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The Boundaries of Natural Science
GA 322

1 October 1920, Dornach

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Fünfter Vortrag

Lecture V

[ 1 ] Es wird heute nötig sein, verschiedene Dinge auseinanderzusetzen, die eigentlich nur dann begriffen werden können, wenn man sich über gewisse Vorurteile hinwegsetzt, über Vorurteile, die gerade durch eine lange Erziehung bis in die Gegenwart herein der Menschheit intensiv eingepflanzt worden sind. Es wird sich darum handeln, manches, was heute gesagt werden muß, was dann morgen weitere Belege finden wird, gewissermaßen durch eine Art sich Emporreißen zur Anschauung der geistigen Dinge zu begreifen. Sie müssen bedenken, daß, wenn gegenüber den geisteswissenschaftlichen Aussagen die Forderung auftritt, in derselben Art zu beweisen, wie bewiesen wird in der empirischen Naturwissenschaft oder in der heutigen Jurisprudenz, wohl auch in der heutigen, aber im Grunde für das öffentliche Leben unbrauchbaren Sozialwissenschaft, daß man mit einem solchen Beweisen eigentlich nicht sehr weit kommen kann. Denn dieses Beweisen, das muß der wirkliche Geistesforscher bereits in sich tragen. Er muß sich heranerzogen haben gerade an den strengen Methoden der heutigen Naturwissenschaft, auch der mathematisierenden Naturwissenschaft. Er muß kennen, wie man da beweist, und er muß wiederum diese Art des Beweisens in den ganzen Gang seines Seelenlebens aufgenommen und darinnen für eine höhere Stufe des Erkennens ausgebildet haben. Daher ist es zumeist so, daß, wenn gegenüber dem Geistesforscher die Forderung des gewöhnlichen Beweisens auftritt, er im Grunde genommen in der Regel dasjenige, was da gefragt wird, sehr gut kennt, daß er die Einwände, die man ihm machen kann, längst vorweggenommen hat. Er ist sogar nur im wahren Sinne des Wortes Geistesforscher, so wie die Geistesforschung gestern hier charakterisiert worden ist, wenn er wirklich eine strenge Disziplin im gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Erkennen durchgemacht hat, und wenn er wenigstens ihrem Geiste nach die Resultate der gegenwärtigen Naturforschung recht gut kennt. Das muß ich vorausschicken und noch etwas anderes. Bleibt man nämlich stehen innerhalb derjenigen Beweisform, welche namentlich heute in die wissenschaftlichen Gewohnheiten eingezogen ist durch die Experimentierkunst, dann kommt man niemals zu einer solchen Erkenntnis, die sozial anwendbar ist. Im Experiment geht man ja — auch wenn man sich der Illusion hingibt, daß es anders wäre - auch so vor, daß man eine gewisse Richtung verfolgt und sich gewissermaßen durch die Erscheinungen bestätigen läßt dasjenige, was in den Ideen lebt, die man vielleicht eben zu Naturgesetzen, vielleicht auch rechnerisch formuliert.

[ 1 ] Today it will be necessary to come to terms with a number of things that actually can be understood only if one is able to overcome certain prejudices that have long been cultivated and zealously inculcated right up to the present day. Much of what shall be said here today, and further substantiated tomorrow, must be comprehended through raising oneself up to an inner viewing [Anschauung] of the spirit. You must consider that when the results of a scientific investigation of the spirit are met with a demand for proof such as is recognized by contemporary science or jurisprudence, or even contemporary social science—which is so useless in the face of life itself—one does not get very far at all. For the true spiritual scientist must already bear this method of demonstration within himself. He must have schooled himself in the rigorous methods of contemporary science, even of the mathematical sciences. He must know what mode of demonstration is demanded in these circles, and he must suffuse the processes of his whole inner life with this method: therein he builds the foundation for a higher mode of cognition. For this reason it is usually the case that when the demands of normal consciousness are placed before the spiritual scientist, he is thoroughly at home in the field from which the question stems. He has long since anticipated the objections that can be raised. One could even go so far as to say that he is only a spiritual scientist in the true sense of the word—in the sense in which we characterized spiritual science yesterday—to the extent that he has subjected himself to the rigorous discipline of the modern scientific method and knows at least the tenor of modern scientific thought quite well. I must make this one preliminary remark and add one other. If one cannot transcend the manner of demonstration that experimentation has made scientific habit, one shall never attain knowledge that can benefit society. For in a scientific experiment one proceeds—even if one cherishes the illusion that it is otherwise—in such a way that one moves in a certain direction and allows phenomena to confirm what lives within the ideas one has formulated as a natural law, or perhaps mathematically.

[ 2 ] Aber wenn man genötigt ist, sein Erkennen, den Inhalt seines Erkennens einzuführen in das soziale Urteil, wenn mit andern Worten Geltung und Bestand haben sollen die Ideen, die zu Gesetzmäßigkeiten formulierten Ideen, die man sich angeeignet hat etwa durch die heutige Anthropologie oder Biologie oder durch den Darwinismus, wenn er auch noch so fortgeschritten ist, wenn man diese Ideen dann einführen will in ein soziales Wissen, in eine soziale Erkenntnis, die praktisch werden kann, dann läßt sich mit dieser an der Experimentierkunst gewonnenen Erkenntnis nichts anfangen, einfach aus dem Grunde, weil man nicht so im Laboratorium abwarten kann, was aus unseren Ideen wird, wenn wir sie ins soziale Leben überführen. Es könnte ja leicht vorkommen, daß durch eine solche soziale Experimentierkunst Tausende und aber Tausende von Menschen sterben oder verhungern, oder in anderer Weise ins soziale Elend kommen. Und ein großer Teil unseres sozialen Elends ist eben gerade dadurch hervorgerufen, daß unsere Ideen allmählich dadurch, daß sie hervorgegangen sind aus der reinen Experimentalanschauung, zu kurz geworden sind, zu eng geworden sind, um in Realität zu leben, wie sie in Realität leben müssen, wenn wir irgend etwas, was soziale Bedeutung haben soll, wirklich überführen wollen vom Denken, vom Wissen in die Praxis. Nun habe ich Sie hingewiesen darauf, wie sich der Geistesforscher, um ein solches Wissen, das zu gleicher Zeit zurück die Natur beleuchtet, aber vorwärts weist nach dem sozialen Leben, wie der Geistesforscher sich stellen muß zu den beiden Grenzen, die uns im Erkennen auftauchen, zu der einen Grenze, die dann nach dem Materiellen hin zu finden ist, zu der andern Grenze, die nach dem Bewußtsein hin zu finden ist. Und ich habe Ihnen gezeigt, daß nach dem Materiellen hin, statt daß man in Trägheit das Erkennen fortrollen läßt, um allerlei mechanistische, atomistische, molekularistische Weltbilder ins Metaphysische hinein auszudenken, daß man statt dessen an dieser Grenze stehenbleiben muß und entwickeln muß etwas, was im gewöhnlichen Menschenleben noch nicht vorhanden ist als Erkenntnisfähigkeit, daß man da entwickeln muß die Inspiration. Auf der andern Seite habe ich Ihnen gezeigt, daß man, wenn man das Bewußtsein erfassen will, nicht darf mit dem, was sich einem entzündet hat an Begriffen und Ideen in der äußeren Natur, so wie es etwa die englisch-amerikanischen Assoziations-Psychologen machen, in dieses Bewußtsein eindringen wollen. Man muß sich klar darüber sein, daß dieses Bewußtsein so geartet ist, daß wir einfach mit diesen Ideen, die an der Außenwelt entzündet sind, nicht in das Bewußtsein hinunterdringen können. Da müssen wir aus diesen Ideen erst heraus, müssen erst in die imaginative Erkenntniswelt hinein. Wir müssen also, indem wir uns selbst erkennen wollen, die Begriffe und Ideen erfüllen mit Inhalt, so daß sie zu Bildern werden. Und ehe nicht die jetzt die ganze Zivilisation ergreifende Anschauungsweise über den Menschen, wie sie namentlich einen westlichen Ursprung hat, ehe nicht diese übergeht in ein imaginatives Erkennen, eher können wir nicht vorwärtskommen in dem richtigen Sich-Stellen an diese zweite Grenze des gewöhnlichen menschlichen Erkennens.

[ 2 ] Now, when one is required to translate one's knowledge into social judgments, in other words, if the ideas that one has formulated as the natural laws of contemporary anthropology or biology or Darwinism—no matter how “progressive” this Darwinism might be—are to have validity; if one wants to translate them into a social science that can become truly practical, this knowledge obtained through experimentation is totally inadequate. lt is totally inadequate because one cannot simply sit in a laboratory and wait to see what one's ideas call forth when they are applied to society. Thereby thousands upon thousands of people could easily die or starve or be made to suffer in some other way. A great part of the misery in our society has been called forth in just this way. Because they have originated in pure experimentation, our ideas have gradually become too narrow and impoverished to subsist in reality, which they must be able to do if thought is ever to enrich the sphere of practical life. I have already indicated the stance the spiritual scientist must take regarding the two boundaries that arise within cognition—the boundaries at the poles of matter and consciousness—if he is to attain knowledge that can reflect light back into nature and at the same time forward into the social future. I have shown that at the boundary of the material world one must not allow one's thinking to roll on with its own inertia in order to construct mechanistic, atomistic, or molecular world conceptions tending toward the metaphysical but call a halt at the boundary and develop instead something that normally is not yet present as a faculty of cognition. One must develop Inspiration. On the other hand, I have shown you that if one wishes to come to an understanding of consciousness, one must not attempt, as Anglo-American associative psychology does, to penetrate into consciousness with ideas and concepts called forth by the natural world. It must be entirely clear in one's mind that consciousness is constituted such that these ideas culled from the external world can gain no access. We must abandon such ideas and seek rather to enter the realm of Imaginative cognition. In order to achieve self-knowledge we must permeate the concepts and ideas with content, so that they become images. Until the view of man which was born in the West and now has all of civilization in its grasp is transformed into Imaginative cognition, we shall never progress in coming to terms with this second boundary presenting itself to normal human cognition.

[ 3 ] Aber man kann zu gleicher Zeit sagen, daß diese gegenwärtige Menschheit durchaus in dem Punkte ihrer Entwickelung angekommen ist, aus andern, historisch gewordenen Formen heraus, der ein solches Fortschreiten verlangt auf der einen Seite zur Inspiration, auf der andern Seite zur Imagination. Und derjenige, der zu studieren vermag dasjenige, was eigentlich in der Gegenwart mit der Menschheit vorgeht, was sich erst in den Anfangssymptomen zeigt, der weiß, wie, ich möchte sagen, aus der Tiefe der Menschenentwickelung herauf Kräfte steigen, die durchaus darauf hintendieren, daß eingeführt werde in diese Menschheitsentwickelung Inspiration und Imagination in der richtigen Weise.

[ 3 ] At the same time, however, one can say that humanity has evolved from certain stages, now become historical, to the point that requires that it progress to Inspiration on the one hand and Imagination on the other. Whoever is able to perceive what humanity is undergoing at the present, what is just beginning to reveal its first symptoms, knows that forces are rising out of the depths of human evolution that tend toward the proper introduction of Imagination and Inspiration into human evolution.

[ 4 ] Inspiration, man kann sie nicht erreichen anders, als daß man ringt mit einem gewissen Vorstellen in der Weise, wie ich es in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» beschrieben habe und wie ich es des ferneren noch wenigstens andeutungsweise im nächsten Vortrage beschreiben werde. Aber dann, wenn man durch eine gewisse innere Selbstkultur, durch ein systematisches Sich-Schulen in einem bestimmten Vorstellen, durch ein Sich-Schulen im Leben der Vorstellungs- und Ideen- und Begriffswelt, wenn man darinnen weit genug gekommen ist, dann lernt man innerlich erkennen, was es heißt, in Inspiration leben. Denn zunächst ist das so, daß, wenn man dasjenige, was sonst in unserem Leben in den ersten sieben Lebensjahren bis zum Zahnwechsel hin mathematisiert, wenn man das nicht unbewußt, wie es eben im gewöhnlichen Leben und auch in der gewöhnlichen Wissenschaft geschieht, ausübt, sondern wenn man es ausübt in voller Bewußtheit, wenn man sich hineinstellt, ich möchte sagen, in eine lebendige Mathematik, in eine lebendige Mechanik, wenn man mit andern Worten dasjenige, was sonst in uns wirkt, Gleichgewichtssinn, Bewegungssinn, Lebenssinn, aufnimmt in das volle Bewußtsein, wenn man gewissermaßen aus sich herausreißt dasjenige, was sonst als Gleichgewichtsempfindung, als Bewegungsempfindung, als Lebensempfindung in uns lebt, wenn man das so herausreißt, daß man mit den mathematischen Vorstellungen, aber mit den erweiterten mathematischen Vorstellungen darinnen lebt, dann ist es so, als ob man einschliefe, aber nicht hinüberschliefe in die Unbewußtheit oder in das nebulose Traumleben, sondern als ob man hinüberschliefe in eine neue Bewußtheit, die ich Ihnen heute — wir werden morgen hier über das alles reden — zunächst nur beschreiben möchte. Man wächst hinüber in die Bewußtheit, in der man zunächst etwas empfindet wie ein tonloses Weben, ja, ich kann es nicht anders nennen, wie ein tonloses Weben in einer Weltmusik. Man wird förmlich, so wie man durch sein Ich in den Kindheitsjahren sein Leib wird, so wird man zu diesem Weben in einer tonlosen Weltmusik. Dieses Weben in einer tonlosen Weltmusik gibt die andere, ganz streng zu beweisende Daseinsempfindung, daß man jetzt mit seinem Seelisch-Geistigen außerhalb seines Leibes ist. Man fängt an zu wissen, daß man auch sonst im Schlafe außerhalb seines Leibes mit seinem Seelisch-Geistigen ist. Aber durch das Erlebnis des Schlafes vibriert nicht hindurch dasjenige, was bei solchem bewußten Herausgehen aus dem Leibe durch die eigene Selbständigkeit dann hindurchvibriert, und man erlebt zunächst etwas wie eine innere Unruhe, diese innere Unruhe, die einen musikalischen Charakter an sich trägt, wenn man voll bewußt in sie untertaucht. Die, ich möchte sagen, hellt sich allmählich auf, indem aus dem Musikalischen, das man da erlebt, etwas wird wie ein wortloses Wortoffenbaren aus dem geistigen Weltenall heraus. Gewiß, die Dinge nehmen sich heute grotesk und paradox aus für denjenigen, der sie zum ersten Male hört. Aber vieles erschien in dem Lauf der Weltenentwickelung, indem es zum ersten Male auftrat, eben paradox und grotesk. Es ist schon so, daß man nicht weiterkommt in der Menschheitsentwickelung, wenn man an diesen Erscheinungen bewußtlos oder halbbewußt vorübergehen möchte. Zunächst ist es nur ein Erleben, ich möchte sagen, ein musikalisch-tonloses Erleben. Dann aber ist es etwas, was sich herauserhebt aus diesem tonlosen Erleben, so daß wir imstande sind, mit dem, was wir da erleben, ebenso innerlich sinnvollen Inhalt zu bekommen, wie wir äußerlich sinnvollen Inhalt vermittelt bekommen, wenn wir einem Menschen zuhören, der durch sinnliche Worte zu uns spricht. Die geistige Welt beginnt einfach zu sprechen, und man muß nur von diesen Dingen sich eine Erfahrung aneignen.

[ 4 ] Inspiration cannot be attained except by exercising a certain faculty of mental representation in the way that I described in my book, Knowledge of the Higher Worlds and Its Attainment, and shall describe at least in outline in the coming lectures. When one has progressed far enough in a kind of inner self-cultivation, a schooling of the self in a certain form of mental representation [Vorstellen]; when one schools oneself to live within the realm of representations, ideals, and concepts that live within the mind—then one learns what it means to live in Inspiration. For when one exercises consciously the faculty that otherwise “mathematicizes” within us during the first seven years up to the change of teeth (in normal life and in conventional science this occurs unconsciously), when one enters into this “living mathematics,” into this “living mechanics,” it is as though one were to fall asleep, entering not into unconsciousness or nebulous dreams but into a new form of consciousness that I shall begin to describe to you today. One takes up into full consciousness what otherwise works within as the sense of balance, the sense of movement, and the sense of life. It is as though one were to wrest from oneself what otherwise lives within as sensations of balance, movement, and life so that one lives within them with the extended mathematical representations. Tomorrow I shall speak about this at greater length. One passes over into another consciousness, within which one experiences something like a toneless weaving in a cosmic music. I cannot describe it otherwise. One unites with this weaving in a toneless music in a way similar to that by which one makes the physical body one's own through the activity of the ego in childhood. This weaving in a toneless music provides the other, rigorously demonstrable awareness that one is now outside the body with one's soul-spirit. One begins to comprehend that even in normal sleep one's soul-spirit is outside the body. Yet the experience of sleep is not permeated with that which vibrates when leaving the body consciously through one's own initiative, and one experiences initially something like an inner unrest, an inner unrest that exhibits a musical quality when one enters into it with full consciousness. This unrest is gradually elucidated when the musical element one experiences there becomes a kind of wordless revelation of speech from the spiritual cosmos. These matters naturally appear grotesque and paradoxical to these who hear them for the first time. Yet much has arisen in the course of cosmic evolution that first appeared paradoxical and grotesque, and human evolution will not advance if one wishes to pass over these phenomena only half-consciously or unconsciously. Initially one has only a certain experience, an experience of a kind of toneless music. Then out of this experience of toneless music there arises something which, when experienced, enables us to comprehend inwardly a content as meaningful as that which is conveyed to us when we listen outwardly to a man who speaks to us via sensible words. The spiritual world simply begins to speak, and one has only to begin to acquire an experience of this.

[ 5 ] Und eine nächste Stufe, zu der man sich da hindurchlebt, ist dann diese, daß man nicht nur webt und lebt in einem tonlosen Musikalischen und nicht bloß vernimmt das Sprechen des übersinnlichen Geistigen, sondern daß man lernt konturieren dasjenige, was sich ankündigt aus dem übersinnlichen Geistigen, in Wesenhaftes, daß sich einem gewissermaßen herausgliedern aus der allgemeinen Geistsprache, die man zunächst lernt, einzelne übersinnliche Wesenheiten, wie wir, indem wir auf einer niedrigeren Stufe einem Menschen zuhören, allmählich dasjenige, was sich von seiner Seele und seinem Geistigen offenbart, zum Wesenhaften — wenn ich mich jetzt des Trivialausdruckes bedienen darf - kristallisieren oder organisieren. Wir leben uns also hinein in die Beobachtung und in die Erkenntnis einer wirklichen geistigen Welt. Diese geistige Welt tritt jetzt anstelle der leeren, ausgesogenen, metaphysierten Welt der Atome, der Moleküle, sie tritt uns als dasjenige entgegen, was in Wahrheit hinter den Erscheinungen der physischsinnlichen Welt steht. Wir stehen jetzt nicht mehr so an der Grenze nach dem Materiellen hin, wie wir stehen, wenn wir nur in Trägheit fortrollen lassen wollen unser Begriffsspinnen, wie es sich erhellt, entzündet hat an dem Verkehr mit der physisch-sinnlichen Außenwelt, sondern wir stehen jetzt an dieser Grenze so, daß uns an dieser Grenze der geistige Inhalt der Welt aufgeht. Das ist nach der einen Seite hin.

[ 5 ] Then one comes to experience something at a higher level. One no longer only weaves and lives in a toneless music and no longer merely perceives the speech of the super-sensible spiritual world: one begins to recognize the contours of something that reveals itself within this super-sensible world, the contours of beings. Within this universal spiritual speech that one initially encounters there emerge individual spiritual beings, in the same way that we, listening at a lower level to the speech of another man, crystallize or organize—if I may use such trivial expressions—what reveals itself as his soul and spirit into something substantial. We begin to live within the contemplation and knowledge of a spiritual reality. This realm of the spirit replaces the vacuous, insubstantial, metaphysical world of atoms and molecules: it confronts us as the reality that lies behind the phenomena of the sense world. We no longer stand in the same relation to the boundary of the material world as when we allow conceptualizing to roll on with its own inertia, attempting to carry the kind of thinking developed through interaction with the sense world beyond the boundary. Now we stand in a relationship to this boundary of sense such that the spiritual content of the world suddenly stands revealed there. This is one boundary to cognition.

[ 6 ] Und, meine sehr verehrten Anwesenden, die Menschheit drängt heute dazu, aus sich, aus der Leiblichkeit so herauszugehen, und man kann sagen, an einzelnen Menschenexemplaren tritt uns ganz deutlich diese Tendenz der gegenwärtigen Menschheit in ihrem jetzigen Entwickelungsstadium hervor, dasjenige aus der Leiblichkeit herauszuziehen, was der Geistesforscher mit voller Bewußtheit herauszieht, indem er es eben so herauszieht, wie er irgendwie sich verhält, wenn er in der äußeren Naturbeobachtung die im Inneren eroberten Begriffe eben ordnend, systematisierend anwendet. Es wird ja, wie vielleicht einige von Ihnen wissen, seit einer gewissen Zeit eine merkwürdige Krankheit beschrieben. Diese Krankheit, man nennt sie unter Psychiatern, unter Psychologen, die pathologische Grübel-, Zweifelsucht, man nennt sie vielleicht besser den pathologischen Skeptizismus. Diese Krankheit tritt einem in den merkwürdigsten Formen und schon in zahlreichen Exemplaren deutlich entgegen, und es ist schon notwendig, daß das Studium dieser Krankheit gepflegt wird aus unseren wirklichen Kulturbedingungen der neuesten Zeit heraus. Es tritt diese Krankheit - Sie können darüber in der psychiatrischen Literatur vieles erfahren — dadurch zutage, daß die Menschen von einem gewissen Lebensalter an, das in der Regel mit der Geschlechtsreife oder mit der Vorbereitung zur Geschlechtsreife zusammenhängt, daß die Menschen da anfangen, der Außenwelt gegenüber, die sie erleben, keine rechte Stellung mehr einnehmen zu können, daß sie befallen werden gegenüber ihren Erfahrungen in der Außenwelt von einer unbegrenzten Zahl von Fragen. Es gibt Persönlichkeiten, welche, wenn sie von diesen Krankheiten zunächst befallen sind, einfach, trotzdem sie sonst vollständig vernünftig sind, trotzdem sie ihren Obliegenheiten in hohem Maße nachgehen können, trotzdem sie völlig überschauen ihren Zustand, wenn sie nur ein wenig abgezogen werden von dem, was sie an die äußere Welt fesselt, daß sie dann die kuriosesten Fragen stellen müssen. Diese Fragen treten einfach herein in das Leben. Diese Fragen können nicht abgewiesen werden. Sie treten insbesondere stark bei denjenigen auf, die mit einer gesunden, sogar mit einer vorwaltend gesunden Organisation — aber mit einer solchen Organisation, die ein offenes Herz, einen offenen Sinn und ein gewisses Verständnis gerade hat für die Art und Weise, wie die moderne Wissenschaft denkt — die moderne Wissenschaft erleben, so daß sie dann gar nicht wissen, wie ihnen unterbewußt aus dieser modernen Wissenschaft diese Fragen aufsteigen. Insbesondere treten solche Erscheinungen bei Damen auf, welche weniger robuste Naturen haben als die Männer, welche dann auch nicht aus den streng disziplinierten Literaturwerken, sondern mehr aus Laienoder Dilettantenwerken die moderne Wissenschaft aufnehmen, wenn sie sich hineinversetzen in dasjenige, was die Ergebnisse des modernen Denkens sind. Und dann namentlich, wenn eine solche Bekanntschaft mit dem modernen Denken in intensiverem Maße hineinfällt in die Vorbereitung zur Geschlechtsreife oder in das Abfluten des Geschlechtsreifwerdens, dann treten solche Zustände in hohem Maße bei solchen Persönlichkeiten auf. Siebestehen darinnen, daß die betreffende Persönlichkeit fragen muß: Ja, woher kommt die Sonne? Und wenn man ihr noch so gescheite Antworten gibt, so taucht immer aus einer Frage eine andere auf. Woher kommt das menschliche Herz? Warum schlägt das menschliche Herz? Habe ich nicht in der Beichte zwei oder drei Sünden vergessen? Was ist geschehen, als ich das Abendmahl genommen habe? Sind da nicht vielleicht einige Bröselchen der Hostie heruntergefallen? Habe ich nicht da oder dort einen Brief einstecken wollen und ihn danebengeworfen? Und ich könnte Ihnen eine ganze lange Litanei von solchen Fragen aufzählen und Sie würden sehen daraus, daß alles das sehr geeignet ist, in fortwährender Unbehaglichkeit den Menschen zu erhalten.

[ 6 ] Ladies and gentlemen, humanity at this point in its evolution is yearning to step out of itself, to step out of the body in this way, and one can see this tendency exemplified quite clearly in certain individuals. Human beings seek to withdraw from their bodies that which the spiritual scientist withdraws with full consciousness. The spiritual scientist withdraws this in a way analogous to the way in which he applies inwardly obtained concepts in a systematic, organized fashion to the natural world. As some of you will know, for some time now a great deal of attention has been paid to a remarkable illness. Psychologists and psychiatrists term this “pathological questioning or doubt” [Grübelsucht; Zweifelsucht]; it would perhaps better be termed “pathological skepticism.” One now encounters innumerable instances of this illness in the most remarkable forms, and it is already necessary that the study of this disease in particular be promoted within the cultural context of our time. This illness manifests itself—you can learn a great deal about it from the psychiatric literature—in these people, from a certain age onward, usually from puberty or the period immediately preceding puberty, no longer being able to relate properly to the external world. When confronted with their experiences in the external world, these people are overcome by an infinite number of questions. There are certain individuals who, though they remain otherwise fully rational, can pursue their duties to a great extent and are fully cognizant of their condition, must begin to pose the most extraordinary questions if they are but slightly withdrawn from what normally binds them to the external world. These questions simply intrude into their life and cannot be brushed aside. They intrude themselves especially strongly in individuals with healthy, or even conspicuously healthy, organizations—in individuals who have an open mind and a certain understanding for the manner in which modern scientific thinking proceeds. They experience modern science in this way, so that they cannot understand at all how such questions arise unconsciously thereby. Such phenomena are evident especially in women, who have less robust natures than men and who also tend to acquire their knowledge of natural science, if they undertake to do so, not so much through the highly disciplined scientific literature but rather through works intended for laymen and dilettanti. For if at this time immediately before puberty, or just when puberty is on the wane, there should occur an intense preoccupation with modern scientific thought in the way I have just described, among such people a high incidence of this disease can be observed. It manifests itself in these people having then to ask: where ever does the sun come from? And no matter how clever the answers one gives them, one question always calls forth another. Where does the human heart come from? Why does it beat? Did I not forget two or three sins at confession? What happened when I took Communion? Did a few crumbs of the Host perhaps fall to the ground? Did I not try to mail a letter somewhere and miss the slot? I could produce a whole litany of such examples for you, and you would see that all this is eminently suited to keeping one uneasy.

[ 7 ] Wenn der Geistesforscher diese Sache zu überschauen hat, so möchte ich sagen, kennt er sich darinnen aus. Es ist einfach ein Heraustreten desjenigen, worinnen sich der Geistesforscher bewußt befindet, wenn er zum musikalisch-tonlosen Worterleben, zum Wesenserleben durch Inspiration kommt. Aber solche mit Zweifelsucht, mit Grübelsucht behaftete Menschen, die kommen hinein in diese Region auf unbewußte Art. Sie haben keine Kulturerfahrung, die danach ginge, den Zustand, in den sie hineinkommen, wirklich zu begreifen. Der Geistesforscher weiß, daß der Mensch die ganze Nacht, vom Einschlafen bis zum Aufwachen, in lauter solchen Fragen drinnenlebt, daß da in ihm auftauchen aus dem Schlafesleben heraus eine Unsumme von Fragen, und er kennt diesen Zustand, weil er ihn eben auch in der angedeuteten Weise bewußt erleben kann. Derjenige, der nur vom gewöhnlichen Bewußtseinsstandpunkte aus diese Dinge berührt und zu erkennen strebt, der wird sich vielleicht allerlei rationalistische Erklärungsversuche bilden, aber er kommt doch nicht auf das Wahre, weil er nicht durch Inspiration die Sache ergreifen kann. Er sieht zum Beispiel, wie es Menschen gibt, die gehen abends ins Schauspiel, sie gehen aus dem Schauspiel heraus, sie können gar nicht anders, als daß sie sich überfallen lassen von einer unbegrenzten Zahl von Fragen: In welchen Beziehungen zur äußeren Welt steht diese Schauspielerin? Was hat in einem früheren Jahre jener Schauspieler getan? Welches Verhältnis besteht zwischen den einzelnen Schauspielern? Wie ist zustande gekommen diese oder jene Kulisse? Welcher Maler hat diese oder jene Kulisse gemalt? und so weiter und so weiter, und tagelang stehen solche Menschen unter der Einwirkung eines solchen inneren Frageteufels. Es sind das pathologische Zustände, die man erst zu begreifen anfängt, wenn man weiß, diese Menschen kommen in jene Region hinein, die der Geistesforscher in Inspiration erlebt, indem er sich eben anders verhält, als diese Menschen in dem pathologischen Zustand sich verhalten. Diese Menschen gehen in dieselbe Region hinein wie der Geistesforscher, aber sie nehmen ihr Ich nicht mit, sie verlieren gewissermaßen beim Hineintreten in diese Welt ihr Ich. Und dieses Ich ist das Ordnende. Dieses Ich ist dasjenige, was in diese Welt eine ebensolche Ordnung hineinzubringen vermag, wie wir in die Welt der sinnlich-physischen Umgebung Ordnung hineinzubringen vermögen. Der Geistesforscher weiß, daß der Mensch ja vom Einschlafen bis zum Aufwachen in dieser selben Region lebt, daß jeden Menschen, der aus einem Schauspiel kommt, in der Nacht, wenn er schläft, alle diese Fragen wirklich befallen, aber durch eine gewisse Gesetzmäßigkeit im normalen Dasein breitet sich eben der Schlaf über diesen Frageteufel aus, und der Mensch ist fertig mit diesem Frageteufel, wenn er wiederum aufwacht.

[ 7 ] Now, when the spiritual scientist comes to consider this matter he feels himself right at home. It is simply a manifestation of the element in which the spiritual scientist resides consciously when he achieves an experience of the toneless musical speech of spiritual beings through Inspiration. Those afflicted with pathological skepticism enter this region unconsciously. They have cultivated nothing that would enable them to comprehend the state into which they enter. The spiritual scientist knows that throughout the entire night, from falling asleep until waking, one lives in an element consisting entirely of such questions, that out of the sleeping state countless questions arise within one. The spiritual scientist knows this condition, because he can experience it consciously. Whoever approaches these matters from the standpoint of normal consciousness and seeks thus to comprehend them will perhaps make attempts at all kinds of rationalistic explanations, but he will not arrive at the truth, because he is unable to comprehend the matter through Inspirative cognition. Such a one sees that there are, for example, people who go to the theater in the evening and on leaving the theater are helpless to resist the countless questions that overcome them: what is this actress's relationship to the outer world? What was that actor doing some previous year? What are the relationships between the individual actors and actresses? How was this or that flat constructed? Which painter is responsible for each? and so on, and so on. For days on end such people are subject to the influence of this pesky questioner within. This is a pathological condition that one begins to understand only by realizing that these people enter a region the spiritual scientist experiences in Inspiration by approaching this realm differently from these afflicted with this pathological condition. Persons in this pathological state enter the same region as the spiritual scientist, but they do not take their egos with them; in a certain sense they lose their egos upon entering this realm. And it is just this ego that is the ordering faculty. It is the ego that is capable of bringing the same kind of order into this world as we are able to bring to our physical environment. The spiritual scientist knows that one lives in this same region between falling asleep and waking. Everyone who returns from the theater actually is deluged by all these questions in the night while he sleeps, but due to the operation of certain laws sleep normally spreads itself out over this interlocutor, so that one has finished with him by the time one awakes again.

[ 8 ] Es handelt sich darum, daß wir hineintragen in einer wirklichen Geistesforschung in diese Region das volle Unterscheidungsvermögen, die volle Besonnenheit und die volle Kraft des menschlichen Ich. Dann leben wir darinnen nicht in einem Überskeptizismus, dann leben wir darinnen ebenso besonnen, ebenso sicher, wie wir in der physisch-sinnlichen Welt sicher leben. Und im Grunde genommen sind alle diejenigen Übungen, die von mir angegeben werden in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», zu einem großen Teile auch darauf hinauslaufend, daß der Mensch in vollbewußter, sein Ich bewahrender Art, in strenger Disziplinierung diese Region betritt. Bei den Anleitungen zur Geistesforschung handelt es sich zum großen Teile darum, daß der Geistesforscher auf diesem Wege nicht verliere den inneren Halt, die innere Zucht des Ich.

[ 8 ] In order to perform valid spiritual research, one must bear into this region unimpaired judgment, complete discretion, and the full force of the human ego. Then we do not live in this region in a kind of super-skepticism but rather with just as much self-possession and confidence as in the physical world. And actually all the meditative exercises that I have given in my book, Knowledge of the Higher Worlds and Its Attainment, are intended in large part to result in a greater ability to enter this region preserving one's ego in full consciousness and in strict inner discipline. The purpose of a large part of the spiritual scientist's initial schooling is to keep him from losing the inner support and discipline of the ego while traversing this path.

[ 9 ] Und das glänzendste Beispiel eines Menschen, der nicht voll vorbereitet in diese Region in der neueren Zeit hineingegangen ist, das glänzendste Beispiel ist dasjenige, das in anderem Zusammenhang von Dr. Husemann hier schon charakterisiert worden ist. Das glänzende Beispiel ist Friedrich Nietzsche. Friedrich Nietzsche ist ja eine eigentümliche Persönlichkeit. Er ist in einer gewissen Weise gar kein Gelehrter. Er ist kein gewöhnlicher Wissenschafter. Aber er hat mit einer ungeheuer genialischen Begabung, aus der Geschlechtsreife der Jugend herauswachsend, in die wissenschaftlichen Forschungen hineinwachsend, er hat mit einer ungeheuer genialischen Begabung dasjenige aufgenommen, was eine gegenwärtige Wissenschaftlichkeit bieten kann. Daß er mit all diesem Aufnehmen nicht im gewöhnlichen Sinne ein Gelehrter wurde, das zeigt einfach die Tatsache, wie ihm ein Mustergelehrter der heutigen Zeit, so recht ein Mustergelehrter der heutigen Zeit, gleich nach seiner ersten Jugendpublikation entgegengetreten ist, nämlich Wilamowitz. Nietzsche hatte sein Werk erscheinen lassen «Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik», in dem anklingt diese Bereitschaft, hineinzukommen in die Initiation, hineinzukommen in das Musikalische, Inspiratorische, der Titel schon trägt diese Sehnsucht, hineinzuwachsen in dasjenige, was ich charakterisiert habe, aber es war nicht da. Es gab auch in der Zeit Nietzsches keine bewußte Geisteswissenschaft, aber indem er sein Werk betitelte: «Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik», deutete er darauf hin, daß er aus diesem Geiste der Musik heraus eine Erscheinung wie zum Beispiel die Wagnersche Tragödie begreifen wollte. Und er wuchs immer mehr und mehr hinein. Also ich sagte, es trat gleich Wilamowitz auf, der gegen dieses Werk «Die Geburt der Tragödie» dann seine Broschüre schrieb, in der er vom wissenschaftlichen Standpunkte aus dasjenige, was der ungelehrte, aber nach Erkenntnis trachtende Nietzsche geschrieben hat, ganz und gar abtat. Vollständig berechtigt vom Gesichtspunkte der modernen Wissenschaft. Und im Grunde genommen versteht man doch nicht, wie ein so ausgezeichneter Mann wie Erwin Rohde geglaubt hat, es könne ein Kompromiß zwischen dieser modernen Wilamowitzschen Philologie und demjenigen, was als ein noch dunkles Streben, als eine Sehnsucht nach Initiation, nach Inspiration in Nietzsche lebte, geschlossen werden. Das, was Nietzsche so aufgenommen hatte in sich selber, was er in sich selber so ausgebildet hatte, das wuchs dann hinein in die andern Bestände des gegenwärtigen Wissenschaftslebens. Es wuchs hinein in den Positivismus, namentlich wie er von dem Franzosen Comte, von dem Deutschen Dühring ausgegangen ist. Ich habe selbst noch, als ich Nietzsches Bibliothek ordnete in den neunziger Jahren, all die, ich möchte sagen, gewissenhaft gemachten Striche Nietzsches am Rande der Dühringschen Werke gesehen, aus denen heraus er den Positivismus studiert hatte, in sich aufgenommen hatte, ich habe selbst noch alle diese Werke in der Hand gehabt. Ich lebte gewissermaßen in der Art und Weise, wie Nietzsche den Positivismus aufnahm, und konnte mir eine Vorstellung machen, wie er nun wiederum in die Region des außerleiblichen Lebens hineinkam und wie er da den Positivismus wiederum ohne gehörige Durchdringung dieser Region mit dem Ich durchlebte, so daß jetzt solche Werke von ihm entstanden wie «Menschliches, Allzumenschliches» und dergleichen, die eine fortwährende Vibrierung zwischen dem Nicht-sich-Bewegenkönnen in einer Inspirationswelt und dem doch Sich-Haltenwollen in der Inspirationswelt darstellen. Ich möchte sagen, an dem aphoristischen Gang des Nietzsche-Stiles in diesen Werken merkt man, wie Nietzsche bestrebt ist, das Ich hineinzubringen, wie es aber immer wiederum abreißt, wie er es daher nicht zur systematischen, zur künstlerischen Darstellung bringt, sondern nur zum Aphorismus. Gerade an dem Immer-Abreißen des geistigen Lebens im Aphorismus enthüllt sich das Innerlich-Seelische dieses merkwürdigen Geistes. Und dann steigt er auf zu demjenigen, was ja die größten Rätsel aufgegeben hat dem neueren Forschen, der neueren äußeren Wissenschaft, er steigt auf zu dem, was im Darwinismus lebt, was in der Evolutionstheorie lebt, was zeigen will, wie aus dem einfachsten, primitivsten Organismus die kompliziertesten sich allmählich gebildet haben. Er lebt sich ein in diese Welt, in diese Welt, in die ich versucht habe, in bescheidener Weise - in meinen Auseinandersetzungen mit Haeckel können Sie das genau verfolgen - in meinem Buche «Die Rätsel der Philosophie» inneren Halt und innere Beweglichkeit hineinzubringen. Nietzsche lebt sich ein. Aus seiner Seele ringt sich heraus, ich möchte sagen, der Überevolutionsgedanke. Indem er verfolgt die Evolution bis zum Menschen, sprengt sich diese Evolutionsidee und sie führt zu seinem Übermenschentum. Indem er verfolgt dieses Sich-Bewegen der evolutionierenden Wesenheiten, verliert er, weil er durch Inspiration den Inhalt nicht bekommen kann, diesen Inhalt und muß in der inhaltslosen Idee von der ewigen Wiederkehr leben.

[ 9 ] The finest example in recent times of a man who entered this region without full preparation is someone whom Dr. Husemann has characterized here in another context. The finest example is Friedrich Nietzsche. Nietzsche is, to be sure, an extraordinary personality. In a certain sense he was not an intellectual at all. He was not your conventional scholar. With the tremendous gifts of genius, however, he grew out of puberty into scientific research; with these tremendous gifts he was able to take in what the contemporary sciences can offer. That, despite having acquired this knowledge, he did not become a scholar of the conventional sort is shown quite simply by the polemics of so exemplary a modern scholar as Wilamowitz, who came out in opposition immediately after the appearance of the young Nietzsche's first publication. Nietzsche had just published his treatise, The Birth of Tragedy out of the Spirit of Music, in which there resounds a readiness to undergo initiation, to enter the musical, the Inspirative—even the title reveals his yearning for the realm that I have characterized—but he could not. The possibility did not exist. In Nietzsche's time a conscious spiritual science did not exist, but in giving his work the title, The Birth of Tragedy out of the Spirit of Music, he indicated that he wished to come to terms with a phenomenon such as Wagnerian tragedy out of this spirit of music. And he entered further and further into this realm. As I said, Wilamowitz immediately came out in Opposition and wrote his polemics against The Birth of Tragedy, in which he completely rejected from his academic point of view what Nietzsche, unschooled but yearning for knowledge, had written. From the point of view of modern science he was of course completely justified. And actually it is hard to understand how so excellent a thinker as Erwin Rohde could have believed a compromise was possible between this modern philology that Wilamowitz represented and what lived within Nietzsche as a dark striving, as a yearning for initiation, for Inspiration. What Nietzsche had acquired in this manner, had inwardly appropriated, grew out into the other fields of contemporary sciences. It grew into positivism, namely that of the Frenchman, Comte, and the German, Dühring. While cataloguing Nietzsche's library in the 1890s I saw with my own eyes all the marks Nietzsche had so conscientiously made in the margins of Dühring's works, from which he acquired his knowledge of positivism; I held all these books in my own hand. I could enter sympathetically right into the manner in which Nietzsche took positivism up into himself. I could well imagine how he then reverted to an extra-corporeal existence, where he experienced this positivism again without having penetrated into this region sufficiently with his ego. As a result, he produced works such as Human, All Too Human, exhibiting a constant oscillation between an inability to move within the world of Inspiration and a desire to remain there nonetheless. One notices this in the aphoristic progression of Nietzsche's style in these works. Nietzsche strives to bring his ego into this realm, but it tears itself away again and again: thus he produces not a systematic, artistic presentation but only aphorisms. It is just this constant self-interruption in aphorism that reveals the inward soul of this remarkable spirit. And then he rises to encounter that which has provided modern science, the contemporary physical sciences, with their greatest riddles. He rises up to encounter what lives in Darwinism, what lives in the theory of evolution, and attempts to demonstrate how the most complicated organisms have gradually arisen out of the most primitive. He penetrates into this realm, a realm into which I have sought in a modest way to bring inner structure and an inward mobility—you can follow this in the discussion of Haeckel in my book, The Riddles of Philosophy. Nietzsche enters this realm, and there emerges from his soul the notion of a kind of super-evolution [Überevolutionsgedanke]. He follows the course of evolution up to man, where this notion of evolution explodes to create his “super-man.” In following this self-progression of evolving beings he loses the content, because he is unable to obtain the true content through Inspiration: he is confined to the empty idea of “eternal recurrence.”

[ 10 ] Es ist nur die innere gediegene Natur Nietzsches gewesen, die ihn nicht hineintrieb in dasjenige, was der Pathologe die Zweifelsucht nennt. Es ist dasjenige, was in Nietzsche eben lag, eine auf dem Grunde seiner Krankheit sich abspielende große Gesundheit, die er selber spürte, die sich geltend machte, was ihn nicht hineinkommen ließ in den völligen Skeptizismus, sondern was ihn aussinnen ließ dasjenige, was dann der Inhalt gerade seiner begeisterndsten Werke ist. Kein Wunder, daß dieser Gang in die geistige Welt hinein, dieses Streben, aus dem Musikalischen zum inneren Worte, zur inneren Wesenheit zu kommen, indem es gipfelte in dem Unmusikalischen der Wiederkehr des Gleichen, indem es gipfelte in dem inhaltslos, nur lyrisch zu empfindenden Übermenschen, kein Wunder, daß das enden mußte in demjenigen Zustande, den dann zum Beispiel der behandelnde Arzt einmal als einen atypischen Fall der Paralyse bezeichnete.

[ 10 ] Only by virtue of the inner integrity of his personality was Nietzsche able to avoid what the pathologist calls “pathological skepticism.” It was something within Nietzsche, a prodigious health that Nietzsche himself sensed underlying his debility, that asserted itself and kept him from falling prey to complete skepticism, leading him rather to contrive what later became the content of his most inspiring words. No wonder, then, that this excursion into the spiritual world, this striving to proceed from music to the inner word, to inner being, culminated in the most unmusical of ideas—that of “the eternal recurrence of the same”—and the empty, merely lyrical “superman.” No wonder that it had to end in the condition that his physician, for example, diagnosed as an “atypical case of paralysis.”

[ 11 ] Ja, derjenige, der nicht kannte das innere Leben Nietzsches, der es nicht zu beurteilen vermochte vom Standpunkte des Geistesforschers, der wie ein bloßer Psychiater ohne inneren Anteil vor dieser Ideen- und Vorstellungswelt und Bilderwelt Nietzsches stand, der sprach hier dem konkreten Fall gegenüber etwas aus, was eben nur das Abstrakte ist gegenüber dem Konkreten. Der ganzen Natur gegenüber sprach 1872 Du Bois-Reymond «Ignorabimus». Denjenigen Fällen gegenüber, die ungewöhnlich sind, spricht der Psychiater: Paralyse, atypische Paralyse. Denjenigen Fällen, die so auftreten, daß sie ganz herausgerissen sind aus unserer gegenwärtigen Menschheitsentwickelung, steht der Psychiater gegenüber und er spricht «Ignorabimus» im konkreten Falle, oder «Ignoramus». Es ist nur die Übersetzung desjenigen, was dann in die Worte gekleidet wird: atypischer Fall von Paralyse.

[ 11 ] Yes, this man who did not know Nietzsche's inner life, who was incapable of judging it from the standpoint of spiritual science and confronted the images and ideas of Nietzsche's inner life as a mere psychiatrist, without sympathetic understanding—this man found only an abstraction to answer the question posed by the concrete case before him. With regard to all nature du Bois-Reymond had said in 1872: ignorabimus. Confronted with exceptional cases, the psychiatrist says: paralysis, atypical paralysis. Confronted with concrete cases that reveal the essence of present human evolution, the psychiatrist can say only ignorabimus, or ignoramus. This is but a translation of what is clothed in the words “atypical case of paralysis.”

[ 12 ] Das zerriß endlich diesen Leib Nietzsches. Das brachte dasjenige hervor, was das Phänomen Nietzsche innerhalb unserer gegenwärtigen Geisteskultur ist. Das ist die andere Form, wie bei hochkultivierten Menschen die psychiatrisch zu betrachtende Zweifelsucht, die Grübelsucht, der Hyperskeptizismus auftreten. Und das Phänomen Nietzsche — ich darf da eine persönliche Bemerkung einfügen — stand mir in dem Augenblicke, mich erschauernd, vor Augen, als ich einige Jahre nach Nietzsches Erkrankung in Naumburg in Nietzsches kleine Stube eintrat, wo er auf dem Sofa lag, wo er nach dem Essen hinstierte, niemanden aus seiner Umgebung kannte, wo er wie ein völlig Blöder, aber noch mit einem Lichte im Auge, das von der ehemaligen Genialität durchstrahlt war, einem entgegenblickte.

[ 12 ] This eventually destroyed Nietzsche's body. It produced the condition that makes Nietzsche such a revealing phenomenon within our contemporary cultural life. This is the other form of the debility appearing in certain highly cultivated individuals, which psychiatrists term pathological doubt or hyper-skepticism. And the phenomenon of Nietzsche—here I must be allowed a personal remark—stood before my eyes the moment that, trembling, I entered his room in Naumburg a few years after his illness. He lay upon the sofa after dinner, staring into space. He recognized nobody around him and stared at one like a complete idiot, but the light of his former genius still gleamed within his eyes.

[ 13 ] Wenn man nun diesen Nietzsche anschaute mit all dem, was man erleben konnte an Nietzsches Weltanschauung, an Nietzsches innerer Vorstellung und Bilderwelt, wenn man dann, nicht wie der bloße äußere Psychiater, mit diesem Bilde in der eigenen Seele vor diesen Nietzsche, vor diese Ruine, vor dieses Wrack in bezug auf das physische Leben hintrat, dann, dann wußte man: Dieses Menschenwesen wollte hineinschauen in die Welt, die da wird durch Inspiration. Es drang nichts aus dieser Welt ihm entgegen. Und dasjenige, was hinein wollte in diese Welt, was nach der Inspiration verlangte, es löschte sich zuletzt aus, es erfüllte als ein inhaltsloses Seelisch-Geistiges noch jahrelang den Organismus.

[ 13 ] If one looked at Nietzsche knowing all one could about his world view, about the ideas and images that lived within his soul; if, unlike the mere psychiatrist, one stood before Nietzsche, this ruin of a man, this physical wreck, with this image in one's soul, then one knew: this man strove to view the world revealed by Inspiration. Nothing of this world came forth to him. And the part of him that desired to achieve Inspiration finally extinguished itself: for years the physical organism was filled by a soul-spirit devoid of content.

[ 14 ] Man konnte die ganze Tragik unserer modernen Kultur, ihr Streben nach der geistigen Welt, ihr Sich-Hinneigen zu dem, was aus der Inspiration kommen kann, an einem solchen Anblick lernen. Das war für mich - ich scheue mich eben nicht, dieses Persönliche hier anzuführen — einer derjenigen Augenblicke, die man auch goethisch deuten kann. Goethe sagt: Die Natur hat kein Geheimnis in sich, das sie nicht an irgendeiner Stelle offenbar machen würde. — Nein, die ganze Welt hat kein Geheimnis in sich, das sie nicht an irgendeiner Stelle offenbar machen würde. Die gegenwärtige Entwickelung der Menschheit trägt das Geheimnis in sich, daß aus dieser Menschheit heraus sich einfach ein Streben geltend macht, eine Tendenz, ein Impuls geltend macht, der rumort in unseren sozialen Umwälzungen, die durch unsere Zivilisation gehen, der hineinschauen will in die geistige Welt der Inspiration. Und Nietzsche war als Menschenwesen der eine Punkt, wo die Natur ihr offenbares Geheimnis enthüllt, wo sich einem verraten konnte, was über die ganze Menschheit hin heute ein Streben ist, was wir wollen müssen, wenn nicht all die Menschen, die der Bildung entgegenstreben, die in die moderne Wissenschaft hineinstreben — und das wird nach und nach die ganze zivilisierte Menschheit tun, denn das Wissen muß populär werden -, wenn die Menschen nicht ihr Ich verlieren sollen und Zivilisation in Barbarei übergehen soll.

[ 14 ] From such a sight one can learn the whole tragedy of our modern culture, its striving for the spiritual world, its inclination toward that which can proceed from Inspiration. For me—and I do not hesitate in the slightest to introduce a personal remark here—this was one of those moments that can be interpreted in a Goethean manner. Goethe says that nature conceals no secret that she is not willing to reveal in one place or another. No, the entire world contains not a single secret that is not revealed in one place or another. The present stage of human evolution conceals the secret that humanity is giving birth to a striving, an inclination, an impulse that rumbles within the social upheavals our civilization is undergoing—an impulse that seeks to view the spiritual world of Inspiration. And Nietzsche was the one point where nature revealed its open secret, where the striving that exists within humanity as a whole could reveal itself. We must seek this if all those striving for education, seeking within modern science—and this shall be the entire civilized world, for education must become universal—if humanity as a whole is not to lose its ego and civilization fall into barbarism.

[ 15 ] Das ist die eine große Kultursorge, die eine große Zivilisationssorge, die demjenigen sich auflastet, der den gegenwärtigen Gang der Menschheitsgeschichte verfolgt und das Ziel hat, zu einem sozialen Denken zu kommen. Nach der andern Seite machen sich ähnliche Erscheinungen geltend, nach der Bewußtseinsseite. Und auch nach dieser Bewußtseinsseite hin werden wir wenigstens kurz diese Erscheinungen zu studieren haben, werden sehen, wie auch da aus dem ganzen Chaos des gegenwärtigen Menschenlebens heraustreten die andern Erscheinungen, die pathologisch uns ebenso entgegentreten, die seit Westphal, Falret und andern beschrieben werden, die nicht durch Zufall erst in den neueren Dezennien beschrieben werden. Es treten uns auf der andern Seite, gegen die Bewußtseinsgrenze hin, ebenso die Erscheinungen der Klaustrophobie, der Astraphobie, der Agoraphobie entgegen, wie uns die Zweifelsucht entgegentritt nach der Materieseite hin. Und ebenso — das werden wir noch zu besprechen haben -, wie die pathologische Zweifelsucht durch das Kultivieren der Inspiration kulturhistorisch geheilt werden muß, wie das eine der großen sozialethischen Aufgaben der Gegenwart ist, so ist das drohende Hereinbrechen derjenigen Erscheinungen, die ich morgen noch werde zu besprechen haben, der Klaustrophobie, der Astraphobie, der Agoraphobie, das andere, das störend auftritt, und das wir durch die Imagination werden bezwingen können, die wir der modernen Zivilisation zum sozialen Heile der Menschheit werden einzufügen haben.

[ 15 ] That is one great cultural anxiety, one great threat to civilization, which must be faced by anyone who follows the contemporary progress of human evolution and seeks to develop a thinking that can grasp the realities of social life. Similar phenomena assert themselves on the other side as well, on the side of consciousness. And we shall have to study these phenomena on the side of consciousness at least in outline as well. We shall see how these other phenomena arise out of the chaos of contemporary life, phenomena that appear pathologically and have been described by Westphal, Falret, and others. It is no accident that these have been described only just in the most recent decades. On the other side, that of the boundary of consciousness, we encounter the phenomena of claustrophobia, astraphobia, and agoraphobia,6“Astraphobia” = morbid dread of storms; “agoraphobia” = morbid dread of crossing, or being in, open spaces. just as we encounter pathological skepticism on the side of matter. And in the same way (we shall discuss this further) in which pathological skepticism must be cured culturally-historically through the cultivation of Inspiration—one of the great talks of contemporary social ethics—we are threatened with the emergence of the phenomena that I shall describe tomorrow: claustrophobia, astraphobia, and agoraphobia. These emerge pathologically and can be overcome through Imagination, which, when civilization has acquired it, shall become a social blessing for all humanity.