Knowledge of the Human Being
and Lesson Planning
GA 302
14 June 1921, Stuttgart
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Education for Adolescents, tr. Hoffmann
Dritter Vortrag
Lecture Three
[ 1 ] Heute möchte ich sprechen über einige Anpassungen des im Unterricht Behandelten an das Leben des kindlichen Menschen. Es ist ja zweifellos, daß ein Unterricht und eine Erziehung, die nicht auf einer wirklichen Erkenntnis des Menschen fußen, gerade diese Anpassung desjenigen, was man behandelt, an die menschliche Lebenswirklichkeit, durchaus nicht zustande bringen können. Heute anerkennt man praktisch im Grunde genommen den geistigen Teil der menschlichen Wesenheit nicht; man ist sich eigentlich nur bewußt, daß der Mensch einen physischen Leib hat. Vielleicht noch gibt man zu, daß irgend etwas Seelisches, das einem aber in größter Unbestimmtheit vorschwebt, diesen physischen Leib dirigiert, aber an eine wirkliche innere Konkretheit des Seelischen und Geistigen denkt man nicht. Das ist ja das gerade, was Anthroposophie in die Menschenerkenntnis hineinbringen soll. Dadurch aber wird es erst möglich sein, in ganz bewußter Weise den Unterricht und die Erziehung an die menschlichen Lebensvorgänge anzupassen.
[ 1 ] In today’s lecture we shall consider how the content of a lesson may be adapted to the life of the children. There can be no doubt whatsoever that an education that is not based on a true understanding of the human being cannot possibly succeed in adapting the content of a lesson to the reality of human life. The spiritual aspect of the human being is not recognized today; it is really only the physical body that is considered. There are some, perhaps, who admit to something of a soul nature that, in a vague way, influences the physical body. But even they do not consider the inner concrete nature of soul and spirit. It is exactly this consideration that anthroposophy is to contribute toward an understanding of the human being. It is only this that will, in a conscious way, make the adaptation of our lessons to the human life processes possible.
[ 2 ] Nehmen Sie nur einmal, was sich Ihnen durch ein leichtes Nachdenken ergeben kann, nehmen Sie an, das Kind hört von Ihnen irgendeine Erzählung, oder es sieht irgend etwas, das Sie ihm auf der Tafel zeigen oder dadurch, daß Sie ihm meinetwillen ein physikalisches Experiment vormachen, oder aber Sie kommen in die Lage, dem Kinde irgend etwas Musikalisches vorzuspielen oder dergleichen. Sie stehen ja zunächst mit alledem in einem Verhältnis zu der äußeren physischen Wirklichkeit des betreffenden Kindes. Aber dasjenige, was Sie da in das Kind hineinversetzen auf dem Umweg durch die physische Wirklichkeit durch das Auge, durch das Ohr, durch den Verstand, der das begreift, was Sie ihm beibringen, dasjenige, was da in das Kind hineinversetzt wird, das macht sehr bald eine ganz andere Daseinsform durch. Das Kind geht aus der Schule, schläft; sein Ich und sein astralischer Leib sind im Schlafe außerhalb des physischen Leibes und des Ätherleibes. Dasjenige, was Sie da mit dem Kinde vollbracht haben auf dem Umweg durch den physischen Leib, auch den Ätherleib meinetwillen, das setzt sich fort im astralischen Leib und im Ich. Diese beiden letzteren sind aber während des Schlafes in einer ganz anderen Umgebung. Sie machen etwas durch, was sie nur während des Schlafes durchmachen, und dasjenige, was Sie dem Kinde beigebracht haben, macht die Sache mit; macht sie mit eben in denjenigen Wirkungen, die in dem astralischen Leib und dem Ich geblieben sind. Sie müssen daran denken, daß Sie dasjenige, was Sie dem Kinde auf dem Umweg durch das Physische beibringen, hineinleiten in den astralischen Leib, in das Ich; und daß Sie dadurch eine Wirkung ausüben auf die Art und Weise, wie das Kind vom Einschlafen bis zum Aufwachen lebt, und daß Ihnen am nächsten Tag das Kind dasjenige mitbringt, was es da zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen durchgemacht hat.
[ 2 ] Let us assume—it will not be difficult to imagine it—that the children are listening to a story you tell them, or that they are looking at a picture you drew for them on the blackboard, or that they are looking at a diagram of an experiment, or that they are listening to a piece of music you play for them. In each of these activities you are initially in a relation to the outer physical reality of the children. But what you are inserting into the children in a roundabout way through the physical reality—be it through the eyes, the ears, or the comprehending intellect—everything that is thus placed into the children very soon assumes a quite different form of life. The children go home, they go to bed, they go to sleep; their egos and astral bodies are outside their etheric and physical bodies. What you did with the children in this roundabout way through the physical body and also the etheric body continues in the astral body and the ego. But the latter two are now, during sleep, in a quite different environment. They experience something that can only be experienced during sleep, and everything you taught the children participates in the experience. The effects of the lesson that remain in the astral body and ego are part of the experience during sleep. You must know that you let flow into the astral body and ego what you teach the children through this detour of the physical body and that you thus affect the children’s sleep experience. The children will present to you on the following morning the results of what they experience between falling asleep and waking.
[ 3 ] Sie können sich das an einem einfachen Beispiel klarmachen. Nehmen Sie den Fall, das Kind eurythmisiert oder singt. Da ist der physische Leib des Kindes selber in Betätigung, und dieser physische Leib und der Ätherleib, die in Betätigung sind, drängen dem astralischen Leib und dem Ich dasjenige auf, was in ihrer Tätigkeit liegt. Astralischer Leib und Ich müssen dasjenige mitmachen, was Tätigkeit ist des physischen Leibes und des Ätherleibes. Das Weitere ist, daß sich astralischer Leib und Ich eigentlich wehren gegen dieses Mitmachen, sie haben eigentlich andere Kräfte in sich. Die müssen in einer gewissen Weise überwunden werden. Sie wehren sich, sie müssen sich dem anbequemen, was ihnen da von außen beigebracht wird durch ihre eigene Leiblichkeit — beim Eurythmisieren mehr durch den physischen Leib, beim Anhören von Instrumental-Musikalischem durch den Ätherleib. Nun kommen Ich und astralischer Leib in die Welt, die der Mensch zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen durchlebt; da vibriert alles dasjenige nach, was dem astralischen Leib und dem Ich aufgedrängt worden ist. Da machen in der Weise, die eben vom astralischen Leib und Ich durchlebt wird, also in einer viel ausgebreiteteren und vergeistigten Weise der astralische Leib und das Ich nach, was sie da eurythmisiert und nachher musikalisch erlebt haben; sie machen das alles nach. Was sie da erlebt haben zwischen Einschlafen und Aufwachen, das bringen die Kinder am Morgen wiederum mit, wenn sie in die Schule kommen; das haben sie in ihren physischen und ihren Ätherleib hineingetragen, und wir haben damit zu rechnen.
[ 3 ] A simple example will clarify this for you. Let us think of a child who is doing eurythmy or singing. The physical body is active, and the active physical body and the etheric body impress this activity on the astral body and ego. The ego and astral body are forced into participating in the movements of the physical and etheric bodies. But they resist, because actually they have other forces to concentrate on. These forces must now, in a way, be subdued. And although the ego and astral body resist, they must accept what their own physical and etheric bodies mediate to them—in eurythmy it is more the physical body; in listening to a piece of music, it is more the etheric body. Ego and astral body then enter the world we live in between falling asleep and waking up. Everything that has been impressed on them continues during sleep to vibrate in them. Ego and astral body actually repeat—in the more intricate and spiritualized way peculiar to their nature—what they experienced in eurythmy and music. They repeat all of it. And what they thus experience during sleep, this the children take with them to school on the following day. The children incorporate the experience into their etheric and physical bodies, and we have to reckon with that.
[ 4 ] Wenn wir den Menschen in seiner Totalität betrachten, dann erscheint er uns eben als ein außerordentlich kompliziertes Gebilde, das wir bewältigen müssen im Unterrichten und Erziehen. Nun, wenn wir mehr ins einzelne gehen, so können wir etwa sagen: Nehmen wir das eurythmisierende Kind, der physische Leib ist in Bewegung, die Bewegungen des physischen Leibes übertragen sich auf den Ätherleib. Der astralische Leib und das Ich wehren sich zunächst, und ihnen wird in einer gewissen Weise dasjenige eingeprägt, was an Betätigung des physischen Leibes und des Ätherleibes stattfindet. Sie gehen dann hinaus während des Schlafes und sie bringen dasjenige, was ihnen da eingeprägt worden ist, mit ganz anderen geistigen Kräften in Verbindung. Am Morgen tragen sie es wiederum in den physischen Leib und in den Ätherleib zurück. Und es ist dann ein merkwürdiges Zusammenstimmen desjenigen, was zwischen Einschlafen und Aufwachen aus dem Geistigen aufgenommen worden ist und demjenigen, was physischer Leib und Ätherleib im Eurythmisieren durchgemacht haben. Die Wirkung zeigt sich in der Art, daß die geistigen Erlebnisse, die zwischen dem Einschlafen und Aufwachen durchgemacht worden sind, mit demjenigen zusammenpassen, was am vorigen Tage vorbereitet und durchgemacht worden ist. Und erst in diesem Hineinkommen zeigt sich eine besonders gesundheitlich wirkende Kraft, die in diesem Eurythmisieren liegt. Es wird tatsächlich, ich möchte sagen, geistige Substantialität beim nächsten Aufwachen in den Menschen hineingetragen, wenn in dieser Weise Eurythmie gepflegt wird. Und in einer ganz ähnlichen Weise ist es zum Beispiel beim Singen. Wenn wir Gesang mit dem Kinde üben, so ist das Wesentliche, was an Tätigkeit entfaltet wird, eine Tätigkeit des Ätherleibes. Der astralische Leib muß sich ihm stark anpassen. Er wehrt sich zunächst, trägt das dann hinaus in die geistige Welt. Er kommt wiederum zurück und da äußert sich wiederum eine gesundheitlich wirkende Kraft. Wir können sagen: Beim Eurythmisieren äußert sich mehr eine wirklich das körperliche Befinden gesundende Kraft für das Kind; beim Singen äußert sich eine Kraft, welche mehr auf den Bewegungsapparat im Menschen wirkt und dadurch von den Bewegungen aus wiederum zurück wirkt auf die Gesundheit des physischen Körpers.
[ 4 ] Considered in totality, the human being presents an extraordinarily complicated structure for us to come to terms with in our lessons. Let us now take a closer look at these processes. Let us consider a child who is doing eurythmy. The physical body is in movement, and the movements of the physical are transferred to the etheric body. Astral body and ego initially resist, but the activities of the physical and etheric bodies are impressed on them. Astral body and ego then separate during sleep and connect the impressions to spiritual forces that are quite different. On the following morning astral body and ego return the impressions to the etheric and physical bodies. We can then see a remarkable harmony between that which was received from the spiritual world during sleep and what the etheric and physical bodies experienced during eurythmy. The effect shows itself in the way the sleep experiences adjust to what was prepared and carried out on the previous day. It is only in this complementing of the physical/etheric by the spiritual that we can see the special healing element of eurythmy. Indeed, spiritual substantiality is brought to the human being upon awakening in the morning after a day including eurythmy. It is similar in singing. When we let a child sing, the essential activity is that of the etheric body. The astral body must strongly adapt to this activity and, again, initially resists before taking it into the spiritual world. The astral body returns, and what it brings back again expresses itself in effectively healing forces. We may say that in eurythmy we have a force that mainly affects the health of the child’s physical body, while in singing a force expresses itself that mainly affects the child’s mechanism of movement and, through movements, then again the health of the physical body.
[ 5 ] Man kann diese Dinge in der Erziehung außerordentlich gut benützen. Würde man zum Beispiel die Dinge so einrichten können ich rede ja da von einem Ideal, aber diesem Ideal kann man sich doch im Lehrkörper nähern -, würde man die Dinge so einrichten, daß wir zum Beispiel eines Nachmittags Eurythmie machen, diese Eurythmie geistig ausleben lassen durch die Nacht; am nächsten Tage treiben wir mit dem Kinde mehr Turnerisches in dem Sinn, wie ich das gestern erwähnt habe: dann dringt das so in den Körper ein, daß das Turnen gewissermaßen gesundend wirkt, so daß man sehr viel durch dieses Abwechseln von Eurythmisieren und Turnen erreichen könnte. Und wiederum sehr viel könnte man zum Beispiel dadurch erreichen, daß man in der Lage wäre, durch das Vorhandensein aller Bedingungen, die Kinder an einem Tag singen zu lassen. Sie tragen dann dasjenige, was sie im Singen erlebt haben, beim Schlafen in die geistige Welt hinein. Am nächsten Tag treibt man mit ihnen Instrumentalmusik ; also man betreibt mehr das Anhören, nicht die eigene Betätigung. Dann äußert sich wiederum in außerordentlich gesunder Weise dasjenige, was da am Vortag getrieben worden ist durch jene Befestigung, die im Anhören der Instrumentalmusik vom Menschen geleistet wird. Sie sehen, wenn man alle idealen Anforderungen erfüllen könnte durch das Vorhandensein der Bedingungen, so würde man durch jene Gliederung des Unterrichtes, der sich den Lebensbedingungen anpaßt, in einer ganz unermeßlichen Art gesundend auf das Kind wirken können. Wir wollen in diesen Dingen noch viel weiter gehen.
[ 5 ] We can make very good use of these connections in education. If we organize our curriculum—this is an ideal, but the teachers could at least try to come close to it—so that the eurythmy lesson is given in the afternoon, it will be allowed to continue its life during the following night. On the next day, we can teach a physical education lesson in the way I outlined yesterday. The experience then penetrates the body in such a way that the movements made in physical education have a healing effect. Much can be achieved by this alternation of eurythmy and physical education. Or again, much can be achieved on any one day when we let the children sing. They take this experience into the spiritual world during sleep. On the following day we let them listen to music—we let them listen to rather than make music. What was done on the previous day is then consolidated in the listening to music—an extraordinary healing process. You can see that under ideal conditions—that is, a curriculum structured to adapt to the conditions of life—we can affect the children’s health in an extraordinary way. We shall do still far more in this regard.
[ 6 ] Nehmen wir zum Beispiel den Physikunterricht. Wir experimentieren mit dem Kinde. Sie brauchen sich nur das zu vergegenwärtigen, was ich gestern gesagt habe, daß ja der Mensch eigentlich nur mit dem Kopfe vorstellt, daß der rhythmische Mensch es ist, der urteilt, und daß der Gliedmaßen-Stoffwechselmensch es ist, der seine Schlüsse zieht, namentlich daß mit den Beinen und Füßen geschlossen wird, Schlüsse gezogen werden. Wenn Sie sich das vergegenwärtigen, und wenn Sie sich den Wahrnehmungsakt als solchen vergegenwärtigen, dann werden Sie sich sagen: das Willensmäßige, dasjenige, was man so aus sich heraus tut, wahrzunehmen, das hängt sehr tief mit dem Schlüsseziehen zusammen, nicht mit dem bloßen Vorstellen. Wenn ich meinen eigenen Leib sehe, so ist der Leib selbst ein Schluß. Die Vorstellung ist nur vorhanden, indem ich die Augen auf den Leib richte, aber indem ich nun eine bestimmte halbbewußte, unterbewußte Prozedur ausführe, trage ich mir urteilsmäßig die Dinge zusammen, die das Ganze erleben lassen, zusammenfassend in dem Satz: Also ist dieses ein Leib. — Das ist aber schon die Wahrnehmung eines Schlusses. Indem ich wahrnehme, verständig wahrnehme, bilde ich mir lauter Schlüsse. Da ist der ganze Mensch drinnen in diesen Schlüssen. Und das ist der Fall, indem ich experimentiere; denn ich habe fortwährend zu tun mit einer Aufnahme durch den ganzen Menschen. Da gehen fortwährend in den Aufnahmeprozeß Schlüsse ein. Die Urteile werden gewöhnlich gar nicht wahrgenommen, die sind sehr im Inneren, so daß wir sagen können: der ganze Mensch wird in Anspruch genommen, solange wir experimentieren.
[ 6 ] Let us take the physics lesson as another example. We make an experiment. Remember what I said yesterday: Our thinking, our mental pictures, are head processes, while it is the rhythmic human being who judges, and the metabolic human being who draws conclusions. It is especially our legs and feet that draw conclusions. If you keep this in mind, if you think of the processes of perception in this way, you will tell yourselves that everything connected with the will, everything we produce out of ourselves during the process of perceiving, is deeply connected to the drawing of conclusions and not only to the forming of mental pictures or ideas. When I look at my body, then this body is itself a conclusion. The idea, the mental image, arises only because I am looking at my body, but in carrying out a definite half-conscious or unconscious procedure, I synthesize the parts in a way, akin to the forming of judgments, that allows me to experience the totality. I then express the experience in the sentence: This is my body. But this is already the perception of a conclusion. As I perceive, perceive intelligently, I am drawing conclusions. And the whole of the human being is within these conclusions. This is so during an experiment, because in experimenting the whole of the human being is active, receiving information. Conclusions are continuously drawn during the process. Judgments are generally not perceived; they are predominantly inner processes. We may thus say that the whole of the human being is occupied during an experiment.
[ 7 ] Nun, damit aber tun wir eigentlich in erzieherischer Weise den Kindern noch nicht etwas sehr Gutes, daß wir experimentieren. Das Kind wird sich vielleicht zwar interessieren für das Experimentieren, aber der Mensch als solcher ist in seiner normalen Organisation zu schwach, um immer als ganzer Mensch angestrengt zu werden. Das geht gar nicht. Es ist immer etwas zuviel, wenn ich den Menschen als ganzen Menschen angestrengt sein lasse. Der Mensch kommt immer zu stark außer sich, wenn ich ihm vorexperimentiere, oder sein Augenmerk auf die Außenwelt lenke. Das eigentlich Bedeutsame beim Unterrichten und Erziehen besteht darinnen, daß man die drei Glieder des dreigliedrigen Menschen wirklich berücksichtigt, jedes zu seinem Recht kommen läßt, und sie aber auch zu ihrer entsprechenden Wechselwirkung kommen läßt.
[ 7 ] From an educational point of view, children do not really benefit much at all from such experiments. They may be interested in what they see, but their normal organization as human beings is as such not strong enough for them to exert themselves continuously in every part of their being. That is not possible. I always ask too much of them when I ask them to exert themselves totally. The children always get too far outside themselves when I ask them to observe an experiment or something in the environment. The important aspect in education consists in really paying attention to the three parts of the threefold human being—in allowing each part to receive its due, but also in getting all to the point where they can correspondingly interact.
[ 8 ] Nun denken Sie sich: ich experimentiere zunächst. Da strenge ich den ganzen Menschen an. Das ist zunächst viel. Nun lenke ich die Aufmerksamkeit der Kinder ab von den Geräten, die da stehen, mit denen ich experimentiert habe, und ich gehe das ganze noch einmal durch. Indem ich an die Erinnerung des unmittelbar Erlebten appelliere, gehe ich das ganze noch einmal durch. Wenn man so etwas durchgeht, wenn man es gleichsam rekapituliert, es Revue passieren läßt, ohne daß die Anschauung da ist, dann wird besonders das rhythmische System des Menschen belebt. Nachdem ich den ganzen Menschen beansprucht habe, beanspruche ich sein rhythmisches System und sein Kopfsystem; denn natürlich betätige ich auch das Kopfsystem, wenn ich dieses rekapituliere. So kann ich die Stunde zu Ende gehen lassen. Ich habe zunächst den ganzen Menschen betätigt, dann vorzugsweise sein rhythmisches System, und jetzt lasse ich ihn nach Hause gehen. Nun schläft er. Indem er nun schläft, lebt dasjenige, was ich zuerst im ganzen Menschen, dann im rhythmischen System betätigt habe, in den Gliedmaßen weiter, wenn astralischer Leib und Ich heraußen sind.
[ 8 ] Let us return to the physics lesson. I make an experiment. The whole of the human being is occupied, is asked to make an effort. This is quite enough to begin with. I then draw the children’s attention away from the instruments I experimented with and repeat the various stages. Here I am appealing to their memory of the direct experience. During such a review or recapitulation—without the presence of the apparati, purely in the mind—the rhythmic system is especially enlivened. After having engrossed the whole of the human being, I now appeal to the rhythmic system, and to the head system, because the head naturally participates during recapitulation. The lesson can then be concluded. After first having occupied the whole of the human being, then mainly the rhythmic system, I dismiss the children. They go to bed and sleep. What I activated in the whole of their being, then in their rhythmic system, now during sleep continues to live in their limbs when astral body and ego are outside the body.
[ 9 ] Wir wollen jetzt unser Augenmerk auf dasjenige richten, was im Bette bleibt, was weiterklingen läßt, was ich mit dem Kinde durchgenommen habe. Dann strömt gewissermaßen das Ganze, was da im ganzen Menschen sich ausgebildet hat, und dasjenige, was im rhythmischen System sich ausgebildet hat, das strömt in den Kopfmenschen herauf. Davon bilden sich Bilder im Kopfmenschen. Die findet der Mensch dann vor, wenn er am nächsten Morgen aufwacht und zur Schule kommt. Es ist tatsächlich so: wenn die Kinder am nächsten Tag in die Schule kommen, haben sie, ohne daß sie es wissen, im Kopf die Bilder dessen, was ich gestern experimentiert habe, und was ich dann wiederholt habe, recht bildlich wiederholt habe, so daß alles als Bild im Kopfe ist. Ich kriege die Kinder am nächsten Morgen mit Photographien im Kopf von dem, was ich gestern experimentiert habe; so kommen die Kinder.
[ 9 ] Let us now regard what remains lying on the bed, what allows the content of the lesson to keep on working. Everything that has developed in the rhythmic system and the whole of the human being now streams upward into the head. Pictures of these experiences now form themselves in the head. And it is these pictures that the children find on waking up and going to school. Indeed, it is so. When the children arrive at school on the following morning they have, without knowing it, pictures of the previous day’s experiments in their heads, as well as pictures of what—in as imaginative a way as possible—I repeated, recapitulated after the experiment. The children I then confront have photographs of the previous day’s experiment in their heads.
[ 10 ] Nun, am nächsten Tage kann ich mehr reflektierend, betrachtend mich ergehen über dasjenige, was ich am letzten Tag experimentiert und rein erzählend wiederholt habe, mehr für die Phantasie wiederholt habe. Ich ergehe mich jetzt in Betrachtungen darüber. Da komme ich dem Bewußtwerden der Bilder, die bewußt werden sollen, entgegen. Also ich gebe eine Physikstunde, ich experimentiere, ich wiederhole vor den Kindern dasjenige, was geschehen ist; am nächsten Tag, da stelle ich die Betrachtungen an, die dazu führen, daß das Kind die Gesetze kennenlernt von dem, was da vor sich gegangen ist. Ich führe es mehr zum Denkerischen, Vorstellungsmäßigen der Sache, und ich zwinge die Kinder nicht, daß diese Bilder, diese Photographien, die sie mir mitbringen, ein wesenloses Dasein führen. Denken Sie, wenn ich zunächst die Kinder bekomme mit den Photographien im Kopf, von denen sie nichts wissen, und neuerdings wiederum darauflos experimentiere, ohne Nahrung zu geben durch eine Betrachtung, die ich anstelle, dann strenge ich wiederum den ganzen Menschen an. Diese Anstrengung durchwühlt den ganzen Menschen, durchwühlt diese Bilder, und ich bringe eine Art von Chaos in diese Schädel hinein. Ich muß unter allen Umständen zuerst dasjenige befestigen, was ja da sein will. Ich muß ihm Nahrung geben. Auf diese Weise komme ich dazu, solch einen Unterricht einzurichten. Ich richte ihn so ein, daß er sich dann den Lebensvorgängen anpaßt.
[ 10 ] And I shall now reflect on yesterday’s lesson in a contemplative way. Yesterday I experimented, and in reviewing the experiment I then appealed to the children’s imagination. In today’s lesson I add the contemplative element. In doing so, I not only meet the pictures in the children’s heads, but also help to bring the pictures into their consciousness. Remember the progression: I teach a physics lesson, make an experiment, then recapitulate the stages of the experiment without the apparatus. On the following day, we discuss the previous experiment, contemplate it, reflect on it. The children are to learn the inherent laws. The cognitive element, thinking, is now employed. I do not force the children to have mere pictures in their heads, pictures they have brought with them from sleep, pictures without substance, without meaning. Just imagine the children coming to school with these pictures in their heads, of which they have no knowledge. If I were to immediately start with a new experiment, without first nourishing them with the cognitive, contemplative element, I would again occupy the whole of their being, and the effort they would have to make would stir up these pictures; I would create chaos in their heads. No, above all, what I must do first is consolidate what wishes to be there, provide nourishment. These sequences are important; they adapt to, are in tune with, the life processes.
[ 11 ] Nehmen wir an, ich erteile Geschichtsunterricht. Wenn ich Geschichtsunterricht erteile, werde ich genötigt sein, ja nicht äußerlich dem Kinde die Tatsachen vorzuführen; das fällt alles gewissermaßen weg. Ich muß es künstlich so einrichten, daß die Anpassung wiederum nunmehr an die Lebensvorgänge geschieht. Das kann ich in der folgenden Weise erreichen: Ich erzähle zunächst heute den Kindern die bloßen Tatsachen, die Tatsachen, die sich äußerlich im Raum und in der Zeit abspielen. Das packt wiederum den ganzen Menschen, wie das Experiment den ganzen Menschen packt, weil der Mensch genötigt ist, räumlich vorzustellen. Man soll darauf sehen, daß er räumlich vorstellt, daß er gewissermaßen so etwas, was ich ihm erzähle, kontinuierlich im Geiste sieht; auch zeitlich soll er vorstellen. Wenn ich dies gemacht habe, dann versuche ich, daran zu knüpfen ein wenig etwas über die Personen, die vorgekommen sind, oder auch über die Ereignisse, die vorgekommen sind, aber nicht indem ich tatsächlich erzähle, sondern anfange zu charakterisieren; also indem ich die Aufmerksamkeit auf dasjenige hinlenke, was ich zuerst hingestellt habe, aber jetzt etwas charakterisiere. Nachdem ich diese zwei Etappen gemacht habe, habe ich zuerst den ganzen Menschen angestrengt, und indem ich charakterisiert habe, habe ich gerade den rhythmischen Menschen angestrengt. Jetzt entlasse ich das Kind. Morgen empfange ich es. Da bringt es mir wieder die geistigen Photographien des am vorigen Tage Mitgemachten im Kopfe. Ich komme ihm entgegen, wenn ich so anknüpfe, daß ich jetzt mehr Betrachtungen darüber anstelle, zum Beispiel darüber, ob Mithradates oder Alkibiades ein anständiger Mensch war oder nicht, also mehr Betrachtliches. Ich muß dabei an dem einen Tag das mehr objektive Charakterisierende, am anderen Tag das Urteilende, Betrachtende darstellen, dann wirke ich dahin, daß sich die drei Glieder des dreigliedrigen Menschen tatsächlich in der richtigen Weise ineinander einfügen.
[ 11 ] Let us take another example, a history lesson. In the teaching of history there is no apparatus, no experiment. I must find a way of again adapting the lesson to the life processes, and I can do this as follows. I give the children the mere facts that occur in space and time. The whole being is again addressed just as during an experiment, because the children are called upon to make themselves a mental picture of space. We should see to it that they do this, that they see what we tell them, in their minds. They should also have a mental picture of the corresponding time. When I have brought this about, I shall try to add details about the people and events—not in a narrative way, but merely by characterization. I now describe and draw the children’s attention to what they heard in the first part of the lesson. In the first part, I occupied their whole being; in the second, it is the rhythmic part of their being that must make an effort. I then dismiss them. When they return on the following day they again have the spiritual photographs of the previous day’s lesson in their heads. I connect today’s lesson with them by a reflective, contemplative approach—for example, a discussion on whether Alcibiades or Mithradates was a decent or an immoral person. When I make an objective, characterizing approach on the first day, followed on the next day by reflection, by judgments, I shall allow the three parts of the threefold human being to interact, to harmonize in the right way.
[ 12 ] Das sind solche Dinge, die Ihnen zeigen, was man eigentlich leisten kann, wenn man den gesamten Unterricht gliedert, wenn man ihn also wirklich den Lebensverhältnissen anpaßt. Das kann natürlich niemals anders richtig werden, als wenn der Lehrplan so gestaltet ist, wie er bei uns gestaltet ist, daß man wirklich eine längere Zeit hindurch denselben Gegenstand behandelt. Ich möchte wissen, wie man es machen sollte, wenn an einem Tag Physik ist in der ersten Stunde und am nächsten Tag Religion. Da möchte ich wissen, wie man da Rücksicht nehmen sollte auf dasjenige, was da geblieben ist. Natürlich ist es sehr schwierig, den gesamten Unterricht in dieser Weise zu gestalten, aber wenigstens nähern kann man sich einer solchen Gestaltung des Unterrichts. Und wenn Sie unseren Lehrplan durchdenken, werden Sie überall finden, daß diese Annäherung wenigstens versucht worden ist.
[ 12 ] These examples show what can be done if the lessons are properly structured, if they are adapted to life conditions. The structuring and adaptation are only possible in our curriculum, which allows the teaching of a subject for several weeks. They are not possible in the traditional schedule, wherein physics is taught on one day and, perhaps, religion on the next. How could one thus consider what the children bring with them? It is difficult, of course, to structure all the lessons in this way, but one can at least come close to doing so. And by taking a good look at our schedule, you will see that we have attempted to make that possible.
[ 13 ] Nun ist es ja auch nötig, daß man wirklich alle Zusammenhänge recht gut ins Auge faßt. Wenn Sie an das sich erinnern, was ich gestern gesagt habe, daß der ganze Mensch eigentlich der Logiker ist, nicht nur der Kopf, so werden Sie die Bedeutung der reinen Geschicklichkeitsarbeiten auch in der entsprechenden Weise würdigen lernen. Es war durchaus nicht bloß eine Schrulle, als die Forderung aufgetaucht ist, bei uns sollen die Knaben auch stricken und so weiter. In dieser Betätigung der Hände drückt sich, bildet sich dasjenige aus, was tatsächlich die Urteilsfähigkeit um Wesentliches erhöht. Diese Urteilsfähigkeit wird am wenigsten ausgebildet beim Menschen, wenn man ihn logische Übungen machen läßt. Diese logischen Übungen sind eigentlich gar nicht geeignet, die Urteilsfähigkeit des Menschen auszubilden. Wenn man ihn Subjekt und Prädikat verbinden läßt, in dieser Weise logische Übungen machen läßt, trägt man gar nichts dazu bei, daß er urteilsfähiger wird. Höchstens trägt man etwas dazu bei, daß seine Urteilsfähigkeit starr wird. Er wird so ein Mensch, der im späteren Leben eigentlich immer nur nach einem Schema urteilen kann. Wenn man zuviel solche gedankliche Übungen macht, erzieht man den Menschen zu einem schematischen Menschen. Außerdem hat dieses Urteilüben keine andere Folge, als daß zuviel Salz abgelagert wird und der Mensch durchsalzt wird. Er neigt dann allzuleicht zu Schweißbildung, die wir allzugut bemerken können, wenn wir Kinder zu stark urteilsfähig anstrengen. Dann schwitzen sie in der Nacht zuviel. Das ist überhaupt so: wenn wir richtig geistig sein wollen, ohne daß wir wissen, daß das Physisch-Leibliche der reine Ausdruck des Geistigen ist, wenn wir zu stark einseitig geistig sein wollen, so behandeln wir zumeist den Leib, und zwar zumeist in falscher Weise. Die Pädagogik, wie die Herbartsche Pädagogik, die vorzugsweise von einer Behandlung des Vorstellungsvermögens ausgeht, hat im Effekt das Ruinieren des menschlichen Leibes. Und das muß man als Erziehender und Unterrichtender durchaus wissen.
[ 13 ] It is furthermore also important to have an overview of all these connections. If you remember what I said yesterday—that it is not only the head but the whole human being who is a logician—you will learn to appreciate the significance of activities that require skills. It really was not a mere whim on our part when we introduced knitting also for boys. The faculty of judgment is indeed essentially enhanced by this activity of the hands. It is least developed through mere logical exercises. Logical exercises actually do very little for the development of the faculty of judging, of forming opinions. By connecting predicate to subject we contribute nothing to that faculty. What we actually do in that instance is make the faculty of judgment rigid. Children so exercised will grow into adults who can only judge according to patterns or schemes. Too many intellectual exercises result in schematic individuals. Another result of such exercises is too much salt deposit; the human being is permeated by salt and tends toward perspiring. We can easily observe this in children whose judgments have been unduly taxed: they perspire too much during the night. Indeed, it is true. When we are too strongly and one-sidedly intellectual/spiritual—without knowing that the physical/corporeal is the pure expression of the spiritual—we usually affect the body, and mostly in the wrong way. Herbart’s education, as well as that of others—education that is predominantly based on developing the faculty of forming mental images and ideas—results in the destruction of the body. It is important for teachers to know this.
[ 14 ] Sie können das im Zusammenhang mit anderen Erscheinungen des Lebens bemerken. Nicht wahr, nach einer gewissen Anschauung, die gewiß ihre tiefe Berechtigung hat, muß jeder anständige Mensch eine Predigt anhören. Dasjenige, was er da in der Predigt zumeist hört, das ist ja etwas sehr, sehr Abstraktes, und man sucht sogar darin den Menschen recht vom Leben abzulenken und ihn im Anhören der Predigt in höhere Regionen zu versetzen. Die Predigt wird so gehalten, daß der Mensch sich erbauen soll und so weiter. Alles das hat ganz gewiß natürlich seine Berechtigung, aber man muß doch verstehen, was in der Realität eigentlich durch die jetzigen Predigten geschieht, gerade durch diejenigen, die sich recht abstrakt halten, die durch Leute gehalten werden, die nichts von Naturzusammenhängen gelernt haben, so daß hinter ihren Gedanken gar nichts von Naturzusammenhängen ist, von Leuten, die nicht einmal eine Freude an den Naturerscheinungen haben. Nehmen wir an, die Menschen gehen zu solchen Predigten, die recht lebensfremd sind. Heute werden viele solche Predigten gehalten, die ganz lebensfremd sind. Die Leute hören sie sich an, und es wird eigentlich eine zunächst äußerlich gar nicht bemerkbare Krankheit in den Menschen bewirkt. Physisch werden die Menschen in einem gewissen leisen Grade, der äußerlich nicht bemerkbar ist, krank. Die Wirkung der meisten Predigten ist, daß kleine Krankheiten gezüchtet werden, so daß der Mensch also ein paar Stunden nach der Predigt einen Krankheitsprozeß durchmacht. Dieser Krankheitsprozeß verursacht einem einen Schmerz, der nicht gerade ganz über die Schwelle des Bewußtseins heraufkommt, aber von dem Menschen doch halbbewußt oder einviertelbewußt erlebt wird. Das aber bringt es dahin, daß der Mensch sich so recht in seinem elenden Leibe fühlt. Aber das kann doch nicht sein, die Predigt hat ihn doch erhoben in geistigere Regionen. Das kann doch nicht sein, daß er sich durch sie in seinem kranken Leibe fühlt. Dann interpretiert er sich dieses Elendfühlen und wird zerknirscht, fühlt sich so recht als Sünder. Das ist die Interpretation der Krankheit, die auf die Predigt folgt. Es ist sogar etwas, was mit einem gewissen unbewußten Raffinement durchaus beabsichtigt sein kann, denn man erreicht ja natürlich, daß sich die Menschen als Sünder fühlen.
[ 14 ] You can see the significance of what I have told you in other areas of life. Every decent human being is supposed to listen to sermons in church. This is certainly a good tradition. The usual sermons are rather abstract. In fact, the preacher is trying to direct his congregation from everyday life to higher regions. They are to be edified and so on. It is all quite justified. Still we must understand what is actually happening during today’s sermons, preached by people who are living in abstractions, who are ignorant of the connections in nature, whose thoughts do not contain such connections, who in fact do not even enjoy natural phenomena. Let us now assume that the faithful attend such sermons that are not connected to everyday life. There are many such sermons nowadays. The faithful listen. Initially we do not notice anything amiss. But they do get physically ill, albeit only to a slight degree that is outwardly not noticeable. The effect of such sermons is the breeding of slight illnesses. A few hours after such a sermon, the listeners are subjected to the processes of an illness. The pain is consciously experienced to only a half or even a quarter degree. The inevitable effect is the feeling of one’s miserable body. But surely the cause cannot possibly be in the sermon that has raised one to higher, more spiritual regions! One then analyzes one’s feelings, becomes contrite, and realizes: I am a sinner. This is the interpretation of the illness that follows a sermon. And this—making the congregation experience themselves as sinners—may even have been intended by a certain unconscious shrewdness on the part of the sermonizer.
[ 15 ] Nun, ich führe das an als eine Erscheinung, die ganz allgemein ist im heutigen Leben; sie hängt mit all den anderen Niedergangserscheinungen zusammen. Ich führe das aus dem Grund an, damit Sie sehen, daß ein falsches Betreiben des Geistigen nicht aufs Geistige wirkt, sondern gerade auf das Leibliche, und zwar in ganz konkreter Weise auf das Leibliche wirkt; und damit Sie daraus auch sehen, daß wir unsere Kinder nur so erziehen und unterrichten sollen, daß wir immer wissen, wie der Zusammenklang des Geistigen mit dem Leiblichen eigentlich ist.
[ 15 ] This phenomenon, quite general in our time, is connected with the other phenomena of decadence. I have mentioned it in order to show you that a wrong preoccupation with the spirit does not affect the spirit but rather the body, and quite concretely; I have mentioned the phenomenon so that you may understand that we ought to educate our children from a knowledge of this accord of the spirit with the physical body.
[ 16 ] Sehen Sie, da wirken manchmal merkwürdige Dinge; sie werden nicht beobachtet und sie gehören doch zu den kulturgeschichtlich allerwichtigsten Dingen. Wir haben eine Zeit gehabt, so im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, da ist der Geographieunterricht gegenüber dem Geschichtsunterricht eigentlich in den Lehrplänen etwas zurückgedrängt worden. Man hat ja auch immer die Geographie bei den Lehrbefähigungsprüfungen an irgend etwas angehängt. Sie ist weniger berücksichtigt worden. Entweder der Geschichtslehrer bekam sie angehängt, oder in gewissen Gegenden wurde sie an den Naturgeschichtsunterricht angehängt. Die Geographie ist tatsächlich eine Zeitlang zurückgedrängt worden. Nun bedenken Sie dasjenige, was ich Ihnen da durch das kleine Galgenmännchen an die Tafel gezeichnet habe. Wenn wir den Menschen, der schließt, den Menschen, der also sich betätigt, sehen, wie er drinnensteht in der ganzen Welt, nicht sich herauslöst durch den Kopf aus der Welt, wenn wir diesen Menschen uns vergegenwärtigen, so ist er eigentlich ohne den Raum gar nicht denkbar. Der Raum gehört zu diesem Menschen dazu. Er ist ein Glied in der räumlichen Welt, insofern er ein Beine- und Füßemensch ist. Und wenn wir das räumlich betrachten, dann ist es in gewisser Weise für unseren astralischen Leib ein Sich-auf-die-Beine-Stellen, wenn wir Geographie mit dem Kinde treiben. Es wird tatsächlich der astralische Leib unten mächtiger und dichter. Wir treiben das Räumliche, und wir verdichten daher das Geistig-Seelische des Menschen nach dem Boden hin. Mit anderen Worten: Wir bringen den Menschen zu einer gewissen Festigung in sich gerade dadurch, daß wir recht anschaulich das Geographische betreiben, aber diese Geographie so betreiben, daß wir immer das Bewußtsein hervorrufen, daß der Niagara nicht an der Elbe liegt, sondern daß wir immer das Bewußtsein hervorrufen: wieviel Raum liegt zwischen Elbe und Niagara.
[ 16 ] Sometimes curious events are not noticed, although they greatly influence the whole of our cultural life. During the last third of the nineteenth century less attention was given to the teaching of geography. The subject of geography played an ever diminishing role in teachers colleges. It was given an unimportant place in the curriculum, to be taught as a secondary subject by either the teacher of history or the teacher of the natural sciences. But take another good look at our diagram of the human being on the blackboard. When we see the human as a being who draws conclusions, who is placed within the world and does not separate from it through the head, we cannot think of him or her without the surrounding space. Space is part of the human being. Insofar as we have feet and legs, we are a part of the world of space. And the teaching of geography is, spatially considered, for the astral body a “being-put-on-itslegs.” The astral body actually grows denser and thicker lower down. We teach about space and in so doing increase the density of spirit and soul in the lower astral body, toward the ground. In other words, we consolidate, we bring about a certain firmness in the human being when we teach geography in an imaginative way—always stressing the reality of space, making the children conscious of, for example, the distance between the River Thames and Niagara Falls.
[ 17 ] Wenn wir das wirklich anschaulich betreiben, dann stellen wir den Menschen in den Raum hinein, wir bilden insbesondere dasjenige in ihm aus, was ihm ein Weltinteresse beibringt, und das wird sich in der verschiedensten Weise in der Wirkung zeigen. Ein Mensch, mit dem wir verständig Geographie treiben, steht liebevoller seinem Nebenmenschen gegenüber als ein solcher, der nicht das Daneben-im-Raum erlernt. Er lernt das Danebenstehen neben den anderen Menschen; er berücksichtigt die anderen. Diese Dinge gehen stark in die moralische Bildung hinüber, und das Zurückdrängen der Geographie bedeutet nichts anderes als eine Aversion gegen die Nächstenliebe, die sich in unserem Zeitalter immer mehr und mehr zurückdrängen lassen mußte. Man merkt solche Zusammenhänge nicht, aber sie sind vorhanden. Denn es wirkt immer eine gewisse unterbewußte Vernunft oder Unvernunft in den Erscheinungen des Zivilisationslebens.
[ 17 ] If we teach geography clearly and graphically, we place the human being within space, and we especially cultivate an interest in the whole world. The effects will be seen in various ways. Individuals taught geography in this way will have a more loving relation with their fellow beings than those who have not learned about spatial relationships. They learn to take their place next to other human beings, learn to be considerate. These things strongly affect the moral life, whereas the neglect of geography results in an aversion to loving one’s fellow beings. Even a superficial observation will confirm this. The connections are there, even if they are not noticed. Today’s unhappy cultural phenomena are the effects of such follies.
[ 18 ] Eine ganz andere Wirkung hat der Geschichtsunterricht, der auf das Zeitliche geht und den wir nur richtig betreiben, wenn wir das Zeitliche ordentlich berücksichtigen. Wenn wir eigentlich nur Bilder im Geschichtsunterricht geben, so berücksichtigen wir das Zeitliche zu wenig. Sehen Sie, wenn ich einem Kinde über Karl den Großen erzähle, so wie wenn das sein Oheim wäre, der jetzt noch lebt, so führe ich eigentlich das Kind irre. Ich muß stets, wenn ich über Karl den Großen erzähle, den zeitlichen Abstand gegenwärtig machen, ich muß das so machen, daß ich sage: Stelle dir vor, du bist jetzt ein kleiner Junge, du ergreifst die Hand deines Vaters. - Da kann er sich etwas vorstellen darunter. Jetzt mache ich ihm klar, wieviel älter der Vater ist und nun: der Vater ergreift die Hand seines Vaters, der wieder die Hand seines Großvaters und so weiter. So habe ich ihn um 60 Jahre hinaufgeleitet. Vom Großvater geht man weiter; und jetzt sage ich ihm: Stelle dir 30 hintereinander vor. — Ich habe ihm eine Reihe vorgestellt und klargemacht: Der 30. kann Karl der Große sein. —- Dadurch bekommt er ein zeitliches Distanzgefühl. Nicht isoliert die Dinge hinstellen, sondern dieses Distanzgefühl erfassen, das ist wichtig, wenn richtiger Geschichtsunterricht erteilt werden soll.
[ 18 ] The effects of the teaching of history are quite different. History is concerned with time. We only teach it correctly when we pay attention to this fact. If we merely concentrate on historical episodes, we do not consider the time element enough. If, for example, I speak about Charlemagne as though he were the children’s uncle who is still alive today, I give them a false picture. Whenever I speak of Charlemagne, I must give the children a clear and graphic experience of the distance in time. I can do this by saying: “Just imagine—you are a small child and you take your father’s hand.” The children will have no difficulty in imagining this. I now point out the difference between the child’s and the father’s ages. I continue: “Your father holds his father’s hand, then he your grandfather’s, and so on. Now imagine thirty people holding hands. The thirtieth could be Charlemagne.” In this way, the children get a feeling for the distance in time. It is important to teach history in this way—not placing isolated episodes next to each other but rather giving the children the feeling of distance in time.
[ 19 ] Es ist durchaus notwendig, daß man auf charakteristische Unterschiede hinweist, wenn man verschiedene Zeitepochen behandelt, damit die Kinder eine Vorstellung bekommen, wie sich die Zeitabschnitte voneinander unterscheiden. Es handelt sich darum, daß das Geschichtliche vorzugsweise in der Zeitvorstellung, in der Zeitanschauung lebt. Das aber wirkt stark auf das Innerliche im Menschen, regt die Innerlichkeit des Menschen an. Und wenn wir den Geschichtsunterricht so treiben, daß er nicht die richtige Stellung einnimmt, sondern daß er das Innerliche auch noch in einer zu stark interessierten Weise ergreift, indem man gerade die landeskundliche Geschichte immer wiederum und wiederum tradiert und die fernerliegenden Ereignisse weniger betrachtet, also wenn man dem Geschichtsunterricht eine falsche Stellung gibt, wenn man zu sehr auf gewisse Dinge, falschen Patriotismus und dergleichen den Geschichtsunterricht einrichtet — ich glaube, die Beispiele werden Ihnen nicht allzuferne liegen -, dann wirkt man insbesondere auf das Eigensinnigwerden des Inneren, auf das Launischwerden des Inneren. Das ist eine Nebenwirkung. Und vor allen Dingen macht man dadurch die Menschen abgeneigt, den Welterscheinungen gegenüber objektiv zu sein. Und das ist ja das große Übel in unserer Zeit. Das nicht gehörige Treiben der Geographie und das Treiben eines falschen Geschichtsunterrichtes im Verlauf dieses Zeitalters hat viel von dem bewirkt, was die große Krankheit unseres Zeitalters ist. Und wahrscheinlich werden Sie selber zurückdenken können, was Ihnen in der Geschichte zugemutet worden ist, und Sie werden daraus ersehen, wie schwer es Ihnen wird, mancher Erscheinung gegenüber zurechtzukommen.
[ 19 ] It really is important to point out the characteristic differences [in consciousness—translator] when we deal with specific epochs in history, so that the children can have an idea of them. What matters is that historical events are seen to be living within the framework of time. Seeing historical events in this way strongly affects our inner life. If, on the other hand, we teach history in a way that ignores the time element and also takes hold of the inner life too strongly—that is, if we concentrate on recent local history at the expense of events in the distant past, if (as it were) we put the emphasis in our lessons on cultivating a wrong patriotism (you will easily think of many such instances)—then we shall greatly engender obstinacy and willfulness of the inner life and a tendency toward moodiness. These are side effects, which will, above all, make people reluctant to observe world events objectively. And this is so terrible today. Neglecting geography and taking the wrong approach to history have greatly contributed to the serious illnesses of our time. You yourselves will admit to the problems you have in facing many a situation now, problems resulting from the way you were taught history in school.
[ 20 ] Das sind so Beispiele, welche zeigen, wie der Unterricht und die Erziehung gehen müssen, wenn an die Lebensbedingungen, an die Lebensimpulse selbst in gesunder Art angeknüpft werden soll. Wir können einfach nicht so unterrichten, daß wir bloß hinschauen darauf, mit irgendeinem Stoff fertig zu werden, sondern wir müssen vor allen Dingen die Lebensbedingungen des Menschen in leiblicher, seelischer und in geistiger Beziehung im Auge haben. Der Mensch muß uns gewissermaßen immer vor Augen stehen. Und er muß uns so vor Augen stehen, daß wir ihn selber auch als ein Ganzes überblicken, insofern er ja ein Wesen ist, das auch zwischen Einschlafen und Aufwachen sehr stark mitarbeitet. Wenn wir nämlich gar nicht Rücksicht nehmen darauf, daß der Mensch auch schläft — und der heutige Unterricht tut das ausnahmslos, er denkt gar nicht daran, daß der Mensch auch schläft, höchstens hygienisch — und daß da im Menschen in irgendeiner Weise dasjenige fortarbeitet, was man im Unterricht tut, dann hat das eine ganz bestimmte Wirkung: man macht den Menschen dadurch, daß man nicht Rücksicht nimmt darauf, daß etwas in der Nacht aus ihm heraußen ist, zum Automaten.
[ 20 ] The examples I have given you will illustrate the path our teaching must take if it is to connect to life conditions, to life impulses, in a healthy way. We cannot be satisfied simply with mediating facts; we must, above all, be aware of the life conditions of the human being in the physical, soul, and spiritual connections. We must always see the human being before us; and we must see the human being in his or her totality, as a being who is also extremely active during sleep. If we ignore this sleep activity—and this is ignored in today’s education, apart from the hygienic aspects of sleep—if we ignore the fact that the content of our lessons continues into sleep, develops further during sleep, we will have the quite definite effect of making the human being into a robot, an automaton.
[ 21 ] Und tatsächlich könnte man sagen: In vieler Beziehung ist heute unsere Erziehung und unser Unterricht nicht eine Erziehung und ein Unterricht zur Menschlichkeit, sondern zu dem auffälligsten Typus des menschlichen Automaten, der durch den Assessorismus gegeben ist. Es wird heute im wesentlichen auf den Assessorismus hin erzogen. Der Assessorismus besteht im wesentlichen darinnen, daß der Mensch nicht mehr Mensch ist, sondern ein Abschluß, eine bestimmte Existenz. Man hat den Menschen vor sich, und es ist einerlei, ob es der A oder B ist, wenn sie beide Assessor oder Referendar sind. Es ist einerlei, ob es der A oder B, der X, Y oder Z ist.
[ 21 ] We could, indeed, venture to say that today’s education is in many respects an education not toward humanness but toward the most obvious type of human automaton—namely, the bureaucrat. Our children are trained to become bureaucrats. Such people are no longer really human. They are fixed, they have an existence, they are finished. The human being is lost, is concealed behind the label. We have an appointment with an officer, be it a clerk or barrister, and it matters little who the actual person behind the label is.
[ 22 ] Das beruht darauf, daß man bei der Erziehung nur auf den wachen Menschen Rücksicht genommen hat; weil man überhaupt das Geistige geleugnet hat und dadurch nichts sieht zwischen dem Einschlafen und Aufwachen. Es ist das in der neueren Philosophie so erschreckend hervorgetreten bei Descartes und Bergson, indem diese Philosophen behaupten, das Ich sei das Kontinuierliche im Menschen, man soll nur immer auf dieses hinschauen, im Ich erfasse man die Realität. Ich möchte bloß die Leute ernsthaft darauf hinweisen, daß sie dann aufhören zu sein, wenn sie anfangen einzuschlafen, und erst wieder anfangen zu sein, wenn sie aufwachen; denn das Ich wird nicht erfaßt in der Zeit zwischen Einschlafen und Aufwachen. Es tritt da zurück, so daß eigentlich die Cartesiussche und Bergsonsche Seinsformel nicht lauten muß: Ich denke, also bin ich -, sondern; Ich habe gedacht am 2. Juni 1867 von 6 Uhr morgens bis 8 Uhr abends, also war ich in dieser Zeit; dann habe ich gedacht am nächsten Tag von 6 Uhr früh bis 8 Uhr abends, also war ich in dieser Zeit. - So kommt man dazu, daß das Sein sehr kompliziert würde. Man müßte das Dazwischenliegende auslassen. Daran denken aber die Leute nicht, weil sie es im Ernste nur mit allerlei Ideen und Abstraktionen zu tun haben wollen und nicht mit Realitäten, die der menschlichen Wesenheit zugrunde liegen.
[ 22 ] Such is the result of only paying attention to daytime consciousness in education, of denying the spiritual element, of not considering the activities during sleep. We see this tendency in a frightening way in modern philosophy. Descartes and Bergson assert that the ego constitutes the continuity of the human being, that in the ego we can grasp the reality. I would like to point out to such people that they then cease to exist as soon as they fall asleep, that they always begin life anew on waking up. The dictum “I think, therefore I am” should really be changed to: “On June 2, 1867, I was from 6 A.M. to 8 P.M., because I thought during that time. Then again I was from 6 A.M. to 8 P.M. on the following day.” Life would then become rather complicated. What lies between 8 P.M. and 6 A.M. would have to be excluded. But this is not considered, because such people prefer all sorts of ideas and abstractions to the realities at the basis of the human being.
[ 23 ] Im Unterricht, da muß man es mit Realitäten zu tun haben, dann wird man wiederum Menschen erziehen. Wir brauchen uns nicht zu kümmern, daß dann die richtigen Einrichtungen erstehen, sondern die Menschen, die als Menschen erzogen worden sind, werden sie sich machen. Hier liegt aber dasjenige, was einem erst zum tiefen Verständnis bringen kann, daß das Geistesleben ein selbständiges und unabhängiges sein muß. Es kann nur Menschen erziehen, wenn es lediglich auf die Menschenerziehung hinwirkt und die Einrichtungen erst denkt als Folge dieser Menschenerziehung, die nicht der Staat erst macht. Daher kann das Geistesleben nicht ein Anhängsel des Staates oder der Wirtschaft sein, sondern es muß sich dieses Geistesleben durchaus aus sich selbst heraus entwickeln.
[ 23 ] But we must deal with these realities in our education. Doing so will allow us to educate human beings again. Doing so we need not then worry about establishing the right social or economic conditions. People who have been educated as human beings will see to them. Clearly, cultural life must be autonomous and independent. We can educate human beings only when concentrating on their human aspects, when we think about social change merely as a consequence of such an education—that is, not as having been made by the government. Cultural life must not be an appendix of the state or of economic life but must develop out of its very own sphere.
