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Educational Practice from the
Perspective of a Spiritual Scientific Knowledge
GA 306

15 April 1923, Dornach

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Erster Vortrag

Lecture One

[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende und liebe Freunde!

[ 1 ] Not translated

[ 2 ] Lassen Sie mich Ihnen am Beginn dieser Veranstaltung meinen herzlichsten Gruß entgegenbringen. Wären Sie noch vor 4 oder 5 Monaten hier in für uns so erfreulicher Weise erschienen, dann würde ich Sie noch haben begrüßen können in jenem Bau drüben, den wir das Goetheanum genannt haben und der Sie in seinen Formen, in seiner ganzen künstlerischen Ausgestaltung erinnert haben würde an dasjenige, was hier von Dornach aus, vom Goetheanum aus gewollt wird. Der Unglücksfall, der für viele, die das Goetheanum so lieb gehabt haben, so ungeheuer schmerzlich ist, der Unglücksfall der Silvesternacht hat uns dieses Goetheanum genommen, und wir werden vorläufig dasjenige, was als Geist walten wollte innerhalb dieser künstlerischen Stoffeshülle, ohne eine solche zu treiben haben.

[ 2 ] At the opening of this conference, I want to extend my warmest greetings to you all. Had you come some four or five months earlier, I would have welcomed you in the building we called the Goetheanum, which stood over there. The artistic forms of its architecture and its interior design would have been a constant reminder of what was intended to go out into the world from this Goetheanum. However, the misfortune that befell us on New Year's night and inflicted such grievous pain on all who loved this building, has robbed us of the Goetheanum. And so, for the time being, we shall have to nurture the spirit—without its proper earthly home—that would have reigned within this material, artistic sheath.

[ 3 ] Insbesondere darf ich herzlich begrüßen diejenigen Persönlichkeiten, welche aus der Schweiz hier erschienen sind und die damit bekräftigen, wie sie trotz aller Anfeindungen, die ja gerade auf diesem Boden in der letzten Zeit uns betroffen haben, ein gewisses Interesse für unsere Sache nach der pädagogischen Seite hin gefaßt haben. Mit einer besonderen Befriedigung begrüßen darf ich auch die Freunde der anthroposophischen Pädagogik, oder solche, die denken, es hier werden zu können, die aus der Tschechoslowakei in so großer Zahl erschienen sind. Sie bekräftigen ja damit, daß die pädagogische Frage gegenwärtig unter den allgemeinen Menschheitsfragen durchaus in hervorragender Weise mitgezählt werden muß. Zu der großen sozialen Bedeutung, zu der die pädagogische Frage kommen muß, kann sie ja doch nur kommen, wenn sie von den Lehrerpersönlichkeiten selbst in diesem Stile aufgefaßt wird. Dann begrüße ich auch diejenigen Persönlichkeiten, die auch aus anderen Ländern sich eingefunden haben, womit ja schon gesagt ist, wie dasjenige, was hier gesucht wird, eine in Wahrheit internationale Sache sein soll, eine allgemeine Menschheitssache.

[ 3 ] It gives me great joy to welcome those of you who have come from Switzerland, and who have displayed, through your coming, real evidence of your interest in our educational goals, even though they have been received recently in Switzerland with enmity. With equal joy and gratification I want to welcome the many friends of Waldorf Education—or those wishing to become its friends—who have come from Czechoslovakia. Your presence confirms to me that education involves one of the most crucial questions of our time, and that it will receive the impetus it needs and deserves only if it is seen in this light by the various members of the teaching profession. Furthermore, I welcome those of you who have come from other countries, and who show, through your presence, that what is being worked toward here in Dornach is not just a matter of cosmopolitan interest, but is also a matter of concern for all of humanity.

[ 4 ] Und begrüßen darf ich auch unsere Freunde, die Lehrer der Stuttgarter Waldorfschule, die ja hauptsächlich deshalb erschienen sind, um hier aus ihrer pädagogischen Praxis an der Waldorfschule mitzuwirken, die vor allen Dingen deshalb hier uns so wertvoll sind, weil sie, als in unserer Sache tief drinnenstehend, diese Veranstaltung haben mitmachen wollen.

[ 4 ] And finally I want to greet our friends, the teachers of the Waldorf School. Their primary goal in coming here is to contribute to this conference from their own personal experience. They are deeply connected with our cause, and expressed the wish to support this conference. This is greatly appreciated.

[ 5 ] Heute wird es sich darum handeln, daß ich in einer Art von Einleitung dasjenige vorbereite, was wir in den nächsten Tagen miteinander behandeln wollen.

[ 5 ] Today, as an introduction, I want to prepare the ground for what will concern us during the next few days.

[ 6 ] Über Pädagogik und Erziehungswesen wird ja heute allerdings ungeheuer viel gesprochen. Unzählige Menschen aus dem Kreise derjenigen, die Kinder zu erziehen und zu unterrichten haben, sprechen von notwendigen Reformimpulsen gerade mit Bezug auf das Erziehungs- und Unterrichtswesen. Und man darf schon sagen: Es gibt der Standpunkte ungeheuer viele, von denen aus da gesprochen wird. Wenn man auf alle diese Standpunkte und auf dasjenige hinblickt, was von diesen Standpunkten aus gesprochen wird, manchmal mit einem ungeheuren Enthusiasmus für eine Neugestaltung und Reform des Erziehungs- und Unterrichtswesen, da könnte einem schon angst und bange werden. Nicht nur deshalb, weil man ja zunächst wirklich schwer absehen kann, wie sich eine gewisse Einheitlichkeit ergeben soll aus diesen allermannigfaltigsten Standpunkten, von denen natürlich jeder behauptet, daß er einzig und allein recht haben kann; sondern noch von einer ganz anderen Seite her könnte einem, möchte man sagen, angst und bange werden. Die Standpunkte, die da geltend gemacht werden, die machen mir weniger bange, denn die Notwendigkeiten des Lebens ergeben ja vielfach Ausgleichungen, Abrundungen desjenigen, was von solchen Standpunkten aus gesagt wird. Aber etwas anderes ist es, was immer wieder und wiederum aus meiner Seele heraufzieht, wenn man heute, man kann schon sagen, fast jeden Menschen, dem man begegnet, von der Neugestaltung des Erziehungs- und Unterrichtswesens reden hört. Und woraus gehen denn eigentlich diese mit solch löblichem Enthusiasmus vorgebrachten Reformgedanken hervor? Sie gehen hervor aus der Erinnerung an die eigene Jugend und aus der Erinnerung an die eigene Erziehung. Man hat so in den Tiefen seiner Seele eine ungeheuer tiefe Unzufriedenheit mit seiner eigenen Erziehung, seinem eigenen genossenen Unterricht. Ja, aber - indem man dieses Gefühl hat, gibt man etwas höchst Eigentümliches zu: Man gibt nämlich zu, daß man furchtbar schlecht erzogen ist. Man muß sich eigentlich, indem man aus diesen Untergründen heraus die Reformgedanken aufwirft, sagen: Man ist ein furchtbar schlecht erzogener Mensch. Und eigentlich steckt dieses Urteil, wenn die Leute es sich auch nicht eingestehen und es den anderen nicht eingestehen, wirklich so richtig drin in der besonderen Nuancierung der Worte, der Sätze ihrer Reformimpulse, die ausgesprochen werden. Wie mancher denkt da: Wie schlecht war doch meine Erziehung; das muß anders werden! - Ja, aber da treten einem zwei Dinge vor die Seele, die gar nicht tröstlich sind. Denn erstens, wenn man so furchtbar schlecht erzogen ist, wenn alles mögliche Schlimme während der eigenen Erziehung auf einen eingestürmt ist, wie soll man denn jetzt wissen, wie gut erzogen wird? Woher soll man denn das eigentlich gelernt haben? - Also, wenn man sich für die Berechtigung von Erziehungsreformgedanken auf seine eigene schlechte Erziehung beruft, so geht das eigentlich nicht recht.

[ 6 ] Education is very much in the news today, and many people connected with educating the young are discussing the need for reform. Many different views are expressed—often with considerable enthusiasm—about how education should go through a change, a renewal. And yet, when hearing the various ideas on the subject, one cannot help feeling a certain trepidation, because it is difficult to see how such different views could ever lead to any kind of unity and common purpose, especially since each viewpoint claims to be the only valid one. But there is another reason for concern. New ideas for education do not cause undue concern in themselves, for the necessities of life usually blunt the sharp edges, causing their own compensations. When one hears nearly everyone call for a renewal in education, yet another problem comes to mind—that is, where does this praiseworthy enthusiasm for better education spring from? Isn't it prompted by people's memories of unhappy childhood days, of their own deep-seated memories of an unsatisfactory education? But as long as the call for educational reform comes only from these or similar feelings, it merely serves to emphasize personal discontent with one's own schooling. Even if certain educational reformers would not admit this to themselves or to others, by the very nuance of their words they imply dissatisfaction with their own education. And how many people today share this dissatisfaction! It is little wonder if the call for a change in education grows stronger every day. This educational dilemma, however, raises two questions, neither of which is comforting. First, if one's education was bad, and if as a child one was exposed to its many harmful effects, how can one know what constitutes proper educational reform? Where can better ways of educating the young be found? The second question arises from listening to what certain people say about their own education. And here I want to give you a practical example because, rather than presenting theories during this conference, I want to approach our theme in practical terms.

[ 7 ] Und das zweite tritt einem entgegen, wenn man hinhorcht auch auf die Art und Weise, wie manche Menschen von ihrer eigenen Erziehung und ihrem eigenen Unterricht sprechen. Ich möchte Ihnen da ein praktisches Beispiel anführen, denn ich möchte die ganzen acht Tage durchaus nicht aus der Theorie heraus, sondern überall aus praktischen Untergründen heraus sprechen. Sehen Sie, da ist eben vor einigen Tagen ein Buch erschienen, das eigentlich mich sonst nicht besonders interessiert, das aber interessant ist dadurch, daß nämlich in den ersten Kapiteln auch recht viel von einer Persönlichkeit über die eigene Erziehung und den eigenen Unterricht gesprochen wird, von einer sehr merkwürdigen, heute außerordentlich berühmten Persönlichkeit. Es sind ja die «Lebenserinnerungen» jetzt erschienen von Rabindranath Tagore. Nun, da ich nicht dasselbe Interesse für ihn habe wie andere Menschen heute in Europa, so darf ich sagen, daß mich ja die «Lebenserinnerungen» nicht so außerordentlich sonst interessieren, aber mit Bezug auf das Erziehungswesen bieten sie doch ganz interessante Einzelheiten.

[ 7 ] A few days ago a book appeared on the market that, in itself, did not draw my particular interest. Nevertheless it is interesting because in the first few chapters the author, an outstanding person who has become world-famous, speaks very much about his early school days. I am referring to the memoirs of Rabindranath Tagore,1Rabindranath Tagore (1861–1941) Indian Bengali poet and novelist; won Nobel prize for literature in 1913; knighted by England, but resigned knighthood (1919) in protest against English repression in Punjab. which have just been published. Although I do not have the same interest in this person that many Europeans do, in regard to educational matters his memoirs do contain some noteworthy and pertinent details.

[ 8 ] Sie werden mir zugeben, daß dasjenige, was wir ins Leben hinübertragen aus unseren Kindheitstagen, als Schönstes wirklich nicht enthält - selbst wenn Unterricht und Erziehung ganz außerordentlich großartig gewesen sind - die Erinnerung an die Einzelheiten, die uns in dieser oder jener Unterrichtsstunde geboten worden sind. Das wäre auch traurig. Denn es muß dasjenige, wodurch wir erzogen werden und in dem wir unterrichtet werden, übergehen in eine Art Lebensgewohnheiten, Lebensgeschicklichkeiten. Wir dürfen im späteren Leben nicht mehr von den Einzelheiten geplagt werden; das muß zusammenfließen in einen großen Strom der Lebenspraxis. Dasjenige aber, was wir als Schönstes hinübertragen aus den Tagen, in denen wir erzogen und unterrichtet worden sind, das ist eigentlich die Erinnerung an die einzelnen Lehrer- und Erzieherpersönlichkeiten. Und da muß es schon als ein Glück gelten, wenn man mit einer innigen Befriedigung im spätesten Alter noch hinschauen kann auf diese oder jene verehrte Lehrerpersönlichkeit. Das ist Gewinn des Lebens. Das gehört auch durchaus zur Erziehungskunst und Erziehungspraxis, daß dies fürs Leben möglich werde.

[ 8 ] I am sure that you would agree that the most beautiful memories of one's early school days—however wonderful these may have been—will hardly consist of fragmentary details of what happened in certain lessons. Indeed, it would be sad if this were so, because what affects children during lessons should become transformed into life habits and skills. In later life we should not be plagued by the details of what we once learned at school, for these must flow together into the great stream of life. Couldn't we say that our most beautiful recollections of school are concerned with the different teachers we had? It is a blessing if, in later years, one can look back with deep, inner satisfaction at having been taught by one or another admired teacher. Such an education is of value for the whole of one's life. It is important that teachers call forth such feelings in their pupils; this also belongs to the art of education.

[ 9 ] Nun, wenn wir nach dieser Richtung hin einmal die entsprechenden Stellen in Tagores Lebenserinnerungen aufschlagen und die Art sehen, wie er über die Lehrerpersönlichkeiten spricht, so ist das nicht gerade so, daß er mit einer innigen Erhebung zu diesen Lehrerpersönlichkeiten zurückblickt, indem er zum Beispiel sagt: «Einer von den Lehrern der Normalschule gab uns auch Privatunterricht im Hause. Sein Körper war mager, sein Gesicht wie ausgedörrt, seine Stimme scharf. Er sah aus wie ein leibhaftiger Rohrstock.» - Man könnte die Meinung haben, daß man von demjenigen, was in Erziehungs- und Unterrichtsdingen notwendig sei, bloß in unserer, von den Asiaten ja so vielfach angefochtenen europäischen Kultur so viel zu sprechen habe. Aber Sie sehen daraus, daß ein Mann, der es schon zu einer Berühmtheit gebracht hat, in einer solchen Weise auf seine indische Schule zurückschaut. Also - ich gebrauche einen Ausdruck, den Tagore auch gerade gebraucht - dasjenige, was Schulmisere ist, scheint allerdings schon nicht mehr bloß in Europa international zu sein, sondern das scheint heute schon die ausgebreitetste Kulturfrage zu sein. Und wir werden viel darüber zu sprechen haben, wie man es dahin bringt, daß der Lehrende, der Erziehende, Interesse zu erwecken versteht für dasjenige, was er vorzubringen hat. - Nun möchte ich Ihnen auch ein Beispiel zeigen aus Tagores Lebenserinnerungen, wie er zurückblickt auf das Interesse, das ihm in Indien drüben sein Sprachlehrer im Englischen hat beibringen können, Er sagt: «Wenn ich an seinen Unterricht im ganzen zurückdenke, so kann ich nicht sagen, daß Aghor Babu ein harter Lehrer war. Er regierte uns nicht mit dem Rohrstock.» Also das weist bei uns natürlich in ältere, überwundene Zeiten zurück. Daß gerade Tagore - wenn Sie die «Lebenserinnerungen» vornehmen, so werden Sie das sehen - so außerordentlich viel vom Rohrstock spricht, das muß noch auf eine primitive Kultur hinweisen. Es ist schon berechtigt, dies anzunehmen, wenn er von einem Lehrer nicht nur sagt, er sei ein leibhaftiger Rohrstock, sondern daß er sich des Rohrstockes nicht bediene. Er sagt dann weiter: «Selbst seine Vorwürfe wurden nie zu einem Schelten. Doch was auch seine persönlichen Vorzüge gewesen sein mögen, seine Zeit war Abend und sein Gegenstand Englisch! Ich bin sicher, daß selbst ein Engel einem jeden Bengalenknaben als ein wahrer Bote Jamas (Gott des Todes) erscheinen würde, käme er nach all dem Schulelend des Tages am Abend zu ihm und zündete eine trostlos trübe Lampe an, um ihn Englisch zu lehren.»

[ 9 ] If we look at some of the passages in Tagore's memoirs from this perspective, we find that he does not talk of his teachers with much reverence and admiration. To quote an example, he says, “One of our teachers in the elementary school also gave us private lessons at home. His body was emaciated, his face desiccated, and his voice sharp. He looked like a veritable cane.” One might easily imagine—especially here in our Western civilization, often criticized strongly in the East—that the wrongs of education would hardly be so vehemently emphasized by an Asian. But here you have an example of how an Eastern personality, now world-famous, looks back at his school days in India. And so I shall use a word that Tagore also mentions in his book—that is, “miserable school.” The meaning of this expression is not confined to European countries, but seems to express a worldwide cultural problem. Later on we shall have to say much more about what teachers must do to kindle genuine interest for what they bring to their pupils. But now I shall give you another example from Tagore's memoirs of how his English teacher approached this task. Tagore writes, “When I think back on his lessons, I cannot really say that Aghor Babu was a hard taskmaster. He did not rule us with the cane.” To us, such a remark would point to times long past, long superseded. The fact that Tagore speaks so much in his book about the cane indicates something we would consider culturally primitive. I believe that such a comment is justified when reading Tagore's description, not just about one of his teachers “looking like a veritable cane,” but also when he points out that another teacher actually did not use the cane. Speaking of this other teacher, Tagore continues, “Even when reprimanding us he did not shout at us. But, whatever his positive sides may have been, his lessons were given in the evening, and his subject was English. I am sure that even an angel would have appeared to a Bengali boy like a true messenger of Mamas (The God of Death), had he come to him in the evening after the `miserable school' of the day, kindling a comfortless, dim lamp, in order to teach English.”

[ 10 ] Na, Sie sehen ein Beispiel dafür, wie eine Zelebrität von heute davon redet, wie sie erzogen worden ist! Aber Tagore redet auch davon, wie das Kind schon gewisse Bedürfnisse für die Erziehung und den Unterricht mitbringe, und er deutet damit in einer ganz lebenswirklichen Weise darauf hin, wie man demjenigen entgegenkommen soll, was eigentlich das Kind von einem verlangt, und wie das bei seiner Erziehung nicht der Fall war. Ich will es Ihnen überlassen, diese Dinge auf europäische Verhältnisse anzuwenden. Denn mir erscheint es ganz sympathisch, diese Dinge, die vielleicht da oder dort Anstoß erregen könnten, wenn man sie aus europäischen Verhältnissen her erzählt, nun einmal aus asiatischen Verhältnissen heraus anzudeuten. Die europäische Anwendung kann dann jeder selber machen.

[ 10 ] Well, here you have an example of how a famous Indian speaks about his education. But Tagore also writes about how each child brings certain needs to education. He points out in a very practical way how such needs should be met, and how this did not happen in his case. I will leave it to you to interpret this situation in Western terms. To me it seems very good to look at such matters from a global perspective, matters that—if quoted in a European context—could very well arouse strong criticism. Tagore continues:

[ 11 ] Tagore erzählt also: «Aghor Babu versuchte bisweilen, den Zephyr der Wissenschaft von draußen mit hereinzubringen, daß er über das dürre Einerlei unseres Schulzimmers hinstriche. Eines Tages zog er ein in Papier gewickeltes Paket aus der Tasche und sagte: «Heute will ich euch ein wunderbares Kunstwerk des Schöpfers zeigen. Dabei wickelte er das Papier auf und brachte einen menschlichen Kehlkopf zum Vorschein, woran er uns die Wunder dieses Mechanismus auseinandersetzte.

[ 11 ] From time to time Aghor Babu tried to introduce a refreshing scientific breeze into the dry routine of the class room. One day he pulled from his pocket a little parcel wrapped in paper, saying, “Today I want to show you one of the Creator's wonderful works of art.” Unwrapping the paper, he showed a human larynx, which he used to explain to us the wonders of its mechanism.

[ 12 ] Ich weiß noch, welchen Stoß es mir damals gab. Ich hatte immer geglaubt, der ganze Mensch spreche - hatte nie die leiseste Ahnung davon gehabt, daß man den Vorgang des Sprechens so abgetrennt betrachten könne. Wie wunderbar auch der Mechanismus eines einzelnen Teiles sein mag, er ist es sicher weniger als der ganze Mensch. Nicht daß ich mir dies damals so klargemacht hätte, doch es lag meinem ablehnenden Gefühl zugrunde. Daß der Lehrer diese Wahrheit aus den Augen verloren hatte, war wohl der Grund, weswegen der Schüler die Begeisterung nicht teilen konnte, mit der er sich über den Gegenstand erging.»

[ 12 ] I still remember the shock this gave me, for I had always thought that speech came from the entire human being. I did not have the slightest inkling that the activity of speaking could thus be isolated from the whole human organism. However perfect the mechanism of each single part might be, surely it would always amount to less than the complete human being. Not that I consciously realized this, but at the bottom of my feelings it was distasteful. The fact that the teacher had lost sight of such a truth must have been the reason why his pupil could not share in his enthusiasm for this kind of demonstration.

[ 13 ] Nun, das war der erste Stoß in bezug auf die Einführung in das menschliche Wesen selber. Es kam aber noch ein zweiter, der ärger war: «Ein andermal nahm er uns mit sich in den Seziersaal der Medizinschule.» Man darf schon überzeugt sein, daß da der Aghor Babu den Jungen einen ganz besonders feierlichen Tag bereiten wollte. «Die Leiche einer alten Frau lag auf dem Tische ausgestreckt. Dies störte mich nicht so sehr. Doch ein abgenommenes Bein, das auf dem Fußboden lag, brachte mich ganz aus der Fassung. Der Anblick eines Menschen in diesem fragmentarischen Zustand erschien mir so entsetzlich, so widersinnig, daß ich den Eindruck von diesem dunklen, ausdruckslosen Bein tagelang nicht loswerden konnte.»

[ 13 ] Well, this was the first shock when the nature of the human being was introduced to the boy. But another one, worse still, was to follow. Tagore continues: On another occasion he took us into the dissecting room of the local medical school.2There can be no doubt that Aghor Babu wanted to give his boys a special treat. The corpse of an old woman was lying on a table. This in itself did not particularly disturb me. But an amputated leg, which was lying on the floor, completely threw me off my balance. The sight of a human being in such a state of fragmentation seemed so dreadful, so utterly lacking in sense to me, that I could not shake off the impression of this dark and expressionless leg for many days to come.

[ 14 ] Sie sehen gerade an einem solchen Beispiel, wie es dem jungen Menschen ergeht, wenn er heute an den Menschen selber herangebracht wird. Denn im Grunde genommen wird ja solches nur in die Erziehung aufgenommen, weil es eben scheint, daß es in richtiger Weise aus dem Wissenschaftsbetrieb von heute hervorgehe. Man denkt ja selbstverständlich so aus dem Wissenschaftsbetrieb heraus, den man - Gott sei Dank, muß man schon sagen - als Lehrer aufgenommen hat, daß es ja ganz großartig ist, wenn man nun das Sprechen an einem Kehlkopfmodell erklären kann oder wenn man erklären kann, wie die besondere innere anatomisch-physiologische Eigentümlichkeit eines Beines ist. Denn im Sinne des heutigen wissenschaftlichen Denkens und Anschauens braucht man ja den ganzen Menschen durchaus nicht. - Aber dies alles sind ja vorläufig noch nicht die Gesichtspunkte, die mich veranlassen, gerade diese Stellen aus Tagores Lebenserinnerungen anzuführen. Darüber werden wir im Laufe dieser Woche noch sprechen, nicht in Anknüpfung an Tagore, sondern in Anknüpfung an die Sache selbst. Aber etwas anderes veranlaßt mich dazu. Das ist: wer heute Tagore betrachtet als Schriftsteller, als Dichter, der sagt sich: Das ist ein hervorragender Mensch - und mit Recht. Und dieser Mann erzählt jetzt seine Lebensgeschichte und weist auf ganz schreckliche Erziehungs- und Unterrichtskunst für seine Kindheit hin. Ja, da geht einem ja ein ganz merkwürdiger Gedanke auf, der Gedanke nämlich, daß es ja dem Tagore gar nichts geschadet hat, daß er schlecht erzogen und unterrichtet worden ist. Und man könnte nun meinen: es schadet ja gar nichts, wenn die Erziehung noch so schlecht ist; denn man kann ja nicht nur ein ganz leidlicher Mensch dabei werden, sondern sogar ein berühmter Tagore. Und so fühlt man sich in doppelter Beziehung eigentlich heute recht bedrängt, wenn man alles dasjenige hört, was als Reformerziehungsimpulse gegeben wird. Auf der einen Seite sagt man sich: Wenn man zurückblicken muß, wie man selbst so furchtbar unerzogen ist, woher weiß man denn, wie man es besser machen soll? Auf der anderen Seite sagt man sich: Wenn man aber doch nicht nur ein leidlicher Mensch, sondern ein berühmter Mensch werden kann, so hat doch eine solche Erziehung eigentlich nichts geschadet! Warum soll man denn soviel Mühe darauf verwenden, daß die Erziehung gut werden soll?

[ 14 ] This example illustrates the reaction of a young person introduced to anatomy. Fundamentally speaking, this procedure is adopted in education only because it is in line with the orthodox scientific approach. And since the teacher has indeed gone through scientific training, it is naturally assumed to be a wonderful idea to demonstrate the mechanics of human speech with a model of the larynx, or to explain physiological anatomy with the aid of an amputated leg, for contemporary scientific thinking does not consider it necessary to look at the human being as a whole. However, these are not yet the primary reasons for selecting certain passages from Tagore's memoirs—of which we will say more later on, not because of their connection with Tagore, but because they belong to the theme of our conference. First, I want to make another point. Anyone judging Tagore's literary merits will correctly recognize in him an outstanding individual. In the autobiography of this distinguished author we read about his dreadful education. Doesn't this encourage a strange thought—that his poor education did not seem to harm his further development? Couldn't one conclude that a thoroughly bad education doesn't necessarily inflict permanent or serious harm? For did Tagore not demonstrate that despite this, he was able to grow into a good, even a famous person? (Examples like this could be multiplied by the hundreds, though they may be less spectacular.)

[ 15 ] Sie sehen, wenn man nur so auf das Äußerliche hinsieht, so könnte es einem scheinen, daß man sich heute eigentlich doch vielleicht mit anderen Dingen befassen sollte als mit Reformgedanken über Erziehungs- und Unterrichtswesen. Denn erstens geht einem so ein Licht darüber auf aus der eigenen schlechten Erziehung, daß man ja nichts Gescheites wissen kann, und auf der anderen Seite - die Beispiele des Tagore könnten natürlich verhundertfacht werden, wenn auch nicht in so außerordentlich stilvollem Format -, auf der anderen Seite wird man wiederum bedrängt von der Frage: Ja, ist es denn so außerordentlich notwendig, daß man soviel Mühe verwendet, um ein Erziehungsideal herauszufinden, da doch ein Mensch, der soviel zu schimpfen hat über seine eigene Erziehung, eben doch der Tagore geworden ist?

[ 15 ] Considering the myriad impulses for educational reform, one could easily be pulled in two directions. On the one hand, how can anyone possibly be in a position to improve education if one has had the misfortune of suffering from a bad one? On the other hand, if “miserable school” has not prevented someone from becoming, not just a good, but even a great and famous person, then a bad education cannot do permanent harm. Is there any point in lavishing so much care on attempts to improve education? From a superficial perspective, one might conclude that it would be better to occupy oneself with matters that are more useful than educational reform.

[ 16 ] Wenn Anthroposophie, diese viel angefeindete Anthroposophie, auch nur so - wie manchmal Reformgedanken heute aufgenommen werden - Reformgedanken prägen würde, ich würde eigentlich gerade von dem Gesichtspunkte der Anthroposophie aus es gar nicht für so erheblich finden, daß nun auch Versuche unternommen werden in Erziehungs- und Unterrichtskunst. Aber Anthroposophie ist ja doch im Grunde genommen etwas ganz anderes als dasjenige, was sich die meisten Menschen heute noch von ihr vorstellen. Anthroposophie geht wirklich heute hervor aus den tiefsten Kulturbedürfnissen. Und Anthroposophie macht es nicht so wie ihre Gegner, daß sie dasjenige, was nicht gleich zu ihr gehört, in der furchtbarsten Weise verschimpft, sondern Anthroposophie will das Gute überall, wo es in der Welt vorhanden ist, anerkennen, und gründlich anerkennen. - Wie gesagt, ich will heute nur einleitungsweise zu Ihnen sprechen; dasjenige, was ich da an Behauptungen vorausnehme, das werden wir in den nächsten Tagen schon belegt finden. - Anthroposophie macht aufmerksam darauf, wie großartig die Leistungen der Wissenschaft seit drei bis vier Jahrhunderten waren, wie großartig sie besonders geworden sind im Laufe des 19. Jahrhunderts. Sie erkennt diese Leistungen der Naturwissenschaft voll an.

[ 16 ] If anthroposophy, which has been much maligned, were merely to offer even more ideas for educational reform, as is generally done, I would not even consider it worthwhile to attempt these in practice. But in reality, anthroposophy is something very different from what most people imagine it to be, for it springs from the deepest needs of our present culture. Anthroposophy does not proceed, as so many of its enemies do, by shamefully denigrating everything that does not agree with its own principles. Anthroposophy is more than prepared to recognize and acknowledge what is good, wherever it is found. More of this later, for, as I have said already, today's content is intended only as an introduction.

[ 17 ] Aber Anthroposophie muß nicht nur zu den einzelnen Leistungen der Naturwissenschaft hinblicken, sondern sie muß hinblicken zu der menschlichen Seelenverfassung, die aus der naturwissenschaftlichen Strömung der neueren Zeit sich ergibt. Da können wir nicht sagen: Ja, was geht uns dasjenige an, was einzelne naturwissenschaftlich Gebildete heute denken; das hat ja doch für die allgemeine Menschheit keine große Bedeutung. - So können wir nicht sagen. Denn auch diejenigen, die gar nichts von Naturwissenschaft wissen, bekommen heute die wichtigsten Grundlagen für ihre Seelenverfassung und ihre Orientierung in der Welt von den Ergebnissen der Naturwissenschaft her. Man kann geradezu behaupten: Die in dieser oder jener religiösen Richtung orthodoxesten Menschen haben ein orthodoxes Bekenntnis aus Tradition, aus Gewohnheit, aber ihre Orientierung in der Welt, die haben sie aus den Ergebnissen der Naturwissenschaft heraus. Die Seelenverfassung der modernen Menschheit nimmt immer mehr und mehr einen solchen Charakter an, der eben von der Naturwissenschaft und ihren großartigen, nicht genug zu rühmenden Erfolgen herkommt.

[ 17 ] Anthroposophy points to the importance of the scientific achievements of the last three to four centuries and, above all, to those of the nineteenth century, all of which it fully recognizes. At the same time, however, anthroposophy also has the task of observing how these great scientific successes affect the human soul. It would be foolish to think that the ideas of a relatively few scientifically trained experts have little consequence for society as a whole; for even people who know little or nothing about science are influenced by contemporary science in their soul mood and in their life's orientation. Even people of a strictly orthodox religious faith, born of tradition and habit, nevertheless owe their world orientation to the results of orthodox science. The attitude of modern people is colored increasingly by the scientific view with all its tremendous achievements, which cannot be praised highly enough.

[ 18 ] Aber für diese Seelenverfassung hat eben die Naturwissenschaft etwas Eigentümliches hervorgebracht. Sie hat den Menschen immer mehr und mehr bekanntgemacht mit der äußeren Natur, aber sie hat ihn immer mehr und mehr entfremdet seiner eigenen menschlichen Wesenheit. Denn was tun wir denn, wenn wir naturwissenschaftlich an den Menschen herangehen? Wir lernen zunächst heute in einer schon vollendeten Weise, möchte man sagen, die Grundgesetze der leblosen, der unorganischen Welt kennen. Dann zergliedern wir den Menschen, schauen, wie es in ihm physiologisch, chemisch zugeht, und wenden dasjenige, was wir aus dem Laboratorium wissen, auf den Menschen an. Oder aber wir betrachten andere Reiche der Natur, das pflanzliche, das tierische Reich. Da ist die Naturwissenschaft sich ja selbst klar darüber, daß sie keine so befriedigenden Gesetzmäßigkeiten noch hat wie für das anorganische Reich; aber - wenigstens in bezug auf das Tierische - wird dasjenige, was man da gelernt hat, auch auf den Menschen angewendet. Dadurch ist der Mensch, man kann heute schon sagen, für das populäre Bewußtsein auch nicht geworden der Mensch, der dasteht als die Krone der Erdenschöpfung, sondern er ist geworden der Schlußpunkt der Tierreihe. Man betrachtet die Tierreihe in ihren Vollkommenheitsgraden bis hinauf zum Menschen. Man versteht bis zu einem gewissen Grade die Tiere, orientiert dann dasjenige um, was die Tiere haben, Knochenbau, Muskelbau, und bekommt als Schlußpunkt heraus als das höchststehende Tier - den Menschen.

[ 18 ] Yet the constitution of the human soul has been strangely affected by modern science. Having revealed more and more of outer nature, science has, at the same time, alienated human beings from themselves. What happens when the human being is observed from a scientific perspective? Our attention is drawn first to what has already been discovered very thoroughly in the inert, lifeless world. Then the human being is analyzed according to physiological and chemical components and what was established in the laboratories is then applied to the living human being. Or else our attention is directed to other realms of nature, to the plant and animal kingdoms. Here scientists are fully aware that they have not been able to establish laws as convincing as those applied to inorganic nature. Nevertheless—at least in the animal realm—what has been discovered is then also related to the human being. This is the reason why “the man in the street” sees the human being as the final evolutionary stage of animals. The evolutionary ladder of the animal species ends with the emergence of the human being. The animals are understood up to a certain point. Their bony structures or muscular configurations are then simply transferred to the human being who, as a result, is considered to represent the most developed animal.

[ 19 ] Aber eine wirkliche Betrachtung der Menschenwesenheit ist daraus ja bisher noch nicht hervorgegangen. Das werden wir insbesondere für Einzelheiten, die uns gerade pädagogisch interessieren, einzusehen haben. Und man kann sagen: Während für frühere Weltanschauungen vor allen Dingen der Mensch in dem Mittelpunkt aller Anschauung gestanden hat, ist er jetzt herausgerückt, er steht nicht mehr drinnen. Er wird ja erdrückt von den geologischen Perioden, er wird erdrückt von demjenigen, was man als Evolutionslehre für die Tierreihe sagen kann. Man ist schon froh, wenn man, sagen wir, ein Gehörknöchelchen zurückführen kann auf das Quadratbein eines niedrigerstehenden, eines noch tierischen Wesens. Es ist dies nur ein Beispiel; aber die Art und Weise, wie aus dem Menschlichen heraus seelisch-geistig des Menschen physisches Wesen organisiert wird: das ist aus dem Gesichtsfelde herausgerückt, das ist nicht mehr da.

[ 19 ] As yet, no true picture of the human being has arisen from these methods, and this will become poignantly clear to us when we focus on education. One could say that whereas in earlier times human beings occupied a central position within the existing world order, they have been displaced, crushed by the weight of geological data, and eliminated from their own sphere by the theory of animal evolution. Merely to trace back one of the ossicles of the human middle ear to the square-bone (Quadratbein) of a lower animal is praised as real progress. This is only one small example, but the way human physical nature reflects the soul and spiritual nature seems to have been entirely disregarded by modern research.

[ 20 ] Und das beachtet man deshalb viel zu wenig, weil man immer ein solches Vorgehen, wie ich es gerade charakterisiert habe, als etwas ganz Selbstverständliches betrachtet. Es hat dies eben die moderne Kultur heraufgebracht. Und es wäre traurig, wenn sie es nicht heraufgebracht hätte; es ist sogar gut, dafl sie es heraufgebracht hat, denn die Menschheit konnte in den früheren Vorstellungen, die vor dem naturwissenschaftlichen Zeitalter da waren, nicht fortfahren. Aber heute brauchen wir gerade im Sinne des naturwissenschaftlichen Denkens wiederum eine neue Einsicht in das Menschenwesen. Gerade dadurch gewinnen wir auch Einsichten in das Weltenwesen.

[ 20 ] This kind of thing easily escapes notice, because the orthodox approach is simply taken for granted. It is a by-product of our modern culture, and properly so. Indeed, it would have been a sad situation if this change had not occurred, for, with the soul attitude that prevailed before the age of science, humanity could not have progressed properly. Yet today a new insight into human nature is called for, insight based on a scientific mode of thinking, and one that will also shed light on the nature of the entire universe.

[ 21 ] Ich habe oftmals versucht, klarzumachen, wie gerade vom heutigen, wie gesagt nicht genug zu rühmenden naturwissenschaftlichen Standpunkte aus die stärksten Illusionen dadurch hervorgerufen werden, daß ja dieser naturwissenschaftliche Standpunkt immer recht hat. Können wir irgendwo nachweisen, daß er unrecht hat, dann ist die Sache verhältnismäßig leicht; aber das schwierigste ist, da zurechtzukommen, wo er recht hat. Ich will Ihnen einmal eine Andeutung darüber geben. Wie bekommt man heute jene Theorie heraus, die ja schon Allgemeingut der gebildeten Menschen geworden ist - jene Theorie, die dann zurückführt zu der Erdenentstehung, zu der Entstehung des Planetensystems, nach der berühmten, heute ja modifizierten Kant-Laplaceschen Theorie? Man geht zurück durch lange Perioden. Wenn einer von 20 Millionen Jahren spricht, so ist er eigentlich schon ein Waisenknabe, denn andere sprechen von 200 Millionen und so weiter. Man berechnet die Vorgänge, die gegenwärtig sich abspielen auf Erden, mit Recht - physisch kann man nichts anderes betrachten -, man betrachtet etwa, wie da oder dort sich eine Ablagerung bildet, wie eine Umwandlung oder Metamorphose sich bildet, und jetzt bildet man sich eine Vorstellung über dasjenige, was nun in einer starken Weise umgewandelt ist, rechnet aus, wie lange das gebraucht haben muß. Zum Beispiel: wenn der Niagara soundso lange über die unter ihm liegenden Steine fällt und man berechnen kann, wieviel er abschabt, so kann man an einer anderen Stelle, wo mehr abgeschabt ist, durch eine bloße Multiplikation, die ganz richtig ist, 20 Millionen Jahre herausbekommen. Und so kann man von dem jetzigen Gesichtspunkte ausgehen und kann so für die Zukunft ausrechnen, wann die Erde in den berühmten Wärmetod übergehen wird, und so weiter. Ja, aber sehen Sie, dieselbe Rechnung könnten Sie nämlich auch anders anstellen. Beobachten Sie einmal von Jahr zu Jahr das menschliche Herz, wie es sich verändert. Notieren Sie diese Veränderung, und Sie können, indem Sie richtig ausrechnen, nun sich die Frage stellen, die ganz und gar einer richtigen Methode entspricht und nach dem Muster der geologischen Methode gebaut sein könnte, wie das menschliche Herz vor 300 Jahren ausgesehen hat und wie es nach 300 Jahren aussehen wird. Die Rechnung wird absolut stimmen, es ist nichts dagegen zu sagen. Wenn man eine mittlere Zeit des Menschen, so um das 35. Jahr, nimmt, wird man einen langen Zeitraum gewinnen, durch den das menschliche Herz gegangen sein könnte. Nur eine Kleinigkeit ist übersehen worden: Das menschliche Herz hat vor 300 Jahren noch nicht bestanden und wird nach 300 Jahren auch nicht mehr bestehen. Also die Rechnung ist absolut richtig, aber wirklichkeitsgemäß ist die Sache nicht. - Wir sind eben heute in unserem intellektualistischen Zeitalter zu sehr aus auf das Richtige und haben uns ganz abgewöhnt, daß alles dasjenige, was wir im Leben erfassen müssen, nicht nur logisch richtig sein muß, sondern auch wirklichkeitsgemäß sein muß.

[ 21 ] I have often tried to show how the general scientific viewpoint—which in itself, can be highly praised—nevertheless can lead to great illusions, simply because of its innate claims of infallibility. If one can prove science wrong on any specific point, the whole thing is relatively simple. But a far more difficult situation arises when, within its own bounds, a scientific claim is correct. Let me indicate what I mean. What led to a theory such as that of Kant-Laplace?3Pierre Simon Marquis de Laplace (1749–1827) French astronomer and mathematician. Immanuel Kant (1724–1895) German philosopher. Using this theory—which has been modified recently, and is known to practically every educated person—scientists attempt to explain the origin of our Earth and planetary system. In their calculations, some of these scientists went back over long periods of time. When one scientist spoke of some twenty million years, soon enough he was considered naïve by others who spoke in terms of two hundred million years. Then other scientists began to calculate the length of time of certain processes taking place on Earth today. This is a perfectly correct thing to do, because from a strictly material point of view there is nothing else one can do. Sedimentation or metamorphosis of rocks was observed and, from the data gained, a picture was built up that explained certain changes, and the length of time involved was then calculated. For example, if the waters of Niagara Falls have been falling on the rocks below for such and such a period of time, one can calculate the degree of erosion of these rocks. If one now transfers this calculation to another spot somewhere else where considerably more erosion has been found, one can calculate the time this must have required through simple multiplication. Using this method, one might arrive at, let's say, twenty million years, which is quite correct as far as the calculation is concerned. Similarly, one may start with the present time and, according to another well-known theory, calculate the time it will take for the Earth to become subject to heat death, and so on. Yet, such a procedure might equally well be applied to a very different situation. Observe, for example, how the human heart changes from year to year. Noting the differences, one could investigate—following the same method applied in the case of Niagara Falls—how this heart must have looked some three hundred years ago, and what it would look like some three hundred years from now. Technically speaking, this method would be analogous to that of determining the times of geological changes and in this sense it would be correct. Observing the heart of a person aged about thirty-five, one would be basing one's calculations on an organ that has been functioning for a considerable length of time. However, one obvious detail has been overlooked—that this particular heart did not exist three hundred years ago, nor will it be there three hundred years from now. Though mathematically speaking the calculation is correct, it has no relationship to reality.

[ 22 ] Dieser Begriff wird uns noch manchmal auftauchen im Laufe dieser Woche. Aber manchmal ist es auch so, daß mancherlei ganz aus den Augen verloren wird, wenn man heute richtige Theorien aufbaut. Haben Sie es denn nicht erlebt - ich will nicht sagen, daf3 Sie es selber gemacht haben, denn die Anwesenden sind ja immer ausgeschlossen von den Dingen, die man nicht gerade in sympathischer Weise sagt -, haben Sie es nicht erlebt, daß die Umdrehung der Planeten um ihren Zentralkörper, die Sonne, recht anschaulich vorgeführt wird schon in der Schule, dadurch daß man ein Kartonblättchen nimmt, es kreisförmig zuschneidet, es durchschiebt durch einen Öltropfen, eine Stecknadel hindurchsteckt, es vom Wasser tragen läßt und das ins Rotieren bringt. Dann spalten sich die kleinen Planetchen, die Ölplanetchen, ab, und man fabriziert ein wunderschönes Miniaturplanetensystem. Die Sache ist jetzt «bewiesen», selbstverständlich. Nun, es ist bei Dingen der moralischen Weltordnung sehr schön, wenn der Mensch sich selbst vergißt, aber bei wissenschaftlichen Versuchen ist eben die erste Grundlage zum Schaffen eines Wirklichkeitsgemäßen, daß man keine Bedingung vergißt - und die wichtigste Bedingung dazu, daß da etwas geworden ist, ist doch der Herr Lehrer, der die Stecknadel umdreht! Sie dürfen also dies nur dann zur Hypothese ausgestalten, wenn Sie annehmen, daß ein riesiger Herr Lehrer an einer großen Weltenstecknadel die Geschichte herumgedreht hat; sonst dürfen Sie die Hypothese gar nicht ausführen.

[ 22 ] In our current intellectual age we are too preoccupied with whether or not something is correct, whether or not it is logically correct; but we have lost the habit of asking whether it conforms to actual real-life situations. We will confront this problem again and again this week. But it can happen sometimes that, when we follow apparently correct theories, even fundamental issues are simply overlooked. For example, you may have witnessed—I am not implying that as teachers you have actually carried out this experiment yourselves, for present company is always excluded when negative assertions are being made—you may have witnessed how the rotation of the planets around the Sun was graphically illustrated even to a class of young children. A piece of cardboard is cut into a disc and its center is pierced with a pin. A drip of oil is then put onto its surface before the disc is floated on water. When the pin is twirled around to rotate the floating disc, little droplets of oil will shoot off at a tangent, making “little planets”—little oil planets—and in this way a most convincing model of a planetary system has been fabricated. Needless to say, this experiment is supposed to prove the accuracy of the Kant-Laplace theory. Well, as far as one's own morality is concerned, it is virtuous enough to be self-effacing, but in a scientific experiment of this sort, the first requirement is certainly not to omit any essential detail—however small—and to include all existing criteria. And isn't the teacher spinning the disc the most important factor involved? Therefore, this hypothesis would make sense only if it were assumed that, long, long ago, a gigantic schoolmaster once twirled round an immense world-pin, thus spinning our entire planetary system! Otherwise one should not use such a hypothetical experiment.

[ 23 ] Und so stecken gerade in dem Richtigsten, was heute aus der naturwissenschaftlichen Weltanschauung herauskommt, was in sich, in seiner eigenen Methode gar nicht anfechtbar ist, ungeheuer viele Elemente einer unwirklichkeitsgemäßen Seelenverfassung, die eben einfach in die Schule hineingetragen werden. Denn wie könnte man denn anders? Man geht ja natürlich durch die Bildung der Zeit hindurch! Das ist ja auch ganz richtig. Aber setzt man sich nun her über eine solche geologische Rechnung, über einen solchen astronomischen Vergleich, studiert man die Sache, ja, dann stimmt alles. Man staunt manchmal nur über das ungeheuer Geistreiche; es ist alles richtig, was man da tut - aber es führt von der Wirklichkeit ab! Wenn wir aber Menschen erziehen wollen, so dürfen wir nicht von der Wirklichkeit abkommen; denn dann steht ja die Wirklichkeit vor uns, dann müssen wir an den Menschen selber herankommen. Aber in einem gewissen Sinne ist auch schon in das Denken über Erziehungs- und Unterrichtspraxis dieses Nichtherankommenkönnen an den Menschen eingedrungen. Ich möchte es Ihnen an einem Beispiel zeigen. Sehen Sie, wenn man einen Jungen oder ein Mädchen zu erziehen hat, so ergibt sich ja: eines ist für das eine besonders begabt, für das andere weniger begabt. Sie kennen wahrscheinlich alle diese Dinge, die heute über diese Sache in der Pädagogik gelehrt werden, ich führe sie nur an, damit wir uns verständigen können. Man findet also verschiedene Begabungen. Nun, wie nähert man sich heute diesen Begabungen gerade da, wo, möchte ich sagen, das wissenschaftliche Denken am meisten vorgeschritten ist? Sie wissen ja alle aus Ihrer Lektüre der pädagogischen Literatur: man nähert sich ihnen durch die sogenannte Korrelationsmethode. Man bildet sich da den Korrelationskoeffizienten, wie man sagt. Nämlich man setzt, wenn zwei Begabungen sich immer zusammenfinden, was nie eine Ausnahme ist, den Korrelationskoeffizienten für diese zwei Begabungen mit 7 an. Eigentlich gibt es ja das nicht, aber es ist eben eine Annahme. Wenn zwei Begabungen ganz unverträglich miteinander wären, dann setzt man diese Tatsache an mit dem Korrelationskoeffizienten 0. Und nach dieser Methode prüft man nun, wie die einzelnen Begabungen der Kinder zusammenstimmen. Man findet zum Beispiel, daß Zeichnen und Schreiben den Korrelationskoeffizienten, sagen wir, 0’70 haben. Das heißt, es kommt bei weit über die Hälfte der Kinder hinaus vor, daß, wenn eins unter ihnen Begabungen für das Zeichnen hat, es auch Begabung für das Schreiben hat. Man sucht solche Korrelationskoeffizienten für andere Verhältnisse zwischen den Begabungen - sagen wir für den Schreibunterricht und den Unterricht in der Muttersprache; da ist der Korrelationskoeffizient 0’54. Dann sucht man den Korrelationskoeffizienten, sagen wir für Rechnen und Schreiben, und findet 0’20, für Rechnen und Zeichnen 0’19 und so weiter. Also Rechnen und Zeichnen ist am wenigsten beieinander, Schreiben und Zeichnen ist am meisten beieinander. Die Begabung für die Muttersprache, für das Zeichnen, die ist ungefähr bei der Hälfte der Schüler, die man hat, beieinander.

[ 23 ] And so, many elements of an unrealistic soul attitude can be detected where science appears to be most correct, where its findings cannot be contested. Consequently these elements of error easily creep into education. For those who teach are inevitably a product of their own time, and this is as it should be. When they come across such geological calculations or astronomical analogies, everything seems to fit together very nicely. Sometimes one cannot help but feel amazed at the incredible ingenuity of scientific interpretations that, despite their apparent power of conviction, nevertheless, can lead us away from reality. However, as educators we must never deviate from actual reality. In teaching, we face reality all the time, and this must spur us on to greater knowledge of human nature as it really is. In a certain sense this failure to penetrate human nature has already crept into modern-day educational thinking and practice. I would like to illustrate this point with an example. Whenever you are dealing with children in the classroom, you will find that some are more gifted in one or another subject than others. Most of you will be familiar with the current thoughts and methods regarding this problem. I am referring to them here only to establish mutual understanding. There are different degrees of abilities in children. And how are these dealt with, especially in today's most progressive centers for educational science? From your study of educational literature you probably know about the so-called correlation coefficients recently introduced in schools. According to this method, the correlation coefficient one is written down if a pupil shows an equal aptitude for two different subjects. (Such a thing actually never occurs, but hypothetically it is simply assumed.) If, on the other hand, a natural gift exists for two subjects that are mutually incompatible, the correlation coefficient zero is given. The idea of this method is to test and measure the pupils' various gifts. For example, you may find that drawing and writing carry the correlation coefficient of, let us say, .7. This means that more than half the children who are gifted in drawing also have a natural skill for writing. One also looks for correlation coefficients in other combinations of talents. For example, writing is linked to a pupil's ability to deal with the mother tongue and, in this case, the correlation coefficient is .54. Arithmetic and writing carry the correlation coefficient of .2, arithmetic and drawing .19, and so on. From this it can be seen that arithmetic and drawing are the least compatible partners, whereas writing and drawing are matched most frequently. A natural gift for both the mother tongue and for drawing is found to be equally present in approximately fifty percent of the pupils.

[ 24 ] Ja, sehen Sie, es soll hier gar nicht das geringste eingewendet werden gegen die Berechtigung solcher Untersuchungen auf dem Felde der Wissenschaft. Man wäre selbstverständlich auf ganz falscher Fährte, wenn man etwa jetzt sagen würde: so etwas solle nicht untersucht werden. Diese Dinge sind ja natürlich außerordentlich interessant. Und ich richte mich nicht im mindesten gegen experimentelle oder statistische Methoden in der Psychologie. Aber wenn nun das angewendet werden soll unmittelbar in der Erziehungs- und Unterrichtspraxis, so kommt das einem doch gerade so vor, wie wenn man einen zum Maler machen will und ihn nicht darauf verweist, daß er nun mit Farben hantiert, und ihn je nach seiner Individualität in das Behandeln der Farben hineinbringt, sondern ihm sagt: Sieh einmal, da hast du ein schönes Lehrbuch der Ästhetik, lies da das Kapitel über das Malen durch, dann wirst du schon ein Maler werden. - Mir hat einmal ein ganz berühmter Maler in München etwas erzählt, ich habe das bei anderen Gelegenheiten öfter erwähnt: Er war eben in der Malschule; da war der berühmte Ästhetiker Carriere, der in München Ästhetik vortrug. Die Malschüler gingen einmal zu diesem Wissenschafter, der auch über Malerei sprach. Aber nicht öfter als einmal gingen sie hin, denn sie sagten von diesem berühmten Ästheten, er wäre «der ästhetische Wonnegrunzer». - So kommt es einem auch vor, wenn man aus den vorerwähnten Angaben nun irgend etwas für die Erziehungs- und Unterrichtspraxis gewinnen soll. Als wissenschaftliches Resultat ist das ja alles ganz interessant, aber für die Handhabung der Erziehung und des Unterrichts ist doch etwas anderes notwendig. Da ist zum Beispiel notwendig, daß man in das menschliche Wesen so tief eindringt, daß man weiß, aus welchen inneren Funktionen die Zeichnen-Geschicklichkeit und die SchreibGeschicklichkeit herauskommt und aus welchen wiederum die Geschicklichkeit, die Fähigkeit für die Muttersprache herauskommt. Es gehört die lebendige Anschauung des Menschenwesens dazu, um darauf zu kommen, wie aus dem Kinde herausfließt diese besondere Fähigkeit zum Zeichnen, die besondere Fähigkeit, sich in die Muttersprache hineinzufinden und so weiter. Dann braucht man solche Zahlen nicht, sondern dann hält man sich an dasjenige, was einem das Kind selber gibt. Dann sind einem höchstens solche Zahlen hinterher eine ganz interessante Bestätigung. Sie haben daher auch durchaus ihren Wert, aber aus ihnen unterrichten und erziehen lernen wollen, das weist bloß darauf hin, wie weit wir uns vom Menschenwesen in der Erkenntnis entfernt haben.

[ 24 ] Please note that, on principle, I do not object to this kind of scientific research. It would be wrong to declare that such things should not be investigated. As a matter of fact, I find these things extraordinarily interesting. I am not in the least against such experimental or statistical methods of psychology. But if their results are directly implemented in education, it is as if you were to ask someone to become a painter without mentioning the importance of having to deal with color. It is as if one were to say instead to such a person, “Look, here is a good book on esthetics. Read the chapter about painting and, in itself, that will make you into a good painter.” A well-known painter in Munich once told me a story that I have quoted several times. While he was a student at the local arts school, Carriere, [Moritz Carriere (1817–1895) German thinker; published Aesthetics in 1815.] the famous professor of esthetics, was lecturing in Munich. One day the painter and some of his fellow students decided to go and see this famous expert who also lectured on painting. But one visit was enough for them, because, as they put it, all he did was “crow with esthetic delight.” This is how it strikes me if people think they can benefit their educational practice with the kind of thing mentioned above. Though these experiments may be interesting from a scientific perspective, something very different is needed for the practical classroom situation. It is necessary, for example, that teachers can penetrate human nature so deeply that they can recognize the origin of the skills for drawing and writing within the inner functions, or recognize what enables a pupil to speak the mother tongue well. To achieve such a faculty, a living observation of the human being is required, which eventually may lead one to discover how specific capacities flow out of some children for, let us say, drawing or the skill for their native language. Here, statistics are of little use. One must take a cue from what children reveal of themselves. At most, such statistical evidence may serve as an interesting confirmation afterward. Statistics do have their value, but to believe that they are tools for educational practice only shows the degree of one's alienation from real human nature.

[ 25 ] Wir wollen das Menschenwesen statistisch fassen. Das hat auf gewissen Gebieten sein Gutes. Wir können das Menschenwesen wissenschaftlich statistisch fassen, aber in das Wesen dringen wir dadurch nicht hinein. Denken Sie nur einmal, wieviel die Statistik hilft auf einem gewissen Gebiet, wo sie ganz lebensvoll angewendet werden kann: dem Versicherungswesen. Wenn ich mich heute versichern will, werde ich nach meinem Alter gefragt, auf meine Gesundheit geprüft. Da kann man sehr schön ausrechnen, wieviel man an Versicherungsquote zu zahlen hat, wenn man noch jung ist oder ein alter Kerl ist. Da rechnet man ja die wahrscheinliche Lebensdauer, und diese Lebensdauer stimmt durchaus ganz richtig für die Bedürfnisse des Versicherungswesens. Aber wenn Sie sich nun versichert haben, sagen wir für 20 Jahre noch im 37. Jahre, werden Sie sich jetzt verpflichtet fühlen, mit 57 Jahren zu sterben, weil das Ausgerechnete ganz richtig ist? Es ist eben durchaus etwas anderes, ans Leben unmittelbar heranzutreten oder logisch richtige Erwägungen anzustellen, die für ein gewisses Gebiet sehr segensreich sein können.

[ 25 ] Today, many people look at statistics as a key to understanding human beings. In certain areas of life this is justified. It is possible to build a statistical picture of the human being, but such a picture will not allow us to understand the human being in depth. Think, for instance, of how useful statistics are in their appropriate sphere, such as in insurance. If I want to take out a life insurance policy, I will be asked how old I am, and I must give evidence for the state of my health, and so on. From such data the level of my premium can be worked out very neatly, depending on whether I happen to be a youngster or an old fogy. My life expectancy is then calculated and these details meet exactly the needs of the insurance business. But what if, in my thirty-seventh year, I had taken out a life insurance policy for, let us say, twenty years? Would this make me feel obliged to die at the age of fifty-seven, simply because of what was calculated on paper? To enter fully into the stream of life is something very different from following certain established criteria, however logically correct they may be, or however beneficial they may be in their proper sphere.

[ 26 ] Beim Schreiben und Zeichnen handelt es sich zum Beispiel darum: Wenn man die Versuche anstellt gerade bei Kindern, die ins schulpflichtige Alter gekommen sind, so sind diese Kinder - wir werden dann von den Lebensaltern eben zu sprechen haben im Verlauf dieser Vorträge - eingetreten in das Alter ungefähr, in dem sie den Zahnwechsel durchmachen. Nun werden wir im weiteren Verlauf der Vorträge hören, daß wir alle Erziehung gliedern müssen nach den hauptsächlichsten drei Lebensaltern des heranwachsenden Menschen: dem Lebensalter von der Geburt bis zum Zahnwechsel, dem Lebensalter vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife und dem Lebensalter nach der Geschlechtsreife, und daß wir studieren müssen im einzelnen, wie sich der Mensch in diesen drei Lebensepochen verhält.

[ 26 ] When considering the question of aptitude for writing and drawing in children who have recently entered school, one must remember that they have reached the stage of their second dentition. In the coming lectures you will hear more about the different stages of children's development, and about how their ages can be divided into three groups: the period from birth to the change of teeth; from the second dentition to puberty; and the time following puberty. Later we shall go into more detail about what happens in children during these three periods.

[ 27 ] Nehmen wir diesen Fall mit dem Schreiben und Zeichnen. Ja, weil man so gut die drei Reiche der Natur studiert hat und alles, was man dort studiert hat, auf den Menschen anwendet, so kommt es einem vor: man begreift den Menschen, wenn man das alles anwenden kann, wenn man gewissermaßen über den Menschen ebenso denken kann, wie man es gelernt hat zu denken über die drei Reiche der Natur. Aber wenn man direkt an den Menschen herangeht, so findet man folgendes. - Man muß nur den Mut haben, den Menschen wirklich ebenso zu betrachten, wie man die äußere Natur betrachtet; die gegenwärtige Weltauffassung hat eben nur den Mut, die äußere Natur zu betrachten, aber sie hat nicht den Mut, den Menschen ebenso zu betrachten, wie sie die äußere Natur betrachtet.

[ 27 ] For now let us consider this question of writing and drawing. Science, having scrutinized so minutely the three kingdoms of nature that surround us, now transfers the knowledge gained to the human being. Knowledge of the outer world and the mode of thinking about outer nature now becomes the key to understanding the human individual. And yet, if one observes the human being within the human sphere, one will come to recognize the true situation. One only needs the courage to do so with the same accuracy and objectivity used to study outer nature. Current research shows such courage only when observing external nature, but shrinks from applying the same methods in the study of the human being.

[ 28 ] Schauen wir uns einmal an, wie das Kind sich entwickelt bis zum Zahnwechsel hin: es wechselt die Zähne, Sie wissen, es ist das Wechseln der Zähne - ein folgendes Wechseln der einzelnen Zähne kommt ja nicht in Betracht - im normalen Menschenleben das letzte Ereignis im irdischen Dasein; ein gleiches findet sich nicht mehr bis zum Tode. Nun werden Sie, wenn Sie eine ebensolche Empfindung haben, wie sie da der Tagore gegenüber dem abgeschnittenen Bein des Menschen hat, sich sagen: Dasjenige, was da die zweiten Zähne herausarbeitet, das sitzt nicht etwa bloß in den Kiefern, sondern das sitzt im ganzen Menschen. Im ganzen Menschen ist bis ungefähr zum 7. Jahre etwas, was in ihm drinnensitzt und was sich wie in einem Schlußpunkt äußert, möchte man sagen, beim Wechseln der Zähne. In der ursprünglichen Form, in der es vorhanden ist im menschlichen Organismus, ist es bis zum 7. Jahre da; später ist es so nicht mehr vorhanden.

[ 28 ] Let's look at how the child develops from birth to the change of teeth. This change of teeth is a unique event in life, inasmuch as it occurs only once in life. Now, if you can experience something similar to the feelings Tagore expressed when he saw the amputated leg, you will realize that what is revealed in the change of teeth does not just happen in the jaws, but encompasses the entire human being. You will feel that something must be pervading the whole child until around the age of seven, and that some activity must reach a climax in the change of teeth. This activity is there in its original form until the seventh year, and then it is no longer present in its original state.

[ 29 ] Nun haben wir heute den Mut, zum Beispiel in der Physik zu sagen: Es gibt latente Wärme, es gibt freie Wärme. Irgendeine Wärme ist gebunden, man kann dieselbe nicht mit dem Thermometer bestimmen; durch irgendeinen Vorgang wird sie frei, nun kann man sie mit dem Thermometer bestimmen. - Diesen Mut haben wir gegenüber den äußeren Naturerscheinungen. Gegenüber dem Menschen haben wir diesen Mut nicht, sonst würden wir sagen: Dasjenige, was da im Menschen war bis zum 7. Jahr, was dann im Zahnwechsel herausgekommen ist, das war gebunden an seinen Organismus - es kommt ja auch in der anderen Knochenbildung zum Ausdruck -, dann wird es frei und erscheint in einer anderen Gestalt, als innere, als seelische Eigenschaften des Kindes. Es sind dieselben Kräfte, mit denen das Kind an seinem Organismus gearbeitet hat. - Man muß den Mut haben, den Menschen erkenntnismäßig ebenso zu betrachten, wie man die Natur erkenntnismäßig betrachtet. Die heutige Naturwissenschaft betrachtet den Menschen nicht so wie die Natur, sondern sie betrachtet die Natur, getraut sich aber an den Menschen nicht heran mit denselben Methoden. Wenn wir uns aber nun das sagen, dann werden wir hingelenkt auf alles das, was Knochiges im Menschen ist, was gewissermaßen die menschliche Gestalt erhärtet und ihr Halt gibt. - Nun, so weit könnte ja zur Not auch noch die gewöhnliche Physiologie gehen, und sie wird so weit gehen, wenn sie es auch heute noch nicht will. Gerade die wichtigsten Wissenschaften sind heute in Umbildung begriffen, und sie werden noch Wege gehen, wie ich sie eben angedeutet habe. Aber es kommt jetzt etwas anderes dazu. Sehen Sie, wir treiben im späteren Leben auch seelisch mancherlei. Wir treiben zum Beispiel die Geometrie. Man hat heute in unserem abstrakt-intellektualistischen Zeitalter die Vorstellung - nehmen wir etwas ganz Einfaches -: die drei Raumesdimensionen, die schweben so irgendwo in der Luft. Es sind halt drei aufeinander senkrecht stehende Linien, die bis ins Unendliche gedacht werden. Das kann man natürlich durch Abstraktion nach und nach so gewinnen, aber erlebt ist das nicht. Erlebt will die Dreidimensionalität aber auch werden; und sie wird erlebt noch im Unbewußten, wenn das Kind lernt aus dem ungeschickt kriechenden Zustand, wo es überall die Balance verliert, sich aufzurichten und mit der Welt ins Gleichgewicht zu kommen. Da ist konkret die Dreidimensionalität vorhanden. Da können wir nicht drei Linien in den Raum zeichnen, sondern da ist eine Linie, die mit der aufrechten Körperachse zusammenfällt, die. wir prüfen, wenn wir schlafen und liegen und nicht drin sind, die wir auch als wichtigstes Unterscheidungsmerkmal vom Tier haben, das ja seine Rückenmarkslinie parallel der Erde hat, während wir eine aufrechte Rückenmarkslinie haben. Die zweite Dimension ist diejenige, die wir unbewußt gewinnen, wenn wir die Arme ausstrecken. Die dritte Dimension ist die, die von vorne nach hinten geht. In Wahrheit sind die drei Dimensionen konkret erlebt: oben, unten; rechts, links; vorne, hinten. Und was in der Geometrie angewendet wird, ist Abstraktion. Der Mensch erlebt das, was er in den geometrischen Figuren darstellt, an sich, aber nur in dem Lebensalter, das noch viel Unbewußtes, halb Träumerisches hat; dann wird es später heraufgehoben, und es nimmt sich abstrakt aus.

[ 29 ] When studying physics, for example, scientists have the courage to speak of latent heat as distinct from the various forms of liberated heat. According to this concept, there must be some form of heat that cannot be determined with a thermometer, but can be measured after it has been released. When characterizing these phenomena that occur in nature, scientists have shown courage in their interpretations. However, when the human being becomes the object of study, this courage is no longer there. Otherwise they would not hesitate to state: What has been working until the seventh year in the child, working toward liberation during the change of teeth, must have been connected with the physical organism before becoming freed and reappearing in a different guise as the child's inner soul properties. This same process can also be recognized in other areas of the child's bone formation. One would realize that these newly emerging powers must be the same, although transformed, as what had been active previously in the child's physical organism. Only courage is needed to look at the human being with the same cognitive powers used to study outer nature, but modern science will not do this. However, if we do this, our attention is drawn toward all that belongs to the bony system, to everything that hardens the human form to give it structure and support. Orthodox physiology might eventually go this far—if not today, then certainly in due time. The most important branches of science are going through considerable changes just now, and the time will come when they will follow the course indicated. But something else must also be considered. In later years, the child will be introduced to many different subjects, such as geometry. In today's intellectual age, one has an abstract concept of three-dimensional space, to choose a very simple example. One imagines: three lines at right angles to one another hovering about in space and extending to infinity. It is possible to form such a concept abstractly, but in such a case it is not inwardly experienced. And yet, three-dimensional space wants to be experienced as reality. This does happen in a young child, although unconsciously, at the crawling stage when, losing its balance time and again, it will eventually learn to acquire the upright position and achieve equilibrium in the world. Here we have a case of actual experience of three-dimensional space. This is not merely a question of drawing three lines in space, because one of these three dimensions is identical with the human upright position (which we can test by no longer assuming it—that is, by lying horizontally or sleeping). This upright position signals the most fundamental difference between the human being and the animal, because, unlike the human backbone, the animal's spinal column runs parallel to Earth's surface. We experience the second dimension unconsciously every time we stretch our arms sideways. The third dimension moves from our front toward the back. In reality these three dimensions are experienced concretely as above and below, right and left, forward and backward. What is done in geometry is merely an abstraction. Human beings do experience with their bodies what is shown in geometrical constructions, but only during the age when they are still largely unconscious and dreamy. Later on, these experiences rise into consciousness and assume abstract forms.

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[ 30 ] Nun ist mit dem Zahnwechsel gerade dasjenige befestigt, was dem Menschen Halt gibt, innerlichen Halt. Von dem Lebenspunkte an, wo das Kind sich aufrichtet, bis zu dem Lebenspunkte, wo es jene innere Verhärtung durchmacht, die im Zahnwechsel liegt, probiert das Kind im Unbewußten an seinem eigenen Körper die Geometrie, das Zeichnen. Jetzt wird das seelisch; gerade mit dem Zahnwechsel wird es seelisch. Und wir haben auf der einen Seite das Physiologische, haben gewissermaßen - wie sich bei einer Lösung, wenn wir sie erkalten, ein Bodensatz bilden kann und das andere dadurch um so heller wird - das Harte in uns gebildet, unser eigenes verstärktes Knochensystem, wie den Bodensatz; auf der anderen Seite ist das Seelische zurückgeblieben und ist Geometrie, Zeichnen und so weiter geworden. Wir sehen herausströmen aus dem Menschen die seelischen Eigenschaften. Und denken Sie doch nur, was das für ein Interesse an dem Menschen gibt. Wir werden sehen, wie das alles im einzelnen herausströmt und wie das Seelische wieder zurückwirkt auf den Menschen.

[ 30 ] With the change of teeth, the forces that cause an inner firmness, an inner consolidation and support, have reached a certain climax. From the moment when the child can stand upright until the inner hardening processes manifest in the change of teeth, the child inwardly tries, although unconsciously, “body geometry” as an activity akin to drawing. When the teeth change, this becomes a soul activity—that is, it enters the realm of the child's soul. We might understand this transformation better through an analogy; just as a sediment falls to the bottom when a chemical solution cools, and leaves the upper part clearer, so there is also a physiological aspect to the hardening process—the sediment, as well as its counterpart: the clear solution within the child's soul realm, which manifests as a faculty for geometrizing, for drawing, and so on.

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[ 31 ] In dieser Beziehung hängt ja das ganze Leben des Menschen zusammen. Was wir an dem Kinde tun, das tun wir nicht bloß für den Augenblick, sondern für das ganze Leben. Für das ganze Leben Beobachtung entwickeln, das tun ja die meisten Menschen nicht, weil sie die Beobachtung nur aus der Gegenwart heraus nehmen wollen; zum Beispiel aus dem Experiment. Beim Experiment hat man die Gegenwart vor sich. Aber beobachten Sie einmal, wie es zum Beispiel Menschen gibt, die, wenn sie in einem ziemlich hohen Alter unter andere Menschen kommen, wie segensreich wirken. Sie brauchen gar nichts zu sagen, bloß durch die Art und Weise, wie sie da sind, wirken sie segensreich. Sie begnaden gewissermaßen, sie können segnen. Und gehen Sie dem Lebenslauf solcher Menschen nach, dann finden Sie, daß sie als Kinder nicht in einer zwangsmäßigen, sondern in einer richtigen Weise haben verehren gelernt, ich könnte auch sagen, beten gelernt, wobei ich unter beten im umfassenden Sinne auch die Verehrung eines anderen Menschen verstehe. Ich möchte es durch ein Bild ausdrücken, das ich schon öfter gebraucht habe: Wer nicht in der Jugend gelernt hat, die Hände zu falten, kann sie im späteren Alter nicht zum Segnen ausbreiten.

[ 31 ] After this period, we can see the child's soul qualities streaming outward. Just think about how such a discovery engenders real interest in the human being. We shall observe this streaming out in greater detail, and how it is reflected back again, later on. In this respect everything in life is linked together. What we do to the child not only has an immediate effect, but influences the whole lifetime. Only a few people are prepared to observe a human life as a whole, but most focus their attention on present circumstances only. This is the case, for example, when one creates an experiment concerned only with the present. On the other hand, have you ever observed how the mere presence of some old people can be like a blessing for the others present? They need not even say a word. Goodness radiates from their presence simply through what they have become. And if you now search the biography of such old people, you may find that when they were children they learned to feel reverence quite naturally, without any outer compulsion. I could say equally that they learned how to pray, by which I mean praying in its widest sense, which includes a deep respect and admiration for another human being. I would like to express this thought in the form of a picture. Those who have not learned to fold their hands in prayer during childhood, cannot spread them in blessing in old age.

[ 32 ] Es hängen eben die Lebensalter des Menschen zusammen, und wenn wir das beachten, wie die verschiedenen Lebensalter des Menschen zusammenhängen, dann wird es uns ungeheuer wichtig, den ganzen menschlichen Lebenslauf für die Erziehungs- und Unterrichtspraxis ins Auge zu fassen. Für das Kind lernen wir viel, indem wir lernen, wie herausquillt das Seelische, nachdem es in der ersten Lebensepoche im Körper drinnen gearbeitet hat. Die Psychologen denken heute in den kuriosesten Hypothesen nach, wie das Wechselverhältnis zwischen Seele und Körper ist. Eine Lebensepoche klärt uns über die andere auf. Kennen wir das Verhältnis beim Kinde zwischen dem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife, dann klärt uns das auf über dasjenige, was im Körper vorgegangen ist durch die Seele bis zum Zahnwechsel hin. Die Tatsachen müssen einander aufklären. Denken Sie, wie da das Interesse wächst! Und das Interesse für das Menschenwesen brauchen wir für die Erziehungs- und Unterrichtspraxis. Aber die Menschen denken eben heute in abstrakter Weise nach über das Verhältnis von Seele und Leib oder Seele und Körper. Und weil sie durch ihr Nachdenken so wenig haben herauskriegen können, ist ja heute schon eine gar sehr spaßige Theorie aufgekommen, die Theorie des sogenannten psycho-physischen Parallelismus. Da gehen die seelischen und körperlichen Vorgänge parallel, um Schnittpunkte brauchen wir uns nicht zu kümmern. Der psycho-physische Parallelismus braucht sich nicht mehr zu kümmern um das Verhältnis zwischen Seele und Leib, sie schneiden sich in unendlicher Entfernung. Deshalb ist die Theorie geradezu spaßig. Aber läßt man sich ein auf dasjenige, was sich aus der Erfahrung wirklich ergibt, dann findet man diese Zusammenhänge. Man muß nur über das ganze menschliche Leben hinschauen. Schauen wir einmal einen Menschen an, der, sagen wir, in einem bestimmten Lebensalter Diabetes bekommt oder Rheumatismus. Die Menschen beachten ja immer nur die Gegenwart: man denkt also über ein Heilmittel nach für diese Krankheiten. Das ist ja ganz richtig, es soll nichts dagegen gesagt werden, daß man darüber nachdenkt, wie man da heilen kann. Sehr schön. Aber wer nun den ganzen menschlichen Lebenslauf überblickt, der findet, daß manche Diabetes davon herkommt, daß das Gedächtnis in unrichtiger Weise zwischen dem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife entweder belastet worden ist oder sonst in unrichtiger Weise behandelt worden ist. Die Gesundheit der älteren Menschen auf Erden ist abhängig von der Art und Weise, wie man sich verhält im kindlichen Lebensalter zur Seele. Wie du das Gedächtnis ausbildest, so wirkst du nach einer gewissen Periode auf den Stoffwechsel. Läßt du zwischen dem 7. und 14. Jahre Gedächtnisreste, die nicht verarbeitet werden von der Seele des Kindes, so läßt der Körper dieses Menschen, zwischen dem 35. und 45. Jahre ungefähr, Körperreste, die sich einlagern und die Rheumatismus oder Diabetes bewirken.

[ 32 ] The different phases of life are all interconnected and it is of great importance in education to take this into full account. We learn a great deal about the child when we recognize how soul forces well forth after they have completed their task of working in the physical body up to the end of the first seven-year period. Psychologists have made the strangest hypotheses about the interplay of soul and body, whereas one period of life actually sheds light on another. What we can see in the child between the change of teeth and puberty will tell us something about the soul forces previously engaged in working within the child's physical realm. Facts speak for themselves and shed light on one another. Think of how such things will stimulate interest in education! And genuine interest in the human being is needed in education today. Far too many people think about the relationship of body and soul—or of soul and body—only in abstract terms. And because so little of real value has emerged, a rather amusing theory has been formulated—that is, the theory of the so-called psycho-physical parallelism. According to this theory, processes of soul and body run side by side on a parallel course. There is no need to bother about points of intersection, no need to bother about the relationship between body and soul at all, because they supposedly meet at infinity! That is why this theory sounds like a joke. However, if one allows the guidance of practical experience, one can discover the actual interrelationship between body and soul. One only needs to look over a person's whole life-span. Let us take the example of someone who develops diabetes or rheumatism at a certain age. When trying to find a remedy for such an illness, usually only the present conditions are considered; this, in itself, is quite justified. It is certainly proper to make every effort to heal a sickness whenever it occurs. But if one surveys the whole life of the patient, one may discover that many times diabetes is due to a memory that was overtaxed or developed in the wrong way between the change of teeth and puberty. Health during later years is largely conditioned by the way a person's soul life was developed during childhood. The way a child's memory is trained will affect the metabolism after a certain period of time. For example, if undigested vestiges of memory remain in the soul of a child between seven and fourteen, they will be released approximately between the ages of thirty-five and forty-five as physical residues, which can then lead to rheumatism or diabetes.

[ 33 ] Man kann schon sagen: Die Lehrer sollten auch von Medizin wissen. Es ist kein richtiges Verhältnis, wenn auf der einen Seite der Lehrer steht und wenn er für alles das, was die kindliche Gesundheit erfordert, sich an den Schularzt wenden muß, der die Kinder im übrigen gar nicht kennt. Wenn schon vieles in unserer Zeit eine Universalität der Bildung erfordert - die Pädagogik und die Unterrichtspraxis erfordern diese Universalität am allermeisten.

[ 33 ] It is not an understatement to suggest that teachers should have at least a modicum of medical knowledge at their disposal. It is not right for them to leave everything concerning the child's health to the school doctor, who usually doesn't even know the children. If any profession in our time requires a wider background, education needs it most of all.

[ 34 ] Das ist dasjenige, was ich Ihnen als eine Einleitung geben wollte, um Sie hinzuweisen, wo das wirklich liegt, durch welches sich Anthroposophie tröstet, wenn sie nun nach Ansicht mancher Leute «auch in die Pädagogik hineinpfuscht», nach Ansicht anderer etwas zu sagen hat. Man wird nicht berührt davon, daß Erziehung und Unterricht auch unnötig sein könnten oder daß sie nicht besprochen werden könnten, weil man ja selbst schlecht erzogen ist; man geht zunächst in der Anthroposophie von etwas ganz anderem aus, nicht von der Korrektur der alten Ideen, sondern von einer Menschenerkenntnis, die heute einfach durch den Menschheitsfortschritt notwendig geworden ist.

[ 34 ] This is what I wanted to tell you as an introduction to our conference theme, so that you can judge for yourselves when you hear people say that anthroposophy now dabbles also in education, whereas others believe that it has something valid to say on the subject. Those who are ready to listen will not be swayed by those who have the opinion that there is no real need for education, or that there is no point in discussing it simply because their own experiences in this area have been so frustrating. Anthroposophy begins with an entirely different attitude. It does not simply want to correct old ideas, but begins with a true picture and knowledge of the human being, because, in keeping with human progress, these things have become necessary today.

[ 35 ] Gehen Sie zurück auf die alten Erziehungssysteme: sie sind überall aus der allgemeinen Menschenkultur hervorgegangen, aus dem Universellen, das der Mensch in sich fühlte und empfand. Wir müssen wiederum zu so etwas kommen, was als Universelles aus dem Menschen herausfließt. Mir wäre es am liebsten, wenn ich die Anthroposophie jeden Tag anders nennen könnte, damit nicht die Leute am Worte festhalten, das Wort aus dem Griechischen übersetzen und darnach sich ihr Urteil bilden. Es ist ganz gleichgültig, wie man das benennt, was hier getrieben wird. Darauf kommt es nur an, daß das, was hier getrieben wird, überall auf die Wirklichkeit losgehen will und die Wirklichkeit streng ins Auge faßt, nicht eine sektiererische Idee verwirklichen will.

[ 35 ] If you go back to the earlier forms of education, you will discover that they have all arisen from the general culture of their time, from the universal nature of human feelings and experiences. We must rediscover a universal approach, flowing from human nature itself. If I had my way, I would give anthroposophy a new name every day to prevent people from hanging on to its literal meaning, from translating it from the Greek, so they can form judgments accordingly. It is immaterial what name we attach to what is being done here. The only thing that matters is that everything we do here is focused on life's realities and that we never lose sight of them. We must never be tempted to implement sectarian ideas.

[ 36 ] Und so, möchte man sagen, steht auf der einen Seite heute dasjenige, was einem vielfach entgegentritt. Was ist denn das? Die Leute sagen: Ach, Erziehungssysteme, die schön reinlich richtig ausgedacht sind, haben wir viele gehabt! Wir leiden ja so sehr an dem Intellektualismus; mindestens aus dem Erziehungssystem muß er heraus! Das ist richtig. Aber dann kommen sie dazu, sich zu sagen: Also dürfen wir keine wissenschaftliche Pädagogik haben, sondern wir müssen wiederum an die pädagogischen Instinkte appellieren! Ja, das ist ja recht schön, aber es geht leider nicht, denn die Menschheit hat eben einen Fortschritt durchgemacht. Die Instinkte, die vor Zeiten vorhanden waren, sind heute nicht mehr vorhanden, und man muß sich die Naivität wiederum erringen auf erkenntnismäßige Weise. Das kann nur getan werden, wenn man in das Wesen des Menschen wiederum hineindringt. Und das möchte Anthroposophie.

[ 36 ] And so, looking at education in general, we encounter the opinion that there are already plenty of well-considered educational systems; but since we are all suffering so much from the intellectualism of our times, it would be best if the intellect were banished from education. This is very correct, but then it is concluded that, instead of developing a science of education, again we should appeal to our inherent pedagogical instincts. However desirable this may sound, it is no longer possible today because humankind has moved to a further stage of development. The healthy instincts of the past are no longer with us today. A new and unbiased look at education has to be backed by fully conscious cognition, and this is possible only if our understanding can penetrate the very nature of the human being. This is what anthroposophy is all about.

[ 37 ] Und noch etwas anderes kommt in Betracht. Man spürt überall den Intellektualismus und die Abstraktheit, und man sagt: Kinder müssen nicht bloß so erzogen werden, daß man wiederum bloß ihren Intellekt erziehen will; das Herz der Kinder muß man erziehen! - Das ist sehr richtig. Aber man merkt manchmal in der pädagogischen Literatur und in der pädagogischen Praxis, daß man mit der Formulierung der Forderung nicht ausreicht. Man fordert wiederum theoretisch-abstrakt, daß das Herz zu erziehen sei. Noch weniger aber beachtet man, daß man nicht nur die Forderung an das Kind stellen soll, das Kind solle dem Herzen nach erzogen werden, sondern daß man die Forderung an den Lehrer stellen soll und vor allen Dingen an die Pädagogik selbst. Das möchte ich, daß wir bei unserem Zusammensein darüber reden, daß wir nicht nur die Forderung aufstellen: Du sollst das Herz des Kindes und nicht bloß seinen Verstand erziehen, sondern wie man die Forderung erfüllen kann: Was muß geschehen, damit die Pädagogik wiederum Herz bekommt?

[ 37 ] One more point: intellectualism and abstractions are rampant today to the degree where there is a general feeling that children should be protected from an education that is too intellectual, that their hearts and feelings should also be educated. This is entirely correct, but when looking into educational literature and current practice, one cannot help noticing that such good intentions are not likely to go very far because, once again, they are formulated in a theoretical and abstract way. It is even less clear that this request should be made, not just on behalf of the child, but should be addressed also to the teachers and, most of all, to the pedagogical principles themselves. To do this is my goal. We must not give mere lip service when stating how we wish to educate the heart of the child and not just the intellect, but we should ask ourselves how we can best meet this challenge. What do we have to do so that education can have a heart again?