Anthroposophical Anthropology and Education
GA 304a
25 March 1923, Stuttgart
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Anthroposophical Anthropology and Education, tr. SOL
1. Pädagogik und Kunst
1. Education and Art
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, ein vielbekannter und vielbesprochener Satz klingt aus dem grauen Altertume Griechenlands herauf zu der Menschheit wie ein in die Tiefen der Seele tönender Mahnspruch: «Mensch, erkenne dich selbst.» Eine oftmals nicht als gewaltig empfundene, doch gewaltige Forderung ist damit an den Menschen gestellt; man möchte sagen, die Forderung, der Mensch solle sich durch seine wertvollste seelische und geistige Tätigkeit mit seinem wahren, wirklichen Sein und seiner wahren, wirklichen Weltbedeutung bekanntmachen.
[ 1 ] Ladies and gentlemen, a well-known and much-discussed phrase echoes down to humanity from the mists of ancient Greece like an admonition resonating in the depths of the soul: “Man, know thyself.” This places a demand on humanity that is often not perceived as immense, yet is in fact immense; one might say it is the demand that human beings should, through their most valuable psychological and spiritual activities, become acquainted with their true, real being and their true, real significance in the world.
[ 2 ] Nun, es ist in der Regel so, daß wenn eine solche Forderung innerhalb eines Zeitalters, von bedeutsamer Stelle ausgegeben, der Menschheit erklingt, dann weist sie gewöhnlich nicht auf etwas hin, das man leicht haben kann, das leicht erfüllt werden kann, sondern sie weist eher auf den besonderen Mangel eines Zeitalters hin, auf etwas, dessen Erfüllung schwierig ist. Und wer nicht äußerlich, theoretisch geschichtlich, sondern empfindend geschichtlich zurückblickt in alte Zeitepochen der Menschheit, der wird schon fühlen, daß das Auftreten dieser Forderung im alten Griechenland im Grunde bedeutet ein Abnehmen, nicht ein Zunehmen der Kraft menschlicher Selbsterkenntnis, der Kraft wirklicher, in die Tiefen gehender Menschenerkenntnis. Sieht man nämlich zurück in diejenigen Zeiten der Menschheitsentwickelung, in denen religiöses Empfinden, künstlerisches Anschauen, ideelles und ideales Erkennen noch in eins zusammenklangen, so fühlt man, wie in jenen Zeiten harmonischer Einheit von Religion, Kunst und Wissenschaft der Mensch sich wie selbstverständlich fühlte als das Abbild, als das Ebenbild des die Welt durchlebenden und durchwebenden göttlichen Geistes. Als gottgegebene Wesenheit auf der Erde fühlte sich der Mensch. Und im Grunde genommen war es selbstverständlich in alten, grauen Zeiten der Menschheit, daß menschliche Selbsterkenntnis in Gotteserkenntnis gesucht worden ist, in der Erkenntnis des göttlichen, im Menschen waltenden geistigen Urgrundes, der zu gleicher Zeit als der Weltengrund empfunden und gedacht worden ist. Wenn in recht alten Zeiten der Mensch dasjenige ausgesprochen hat, was etwa in unserer Sprache erklingen würde wie das «Ich», so sprach er damit zu gleicher Zeit aus die Summe aller Zentralkräfte des Weltenseins, und er ließ ertönen in jenem Worte, das auf sein eigenes Selbst hindeutete, zugleich die Bedeutung für dasjenige, was das schöpferisch Wirksame im Universum ist. Denn er fühlte sich selber in seinem innersten Wesen als eins mit diesem Universum. Dasjenige, was einstmals selbstverständlich war, was dem Menschen vor Augen trat, wie ihm die Farben der äußeren Natur vor das sinnliche Auge treten, das wurde in einer späteren Zeit etwas schwer Erringbares. Und hätte man etwa in der alten Zeit, wenn die Forderung nach Selbsterkenntnis hätte auftreten können, den Spruch gehört - von einem Erdenwesen hätte man ihn kaum hören können -, hätte man von einem außerirdischen Wesen gehört: «Erkenne dich selbst», so hätte man erwidert: Wozu die Anstrengung der Selbsterkenntnis? - Wir Menschen sind das Abbild des überall in der Welt leuchtenden und tönenden und wärmenden und segnenden Gottesgeistes. Erkennt man dasjenige, was der Wind durch die Bäume trägt, was der Blitz durch die Luft sender, was im Donner rollt, was in der Wolke sich wandelt, was im Grashalm lebt, was in der Blume blüht, dann erkennt man auch das menschliche Selbst.
[ 2 ] Well, it is generally the case that when such a demand is made to humanity within an era by a significant authority, it usually does not point to something that can be easily obtained or easily fulfilled, but rather points to the particular deficiency of an era—to something whose fulfillment is difficult. And anyone who looks back on the ancient epochs of humanity not from an external, theoretical historical perspective, but with a sense of history, will already feel that the emergence of this demand in ancient Greece essentially signifies a decline, not an increase, in the power of human self-knowledge—the power of genuine, profound insight into human nature. For when one looks back to those times in human development when religious feeling, artistic perception, and conceptual and ideal cognition still resonated as one, one senses how, in those times of harmonious unity between religion, art, and science, human beings naturally felt themselves to be the image, the likeness, of the divine Spirit living through and weaving through the world. Humanity felt itself to be a divinely given being on Earth. And fundamentally, it was a matter of course in the ancient, bygone days of humanity that human self-knowledge was sought in the knowledge of God—in the recognition of the divine, spiritual source reigning within the human being, which was simultaneously perceived and conceived as the foundation of the world. When, in very ancient times, a human being uttered what in our language would sound something like “I,” he thereby expressed at the same time the sum total of all the central forces of worldly existence, and in that word—which pointed to his own self—he also gave voice to the meaning of that which is the creative force at work in the universe. For in his innermost being, he felt himself to be one with this universe. What was once self-evident—what presented itself to human beings just as the colors of the external natural world appear to the physical eye—became, in later times, something difficult to attain. And if, in ancient times, when the call for self-knowledge might have arisen, one had heard the saying—one could hardly have heard it from an earthly being—if one had heard it from an extraterrestrial being: “Know thyself,” one would have replied: Why go to the trouble of self-knowledge? - We humans are the image of the Divine Spirit that shines, resounds, warms, and blesses throughout the world. If one recognizes what the wind carries through the trees, what the lightning sends through the air, what rolls in the thunder, what transforms within the cloud, what lives in the blade of grass, what blooms in the flower—then one also recognizes the human self.
[ 3 ] Als solche Welterkenntnis, als göttliche Geist-Erkenntnis mit der fortschreitenden Entwickelung der menschlichen Selbständigkeit nicht mehr möglich war, da kam der Mensch darauf, aus den Tiefen seines Wesens das «Erkenne dich selbst» ertönen zu lassen, hindeutend auf etwas, was einstmals selbstverständlich eine Gegebenheit war des in der Welt webenden Menschen, was immer mehr und mehr eine Anstrengung wurde.
[ 3 ] When such knowledge of the world—as divine spiritual knowledge—was no longer possible with the progressive development of human autonomy, humanity came to let the call “Know thyself” resound from the depths of its being, pointing to something that had once been a self-evident reality for humanity as it wove its way through the world, but which was becoming more and more of a struggle.
[ 4 ] Zwischen dem Entstehen dieser Forderung «Erkenne dich selbst» und einem anderen Ausspruch, der erst in unserem Zeitalter, im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts getan wurde, liegt eine wichtige Epoche der Menschheitsentwickelung. Dieser andere Spruch erklingt gewissermaßen wie eine Antwort auf den apollinischen Spruch «Erkenne dich selbst». Dieser andere Spruch erklang von einem ausgezeichneten Naturforscher im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts: «Wir werden niemals erkennen - Ignorabimus!» Und eine Antwort auf das uralte apollinische Wort muß man dieses «Ignorabimus» nennen aus dem Grunde, weil derjenige, der den Ausspruch getan hat, Du Bois-Reymond, ja gemeint hat, daß die moderne Erkenntnis der Natur, die so ungeheure Fortschritte gemacht hat, stille stehen müsse an bestimmten Grenzen: auf der einen Seite an der Grenze des Bewußtseins des Menschen, auf der anderen Seite an der Grenze der Materie. Was zwischen Bewußtsein und Materie enthalten ist, die Menschheit wird es erkennen, so erklang es aus dem Munde des Naturforschers, der wohl verstand, was Naturforschung, gerade wenn sie groß wird, vermag. Aber was als Bewußtseinswelt in der menschlichen Leibesmaterie lebt, und wie dasjenige, was im menschlichen Leibe auf physische Art vorgeht, sich wandelt in das innere Erleben der Seele, das im Bewußtsein waltet, das sollte der Mensch nach dieser Meinung niemals erkennen können. Aber das Leben des Bewußtseins in der menschlichen Materie, das Durchgeistigen der menschlichen Leibesmaterie durch die Impulse des Bewußtseins, das ist gerade der Mensch. Und derjenige, der nicht zu einer Erkenntnis kommen kann, wie Bewußtsein die menschliche Leibesmaterie durchströmt, durchwellt, durchlebt, wie die Materie in sich selber zu jenem Licht aufgerufen werden kann, in dem das Bewußtsein erscheinen kann, der kann nicht daran denken, was immer für Anstrengungen er macht, die Forderung zu erfüllen: «Mensch, erkenne dich selbst.»
[ 4 ] Between the emergence of this exhortation, “Know thyself,” and another saying that was first uttered in our own era—in the last third of the 19th century—lies an important epoch in human development. This other saying resounds, in a sense, as a response to the Apollonian maxim “Know thyself.” This other saying was uttered by an eminent natural scientist in the last third of the 19th century: “We shall never know—Ignorabimus!” And this “Ignorabimus” must be called a response to the ancient Apollonian saying, for the reason that the one who uttered it, Du Bois-Reymond, indeed meant that modern knowledge of nature—which has made such immense progress—must come to a standstill at certain boundaries: on the one hand, at the boundary of human consciousness; on the other, at the boundary of matter. What lies between consciousness and matter, humanity will come to know—so spoke the naturalist, who understood well what natural science is capable of, especially when it reaches its full potential. But what lives as the world of consciousness within the human physical body, and how that which takes place physically in the human body is transformed into the inner experience of the soul that reigns in consciousness—according to this view, human beings should never be able to comprehend this. But the life of consciousness within human matter—the spiritual permeation of the human physical body through the impulses of consciousness—that is precisely what it means to be human. And anyone who cannot come to an understanding of how consciousness flows through, ripples through, and lives within human physical matter—how matter can be called upon within itself to become that light in which consciousness can appear—cannot even conceive of fulfilling the demand, “Man, know thyself,” no matter what efforts he makes.
[ 5 ] Zwischen diesen beiden welthistorischen Aussprüchen: «Mensch, erkenne dich selbst» und «Wir werden als Menschen niemals das Walten des Bewußtseins in der Materie erkennen», liegt ein bedeutungsvoller Zeitraum der menschlichen Seelenentwickelung. In jenem Zeitraum war noch so viel innere Menschenkraft aus alten Zeiten vorhanden, daß man dasjenige, was früher eine Selbstverständlichkeit war, die menschliche Wesenheit in der erscheinenden Gotteswesenheit zu suchen, so erfühlte: Nach und nach wird der Mensch, indem er durch innere Kraft sich anstrengt, Selbsterkenntnis erwerben. -— Aber immer schwächer und schwächer wurde diese selbsterkennende Kraft. Und sie war bis zum letzten Drittel des 19. Jahrhunderts so schwach geworden, daß, nachdem die Sonne der Selbsterkenntnis eben untergegangen war, das Negativ jenes apollinischen Positivs ertönte: «Mensch, du kannst dich nicht selber erkennen.»
[ 5 ] Between these two world-historical sayings—“Man, know thyself” and “As human beings, we will never comprehend the workings of consciousness within matter”—lies a significant period in the development of the human soul. During that period, there was still so much inner human strength from ancient times that people intuitively sensed what had once been taken for granted: seeking the human being within the manifest divine being. Little by little, through inner effort, human beings would acquire self-knowledge. — But this power of self-knowledge grew weaker and weaker. And by the last third of the 19th century, it had become so weak that, just as the sun of self-knowledge had set, the negative counterpart of that Apollonian positive resounded: “Human being, you cannot know yourself.”
[ 6 ] Nun, wenn das so ist, wenn Naturerkenntnis - und Naturerkenntnis, wie sie in der neueren Zeit getrieben worden ist, führt tatsächlich restlos auf jene Art in die Naturgeheimnisse hinein, die den modernen Menschheitsbedürfnissen entspricht -, wenn Naturerkenntnis zuletzt das Bekenntnis ablegen muß: man kann das Walten des Bewußtseins in der Materie nicht erkennen, dann ist es nur eine andere Fassung dieses Bekenntnisses, zu sagen: Menschenerkenntnis ist unmöglich. Allerdings muß man jetzt wiederum ein anderes sagen: gerade so wie die Selbsterkenntnis als Gotteserkenntnis bereits in der Abenddämmerung war, als der Spruch ertönte: «Mensch, erkenne dich selbst», so war der Verzicht auf Selbsterkenntnis, das heißt Menschenerkenntnis, bereits in der Abenddämmerung, als die Forderung erhoben wurde: Resigniere, o Mensch, auf jegliche Selbsterkenntnis, auf jegliche Menschenerkenntnis. - Wiederum deutet auch dieser Spruch nicht auf dasjenige hin, was in ihm enthalten ist, sondern auf das in der Menschheit erlebte Gegenteil. Denn schon war wiederum, weil die Kraft der Selbsterkenntnis immer schwächer und schwächer geworden war, jetzt nicht aus theoretischen Verstandesbedürfnissen, jetzt nicht aus irgendwelchen wissenschaftlichen Impulsen, aber aus den Impulsen des menschlichen Herzens, aus den tiefsten Impulsen der menschlichen Seele heraufgekommen der Drang, den Menschen zu erkennen. Denn man fühlte schon: dringt man noch so stark in die glänzende Art der Naturerkenntnis hinein, die der modernen Menschheit so viel gegeben hat, so dringt man eben mit dieser Naturerkenntnis in das Wesen des Menschen nicht ein. Es muß aber einen Weg geben, um in das Wesen des Menschen einzudringen.
[ 6 ] Well, if that is the case—if the study of nature—and the study of nature, as it has been pursued in recent times, does indeed lead us completely into those mysteries of nature that correspond to the needs of modern humanity—if the study of nature must ultimately make the following confession: one cannot recognize the workings of consciousness within matter, then to say that knowledge of humanity is impossible is merely another version of this admission. However, one must now say something else: just as self-knowledge as knowledge of God was already in its twilight when the saying rang out: “Man, know thyself,” so too was the renunciation of self-knowledge—that is, knowledge of humanity—already present in the twilight when the demand was made: “Renounce, O man, all self-knowledge, all knowledge of humanity.” - Again, this maxim does not point to what is contained within it, but rather to the opposite experienced by humanity. For once again—because the power of self-knowledge had grown weaker and weaker—the urge to understand humanity had arisen, not out of theoretical intellectual needs, not out of any scientific impulses, but out of the impulses of the human heart, out of the deepest impulses of the human soul. For people already sensed that no matter how deeply one delves into the brilliant realm of natural science—which has given modern humanity so much—one cannot penetrate the essence of the human being through this natural science alone. Yet there must be a way to penetrate the essence of the human being.
[ 7 ] Beteiligt an dem Entstehen dieser neuen Forderung nach Menschenerkenntnis, die von dem Naturerkennen ausgedrückt wurde, indem man das Gegenteil der Möglichkeit der Menschenerkenntnis aussprach, beteiligt ist im wesentlichen auch neben anderen menschlichen Lebenszweigen der pädagogische Drang der Menschheit, der Drang, ein richtiges Verhältnis des Menschen zum werdenden Menschen, zu dem Menschen, der erzogen und unterrichtet werden soll, zu entwickeln. Gerade in dem Zeitalter, das in der angedeuteten Weise den Verzicht auf jede Menschenerkenntnis aussprechen wollte - wenn man den Ausspruch nur in der richtigen Weise versteht, so liegt darin ein Verzicht auf jede Menschenerkenntnis -, gerade in diesem Zeitalter kam auch immer mehr und mehr herauf, aus um das Erziehungs- und Unterrichtswesen besorgten Menschenseelen die Überzeugung: der Intellektualismus, die äußere Sinnes- und Verstandeserkenntnis, die sich auch dem Menschen nähern will, sie ist ungeeignet dazu, dem Menschen etwas zu geben, wodurch er den werdenden Menschen, das Kind, den heranwachsenden Jüngling, die heranwachsende Jungfrau erzieherisch und unterrichtend behandeln kann. Daher vernehmen wir in diesem Zeitalter zugleich überall die Überzeugung: man muß von der Ausbildung des Verstandes, der so große Leistungen in bezug auf die in der neueren Zeit gewünschte Erkenntnis hinter sich hat, an die Empfindungs-, an die Gemüts- und Willenskräfte des Menschen appellieren; man muß am Kinde nicht das Intellektuelle vor allen Dingen pflegen, es nicht bloß zum Wissenden, sondern zum Könnenden machen.
[ 7 ] Alongside other aspects of human life, humanity’s pedagogical impulse—the impulse to develop a proper relationship between the adult and the developing child, the child who is to be educated and instructed—is also fundamentally involved in the emergence of this new demand for knowledge of the human being, a demand expressed through the study of nature by asserting the very opposite of the possibility of such knowledge. Precisely in the age that, in the manner indicated, sought to renounce all knowledge of the human being—if one understands the statement correctly, it indeed implies a renunciation of all knowledge of the human being—precisely in this age, the conviction arose more and more strongly among those concerned with education and instruction: intellectualism—that is, external sensory and intellectual knowledge, which also seeks to approach the human being—is unsuitable for providing people with the means to educate and instruct the developing human being: the child, the growing youth, and the young woman. Hence, in this age, we hear everywhere the conviction: one must move from the training of the intellect—which has achieved so much in terms of the knowledge sought in modern times—to appeal to the human powers of feeling, emotion, and will; one must not, above all else, cultivate the intellectual in the child, but rather make the child not merely a knower, but a doer.
[ 8 ] Aber ein Merkwürdiges macht sich gerade in dieser pädagogischen Forderung geltend: man verzichtet auf ein wirkliches Hineinschauen in die menschliche Wesenheit, auch in die Wesenheit des werdenden Menschen, des Kindes, man zweifelt daran, daß in derselben Weise, wie die Natur erkannt wird, über den Menschen etwas erkannt werden kann, was einem dann hilft, ihn in der Erziehung und im Unterrichte auch in der rechten Weise zu behandeln. Und da macht sich ein besonderer Zug, eine besondere Strömung in der modernen Erziehungskunst geltend, innerhalb welcher man eigentlich nichts wissen will von dem besonnenen, bewußten Ausgehen von wirklicher Menschenerkenntnis. Man will viel mehr als auf bewußte Impulse sich auf die Erziehungsinstinkte verlassen, auf unbestimmte unterbewußte Impulse, die nun in dem Lehrer, in dem Erzieher wirken sollen. Derjenige, der solche Dinge beurteilen kann, wird finden, daß in den so vielen und so mannigfaltigen, zum Teil außerordentlich löblichen Bestrebungen auf dem Gebiete des Erziehungswesens in der Gegenwart gerade dieser Zug waltet, daß man aus dem Elementarischen der Menschennatur, aus dem bloß instinktiv Triebartigen heraus, überall die pädagogisch-didaktischen Ideale aufstellen will. Man ist eben heute der Meinung, eine in die Tiefen der Menschenwesenheit dringende, vollbewußte Erkenntnis sei doch nicht möglich, also muß man sich da, wo man an die Wesenheit des Menschen als Behandelnder selbst herantreten soll, auf unbestimmte, instinktive Impulse verlassen.
[ 8 ] But there is something peculiar about this very educational demand: it dispenses with a genuine insight into human nature—including the nature of the developing human being, the child—and doubts that, in the same way that nature is understood, anything can be understood about human beings that would then help us to treat them in the right way in education and instruction. And here a particular trend, a particular current, is making itself felt in modern educational practice, within which one actually wants nothing to do with the level-headed, conscious approach based on genuine knowledge of human nature. Rather than relying on conscious impulses, one prefers to rely on educational instincts—on vague, subconscious impulses that are supposed to be at work within the teacher or educator. Anyone capable of judging such matters will find that in the many and varied—and in some cases extraordinarily commendable—efforts in the field of education today, it is precisely this trend that prevails: the desire to establish pedagogical and didactic ideals everywhere based on the elementary aspects of human nature, on what is merely instinctive and impulsive. The prevailing view today is that a fully conscious understanding that penetrates to the depths of human existence is, after all, not possible; therefore, in situations where one, as a practitioner, is supposed to approach the essence of the human being, one must rely on vague, instinctive impulses.
[ 9 ] Nur wer in diesen also charakterisierten Zug des neuesten Geisteslebens mit innigem menschlichen Anteil hineinsieht, der wird die Bedeutung dessen ermessen, was gesucht wird durch jene Geisteswissenschaft, die hier gemeint ist, für die Pflege des pädagogischen Sinnes, der didaktischen Schaffenskraft in der Schule und überhaupt dem Kinde gegenüber. Denn diejenige Geisteswissenschaft, Geisteserkenntnis, welche auch allen den Bestrebungen zugrunde liegt, die ihren Ausdruck in dieser künstlerisch-pädagogischen Tagung finden sollen, sie geht aus Quellen hervor, die zwar nicht die alten sind, aus denen in den Zeiten geschöpft wurde, als Menschenerkenntnis noch unmittelbar Gotteserkenntnis war, aber sie geht aus Quellen hervor, welche den löblichen naturwissenschaftlichen Drang ins Geistige hinein so fortsetzen, daß eine wirkliche, wahre Geisteswissenschaft als Erkenntnis der Menschenwesenheit wiederum möglich wird. Und eine solche Erkenntnis der Menschenwesenheit ist notwendig, wenn man bewußt an die Unterrichts- und Erziehungsaufgaben herantreten will. Wir sind einmal innerhalb der Entwickelung der Menschheit über das bloß instinktive Leben hinausgeschritten. Wir müssen, ohne die Instinktivität, ohne das Elementarisch-Ursprüngliche zu verlieren, zum bewußten Eindringen in alle jene Wesenheiten kommen, mit denen wir als Menschen im Leben zu tun haben.
[ 9 ] Only those who look upon this characteristic feature of contemporary intellectual life with deep human empathy will be able to grasp the significance of what is sought by the Spiritual Science referred to here—for the cultivation of the pedagogical sensibility, the creative didactic power in the school, and, in general, in relation to the child. For the Spiritual Science, the spiritual insight, which also underlies all the endeavors that are to find expression in this artistic-pedagogical conference, arises from sources that, while not the ancient ones from which inspiration was drawn in times when knowledge of humanity was still direct knowledge of God, nevertheless continue the laudable scientific drive into the spiritual realm in such a way that a genuine, true Spiritual Science—as an understanding of the human being—becomes possible once again. And such an understanding of human nature is necessary if one wishes to approach the tasks of teaching and education consciously. We have, after all, progressed beyond mere instinctive life in the course of human development. Without losing our instinctiveness or our elemental, primal nature, we must arrive at a conscious penetration into all those entities with which we, as human beings, come into contact in life.
[ 10 ] Man kann es als schön empfinden, wenn davon geredet wird, der Mensch solle nicht allzuviel auf dasjenige geben, was er klar erkennt, er solle sich den wunderbar wirkenden instinktiven Impulsen überlassen. Aber solches Schönempfinden taugt aus dem Grunde nicht für unser Zeitalter, weil wir einfach als Menschen innerhalb der Entwickelungsströmung der ganzen Menschheit die alte Sicherheit des instinktiven Erlebens, des Trieblebens verloren haben und uns eine neue Sicherheit erobern müssen, die nicht weniger ursprünglich, nicht weniger elementar ist als das frühere Erleben, die aber einzutauchen vermag in die Sphäre voller Bewußtheit.
[ 10 ] One might find it appealing when people say that human beings should not place too much importance on what they clearly perceive, but should instead surrender to the wonderfully effective instinctive impulses. But such a sense of beauty is fundamentally unsuitable for our age, because we, as human beings within the current of humanity’s overall development, have simply lost the old security of instinctive experience, of life driven by instincts, and must conquer a new security—one that is no less primal, no less elemental than the earlier experience, but which is capable of immersing itself in the sphere of full consciousness.
[ 11 ] Gerade derjenige, welcher sich, ich möchte sagen, mit dem Enthusiasmus der Erkenntnis auf die ganze Art und Weise einläßt, wie man heute in berechtigter Art die Natur erforscht, der kommt darauf, daß mit dieser besonderen Art, die Sinne zu gebrauchen, die Instrumente in den Dienst der Experimentalforschung zu stellen, und aus der Art der Verstandesurteile über die Sinneserkenntnis, daß aus dieser Eigenart, die Natur zu erkennen, Menschenerkenntnis nicht kommen kann. Er kommt dazu, einzusehen, daß es eine Menschenerkenntnis geben muß, welche aus ganz anderen Kräften fließt, als diejenigen sind, durch die man auf die heutige Art in das Wesen der äußeren Naturerscheinungen eindringt.
[ 11 ] It is precisely the person who, I might say, embraces with the enthusiasm of knowledge the entire way in which nature is justifiably studied today who comes to realize that, with this particular way of using the senses and putting instruments at the service of experimental research, and from the nature of intellectual judgments regarding sensory perception—that from this particular way of understanding nature, knowledge of humanity cannot arise. He comes to realize that there must be a knowledge of humanity that flows from powers entirely different from those by which we penetrate the essence of external natural phenomena in the modern way.
[ 12 ] Zu welchen Kräften der Mensch dann vordringen muß in seinem eigenen Wesen, das habe ich geschildert in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß». Ich habe darauf hingewiesen, wie der Mensch rege machen kann in seinem Seelenleben solche Kräfte, durch die er erkennen kann, auch durch die Naturerscheinungen hindurch, etwas, was ihm im reinen Geisteslichte erscheint, wie er, indem er seine in ihm schlummernden Kräfte sich offenbaren läßt, erkennen kann das rein Geistige, das alles Materielle durchwaltet. Diese zwei Dinge sind es, die heute innerhalb unserer Geisteswissenschaft voll verständlich sein müssen: erstens, daß man mit Naturerkenntnis an den Menschen nicht herankommt; zweitens, daß es eine besondere Geisteserkenntnis geben muß, die ebenso sicher in das Geistige der Welt eindringt, wie die sogenannt sinnlich-empirische Naturforschung in das rein Natürliche eindringt. Aber nur, ich möchte sagen, aus der Erkenntnispraxis heraus kann man die ganze Bedeutung des Gesagten wirklich empfindend einsehen.
[ 12 ] I have described the forces within one’s own being that a person must tap into in my book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?* and in my *Outline of Esoteric Science*. I have pointed out how a person can awaken within their soul life certain forces through which they can perceive—even through natural phenomena—something that appears to them in pure spiritual light; and how, by allowing the forces slumbering within them to reveal themselves, they can perceive the purely spiritual that permeates all that is material. These are the two things that must be fully understood today within our Spiritual Science: first, that one cannot approach the human being through knowledge of nature; second, that there must be a special spiritual knowledge that penetrates the spiritual realm of the world just as surely as so-called sensory-empirical natural science penetrates the purely natural realm. But I would say that it is only through the practice of knowledge that one can truly grasp the full significance of what has been said.
[ 13 ] Wer da versucht - und das ist ja immer wieder versucht worden, ist für viele Leute ein selbstverständlicher Versuch -, die Erkenntnismethoden, die wir als die heute sicheren in der Experimentalforschung, in der Beobachtungsforschung anwenden, diese besondere Art der Seelenverfassung auch anzuwenden, um den Menschen zu erkennen: er dringt nicht bis zum Wesen des Menschen, das man in sich selber lebend erfährt und erfühlend erlebt. Man weiß, man bleibt außerhalb des Menschen, und ich möchte den paradoxen Ausspruch tun: Wenn jemand die Art der Naturforschung auf den Menschen anwenden und dann nachschauen will, wie läßt sich als Mensch in sich selbst das erleben, wovon man jetzt glaubt, daß man es ist -, dann wird einem sehr bald, gerade wenn man Erkenntnisenthusiasmus hat, vor die Seele treten: Du erfühlst dich durch diese der Naturerkenntnis nachgebildete Menschenerkenntnis so, wie sich ein Mensch fühlen müßte, der von sich selber durch seine Sinne, durch alles das, was er an Erkenntniskräften an sich hat, nichts anderes bemerken könnte als sein eigenes Skelett. Das ist im Grunde genommen das Niederschmetternde, das innerlich Niederschmetternde, was als eine Art Ergebnis, als Gemüts- und Gefühlsergebnis gerade aus der ernsthaft empfundenen Naturerkenntnis herausquillt. Man skelettiert sich als Mensch durch diese Naturerkenntnis. Und erlebt man das Niederschmetternde dieser inneren Empfindung, dann hat man auch den Impuls in sich ergriffen, der wirklich heute zur Geisteswissenschaft treibt. Denn diese Geisteswissenschaft, sie sagt sich eben: du mußt auf eine andere Weise zum Wesen des Menschen vordringen, als diejenige ist, durch die du zu der leblosen Natur vordringst.
[ 13 ] Anyone who attempts—and this has been attempted time and again; for many people, it is a natural inclination—to apply the methods of knowledge that we currently consider reliable in experimental and observational research to this particular state of mind in order to understand human beings: they do not penetrate to the very essence of the human being, which one experiences as alive within oneself and feels deeply. One knows that one remains outside of the human being, and I would like to make this paradoxical statement: If someone wants to apply the methods of natural science to human beings and then investigate how, as a human being, one can experience within oneself what one now believes oneself to be—then very soon, especially if one is driven by an enthusiasm for knowledge, the following will present itself to one’s soul: Through this understanding of humanity modeled on the understanding of nature, you perceive yourself just as a human being would have to feel if, through his own senses and through all the cognitive faculties he possesses, he could perceive nothing of himself but his own skeleton. This is, in essence, the devastating, the inwardly devastating experience that wells up as a kind of result—a result of the mind and emotions—precisely from a seriously felt understanding of nature. As a human being, one is reduced to a skeleton through this knowledge of nature. And when one experiences the devastating nature of this inner feeling, then one has also grasped within oneself the impulse that truly drives us toward Spiritual Science today. For Spiritual Science tells us: you must penetrate to the essence of the human being in a different way than the one by which you penetrate lifeless nature.
[ 14 ] Und welcher Art muß denn diese Menschenerkenntnis sein, die uns wirklich ins menschliche Leben einführt? Sie darf eben nicht so sein, daß man, sich selbst bemerkend, sich vorkommt wie ein seelisch-geistiges Skelett; sie muß mit etwas anderem vergleichbar sein. Dasjenige, was wir als physischer Mensch etwa in der Blutzirkulation und in der Atmung sind, wir fühlen es, wir bemerken es nicht im einzelnen, aber wir haben es doch als unser Sein in uns. Die Art und Weise, wie wir im normalen Leben unsere Atmung, unsere Blutzirkulation erleben, die faßt sich zusammen, ohne daß wir es aussprechen, aber eben indem wir es erleben, darin, daß wir uns als gesunde Menschen erleben. So etwas muß es auch geben, daß man eine Menschenerkenntnis, daß man Ideen, Anschauungen über das Menschenwesen erringt, die man im InnerlichSeelischen so verarbeiten kann, daß man sie als das selbstverständliche menschliche Sein so erlebt, wie man seine Atmung und seine Blutzirkulation als seine Gesundheit erlebt. Da frägt es sich aber: Ja, welches kann der Weg zu einer solchen Menschenerkenntnis sein, zu einer Menschenerkenntnis, die uns dann auch in das Wesen des Kindes hineinführt, das wir als Erzieher und Unterrichtender zu behandeln haben?
[ 14 ] And what kind of self-knowledge must this be that truly introduces us to human life? It must not be such that, when we become aware of ourselves, we feel like a spiritual-soul skeleton; it must be comparable to something else. What we are as physical human beings—in our blood circulation and breathing, for example—we feel it; we do not perceive it in detail, but we nevertheless have it within us as our very being. The way we experience our breathing and our blood circulation in everyday life can be summed up—without our having to put it into words, but simply by experiencing it—in the fact that we experience ourselves as healthy human beings. There must also be a way to attain an understanding of the human being—to gain ideas and insights into the human nature—that can be processed in the inner soul in such a way that we experience them as the self-evident human existence, just as we experience our breathing and blood circulation as our health. But this raises the question: What, then, can be the path to such an understanding of humanity—an understanding that will also lead us into the very nature of the child whom we, as educators and teachers, are called upon to guide?
[ 15 ] Wodurch kommen wir denn an die äußere sinnliche Natur heran? Dadurch, daß wir Sinne haben. Unser Auge ist es, durch das wir in den Erkenntnisbesitz der mannigfaltigen Licht- und Farbenwelt kommen. Wir müssen das Organ haben, um in den Erkenntnisbesitz, in den inneren seelischen Besitz irgendeines Gebietes der Welt zu kommen. Wir müssen Sinne haben für dasjenige, was unser seelischer Besitz werden soll. Und derjenige, der solchen Dingen nachgehend, für die äußere Sinneserkenntnis, den Wunderbau des menschlichen Auges, seinen Zusammenhang mit dem menschlichen Gehirn studiert, der wird tief empfinden, was Goethe empfand, als er den Spruch eines alten Mystikers wiederholte:
[ 15 ] How, then, do we come into contact with the external, sensory world? Through our senses. It is through our eyes that we gain knowledge of the diverse world of light and color. We must possess the organ in order to gain knowledge—to make any part of the world our inner, spiritual possession. We must have senses for that which is to become our spiritual possession. And anyone who, in pursuing such matters—for the sake of external sensory perception—studies the marvelous structure of the human eye and its connection to the human brain will deeply feel what Goethe felt when he repeated the saying of an ancient mystic:
[ 16 ] Wär’ nicht das Auge sonnenhaft,
Wie könnten wir das Licht erblicken,
Läg’ nicht in uns des Gottes eigene Kraft,
Wie könnt’ uns Göttliches entzücken!
[ 16 ] If the eye were not like the sun,
How could we behold the light?
If God’s own power did not dwell within us,
How could the divine delight us!
[ 17 ] Dieses Sonnenhafte des Auges, das ist es, was im Inneren wirkt als ein schaffendes Licht, um das äußere Licht zu empfangen.
[ 17 ] This solar quality of the eye—that is what acts within as a creative light, enabling it to receive the light from without.
[ 18 ] Auf das Organ muß man hinschauen, wenn man verstehen will, welches Verhältnis der Mensch zur Welt haben muß, wenn er irgendeinen seelischen Besitz sich zu eigen machen soll. Auf das Organ müssen wir hinschauen, welches uns zur wahren Menschenerkenntnis führt. Welcher Sinn führt zur wahren Menschenerkenntnis? Zur Erkenntnis der äußeren Natur führt uns unser Auge, unser Ohr, die anderen Sinne. Zu der Erkenntnis der geistigen Welt führt uns das innerlich geistig durchleuchtete Menschenwesen, wie es erworben werden kann auf den Wegen, die ich beschrieben habe in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» Da finden wir gewissermaßen die beiden Gegensätze des menschlichen Erkenntnisstrebens: auf der einen Seite die Sinneserkenntnis, vermittelt durch die dem Leib des Menschen eingesetzten Organe; auf der anderen Seite die Erkenntnis jenes Geistes, der als ein Einheitliches die Natur und die Menschenwesenheit zugleich durchflutet und durchwebt, jene Geist-Erkenntnis, welche erworben wird, wenn wir uns als ganzer Mensch gewissermaßen zu einem geistigen Sinnesorgan machen, wenn wir alle unsere Kräfte, unsere Vollmenschheit zu einem erkennenden Organ für das Geistige der Welt machen.
[ 18 ] We must look to the organ if we are to understand what relationship a human being must have to the world in order to make any spiritual possession his own. We must look to the organ that leads us to true knowledge of the human being. Which sense leads to true knowledge of the human being? Our eyes, our ears, and the other senses lead us to knowledge of the external world. The human being, inwardly illuminated by the spirit—as can be attained through the paths I have described in *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*—leads us to knowledge of the spiritual world. There we find, in a sense, the two opposites of the human striving for knowledge: on the one hand, sensory knowledge, mediated through the organs attached to the human body; on the other hand, the knowledge of that Spirit which, as a unified whole, simultaneously permeates and interweaves nature and the human being—that spiritual knowledge which is attained when we, as whole human beings, make ourselves, so to speak, into a spiritual sense organ; when we transform all our powers, our full humanity, into a perceiving organ for the spiritual aspect of the world.
[ 19 ] Aber gerade zwischen diesen beiden Gegensätzen liegt die Menschenerkenntnis darinnen. Wenn wir bloß die äußere Natur durch unsere Sinne erkennen, kommen wir aus den schon angedeuteten Gründen nicht an den Menschen heran. Wenn wir bloß das Geistige erkennen Sie können das nachlesen in meinem Buche «Geheimwissenschaft» und in anderen Schriften aus dem Gebiete der Geisteswissenschaft, die ich hier meine —, so müssen wir gewissermaßen den Sinn hinaufführen in solche Geist- und seelischen Höhen, daß das Unmittelbare des Menschen, wie er vor uns in der Welt steht, dahinschwindet. Wir brauchen etwas, was uns noch intimer in den Menschen hineinführt als dasjenige, wodurch wir ihn als einen Angehörigen der die Welt durchwebenden Geistigkeit anzuschauen vermögen. Ein Sinn muß da sein, wie für die Farben das Auge, für das unmittelbare Erkennen der Menschenwesenheit. Welches ist dieser Sinn für das gegenwärtige Zeitalter der menschlichen Entwickelung? Wodurch dringen wir zur Menschenwesenheit, die unmittelbar vor uns in der Welt steht, ebenso vor, wie wir durch die wunderbare Einrichtung unseres Auges zu der Mannigfaltigkeit der Farben vordringen, wie wir durch unser Ohr vordringen zu der Mannigfaltigkeit der Töne? Wo ist der Sinn für die Menschenauffassung und Menschenerkenntnis?
[ 19 ] But it is precisely between these two opposites that our understanding of the human being lies. If we perceive only external nature through our senses, we cannot approach the human being for the reasons already indicated. If we perceive only the spiritual—you can read about this in my book *Esoteric Science* and in other writings in the field of Spiritual Science that I am referring to here—then we must, so to speak, elevate our sense of perception to such spiritual and soulful heights that the immediate reality of the human being, as he stands before us in the world, fades away. We need something that leads us even more intimately into the human being than that through which we are able to regard him as a member of the spirituality that permeates the world. There must be a sense, just as there is the eye for colors, for the immediate perception of human existence. What is this sense for the present age of human development? How do we penetrate to the human being who stands directly before us in the world, just as we penetrate to the diversity of colors through the marvelous mechanism of our eye, and just as we penetrate to the diversity of sounds through our ear? Where is the sense for understanding and knowing human beings?
[ 20 ] Nun, kein anderer ist dieser Sinn als derjenige, der uns als Menschen auch verliehen ist für das Auffassen der Kunst, der künstlerische Sinn, der Sinn, der uns überliefern kann jenes Scheinen des Geistes in der Materie, das uns als Schönes sich offenbart, das uns in der Kunst entgegentritt. Dieser künstlerische Sinn ist zu gleicher Zeit der Sinn, der uns den Menschen unmittelbar in der Gegenwart in seiner Wesenheit erkennend ergreifen läßt, so daß diese Erkenntnis auch unmittelbare Lebenspraxis werden kann. Ich weiß, wie sehr paradox solch ein Ausspruch, wie ich ihn eben getan habe, für die gegenwärtige Menschheit noch klingt. Aber derjenige, der nun wirklich den Mut hat, jene Ideen und Begriffe, durch die wir das Äußere der Natur erfassen, zu Ende zu denken, und namentlich mit seiner ganzen menschlichen Wesenheit in diese Ideen und Begriffe der Naturerkenntnis sich hineinzufühlen, der wird da an der Grenze, wo er sich sagen kann: Da bist du durch deine Ideen, durch deine Begriffe der Natur besonders nahe gekommen -, der wird da fühlen, wie ihn etwas reißt an dieser Grenze, zu verlassen jene Konturen der Begriffe, der Ideen, durch die wir die Natur erfassen, und sich aufzuschwingen zu einem künstlerischen Gestalten dieser Ideen.
[ 20 ] Well, this sense is none other than the one bestowed upon us as human beings for the appreciation of art—the artistic sense, the sense that can convey to us that manifestation of the spirit in matter which reveals itself to us as beauty and which we encounter in art. This artistic sense is at the same time the sense that allows us to grasp human beings directly in the present, recognizing their essence, so that this recognition can also become immediate lived practice. I know how paradoxical a statement such as the one I have just made still sounds to contemporary humanity. But whoever truly has the courage to think through to their logical conclusion those ideas and concepts through which we grasp the outward appearance of nature—and, in particular, to empathize with these ideas and concepts of the understanding of nature with their entire human being—will, at the very boundary where they can say to themselves: ‘Here you have come particularly close to nature through your ideas, through your concepts of nature’—that person will feel, at that boundary, something pulling him to leave behind the contours of the concepts and ideas through which we grasp nature, and to soar toward an artistic shaping of these ideas.
[ 21 ] Das war der Grund, warum ich in der Einleitung der 1894 geschriebenen «Philosophie der Freiheit» gesagt habe: Um den Menschen zu begreifen, braucht man eine Kunst der Ideen, nicht bloß ein abstraktes Erfassen der Ideen. - Man muß sich hineinleben in diesen Ruck, die Abstraktheit der Begriffe, durch die man die Natur erfaßt, in lebendige künstlerische Schau umzugestalten. Das kann man. Man muß die Erkenntnis in die Kunst auslaufen lassen, dann langt man an beim Gebrauch des künstlerischen Sinnes. Und während man, wenn man bloß Naturerkenntnis walten läßt, sagen muß: Niemals wird man begreifen, wie Bewußtsein an die Materie gebunden ist -, fällt es einem plötzlich wie Schuppen von den Augen, wenn man auslaufen läßt die naturerkennenden Begriffe und Ideen in künstlerische Konzeption. Da geht alles vom Ideenhaften in inneres künstlerisches Schauen über, und das, was man da sieht, das deckt sich gewissermaßen über die Wesenheit des Menschen so darüber, wie die vom Auge konzipierten Farben sich über die Pflanzen, über die anderen Naturwesen hinüberdecken. Wie der Körpersinn des Auges in der Erfassung der Farben zusammenwächst mit dem Wesen der farbigen Naturerscheinungen, so wächst der künstlerische Sinn nach innen zusammen mit dem Wesen des Menschen. Und erst wenn wir die Farbe durch das Auge gesehen haben, können wir über die Farbe nachdenken. Erst wenn wir das Wesen des Menschen durch den künstlerischen Sinn angeschaut haben, erst dann können wir mit unseren abstrakten Begriffen und Ideen nachkommen.
[ 21 ] That was the reason why I said in the introduction to *The Philosophy of Freedom*, written in 1894: To understand human beings, one needs an art of ideas, not merely an abstract grasp of ideas. - One must immerse oneself in this impulse to transform the abstract nature of the concepts through which one grasps nature into a living, artistic vision. This is possible. One must allow knowledge to flow into art; then one arrives at the use of the artistic sense. And while, if one relies solely on knowledge of nature, one must say: “One will never understand how consciousness is bound to matter”—it suddenly dawns on one, as if scales were falling from one’s eyes, when one allows the concepts and ideas derived from the knowledge of nature to flow into artistic conception. There, everything transitions from the realm of ideas into inner artistic vision, and what one sees there, in a sense, covers the essence of the human being just as the colors perceived by the eye cover the plants and other natural beings. Just as the physical sense of the eye merges with the essence of colored natural phenomena in the perception of colors, so does the artistic sense merge inwardly with the essence of the human being. And only when we have seen color through the eye can we reflect on color. Only when we have beheld the essence of the human being through the artistic sense—only then—can we follow up with our abstract concepts and ideas.
[ 22 ] Und wenn so Wissenschaft zur Kunst wird, dann wird alles Wissen, das wir von dem Menschen haben, dann wird alles dasjenige, was wir auch über das erst künstlerisch am Menschen angeschaute Außenbild nachdenken, nun nicht solch ein Eigenbesitz der Seele, durch den man sich wie als Skelett erfühlt; sondern mit dem, was man sich so an künstlerisch fortgesetzten Ideen und Begriffen über die Menschenwesenheit erwirbt, kann man eins werden, so daß es einem in die Seele sich so ergießt, wie der Blut- und Atemstrom sich in den Körper ergießt. . Und dann wird etwas leben in dem Menschen, was so lebensvoll ist, wie das lebensvoll ist, was man als Ausdruck des normalen Atmens, der normalen Blutzirkulation in dem Gefühl entwickelt: ich bin gesund. Eine Gesamtempfindung, in der die Menschenwesenheit enthalten ist wie die Gesundheit im physischen Leibe, zu der drängt sich hin dasjenige, was durch eine solche Menschenerkenntnis möglich ist, die durch den künstlerischen Sinn zuerst sich die Anschauung in intimer Weise von dem unmittelbar in der Gegenwart lebenden, nicht erst bis zum Geiste erhobenen Menschen erwirbt.
[ 22 ] And when science becomes art in this way, then all the knowledge we have of human beings—and everything we reflect upon regarding the outward image of the human being, as first perceived artistically—no longer becomes a kind of personal possession of the soul through which one feels oneself as if one were a skeleton; but rather, one can become one with what one acquires through these artistically developed ideas and concepts about human existence, so that it flows into one’s soul just as the flow of blood and breath flows into the body. . And then something will come to life within the human being that is as full of life as that which one develops as an expression of normal breathing and normal blood circulation in the feeling: “I am healthy.” An overall sensation in which human existence is contained just as health is contained in the physical body—this is what is sought by that which is made possible through such an understanding of humanity, an understanding that, through the artistic sense, first acquires an intimate perception of the human being living directly in the present, not yet elevated to the level of the spirit.
[ 23 ] Und wenn man in dieser Weise sich überlegt, daß nun solch wahre Menschenerkenntnis, die in jeder ihrer Anschauungen zu gleicher Zeit Wille, Tätigkeit wird, wie der Atem in uns, die Blutzirkulation Wille und Tätigkeit werden, wenn man sich überlegt, was eine solche Menschenerkenntnis zuletzt ergeben muß - nun, man kommt auch hier durch den Vergleich weiter. Der Vergleich bedeutet in diesem Falle mehr als einen bloßen Vergleich; er ist nicht aus der Abstraktion herausgenommen, er ist aus der Wirklichkeit herausgenommen. Worinnen faßt sich denn das aus dem ganzen Wesen des Menschen hervorgehende Gesundsein zusammen? Was wird denn aus dem, was sich hereinlebt in die Grundempfindung, die gar nicht ausgesprochen, die nur dumpf erlebt zu werden braucht, was drückt sich aus in dieser Grundempfindung: Ich bin so organisiert, daß ich mich als in der Welt darin stehender gesunder Mensch ansehen darf -, was drückt sich denn aus in diesem gesunden Menschen?
[ 23 ] And when one considers in this way that such true knowledge of humanity—which, in each of its perceptions, simultaneously becomes will and activity, just as our breath and blood circulation become will and activity—when one considers what such knowledge of humanity must ultimately yield—well, here, too, comparison helps us move forward. In this case, comparison means more than a mere comparison; it is not taken from abstraction, but from reality. In what, then, does the health that arises from the whole being of the human being find its expression? What, then, becomes of that which finds its way into the fundamental feeling—one that need not be articulated at all, but need only be experienced dimly—what is expressed in this fundamental feeling: “I am organized in such a way that I may regard myself as a healthy human being standing in the world”—what, then, is expressed in this healthy human being?
[ 24 ] Es drückt sich die Krone des menschlichen Lebens aus. Und diese Krone des menschlichen Lebens, das ist die Kraft der Liebe. Zuletzt strömt die Gesundheit, zuletzt strömen aber auch alle gesunden Seelenkräfte in jene Empfindung, in jenes Gefühl zusammen, das in Liebe den anderen Menschen, der neben uns steht, erfassen kann, weil wir den Menschen in uns gesund erkennen. So sprießt aus dieser gesunden Menschenerkenntnis die Liebe zum anderen Menschen, den wir als dasselbe erkennen, wie wir es sind. Wir finden uns wieder in dem anderen Menschen. Eine solche Menschenerkenntnis wird nicht eine theoretische Anweisung, wie sie etwa der Techniker hat, die man dann in äußerlicher Weise umwandeln muß: so soll dieses oder jenes geschehen; nein, eine solche Menschenerkenntnis wird unmittelbares inneres Erleben, wird unmittelbare Lebenspraxis. Denn in ihrer Verwandlung strömt sie ein in die Kraft der Liebe. Sie wird tätige Menschenerkenntnis. Stehe ich als Erzieher, als Unterrichtender dem Kinde gegenüber, so sprießt mir aus meiner Menschenerkenntnis in der sich entfaltenden seelisch-geistigen Liebe die Erkenntnis des Kindes. Ich brauche keine Anweisungen, theoretische Menschenanschauungen, wie sie etwa der Naturwissenschaft nachgebildet sind, erst in die Pädagogik hineinzutragen, ich brauche nur die Menschenerkenntnis zu fühlen, wie ich das gesunde Atmen, die gesunde Blutzirkulation als meine totale Gesundheit erlebe. Dann wird richtige Menschenerkenntnis, in richtiger Weise belebt, pädagogische Kunst.
[ 24 ] It is the crown of human life that is expressed. And this crown of human life is the power of love. Ultimately, health flows—and with it, all healthy spiritual powers—into that sensation, that feeling, which can embrace in love the other person standing beside us, because we recognize the human being within ourselves as healthy. Thus, from this healthy understanding of humanity springs love for the other person, whom we recognize as being the same as we are. We find ourselves reflected in the other person. Such an understanding of humanity does not become a theoretical instruction, as a technician might have, which must then be transformed in an external way—this or that must be done; no, such an understanding of humanity becomes an immediate inner experience, becomes an immediate way of living. For in its transformation, it flows into the power of love. It becomes active understanding of humanity. When I stand before a child as an educator or teacher, the understanding of the child springs forth from my own understanding of humanity within the unfolding soul-spiritual love. I do not need to first introduce instructions or theoretical views of human nature—such as those modeled on the natural sciences—into pedagogy; I need only to feel this understanding of humanity, just as I experience healthy breathing and healthy blood circulation as my overall health. Then true understanding of humanity, properly enlivened, becomes the art of education.
[ 25 ] Was muß diese Menschenerkenntnis werden? Das ergibt sich nun schon aus demjenigen, was dargestellt worden ist. Möglich muß es dem Menschen sein, seine Menschenerkenntnis auf den Flügeln der Liebe wirken zu lassen, auf die andere menschliche Umgebung, vor allen Dingen auf die menschliche Umgebung des Kindes. Übergehen muß können dasjenige, was als Menschenerkenntnis erworben wird in Gesinnung, in jene Gesinnung, in der diese Menschenerkenntnis als Liebe lebt. Das ist die wichtigste Grundlage heute für die Pädagogik, daß diese Pädagogik als eine Gesinnungssache des Lehrenden und Erziehenden angesehen wird, daß man nicht bloß darüber doziert, man solle nicht den Verstand allein ausbilden beim Kinde, und dann recht verständig damit zu Werke geht, nur ja nicht den Verstand auszubilden. Dem Lehrer gestattet man, recht verständig, nur den Verstand gebrauchend, zu Werke zu gehen, damit er das Kind nicht bloß verständig erziehe! Darum handelt es sich, daß wir die Fortbildung der Pädagogik beim Lehrer beginnen, daß beim Lehrer nicht der bloße Intellektualismus, der unkünstlerisch ist, wirkt, daß wir beim Lehrer beginnen, überzugehen aus der Menschenerkenntnis in künstlerisch-pädagogisch-didaktische Gesinnung, die unmittelbar in dem Kinde lebt, wodurch der Kontakt hergestellt wird zwischen Lehrer und Kind, zwischen Erziehendem und Kind, wodurch Menschenerkenntnis in waltender Liebe zu Unterricht, zu Erziehung unmittelbar wird.
[ 25 ] What must this understanding of humanity become? This already follows from what has been presented. It must be possible for human beings to allow their understanding of humanity to take effect on the wings of love—on their fellow human beings, and above all on the human environment of the child. What is acquired as an understanding of humanity must be able to be transformed into a disposition—into that disposition in which this understanding of humanity lives as love. This is the most important foundation for pedagogy today: that pedagogy be regarded as a matter of the teacher’s and educator’s inner attitude; that one not merely lecture on the fact that one should not develop the child’s intellect alone, and then proceed quite sensibly to ensure that the intellect is not developed at all. The teacher is permitted, quite sensibly and using only the intellect, to go about their work so that they do not merely educate the child in a rational manner! This is what it is all about: that we begin the further development of pedagogy with the teacher, so that mere intellectualism—which is unartistic—does not prevail in the teacher; that we begin with the teacher, moving from an understanding of humanity to an artistic -pedagogical-didactic attitude that lives directly within the child—thereby establishing contact between teacher and child, between educator and child, and thereby making knowledge of human nature become direct, active love for teaching and education.
[ 26 ] Bloße Naturerkenntnis kann nicht einsehen, wie Bewußtsein in der Leibesmaterie wirkt. Warum nicht? Weil Naturerkenntnis nicht einsehen kann, was Künstlerisches formt, Künstlerisches gestaltet. Menschenerkenntnis führt uns eben dazu, daß das Bewußtsein ein Künstler ist, der an der menschlichen Leibesmaterie eben künstlerisch vorgeht. Solange man nicht Menschenerkenntnis durch den künstlerischen Sinn sucht, solange wird man beim Ignorabimus gegenüber dem Menschen stehenbleiben müssen. Erst wenn man beginnt zu erkennen, daß das Bewußtsein im Menschen in der Materie selber ein künstlerisch Schaffender ist, daß man einen künstlerisch Schaffenden ergreifen muß, wenn man die Menschenwesenheit ergreifen will, erst dann wird man über das Ignorabimus hinauskommen. Zugleich aber wird man zu einer Menschenerkenntnis kommen, die unmittelbar, indem man sie hat, nicht nur theoretische Erkenntnis, sondern das innerlich Wirkende, im Willen Tätige ist - zu einer Menschenerkenntnis, die Lebenspraxis ist, eins ist mit der Lebenspraxis.
[ 26 ] Mere scientific understanding of nature cannot grasp how consciousness acts within the body’s material substance. Why not? Because scientific understanding of nature cannot grasp what shapes and forms the artistic. An understanding of humanity leads us to the realization that consciousness is an artist who works artistically upon the physical body. As long as one does not seek an understanding of humanity through the artistic sense, one will have to remain at a standstill with regard to humanity, facing the “ignorabimus.” Only when one begins to recognize that consciousness in human beings is itself an artistic creator within matter—that one must grasp an artistic creator if one wishes to grasp human existence—only then will one move beyond the “ignorabimus.” At the same time, however, one will arrive at an understanding of humanity that, by virtue of possessing it, is not merely theoretical knowledge but something that works inwardly and acts through the will—an understanding of humanity that is a practice of life, one with the practice of life.
[ 27 ] Wer in dieser Weise dem heranreifenden Menschen, dem sich entwikkelnden Kinde gegenübersteht, der schaut dann hinein durch diese vom künstlerischen Sinn gewirkte, auf den Flügeln der Liebe getragene Menschenerkenntnis, in dasjenige, was im Kinde heranwächst; der sieht vieles. — Ich will eines besonders charakterisieren. Er sieht jene merkwürdige Entwickelung im Kinde heranreifen, die sozusagen sich bewegt vom Spiel zur Arbeit. Das Kind spielt; es spielt selbstverständlich. Der erwachsene Mensch muß arbeiten. Er ist in die Notwendigkeit des Arbeitens versetzt. Wenn wir heute im sozialen Leben uns umsehen, dann müssen wir den Gegensatz zwischen dem kindlichen Spiel und der sozial-notwendigen Arbeit für die meisten Menschen so charakterisieren, daß wir sagen: Wir sehen auf das Kind hin; was es im Spiel vollbringt, ist verbunden mit einem befreienden Frohsinn über die Entwickelung der im menschlichen Wesen notwendigen Tätigkeit. Man sehe sich das spielende Kind an. Man kann sich gar nicht vorstellen, daß es das nicht tun will, was es im Spiele tut. Warum? Weil das Spiel die Befreiung ist von einer Tätigkeit, die heraus will aus dem menschlichen Wesen. Befreiender Frohsinn im Ausleben einer im Menschen sitzenden menschlichen Tätigkeit, das ist das Spielen des Kindes.
[ 27 ] Anyone who approaches the maturing human being—the developing child—in this way looks inward, through this understanding of humanity shaped by artistic sensibility and carried on the wings of love, into what is growing within the child; such a person sees many things. — I want to highlight one thing in particular. They see that remarkable development maturing within the child, which, so to speak, moves from play to work. The child plays; it plays naturally. The adult must work. He is compelled by the necessity of work. When we look around at social life today, we must characterize the contrast between childlike play and the socially necessary work required of most people in such a way that we say: We look at the child; what it accomplishes in play is connected to a liberating joy regarding the development of the activity necessary to the human being. Look at the child at play. One cannot even form a mental image of the child not wanting to do what it does in play. Why? Because play is the liberation from an activity that seeks to emerge from the human being. Liberating joy in the full expression of a human activity inherent in the human being—that is the child’s play.
[ 28 ] Und was wird unter der heutigen Menschheitsentwickelung oftmals, ja, man darf schon sagen zumeist - und das wird gegen die Zukunft hin immer weiter und weiter um sich greifen, immer mehr und mehr der Fall sein -, was wird die Arbeit? Die Arbeit wird die erdrückende Last des Lebens. Es wächst das Kind aus dem befreienden Frohsinn des Spieles heraus in die erdrückende Last der Lebensarbeit. Wenn wir uns diesen Gegensatz so recht vor die Seele stellen, dann werden wir vor die große Frage geführt: Wie schaffen wir die Brücke zwischen dem befreienden Frohsinn des Spielens und der erdrückenden Last der Lebensarbeit? Und wer mit jener künstlerischen Menschenerkenntnis, von der ich eben gesprochen habe, das sich entwickelnde Kind verfolgt, der findet diese Brücke in der Anwendung des Künstlerischen in der Schule. Kunst, in richtiger Weise in der Schule betätigt, führt auch in richtiger Weise von dem befreienden Frohsinn des Spieles in die Arbeit hinein, die als eine Notwendigkeit des Lebens hingenommen wird, die aber dann, wenn die richtige Brücke geschaffen wird, nicht mehr als erdrückende Last empfunden zu werden braucht. Und ohne daß wir der Arbeit ihre erdrükkende Last nehmen, werden wir niemals die soziale Frage lösen. Sie wird immer in einer anderen Gestalt wieder auftreten, wenn der Gegensatz im Leben nicht durch Erziehung hinweggeschafft wird, der Gegensatz zwischen dem befreienden Frohsinn des Spieles und der erdrückenden Last der Lebensarbeit.
[ 28 ] And what will become of work in the context of humanity’s current development—often, indeed, one might even say mostly—and this will become increasingly widespread and more and more the case as we look toward the future? Work will become the crushing burden of life. The child grows out of the liberating joy of play into the crushing burden of life’s work. When we truly bring this contrast to mind, we are led to the great question: How do we build a bridge between the liberating joy of play and the crushing burden of life’s work? And whoever observes the developing child with that artistic understanding of human nature I just spoke of will find this bridge in the application of the arts in school. Art, when practiced correctly in school, also leads in the right way from the liberating joy of play into work—work that is accepted as a necessity of life but which, when the right bridge is built, no longer needs to be experienced as an oppressive burden. And unless we relieve work of its oppressive burden, we will never solve the social question. It will always resurface in a different form if the contradiction in life—the contradiction between the liberating joy of play and the oppressive burden of life’s work—is not overcome through education.
[ 29 ] Was kann da gemeint sein mit dem Hineinstellen des Künstlerischen in das Pädagogische, in die Erziehungs- und Unterrichtspraxis? Man kann leicht zu ganz schiefen Anschauungen kommen gerade über die Verwendung des Künstlerischen, namentlich in der Schule. Daß der Verstand in einer gewissen Weise ausgebildet werden muß, das sieht jeder ein. Denn wie tief hat sich in unser modernes Bewußtsein die Notwendigkeit eingegraben, daß der Mensch sich eine gewisse Verstandesbildung zur Aufrechterhaltung des heutigen Lebens erwerben muß. Und so wird nicht leicht eine Gleichgültigkeit eintreten gegenüber der Notwendigkeit der Verstandesausbildung in der Schule. Daß die Menschenwürde, das heißt, überhaupt der ganze Vollmensch nicht erreicht werden kann ohne die moralische Erziehung, das sieht auch jeder ein. Denn jeder hat mehr oder weniger das Gefühl, daß ein nicht moralischer Mensch kein ganzer Mensch ist, daß er etwas ist wie ein seelisch-geistiger Krüppel. Und so liegt auf der einen Seite wohl die Aufmerksamkeit vor auf die Entwickelung der Verstandestätigkeit, auf der anderen Seite die Aufmerksamkeit auf die Pflege wirklicher Menschenwürde, die Aufmerksamkeit auf den heiligen Pflichtbegriff, den heiligen Tugendbegriff. Aber nicht in der gleichen Weise wird überall die Aufmerksamkeit auf dasjenige gewendet, was nur in voller Freiheit und in Liebe an den Menschen herangebracht werden kann, auf das Künstlerische.
[ 29 ] What could be meant by incorporating the artistic into pedagogy, into educational and teaching practice? It is easy to arrive at completely distorted views, particularly regarding the use of the artistic, especially in school. Everyone recognizes that the intellect must be developed in a certain way. For how deeply has the necessity become ingrained in our modern consciousness that human beings must acquire a certain intellectual development in order to sustain life today? And so indifference to the necessity of intellectual development in school is unlikely to set in. Everyone also recognizes that human dignity—that is, the whole human being—cannot be attained without moral education. For everyone has, to a greater or lesser extent, the feeling that a person who lacks morality is not a whole human being, that such a person is something like a spiritual and emotional cripple. And so, on the one hand, attention is focused on the development of intellectual activity; on the other hand, attention is focused on the cultivation of true human dignity, on the sacred concept of duty, and on the sacred concept of virtue. But attention is not directed everywhere in the same way toward that which can only be brought to people in full freedom and with love—namely, the artistic.
[ 30 ] Man muß jene hohe Achtung vor dem Menschenwesen und jene einzigartige Liebe zu dem Menschenwesen auch in seinem Heranreifen in der Kinderzeit haben, wie sie Schiller hatte, der diese Achtung diese Liebe in einer so wunderbaren Weise zur Grundlage seiner Darstellung in den leider viel zu wenig gewürdigten Briefen zur Förderung der ästhetischen Erziehung des Menschen gemacht hat. Da haben wir einmal gerade aus dem deutschen Geistesleben heraus eine echte Würdigung des Künstlerischen im Erziehungswesen. Davon kann schon der Ausgangspunkt genommen werden. Vertieft kann dann diese Schillersche Anschauung werden durch dasjenige, was aus Geisteswissenschaft gewonnen werden kann. Man sehe nur hin auf das kindliche Spiel, wie es herausquillt, weil die menschliche Natur nicht anders als tätig sein kann. Man sehe hin, wie das Kind aus seiner Organisation, aus seiner menschlichen Wesenheit das herausschafft, auf das sich sein Spiel erstreckt. Man sehe hin auf die Art, wie uns aus den äußeren Lebensnotwendigkeiten der Inhalt der Arbeit gegeben wird, wie wir an der Arbeit so angreifen müssen, daß dasjenige, was wir da vollbringen, nicht unmittelbar aus der menschlichen Natur heraus erfolgt, wenigstens nicht in seiner Ganzheit, bei keinem Menschen aus der vollen Natur heraus erfolgen kann. Und man wird sehen, wie die menschliche Entwickelung in dieser Beziehung von dem kindlichen Lebensalter zu dem erwachsenen Lebensalter ist.
[ 30 ] One must have that deep respect for the human being and that unique love for the human being, even as the child matures, just as Schiller did, who made this respect and this love, in such a wonderful way, the foundation of his exposition in the *Letters on the Aesthetic Education of Man*—works that, unfortunately, have been far too little appreciated. Here, then, we have—drawing directly from German intellectual life—a genuine appreciation of the artistic in education. This can serve as a starting point. Schiller’s perspective can then be deepened by what can be gained from Spiritual Science. One need only observe children’s play, how it wells up because human nature cannot help but be active. Observe how the child draws from its own constitution, from its human nature, that which forms the subject of its play. Observe the way in which the content of our work is given to us by the external necessities of life, and how we must approach our work in such a way that what we accomplish there does not arise directly from human nature—at least not in its entirety; for in no human being can it arise entirely from human nature. And one will see how human development in this regard progresses from childhood to adulthood.
[ 31 ] Aber eines sollte man niemals aus dem Auge verlieren. Man sieht gewöhnlich dasjenige, was das Kind im Spiele vollbringt, so an, daß man dabei den Gesichtspunkt des Erwachsenen einnimmt. Ja, es ist so, man sieht das kindliche Spiel so an, daß man dabei den Gesichtspunkt des Erwachsenen einnimmt. Wenn das nicht der Fall wäre, würden wir niemals die dilettantische Redensart hören, die immer wiederholt, man solle es in der Schule dahin bringen, daß das Kind «spielend lernt». Man kann nichts Schlimmeres machen, als daß man es dahin bringt, daß das Kind spielend lernt. Wenn man es wirklich künstlich darauf anlegt, daß die Kinder spielend lernen, dann wird man nichts anderes erreichen, als ‚daß die Kinder als erwachsene Menschen zuletzt aus dem Leben doch ein Spiel machen. Derjenige, der in so dilettantischer Weise spricht, das Lernen solle nur eine Freude sein, das Lernen solle spielend geschehen, der schaut das Spielen des Kindes vom Gesichtspunkte des Erwachsenen an. Er glaubt, das Kind spielt in derselben Seelenverfassung, wie der Erwachsene spielt. Für den Erwachsenen ist das Spiel Spaß, eine Lust, die hinzukommt zum Leben. Für das Kind ist das Spiel der ernste Inhalt des Lebens. Das Kind meint es durchaus ernst mit seinem Spiele, und das ist die Wesenheit des kindlichen Spieles, daß dieses kindliche Spiel vom Ernst getragen ist. Nur derjenige, der den Ernst des Spieles begreift, der versteht das Spiel in der richtigen Weise. Derjenige aber, der hinschaut auf das kindliche Spiel, wie sich in vollem Ernst die menschliche Natur hinausgießt in die Behandlung der äußeren Gegenstände, in die Behandlung der äußeren Welt, der ist imstande, wenn das Kind in die Schule hereinkommt, überzuführen die Kraft, die Begabung, die Fähigkeit zum Spielen, namentlich in die Fähigkeit, in jeder möglichen Weise zu künstlerischer Betätigung überzugehen, wo wir noch die Freiheit der inneren Betätigung haben, aber zu gleicher Zeit wie bei der Arbeit kämpfen müssen mit dem äußeren Stoff. Dann werden wir sehen, wie gerade in jenem Künstlerischen, das wir an das Kind heranbringen, es durchaus möglich ist, die Erziehung so zu leiten, daß der Frohsinn in der Ausbildung vom Künstlerischen mit Ernst verbunden sein kann, daß selbst dasjenige, was in der Schule dem Kinde Lust, Freude machen darf, daß das verbunden sein kann mit Charaktervollheit.
[ 31 ] But there is one thing we should never lose sight of. We usually view what a child accomplishes while playing from the perspective of an adult. Yes, it is true: we view children’s play from the perspective of an adult. If that were not the case, we would never hear the amateurish refrain that is constantly repeated—that schools should ensure children “learn through play.” There is nothing worse than making children learn through play. If one really tries artificially to make children learn through play, one will achieve nothing other than that “children, as adults, will ultimately turn life itself into a game.” Anyone who speaks in such an amateurish way—that learning should be nothing but a joy, that learning should take place through play—views a child’s play from an adult’s perspective. They believe that a child plays in the same state of mind as an adult does. For the adult, play is fun, a pleasure that is an addition to life. For the child, play is the serious substance of life. The child takes their play very seriously, and that is the essence of children’s play: that it is sustained by seriousness. Only those who grasp the seriousness of play understand play in the right way. But those who observe children’s play—how human nature pours itself out in all seriousness into the handling of external objects, into the handling of the external world—are capable, when the child enters school, of transferring the strength, the talent, the ability to play—namely, the ability to transition in every possible way to artistic activity, where we still have the freedom of inner activity but, at the same time, must grapple with external material just as we do in work. Then we will see how, precisely in that artistic aspect that we introduce to the child, it is entirely possible to guide education in such a way that cheerfulness in artistic training can be combined with seriousness, so that even what is allowed to bring the child pleasure and joy in school can be combined with strength of character.
[ 32 ] Wenn man in der Lage ist, die Kunst namentlich in den ersten Schuljahren zwischen dem Schuleintritt und dem neunten, zehnten Lebensjahre nicht im Märchenerzählgetändel bloß, sondern in einer solchen Weise zu betreiben, daß man alles, was man treibt, aus der sich entwickelnden Menschennatur, die man erkennt, herausholt, dann leitet man die spielende Tätigkeit, die das Kind bisher ausgeübt hat, über in die künstlerische Tätigkeit, und zu einem solchen Überleiten ist auch das Kind, wenn es erst die Schule betritt, durchaus fähig. Es mag das Kind, das einem im sechsten, siebenten Lebensjahre in die Schule hereingebracht wird, noch so ungeschickt plastisch sich betätigen, noch so ungeschickt mit Farben auf dem Papier malen, mit noch so großen inneren Schwierigkeiten in Gesanglich-Musikalisches, in DichterischKünstlerisches sich einleben, wenn man - hinnehmend alles dasjenige, was aus den Anlagen des Kindes an Ungeschicklichkeiten kommt versteht, das Künstlerische in der richtigen Weise an das Kind heranzubringen, dann wird man finden, daß trotz aller Ungeschicklichkeiten im plastischen und im malerischen Elemente das ganz kleine Kind schon als kindlicher Plastiker, als kindlicher Maler fühlt, innig fühlt, wie ein tieferes menschliches Wesen nicht bei den Fingerspitzen, nicht an der Grenze der menschlichen Haut aufhört, sondern hinausfließt in die Welt. Der Mensch wächst schon als Kind, wenn er in die Behandlung des Tones, des Holzes, der Farben hineinwächst, so, daß er in die Welt hineinwächst. Er wird größer, er lernt eine Empfindung haben von dem intimen, innigen Verwobensein der Menschenwesenheit mit der Weltwesenheit. Man gewinnt als Mensch durch das von der Welt Empfangene schon als Kind, wenn man in der richtigen Weise zur plastischen, zur malerischen Tätigkeit, wenn sie auch noch so ungeschickt vorhanden ist, angeleitet wird, und wird das Kind in der richtigen Weise in die musikalische, in die dichterische Empfänglichkeit eingeführt, erlebt das Kind das Musikalisch-Poetische in seiner eigenen Wesenheit, dann ist es so, als ob das Kind eine himmlische Gabe empfinge, um einen zweiten Menschen in seinem gewöhnlichen Menschen zu ergreifen. Mit den Tönen, mit der dichterischen Sprachgestaltung haben wir ungefähr etwas, wie wenn sich ein Wesen zu uns senkte gnadenvoll, das uns aufmerksam macht schon als Kinder: in dir lebt etwas, was aus geistigen Höhen herunter deine enge Menschenwesenheit ergreift.
[ 32 ] If one is able to engage in art—particularly in the early school years between the start of school and the ages of nine or ten—not merely through the drivel of fairy-tale storytelling, but in such a way that everything one does is drawn from the developing human nature that one recognizes, then one transforms the playful activity that the child has engaged in up to that point into artistic activity—and the child is perfectly capable of such a transition as soon as he or she enters school. Even a child who enters school at the age of six, seventh year of life, may be as clumsy as they are in working with clay, as unskilled as they are at painting with colors on paper, or face as great inner difficulties as they do in becoming familiar with singing, music, poetry, and the arts—if one—accepting all the clumsiness that stems from the child’s natural disposition—understands and approach the artistic in the right way for the child—then one will find that, despite all the clumsiness in the sculptural and painterly elements, the very young child already feels—deeply feels—as a childlike sculptor, as a childlike painter, that a deeper human being does not end at the fingertips, does not stop at the boundary of human skin, but flows out into the world. A person grows even as a child when they grow into working with clay, wood, and colors, in such a way that they grow into the world. They become greater; they learn to sense the intimate, profound interweaving of human existence with the existence of the world. As a human being, one gains from what is received from the world even as a child, when one is guided in the right way toward sculptural and painterly activity—no matter how clumsy it may still be— and if the child is properly introduced to musical and poetic sensibility—if the child experiences the musical and poetic within its own being—then it is as if the child were receiving a heavenly gift to embrace a second human being within its ordinary human self. Through sounds and poetic language, we experience something akin to a being graciously descending to us, drawing our attention—even as children—to the fact that within us lives something that reaches down from spiritual heights to touch our limited human existence.
[ 33 ] Lebt man so selber künstlerisch anschauend, künstlerisch empfindend und künstlerisch erziehend und unterrichtend mit dem Kinde, dann offenbart sich einem, wenn das Kind, ungeschickt meinetwillen, mit dem Tone, mit dem Holze, mit der Farbe hantiert, an der plastischen, an der malerischen Tätigkeit des Kindes, welche Anlagen aus dieser besonderen Lebens- und Seelenanlage herauszuholen sind. Man lernt das Kind intim kennen, man lernt seine Grenzen, man lernt seine Begabungen kennen, indem man sieht, wie aus seinen Händen das Künstlerische der bildenden Künste fließt, und man lernt erkennen, zusammenlebend mit dem Kinde, wie stark das Kind fähig ist, zu geistigen Welten hin seinen ganzen Sinn, seine ganze Kraft zu lenken, und damit auch wiederum Kräfte herunterzutragen aus den geistigen Welten in die physische Sinneswelt. Man lernt erkennen die ganze Beziehung des Menschenkindes zu einer höheren, zu einer geistigen Welt. Man lernt erkennen die Kraft, die einstmals das Kind im Leben haben wird, wenn man mit ihm als Erziehender und Unterrichtender zusammen lebt, indem man das Musikalisch-Dichterische an das Kind heranbringt.
[ 33 ] If one lives in this way—observing artistically, feeling artistically, and educating and teaching the child artistically—then, when the child, clumsily as it may seem to me, works with clay, wood, and paint, one can discern from the child’s sculptural and painterly activities which talents can be drawn out of this particular disposition of life and soul. One gets to know the child intimately; one learns its limitations, one comes to know their talents by seeing how the artistic essence of the visual arts flows from their hands, and, by living alongside the child, one learns to recognize how strongly the child is capable of directing their entire being and all their strength toward spiritual worlds—and thereby, in turn, to bring forces down from the spiritual worlds into the physical sensory world. One comes to recognize the entire relationship of the human child to a higher, spiritual world. One comes to recognize the power the child will one day possess in life when, as an educator and teacher, one lives together with the child, introducing the child to music and poetry.
[ 34 ] Dann, wenn man diese Künste, die plastische, die dichterische, die musikalische Kunst unmittelbar an den Menschen herangezogen, in den eurythmischen Bewegungen an dem Kinde heranbildet, wenn man unmittelbar dasjenige, was sonst im Worte abstrakt erscheint, in dem Menschenleib lebendig erweckt durch die Eurythmie, dann bildet man in dem Menschen die innere Harmonie aus zwischen dem geistgetragenen Musikalisch-Dichterischen und dem vom Geiste durchdrungenen Materiellen des Plastisch-Malerischen. Das Bewußtsein des Menschen, das geistdurchleuchtet ist, webt sich seelenvoll künstlerisch in das LeiblichPhysische hinein. Man lernt unterrichten, indem man Geist und Seele in dem Kinde erweckt, man lernt unterrichten so, daß der Unterricht zu gleicher Zeit gesundheitfördernd, wachstumfördernd, gesunde Kraft befördernd für das ganze Leben ist. Man wird, indem man über solches nachdenkt, an einen schönen, für das Künstlerische verständnisvollen griechischen Ausspruch erinnert. Die alten Griechen nannten die Zeusstatue des Phidias ein heilbringendes Zaubermittel. Echte Kunst ist eben nicht etwas, was bloß an den Menschen herankommt so, daß er es in Seele und Geist ergreifen kann, echte Kunst ist etwas, was den Menschen wachsen, gesunden und gedeihen macht. Echte Kunst war immer ein heilbringendes Zaubermittel.
[ 34 ] Then, when these arts—sculpture, poetry, and music—are brought directly to the human being and cultivated in the child through eurythmic movements; when what otherwise appears abstract in words is directly brought to life in the human body through eurythmy, then one develops within the human being an inner harmony between the spiritually inspired musical and poetic elements and the material aspects of the sculptural and pictorial arts, which are imbued with spirit. Human consciousness, illuminated by the spirit, weaves itself soulfully and artistically into the physical body. One learns to teach by awakening the spirit and soul in the child; one learns to teach in such a way that the lesson is at the same time health-promoting, growth-promoting, and a source of healthy strength for the whole of life. Reflecting on such things brings to mind a beautiful Greek saying that shows an understanding of the artistic. The ancient Greeks called Phidias’ statue of Zeus a healing magic potion. True art is not merely something that touches a person in such a way that they can grasp it in soul and spirit; true art is something that makes a person grow, become healthy, and flourish. True art has always been a healing magic potion.
[ 35 ] Derjenige, der so als Erzieher und Unterrichtender die Kunst zu lieben versteht, und der die nötige Achtung hat vor der menschlichen Wesenheit, der wird Kunst als ein heilbringendes Zaubermittel all seinem Unterrichte und seiner Erziehung einzupflanzen in der Lage sein. Dann wird wie von selber einfließen auch in dasjenige, was wir als Verstandesbildung in der Schule zu treiben haben, was wir an Herzensbildung, an religiöser Bildung heranzuentwickeln haben, es wird das eindringen, was auf der einen Seite getragen ist von der menschlichen Freiheit, auf der anderen Seite getragen ist von menschlicher Liebe. Es wird von der Kunst ausstrahlen, wenn der Lehrer selber künstlerisch ist und an das künstlerische Empfinden der Kinder appelliert, mit dem künstlerischen Empfinden der Kinder künstlerisch lehrend und unterrichtend lebt, es wird ausstrahlen von dem künstlerischen Sinn im Unterrichte und im Erziehen das richtige pädagogische, das richtige menschliche Wirken für alle übrige Erziehung, für allen übrigen Unterricht. Man wird nicht Künstlerisches sparen wollen für die anderen Lehrgegenstände, sondern man wird das Künstlerische einreihen in den Organismus des ganzen Unterrichtes und der ganzen Erziehung, so daß es nicht gewissermaßen nebenhergeht: da sind die Hauptgegenstände, das ist für den Verstand, das für Gemüt und Pflicht, und dann abgesondert im Stundenplan, so halb unobligatorisch ist dasjenige, was das Kind künstlerisch sich aneignen soll. Nein, richtig steht die Kunst in der Schule darinnen, wenn aller andere Unterricht, alle andere Erziehung so angelegt sind, daß im rechten Augenblicke das kindliche Gemüt aus dem übrigen Unterricht nach der Kunst verlangt, und wenn die Kunst so getrieben wird in der Schule, daß ihm in der künstlerischen Betätigung der Sinn aufgeht, dasjenige auch mit dem Verstande zu begreifen, das auch mit der Pflicht zu durchdringen, was es in der Kunst als das Schöne, als das rein frei Menschliche anschauen gelernt hat. Das sollte hindeuten darauf, wie die Kunst wirklich in den ganzen Organismus des Erziehens und des Unterrichtens eindringen kann, wie die Kunst durchleuchten und durchwärmen kann alles pädagogisch-didaktische Wesen. Kunst und der künstlerische Sinn sind dasjenige, was die Menschenerkenntnis hineinstellt zwischen die reine Geisteserkenntnis und die naturgemäße Sinneserkenntnis. Kunst ist auch dasjenige, was uns in die Erziehungslebenspraxis in der schönsten Weise hineinführen kann.
[ 35 ] Anyone who, as an educator and teacher, understands how to love art and who has the necessary respect for the human being will be able to incorporate art as a healing magic potion into all of their teaching and education. Then, as if of its own accord, what we must cultivate in school as intellectual development—as well as what we must develop in terms of emotional and religious education—will be infused with that which is sustained, on the one hand, by human freedom and, on the other, by human love. It will radiate from art when the teacher is artistic and appeals to the children’s artistic sensibility, living and teaching artistically in harmony with the children’s artistic sensibility; from the artistic sensibility in teaching and education will radiate the proper pedagogical and human influence for all other aspects of education and all other subjects. One will not want to set aside the artistic for the other subjects, but rather will integrate the artistic into the fabric of the entire curriculum and the entire educational process, so that it does not, as it were, run parallel: there are the main subjects—these are for the intellect, those for the emotions and duty—and then, set apart in the schedule, is what the child is supposed to acquire artistically, as if it were only half-obligatory. No, art has its rightful place in school when all other instruction, all other aspects of education are structured in such a way that, at the right moment, the child’s mind, having been engaged in other lessons, yearns for art; and when art is taught in school in such a way that, through artistic activity, the child comes to understand with the intellect and to internalize through a sense of duty what they have learned to perceive in art as beauty and as that which is purely and freely human. This should indicate how art can truly permeate the entire organism of education and instruction, how art can illuminate and warm the entire pedagogical and didactic essence. Art and the artistic sense are what human cognition places between pure intellectual cognition and natural sensory cognition. Art is also what can lead us into the practice of educational life in the most beautiful way.
[ 36 ] Derjenige, der Kunst liebt, der den Menschen achtet, wird aus solcher Gesinnungspädagogik, wie ich sie versuchte skizzenhaft anzudeuten, der Kunst in der Schule den richtigen Platz anweisen. Er wird der Kunst den richtigen Platz anweisen aus seiner ganzen, totalen Menschenempfindung heraus, die sich dann konzentriert durch den Umgang mit der Schülerschaft selber zur pädagogischen Gesinnung und zu pädagogischem Leben. Denn dasjenige, was er tut, das wird nicht auf der einen Seite vernachlässigen diejenige Bildung, die mehr nach dem Geiste hingeht, auch nicht diejenige Bildung, die mehr nach dem Körper hingeht. Indem die Kunst in der richtigen Weise in die Schule hineingestellt wird, empfängt die Schule auch den richtigen Geist für die richtige Leibesentwickelung der Kinder. Denn Kunst, wo sie hingestellt wird, wirkt so im Leben, daß sie auf der einen Seite empfänglich ist für das geistige Licht, das der Mensch zu seiner Entwickelung für seine eigene Wesenheit braucht. Kunst kann sich durchdringen durch ihre eigene Wesenheit mit dem geistigen Lichte, und Kunst, durchdrungen mit diesem geistigen Licht, bewahrt dieses Licht. Wo sie wieder ausströmt ihr Wesen, da durchtränkt sie dasjenige, in das sie sich ergießt, mit dem Lichte, das sie von der Geistessonne selbst empfangen hat, durchtränkt auch das Materielle mit dem Lichte, so daß das Materielle Geistiges ausdrücken darf, seelisch-glänzend, leuchtend an seiner Außenseite wird. Kunst ist imstande, das Licht des Weltenalls in sich zu versammeln. Kunst ist aber auch imstande, allem Irdisch-Materiellen Lichtglanz zu geben. Daher ist Kunst imstande, die Geheimnisse der geistigen Welt in die Schule hereinzuholen und der kindlichen Seele jenen geistig-seelischen Glanz zu verleihen, durch den dann diese kindliche Seele in das Leben so eintreten kann, daß es die Arbeit nicht mehr bloß als drückende Last zu empfinden braucht, sondern daß allmählich im sozialen Zusammenwirken der Menschheit die Arbeit ihres bloß Lastenden entkleidet werden kann. Und das soziale Leben, es kann gerade dadurch eine Vertiefung, zu gleicher Zeit eine Befreiung für die Menschheit erfahren, daß wir, so paradox das klingt, die Kunst in der richtigen Weise in die Schule hineinzustellen vermögen.
[ 36 ] Anyone who loves art and respects human beings will, through the kind of values-based pedagogy that I have attempted to sketch out here, assign art its proper place in school. They will assign art its proper place out of their whole, comprehensive sense of humanity, which then, through their interaction with the student body itself, crystallizes into a pedagogical attitude and a pedagogical way of life. For what they do will not neglect, on the one hand, the kind of education that is more oriented toward the spirit, nor, on the other hand, the kind of education that is more oriented toward the body. By integrating art into the school in the right way, the school also receives the right spirit for the proper physical development of the children. For art, wherever it is placed, has such an effect on life that, on the one hand, it is receptive to the spiritual light that human beings need for their own development and for their own being. Art can permeate itself with the spiritual light through its own essence, and art, permeated with this spiritual light, preserves this light. Wherever its essence radiates outward, it permeates that into which it pours itself with the light it has received from the spiritual sun itself; it also permeates the material with this light, so that the material may express the spiritual, becoming soulfully radiant and luminous on its outer surface. Art is capable of gathering the light of the universe within itself. But art is also capable of bestowing a radiant glow upon all that is earthly and material. Therefore, art is capable of bringing the mysteries of the spiritual world into the school and bestowing upon the child’s soul that spiritual and soulful radiance through which this child’s soul can then enter life in such a way that work no longer needs to be perceived merely as a burdensome burden, but rather that, gradually, within the social interaction of humanity, work can be stripped of its merely burdensome nature. And social life can experience both a deepening and, at the same time, a liberation for humanity precisely because—as paradoxical as it may sound—we are able to introduce art into the school in the right way.
[ 37 ] Die weiteren Ausführungen werden sich dann ergeben, wenn ich morgen vorzutragen habe über die Stellung der Moral, der sittlichen Anschauung und sittlichen Empfindung innerhalb des Schul- und Erziehungswesens. Heute wollte ich nur zeigen, daß der Geist, der für die Schule notwendig ist, durch die Kunst, durch das Zaubermittel Kunst hereingezaubert wird in die Schule, daß bei der richtigen Behandlung der Kunst diese lichtgeistdurchtränkte Kunst in den Seelen der Kinder jenen Glanz zu erzeugen vermag, durch den die Seele sich wiederum in den Leib und damit in die ganze Welt für das ganze folgende Leben in der richtigen Weise hineinstellen kann.
[ 37 ] Further details will become clear when I give my lecture tomorrow on the role of morality, moral perspective, and moral sensibility within the school and educational system. Today I simply wanted to show that the spirit necessary for the school is conjured into the school through art—through that magical means that is art—and that, when art is handled correctly, this art, imbued with the spirit of light, is capable of creating in the souls of children that radiance through which the soul, in turn, can properly orient itself within the body and thus within the entire world for the rest of their lives.
