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The Renewal of the Pedagogical and Didactic Arts
through Spiritual Science
GA 301

20 April 1920, Basel

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1. Geisteswissenschaft und moderne Pädagogik

1. Spiritual Science and Modern Education

[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Für die Veranstaltung habe ich den Herren Veranstaltern wirklich herzlich zu danken. Sie können sich ja denken, daß derjenige, der sein ganzes Sein einsetzt für die Verbreitung der sogenannten Geisteswissenschaft, auch mit einer gewissen Begeisterung an dieser Geisteswissenschaft hängen und den Glauben haben muß, daß diese Geisteswissenschaft innerhalb der universellen Bildung und der ganzen Zivilisation unserer Zeit eine bestimmte Rolle zu spielen hat. Daß dieser pädagogische Kursus zustande kommt, erscheint mir eine ganz besonders dankenswerte Tatsache, denn gerade an dem Erziehungswesen wird sich vielleicht die Geisteswissenschaft am besten und am ehesten erforschen lassen. An dem Erziehungswesen wird sich auch zeigen können, wie wenig diese Geisteswissenschaft die Angelegenheit einiger Schwärmer und Träumer oder irgendeiner Sekte ist, sondern wie sie etwas sein will, womit der gesamten Menschheit eine Art von Anleitung an die Hand gegeben wird. Daher, ich darf es wohl mit diesen kurzen Worten aussprechen, bin ich wirklich herzlich dankbar denen, welche diese Vorträge veranstaltet haben, und ich danke auch Ihnen, die Sie sie besuchen wollen und hoffe, daß wir uns im Laufe der nächsten Tage über wichtige Angelegenheiten der Menschheit werden unterhalten können.

[ 1 ] Not translated

[ 2 ] Im heutigen Vortrag werde ich mir erlauben, eine Art von Einleitung, einen Hinweis zu geben auf die Richtung, welche das Thema, das ich mir vorgesetzt habe, nehmen wird. Nun bitte ich Sie, aus der Formulierung meines Themas durchaus nicht etwa den Schluß ziehen zu wollen, daß ich, wie irgendein unvernünftiger Radikaler es vielleicht tun würde, durch diese Themaformulierung etwa habe andeuten wollen, daß die Erziehungswissenschaft, so wie sie sich namentlich im Laufe des 19. Jahrhunderts und bis in unsere Tage herausgebildet hat, nichts tauge, und daß sie auf Geisteswissenschaft gewartet habe, um gewissermaßen erst geschaffen zu werden. Dieser Glaube lag ganz gewiß der Formulierung des Themas nicht zugrunde. Im Gegenteil, es ist eigentlich eine ganz andere Empfindung als Ausgangspunkt da für dasjenige, auf das ich in diesen Vorträgen aufmerksam machen möchte. Ich glaube durchaus, daß die Erziehungswissenschaft, welche gerade im Laufe des 19. Jahrhunderts so hervorragende Persönlichkeiten zu ihren Vertretern gehabt hat, deren Wirksamkeit ja hereinragt in die pädagogische Betätigung der Gegenwart, daß diese Erziehungswissenschaft gerade eine gewisse Vollkommenheit erlangen kann. Ich glaube, daß derjenige, der heute aus diesem oder jenem Grunde genötigt ist, sich in den verschiedensten Wissenschaften umzusehen und kennenzulernen, wie man diese Wissenschaften theoretisch und praktisch vertritt, wie sie hineingehen in das Leben, und der dann auch sich mit der Erziehungswissenschaft beschäftigt, daß der eigentlich mit dieser Erziehungswissenschaft im Vergleich mit den andern Wissenschaften — so sonderbar das klingen mag, ich möchte es als meine eigene Erfahrung aussprechen — das Urteil verbinden muß: sie enthält eigentlich, so wie sie heute gestaltet ist, die allersorgfältigsten Grundsätze, manche unanfechtbaren Formulierungen desjenigen, was eigentlich der Erziehungstätigkeit als Prinzip zugrunde liegen müßte, so daß man, wenn man auf das Wollen und auf das urteilsmäßige Durchdringen der Erziehungsnotwendigkeiten hinsieht, von dieser pädagogischen Wissenschaft eigentlich nur den allerbesten Eindruck erhält. Gerade davon möchte ich ausgehen, daß ich durchaus nicht unterschätze, um nur einen zu nennen, die Wirksamkeit eines solchen Geistes, wie es zum Beispiel Herbart ist.

[ 2 ] Today I want to present a preview of the direction I will take in the following lectures. I ask you not to conclude from the way my topic is phrased that I, like some radical, am implying that the way education has developed during the nineteenth century until now is worthless. Please do not think I believe that education has been waiting for spiritual science to give it life. That is not my intent. On the contrary, I am starting from a very different position. I am thoroughly convinced that education as it developed during the nineteenth century, with so many exemplary representatives, and as it influences the activities of the present, can now achieve a particular level of perfection. I believe that those who today, for one reason or another, need to look about and understand the various sciences in theory and practice, who need to comprehend the effects they have upon life, and who are also concerned with education will need to compare education to the other sciences. Through that comparison we may arrive at an unusual conclusion, but I want to express my own experience. We could conclude that modern education contains many valuable principles that should be a part of today’s education. When we look upon the desires and practice required by education today, we get only the most favorable impression. It is with just that impression that I wish to begin by stating that I do not at all underestimate a great man such as Herbart. I have learned a great deal about Herbart’s perspective on education.

[ 3 ] Ich habe selber die Herbartsche Strömung recht intim kennengelernt. Ich bin ja die erste Hälfte meines Lebens in Österreich gewesen, bin in Österreich fast bis zum 30. Lebensjahre herangewachsen; und in Österreich war eigentlich die Herbartsche Pädagogik für das gesamte staatliche Unterrichtswesen, das dazumal Exner und andere geordnet hatten, tonangebend geworden. An allen österreichischen Universitäten wirkten für die Pädagogik Herbartianer, so daß mir im Laufe meines Lebens gerade die Herbartsche Pädagogik, ich möchte sagen, in ihren einzelnsten Bestrebungen entgegentrat. Aber auch, wenn ich die Betrachtung ausdehne von der Herbartschen Pädagogik auf andere pädagogische Strömungen, die aus der jüngsten Vergangenheit in die Gegenwart hereinragen, so möchte ich auch sagen: Es ist eigentlich auf den Gebieten des pädagogischen Denkens, Empfindens überall Erfreuliches zu verzeichnen. Das ist eine Strömung, ich möchte sagen, der wir gegenüberstehen, wenn es sich darum handelt, das Pädagogische als ein wichtigstes Glied unserer ganzen Zivilisation ins Auge zu fassen.

[ 3 ] I spent the first half of my life, until I was about thirty, in Austria. During that period Herbart’s pedagogy was the underlying principle for all public schools, as they were then under the direction of Exner. Professors at the Austrian universities also taught Herbart’s pedagogy, so during the course of my life I have encountered his educational model in all its details. However, if I extend my considerations beyond the pedagogy proposed by Herbart to those of other perspectives, many of which affect the most modern education, then I would also have to say that there is much we can joyfully receive in the realm of pedagogical thought and feeling. This is a stream of thought we encounter when we look at education as a very important part of our modern civilization.

[ 4 ] Das andere aber, das ist dieses, daß eigentlich — es war ja immer bis zu einem gewissen Grade der Fall, aber so stark doch nicht, wie heute — das Ganze der pädagogischen Kunst, des pädagogischen Denkens einer weitgehenden Kritik unterworfen wird. Wir sehen, wie von Laien und von Fachleuten wiederum das Pädagogische in einer herben Weise zuweilen bekrittelt wird, wie es auf der anderen Seite manchmal geschickt, manchmal auch nicht besonders geschickt verteidigt wird, so wie es nun einmal sich herausgebildet hat und wie es heute herrschend ist. Wenn wir sehen, was alles gesagt wird von Leuten, die etwa Landerziehungsheime gründen und die da von einer völligen Erneuerung des pädagogischen Wesens sprechen, wenn wir dann weiter verfolgen, wie weiteste Kreise an solchen Diskussionen Anteil nehmen, so müssen wir auch sagen: Indem die Menschen hinschauen auf dasjenige, was eigentlich erreicht wird durch das - ich sage es ganz unverhohlen - Großartige unserer Erziehungswissenschaft, so können wir wieder manchmal nicht ganz Unrecht der Kritik geben, die sich da geltend macht.

[ 4 ] On the other hand, pedagogy, the whole art of teaching and educational thinking, has never been under such broad criticism as it is today, though criticism has always existed. Both lay people and professionals criticize education in a rather blunt manner, yet it is often defended itself in clumsy ways. Listen to everything said by people who, for instance, establish country boarding schools3 and speak of a complete renewal of education. Then follow the way a broad portion of the population takes up such discussions. Pedagogues try to defend how their practices developed and how they are generally sustained. When we do this, we must also admit that, despite the marvelous achievements of our modern science of education, when we look at what is actually done in the schools, this criticism is not completely unfounded.

[ 5 ] Zwischen diesen beiden Gesichtspunkten steht man eigentlich mitten drinnen. Dazu kommt ein anderer, ein viel umfassenderer. Und ich glaube wirklich nicht das Gebiet eines einleitenden Vortrages zu einem pädagogischen Kursus zu überschreiten, wenn ich auf dieses Sonderbare auch aufmerksam mache.

[ 5 ] We find ourselves caught between these two perspectives, but there is a third that is much more comprehensive. I do not believe I will go beyond the limits of an introductory lecture on education if I draw your attention to this particular viewpoint.

[ 6 ] Wir sind in den letzten fünf bis sechs Jahren, wenn das auch in der Schweiz weniger bemerkbar geworden ist als in den anderen Gebieten Europas, wir sind durch eine schwere Zeit durchgegangen, jedenfalls — das wird auch jeder Schweizer ohne weiteres zugeben müssen — durch eine solche Zeit, von der sich die Menschen vor zehn Jahren keine Vorstellung gemacht haben. Man frage sich nur einmal, ob sich die Menschen vor zehn Jahren hätten träumen lassen, daß über Europa das kommen werde, was nun gekommen ist. Wir dürfen nicht vergessen, was heute, ich möchte sagen, wie ein Niederschlag der furchtbaren Kriegsnot sich ergeben hat: ein Chaos in den sozialen Verhältnissen über einem großen Teil von Europa. Und derjenige täuscht sich, der glaubt, daß dieses Chaos etwa bereits an einem Wendepunkt wäre und daß es nächstens besser wird. Wir stehen in bezug auf diese chaotischen Verhältnisse im Grunde genommen erst im Anfang. Und da muß man sich dann doch fragen: Liegt es denn wirklich nur an den äußeren Verhältnissen, daß wir in dieses Chaos sozialer europäischer öffentlicher Angelegenheiten hineingekommen sind? Muß man denn nicht bei unbefangener Betrachtung sich sagen: Es kann nicht an den Verhältnissen liegen, denn die Verhältnisse werden durch die Menschen gemacht; es muß an den Menschen liegen.

[ 6 ] Though it may have been less noticeable here in Switzerland, throughout Europe we have gone through a very difficult time during the past five or six years. Yet even here in Switzerland you have to admit that this was a time that would have been unimaginable ten years ago. We need only ask ourselves whether ten years ago people could have dreamed that what was to spread over Europe was even possible. We should also not forget the damage that resulted from the terrible experiences during the war: chaos in social relationships throughout a major portion of Europe. Those who believe that this chaos is improving and that life will be better in the near future are only deceiving themselves. We are only at the beginning of these chaotic relationships. We need to ask whether it is only external situations that have caused this social chaos in Europe. If we look at the situation dispassionately, we will realize that social relationships cannot be the cause, since these relationships were created by human beings. The cause must lie with the people.

[ 7 ] Sieht man genauer zu, so findet man auch sehr bald heraus, wie es an den Menschen liegt; wie es daran liegt, daß heute, in der Zeit, in der man am meisten schreit nach sozialer Gliederung unserer gesellschaftlichen Verhältnisse, so wenig eigentlich wirklich soziale, sondern zumeist antisoziale Empfindungen vorhanden sind. Und wirklich, kann man denn umhin, sich zu gestehen, daß dies alles herangezogen worden ist trotz aller Vorzüglichkeit der pädagogischen Grundsätze, trotz alles dessen, was in anerkennenswerter Weise geleistet worden ist und was vom besten Willen beseelt ist? Wir müssen sagen: Trotz allem haben wir nicht vermocht, die Menschheit der neueren Zeit dahin zu bringen, daß der eine dem andern wirklich verständnisvoll gegenüberstehen kann. Wir haben eine Zeit heraufziehen sehen, in der wahrhaftig die Menschen nicht gegeizt haben mit dem Lob, daß wir es so herrlich weit gebracht haben. Aber wir haben auch das Sich-selbst-ad-absurdum-Führen dieser Zeit gründlich kennengelernt. Da müßte es denn wenigstens in die Herzen einziehen wie eine Sehnsucht, zu prüfen, ob denn nicht doch gerade durch diese pädagogische Kunst dieses Geschlecht, das heute sich so in den Haaren liegt in Europa, herangezogen worden ist? Dies müßte doch sehr einer näheren Fragestellung unterworfen werden. Und sieht man etwas genauer zu, so findet man da: Es ist gar nicht anders möglich, als mit wirklicher Verehrung zu hängen an den großen Gestalten der Pädagogik des 19. Jahrhunderts, an Herbart, Ziller, Diesterweg, Pestalozzi und so weiter — Ihnen brauche ich ja die einzelnen Namen nicht zu nennen -, aber auf der anderen Seite muß man auch sagen: Ja, wir haben eine mustergültige Erziehungswissenschaft, aber es handelt sich beim Erziehen gerade mehr als sonstwo um noch etwas anderes als um eine vorzügliche Wissenschaft, es handelt sich gerade beim Erziehen darum, daß diese Wissenschaft übergehen kann in eine wirkliche Kunst; daß Pädagogik Kunst werden kann.

[ 7 ] The problem is that today, although everywhere we hear demands for more “social relationships” within our society, people have so little social and so much antisocial feeling. We cannot help but admit that this has arisen in spite of all the marvelous pedagogical principles, in spite of all the achievements that deserve recognition, in spite of everything that has been done with the best intent. In spite of all that, we have not managed to bring people to a point where today they can encounter one another with genuine understanding. We see before us a period where people are certainly not stingy with their praise for how much we have achieved; but during this same time, we also see that things have developed to a point of absurdity. A desire must arise in the hearts of at least some people to find out whether our education has created that group that is so annoying in Europe today. If we look more closely, we discover we can do nothing other than honor those great figures of nineteenth-century pedagogy: Herbart, Ziller, Diesterweg, Pestalozzi, and so forth—I don’t need to name them all for you. On the other hand, we must admit that although we have an exemplary science of education, there is more to teaching than simply exemplary science. In teaching, what is particularly important is the ability to transform that science into a genuine art; then education becomes an art.

[ 8 ] Wenn man die Sache einmal, nur um zu verdeutlichen, im Vergleich mit der Kunst betrachten will, so kann man sagen: Es kann eine vorzügliche Ästhetik geben, vorzügliche Kenntnisse, wie man es in der Musik oder in der Plastik oder Malerei macht, und diese Wissenschaft vom Malen, diese Wissenschaft vom Bildhauern, diese Wissenschaft vom Komponieren, sie kann großartig sein; aber es ist doch etwas anderes, diese Wissenschaft nun anwenden zu können. Ja, man kann sagen: Derjenige, der sie anwendet, der Bildhauer, der Maler, der Musiker, der hat sogar in der Regel eine rechte Antipathie gegen die Grundsätze, die ausgedacht worden sind. Bei ihm handelt es sich darum, daß diese Grundsätze überhaupt gar nicht ins Vorstellungsleben übergehen, sondern daß diese Grundsätze in seinen Händen, in seinem ganzen Wesen leben, daß sie in ihm lebendige Gestalt werden können. In der Erziehungswissenschaft liegt die Sache nicht ganz so wie in irgendeiner anderen ästhetischen Wissenschaft. In der Erziehungswissenschaft muß alles bewußter, muß alles viel mehr von Vorstellungen durchdrungen sein, als, sagen wir, in der Malerei oder Musik oder Plastik. Aber dennoch, was wir als richtig begreifen im Erziehen, das muß übergehen können in das ganze Wesen unserer Persönlichkeit, wenn wir pädagogische Künstler werden wollen.

[ 8 ] To be clearer, if we compare education with art, we could have wonderful aesthetics or a marvelous understanding of how to do something in music, sculpture, or painting. That is, the science of painting, sculpting, or composition could be marvelous, but it is something different to be able to practice that science. We might even say that those who practice the arts—sculptors, painters, or musicians—often have real antipathy toward the “scientific” principles people have thought up. It is not important for these people that such principles enter their conceptual life. For them, it is important that such principles live in their deeds, in their entire beings, and that those principles become living entities within them. In education, the situation is not quite the same as in other artistic sciences. To educate, we must be much more conscious, much more filled with concepts than, for instance, those concerned solely with the practices of painting, music, or sculpture. Nevertheless what we understand to be correct in education must still go on to fill our entire being if we are to be genuine pedagogical artists.

[ 9 ] Und gerade auf diesem Gebiete glaube ich, daß Geisteswissenschaft helfen kann. Und von dieser Hilfe, die durch Geisteswissenschaft der Pädagogik werden kann, möchte ich eben in diesem Kurse sprechen. Nicht, daß ich glaube, daß die Grundsätze der pädagogischen Wissenschaft reformiert zu werden brauchen, sondern ich glaube, um diese richtigen Grundsätze - sei es in einem einzelnen Falle der Erziehung, sei es der großen Klasse gegenüber - in wirklicher praktischer Weise anzuwenden, ist es notwendig, daß diese Grundsätze belebt und durchzogen werden von dem, was eigentlich nur Geisteswissenschaft geben kann. Geisteswissenschaft ist etwas, was einziehen will in alle Gebiete gegenwärtigen wissenschaftlichen Erkennens. Geisteswissenschaft ist etwas, das eine Auffrischung geben soll für alles, was von unserer Zeitkultur angestrebt wird; dieser Zeitkultur, die - wenn auch heute viele Menschen glauben, man sei bereits in einer Art Rückschritt zum Idealismus begriffen — ja doch hervorgegangen ist aus dem Materialismus, und die den Materialismus aus der letzten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch voll in sich hat. Alle Zweige menschlicher Geistesbetätigung, ja man kann fast sagen alle Zweige menschlicher Kulturbetätigung, haben ihre heutige Gestalt durch diese materialistische Zeitgesinnung. Nicht in allem zeigt sich diese materialistische Zeitgesinnung in gleich schädlicher Weise: am meisten Einfluß in schädigender Weise muß Materialismus, wenn er da ist, im Erziehungswesen bringen.

[ 9 ] In this course, I want to speak about the help spiritual science can give to education. It is not that I think every principle of pedagogical science needs to be reformed. Rather I believe that in order to use these principles in a truly practical way, whether individually or in a large class, we need to enliven and permeate them with what only spiritual science can provide. Spiritual science wants to be included into all areas of modern scientific understanding. Spiritual science can refresh everything for which our modern culture strives. Although many people believe that it is now in the process of returning to idealism, our modern culture arose out of materialism. It arose out of the materialism of the last half of the nineteenth century, and it is still imbedded in it. All areas of human mental activity—we can almost say all areas of human culture—have taken shape through the materialistic attitude of that time. This materialistic attitude has not been visible in the same degree in every area, but it has had the most damaging effects upon education.

[ 10 ] Das ist, was ich heute einleitend nur andeuten will, was sich aber durch die ganze Haltung der Vorträge ergeben wird. Geisteswissenschaft wird heute vielfach verkannt, und deshalb habe ich schon nötig, wenigstens mit einigen Worten auf das hinzuweisen, wodurch sich Mißverständliches richtigstellen kann. Denn bevor ich in die Lage komme, Ihnen zu beweisen, was Geisteswissenschaft gerade für die rechte Anwendung einer vorzüglichen pädagogischen Wissenschaft leisten kann durch die Verwandlung des pädagogischen Wissens in pädagogisches Können, muß ich schon im einzelnen von Mißverständnissen gegenüber der Geisteswissenschaft sprechen. Und da möchte ich nicht in Abstraktionen sprechen, sondern möchte möglichst gleich konkret darauf eingehen.

[ 10 ] That is what I wanted to say today as an introduction. It is the basic perspective of my lectures. Spiritual science is often misunderstood, and I find it necessary to indicate, at least in a few words, how we can correct that misunderstanding. Before I can show you what spiritual science can contribute to the proper use of pedagogical science, how it can transform pedagogical knowledge into pedagogical activity, I first need to speak in detail about some of the misunderstandings about spiritual science. I do not want to speak in abstractions and will therefore begin as concretely as possible.

[ 11 ] Sie werden — wenigstens viele von Ihnen — gehört haben, daß Geisteswissenschaft es nicht so leicht hat wie die äußere Anthropologie der Gegenwart, den Menschen zu betrachten, den Menschen, mit dem wir es ja vorzugsweise in der Erziehung zu tun haben. Diese äußere Anthropologie der Gegenwart, die vereinfacht sich gewissermaßen die Probleme, welche uns in bezug auf den Menschen obliegen. Und man sieht dann, ich möchte sagen, so wie auf eine Art von Aberglauben herunter, wenn man hört, Geisteswissenschaft habe nötig, übersinnliche Glieder der menschlichen Wesenheit zu verzeichnen; in dem aufwachsenden Kinde schon zu sehen, wie sich nicht nur dieser Mensch im allgemeinen entwickelt, sondern wie sich zunächst — approximativ sei es gesprochen — vier Glieder der menschlichen Wesenheit entwickeln.

[ 11 ] Many of you may have heard that it is not as easy to consider the human being through spiritual science as it is through modern anthropology. Modern anthropology has greatly simplified the questions about the human being that confront us. People easily believe it is a kind of superstition when they hear that spiritual science believes we can view the human being as consisting of supersensible aspects. They consider it superstition when we look at growing children and see not only the general development of human beings, but also, broadly speaking, the development of four aspects of the human being.

[ 12 ] Man hat es leicht, aus unserer fortgeschrittenen Naturerkenntnis und der aus ihr gezogenen Weltanschauung heraus heute darüber zu lachen, wenn man hört, Geisteswissenschaft sage, der Mensch bestehe aus physischem Leib, aus Ätherleib, aus astralischem Leib und noch aus einem besonderen Ich-Wesen. Ich kann auch dieses Lachen ganz gut verstehen. Ich kann verstehen, wie man aus dem Mißverstehen heraus sich über diese Dinge lustig macht. Aber man macht sich eigentlich lustig auf Kosten einer wirklich gedeihlichen Fortentwickelung der Menschheit und auf Kosten einer richtig auf den Menschen hinschauenden Erziehungskunst, Wohl muß ich Ihnen recht geben: Wenn Sie hören, daß da oder dort in sektiererischer Weise sich Theosophen in Zweigen zusammensetzen und nun irgend jemand, der es im Buche gelesen oder in den Vorträgen gehört hat, den Leuten vorträgt: Der Mensch besteht aus physischem Leib, aus ätherischem, astralischem Leib und dem Ich - so ist dies wirklich eine höchst unfruchtbare Wissenschaft, und es ist etwas, worüber man vielleicht sogar ein Recht hat, sich in einer gewissen Weise lustig zu machen. Denn wenn es dabei bleibt, daß Leute diese Dinge wie eine Art religiöses Bekenntnis sektiererisch verbreiten, so kommt für die Kultur der Menschheit, für das wirkliche Leben eigentlich nichts Besonderes dabei heraus. Heraus kommt erst dann etwas aus diesen Dingen, wenn man sie nimmt, ich möchte sagen, als Richtkräfte, um das Leben reicher zu betrachten, als man es betrachten kann, wenn man bloß den abstrakten Begriff des Menschen oder des heranwachsenden Kindes zugrunde legt.

[ 12 ] With a modern worldview based upon our progressive understanding of nature, it is easy to laugh when we hear that spiritual science says the human being consists of a physical, etheric, and astral body, and a special I-being. I can well understand this laughter. People laugh about such things because they misunderstand. Nevertheless they laugh at the cost of genuine further development of humanity and at the cost of an art of education that truly sees the human being. I need to say you are right when you hear that here and there, in some cultlike way, Theosophists sit together while someone who has read something in a book or heard something in a lecture talks about the human being consisting of a physical, etheric, and astral body, and an I. That would be a highly unfruitful activity, and you have a certain right to laugh about it. If such people spread such things out of a religious conviction, they will achieve nothing real for human culture or human life. We can achieve something positive only when we consider such things as guidelines for enriching life, and not as abstract concepts of the human being or the growing child.

[ 13 ] Es ist gewiß, wenn wir beim Allerabstraktesten stehenbleiben, ein außerordentlich guter Grundsatz der Pädagogen, zu sagen, man müsse den Menschen nach seiner Individualität entwickeln, man müsse studieren, welche Kräfte nach und nach in der menschlichen Wesenheit beim sich entwickelnden Kinde herauskommen, und man müsse gewissermaßen dasjenige entwickeln durch die pädagogische Kunst, was da sich herausarbeiten will aus der menschlichen Wesenheit. Es ist dieses ein vorzüglicher Grundsatz, aber er darf nicht Abstraktion bleiben, er darf nicht so bleiben, daß man ihn nur ansieht als einen vorzüglichen Grundsatz und daß man nur den guten Willen dazu hat, ihn auch anzuwenden. Nein, der Grundsatz hat nur dann eine Bedeutung, wenn er wirklich ins Leben übergehen kann, wenn wirklich das Leben die Möglichkeit gibt, den werdenden Menschen vom ersten Lebensjahre bis zum Erwachsensein so zu betrachten, daß man die Kräfte, die sich herausarbeiten, wirklich sieht.

[ 13 ] If we remain with the most abstract concepts, we can say that it is a good principle of education to help children develop according to their individuality. In that case, we should study the forces that arise and develop in the human being during childhood, and we should use education to develop that which desires to be expressed through human nature. This is certainly a wonderful principle, but we must not allow it to remain abstract. It is significant only when we genuinely bring it into life, when we consider the human being from the first years until adulthood in such a way that we can actually see those forces develop.

[ 14 ] Wenn man nur denjenigen Menschenbegriff nimmt, den die heutige Anthropologie gibt, den Sie heute aus der Wissenschaft gewinnen können: dann merken Sie eben nicht, was eigentlich im Menschen zutage treten, was sich aus dem Menschen herausarbeiten will. Es sind bloß Richtlinien, die angedeutet werden, wenn man sagt: Der Mensch besteht aus physischem Leib, Ätherleib, astralischem Leib und Ich-Wesen. Denn dann sagt man: Du mußt die Art der Betrachtungsweise, an die man sich heute gewöhnt hat aus der materialistischen Naturwissenschaft heraus, nur für den physischen Menschen anwenden; du mußt aber noch andere Gesichtspunkte für die Menschenbetrachtung geltend machen. Du mußt den Menschen als ein viel komplizierteres Wesen ansehen, und du mußt dir einen Blick gewinnen, wie aus der Menschennatur sich auch etwas herausentwickelt, was nicht in den bloßen Naturgesetzen eingeschlossen ist, was wir durch höhere Glieder der menschlichen Natur allein umfassen können.

[ 14 ] If we take only the concept of the human being offered by modern anthropology, the one you can learn from science, we simply will not notice what becomes visible in a human being, what wants to develop. I am only suggesting some guidelines when I say that the human being consists of a physical body, an etheric body, an astral body, and an I. What I am saying is that you can use the method of observation common in modern materialistic natural sciences only for the physical body. You also need another approach for observing human beings. You need to see them as much more complicated and develop an eye for how human nature develops. Human nature is not completely contained within purely natural laws, and we can comprehend it only through its higher aspects.

[ 15 ] Was heißt es denn eigentlich, wenn wir sagen: Der Mensch besteht aus vier Gliedern? Sehen Sie, da deutet man auf etwas hin, was ja im Grunde genommen selbstverständlich jedem Pädagogen, der seine Psychologie kennengelernt hat, bekannt ist; was ihm aber so bekannt ist, daß noch nicht aus dieser Bekanntschaft fließt ein wirkliches tiefes Hineinschauen in die ganze menschliche Wesenheit. Bekannt ist ja, wieviel von Psychologen, auch von pädagogischen Psychologen, darüber diskutiert worden ist, daß wir das Seelische des Menschen zu sehen haben — sagen wir, um ganz vorsichtig zu sprechen — in einer dreigliedrigen Metamorphose als Denken, Fühlen und Wollen. Sie wissen, wieviel im Laufe des 19. Jahrhunderts und bis in unsere Tage herein darüber gestritten worden ist, ob der Wille das Ursprüngliche ist und sich das Denken gleichsam herausarbeitet aus der Willensnatur, oder ob das Denken zugrunde liegt oder das Vorstellen. Sie wissen, daß zum Beispiel in der Herbartschen Pädagogik ein gewisser Intellektualismus vorherrscht, daß der Wille gewissermaßen nur gilt als eine Art Resultierende aus den Vorstellungsbestrebungen und so weiter. Gerade wenn man unbefangen auf die ganze Art des Diskutierens über Denken, Fühlen und Wollen hinsieht, dann merkt man, daß diesen Diskussionen etwas fehlt. Das wirkliche Hineinblicken in die menschliche Wesenheit fehlt. Und gerade wirklich hineinblicken in die menschliche Wesenheit möchte Geisteswissenschaft. Sie möchte, daß man wiederum die Fähigkeit gewinne, diese menschliche Wesenheit in ihrer Totalität zu durchschauen.

[ 15 ] What does it mean when I say the human being consists of four aspects? I am pointing to something that is pretty obvious to every teacher who has learned about psychology. It is very well known, and yet a genuinely deep view of the entire human being does not flow from that understanding. Everyone knows how many psychologists, including educational psychologists, speak about the fact that we have to look at the human soul—I need to be cautious here—as consisting of three aspects, thinking, feeling, and willing. You certainly know how much discussion there was in the nineteenth century about whether the will came first and thinking developed out of it, or whether thinking or imagining was the basis. For example, you know that in Herbart’s pedagogy there is a certain predominance of intellectualism; from that perspective, the will results only from the desires of imagination, and so forth. However, when you stand back from the whole discussion about thinking, feeling, and willing, you will notice that something is missing: a true picture of human nature. Spiritual science wants to provide the way to obtain that genuine view of human nature. Spiritual science wants people to acquire the capacity to view human nature in its totality.

[ 16 ] Wir reden ja, wenn wir nicht grobklotzige Materialisten sind, davon, daß der Mensch nicht nur den äußeren physischen Leib hat, sondern eine Seele, und dem Seelischen sprechen wir eben das Denken, Fühlen und Wollen zu. Aber kennen Sie denn nicht die Diskussionen, die heute gepflogen werden und immer wieder und wieder darauf hinauslaufen: man könne sich eigentlich keine Vorstellung machen, wie das Seelische mit dem Leiblichen zusammenhänge, wie das Seelische auf das Leibliche, das Leibliche auf das Seelische wirke? Im Grunde genommen leiden an dieser Fragestellung alle Menschen, die es mit diesen Dingen ernst nehmen. Aber sie kommen nicht darauf, daß vielleicht die ganze Fragestellung, so wie sie gewöhnlich gegeben wird, eine nicht ganz richtige ist. Sie kommen nicht darauf, daß vielleicht die ganze Betrachtungsweise einmal geändert werden müßte.

[ 16 ] If we are not totally crass materialists, we often speak about the fact that the human being is not only a physical body but also a soul. To this soul we ascribe thinking, feeling, and willing. Perhaps you are familiar with the current discussions that ultimately lead to the statement that it is impossible to comprehend how the soul is connected with the physical body and how the soul affects the body, and the body, the soul. Nearly everyone who takes this question seriously undergoes a form of suffering, but they do not realize that the way the question is normally presented is simply not correct. They do not realize that perhaps we need to change the entire viewpoint.

[ 17 ] Gerade wenn wir das heranwachsende Kind ins Auge fassen, dann kommen wir dazu, einzusehen an der Entwickelung dieses heranwachsenden Kindes, wie Seelisches sich herausarbeitet in dem Leiblichen. Wer nur einen Sinn hat für äußere Gestaltung, wie sie sich so wunderbar, so rätselhaft auf der einen Seite, und so zum Menschensinn sprechend auf der anderen Seite, in dem Kinde ergibt, wenn wir es von Tag zu Tag in den ersten Lebenswochen, wenn wir es von Woche zu Woche, von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr in dem folgenden Leben betrachten — wer diese Umgestaltung betrachtet und einen Sinn dafür hat, wie das Seelische sich herausarbeitet, der muß die Frage stellen: Wie hängt denn eigentlich zusammen dasjenige, was wir an Seelischem entwickeln, mit dem Körperlichen in seiner äußeren Offenbarung? Denn offenbar ist es ja, daß im Körperlichen das Seelische drinnen arbeitet; gerade im Kinde sieht man es. Aber die heutige Wissenschaft ist nicht stark genug, ich möchte sagen, sie hat zu stumpfe Waffen, um nun an diese Fragestellung: Wie arbeitet das Seelische in dem Physischen drinnen? — in der richtigen Weise herantreten zu können. Gewisse Erscheinungen, sie werden einfach heute von der Wissenschaft nicht sachgemäß betrachtet. Und da sehen wir, indem wir die ersten Lebensjahre des Kindes durchlaufen, eine Erscheinung, die uns mit jedem Tag neue Rätsel aufgibt; wir müssen sie nur sehen.

[ 17 ] When we look at the developing child, we can understand how the soul develops out of the physical body. Those who have a sense of outer form see how the child develops in such wonderful and mysterious ways. They can also see that when we follow the child’s growth from day to day in the first weeks of life, and then from week to week, month to month, year to year throughout the child’s life, that development speaks strongly to our sense of humanity. Those who watch this transformation and have a sense of how the soul is progressing must pose the question, “How is what develops as the soul connected with the physical body as we see it revealed externally?” It is clear that the soul is active within the body, particularly in children. Modern science, however, is not strong enough, we might say. Its weapons are dull and cannot properly approach the question of how the soul works within the physical. Certain phenomena are simply not objectively observed by modern science; yet when we observe a child’s first years of life, we see things that give us a new riddle each day. We need only to look.

[ 18 ] Wir sehen diese Erscheinung, wie das Kind ungefähr am Ende des ersten Lebensjahres oder etwas später seine ersten Milchzähne bekommt. Wir sehen, wie diese Milchzähne wiederum ausfallen und vom siebenten Jahre an durch die bleibenden Zähne ersetzt werden. Diese Erscheinung, gewiß, sie wird nach allen Noten beschrieben von der heutigen Wissenschaft, aber was diese Erscheinung eigentlich bedeutet, worauf sie deutet im ganzen Entwickeln des Menschen, das zu untersuchen, dazu hat die heutige Wissenschaft eben nicht wirkliche Kraft. Und weiter, wir sehen, wie sich dann das heranwachsende Kind bis zur Geschlechtsreife hin entwickelt, wie dieses Eintreten in die Geschlechtsreife eine völlige Revolution im körperlichen und seelischen Leben des Menschen bewirkt. Wir wissen, indem wir an die Volksschule denken: gerade in die Zeit vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife ist das Wichtigste vom Volkserziehen in der Volksschule eingeschlossen. Aber die Wissenschaft und alles Leben hat heute nicht die Macht, einzudringen in das, was da eigentlich geschieht in dem Gebiet, das wir nun nicht einseitig das Leibliche und Körperliche und einseitig das Seelische, sondern das Seelisch-Leibliche des Menschen nennen.

[ 18 ] The child cuts its first baby teeth about the age of one or sometimes a little later; these baby teeth fall out and are replaced by the permanent teeth around the age of seven. But what do they really mean, these facts modern science describes in detail everywhere? What do they suggest about the development of the human being? Modern science cannot research that. If we go on, we see that growing children develop until the age of puberty. We see that puberty causes a complete revolution in the child’s body and soul. If we think about elementary school, we realize that public education in elementary school encompasses the most important human developmental period, which begins with the change of teeth and ends with puberty. However, science and modern life in general cannot penetrate what actually occurs in this realm, which we do not separate into “body” and “soul,” but instead call the soul-body aspect.

[ 19 ] Es läuft einfach darauf hinaus, daß wir uns eine genauere, eine intimere Beobachtungskunst der menschlichen Wesenheit aneignen. Beobachten Sie nur einmal intimer. Der menschliche Organismus kommt ein Jahr oder nach einer etwas längeren Zeit nach seiner Geburt dazu, aus sich herauszugestalten, aus seinem Ganzen herauszugestalten, wahrhaftig nicht bloß aus dem Ober- und aus dem Unterkiefer, sondern aus seinem Ganzen herauszugestalten die ersten Zähne. Das ist etwas, was sich vollzieht in dieser rätselvollen Wesenheit des Menschen. Aber das ist etwas, was sich noch einmal wiederholt durchschnittlich gegen das siebente Jahr hin. Da sehen wir aber, wie der Organismus eine viel längere Zeit braucht, um dies härteste Gebilde, den Zahn, aus sich herauszudrücken, als er gebraucht hat, um in der frühsten Kindheit die Milchzähne herauszudrücken.

[ 19 ] In the end it is important to learn a more exact and intimate way of observing human nature. Try looking a little more closely. A year or so after birth, the human organism forms the first teeth, not out of just the upper or lower jaw, but out of the entire organism. This is also repeated around the age of seven. Here we can see that the human organism needs a much longer time to express its hardest structure, the teeth, than it needed to produce the baby teeth in early childhood.

[ 20 ] Sehen Sie, man muß nun, indem man so etwas körperlich betrachtet, dies nicht bloß mit den Mitteln der heutigen Naturwissenschaft tun. Man muß zugleich sehen, wie während dieser Zeit mit jeder Woche vom Bekommen der Milchzähne bis zum Bekommen der bleibenden Zähne das ganze Wesen des Menschen auch im Seelischen ein anderes wird. Wie in dieser Zeit aus der menschlichen Wesenheit heraus andere Kräfte auch seelisch wirken als etwas später zwischen dem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife. Man muß den Menschen ganz in seiner Totalität betrachten, und dann findet man, daß das ganze seelische Leben in einer anderen Weise sich vollzieht vor dem Zahnwechsel als nach dem Zahnwechsel. Und wenn man einen Sinn dafür hat, was eigentlich da herauskommt nach dem Zahnwechsel, so wird man sich sagen: Vernehmen wir das denkerische, das intellektuelle Wesen im Menschen, und versuchen wir dasjenige zu ergründen, was da bis zum Zahnwechsel hin und während des Zahnwechsels herauskommt an menschlichem, intellektuellem Wesen, an Vorstellungswesen! Wenn man unbefangen betrachtet, muß man eigentlich sagen: Da kommt viel heraus. Jean Paul, der auch viel über Pädagogik nachgedacht hat, hat nicht mit Unrecht darauf aufmerksam gemacht, daß die ersten Lebensjahre mehr Einfluß auf den Menschen haben als die drei akademischen Jahre. Dazumal gab es nur drei. Es ist schon so, daß, wenn wir auf die Konfiguration des Intellektuellen hinschauen, die wichtigsten Jahre für die Gestaltung der Intellektualität des Menschen, für die Gestaltung der Urteilskraft, die ersten Lebensjahre bis zum Zahnwechsel sind. Man versuche nur einmal, sich einen wirklichen Beobachtungssinn anzuerziehen für dasjenige, was da seelisch anders wird. Man versuche auch zurückzudenken, bis wie weit das deutliche Gedächtnis reicht und versuche zu denken, wie wenig weit es hinter die Zahnwechselepoche zurückreicht, wie wenig also vor der Zahnwechselepoche der Mensch fähig ist, in sich anzusammeln festgestaltete Begriffe, die dann der FErinnerung einverleibt werden. Dann kann man geradezu sagen: je weniger der Organismus jene starken Kräfte, die er später nicht mehr braucht, um die harten Zähne zum zweiten Male aus sich herauszugestalten, anzuwenden braucht, desto mehr kommt er gerade in die Lage, dasjenige, was er intellektuell aufnimmt, zu festen Vorstellungen zu gestalten, die ihm in der Erinnerung bleiben.

[ 20 ] You can see that you should use more than modern natural science to look at something connected with the body. At the same time, you need to see how the entire nature of the human being, including its soul aspects, changes with every week from the eruption of the baby teeth to that of the permanent teeth. You can see that other forces contained within human nature affect the soul during the period from the change of teeth until puberty than those that affect it later. We need to consider human beings in their entirety, and then we will find that the life of the soul exists in an entirely different way before the change of teeth than it does afterward. If we have some sense of what actually happens following the change of teeth, it follows that if we look at thinking, at the intellectual nature of the human being, we will need to understand what happens to human intellectual nature, to our imaginative nature, before and during the change of teeth! If we consider this without prejudice, we have to admit that a great deal happens. Jean Paul,8 who thought a great deal about education, properly noted that the first years of life have more impact upon a human being than three years at the university. (At that time, there were only three.) It is certainly true that when we look at the configuration of the intellect, the most important years for forming the human intellect, for forming the capacity to reason, are those first years of life before the change of teeth. We should also try to gain a genuine sense of what changes in the soul. Try remembering, and see how far back clear memories reach. Then think about how little we remember prior to the change of teeth; that is, how little people can collect concepts to retain in their memory before the change of teeth. We can thus conclude that the less the organism has to use those strong forces to create the adult teeth, the more a human being will be able to form its thoughts into firm pictures that can remain in the memory.

[ 21 ] Ich will Ihnen heute die Sache zunächst nur andeuten. Sie sehen aus dem eben Gesagten, daß zunächst dieses Kraften im Körper, das gewissermaßen wie in einer Kulmination in dem Hervorgehen der zweiten Zähne gipfelt, parallel geht mit dem Festsetzen derjenigen Kräfte in der Seele, welche die Vorstellungen, die sonst vergessen werden, umformen in festgestaltete Begriffe, die dann bleiben, die ein Schatz in der menschlichen Seele werden. Ich möchte das, was ich heute sagen will, zunächst nur als eine Frage hinstellen; in den nächsten Tagen wird es sich uns erweisen. Müssen wir doch danach fragen: Hat denn nicht vielleicht das Vorstellen gerade mit diesen Kräften, die im Zahnentstehen sich geltend machen, etwas zu tun? Ist es denn nicht gerade so, als wenn das Kind in den ersten sieben Jahren bis zum Zahnwechsel gewisse Kräfte körperlich verwenden müßte, die Seele in den Körper hinein ergießen müßte, damit die Zähne herauskommen? - Ist es fertig damit, dann geschieht eine Metamorphose, dann wandelt das Kind diese Kräfte um, und sie werden eigentlich seelische Vorstellungskräfte. Sehen wir denn nicht, wie die Seele, die vorstellende Seele in dem Zahnbilden arbeitet? -— Und wenn das Zahnbilden, das heißt die Verwendung gewisser seelischer Kräfte in der vorstellenden Seele erschöpft ist, nachdem die Zähne herausgekommen sind, da machen sich diese selben Kräfte seelisch geltend.

[ 21 ] Today I only want to sketch the situation. From what I just said, you can see that there is something that runs parallel with those forces in the body that in a certain sense culminate in producing the second set of teeth. In tandem with this process, there is a firming of those forces in the soul that transform the pictures we would otherwise lose into firmly contoured concepts, that remain as a treasure in the human soul. I would like to simply suggest an idea today that you will see to be true in the next days. We need to ask ourselves: Can those forces that give rise to the teeth be in some way connected to the pictorial aspects of thinking? Isn’t it as though the soul needs to give the child’s body the use of certain bodily forces during the first seven years, until the change of teeth, so that the teeth can form? When they are complete, a metamorphosis occurs and the child transforms these forces so that they become forces for conceptualization in the soul. Can we not see how the soul, the conceptualizing soul, works to form the teeth? When the formation of teeth, that is, when the use of certain soul forces in the conceptualizing soul is finished, that is, after the teeth have erupted, these same forces begin to affect the soul.

[ 22 ] Denken Sie nur einmal, wie wenig man geneigt ist, heute mit den Mitteln der Naturwissenschaft auf solche Metamorphosen hinzuschauen! Wie sehr man sich heute den Kopf darüber zerbricht: Wie hängen Leib und Seele zusammen? Aber man muß doch erst hinschauen auf diejenigen Gebiete, wo das Seelische im Leibe tätig ist. Denkt man daran zu fragen: Ist es vielleicht das vorstellende Seelische, das ganz augenscheinlich in dem Bau der Zähne sich zum Ausdruck bringt? Sehen wir nicht da das Seelische im Leibe drinnen wirksam, und erkennen wir nicht, wie es sich dann erspart diese Wirksamkeit und in anderer Weise, nämlich rein seelisch herauskommt? Da handelt es sich wirklich darum, zu gesünderen Vorstellungen — die man schon früher gehabt hat, bevor der Materialismus in der heutigen Gestalt sich verbreitete — wiederum zurückzukehren, nämlich tatsächlich zu sehen, wie das Geistig-Seelische im Physisch-Körperlichen wirkt.

[ 22 ] Think for a moment how little modern science tends to look at such metamorphoses. People rack their brains trying to determine the connection between body and soul. What we need to do first, though, is to look at the area where the soul acts upon the body. We may ask if it is conceptualization within the soul that expresses itself by forming teeth. Can we not see how the soul affects the body and recognize that it is then spared expressing that activity in another way, in a way that relates purely to the soul? It is important that we arrive at truly healthy ideas, ideas people had before materialism became so widespread. It is important that we return to actually seeing how the spirit-soul affects the physical body.

[ 23 ] Es ist nämlich etwas höchst Merkwürdiges richtig: Der Materialismus hat die Eigentümlichkeit, daß er allmählich die Fähigkeit verliert, Materie und ihre Erscheinungen zu verstehen. Es ist nicht so, daß der Materialismus etwa bloß den Zusammenhang mit dem Geist verliert; nein, sein tragisches Schicksal besteht darinnen, daß er zuletzt gerade dazu verurteilt ist, das Materielle nicht zu verstehen. Wir haben den Materialismus heraufkommen sehen: Er hat keine Möglichkeit, hineinzuschauen in das Leibliche mit denselben Kräften, mit denen Sie später sich erinnern, mit denen Sie später in Gedanken tätig sind, mit denselben Kräften, die im Leiblichen in der Zahnbildung wirksam sind. Nicht, daß der Materialismus just das Geistige verkennt - er verkennt das Körperliche sogar noch stärker, indem er gar nicht sieht, wie das Geistig-Seelische an dem Körperlichen arbeitet.

[ 23 ] It is strange but true: materialism is slowly losing the capacity to understand matter and its phenomena. It is not simply that materialists are losing connection with the spirit; the true tragedy is that they are condemned to not understanding matter. Materialism is unable to look at the physical body as relating to the same forces that later enable us to remember, that are active later in our thoughts, that are the same forces active in the physical formation of the teeth. It is not simply that materialism has lost sight of the spiritual; it has lost sight of the physical to an even greater extent in that it cannot see how the spirit-soul works upon the body.

[ 24 ] Das will gerade Geisteswissenschaft bringen: Ein richtiges Verstehen dessen, was am Menschen arbeitet. Der Materialismus ist geradezu verurteilt, das Materielle nicht zu verstehen; denn das Materielle ist dasjenige, worin das Geistige fortwährend arbeitet, und die materialistische Betrachtungsweise kann nicht verfolgen diese Arbeit im GeistigSeelischen des Menschen. Man müßte doch glauben, der größte Schaden würde angerichtet, müßte der Mensch zu denken aufhören, müßte der Mensch zum Tier werden, wenn der Materialismus das Geistige vollständig verkennen würde! Es kann ja kein Mensch zugeben, daß, wenn man denkt, man nicht in irgendeiner Geistigkeit drinnen ist! Aber das ist gerade das Schicksal des Materialismus, daß man das PhysischLeibliche nicht versteht.

[ 24 ] Spiritual science wants to contribute a proper understanding of what works upon human beings. Materialism is in truth condemned to not understanding matter. Matter is what the spirit continuously works upon, and the materialistic perspective cannot follow that work in the human spirit-soul. All of us can certainly believe that it would cause enormous damage if materialism completely lost the spiritual world of thought and human beings had to cease thinking, if human beings had to become animals. No one can admit that when we think, we are actually engaged in some form of spirituality. That, however, is the fate of materialists, to not understand the physical.

[ 25 ] Nun ist es nicht so, daß man etwa an diesem abstrakten Grundsatz Genüge haben kann: Dieselben Kräfte, die im Vorstellen sind, arbeiten an der Zahnentstehung. Sondern, wenn man das weiß, dann beobachtet man das Kind in einer ganz anderen Weise, und vor allen Dingen, man beobachtet es nicht nur im Intellekt in einer anderen Weise, sondern man steht mit dem Gefühl, mit der Empfindung, mit allen Willensimpulsen in einer ganz anderen Weise zum Kinde. Sie werden in den folgenden Vorträgen sehen, wie diese Dinge, die wirklich vom Geistig-Seelischen aus eindringen, nicht etwa bloß abstrakte Grundsätze sind, sondern unmittelbar in der Gegenwart angewandt werden können.

[ 25 ] The same forces that are active in conceptualizing, in picturing our world, work to form our teeth. If you know that, then you can observe children in a much different way. Most of all, you can observe them differently—not only intellectually; you encounter children with your feelings, with your perception, and with your will in a very different way. In the following lectures you will see how these things that really arise from the spirit-soul are not simply abstract principles, but elements we can directly apply in the present.

[ 26 ] Und weiter: Wir sehen dann gerade während der Volksschulzeit, jener wichtigen Epoche in dem heranwachsenden Kinde, wo das Gedächtnis schon wirkt, wo wir mit dem Gedächtnis schon rechnen können, wie gerade beim Kinde es so unendlich wichtig wird, daß es an dem Lehrer, an dem Erzieher eine Autorität fühlt, eine selbstgewählte, freiwillig gewählte Autorität empfindet. Es ist ein vollständiges Verkennen der Menschennatur, wenn man nicht zugibt, daß die Sehnsucht, eine Autorität neben sich zu haben, zu den Grundkräften und Grundempfindungen des kindlichen Lebens vom 6., 7. bis zum 14., 15. Lebensjahre gehört. Wir werden hören, wie das zu dem tiefstbedeutsamen Lebenselemente des Menschen gehört, daß er in dieser Weise eine Autorität, freigewählt durch seine Empfindung, außer sich und neben sich haben kann.

[ 26 ] During elementary school, we see that important period in the life of growing children where memory is active, where we can count upon memory, where it is so endlessly important to children that they have a teacher in whom they can sense an authority, yet an authority freely chosen by the children. To not admit that one of the basic forces and basic needs of children from the ages of six or seven until fourteen or fifteen is the desire to have an authority in their lives is to completely misunderstand human nature. We will show here how this kind of authority, freely chosen through the children’s perception, an authority outside but alongside the children, is one of the most important aspects of human life.

[ 27 ] Aber wer einmal geschärft hat seinen Blick dafür, daß ein gewisser Zusammenhang besteht zwischen dem Seelisch-Geistigen und dem Leiblichen bis zur Periode des Zahnwechsels, der merkt dann für die folgende Periode etwas außerordentlich Wichtiges. Sehen Sie, wir brauchen eine gewisse Zeit, um als Menschen die ersten Milchzähne zu bekommen. Das ist eine kurze Zeit. Dann brauchen wir eine längere Zeit, bis wir sie auswechseln können gegen die zweiten Zähne. Wir werden hören im Verlaufe dieser Vorträge, wie die zweiten Zähne in einer viel innigeren Verbindung mit der Individualität stehen als die ersten Zähne, die mehr auf Vererbung von den Vorfahren beruhen. Aber wahrhaftig, nicht bloß mit den Zähnen ist es so, daß wir uns gewissermaßen aus unserer eigenen Natur heraus dasjenige noch einmal aneignen, was wir erst durch Vererbung bekommen haben, sondern es ist für etwas anderes auch so; es ist vor allen Dingen so mit der menschlichen Sprache. Und ich möchte hier gleich einleitungsweise auf etwas hindeuten, was natürlich in den Vorträgen erst näher ausgeführt werden kann: Das Geheimnis der menschlichen Sprachentwickelung verbirgt sich eigentlich in ihrem Wesentlichsten vor der heutigen naturwissenschaftlichen Denkweise, vor der gesamten heutigen Wissenschaft. Man weiß nicht, daß in der Tat gerade so, wie man die ersten Zähne erhält durch eine Art Vererbung von den Eltern, man die Sprache erhält durch eine Art äußeren Einflusses der Umgebung, durch das Nachahmungsprinzip, das aber zum organischen Prinzip wird.

[ 27 ] Someone who has sharpened their vision to see a certain connection between the soul-spirit and the physical body until the change of teeth will also notice something extraordinarily important for the following period. We, of course, need a certain amount of time to grow our first baby teeth. That is a relatively short time. We then need a longer period to exchange those first teeth for permanent teeth. In the course of these lectures, we will hear how the permanent teeth have a much closer connection with the individual than the baby teeth, which are based more upon heredity. This is true not only with teeth; there is another place where we, in a certain way, reproduce those things we have received through heredity out of our own nature. This principle is also true for human speech. At this point I would like to introduce something that I will describe more fully in the following lectures: the secret of the development of human speech is hidden in its most important aspects from the entirety of modern science. People are unaware that just as we receive our first teeth through a kind of inheritance from our parents, we receive language through the influences of our external surroundings. That is, we receive language through the principle of imitation, which, however, becomes an organic principle.

[ 28 ] Man lernt die Sprache in den ersten Lebensjahren von seiner Umgebung. Aber diese Sprache, die man da lernt, die das Kind bis zum 4.,5., 6. Jahre noch spricht, die verhält sich zum ganzen Menschen, wie sich die Milchzähne zum ganzen Menschen verhalten. Und was der Mensch, nachdem er die Geschlechtsreife erlangt hat, nachdem er 14, 15 Jahre alt geworden ist, eigentlich an der Sprache hat, was er da spricht, was da in ihm betätigt wird, indem er spricht: das ist gerade so ein zweites Mal angeeignet, neuerdings angeeignet, erarbeitet vom Menschen, wie das Zahnerhalteprinzip ein zweites Mal erarbeitet ist. Das zeigt sich äußerlich bei der Knabenentwickelung in dem Wandel der Stimme - bei der weiblichen Entwickelung geht es mehr ins innerliche Leben zurück, aber es ist auch vorhanden. Weil diese Kräfte beim Knaben im Kehlkopf anders arbeitend sind, zeigt sich das auch äußerlich. Das ist eine Offenbarung, wie nun auch gerade in diesen wichtigen Volksschuljahren im ganzen Menschen, nicht bloß im menschlichen Leibe und nicht bloß in der menschlichen Seele, sondern im menschlichen Seelen-Leib, in der Leibes-Seele, fortwährend von Jahr zu Jahr, von Monat zu Monat Dinge vorgehen, die zusammenhängen mit der innerlichen Aneignung desjenigen, was man als Sprache äußerlich schon in der ersten Kindheit aus der Umgebung her sich angeeignet hat. Wer das weiß, wie Seelisch-Geistiges arbeitet am Menschen bis zum 14., 15. Jahre hin, wer das in unmittelbar instinktiver Intuition an dem Volksschüler beobachten kann, bei dem wird diese Beobachtung unmittelbares Leben. Man sagt sich: Da ist der eine Schüler — Kehllaute bringt er in dieser Weise hervor, Lippenlaute in dieser Weise hervor, Gaumenlaute in dieser Weise; der bringt Gaumenlaute leichter hervor, der Lippenlaute und so weiter. Das wird eine ganz intensive Wissenschaft, aber eine Wissenschaft, die in allen ihren Einzelheiten in dasjenige hineinweist, was als Seelisch-Leibliches, Leiblich-Seelisches am Kinde sich heranentwickelt.

[ 28 ] In the first years of our lives, we learn to speak from our surroundings. However, the language we learn then, that we speak until the age of four, five, or six, has the same relationship to the entire human being as baby teeth have to the entire human being. What people speak after they have reached the age of puberty, that is, after the age of fourteen or fifteen, what is active within them as they speak is something they achieve for a second time. It is something they very recently achieved, something they accomplished for themselves in just the same way that they grew their second set of teeth. In boys, we can see this externally in their change of voice. In girls, the development is more inward. It is nevertheless present. Since these forces act differently upon the larynx of a boy, they are externally visible. This is a revelation of what occurs in the entire human being during these important elementary-school years, not simply in the human body nor in the human soul, but in the entire soul-body, in the body-soul. It occurs continuously from year to year, from month to month, and is connected with the inner development of what we already learned as language from our environment during our early childhood. Those who understand how the spirit-soul acts upon the human being until the age of fourteen or fifteen, those who can, through a direct, instinctive intuition, observe elementary school children, will see this directly. Such a person might say that here we have a student; he makes throaty sounds in this way, sounds with his lips in this way, and with the gums in this way. This student can make sounds with his gums more easily than lip sounds and so forth. This can become a very intensive science; however, it is a science that points in all its details to what develops as a soul-body or body-soul in the child.

[ 29 ] Und es werden einem einfach die Umgestaltungen der Sprache, auf die man gewöhnlich gar nicht achtet, zwischen dem 7. und 15. Jahre dasjenige, was seelisch gerade da in der Sprache so großartig wirkt, wenn man einen Beobachtungssinn dafür hat. Das entgeht einem, wenn man seinen Beobachtungssinn nur schärft an dem, was man heute ohne Geisteswissenschaft lernt. Denn wer hier beobachten kann, der findet nun das Folgende: In den ersten Lebensjahren bis zum Zahnwechsel sieht man, wie das Vorstellen sich gleichsam ausspart in dem Zahnwechsel, so daß, wenn der Zahnwechsel sich vollzogen hat, die Vorstellung dann sich gestalten kann! Während da das Vorstellen gewissermaßen sich aus dem Leiblichen zurückzieht und selbständig Seelisches wird, ist es später, zumeist schon vorher sich ankündend, aber namentlich vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife, der Wille, das, was wir Wille nennen, was sich zurückzieht aus der ganzen Organisation des Kindes und sich lokalisiert in der Kehlkopf- und Sprachorganiisation. Ganz genau so, wie sich nach innen drängt das Vorstellungsleben und selbständig seelisches Element wird, so lokalisiert sich in dem, was aus der Sprache und ihren Organen im 14., 15. Jahre wird — bei manchen Kindern etwas früher natürlich -, das Willenselement. Man kann sehen in dem, was als Organ-Umgestaltung des Knaben im Kehlkopf eintritt - wir werden noch davon zu reden haben, was dem bei Mädchen entspricht — dasjenige, wohin der Wille kulminiert.

[ 29 ] Those capable of observing them can see the transformations that speech undergoes between the ages of seven and fifteen, which people normally do not notice, as accomplished by the soul acting upon language. This is something that is lost if you have learned to observe without the help of spiritual science. Those who can observe this will then find that in the first years of life until the change of teeth, conceptualization was completely occupied with the forming our teeth; after the change of teeth, it can then act to form itself. At that time conceptualization, our ability to picture our thoughts, in a sense pulls back from the physical body and becomes something independent in the soul. Later, from the change of teeth until puberty, although this can sometimes be seen earlier, it is what we call the will that withdraws from the entirety of the child and becomes localized in the larynx, in the organs of speech. Just as the imaginative life withdraws and becomes an independent part of the soul, in the same way around the age of fourteen or fifteen the element of will localizes and concentrates in what becomes speech and its associated organs. The transformation a boy’s larynx undergoes is where the will culminates. We will speak more about the corresponding phenomenon in girls.

[ 30 ] Mit anderen Worten, wenn man so geisteswissenschaftlich die Dinge betrachtet, so hören Vorstellung und Wille auf, solche Abstraktionen zu sein, wie sie gewöhnlich sind. Von diesen Abstraktionen aus kann man allerdings nicht die Brücke hinüberziehen zu ganz anders geartetem Leiblichem. Lernt man aber wirklich beobachten, und lernt man namentlich erkennen, wie ganz anders die Wesenheit eines Kindes ist, bei der man sieht, wie die Lippenlaute anders angeeignet sind als die Gaumenlaute, und anders als die Kehllaute und so weiter, dann lernt man auf diese Dinge hinschauen, dann lernt man erkennen, wie das Vorstellen in den ersten sieben Lebensjahren im Leibe arbeitet. Man lernt erkennen die äußere physische Offenbarung eines Geistig-Seelischen, und man lernt erkennen das Sich-Lokalisieren der Willensnatur in der Kehlkopfnatur, man lernt beobachten das Hineinschießen des Willens in die menschliche Sprache. Wille wird entwickelt, und Vorstellen wird nicht mehr Abstraktion, sondern wird etwas, was wir an den realen Vorgängen des Lebens beobachten. So wie wir beobachten die Fallkraft, die Schwerkraft an dem vom Berge herabstürzenden Wasser, wie wir die Schnelligkeit des Wassers beobachten an der Schwerkraft und ihren Widerständen, so lernen wir erkennen, wie sich das Leibliche von Woche zu Woche entwickelt gerade aus dem GeistigSeelischen heraus, wenn wir erst beobachten lernen dieses SeelischGeistige in seinem Arbeiten im Leiblichen darinnen.

[ 30 ] In other words, if we look at things from a spiritual-scientific perspective, conceptualization and will cease to be so abstract. We cannot, of course, form a connection between these abstractions and a quite differently formed body. If, however, we learn to observe and recognize how very different the nature of a child is, where we see how the child speaks quite differently with the lips than with the gums and the throaty sounds are quite different also, we can recognize how the forces of conceptualization work in the physical body during the first seven years of life. We can recognize the external, physical revelation of a spirit-soul aspect and to recognize that the will is localized in the larynx. We can learn to observe how will enters human speech. The will is thus developed and conceptualization is no longer abstract, but something we can observe in the real processes of life. In much the same way, we observe gravity in water falling from the mountains and see the speed of the flowing water in the weight of the water meeting its resistances. Thus we can learn to recognize how the body develops from the spirit-soul week by week when we first learn to observe that spirit-soul in its work upon the body.

[ 31 ] Sehen Sie in dem, was ich sage, einfach eine Anleitung, das Werden des Menschen so zu beobachten; eine Anleitung dazu, wirklich hineinschauen zu können in das, was im werdenden Menschen vor sich geht. Das ist die etwas unbequemere, komplizierte Art, wie Geisteswissenschaft von der menschlichen Wesenheit spricht — gegenüber der heutigen Naturwissenschaft, die eben einfach nicht berücksichtigt, daß dieser Mensch ein wunderbares Wesen ist, das zusammenzieht aus der ganzen Welt die Gesetzmäßigkeit, das in sich selber wiederum eine Welt, eine kleine Welt gegenüber der großen Welt enthält. Wenn wir sagen: Der Mensch besteht aus dem physischen Leib, er besteht außerdem noch aus dem Ätherleib — so bedeutet das: Du sollst beobachten lernen, wie du nicht bloß an dem Leichnam oder dergleichen äußerlich naturwissenschaftlich anatomisch, physiologisch verfolgen sollst, wie sich die körperliche Entwickelung in den ersten kindlichen Jahren bis zum siebenten Jahre hin gestaltet, sondern du sollst beobachten lernen, wie es ein Seelisch-Geistiges ist, und dieses Seelisch-Geistige, ob man es nun Ätherleib nennt oder wie man es nennen will, im Leiblichen arbeitet. Denn dadurch lernt man erkennen, wie es erst am Leibesgestalten arbeitet im Zahnbilden, das aus dem ganzen Leibe heraus kommt, und dann arbeitet in dem Grunde der Vorstellungen, so daß sie bleibend werden können, diese Vorstellungen. Und so können wir sagen: Beim Zahnwechsel wird eigentlich der Ätherleib erst geboren; bis zum Zahnwechsel wirkt er noch im physischen Leib drinnen; da gestaltet er dasjenige, was im Zahnwechsel kulminiert. Dann wird er frei und arbeitet in der Bildung von Vorstellungen, die erinnerungsmäßig bleiben können. Und später sprechen wir von dem selbständigen Ich, das vorzugsweise im Willen konzentriert ist, das sich aber auch in dem Werden der Sprache, in dem richtig geschauten Werden der Sprache ankündigt. Wir reden davon, daß der Wille erkannt wird, wenn man ihn nun nicht einfach bloß seelisch vergleicht mit dem Vorstellen, sondern wenn man ihm ansieht, wie er tätig ist an der Sprachbildung als an etwas ganz Konkretem. Wir erkennen in dieser Willensbildung die Ich-EntwickeJung, die man für sich verfolgen muß, und mitten drinnen sehen wir dasjenige, was zwischen Ätherleib und Ich liegt, was gerade in der Sprache zum Ausdrucke kommt, was besonders beachtet werden muß in den ersten Volksschuljahren in der pädagogischen Kunst.

[ 31 ] In what I have just said, you can see guidelines for observing the development of the human being. Spiritual science speaks of human nature in a somewhat difficult and complicated way. You can contrast that with modern science, which simply does not take into account the fact that the human being is a wonderful being that draws into itself the rhythms of the entire world, that is an entire world in itself, that holds within itself a microcosm corresponding to a macrocosm. If I say the human being consists of a physical body and also an etheric body, that means you should learn to observe how the physical body develops during the first seven years of childhood. But you should learn this not only on corpses—not only anatomically or physiologically. You should learn to observe how human beings are soul-spirit and how this soul-spirit, whether we call it an etheric body or something else, acts upon the physical body. In that way you can learn to recognize how it forms the physical body by forming the teeth that arise out of the entire body, and then how it works upon its conceptualizations so that they can remain. Thus we can say that at the time of the change of teeth, the etheric body is born. Until the change of teeth, it is still active in the physical body and forms what culminates in the change of teeth. Then it becomes free and works upon the formation of concepts that can remain in memory. Later we speak of an independent I primarily concentrated in the will but which we can perceive in the development of speech when we look in the proper way. We can recognize the will if we do not simply compare it with conceptualization, but instead see it in its activities in the development of speech, that is, in a concrete form. In that development of will, we recognize the development of the I, which needs to be followed further. But we see something lying between the etheric body and the I that is expressed through speech. This is particularly important to observe educationally in the early years of elementary school.

[ 32 ] Wir sehen da, was das eigentlich Seelische des Menschen ist. Es lebt im werdenden Kinde so, daß, wenn das Kind nun zur Volksschule kommt und gerade unter dem Einflusse der Kräfte des Zahnwechsels steht, das Intellektuelle noch gar nicht herauskommt; aber das Willensartige schießt während der Volksschulzeit von Woche zu Woche, von Monat zu Monat in das Leibliche hinein, in dem es sich lokalisiert. Weiß man dies, so wird man im Volksschullehrplan dasjenige drinnen haben, was in der richtigen Richtung liegt, so daß es dieses Hineingestalten des Willens in den Intellekt fördert. Wenn man so versteht, was Wille, was Intellekt ist, und auch beobachten kann, wie bei manchem Kinde von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr der Wille, der sich lokalisiert im Sprechen, der Intellekt, der sich zurückgezogen hat in das Geistig-Seelische, zusammenwirken, erst dann versteht man, was man da zur leiblichen und seelischen Erziehung und zum Unterricht des Kindes tun muß; erst dann betrachtet man die Pädagogik als Kunst und erkennt, wie man erst das Material, die Menschennatur, verstehen muß. Wie der Bildhauer Ton oder Erz hat und dieses bearbeiten muß, wie man die Farben und so weiter bearbeiten muß, so muß der pädagogische Künstler verstehen, wie man den Willen hineinarbeitet in den Intellekt, wie man wirkt, um die richtige Ineinanderfügung, die richtige künstlerische plastische Gestaltung des Intellektes, der sich bis zum 7. Jahre geboren hat, durch den Willen vorzunehmen, der sich unter den Händen des Volksschullehrers entwickelt bis zur Geschlechtsreife hin.

[ 32 ] There we see the actual soul aspect of the human being. When the child begins elementary school and is still under the influences of the forces involved in the change of teeth, the intellectual aspect is not yet present. However, by becoming more localized, the will aspect becomes from week to week and from month to month more enclosed in the body during the period of elementary school. If you know that, you will include in the elementary school curriculum those things lying in the proper direction to support the development of the will in the intellect. If you understand what will and intellect are, and can observe how from month to month and from year to year the will becomes localized in the child’s speech, and the intellect that has withdrawn into the spirit-soul; if you understand how these interact, you will understand what you must do in teaching the children for their physical and soul upbringing. Then you will consider education an art and will recognize that you first need to understand the material, human nature. Just as a sculptor has clay and works with it the way a painter works with colors, so must an artist in education understand how to work the will into the intellect. A pedagogical artist must understand how to act in order to create the proper interpenetration, the proper artistic form, of the intellect that was born at the age of seven, and how to approach the will that is to develop through the hands of the elementary school teacher until puberty.

Fragenbeantwortung

Discussion Following Lecture One

[ 33 ] Es ist ja sehr natürlich, daß bei einem solchen Vortragskursus in einem ersten Vortrage nicht alles gesagt werden kann, daß sich manches, was in der Einleitung nur angedeutet ist, gerade in der Folge derselben ergeben wird, und daß daher auch solche Fragen gestellt werden können, die in den folgenden Vorträgen aus dem Zusammenhange heraus zur Beantwortung kommen. Dennoch möchte ich bitten, daß schon heute Fragen gestellt werden. Sie könnten das ja auch so machen, daß die Fragen aufgeschrieben werden, und dann ist es möglich, die folgenden Vorträge so zu halten, daß die Fragen im Laufe des Kursus im Zusammenhange dann beantwortet werden. Also es ist durchaus nicht unnötig oder überflüssig, solche Fragen auch heute oder besonders morgen, wo man sich einiges überlegt hat, zu stellen.

[ 33 ] It is not possible to say everything in the first lecture, and I mentioned many things only as a sort of introduction; later I will present them in more detail. Therefore there may be some questions that I will answer in their full context in subsequent lectures. Nevertheless I would like to ask if you have any questions today. Perhaps you can write your questions down, and I will attempt to answer them in later lectures. That way I can answer them within the full context. It is not at all superfluous to pose such questions today, or perhaps, even better, tomorrow, after you have had some time to think.

[ 34 ] Es liegt nun bereits eine schriftliche Frage hier vor, mit der Bitte um eine Andeutung, wie ein einseitig für Mathematik und Naturwissenschaft begabter Knabe, im dritten Lebensalter, also nach der Geschlechtsreife stehend, der gar keine Begabung für fremde Sprachen hat, behandelt werden kann.

[ 34 ] I have a written question here asking how to handle a boy in the third developmental stage of childhood, that is, after puberty, who is one-sidedly gifted in mathematics and the natural sciences, but who has absolutely no talent for foreign languages.

[ 35 ] Nun, das ist allerdings gerade eine solche Frage, die mit sehr vielem, das ich ausführlich behandeln werde, zusammenhängt. In den nächsten Vorträgen werde ich ausführlich behandeln diese besonderen spezialisierten Begabungen und werde auch zeigen, wie man solche spezialisierten Begabungen nach der einen Seite in den Dienst der Gesamtentwickelung des Menschen stellen kann, auf der anderen Seite aber sie harmonisieren kann, dadurch, daß man in einer Weise gerade pädagogisch vorgeht. Also im einzelnen wird darüber schon viel gesprochen werden in der nächsten Zeit. Aber ich möchte, um dem Fragesteller gegenüber nicht ganz unhöflich zu sein, das Folgende darüber sagen.

[ 35 ] That question is related to a great deal that I will discuss in detail later. In the next lectures, I will discuss these special but one-sided talents and show how you can place them in the service of developing the entire human being. I will also show how you can harmonize them by proceeding in a particular way pedagogically. Nevertheless I would like to say something about it now.

[ 36 ] Die einseitige Begabung der Knaben - sie ist in seltener Weise auch bei Mädchen vorhanden, aber da ist sie ja so selten, daß die Betreffenden in der Regel sogar ausführlich Biographien, die man studieren kann, bekommen, weil sie dann berühmte Mathematiker werden -, diese einseitige Begabung für Mathematik und Naturwissenschaften, die beruht im wesentlichen darauf, daß ein scheinbar recht unbedeutendes Organ des Menschen fein ausgebildet ist. Vielleicht wissen die meisten von Ihnen, daß in solchen Familien, wie zum Beispiel in der Familie der Bernoulli, durch acht Generationen hindurch einzelne Mitglieder der Familie ganz besonders begabt waren für Mathematik. Andererseits, nicht wahr, weiß man ja auch, daß in der Familie der Bach eine ganze Menge großer und kleiner Bache und Bächlein waren, die allerbegabtest in musikalischer Beziehung waren. Bei solcher Begabung für Mathematik und für die mathematische Gestaltung der Naturwissenschaft — manchmal sind gerade physikalisch und mathematisch sehr gut begabte Knaben nicht geeignet für die Beobachtung, sagen wir zum Beispiel in der Botanik oder in der Zoologie, sie sind manchmal gute Kristallographen zugleich, aber sie sind nicht sehr begabt für die Beobachtung der eigentlichen physikalischen Eigenschaften der Mineralien, das alles kann man in den verschiedensten Nuancierungen erleben -, da ist ganz besonders stark ausgebildet ein scheinbar unbeträchtliches Organ, nämlich die sogenannten drei halbzirkelförmigen Kanäle in dem menschlichen Hörorgan. Diese drei aufeinander senkrecht stehenden kleinen Gehörknöchelchen, die können beim Menschen so gestimmt sein, daß sie ein sehr ausgeprägtes Raum- und Zahlengefühl mit sich führen, oder aber, daß das weniger der Fall ist, so daß also diese Begabung besonders damit zusammenhängt. Nun aber, wenn der menschliche Organismus nach dieser einzelnen Lokalität hin wenn ich mich so ausdrücken darf — besonders ausgebildet ist, so bedingt das, daß herausgeholt ist diese besondere Begabung aus dem eigentlichen Gehörorgan. Nämlich im Gehörorgan, in der Totalität des Gehörorgans sind zusammengefügt die eigentlichen Organe für das Hören, die wiederum einen inneren Zusammenhang haben mit den Organen des Sprechens, und die Organe für den Gleichgewichts- und Zahlensinn. Diese sind gewissermaßen zusammengeschweißt. Ist der Mensch einseitig nach den Gehörsknöchelchen hin ausgebildet, die in den drei halbzirkelförmigen Kanälen zutage treten, so geht diese Begabung auf Kosten der anderen Begabung für das Hören der Sprachlaute und so weiter, und namentlich für das Hören des Sprachaufbaues. Diese Begabung ist zu kurz gekommen, und die Folge davon ist, daß dann gerade solche mathematisch gut begabten Kinder weniger sprachbegabt sind. Da hilft dann nichts anderes, als daß man versucht, gewissermaßen früher anzufangen gerade bei solchen Kindern, sobald man bemerkt, daß die mathematische Begabung zu stark nach der Einseitigkeit hinspielen könnte, mit dem Sprechenlernen es so zu halten, daß man möglichst, ohne auf das Intellektuelle einen starken Wert zu legen, also möglichst ohne auf den grammatikalischen Satzbau und dergleichen einen starken Wert zu legen, das Sprechenlernen heranzuerziehen an der rhythmischen Sprache. Wenn man versucht, solche Kinder auswendig lernen zu lassen, ohne daß sie besonders auf den Inhalt eingehen, sondern nur Freude am Rhythmus der Sprache haben, Gedichte in der fremden Sprache, kleine Gedichte auswendig lernen zu lassen und dann erst dasjenige, was sie zuvor bloß lautlich aufgenommen haben, umzusetzen in das Verstehen, also das Verstehen aus dem zu holen, was sie schon in sich tragen, dann erfährt man, daß sie in der Tat, wenn man nur früh genug beginnt, die Einseitigkeit überwinden können. Es ist überhaupt notwendig, wie wir in den folgenden Vorträgen sehen werden — wir haben in der Waldorfschule in Stuttgart durchaus zu dieser Praxis gegriffen -, es ist durchaus notwendig, gerade um das siebente, achte Lebensjahr nicht von einer intellektuellen Erziehung auszugehen, sondern von einer mehr ins Künstlerische hineingehenden Erziehung. So daß man zum Beispiel nicht das Schreiben auf intellektuelle Weise beibringt aus den Buchstabenformen heraus, sondern beibringt nach und nach aus einer Art primitiven Zeichnens. Man entwickelt dadurch mehr den Willen als den Intellekt, während man beim heutigen Schreiben zu stark zum Intellekt spricht, und dadurch nimmt man den ganzen Menschen in Anspruch. Dadurch werden einzelne einseitige Begabungen in einer gewissen Weise ausgeglichen. So also ist das zu erreichen.

[ 36 ] There are some girls who have this kind of talent, but it happens so seldom that you can often find complete biographies of these women because they then became famous mathematicians. The one-sided talent for mathematics and natural sciences that we find in boys is generally based upon the fact that an organ that appears quite unimportant is very subtly developed in these young men. Perhaps some of you are aware of such families as the Bernoulli family,1 in which individual members of the family were particularly gifted in mathematics over a period of eight generations. In another famous case, we have the Bach family, which produced a large number of “little Bachs” who were extremely talented with regard to music. I should also mention that there are many boys who are highly talented with regard to the physical and mathematical sciences, but whom we cannot observe so well because their talents lie more in the direction of botany and zoology. At the same time, they are also highly talented in the area of mineralogy, but are not particularly gifted in observing the physical characteristics of minerals. Such things can take on many different nuances. In these boys, the three semicircular canals in the human ear are particularly well developed. It may be that these three tiny vertical bones within the human ear are so arranged that they bring with them a highly developed sense of space and numbers. In other cases, they are much less well developed. These talents are connected with that development. If the human organism is particularly well developed in that way, a special talent arises out of the ear. Within the organ of hearing are all the organs necessary for hearing, but these are further connected with the organs for speaking, for balance, and for a sense of numbers. In a certain sense, they all meld together. If these small bones that appear as three semicircular canals within the ear are one-sidedly developed within a person, then that development occurs at the cost of the development for hearing the sounds in speech and so forth, namely, for hearing the proper structure of language. This weakens the talent for hearing language, with the result that particularly those children who are very gifted in mathematics have less talent in language. The only thing we can do with such children is to begin teaching them language as soon as we notice that they are particularly gifted in mathematics. We teach them language without placing a strong value upon the intellectual aspect, that is, upon grammar. Rather we teach them language through the rhythm of the language itself. If you have the children memorize things without going into the actual content, but so that they simply enjoy the rhythm of the foreign language in short poems, then teach them the content through the sounds and what the sounds carry within them, you will see, if you begin this early enough, that these children will overcome this one-sidedness. As we have shown in practice at the Waldorf School in Stuttgart, it is absolutely necessary to avoid beginning with an intellectually oriented education when children are seven or eight. Instead we need to work from the more artistic aspect. We do not teach writing in an intellectual way, by working with the forms of the letters. Instead we teach it by beginning with a kind of primitive drawing. In that way, we develop the will more than the intellect, whereas the common way of teaching writing today speaks too strongly to the intellect. Thus we attempt to engage the entire human being. In that way, the individual one-sided talents balance out.

[ 37 ] Wenn nun auch gefragt wird, wie das Gedächtnis für das orthographische Wortbild zu wecken ist, so glaube ich - ich werde auch darüber noch in den nächsten Vorträgen viel sprechen -, daß dazu notwendig ist eine gute Beobachtung der Verschiedenheit der menschlichen Kräfte in den drei aufeinanderfolgenden Lebensepochen bis zum Zahnwechsel, bis zur Geschlechtsreife, dann über die Geschlechtsreife hinaus bis in das 20. Lebensjahr hinein. Man muß einen Beobachtungssinn für diese drei Lebensepochen in der Verschiedenheit ihrer spezifischen Lebenskräfte entwickeln. Man wird nämlich merken - ich glaube über diese Sache ganz besonders sachgemäß sprechen zu können aus Gründen heraus, die Sie vielleicht zwischen den Zeilen dessen, was ich sagen werde, merken werden -, man kann merken, daß Leute, welche bis zu ihrem fünfzehnten Lebensjahr gar keinen Sinn haben für das orthographische und namentlich grammatikalische Wortbild oder Satzbild, für ihre Muttersprache nicht einmal, geschweige denn für eine fremde Sprache, daß sie, wenn man sie so behandelt, daß man sie auf das Rhythmische, Taktmäßige hinweist, dann wie aus Untergründen der Seele nach dem fünfzehnten Jahre das von selbst nachholen. Es ist deshalb wirklich recht unangemessen, zu großen Wert darauf zu legen, wenn man Kinder, bei denen man sonst eine gute Begabung bemerkt, zurückläßt aus dem Grunde, weil sie etwa für orthographische Wortbildung oder für Grammatikalisches oder dergleichen nun keine besondere Begabung zeigen. Studieren Sie, was Goethe zusammengeschrieben hat in seiner Knabenzeit und wie er mit wenigem auf ganz intimem Fuße mit der Grammatik und namentlich auch mit der Orthographie gestanden hat, als er schon ziemlich erwachsen war, so werden Sie doch ein sehr anderes Urteil gewinnen, als man sehr häufig hat, wenn man sieht, daß nun ein Bube oder Mädchen, das schon dreizehn Jahre alt geworden ist, noch nicht einmal orthographisch schreiben kann. Anstatt immer zu bedauern, sie können nicht orthographisch schreiben, und immerfort zu fragen: Was soll man denn tun, damit sie nun orthographisch schreiben lernen? — wäre es viel günstiger, darüber nachzudenken: Wo stecken denn eigentlich die wirklichen Fähigkeiten, wenn sie nicht da drinnen sind? — und aufzusuchen gerade das Gebiet, wo die wirklichen Fähigkeiten stecken, um dann auf irgendeine Weise die Brücke zu finden, um eventuell auch dasjenige noch hineinzubringen, was in solche Leute hineingebracht werden muß.

[ 37 ] If you ask how to awaken the memory for correct spelling, my answer would be that you need to observe the differences in human strengths during the three periods of human life, that is, until the change of teeth, until puberty, and then after puberty until the age of twenty. You need to develop a sense for observing these three periods of life and the differences in the specific forces of life that develop. Then you will notice that people who, until the age of fifteen, have absolutely no sense of correct spelling or correct grammar will develop it if they are treated in the way I just mentioned. If you draw their attention to the rhythm of the language, they will develop this sense out of the depths of their souls after the age of fifteen. This is why it would be totally inappropriate to keep children who have well-developed talents from progressing through the grades simply because they do not demonstrate any particular talent for grammar. If you look at what Goethe wrote as a young boy and then see that when he was older, he stood in a very exclusive group with regard to grammar, you will think about him very differently than the way people usually think about a boy or girl who cannot spell properly at the age of thirteen or so. Instead of wringing our hands about how poorly such children spell and continually asking what we should do to teach them to spell, it would be much better to think about what capacities the children actually have, seek out those special talents, and then find a way to teach the children what they need to learn from those talents.

[ 38 ] Sie werden immer sehen, wenn Sie bei einseitig mathematisch begabten Kindern stark das künstlerische Element betonen in der Erziehung, daß sich das immer ausgleichen wird.

[ 38 ] You will see that if you emphasize the artistic element when teaching children who are one-sidedly gifted in mathematics, you will always achieve a balance.