir uns sonst nicht hingeben. Ich kann dies nur prinzipiell hier andeuten, aber Sie finden in dem eben genannten Werk und auch im zweiten Teil meiner «Geheimwissenschaft» deutliche Aufschlüsse darüber, daß das Vorstellungsleben des Menschen durch solche Meditations- und Konzentrations-Übungen des Denkens etwas ganz anderes werden kann. Ich möchte sagen: Ohne irgendwelche abnorme Vornahme, sondern durch bloße Fortbildung dessen, was als Gedankenleben, als Vorstellungsleben im Menschen normal ist, kann ein stärkeres, kräftigeres Vorstellungsleben erzeugt werden.
[ 22 ] I have often described in lectures here how a person must engage in inner exercises—purely psychological and spiritual exercises—through which they awaken their otherwise dormant powers of insight, so that these powers can truly help them in their quest for knowledge. I have pointed out how one can strengthen and intensify one’s imaginative life. Just as we strengthen a muscle by using it continuously in work, so can we strengthen our imaginative life if we do so in the manner I have described in detail, for example, in my book *How to Gain Knowledge of the Higher Worlds?* in great detail, by directing this mental image life in a certain direction through inner spiritual work, by bringing certain easily comprehensible mental images into the center of our consciousness, and by repeatedly engaging in this kind of imaginative work that we would not otherwise undertake. I can only hint at this in principle here, but you will find clear insights in the work just mentioned, as well as in the second part of my *Secret Science*, that a person’s imaginative life can become something entirely different through such meditative and concentrative exercises of thought. I would like to say: Without any abnormal effort, but simply through the further development of what is normal in human beings as a life of thought and imagination, a stronger, more vigorous life of imagination can be brought about.
[ 23 ] Und indem man dieses kräftigere Vorstellungsleben erzeugt, indem man durch Meditation und Konzentration sich über das hinaushebt, was in unserem gewöhnlichen Vorstellungsleben eigentlich bloß bildhaft ist, kommt man zu dem, was ich in den genannten Büchern das inhaltsvolle, imaginative Vorstellen nenne.
[ 23 ] And by cultivating this more vigorous imaginative life—by rising, through meditation and concentration, above what is in our ordinary mental images merely pictorial—one arrives at what I call, in the books mentioned, “imaginative thinking rich in content.”
[ 24 ] Dieses imaginative Vorstellen lebt mit einer solchen inneren Lebendigkeit in dem bloßen Gedanken, wie sonst der Mensch in seinen äußeren Wahrnehmungen lebt. Dadurch aber kommt man allmählich dahin, daß das Vorstellungsleben nicht mehr dieses bloß abstrakte, dieses, ich möchte sagen bloß bildhafte ist, sondern man macht durch rein innerliche Forschung - die aber durchaus mit demselben Ernst getrieben wird wie nur irgendeine wissenschaftliche Forschung - die Entdeckung, daß die Seele, die ihr Vorstellungsleben sonst nur mit den Ergebnissen der äußeren Eindrücke anfüllen konnte, innerlich von Kräften erfüllt wird, die gewissermaßen in das Seelenleben hereinschießen. Die Vorstellungen sind nicht mehr bloß dieses Leichtflüssige, wenn sie durch Meditation, durch Konzentration ausgebildet werden, sondern sie werden durchkraftet, durchzogen von Kräften, die ich gestaltende Kräfte nennen möchte, von Kräften, die ein innerlich geistig-plastisches Element ausmachen. Und man entdeckt nach einiger Zeit, daß man durch diese Ausbildung des Vorstellungslebens mit demjenigen zusammenwächst, was die Bildekräfte des menschlichen Leibes selber sind; man macht nach einiger Zeit die Entdeckung, daß das Gedankenleben gewissermaßen nichts anderes ist als das verdünnte Kraftleben des menschlichen Wachstums. Was uns im physischen Leibe von der Geburt bis zum Tode innerlich plastisch gestaltet, das ist, ich möchte sagen in einem «verdünnten» Zustand unser Vorstellungsleben im gewöhnlichen Bewußtsein.
[ 24 ] This imaginative mental image lives with such inner vitality in the mere thought as a person otherwise lives in his or her external perceptions. Through this, however, one gradually comes to realize that the life of the imagination is no longer merely abstract—that is, I might say merely pictorial—but rather, through purely inner inquiry—which is, however, pursued with the very same seriousness as any scientific research—one discovers that the soul, which could otherwise fill its life of imagination only with the results of external impressions, is inwardly filled with forces that, so to speak, surge into the life of the soul. When developed through meditation and concentration, the mental images are no longer merely this fluid substance; rather, they are infused with, permeated by forces that I would like to call formative forces—forces that constitute an inner, spiritually plastic element. And after some time, one discovers that through this development of the life of the imagination, one grows together with what the formative forces of the human body itself are; after some time, one discovers that the life of thought is, in a sense, nothing other than the diluted life of forces underlying human growth. What shapes us internally and plastically in the physical body from birth to death is, I would say, our life of imagination in ordinary consciousness in a “diluted” state.
[ 25 ] Wir blicken hin auf das eben geborene Kind. Wir wissen, daß in diesem eben geborenen Kind, vom Gehirn ausgehend, die bildsamen, die plastischen Kräfte an der Gestaltung des Leibes arbeiten. Wir verfolgen das Wachstum des Kindes, wie es ausstrahlt gerade von der plastischen Gehirntätigkeit, wir verfolgen es bis zu einem gewissen Einschnitt im menschlichen Erdenleben, bis zum Zahnwechsel, bis gegen das siebente Lebensjahr hin. Wir werden, indem wir dieses Kraftleben, das da im Menschen pulsiert, das plastisch in ihm tätig ist, zunächst als ein Unbestimmtes empfinden. Auf der andern Seite, indem wir unser Vorstellungsleben durch Meditation, durch Konzentration kraftvoll ausgestalten, werden wir unbewußt zu demselben Element hingeführt, das plastisch von unserer ersten Kindheit an in uns arbeitete. Und das ist eine bedeutsame Entdekkung des inneren menschlichen Lebens, daß man das Vorstellungsleben so erkraften kann, daß man es innerlich so intensiv machen kann, daf} man sich dann darinnen fühlt in dem, was des Menschen Bildekräfte sind, was Bildekräfte sind in seinem Wachstum, in seinem Stoffwechsel. So sonderbar es für die heutige Forschung noch klingt: es ist so, daß es möglich ist, durch eine Verstärkung des Seelenlebens in das hineinzuwachsen, was uns gewissermaßen dann aufnimmt als dasjenige, was unsern äußeren physischen Leib als seine Bildekräfte plastisch gestaltet. Man wächst durch das Vorstellungsleben in die Wirklichkeit hinein, man wächst in ein gestaltendes Element hinein.
[ 25 ] We look at the newborn child. We know that in this newborn child, starting from the brain, the formative, plastic forces are at work shaping the body. We observe the child’s growth, which radiates precisely from this plastic brain activity; we follow it up to a certain turning point in human life on earth—the change of teeth—around the age of seven. At first, as we perceive this life force pulsating within the human being—this force that is plastically active within us—we will sense it as something indefinite. On the other hand, as we powerfully develop our imaginative life through meditation and concentration, we are unconsciously led to the very same element that has been working plastically within us since our earliest childhood. And this is a significant discovery regarding inner human life: that one can strengthen the life of the imagination to such an extent, that one can make it so intense inwardly, that one then feels oneself immersed in what are the human formative forces—the formative forces at work in one’s growth and metabolism. As strange as it may still sound to today’s research: it is indeed possible, through a strengthening of the soul life, to grow into that which, in a sense, then encompasses us—that which plastically shapes our outer physical body as its formative forces. Through the life of the imagination, one grows into reality; one grows into a formative element.
[ 26 ] Und man lernt auf diese Art kennen, was hinter dem bloßen Gedankenprozeß liegt; man lernt erkennen, wie ein Geistiges, mit dem man sich jetzt verbunden hat, am menschlichen Organismus von der Geburt bis zum Tod arbeitet. Das Vorstellungsleben bekommt seine Realität, das Vorstellungsleben ist nicht mehr das bloße Bildleben, das Vorstellungsleben wird ein Kraftleben, das im Dasein selber drinnensteht.
[ 26 ] And in this way one comes to understand what lies behind the mere thought process; one learns to recognize how a spiritual entity, with which one has now connected, works within the human organism from birth to death. The life of imagination takes on its reality; the life of imagination is no longer merely a life of images; the life of imagination becomes a life of power that is embedded within existence itself.
[ 27 ] Und nur durch eine solche Erkenntnis kann das, was die Unterströmung von Ängstlichkeit, von Furcht in der menschlichen Seele erzeugt, vom Bewußtsein aus bezwungen werden, so daß es in der Tat nicht eine theoretische Lösung der Seelenrätsel ist, auf die hier Anthroposophie hinweist, sondern eine durchaus innerliche, praktische Lösung, die zu erleben ist.
[ 27 ] And only through such insight can the undercurrent of anxiety and fear within the human soul be overcome by consciousness, so that what anthroposophy points to here is not merely a theoretical solution to the mysteries of the soul, but a thoroughly inner, practical solution that must be experienced.
[ 28 ] Anthroposophie muß darauf hinweisen, daß aus ihrer Forschung heraus dasjenige in das menschliche Bewußtsein hereinkommen und durch das menschliche Bewußtsein begriffen werden kann, was im Menschen lebt, was, ich möchte sagen nur zum Schein sich so weit verdünnt, daß es als unser gewöhnliches Vorstellungsleben herauskommt, was aber seiner Wahrheit nach die innere Wachstumssphäre unseres Daseins ist. Und indem der Mensch auf der anderen Seite im Vorstellungsleben, ich möchte sagen das Schwergewicht verliert und in eine ängstliche Unterströmung dieses Seelenlebens hineingerät, kann er die Ergebnisse der geisteswissenschaftlichen Anthroposophie über das Vorstellungsleben aufnehmen und kann dieses Vorstellungsleben auf dem Erkenntniswege befestigen. Die Lösung dieses Seelenrätsels bietet Anthroposophie nicht, indem sie eine Theorie hinstellt, sondern indem sie dem Menschen ein Ergebnis hinstellt, das er mit seinem gesunden Menschenverstand durchaus begreifen kann und das dann - wie Schwere verleihend - im Vorstellungsleben für sein Bewußtsein, für sein Seelenleben auftritt, so daß in die Seelenstimmung, in die Seelenverfassung hinein rätsellösend strömen kann, was Anthroposophie scheinbar als bloße Erkenntnis über das Vorstellungsleben geltend zu machen vermag.
[ 28 ] Anthroposophy must point out that, through its research, that which lives within the human being—which, I would say, only appears to be so greatly diluted that it emerges as our ordinary life of imagination, but which, in truth, is the inner sphere of growth of our existence—can enter into human consciousness and be grasped through it. And while, on the other hand, the human being loses—I might say—his center of gravity in his life of imagination and slips into an anxious undercurrent of this soul life, he can take in the findings of anthroposophical Spiritual Science regarding the life of imagination and can consolidate this life of imagination through the path of knowledge. Anthroposophy does not offer the solution to this mystery of the soul by presenting a theory, but by presenting a finding that a person can fully grasp with their common sense and that then—as if imparting weight—manifests in the life of the imagination for their consciousness, for their soul life, so that what anthroposophy appears to offer as mere knowledge about the life of the imagination can flow into the soul’s mood and disposition, resolving the mystery.
[ 29 ] Man erkennt da eben durchaus auf der einen Seite, wie der Mensch ein gestaltetes Wesen ist, wie er als Ganzes in einer bestimmten Gestalt auftritt, wie seine einzelnen Organe aus dem Geiste heraus gestaltet sind und wie wir — damit wir freie Wesen sein können, damit wir nicht gezwungen durch diese iinnerlichen Kräfte nur handeln, sondern uns freien Spiegelbildern hingeben können bis zu einem plastisch Gestalteten unsere bloß bildhaften Vorstellungen hinentwickeln. Das, was da vorliegt, habe ich zu Beginn der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in meiner «Philosophie der Freiheit» ausgeführt, indem ich gezeigt habe, daß der Mensch ein freies Wesen dadurch ist, daß er eben gerade in den reinen Gedanken, die nicht mit irgendeiner äußeren Realität für sein Bewußtsein zusammenhängen, leben kann, daß er in diesen reinen Gedanken seine moralischen Impulse formen kann. Spiegelbildern gegenüber wird man so dastehen, daß man selber irgend etwas ausführen muß, wenn das Spiegelbild sich ändern soll; Spiegelbilder bestimmen einen nicht kausal. Der Mensch wäre niemals frei, wenn er von einer Realität in seinem gewöhnlichen Bewußtsein bestimmt wäre. In seinem gewöhnlichen Bewußtsein leben die Vorstellungen als Bilder, dadurch wird er von ihnen nicht bestimmt, wie man durch Spiegelbilder auch nicht bestimmt wird. Er ist frei. Damit er frei sein kann, muß sich sein Leben herausheben aus demjenigen, was es plastisch als Wachstumskraft, als Wachstumsleib, könnte man sagen, als Bildekräfteleib durchzieht. Aber dieses Leben in der Freiheit muß der Mensch eben mit der charakterisierten ängstlichen Unterströmung in seinem Seelenleben erkaufen, und daher muß der Mensch in seinem gewöhnlichen Bewußtsein dazu kommen, seine Freiheitsempfindung voll zu erleben, aber auch als polarischen Gegensatz diesem Freiheitserlebnis das entgegenstellen können, was Anthroposophie als Befestigung des Vorstellungslebens in der angedeuteten Weise geben kann.
[ 29 ] On the one hand, one can certainly recognize how human beings are formed beings, how they appear as a whole in a specific form, how their individual organs are shaped by the spirit, and how—so that we may be free beings, so that we do not act solely under the compulsion of these inner forces, but can devote ourselves to free reflections—we develop our merely pictorial mental images into something plastically formed. I elaborated on this in my *Philosophy of Freedom* at the beginning of the 1890s, showing that the human being is a free being precisely because he can live in pure thoughts that are not connected to any external reality for his consciousness, and because he can shape his moral impulses within these pure thoughts. One’s relationship to mirror images is such that one must take action oneself if the mirror image is to change; mirror images do not determine one causally. Human beings would never be free if they were determined by a reality in their ordinary consciousness. In one’s ordinary consciousness, mental images exist; thus one is not determined by them, just as one is not determined by mirror images. One is free. In order to be free, one’s life must rise above that which permeates it plastically as a force of growth—as a “body of growth,” one might say, or a “body of formative forces.” But this life of freedom comes at a price: the human being must pay for it with the characteristic undercurrent of anxiety in his inner life; and therefore, in his ordinary consciousness, he must come to fully experience his sense of freedom, while also being able to set against this experience of freedom—as a polar opposite—what anthroposophy can provide as a consolidation of the life of imagination in the manner described.
[ 30 ] Dringt man aber auf diesem Wege weiter, so dringt man Ja von dem, ich möchte sagen ganz verdünnten, bloß bildhaften Vorstellungsleben vor zu dem, was wirkliche Realität ist, was in dem Menschen gestaltend lebt. Es ist nicht der physische Leib, es sind nicht die physischen Organe, es ist ein übersinnlich Kraftendes, aber es ist da. Man erfaßt etwas, was außerhalb des physischen Leibes liegt, und man dringt, indem man einfach nach der einen Seite hin die Seelenrätsel verfolgt, dadurch in das ein, was unabhängig von dem menschlichen physischen Leibe eine übersinnliche Realität im Menschen hat. Man dringt vor bis zu dem, was durch die Geburt oder durch die Konzeption als menschlicher physischer Leib durch die bloßen Vererbungsverhältnisse zubereitet, durch bloße äußere Naturtatsachen vorgebildet wird. Man lernt erkennen, wie sich mit den vererbten Merkmalen, die von Eltern oder Voreltern herrühren, mit dem ganzen Leib, der sich im mütterlichen Organismus bildet, aus der geistigen Welt heraus dasjenige verbindet, was man im Leben wiederfindet, wenn man das Vorstellungsleben erkraftet.
[ 30 ] But if one proceeds further along this path, one does indeed advance from what I would call a highly diluted, purely pictorial life of the imagination toward what is true reality, what lives as a formative force within the human being. It is not the physical body, it is not the physical organs; it is a supersensible force, but it is there. One grasps something that lies outside the physical body, and by simply pursuing the mysteries of the soul in one direction, one thereby penetrates into that which, independently of the human physical body, constitutes a supersensible reality within the human being. One penetrates to that which, through birth or conception, is prepared as the human physical body through mere hereditary relationships and is preformed by mere external natural facts. One learns to recognize how, through the inherited characteristics derived from parents or ancestors, and through the entire body that forms within the mother’s organism, that which comes from the spiritual world connects with what one encounters in life when one develops one’s imaginative life.
[ 31 ] Man gelangt, ich möchte sagen zu der einen Seite der Unsterblichkeitsfrage. Man schaut hin auf das, was unsterblich, was ewig ist in der Menschennatur, weil es aus einer geistigen Welt durch Konzeption und Geburt in das eindringt, was menschlich-leiblich ist, und weil es fortwirkt auch während des Erdenlebens als die iinnere plastische Gestaltungskraft, mit der wir uns verbinden, indem wir in der angedeuteten Weise unser Gedankenleben verstärken.
[ 31 ] One arrives, I would say, at one aspect of the question of immortality. We look to that which is immortal, that which is eternal in human nature, because it penetrates from a spiritual world—through conception and birth—into what is human and physical, and because it continues to work even during earthly life as the inner, formative creative power with which we connect by strengthening our life of thought in the manner described.
[ 32 ] So bietet Anthroposophie die Perspektive, die etwa ein Franz Brentano suchte. Brentano begann auch bei einer Untersuchung der Gedanken, er ließ aber die Gedanken so, wie sie im gewöhnlichen Bewußtsein sind. Er beschränkte sich darauf, bloß zu registrieren, was im gewöhnlichen Bewußtsein vorhanden ist. Erst die Verstärkung des Gedankenlebens durch Meditation und Konzentration führt dieses Gedankenleben zu der inneren plastischen Gestaltungskraft, und sie führt wirklich auf den Weg, der beim Erfassen des einfachen alltäglichen Gedankens beginnt und der endet bei dem geistig-seelischen Element des Menschen, das da gelebt hat vor der Geburt, vor der Konzeption in der geistig-seelischen Welt selber und das sich mit den Vererbungskräften, mit den physischen Kräften des Menschenleibes verbunden hat.
[ 32 ] Anthroposophy thus offers the perspective that someone like Franz Brentano sought. Brentano also began with an investigation of thoughts, but he left the thoughts as they are in ordinary consciousness. He limited himself to merely registering what is present in ordinary consciousness. Only the strengthening of the life of thought through meditation and concentration leads this life of thought to an inner, formative power, and it truly leads along the path that begins with the grasping of the simple, everyday thought and ends with the spiritual-soul element of the human being—which existed before birth, before conception, in the spiritual-soul world itself, and which has united with the hereditary forces and the physical forces of the human body.
[ 33 ] Es gibt keine andere Lösung der Seelenrätsel als dadurch, daß man diesen Weg von den einfachsten Erscheinungen des alltäglichen Lebens bis zu den großen Rätselfragen des Daseins wirklich findet.
[ 33 ] There is no other solution to the mysteries of the soul than by truly finding this path, from the simplest phenomena of everyday life to the great enigmas of existence.
[ 34 ] Ich habe bisher auf das hingewiesen, was der Mensch gegenüber seinem Gedankenleben erreichen kann. Da kommt er zu dem, was den Menschen gewissermaßen in den Raum herausgestaltend treibt, was die räumliche Leiblichkeit des Menschen plastisch durchdringt, was sich in der Gestalt auslebt, was aus der geistigen Welt, wie ich angedeutet habe, heruntersteigt und in die äußere Gestalt des Menschen, auch in die Gestalt seiner inneren Organe, hinein verfließt. Das ist aber nur die eine Seite des Menschenlebens, und auch an der anderen Seite des Menschenlebens nimmt das Seelische durchaus teil, wenn wir ebenso, wie wir durch Meditation und Konzentration das Gedankenleben ausbilden können, nach der anderen Seite das Willensleben jetzt nicht so ausbilden, daß man im eigentlichen Sinne sagen kann, man verstärkt es, sondern so, daß wir es hingebungsvoller machen, vergeistigter machen.
[ 34 ] So far, I have pointed out what a human being can achieve in relation to his or her inner life. There he arrives at what, in a sense, drives the human being outward into space, what vividly permeates the human being’s physical form, what finds expression in form, what, as I have indicated, descends from the spiritual world and flows into the human being’s outer form, including the form of his inner organs. But this is only one side of human life, and the soul also participates fully in the other side of human life. Just as we can develop our life of thought through meditation and concentration, we can now develop the life of the will—not in the sense that we are strengthening it, but rather by making it more devoted and more spiritual.
[ 35 ] Man kann es dadurch erreichen, daß man dieses Willensleben in einem gewissen Sinne losreißst von seiner Alltäglichkeit. - Ich habe viele einzelne Übungen gegeben - Geisteswissenschaft ist nicht leichter als die Forschung auf der Sternwarte oder in der Klinik -, die jahrelang getrieben werden müfsten, aber ich möchte nur einzelnes herausgreifen, um das Prinzipielle anzudeuten. - Es kann das [dieses Losreißen] dadurch geschehen, daß man das, was im gewöhnlichen Denken als Wille wirkt - denn im Denken ist immer ein Wille vorhanden, die Gedanken werden durch den Willen gestaltet, das Gedankliche ist nur die eine Seite, im Seelenleben ist immer der Wille mit den Gedanken durchwoben und die Gedanken mit dem Willen -, daß man dieses Willenselement, das in den Gedanken lebt, von seinem gewöhnlichen Gang, der sich an die äußeren physischen Tatsachen hält, dadurch losreißt, daß man zum Beispiel etwas rückwärts vorstellt. Sagen wir, während man gewohnt ist, ein Drama vom ersten bis zum fünften Akt vorzustellen, stellen wir einmal dieses Drama von den letzten Vorgängen bis zum Anfange hin rückwärts verlaufend vor. Man gehe dann über dazu, äußere Tatbestände rückwärts verlaufend vorzustellen. Man kann zum Beispiel am Abend sein gewöhnliches Tagesleben rückverlaufend so vorstellen, daß man in möglichst kleinen Partien vorgeht, vom Abend bis zum Morgen, selbst bis zu dem Grad, daß man das Hinaufgehen über eine Treppe so vorstellt, daß man es wie ein Rückwärts-Heruntergehen von der obersten bis zu der vorletzten Treppe und so weiter vorstellt.
[ 35 ] This can be achieved by, in a certain sense, detaching this life of the will from its everyday context. - I have given many individual exercises—Spiritual Science is no easier than research at an observatory or in a clinic—that would have to be practiced for years, but I would like to single out just one to illustrate the principle. - This [detachment] can be achieved by taking what acts as will in ordinary thinking—for there is always a will present in thinking; thoughts are shaped by the will; the mental aspect is only one side— in the life of the soul, the will is always interwoven with thoughts, and thoughts with the will—that one detaches this element of will, which lives within thoughts, from its ordinary course—which adheres to external physical facts—by, for example, creating a mental image of something in reverse. Let us say, for example, that while one is accustomed to forming a mental image of a drama from the first act to the fifth, we form a mental image of this drama in reverse, proceeding from the final events back to the beginning. One should then proceed to form a mental image of external events in reverse. For example, in the evening, one can create a mental image of one’s usual daily life in reverse by proceeding in as small segments as possible, from evening to morning, even to the extent of imagining the act of walking up a flight of stairs as if one were walking down it in reverse—from the top step to the second-to-last step, and so on.
[ 36 ] Dadurch, daß man gewohnt ist, das Denken immer in demselben Sinne zu führen, wie die äußeren Tatsachen verlaufen, spielt das Denken für uns eigentlich in bezug auf den Willen, der in ihm entfaltet wird, eine passive Rolle. Es wird aktiv innerlich tätig, durchsetzt von innerlicher Initiative, wenn wir es durch solche Übungen schulen wie das Rückwärtsvorstellen, wo wir es losreißen von dem Gang der äußeren Tatsachen, wo wir es auf sich selbst angewiesen machen. Denn wenn wir solches, was wir auf diese Weise in sorgfältigen und energischen Übungen erreichen, durch eine wirklich ernste Selbstbeobachtung verstärken, indem wir das, was wir als Willensmensch tun, so beobachten, wie wenn wir neben uns stehen würden und uns Stück für Stück in unserer Willensentfaltung beobachten würden, oder auch wenn wir zur Aktivität übergehen würden, wenn wir Übungen geradezu zu dem Zweck machten, uns etwas vorzunehmen und es dann mit einer eisernen Energie exakt auszuführen, so daß wir ganz im Willenselement leben - ich wollte nur prinzipiell solche Übungen angeben, die den Willen nicht nur von den äußeren Tatsachen losreißen, sondern von seinem Gebundensein an den Leib selber, die den Willen selbständig machen, vergeistigen —, dann kommen wir auf diese Art tatsächlich zu einer Willensentfaltung, so daß wir uns mit unserem Seelenleben, das nun den Willen entfaltet, außer unserem Leibe erleben. Es ist ein bedeutsames Erleben. Aber dadurch sieht man erst ein, was der Wille ist. Der Wille ist im gewöhnlichen Leben an die Organe gebunden. Wir sehen ihn sich entfalten, indem wir unsere Glieder bewegen. Wir beobachten nur durch unser Gedankenleben die Vorgänge, die Wirkungen unseres Willens. Wir sehen in ihn hinein, wenn wir ihn losgerissen haben von der Leiblichkeit, wenn wir ihn in sich selbst erleben, ganz eins werden mit ihm. Dann wird er durchdrungen von einer Erhöhung derjenigen Kraft, die sonst auch an unseren physischen Organismus gebunden ist, durchdrungen von der Liebekraft. Und zu einer durchsichtigen, hellen Klarheit wird jenes hingebungsvolle Element im Seelenleben ausgebildet, das uns - ich möchte sagen dunkel, als emotionelles Willensleben in der Liebe entgegenrritt.
[ 36 ] Because we are accustomed to always directing our thinking in the same direction as external events unfold, thinking actually plays a passive role for us with regard to the will that unfolds within it. It becomes actively engaged internally, imbued with inner initiative, when we train it through exercises such as “reverse visualization,” in which we detach it from the course of external events and make it rely on itself. For when we reinforce what we achieve in this way through careful and energetic exercises with truly serious self-observation—by observing what we do as beings of will —as if we were standing beside ourselves and observing ourselves step by step in the unfolding of our will—or even when we move into action, when we perform exercises specifically for the purpose of setting out to do something and then carrying it out precisely with iron determination, so that we live entirely within the element of the will —I merely wanted to outline, in principle, exercises that not only detach the will from external circumstances but also from its bondage to the body itself, exercises that render the will independent and spiritualize it—then, in this way, we actually arrive at an unfolding of the will, so that we experience our soul life—which is now unfolding the will—as existing outside our body. It is a significant experience. But only through it do we come to understand what the will is. In ordinary life, the will is bound to the organs. We see it unfold as we move our limbs. It is only through our life of thought that we observe the processes and effects of our will. We look into it when we have torn it away from physicality, when we experience it in and of itself, becoming completely one with it. Then it becomes permeated by an elevation of that force which is otherwise also bound to our physical organism—permeated by the force of love. And that self-sacrificing element in the life of the soul—which, I might say, previously approached us obscurely as an emotional life of the will within love—is transformed into a transparent, luminous clarity.
[ 37 ] Ich weiß, wie wenig die Menschen heute die Liebe als eine Erkenntniskraft gelten lassen wollen. Im gewöhnlichen Leben ist sie es auch nicht; aber wenn sie so ausgebildet ist, daß der Wille nicht mehr in Instinkten, in Trieben, in Emotionen wurzelt, sondern daß er im rein Seelischen, abgesehen von der Leiblichkeit lebt, dann wird dieser Wille eigentlich erst seiner Wesenheit nach erkannt, und dann zeigt er sich als etwas ganz anderes, als was das Gedankenelement sich gezeigt hat. Das Gedankenelement hat sich in seiner Verstärkung als dasjenige, was aufbauend gestaltet, gezeigt, was, ich möchte sagen Organ aus Organ herausfließen läßt, was zuletzt gipfelt in der menschlichen Fortpflanzung. Das Gedankenelement entfaltet sich als das plastische Wirken, von der Seele aus plastische Wirken in die menschliche Leiblichkeit hinein. Das Willenselement, das entfaltet sich so im Leib, daß es- wenn man es abgesondert vom Leib erkennt, kann man dann anschauen, wie es auf den Leib wirkt - das Leibliche nun gerade nicht plastisch gestaltet, sondern das Plastisch-Gestaltete wird zurückgebildet, wird aufgelöst, zerstäubt, verfließend gemacht. Das Willenselement ist das, was stetig — ich bitte, mich nicht mißzuverstehen -, ich möchte sagen die gebildeten Elemente des Menschen wiederum verbrennt, in Flammen, geistig gesprochen, aufgehen läßt. Der Ausdruck ist bildlich gemeint, aber er bedeutet etwas sehr Wichtiges.
[ 37 ] I know how little people today are willing to regard love as a power of cognition. In everyday life, it is not; but when it is developed to the point where the will is no longer rooted in instincts, drives, or emotions, but rather lives in the purely spiritual realm, apart from the physical, then this will is truly recognized for what it essentially is, and it reveals itself as something entirely different from what the element of thought has revealed. As it has intensified, the element of thought has revealed itself as that which shapes in a constructive way—that which, I might say, causes one organ to flow out of another, culminating ultimately in human procreation. The element of thought unfolds as a formative activity, a formative activity emanating from the soul and working into the human physical body. The element of will unfolds in the body in such a way that—if one perceives it separately from the body, one can then observe how it acts upon the body—it does not, in fact, shape the physical body plastically, but rather the plastically shaped form is reduced, dissolved, atomized, and made to flow away. The element of will is that which constantly—please do not misunderstand me—I would say, burns up the formed elements of the human being, causing them to rise up in flames, so to speak, in a spiritual sense. The expression is meant figuratively, but it signifies something very important.
[ 38 ] Das menschliche Leben, wie es aus der Seele in die Leiblichkeit sich ergießt, kann nur verstanden werden, indem es auf der einen Seite durchschaut wird als dieses plastische Element, auf der anderen Seite als das Wiederauflösen des plastischen Elements, als das, ich möchte sagen, in das Zerstäubte, in das Zerfließende Hineinkommenlassen des plastischen Elementes. Und indem alles, was als Wille sich im Menschen entfaltet, im menschlichen Leibe ein solch Auflösendes, Zerstäubendes, das Zerfließende ist, ist dieses willensartige Element das, was nun erlebt wird als dasjenige, was uns nach der anderen Seite des Menschenlebens den Weg weist, was uns den Weg weist zum Tod hin.
[ 38 ] Human life, as it flows from the soul into the physical body, can only be understood by perceiving it, on the one hand, as this plastic element, and on the other hand, as the dissolution of the plastic element—as, I might say, the plastic element’s entry into the atomized, into the dissolving. And since everything that unfolds as will within the human being is, in the human body, a force that dissolves, atomizes, and causes things to melt away, this will-like element is what is now experienced as that which points the way to the other side of human life—that which points the way toward death.
[ 39 ] Wie wir durch die Plastik des Denkens eben zunächst das geistig-plastische Element der menschlichen Seele kennenlernen, das durch Geburt oder Empfängnis in den physischen Leib einzieht, so lernen wir erkennen, wie das willensartige Element den menschlichen Leib auflöst, aber im Auflösen — wie gesagt, bildlich gesprochen - aus der Flamme die reine Geistigkeit hervorgehen läßt. Wir lernen den Auszug der Seele aus dem Leibe kennen. Wir lernen auf diese Weise aus dem Verfließen des Willenselementes heraus den Tod verstehen. Wir lernen verstehen, was im Tode mit dem Menschen vorgeht, weil wir verstehen lernen, was beim alltäglichen Willensentschluß im Menschen vorgeht. Der alltägliche Willensentschluß bewirkt im physischen Leib — wie gesagt, bildlich gesprochen - eine Art Verbrennungsprozeß, aber aus diesem Verbrennungsprozeß geht hervor, was unser inneres Seelenleben ist. Was wir innerlich als Seele empfinden, es könnte nicht da sein, wenn wir immer bloß Leib wären, bloß plastisch gestaltet würden. Das Plastische muß abgebaut werden, verfließen, und aus dem Verfließenden des Plastischen, aus dem immer Fortwährend-Zerstörtwerdenden des Leiblichen geht das Erleben des Seelischen hervor. Und wir begreifen den Auszug der Menschenseele aus dem physischen Leib mit dem Tod, der nur in einen Augenblick zusammengefaßt dasjenige darstellt, was sich in der Entfaltung des Willens zur Geistigkeit der Seele immerdar darstellt. So wie ich im gegenwärtigen Augenblick meinen Willen erlebe, wie er eine Art Verbrennungsprozeßs, Auflösungsprozeß im Leibe bildet, wie durch die Zerstörung das Geistige auflebt im menschlichen Leib, so lerne ich erkennen, wie mit dem anderen Zerstören des Leibes im Tode, das nichts anderes ist als die letzte Wirkung des im Leibe verborgenen Willens, wie da das Geistige wiederum zurückkehrt in die geistig-seelische Welt.
[ 39 ] Just as we first come to know, through the plasticity of thought, the spiritually plastic element of the human soul that enters the physical body at birth or conception, so we learn to recognize how the volitional element dissolves the human body, but in the process of dissolution—as I said, figuratively speaking—allows pure spirituality to emerge from the flame. We come to understand the soul’s departure from the body. In this way, we come to understand death through the dissipation of the volitional element. We come to understand what happens to a person at death because we learn to understand what happens within a person during everyday acts of volition. Everyday acts of volition bring about—as I said, figuratively speaking—a kind of combustion process in the physical body, but from this combustion process emerges what constitutes our inner soul life. What we perceive inwardly as the soul could not exist if we were always merely a body, merely a physical form. The physical form must be broken down, must dissolve, and from this dissolution of the physical—from the constant destruction of the bodily—arises the experience of the soul. And we understand the departure of the human soul from the physical body at death—which, when condensed into a single moment, represents what is constantly unfolding in the soul’s development of the will toward spirituality. Just as I experience my will in the present moment—how it forms a kind of process of combustion, a process of dissolution in the body, and how, through this destruction, the spiritual comes to life in the human body—so I learn to recognize how, with the final destruction of the body at death—which is nothing other than the ultimate effect of the will hidden within the body—the spiritual returns once more to the spiritual-soul world.
[ 40 ] Das ist es, was aus Anthroposophie heraus lebendig in die Seelenrätsel hineinführt. Anthroposophie will nicht eine Theorie sein; gewiß, sie will Erkenntnis geben, aber nicht eine theoretische Erkenntnis, sie will eine Erkenntnis geben, die Seelennahrung ist. Und sie kann auf diese Weise die einzelnen täglichen Erlebnisse des Seelenwesens vor das geistige Auge hinstellen, sie kann von diesen einzelnen Erlebnissen dann zu den großen Fragen des Seelenlebens hinschreiten.
[ 40 ] This is what, from within anthroposophy, leads us vividly into the mysteries of the soul. Anthroposophy does not seek to be a theory; certainly, it seeks to provide knowledge, but not theoretical knowledge—it seeks to provide knowledge that nourishes the soul. And in this way, it can present the individual daily experiences of the soul to the inner eye; it can then move from these individual experiences to the great questions of the life of the soul.
[ 41 ] Gestatten Sie, daß ich auf eine Einzelheit eingehe, damit Sie schen, worauf gerade das beruht, was durch Anthroposophie in die menschlichen Seelenrätsel hineinführen soll, gestatten Sie, daß ich die Einzelheiten der menschlichen Erinnerung anführe.
[ 41 ] Allow me to go into one detail so that you may understand the basis of what anthroposophy is intended to reveal about the mysteries of the human soul; allow me to describe the details of human memory.
[ 42 ] Ist man dazu gelangt, so das verstärkte Vorstellungsleben in sich zu haben, wie ich es charakterisiert habe, und hat man auf der anderen Seite kennengelernt, wie fortwährend das Plastische wieder abgebaut wird von dem Willensleben, dann schaut man auch die inneren Seelenprozesse erst in durchsichtiger Klarheit an. Man sieht, wie der Mensch der äußeren Welt gegenübersteht, wie er seine Eindrücke von der äußeren Welt bekommt, wie er dann sich Vorstellungen, Gedanken über diese äußeren Eindrücke bildet, wie er dann nach einiger Zeit - oder auch nach langer Zeit - als Erinnerungen diese Vorstellungen aus gewissen Untergründen heraufholt oder wie sie auch von selbst, wie man heute sagt als «frei steigende» Gedächtnis-Vorstellungen herauftauchen. Schon in diesem Herauftauchen der Erinnerungsvorstellungen kündet sich für den, der unbefangen auf das menschliche Seelenleben hinblicken will, ein bedeutsames Seelenrätsel an, und man kann sagen: In durchaus kurioser Weise haben die Menschen gesprochen von dem, was eigentlich das Wesen der Erinnerung ist. Man hat sich — und tut das zuweilen noch heute - vorgestellt: Nun ja, der Mensch bekommt durch die Wahrnehmungen Eindrücke, sie werden durch seine Sinne hervorgerufen, dann setzen sie sich fort durch sein Nervensystem, er bildet sie um durch sein Vorstellen. Diese Vorstellungen tauchen dann in gewisse Untergründe seines Seelenlebens ein und kommen dann wieder herauf, wenn sie erinnert werden. Nun, kein Mensch, der unbefangen denkt, kann sich irgend einen klaren Gedanken darüber machen, wie eigentlich diese Vorstellungen, wenn wir sie nicht haben, da unten in unbekannten Untergründen des Seelenlebens spazieren gehen sollen, um dann wieder heraufzukommen durch Willkür, wenn sie entweder gerade gebraucht werden oder an irgend etwas sich anlehnen wollen, das als eine neue Wahrnehmung, als ein neuer Eindruck der Außenwelt auftritt.
[ 42 ] Once one has come to possess within oneself this intensified imaginative life, as I have characterized it, and has, on the other hand, come to understand how the plastic element is continually broken down by the life of the will, then one is able to view the inner processes of the soul with transparent clarity. One sees how a person faces the external world, how they receive their impressions from the external world, how they then form mental images and thoughts about these external impressions, how, after some time—or even after a long time—they bring these mental images up from certain depths as memories, or how they also emerge of their own accord—as we say today, as “freely arising” mental images of memory. Already in this surfacing of mental images of memory, a significant mystery of the soul reveals itself to those who wish to look impartially at human soul life, and one can say: In a thoroughly curious way, people have spoken of what is actually the essence of memory. People have imagined—and still do so at times today—that: Well, a person receives impressions through perceptions; these are evoked by the senses, then travel through the nervous system, and are transformed by the imagination. These mental images then sink into certain depths of the soul’s life and resurface when they are recalled. Well, no one who thinks impartially can form any clear idea of how these mental images—when we do not have them—are supposed to wander down there in the unknown depths of the soul, only to resurface at will when they are either needed at that moment or wish to latch onto something that appears as a new perception, as a new impression from the outside world.
[ 43 ] Anthroposophie geht da zur wirklichen, wahrhaftigen Beobachtung des menschlichen Seelenlebens selber über. Sie durchschaut dadurch, daß sie das verstärkte Vorstellungsleben und das durchgeistigte Willensleben kennt, den ganzen Prozeß, der sich von der Wahrnehmung des äußeren Dinges durch das Vorstellungsbilden, durch das Bilden der Erinnerung bis zum Wiederum-Heraufkommen der erinnerten Vorstellungen abspielt. Dadurch, daß anthroposophische Forschung durch eine solche Gestaltung des Vorstellungs- und Willenslebens zu Erkenntniskräften vordringt, wie ich angedeutet habe, wird der ganze Seelen- und leibliche Prozeß und wie diese beiden Prozesse ineinanderspielen, so umgestaltet, wie etwas — wenn ich es damit vergleichen darf -, was ich als etwas ganz Dunkles, Undurchsichtiges vor mir habe, dadurch umgestaltet wird, daß es durchleuchtet wird, plötzlich durchsichtig wird. Der ganze menschliche Seelenprozeß wird durch dieses verstärkte Vorstellungsleben und durchgeistigte Willensleben durchsichtig.
[ 43 ] Anthroposophy thus moves on to the genuine, true observation of human soul life itself. By recognizing the intensified life of mental images and the spiritualized life of the will, it gains insight into the entire process that unfolds from the perception of the external object through the formation of mental images and the formation of memory, all the way to the reemergence of the remembered images. Because anthroposophical research, as I have indicated, advances toward powers of knowledge through such a structuring of the life of mental images and will, the entire psychological and physical process—and the way these two processes interact—is transformed in the same way that something—if I may use this comparison—that I perceive as something completely dark, opaque—is transformed when it is illuminated and suddenly becomes transparent. The entire human soul process becomes transparent through this intensified life of imagination and this spiritualized life of will.
[ 44 ] Und worauf sieht man jetzt in bezug auf das, was ich angedeutet habe? Man sieht, wie die äußeren Eindrücke den Sinnen sich meilenweit dehnen, wie der ganze Prozeß weiterspielt und wie in der Tat das, was ich als gestaltendes, als plastisches Element des verstärkten Gedankenlebens bezeichnet habe, in dem gewöhnlichen Wahrnehmungsprozeß als eine Fortsetzung wirkt. Ich nehme äußerlich wahr, aber es wirken in mir ja nicht bloß die abstrakten Gedanken, die ich im gewöhnlichen Bewußtsein habe, sondern das, was durch Geisteswissenschaft bloß ergründet wird, das wirkt ja fortwährend; dieses Plastische in den Vorstellungen, das wirkt hinunter in die menschlichen Seelen- und Leibestiefen. Und dann, wenn dies geschehen ist, wenn in die Seelenuntergründe und in die Leibesuntergründe der Gedanke gestaltend gewirkt hat, dann geht der Mensch zu anderem über. Da ist ein Willensentschluß tätig, da spielt der Wille, da ist aber der vergeistigte Wille vorhanden. In demjenigen Leben des Menschen, das an das äußere Gehirn gebunden ist, entfaltet sich dieser Wille, er baut, indem er die Plastik des Gehirns auflöst, dasjenige für das gewöhnliche Bewußtsein ab, was der Eindruck aufgebaut hat, so daß wir eine äußere Gehirn-Oberfläche, wenn ich mich grob ausdrücken darf, über Untergründe ausgebreitet haben, wo aber die Plastik fortwirkt.
[ 44 ] And what can we see now in relation to what I have hinted at? One sees how external impressions extend for miles into the senses, how the entire process continues, and how, in fact, what I have described as the formative, plastic element of an intensified life of thought operates as a continuation within the ordinary process of perception. I perceive externally, but it is not merely the abstract thoughts I have in ordinary consciousness that are at work within me; rather, that which is only fathomed through Spiritual Science is constantly at work—this plastic quality in the mental images, which works its way down into the depths of the human soul and body. And then, when this has taken place—when thought has worked formatively into the depths of the soul and the depths of the body—then the human being moves on to something else. There, a volitional decision is at work; the will is at play; but it is the spiritualized will that is present. In that aspect of human life which is bound to the external brain, this will unfolds; by dissolving the plasticity of the brain, it dismantles—for ordinary consciousness—what the impression has built up, so that we have, if I may put it crudely, spread an external brain surface over underlying layers where, however, the plasticity continues to work.
[ 45 ] Nehmen wir nun an, ich erinnere mich in willkürlicher Weise an irgend etwas, dann geschieht das so, daß ich aus einer gewissen Vorstellungsreihe heraus diesen Willen entfalte. Die Willensentfaltung ist wiederum mit einem Abbauen verbunden, wenn jetzt nicht wiederum äußere Eindrücke eindringen; und daß diese nicht kommen, dafür sorgt ja wiederum die Willensentwickelung, die ein Abbauen ist. Und dieses Abbauen läßt das, was in den Untergründen bei der willkürlich heraufgeholten Erinnerung ist, als Plastik des Menschen heraufkommen. Kommen freisteigende Vorstellungen herauf, so geschieht es umgekehrt. Da ist irgendein äußerer Eindruck vorhanden, der sich zum Gedanken bildet. Der Gedanke ist plastisch tätig. Dem Gehirn wird er eingeprägt. Diese Plastik ist ähnlich derjenigen Plastik, die einmal so in den Untergründen dasjenige ausgebildet hat, was in den Untergründen in einer gewissen Gestalt leben kann. Das lebt in derjenigen Plastik, die jetzt der Gedanke gebildet hat.
[ 45 ] Let us now suppose that I recall something at random; this happens in such a way that I unfold this will from within a certain series of mental images. This unfolding of the will is, in turn, connected with a process of dissolution, provided that no external impressions intrude at this moment; and the fact that these do not come is ensured, in turn, by the development of the will, which is itself a process of dissolution. And this dissolution allows what lies in the depths of the mind—in the case of the arbitrarily recalled memory—to emerge as the human’s plastic form. When free-standing mental images arise, the process occurs in reverse. There is some external impression present that forms into a thought. The thought is sculpturally active. It is imprinted on the brain. This sculptural form is similar to the one that once shaped, in the depths of the psyche, that which can live there in a certain form. That lives within the sculptural form that the thought has now created.
[ 46 ] Sie sehen, das Seelenleben wird auf diese Weise durchsichtig, man lernt es erkennen im Zusammenwirken mit dem Leibesleben, im Zusammenwirken des Geistigen mit dem Leiblichen und mit dem Seelischen, man lernt es erkennen in seinem innerlichen plastischen Aufbauen, in seinem fortwährenden Ablöschen, Abbrennen durch das Willenselement. Und indem man so jeden einzelnen Augenblick des Lebens verstehen lernt, lernt man in diesen Strömen des Lebens dasjenige erfassen, was die großen Lebensfragen sind. Man lernt aus den Gedanken heraus erkennen, was durch die Geburt in das physische Erdenleben einzieht, man lernt aus dem Willen heraus erkennen, was durch den Tod des Menschen in die geistige Welt hinauszieht.
[ 46 ] You see, in this way the life of the soul becomes transparent; one learns to recognize it in its interaction with the life of the body, in the interplay of the spiritual with the physical and with the soul; one learns to recognize it in its inner, malleable structure, in its constant being erased and burned away by the element of will. And by learning to understand every single moment of life in this way, one learns to grasp, within these currents of life, what the great questions of life are. One learns to recognize through thought what enters physical life on Earth at birth, and one learns to recognize through the will what departs into the spiritual world upon a person’s death.
[ 47 ] So treten die anthroposophischen Forschungsergebnisse wie etwas auf, das von den Einzelheiten des Lebens zu dem Umfassenden des menschlichen rätselvollen Seelenwesens vordringt.
[ 47 ] Thus, the findings of anthroposophical research appear as something that moves from the details of life toward the all-encompassing nature of the mysterious human soul.
[ 48 ] In dieser Art, indem wir erkennen, wie schon in der gewöhnlichen Erinnerung der Gedanke plastisch wirkt, wie wenn irgend etwas im Leibe gestaltet wird, erfahren wir auch, wie dasjenige, was noch nicht im Leibe ist, aber mit dem Leib sich verbindet durch Geburt und Konzeption, wie das plastisch eingreift in den Leib. Wir lernen das menschliche Lebenselement in dieser plastischen Gestaltung kennen, weil wir das einzelne plastische Element kennenlernen, das schon in der Gestaltung der Erinnerung auftritt.
[ 48 ] In this way, by recognizing how thought already acts in a plastic manner in ordinary memory—as if something were being formed within the body—we also come to understand how that which is not yet in the body, but which becomes connected to the body through birth and conception, intervenes in the body in a plastic way. We come to know the human element of life in this plastic formation because we come to know the individual plastic element that already appears in the formation of memory.
[ 49 ] Lebensvoll möchte Anthroposophie zu den Seelenrätseln hinblicken! Das sollte überhaupt als das Wesentliche anthroposophischer Forschung aufgefaßt werden: daß sie überall durchaus stehen bleibt bei der wissenschaftlichen Gewissenhaftigkeit, zu der man sich heute heranerzogen hat durch die großen, gewaltigen Fortschritte der äußeren Naturwissenschaft, daß sie aber, indem sie bei dieser Gewissenhaftigkeit stehenbleibt, zu gleicher Zeit hinausschreitet über das, was die bloße äußere Beobachtung, das bloße äußere Experiment darbieten kann, daß sie fortschreitet von den Fähigkeiten, welche gerade durch ihr besonderes Vorhandensein die menschliche Seele für den Menschen selbst zu einem rätselvollen Wesen machen, daß sie durch eine Ausbildung dieser Fähigkeiten dahin führt, daß diese Seelenrätsel nicht theoretisch, aber praktisch gelöst werden.
[ 49 ] Anthroposophy seeks to look upon the mysteries of the soul with a sense of vitality! This should be understood as the very essence of anthroposophical research: that it consistently adheres to the scientific rigor to which we have become accustomed today through the great and tremendous advances in external natural science, but that, while adhering to this rigor, it simultaneously goes beyond what mere external observation, mere external experimentation can offer; that it proceeds from the faculties which, precisely by their very existence, make the human soul a mysterious being for human beings themselves; and that, through the cultivation of these faculties, it leads to the practical—not merely theoretical—resolution of these mysteries of the soul.
[ 50 ] Man braucht nicht zu fürchten, daß derjenige, der auf dem Gesichtspunkt einer solchen sogenannten Lösung der Seelenrätselfragen steht, etwa eines Tages wie eine vollendete Sache, wie eine vollendete Erkenntnis dasjenige hinstellen möchte, was die Seelenrätsel löst, so daß dann die Seele in Trägheit, in Lässigkeit gegenüber ihrem eigenen Leben verfallen könnte. Nein, die Seele wirft diejenigen Rätsel, die ich heute als die lebendigen, als die erlebten Seelenrätsel angeführt habe, in jedem Augenblick des Lebens auf, und in jedem Augenblick des Lebens brauchen wir neuerdings die Ergebnisse geistiger Forschung, welche ausgleichend wirken auf dasjenige, was so rätselvoll aus den dunklen Tiefen der Seele aufsteigt. Was ich die ängstliche, was ich die zornmütige Uhnterströmung des menschlichen Seelenlebens genannt habe, es ist nichts anderes, als die innerliche Aufforderung der menschlichen Seele, sich nicht als selbstverständlich hinzunehmen, sondern sich in vollem fortwährendem Erleben so hinzunehmen, daß sich diese menschliche Seele fortwährend ein Rätsel ist, daß sie fortwährend die Lösung dieses Rätsels braucht. Und eine solche fortwährende Lösung des Rätsels der Seele möchte eben gerade anthroposophische Forschung darbieten, so anknüpfend an die Wirklichkeit des Daseins, daß man — wenn ich einen trivialen Vergleich gebrauchen darf - sagen kann: So wie der Mensch in seinem physischen Leben ein Wesen ist, das fortwährend Nahrung zu sich nehmen muß, das nicht mit dem einmaligen Nahrung-zu-sich-Nehmen befriedigt sein kann, weil es diese Nahrung verbraucht, weil es diese Nahrung verbindet mit seinem Lebensprozeß,, so ist es mit dem, was uns durch Anthroposophie als Ergebnis der Seelenrätsel dargeboten wird. Es entschwindet uns seine innerliche intensive Wirksamkeit, wenn wir es nicht fortwährend ins Auge fassen, wenn wir nicht fortwährend fortschreiten. Weil wir es auf diesem Gebiet mit einer Wirklichkeit zu tun haben, nicht mit einer Theorie, die man lernen und gedächtnismäßig behalten kann, so wie bei der Wirklichkeit des Sich-Ernährens, deshalb hat man es zu tun mit etwas, das aus Anthroposophie in den fortwährenden Lebensprozeß eindringen muß.
[ 50 ] There is no need to fear that someone who takes the standpoint of such a so-called solution to the mysteries of the soul might one day present what solves these mysteries as a finished product, as a complete insight, so that the soul might then fall into inertia and indifference toward its own life. No, the soul poses those mysteries—which I have described today as the living, experienced mysteries of the soul—at every moment of life, and at every moment of life we need anew the results of spiritual research, which have a balancing effect on what rises so mysteriously from the dark depths of the soul. What I have called the fearful, what I have called the angry undercurrent of human soul life is nothing other than the inner call of the human soul not to take itself for granted, but to accept itself in full, continuous experience in such a way that this human soul remains a mystery to itself at all times, that it continually needs the solution to this mystery. And it is precisely this continuous solving of the soul’s enigma that anthroposophical research seeks to offer, connecting so closely with the reality of existence that one can say—if I may use a trivial comparison—: Just as the human being in his physical life is a being who must continually take in nourishment, who cannot be satisfied with a single act of taking in nourishment, because he consumes this nourishment, because he integrates this nourishment into his life process—so it is with what is presented to us through anthroposophy as the result of the soul’s mysteries. Its inner, intense effectiveness eludes us if we do not continually keep it in mind, if we do not continually make progress. Because in this realm we are dealing with a reality—not a theory that can be learned and retained by memory, as is the case with the reality of nourishment—we are therefore dealing with something that must, through anthroposophy, penetrate into the ongoing process of life.
[ 51 ] Und es ist ja auch so. Der Mensch wird nämlich folgendes gewahr werden, gerade wenn er sich mit den Ergebnissen der Anthroposophie in bezug auf die eigenen Seelenrätsel befaßt: Lernen - so sonderbar das klingt, es ist eine Wahrheit, die jeder, der sich mit Anthroposophie befaßt, gerade mit Bezug auf die Seelenrätsel erfahren kann -, lernen kann man im Grunde genommen die Anthroposophie nicht; man kann ihre Ergebnisse an sich herantreten lassen, man kann Bücher lesen, Vorträge hören; aber wenn man nicht fortwährend dasjenige erlebt, was man so aufgenommen hat, wenn man nicht in einem fortdauernden Prozeß — so wie man die leiblichen Stoffe der Außenwelt durch den Ernährungs- und Stoffwechselvorgang fortwährend mit den leiblichen Prozessen verbindet dasjenige mit der menschlichen Seele, mit dem seelischen Prozeß verbindet, was in Anthroposophie dargeboten wird, so wird man sehen, daß es seine Bedeutung für das Seelische verliert, wie das Physische seine Bedeutung für die Leiblichkeit verliert, wenn es nicht fortwährend in diese Leiblichkeit eingeführt wird. Und wie sich leiblich in dem Hunger und Durst das Nichtvorhandensein der physischen Nahrung ausspricht, so spricht sich in einem aus den Tiefen der Seele heraufdringenden ängstlichen und krankhaft-zornmütigen Wesen das aus, was durch eine wirkliche Erkenntnis der geistigen Bedeutung des Vorstellungs- und des Willenslebens beeinflußt sein will. Und dringt der Mensch dadurch vor, daß er in seinem Bewußtsein das immer hegen kann wie eine Nahrung seiner Seele, was ihm so die anthroposophische Forschung gibt, dann findet er, was er als Gleichgewicht seines Seelenlebens braucht, was er als eine fortwährende lebendige Lösung der auch fortwährend lebendigen Seelenrätsel empfinden und erleben muß.
[ 51 ] And that is indeed the case. For when a person engages with the findings of anthroposophy regarding the mysteries of the soul, they will come to realize the following: Learning—as strange as it may sound, it is a truth that anyone who engages with anthroposophy can experience, particularly in relation to the mysteries of the soul—one cannot, strictly speaking, “learn” anthroposophy; one can allow its findings to approach one, one can read books, listen to lectures; but if one does not continually experience what one has taken in, if one does not, in a continuous process—just as one continually connects the physical substances of the external world to physical processes through nutrition and metabolism—connect what is presented in anthroposophy to the human soul, to the soul process, then one will see that it loses its significance for the soul, just as the physical loses its significance for the body if it is not continually introduced into that physicality. And just as the absence of physical nourishment manifests itself physically in hunger and thirst, so does a fearful and pathologically angry nature rising from the depths of the soul express what needs to be influenced by a true understanding of the spiritual significance of the life of mental images and will. And if a person advances by being able to cherish in their consciousness—as nourishment for their soul—what anthroposophical research thus provides, then they will find what they need for the balance of their soul life, what they must perceive and experience as a continuous, living solution to the ever-living mysteries of the soul.
[ 52 ] Und immer wieder muß es gesagt werden: Obwohl dadurch, daß man das, was in den genannten Büchern ausgeführt ist, an sich herantreten läßt und prüft, man sich auf den Weg selbständiger anthroposophischer Forschung begeben kann, ist Anthroposophie nicht darauf angewiesen, daß jeder Mensch auf diesem Weg nachprüfen kann, was in Anthroposophie dargeboten ist. Auch wenn man das nicht tut, kann man trotzdem mit dem gesunden Menschenverstand das, was in der Anthroposophie zutage tritt, vernünftig oder unvernünftig finden. Der Mensch kann mit seinem gesunden Menschenverstand, ohne daß er selbst anthroposophischer Forscher wird, verfolgen, was der anthroposophische Forscher behauptet. Aber außer diesem gesunden Menschenverstand hat der Mensch noch etwas. Der Mensch kennt ja auch nicht, wenn er ein Laie ist auf physiologischem oder biologischem Gebiet, die chemische Zusammensetzung seiner Nahrungsmittel; aber er prüft, was die Nahrungsmittel für den Menschen in Wahrheit sind, indem er sie genießt, indem er die Kräfte mit den Kräften seiner Leibesprozesse verbindet. So kann er das, was ihm Anthroposophie an Ergebnissen darbietet, wovon sie zeigt, wie es die Seelenrätsel löst, mit seinem Seelenleben vereinigen, und er wird finden: es sättigt ihn seelisch. Und was sind im Grunde genommen vor diesem anthroposophischen Forum Seelenrätsel? Seelenrätsel, in ihrer Lebendigkeit erfaßt, sind nichts anderes als der Ausdruck des seelisch-geistigen Hungers und des seelisch-geistigen Durstes. Und die Lösung der Seelenrätsel ist im Grunde genommen nichts anderes als Aufnahme wahrhaftiger geistiger Inhalte, wahrhaftiger geistiger Wesenheiten, die sich vereinigen mit dem menschlichen Geiste und mit dem menschlichen Seelenleben. Und so, möchte ich sagen, ist geistige Sättigung, die fortwährend sich wiederholen muß, Lösung der Seelenrätsel. Je lebendiger man den Prozeß faßt und je mehr man einsieht, wie Anthroposophie durchaus in das praktische Leben hineingreifen will in jedem Punkte, wie sie im Alleralltäglichsten Wurzel fassen und hinaufgelangen will zu den großen Rätselfragen des Daseins, indem sie den Menschen in den göttlich-geistigen Urgrund des Daseins einführt, indem sie ihn zu seinem Unsterblichen führt, desto mehr wird man einsehen, daß Anthroposophie nicht Theorie sein kann, sondern etwas durchaus Erlebbares.
[ 52 ] And it must be said again and again: Although one can embark on the path of independent anthroposophical research by approaching and examining what is set forth in the books mentioned, anthroposophy does not depend on every person being able to verify what is presented in anthroposophy along this path. Even if one does not do so, one can still use common sense to determine whether what emerges in anthroposophy is reasonable or unreasonable. A person can use their common sense—without becoming an anthroposophical researcher themselves—to follow what the anthroposophical researcher asserts. But in addition to this common sense, a person has something else. After all, even if one is a layperson in the fields of physiology or biology, one does not know the chemical composition of one’s food; yet one tests what food truly is for the human being by eating it, by combining its forces with the forces of one’s bodily processes. In this way, they can unite with their own soul life the findings that anthroposophy presents—which show how it solves the mysteries of the soul—and they will find that it satisfies them spiritually. And what, fundamentally, are the mysteries of the soul before this anthroposophical forum? The mysteries of the soul, grasped in their liveliness, are nothing other than the expression of the soul’s and spirit’s hunger and thirst. And the solution to the soul’s riddles is, in essence, nothing other than the absorption of true spiritual content, true spiritual beings, which unite with the human spirit and with the human soul life. And so, I would say, spiritual fulfillment—which must be continually renewed—is the solution to the soul’s riddles. The more vividly one grasps this process and the more one realizes how anthroposophy seeks to engage with practical life in every respect—how it takes root in the most mundane aspects of daily life and ascends to the great mysteries of existence by introducing the human being to the divine spiritual foundation of existence, by leading them to their immortality—the more one will realize that anthroposophy cannot be mere theory, but something that can be truly experienced.
[ 53 ] Von diesem Gesichtspunkt aus versucht Anthroposophie in die verschiedensten praktischen Gebiete des Lebens hineinzuwirken; von diesem Gesichtspunkt aus hat sie versucht, zu gestalten, was ich hier öfter dargstellt habe als die Begründung unserer Waldorf-Schule durch Emil Molt, also etwas, was auf praktisch sozialem Gebiete getan wird.
[ 53 ] From this perspective, anthroposophy seeks to influence the most diverse practical areas of life; from this perspective, it has sought to shape what I have often described here as the founding of our Waldorf School by Emil Molt—that is, something undertaken in the practical social sphere.
[ 54 ] Anthroposophie löst, wie Sie sehen, die Seelenrätsel, indem sie an den ganzen lebendigen Menschen, an Leib, Seele und Geistesmenschen sich wendet. Dadurch überwindet sie die Einseitigkeiten desjenigen Erkennens und Seelenlebens, das notwendigerweise heraufziehen mußte mit den auf ihrem Gebiet voll anerkannten Ergebnissen der neueren Naturwissenschaft, die durchaus als Triumph auch von der Anthroposophie eingesehen werden.
[ 54 ] As you can see, anthroposophy solves the mysteries of the soul by addressing the whole living human being—body, soul, and Spirit-Man. In this way, it overcomes the one-sidedness of that form of knowledge and spiritual life that was bound to arise alongside the findings of modern natural science—findings that are fully recognized in their own field and which anthroposophy itself regards as a triumph.
[ 55 ] Aber man müßte so etwas beachten - und man würde es beachten, wenn Anthroposophie nicht noch so mißverstanden würde -, wie es sich zum Beispiel während des verflossenen Sommers hier in Stuttgart auf dem anthroposophischen Kongreß zugetragen hat, wo von Dr. von Heydebrand aus der Waldorf-Pädagogik heraus in einem Vortrag, der auch gedruckt vorliegt, gerade die Einseitigkeiten der bloß äußerlich experimentellen Seelenkunde dargelegt worden sind. Nicht weil gegen diese experimentelle Seelenkunde oppositionell vorgegangen werden soll - sie wird gerade auf ihrem Gebiete mit ihren Ergebnissen in der richtigen Weise gewürdigt werden können, wenn man auf der anderen Seite das, was so äußerlich erkundet wird, mit dem durchdringen kann, was geistig-seelisch durch Anthroposophie erreicht werden kann. Denn durch Anthroposophie wird dasjenige, was in das Leiblich-Körperliche des Menschen geistig-seelisch, aus geistig-seelischen Welten heraus wirkt, begriffen. Dadurch aber kann auch alle äußere Forschung belebt werden, kann belebt werden Pädagogik, kann belebt werden Medizin — auch das ist hier in früheren Vorträgen auseinandergesetzt worden -, und kann belebt werden auch das soziale Leben.
[ 55 ] But one would have to take such things into account—and one would do so if anthroposophy were not still so misunderstood—as was the case, for example, last summer here in Stuttgart at the anthroposophical congress, where Dr. von Heydebrand, drawing on Waldorf education, in a lecture that is also available in print, specifically highlighted the one-sidedness of purely external, experimental psychology. Not that one should take an oppositional stance against this experimental psychology—it can indeed be properly appreciated in its own field, along with its findings, if, on the other hand, one can penetrate what is explored in such an external way with what can be attained spiritually and psychologically through anthroposophy. For through anthroposophy, we come to understand what acts spiritually and psychologically upon the physical body of the human being from the spiritual and psychological worlds. Through this, however, all external research can be enlivened; pedagogy can be enlivened; medicine can be enlivened—as has also been discussed here in earlier lectures—and social life can also be enlivened.
[ 56 ] Auch da möchte ich hinweisen auf ein schönes Beispiel in dem Vortrag, den Emil Leinhas auf dem genannten Kongreß gehalten hat - der auch hier gedruckt vorliegt -, der darlegt, was die aus bloß nachgebildeten naturwissenschaftlichen Methoden heraus entstandene Nationalökonomie nicht leisten kann. Hier ist ein Anfang gemacht für eine wirkliche aus dem Geistig-Seelischen herauskommende Gesundung des sozialen Lebens. Und woran liegt denn das zuletzt?
[ 56 ] Here, too, I would like to point out a fine example from the lecture that Emil Leinhas gave at the aforementioned congress—which is also available in print here—that illustrates what political economy, arising solely from imitations of scientific methods, cannot achieve. Here, a start has been made toward a genuine revitalization of social life arising from the spiritual and soul life. And what, ultimately, is the reason for this?
[ 57 ] Man sieht durch Anthroposophie ein, wie der Gedanke gestaltend wirkt. Nun, er wirkt nicht nur im menschlichen Leib gestaltend als das Seelisch-Geistige, er wirkt auch gestaltend, wenn wir ihn in der richtigen Weise als soziale Ideale in das menschliche Gesellschaftsleben einführen können, und es wirkt der durchschaute Wille in der richtigen Weise auch in sozialer Beziehung. Denn wie durch ihn, wie wir wissen, das menschliche Leibliche aufgelöst, einer gewissen Verbrennung entgegengeführt wird, so wird dasjenige, was als durchschautes Willenselement in das soziale Leben richtig eingeführt wird, im richtigen Augenblick erkennen, wo irgendeine Einrichtung sich überlebt hat, verschwinden muß, damit gerade ihre Früchte in einer neuen Gestalt aufleben können. So wie das Geistig-Seelische aus dem Abbauen des Leiblichen in der dargestellten Weise sich erhebt, so erheben sich die höheren Gebilde des sozialen Lebens dadurch, daß gewisse äußere Einrichtungen, die sich überlebt haben, verschwinden, daß dieses Verschwinden zusammenwirkt mit dem Plastisch-Aufbauenden. Hinausfließen in das soziale Leben kann, ich möchte sagen auch die Frage der sozialen Rätsel lösend, dasjenige, was in dem richtigen anthroposophischen Erfassen der menschlichen Seelenrätsel durchschaut wird.
[ 57 ] Through anthroposophy, one comes to understand how thought has a formative effect. Now, thought does not only have a formative effect in the human body as the soul-spiritual element; it also has a formative effect when we are able to introduce it in the right way as social ideals into human social life, and the will, when truly understood, also works in the right way in social relationships. For just as, through it—as we know—the human physical body is dissolved and led toward a certain kind of combustion, so too will that which is correctly introduced into social life as a penetrated element of will recognize, at the right moment, when any institution has outlived its purpose and must disappear, so that its very fruits may be reborn in a new form. Just as the spiritual-soul aspect rises from the dissolution of the physical body in the manner described, so do the higher structures of social life arise through the disappearance of certain external institutions that have outlived their usefulness, and through this disappearance interacting with the plastic, constructive forces. That which is perceived through the correct anthroposophical understanding of the mysteries of the human soul can flow out into social life—and, I would say, also help solve the social riddles.
[ 58 ] Dadurch aber kommt der Mensch dazu - lassen Sie mich das zum Schluß aussprechen -, sich selbst in der richtigen Weise zu erfassen, sich zu erfüllen mit rechter innerer Kraft, mit der wahren Kraft seines wirklichen Ich, das im menschlichen Gefühl, im menschlichen Gemüt lebt. Zwischen dem Vorstellungsleben, zwischen dem Willensleben, da lebt das immer unbegreifbare, immer unfaßbare, aber deshalb nicht weniger erlebbare Gefühlsleben des Menschen; und in diesem Gefühlswesen enthüllt sich für den, der so das Leben anzuschauen vermag, wie ich es heute charakterisiert habe in bezug auf die Seelenrätsel, das ewige Ich, das durch wiederholte Erdenleben geht. Dann weiß man zusammenzuschauen plastisch-gestaltendes, entwickeltes Vorstellungsleben und durchgeistigtes Willensleben, das abbaut.
[ 58 ] But this leads the human being—let me say this in conclusion—to perceive himself in the right way, to fill himself with true inner strength, with the true strength of his real self, which lives in human feeling, in the human soul. Between the life of imagination and the life of will lies the human life of feeling—always incomprehensible, always elusive, yet no less experiential for that; and within this emotional nature, the eternal “I” that passes through repeated earthly lives reveals itself to those who are able to view life as I have characterized it today in relation to the mysteries of the soul. Then one learns to view together the vividly formative, developed life of imagination and the spiritualized life of the will, which is in decline.
[ 59 ] So lernt man am Menschen ergreifen, was durch die Geburt oder Konzeption so in den Menschen hereingegangen ist, daß es zunächst auf frühere Erdenleben zurückweist bis zu dem Zustand, wo in aller Urzeit das äußere kosmische Leben so wenig getrennt war von dem inneren Menschenleben, daß es keiner wiederholten Erdenleben, sondern eines kontinuierlich fortschreitenden, geistig-seelisch-natürlichen Lebens bedurfte, um eben den Fortschritt zu bewirken. Man lernt hinschauen auf wiederholte Erdenleben, auf zwischen ihnen liegende geistig-seelische Leben, man lernt hinschauen in die Zukunft bis zu einem Zustand, wo wiederum der Mensch sich so verbunden haben wird mit dem Geistigen, daß die wiederholten Erdenleben ihren Sinn verlieren - indem der Mensch sich erhebt zu der Vergeistigung seines Daseins, ich möchte sagen mit einem aus dem bloßen Unlebendigen in die Geistigkeit hinstrebenden Erleben sich erhebt.
[ 59 ] In this way, one learns to grasp in human beings what has entered them through birth or conception in such a way that it initially points back to earlier earthly lives, all the way to the state in which, in primeval times, outer cosmic life was so little separated from inner human life that it required not repeated earthly lives, but a continuously progressing, spiritually -soul-natural life—to bring about that very progress. One learns to look at repeated earthly lives, at the spiritual-soul lives lying between them; one learns to look into the future to a state where humanity will once again have become so connected with the spiritual that repeated earthly lives will lose their meaning—as humanity rises to the spiritualization of its existence, I would say, through an experience that strives from the mere inanimate toward the spiritual.
[ 60 ] Man wird durch die Lösung der Seelenrätsel zu der wahren Lösung der Weltenrätsel geführt; man steigt auf zu der menschlichen Seele, zum Kosmos. Dadurch aber erlangt man lebendiges Wissen, lebendige Erkenntnis, die, wie ich eben schon angedeutet habe, geistige Nahrung ist. Dadurch aber wird ein Wissen, wie es von der Anthroposophie dargeboten werden will, zu einem wirklichen inneren Halt der Seele in demjenigen Element, in dem das Leben schwankend werden will. Lebenssicherheit, Lebenshalt, Lebensorientierung, die findet man, indem man also die geistige Sättigung der Anthroposophie sucht. Dasjenige, was uns heimlich jauchzend machen will, in dem wir uns verlieren könnten, das bringt uns Anthroposophie zu uns selbst zurück, indem sie das verwandelt in inneren Halt, indem sie unserem innerlichen Gleichgewicht einen inneren Schwerpunkt verleiht. Und ebenso können wir uns in den schweren Augenblicken des Lebens, wenn wir oftmals im Unglück zu versinken drohen, einen Halt verschaffen durch eine Seelenstimmung, die innerlich getragen wird von dem Vollbewußtsein der den Menschen erfüllenden Geistigkeit, wenn wir uns dessen voll bewußt werden, daß das Gedankenleben kein nichtiges ist, daß es in der plastisch gestaltenden Welt- und Seelenkraft die Realität finden kann und daß der Wille dasjenige ist, was diese plastische Ausgestaltung der Seelenkraft immer wieder zum Geiste zurückbringt. Das gibt Halt in den schweren Augenblicken des Lebens, das stellt das Leben auf einen festen Boden, das führt auch in der richtigen Weise zu dem Ende des Lebens hin.
[ 60 ] By solving the mysteries of the soul, one is led to the true solution of the mysteries of the world; one ascends to the human soul, to the cosmos. Through this, however, one attains living knowledge, living insight, which, as I have just indicated, is spiritual nourishment. Through this, however, the kind of knowledge that anthroposophy seeks to offer becomes a true inner anchor for the soul in that element where life tends to become unstable. Security in life, a foundation for life, and a sense of direction—these are found by seeking the spiritual fulfillment offered by anthroposophy. That which secretly seeks to make us exult—to the point where we might lose ourselves—is brought back to us by anthroposophy, which transforms it into inner stability and gives our inner balance a center of gravity. And in the same way, in life’s difficult moments—when we often threaten to sink into misfortune—we can find a foothold through a state of mind that is inwardly sustained by the full awareness of the spirituality that fills the human being; when we become fully aware that the life of thought is not in vain, that in the world of plastic formation —and the power of the soul—and that the will is what continually brings this formative expression of the soul’s power back to the spirit. This provides stability in life’s difficult moments; it places life on solid ground; and it also leads us in the right way toward the end of life.
[ 61 ] Und so können wir hier, in Anlehnung an das heute Gesagte, an den Ausspruch eines alten griechischen, vorsokratischen Weisen erinnert werden, der aus einer erst ahnungsvollen Erkenntnis heraus das gewichtige Wort spricht: «Wenn die menschliche Seele, vom Leibe befreit, in den freien Äther sich aufschwingt, ist ein unsterblicher Geist sie, vom Tode befreit.»
[ 61 ] And so, building on what has been said today, we may be reminded here of the words of an ancient Greek, pre-Socratic sage, who, speaking from a realization that was at first only a vague intuition, uttered these weighty words: “When the human soul, freed from the body, soars into the free ether, it is an immortal spirit, freed from death.”
[ 62 ] Ja, man kann durch wirkliche Wissenschaft die Rätsel der Seele lösen. Man kann zu dieser Überzeugung kommen, indem man das, was das alltägliche Seelenleben an Rätselvollem darbietet, zu lösen versucht durch ein wirkliches geistiges Schauen. Man kann einen Erkenntnisabglanz der Unsterblichkeit sehen in den gewöhnlichen Ereignissen des Lebens. Und wer in der richtigen Weise die einzelne Gedanken-, die einzelne Gefühls-, die einzelne Willens-Entfaltung beurteilen kann, der sieht das Unsterbliche schon in ihnen, und der blickt dann auf zu der Unsterblichkeit im umfassenden Sinne und kommt dadurch zu einem wirklichen Erfassen des Ewigen in der Menschennatur, das im ewigen Daseinsgrund des Kosmos, der Weltenentwicklung, wurzelt.
[ 62 ] Yes, one can unravel the mysteries of the soul through true science. One can arrive at this conviction by attempting to unravel the mysteries presented by everyday spiritual life through true spiritual insight. One can see a glimmer of insight into immortality in the ordinary events of life. And whoever can correctly assess the unfolding of individual thoughts, feelings, and acts of will will already see the immortal within them; such a person will then look up to immortality in the broadest sense and thereby come to a true understanding of the eternal in human nature, which is rooted in the eternal foundation of the cosmos and the evolution of the worlds.
