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Contemporary Intellectual Life and Education
GA 307

5 August 1923, Ilkley

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Erster Vortrag

First Lecture

[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, mein erstes Wort soll ein Gegengruß auf die freundlichen Anreden sein, die von der verehrten Miß Beverley an mich selbst und an Frau Dr. Steiner gesprochen worden sind. Sie dürfen glauben, daß sowohl ich wie auch Frau Dr. Steiner voll zu würdigen verstehen die Einladung zu diesen Vorträgen, die ja im wesentlichen dasjenige umfassen sollen, was aus der Anthroposophie heraus über das Erziehungswesen zu sagen ist und die darauf hinweisen sollen, inwiefern bereits in unserer Waldorfschule in Stuttgart der praktische Versuch gemacht worden ist mit den Grundsätzen, die aus Anthroposophie heraus in pädagogisch-didaktischer Weise entwickelt werden können. Wir sind gern der Einladung hier herauf in den Norden Englands gefolgt, und es ist mir eine tiefe Befriedigung, über die mir im Leben so wertgewordenen Gegenstände hier zu sprechen, um so mehr, als ich nun sprechen darf auch vor denjenigen, die diese Vorträge und die Übungen veranstaltet haben, und die nicht zum erstenmal bei einer Besprechung dieses Gegenstandes von diesem Gesichtspunkte aus anwesend sind. Ich darf daher hoffen, daß nicht nur ein kurzgefaßter Entschluß zu diesen Vorträgen bei den Veranstaltern vorliegt, sondern daß die Veranstaltung selbst als ein Zeugnis dafür aufgefaßt werden darf, daß die vorangegangenen Veranstaltungen denn doch in einiger Weise fruchtbar für die gegenwärtigen Bestrebungen der Welt gelten werden.

[ 1 ] Ladies and gentlemen, I would like to begin by returning the kind words of greeting that the esteemed Miss Beverley has addressed to me and to Dr. Steiner. You may rest assured that both Dr. Steiner and I fully appreciate the invitation to these lectures, which are essentially intended to cover what anthroposophy has to say about education and to highlight the extent to which practical experiments have already been conducted at our Waldorf School in Stuttgart with the principles derived from anthroposophy that can be developed in a pedagogically didactically. We were happy to accept the invitation to come up here to the north of England, and it gives me deep satisfaction to speak here about subjects that have become so dear to me in life, all the more so because I am now able to speak before those who organized these lectures and the workshops, and who are not attending a discussion of this subject from this perspective for the first time. I may therefore hope that the organizers have not merely made a brief decision regarding these lectures, but that the event itself may be regarded as evidence that the previous events will, after all, prove fruitful in some way for the world’s current endeavors.

[ 2 ] Die erste Veranstaltung, an der die Freunde der anthroposophischen Sache aus England teilgenommen haben, war ja abgehalten worden zu Weihnachten des vorvorigen Jahres, als wir in Dornach noch den Bau des Goetheanums stehen hatten, der uns mittlerweile durch das Feuer hinweggenommen worden ist.

[ 2 ] The first event in which the Friends of the Anthroposophical Cause from England participated was held at Christmas two years ago, when the Goetheanum in Dornach was still under construction—a building that has since been destroyed by fire.

[ 3 ] Diese Veranstaltung war veranlaßt durch Mrs. Mackenzie, jene Persönlichkeit, welche ja schon vorher in einer so geistvollen Weise die Hegelsche Pädagogik in einem englisch geschriebenen Buche vermittelt hat. Wenn man das Kongenialische dieses Buches mit der Hegelschen Pädagogik und Philosophie sieht, dann bekommt man die Hoffnung, daß eine verhältnismäßig leichte Verständigung auch, ich möchte sagen, über das Nationale hinaus möglich ist.

[ 3 ] This event was organized by Mrs. Mackenzie, the same individual who had previously conveyed Hegel’s pedagogy in such a witty manner in a book written in English. When one sees how well this book aligns with Hegel’s pedagogy and philosophy, one gains hope that a relatively easy understanding is possible—I would say—even beyond national boundaries.

[ 4 ] Nun ist ja allerdings dasjenige, was ich selbst zu sagen hatte über Pädagogik, nicht herausgeschöpft aus jener mehr intellektualistisch gefärbten Hegelschen Philosophie, sondern aus der durchaus spirituell gefärbten Anthroposophie. Aber auch da war es wiederum Mrs. Mackenzie, welche gefunden hat, wie dennoch einiges Fruchtbare geholt werden könne auch in pädagogischer Beziehung aus dieser zwar mit Hegel voll rechnenden, aber über seine Intellektualität in das Spirituelle hinausgehenden Anthroposophie.

[ 4 ] Now, however, what I myself had to say about pedagogy was not drawn from Hegel’s more intellectually oriented philosophy, but rather from anthroposophy, which is thoroughly spiritually oriented. But here, too, it was once again Mrs. Mackenzie who discovered how something fruitful could nevertheless be gleaned—even in educational terms—from this anthroposophy, which, while fully acknowledging Hegel, transcends his intellectualism to reach into the spiritual realm.

[ 5 ] Dann durfte ich ein zweites Mal das ganze System unserer Pädagogik und seine praktischen Auswirkungen schildern im vorigen Jahre in dem alten Kultur- und Geistessitz, in Oxford. Und vielleicht darf ich annehmen, daß gerade durch die Anregungen, welche gegeben werden konnten durch diese, auch das Verhältnis des Pädagogischen zum Sozialen berücksichtigenden Vorträge, die Veranlassung kommen konnte, daß eine ganze Reihe englischer, der Pädagogik ergebener Persönlichkeiten nun auch unsere Waldorfschule besuchen wollten. Und wir haben dann die große Freude gehabt, diese Freunde innerhalb der Räume unserer Waldorfschule, innerhalb des Arbeitens für Erziehung und Unterricht begrüßen zu dürfen. Es war uns eine große, herzliche Freude, und es war uns eine tiefe Befriedigung, als wir hören durften, daß die Freunde an der Art und Weise, wie die Pädagogik und Didaktik da geübt wird, auch eine gewisse Befriedigung hatten und die Sache mit Interesse verfolgten. Und so scheint denn gerade während dieses uns so sehr erfreuenden Besuches die Idee entstanden zu sein — ich freute mich, als Miß Beverley mir in Stuttgart diese Idee ausdrückte — zu diesem Sommerkurs über Pädagogik hier. Es darf also angenommen werden, daß gewissermaßen schon in dem Früheren die Wurzeln gesucht werden für dasjenige, was jetzt hier geschehen soll. Und damit bekommt man für das, was nun bevorsteht für die pädagogisch-didaktischen Vorträge, die ich von morgen ab hier zu halten habe, auch den entsprechenden Mut und entsprechenden Glauben.

[ 5 ] Then, last year, I had the opportunity to describe our entire educational system and its practical implications a second time at the ancient center of culture and scholarship, Oxford. And perhaps I may assume that it was precisely the inspiration provided by these lectures—which took into account the relationship between pedagogy and social life—that prompted a whole group of English figures dedicated to education to wish to visit our Waldorf School. And we then had the great pleasure of welcoming these friends within the walls of our Waldorf School, amidst our work in education and teaching. It was a great and heartfelt joy for us, and it gave us deep satisfaction to hear that our friends also found a certain satisfaction in the way pedagogy and didactics are practiced here and followed the work with interest. And so it seems that it was precisely during this visit, which gave us so much joy, that the idea arose—I was delighted when Miss Beverley shared this idea with me in Stuttgart—for this summer course on pedagogy here. It may therefore be assumed that, in a sense, the roots of what is now to take place here can already be found in what came before. And this gives us the necessary courage and confidence for what now lies ahead: the lectures on pedagogy and didactics that I am to give here starting tomorrow.

[ 6 ] Und Mut und Glauben braucht man ja, wenn man über etwas zu sprechen hat, das gegenwärtig sich noch als ein so Fremdes hineinstellt in das Geistesleben, das von vielen Seiten in einer so scharfen Weise heute noch angefeindet wird. Mut und Glauben braucht man insbesondere dann, wenn es sich um die Schilderung von Prinzipien handelt, die an den Menschen selbst, dieses größte Kunstwerk des Universums, schöpferisch bildend herantreten wollen.

[ 6 ] And one certainly needs courage and faith when speaking about something that currently still appears so foreign to intellectual life—something that is still so sharply opposed from many quarters today. One needs courage and faith especially when it comes to describing principles that seek to approach human beings themselves—this greatest work of art in the universe—in a creatively formative way.

[ 7 ] Nun darf ich vielleicht die Freunde, welche unsere Waldorfschule in diesem Jahre in Stuttgart besucht haben, darauf hinweisen, daß sie vielleicht schon durch den Anblick desjenigen, was sie da sahen, ein wenig daran erinnert wurden, wie grundsätzlich die WaldorfschulPädagogik und -Didaktik rechnet mit den tiefsten Wurzeln des modernen Lebens, und wie daher diese Waldorfschul-Pädagogik eigentlich im Grunde genommen von vornherein eine Art Verräter ist an dem, was sie selber in ihrem Namen anzeigen will: Pädagogik - ein wertgeschätzter alter griechischer Name, hervorgegangen aus der ernsten Hingabe an pädagogische Betrachtungen durch Plato, durch die Platoniker.

[ 7 ] Perhaps I may point out to the friends who visited our Waldorf School in Stuttgart this year that, simply by seeing what they saw there, they may have been reminded a little of how fundamentally Waldorf pedagogy and didactics are rooted in the deepest foundations of modern life, and how, therefore, this Waldorf school pedagogy is, in essence, from the very beginning, a kind of betrayal of what it itself seeks to convey in its name: pedagogy—a revered ancient Greek term, born of the serious dedication to pedagogical reflections by Plato and the Platonists.

[ 8 ] Pädagogik - wir können sie ja heute gar nicht mehr gebrauchen, wir müssen sie ja eigentlich wegwerfen; denn sie zeigt uns dasjenige, was sie leisten will, schon durch ihren Namen in der größtdenkbaren Einseitigkeit. Das konnten die verehrten Besucher ja sogleich in der Waldorfschule finden.

[ 8 ] Pedagogy—we can’t really use it anymore today; in fact, we should really discard it, because even its name reveals, in the most extreme one-sidedness imaginable, exactly what it aims to achieve. Our esteemed visitors were able to see this right away at the Waldorf School.

[ 9 ] Man denke sich einmal, daß die Besucher der Waldorfschule - es ist das heute nichts Besonderes, aber ich will nur hervorheben, daß eben die Waldorfschul-Pädagogik mit den modernsten Strömungen rechnet —, man denke sich, daß die Besucher in der gleichen Klasse Knaben und Mädchen beieinanderfinden, in der gleichen Weise erzogen, in der gleichen Weise unterrichtet.

[ 9 ] Just imagine that at a Waldorf school—this is nothing unusual today, but I simply want to emphasize that Waldorf pedagogy takes the most modern trends into account—just imagine that in the same class, boys and girls are together, raised in the same way and taught in the same way.

[ 10 ] Aber Pädagogik — was besagt der Name? Der Pädagoge ist ein Knabenführer. Er bezeichnet uns von vornherein, wie der Grieche aus einer menschlichen Einseitigkeit heraus erzogen und unterrichtet wurde. Er schloß die Hälfte der Menschen ganz aus von dem, was man in vollem Ernste als Erziehung und Unterricht auffaßte. Für den Griechen war eigentlich nur der Mann ein Mensch, und das weibliche Wesen mußte sich still zurückziehen, wenn es sich um ernsthafte Pädagogik handelte, denn der Pädagoge ist seinem Namen nach ein Knabenführer. Er ist nur für das männliche Geschlecht da.

[ 10 ] But pedagogy—what does the name mean? The pedagogue is a guide to boys. From the outset, it tells us how the Greeks were raised and educated based on a one-sided view of humanity. It completely excluded half of humanity from what was taken in all seriousness as education and instruction. For the Greeks, only men were truly considered human beings, and women had to quietly withdraw when it came to serious pedagogy, for the pedagogue, by definition, is a guide for boys. He is there only for the male sex.

[ 11 ] Nun wirkt ja die Anwesenheit der Mädchen als Schüler in unserer heutigen Zeit — in vieler Beziehung gegenüber einer gar nicht so weit zurückliegenden Zeit eben etwas wesentlich Radikales — auch nicht gerade mehr schockierend; aber das andere wird doch selbst auch heute für viele noch etwas sehr Befremdliches haben: bei uns sind nicht nur männliches und weibliches Geschlecht gleichberechtigt nebeneinander als Schüler und Schülerinnen, sondern auch in der Lehrerschaft. Wir machen keinen Unterschied zwischen der Lehrerschaft, wenigstens keinen prinzipiellen Unterschied bis in die höchsten Klassen hinauf.

[ 11 ] Nowadays, the presence of girls as students—which, in many respects, is something quite radical compared to a time not so long ago—is no longer particularly shocking; but the other aspect will still strike many as quite strange even today: in our school, not only do male and female students enjoy equal status as students, but so do the teachers. We make no distinction among the teaching staff—at least no distinction in principle—all the way up to the highest grades.

[ 12 ] So mußte für uns vor allen Dingen maßgebend werden, diese Einseitigkeit gegenüber dem allgemein Menschlichen abzustreifen. Wir mußten dasjenige, was der altgewohnte Name Pädagogik in sich schließt, von vornherein verraten, wollten wir eine der Gegenwart gemäße Pädagogik hinstellen. Es ist das nur eine Einseitigkeit, die in dem Namen Pädagogik vorliegt. Im ganzen und großen muß man sagen, sind die Zeiten nicht so lange her, in denen man, wenn es sich um Erziehung und Unterricht handelte, eigentlich gar nichts wußte von dem Menschen im allgemeinen. Es war ja nicht nur die Einseitigkeit: männliches und weibliches Geschlecht — es waren gerade auf dem Gebiete der Pädagogik unzählige Einseitigkeiten da.

[ 12 ] Above all, it became essential for us to shed this one-sidedness toward what is universally human. We had to abandon from the outset what the traditional term “pedagogy” implies if we were to establish a pedagogy appropriate to the present. It is simply a one-sidedness inherent in the term “pedagogy.” On the whole, it must be said that it was not so long ago that, when it came to education and instruction, people actually knew nothing at all about human beings in general. It was not just the one-sidedness regarding male and female genders—there were countless other forms of one-sidedness, particularly in the field of pedagogy.

[ 13 ] Kam denn nach den alten Prinzipien der allgemeine Mensch zum Vorschein, wenn die Erziehung, der Unterricht abgeschlossen war? Nie! Heute ist aber die Menschheit durchaus auf dem Wege nach der Suche des Menschen, der reinen, ungetrübten, undifferenzierten Menschlichkeit. Daß dieses angestrebt werden mußte, das geht ja schon hervor aus der Art und Weise, wie die Waldorfschule eingerichtet wurde. Es war zunächst der Gedanke, den Proletarierkindern der WaldorfAstoria-Fabrik einen Unterricht zu geben. Und weil derjenige, der die Waldorf-Astoria-Fabrik leitete, in der Anthroposophischen Gesellschaft war, so wendete er sich an mich, um diesen Unterricht einzurichten. Ich selber konnte diesen Unterricht nicht anders als aus den Wurzeln der Anthroposophie heraus einrichten. So entstand die Waldorfschule zunächst als eine ganz allgemeine, sogar könnte man sagen, aus dem Proletariat herausgebildete Menschheitsschule. Und nur weil derjenige, der zuerst den Gedanken an diese Schule hatte, zu gleicher Zeit Anthroposoph war, wurde diese Schule anthroposophisch. So daß hier die Tatsache vorliegt, daß aus einer sozialen Wurzel heraus allerdings das pädagogische Gebilde herausgekommen ist, das in bezug auf den ganzen Unterrichtsgeist, auf seine ganze Unterrichtsmethode seine Wurzel in der Anthroposophie sucht; aber nicht so, daß wir im entferntesten eine anthroposophische Schule haben, sondern nur weil wir glauben, daß Anthroposophie sich in jedem Momente soweit selbst verleugnen kann, daß sie eben nicht eine Standesschule, eine Weltanschauungsschule oder sonst irgendeine Spezialschule, sondern eine allgemeine Menschheitsschule zu gestalten in der Lage ist.

[ 13 ] Did the universal human being emerge according to the old principles once education and instruction were complete? Never! Today, however, humanity is very much on the path toward the search for the human being—pure, unclouded, undifferentiated humanity. That this had to be the goal is already evident from the way the Waldorf School was established. The initial idea was to provide education for the working-class children of the Waldorf-Astoria factory. And because the person who ran the Waldorf-Astoria factory was a member of the Anthroposophical Society, he turned to me to set up this educational program. I myself could not organize this program other than from the roots of anthroposophy. Thus, the Waldorf School initially emerged as a completely general school—one might even say, a school of humanity formed out of the working class. And it was only because the person who first conceived the idea for this school was also an anthroposophist that the school became anthroposophical. So the fact remains that, while the educational institution did indeed emerge from a social foundation, it seeks its roots in anthroposophy with regard to its entire educational spirit and its entire teaching method; but not in the sense that we have, even remotely, an anthroposophical school, but only because we believe that anthroposophy is capable, at any moment, of denying itself to the extent that it is able to shape not a school for a particular class, a school based on a worldview, or any other kind of specialized school, but rather a general school for all humanity.

[ 14 ] Das mag wohl denen aufgefallen sein, die die Waldorfschule besuchten. Und es kann auffallen in jeder einzelnen Handlung, die dort gepflogen wird. Und das mag dazu geführt haben, daß diese Einladung erfolgte. Und jetzt, im Beginne dieser Vorträge, wo ich zunächst noch nicht über die Erziehung zu sprechen habe, sondern wo ich eine Art einleitenden Vortrages zu halten habe, lassen Sie mich vor allen Dingen in dem ersten Teil dieses Vortrages all denjenigen, die in einer so hingebungsvollen Weise an dem Zustandekommen dieses Sommerkurses gearbeitet haben, den allerherzlichsten Dank aussprechen, auch Dank dafür, daß sie aufnehmen wollten in das Gebiet dieses Sommerkursus eurythmische Darbietungen, die heute schon einen so integrierenden Teil in alldem bilden, was mit unserer Anthroposophie beabsichtigt ist.

[ 14 ] This may well have been noticed by those who attended the Waldorf School. And it can be observed in every single activity carried out there. And that may have led to this invitation being extended. And now, at the beginning of these lectures—where I am not yet to speak about education, but rather am to give a kind of introductory lecture—let me, above all, in the first part of this lecture, express my most heartfelt thanks to all those who have worked so devotedly to make this summer course a reality, including thanks for their willingness to include eurythmy performances in this summer course, which already form such an integral part of everything that is intended within our anthroposophy.

[ 15 ] Aber lassen Sie mich im Beginne eine Hoffnung aussprechen. Ein Sommerkurs vereinigt uns. Wir haben uns mit demjenigen, was wir hier ausmachen wollen, in den schönen, aber immerhin nördlichen Winkel Englands zurückgezogen, fern von dem, was wir im Winter als heute noch ganz ernsthaftes Leben zu treiben haben. Sie haben sich weggenommen von jenem Lebensernst die andere Zeit, die Zeit im Sommer, Ihre Erholungspause, um teilzunehmen an den Besprechungen von etwas, das eigentlich meint, sehr viel mit der Zukunft zu tun zu haben, und das eigentlich meint: es müsse einmal die Zeit kommen, wo derselbe Geist, der uns jetzt zwei Wochen während unserer Erholungspause zusammenbringen darf, uns beseelen könnte für dasjenige, was wir als Menschen den ganzen Winter hindurch treiben.

[ 15 ] But let me begin by expressing a hope. A summer course has brought us together. We have retreated to this beautiful—though, after all, northern—corner of England to pursue what we have set out to do here, far from the serious business of life that we must still attend to in the winter. You have taken time away from that seriousness of life—the other time, the time in summer, your break—to participate in discussions about something that actually claims to have a great deal to do with the future, and that actually claims: there must one day come a time when the same spirit that now brings us together for two weeks during our respite might inspire us in what we, as human beings, engage in throughout the winter.

[ 16 ] Denn man muß nicht nur doppelt danken. — Man kann es gar nicht berechnen, wie viele Male man dankbar sein muß dafür, daß Sie sich zusammengefunden haben, um Ihre Erholungspause, die Sie herausnehmen mußten aus dem heutigen Ernst des Lebens, der Betrachtung von Zukunftsideen zu widmen. Ebenso herzlich, wie ich Ihnen dafür jetzt danken möchte, ebenso möchte ich auch hoffen, daß wir durch solche erholende Betrachtung desjenigen, was wir für die Zukunft wertvoll halten, immer mehr und mehr dazukommen, daß der Geist eines solchen Sommerkursus auch in die Wintermonate und Winterwochen ein bißchen eindringe. Denn nur dadurch hat der Inhalt eines solchen Sommerkursus einen Sinn.

[ 16 ] For one must not only give thanks twice over. — It is impossible to count how many times one must be grateful that you have come together to devote your respite—which you had to take from the seriousness of life today—to contemplating ideas for the future. Just as warmly as I would like to thank you for this now, I would also like to hope that, through such a refreshing contemplation of what we consider valuable for the future, we will increasingly come to the point where the spirit of such a summer course also permeates the winter months and weeks a little. For only in this way does the content of such a summer course have meaning.

[ 17 ] Mit diesen Worten wollte ich zunächst einleitend den herzlichsten Dank den verehrten Veranstaltern und den verehrten Zuhörern aussprechen.

[ 17 ] With these words, I would like to begin by expressing my heartfelt thanks to the esteemed organizers and the esteemed audience.

[ 18 ] Nach der Übersetzung werde ich dann fortfahren.

[ 18 ] I will continue after the translation.



[ 19 ] Ich darf an die eindrucksvollen Worte anknüpfen, die gestern von Miß Macmillan gesprochen worden sind, in denen sich ein tiefgehender sozialpädagogischer Impuls aussprach, die in einem gewissen Sinne Zeugnis dafür ablegten, wie in unserer Zeit tiefe moralische Impulse gesucht werden müssen, um die allgemeine Zivilisation der Menschheit gerade auf dem Wege des Erziehungswesens weiterzubringen.

[ 19 ] I would like to build upon the impressive words spoken yesterday by Miss Macmillan, which expressed a profound socio-educational impulse and, in a certain sense, bore witness to how, in our time, deep moral impulses must be sought in order to advance the general civilization of humanity precisely through the path of education.

[ 20 ] Gerade wenn man die Bedeutung solcher Impulse für die gegenwärtige Zeit tief auf das Menschenherz wirken läßt, dann kommt man zu der grundsätzlichen Frage im Geistesleben der Gegenwart. Und diese grundsätzliche Frage knüpft an die Gestaltung an, die unsere Kultur und Zivilisation im Laufe der Menschheitsgeschichte angenommen hat.

[ 20 ] It is precisely when one allows the significance of such impulses to deeply resonate in the human heart in the present day that one arrives at the fundamental question in contemporary spiritual life. And this fundamental question is linked to the form that our culture and civilization have taken over the course of human history.

[ 21 ] Wir leben heute in einer Zeit, in der bis zu einem gewissen Grade wichtigste Faktoren unvermittelt nebeneinander stehen: dasjenige, was der Mensch durch Erkenntnis — zumeist durch eine auf dem Wege des bloßen Intellekts vermittelte Erkenntnis - sich über die Welt erwerben kann; und dasjenige, was der Mensch als sein tiefes inneres Erlebnis zum Ausdruck bringen will auf künstlerischem Gebiete, nachahmend gewissermaßen die Schöpfertätigkeit Gottes mit seinen menschlichen Kräften. Und wir leben gegenüber demjenigen, wo der Mensch versucht, die Wurzeln seines eigenen Daseins in Verbindung zu bringen mit den Wurzeln der Welt: wir leben gegenüber dem religiösen Streben, der religiösen Sehnsucht des Menschen. Und dann versuchen wir aus unserem Inneren herauszuholen jene Impulse, die uns als Menschen, als sittliches Wesen hineinstellen in das Zivilisationsdasein.

[ 21 ] We live today in an age in which, to a certain extent, the most important factors exist side by side: that which human beings can acquire about the world through knowledge—mostly through knowledge mediated by the intellect alone—; and that which human beings seek to express as their deep inner experience in the realm of art, imitating, as it were, God’s creative activity with their human powers. And we are confronted with that which seeks to connect the roots of human existence with the roots of the world: we are confronted with human religious striving, with human religious longing. And then we seek to draw from within ourselves those impulses that place us, as human beings and moral beings, within the fabric of civilization.

[ 22 ] Wir finden uns diesen vier Ästen der Zivilisation gegenüber: der Erkenntnis, der Kunst, der Religion, der Moralität. Aber wir haben erst im Laufe der Menschheitsentwickelung - ich will nicht Kritik üben, die Sache ist eine Notwendigkeit, aber verstanden muß sie werden -, wir haben es im Laufe der Menschheitsentwickelung dazu gebracht, daß diese vier Äste in unserem Leben nebeneinander sich entwickeln, und daß uns die eigentliche einheitliche Wurzel für unser Bewußtsein fehlt.

[ 22 ] We find ourselves faced with these four branches of civilization: knowledge, art, religion, and morality. But it is only in the course of human development—I do not wish to criticize this; it is a necessity, but it must be understood—that we have come to a point where these four branches develop side by side in our lives, and where we lack the true, unified root for our consciousness.

[ 23 ] Und daher darf gegenüber dieser Tatsache heute erinnert werden an den Ausgangspunkt der Menschheit in bezug auf die Zivilisation. Es gab eine uralte Zeit der Menschheitsentwickelung, in der das Wissen, das künstlerische Leben, die Religion und die Sittlichkeit eins waren; eine Zeit, in welcher der Mensch, als der Intellekt noch nicht zu jener Abstraktheit entwickelt war, der wir heute gegenüberstehen, durch eine Art alten bildhaften Anschauens sich klar zu werden versuchte über die Rätsel des Daseins, eine Zeit, in der vor der Seele des Menschen standen die mächtigen Bilder, die dann in dekadenter Art als Mythen, als Sagen zu uns gekommen sind, ursprünglich aber Erkenntnis, Erleben des geistigen Inhaltes der Welt bedeutet haben. Es gab eine solche Zeit, in welcher der Mensch sich in diesem unmittelbaren inneren Bild-Erleben, in dieser unmittelbaren inneren Imagination vergegenwärtigte, was der Welt, der Sinnenwelt als ihr Geistiges zugrunde liegt.

[ 23 ] And so, in light of this fact, we may recall today the starting point of humanity with regard to civilization. There was an ancient era of human development in which knowledge, artistic life, religion, and morality were one; a time in which human beings—when the intellect had not yet developed to the level of abstraction we face today—sought to make sense of the mysteries of existence through a kind of ancient, pictorial perception; a time in which the soul of humanity was confronted with the powerful images that have come down to us in a decadent form as myths and legends, but which originally signified knowledge, experience of the spiritual content of the world. There was such a time when human beings, through this immediate inner experience of images, through this immediate inner imagination, brought to mind what underlies the world—the sensory world—as its spiritual essence.

[ 24 ] Und was er so aus der Welt herauslesen konnte durch seine instinktive Imagination, vergegenwärtigte er sich, indem er die Stoffe dieser Erde — den Stoff der Architektur, den Stoff der Bildhauerei, den Stoff der Malerei, den Stoff der Musik, den Stoff anderer Künste - so benützte, daß er, was als seine Erkenntnis sich ergab, in äußerer Form ausgestaltete, es zum Entzücken seines Herzens in äußere sinnliche Form brachte, gewissermaßen das göttliche Schaffen mit menschlichen Kräften nachbildend, das vor sich hinstellend, was erst in sein Wissen, in seine Erkenntnis eingeflossen war. Und es hatte der Mensch eine Kunst, die für seine Sinne dasjenige spiegelte, was er erst in seine Erkenntnis aufnehmen konnte.

[ 24 ] And whatever he was able to discern from the world through his instinctive imagination, he brought to life by making use of the materials of this earth—the material of architecture, the material of sculpture, the material of painting, the material of music, the material of other arts —in such a way that he shaped what emerged as his insight into an outward form, bringing it into an outward, sensory form to the delight of his heart, in a sense imitating divine creation with human powers, setting before him what had first flowed into his knowledge and insight. And so humankind possessed an art that reflected for the senses what it had first been able to take in through its understanding.

[ 25 ] Diese Tatsache trat ja in einer Abschwächung wiederum bei Goethe auf, als er aus seiner eigenen Erkenntnis- und Kunstüberzeugung heraus das bedeutsame Wort sprach: «Das Schöne ist eine Manifestation geheimer Naturgesetze, die uns ohne dessen Erscheinung ewig wären verborgen geblieben», und als er das andere, nicht minder bedeutsame Wort, wiederum aus seiner innersten Kunst- und Erkenntnisüberzeugung heraus sprach: «Wem die Natur ihr offenbares Geheimnis zu enthüllen anfängt, der empfindet eine unwiderstehliche Sehnsucht nach ihrer würdigsten Auslegerin, der Kunst.»

[ 25 ] This fact reappeared, albeit in a milder form, in Goethe’s work when, drawing on his own convictions regarding knowledge and art, he uttered these significant words: “ Beauty is a manifestation of secret laws of nature that would have remained eternally hidden from us were it not for its appearance,” and when he uttered the other, no less significant statement, again based on his deepest convictions regarding art and knowledge: “Whoever to whom nature begins to reveal her manifest secret feels an irresistible longing for her most worthy interpreter, art.”

[ 26 ] Aus solcher Anschauung geht dann hervor, wie der Mensch eigentlich darauf angelegt ist, Wissenschaft und Kunst nur als die zwei Gestaltungen einer und derselben Wahrheit anzunehmen, Und so war es ursprünglich in der Entwickelung der Menschheit. Was den Menschen als Erkenntnis innerlich befriedigte, indem es ihm in Ideen sich vor die Seele stellte, was ihn entzückte als Schönheit, wenn er es in der Kunst vor seine Sinne hingestellt schaute — Erkenntnis und Kunst aus einer Wurzel stammend -, das war einstmals dasjenige, was eine primitivere Menschheit als ihre Zivilisation erlebt hat.

[ 26 ] From this perspective, it becomes clear how human beings are, in fact, naturally inclined to regard science and art as merely two manifestations of one and the same truth. And this was how it was originally in the development of humanity. What satisfied human beings inwardly as knowledge, presenting itself to their souls in the form of ideas, and what delighted them as beauty when they beheld it presented to their senses in art—knowledge and art stemming from a single root—that was once what a more primitive humanity experienced as its civilization.

[ 27 ] Und wie stehen wir heute dazu? Wir stehen dazu so, daß wir allmählich durch dasjenige, was uns der Intellekt, die Abstraktion gegeben hat, eine Wissenschaft, eine Erkenntnis begründen wollen, die soviel als möglich gerade das ausschaltet, was künstlerisch ist. Man fühlt es förmlich wie sündhaft, wenn man in der Wissenschaft irgendwie etwas Künstlerisches geltend macht. Und derjenige, der etwa diese Sünde begeht, daß er in ein wissenschaftliches Buch etwas Künstlerisches hineinbringt, er ist von vornherein mit dem Makel des Dilettanten heute belegt. Denn die Erkenntnis muß nüchtern, muß objektiv sein, so sagt man; die Kunst, die darf dasjenige geben, was mit der Objektivität nichts zu tun hat, was durch die Willkür des Menschen herauskommt. Dadurch aber bildet sich ein tiefer Abgrund zwischen Erkenntnis und Kunst. Und der Mensch findet sich über diesen Abgrund nicht mehr herüber.

[ 27 ] And what is our stance on this today? Our stance is that, through what the intellect and abstraction have given us, we gradually seek to establish a science, a body of knowledge, that, as much as possible, eliminates precisely that which is artistic. It is practically considered sinful to assert anything artistic in science. And anyone who commits this “sin”—by introducing something artistic into a scientific book—is today branded from the outset as a dilettante. For knowledge must be sober, must be objective, so they say; art, on the other hand, is allowed to provide that which has nothing to do with objectivity, that which arises from human arbitrariness. This, however, creates a deep chasm between knowledge and art. And people can no longer bridge this chasm.

[ 28 ] Aber er findet sich zu seinem Schaden über diesen Abgrund nicht mehr herüber. Denn wenn man dasjenige Wissen, diejenige Erkenntnis noch so weitgehend anwendet, die heute allgemein geschätzt ist als die kunstfreie Erkenntnis, man kommt zu jenem ausgezeichneten, hier auch voll anzuerkennenden Erkennen der Natur, namentlich der leblosen Natur; aber man muß stehenbleiben in dem Momente, wo man an den Menschen herankommen will. Daher kann man sich heute überall umsehen in der Wissenschaft, sie gibt Antwort in großartiger Weise auf Fragen der äußeren Natur; sie bleibt stehen da, wo es sich um den Menschen handelt. Man dringt mit den Gesetzen, die man in der Naturwissenschaft gewinnt, nicht bis zum Menschen vor. Warum? Weil - so ketzerisch das für das heutige Bewußtsein klingt, es muß gesagt werden —, weil in dem Momente, wo man mit den Naturgesetzen herankommt zum Menschen, man künstlerisch wirken muß. Ja, es ist ketzerisch, denn da sagen die Leute: Jetzt treibst du nicht mehr Wissenschaft! Du folgst nicht mehr dem Gesetze der Beobachtung, dem Gesetze der strengen Logik, an die du dich zu halten hast, die du erkennen willst, wenn du an den Menschen, um ihn zu erfassen, mit künstlerischem Sinn herantrittst. Man kann lange darüber deklamieren, daß solch ein Herankommen an den Menschen in künstlerischem Sinne unwissenschaftlich ist, weil es künstlerisch ist. Wenn die Natur den Menschen künstlerisch macht, so mag der Mensch noch so lange diskutieren, daß das Verfahren, ihn zu erfassen, nicht wissenschaftlich ist: es würde eben nichts anderes zur Folge haben, als daß man mit all dem wissenschaftlichen Verfahren den Menschen nicht erfassen kann.

[ 28 ] But, to his detriment, he can no longer find his way across this abyss. For no matter how extensively one applies that knowledge and insight which is generally valued today as “artless knowledge,” one arrives at that excellent understanding of nature—namely, inanimate nature—which is also fully to be acknowledged here; but one must stop short the moment one attempts to approach human beings. That is why, if one looks around at science today, one sees that it provides magnificent answers to questions about external nature; yet it comes to a halt when it comes to human beings. One does not advance as far as human beings using the laws derived from the natural sciences. Why? Because—as heretical as this may sound to today’s consciousness, it must be said—because the moment one approaches human beings with the laws of nature, one must act artistically. Yes, it is heretical, for then people say: “Now you are no longer doing science!” You are no longer following the laws of observation, the laws of strict logic, to which you must adhere, which you seek to understand when you approach human beings with an artistic sensibility in order to grasp them. One can go on at length about how such an artistic approach to human beings is unscientific precisely because it is artistic. If nature makes human beings artistic, then no matter how long people argue that the method of understanding them is unscientific, it would simply mean that human beings cannot be understood through scientific methods alone.

[ 29 ] So bleibt man mit aller heutigen Wissenschaft stehen vor dem Menschen und merkt nur, wenn man unbefangen genug ist: da mußt du zu etwas anderem greifen, da mußt du hineinlaufen lassen deine intellektualistische Wissenschaftlichkeit in Künstlerisches. Du mußt die Wissenschaft selber zur Kunst werden lassen, wenn du an den Menschen herankommst.

[ 29 ] So, even with all of today’s science, one stands before humanity and realizes—if one is open-minded enough—that you must turn to something else; you must let your intellectual, scientific approach flow into the artistic. You must let science itself become art if you are to truly understand humanity.

[ 30 ] Nun lernt man, wenn man sich diesem Weg hingibt, aber ganz hingibt mit seiner vollen menschlichen Seele, nicht nur den Menschen äußerlich künstlerisch betrachten, sondern, wenn man die entsprechenden Wege geht, lernt man das Intellektualistisch-Wissenschaftliche einlaufen lassen in dasjenige, was ich in meinem Buche: «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» beschrieben habe als imaginative Erkenntnis. Diese imaginative Erkenntnis, die heute noch so viel angefochten und angefeindet wird, sie ist möglich, wenn das Denken, das sich sonst passiv der äußeren Welt hingibt, das ja immer mehr und mehr ein Bestandteil unserer Zivilisation in dieser Passivität geworden ist, wiederum aktiv wird, wenn es wiederum innerlich sich zur Aktivität aufrüttelt.

[ 30 ] Now, when one devotes oneself to this path—but devotes oneself completely, with one’s whole human soul—one learns not only to view human beings artistically from the outside, but, if one follows the appropriate paths, one learns to allow intellectual and scientific understanding to flow into what I have described in my book: *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?* as “imaginative knowledge.” This imaginative knowledge, which is still so widely contested and met with hostility today, is possible when thinking—which otherwise passively surrenders to the external world and has, in this passivity, become an ever-greater part of our civilization—becomes active again, when it rouses itself inwardly to activity.

[ 31 ] Es ist schwer, über dieses heute zu reden, denn man redet nicht nur von einer wissenschaftlichen Zeitgewohnheit oder gegen eine wissenschaftliche Zeitgewohnheit, sondern man redet im Grunde genommen, wenn man dieses auseinandersetzt, gegen die ganze heutige Zivilisation. Denn es ist ja immer beliebter und beliebter geworden, die Aktivität des Denkens, das innerliche Dabeisein, das innerliche Tätigsein im Denken ganz außer acht zu lassen und sich nur hinzugeben den aufeinanderfolgenden Ereignissen, und dann das Denken einfach fortlaufen zu lassen in den aufeinanderfolgenden Ereignissen, nicht mitzutun im Denken.

[ 31 ] It is difficult to speak about this today, for one is not merely speaking in favor of or against a scientific convention of the times, but—when one examines this issue—one is, in essence, speaking out against the entire civilization of today. For it has, after all, become increasingly popular to completely disregard the activity of thinking—that inner presence, that inner engagement in thought—and to simply surrender oneself to successive events, allowing one’s thinking to run its course within those events without actively participating in the thought process.

[ 32 ] Begonnen hat es damit, daß immer mehr und mehr der Ruf entstanden ist, man müsse den geistigen Dingen gegenüber recht anschaulich sein. Man nehme einen Vortrag, der nicht anschaulich sein kann, weil er von geistigen Dingen redet und voraussetzt, daß die Zuhörer — weil man nur Worte sprechen kann zur Anregung und nicht die Dinge herumhuscheln und herumzaubern lassen kann - innerlich ihr Denken in Aktivität setzen, um das mitzumachen, was Worte nur andeuten: man wird heute schon finden, wie ein großer Teil der Zuhörerschaft - die in anderen Sälen selbstverständlich als diesem heutigen sitzt — zu gähnen anfängt, weil das Denken nur passiv ist, der Mensch nicht mehr aktiv mitgeht, bis er zuletzt sogar einschläft. Denn man verlangt, es soll alles anschaulich sein, mit Lichtbildern illustriert sein, damit man nicht zu denken brauche. Man kann nicht denken! Damit hat es begonnen, ist auch viel weitergegangen. Im «Hamlet», da muß man noch mit der Sache mitgehen, da muß man auch noch das gesprochene Wort verfolgen. Man ist heute vom Schauspiel aufs Kino gekommen: da braucht man nicht mehr aktiv zu sein, da rollen die Bilder nach der Maschine ab, und man kann ganz passiv sein. Und so hat man allmählich jene innere Aktivität des Menschen verloren. Die aber ist es, die erfaßt werden muß. Dann merkt man, daß das Denken nicht bloß etwas ist, was von außen angeregt werden kann, sondern daß es eine innerliche Kraft im Menschen selbst darstellt.

[ 32 ] It all began with a growing call for greater clarity when dealing with spiritual matters. Take, for example, a lecture that cannot be vivid because it deals with spiritual matters and presupposes that the listeners—since one can only use words to stimulate the mind and cannot make things rustle or conjure them up—must actively engage their thinking to participate in what words can only hint at: one will already find today that a large portion of the audience—sitting, of course, in halls other than the one we are in today—begins to yawn because their thinking is merely passive; people no longer actively engage with the material, until they eventually even fall asleep. For people demand that everything be vivid, illustrated with slides, so that they do not have to think. People can’t think! That’s how it began, and it has gone much further. In *Hamlet*, one still has to engage with the story; one still has to follow the spoken word. Today, we have moved from the theater to the cinema: there, one no longer needs to be active; the images roll by mechanically, and one can remain completely passive. And so, little by little, we have lost that inner activity of the human being. Yet it is precisely this that must be grasped. Then one realizes that thinking is not merely something that can be stimulated from the outside, but that it represents an inner force within the human being himself.

[ 33 ] Dasjenige Denken, das unsere heutige Zivilisation kennt, ist nur die eine Seite der Sache. Schaut man das Denken innerlich, von der anderen Seite an, so ist es diejenige Kraft, die von Kindheit an den Menschen zugleich aufbaut.

[ 33 ] The kind of thinking that characterizes our modern civilization is only one side of the coin. If one looks at thinking from within, from the other side, it is the very force that shapes a person from childhood onward.

[ 34 ] Um das einzusehen, dazu braucht man die innerlich plastische Kraft, die den abstrakten Gedanken ins Bild umformt. Und gibt man sich auf diesem Wege die richtige innerliche Mühe, dann ist man in dem, was ich in dem genannten Buche den Anfang der Meditation genannt habe; dann ist man auf dem Wege, nun nicht nur überzuleiten das Können in die Kunst, sondern das ganze Denken des Menschen in Imagination; so daß man innerhalb einer imaginativen Welt steht, von der man aber jetzt weiß: sie ist nicht ein Geschöpf unserer eigenen Phantasie, sie muß auf eine objektive Welt deuten. Man ist sich ganz klar darüber bewußt, daß man diese objektive Welt noch nicht hat in der Imagination, aber man weiß, daß man die Bildhaftigkeit dieser objektiven Welt hat.

[ 34 ] To understand this, one needs the inner creative power that transforms abstract thoughts into images. And if one makes the proper inner effort in this way, then one is at what I have called the beginning of meditation in the aforementioned book; then one is on the path not only to transform skill into art, but also to transform the whole of human thought into imagination; so that one stands within an imaginative world, yet one now knows: it is not a creation of our own imagination; it must point to an objective world. One is fully aware that one does not yet possess this objective world in the realm of imagination, but one knows that one possesses the pictorial nature of this objective world.

[ 35 ] Und jetzt handelt es sich nur darum, auch einzusehen, daß man über die Bildhaftigkeit hinauskommen müsse. Man hat ja lange zu tun, wenn man zu der Bildhaftigkeit, zu diesem inneren schöpferischen Denken kommen will, zu diesem Denken, das nicht bloß Phantasiebilder erfaßt, sondern Bilder, die ihre Realität in ihrer eigenen Wesenheit tragen. Aber man muß dann dazu kommen, dieses ganze Schaffen der eigenen Wesenheit wiederum auszuschalten. Man muß zu einer innerlichen, sittlichen Tat kommen.

[ 35 ] And now it is simply a matter of realizing that one must move beyond the pictorial. It takes a long time, after all, to arrive at this pictorial quality, at this inner, creative thinking—a thinking that grasps not merely images of the imagination, but images that carry their reality within their very essence. But one must then go on to set aside this entire creative process of one’s own essence. One must arrive at an inner, moral act.

[ 36 ] Ja, es ist eine sittliche Tat im Inneren des Menschen! Nachdem man sich alle Mühe gegeben hat - und Sie können lesen in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», welche Mühen man sich zu geben hat, um zu diesem bildhaft-aktiven Denken zu kommen - nachdem man alle Seelenkräfte, die ganze Totalität der Seelenkräfte aufzuwenden hat, also das Selbst im höchsten Sinne anzuspannen hat, dann muß man, nachdem man zuerst diese höchste Anspannung geleistet hat, wiederum alles das ausschalten können, was man auf diesem Wege gewonnen hat.

[ 36 ] Yes, it is a moral act within the human being! After one has made every effort—and you can read in my book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*, what efforts one must make to attain this pictorial-active thinking—after one has had to employ all the soul’s powers, the entire totality of the soul’s powers, that is, to mobilize the Self in the highest sense—then, after first having achieved this highest mobilization, one must be able to set aside everything that one has gained along this path.

[ 37 ] Die höchsten Früchte des aktiven, zur Meditation gesteigerten Denkens muß man im eigenen Selbst entwickelt haben und dann selbstlos werden können, dasjenige, was man sich erobert hat, wieder ausschalten können. Dann ist es anders, als wenn man es nicht hat, es gar nicht erobert hat. Hat man zuerst alle Anstrengung gemacht, um das Selbst in dieser Weise zu verstärken, vernichtet man dann dasjenige wiederum durch die eigene Kraft, so daß das Bewußtsein leer wird: dann wogt und wallt eine geistige Welt in das menschliche Bewußtsein herein, dann kommt dasjenige, was spirituelle Welt ist, in das Menschenwesen herein. Dann sieht man: zur Erkenntnis der geistigen Welt sind geistige Erkenntniskräfte notwendig.

[ 37 ] One must have developed the highest fruits of active thought—elevated to the level of meditation—within one’s own self and then be able to become selfless, to set aside what one has attained. Then it is different from when one does not have it, when one has not attained it at all. If one has first made every effort to strengthen the self in this way, one then destroys it again through one’s own power, so that consciousness becomes empty: then a spiritual world surges and flows into human consciousness; then that which is the spiritual world enters the human being. Then one sees: spiritual powers of cognition are necessary for the knowledge of the spiritual world.

[ 38 ] Und wenn das Erringen des ersten aktiven bildhaften Denkens Imagination genannt werden kann, dann muß das, was jetzt, nachdem der Mensch sich vollständig leer gemacht hat in seinem Bewußtsein, was da als geistige Welt hereinflutet, nun als auf dem Wege der Inspiration gewonnen bezeichnet werden.

[ 38 ] And if the attainment of the first active, pictorial thinking can be called imagination, then what now—after the human being has completely emptied his consciousness—floods in as the spiritual world must be described as having been attained through inspiration.

[ 39 ] Nachdem wir durch die Imagination durchgegangen sind, können wir uns würdig machen durch den geschilderten sittlichen Akt der inneren Selbstlosigkeit zum Erfassen desjenigen, was als geistige Welt der äußeren Natur und dem Menschen zugrunde liegt.

[ 39 ] Having gone through the process of imagination, we can prepare ourselves—through the moral act of inner selflessness described above—to grasp that which underlies the outer world of nature and humanity as the spiritual world.

[ 40 ] Wie das dann hinüberführt zur Religion, das möchte ich, nachdem dies übersetzt worden ist, im dritten Teil meines Vortrags sagen.

[ 40 ] Once this has been translated, I would like to discuss how this then leads to religion in the third part of my lecture.

[ 41 ] Jetzt möchte ich nur auf eines aufmerksam machen: Indem Anthroposophie die imaginative Erkenntnis anstrebt, führt sie nicht nur zur Erkenntnis, zur Kunst, die eben als Kunst Bild bleibt, sondern zu demjenigen, was nun zu Bildern sich hinbegibt, die geistige Realität enthalten. Indem Anthroposophie dieses anstrebt, überbrückt sie den Abgrund zwischen Erkenntnis und Kunst wiederum so, daß auf einer höheren Stufe, für die Gegenwart, für das moderne Leben geeignet, dasjenige wieder in die Zivilisation kommen kann, wovon die Menschheit ausgegangen ist: die Einheit von Wissenschaft und Kunst. Wir müssen wiederum zu dieser Einheit kommen, denn die Spaltung zwischen Wissenschaft und Kunst hat den Menschen selbst zerrissen.

[ 41 ] Now I would like to draw attention to just one thing: By striving for imaginative knowledge, anthroposophy leads not only to knowledge—to art that remains merely an image—but also to that which now manifests itself as images containing spiritual reality. By striving for this, anthroposophy bridges the chasm between knowledge and art in such a way that, on a higher level—one suited to the present and to modern life—that from which humanity originated can once again enter civilization: the unity of science and art. We must return to this unity, for the division between science and art has torn humanity itself apart.

[ 42 ] Das aber ist es, was der moderne Mensch in erster Linie anstreben muß: aus seiner Zerrissenheit zur Einheit und zur inneren Harmonie zu kommen. Das, was ich bisher gesagt habe, soll gelten für die Harmonie zwischen Wissenschaft und Kunst. Nachher möchte ich auch noch den Gedanken ausdehnen für Religion und Sittlichkeit.

[ 42 ] But this is what modern man must strive for above all else: to move from a state of inner conflict toward unity and inner harmony. What I have said so far applies to the harmony between science and art. Later, I would also like to extend this idea to religion and morality.



[ 43 ] Eine Erkenntnis, die in dieser geschilderten Weise das Schöpferische der Welt in sich aufnimmt, kann unmittelbar in die Kunst hineinfließen. Aber der Weg, der auf diese Weise von der Erkenntnis in die Kunst hinein genommen wird, er kann auch weiter fortgesetzt werden. Er ist fortgesetzt worden in jener alten, instinktiven, imaginativen Erkenntnis, von der ich gesprochen habe, die sich in die Kunst hinein fortsetzte, und die auch den Weg ohne Abgrund in das religiöse Leben hinüber fand. Derjenige, der solcher Erkenntnis, wenn sie auch einstmals bei der primitiven Menschheit selbst noch primitiv und instinktiv war, sich hingab, der fühlte die Erkenntnis nicht nur als etwas Äußerliches, sondern er fühlte, wie in der Erkenntnis, im Wissen, im Denken das Göttliche der Welt in ihm lebte, wie das SchöpferischGöttliche in ihm überging in das Künstlerisch-Menschlich-Schöpferische.

[ 43 ] Insight that embraces the creative essence of the world in the manner described here can flow directly into art. But the path that is thus taken from insight into art can also be continued further. It has been continued in that ancient, instinctive, imaginative insight of which I have spoken, which continued into art and which also found its way, without an abyss, into religious life. Those who devoted themselves to such knowledge—even if it was once still primitive and instinctive among primitive humanity—did not merely experience knowledge as something external; rather, they felt how, within knowledge, within thought, the divine essence of the world lived within them, and how the creative-divine within them transformed into the artistic-human-creative.

[ 44 ] Da aber konnte dann der Weg dazu genommen werden, dasjenige, was der Mensch dem Stoffe einprägte, in der Kunst zu einer höheren Weihe zu bringen. Die Tätigkeit, die der Mensch sich aneignete, indem er in dem äußeren Sinnenstoff das Göttlich-Geistige künstlerisch verkörperte, diese Tätigkeit konnte er fortsetzen und Handlungen hervorbringen, in denen er sich unmittelbar bewußt wurde, wie er, indem er als Mensch handelte, zum Ausdruck bringt den Willen des göttlichen Waltens in der Welt. Und die Kunst ging, indem so der Weg gefunden wurde von der Bearbeitung des sinnlichen Stoffes zu dem Handeln, in welchem der Mensch sich selber von der göttlich-schöpferischen Kraft durchsetzt fühlte, über in den Kultus, in den Dienst des Göttlichen. Gottesdienst wurde das künstlerische Schaffen.

[ 44 ] But then the path could be taken to elevate, through art, that which human beings had imprinted upon matter to a higher consecration. The activity that human beings acquired by artistically embodying the divine-spiritual in the external sensory material—this activity they were able to continue and use to produce actions in which they became directly aware of how, by acting as human beings, they express the will of divine governance in the world. And as the path was thus found—from the working of sensory material to the action in which human beings felt themselves permeated by the divine-creative power—art transitioned into worship, into the service of the Divine. Artistic creation became a form of worship.

[ 45 ] Die Handlungen des Kultus sind die von Weihe durchsetzten künstlerischen Taten der Urmenschheit. Es steigerte sich hinauf die künstlerische Tat zur Kultustat, die Verherrlichung des göttlichen Wesens durch den sinnlichen Stoff zur Hingabe an das göttliche Wesen durch die Kultushandlung. Indem man den Abgrund überbrückte zwischen Kunst und Religion, entstand die Religion, die einstmals in vollem Einklang, in voller Harmonie war mit Erkenntnis und Kunst. Denn wenn auch jene Erkenntnis primitiv, instinktiv war, sie war doch ein Bild, und sie konnte deshalb auch das menschliche Handeln bis zu demjenigen Handeln bringen, das in sich bildhaften Kultus hat, das Göttliche unmittelbar darstellt.

[ 45 ] The acts of worship are the artistic acts of early humanity, imbued with consecration. The artistic act rose to become an act of worship; the glorification of the divine being through sensory matter evolved into devotion to the divine being through the act of worship. By bridging the chasm between art and religion, religion emerged—a religion that was once in complete accord, in perfect harmony, with knowledge and art. For even if that knowledge was primitive and instinctive, it was nonetheless an image; and it could therefore also lead human action to that kind of action which, in itself, embodies pictorial worship and directly represents the divine.

[ 46 ] Damit war der Übergang gefunden von Kunst zur Religion. Können wir das noch mit unserer Erkenntnis? Jenes instinktive alte Erkennen sah in jedem Naturwesen, in jedem Naturvorgang bildhaft ein Geistiges. Es ging durch Hingabe an den Geist des Naturvorganges das geistige Walten und Weben des Kosmos über in den Kultus.

[ 46 ] Thus, the transition from art to religion was found. Can we still achieve this with our current understanding? That instinctive, ancient perception saw something spiritual, expressed in imagery, in every natural being and every natural process. Through devotion to the spirit of the natural process, the spiritual workings and interplay of the cosmos found their way into worship.

[ 47 ] Wie erkennen wir die Welt? Wiederum soll nicht Kritik geübt werden, sondern geschildert werden. Im historischen Werden der Menschheit war das alles notwendig, das werden insbesondere die nächsten Vorträge noch zeigen. Ich will heute nur einige andeutende Gedanken hinstellen. Wir haben allmählich den unmittelbaren instinktiven Einblick in die Naturwesen und Naturvorgänge verloren. Wir sind stolz darauf, die Natur ohne den Geist zu schauen, und wir dringen endlich vor zu solchen hypothetischen Anschauungen über die Natur, wo wir zurückführen zum Beispiel das Werden unseres Planeten zu dem Weben und Wesen eines einstigen Urnebels. Durch rein mechanische Kraft habe sich aus diesem Urnebel durch Rotation herausgeballt unsere Erde. Aus demjenigen, was schon in diesem Urnebel in mechanischer Weise sich betätigte, sei auch herausgestiegen alles, was in den Reichen der Natur bis zum Menschen lebt. Und wiederum müsse nach denselben Gesetzmäßigkeiten, die unser ganzes Denken, das objektiv sein will, erfüllen, diese Erde einstmals ihr Ende nehmen im sogenannten Wärmetod. Alles dasjenige, was an Idealen die Menschheit sich errungen hat, wird, da nur als eine Fata Morgana des Naturdaseins hervorgegangen, verschwinden, und am Ende kann nur dastehen der große Kirchhof des Erdendaseins.

[ 47 ] How do we perceive the world? Once again, the aim is not to offer criticism, but to describe. All of this was necessary in the historical development of humanity, as the next few lectures in particular will show. Today I simply want to offer a few suggestive thoughts. We have gradually lost our immediate, instinctive insight into natural beings and processes. We pride ourselves on observing nature without the spirit, and we ultimately arrive at such hypothetical views of nature that we trace, for example, the formation of our planet back to the weaving and nature of a primordial nebula. Through purely mechanical force, our Earth is said to have coalesced from this primordial nebula through rotation. From whatever was already acting mechanically within this primordial nebula, everything that lives in the realms of nature—up to and including human beings—is said to have emerged. And again, according to the same laws that govern all our thinking that claims to be objective, this Earth must one day come to an end in what is known as the “heat death.” All the ideals that humanity has attained, having emerged merely as a mirage of natural existence, will vanish, and in the end, only the great graveyard of earthly existence will remain.

[ 48 ] Wenn die Menschheit heute ganz ehrlich wäre, wenn sie den Mut hätte, sich innerlich zu gestehen, was, wenn solch ein Gedankengang von der Wissenschaft als richtig anerkannt wird, die notwendige Konsequenz ist, sie müßte sich sagen: Eine Fata Morgana bleibt also alles religiöse und alles sittliche Leben! — Nur weil die Menschheit diesen Gedanken nicht ertragen kann, hält sie fest an demjenigen, was als Religion, ja was als Sittlichkeit aus alten Zeiten, in denen man noch im Einklang mit Erkenntnis und Kunst Religion und Sittlichkeit gewonnen hat, übrig ist. Das heutige religiöse und sittliche Leben ist nicht ein unmittelbar vom Menschen heraus sich schaffendes, ist ein Traditionelles, ist übriggeblieben als Erbschaft aus jenen Zeiten, wo durch den Menschen, allerdings im instinktiven Leben, sich noch Gott und mit Gott sich die sittliche Welt geoffenbart hat. Heute streben wir nach der Erkenntnis so, daß sich weder der Gott, noch die sittliche Welt offenbaren kann, sondern es ist ein rein wissenschaftliches Leben, das den Menschen nur erkennt als das höchste der Tiere. Wissenschaft gelangt heute nur bis zum Ende der Tierheit, der Mensch ist ausgeschaltet. Ehrliches inneres Streben kann nicht finden die Brücke über den Abgrund zwischen der Erkenntnis und dem religiösen Leben.

[ 48 ] If humanity today were completely honest, if it had the courage to admit to itself what the necessary consequence would be if such a line of thought were recognized as correct by science, it would have to say to itself: All religious and moral life is therefore nothing but a mirage! — It is only because humanity cannot bear this thought that it clings to what remains of religion—and indeed, of morality—from ancient times, when religion and morality were still attained in harmony with knowledge and art. Today’s religious and moral life is not something created directly by human beings; it is traditional, a legacy remaining from those times when, through human beings—albeit in their instinctive lives—God and, with God, the moral world still revealed themselves. Today we strive for knowledge in such a way that neither God nor the moral world can reveal themselves; rather, it is a purely scientific life that recognizes human beings only as the highest of animals. Science today reaches only as far as the limits of animality; the human being is excluded. An honest inner striving cannot find the bridge across the abyss between knowledge and religious life.

[ 49 ] Alle Religion ist hervorgegangen aus einer Inspiration. Wenn diese Inspiration auch nicht so bewußt war wie diejenige, die wir wieder erringen müssen, von der eben gesprochen worden ist, sie war instinktiv da. Mit Recht führen die Religionen ihren Ursprung auf eine Inspiration zurück. Und diejenigen Religionen, die nicht mehr die lebendigen Inspirationen, die Offenbarung aus dem Geistigen in der unmittelbaren Gegenwart anerkennen wollen, die müssen eben beim bloßen Traditionellen bleiben. Dabei aber fehlt einem dann die innerliche Lebendigkeit, das unmittelbar Impulsive des religiösen Lebens. Dieses Impulsive, dieses unmittelbar Lebendige muß sich die menschliche Zivilisation wieder erringen, denn dadurch allein kann die Gesundung unseres sozialen Aufbaues beginnen.

[ 49 ] All religion has arisen from inspiration. Even if this inspiration was not as conscious as the one we must regain—the one just mentioned—it was instinctively present. Religions rightly trace their origin back to inspiration. And those religions that no longer wish to acknowledge the living inspirations—the revelation from the spiritual realm in the immediate present—must simply remain within the confines of mere tradition. In doing so, however, they lack the inner vitality, the immediate impulsiveness of religious life. Human civilization must reclaim this impulsiveness, this immediate vitality, for only through it can the healing of our social structure begin.

[ 50 ] Ich habe von Inspiration gesprochen. Ich habe davon gesprochen, wie der Mensch eine Erkenntnis wiederum gewinnen müsse, die durch die Kunst bis zur Imagination und hinauf bis zur Inspiration geht. Wird sich die Menschheit dasjenige, was durch die Inspiration einer spirituellen Welt hereinflutet in das menschliche Bewußtsein, wieder erringen, dann wird wiederum ursprüngliche Religion da sein. Dann wird man auch nicht aus dem Intellekt heraus diskutieren, wie eigentlich der Christus gewesen sei, dann wird man wiederum — was man nur durch Inspiration wirklich erkennen kann - wissen, daß der Christus der menschliche Träger eines wirklichen göttlichen Wesens war, das heruntergestiegen ist aus göttlichen Höhen in das irdische Dasein. Denn zum Begreifen des Christus ist übersinnliches Wissen notwendig.

[ 50 ] I have spoken of inspiration. I have spoken of how human beings must once again attain a kind of insight that extends through art to the realm of imagination and on up to inspiration. If humanity regains that which flows into human consciousness through the inspiration of a spiritual world, then true religion will once again be present. Then people will no longer discuss, from an intellectual standpoint, what Christ was actually like; instead, they will once again know—as can truly be known only through inspiration—that Christ was the human vehicle of a genuine divine being who descended from divine heights into earthly existence. For suprasensory knowledge is necessary to understand Christ.

[ 51 ] Und soll das Christentum wiederum tief verankert werden in der Menschheit, dann muß diese Menschheit wiederum den Weg finden zur übersinnlichen Erkenntnis. Das müssen wir wieder gewinnen. Inspiration muß der Menschheit wiederum geben unmittelbares religiöses Leben. Dann werden wir nicht eine Erkenntnis haben, welche den bloßen Naturalismus nachahmt und nicht nur zur Kunst hinüber, sondern auch zur Religion hinüber vor dem Abgrund steht, sondern dann werden wir eine Harmonie haben zwischen Erkenntnis, Kunst und Religion.

[ 51 ] And if Christianity is to be deeply rooted in humanity once again, then humanity must once again find the path to supersensory knowledge. We must regain this. Inspiration must once again give humanity a direct religious life. Then we will not have a form of knowledge that merely imitates naturalism and stands on the brink of the abyss—not only in art but also in religion—but rather we will have harmony between knowledge, art, and religion.

[ 52 ] Und ebenso baute der Urmensch darauf, wenn er nun die Kunst herabgebracht hatte zum Gottesdienst, wenn er hat teilhaftig werden können jener Befeuerung des menschlichen Herzens, die sich einprägen kann, wenn im Gottesdienst der göttliche Wille selber die Menschenhandlungen durchdringt —, daß dann der Gott in den Menschenhandlungen anwesend wird. Und wenn man wiederum dazu gelangen wird, diesen Weg hinüber zu finden von der äußerlichen gegenständlichen Erkenntnis zur Inspiration, dann wird man eben durch Inspiration die unmittelbare Religion haben, dann wird man auf diese Weise wiederum die Möglichkeit finden, auch ebenso mit diesem ursprünglichen Menschen drinnen zu stehen in einer gottgegebenen Sittlichkeit.

[ 52 ] And in the same way, primitive man relied on the fact that once he had reduced art to a form of worship—once he had been able to partake in that arousal of the human heart that can take root when, in worship, the divine will itself permeates human actions—God would then become present in those human actions. And when we once again succeed in finding this path from external, objective knowledge to inspiration, then we will have direct religion precisely through inspiration; then, in this way, we will once again find the possibility of standing, just as that original human being did, within a God-given morality.

[ 53 ] Und das fühlte dieser ursprüngliche Mensch: Habe ich den Kultus, habe ich den Gottesdienst, ist der Gottesdienst da in der Welt und ich in ihn verwoben, dann erfüllt sich mein Inneres so, daß ich auch im ganzen Leben, nicht nur an der Kultusstätte, den Gott in der Welt gegenwärtig machen kann.

[ 53 ] And this is what that primordial human being felt: If I have the ritual, if I have the worship service, if the worship service exists in the world and I am woven into it, then my inner being is so fulfilled that I can make God present in the world throughout my entire life, not just at the place of worship.

[ 54 ] Das aber ist die wahre Sittlichkeit: den Gott in der Welt gegenwärtig machen zu können. Keine Natur führt zur Sittlichkeit; allein das führt den Menschen zur Sittlichkeit, was seine Natur hinweghebt über die Natur, was seine Natur erfüllt mit göttlich-geistigem Dasein. Nur jene Intuition, welche über den Menschen kommt, wenn er durch das religiöse Leben sich in den Geist hineinstellt, kann ihn mit wirklicher, innerster menschlich-göttlicher Moralität erfüllen.

[ 54 ] But this is true morality: to be able to make God present in the world. No aspect of nature leads to morality; what alone leads human beings to morality is that which elevates their nature above nature itself, that which fills their nature with divine-spiritual existence. Only that intuition which comes upon a person when, through religious life, they place themselves within the Spirit can fill them with true, innermost human-divine morality.

[ 55 ] Und so wird auch, wenn wir wieder zur Inspiration kommen, jene Brücke gebaut, die einstmals in der instinktiven Menschheitszivilisation gebaut war, jene Brücke von der Religion zur Sittlichkeit. Wie hinaufführt die Erkenntnis durch die Kunst zu den übersinnlichen Höhen, so wird herunterführen das religiöse Dienen die übersinnlichen Höhen in das Erdendasein so, daß wir dieses Erdendasein wiederum mit einer elementaren, ursprünglichen, unmittelbaren, vom Menschen erlebten Sittlichkeit impulsieren können.

[ 55 ] And so, when we return to the subject of inspiration, that bridge is rebuilt—the one that once existed in the instinctive civilization of humanity—that bridge from religion to morality. Just as knowledge leads upward through art to the supersensible heights, so religious service will lead the supersensible heights down into earthly existence, so that we may in turn infuse this earthly existence with an elemental, primordial, immediate morality experienced by human beings.

[ 56 ] Dann wird der Mensch selber wiederum in Wahrheit individueller Träger eines sittlich durchpulsten Lebens sein können, eines gegenwärtig ihn impulsierenden sittlichen Lebens. Dann wird Moralität ein Geschöpf des einzelnen Menschen werden. Dann wird die Brücke aufgeschlagen über den letzten Abgrund hinüber, der da besteht zwischen Religion und Sittlichkeit. Dann wird in einer modernen Form jene Intuition geschaffen, in welcher der primitive Mensch drinnenstand, wenn er in einer Kultushandlung sich befand. Dann wird durch ein modernes religiöses Leben der Mensch moderne sittliche Verhältnisse schaffen.

[ 56 ] Then human beings themselves will once again be able to become, in truth, the individual bearers of a life pulsing with morality—a moral life that impels them in the present. Then morality will become a creation of the individual human being. Then the bridge will be built across the final chasm that exists between religion and morality. Then that intuition—which primitive man experienced when engaged in a ritual act—will be recreated in a modern form. Then, through a modern religious life, human beings will create modern moral conditions.

[ 57 ] Das brauchen wir zur Erneuerung unserer Zivilisation. Das brauchen wir, damit wiederum ursprüngliches Leben dasjenige wird, was heute nur Erbschaft, nur Tradition ist und deshalb schwach und unkräftig wirkt. Wir brauchen zu unserem komplizierten sozialen Leben, das über die Erde hin ein Chaos zu verbreiten droht, diese ursprünglichen Impulse. Wir brauchen die Harmonie zwischen Erkenntnis, Kunst, Religion und Sittlichkeit. Wir brauchen in einer neuen Form diesen Weg von der Erde aus, auf der wir uns unsere Erkenntnis erwerben, durch die Inspiration, durch die Kunst hinüber zum unmittelbaren Drinnenstehen, zum Ergreifen des Übersinnlichen in dem religiösen Leben, damit wir wiederum herunterführen können auf die Erde dieses Übersinnliche, im religiösen Leben Gefühlte und in den Willen Umgesetzte im irdisch-sozialen Dasein.

[ 57 ] This is what we need to renew our civilization. This is what we need so that primal life may once again become what is today merely a legacy, merely a tradition—and therefore appears weak and powerless. We need these primal impulses for our complicated social life, which threatens to spread chaos across the earth. We need harmony between knowledge, art, religion, and morality. We need, in a new form, this path from the earth—where we acquire our knowledge—through inspiration and art, to a direct inner experience, to the grasping of the supersensible in religious life, so that we may once again bring down to earth this supersensible reality—felt in religious life and translated into the will—into our earthly-social existence.

[ 58 ] Die soziale Frage wird erst in ihrer vollen Tiefe ergriffen werden, wenn sie als eine sittliche, als eine religiöse Frage erfaßt wird. Aber sie wird keine sittliche, religiöse Frage werden, ehe nicht die sittliche und religiöse Frage eine Angelegenheit der spirituellen Erkenntnis wird.

[ 58 ] The social question will only be grasped in its full depth when it is understood as a moral and religious question. But it will not become a moral and religious question until the moral and religious question itself becomes a matter of spiritual insight.

[ 59 ] Erringt sich der Mensch wiederum spirituelle Erkenntnis, dann wird er dasjenige, was er braucht, herbeiführen können, wird gewissermaßen die weitere Entwickelung anknüpfen können an einen instinktiven Ursprung. Dann wird er finden, was gefunden werden muß zum Heile der Menschheit: Harmonie zwischen Wissen, Kunst, Religion und Sittlichkeit.

[ 59 ] If, on the other hand, human beings regain spiritual insight, they will be able to bring about what they need and, in a sense, link their further development to an instinctive source. Then they will find what must be found for the good of humanity: harmony between knowledge, art, religion, and morality.