Educational and Teaching Methods
based on anthroposophy
GA 304
27 February 1921, The Hague
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Educational and Teaching Methods, tr. SOL
2. Erziehungs-, Unterrichts- und praktische Lebensfragen vom Gesichtspunkte anthroposophischer Geisteswissenschaft
2. Questions of Education, Teaching, and Practical Life from the Perspective of Anthroposophical Spiritual Science
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Ich habe mir erlaubt, im letzten Vortrag hinzuweisen auf das eigentliche Wesen anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft. Ich habe darauf hingewiesen, wie innerhalb dieser Geisteswissenschaft nach Methoden gesucht worden ist, um so in eine übersinnliche Welt einzudringen, wie man durch seine Sinnesorgane und durch den die Ergebnisse dieser Sinnesorgane kombinierenden Verstand in die äußerliche, physisch-sinnliche Welt eindringt. Ich habe diese Methoden das letzte Mal geschildert und ich habe darauf aufmerksam gemacht, wie es außer der gewöhnlichen heutigen Wissenschaft eine andere Wissenschaft gibt, eine Wissenschaft mit geistigen Methoden, die den vollen Beweis liefert durch Anschauung und Erfahrung, daß uns “eine übersinnliche Welt ebenso umgibt, wie uns eine sinnliche Welt umgibt. Ich möchte nun auf ein Ergebnis nochmals hinweisen, das ich im letzten Vortrage schon herausgearbeitet habe, und das ja in einer gewissen Art die Grundlage bilden muß für das, was ich heute werde zu sagen haben.
[ 1 ] Ladies and gentlemen! In my last lecture, I took the liberty of pointing out the true nature of anthroposophically oriented Spiritual Science. I pointed out how, within the Spiritual Science, methods have been sought to penetrate the supersensible world in the same way that we penetrate the external, physical-sensory world through our sense organs and through the intellect, which synthesizes the results of these sense organs. I described these methods last time and drew attention to the fact that, apart from ordinary modern science, there is another science—a science employing spiritual methods—which provides full proof, through intuition and experience, that “a supersensible world surrounds us just as much as a sensory world does.” I would now like to draw attention once more to a conclusion that I already elaborated on in my last lecture, and which, in a certain sense, must form the foundation for what I will have to say today.
[ 2 ] Die hier gemeinte anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft steht in keinem Gegensatz zu dem, was naturwissenschaftliche Weltanschauung der letzten drei bis vier Jahrhunderte geworden ist. Sie ist, wie ich das letzte Mal hervorgehoben habe, im Gegensatz nur zu einer, nicht mit diesen naturwissenschaftlichen Ergebnissen rechnenden, für die heutige Zeit mehr oder weniger dilettantischen Weltanschauung geworden. Geisteswissenschaft will eine Fortsetzung sein des naturwissenschaftlichen Denkens. Nur kommt man durch diese geisteswissenschaftliche Fortsetzung dazu, eben diejenige Erkenntnis zu erringen, die den: bedeutsamsten Seelensehnsuchten des modernen Menschen entgegenkommt. Man kommt dazu, den Menschen wirklich kennenzulernen.
[ 2 ] The anthroposophically oriented Spiritual Science referred to here is in no way at odds with what the scientific worldview of the last three to four centuries has become. As I emphasized last time, it stands in contrast only to a worldview—one that does not take these scientific findings into account and has become, in today’s context, more or less amateurish. Spiritual Science aims to be a continuation of scientific thinking. It is only through this continuation in the form of Spiritual Science that one arrives at precisely the kind of insight that meets the most significant spiritual longings of modern human beings. One comes to truly know the human being.
[ 3 ] Gerade die von der Geisteswissenschaft voll anerkannte Naturwissenschaft der neueren Zeit hat uns in der Entwickelungslehre eine wunderbare Übersicht gebracht über die allmähliche Entfaltung der Organismen bis hinauf zum Menschen; allein zuletzt steht doch der Mensch nur wie der Schlußpunkt dieser Entwickelung da.
[ 3 ] Modern natural science, which is fully recognized by Spiritual Science, has provided us, through the theory of evolution, with a marvelous overview of the gradual development of organisms up to the human being; yet, in the end, the human being stands merely as the culmination of this development.
[ 4 ] Wir wissen innerhalb der Naturwissenschaft zu sagen: Ein Muskel, der in einer bestimmten Weise geformt ist, findet sich in der Tierreihe in dieser oder jener Form. Wir wissen: Der Mensch hat so und so viele Knochen; die Zahlen der Knochen stimmen überein mit denen der höheren Tiere. Wir gewöhnen uns, das Hervorgehen des ganzen Knochenbaus der höheren Tiere und des Menschen durch Entfaltung aus den niedrigeren zu erklären. Was aber der Mensch an sich trägt als Wesenheit, darüber kann man sich im Grunde keine Idee machen. Wer die Sache unbefangen durchschaut, muß das anerkennen. Man verfolgt die Naturerscheinungen und Naturwesen bis zum Menschen hinauf und sagt: So gliedert sich im Menschen dasjenige zusammen, was man in der übrigen Natur findet. Aber man kann nicht hinblicken auf die eigentliche Menschenwesenheit.
[ 4 ] In the natural sciences, we can say: A muscle shaped in a certain way is found in the animal kingdom in one form or another. We know that humans have a certain number of bones; the number of bones corresponds to that of higher animals. We have grown accustomed to explaining the emergence of the entire skeletal structure of higher animals and humans as a development from that of lower forms. But as for what the human being carries within as an essence, one cannot really form any conception of it. Anyone who looks at the matter impartially must acknowledge this. We trace natural phenomena and natural beings all the way up to human beings and say: What is found in the rest of nature is thus structured within the human being. But we cannot look into the actual human essence.
[ 5 ] Was wir so in der naturwissenschaftlichen Erkenntnis haben, wir haben es auf der anderen Seite, wahrhaftig als eine Folge derselben Kräfte, die auch in der Erkenntnis wirken, im praktischen Leben. Wir haben es wirkend in dem, was mit solcher Not, in solcher Rätselhaftigkeit das moderne Leben durchzieht; wir haben es vor uns in dem, was man gewöhnlich die soziale Frage nennt. Millionen und Millionen von Menschen, welche der proletarischen Welt angehören, die die alten, traditionellen Religionen und Weltanschauungsbekenntnisse verlassen haben, geben sich dem Glauben hin, daß das einzig Wirkliche nicht der Mensch sei mit seinem Seelenleben, sondern das einzig Wirkliche sei das materielle, in den Produktionsprozessen der äußeren Wirtschaftlichkeit bestehende Leben. Dasjenige, was die menschliche Seele hervorbringt als Sitte, Religion, Wissenschaft, Kunst, das sei weiter nichts als, wie man so sagt, ein Überbau, ein ideologischer Überbau auf einem rein materiellen und sogar wirtschaftlich-materiellen Unterbau; gewissermaßen eine Art Rauch, der von dem nur Materiell-Wirklichen aufsteigt. Auch da wird das eigentliche Seelisch-Geistige des Menschen ausgeschaltet.
[ 5 ] What we find in scientific knowledge, we also find—truly as a consequence of the very same forces that are at work in that knowledge—in practical life. We see it at work in what pervades modern life with such distress and such mystery; we see it before us in what is commonly called the social question. Millions upon millions of people who belong to the proletarian world—who have abandoned the old, traditional religions and worldviews—devote themselves to the belief that the only reality is not the human being with his inner life, but rather the material life existing within the production processes of the external economy. That which the human soul produces—such as customs, religion, science, and art—is said to be nothing more than, as they say, a superstructure, an ideological superstructure upon a purely material and even economically material foundation; in a sense, a kind of smoke rising from the purely material reality. Here, too, the actual spiritual and psychological aspects of human beings are excluded.
[ 6 ] Das ist dasjenige, was das moderne Leben charakterisiert, daß weder die Erkenntnis wirklich heraufkommt bis zum Menschen, noch daß man das Menschliche schauen kann, empfinden kann, in seine Willensimpulse aufnehmen kann im sozialen Leben.
[ 6 ] This is what characterizes modern life: that knowledge does not truly reach the human being, nor can one perceive what is human, feel it, or incorporate it into one’s impulses of will in social life.
[ 7 ] Die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft empfindet voll, was nach dieser Richtung für die tiefsten, aber oftmals so unbewußt wirkenden Sehnsuchten der besten, modernen Menschenseelen zu leisten ist; zu leisten ist erstens auf dem Wege wahrer Menschenerkenntnis, zweitens auf dem Wege einer solchen menschlichen Erfüllung, daß der Mensch aus seiner Seele heraus wahre, soziale Impulse in das öffentliche Leben hineintragen kann. Denn ohne daß wir solche Impulse hineintragen, die aus dem tiefsten Menschlichen herauskommen, wird die beste Einrichtung im äußeren Leben nicht zu dem führen, was weiteste Kreise heute glauben entbehren zu müssen, was sie aber anstreben in sozialer Beziehung: ein menschenwürdiges Dasein.
[ 7 ] Anthroposophically oriented Spiritual Science fully appreciates what this approach can offer to meet the deepest—yet often unconsciously operating—longings of the finest modern human souls; this can be achieved, first, through true knowledge of the human being, and second, through such human fulfillment that the individual can carry true, social impulses from within their soul into public life. For unless we bring such impulses—which spring from the deepest human essence—into public life, even the best institutions in external life will not lead to what the broadest circles today believe they must do without, yet to which they aspire in social terms: a life worthy of human dignity.
[ 8 ] Dasjenige, was ich nun vor ein paar Tagen hier als einen Weg in die geistige Welt charakterisiert habe, wird von vielen Menschen als etwas empfunden, was eher vom Leben wegführt, als daß es zu den zwei großen Lebensfragen hinführt, die ich heute noch einmal vor Sie hingestellt habe. Deshalb war es von so großer Bedeutung, daß diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft ihre Pflege in dem allerdings noch nicht vollendeten Goetheanum in Dornach in der Schweiz findet; daß diese Geisteswissenschaft unmittelbar auch an praktische Einrichtungen herangeht, um durch diese Einrichtungen ihre Menschenkenntnis und ihre Fähigkeit, in das menschliche praktische Leben einzugreifen, zu erweisen.
[ 8 ] What I described here a few days ago as a path into the spiritual world is perceived by many people as something that leads away from life rather than toward the two great questions of life that I have once again presented to you today. That is why it was so important that this anthroposophically oriented Spiritual Science finds its home in the Goetheanum in Dornach, Switzerland—which, admittedly, is not yet complete—and that this Spiritual Science also engages directly with practical institutions in order to demonstrate, through these institutions, its understanding of human nature and its ability to intervene in practical human life.
[ 9 ] Ein wichtigstes praktisches Gebiet ist zweifellos das Erziehungs- und das Schulwesen. Indem wir die Kinder erziehen, haben wir im Grunde genommen zu handhaben dasjenige, was durch die nächste Generation erst in die Welt kommen soll, und das heißt außerordentlich viel. Es ist der Weg, in die nächste Zukunft hineinzuwirken, wenn wir durch das Erziehungs- und Schulwesen auf die Kinder wirken. Indem anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft gerade die Wege zum Menschenwesen sucht, gelangt sie dazu, auch das werdende Menschenwesen, das Kind, in umfassender Weise kennenzulernen. Und aus einer solchen umfassenden Erkenntnis des werdenden Menschenwesens, des Kindes, sucht die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft eine wirkliche Erziehungs- und Unterrichtskunst zu gewinnen. Denn dasjenige, was aus anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft heraus zur Auffassung und zum Durchdringen der Menschenwesenheit führt, erschöpft sich nicht in abstrakten Begriffen, in theoretischen Vorstellungen, sondern es bildet sich zuletzt aus zu einem künstlerischen Erfassen zunächst der menschlichen Gestalt, dann aber auch der menschlichen Seelenfähigkeit und Geistesfähigkeit. Man kann lange sagen, wirkliche Wissenschaft müsse in nüchterner, trockener Weise, wie man das so nennt, mit objektiven Begriffen allein arbeiten. Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn die Natur, wenn die Welt aber nicht in solchen Begriffen schafft! Wenn die Welt spottet dem Verlangen, ihr Schaffen in solche Gesetze zu bannen, wie wir unsere Naturgesetze haben wollen, wenn sie nicht in nüchterne, bloß äußerliche, leichtgeschürzte, logische Begriffe zu fassen wäre! Wir können unsere Forderungen aufstellen, aber ob wir dadurch eine wirkliche Erkenntnis erlangen, das hängt davon ab, ob die Natur in einer solchen Weise schafft. Und die neuere Wissenschaftsgesinnung konnte deshalb nicht an den Menschen herankommen, weil sie nicht berücksichtigt: Indem die Natur hinaufsteigt durch das Mineralreich, das Pflanzenreich, das tierische Reich bis zum Menschen, wird ihr Schaffen auf jeder Stufe so, daß man es nicht mehr mit bloßen logischen Begriffen, mit nüchternem Verstande erfassen kann, sondern daß man es immer künstlerischer und künstlerischer erfassen muß. Vieldeutig, mannigfaltig ist dasjenige, was zuletzt im Menschenwesen lebt. Und weil Geisteswissenschaft in ihrer Art wiederum die innere Harmonie sucht zwischen Erkenntnis, religiöser Vertiefung, künstlerischer Ausgestaltung, so gelangt sie auch dazu, dieses so rätselhafte aber so bewundernswerte menschliche Wesen, wie es sich hereinstellt in die Welt, in der richtigen Weise ins Auge zu fassen, ich meine ins Geistesauge.
[ 9 ] One of the most important practical areas is undoubtedly education and the school system. In educating children, we are essentially shaping what is to come into the world through the next generation, and that is an extraordinarily significant task. Influencing children through education and schooling is the way to shape the near future. Because anthroposophically oriented Spiritual Science seeks precisely the paths to the human being, it comes to understand the developing human being—the child—in a comprehensive way. And from such a comprehensive understanding of the developing human being—the child—anthroposophically oriented Spiritual Science seeks to develop a true art of education and teaching. For what arises from anthroposophically oriented Spiritual Science and leads to an understanding and penetration of the human being is not limited to abstract concepts or theoretical mental images; rather, it ultimately develops into an artistic grasp—first of the human form, and then also of the human soul and spirit. One might argue at length that true science must work in a sober, dry manner—as it is so often called—using objective concepts alone. Yes, my esteemed audience, but nature and the world do not create in such terms! If the world mocks the desire to confine its creation to such laws as we wish our natural laws to be, if it cannot be grasped in sober, merely external, easily defined, logical concepts! We can set forth our demands, but whether we thereby attain true knowledge depends on whether nature creates in such a way. And the modern scientific mindset has been unable to approach the human being precisely because it fails to take into account that as nature ascends through the mineral kingdom, the plant kingdom, and the animal kingdom up to the human being, its creation becomes, at each stage, such that it can no longer be grasped by mere logical concepts or sober reason, but must instead be apprehended in an ever more artistic manner. What ultimately lives within the human being is ambiguous and multifaceted. And because Spiritual Science, in its own way, seeks the inner harmony between knowledge, religious deepening, and artistic expression, it also succeeds in perceiving this enigmatic yet admirable human being—as it presents itself to the world—in the right way, that is, with the eye of the spirit.
[ 10 ] Ich habe ja das letzte Mal ausgeführt, wie wir ganz wissenschaftlich hinschauen auf die Welt, in der dieses Menschenwesen war, bevor es durch die Empfängnis oder Geburt in das physische Dasein heruntersteigt. Ich habe darauf hingewiesen, wie mit mathematischer Klarheit sich vor anthroposophische Geisteswissenschaft hinstellt das GeistigSeelische, das aus geistigen Welten heruntersteigt und innerlich arbeitet an der physischen Menschengestalt, und nur die Materialien nimmt aus der Vererbungsströmung der Generationen.
[ 10 ] Last time, I explained how we take a strictly scientific look at the world in which this human being existed before descending into physical existence through conception or birth. I pointed out how, with mathematical clarity, the spiritual-soul aspect—which descends from spiritual worlds and works inwardly on the physical human form, taking only the material elements from the stream of heredity passed down through the generations—presents itself to anthroposophical Spiritual Science.
[ 11 ] Wenn man solche Dinge bespricht, wird man heute noch vielfach paradox genommen. Allein Geisteswissenschaft geht ja nicht anders vor als eigentlich die Naturwissenschaft selber. Nur daß die Naturwissenschaft auf ihren Gebieten im Laboratorium, in der Klinik, auf der Sternwarte in entsprechender Weise arbeitet, Geisteswissenschaft aber an das Menschenwesen herantritt, um dieses Menschenwesen so zu betrachten wie es der Naturforscher gewohnt ist auf seinen Gebieten; wo es allerdings wesentlich einfacher um die Dinge steht, wo es einfacher ist, zu beobachten und nach Gesetzen zu forschen.
[ 11 ] When one discusses such matters, one is still often regarded as paradoxical today. Yet Spiritual Science proceeds in no other way than the natural sciences themselves, in fact. The difference is that the natural sciences work in their respective fields—in the laboratory, in the clinic, and at the observatory—in a corresponding manner, whereas Spiritual Science approaches the human being in order to observe this human being in the same way that the natural scientist is accustomed to observing in his own fields; where, however, matters are considerably simpler, where it is easier to observe and to investigate laws.
[ 12 ] Ich möchte zunächst darauf hinweisen, wie wir nach ganz naturwissenschaftlicher Gesinnung hinschauen können in das Werden des Menschen. Da muß allerdings Geisteswissenschaft aus ihren Voraussetzungen heraus ins Auge fassen die allmähliche Entwickelung des Menschen durch verschiedene Lebensepochen hindurch. Wir haben eine solche Lebensepoche, von der Geburt angefangen bis zum Zahnwechsel, so um das siebente Lebensjahr herum. Es könnte leicht scheinen, als ob irgendein Hang zur Mystik dazu zwänge, gerade um das siebente Jahr herum eine Art Sprung in der menschlichen Entwickelung anzuerkennen. Das ist aber nicht der Fall. Ebensowenig wie es irgendeinem mystischen Drang entspringt, sieben Farbennuancen im Regenbogen anzuerkennen, ebensowenig entspringen die Dinge, die ich nun ausführen werde, irgendeinem mystischen Hang, sondern sie entspringen einer objektiven, unbefangenen wissenschaftlichen Beobachtung des Menschenwesens. Zunächst physisch, kann sich der Mensch sagen, geht eine gewaltige Veränderung vor, indem der Mensch so um das siebente Jahr herum etwas aus sich heraustreibt, was später nicht mehr aus ihm herausgetrieben wird: die zweiten Zähne; eine Art von Abschluß ist damit erreicht. Aber ganz klar wird die Sache, wenn wir unsere Beobachtungen nicht beschränken auf den äußeren, physischen Organismus, sondern wenn wir dasjenige beobachten, was parallel geht diesem Entwickelungsstadium im physischen Organismus. Da sehen wir, wenn wir überhaupt beobachten können, wie das ganze Seelenleben des Kindes in dieser Zeit langsam anders wird. Wir sehen, wie das Kind, während es vorher verschwommene, verschwimmende Begriffe bildete, nachher allmählich übergeht, Begriffe mit schärferen Konturen zu bilden; wie überhaupt das Begriffebilden in diesem Lebensalter erst eintritt. Wir sehen ferner, wie das Kind eine ganz andere Art von Gedächtnis entwickelt. Es hat zwar oftmals vorher schon ein ausgezeichnetes Gedächtnis, aber das ist rein natürlich ausgebildet, ohne daß das Kind irgendwie eine Kraft aufzubringen braucht, um sich etwas zu merken. Jetzt muß es eine Kraft aufbringen, um sich die Dinge, die an es herantreten, wirklich zu merken, um sich an sie zu erinnern. Kurz, es zeigt sich, daß vom Zahnwechsel ab, um das siebente Jahr, dieses Kind dazu kommt, im Vorstellungsgemäßen, im Gedanklichen, im bewußt Willensgemäßen zu arbeiten. Was liegt da eigentlich vor? Sehen Sie, da liegt dieses vor: Dieselbe Kraft, die dann als geistig-seelische Kraft beobachtbar ist im Kinde, indem es Vorstellungen in scharfen Konturen bildet, indem es sich Gedanken bildet, diese Kraft, wo war sie denn vorher? Danach fragen die heutigen abstrakten Seelenforscher oder Psychologen nicht. Wenn der Physiker bei irgendeinem Vorgang sieht, wie Wärme entsteht, ohne daß man irgendwie eine Erwärmung vorgenommen hat, dann sagt er: In dem Körper war vorher latente Wärme, dann wird die Wärme frei. Er sucht dasjenige, was als Wärme frei wird, zuerst im Inneren des Körpers. Diese Denkweise muß auch angewendet werden auf das Leben des Menschen. Dasjenige, was seelisch-geistig nach dem siebenten Jahr beim Kinde auftritt, wo war es vorher? Es war im kindlichen Organismus latent; es war in dem organischen Wachsen, in der organischen Gliederung tätig bis zu dem Moment, wo gewissermaßen der Schlußpunkt dieser besonders in den ersten kindlichen Jahren auftretenden Wachstumsperiode mit dem Heraustreiben der zweiten Zähne erreicht ist.
[ 12 ] I would like to begin by pointing out how we can view human development from a purely scientific perspective. However, Spiritual Science must, based on its own premises, consider the gradual development of the human being through various stages of life. We have one such stage of life, beginning at birth and extending until the change of teeth, around the age of seven. It might easily seem as if some inclination toward mysticism were compelling us to recognize a kind of leap in human development precisely around the age of seven. But that is not the case. Just as recognizing seven shades of color in the rainbow does not stem from any mystical impulse, so too the things I am now about to explain do not stem from any mystical inclination, but rather from an objective, unbiased scientific observation of the human being. First of all, physically speaking—one might say—a tremendous change takes place when, around the age of seven, a person expels something from within that will no longer be expelled later on: the permanent teeth; a kind of completion is thus achieved. But the matter becomes quite clear when we do not limit our observations to the external, physical organism, but rather observe what runs parallel to this stage of development in the physical organism. There we see—if we are able to observe at all—how the child’s entire soul life slowly changes during this time. We see how the child, whereas previously it formed vague, blurred concepts, gradually begins to form concepts with sharper contours; indeed, how the formation of concepts only truly begins at this age. We also see how the child develops a completely different kind of memory. Although the child often already has an excellent memory beforehand, this is purely naturally developed, without the child needing to exert any effort to remember anything. Now the child must exert effort to truly take in the things that come to it, to remember them. In short, it becomes apparent that, starting with the change of teeth—around the age of seven—this child begins to work in the realm of imagination, in the realm of thought, and in the realm of conscious volition. What is actually happening here? You see, this is what is happening: the very same force that is then observable in the child as a spiritual-soul force—as it forms clear, sharply defined mental images and constructs thoughts—where was this force before? Today’s abstract psychologists or researchers of the soul do not ask this question. When a physicist observes, in any process, how heat arises without any deliberate heating having taken place, he says: There was latent heat in the body beforehand, and then the heat is released. He first looks for what is released as heat within the body itself. This way of thinking must also be applied to human life. That which emerges in the child’s soul and spirit after the seventh year—where was it before? It was latent within the child’s organism; it was active in organic growth and in the development of the body’s structure until the moment when, so to speak, the culmination of this period of growth—which occurs particularly in the early childhood years—is reached with the eruption of the second set of teeth.
[ 13 ] Wir haben heute eine Seelenkunde, eine Psychologie, die ganz abstrakt ist. Die Leute denken nach, wie sich Leib und Seele zueinander verhalten. Sie kommen da zu den merkwürdigsten, phrasenhaftesten Hypothesen. Aus diesen phrasenhaften Hypothesen heraus kann man zu keiner pädagogischen Kunst kommen. Geisteswissenschaft zeigt, wie dasjenige, was wir nach dem siebenten Jahr seelisch an dem Kinde hervortreten sehen, vor dem siebenten Jahr, vor dem Zahnwechsel in dem Organismus drinnen tätig ist; wie das Seelische erst eine organische Kraft ist, die dann frei wird.
[ 13 ] Today we have a science of the soul—a psychology—that is entirely abstract. People ponder the relationship between body and soul. They arrive at the strangest, most clichéd hypotheses. No art of education can emerge from these clichéd hypotheses. Spiritual Science shows how what we see emerging in the child’s soul after the age of seven is already at work within the organism before the age of seven, before the teeth begin to change; how the soul is initially an organic force that is then set free.
[ 14 ] Und so beobachtet der wirkliche Geistesforscher das ganze menschliche Leben hindurch in konkreter Art. Ich will gleich auf etwas ganz Bestimmtes hinweisen, damit Sie die besondere Art dieser methodischen Betrachtungsweise erkennen lernen.
[ 14 ] And this is how the true researcher of the spirit observes human life in its entirety in a concrete way. I would like to point out something very specific right away so that you may come to recognize the distinctive nature of this methodical approach.
[ 15 ] Wir können betrachten das kindliche Spiel. Derjenige, der unbefangenen Sinnes und mit vollem Anteil an der werdenden Menschennatur das spielende Kind beobachten kann, der weiß, daß, trotzdem Spiele typisch sind, doch jedes Kind auf seine individuelle Art spielt. Und man kann auch, wenn man Erzieher, Pädagoge ist, in einer gewissen Weise dieses Spiel leiten und lenken. Man kann es aus der Natur des Kindes heraus leiten und lenken. Man kann ihm auch, je nachdem man dazu fähig ist, eine vernünftige Richtung zu geben versuchen. Wenn man das alles beachtet, dann kann man die Kinder genau unterscheiden in so spielende und in anders spielende und so weiter. Dann kommt dasjenige Lebensalter, wo diese besondere Art, die sich im Spiel ausdrückt, beim Kinde nicht mehr so sichtbar ist. Das Kind betritt die Schule, andere Interessen erfüllen es. Es ist schon so, daß wir dann weniger bemerken können, was eigentlich die Folgen der besonderen Eigenart des Spielens sind. Derjenige, der nun nicht nur obenhin betrachtet, sondern der weiß, daß das Menschenleben eine Einheit ist, der daher seine Beobachtungen über das ganze Menschenleben ausdehnt, kann bemerken, wie so um das vierundzwanzigste, fünfundzwanzigste Jahr herum, in derjenigen Zeit, wo der Mensch seinen Anschluß an die Welt finden soll, wo er finden soll sein Sich-Hineinfügen in die Welt, der eine mehr oder weniger für die Lebenspraxis geschickter ist, der andere ungeschickter ist, wie der eine ein Träumer wird, der nichts Praktisches geschickt anfassen kann, der andere jede Einzelheit mit besonderer Geschicklichkeit anfaßt. Die Art und Weise, wie man sich da geschickt oder ungeschickt ins Leben hineinfindet in den Zwanzigerjahren, die ist ein unmittelbares Ergebnis der spielenden Tätigkeit des Kindes. Es gibt gewisse Flüsse, die erscheinen aus ihrer Quelle, verschwinden dann unter der Erdoberfläche und treten später wieder hervor an einem anderen Ort. So sind die Fähigkeiten im Menschenleben. Die Fähigkeit, die beim Kinde im Spiel besonders zum Vorschein kommt, wirkt in den ersten Lebensjahren, dann verschwindet sie in den Untergrund der Seele und kommt wiederum hervor in den Zwanzigerjahren in der Art und Weise, wie der Mensch sich in das Leben hineinfindet. Bedenken Sie, in der Art und Weise, wie wir das Spiel des Kindes erzieherisch leiten, greifen wir ein in Glück oder Unglück, in das Schicksal des Menschen in seinen Zwanzigerlebensjahren.
[ 15 ] We can observe children at play. Anyone who can observe a child at play with an open mind and a full appreciation of the developing human nature knows that, although games are typical, each child plays in their own individual way. And if one is an educator or teacher, one can, in a certain way, guide and direct this play. One can guide and direct it based on the child’s nature. One can also, depending on one’s ability, try to give it a sensible direction. If one takes all this into account, then one can clearly distinguish between children who play in one way and those who play in another, and so on. Then comes the stage of life when this particular way of playing is no longer so visible in the child. The child enters school; other interests take hold. It is true that we are then less able to perceive what the actual consequences of this particular nature of play are. Those who do not merely observe superficially, but who know that human life is a unity—and who therefore extend their observations to encompass the whole of human life—can observe how, around the age of twenty-four, around the age of twenty-five—at that time when a person is supposed to find their place in the world, when they are supposed to find their way into the world—one person is more or less skilled at the practicalities of life, while another is less so; just as one becomes a dreamer who cannot skillfully handle anything practical, while another handles every detail with particular dexterity. The way in which one finds one’s way into life—skillfully or clumsily—in one’s twenties is a direct result of the child’s play. There are certain rivers that emerge from their source, then disappear beneath the earth’s surface, and later reemerge in another place. Such are the abilities in human life. The ability that is particularly evident in a child’s play is active during the early years of life; it then disappears into the depths of the soul and reemerges in one’s twenties in the way a person finds their way in life. Consider this: the way we guide a child’s play from an educational perspective influences whether a person will experience happiness or unhappiness—in other words, their fate—during their twenties.
[ 16 ] Dasjenige, was man nennen könnte Verantwortung gegenüber Erziehung und Unterricht, es wird in ungeheurer Weise geschärft dadurch, daß man solchen Erkenntnissen nahe tritt. Aber zu gleicher Zeit wird dadurch auch angeregt eine wirkliche Erziehungs- und Unterrichtskunst. Denn nicht engmaschige Begriffe können an den Menschen heranreichen, sondern nur ein weites Schauen, welches gewonnen wird durch solche Zusammenhänge in der menschlichen Natur. Da finden wir, daß wir in der Tat Epochen, Etappen in der menschlichen Entwikkelung unterscheiden müssen. Die erste Etappe geht von der Geburt bis zum Zahnwechsel; sie trägt ein ganz besonderes Gepräge.
[ 16 ] What one might call a sense of responsibility toward education and teaching is sharpened immensely by engaging closely with such insights. But at the same time, this also inspires a true art of education and teaching. For it is not narrow concepts that can reach people, but only a broad perspective gained through such connections within human nature. There we find that we must indeed distinguish between epochs and stages in human development. The first stage extends from birth to the change of teeth; it bears a very special character.
[ 17 ] Hier möchte ich noch erwähnen, daß derjenige, der aus anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft heraus zum Lehrer oder Erzieher wird, durchaus von dem Bewußtsein durchdrungen ist: In demjenigen, was uns so wunderbar, so rätselvoll in dem werdenden Menschen, dem Kinde entgegentritt, ist eigentlich eine Botschaft der geistigen Welt enthalten. Wir schauen das Kind an, wie es zuerst seine unbestimmten Züge hat, wie diese aber bestimmter werden; wie es besonders auch in seinen Bewegungen und seinen Lebensregungen zunächst unbestimmt ist, und wie immer mehr und mehr aus den Tiefen der Seele heraus Bestimmtheit in diese Lebensregungen kommt. Derjenige, der zum Lehrer und Erzieher aus anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft heraus vorbereitet ist, der ist sich bewußt: In dem, was da von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, von Jahr zu Jahr sich in dem Antlitz des Kindes immer mehr und mehr zur deutlichen Physiognomie umprägt, in dem, was durch die Regsamkeit der Hände hindurchwirkt, in dem, was in die Sprache hinein sich zaubert, in dem lebt dasjenige, was aus geistigen Welten heruntersteigt, Und daß man erkennen lernt diese Tätigkeit in der geistigen Welt, die ganz anders geartet ist als die in der physischen Welt, daß man mit dieser Gesinnung, mit dieser Empfindung als Erzieher dem Kinde gegenübertritt, das heißt, ein Heil in dem Erzieherberufe sehen; das heißt, in dem Erzieherberufe etwas sehen, was sich etwa mit den Worten umschreiben läßt: Mir ist aus den geistigen Welten heraus eine Menschenwesenheit gegeben; ich habe ihre Rätsel mit zu lösen; ich habe ihr Wege ins Leben hineinzuweisen durch eine wirkliche Menschenerkenntnis-Kunst.
[ 17 ] Here I would also like to mention that anyone who becomes a teacher or educator based on anthroposophically oriented Spiritual Science is thoroughly imbued with the awareness that: What we encounter as so wondrous, so mysterious in the developing human being—the child—actually contains a message from the spiritual world. We observe the child, how it initially has indeterminate features, yet how these become more defined; how, especially in its movements and vital impulses, it is at first indeterminate, and how, more and more, a sense of definiteness emerges into these vital impulses from the depths of the soul. Anyone who has been prepared to become a teacher or educator through anthroposophically oriented Spiritual Science is aware that: In what, day by day, week by week, year by year, takes on an ever clearer physiognomy in the child’s face; in what works through the activity of the hands; in what is conjured into speech—in all this lives that which descends from the spiritual worlds, And to learn to recognize this activity in the spiritual world—which is of a completely different nature than that in the physical world—and to approach the child as an educator with this attitude, with this feeling—that means seeing a blessing in the teaching profession; it means seeing in the teaching profession something that might be described with the words: “A human being has been entrusted to me from the spiritual worlds; it is my task to help solve its mysteries; I must show it the way into life through a true art of understanding humanity.”
[ 18 ] Diese Menschenerkenntnis-Kunst aber zeigt, daß der Mensch in der ersten Epoche seines Lebens das ist, was ich nennen möchte: ein nachahmendes Wesen. Ich habe diese besondere Eigentümlichkeit des werdenden Menschen in meiner kleinen Schrift «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft» besonders dargestellt. Indem der Mensch aus der geistigen Welt in die physische Welt tritt, gelangt er ja dazu, dasjenige, was er zuletzt in der geistigen Welt erlebt hat, wie in einem Nachklang in der physischen Welt zum Ausdruck zu bringen. Wenn wir als Anthroposoph das Kind erziehen, so sagen wir uns allerdings, es ist kindlich primitiv, wie das Kind seinem Triebe nach dasjenige nachahmt, was in seiner Umgebung vorgeht; es bildet in seinen Bewegungen dasjenige nach, was ihm vorgemacht wird. Die Sprache lernt es ja nur durch Nachahmung, nicht durch etwas anderes. Aber auch dasjenige, was in seiner Umgebung in moralischer, in sonstiger Beziehung durch die Eltern oder durch andere, in seiner Nähe befindliche Menschen vorgeht, das ahmt das Kind in der Zeit bis zum Zahnwechsel nach. Da liegt etwas vor, was sich nur durch Geisteswissenschaft begreifen läßt. Das Kind war ja, bevor es empfangen oder geboren wurde, in der geistigen Welt; in der geistigen Welt, die man, wie ich das das letzte Mal dargelegt habe, durch die Ausbildung der besonderen Kraft der Erinnerungsfähigkeit und durch die Entwickelung der Liebekraft erkennt. In dieser geistigen Welt ist jedes Wesen so drinnen, daß es nicht außen von anderen Wesen steht, sondern daß es sich in jedes andere Wesen objektiv liebevoll hinüberleben kann. Dieses Stehen in der Welt, das bringt das Kind mit wie in einem Nachklang, und wir beobachten dann, wie das Kind ein nachahmendes Wesen wird, wie es alles, was es lernt, was es sich aneignet in den ersten sieben Lebensjahren, als nachahmendes Wesen sich aneignet. Und wir müssen bei einer richtigen pädagogischen Kunst auf dieses Prinzip der Nachahmung besonders hinschauen. In dieser Beziehung gibt man sich mancher Täuschung hin. Zunächst möchte ich als Beispiel eine solche Täuschung erwähnen, deren ich Hunderte anführen könnte. Es kam einmal der Vater eines etwa fünfjährigen Knaben zu mir und sagte, er habe rechtes Unglück mit seinem Kinde, sein Kind habe gestohlen. Ich sagte: Nun, das wollen wir doch erst untersuchen, ob das Kind wirklich gestohlen hat. Der Vater sagte: Ja, der Junge hat Geld genommen aus der Schublade, wo das Geld der Mutter ist; er hat für das Geld Näschereien gekauft und sie unter andere Kinder auf der Straße verteilt. - Ich frug: Was geschieht denn sonst mit dem Geld, das in der Schublade ist? - Der Vater sagte: Da nimmt die Mutter für den Hausgebrauch jeden Morgen das Nötige heraus. - Da sagte ich dem Vater: Dann hat das Kind auch nicht gestohlen. Das Kind ist fünf Jahre alt, also im vollsten Sinne noch ein nachahmendes Wesen. Etwas ist für das Kind richtig und gut zu tun, was es in seiner Umgebung tun sieht; die Mutter tut das täglich, also tut es das auch einmal. Das ist nicht gestohlen, sondern das entspricht demjenigen, was das Grundprinzip der Entwickelung in den ersten sieben Lebensjahren des Menschen ist.
[ 18 ] This art of understanding human nature, however, shows that in the first stage of life, the human being is what I would like to call an imitative being. I have described this particular characteristic of the developing human being in detail in my short treatise *The Education of the Child from the Perspective of Spiritual Science*. As the human being steps out of the spiritual world into the physical world, he or she comes to express in the physical world—as if in an echo—that which he or she most recently experienced in the spiritual world. When we, as anthroposophists, educate the child, we do indeed tell ourselves that it is childishly primitive how the child, following its instincts, imitates what is happening in its surroundings; it imitates in its movements what is demonstrated to it. After all, the child learns language only through imitation, not through anything else. But the child also imitates, during the period up to the change of teeth, what takes place in its surroundings—in moral and other respects—through the parents or other people in its vicinity. Here lies something that can only be understood through Spiritual Science. Before it was conceived or born, the child was, after all, in the spiritual world—the spiritual world which, as I explained last time, is recognized through the cultivation of the special power of memory and through the development of the power of love. In this spiritual world, every being is so deeply immersed that it does not stand apart from other beings, but can objectively and lovingly live itself into every other being. The child brings this way of being in the world with it, as if in an echo, and we then observe how the child becomes an imitative being, how it, as an imitative being, assimilates everything it learns and acquires during the first seven years of life. And in true pedagogical art, we must pay particular attention to this principle of imitation. In this regard, people often fall prey to certain illusions. To begin with, I would like to mention one such illusion as an example—though I could cite hundreds of them. Once, the father of a boy about five years old came to me and said he was having real trouble with his child; his child had stolen something. I said, “Well, let’s first investigate whether the child really did steal anything.” The father said: “Yes, the boy took money from the drawer where his mother keeps her money; he bought snacks with the money and handed them out to other children on the street.” I asked: “What usually happens to the money that’s in the drawer?” The father said: “Every morning, the mother takes out what’s necessary for household expenses.” Then I said to the father: “Then the child didn’t steal anything. The child is five years old, so in the fullest sense, he is still an imitative being. For the child, something is right and good to do if he sees it being done in his surroundings; the mother does it every day, so he does it once as well. That is not stealing, but rather corresponds to the fundamental principle of human development during the first seven years of life.”
[ 19 ] Sehen Sie, diese Dinge muß der wirkliche Erzieher wissen. In den ersten sieben Lebensjahren kann man nicht durch Ermahnungen, nicht durch irgendwelche Gebote das Kind lenken und leiten; sondern man lenkt und leitet das Kind durch dasjenige, was man selber tut. Aber es gibt im Menschenwesen geradeso wie in der Natur Imponderabilien. Nicht nur durch dasjenige lenkt und leitet man das Kind, was man selber tut, sondern auch durch dasjenige, was man selber empfindet, was man selber denkt. Ist man ein Mensch, der sich nicht gestattet, gemeine und kleinliche Vorstellungen und Empfindungen in sich zu haben in der Nähe seiner Kinder, dann wird aus den Kindern auch etwas Edles, etwas Gutes. Gestattet man sich neben den Kindern - weil man denkt, es ist doch die menschliche Organisation da, und es wirkt nicht hinüber -, gestattet man sich unedle Gedanken, unedle Empfindungen, sie wirken hinüber. Es gibt Imponderabilien auf diesem Gebiet.
[ 19 ] You see, these are the things a true educator must know. During the first seven years of life, one cannot guide and direct a child through admonitions or any kind of commandments; rather, one guides and directs the child through one’s own actions. But there are imponderables in human nature just as there are in the natural world. One guides and directs a child not only through one’s own actions, but also through one’s own feelings and thoughts. If one is a person who does not allow oneself to harbor mean and petty mental images and feelings in one’s presence when near one’s children, then the children, too, will become noble and good. If, in the presence of children—because one thinks, “After all, it’s just human nature, and it won’t have an effect on them”—one allows oneself to have base thoughts and base feelings, they do have an effect on them. There are imponderables in this realm.
[ 20 ] Diese Imponderabilien zeigen sich auch in der zweiten Lebensepoche, die nun nach dem Zahnwechsel beginnt und bis zur Geschlechtsreife dauert, um das vierzehnte Jahr herum. In dieser Lebensepoche betritt ja das Kind die Schule. Wir mußten ganz besonders den Übergang studieren von der einen Lebensepoche, von der nachahmenden, zu dieser zweiten Lebensepoche, vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife, indem begründet werden mußte eine richtige geisteswissenschaftliche und geisteskünstlerische Pädagogik für die von Emil Molt in Stuttgart gegründete und von mir geleitete Waldorfschule. An dieser Waldorfschule soll ja so unterrichtet und erzogen werden, wie es durchaus sich ergibt aus anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft. Da soll die Erziehung und der Unterricht gehandhabt werden als eine wirkliche Kunst, aus wahrer Menschenerkenntnis heraus. Deshalb, weil man um die Zeit, wo der Mensch aus einem nachahmenden Wesen ein anderes Wesen wird, was ich gleich noch charakterisieren will, das Kind in die Schule übernimmt, mußte man diese Zeit des Überganges besonders studieren.
[ 20 ] These imponderables also manifest themselves in the second stage of life, which begins after the teeth have fallen out and lasts until sexual maturity, around the age of fourteen. It is during this stage of life that the child starts school. We had to study in particular the transition from one stage of life—the imitative stage—to this second stage, from the change of teeth to sexual maturity, in order to establish a proper Spiritual Science and spiritual-artistic pedagogy for the Waldorf School founded by Emil Molt in Stuttgart and directed by me. At this Waldorf School, teaching and education are to be conducted in a way that arises directly from anthroposophically oriented Spiritual Science. Education and instruction are to be practiced as a true art, based on a genuine understanding of the human being. Therefore, because children enter school at the very time when they are transforming from imitative beings into a different kind of being—which I will characterize in a moment—it was necessary to study this period of transition in particular.
[ 21 ] In dieser zweiten Lebensepoche bis zur Geschlechtsreife hin ist es nicht mehr das bloße Nachahmen, welches die Fähigkeiten, die ganze Wesenheit des Kindes heranbildet; da tritt aus der Tiefe der kindlichen Seele heraus ein anderer Trieb. Es ist der Trieb: Es will in seinem Lehrer und Erzieher eine selbstverständliche Autorität neben sich haben. Sehen Sie, heute, wo man alles demokratisieren will, heute fordert man leicht, daß schon in der Schule demokratisiert werde. Einige wollen sogar den Unterschied zwischen dem Lehrer und dem zu Erziehenden abschaffen in den Gemeinschaftsschulen, und wie diese schönen Dinge alle heißen. Das ist aus Parteianschauungen heraus, das ist nicht aus einer Erkenntnis der menschlichen Natur und Wesenheit heraus. Nicht weil man diese oder jene Parteirichtung hat, soll man in diesen Dingen urteilen, sondern aus der Sache selbst heraus soll man urteilen. Und da zeigt sich, daß einfach vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife der Mensch in sich den Trieb hat, nun nicht bloß nachzuahmen die Umgebung, sondern zu hören von einem geliebten, als Autorität selbstverständlich anerkannten Wesen, was gut und böse, was richtig und unrichtig ist. Wohl dem Menschen, der durch das ganze Leben hindurch sich zurückerinnern kann an solche selbstverständliche Autoritäten, die neben ihm gestanden haben. Wohl dem Menschen, der sich sagen kann: Ich hatte einen Erzieher; wenn ich zu ihm kam, war es so, daß ich schon Scheu hatte, nur die Türklinke aufzumachen zu seinem Zimmer, so selbstverständlich erschien es mir, daß er eine Quelle des Wahren und des Guten sei. - Es handelt sich gar nicht darum, über diese Dinge in sozialer oder sonstiger Beziehung zu diskutieren, sondern es handelt sich darum, die menschliche Natur kennenzulernen und sich zu sagen: So wie die besondere Artung des Spieltriebes in den Zwanzigerjahren in dem geschickten oder ungeschickten Sich-ins-Leben-Hineinstellen zum Vorschein kommt, so kommt gerade in der Zeit, in der Freiheitsempfindung, Freiheitsgefühl die Grundnuance des sozialen Zusammenlebens sein muß, das richtige Freiheitsgefühl, die richtige Freiheitsempfindung dadurch zustande, daß der richtige Autoritätsglaube ungefähr vom siebenten bis zum fünfzehnten Jahr im Kinde voll zur Entfaltung gekommen ist. Niemand kann im wirklichen Sinne des Wortes später frei werden, der nicht in dieser Weise an Autoritäten sich herangebildet hat; geradesowenig wie jemand zu sozialer Menschenliebe später getrieben werden kann, der nicht durch den Nachahmungstrieb das Anschmiegen an seine Umgebung einmal durchgemacht hat. Wir haben später nicht dieses Anschmiegen, aber wir brauchen soziale Gefühle. Die hängen davon ab, wie der wirkliche Erzieher und Unterrichter in den ersten sieben Lebensjahren vom Kinde sein eigenes Wesen nachahmen läßt. Wir brauchen Menschen, die sich mit einer echten Freiheitsempfindung heute ins Leben hineinstellen sollen. Das sind aber diejenigen, denen man gegenübergestanden hat als Erzieher und Unterrichter vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife so, daß man eine selbstverständliche Autorität war.
[ 21 ] In this second stage of life, leading up to puberty, it is no longer mere imitation that shapes the child’s abilities and entire being; instead, another impulse emerges from the depths of the child’s soul. It is the impulse: to have a natural authority figure alongside them in their teacher and educator. You see, today, when people want to democratize everything, it is easy to demand that schools be democratized as well. Some even want to abolish the distinction between the teacher and the student in community schools—and whatever other fine names such things may go by. This stems from partisan views; it does not stem from an understanding of human nature and essence. One should not judge these matters based on this or that political orientation, but rather on the basis of the matter itself. And here it becomes clear that, from the time a child’s baby teeth fall out until sexual maturity, human beings have an innate drive not merely to imitate their surroundings, but to hear from a beloved person—one naturally recognized as an authority—what is good and evil, what is right and wrong. Blessed is the person who, throughout their entire life, can recall such natural authorities who stood by their side. Blessed is the person who can say to themselves: I had a mentor; when I went to see him, I was so shy that I hesitated even to turn the doorknob to his room, so self-evident it seemed to me that he was a source of truth and goodness. - It is not at all a matter of discussing these things in social or any other context, but rather of coming to know human nature and saying to oneself: Just as the particular nature of the play instinct in one’s twenties manifests itself in the skillful or unskillful way one positions oneself in life, so too, precisely during the time when the sense of freedom, the sense of freedom must be the fundamental nuance of social coexistence—the true sense of freedom, the true feeling of freedom—arises precisely because the proper belief in authority has fully developed in the child from about the age of seven to fifteen. No one can become free in the true sense of the word later on who has not been shaped in this way by authority figures; just as no one can later be driven to social love for humanity who has not, through the instinct to imitate, once gone through the process of attuning to their surroundings. We do not have this attunement later in life, but we need social feelings. These depend on how the true educator and teacher allows the child to imitate their own nature during the first seven years of life. We need people who can step into life today with a genuine sense of freedom. But these are the very people whom, as educators and teachers, we have faced from the time of their first set of permanent teeth until sexual maturity in such a way that we were a natural authority figure.
[ 22 ] Wer wie ich bereits im Jahre 1892 mit meiner «Philosophie der Freiheit» in der Freiheitsempfindung, in dem Freiheitsgefühl die grundsätzliche soziale Tatsache hingestellt hat, der wird ganz gewiß nicht gegen Freiheit und Demokratie sprechen; aber gerade weil er für sie sprechen will, muß er anerkennen, daß Erziehungskunst die Autorität braucht für die Lebenszeit, die vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife verläuft. - Außerdem ist das dann noch die Zeit, in der sich das Kind allmählich aus dem bildhaften Vorstellen in das mehr verstandesmäßige, intellektualistische Vorstellen hineinarbeiten muß. Das geht über einen gewissen wichtigen Zeitpunkt im Leben hinweg.
[ 22 ] Anyone who, like me, as early as 1892 in my *Philosophy of Freedom*, identified the sense of freedom—the feeling of freedom—as the fundamental social reality will certainly not speak out against freedom and democracy; but precisely because they wish to speak in their favor, they must acknowledge that the art of education requires authority for the period of life that extends from the loss of baby teeth to sexual maturity. — Moreover, this is also the time when the child must gradually transition from pictorial mental images to a more rational, intellectual mode of thinking. This process extends beyond a certain important stage in life.
[ 23 ] Sehen Sie, solche Dinge im Leben, die muß eine wirkliche Erziehungskunst, eine wirkliche Didaktik durchschauen.
[ 23 ] You see, such things in life require a true art of education, a true pedagogy, to understand.
[ 24 ] Ungefähr um das neunte Jahr herum - es kann bis zum zehnten, ja bis zum elften Jahr dauern - ist für das Kind ein außerordentlich wichtiger Abschnitt seiner Entwickelung. Wenn wir das Kind in der Schule haben, machen wir mit ihm, es lenkend und leitend als Lehrer und Erzieher, diesen Zeitpunkt mit. In den ersten Kindesjahren lernt das Kind die Sprache; es lernt allmählich zu sich «ich» sagen. Aber diese Unterscheidung des eigenen Ich von der Umgebung ist noch etwas Unbestimmtes bis zum neunten Jahr hin. Wer wirklich das Leben beobachten kann, der weiß, daß das Kind da einen Rubikon überschreitet, daß es da zwischen dem neunten und ungefähr elften Lebensjahr sich eigentlich erst unterscheiden lernt von seiner Umgebung. Wie man an dem Zeitpunkt des Lebens, der für das eine Kind früher, für das andere später, aber doch innerhalb des charakterisierten Zeitabschnittes durchgemacht wird, sich zu dem Kinde verhält, davon hängt ungeheuer viel für das ganze folgende Leben des Kindes ab. Hat man ein Gefühl, eine Empfindung: da vollzieht das Kind seine eigentliche Unterscheidung von der äußeren Natur; es fühlt sich nicht mehr wie der Finger sich am Organismus fühlen würde, wenn er bewußt wäre, es fühlt sich jetzt als selbständiges Wesen — kann man sich da in der richtigen Weise einstellen, dann erzeugt man in dem Kinde einen Quell fortdauernder Lebensfreude und Lebensfrische. Dagegen kultiviert man Lebensöde und Lebensverdrossenheit, wenn man an diesem Zeitpunkte sich dem Kinde gegenüber nicht richtig einstellt. Es ist zu berücksichtigen, daß bis zu diesem Zeitpunkte hin das Kind vom Bilde ausgeht, von dem, womit seine eigene Natur verwandt ist. Diese Natur unterscheidet sich noch nicht von der Umgebung, sie geht noch auf in der Umgebung. Man muß berücksichtigen, daß man von dem ausgehen muß, was bildhaft ergriffen wird als Zusammenhang des Menschen mit der Umgebung.
[ 24 ] Around the age of nine—though it may last until the age of ten or even the eleventh age—is an extraordinarily important stage in a child’s development. When the child is in school, we, as teachers and educators, guide and support them through this phase. In the early years of childhood, the child learns language; it gradually learns to say “I” to itself. But this distinction between one’s own self and the surrounding world remains somewhat vague until the age of nine. Anyone who can truly observe life knows that the child crosses a Rubicon at this point, that it is only between the ages of nine and approximately eleven that it actually begins to distinguish itself from its surroundings. How one relates to the child at this stage of life—which is experienced earlier for one child and later for another, yet always within the period described—has an immense impact on the child’s entire future life. If one has a sense, a feeling, that this is the moment when the child is making its actual distinction from the external world; it no longer feels as a finger would feel within the organism if it were conscious; it now feels itself as an independent being—if one can adjust one’s attitude correctly at this point, then one creates within the child a wellspring of enduring joy and vitality. Conversely, one fosters a desolation and weariness of life if one does not adopt the right attitude toward the child at this stage. It must be borne in mind that, up to this point, the child proceeds from the image—from that which is akin to its own nature. This nature is not yet distinct from the environment; it is still absorbed into the environment. One must bear in mind that one must proceed from what is grasped pictorially as the connection between the human being and the environment.
[ 25 ] Wir bekommen die Kinder herein aus dem Elternhaus in die Schule. Heute leben wir in einem Zeitalter, wo unser Schreiben und Lesen bereits konventionelle Zeichen hervorgebracht hat, die in keiner unmittelbaren, inneren Beziehung zum Menschen stehen. Vergleichen Sie die abstrakten Buchstaben unserer Schrift mit demjenigen, was in älteren Zeiten die Menschheit als Bilderschrift gehabt hat. Da wurde noch dasjenige fixiert in der Schrift, was man wirklich vorstellte. Heute ist die Schrift abstrakt geworden. Bringen wir diese abstrakte Schrift unmiittelbar an das Kind heran im Lesen und Schreiben, so bringen wir etwas Fremdes an das Kind heran, etwas was jedenfalls nicht für das sechste, siebente oder achte Jahr taugt. Daher erfolgt bei uns in der Waldorfschule der Unterricht in einer anderen Weise. Wir beginnen überhaupt nicht mit den abstrakten Buchstaben im Lesen und Schreiben, sondern wir arbeiten aus dem Künstlerischen heraus. Wir lassen das Kind zunächst sogar malen und zeichnen, mit Farben arbeiten, in Formen arbeiten. Da wird nicht bloß der Kopf beschäftigt, was eine große Schädlichkeit wäre für das Kind, sondern da wird der ganze Mensch beim Kinde beschäftigt. Aus diesen Formen, die sogar farbig sind, lassen wir dann die Buchstaben entstehen. Dadurch lernt das Kind schreiben, und nach dem Schreiben lernt es erst lesen, da ja unsere Lesebuchstaben noch abstrakter sind als unsere Schreibbuchstaben. So entwickeln wir aus dem Künstlerischen heraus, das dem Leben nahesteht, das abstrakte Element, das wir heute auch brauchen. - Ähnlich machen wir es auch mit anderen Gegenständen. Dadurch erlangen wir eine lebensvolle, kunstartige Pädagogik; dadurch kommen wir wirklich an die Seele des Kindes heran. Was wir im gewöhnlichen Leben Begreifen von Pflanze oder Stein und dergleichen nennen, das kann erst nach dem Zeitpunkte beim Kinde eintreten, den ich eben charakterisiert habe, in dem sich das Kind von seiner Umgebung unterscheiden lernt.
[ 25 ] We bring children from their parents’ homes into school. Today we live in an age where our writing and reading have already produced conventional symbols that have no direct, inner connection to human beings. Compare the abstract letters of our writing with what humanity used in earlier times as pictographic writing. Back then, writing still captured exactly the mental image one had. Today, writing has become abstract. If we introduce this abstract writing directly to the child in reading and writing, we are introducing something foreign to the child—something that is certainly not suitable for a child in the sixth, seventh, or eighth year. That is why, at our Waldorf school, instruction takes place in a different way. We do not begin at all with abstract letters in reading and writing, but rather we work from an artistic foundation. We first let the child paint and draw, work with colors, and work with shapes. This does not merely engage the head—which would be highly detrimental to the child—but engages the whole person within the child. From these forms—which are even colorful—we then let the letters emerge. In this way, the child learns to write, and only after writing does the child learn to read, since our reading letters are even more abstract than our writing letters. In this way, we develop the abstract element—which we also need today—out of the artistic, which is close to life. - We do the same with other objects. In this way, we achieve a lively, art-like pedagogy; in this way, we truly reach the child’s soul. What we in ordinary life call an understanding of plants, stones, and the like can only occur in the child after the stage I have just described, in which the child learns to distinguish itself from its surroundings.
[ 26 ] Vielleicht lernt manches Kind in unserer Waldorfschule später lesen und später schreiben als an anderen Schulen. Das ist kein Nachteil, das ist im Gegenteil ein großer Vorteil; denn man kann dem Kinde das abstrakte Lesen und Schreiben eintrichtern, und man kann dabei nicht nur etwa das Herplappern desjenigen entwickeln, worauf die Augen fallen, sondern man kann auch etwas ertöten, und was man im kindlichen Lebensalter ertötet, ist für das ganze menschliche Dasein zwischen Geburt und Tod ertötet. Was wir lebensfähig lassen und lebensfähig machen, ist dasjenige, was im Menschen das ganze Leben hindurch als Frisches, Blühendes da sein soll, und das zu entwickeln ist die Aufgabe eines wirklichen Erziehers.
[ 26 ] Perhaps some children at our Waldorf school learn to read and write later than at other schools. This is not a disadvantage; on the contrary, it is a great advantage. For one can drill abstract reading and writing into a child, and in doing so, one can not only foster the mere parroting of whatever catches the eye, but one can also stifle something—and what is stifled in childhood is stifled for the entirety of human existence between birth and death. What we allow to remain viable and what we make viable is that which is meant to be present in a person throughout their entire life as something fresh and flourishing, and developing this is the task of a true educator.
[ 27 ] Sie werden immer ‚gehört haben, daß ja auch die Pädagogik des 19. Jahrhunderts vielfach betont hat, man solle aus der Individualität des Kindes heraus entwickeln; man soll nicht etwa bloß in das Kind hineinpfropfen wollen, sondern man solle dasjenige, was im Kinde veranlagt ist, aus dem Kinde herausholen. Gewiß, auch die Pädagogik hat große Genien, das soll nicht geleugnet werden; vieles ist schon auf dem Gebiete der wissenschaftlichen Pädagogik ausgesprochen worden. Allein wenn man noch so oft den abstrakten Satz und alles dasjenige Abstrakte, was sonst schon gesagt worden ist, vor sich hinstellt, das Kind solle als Individualität entwickelt werden - man hat ja erst etwas davon, wenn man nun konkret von Tag zu Tag beobachten kann, wie diese kindliche Individualität sich entfaltet; wenn man weiß, wie das Nachahmungsprinzip in den ersten sieben Lebensjahren herrscht, wie in der nächsten Lebensepoche vom siebenten bis vierzehnten Lebensjahr das Autoritätsprinzip vorherrscht in Verbindung mit demjenigen Prinzip des Überganges vom bildlich-symbolischen, gedächtnismäßigen Vorstellen zu dem Vorstellen aus dem Intellekt heraus, aus dem Begriff heraus, das dann im elften, zwölften Jahr eintritt. Wenn man das alles beobachten kann, wenn man aus geisteswissenschaftlich-künstlerischer Weltbeobachtung lernt, wie man das befolgen soll, dann ist mehr erreicht, als was man da durch abstrakte Forderung aufstellen kann, man soll das Kind aus seiner Individualität heraus entwickeln. - Anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft stellt keine Abstraktionen, keine bloßen Forderungen hin, sondern sie sieht darauf hin, was durch den Geist, durch den allseitig geschärften Beobachtungssinn sich zur Kunst ausbilden kann, wie ich das auch das letzte Mal geschildert habe.
[ 27 ] You will surely have “heard that 19th-century pedagogy, too, frequently emphasized that one should build upon the child’s individuality; one should not merely seek to impose ideas on the child, but rather bring out what is inherent in the child. Certainly, educational theory also has its great minds—that should not be denied; much has already been said in the field of scientific pedagogy. But no matter how often one repeats the abstract statement—and all the other abstract ideas that have already been expressed—that the child should be developed as an individual, one only truly benefits from it when one can observe, in concrete terms, day by day, how this childlike individuality unfolds; if one knows how the principle of imitation prevails during the first seven years of life, how in the next phase of life—from the seventh to the fourteenth year—the principle of authority prevails in conjunction with the principle of the transition from pictorial-symbolic, memory-based mental images to mental images arising from the intellect, from concepts, which then begins in the eleventh, twelfth year. If one can observe all of this, if one learns from a spiritual-scientific and artistic observation of the world how to follow this, then more is achieved than can be established through abstract demands—one should develop the child from within its own individuality. - Anthroposophically oriented Spiritual Science does not present abstractions or mere demands; rather, it points to what can develop into art through the spirit and through a sense of observation sharpened in every respect, as I also described last time.
[ 28 ] Ich konnte nur in einzelnen Zügen dasjenige charakterisieren, was aus anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft als Menschenerkenntnis hervorgehen und die Grundlage bilden kann für diejenige Lebenspraxis, die sich in Erziehung und Unterricht auslebt. Die großen sozialen Forderungen der Gegenwart zeigen uns, daß wir so etwas brauchen. Geisteswissenschaft leitet überall von der bloßen unwirklichkeitsgemäßen Erfassung des äußeren Lebens zu der konkreten Wirklichkeit hin, indem sie zu dem äußeren Materiellen auch das ÜbersinnlichGeistige fügt. Dadurch aber wird der Mensch überall in den Mittelpunkt des Weltenwesens hineingestellt, sowohl in realer Betrachtung wie auch im Wirken. Und das ist notwendig. Das will ich noch erhärten an einem Beispiel der Erziehungskunst. Ich möchte etwas Charakteristisches anführen: Denken Sie sich, wir wollen einem Kinde einfache religiöse Vorstellungen beibringen, zum Beispiel eine solche von der Unsterblichkeit der Seele. Wir können, wenn wir dieses dem Kinde vor dem neunten, zehnten Jahr beibringen wollen, aus dem Bildlichen herausarbeiten. Wir müssen dem Kinde zum Beispiel sagen: Sieh dir einmal die Schmetterlingspuppe an; da bricht die Umhüllung durch, der Schmetterling flattert heraus in die Luft. So ist es auch mit dem Menschen. Die unsterbliche Seele wohnt im physischen Leibe. Der Tod zerbricht diesen Leib. Die unsterbliche Seele ist dem Schmetterling vergleichbar, nur unsichtbar flattert sie aus dem physischen Leibe in die übersinnliche Welt hinein, wie der Schmetterling aus der Puppe in die Luft fliegt. Sehen Sie, wenn man solch eine Sache gerade mit Rücksicht auf lebendige Erziehungskunst studiert, so kommt man auf die Imponderabilien des Lebens. Ich kann als Lehrer oder Erzieher mir sagen: Ich bin sehr gescheit, ich bin alt geworden; das Kind ist noch jung, es ist sehr dumm. Also denke ich mir einen solchen Vergleich von Puppe und Schmetterling aus. Ich mache dem Kinde an dem, was ich selber nicht glaube, was ich selber für eine Dummheit ansehe, etwas vor als gescheiter Mensch, damit es die Unsterblichkeit der Seele begreift. - Viel wird man nicht damit erreichen. In einem materialistischen Zeitalter erscheint das als paradox, aber wahr ist es doch: viel wird man damit nicht erreichen. Indem der anthroposophisch orientierte Geistesforscher die Sache anschaut, wird sie etwas anderes. Der glaubt selber an das, was er als Bild hinstellt. Er sagt nicht: Ich bin der Gescheite und mache dem Kinde etwas vor —, sondern er sagt: Die ewigen Wesenheiten und Mächte, die als Geistiges in der Natur wirken, haben im Schmetterling ganz objektiv das Bild des unsterblichen Menschen hingestellt. Und indem ich selber mit jeder Faser meines Wesens glaube an dieses Bild, und von diesem meinem Glauben aus zu dem Kinde spreche, erwecke ich im Kinde eine wirklich religiöse Vorstellung. - Nicht darauf kommt es an, was ich dem Kindesage, sondern wie ich selbst bin, wie ich selbst zu den Dingen stehe. Das wird immer mehr und mehr in die Erziehungskunst hereinkommen.
[ 28 ] I have been able to characterize only in broad strokes what emerges from anthroposophically oriented Spiritual Science as an understanding of the human being and what can form the foundation for the practical way of life that finds its expression in education and teaching. The great social demands of our time show us that we need something like this. Spiritual Science leads us everywhere from a mere, unrealistic perception of external life toward concrete reality by adding the supersensible-spiritual to the external material. Through this, however, the human being is placed at the very center of the world’s being, both in real observation and in action. And this is necessary. I would like to illustrate this further with an example from the art of education. Let me cite something characteristic: Imagine we want to teach a child simple religious mental images, for example, the idea of the immortality of the soul. If we wish to teach this to a child before the age of nine or ten, we can work it out through imagery. We must say to the child, for example: “Look at the butterfly chrysalis; the shell breaks open, and the butterfly flutters out into the air. It is the same with human beings. The immortal soul dwells within the physical body. Death breaks open this body. The immortal soul is comparable to the butterfly; only invisibly does it flutter out of the physical body into the supersensible world, just as the butterfly flies out of the chrysalis into the air. You see, when one studies such a thing with a view to the art of living education, one arrives at the imponderables of life. As a teacher or educator, I might say to myself: I am very intelligent; I have grown old; the child is still young and very foolish. So I come up with this comparison between the chrysalis and the butterfly. As a more intelligent person, I present to the child—based on what I myself do not believe, what I myself regard as foolishness—something designed to help the child grasp the immortality of the soul. - One will not achieve much with this. In a materialistic age, this seems paradoxical, but it is nevertheless true: one will not achieve much with this. When the anthroposophically oriented spiritual researcher looks at the matter, it becomes something else. He himself believes in the image he presents. He does not say, “I am the wise one and am pretending something to the child”—rather, he says, “The eternal beings and forces that work as spiritual forces in nature have, quite objectively, placed the image of the immortal human being in the butterfly.” And by believing in this image myself with every fiber of my being, and speaking to the child from this belief of mine, I awaken a truly religious mental image in the child. — What matters is not what I say to the child, but who I am myself, how I myself relate to things. This will become an increasingly important part of the art of education.
[ 29 ] Und in solcher Weise müssen Sie es auch verstehen, wenn ich sage: In die Waldorfschule kommen manche Menschen, um sie anzuschauen, um einmal an einer Reihe von Unterrichtsstunden teilzunehmen und dergleichen. Das ist gerade so, wie wenn Sie aus einem Gemälde von Rembrandt ein Stück herausschneiden wollten und glaubten, daraus könne man eine Vorstellung bekommen von dem ganzen Gemälde. Das kann man niemals, wenn etwas so als ein Ganzes gedacht und aufgebaut ist, wie es die Waldorfschule ist, wenn etwas so herausgegliedert ist aus dem Ganzen der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft. — Welche Lehrer sind da zu brauchen? Diejenigen, die ihr ganzes Leben aus jener Geist-Erkenntnis geformt haben, von der ich das letzte Mal hier gesprochen habe. Die beste Art, die Waldorfschule kennenzulernen, die beste Art, die Pädagogik der Waldorfschule kennenzulernen, ist, anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft kennenzulernen zunächst. Denn sich die Dinge anzuschauen und in der Waldorfschule hospitieren zu wollen, dadurch wird man von der Waldorfschule nicht viel erfahren können.
[ 29 ] And that is exactly how you must understand it when I say: Some people come to the Waldorf School to look around, to sit in on a few classes, and so on. It is just as if you wanted to cut out a piece from a painting by Rembrandt and believed that this would give you a mental image of the entire painting. That is never possible when something is conceived and structured as a whole, as the Waldorf School is, when something is so intricately woven into the whole of anthroposophically oriented Spiritual Science. — What kind of teachers are needed there? Those who have shaped their entire lives according to that spiritual insight I spoke of here last time. The best way to get to know the Waldorf School, the best way to get to know the Waldorf School’s educational approach, is to first familiarize oneself with anthroposophically oriented Spiritual Science. For simply observing things and wanting to sit in on classes at the Waldorf School will not allow one to learn much about the Waldorf School.
[ 30 ] Diese Dinge müssen schon ausgesprochen werden, weil sie zeigen, wie jener neue Geist beschaffen sein muß, der gerade in das praktische Leben von dem Geiste der Dornacher Freien Hochschule für Geisteswissenschaft aus in das soziale, in das künstlerische, in das erzieherische Leben, in die ganze Lebenspraxis hineinkommen soll.
[ 30 ] These things must be spoken of openly, because they reveal the nature of that new spirit which is to find its way—from the spirit of the Dornach School of Spiritual Science—into practical life: into social life, artistic life, educational life, and the whole of daily life.
[ 31 ] Nun werden Sie, wenn Sie dieses durchdenken, es nicht mehr sonderbar finden, daß derjenige, der sich in ein solches Geistesleben, wie es dieser Erziehungskunst zugrunde liegt, vertieft, in der Tat auf den Boden eines freien Geisteslebens sich stellen muß. Was wir heute im Geistesleben drinnen haben, ist ein gewisser Zug der Abstraktion, es ist ein gewisser Zug zum Programmäßigen; ein Zug, der dem Geistesleben aufgedrückt worden ist dadurch, daß das Geistesleben in der neueren Zeit abhängig geworden ist vom Staatsleben auf der einen Seite, vom Wirtschaftsleben auf der anderen Seite. Dasjenige, was zunächst durch die Weltanschauung, über die ich hier spreche, gefordert werden muß, das ist ein auf sich selbst gestelltes Geistesleben. Dieses Geistesleben würde das erste Glied in dem sein, was ich in meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage» den dreigliedrigen sozialen Organismus genannt habe. Was für das Geistesleben gefordert werden muß, was nicht utopistisch ist, sondern was jeden Tag in Angriff genommen werden kann zu erfüllen, das ist, daß derjenige, der im wirklichen Geistesleben, das heißt, gerade im wichtigsten, öffentlichen Teil des Geisteslebens, im Unterricht und in der Erziehung drinnensteht, zu gleicher Zeit im umfassenden Sinne der Verwalter dieses Geisteslebens ist. Im Unterrichts- und Erziehungswesen soll derjenige, der in lebendiger Tätigkeit drinnensteht, nur so viele Stunden im Unterricht und in der Erziehung zu tun haben, daß ihm noch Zeit übrigbleibt, mit den anderen zusammen, in kleineren oder größeren Korporationen das Unterrichts- und Erziehungswesen auch zu verwalten. Nicht diejenigen, die aus dem Erziehungs- und Unterrichtswesen herausgenommen und in Staatsstellen hineingestellt werden oder die pensioniert sind, sondern diejenigen, die im lebendigen Unterrichten drinnenstehen, sind allein berufen, auch die Verwaltung des Unterrichtswesens als solchem zu besorgen. Denn das, was im Unterrichtswesen, überhaupt im Geistesleben verwaltet wird, darf nur die Fortsetzung desjenigen sein, was auch gelehrt wird, was den Inhalt eines jeden Wortes, einer jeden Tat in der Klasse bildet. Da dürfen nicht von außen her, vom Staate oder vom Wirtschaftsleben her, Vorschriften erfließen. Autonomie, Selbstverwaltung des geistigen Lebens ist notwendig.
[ 31 ] Now, if you think this through, you will no longer find it strange that anyone who immerses themselves in the kind of spiritual life that underlies this art of education must, in fact, stand on the ground of a free spiritual life. What we have in our spiritual life today is a certain tendency toward abstraction; it is a certain tendency toward dogmatism—a tendency that has been imposed on spiritual life because, in recent times, spiritual life has become dependent on political life on the one hand and economic life on the other. What must first be demanded by the worldview I am speaking of here is a spiritual life that stands on its own. This spiritual life would be the first link in what I have called the threefold social organism in my book *The Core Points of the Social Question*. What must be demanded of spiritual life—something that is not utopian but can be undertaken every day—is that those who are actively engaged in real spiritual life, that is, specifically in the most important, public aspect of spiritual life—in teaching and education—should at the same time, in the broadest sense, be the stewards of this spiritual life. In the field of teaching and education, those who are actively engaged in this work should have only as many hours devoted to teaching and education as to leave them time to also administer the system of teaching and education together with others, in smaller or larger groups. It is not those who have been removed from the field of education and teaching and placed in government positions, or those who have retired, but rather those who are actively engaged in teaching who alone are called upon to also manage the educational system as such. For what is administered in the educational system—and indeed in intellectual life in general—must be nothing other than the continuation of what is actually taught, of what constitutes the content of every word and every action in the classroom. Regulations must not be imposed from outside, whether by the state or by the economic sphere. Autonomy and self-administration of intellectual life are necessary.
[ 32 ] Ich weiß es gut, wer bloß leichtgeschürzte, logische Begriffe formen will, oder wer sich auf den Boden einer oberflächlich historischen Betrachtungsweise stellt, der wird mancherlei einzuwenden haben, denn man muß wirklich in der ganzen Natur des Geisteslebens drinnenstehen, um die Notwendigkeit der Befreiung dieses Geisteslebens als eines selbständigen Gliedes des sozialen Organismus zu erkennen. Wer wie ich jahrelang Lehrer gerade an einer Proletarierschule war - an derjenigen, die von Wilhelm Liebknecht begründet war -, wer das Proletarierleben, die in ihm lebende Form der sozialen Frage kennengelernt hat, der weiß, daß diese soziale Frage nicht bloß eine Frage äußerer Einrichtungen, nicht bloß eine Frage der Unzufriedenheit mit äußeren Einrichtungen ist, der weiß etwas ganz anderes. Der weiß, daß ein Wort, welches immer wieder und wiederum angetroffen wird innerhalb des proletarischen Lebens, aber weit über dasselbe hinausgehend, das Wort «Ideologie» ist, in der Deutung, wie ich es im ersten Kapitel meiner «Kernpunkte der sozialen Frage» auseinandergesetzt habe. Was ist hinter diesem Wort Ideologie verborgen?
[ 32 ] I am well aware that anyone who merely seeks to formulate simplistic, logical concepts, or who adopts a superficially historical perspective, will have many objections; for one must truly be immersed in the very nature of intellectual life to recognize the necessity of liberating this intellectual life as an independent component of the social organism. Anyone who, like me, has spent years teaching at a proletarian school—the one founded by Wilhelm Liebknecht—and who has come to know proletarian life and the form of the social question embodied in it knows that this social question is not merely a matter of external institutions, nor merely a matter of dissatisfaction with external institutions; such a person knows something entirely different. Such a person knows that a word which is encountered time and again within proletarian life—but which extends far beyond it—is the word “ideology,” in the sense that I explained in the first chapter of my *Key Points of the Social Question*. What lies hidden behind this word “ideology”?
[ 33 ] Nun, einstmals im alten Orient sprach man von der großen Illusion, von Maja. Man verstand darunter die äußere Sinneswelt, die uns nur ein Scheingebilde liefert, nach alter orientalischer Anschauung, die heute im Orient schon in Dekadenz gekommen und für uns nicht brauchbar ist. Das wahre Wirkliche, dasjenige Wirkliche, das den Menschen voll trägt, war für die alten orientalischen Weisen dasjenige, was in der Seele sich heranentwickelt, was in der Seele lebt; was die äußeren Sinne schauen, das war nur Maja.
[ 33 ] Well, in the ancient Orient, people spoke of the great illusion, of maya. By this they meant the external sensory world, which, according to ancient Oriental belief—a belief that has now fallen into decline in the Orient and is of no use to us—provides us only with an illusion. For the ancient Eastern sages, the true reality—the reality that fully sustains human beings—was that which develops within the soul, that which lives in the soul; what the external senses perceive was merely maya.
[ 34 ] Wir leben heute in einem Zeitalter, wo sich gerade die radikalsten Weltanschauungen zur Umkehrung dieses Gesichtspunktes bekennen. Heute gilt in weitesten Kreisen das äußere Naturhafte oder das Materielle, das in den Produktionsprozessen Lebende, als die einzige Wirklichkeit, und Maja ist dasjenige, was im Inneren der Menschenseele als Sitte, als Religion, als Kunst, als Wissenschaft aufgeht. Will man das orientalische Wort Maja in der richtigen Weise übersetzen, so muß man sagen: Ideologie. Alle anderen Übersetzungen sind für unsere modernen Menschen nicht zutreffend. Aber Ideologie bezieht sich gerade auf das Umgekehrte von dem, was die Maja für den alten Orientalen war. Maja nennt heute der weiteste Umkreis der modernen Bevölkerung dasjenige, was der alte Orientale die einzige Wirklichkeit genannt hat. Und das hat eine wichtige Bedeutung für das Leben.
[ 34 ] We live today in an age in which even the most radical worldviews advocate a reversal of this perspective. Today, in the broadest circles, the external, natural, or material—that which is alive in the processes of production—is regarded as the only reality, and maya is that which arises within the human soul as custom, religion, art, and science. If one wishes to translate the Eastern word maya correctly, one must say: ideology. All other translations are inaccurate for modern people. But “ideology” refers precisely to the opposite of what “maya” was for the ancient Orientals. Today, the vast majority of the modern population uses the term “ideology” to describe what the ancient Orientals called the only reality. And this has significant implications for life.
[ 35 ] Ich habe sie kennengelernt, solche Menschen, welche aus den führenden Klassen heraus unter dem Einfluß einer Weltanschauung lebten, die zu einer solchen Ideologie kam. Menschen habe ich kennengelernt, die sich sagten: Die Naturwissenschaft, wenn wir ihr vertrauen müssen, leitet die ganze Entstehung des Kosmos auf einen Urnebel zurück. Da sind die verschiedenen Wesen der Natur entstanden. Auch der Mensch hat sich da herausgeballt. Indem er sich herausballte, entwickelte er etwas in seiner Seele wie eine große Illusion, wie Seifenblasen. Die Naturwissenschaft zeigt uns keine Realität desjenigen, was als Sitte, als Religion, als Wissenschaft, als Kunst aus der Seele des Menschen aufsteigt. Und schaut man wiederum hin auf das Ende der Erdenentwickelung, dann bietet sich dem Aspekt der große Kirchhof dar. Auf der Erde erfolgt Vereisung oder der Wärmetod, jedenfalls der große Kirchhof für die Ideale, für dasjenige, was wir als das eigentliche Menschenwerte, als das Wichtigste und Wesentlichste im Menschen betrachten. Da ist nur ein Verschwinden des Daseins, wenn wir der Naturwissenschaft ehrlich vertrauen wollen.
[ 35 ] I have met such people—members of the ruling classes who, under the influence of a worldview, came to embrace such an ideology. I have met people who said to themselves: If we are to trust natural science, it traces the entire origin of the cosmos back to a primordial nebula. That is where the various beings of nature arose. Human beings, too, emerged from it. As they emerged, they developed something in their souls like a great illusion, like soap bubbles. Natural science reveals no reality of that which arises from the human soul as custom, as religion, as science, as art. And if one looks again toward the end of Earth’s evolution, the vast graveyard presents itself to the eye. On Earth, there will be glaciation or heat death—in any case, a vast graveyard for ideals, for that which we regard as true human values, as the most important and essential aspects of humanity. There is only the disappearance of existence if we are to place our trust honestly in natural science.
[ 36 ] Ich habe die ganze Tragik, den ganzen Schmerz bei solchen materialistisch gesinnten Seelen der führenden Menschheit der modernen Zeit sehen können, die nicht entkommen konnten der Lebenslage, ernst zu nehmen die naturwissenschaftlichen Folgerungen, und die deshalb alles dasjenige, was dem Menschen als sein Inneres seinen größten Wert gibt, für Illusion genommen haben. Ich habe jenen Pessimismus, der aus einer wirklich ehrlichen Verfolgung naturwissenschaftlicher Weltgesinnung entspringt, bei vielen Menschen kennengelernt.
[ 36 ] I have been able to see all the tragedy, all the pain in the materialistically minded souls of the leading figures of modern times, who could not escape the circumstances that compelled them to take the conclusions of the natural sciences seriously, and who therefore regarded everything that gives human beings their greatest value as an illusion. I have encountered that pessimism—which springs from a truly sincere pursuit of a scientific worldview—in many people.
[ 37 ] Diese Anschauung aber hat ihre besondere Gestaltung gefunden in dem Materialismus der modernen Arbeiterschaft. Da gilt alles dasjenige, was Geistiges ist, als Überbau, als ein Rauch, ein Dunst, als Ideologie. Und das, was dadurch als Seelenverfassung in den modernen Menschen hineinkommt — wenn man auch immer anderes erfindet und anderes hinstellt, wodurch man sich selber täuscht -, das ist der eigentliche Ursprung des modernen antisozialen Empfindens; das ist der eigentliche Ursprung jener furchtbaren Katastrophen, die für die meisten Menschen noch ungeahnt heraufdämmern im ganzen Osten, die in Rußland zunächst beginnen, und die heute schon sehr verheerende Dimensionen angenommen haben, die aber noch größere Dimensionen annehmen werden, wenn man sich nicht entschließen wird, an die Stelle einer Ideologie eine lebendige Erfassung des Geistes zu setzen.
[ 37 ] This view, however, has taken on a particular form in the materialism of the modern working class. In this view, everything of a spiritual nature is regarded as a superstructure, as smoke, as a haze, as ideology. And what thereby enters into the modern human being as a state of mind—even if people constantly invent and present other things, thereby deceiving themselves—is the true origin of modern antisocial sentiment; that is the true origin of those terrible catastrophes that are still looming, unimagined by most people, throughout the East—catastrophes that are beginning first in Russia and have already assumed very devastating proportions today, but which will assume even greater proportions if people do not resolve to replace ideology with a living grasp of the spirit.
[ 38 ] Anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft gibt uns nicht bloß Ideen und Begriffe über ein Wirkliches, sondern sie gibt uns auch Ideen und Begriffe, durch die wir wissen: Wir denken nicht nur über etwas Geist-Erfülltes - lebendigen Geist, nicht bloß gedachten Geist gibt uns Geisteswissenschaft. Sie zeigt den Menschen so, daß ihn lebendiger Geist erfüllt. Wie die alten Religionen ihm lebendigen Geist gegeben haben, wie sie ihm nicht gesagt haben: Du sollst nur etwas wissen -, sondern wie sie ihm gesagt haben: Du sollst etwas wissen, wodurch die göttliche Wissenschaft in dir lebt. Wie dein Blut in dir pulst, so pulsieren göttliche Kräfte durch ein wirkliches Wissen in dir. - Solch ein Wissen, solch ein Geistesleben will anthroposophische Geisteswissenschaft, wie sie in Dornach vertreten wird, der Menschheit überliefern.
[ 38 ] Anthroposophically oriented Spiritual Science does not merely provide us with ideas and concepts about reality; it also provides us with ideas and concepts through which we know: We do not merely think about something imbued with spirit—Spiritual Science gives us living spirit, not merely a spirit conceived in thought. It reveals to human beings that they are filled with living spirit. Just as the ancient religions gave them living spirit—not by telling them, “You should merely know something,” but by telling them, “You should know something through which divine knowledge lives within you.” Just as your blood pulses within you, so do divine forces pulse within you through true knowledge. - Such knowledge, such a spiritual life is what anthroposophical Spiritual Science, as represented in Dornach, seeks to pass on to humanity.
[ 39 ] Aber sie braucht die Unterstützung der Menschen der Gegenwart. Man wird nicht dadurch etwas erreichen, daß man im Kleinen auf diesem Boden wirkt, man braucht ein Wirken im Großen. Geisteswissenschaft hat nichts Sektiererisches in sich; sie will die großen Aufgaben der Gegenwart auch im praktischen Leben erfassen. Aber sie braucht dazu das lebendige Verständnis der Zeitgenossenschaft. Es genügt nicht, daß man da oder dort nach dem Muster der Waldorfschule Winkelschulen errichtet, wie so manche wollen. Nicht darauf kommt es an, denn dadurch wird unser Geistesleben nicht freier.
[ 39 ] But it needs the support of people today. Nothing will be achieved by working on a small scale in this field; what is needed is action on a large scale. Spiritual Science has nothing sectarian about it; it seeks to address the great challenges of our time in practical life as well. But to do so, it needs a living understanding of our shared contemporary reality. It is not enough to establish small schools here and there modeled after the Waldorf School, as some would like. That is not the point, for it does not make our spiritual life any freer.
[ 40 ] Ich habe oftmals zu meinem großen Schmerz erleben müssen, wie die Menschen ein gewisses Mißtrauen hatten gegen die gewöhnliche, materialistische Medizin. Dann wollen sie zu einem kommen und zur Kurpfuscherei verleiten. Durch Hintertüren sozusagen wollen sie geheilt werden. Ich habe das bis zum Abstoßenden erfahren; habe erfahren, daß ein preußischer Minister vor seinem Parlament die materialistische Medizin vertreten hat, der er die einzige Autorität zugeschrieben hat; dann ist er aber selber durch Hintertüren gekommen, und hat sich von allen möglichen Leuten kurieren lassen wollen, die er aufs heftigste bekämpft hatte im Parlament.
[ 40 ] To my great sorrow, I have often witnessed how people harbored a certain distrust of conventional, materialistic medicine. Then they come to you and try to lure you into quackery. They want to be healed through back doors, so to speak. I have experienced this to the point of finding it repulsive; I have seen a Prussian minister defend materialistic medicine before his parliament, attributing sole authority to it; yet he himself came in through the back door and sought treatment from all sorts of people whom he had fought most vehemently against in parliament.
[ 41 ] Diejenige Gesellschaft, die von einer gewissen Seite aus mit Recht als opferwillig bezeichnet werden kann, die sich der Pflege anthroposophischer Geisteswissenschaft gewidmet hat, sie strebt nach einem durchgreifenden Impuls, der bis ins große Volle zu wirken vermag. Heute handelt es sich um nichts Geringeres, als daß ein wirkliches Geistesleben, wie es die moderne Menschheit braucht, nur geschaffen werden kann dadurch, daß zunächst die Interessenten für das Geistesleben - und das sind im Grunde genommen alle Menschen, zum Teil haben die Menschen auch Kinder -, ein Geistesleben brauchen, das die Kinder für die Zukunft zu freien Menschen macht, die ein menschenwürdiges Dasein sich schaffen. Jeder Mensch ist ein Interessent für das Geistesleben und muß mitarbeiten an demjenigen, was die Zukunft bringen soll durch das Geistesleben. In weitesten Kreisen sollte das Anklang finden, was ich nennen möchte: einen durch solche Ideen, wie ich sie heute dargestellt habe, geforderten Weltschulverein. Im Grunde genommen müßten aus allen Nationen diejenigen Menschen, die heute einsehen, daß ein freies, emanzipiertes Geistesleben dem Erziehungs-, dem Schulsystem zugrunde liegen muß, sich vereinigen zu einem internationalen Weltschulverein, der mehr wirklich reale Lebenskräfte zur Einigung der Völker bringen würde als mancher andere Bund, der aus alten Verwaltungsgrundsätzen und aus alten abstrakten Prinzipien heraus heute gegründet wird. Ein solcher Völkerbund, wie er liegen würde spirituellgeistig in einem Weltschulverein, würde die Menschen über das weite Erdenrund in einer großen, einer Riesenaufgabe für ein Stück zusammenführen.
[ 41 ] The society that, from a certain perspective, can rightly be described as self-sacrificing—the one that has dedicated itself to the cultivation of anthroposophical Spiritual Science—strives for a far-reaching impulse capable of working its way into the great whole. Today, the issue is nothing less than this: a genuine spiritual life—such as modern humanity needs—can only be created if, first of all, those interested in spiritual life—and that essentially includes all people, some of whom also have children—need a spiritual life that will shape children into free human beings for the future, capable of creating a life worthy of human dignity. Every person is interested in spiritual life and must contribute to what the future is to bring about through spiritual life. What I would like to call a “World School Association”—inspired by ideas such as those I have presented today—should find resonance in the broadest circles. Essentially, people from all nations who recognize today that a free, emancipated spiritual life must underlie the educational and school systems should unite to form an international World School Association, which would bring more genuine, vital forces to the unification of peoples than many other alliances founded today on the basis of old administrative rules and abstract principles. Such a League of Nations—as it would exist spiritually within a World School Association—would bring people across the vast globe together, at least for a time, in a great, a colossal undertaking.
[ 42 ] Es handelt sich darum, daß im Verlaufe der neueren Zeit mit Recht aus den alten Konfessionen heraus der moderne Staat die Schule übernommen hat. Aber dasjenige, was dazumal, als der Staat dieses geleistet hat. ein Segen war, das würde fernerhin kein Segen sein, wenn es so bliebe. Der Staat kann nicht etwas anderes aus der Schule machen als seinen Diener. Er kann Theologen als Staatsbeamte, Juristen und so weiter als Staatsbeamte ausbilden lassen. Wenn aber das Geistesleben auf seinem Eeignen Grund und Boden stehen soll, so muß jeder Lehrende und Erziehende einzig und allein verantwortlich sein der geistigen Welt, zu der er aufschauen kann aus anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft heraus. Ein Weltschulverein müßte gegründet werden auf ganz internationalem Boden von seiten aller derjenigen, welche auf der einen Seite Verständnis haben für ein wirklich freies Geistesleben, und auf der anderen Seite Verständnis haben für dasjenige, was die Zukunft der Menschheit in sozialer Beziehung fordert. Ein solcher Weltschulverein wird allmählich über die ganze zivilisierte Welt hin die Anschauung erzeugen, daß die Schulen wiederum frei sein müssen; daß in den Schulen die freie Lehrerschaft auch die Verwaltung selber besorgen muß. In solchen Dingen kann man nicht so kleinlich und philiströs denken, wie viele denken. Sie sagen: Werden denn in diese freien Schulen die Kinder auch hineingeschickt werden? - So darf man nicht denken. Man muß sich klar sein: Diese freie Schule ist eine Forderung der Zukunft, Es müssen Mittel und Wege gefunden werden, wie man die Kinder, selbst wenn es auch in der Zukunft noch abgeneigte Eltern geben sollte, in die Schule hineinbringt ohne Staatszwang. Es handelt sich nicht darum, daß man sagt: Es ist die freie Schule aus einer solchen Rücksicht heraus zu bekämpfen; sondern es handelt sich darum, daß man Mittel und Wege für die freie Schule findet, trotzdem vielleicht von dieser Seite her manches gegen sie spricht, was eben in der entsprechenden Weise dann ausgebildet werden muß. Ich bin überzeugt davon, daß die wichtigste Angelegenheit für die soziale Menschheitsentwickelung die Begründung eines solchen Weltschulvereins ist, der in den weitesten Kreisen den Sinn für reales, konkretes, freies Geistesleben erweckt. Wenn solche Stimmung über die Welt hin existieren wird, dann wird man nicht Waldorfschulen als Winkelschulen errichten müssen, die von Staatsgnaden bestehen, sondern dann werden die Staaten gezwungen sein, da wo freies Geistesleben wirklich Schulen begründet, aus ihren eigenen Bedingungen heraus diese Schulen voll anzuerkennen, ohne von staatlicher Seite aus irgendwie hineinzureden.
[ 42 ] The point is that, in the course of modern times, the modern state has—and rightly so—taken over the school system from the old denominations. But what was a blessing back then, when the state undertook this task, would no longer be a blessing if things were to remain as they are. The state cannot make the school anything other than its servant. It can have theologians, lawyers, and so on trained as civil servants. But if spiritual life is to stand on its own ground, then every teacher and educator must be solely and exclusively accountable to the spiritual world, to which they can look up from within an anthroposophically oriented Spiritual Science. A World School Association would have to be founded on a truly international basis by all those who, on the one hand, have an understanding of a truly free spiritual life, and on the other hand, have an understanding of what the future of humanity demands in social terms. Such a World School Association will gradually foster the view throughout the entire civilized world that schools must once again be free; that in schools, the free teaching staff must also handle the administration themselves. In such matters, one cannot think in such a petty and philistine way as many do. They say: “Will children even be sent to these free schools?”—One must not think that way. We must be clear: This free school is a necessity for the future. Ways and means must be found to get children into school—even if there are still reluctant parents in the future—without state coercion. It is not a matter of saying, “We must oppose the free school for such and such a reason”; rather, it is a matter of finding ways and means to establish the free school, even though there may be arguments against it from this perspective—arguments that must then be addressed in an appropriate manner. I am convinced that the most important matter for the social development of humanity is the establishment of such a World School Association that awakens, in the widest possible circles, a sense of real, concrete, free spiritual life. When such a spirit prevails throughout the world, it will no longer be necessary to establish Waldorf schools as isolated institutions that exist by the grace of the state; rather, states will be compelled—where free spiritual life truly establishes schools—to fully recognize these schools on their own terms, without the state interfering in any way.
[ 43 ] Dasjenige, was ich Ihnen hier für das freie Geistesleben entwickele, daß es aus sich selbst heraus gestaltet werden muß, gilt auch für diejenige Gestaltung des öffentlichen Lebens, welche sich anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft für das Wirtschaftsleben denken muß. Geradeso wie das Geistesleben auf die Fähigkeit der einzelnen Menschenindividualität gestellt sein muß, so muß das Wirtschaftsleben gestellt sein auf etwas anderes, nämlich darauf, daß wir im Grunde genommen im Wirtschaftsleben gar nicht als einzelne ein Urteil fällen können, welches sich in Handlungen, in wirtschaftliche Handlungen umsetzen läßt. Sehen Sie, in bezug auf das Geistesleben müssen wir anerkennen: Nach Totalität, nach innerer Harmonie strebt die menschliche Seele. Die Individualität des Lehrers, des Erziehers muß nach dieser inneren Totalität streben. Dem Kinde muß man so beikommen, daß man nach dieser Totalität strebt. - Im Wirtschaftsleben stehen wir so drinnen, daß wir fach- und sachtüchtig nur in den engeren Branchen sein können, und daß etwas Gedeihliches nur herauskommen kann, wenn man sich vereinigt mit Leuten anderer Branchen. Und so hat man zu denken, daß mit einer ebensolchen Notwendigkeit, wie das freie Geistesleben sich herausbilden muß als ein Glied des sozialen Organismus, sich das auf das assoziative Prinzip gebaute Wirtschaftsleben herausbilden muß als ein anderes selbständiges Glied des dreigliedrigen sozialen Organismus. Wir werden in Zukunft aus anderen Grundlagen heraus das Wirtschaftsleben gestalten müssen, wie wir es aus der Vergangenheit herein gewöhnt sind. Man gestaltet heute das Wirtschaftsleben nur aus der Vergangenheit; man hat ja keinen anderen Maßstab für den Erwerb, das Erträgnis; und an die Umgestaltung dieser Erwerbs-Wirtschaftsgesellschaft in etwas anderes denken die Menschen heute doch nicht. Ich möchte dies an einem Beispiel erörtern, das ja vielleicht noch nicht aus dem reinen Wirtschaftsleben hergenommen ist, das aber doch seine wirtschaftliche Seite hat, und zeigt, wie auch auf ganz materiellem Gebiete in das assoziative Prinzip des Wirtschaftens hineingegangen werden kann. Ich möchte da darauf aufmerksam machen: Wir haben die Anthroposophische Gesellschaft. Viele Menschen mögen sie ja nicht besonders lieben, mögen sie als etwas Sektiererisches betrachten, was sie ganz gewiß nicht ist, oder als etwas Nebulos-Mystisches, was sie auch ganz gewiß nicht ist. Diese Gesellschaft widmet sich der Pflege anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft. Nun hat diese Anthroposophische Gesellschaft vor vielen Jahren in Berlin den Philosophisch-Anthroposophischen Verlag begründet; eigentlich zwei Menschen haben ihn zunächst begründet, aber aus der Denkweise der Anthroposophischen Gesellschaft heraus. Dieser Verlag nun arbeitet nicht wie eine Erwerbsgesellschaft, wie ein anderer Verlag, der aus der wirtschaftlichen Denkweise der modernen Zeit hervorgeht. Wie arbeiten die anderen Verlagsunternehmungen? Sie drucken Bücher. Das bedeutet: Man muß so und so viele Leute in Anspruch nehmen, die an der Papierbearbeitung beteiligt sind, so und so viele Setzer, Drucker, Einbinder und so weiter. Nun bitte, schauen Sie sich jedes Jahr jene merkwürdigen Gebilde an, welche man im Buchhandel die Krebse nennt. Es sind diejenigen Bücher, die bei den Sortimentern draußen nicht gekauft werden, sondern bei der nächsten Östermesse wieder zurückwandern an den Verleger zum Einstampfen. Da hat man auf den Markt hinausgebracht Waren, für die man ein ganzes Heer von Menschen beschäftigt hat, und unnötig beschäftigt hat.
[ 43 ] What I am outlining here regarding the free spiritual life—namely, that it must be shaped from within—also applies to the shaping of public life that anthroposophically oriented Spiritual Science must envision for economic life. Just as spiritual life must be based on the capacity of the individual human personality, so economic life must be based on something else—namely, the fact that, fundamentally speaking, we cannot, as individuals, make judgments in economic life that can be translated into actions, into economic actions. You see, with regard to spiritual life, we must acknowledge that the human soul strives for wholeness and inner harmony. The individuality of the teacher and the educator must strive toward this inner wholeness. One must approach the child in such a way that one strives toward this wholeness. - In economic life, we are situated in such a way that we can be professionally competent only within our narrower fields, and that something fruitful can emerge only when we unite with people from other fields. And so we must recognize that, just as the free spiritual life must develop as a member of the social organism, so too must economic life—built upon the associative principle—develop as another independent member of the threefold social organism. In the future, we will have to shape economic life on a different foundation than the one we have been accustomed to from the past. Today, economic life is shaped solely on the basis of the past; after all, there is no other standard for income or profit; and people today do not even consider transforming this profit-driven economic society into something else. I would like to discuss this using an example that may not yet be drawn directly from economic life itself, but which nonetheless has an economic aspect and demonstrates how the associative principle of economic activity can be applied even in a purely material sphere. I would like to draw attention to the following: We have the Anthroposophical Society. Many people may not particularly like it; they may regard it as something sectarian—which it most certainly is not—or as something nebulous and mystical—which it also most certainly is not. This Society is dedicated to the cultivation of anthroposophically oriented Spiritual Science. Now, many years ago, this Anthroposophical Society founded the Philosophisch-Anthroposophischer Verlag in Berlin; actually, two individuals initially founded it, but they did so in accordance with the Anthroposophical Society’s way of thinking. This publishing house does not operate like a for-profit company, unlike other publishing houses that emerge from the economic mindset of modern times. How do other publishing companies operate? They print books. That means they have to employ a certain number of people involved in paper processing, a certain number of typesetters, printers, bookbinders, and so on. Now, please take a look every year at those peculiar items that are called “dead stock” in the book trade. These are the books that aren’t purchased by retailers but are returned to the publisher at the next Easter trade fair to be pulped. There, goods have been brought to market for which an entire army of people was employed—and employed unnecessarily.
[ 44 ] Das ist eine wesentliche Seite der sozialen Frage: die unnötigen, die nicht zweckentsprechenden Arbeiten. Man redet heute allzuviel, weil man in Phrasen, nicht in Sachkenntnis leben will, von erwerbslosem Einkommen. Man sollte vielmehr in die realen Verhältnisse hineinschauen. Denn auf dem Gebiet des ganzen äußerlich-materiellen Lebens ist in vieler Beziehung auch solches vorhanden. Der PhilosophischAnthroposophische Verlag hat bis jetzt kein einziges Buch vergeblich gedruckt, höchstens einige, die wir aus besonderer Liebenswürdigkeit für Mitglieder gedruckt haben, und von denen wir von vorneherein wußten, sie sind nur aus Liebenswürdigkeit gedruckt, wo wir die Sache also gewissermaßen geschenkt haben. Aber was sonst gedruckt wurde, dafür war von vorneherein der Konsum da, waren die Konsumenten da. Unsere Bücher waren immer rasch ausverkauft, nichts wurde unnötig gedruckt. Kein Arbeiter wurde unnötig in Anspruch genommen, keine unnötige Arbeit wurde geleistet im sozialen Verkehr. So etwas läßt sich auf dem ganzen weiten Gebiet des Wirtschaftslebens erreichen, wenn man zusammengliedert diejenigen Menschen, die auf der einen Seite ein Verständnis haben für die Bedürfnisse auf irgendeinem Gebiet, mit denjenigen, die Handel treiben mit gewissen Produkten, mit denjenigen, die produzieren. Aus den Konsumenten, denjenigen, die Handel treiben und den Produzenten werden sich Assoziationen bilden, die vor allen Dingen mit der Regelung des Preises sich zu schaffen machen werden. Es würden diese Assoziationen, die sich ihre eigene Größe geben - wenn sie zu groß sind, würden sie unübersichtlich, wenn sie zu klein sind, würden sie zu teuer -, wiederum vereinigen zu großen Assoziationen; sie werden dann sich erweitern können zu dem, was man die Weltwirtschaftsassoziation nennen muß. Denn das ist ja das Charakteristikon der neueren Wirtschaft, daß sie zur Weltwirtschaft geworden ist.
[ 44 ] This is a fundamental aspect of the social question: unnecessary, non-productive work. People today talk far too much about unearned income because they prefer to live by empty phrases rather than by factual knowledge. Instead, one should look at the actual circumstances. For in the realm of all external, material life, such things also exist in many respects. The Philosophical-Anthroposophical Publishing House has not printed a single book in vain to date—at most a few that we printed out of special kindness for members, and of which we knew from the outset that they were printed solely out of kindness, meaning we essentially gave them away. But as for everything else that was printed, there was a market for it from the very beginning; the consumers were there. Our books always sold out quickly; nothing was printed unnecessarily. No worker was unnecessarily burdened, and no unnecessary work was performed in social interactions. Such results can be achieved across the entire broad field of economic life if we bring together, on the one hand, those people who have an understanding of the needs in a particular area, with those who trade in certain products, and with those who produce them. Associations will form among consumers, traders, and producers, and these associations will primarily concern themselves with regulating prices. These associations, which determine their own size—if they are too large, they would become unwieldy; if they are too small, they would become too costly—would in turn unite to form larger associations; they will then be able to expand into what must be called the global economic association. For that is, after all, the defining characteristic of the modern economy: that it has become a global economy.
[ 45 ] Ich müßte noch viel sagen, wenn ich das, was ich nur dem Prinzip nach dargestellt habe, ausführen wollte. Das assoziative Leben ist nicht gemeint als ein organisatorisches. Trotzdem ich aus Deutschland komme - ich habe ja vielfach in Deutschland gelebt, habe allerdings jetzt meinen Wirkungskreis in Dornach, in der Schweiz -, so wirkt doch auf mich das Wort Organisation wie etwas, was mir schrecklich ist. Denn Organisieren bedeutet: etwas von oben herab bestimmen, von oben herab einrichten, von einem Zentrum aus einrichten. Das verträgt das Wirtschaftsleben nicht. Indem die mitteleuropäischen Staaten ihr Wirtschaftsleben organisieren wollten, haben gerade sie, die eingepfercht waren zwischen Westen und Osten, einem gesunden Wirtschaftsleben entgegengearbeitet. Das assoziative Wirtschaftsleben, das angestrebt werden muß, das läßt die Industrien, auch die industriellen Genossenschaften bestehen, es schließt sie nur zusammen nach Produktion und Konsumtion, die durch die Tätigkeit derjenigen, die die Assoziationen verwalten, geregelt werden; geregelt werden durch freie Verträge vom Einzelnen zum Einzelnen oder von Assoziation zu Assoziation.
[ 45 ] I would have much more to say if I were to elaborate on what I have so far presented only in principle. Associative life is not meant to be an organizational one. Although I come from Germany—I have, after all, lived in Germany on many occasions, though my sphere of activity is now in Dornach, Switzerland—the word “organization” still strikes me as something I find dreadful. For to organize means: to dictate something from above, to set things up from above, to establish them from a central point. Economic life cannot tolerate this. By seeking to organize their economic life, the Central European states—precisely those that were hemmed in between the West and the East—worked against a healthy economic life. The associative economic life that must be strived for allows industries—including industrial cooperatives—to exist; it merely brings them together based on production and consumption, which are regulated by the activities of those who administer the associations; they are regulated by free contracts between individuals or between associations.
[ 46 ] Dasjenige, was hier zu sagen ist, finden Sie näher ausgeführt in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage» oder in anderen Schriften, zum Beispiel in dem Buche, das diese «Kernpunkte» ergänzt: «In Ausführung der Dreigliederung.»
[ 46 ] What needs to be said here is explained in greater detail in my *Key Points of the Social Question* or in other writings, for example in the book that supplements these *Key Points*: *In Implementation of the Threefold Social Order.*
[ 47 ] So fordert dasjenige, was gerade den modernsten Bedürfnissen entgegenkommt als anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, aus Lebenspraxis, zwei selbständige Glieder des sozialen Organismus: Das freie Geistesleben; das assoziativ gestaltete Wirtschaftsleben. Diese muß gerade der fordern, der es mit einer Grundkraft des ganzen modernen Menschenwesens, mit einer Grundsehnsucht der neuesten Zeit vollständig ernst und ehrlich nimmt, mit der Sehnsucht nach Demokratie.
[ 47 ] Thus, what best meets the most modern needs—as an anthroposophically oriented Spiritual Science rooted in practical life—calls for two independent members of the social organism: the free spiritual life and the associatively structured economic life. This must be demanded precisely by those who take completely seriously and honestly a fundamental force of the entire modern human being—a fundamental longing of the present age: the longing for democracy.
[ 48 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, ich habe meine halbe Lebenszeit, dreißig Jahre, in Österreich zugebracht, habe gesehen, was es heißt: nicht Ernstnehmen im ganzen sozialen Wesen dasjenige, was die modernste Forderung, die Forderung nach Demokratie ist. In den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde in diesem Experimentierlande Österreich, das gerade aus dem Grunde, weil es nicht verstanden hat, in einer richtigen Weise die sozialen Verhältnisse herbeizuführen, das erste war, das in der großen Weltkatastrophe völlig untergegangen ist, in diesem Österreich erhob sich in den sechziger Jahren auch der Ruf nach Parlamentarismus. Man bildete ein Parlament. Aber wie setzte man dieses Parlament zusammen? Aus vier Kurien: Der Kurie der Großgrundbesitzer, der Kurie der Handelskammer, der Kurie der Städte, Märkte und Industrieorte, der Kurie der Landgemeinden. Also lauter Wirtschaftsinteressen; vier Gruppen von Wirtschaftsinteressen. Die schickte man ins Parlament. Da sollten sie über die politisch-juristischen, über allgemeine staatliche Verhältnisse entscheiden. Sie entschieden immer aus ihren wirtschaftlichen Interessen heraus, daraus bildeten sie eine Majorität. Solche Majoritäten können aber niemals etwas konkret Fruchtbares in die Menschheitsentwickelung, in die soziale Entwickelung hineinbringen. Solche Majoritäten entstehen ja nicht aus dem Sachverständnis heraus. Ehrlich muß man es meinen mit dem Ruf nach Demokratie, mit dem Ruf nach Menschenfreiheit.
[ 48 ] Ladies and gentlemen, I have spent half my life—thirty years—in Austria, and I have seen what it means when society as a whole fails to take seriously the most modern demand of all: the demand for democracy. In the 1860s, in Austria—a country of experimentation that, precisely because it failed to properly establish social conditions, was the first to be completely swept away by the great world catastrophe—the call for parliamentarism also arose. A parliament was formed. But how was this parliament composed? It consisted of four curiae: the Curia of Large Landowners, the Curia of the Chamber of Commerce, the Curia of Cities, Markets, and Industrial Centers, and the Curia of Rural Communities. In other words, purely economic interests—four groups representing economic interests. These were sent to parliament, where they were supposed to decide on political-legal matters and general state affairs. They always made decisions based on their economic interests, and from these they formed a majority. But such majorities can never contribute anything concretely fruitful to human development or social progress. After all, such majorities do not arise from a sound understanding of the issues. One must be sincere in the call for democracy, in the call for human freedom.
[ 49 ] Aber man muß sich da durchaus auch klar sein, daß parlamentarisiert werden darf nur über gewisse Dinge, daß Demokratie wirken kann nur über gewisse Dinge, über dasjenige, worüber ein jeder mündig gewordene Mensch kompetent ist. Das demokratische Gebiet bleibt als drittes Glied zwischen dem geistigen Gebiet, das auf freien geistigen Boden gestellt ist einerseits, und zwischen dem wirtschaftlichen Gebiet, das auf assoziativ gestalteten Boden gestellt wird auf der anderen Seite. Es bleibt dazwischen dieses dritte, das staatlich-rechtliche Glied des sozialen Organismus, wo jeder Mensch dem anderen als Gleicher gegenübersteht. In einer solchen Frage wie zum Beispiel der Frage der Arbeitszeit, des Maßes und der Art der Arbeit ist jeder mündig gewordene Mensch als solcher kompetent.
[ 49 ] But one must also be absolutely clear that parliamentarism can apply only to certain matters, that democracy can function only in certain areas—namely, those in which every person who has attained legal age is competent. The democratic sphere remains the third link between the spiritual sphere—which is grounded in free intellectual soil—on the one hand, and the economic sphere—which is grounded in associative structures—on the other. In between lies this third, state-legal element of the social organism, where every person stands before another as an equal. In matters such as working hours, for example—the extent and nature of work—every person who has attained maturity is competent as such.
[ 50 ] Gehen wir entgegen einer Zukunft, in der über das Geistesleben aus der freien Geistigkeit heraus entschieden wird, in der angestrebt wird eine freie Schule, die aus dem Geiste heraus arbeitet und deshalb auch geschickte und praktische Menschen erzeugt - denn auch die praktischen Schulen werden aus einem solchen Geistesleben heraus sich entwickeln; gehen wir einer Zukunft entgegen, in der ein solches Geistesleben als freies Geistesleben wirkt, in der ein Staatsleben sich auf das beschränkt, wofür jeder mündig gewordene Mensch kompetent ist, in der ein Wirtschaftsleben in Assoziationen gegliedert ist, wo ein Kollektivurteil entsteht dadurch, daß der eine Mensch das in die Assoziation hineinbringt, worinnen er sachtüchtig ist und Verträge abschließt mit dem anderen Menschen, der auf seinem Gebiete sachtüchtig ist - gehen wir einer solchen Zukunft entgegen, dann gehen wir etwas anderem entgegen, als heute sehr viele Menschen glauben, die sich nicht in etwas Neues hineinfügen können.
[ 50 ] Are we moving toward a future in which spiritual life is shaped by free spirituality, in which the goal is a free school that operates from the spirit and therefore also produces skilled and practical people—for even practical schools will develop out of such a spiritual life; are we moving toward a future in which such a spiritual life functions as a free spiritual life, in which public life is limited to what every person who has come of age is competent to do, in which economic life is organized into associations, where a collective judgment arises because one person brings to the association what they are skilled at and enters into agreements with another person who is skilled in their own field—if we are moving toward such a future, then we are moving toward something different from what many people today believe, people who are unable to adapt to something new.
[ 51 ] Es wird viele Menschen geben, die glauben, von Dornach ginge ein nebuloses Geistesleben, ein lebensfremdes Geistesleben aus. Nein, das ist nicht der Fall, in Dornach herrscht der Geist, der mit einer gewissen Paradoxie, die aber berechtigt ist, sagt: Keiner kann ein wirklicher Philosoph werden, der nicht auch versteht Holz zu hacken und Kartoffeln auszunehmen, der nicht Hand anlegen kann an die äußere, praktische Welt. Aus Geisteswissenschaft können keine lebensfremden Menschen hervorgehen, sondern nur solche Menschen, die zu gleicher Zeit für das Leben geschickt sind. Denn Geisteswissenschaft ist nicht eine Abstraktion, sie ist eine Wirklichkeit. Sie durchdringt den Menschen mit einer wirklichen Kraft. Sie macht ihn nicht nur denkerischer, sondern auch geschickter. Sie steht zugleich im Zusammenhang mit dem, was der Mensch als seine Würdigung, seine Moralität empfinden muß, mit Moralität, mit Religion, mit der Kunst. Davon kann jeder sich überzeugen, der den Dornacher Bau sich anschaut. Er ist noch lange nicht fertig; verständnisvolle Menschen haben, damit er bis zum heutigen Punkte gebracht werden konnte, Opfer genug bringen müssen. Dieser Bau ist nicht so entstanden, daß man bei einem Baumeister einen Bau bestellt hätte, der dann aufgeführt worden wäre etwa in gotischem Stil, in Renaissancestil oder dergleichen. Das hätte das Lebensvolle der Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, nicht ertragen. Die Geisteswissenschaft bringt aus sich selber auch ihren Stil in den Kunstformen hervor. So wie die Nuß aus denselben Wachstumskräften, aus denen der Kern entsteht, um sich herum die Nußschale bildet, und wie die Nußschale nicht anders aufgebaut sein kann, wie sie eben ist, aus dem im Nußkern wirkenden Prinzip, so konnte die äußere Bauhülle für das, was in Dornach gewollt wird, aus nichts anderem hervorgehen als aus denselben geistigen Quellen, aus denen in Dornach geforscht und gelehrt wird. Das Wort, das verkündet wird, die Ergebnisse, die erforscht werden, gehen aus denselben Quellen hervor, aus denen künstlerisch die Formen der Säulen, die Ausmalung der Kuppeln, hervorgegangen sind. Gebildhauert, als Architekt gewirkt, gemalt wird dort aus denselben geistigen Impulsen, nicht in strohernen Symbolen oder Allegorien, sondern in mit wahrer Kunst arbeitenden Impulsen, wie gelehrt und geforscht wird. Und dadurch, daß das alles zusammenhängt mit dem lebendigen Geistesleben, das im Menschen rege gemacht werden soll, ist auch das dritte Element, das Element des Religiösen in eine Einheit mit Kunst und Wissenschaft verbunden.
[ 51 ] There will be many people who believe that Dornach is the source of a nebulous spiritual life, a spiritual life detached from reality. No, that is not the case; in Dornach, the spirit prevails that, with a certain paradox—which is, however, justified—says: No one can become a true philosopher who does not also know how to chop wood and peel potatoes, who cannot apply himself to the external, practical world. Spiritual Science cannot produce people who are out of touch with life, but only those who are at the same time skilled in the practicalities of life. For Spiritual Science is not an abstraction; it is a reality. It permeates the human being with a real power. It makes him not only more thoughtful, but also more skilled. It is at the same time connected to what the human being must perceive as his sense of dignity and morality—to morality, to religion, to art. Anyone who looks at the Dornach building can see this for himself. It is far from finished; understanding people have had to make sufficient sacrifices to bring it to its present state. This building did not come into being by commissioning an architect to construct a building that would then have been built in, say, the Gothic style, the Renaissance style, or the like. That would not have been compatible with the vitality of Spiritual Science, as it is understood here. Spiritual Science brings forth its own style in the arts from within itself. Just as the nut forms its shell around itself from the same growth forces that give rise to the kernel, and just as the nut shell cannot be structured any differently than it is, due to the principle at work in the nut kernel, so the outer architectural shell for what is intended in Dornach could arise from nothing other than the same spiritual sources from which research and teaching take place in Dornach. The word that is proclaimed, the findings that are explored, spring from the same sources from which the artistic forms of the columns and the painting of the domes have emerged. Sculpting, architectural work, and painting are all carried out there from the same spiritual impulses—not in hollow symbols or allegories, but in impulses that work through true art, just as teaching and research are conducted. And because all of this is connected to the living spiritual life that is to be awakened in human beings, the third element—the element of religion—is also united with art and science.
[ 52 ] Und so wird das, was hier als Geisteswissenschaft angestrebt wird, indem es praktisch in die Welt eintritt, durch die Dreigliederung des sozialen Organismus verwirklichen dasjenige, was als drei Devisen herübertönt auf eine herzergreifende, Menschengeist erweckende Art aus dem 18. Jahrhundert. Da klingen zu uns herüber die drei großen Ideale: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Aber gescheite Menschen haben im 19. Jahrhundert immer wiederum eingewendet: In dem Staate läßt sich nicht zu gleicher Zeit Freiheit und Gleichheit und auch wiederum die Brüderlichkeit pflegen. Gescheite Menschen haben das gesagt, haben das gegen diese drei Ideale eingewendet. Sie haben es mit Recht eingewendet. Aber das beruht auf etwas anderem, als man gewöhnlich denkt; es beruht darauf, daß wohl als drei große berechtigte soziale Ideale aus dem 18. Jahrhundert herüberklingen: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, daß man aber bis heute gestanden hat unter der Suggestion des Einheitsstaates; daß man nicht daran gedacht hat, daß dieser Einheitsstaat sich naturgemäß gliedern muß in die drei sozialen Glieder, den freien Geistesorganismus, den auf Gleichheit gebauten Staats- und Rechtsorganismus, und den auf das assoziative Prinzip gebauten Wirtschaftsorganismus.
[ 52 ] And so what is being pursued here as a Spiritual Science, by entering practically into the world, will—through the threefold structure of the social organism—bring to life those three mottos that resonate from the 18th century in a heart-stirring way that awakens the human spirit. The three great ideals resonate with us: liberty, equality, fraternity. But intelligent people in the 19th century repeatedly objected: In the state, it is not possible to cultivate liberty, equality, and fraternity all at the same time. Intelligent people have said this; they have raised this objection against these three ideals. They were right to do so. But this objection is based on something other than what is commonly thought; it is based on the fact that, while three great and legitimate social ideals from the 18th century do indeed resonate: Liberty, Equality, Fraternity—but that, to this day, we have remained under the spell of the unitary state; that we have not considered that this unitary state must, by its very nature, be structured into three social components: the free intellectual organism, the political and legal organism built on equality, and the economic organism built on the principle of association.
[ 53 ] Man hat mir einmal eingewendet von einer gewissen Seite, die ernst genommen werden will in sozialen Fragen, daß ich die Einheit zersprengen würde, indem ich eine Dreiheit verlange. Ebensowenig wie die Einheit des menschlichen Organismus zersprengt wird dadurch, daß er dasjenige erfüllt, was ich auseinandergesetzt habe in meinem Buche «Von Seelenrätseln», dadurch daß er auch von Natur in drei Glieder zerfällt, ebensowenig wie die Einheit des Menschen dadurch gestört wird, daß das Blut von einem anderen Teile des menschlichen Organismus her in rhythmischer Zirkulation durch den Leib erhalten wird, als von dem die Nerven ausgehen, ebensowenig wie dadurch die Einheit zerstört wird, ja wie sie sogar zerstört würde, wenn der Kopf neben dem, daß er die Nerven ausschickt, auch das Blut erzeugen müßte, ebensowenig wie die Einheit des menschlichen Organismus durch diese Dreiheit gestört wird, ebensowenig wird die Einheit des sozialen Organismus durch diese Dreiheit gestört. Und ich möchte die Betrachtung über Geisteswissenschaft und ihre soziale Lebenspraxis damit beschließen, daß ich darauf hinweise, wie die drei großen Ideale der Menschheit nicht im Einheitsstaate verwirklicht werden können, wie ihre Verwirklichung da eine Illusion werden würde, wie aber diese drei Ideale in das menschliche Leben eindringen können im dreigegliederten sozialen Organismus, in dem herrschen wird: volle Freiheit im freien Geistesleben; Gleichheit der Menschen in demjenigen Gebiet, wo ein jeder kompetent ist, wo als mündig gewordener Mensch jeder als gleicher dem anderen mündig gewordenen Menschen entgegentritt. Die Brüderlichkeit wird im Wirtschaftsleben praktisch erfüllt sein durch das assoziative Prinzip. Nicht die Einheit wird zerstört sein, denn der Mensch steht in allen drei Gliedern drinnen und bildet die lebendige Einheit. Und dazu ist doch im Grunde genommen alle Weltentwickelung da, daß die einzelnen Wirkungsweisen und Wirkungskräfte zuletzt in dem Gipfel der Weltorganisation, im Menschen zusammentreffen. Wie die Naturkräfte, wie sich der ganze Makrokosmos im Mikrokosmos Mensch zusammentreffend wiederfinden im Kleinen, so müssen sich auch die drei großen Ideale, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit nicht äußerlich abstrakt treffen im sozialen Organismus, sondern in Wirklichkeit, damit sie zusammenwirken, in der einheitlichen Menschennatur. Der Mensch wird angehören als ein freier Mensch dem freien Geistesleben, zu dem jeder Mensch gehört. Dadurch, daß er ein gleicher dem anderen Menschen gegenüber ist, gehört er an dem staatlich demokratischen Leben, dem Leben der Gleichheit. Dadurch, daß er dem Wirtschaftsleben angehört, steht er in der Brüderlichkeit drinnen.
[ 53 ] I was once criticized by a certain group—one that wants to be taken seriously on social issues—for allegedly shattering unity by calling for a trinity. Just as the unity of the human organism is not shattered by the fact that it fulfills what I have expounded in my book *On the Mysteries of the Soul*, by the fact that it is naturally divided into three parts—just as the unity of the human being is not disrupted by the fact that blood is supplied to the body in rhythmic circulation from a different part of the human organism than the one from which the nerves originate, nor is unity destroyed by the fact indeed, as it would be destroyed if the head, in addition to sending out the nerves, also had to produce the blood; just as the unity of the human organism is not disturbed by this trinity, so too the unity of the social organism is not disturbed by this trinity. And I would like to conclude this reflection on Spiritual Science and its social practice by pointing out how the three great ideals of humanity cannot be realized in a unitary state—how their realization there would become an illusion—but how these three ideals can permeate human life in a threefold social organism in which the following will prevail: full freedom in the free spiritual life; equality among human beings in the sphere where each is competent, where, as a person who has attained maturity, each meets the other person who has likewise attained maturity as an equal. Brotherhood will be practically fulfilled in economic life through the principle of association. Unity will not be destroyed, for the human being is present within all three sections and forms the living unity. And, after all, the entire course of world development exists fundamentally so that the individual modes of action and forces of action may ultimately converge at the pinnacle of world organization—in the human being. Just as the forces of nature, just as the entire macrocosm, are reflected in the microcosm of the human being—converging on a small scale—so too must the three great ideals—freedom, equality, and brotherhood—not meet externally and abstractly within the social organism, but in reality, so that they may interact, within the unified human nature. As a free human being, a person belongs to the free spiritual life to which every human being belongs. Because he is equal to every other human being, he belongs to democratic civic life—the life of equality. Because he belongs to economic life, he is immersed in brotherhood.
[ 54 ] Freiheit im Geistesleben, Gleichheit im Staats- oder Rechtsleben, Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben - ihr harmonisches Zusammenwirken führt zum Heil und zur wahrhaftigen Weiterentwickelung der Menschheit, führt in Aufgangskräfte hinein, die die Niedergangskräfte bekämpfen.
[ 54 ] Freedom in spiritual life, equality in political and legal life, brotherhood in economic life—their harmonious interplay leads to the salvation and true further development of humanity, and gives rise to forces of ascent that combat the forces of decline.
[ 55 ] Ein Zusammenwirken durch die drei Glieder des echten sozialen Organismus, ein Zusammenwirken von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit in der einheitlichen Menschennatur, das scheint das Zauberwort und Losungswort für die Zukunft der Menschheit werden zu müssen.
[ 55 ] A synergy among the three elements of the true social organism—a synergy of freedom, equality, and brotherhood within the unified human nature—seems destined to become the magic word and watchword for the future of humanity.
