Contemporary Intellectual Life and Education
GA 307
5 August 1923, Ilkley
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Erster Vortrag
1. Science, Art, Religion and Morality
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, mein erstes Wort soll ein Gegengruß auf die freundlichen Anreden sein, die von der verehrten Miß Beverley an mich selbst und an Frau Dr. Steiner gesprochen worden sind. Sie dürfen glauben, daß sowohl ich wie auch Frau Dr. Steiner voll zu würdigen verstehen die Einladung zu diesen Vorträgen, die ja im wesentlichen dasjenige umfassen sollen, was aus der Anthroposophie heraus über das Erziehungswesen zu sagen ist und die darauf hinweisen sollen, inwiefern bereits in unserer Waldorfschule in Stuttgart der praktische Versuch gemacht worden ist mit den Grundsätzen, die aus Anthroposophie heraus in pädagogisch-didaktischer Weise entwickelt werden können. Wir sind gern der Einladung hier herauf in den Norden Englands gefolgt, und es ist mir eine tiefe Befriedigung, über die mir im Leben so wertgewordenen Gegenstände hier zu sprechen, um so mehr, als ich nun sprechen darf auch vor denjenigen, die diese Vorträge und die Übungen veranstaltet haben, und die nicht zum erstenmal bei einer Besprechung dieses Gegenstandes von diesem Gesichtspunkte aus anwesend sind. Ich darf daher hoffen, daß nicht nur ein kurzgefaßter Entschluß zu diesen Vorträgen bei den Veranstaltern vorliegt, sondern daß die Veranstaltung selbst als ein Zeugnis dafür aufgefaßt werden darf, daß die vorangegangenen Veranstaltungen denn doch in einiger Weise fruchtbar für die gegenwärtigen Bestrebungen der Welt gelten werden.
[ 1 ] The Chair was taken by Miss Margaret McMillan, who gave a stirring address, and Dr. Steiner followed on.: My first words must be a reply to the kind greeting given by Miss Beverley to Frau Doctor Steiner and myself, and I can assure you that we deeply appreciate the invitation to give this course of lectures. I shall try to show what Anthroposophy has to say on the subject of education and to describe the attempt already made in the Waldorf School at Stuttgart to apply the educational principles arising out of Anthroposophy. It is a pleasure to come to the North of England to speak on a subject which I consider so important, and it gives me all the greater joy to think that I am speaking not only to those who have actually arranged this course but to many who are listening for the first time to lectures on education in the light of Anthroposophy. I hope, therefore, that more lies behind this Conference than the resolve of those who organized it, for I think it may be taken as evidence that our previous activities are bearing fruit in current world-strivings.
[ 2 ] Die erste Veranstaltung, an der die Freunde der anthroposophischen Sache aus England teilgenommen haben, war ja abgehalten worden zu Weihnachten des vorvorigen Jahres, als wir in Dornach noch den Bau des Goetheanums stehen hatten, der uns mittlerweile durch das Feuer hinweggenommen worden ist.
[ 2 ] English friends of Anthroposophy were with us at a Conference held at Christmas, last year, when the Goetheanum (at Dornach, Switzerland)—since taken from us by fire—was still standing.
[ 3 ] Diese Veranstaltung war veranlaßt durch Mrs. Mackenzie, jene Persönlichkeit, welche ja schon vorher in einer so geistvollen Weise die Hegelsche Pädagogik in einem englisch geschriebenen Buche vermittelt hat. Wenn man das Kongenialische dieses Buches mit der Hegelschen Pädagogik und Philosophie sieht, dann bekommt man die Hoffnung, daß eine verhältnismäßig leichte Verständigung auch, ich möchte sagen, über das Nationale hinaus möglich ist.
[ 3 ] The Conference was brought about by Mrs. Mackenzie, the author of a fine book on the educational principles laid down by Hegel, and the sympathetic appreciation expressed there justifies the hope that it is not, after all, so very difficult to find understanding that transcends the limits of nationality.
[ 4 ] Nun ist ja allerdings dasjenige, was ich selbst zu sagen hatte über Pädagogik, nicht herausgeschöpft aus jener mehr intellektualistisch gefärbten Hegelschen Philosophie, sondern aus der durchaus spirituell gefärbten Anthroposophie. Aber auch da war es wiederum Mrs. Mackenzie, welche gefunden hat, wie dennoch einiges Fruchtbare geholt werden könne auch in pädagogischer Beziehung aus dieser zwar mit Hegel voll rechnenden, aber über seine Intellektualität in das Spirituelle hinausgehenden Anthroposophie.
[ 4 ] What I myself said about education at the Conference did not, of course, emanate from the more intellectualistic philosophy of Hegel, but from Anthroposophy, the nature of which is wholly spiritual. And indeed Mrs. Mackenzie, too, has seen how, while fully reckoning with Hegel, something yet more fruitful for education can be drawn where intellectuality is led over into the spiritual forces of Anthroposophy.
[ 5 ] Dann durfte ich ein zweites Mal das ganze System unserer Pädagogik und seine praktischen Auswirkungen schildern im vorigen Jahre in dem alten Kultur- und Geistessitz, in Oxford. Und vielleicht darf ich annehmen, daß gerade durch die Anregungen, welche gegeben werden konnten durch diese, auch das Verhältnis des Pädagogischen zum Sozialen berücksichtigenden Vorträge, die Veranlassung kommen konnte, daß eine ganze Reihe englischer, der Pädagogik ergebener Persönlichkeiten nun auch unsere Waldorfschule besuchen wollten. Und wir haben dann die große Freude gehabt, diese Freunde innerhalb der Räume unserer Waldorfschule, innerhalb des Arbeitens für Erziehung und Unterricht begrüßen zu dürfen. Es war uns eine große, herzliche Freude, und es war uns eine tiefe Befriedigung, als wir hören durften, daß die Freunde an der Art und Weise, wie die Pädagogik und Didaktik da geübt wird, auch eine gewisse Befriedigung hatten und die Sache mit Interesse verfolgten. Und so scheint denn gerade während dieses uns so sehr erfreuenden Besuches die Idee entstanden zu sein — ich freute mich, als Miß Beverley mir in Stuttgart diese Idee ausdrückte — zu diesem Sommerkurs über Pädagogik hier. Es darf also angenommen werden, daß gewissermaßen schon in dem Früheren die Wurzeln gesucht werden für dasjenige, was jetzt hier geschehen soll. Und damit bekommt man für das, was nun bevorsteht für die pädagogisch-didaktischen Vorträge, die ich von morgen ab hier zu halten habe, auch den entsprechenden Mut und entsprechenden Glauben.
[ 5 ] Then I was able to speak of our educational principles and their practical application a second time last year, in the ancient university of Oxford. And perhaps I am justified in thinking that those lectures, which dealt with the relation of education to social life, may have induced a number of English educationists to visit our Waldorf School at Stuttgart. It was a great joy to welcome them there, and we were delighted to hear that they were impressed with our work and were following it with interest. During the visit the idea of holding this Summer Course on education seems to have arisen.
[ 6 ] Und Mut und Glauben braucht man ja, wenn man über etwas zu sprechen hat, das gegenwärtig sich noch als ein so Fremdes hineinstellt in das Geistesleben, das von vielen Seiten in einer so scharfen Weise heute noch angefeindet wird. Mut und Glauben braucht man insbesondere dann, wenn es sich um die Schilderung von Prinzipien handelt, die an den Menschen selbst, dieses größte Kunstwerk des Universums, schöpferisch bildend herantreten wollen.
[ 6 ] Its roots, therefore, may be said to lie in previous activities and this very fact gives one the right confidence and courage as we embark on the lectures. Courage and confidence are necessary when one has to speak of matters so unfamiliar to the spiritual life of to-day and in face of such strong opposition. More especially are they necessary when one attempts to explain principles that seek to approach, in a creative sense, the greatest artistic achievement of the Cosmos—man himself.
[ 7 ] Nun darf ich vielleicht die Freunde, welche unsere Waldorfschule in diesem Jahre in Stuttgart besucht haben, darauf hinweisen, daß sie vielleicht schon durch den Anblick desjenigen, was sie da sahen, ein wenig daran erinnert wurden, wie grundsätzlich die WaldorfschulPädagogik und -Didaktik rechnet mit den tiefsten Wurzeln des modernen Lebens, und wie daher diese Waldorfschul-Pädagogik eigentlich im Grunde genommen von vornherein eine Art Verräter ist an dem, was sie selber in ihrem Namen anzeigen will: Pädagogik - ein wertgeschätzter alter griechischer Name, hervorgegangen aus der ernsten Hingabe an pädagogische Betrachtungen durch Plato, durch die Platoniker.
[ 7 ] Those who visited us this year at Stuttgart will have realized how essentially Waldorf School education gets to grips with the deepest fibres of modern life. The educational methods applied there can really no longer be described by the word ‘Pedagogy’ a treasured word which the Greeks learnt from Plato and the Platonists who had devoted themselves so sincerely to all educational questions.
[ 8 ] Pädagogik - wir können sie ja heute gar nicht mehr gebrauchen, wir müssen sie ja eigentlich wegwerfen; denn sie zeigt uns dasjenige, was sie leisten will, schon durch ihren Namen in der größtdenkbaren Einseitigkeit. Das konnten die verehrten Besucher ja sogleich in der Waldorfschule finden.
[ 8 ] Pedagogy is, indeed, no longer an apt term to-day, for it is an a priori expression of the one-sidedness of its ideals, and those who visited the Waldorf School will have realized this from the first.
[ 9 ] Man denke sich einmal, daß die Besucher der Waldorfschule - es ist das heute nichts Besonderes, aber ich will nur hervorheben, daß eben die Waldorfschul-Pädagogik mit den modernsten Strömungen rechnet —, man denke sich, daß die Besucher in der gleichen Klasse Knaben und Mädchen beieinanderfinden, in der gleichen Weise erzogen, in der gleichen Weise unterrichtet.
[ 9 ] It is not, of course, unusual to-day to find boys and girls educated together, in the same classes and taught in the same way, and I merely mention this to show you that in this respect, too, the methods of the Waldorf School are in line with recent developments.
[ 10 ] Aber Pädagogik — was besagt der Name? Der Pädagoge ist ein Knabenführer. Er bezeichnet uns von vornherein, wie der Grieche aus einer menschlichen Einseitigkeit heraus erzogen und unterrichtet wurde. Er schloß die Hälfte der Menschen ganz aus von dem, was man in vollem Ernste als Erziehung und Unterricht auffaßte. Für den Griechen war eigentlich nur der Mann ein Mensch, und das weibliche Wesen mußte sich still zurückziehen, wenn es sich um ernsthafte Pädagogik handelte, denn der Pädagoge ist seinem Namen nach ein Knabenführer. Er ist nur für das männliche Geschlecht da.
[ 10 ] What does the word ‘Pedagogy’ suggest? The ‘Pedagogue’ is a teacher of boys. This shows us at once that in ancient Greece education was very one-sided. One half of humanity was excluded from serious education. To the Greek, the boy alone was man and the girl must stay in the background when it was a question of serious education. The pedagogue was a teacher of boys, concerned only with that sex.
[ 11 ] Nun wirkt ja die Anwesenheit der Mädchen als Schüler in unserer heutigen Zeit — in vieler Beziehung gegenüber einer gar nicht so weit zurückliegenden Zeit eben etwas wesentlich Radikales — auch nicht gerade mehr schockierend; aber das andere wird doch selbst auch heute für viele noch etwas sehr Befremdliches haben: bei uns sind nicht nur männliches und weibliches Geschlecht gleichberechtigt nebeneinander als Schüler und Schülerinnen, sondern auch in der Lehrerschaft. Wir machen keinen Unterschied zwischen der Lehrerschaft, wenigstens keinen prinzipiellen Unterschied bis in die höchsten Klassen hinauf.
[ 11 ] In our time, the presence of girl-pupils in the schools is no longer unusual, although indeed it involved a radical change from customs by no means very ancient. Another feature at the Waldorf School is that in the teaching staff no distinction of sex is made—none, at least, until we come to the very highest classes.
[ 12 ] So mußte für uns vor allen Dingen maßgebend werden, diese Einseitigkeit gegenüber dem allgemein Menschlichen abzustreifen. Wir mußten dasjenige, was der altgewohnte Name Pädagogik in sich schließt, von vornherein verraten, wollten wir eine der Gegenwart gemäße Pädagogik hinstellen. Es ist das nur eine Einseitigkeit, die in dem Namen Pädagogik vorliegt. Im ganzen und großen muß man sagen, sind die Zeiten nicht so lange her, in denen man, wenn es sich um Erziehung und Unterricht handelte, eigentlich gar nichts wußte von dem Menschen im allgemeinen. Es war ja nicht nur die Einseitigkeit: männliches und weibliches Geschlecht — es waren gerade auf dem Gebiete der Pädagogik unzählige Einseitigkeiten da.
[ 12 ] Having as our aim a system of education in accord with the needs of the present day, we had first of all to modify much that was included in the old term ‘Pedagogy.’ So far I have only mentioned one of its limitations, but speaking in the broadest sense it must be admitted that for some time now there has been no real knowledge of man in regard to education and teaching. Indeed, many one-sided views have been held in the educational world, not only that of the separation of the sexes.
[ 13 ] Kam denn nach den alten Prinzipien der allgemeine Mensch zum Vorschein, wenn die Erziehung, der Unterricht abgeschlossen war? Nie! Heute ist aber die Menschheit durchaus auf dem Wege nach der Suche des Menschen, der reinen, ungetrübten, undifferenzierten Menschlichkeit. Daß dieses angestrebt werden mußte, das geht ja schon hervor aus der Art und Weise, wie die Waldorfschule eingerichtet wurde. Es war zunächst der Gedanke, den Proletarierkindern der WaldorfAstoria-Fabrik einen Unterricht zu geben. Und weil derjenige, der die Waldorf-Astoria-Fabrik leitete, in der Anthroposophischen Gesellschaft war, so wendete er sich an mich, um diesen Unterricht einzurichten. Ich selber konnte diesen Unterricht nicht anders als aus den Wurzeln der Anthroposophie heraus einrichten. So entstand die Waldorfschule zunächst als eine ganz allgemeine, sogar könnte man sagen, aus dem Proletariat herausgebildete Menschheitsschule. Und nur weil derjenige, der zuerst den Gedanken an diese Schule hatte, zu gleicher Zeit Anthroposoph war, wurde diese Schule anthroposophisch. So daß hier die Tatsache vorliegt, daß aus einer sozialen Wurzel heraus allerdings das pädagogische Gebilde herausgekommen ist, das in bezug auf den ganzen Unterrichtsgeist, auf seine ganze Unterrichtsmethode seine Wurzel in der Anthroposophie sucht; aber nicht so, daß wir im entferntesten eine anthroposophische Schule haben, sondern nur weil wir glauben, daß Anthroposophie sich in jedem Momente soweit selbst verleugnen kann, daß sie eben nicht eine Standesschule, eine Weltanschauungsschule oder sonst irgendeine Spezialschule, sondern eine allgemeine Menschheitsschule zu gestalten in der Lage ist.
[ 13 ] Can it truly be said that a man could develop in the fullest sense of the term when educated according to the old principles? Certainly not! To-day we must first seek understanding of the human being in his pure, undifferentiated essence. The Waldorf School was founded with this aim in view. The first idea was the education of children whose parents were working in the Waldorf-Astoria Factory, and as the Director was a member of the Anthroposophical Society, he asked me to supervise the undertaking. I myself could only give the principles of education on the basis of Anthroposophy. And so, in the first place, the Waldorf School arose as a general school for the workers' children. It was only ‘anthroposophical’ in the sense that the man who started it happened to be an Anthroposophist. Here then, we have an educational institution arising on a social basis, seeking to found the whole spirit and method of its teaching upon Anthroposophy. It was not a question of founding an ‘anthroposophical’ school. On the contrary, we hold that because Anthroposophy can at all times efface itself, it is able to institute a school on universal-human principles instead of upon the basis of social rank, philosophical conceptions of any other specialised line of thought.
[ 14 ] Das mag wohl denen aufgefallen sein, die die Waldorfschule besuchten. Und es kann auffallen in jeder einzelnen Handlung, die dort gepflogen wird. Und das mag dazu geführt haben, daß diese Einladung erfolgte. Und jetzt, im Beginne dieser Vorträge, wo ich zunächst noch nicht über die Erziehung zu sprechen habe, sondern wo ich eine Art einleitenden Vortrages zu halten habe, lassen Sie mich vor allen Dingen in dem ersten Teil dieses Vortrages all denjenigen, die in einer so hingebungsvollen Weise an dem Zustandekommen dieses Sommerkurses gearbeitet haben, den allerherzlichsten Dank aussprechen, auch Dank dafür, daß sie aufnehmen wollten in das Gebiet dieses Sommerkursus eurythmische Darbietungen, die heute schon einen so integrierenden Teil in alldem bilden, was mit unserer Anthroposophie beabsichtigt ist.
[ 14 ] This may well have occurred to those who visited the Waldorf School and it may also have led to the invitation to give these present lectures. And in this introductory lecture, when I am not yet speaking of education, let me cordially thank all those who have arranged this Summer Course. I would also thank them for having arranged performances of Eurhythmy which has already become an integral part of Anthroposophy.
[ 15 ] Aber lassen Sie mich im Beginne eine Hoffnung aussprechen. Ein Sommerkurs vereinigt uns. Wir haben uns mit demjenigen, was wir hier ausmachen wollen, in den schönen, aber immerhin nördlichen Winkel Englands zurückgezogen, fern von dem, was wir im Winter als heute noch ganz ernsthaftes Leben zu treiben haben. Sie haben sich weggenommen von jenem Lebensernst die andere Zeit, die Zeit im Sommer, Ihre Erholungspause, um teilzunehmen an den Besprechungen von etwas, das eigentlich meint, sehr viel mit der Zukunft zu tun zu haben, und das eigentlich meint: es müsse einmal die Zeit kommen, wo derselbe Geist, der uns jetzt zwei Wochen während unserer Erholungspause zusammenbringen darf, uns beseelen könnte für dasjenige, was wir als Menschen den ganzen Winter hindurch treiben.
[ 15 ] At the very beginning let me express this hope: A Summer Course has brought us together. We have assembled in a beautiful spot in the North of England, far away from the busy life of the winter months. You have given up your time of summer recreation to listen to subjects that will play an important part in the life of the future and the time must come when the spirit uniting us now for a fortnight during the summer holidays will inspire all our winter work. I cannot adequately express my gratitude for the fact that you have dedicated your holidays to the study of ideas for the good of the future. Just as sincerely as I thank you for this now, so do I trust that the spirit of our Summer Course may be carried on into the winter months—for only so can this Course bear real fruit.
[ 16 ] Denn man muß nicht nur doppelt danken. — Man kann es gar nicht berechnen, wie viele Male man dankbar sein muß dafür, daß Sie sich zusammengefunden haben, um Ihre Erholungspause, die Sie herausnehmen mußten aus dem heutigen Ernst des Lebens, der Betrachtung von Zukunftsideen zu widmen. Ebenso herzlich, wie ich Ihnen dafür jetzt danken möchte, ebenso möchte ich auch hoffen, daß wir durch solche erholende Betrachtung desjenigen, was wir für die Zukunft wertvoll halten, immer mehr und mehr dazukommen, daß der Geist eines solchen Sommerkursus auch in die Wintermonate und Winterwochen ein bißchen eindringe. Denn nur dadurch hat der Inhalt eines solchen Sommerkursus einen Sinn.
[ 16 ] Not translated
[ 17 ] Mit diesen Worten wollte ich zunächst einleitend den herzlichsten Dank den verehrten Veranstaltern und den verehrten Zuhörern aussprechen.
[ 17 ] Not translated
[ 18 ] Nach der Übersetzung werde ich dann fortfahren.
[ 18 ] Not translated
[ 19 ] Ich darf an die eindrucksvollen Worte anknüpfen, die gestern von Miß Macmillan gesprochen worden sind, in denen sich ein tiefgehender sozialpädagogischer Impuls aussprach, die in einem gewissen Sinne Zeugnis dafür ablegten, wie in unserer Zeit tiefe moralische Impulse gesucht werden müssen, um die allgemeine Zivilisation der Menschheit gerade auf dem Wege des Erziehungswesens weiterzubringen.
[ 19 ] I should like to proceed from what Miss McMillan said so impressively yesterday in words that bore witness to the great need of our time for moral impulses to be sought after if the progress of civilization is to be advanced through Education.
[ 20 ] Gerade wenn man die Bedeutung solcher Impulse für die gegenwärtige Zeit tief auf das Menschenherz wirken läßt, dann kommt man zu der grundsätzlichen Frage im Geistesleben der Gegenwart. Und diese grundsätzliche Frage knüpft an die Gestaltung an, die unsere Kultur und Zivilisation im Laufe der Menschheitsgeschichte angenommen hat.
[ 20 ] When we admit the great need that exists to-day for moral and spiritual impulses in educational methods and allow the significance of such impulses to work deeply in our hearts, we are led to the most fundamental problems in modern spiritual life—problems connected with the forms assumed by our culture and civilization in the course of human history.
[ 21 ] Wir leben heute in einer Zeit, in der bis zu einem gewissen Grade wichtigste Faktoren unvermittelt nebeneinander stehen: dasjenige, was der Mensch durch Erkenntnis — zumeist durch eine auf dem Wege des bloßen Intellekts vermittelte Erkenntnis - sich über die Welt erwerben kann; und dasjenige, was der Mensch als sein tiefes inneres Erlebnis zum Ausdruck bringen will auf künstlerischem Gebiete, nachahmend gewissermaßen die Schöpfertätigkeit Gottes mit seinen menschlichen Kräften. Und wir leben gegenüber demjenigen, wo der Mensch versucht, die Wurzeln seines eigenen Daseins in Verbindung zu bringen mit den Wurzeln der Welt: wir leben gegenüber dem religiösen Streben, der religiösen Sehnsucht des Menschen. Und dann versuchen wir aus unserem Inneren herauszuholen jene Impulse, die uns als Menschen, als sittliches Wesen hineinstellen in das Zivilisationsdasein.
[ 21 ] We are living in an age when certain spheres of culture, though standing in a measure side by side, are yet separated from one another. In the first place we have all that man can learn of the world through knowledge—communicated, for the most part, by the intellect alone. Then there is the sphere of art, where man tries to give expression to profound inner experiences, imitating with his human powers, a divine creative activity. Again we have the religious strivings of man, wherein he seeks to unite his own existence with the life of the universe. Lastly, we try to bring forth from our inner being impulses which place us as moral beings in the civilized life of the world.
[ 22 ] Wir finden uns diesen vier Ästen der Zivilisation gegenüber: der Erkenntnis, der Kunst, der Religion, der Moralität. Aber wir haben erst im Laufe der Menschheitsentwickelung - ich will nicht Kritik üben, die Sache ist eine Notwendigkeit, aber verstanden muß sie werden -, wir haben es im Laufe der Menschheitsentwickelung dazu gebracht, daß diese vier Äste in unserem Leben nebeneinander sich entwickeln, und daß uns die eigentliche einheitliche Wurzel für unser Bewußtsein fehlt.
[ 22 ] In effect we confront these four branches of culture: knowledge, art, religion, morality. But the course of human evolution has brought it about that these four branches are developing separately and we no longer realize their common origin. It is of no value to criticize these conditions; rather should we learn to understand the necessities of human progress.
[ 23 ] Und daher darf gegenüber dieser Tatsache heute erinnert werden an den Ausgangspunkt der Menschheit in bezug auf die Zivilisation. Es gab eine uralte Zeit der Menschheitsentwickelung, in der das Wissen, das künstlerische Leben, die Religion und die Sittlichkeit eins waren; eine Zeit, in welcher der Mensch, als der Intellekt noch nicht zu jener Abstraktheit entwickelt war, der wir heute gegenüberstehen, durch eine Art alten bildhaften Anschauens sich klar zu werden versuchte über die Rätsel des Daseins, eine Zeit, in der vor der Seele des Menschen standen die mächtigen Bilder, die dann in dekadenter Art als Mythen, als Sagen zu uns gekommen sind, ursprünglich aber Erkenntnis, Erleben des geistigen Inhaltes der Welt bedeutet haben. Es gab eine solche Zeit, in welcher der Mensch sich in diesem unmittelbaren inneren Bild-Erleben, in dieser unmittelbaren inneren Imagination vergegenwärtigte, was der Welt, der Sinnenwelt als ihr Geistiges zugrunde liegt.
[ 23 ] To-day, therefore, we will remind ourselves of the beginnings of civilization. There was an ancient period in human evolution when science, art, religion and the moral life were one. It was an age when the intellect had not yet developed its present abstract nature and when man could solve the riddles of existence by a kind of picture-consciousness. Mighty pictures stood there before his soul—pictures which in the traditional forms of myth and saga have since come down to us. Originally they proceeded from actual experience and a knowledge of the spiritual content of the universe. There was indeed an age when in this direct, inner life of imaginative vision man could perceive the spiritual foundations of the world of sense.
[ 24 ] Und was er so aus der Welt herauslesen konnte durch seine instinktive Imagination, vergegenwärtigte er sich, indem er die Stoffe dieser Erde — den Stoff der Architektur, den Stoff der Bildhauerei, den Stoff der Malerei, den Stoff der Musik, den Stoff anderer Künste - so benützte, daß er, was als seine Erkenntnis sich ergab, in äußerer Form ausgestaltete, es zum Entzücken seines Herzens in äußere sinnliche Form brachte, gewissermaßen das göttliche Schaffen mit menschlichen Kräften nachbildend, das vor sich hinstellend, was erst in sein Wissen, in seine Erkenntnis eingeflossen war. Und es hatte der Mensch eine Kunst, die für seine Sinne dasjenige spiegelte, was er erst in seine Erkenntnis aufnehmen konnte.
[ 24 ] And what his instinctive imagination thus gleaned from the universe, he made substantial, using earthly matter and evolving architecture, sculpture, painting, music and other arts. He embodied with rapture the fruits of his knowledge in outer material forms. With his human faculties man copied divine creation, giving visible form to all that had first flowed into him as science and knowledge. In short, his art mirrored before the senses all that his forces of knowledge had first assimilated.
[ 25 ] Diese Tatsache trat ja in einer Abschwächung wiederum bei Goethe auf, als er aus seiner eigenen Erkenntnis- und Kunstüberzeugung heraus das bedeutsame Wort sprach: «Das Schöne ist eine Manifestation geheimer Naturgesetze, die uns ohne dessen Erscheinung ewig wären verborgen geblieben», und als er das andere, nicht minder bedeutsame Wort, wiederum aus seiner innersten Kunst- und Erkenntnisüberzeugung heraus sprach: «Wem die Natur ihr offenbares Geheimnis zu enthüllen anfängt, der empfindet eine unwiderstehliche Sehnsucht nach ihrer würdigsten Auslegerin, der Kunst.»
[ 25 ] In weakened form we find this faculty once again in Goethe, when out of inner conviction he spoke these significant words: “Beauty is a manifestation of the secret laws of Nature, without which they would remain for ever hidden.” And again: “He before whom Nature begins to unveil her mysteries is conscious of an irresistible yearning for art—Nature's worthiest expression.”
[ 26 ] Aus solcher Anschauung geht dann hervor, wie der Mensch eigentlich darauf angelegt ist, Wissenschaft und Kunst nur als die zwei Gestaltungen einer und derselben Wahrheit anzunehmen, Und so war es ursprünglich in der Entwickelung der Menschheit. Was den Menschen als Erkenntnis innerlich befriedigte, indem es ihm in Ideen sich vor die Seele stellte, was ihn entzückte als Schönheit, wenn er es in der Kunst vor seine Sinne hingestellt schaute — Erkenntnis und Kunst aus einer Wurzel stammend -, das war einstmals dasjenige, was eine primitivere Menschheit als ihre Zivilisation erlebt hat.
[ 26 ] Such a conception shows that man is fundamentally predisposed to view both science and art as two aspects of one and the same truth. This he could do in primeval ages, when knowledge brought him inner satisfaction as it arose in the forms of ideas before his soul and when the beauty that enchanted him could be made visible to his senses in the arts—for experiences such as these were the essence of earlier civilizations.
[ 27 ] Und wie stehen wir heute dazu? Wir stehen dazu so, daß wir allmählich durch dasjenige, was uns der Intellekt, die Abstraktion gegeben hat, eine Wissenschaft, eine Erkenntnis begründen wollen, die soviel als möglich gerade das ausschaltet, was künstlerisch ist. Man fühlt es förmlich wie sündhaft, wenn man in der Wissenschaft irgendwie etwas Künstlerisches geltend macht. Und derjenige, der etwa diese Sünde begeht, daß er in ein wissenschaftliches Buch etwas Künstlerisches hineinbringt, er ist von vornherein mit dem Makel des Dilettanten heute belegt. Denn die Erkenntnis muß nüchtern, muß objektiv sein, so sagt man; die Kunst, die darf dasjenige geben, was mit der Objektivität nichts zu tun hat, was durch die Willkür des Menschen herauskommt. Dadurch aber bildet sich ein tiefer Abgrund zwischen Erkenntnis und Kunst. Und der Mensch findet sich über diesen Abgrund nicht mehr herüber.
[ 27 ] What is our position to-day? As a result of all that intellectual abstractions have brought in their train we build up scientific systems of knowledge from which, as far as possible, art is eliminated. It is really almost a crime to introduce the faintest suggestion of art into science, and anyone who is found guilty of this in a scientific book is at once condemned as a dilettante. Our knowledge claims to be strictly dispassionate and objective; art is said to have nothing in common with objectivity and is purely arbitrary. A deep abyss thus opens between knowledge and art, and man no longer finds any means of crossing it.
[ 28 ] Aber er findet sich zu seinem Schaden über diesen Abgrund nicht mehr herüber. Denn wenn man dasjenige Wissen, diejenige Erkenntnis noch so weitgehend anwendet, die heute allgemein geschätzt ist als die kunstfreie Erkenntnis, man kommt zu jenem ausgezeichneten, hier auch voll anzuerkennenden Erkennen der Natur, namentlich der leblosen Natur; aber man muß stehenbleiben in dem Momente, wo man an den Menschen herankommen will. Daher kann man sich heute überall umsehen in der Wissenschaft, sie gibt Antwort in großartiger Weise auf Fragen der äußeren Natur; sie bleibt stehen da, wo es sich um den Menschen handelt. Man dringt mit den Gesetzen, die man in der Naturwissenschaft gewinnt, nicht bis zum Menschen vor. Warum? Weil - so ketzerisch das für das heutige Bewußtsein klingt, es muß gesagt werden —, weil in dem Momente, wo man mit den Naturgesetzen herankommt zum Menschen, man künstlerisch wirken muß. Ja, es ist ketzerisch, denn da sagen die Leute: Jetzt treibst du nicht mehr Wissenschaft! Du folgst nicht mehr dem Gesetze der Beobachtung, dem Gesetze der strengen Logik, an die du dich zu halten hast, die du erkennen willst, wenn du an den Menschen, um ihn zu erfassen, mit künstlerischem Sinn herantrittst. Man kann lange darüber deklamieren, daß solch ein Herankommen an den Menschen in künstlerischem Sinne unwissenschaftlich ist, weil es künstlerisch ist. Wenn die Natur den Menschen künstlerisch macht, so mag der Mensch noch so lange diskutieren, daß das Verfahren, ihn zu erfassen, nicht wissenschaftlich ist: es würde eben nichts anderes zur Folge haben, als daß man mit all dem wissenschaftlichen Verfahren den Menschen nicht erfassen kann.
[ 28 ] When he applies the science that is valued because of its freedom from art, he is led indeed to a marvellous knowledge of Nature—but of Nature devoid of life. The wonderful achievements of science are fully acknowledged by us, yet science is dumb before the mystery of man. Look where you will in science to-day, you will find wonderful answers to the problems of outer Nature, but no answers to the riddle of man. The laws of science cannot grasp him. Why is this? Heretical as it sounds to modern ears, this is the reason. The moment we draw near to the human being with the laws of Nature, we must pass over into the realm of art. A heresy indeed, for people will certainly say: “That is no longer science. If you try to understand the human being by the artistic sense, you are not following the laws of observation and strict logic to which you must always adhere.” However emphatically it may be held that this approach to man is unscientific because it makes use of the artistic sense—man is none the less an artistic creation of Nature. All kinds of arguments may be advanced to the effect that this way of artistic understanding is thoroughly unscientific, but the fact remains that man cannot be grasped by purely scientific modes of cognition.
[ 29 ] So bleibt man mit aller heutigen Wissenschaft stehen vor dem Menschen und merkt nur, wenn man unbefangen genug ist: da mußt du zu etwas anderem greifen, da mußt du hineinlaufen lassen deine intellektualistische Wissenschaftlichkeit in Künstlerisches. Du mußt die Wissenschaft selber zur Kunst werden lassen, wenn du an den Menschen herankommst.
[ 29 ] And so—in spite of all our science—we come to a halt before the human being. Only if we are sufficiently unbiased can we realize that scientific intellectuality must here be allowed to pass over into the domain of art. Science itself must become art if we would approach the secrets of man's being.
[ 30 ] Nun lernt man, wenn man sich diesem Weg hingibt, aber ganz hingibt mit seiner vollen menschlichen Seele, nicht nur den Menschen äußerlich künstlerisch betrachten, sondern, wenn man die entsprechenden Wege geht, lernt man das Intellektualistisch-Wissenschaftliche einlaufen lassen in dasjenige, was ich in meinem Buche: «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» beschrieben habe als imaginative Erkenntnis. Diese imaginative Erkenntnis, die heute noch so viel angefochten und angefeindet wird, sie ist möglich, wenn das Denken, das sich sonst passiv der äußeren Welt hingibt, das ja immer mehr und mehr ein Bestandteil unserer Zivilisation in dieser Passivität geworden ist, wiederum aktiv wird, wenn es wiederum innerlich sich zur Aktivität aufrüttelt.
[ 30 ] Now if we follow this path with all our inner forces of soul, not only observing in an outwardly artistic sense, but taking the true path, we can allow scientific intellectuality to flow over into what I have described as ‘Imaginative Knowledge’ in my book, Knowledge of the Higher Worlds and its Attainment. This ‘Imaginative Knowledge’—to-day an object of such suspicion and opposition—is indeed possible when the kind of thinking that otherwise gives itself up passively, and increasingly so, to the outer world is roused to a living and positive activity.
[ 31 ] Es ist schwer, über dieses heute zu reden, denn man redet nicht nur von einer wissenschaftlichen Zeitgewohnheit oder gegen eine wissenschaftliche Zeitgewohnheit, sondern man redet im Grunde genommen, wenn man dieses auseinandersetzt, gegen die ganze heutige Zivilisation. Denn es ist ja immer beliebter und beliebter geworden, die Aktivität des Denkens, das innerliche Dabeisein, das innerliche Tätigsein im Denken ganz außer acht zu lassen und sich nur hinzugeben den aufeinanderfolgenden Ereignissen, und dann das Denken einfach fortlaufen zu lassen in den aufeinanderfolgenden Ereignissen, nicht mitzutun im Denken.
[ 31 ] The difficulty of speaking of these things to-day is not that one is either criticizing or upholding scientific habits of thought which are peculiar to our age; rather does the difficulty consist in the fact that fundamentally one must touch upon matters which concern the very roots of our present civilization. There is an increasing tendency to-day to give oneself up to the mere, observation of outer events, to allow thoughts passively to follow their succession, avoiding all conscious inner activity.
[ 32 ] Begonnen hat es damit, daß immer mehr und mehr der Ruf entstanden ist, man müsse den geistigen Dingen gegenüber recht anschaulich sein. Man nehme einen Vortrag, der nicht anschaulich sein kann, weil er von geistigen Dingen redet und voraussetzt, daß die Zuhörer — weil man nur Worte sprechen kann zur Anregung und nicht die Dinge herumhuscheln und herumzaubern lassen kann - innerlich ihr Denken in Aktivität setzen, um das mitzumachen, was Worte nur andeuten: man wird heute schon finden, wie ein großer Teil der Zuhörerschaft - die in anderen Sälen selbstverständlich als diesem heutigen sitzt — zu gähnen anfängt, weil das Denken nur passiv ist, der Mensch nicht mehr aktiv mitgeht, bis er zuletzt sogar einschläft. Denn man verlangt, es soll alles anschaulich sein, mit Lichtbildern illustriert sein, damit man nicht zu denken brauche. Man kann nicht denken! Damit hat es begonnen, ist auch viel weitergegangen. Im «Hamlet», da muß man noch mit der Sache mitgehen, da muß man auch noch das gesprochene Wort verfolgen. Man ist heute vom Schauspiel aufs Kino gekommen: da braucht man nicht mehr aktiv zu sein, da rollen die Bilder nach der Maschine ab, und man kann ganz passiv sein. Und so hat man allmählich jene innere Aktivität des Menschen verloren. Die aber ist es, die erfaßt werden muß. Dann merkt man, daß das Denken nicht bloß etwas ist, was von außen angeregt werden kann, sondern daß es eine innerliche Kraft im Menschen selbst darstellt.
[ 32 ] This state of things began with the demand for material proofs of spiritual matters. Take the case of a lecture on spiritual subjects. Visible evidence is out of the question, because words are the only available media—one cannot summon the invisible by some magical process. All that can be done is to stimulate and assume that the audience will inwardly energize their thinking into following the indications given by the words. Yet nowadays it will frequently happen that many of the listeners—I do not, of course, refer to those who are sitting in this hall—begin to yawn, because they imagine that thinking ought to be passive, and then they fall asleep because they are not following the subject actively. People like everything to be demonstrated to the eye, illustrated by means of lantern-slides or the like, for then it is not necessary to think at all. Indeed, they cannot think. That was the beginning, and it has gone still further. In a performance of “Hamlet,” for instance, one must follow the plot, and also the spoken word, in order to understand it. But to-day the drama is deserted for the cinema, where one need not exert oneself in any way; the pictures roll off the machine and can be watched quite inertly. And so man's inner activity of thought has gradually waned. But it is precisely this which must be retained. Yet when once the nature of this inner activity is understood, it will be realized that thinking is not merely a matter of stimulus from outside, but a force living in the very being of man.
[ 33 ] Dasjenige Denken, das unsere heutige Zivilisation kennt, ist nur die eine Seite der Sache. Schaut man das Denken innerlich, von der anderen Seite an, so ist es diejenige Kraft, die von Kindheit an den Menschen zugleich aufbaut.
[ 33 ] The kind of thinking current in our modern civilization is only one aspect of this force of thought. If we inwardly observe it, from the outer side as it were, it is revealed as the force that builds up the human being from childhood.
[ 34 ] Um das einzusehen, dazu braucht man die innerlich plastische Kraft, die den abstrakten Gedanken ins Bild umformt. Und gibt man sich auf diesem Wege die richtige innerliche Mühe, dann ist man in dem, was ich in dem genannten Buche den Anfang der Meditation genannt habe; dann ist man auf dem Wege, nun nicht nur überzuleiten das Können in die Kunst, sondern das ganze Denken des Menschen in Imagination; so daß man innerhalb einer imaginativen Welt steht, von der man aber jetzt weiß: sie ist nicht ein Geschöpf unserer eigenen Phantasie, sie muß auf eine objektive Welt deuten. Man ist sich ganz klar darüber bewußt, daß man diese objektive Welt noch nicht hat in der Imagination, aber man weiß, daß man die Bildhaftigkeit dieser objektiven Welt hat.
[ 34 ] Before this can be understood, an inner, plastic force that transforms abstract thought into pictures must come into play. Then, after the necessary efforts have been made, we reach the stage I have Called in my book, the beginning of meditation. At this point we not only begin to lead mere cleverness over into art, but thought is raised into Imagination. We stand in a world of Imagination, knowing that it is not a creation of our own fancy, but an actual, objective world. We are fully conscious that although we do not as yet possess this objective world itself in Imagination, we have indeed a true picture of it. And now the point is to realize that we must get beyond the picture.
[ 35 ] Und jetzt handelt es sich nur darum, auch einzusehen, daß man über die Bildhaftigkeit hinauskommen müsse. Man hat ja lange zu tun, wenn man zu der Bildhaftigkeit, zu diesem inneren schöpferischen Denken kommen will, zu diesem Denken, das nicht bloß Phantasiebilder erfaßt, sondern Bilder, die ihre Realität in ihrer eigenen Wesenheit tragen. Aber man muß dann dazu kommen, dieses ganze Schaffen der eigenen Wesenheit wiederum auszuschalten. Man muß zu einer innerlichen, sittlichen Tat kommen.
[ 35 ] Strenuous efforts are necessary if we would master this inner creative thinking that does not merely contain pictures of fantasy, but pictures bearing their own reality within them. Then, however, we must next be able to eliminate the whole of this creative activity and thus accomplish an inwardly moral act.
[ 36 ] Ja, es ist eine sittliche Tat im Inneren des Menschen! Nachdem man sich alle Mühe gegeben hat - und Sie können lesen in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», welche Mühen man sich zu geben hat, um zu diesem bildhaft-aktiven Denken zu kommen - nachdem man alle Seelenkräfte, die ganze Totalität der Seelenkräfte aufzuwenden hat, also das Selbst im höchsten Sinne anzuspannen hat, dann muß man, nachdem man zuerst diese höchste Anspannung geleistet hat, wiederum alles das ausschalten können, was man auf diesem Wege gewonnen hat.
[ 36 ] For this indeed constitutes an act of inner morality: when all the efforts described in my book to reach this active thinking in pictures have been made, when all the forces of soul have been applied and the powers of Self strained to their very utmost, we then must be able to eliminate all we have thus attained.
[ 37 ] Die höchsten Früchte des aktiven, zur Meditation gesteigerten Denkens muß man im eigenen Selbst entwickelt haben und dann selbstlos werden können, dasjenige, was man sich erobert hat, wieder ausschalten können. Dann ist es anders, als wenn man es nicht hat, es gar nicht erobert hat. Hat man zuerst alle Anstrengung gemacht, um das Selbst in dieser Weise zu verstärken, vernichtet man dann dasjenige wiederum durch die eigene Kraft, so daß das Bewußtsein leer wird: dann wogt und wallt eine geistige Welt in das menschliche Bewußtsein herein, dann kommt dasjenige, was spirituelle Welt ist, in das Menschenwesen herein. Dann sieht man: zur Erkenntnis der geistigen Welt sind geistige Erkenntniskräfte notwendig.
[ 37 ] In his own being man must have developed the highest fruits of this thinking that has been raised to the level of meditation and then be capable of selflessness. He must be able to eliminate all that has been thus acquired. For to have nothing is not the same as to have gained nothing. If he has made every effort to strengthen the Self by his own will so that finally his consciousness can be emptied-a spiritual world surges into his consciousness and being and he realizes that spiritual forces of cognition are needed for knowledge of the spiritual world.
[ 38 ] Und wenn das Erringen des ersten aktiven bildhaften Denkens Imagination genannt werden kann, dann muß das, was jetzt, nachdem der Mensch sich vollständig leer gemacht hat in seinem Bewußtsein, was da als geistige Welt hereinflutet, nun als auf dem Wege der Inspiration gewonnen bezeichnet werden.
[ 38 ] Active picture-thinking may be called Imagination. When the spiritual world pours into the consciousness that has in turn been emptied by dint of tremendous effort, man is approaching the mode of mode of knowledge known as true Inspiration.
[ 39 ] Nachdem wir durch die Imagination durchgegangen sind, können wir uns würdig machen durch den geschilderten sittlichen Akt der inneren Selbstlosigkeit zum Erfassen desjenigen, was als geistige Welt der äußeren Natur und dem Menschen zugrunde liegt.
[ 39 ] Having experienced Imagination, we may through an inner denial of self come to comprehend the spiritual world lying behind the two veils of outer Nature and of man.
[ 40 ] Wie das dann hinüberführt zur Religion, das möchte ich, nachdem dies übersetzt worden ist, im dritten Teil meines Vortrags sagen.
[ 40 ] I will now endeavour to show you how from this point we are led over to the spiritual life of religion.
[ 41 ] Jetzt möchte ich nur auf eines aufmerksam machen: Indem Anthroposophie die imaginative Erkenntnis anstrebt, führt sie nicht nur zur Erkenntnis, zur Kunst, die eben als Kunst Bild bleibt, sondern zu demjenigen, was nun zu Bildern sich hinbegibt, die geistige Realität enthalten. Indem Anthroposophie dieses anstrebt, überbrückt sie den Abgrund zwischen Erkenntnis und Kunst wiederum so, daß auf einer höheren Stufe, für die Gegenwart, für das moderne Leben geeignet, dasjenige wieder in die Zivilisation kommen kann, wovon die Menschheit ausgegangen ist: die Einheit von Wissenschaft und Kunst. Wir müssen wiederum zu dieser Einheit kommen, denn die Spaltung zwischen Wissenschaft und Kunst hat den Menschen selbst zerrissen.
[ 41 ] Let me draw your attention to the following.—Inasmuch as Anthroposophy strives for true Imagination, it leads not only to knowledge or to art that in itself is of the nature of a picture, but to the spiritual reality contained in the picture. Anthroposophy bridges the gulf between knowledge and art in such a way that at a higher level, suited to modern life and the present age, the unity of science and art which humanity has abandoned can enter civilization once again. This unity must be re-attained, for the schism between science and art has disrupted the very being of man. To pass from the state of disruption to unity and inner harmony—it is for this above all that modern man must strive.
[ 42 ] Das aber ist es, was der moderne Mensch in erster Linie anstreben muß: aus seiner Zerrissenheit zur Einheit und zur inneren Harmonie zu kommen. Das, was ich bisher gesagt habe, soll gelten für die Harmonie zwischen Wissenschaft und Kunst. Nachher möchte ich auch noch den Gedanken ausdehnen für Religion und Sittlichkeit.
[ 42 ] Thus far I have spoken of the harmony between science and art. I will now develop the subject further, in connection with religion and morality.
[ 43 ] Eine Erkenntnis, die in dieser geschilderten Weise das Schöpferische der Welt in sich aufnimmt, kann unmittelbar in die Kunst hineinfließen. Aber der Weg, der auf diese Weise von der Erkenntnis in die Kunst hinein genommen wird, er kann auch weiter fortgesetzt werden. Er ist fortgesetzt worden in jener alten, instinktiven, imaginativen Erkenntnis, von der ich gesprochen habe, die sich in die Kunst hinein fortsetzte, und die auch den Weg ohne Abgrund in das religiöse Leben hinüber fand. Derjenige, der solcher Erkenntnis, wenn sie auch einstmals bei der primitiven Menschheit selbst noch primitiv und instinktiv war, sich hingab, der fühlte die Erkenntnis nicht nur als etwas Äußerliches, sondern er fühlte, wie in der Erkenntnis, im Wissen, im Denken das Göttliche der Welt in ihm lebte, wie das SchöpferischGöttliche in ihm überging in das Künstlerisch-Menschlich-Schöpferische.
[ 43 ] Knowledge that thus draws the creative activity of the universe into itself can flow directly into art, and this same path from knowledge to art can be extended and continued. It was so continued through the powers of the old imaginative knowledge of which I have spoken, which also found the way, without any intervening cleft, into the life of religion. He who applied himself to this kind of knowledge—primitive and instinctive though it was in early humanity—was aware that he acquired it by no external perceptions, for in his thinking and knowing he sensed divine life within him, he felt that spiritual powers were at work in his own creative activity enabling him to raise to greater holiness all that had been impressed into the particular medium of his art.
[ 44 ] Da aber konnte dann der Weg dazu genommen werden, dasjenige, was der Mensch dem Stoffe einprägte, in der Kunst zu einer höheren Weihe zu bringen. Die Tätigkeit, die der Mensch sich aneignete, indem er in dem äußeren Sinnenstoff das Göttlich-Geistige künstlerisch verkörperte, diese Tätigkeit konnte er fortsetzen und Handlungen hervorbringen, in denen er sich unmittelbar bewußt wurde, wie er, indem er als Mensch handelte, zum Ausdruck bringt den Willen des göttlichen Waltens in der Welt. Und die Kunst ging, indem so der Weg gefunden wurde von der Bearbeitung des sinnlichen Stoffes zu dem Handeln, in welchem der Mensch sich selber von der göttlich-schöpferischen Kraft durchsetzt fühlte, über in den Kultus, in den Dienst des Göttlichen. Gottesdienst wurde das künstlerische Schaffen.
[ 44 ] The power born in his soul as he embodied the Divine-Spiritual in outer material substance could then extend into acts wherein he was fully conscious that he, as man, was expressing the will of divine ordnance. He felt himself pervaded by divine creative power, and as the path was found through the fashioning of material substance, art became—by way of ritual—a form of divine worship.
[ 45 ] Die Handlungen des Kultus sind die von Weihe durchsetzten künstlerischen Taten der Urmenschheit. Es steigerte sich hinauf die künstlerische Tat zur Kultustat, die Verherrlichung des göttlichen Wesens durch den sinnlichen Stoff zur Hingabe an das göttliche Wesen durch die Kultushandlung. Indem man den Abgrund überbrückte zwischen Kunst und Religion, entstand die Religion, die einstmals in vollem Einklang, in voller Harmonie war mit Erkenntnis und Kunst. Denn wenn auch jene Erkenntnis primitiv, instinktiv war, sie war doch ein Bild, und sie konnte deshalb auch das menschliche Handeln bis zu demjenigen Handeln bringen, das in sich bildhaften Kultus hat, das Göttliche unmittelbar darstellt.
[ 45 ] Artistic creation was sanctified in the divine office. Art became ritual—the glorification of the Divine—and through the medium of material substance offered sacrifice to the Divine Being in ceremonial and ritual. And as man thus bridged the gulf between Art and Religion there arose a religion in full harmony with knowledge and with art. Albeit primitive and instinctive, this knowledge was none the less a true picture, and as such it could lead human deeds to become, in the acts of ritual, a direct portrayal of the Divine.
[ 46 ] Damit war der Übergang gefunden von Kunst zur Religion. Können wir das noch mit unserer Erkenntnis? Jenes instinktive alte Erkennen sah in jedem Naturwesen, in jedem Naturvorgang bildhaft ein Geistiges. Es ging durch Hingabe an den Geist des Naturvorganges das geistige Walten und Weben des Kosmos über in den Kultus.
[ 46 ] In this way the transition from art to religion was made possible. Is it still possible with our present-day mode of knowledge? The ancient clairvoyant perception had revealed to man the spiritual in every creature and process of Nature, and by surrender and devotion to the spirit within the nature-processes, the spiritual laws of the Cosmos passed over and were embodied in ritual and cult.
[ 47 ] Wie erkennen wir die Welt? Wiederum soll nicht Kritik geübt werden, sondern geschildert werden. Im historischen Werden der Menschheit war das alles notwendig, das werden insbesondere die nächsten Vorträge noch zeigen. Ich will heute nur einige andeutende Gedanken hinstellen. Wir haben allmählich den unmittelbaren instinktiven Einblick in die Naturwesen und Naturvorgänge verloren. Wir sind stolz darauf, die Natur ohne den Geist zu schauen, und wir dringen endlich vor zu solchen hypothetischen Anschauungen über die Natur, wo wir zurückführen zum Beispiel das Werden unseres Planeten zu dem Weben und Wesen eines einstigen Urnebels. Durch rein mechanische Kraft habe sich aus diesem Urnebel durch Rotation herausgeballt unsere Erde. Aus demjenigen, was schon in diesem Urnebel in mechanischer Weise sich betätigte, sei auch herausgestiegen alles, was in den Reichen der Natur bis zum Menschen lebt. Und wiederum müsse nach denselben Gesetzmäßigkeiten, die unser ganzes Denken, das objektiv sein will, erfüllen, diese Erde einstmals ihr Ende nehmen im sogenannten Wärmetod. Alles dasjenige, was an Idealen die Menschheit sich errungen hat, wird, da nur als eine Fata Morgana des Naturdaseins hervorgegangen, verschwinden, und am Ende kann nur dastehen der große Kirchhof des Erdendaseins.
[ 47 ] How do we “know” the world to-day? Once more, to describe is better than criticism, for as the following lectures will show, the development of our present mode of knowledge was a necessity in the history of mankind. To-day I am merely placing certain suggestive thoughts before you. We have gradually lost our spiritual insight into the being and processes of Nature. We take pride in eliminating the spirit in our observation of Nature and finally reach such hypothetical conceptions as attribute the origin of our planet to the movements of a primeval nebula. Mechanical stirrings in this nebula are said to be the origin of all the kingdoms of Nature, even so far as man. And according to these same laws—which govern our whole “objective” mode of thinking, this earth must finally end through a so-called extinction of warmth. All ideas achieved by man, having proceeded from a kind of Fata Morgana, will disappear, until at the end there will remain only the tomb of earthly existence.
[ 48 ] Wenn die Menschheit heute ganz ehrlich wäre, wenn sie den Mut hätte, sich innerlich zu gestehen, was, wenn solch ein Gedankengang von der Wissenschaft als richtig anerkannt wird, die notwendige Konsequenz ist, sie müßte sich sagen: Eine Fata Morgana bleibt also alles religiöse und alles sittliche Leben! — Nur weil die Menschheit diesen Gedanken nicht ertragen kann, hält sie fest an demjenigen, was als Religion, ja was als Sittlichkeit aus alten Zeiten, in denen man noch im Einklang mit Erkenntnis und Kunst Religion und Sittlichkeit gewonnen hat, übrig ist. Das heutige religiöse und sittliche Leben ist nicht ein unmittelbar vom Menschen heraus sich schaffendes, ist ein Traditionelles, ist übriggeblieben als Erbschaft aus jenen Zeiten, wo durch den Menschen, allerdings im instinktiven Leben, sich noch Gott und mit Gott sich die sittliche Welt geoffenbart hat. Heute streben wir nach der Erkenntnis so, daß sich weder der Gott, noch die sittliche Welt offenbaren kann, sondern es ist ein rein wissenschaftliches Leben, das den Menschen nur erkennt als das höchste der Tiere. Wissenschaft gelangt heute nur bis zum Ende der Tierheit, der Mensch ist ausgeschaltet. Ehrliches inneres Streben kann nicht finden die Brücke über den Abgrund zwischen der Erkenntnis und dem religiösen Leben.
[ 48 ] If the truth of this line of thought be recognized by science and men are honest and brave enough to face its inevitable consequences, they cannot but admit that all religious and moral life is also a Fata Morgana and must so remain! Yet the human being cannot endure this thought, and so must hold fast to the remnants of olden times, when religion and morality still lived in harmony with knowledge and with art. Religion and morality to-day are not direct creations of man's innermost being. They rest on tradition, and are a heritage from ages when the instinctive life of man was filled with revelation, when God—and the moral world in Him—were alike manifest. Our strivings for knowledge to-day can reveal neither God nor a moral world. Science comes to the end of the animal species and man is cast out. Honest inner thinking can find no bridge over the gulf fixed between knowledge and the religious life.
[ 49 ] Alle Religion ist hervorgegangen aus einer Inspiration. Wenn diese Inspiration auch nicht so bewußt war wie diejenige, die wir wieder erringen müssen, von der eben gesprochen worden ist, sie war instinktiv da. Mit Recht führen die Religionen ihren Ursprung auf eine Inspiration zurück. Und diejenigen Religionen, die nicht mehr die lebendigen Inspirationen, die Offenbarung aus dem Geistigen in der unmittelbaren Gegenwart anerkennen wollen, die müssen eben beim bloßen Traditionellen bleiben. Dabei aber fehlt einem dann die innerliche Lebendigkeit, das unmittelbar Impulsive des religiösen Lebens. Dieses Impulsive, dieses unmittelbar Lebendige muß sich die menschliche Zivilisation wieder erringen, denn dadurch allein kann die Gesundung unseres sozialen Aufbaues beginnen.
[ 49 ] All true religions have sprung from Inspiration. True, the early form of Inspiration was not so conscious as that to which we must now attain, yet it was there instinctively, and rightly do the religions trace their origin back to it. Such faiths as will no longer recognize living inspiration and revelation from the spirit in the immediate present have to be content with tradition. But such faiths lack all inner vitality, all direct motive-power of religious life. This motive-power and vitality must be re-won, for only so can our social organism be healed.
[ 50 ] Ich habe von Inspiration gesprochen. Ich habe davon gesprochen, wie der Mensch eine Erkenntnis wiederum gewinnen müsse, die durch die Kunst bis zur Imagination und hinauf bis zur Inspiration geht. Wird sich die Menschheit dasjenige, was durch die Inspiration einer spirituellen Welt hereinflutet in das menschliche Bewußtsein, wieder erringen, dann wird wiederum ursprüngliche Religion da sein. Dann wird man auch nicht aus dem Intellekt heraus diskutieren, wie eigentlich der Christus gewesen sei, dann wird man wiederum — was man nur durch Inspiration wirklich erkennen kann - wissen, daß der Christus der menschliche Träger eines wirklichen göttlichen Wesens war, das heruntergestiegen ist aus göttlichen Höhen in das irdische Dasein. Denn zum Begreifen des Christus ist übersinnliches Wissen notwendig.
[ 50 ] I have shown how man must regain a knowledge that passes by way of art to Imagination, and thence to Inspiration. If he re-acquires all that flows down from the inspirations of a spiritual world into human consciousness, true religion will once again appear. And then intellectual discussion about the nature of Christ will cease, for through Inspiration it will be known in truth that the Christ was the human bearer of a Divine Being Who had descended from spiritual worlds into earthly existence. Without super-sensible knowledge there can be no understanding of the Christ.
[ 51 ] Und soll das Christentum wiederum tief verankert werden in der Menschheit, dann muß diese Menschheit wiederum den Weg finden zur übersinnlichen Erkenntnis. Das müssen wir wieder gewinnen. Inspiration muß der Menschheit wiederum geben unmittelbares religiöses Leben. Dann werden wir nicht eine Erkenntnis haben, welche den bloßen Naturalismus nachahmt und nicht nur zur Kunst hinüber, sondern auch zur Religion hinüber vor dem Abgrund steht, sondern dann werden wir eine Harmonie haben zwischen Erkenntnis, Kunst und Religion.
[ 51 ] If Christianity is again to be deeply rooted in humanity, the path to super-sensible knowledge must be rediscovered. Inspiration must again impart a truly religious life to mankind in order that knowledge—derived no longer merely from the observation of natural laws—may find no abyss dividing it alike from art and religion. Knowledge, art, religion—these three will be in harmony.
[ 52 ] Und ebenso baute der Urmensch darauf, wenn er nun die Kunst herabgebracht hatte zum Gottesdienst, wenn er hat teilhaftig werden können jener Befeuerung des menschlichen Herzens, die sich einprägen kann, wenn im Gottesdienst der göttliche Wille selber die Menschenhandlungen durchdringt —, daß dann der Gott in den Menschenhandlungen anwesend wird. Und wenn man wiederum dazu gelangen wird, diesen Weg hinüber zu finden von der äußerlichen gegenständlichen Erkenntnis zur Inspiration, dann wird man eben durch Inspiration die unmittelbare Religion haben, dann wird man auf diese Weise wiederum die Möglichkeit finden, auch ebenso mit diesem ursprünglichen Menschen drinnen zu stehen in einer gottgegebenen Sittlichkeit.
[ 52 ] Primeval man was convinced of the presence of God in human deeds when he made his˃ art a divine office and when a consciousness of the fire glowing in his heart as Divine Will pervaded the acts of ritual. And when the path from outer objective knowledge to Inspiration is found once again, true religion will flow from Inspiration and modern man will be permeated—as was primeval man—with a God-given morality.
[ 53 ] Und das fühlte dieser ursprüngliche Mensch: Habe ich den Kultus, habe ich den Gottesdienst, ist der Gottesdienst da in der Welt und ich in ihn verwoben, dann erfüllt sich mein Inneres so, daß ich auch im ganzen Leben, nicht nur an der Kultusstätte, den Gott in der Welt gegenwärtig machen kann.
[ 53 ] In those ancient days man felt: “If I have my divine office, if I share in divine worship, my whole inner being is enriched; God lives not only in the temple but in the whole of my life.”
[ 54 ] Das aber ist die wahre Sittlichkeit: den Gott in der Welt gegenwärtig machen zu können. Keine Natur führt zur Sittlichkeit; allein das führt den Menschen zur Sittlichkeit, was seine Natur hinweghebt über die Natur, was seine Natur erfüllt mit göttlich-geistigem Dasein. Nur jene Intuition, welche über den Menschen kommt, wenn er durch das religiöse Leben sich in den Geist hineinstellt, kann ihn mit wirklicher, innerster menschlich-göttlicher Moralität erfüllen.
[ 54 ] To make the presence of God imminent in the world—this is true morality. Nature cannot lead man to morality. Only that which lifts him above Nature, filling him with the Divine-Spiritual—this alone can lead man to morality. Through the Intuition which comes to him when he finds his way to the spirit, he can fill his innermost being with a morality that is at once human and divine.
[ 55 ] Und so wird auch, wenn wir wieder zur Inspiration kommen, jene Brücke gebaut, die einstmals in der instinktiven Menschheitszivilisation gebaut war, jene Brücke von der Religion zur Sittlichkeit. Wie hinaufführt die Erkenntnis durch die Kunst zu den übersinnlichen Höhen, so wird herunterführen das religiöse Dienen die übersinnlichen Höhen in das Erdendasein so, daß wir dieses Erdendasein wiederum mit einer elementaren, ursprünglichen, unmittelbaren, vom Menschen erlebten Sittlichkeit impulsieren können.
[ 55 ] The attainment of Inspiration thus rebuilds the bridge once existing instinctively in human civilization between religion and morality. As knowledge leads upwards through art to the heights of super-sensible life, so, through religious worship, spiritual heights are brought down to earthly existence, and we can permeate it with pure, deep-rooted morality—a morality that is an act of conscious experience.
[ 56 ] Dann wird der Mensch selber wiederum in Wahrheit individueller Träger eines sittlich durchpulsten Lebens sein können, eines gegenwärtig ihn impulsierenden sittlichen Lebens. Dann wird Moralität ein Geschöpf des einzelnen Menschen werden. Dann wird die Brücke aufgeschlagen über den letzten Abgrund hinüber, der da besteht zwischen Religion und Sittlichkeit. Dann wird in einer modernen Form jene Intuition geschaffen, in welcher der primitive Mensch drinnenstand, wenn er in einer Kultushandlung sich befand. Dann wird durch ein modernes religiöses Leben der Mensch moderne sittliche Verhältnisse schaffen.
[ 56 ] Thus will man himself become the individual expression of a moral activity that is an inner motive power. Morality will be a creation of the individual himself, and the last abyss between religion and morality will be bridged. The intuition pervading primitive man as he enacted his ritual will be re-created in a new form, and a morality truly corresponding with modern conditions will arise from the religious life of our day.
[ 57 ] Das brauchen wir zur Erneuerung unserer Zivilisation. Das brauchen wir, damit wiederum ursprüngliches Leben dasjenige wird, was heute nur Erbschaft, nur Tradition ist und deshalb schwach und unkräftig wirkt. Wir brauchen zu unserem komplizierten sozialen Leben, das über die Erde hin ein Chaos zu verbreiten droht, diese ursprünglichen Impulse. Wir brauchen die Harmonie zwischen Erkenntnis, Kunst, Religion und Sittlichkeit. Wir brauchen in einer neuen Form diesen Weg von der Erde aus, auf der wir uns unsere Erkenntnis erwerben, durch die Inspiration, durch die Kunst hinüber zum unmittelbaren Drinnenstehen, zum Ergreifen des Übersinnlichen in dem religiösen Leben, damit wir wiederum herunterführen können auf die Erde dieses Übersinnliche, im religiösen Leben Gefühlte und in den Willen Umgesetzte im irdisch-sozialen Dasein.
[ 57 ] We need this for the renewal of our civilization. We need it in order that what to-day is mere heritage, mere tradition may spring again into life. This pure, primordial impulse is necessary for our complicated social life that is threatening to spread chaos through the world. We need a harmony between knowledge, art, religion, and morality. The earth-born knowledge which has given us our science of to-day must take on a new form and lead us through Inspiration and the arts to a realization of the super-sensible in the life of religion. Then we shall indeed be able to bring down the super-sensible to the earth again, to experience it in religious life and to transform it into will in social existence.
[ 58 ] Die soziale Frage wird erst in ihrer vollen Tiefe ergriffen werden, wenn sie als eine sittliche, als eine religiöse Frage erfaßt wird. Aber sie wird keine sittliche, religiöse Frage werden, ehe nicht die sittliche und religiöse Frage eine Angelegenheit der spirituellen Erkenntnis wird.
[ 58 ] Only when we see the social question as one of morality and religion can we really grapple with it, and this we cannot do until the moral and religious life arises from spiritual knowledge.
[ 59 ] Erringt sich der Mensch wiederum spirituelle Erkenntnis, dann wird er dasjenige, was er braucht, herbeiführen können, wird gewissermaßen die weitere Entwickelung anknüpfen können an einen instinktiven Ursprung. Dann wird er finden, was gefunden werden muß zum Heile der Menschheit: Harmonie zwischen Wissen, Kunst, Religion und Sittlichkeit.
[ 59 ] The revival of spiritual knowledge will enable man to accomplish what he needs—a link between later phases of evolution and its pure, instinctive origin. Then he will know what is needed for the healing of humanity—harmony between science, art, religion, and morality.
