Spiritual-Scientific Linguistic Considerations
A Suggestion for Educators
GA 299
28 December 1919, Stuttgart
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Spiritual-Scientific Linguistic Considerations, tr. SOL
Zweiter Vortrag
Second Lecture
[ 1 ] Auch heute möchte ich wiederum ein paar Worte vorausschicken, wie ich das schon vor dem ersten Vortrag getan habe. Ich bitte Sie durchaus, an diese paar Stunden, die ich dieser Angelegenheit hier widmen kann, nicht zu große Hoffnungen zu knüpfen; zunächst nicht inhaltlich. Es wird ja auf der anderen Seite bedeutungsvoll sein, eine Anregung in dieser Sache zu geben. Aber bei der improvisierten Art, wie das hier zustande gekommen ist, kann es sich bei dem, was hier über die Sprachentwickelung gesagt werden soll, wirklich auch um nichts anderes handeln als um einige improvisierte Dinge. Und wir werden vielleicht nur aus der Art und Weise, die ich in den Besprechungen einhalten werde, eine Richtschnur empfangen. Ich werde mich an nichts Gebräuchliches halten, sondern versuchen, Sie auf mancherlei hinzuweisen, das wichtig werden wird für eine organische Betrachtung des sprachlichen Lebens.
[ 1 ] Today, too, I would like to begin with a few introductory remarks, just as I did before the first lecture. I do ask you not to place too much hope in these few hours I can devote to this matter here—at least not in terms of content. On the other hand, it will certainly be meaningful to offer some food for thought on this subject. But given the impromptu nature of how this came about, what is to be said here about language development may really amount to nothing more than a few off-the-cuff remarks. And perhaps we will gain some guidance simply from the manner in which I conduct these discussions. I will not adhere to any conventional format, but will instead try to draw your attention to various points that will be important for an organic view of linguistic life.
[ 2 ] Im ersten Vortrag habe ich darauf hingewiesen, wie gerade unsere deutsche Sprache eine Entwickelung dadurch durchgemacht hat, daß ihr Wortbestand gewissermaßen Invasionen erfahren hat. Wir haben auf eine solche bedeutungsvolle große Invasion verweisen können: auf diejenige, die mit dem Einströmen des Christentums in die nordischen Kulturen gekommen ist mit alldem, was sich an dieses Einströmen des Christentums angeschlossen hat. Das Christentum hat ja nicht bloß eben seinen Inhalt gebracht, sondern diesen Inhalt in Wortbildern gebracht. Und so wenig auch, nur äußerlich genommen, in den Volksreligionen der nord- und mitteleuropäischen Bevölkerung etwas war von dem, was das Christentum brachte, ebensowenig war die Möglichkeit da, mit dem Wortbestand der Leute Nord- und Mitteleuropas das Christentum aufzufassen. Daher wurden von seinen Trägern mit dem Christentum zugleich die christlichen Vorstellungen und christlichen Empfindungen und alles das, was die Wortkleider sind, gebracht. Wir haben ja eine Summe von solchen Dingen angeführt, die gewissermaßen auf den Flügeln des Christentums sprachlich nach Norden getragen worden sind. Dann aber ist auch alles das, was die Schule betrifft, mit einer von Süden nach Norden gehenden Strömung gekommen. Wörter, die sich auf Schulmäßiges beziehen, wie Schule und Tafel und so weiter - außer etwa Lesen oder Buchstabe oder Lehrer -, sind vom Süden heraufgekommen, sind eigentlich romanisch-lateinischen Ursprunges und sind so dem deutschen Sprachorganismus einverleibt worden, daß heute der Mensch nicht mehr bewußt daran denkt, daß er mit solchen Dingen im Grunde genommen Fremdwörter im deutschen Sprachorganismus hat. Ich habe dann darauf hinweisen können, wie später vom Westen herüber, vom 12. Jahrhundert an wiederum eine neue Invasion von vielem Sprachlichen gekommen ist. Und dann wies ich Sie hin auf eine spanische Welle und zuletzt auf das, was eigentlich erst im 19. Jahrhundert gekommen ist: auf alles das, was von England her eingewandert ist.
[ 2 ] In the first lecture, I pointed out how our German language, in particular, has undergone a development in which its vocabulary has, so to speak, been subject to invasions. We were able to point to one such significant and large-scale “invasion”: the one that came with the influx of Christianity into the Nordic cultures, along with everything that accompanied this influx of Christianity. After all, Christianity did not merely bring its content, but conveyed this content through verbal imagery. And just as there was, viewed purely from the outside, little in the folk religions of the North and Central European populations that resembled what Christianity brought, so too was there no possibility of grasping Christianity using the vocabulary of the people of Northern and Central Europe. Therefore, along with Christianity, its bearers brought Christian mental images and Christian sentiments, as well as all the linguistic expressions that give them form. We have, after all, cited a number of such elements that were, so to speak, carried northward linguistically on the wings of Christianity. But then, everything pertaining to schooling also arrived as part of a current flowing from south to north. Words relating to schooling—such as “school,” “blackboard,” and so on—with the exception of, say, “reading,” “letter,” or “teacher”—have come up from the south; they are actually of Romance-Latin origin and have been incorporated into the German linguistic organism to such an extent that today people no longer consciously realize that these terms are, in essence, loanwords within the German linguistic organism. I was then able to point out how, later on, from the west—beginning in the 12th century—a new wave of linguistic influences arrived. And then I drew your attention to a Spanish wave and, finally, to what actually did not arrive until the 19th century: everything that immigrated from England.
[ 3 ] An den Beispielen, die ich Ihnen gegeben habe — und diese Dinge sollen später genauere Ausgestaltungen erfahren -, können Sie vorläufig ersehen, daß in jenen alten Zeiten, in denen zunächst das Christentum und mit ihm manches andere seinen Einzug gehalten hat, der Sprachgenius noch die Möglichkeit gehabt hat, innerlich nach dem Volksempfinden dasjenige in sich aufzunehmen und umzugestalten, was da gekommen ist. Es ist zwar nicht an einem spezifischen, dem Christentum angehörigen Worte auf das Eigentümliche dieser Tatsache hingewiesen worden, sondern auf die Verwandtschaft des, wie man meint, urdeutschen Wortes Schuster mit sutor. Es ist ein und dasselbe Wort. Es ist einfach noch so viel sprachbildende Kraft im Genius des deutschen Volkstums enthalten gewesen, daß man ein Wort so umgestalten konnte. Sutor gehört zu der ältesten Invasion. Je weiter man von dieser ältesten Invasion zu der nächsten geht, die sich mehr auf das Schulwesen bezieht, desto mehr wird man schon finden, daß der Wortklang, wie er im Deutschen ist, ähnlich ist dem Lateinischen. Und so geht es weiter. Mit den später eintretenden Sprachströmungen zeigt es sich, daß der eigene deutsche Sprachgeist immer unfähiger ist, dasjenige, was da auftritt, umzubilden. Das wollen wir festhalten. Ob im Laufe der Zeit auch Five o’clock tea umgewandelt wird, also ob der deutsche Sprachgenius in verhältnismäßig langer Zeit so etwas wie eine umbildende Kraft zu entwickeln imstande ist, wie er es in kürzerer Zeit früher entwickelt hat, das muß abgewartet werden, und das ist für unser Ziel nicht bedeutend.
[ 3 ] From the examples I have given you—and these points will be elaborated on in greater detail later—you can see for now that in those ancient times, when Christianity and, along with it, many other things first made their appearance, the linguistic genius still had the ability to internalize and reshape, in accordance with the people’s sensibilities, whatever had come their way. Admittedly, the peculiarity of this fact was not illustrated by a specific word belonging to Christianity, but rather by the relationship between the—as it is believed—proto-Germanic word Schuster and sutor. They are one and the same word. There was simply still so much language-forming power contained in the genius of German folklore that a word could be reshaped in this way. “Sutor” belongs to the oldest wave of influence. The further one moves from this earliest wave of influence to the next—which relates more to the school system—the more one will find that the sound of the word, as it is in German, is similar to that in Latin. And so it continues. With the later linguistic influences, it becomes apparent that the German linguistic spirit is increasingly incapable of reshaping what is introduced. Let us note this. Whether “Five o’clock tea” will also be transformed over time—that is, whether the German linguistic genius will be capable, over a relatively long period, of developing something like a transformative force, as it has done in the past over shorter periods—remains to be seen, and this is not significant for our purpose.
[ 4 ] Wir wollen uns nämlich zuletzt die Frage vorlegen, was es für das ganze Volksleben für eine Bedeutung hat, daß die innere sprachbildende Kraft, wenigstens zeitweilig, abnimmt, also für den Augenblick heute nicht so vorhanden ist wie früher. Diese sprachbildende Kraft ist heute noch in um so stärkerem Maße vorhanden, je mehr man in die Dialekte hinuntersteigt. So zum Beispiel kann man nach dem Ursprung eines höchst eigentümlichen Wortes fragen, das im österreichischen Dialekt sich findet: pakschierli, oder bakschierli. Die Österreicher werden es wohl kennen. Man kann unmittelbar empfinden, was pakschierli ist: ein kleines Mädchen, das, wenn es fremden Leuten vorgeführt wird, ein bissel tänzelt, allerlei vormacht, was in der Sphäre des Artigen bleibt — das ist pakschierli. Oder sagen wir, ein kleines Marzipandingelchen, das nicht gerade zum Lachen, aber zu jenem inneren Seelenzustand Veranlassung gibt, welcher charakterisiert werden kann als: man lacht noch nicht; würde der Eindruck nach derselben Richtung stärker werden, so würde man erst lachen müssen. Solch ein Marzipandingelchen, das wäre pakschierli. Was ist das für ein Wort? Es hat keinen rechten Zusammenhang mit der übrigen Dialektsprache. Es ist nichts anderes als das umgebildete possierlich. Diese sprachbildende Kraft kann man also in den Dialekten in gewisser Weise noch studieren; es ist auch ein gutes Mittel für das Eingehen auf die wirkende Volksseele, solche Dinge zu studieren. Und es würde ungeheuer viel dazu beitragen können, auch das Geistesleben zu verstehen, wenn man auf die Volksseele eingehen könnte. Dann würde man zurückkommen zu dem, worauf ich in meiner Schrift: «Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit» aufmerksam gemacht habe, und worüber sich solche Geister, wie der Ihnen sattsam bekannte Professor Dessoir, lustig machten. Durch Geisteswissenschaft kann auch klar gefunden werden, was ich da ausgeführt habe: daß die Konsonantenbildung zusammenhängt mit einer Nachbildung dessen, was äußerlich anschaulich wird. Was in Konsonanten ausgedrückt wird, das entsteht ursprünglich dadurch, daß man als Mensch mit sich selbst die Erfahrung macht, die ähnlich dem ist, was äußerlich geschieht. Populär ausgedrückt, könnte ich sagen: Wenn man einen Pfahl eingräbt, so kann man das Eingraben dieses Pfahles dadurch empfinden, daß man einen Fuß aufstemmt. Das ist das Wahrnehmen eines eigenen Willensaktes. Diesen Willensakt fühlen wir heute nicht mehr in dem Sprachlaut \(st.\) Aber in früheren Zeiten der Sprachentwickelung fühlte man in den eigenen Willenstätigkeiten Nachahmungen desjenigen, was draußen geschah. Und so wurde das konsonantische Element die Nachahmung dessen, was draußen geschah, während das vokalische Element dasjenige ist, was das Innere zum Ausdruck bringt. \(A\) ist das Erstaunen, das Zurückziehen in gewisser Weise. Es ist das Verhältnis des Menschen zur Außenwelt, das in den Vokalen zum Ausdruck kommt. Man muß weit zurückgehen, wenn man bis zu diesen Dingen vordringen will; aber man kann bis zu ihnen vordringen, und dann kommt man dazu, einzusehen, daß diejenigen Theorien, die rein äußerlich auf Hypothesen beruhen, wie die sogenannte «Wau-Wau»- oder «Bim-Bam»-Theorie, ganz furchtbare Abirrungen sind. Sie sind Äußerlichkeiten, während das Verständnis des Menschen selber durchaus dazu führen kann, innerlich den Zusammenhang des Lautes mit dem, was seelisch-geistig zur Anschauung kommen will, kennenzulernen. Wir wollen das zunächst als eine Frage uns vorlegen, die wir im Laufe dieser Stunden beantworten wollen. Um in der richtigen Weise die verschiedenen Verkettungen der Sprachelemente in diesem Lichte zu betrachten, müssen wir an einzelnen Beispielen, die ich versuche, charakteristisch aus dem Sprachlichen herauszuholen, uns allmählich zu demjenigen hinaufranken, was wir eigentlich verstehen wollen.
[ 4 ] Finally, we want to consider the question of what significance it has for the life of the nation as a whole that the inner language-forming force is, at least temporarily, waning—that is, that for the moment it is not as present today as it once was. This language-forming power is still present today to a greater extent the further one delves into the dialects. For example, one might inquire into the origin of a highly peculiar word found in the Austrian dialect: pakschierli, or bakschierli. The Austrians will surely be familiar with it. One can immediately grasp what a “pakschierli” is: a little girl who, when presented to strangers, prances about a bit and performs all sorts of things that remain within the bounds of propriety—that is a “pakschierli.” Or let’s say, a little marzipan angel who doesn’t exactly make you laugh, but evokes that inner state of mind which can be characterized as: you aren’t laughing yet; if the impression were to grow stronger in that same direction, then you would have to laugh. Such a little marzipan angel—that would be a “pakschierli.” What kind of word is this? It has no real connection to the rest of the dialect. It is nothing other than a transformed form of “possierlich.” This language-forming power can thus still be studied to a certain extent in the dialects; studying such things is also a good means of gaining insight into the active Folk-souls. And it could contribute immensely to understanding spiritual life as well, if one could gain insight into the Folk-souls. Then one would return to what I drew attention to in my work The Spiritual Guidance of the Individual and of Humanity, and which such minds as Professor Dessoir—whom you know all too well—made fun of. Through Spiritual Science, one can also clearly discern what I have explained there: that the formation of consonants is connected to a reproduction of what becomes visibly apparent in the external world. What is expressed in consonants originates in the fact that, as human beings, we experience within ourselves something similar to what happens externally. To put it simply, I could say: When one drives a stake into the ground, one can sense the act of driving that stake by pushing off with one’s foot. This is the perception of one’s own act of will. Today, we no longer feel this act of will in the speech sound \(st\). But in earlier stages of language development, people felt in their own volitional activities imitations of what was happening outside. And so the consonantal element became the imitation of what was happening outside, while the vocalic element is that which expresses the inner world. \(A\) is astonishment, a kind of withdrawal. It is the relationship of the human being to the external world, which finds expression in the vowels. One must go far back if one wishes to penetrate to these things; but one can penetrate to them, and then one comes to realize that those theories which are based purely on external hypotheses—such as the so-called “Wau-Wau” or “Bim-Bam” theory—are utterly terrible aberrations. They are superficial, whereas an understanding of the human being itself can certainly lead one to recognize, on an inner level, the connection between sound and what seeks to come to light in the soul and spirit. Let us first consider this as a question that we intend to answer in the course of these sessions. In order to properly examine the various interconnections of linguistic elements in this light, we must, using individual examples that I will attempt to extract characteristically from the linguistic realm, gradually work our way up to what we actually wish to understand.
[ 5 ] Ich möchte solche Beispiele heute wählen, welche Ihnen zeigen können, wie das Sprachliche allmählich aus dem Konkreten in das Abstrakte vordringt. Auch da hilft uns, wenn wir wirklich den guten Willen haben, das Reale zu studieren, manchmal die Hinwendung zu dem Dialekt. Ich will nur ein kleines Beispiel da erwähnen. Der österreichische Bauer, wenn er des Morgens aufgestanden ist, so spricht er von dem Nachtschlaf, aber nicht so, wie wahrscheinlich Sie von dem Nachtschlaf sprechen. Sie verstehen im Grunde genommen etwas sehr Abstraktes darunter, denn Sie sind gebildete Kulturmenschen. Der österreichische Bauer ist ein Naturmensch: in aliem, was rings ihn umgibt, steckt ihm Geistiges und Seelisches, und er hatte ein starkes Bewußtsein davon. Jetzt verglimmt es ja auch bei ihm, aber in den siebziger und achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts war es ja durchaus noch vorhanden für jemanden, der es so beobachten wollte wie ich. Weil der Bauer überall in allen Dingen drinnen noch die Elementarkräfte sieht, so drückt er sich niemals in eigentlichen Abstraktionen aus, sondern immer in concreto. Der Bauer sagt: Ich wische mir den Nachtschlaf aus den Augen. — Was sich im Auge während der Nacht absondert und herausgewaschen werden kann, das ist ihm der sichtbarliche Ausdruck des Schlafes, das nennt er den Nachtschlaf. Das ist das Geheimnis des Sprachverständnisses, das vor kurzem noch lebendig wirkte: es hindert dieses dinghafte Verstehen durchaus nicht, daß damit Geistiges verbunden ist. Der österreichische Bauer denkt durchaus an ein Elementarwesen, aber er drückt es durch die Tat aus, daß es ihm da diese Absonderung in die Augen getrieben hat. Er würde unter dem Wort niemals das Abstraktum verstehen, das der gebildete Kulturmensch darunter versteht. Dann fängt die Geschichte an, sich etwas zu abstrahieren: Wenn der Bauer ein klein wenig in die Schule gegangen ist, oder aber mit der Stadt in Berührung gekommen ist, dann wird gewissermaßen ein unsichtbar Konkretes von ihm angerufen. Er sagt noch immer: Ich wische mir den Nachtschlaf aus den Augen -, aber er macht mehr die Handbewegung, um anzudeuten, daß es für ihn etwas sehr äußerlich konkret Reales ist.
[ 5 ] Today I would like to choose examples that can show you how language gradually moves from the concrete to the abstract. Here, too, if we truly have the willingness to study reality, turning to dialect can sometimes help us. I’ll mention just one small example. When the Austrian farmer gets up in the morning, he speaks of a night’s sleep, but not in the same way that you probably speak of a night’s sleep. You essentially understand it as something very abstract, because you are educated, cultured people. The Austrian farmer is a man of nature: in everything that surrounds him, he perceives spiritual and soulful elements, and he had a strong awareness of this. Now, of course, this is fading even for him, but in the 1870s and 1880s it was certainly still present for anyone who cared to observe it as I did. Because the farmer still sees the elemental forces at work in everything all around him, he never expresses himself in abstract terms, but always in concrete terms. The farmer says: “I wipe the night’s sleep from my eyes.” — What is secreted in the eye during the night and can be washed out is, for him, the visible expression of sleep; that is what he calls “night’s sleep.” This is the secret of linguistic understanding, which was still very much alive until recently: the fact that something spiritual is connected to it in no way hinders this concrete understanding. The Austrian farmer certainly thinks of an elemental being, but he expresses it through the action of this secretion being driven into his eyes. He would never understand the word to mean the abstract concept that the educated, cultured person understands by it. Then the story begins to become somewhat abstract: If the farmer has attended school even a little, or has come into contact with the city, then he invokes, as it were, an invisible concrete reality. He still says, “I’m wiping the sleep of the night from my eyes”—but he makes a hand gesture to indicate that, for him, it is something very externally concrete and real.
[ 6 ] Nun handelt es sich darum, daß uns eine solche Beobachtung dazu führt, hinzuschauen, wie im Grunde genommen das abstrakt gesprochene Sprachliche in immer Konkreteres zurückweist. Nehmen Sie folgendes Beispiel. Bei uns ist das verschwunden, aber in skandinavi sehen Ländern finden Sie noch den Ausdruck barn für Kind. Wir haben den Ausdruck nicht mehr. Was hat der Ausdruck für eine Geschichte? Der Ausdruck führt uns zurück auf der einen Seite ins Gotische, wo wir ihn bei Ulfilas finden in seiner Bibelübersetzung. Er führt uns zurück zu dem Ausdruck baíran = tragen. Das wiederum ist verwandt sowohl mit dem Griechischen wie mit dem Lateinischen. Es ist so verwandt, daß man die Verwandtschaft sehr deutlich erkennt, wenn man jenes Gesetz der Lautverschiebung anwendet, das für die germanischen Sprachen und ihre Verwandtschaft mit anderen Sprachen durch Jakob Grimm gefunden worden ist. Dieses Gesetz stellt fest: Was als \(b\) in der einen Sprache vorhanden ist, ist als \(f\) in der anderen vorhanden. Ich will nur das eine Beispiel herausheben. Dadurch kommen wir aber für den Ausdruck bairan im Griechischen auf phero und im Lateinischen auf fero, die beide auch die Bedeutung von tragen, bringen, mehr bintragen, haben. Das bairan ist nur eine Umbildung von fero, es wächst sich das Wort nach einer anderen Richtung aus. Nun ist noch althochdeutsch beran vorhanden. Allmählich verschwindet dasjenige, was hier Verbalbildung ist; und wir haben im Deutschen nicht mehr eine rechte Möglichkeit, auf die ursprünglich gefühlte, empfundene Bedeutung zurückzudenken. Wir sehen auf das Wort barn = Kind hin; warum? Weil es getragen wird, bevor es geboren wird. Es ist das Getragene, das Kind. Man weist also auf seinen Ursprung hin; man nennt ein Kind das Getragene — baíran = fero. Wir haben in der deutschen Sprache in dieser Zusammensetzung nur noch davon das Wort gebären. Aber wir haben etwas anderes; wir haben als Überrest von all dem jene Nachsilbe bekommen, die wir in fruchtbar, kostbar und so weiter haben. Was heißt kostbar? Dasjenige, was die Kosten trägt. Was heißt fruchtbar? Dasjenige, was die Frucht trägt. Das wurde sehr anschaulich ausgedrückt, nicht in der Abstraktion, wie wir es heute haben, sondern es wurde an das konkrete Tragen gedacht. Besonders anschaulich kann Ihnen das sein, wenn Sie sagen: Etwas wird ruchbar, weil es einen Geruch zu Ihnen trägt. Der Geruch wird zu Ihnen getragen; dadurch wird irgendeine Sache ruchbar. So würden wir in vielem die unmittelbare Anschaulichkeit finden, die das Charakteristische ist des sprachbildenden Genius in sehr alten Zeiten. Ich will Ihnen eine Zeile aus der Bibelübersetzung des Ulfilas hinschreiben: jah witands Jêsus thôs mitônins izê qath. Das würde etwa sein: Und Jesus, ihre Gedanken wissend, sprach. Hier finden Sie das Wort mitônins = Gedanken. Das führt uns zurück auf das Wort mitôn, das ungefähr denken bedeutet. Im Althochdeutschen hat es sich schon anders ausgewachsen; da heißt es mezzôn, und zu dem ist ein verwandtes Wort vorhanden, das Wort mezzan, und das heißt messen. Messen, das äußere Messen, das anschauliche Messen, ist einfach, innerlich gefühlt, denken geworden. Also eine äußerlich zu verrichtende Tätigkeit hat die Grundlage abgegeben für das Wort denken. Ich denke, heißt eigentlich: Ich messe seelisch etwas. Das aber ist verwandt mit dem lateinischen meditor, das wir noch im Meditieren haben, im Griechischen medomai. Wenn wir in ältere Formen des Wirkens des deutschen oder germanischen Sprachgenius zurückgehen, dann finden wir, wie das noch durchaus anschaulich vorhanden ist; aber wir müssen eben dieses wirklich mit innerem Verständnis vollführen.
[ 6 ] The point is that such an observation leads us to examine how, fundamentally, abstract linguistic expression ultimately refers back to something increasingly concrete. Consider the following example. In our language, this has disappeared, but in Scandinavian countries you can still find the word barn for “child.” We no longer have that word. What is the history of this word? On the one hand, the word takes us back to Gothic, where we find it in Ulfilas’s Bible translation. It takes us back to the word baíran = “to carry.” That, in turn, is related to both Greek and Latin. The relationship is so close that one can clearly recognize it by applying the law of sound shift discovered by Jakob Grimm regarding the Germanic languages and their relationship to other languages. This law states: What appears as \(b\) in one language appears as \(f\) in another. I will highlight just one example. This leads us, however, to the Greek term phero and the Latin term fero for the expression bairan, both of which also mean “to carry,” “to bring,” or, more specifically, “to carry in.” Bairan is merely a transformation of fero; the word has evolved in a different direction. Now there is also the Old High German term beran. Gradually, what is here a verbal formation disappears; and in German we no longer have a real way to reflect on the originally felt, perceived meaning. We look to the word barn = “child”; why? Because it is carried before it is born. It is the one who is carried—the child. Thus, one points to its origin; one calls a child “the one who is carried”—baíran = fero. In the German language, the only word remaining from this composition is gebären (“to give birth”). But we have something else; as a remnant of all this, we have retained that suffix found in words like “fruchtbar” (fruitful) and “kostbar” (precious). What does “kostbar” mean? That which bears the cost. What does “fruchtbar” mean? That which bears the fruit. This was expressed very vividly, not in the abstract sense we have today, but by referring to the concrete act of bearing. This can be particularly vivid to you when you say: Something becomes “ruchbar” because it carries a scent to you. The scent is carried to you; through this, a certain thing becomes “ruchbar.” In this way, we would find in many instances the immediate vividness that is characteristic of the language-forming genius of very ancient times. I would like to quote a line from Ulfilas’s translation of the Bible: jah witands Jêsus thôs mitônins izê qath. This would roughly translate to: “And Jesus, knowing their thoughts, spoke.” Here you find the word mitônins = thoughts. This leads us back to the word mitôn, which roughly means “to think.” In Old High German, it had already developed differently; there it is called “mezzôn,” and there is a related word, “mezzan,” which means “to measure.” Measuring—external measuring, concrete measuring—has, when felt inwardly, become “thinking.” Thus, an activity to be performed externally provided the basis for the word “to think.” “I think” actually means: “I measure something mentally.” This, however, is related to the Latin meditor, which we still find in “meditate,” and to the Greek medomai. If we go back to older forms of the creative activity of the German or Germanic linguistic genius, we find that this is still quite vividly present; but we must carry this out with true inner understanding.
[ 7 ] Sie alle kennen das Wort Hagestolz, Sie wissen, was Hagestolz ungefähr in der heutigen Sprache für eine Bedeutung hat. Aber interessant ist doch der Zusammenhang dieses Wortes mit dem, was dieses Wort früher eigentlich bedeutet hat. Es ist eigentlich nur durch einen Bedeutungswandel das geworden, was es heute ist; denn es führt auf ein gar nicht weit zurückliegendes Hagestalt zurück, und in diesem Hagestalt steckt das Wort stalt darinnen. Was ist stalt? Stalt ist einer, der irgendwo hingestellt ist. In mittelalterlichen Verhältnissen erbten die älteren Söhne den Hof und die jüngeren Söhne den Hag. Und.der jüngere Sohn, der deshalb auch weniger heiraten konnte als der ältere, der jüngere Sohn, der nur den Hag, ein umfriedetes Gelände, erbte, der war dahingestellt. Stalt ist der Besitzer. Der Hagbesitzer ist der Hagestalt. Und das Volk hat nur, als das Bewußtsein verlorengegangen ist von diesem stalt, im Lautanklang sein stalt zu stolz gemacht, so daß das Wort stolz in diesem Zusammenhang gar nicht verglichen werden darf mit unserem Stolz, sondern es ist nur ein Lautanklang. Aber in Gestalten älterer Sprache, die noch geblieben sind, kann man das Bewußtsein von diesem stalt = gestellt sein, noch finden. In einem der «Weihnachtspiele» hat einer der Wirte die Worte zu sprechen: I als ein Wirt von meiner G’stalt, hab in mei’ Haus und Losament G’walt. Da meinen die Leute, es bedeute die gewöhnliche Gestalt. Nein, das ist nicht die Bedeutung des Wortes, sondern: ein Wirt von meinem Rang, ein Wirt, der an einen so angesehenen Platz gestellt ist, ein Wirt von meiner Gestelltheit. Mit dem Ruf: Hab in mei’ Haus und Losament G’walt, ist gemeint, daß er Gäste anzieht. Da sehen Sie noch das Bewußtsein von dem, was ursprünglich in Hagestalt drinnen ist. Und so können wir manches Außerordentliche und Feine im Sprachgenius verfolgen, wenn wir in dieser Weise seelisch das Werden des Lautlichen in Betracht ziehen.
[ 7 ] You are all familiar with the word “Hagestolz”; you know roughly what it means in modern language. But what is interesting is the connection between this word and what it actually used to mean. It has actually become what it is today only through a shift in meaning; for it traces back to the not-so-distant “Hagestalt,” and embedded within “Hagestalt” is the word “stalt.” What is “stalt”? A “stalt” is someone who is set aside somewhere. In medieval times, the older sons inherited the farmstead, and the younger sons inherited the “Hag.” And the younger son—who, for that reason, had fewer opportunities to marry than the older one—the younger son, who inherited only the “Hag,” an enclosed plot of land, was set aside. A “stalt” is the owner. The owner of the “Hag” is the “Hagestalt.” And only when the awareness of this “stalt” was lost did the people, through a phonetic resemblance, transform their “stalt” into “stolz” (pride); thus, the word “stolz” in this context must not be equated with our modern concept of “pride,” but is merely a phonetic resemblance. But in forms of the older language that have survived, one can still find the awareness of this stalt = “to be established.” In one of the “Christmas plays,” one of the innkeepers has to say the words: “I, as an innkeeper of my G’stalt, have authority in my house and lodging.” People think this means the ordinary “form.” No, that is not the meaning of the word, but rather: an innkeeper of my rank, an innkeeper who is placed in such a prestigious position, an innkeeper of my “Gestelltheit.” The exclamation, “I have authority over my house and domain,” means that he attracts guests. Here you can still see the awareness of what was originally contained within “Hagestalt.” And so we can trace many extraordinary and subtle aspects of linguistic genius when we contemplate the development of sound in this spiritual way.
[ 8 ] Als sich die Jünger verwunderten über die Heilung, die der Christus Jesus an dem Gichtbrüchigen vollzog, da gebraucht Ulfilas in seiner Bibelübersetzung das Wort, das zusammenhängt mit silda-leik = seltsam-leich. Wenn man den ganzen Zusammenhang bei Ulfilas in der Übersetzung nimmt, wo er dieses Wort gebraucht, so müßte man das, was sich da gestaltet, etwa das Seltsamgestaltete nennen. Das Leibliche ist es, was die Verwunderung erregt. Es ist dies mehr objektiv ausgedrückt: silda-leik. Wir müssen in dem Worte leik fühlen: die Gestalt, aber als ein Abbild. Sagte man Gestalt in dem früheren Sinne, so war dies das Gestelltsein. Das Gestelltsein wurde in früheren Zeiten in dem Wort Gestalt ausgedrückt. Die eigentliche Gestalt selber, wie sie einst empfunden wurde als Abbild von etwas anderem, wurde durch leik ausgedrückt. Wir haben dieses Wort noch in unserem Leichnam. Leichnam, das Abbild desjenigen, was da war. Es ist sehr fein ausgedrückt, wenn man noch empfindet, was in dem Leich liegt, wie das Leich das Abbild des Menschen ist, nicht der Mensch selbst.
[ 8 ] When the disciples marveled at the healing that Christ Jesus performed on the man suffering from gout, Ulfilas uses a word in his Bible translation that is related to silda-leik = “strange-light.” If one considers the entire context in Ulfilas’s translation where he uses this word, one would have to call what is taking shape there something like “the strangely formed.” It is the physical aspect that arouses the amazement. Expressed more objectively, this is: silda-leik. In the word leik, we must perceive: the form, but as an image. When one spoke of Gestalt in the earlier sense, this referred to the state of being set forth. In earlier times, this state of being set forth was expressed by the word Gestalt. The actual form itself, as it was once perceived as an image of something else, was expressed by leik. We still have this word in our “Leichnam” (corpse). “Leichnam,” the image of that which was there. It is expressed very subtly when one still senses what lies within the “Leich,” how the “Leich” is the image of the human being, not the human being itself.
[ 9 ] Nun aber möchte ich Ihnen noch weiteres anführen dafür, wie aus dem Anschaulichen heraus dasjenige entsteht, was im Gefühl, im Wiedergeben des Anschaulichen eben sprachlich noch da ist. Wir lernen zum Beispiel aus dem Ulfilas, daß die Braut im Gotischen brütbs ist. Und brüths, wie es uns in der Bibelübersetzung des Ulfilas auftritt, das ist urverwandt mit der Brut, mit Brüten, so daß, wenn geheiratet wird, einfach die Brut festgelegt wird durch die Braut. Die Braut ist das, was die Brut festlegt, wenn geheiratet wird. Ja, und der Bräutigam jetzt? Da kommt zu der Braut etwas hinzu. Dieses wäre gotisch guma, althochdeutsch gomo, was durch Lautverschiebung eines Wortes entstanden ist, das im Lateinischen als homo auftritt. In gam von Bräutigam istguma = gomo = homo, ist der Mann der Braut, der Mann, der seinerseits für die Begründung der Brut sorgt. Der Bräutigam ist also der Mann der Braut. Sie sehen daraus, daß wir gerade in den anspruchslosen Silben zuweilen suchen müssen, um das Sprachbildende des Sprachgenius wirklich zu verfolgen.
[ 9 ] But now I would like to offer you further evidence of how, from the concrete, that which remains linguistically present in feeling—in the reproduction of the concrete—arises. For example, we learn from Ulfilas that the bride in Gothic is brütbs. And brüths, as it appears in Ulfilas’s Bible translation, is etymologically related to Brut (brood) and to the act of brooding, so that when a marriage takes place, the brood is simply established through the bride. The bride is what establishes the brood when a marriage takes place. Yes, and what about the groom? Here, something is added to the bride. This would be guma in Gothic, gomo in Old High German—a word formed through sound shifts from the Latin homo. In gam (groom), guma = gomo = homo; he is the bride’s husband, the man who, for his part, ensures the establishment of the brood. The groom is thus the bride’s husband. You can see from this that we must sometimes look precisely to the unassuming syllables in order to truly trace the language-forming power of linguistic genius.
[ 10 ] Nun, es ist eine merkwürdige Sache, daß bei Ulfilas für den Stummen, den der Christus heilt, das Wort sa dumba = der Dumpfe auftritt. Und ich möchte Sie bei dieser Gelegenheit erinnern, daß Goethe noch davon spricht, wie er in seiner Jugend in einer gewissen Dumpfheit gelebt hat. Dumpfheit — nicht die Möglichkeit haben, die Umgebung vollständig zu durchschauen -, in Dumpfheit, in Nebligkeit leben; sie verhindert zum Beispiel zu sprechen, macht stumm. Aber es ist dieses Wort zu gleicher Zeit später zu dumm geworden, so daß dieses dumm gar nichts anderes als nicht frei herumschauen können ist, im Dumpfen, im Nebligen sein. Es ist sehr merkwürdig, meine lieben Freunde, wie man gewisse Umformungen, Metamorphosen des Wortlichen haben kann, und wie diese Umformungen, diese Metamorphosen zeigen, wie Unbewußtes und Bewußtes durcheinanderwirken in diesem merkwürdigen Wesen, das man Sprachgenius nennen kann, das sich durch die Gesamtheit eines Volkes oder Stammes ausdrückt. Sie haben zum Beispiel den nordischen Götternamen Fjörgyn. Dieser nordische Göttername erfährt eine eigentümliche Beleuchtung, wenn wir in der Erzählung, da wo gesagt wird, daß der Christus mit seinen Jüngern auf den Berg ging, bei Ulfilas das Wort fairguni als gotisch für Berg finden. Wir finden dieses Wort, etwas verschoben in seiner Bedeutung, noch im althochdeutschen forha, das eigentlich Föhre, auch Föhrenberg bedeutet. Die Gottheit Fjörgyn ist diejenige, die sich als Elementargottheit auf den Föhrenbergen aufhält. Das aber ist urverwandt und man kann es noch nachfühlen in faírguni — mit dem lateinischen quercus — Eiche -, womit sie ebenfalls den Baum bezeichnet haben.
[ 10 ] Well, it is a curious thing that in Ulfilas’s account, the word sa dumba = “the dull-witted one” appears in reference to the mute man whom Christ heals. And I would like to take this opportunity to remind you that Goethe also speaks of how he lived in a certain dullness during his youth. Dullness—not having the ability to fully comprehend one’s surroundings—living in dullness, in a fog; it prevents one, for example, from speaking, rendering one mute. But at the same time, this word later came to mean “stupid,” so that “stupid” is nothing other than being unable to look around freely, being in a state of dullness, in a fog. It is very remarkable, my dear friends, how certain transformations, metamorphoses of the verbal can occur, and how these transformations, these metamorphoses, reveal how the unconscious and the conscious interact within this remarkable entity that one might call linguistic genius, which expresses itself through the entirety of a people or tribe. Take, for example, the Norse god’s name Fjörgyn. This Norse god’s name takes on a peculiar light when, in the narrative where it is said that Christ went up the mountain with his disciples, we find in Ulfilas’s work the word fairguni as the Gothic word for “mountain.” We find this word, with a slightly shifted meaning, in the Old High German forha, which actually means “pine tree” or “pine mountain.” The deity Fjörgyn is the one who, as an elemental deity, dwells on the pine-covered mountains. This, however, is fundamentally related, and one can still sense it in faírguni—along with the Latin quercus (oak)—with which they likewise designated the tree.
[ 11 ] Nun möchte ich Sie darauf hinführen, wie in älteren Zeiten der Sprachbildung ein gewisser unterbewußter Zusammenhang herrscht zwischen dem Lautlichen und dem Sinn. Heute haben wir keine große Möglichkeit, mit unserem abstrakten Denken hinunterzugreifen auf das Lautliche. Wir fühlen das Lautliche gar nicht mehr; und Menschen, die viele Sprachen kennen, werden geradezu böse, wenn man ihnen zumutet, daß sie auf das Lautliche Rücksicht nehmen sollen. Die verschiedensten Worte haben natürlich die verschiedensten Übergänge, und es ist nur ein künstlicher Zusammenhang, den die lexikographische Übersetzung bietet; weil zuerst der Sprachgenius verfolgt werden muß, der eigentlich etwas anderes meint, als was unmittelbar wiedergegeben werden kann. Wir sagen im Deutschen Kopf = tête, testa im Romanischen. Warum sagen wir im Deutschen Kopf? Aus dem einfachen Grunde, weil wir im Deutschen einen plastischen Genius haben, weil wir das Runde bezeichnen wollen. Denn Kopf hängt mit kugelig zusammen, und wir sprechen im Grunde von demselben sprachbildenden Element her, wenn wir vom Kohlkopf sprechen und vom Menschenkopf. Kopf bezeichnet das Rundliche. Testa hängt aber zusammen mit der inneren Wesenheit des Menschen, mit dem Testieren, Bezeugen, Feststellen. So muß man Rücksicht nehmen, daß aus den verschiedenen Gesichtspunkten her die Dinge bezeichnet werden. Das fühlt man noch nach wenn man auch im einzelnen daneben sprechen kann -—, wenn man versucht, allmählich zurückzukommen zu älteren Gestalten, die sich innerhalb der Wortbildung vollziehen. Und man würde zuletzt zurückkommen zu jenem Stadium des sprachlichen Genius, wo er in der Lage ist, im Laute selber den Geist zu empfinden. Wo wird noch empfunden das Zusammengehören von meinen und Gemeinde? Man kann es heute schwer empfinden. Wenn man die Gemeinde etwa im Althochdeutschen aufsucht, gimeinida, und wenn man dann dazu eine weitergehende Metamorphose, mean im Englischen, nimmt, das damit verwandt ist, so kommt man auf ein solches Beispiel, bei dem in meinen gefühlt werden kann, wie es verwandt ist mit dem, was im Zusammenklang von mehreren gemeint wird und dadurch Kraft erhält, daß es mehrere sind. Und dieses Krafterhalten wird durch eine solche Vorsilbe \(gi\) ausgedrückt.
[ 11 ] Now I would like to draw your attention to how, in earlier stages of language development, there was a certain subconscious connection between sound and meaning. Today, our abstract thinking gives us little opportunity to delve down into the realm of sound. We no longer sense the phonetic aspect at all; and people who know many languages become downright annoyed when they are expected to take the phonetic aspect into account. The most diverse words naturally have the most diverse correspondences, and the connection offered by lexicographical translation is merely an artificial one; for one must first follow the linguistic genius, which actually means something other than what can be directly rendered. In German we say Kopf = tête, testa in Romance languages. Why do we say Kopf in German? For the simple reason that in German we have a plastic genius, because we want to denote roundness. For Kopf is associated with sphericity, and we are essentially speaking from the same language-forming element when we speak of a cabbage head and a human head. “Kopf” denotes roundness. “Testa,” however, is connected to the inner essence of the human being—to testifying, bearing witness, and establishing. Thus, one must take into account that things are designated from different perspectives. One can still sense this even when one might speak inaccurately in specific instances—when one attempts to gradually return to older forms that manifest themselves within word formation. And one would ultimately return to that stage of linguistic genius where it is capable of perceiving the spirit in the sound itself. Where is the sense of unity between “mine” and “community” still felt? It is difficult to sense this today. If one looks, for example, at the community in Old High German, gimeinida, and then considers a further metamorphosis of this—mean in English, which is related to it—one arrives at an example in which one can sense in mein how it is related to what is meant in the harmony of the many, and derives its power from the fact that there are many. And this derivation of strength is expressed by the prefix \(gi\).
[ 12 ] So muß man zurückgehen zu dem, was als das gefühlte Element im Sprachbilden drinnen ist. Wenn wir heute sagen taufen, das ein uraltes germanisches Wort ist, so fühlen wir nicht mehr recht, was das eigentlich für eine Bedeutung hat. Anschaulich wird es, wenn wir ins Altund Mittelhochdeutsche zurückgehen und da etwa toufan, toufen, töufen finden, und wenn wir dann finden, daß dieses towfan ebenso verwandt ist mit diups, wie es bei Ulfila noch in daupjan im Zusammenhang mit daupjands = der Täufer, vorhanden ist. Dann aber brauchen wir nur noch im Althochdeutschen das urverwandte Wort tiof aufzusuchen, was in unserer heutigen Sprache tief bedeutet, zum Beispiel vertiefen, tiefen - und wir haben damit verwandt taufen = hineintiefen, tauchen in das Wasser. Es ist einfach ein Hineintiefen in das Wasser.
[ 12 ] So we must go back to what constitutes the emotional element inherent in language formation. When we say “taufen” today—which is an ancient Germanic word—we no longer truly sense what its actual meaning is. It becomes clear when we go back to Old and Middle High German and find, for example, toufan, toufen, töufen, and when we then discover that this towfan is just as closely related to diups as it is still present in Ulfila’s daupjan in connection with daupjands = “the Baptist.” Then, however, we need only look up the original cognate word tiof in Old High German—which in our modern language means “deep,” as in vertiefen (to deepen) or tiefen (to plunge)—and we find that taufen is related to it, meaning “to plunge into,” “to immerse in water.” It is simply a plunging into the water.
[ 13 ] Diese Dinge sollen uns nur dazu anleiten, in den sprachbildenden Genius hineinzuschauen. Von besonderer Wichtigkeit ist es, daß man die Bedeutungswandlungen verfolgt. Ein interessanter Bedeutungswandel ist zum Beispiel der folgende: gotisch hlaifs, althochdeutsch leiba, mittelhochdeutsch leip, heißt in der alten germanischen Sprache das Brot. Sehen Sie, Brot ist nicht geblieben als Bedeutung für hlaifs. Hlaifs ist Laib geworden, und es ist nur die Form geblieben, in der das Brot gegeben wird. Hat man früher hlaifs gesagt, so meinte man Brot; es hat sich gewandelt zur Form des Brotes. Man sieht diese UmwandJung noch, wenn man zum Beispiel die Metamorphose verfolgt im Altenglischen: blaford, was noch älter heißt hlafward oder hlafweard = derjenige, der das Brot wartet. Der hlaford war derjenige, zu dem man sich zu wenden hatte, um Brot zu bekommen, der des Brotes wartete, der das Recht hatte, den Acker zu bestellen, Brot zu machen und wiederum Brot abzugeben an diejenigen, die nicht freie Leute waren. Und durch allmähliche Umgestaltung - das h bedeutet ja nichts Besonderes — ist daraus das Wort Lord geworden. Lord ist der alte hlafward. Ebenso interessant ist das Gegenstück. Während aus hlaifs = Laib Brot wird, hat sich durch Metamorphose ein Wort gebildet, das im Altenglischen heißen würde: hlaefdige, wo das erste wiederum nichts anderes ist als der Laib Brot; dige ist umgewandelt von einer Tätigkeit. Wenn man Teig knetet, so tut man das, was im Worte dige liegt: digan, teigen, Teig kneten. Und wenn man zurückgeht auf den, der diese Tätigkeit ausübte, so kommt man zu der Frau des Lords. Während der Lord der Brotwart war, war seine Frau die Brotteigerin, Brotkneterin, die Brotgeberin. Und daraus ist später das Wort lady geworden. Lord und Lady hängen also in geheimnisvoller Weise zusammen mit dem Brotlaib. Man erkennt an diesen beiden Wörtern noch das, was von dem Brotgeber, Brotbereiter und der Brotkneterin, der Brotteigerin der alten Zeiten kommt.
[ 13 ] These examples are meant only to guide us in examining the language-forming genius. It is particularly important to trace changes in meaning. An interesting shift in meaning is, for example, the following: Gothic hlaifs, Old High German leiba, Middle High German leip—all of which mean “bread” in the Old Germanic language. You see, “bread” has not remained the meaning of hlaifs. Hlaifs has become Laib, and only the form in which the bread is presented has remained. Whereas “hlaifs” used to mean “bread,” it has shifted to refer to the shape of the bread. One can still see this transformation, for example, by tracing the metamorphosis in Old English: “blaford,” which in an even older form was “hlafward” or “hlafweard” = the one who provides the bread. The hlaford was the person one had to turn to in order to obtain bread—the one who tended the bread, who had the right to cultivate the fields, bake bread, and in turn distribute bread to those who were not free people. And through gradual transformation—the “h” does not signify anything in particular—this evolved into the word “Lord.” “Lord” is the old “hlafward.” Equally interesting is its counterpart. While “hlaifs” became “loaf of bread,” a word was formed through metamorphosis that in Old English would have been “hlaefdige,” where the first part is nothing other than the loaf of bread; “dige” is derived from an action. When one kneads dough, one is doing what is implied in the word “dige”: “digan,” to knead, to work the dough. And if one traces this back to the person who performed this activity, one arrives at the lord’s wife. While the lord was the keeper of the bread, his wife was the bread-kneader, the bread-maker, the giver of bread. And from this, the word “lady” later emerged. “Lord” and “lady” are thus mysteriously connected to the loaf of bread. These two words still reveal what comes from the bread-giver, the bread-maker, and the bread-kneader, the bread-maker of ancient times.
[ 14 ] So muß man versuchen, wirklich den Unterschied aufzufassen zwischen der abstrakten Art, wie wir heute zur Sprache stehen, und zwischen der konkreten, die vorhanden war, als man im Laute noch fühlte, was zu gleicher Zeit der Geist war, das Seelische, das man ausdrücken wollte.
[ 14 ] Thus, one must strive to truly grasp the difference between the abstract way we relate to language today and the concrete way that existed when people could still sense in sound what was at the same time the spirit, the soul—that which they sought to express.
