Natural Science
and the Historical Development of Humanity
since Ancient Times
GA 325
15 May 1921, Dornach
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European Spiritual Life in the 19th Century, tr. Collison
1. Das europäische Geistesleben im neunzehnten Jahrhundert mit Beziehung auf seinen Ausgangspunkt im vierten Jahrhundert I
Lecture One
[ 1 ] Während der letzten Vortragskurse am Goetheanum wurde es immer wieder betont, daß Geisteswissenschaft, wie sie hier gepflegt wird, befruchtend wirken soll auf den ganzen wissenschaftlichen Geist der Gegenwart und auf die einzelnen Fachwissenschaften. Vielleicht am anschaulichsten zunächst kann das erfaßt werden, wenn Geisteswissenschaft ihre Versuche macht, die geschichtlichen Rätsel, soweit es dem Menschen möglich ist, zu lösen; und insofern es zwei kurze Vorträge erlauben, soll diesmal für ein geschichtliches Thema ein dahingehender Versuch gemacht werden.
[ 1 ] Recent lectures given at the Goetheanum have laid repeated emphasis on the fact that the Spiritual Science cultivated here must work fruitfully upon the whole scientific mind of to-day and also upon the various branches of science. This is perhaps brought home to us most strongly of all when we realise the light that is shed by Spiritual Science upon the problems of history. And so far as the limits of two brief lectures allow, we will try to go into this matter.
[ 2 ] Man kann heute schon von verschiedenen Seiten hören, daß die Geschichtswissenschaft in einer Art von Krise begriffen sei. Es ist noch nicht lange her, da hatten gewisse Kreise etwas wie ein Ideal von Geschichtswissenschaft im Sinne. Es war die Zeit, in der zum Beispiel der Geschichtsschreiber Ranke gewirkt hat. Man hatte das Ideal im Sinne, Geschichte zu einer Art exakter Wissenschaft zu machen, exakt in dem Sinne, wie dieser Ausdruck allmählich gebraucht worden ist aus der Gewohnheit naturwissenschaftlicher Forschung heraus. Heute wird vielfach behauptet, indem man diesem Begriff exakter Forschung auch nichts anderes zugrunde legt als nur das, was an der äußeren gebräuchlichen Naturwissenschaft gewonnen ist, daß Geschichte als eine solche exakte Wissenschaft gar nicht möglich sei, daß alles, was als Geschichte auftritt, gefärbt sein muß durch das Temperament, die Nationalität, die sonstigen subjektiven Gesichtspunkte der Geschichtsschreiber, daß es gefärbt sein müsse sogar durch das Element der die Tatsachen zusammenfassenden Phantasie, gefärbt sein müsse durch die vorhandenen intuitiven Fähigkeiten und so weiter. Und wenn man in der Tat auf dasjenige, was die Geschichtsschreibung gerade in der neuesten Zeit geleistet hat, hinsieht, so wird man zur Genüge bemerken, daf3 tatsächlich das, was für die Darstellung der objektiven historischen Tatsachen gefordert wird, sich ganz anders ausnimmt, je nachdem der Geschichtsschreiber der einen oder der anderen Nationalität angehört, ob er in einem geringeren oder in einem höheren Sinne eine synthetische Phantasie hat und was dergleichen an subjektiven Momenten mehr ist, die dem Geschichtsschreiber eigen sind.
[ 2 ] On many sides to-day it is being said that the science of history is facing a crisis. Not so very long ago, among certain circles in the days of the historian Ranke, it was held that history must be made into an ‘exact’ science—exact in the sense in which this expression is used in connection with ordinary scientific research. We often hear it said by those to whom ‘exact research’ implies the methods current in the domain of external science, that all historical writings are inevitably coloured by the nationality, temperament and other personal propensities of the historian, by the element of imagination working in the condensation of the details, by the depth of his intuitive faculty and the like. And as a matter of fact in the most recently written histories it is abundantly evident that the presentation of objective facts and events varies considerably according to the nationality of the historian, according to his power of synthesis, his imagination and other faculties.
[ 3 ] Geisteswissenschaft, sie wird, wie vielleicht durch ein Beispiel innerhalb dieser beiden Vorträge wird gezeigt werden können, in einem gewissen Sinne doch zu einer Art Objektivität in der Geschichtsbetrachtung führen können. Gewiß, den Grad der Fähigkeit, den der einzelne Geschichtsschreiber, der einzelne Geschichtsbetrachter hat, den wird man ja immer in Betracht ziehen müssen. Aber gerade dieser geschichtlichen Betrachtung gegenüber dürfte eines sehr stark Geltung haben, was Geisteswissenschaft für sich in Anspruch nehmen muß, was ihr ja allerdings von ihren Gegnern heute im weitesten Umfange abgestritten wird. Geisteswissenschaft muß allerdings ausgehen von einer Entwickelung des subjektiven menschlichen Inneren. Kräfte, die in der Seele sonst nur latent sind, sie müssen erweckt werden, sie müssen zu eigentlichen Forschungskräften umgestaltet werden. Es muß also aus dem Subjektiven heraus gearbeitet werden. Aber dabei kommt eben diese Geistesforschung dazu, das Subjektive allmählich ganz zu überwinden und solche Tiefen in der menschlichen Seele aufzusuchen, in denen sich innerlich nicht mehr ein Subjektives ausspricht, trotzdem es subjektiv zum Vorschein kommt, sondern ein Objektives, ebenso wie Ja in der Mathematik ein Objektives zum Vorschein kommt, trotzdem die Wahrheiten und die Erkenntnisse der Mathematik auf subjektive Art gefunden werden. Von diesem Gesichtspunkte aus möchte ich vor Ihnen betrachten ein Kapitel geschichtlichen Werdens, das uns allerdings als Menschen der Gegenwart im allernächsten Sinne interessieren muß. Ich möchte aus dem universellen Gebiet geschichtlicher Tatsachen die mehr geistigen Erlebnisse des 19. Jahrhunderts und ihren Ursprung herausheben und sie in dem Sinne, wie das durch Geisteswissenschaft geschehen kann, eben geschichtlich betrachten. Ich möchte die Sache so einrichten, daß ich — wenn ich mich dieser älteren Ausdrücke bedienen darf — heute gewissermaßen das Exoterische, das mehr Äußerliche der Tatsachen, die für unsere Betrachtungen ins Auge gefaßt werden müssen, vor Sie hinstelle, daß ich morgen mehr ins Esoterische eintreten werde, also den inneren Zusammenhang und die tieferen Ursachen ins Auge fassen werde, welche den Tatsachen des geistigen Lebens, die uns hier interessieren sollen, zugrunde liegen.
[ 3 ] In a certain respect, Spiritual Science is well fitted to cultivate an objective outlook in the study of history. It is, of course, not to be denied that the measure of talent possessed by the historian himself will always play an important part. Nevertheless, in spite of what our opponents choose to say to the contrary, it is precisely in the study of history that a quality essentially characteristic of Spiritual Science comes into play. By its very nature Spiritual Science must begin with a development of the inner, subjective faculties in the being of man. Forces otherwise latent in the soul must be awakened and transformed into real faculties of investigation. The subjective realm, therefore, is necessarily the starting-point. But in spite of this, the subjective element is gradually overcome in the course of genuine spiritual research; depths are opened up in the soul in which the voice of objective truth, not that of subjective feeling, is speaking. It is the same in mathematics, when objective truths are proclaimed, in spite of the fact that they are discovered by subjective effort. From this point of view I want to speak to you of a chapter of history which cannot but be of the deepest interest to us in this modern age. I will choose from the wide field of history the more spiritual forms of thought which came to the fore in the nineteenth century, and speak about their origin in the light of Spiritual Science. To-day I propose to deal with the more exoteric aspect—if I may use this expression—and pass on in the next lecture more into the realm of the esoteric connections and deeper causes underlying the facts of the spiritual and mental life of humanity.
[ 4 ] Wenn wir heute auf das 19. Jahrhundert zurückblicken, mit dem wir ja noch eng verbunden sind — es sind seither erst zwei Jahrzehnte, die dem allgemeinen Charakter des 19. Jahrhunderts noch sehr ähnlich sind, verlaufen —, wenn wir auf die Tatsachen des 19. Jahrhunderts, des ersten Anfangs zurückblicken, so haben wir gewöhnlich ein Gefühl derart, als ob dieses Geistesleben des 19. Jahrhunderts sich wie als gleichmäßiger kontinuierlicher Fortschritt abgespielt habe. Das ist aber durchaus nicht der Fall, wie sich herausstellt für den, der etwas tiefer auf das eigentliche Gefüge der Tatsachen sich einläßt. Man kann sagen: Gerade die Entwickelung des geistigen Lebens im 19. Jahrhundert zeigt, wie ungefähr in der Mitte dieses 19. Jahrhunderts ein radikaler Wendepunkt der Entwickelung liegt. Die Denkweise, die Seelenverfassung der Menschen werden in der Mitte des 19. Jahrhunderts einer Metamorphose unterworfen. Was früher die Impulse für das menschliche Zusammenleben abgegeben hat, wird vielfach in Frage gestellt. Andere Arten des Fühlens treten auf in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als sie in der ersten da waren, andere Denkgewohnheiten treten auf. Wir können ja heute allerdings nur, ich möchte sagen, mit einigen charakteristischen Strichen auf diese Dinge hinweisen. Das aber wollen wir tun.
[ 4 ] As we look back to the nineteenth century—and the character of the first twenty years of the twentieth century is really very similar—the impression usually is that thought in the nineteenth century developed along an even, regular course. But those who go more deeply into the real facts discover that this was by no means the case. About the middle of the century a very radical change came about in the development of thought. The mode of thinking and outlook of men underwent a metamorphosis. People began to ask questions about the nature of the impulses underlying social life in the past and present. It is only possible to-day to indicate these things in a few characteristic strokes, but this we shall try to do.
[ 5 ] Wenn man auf die führenden geistigen Persönlichkeiten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sieht, so haben sie alle in ihrem Wesen noch einen Zug von, man möchte sagen, Hinstreben zum Geistigen, zum Idealistischen, auch wenn sie durchaus schon heraufwachsen in die naturwissenschaftlichen Denkgewohnheiten der neueren Zeit. Sie fühlen sich dennoch gewissermaßen abhängig von demjenigen, was ihnen ihre Seele als Richtung eingibt. Das wird durchaus anders in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Wir brauchen ja nur auf konkrete Beispiele zu sehen, dann wird sich uns das sogleich klarstellen. Allerdings, Wissenschafter im engeren Sinne oder auch vielleicht Künstler werden wir nicht mit ins Auge fassen können, wenn wir gerade diese Entwickelungslinie betrachten, sondern wir werden diejenigen repräsentativen Geister der Menschheit mehr ins Auge fassen müssen, welche, fußend auf dem wissenschaftlichen Denken, auf dem künstlerischen Empfinden der neueren Zeit, sich größere Weltaufgaben stellen, vor allen Dingen solche Weltaufgaben stellen, welche auch das Soziale einschließen sollen. Denn das soziale Problem, die sozialen Rätsel kommen immer intensiver und intensiver im Verlaufe des Lebens des 19. Jahrhunderts herauf, und die führenden Geister sind genötigt, dasjenige, was die Wissenschaften hervorgebracht haben, was sich dem allgemeinen Menschheitsbewußtsein als eine Art seelischer Niederschlag ergeben hat, geltend zu machen, um damit die großen sozialen Probleme und Rätsel zu erfassen.
[ 5 ] Leading minds in the first half of the nineteenth century were all characterised by certain spiritual and idealistic aspirations, in spite of the fact that they were the offspring of the kind of thought that had become habitual in the domain of natural science. These leading minds were still, to a certain extent, conscious of their dependence upon an inner guidance A few definite examples will show that this changes entirely in the second half of the century. In following up this particular line of development we shall not be able to concentrate upon those who were either scientists or artists in the narrower sense. We shall have to select typical representatives of scientific thought at that time who set themselves the task of clarifying the problems of the social life which had become more and more insistent in the course of the nineteenth century. More and more it was borne in upon eminent thinkers that the only way of approach to the problems of the social life was, on the one hand, to emphasise the importance of the results achieved by science and, on the other, to deal with the depression which had so obviously crept into the life and impulses of the soul.
[ 6 ] Wir finden eine solche repräsentative Persönlichkeit, wenn wir in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts zurückblicken, zunächst in einem Sohne, möchte ich sagen, der Französischen Revolution, in SaintSimon, einem Geiste, der allerdings die wissenschaftliche Denkweise seiner Zeit aufgenommen hat, der durchaus in seiner Seele am Beginne des 19., am Ende des 18. Jahrhunderts noch diejenige Seelenverfassung trägt, welche als Ergebnis des wissenschaftlichen Geistes eben von der Wende des 18. zum 19. Jahrhundert da sein kann. Aber auch im allgemeinen Weltbewußtsein, in den sozialen Lebensformen und Lebensforderungen steht Saint-Simon um diese Zeit darinnen. Er hat miterlebt die Wirkungen der Französischen Revolution, jenen aus den Tiefen der menschlichen Seele hervorgegangenen Ruf nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Er hat alles dasjenige aber auch erleben müssen, was dann an Enttäuschungen im europäischen Leben auf die Revolution gefolgt ist. Er sieht aber schon heraufkommen, was dann später immer mehr und mehr zu der brennenden sozialen Frage geworden ist. Und indem man sein ganzes Seelengefüge ins Auge faßt, merkt man: Saint-Simon steht durchaus auf dem Standpunkte eines Menschen, welcher den festen Glauben hat, man kann durch menschliches Wissensstreben zu Ideen sich aufschwingen, die dann das soziale Leben befruchten können. Man müsse nur, was heraufgekommen ist durch den wissenschaftlichen Geist der neueren Zeit, in der richtigen Weise verstehen, man müsse es in der richtigen Art mit den ganzen Forderungen der Zeit in Zusammenhang bringen, dann würde man, etwa durch Nachdenken, durch Wissen, durch Erkenntnis und durch ein liebewarmes Herz für die sozialen Aufgaben etwas finden können, das man den Menschen mitzuteilen hat, und Menschen werden dann da sein, die ein Verständnis haben werden für das, was man ihnen so aus einem zeitgemäßen Wissen und aus einem liebewarmen, sozial fühlenden Herzen zu sagen hat. Und aus dem Zusammenwirken solcher Menschen, welche Verständnis dafür haben und einen diesem Verständnis angemessenen Willen entwickeln, wird sich eine Besserung, eine Fortentwickelung der sozialen Lage Europas und was dazu gehört, finden lassen. In Saint-Simon lebt die Kraft des Gedankens, lebt die Kraft des Glaubens, daß überzeugend gewirkt werden könne unter den Menschen, wenn man in seiner eigenen Seele das Richtige erfaßt und dieses Richtige in der rechten Weise wissenschaftlich schriftstellerisch lehrend vor sie hinträgt.
[ 6 ] In the first half of the nineteenth century, we find a representative personality in Saint-Simon, a son, as it were, of the French Revolution, and who had thoroughly imbibed the scientific thought of his time. Saint-Simon was one whose mind, at the end of the eighteenth and beginning of the nineteenth centuries, may be taken as a typical example of the scientific thinking of the day. He was also deeply concerned with the social problem. He had experienced the aftermath of the French Revolution and had heard the cry for Liberty, Equality, Fraternity resounding from the depths of the human soul. But it had also been his lot to experience the disappointments suffered by Europe alter the Revolution. He witnessed the gradual emergence of what, later on, became the burning social question. And if we study the whole temper and outlook of Saint-Simon's mind, it is clear that he was a firm believer in the fact that knowledge can ultimately lead to ideas which will be fruitful for the social life, provided always that these ideas are in inner harmony with the demands of the times. He was convinced that study, understanding and enthusiasm for the tasks of social life would lead to the discovery of something which could be communicated to men, and that they would respond to knowledge born of enthusiasm for the betterment of social life and presented to them in a form suited to the conditions of the age. Betterment and progress—so thought Saint-Simon—will come about in the social life of Europe through the co-operation of individuals who have both understanding and strength of will. Saint-Simon was imbued with the firm belief that it is possible to convince human beings when one's own mind has grasped the truth and is capable of presenting it to others in the proper scientific form. And so he tries to base all his work upon the spiritual and mental conceptions of his day. He looks back to times which, in his opinion, had already fulfilled their mission; he thinks of the power once possessed by the nobles and the military class, and says to himself: In earlier times the nobles and the military class had their purpose and function. The nobles provided military forces for the protection of those who desired to devote their energies to the so-called arts of peace.
[ 7 ] Und mit einer solchen Gesinnung versucht Saint-Simon aus dem ganzen geistigen Duktus der Zeit heraus zu wirken. Er sieht von dieser Gesinnung heraus zurück auf jene Zeiten, die für ihn nun schon ihre Aufgabe erfüllt haben, in der tonangebend waren die Kräfte, die aus der Welt des Adels und aus der Welt des Militärs gekommen sind. Saint-Simon sagt sich: In älteren Zeiten haben Militär und Adel einen Sinn gehabt. Der Adel hat die militärischen Kräfte geliefert, welche die Verteidigung geführt haben auch für solche Menschen, die sich den sogenannten Künsten des Friedens hingeben wollten. Aber auch noch ein anderer Stand hat in früheren Zeiten seine Bedeutung gehabt: der Priesterstand. Durch lange Zeiten — so sagt sich Saint-Simon — war der Priesterstand der eigentlich lehrende Stand, der Träger des geistigen Lebens, der Träger der Bildung. Das ist er längst nicht mehr. Ebensowenig wie der Adels- und Militärstand ihre Bedeutung in der neueren Zeit haben, ebensowenig hat der Priesterstand seine frühere Bedeutung. Dagegen ist ein völlig neues Element in die Entwickelung eingetreten. — Saint-Simon hatte einen feinen Blick dafür, was die heraufkommende Industrie und die mit ihr zusammenhängende Naturwissenschaft für die Entwickelung der modernen Menschheit bedeuten. Er sagte sich: Wenn man diese Entwickelung der Industrie betrachtet, so erzieht sie auf der einen Seite ein Geistesleben, das sich schon entwickelt hat in der Naturwissenschaft, das eine gewisse Denkweise gepflanzt hat, die sich in Physik, in Chemie, sogar in Biologie schon auslebt, eine Denkweise, die ergreifen muß die anderen, die höheren Wissenschaftsglieder des gesamten menschlichen Geisteslebens. Zwar bisher — so sagte sich Saint-Simon von seiner eigenen Zeit — haben nur Astronomie, Chemie, Physik und die Physiologie den Charakter der neueren Zeit angenommen. Aber wir müssen auch begründen eine menschliche Wissenschaft, eine menschliche Seelenkunde, wir müssen eine Soziologie begründen, und wir müssen uns erheben bis zu einer Art politischer Physik; dann können wir uns wirkend und handelnd hineinstellen in das soziale Leben. Wir brauchen — so sagt SaintSimon — eine politische Physik, und er wollte eine Art von Wissenschaft aufbauen über das menschliche soziale Handeln nach dem Muster derjenigen Wissenschaftlichkeit, die sich ausgebildet hatte in Chemie, Physik und Physiologie. Daß der ganze Geist der Zeit getragen werde von einer Gesinnung, die auf solches hin will, das eben entnahm Saint-Simon dem Umstande, daß die industrielle Betätigung ein solches Übergewicht in der neueren Zeit erhalten hatte. In der Zeit, in der so intensiv gewirkt wird von alledem, was im weitesten Sinne industriell genannt werden kann, kann das Vergangene unmöglich seine Fortsetzung finden in der alten militärisch-priesterlichen Lebensform.
[ 7 ] But—thought Saint-Simon—in earlier times the priesthood too was a factor of great significance. For long ages the instruction and education of the people were in the hands of the priesthood and the priests were the bearers of the spiritual life. But this state of things has long since passed away. The nobles and the military class, nay even the priesthood, have lost their raison dêtre. And on the other hand, an entirely new line of activity has established itself in civilised life. Saint-Simon was well aware of all that the development of industry and industrial science meant in the evolution of humanity. He said to himself: This industrial development will in its turn give rise to a kind of thinking that has already been adopted by natural science, is employed in physics, chemistry, biology, and will inevitably spread to the other sciences. In astronomy, chemistry, physics and physiology we find evidences of the kind of thinking that is current in the modern age. But it is also essential to inaugurate a science of man, in other words, psychology and sociology. The principles of physics must be introduced into political science and then it will be possible to work and act effectively in the domain of social life. What is needed—so said Saint-Simon—is a kind of ‘political physics,’ and he set out to build up a science of social life and action that should be in line with the principles of chemistry, physics and physiology. Saint-Simon considered that this kind of thinking was evitable because of the overwhelming importance which industrial life was beginning to assume in his day, and he was convinced that no further progress would be possible in industry if it remained under the old conditions of subordination to the military class and to the priesthood.
[ 8 ] Und gleichzeitig wies Saint-Simon darauf hin, daß alle diese Dinge eigentlich im Zeitenverlaufe nur relativ sein könnten. Für die alten Zeiten haben ihre Bedeutung gehabt die Priester und die adeligen Militärs, für die gegenwärtige Zeit, seine Zeit, haben die gegenwärtigen Gelehrten und die Industriellen die gleiche Bedeutung. Und während, so sagt sich Saint-Simon, für die Priester und die Militärs, die Art der Militärs der alten Zeiten, eine gewisse Weltanschauung, eine gewisse geistige Verfassung das Richtige war, ist eine andere geistige Verfassung das Richtige für die neuere Zeit. Aber es bleibt immer von der älteren Zeit etwas zurück. Die alte übersinnliche Priesterkultur, die ja auch zugrundeliegend war den genannten militärischen Einrichtungen, diese Priesterkultur lehnte Saint-Simon im Sinne dessen, was die industrielle Gesinnung seines Zeitalters heraufgebracht hatte, ab. Er nannte das eine wesenlose, unmögliche Metaphysik, während die neuere Zeit zustreben müsse, bis zur Politik hin, einer positiven Philosophie, welche sich an Tatsachen ebenso hält, wie sich die industrielle Betätigung an die äußeren Tatsachen hält. Nur zurückgeblieben ist, so sagte Saint-Simon, aus jenen alten Zeiten, was wie eine traditionelle Metaphysik erscheint, die sich ausnimmt wie eine Metaphysik, die nicht mehr wirkliches Leben hat, die sich nur noch fortpflanzt. Und diese Metaphysik ist diejenige, die man namentlich findet, so meint Saint-Simon, in der neueren Jurisprudenz und in alledem, was sich auf dem Umwege durch die Jurisprudenz in das staatliche Leben hineingeschlichen hat. Im Grunde genommen ist für Saint-Simon Jurisprudenz und die ihr zugrundeliegende Begrifflichkeit etwas, was nur wie ein Rest, wie ein Schatten zurückgeblieben ist aus jenen Zeiten, in denen Priesterherrschaft und Militärherrschaft ihre Bedeutung gehabt haben.
[ 8 ] At the same time Saint-Simon indicated that all these changes were to be regarded as phases. The priests and the nobility had had their function to perform in days gone by and the same significance was, he said, now vested in the scholars and the industrialists. Although in former times a spiritual conception of life was thoroughly justified, the kind of thought that is fitting in the modern age, said Saint-Simon, is of a different character. But something always remains over from earlier times. Saint-Simon's rejection of the older, sacerdotal culture was due to his intense preoccupation with the industrialist mode of thinking that had come to the fore in his day. He spoke of the old sacerdotal culture as a system of abstract metaphysics, whereas the quest of the new age, even in the sphere of politics, must be for philosophy concerned as directly with concrete facts as industrial life is concerned with the facts of the external world. The old sacerdotal culture, he said, simply remains as a system of metaphysical traditions, devoid of real life, and it is this element that is found above all in the new form of jurisprudence and in what has crept into political life through jurisprudence. To Saint-Simon, jurisprudence, and the concepts on which it was based, were remnants and shadows of the time when sacerdotalism and militarism had a real function to perform in the life of the people.
[ 9 ] Man sieht, was eigentlich da vorliegt, wenn ein Geist mit einer solchen Seelenverfassung auftreten kann. Es ist auf der einen Seite das, was schon aus dem 18. Jahrhundert und schon früher her gewirkt hat, die naturwissenschaftliche Denkungsweise, die alle menschliche Seelenbetrachtung hinweisen will auf das äußerlich sinnlich Tatsächliche und davon die Denkgewohnheiten angenommen hat. Allein, noch etwas anderes ist es, was da wirkt auf einen solchen Geist wie Saint-Simon. Es ist zu gleicher Zeit die aus der Tiefe des Menschenwesens heraufkommende Forderung nach der Freiheit der menschlichen Individualität. Naturwissenschaftliche Gesetzmäßigkeit überall finden, nichts als wissenschaftlich gelten lassen, was nicht naturwissenschaftliche Gesetzmäßigkeit sein kann, das steht auf der einen Seite, auf der anderen Seite steht die Forderung: Der Mensch muß als Einzelindividualität sein eigener Herr werden können, er muß in Freiheit seine Menschenwürde suchen können. — Im Grunde genommen stehen die beiden Forderungen einander diametral gegenüber. Und wenn man eben tiefer eingeht auf das Gefüge des Geisteslebens des 19. Jahrhunderts, so sieht man, daß ein solcher Geist wie SaintSimon gerade vor diesen großen Lebensproblemen stand: Wie komme ich zurecht mit der allgemeinen Naturgesetzlichkeit, der auch der Mensch angehören soll, auf der einen Seite, und auf der anderen Seite mit der Forderung der Betätigung menschlicher Individualität, menschlicher Freiheit?
[ 9 ] The views of a man like Saint-Simon are born of the scientific mode of thinking which had become so widespread in the eighteenth century, and even before that time. It is a mode of thinking which directs all inner activity in man to the external world of material facts. Saint-Simon's attitude, however, was influenced by yet another factor, namely, the demand for individual freedom which was at that time arising from the very depths of man's being. On the one side we find the urge to discover natural law everywhere and to admit nothing as being ‘scientific’ which does not fall into line with this natural law.—And on the other side there is the insistent demand for individual freedom: Man must be his own matter and be able in freedom to find a place in the world that is consistent with the dignity of manhood. These two demands are, as a matter of fact, in diametrical opposition to one another. And if we study the structure of the life of thought in the nineteenth century, we realise that the mind of Saint-Simon and others like him was faced continually with these great problems: How can I reconcile natural law—to which man too must, after all, be subject—with the demand for human freedom, for freedom of the individuality.
[ 10 ] In der Französischen Revolution hat zusammengewirkt die materialistische Betrachtung des Weltganzen mit den Forderungen der individuellen menschlichen Freiheit, und die Stimme der Französischen Revolution war es, die ins 19. Jahrhundert herübergeklungen hat und die solche Menschen wie Saint-Simon vor diesen inneren Erkenntniskonflikt gestellt hat, vor das, was in solcher Weise tragisch zum Vorschein kommt, was mehr und mehr wie eine soziale Forderung, als ein Ergebnis der Französischen Revolution heraufrückt. Da stellt sich ferner heraus, daß die naturwissenschaftliche Gesetzlichkeit gilt, daß sie daher ausgedehnt werden sollte auf alles, also auch auf den Menschen, daß aber der Mensch nicht eigentlich da hinein will, weil er innerhalb dieser naturwissenschaftlichen Gesetzmäßigkeit seine Freiheit nicht finden kann.
[ 10 ] In the French Revolution a materialistic view of the universe had been mingled with the inner demand for individual freedom. And it was the voice of the French Revolution, sounding over into the nineteenth century, which led men like Saint-Simon to this bitter conflict in the realm of knowledge.—The laws established by natural science hold good and are universal in their application. They obtain also in the being of man, but he will not admit it because within this body of scientific law he cannot find his freedom as an individual.
[ 11 ] Und so steht eigentlich die Geistesverfassung der neueren Zeit, des Beginnes des 19. Jahrhunderts, gerade in solchen repräsentativen Geistern, wie Saint-Simon einer ist, man möchte sagen, ohne festen Boden vor zwei Forderungen, die schlechterdings nicht in dem, was sie aussagen, in Harmonie zu bringen sind. Und mit diesem Zwiespalt soll man nun eintreten in eine Betrachtung des sozialen Lebens. Wissenschaftlich soll man sein auf der einen Seite, ein soziales Gefüge soll man finden, in dem der Mensch seine freie Menschenwürde finden kann, auf der anderen Seite.
[ 11 ] And so at the beginning of the nineteenth century, men like Saint-Simon stood as it were without ground under their feet before two irreconcilable principles. In trying to solve the problems of social life it was a question, on the one side, of keeping faith with science and, on the other, of discovering a form of social life wherein the freedom of true manhood is preserved and maintained.
[ 12 ] Saint-Simon, er hat nach allen möglichen Begriffen gesucht, um Institutionen, Einrichtungen des industriellen Lebens, des allgemeinen Menschenlebens überhaupt hinzeichnen zu können, die ihn hätten befriedigen können. Aber man sieht, er scheitert überall an der Unvereinbarkeit dieser zwei Forderungen der neueren Geschichte. Aber nicht nur in der Menschenbrust stehen diese zwei Forderungen des neueren Geisteslebens da. Nicht nur dann, wenn der Mensch gewissermaßen als einzelner Betrachter in sich hineinschaut, wird er gewahr, daß da ein Zwiespalt sich ergibt, sondern das ganze Geistesleben und in dessen Folge das staatliche und wirtschaftliche Leben im Beginne des 19. Jahrhunderts, stehen im Grunde genommen im Zeichen dieses Zwiespaltes. In demjenigen, was sich als historische Ereignisse abspielt, lebt auf diese Weise die Sehnsucht nach festen Gesetzen auch im sozialen Leben und auf der anderen Seite der Ruf nach individueller Freiheit. Man soll ein soziales Gefüge finden, einen sozialen Organismus gewissermaßen, der erstens gesetzmäßig ist, wie die Natur gesetzmäßig ist, der auf der anderen Seite aber den Menschen die Möglichkeit eines freien Lebens bietet. Der Zwiespalt, er wird insbesondere dadurch hervorgerufen, daß die besten Geister, und Saint-Simon gehört zweifellos dazu, in diesem Geistesleben nichts finden können, was ihnen positive Gedanken geben könnte für eine soziale Ordnung im menschlichen Zusammenleben. $o zeichnet SaintSimon nach den Denkgewohnheiten der Naturwissenschaft ein soziales System; aber die andere Forderung ist nicht erfüllbar: Erlangung freier Menschenwürde. Und das wird zur Kardinalforderung, die da auftritt im modernen Leben und die sich spiegelt in allem Zwiespältigen des Geisteslebens. Die tritt auf, weil man sich nun gar nicht zu helfen weiß, weil gewissermaßen diejenigen Geister im modernen Leben, welche, wie einst Goethe, nach einem Ausgleich dieser Gegensätze streben, sich doch im hohen Alter wiederum zum einsamen, rein innerlichen Leben verurteilt finden.
[ 12 ] Saint-Simon tried hard in every direction to find ideas for the institutions of industrial life and of human life in general which might bring him satisfaction. But again and again he was baffled by the incompatibility of these two demands of his age. The conflict, moreover, did not only make itself manifest in individual minds. Over the whole of the thought-life and its offspring, namely, the political and economic life of the beginning, of the nineteenth century, there loomed the shadow of this conflict. On the one side men yearn for unshakable law and, on the other, demand individual freedom. The problem was to discover a form of social life in which, firstly, law should be as supreme as in the world of nature and which, secondly, should offer man the possibility of individual freedom. The shrewdest minds of the age—and Saint-Simon was certainly one—were not able to find ideas capable of practical application in social life. And so Saint-Simon prescribes a social system directed by science and in line with scientific habits of thought.—But the demand for individual freedom finds no fulfilment. A cardinal demand had thus obtruded itself in the life of the times, and is reflected in many a mental conflict. Men like Goethe, not knowing where to turn and yet seeking for a reconciliation of these two opposing principles, find themselves condemned to a life of inner loneliness.
[ 13 ] Da trat etwas auf im Beginne des 19. Jahrhunderts für das große soziale Leben, was man nennen könnte eine Art Verzweiflungstat gegenüber der Tatsache, daß man, wie sich auch dieses menschliche Denken anstrengen mag, wie es auch alles zusammenzunehmen sucht, was im menschlichen Inneren dessen Erfindungsgabe an Gedanken entnommen werden kann, daß man dennoch auf diese Art nicht zum Anschauen eines möglichen sozialen Organismus gelangt. Da kommt es dazu, daß diejenigen Geister im Grunde genommen tiefen Eindruck machen, allerdings nicht bei jenen, die aus naturwissenschaftlichem Denken heraus stammen, auch nicht bei solchen, die die abstrakten Forderungen der Französischen Revolution geltend machen, wohl aber bei Menschen, die da in dem durch die Revolution und durch Napoleon erschütterten Europa eine soziale Ordnung, etwas Bleibendes schaffen wollen. Bei diesen findet ein Geist Anklang, der, wie de Maistre, in früheste menschliche Zeitalter zurück weist, in die ersten Jahrhunderte der christlichen Entwickelung Europas.
[ 13 ] At the beginning of the nineteenth century there is a feeling of despair in face of the fact that human thinking, in spite of every effort, is incapable along these lines of discovering a practicable form of the social organism. And the consequence of this is that minds of another character altogether begin to make a stir—minds not fundamentally under the influence of scientific thought nor desirous of applying the abstract demands of the French Revolution but who aim at establishing some permanent principle in the social life of a Europe shaken by the Revolution and the deeds of Napoleon. And support is forthcoming for a man like de Maistre who points back to conditions as they were in the early centuries of Christendom in Europe.
[ 14 ] De Maistre, der den südromanischen Gegenden entstammt, der in den neunziger Jahren des 18. Jahrhunderts schon seinen Aufruf erlassen hat an die französische Nation, der dann sein bedeutendes Werk über die Päpste schrieb, der dann die eindrucksvollen «Abendstunden in St. Petersburg» geschrieben hat, er ist, ich möchte sagen, der universalste Geist der europäischen Reaktion in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Er ist ein scharfer Denker, ein genialischer Kopf, dieser de Maistre. Er verweist diejenigen, die es hören wollen, auf das Chaos, das allmählich entstehen muß, wenn man nicht zu Gedanken über den Aufbau eines sozialen Organismus sollte kommen können. Er prüft von diesem Gesichtspunkte aus scharf diejenigen Geister, die die neuere Zeit, wie er meint, eben gerade in das Chaos gebracht haben, die das soziale Chaos bewirkenden Geister, die so die neuere Zeit eingeleitet haben. Er kritisiert scharf zum Beispiel den Philosophen Locke, und er stellt es geradezu wie eine unwiderlegliche Wahrheit hin, daß eine soziale Ordnung nicht zustande kommen könne, wenn man nicht im alten christkatholischen Sinne dasjenige, was religiöser Geist der ersten christlichen Jahrhunderte in Furopa war, wiederum über die europäische Zivilisation ausgießt.
[ 14 ] De Maistre, born in the South of France, issued his call to the French Nation in the nineties of the eighteenth century, wrote his striking work on the Pope and also his Soirées de St. Petersbourg. He is the most universal mind among the reactionaries in the first half of the nineteenth century—a shrewd and ingenious thinker. He calls the attention of those who are willing to listen to the chaos that must gradually ensue if men prove incapable of evolving ideas upon which a social order may be built up. From this point of view he criticises with considerable acrimony those whom he considers responsible for the chaos in modern thought, among them, Locke, and he lays it down as an irrefutable principle that no social order worthy of the name can arise unless the civilisation of Europe is imbued once again with the old Catholic spirit of the early centuries of Christendom.
[ 15 ] Man muß sich schon, wenn man solchen Erscheinungen gerecht werden will, ein wenig Objektivität aneignen, man muß sich hineinversetzen können in eine Persönlichkeit, wie de Maistre es war, und wie diejenigen es waren und es heute noch sind, die sich zu diesem Geiste bekennen. Man muß sich hineinversetzen können in einen Geist, der da sieht, wie aus all dem modernen naturwissenschaftlichen Denken eben keine Soziologie entstehen kann, wie das Chaos immer größer und größer werden muß, wenn nicht ein geistiger Impuls in die soziale Ordnung hineinkommt. Einen solchen neuen geistigen Impuls sah natürlich de Maistre nicht, sahen alle diejenigen nicht, die hinnahmen, was er mit eindringlichen Worten schrieb. Aber er wies zurück auf alte Zeiten, in denen eben die Menschen die Möglichkeit und Macht hatten, ein soziales Gefüge zu bilden. Heute ist für jene Menschen, die gewöhnlich sich mit Wissenschaft beschäftigen, die Stimme des de Maistre fast verhallt. Aber sie ist nur oberflächlich verhallt. Wer heute sieht, was eigentlich unter der Oberfläche unseres Zivilisationslebens vorgeht, wie die traditionellen Religionsgesellschaften wiederum ihre Fangarme ausstrecken, wie sie danach streben, sich zu modernisieren, der weiß, wie viel von dem Geiste des Joseph de Maistre gerade in Kreisen lebt, die nun allerdings als reaktionäre Kreise immer weiter und weiter Verbreitung gewinnen, und die immer auch, wenn ihnen nicht ein Gegenpol geschaffen wird, mehr und mehr tonangebend werden müßten in der niedergehenden neueren Zivilisation. Wenn man objektiv auf de Maistre hinzuschauen vermag, dann sagt man sich: Kein Funke eines neuen Geistes, aber ein genialer Bearbeiter der alten römisch-katholischen Ideen, ein genialer Bearbeiter eines sozialen Organismus, der durch Einprägung der kirchlich-christlichen Impulse in die Gemüter aus dem Chaos eine, allerdings für die heutigen Zeiten nicht wünschenswerte, aber an sich mögliche soziale Ordnung hervorrufen kann. Und damit steht eine merkwürdige Tatsache im neueren geistigen Leben nun vor uns.
[ 15 ] We must be absolutely objective in our study here and try to put ourselves in the place of a man like de Maistre and of those who even to-day still think more or less as he did. We must be able to see with the eyes of one who is convinced that no true social science can be born of modern scientific thought and that if no spiritual impulse can find its way into the social organism, chaos must become more and more widespread. It is, of course, true that neither de Maistre himself nor those who listened to his impassioned words perceived the reality of a new spiritual impulse. De Maistre pointed back to olden times, when the building of social order had actually been within the capacity of men. In the world of scientific thought to-day his voice has to all intents and purposes died away, but on the surface only. Those who perceive what is really happening below the surface of civilised life, who realise how traditional religions are stretching out their tentacles once again and trying desperately to ‘modernise’ know how strongly the attitude of men like de Maistre is influencing ever-widening circles of reactionary thought. And if no counterbalance is created this influence will play a more and more decisive Part in our declining civilisation. An objective study of de Maistre makes it abundantly evident that there is in him no single trace of a new spirit but that he is simply an ingenious and shrewd interpreter of the ideas of Roman Catholicism. He has worked out the principles of a social system which would, in his opinion, be capable of calling forth from chaos a possible (although for the modern age not desirable) social order, directed by ecclesiasticism. A strange situation has arisen at this point in the life of modern thought.
[ 16 ] In einem gewissen Sinne ist ein Mann, der wiederum repräsentativ ist für das neuere Geistesleben, ein Schüler de Maistres geworden, der allerdings de Maistres Ideen in ganz anderem Sinne ausgebildet hat. Aber ein anderes ist der Inhalt des Denkens, ein anderes die ganze Art des Denkens, und man möchte sagen: De Maistres reaktionäre Gesinnung, reaktionäre Seelenverfassung, sie lebt auf einem Gebiete weiter, auf dem man sie nicht suchen würde, wie ein illegitimes Kind der modernen Zivilisation. Denn nicht im Inhalte, aber in bezug auf die Gedankenkonfiguration ist ein wahrer Schüler de Maistres einer derjenigen, der ihn geistig auch entsprechend verehrt hat, der Soziologe Auguste Comte; Auguste Comte, der geradezu als der Vater der neueren Soziologie hingestellt wird. Er ist auf der einen Seite Schüler Saint-Simons, auf der anderen Seite ist er durchaus auch Schüler de Maistres. Das werden diejenigen nicht leicht einsehen, die im geistigen Leben nur auf den Inhalt gehen, nicht auf den ganzen Duktus, nicht auf die ganze Führung der Gedanken, auf die ganze Führung des Seelenlebens. Man sieht bei Comte, wie er verweist auf drei Stadien der Menschheitsentwickelung. Er zeigt auf die alte Zeit der Mythenbildung, auf die Zeit, in der priesterliche Herrschaft war. Sie betrachtet er als eine vergangene Zeit, und sie wurde abgelöst nach seiner Ansicht von der metaphysischen Zeit, von der Zeit, in der man Gedankensysteme über das Übersinnliche ausgebildet hat. Auch die ist vorüber. Im Sinne Saint-Simons muß übergegangen werden zu einer Art politischer Physik. Es darf nur geltend gelassen werden, was Wissenschaft der positiven Tatsachen ist. Also muß man aufsteigen von demjenigen, was die Physik, Chemie, Physiologie ist, zu einer soziologischen Betrachtungsweise, um eben mit den gleichen Methoden zu einer Art politischer Physik zu gelangen.
[ 16 ] In a certain sense, another man who is also a typical representative of modern thinking came strongly under the influence of de Maistre. He gave an entirely different turn to the ideas of de Maistre but we must not forget that the actual content of a thought is one thing and the mode of thinking another, and it may be said with truth that the reactionary principles of de Maistre appear, like an illegitimate child of modern culture, in an unexpected place. Not from the point of view of content but from that of the whole configuration of thought, Auguste Comte, sometimes called the ‘father of modern society,’ is a true disciple of de Maistre for whom, moreover, he had considerable admiration. On the one side, Comte is a disciple of Saint-Simon, on the other, of de Maistre. This will not readily be perceived by those who concentrate on the actual content of the thoughts instead of upon the whole trend and bent of the mental life. Comte speaks of three phases in the evolution of humanity.—There is, firstly, the ancient, mythological period—the theological stage—when supremacy was vested in the priesthood. This, in his view, was superseded by the metaphysical phase, when men elaborated systematic thoughts relating to things super-physical. This stage too has passed away. The transition must now be made to a kind of political physics, in line with the idea of Saint-Simon. Science of given facts—this alone is worthy of the name of science. But there must be an ascent from physics, chemistry, biology, to sociology, and thus, following the same methods, to a kind of political physics.
[ 17 ] Nun zeichnet Comte eine Art Menschheitsgemeinschaft, eine Art Sozietät, in der nur herrscht die positive, die an die äußeren sinnlichen Tatsachen sich anlehnende Denkungsweise, und die nur dasjenige in der Wirklichkeit hervorruft, was aus einer solchen Denkungsweise kommen kann. Es ist natürlich nicht eine Spur von Gläubigkeit des Katholizismus in dieser Sozietät, in diesem sozialen Organismus zu finden. Aber die Art, wie Comte konstruiert, wie er eine Art, man möchte sagen, Sinneskirche an die Stelle der übersinnlichen Kirche setzt, wie er zum Beispiel die ganze Menschheit an die Stelle Gottes setzt, wie er das Wort prägt: Der Mensch handelt, aber die Menschheit lenkt ihn, führt ihn — es ist dies ja nur eine Umprägung des Wortes: Der Mensch denkt und Gott lenkt. — Alles das zeigt, daß der Geist de Maistres, der urreaktionäre, katholische Geist de Maistres in dem positivistischen, nur auf das Sinnliche gerichteten Geiste Auguste Comtes lebt. Und man möchte sagen: Katholizität lebte damit fort, in alledem, was in diese Soziologie übergegangen ist. Dennoch, wenn wir hinschauen auf Auguste Comte, so müssen wir sagen: es lebt auch in ihm in dem Sinne noch ein idealistischer Zug, als auch er meint, er könne ergründen, wenn er nur im richtigen Geiste der Zeit denkt, was den Menschen zum Heile sein müsse im sozialen Gefüge, und man könne das dann den Menschen mitteilen, sie könnten überzeugt werden, und durch dieses Mitteilen und durch dieses Überzeugtwerden könne ein wünschenswertes Zusammenleben entstehen. Und es ist im Grunde genommen in allem, in der ganzen Konfiguration des Denkens der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, noch ein gewisses Vertrauen zu der menschlichen Idee zu finden, mit der man seine Mitmenschen überzeugen kann, aus dem etwas hervorgehen kann an menschlichen Taten, an menschlichen Einrichtungen durch den vom Intellekt geleiteten Willen der überzeugten Menschen. Das spricht sich dann in der verschiedensten Weise aus. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachten im Grunde genommen alle Geister in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Welt. Die Art, wie sie betrachten, das hängt zum Teil von ihren nationalen Stellungen ab, das hängt von anderen Umständen ab, aber von diesem Gesichtspunkte aus betrachten sie die Welt.
[ 17 ] Comte outlines a form of society directed by positive thinking, that is to say, by thought based entirely upon the material facts of the external world. In this social structure there is, naturally, not a single trace of Catholic credulity to be found. But in the way in which Comte builds up his system, the way in which he substitutes the authority of the senses for the super-sensible authority of the Church, putting humanity in the place of God, declaring that it is the individual who acts but humanity who guides—all this is simply another way of saying: Man thinks and God guides. All this goes to show that the essentially Catholic, reactionary thought of de Maistre is working in the positive philosophy of Auguste Comte which is directed entirely to the things of the material world. Catholic thought is being promulgated in this sociology. And yet we must admit that there was an idealistic tendency too in the thought of Auguste Comte. He believes, provided always that his thought is in conformity with the spirit of the age, that he can discover in the social structure something that will be a blessing to man; he believes, furthermore, that this can be brought home to men and that a beneficial and desirable form of social life may thus be achieved. Implicit in every thinker during the first half of the nineteenth century there is a certain confidence in ideas that can be born in the mind of man and then communicated to others. There is a certain confident belief that if only men can be convinced of the truth of an idea, deeds of benefit to human life will spring from a will that is guided by intelligence. This attitude of confidence expresses itself in many different ways and is apparent in all the thinkers of the first half of the nineteenth century. Their individual views are, of course, partly influenced by nationality and partly by other factors, but this attitude is none the less universal.
[ 18 ] Sehen wir einmal, wie die soziale Ordnung von Saint-Simon, von Auguste Comte betrachtet wird oder dann von Quételet, wie da der systematisierende, der sich an das Rechnen, an das Mathematische haltende bloße Verstand, bloße Intellekt wirkt, der immerdar statistisch wirken will, der alles geordnet haben will, der mit einer gewissen Eleganz Systeme bauen will. Sehen wir, wie ein eminent in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stehender Geist, wie etwa, sagen wir, Herbert Spencer, in England wirkt. Er trägt durchaus die englische Seelenverfassung in sich. Er wirkt nicht etwa in demselben Sinne wie Saint-Simon, wie Auguste Comte systematisierend, er wirkt auch nicht durch die Statistik, sondern man sieht: Was er an ökonomischem Denken, an wirtschaftlichem Denken darüber gelernt hat, wie sich die einzelnen Wirtschaftsprobleme verketten, das macht er für die Soziologie geltend. Es wird von Herbert Spencer auf Grundlage naturwissenschaftlichen und ökonomischen Denkens eine Art Überorganismus ausgedacht. Nicht er, aber immerhin andere haben diesen Ausdruck gebraucht. Es ist ja im 19. Jahrhundert überhaupt Sitte geworden, dem, was man nicht konkret erfassen konnte, das Wort «Über» voranzusetzen. Aber sehen Sie, solange das lyrisch bleibt wie später bei Nietzsches «Übermenschen», mag es ja gelten; wenn es aber das Konkrete aus der Welt schaffen soll dadurch, daß man einfach ein Konkretes, das man vor sich hat, dadurch aufheben will, daß man das Wort «Über» davorsetzt, wie es vielfach gemacht worden ist, indem man zum Beispiel das Wort «Überorganismus» erfunden hat, dann plätschert man und panscht man eben in konfusen Begriffen, in nichts weiter. Aber wie gesagt, in einer Art Idealität, in einer Art Vertrauen dazu, durch den Geist die rechte Richtung finden zu können, leben diese tonangebenden Geister in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
[ 18 ] Consider for a moment how men like Saint-Simon, Comte or Quételet conceive of the social order. They work entirely with the intellect and reasoning faculty, systematising, never departing from the principles of mathematical calculation, building up statistics and orderly systems with a certain elegance and grace. And then think of a man like Herbert Spencer in England during the first half of the nineteenth century. Herbert Spencer is absolutely typical of the English outlook. He does not systematise like Saint-Simon and Comte, nor does he work with statistics. Economic and industrial thinking, the way in which the problems of industrial life are interlinked—all these things which he has learnt from the others, he then proceeds to build up into a social science. On the basis of scientific and economic thinking Herbert Spencer evolves a kind of ‘super-organism’. He himself does not use this expression but many other thinkers adopted it, and indeed it became a habit in the nineteenth century to place the prefix ‘super’ before anything of which they were unable to form a concrete idea. This may be quite harmless in the realm of lyrical thought, but when it becomes a question of raising the concrete to a higher level simply by using the prefix ‘super’—as was usual at one time—then one is stumbling about in a realm of confused thoughts and ideas. In spite of this habit, however, eminent minds in the first half of the nineteenth century were all possessed of a certain confidence that the power of the spirit would ultimately lead them to the right path.
[ 19 ] Das wird anders in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In vieler Beziehung kann man Karl Marx zum Beispiel als einen tonangebenden Geist in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts betrachten. Auch er faßt in seiner Art die Wissenschaftlichkeit der neueren Zeit zusammen und sucht daraus eine soziale Richtung zu geben. Aber wie anders steht Karl Marx da als Saint-Simon oder als Auguste Comte oder Herbert Spencer! Karl Marx steht so da, daß man sagen kann: Er hat im Grunde genommen keinen Glauben mehr, daß man irgend etwas erkennen könne, daß man in jemand anderem die Überzeugung hervorrufen könne, und wenn das wahr ist, dann werde das, was in dieser neueren Welt geschieht, sich auch vollziehen lassen durch den überzeugten Willen des Menschen. Nein, Saint-Simon, Auguste Comte, Herbert Spencer, Buckle, alle diejenigen, die man da nennen will, und wir könnten da ganz große Reihen von Persönlichkeiten anführen, alle diese Geister der ersten Jahrhunderthälfte, sie haben noch diese innerliche Überzeugung. Die Geister hingegen in der zweiten Jahrhunderthälfte haben sie nicht mehr und können sie nicht mehr haben. Marx ist nur der radikalste in einer Beziehung; bei allen anderen ist es ebenso: Sie alle haben nicht mehr jenes Vertrauen in den Geist.
[ 19 ] In the second half of the nineteenth century there is a complete change. From many points of view, Karl Marx may be regarded as an outstanding figure of this period. He too, in his own way, tries to give to the social life a lead based upon modern scientific thought. But the attitude of Karl Marx is very different from that of Saint-Simon, of Auguste Comte, of Herbert Spencer. Karl Marx has really given up the belief that it is possible to convince others of something that is true and capable of being put into practice, once the conviction has been aroused. Saint-Simon, Comte, Herbert Spencer, Buckle and many others in the first half of the nineteenth century had this inner belief, but in the second half of the century it was not, could not be there. Marx is the most radical example, but speaking quite generally this trust in the spirit was simply non-existent.
[ 20 ] Was tut Karl Marx? Karl Marx wirkt nicht mit dem Bewußtsein, etwas lehren zu können, Überzeugung hervorrufen zu können. Nein, er sagt: Da ist die große Masse des Proletariats, die haben diese Instinkte, die sich als Klasseninstinkte ausleben. Wenn ich die zusammenrufe, die schon diese Klasseninstinkte haben, wenn ich die organisiere und ihnen sage, was sich ausspricht in diesen Klasseninstinkten, dann kann ich mit ihnen etwas machen; dann kann ich sie so führen, daß eine neue Zeit heraufkommt. Man möchte sagen, Saint-Simon, Comte wirken wie ins Neuzeitliche übersetzte Priester, die da wenigstens glauben, den menschlichen Herzen Überzeugung beibringen zu können; sie konnten das tun in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Karl Marx wirkt wie ein Stratege, wie ein Feldherr, der gar nicht auf Überzeugung reflektiert, sondern der Massen organisiert. Es ist ganz gleichgültig, ob man Soldaten erst drillt und dann mit Hilfe des Drills die Massen organisiert hat, um dann mit ihnen ins Feld zu ziehen, oder ob man auf die schon vorhandenen Instinkte, auf die Klasseninstinkte rechnet und das schon Daseiende ins Feld führt. Man möchte sagen: Der priesterliche Duktus lebt in solchen Leuten fort wie Saint-Simon und Auguste Comte, auch in Herbert Spencer und ähnlichen Geistern; der militärische Duktus herrscht in Geistern wie Karl Marx, der Geist strategischer Übungen, der Geist, der nicht mehr daran glaubt, daß man irgend etwas finden und dieses so zum Ausdrucke bringen könne, so daß es den anderen überzeugt und um der Überzeugung willen dann daraus hervorgehe, was nun auch wirken will, sondern der Geist wirkt, der da sagt: Ich nehme diejenigen, die ich organisieren kann; die nehme ich, wie sie sind, denn überzeugen kann ich die Menschen doch nicht. Ich organisiere die Klasseninstinkte, und dann wird werden, was werden soll. — Man muß nur fühlen, wie radikal diese Wendung ist. Und derjenige, der hineinblickt in den Umschwung bei den tonangebenden Geistern im Laufe des 19. Jahrhunderts, der wird überall fühlen, daß sich dieser radikale Umschwung eigentlich im Grunde genommen verhältnismäßig rasch vollzieht. Und er vollzieht sich noch auf einem anderen Gebiete.
[ 20 ] So far as Karl Marx is concerned, he does not believe that it is possible to convince men by teaching. He thinks of the masses of the proletariat and says to himself: These men have instincts which express themselves as class instincts. If I gather together those in whom these class instincts are living, if I organise them and work with what is expressing itself in these class instincts, then I can do something with them, I can lead them in such a way that the inauguration of a new age is possible. Saint-Simon and Comte are like priests who have been transported into the conditions of the modern age. They at least believe that conviction can be aroused in the hearts of men, and this was actually the case in the first fifty years of the nineteenth century. Karl Marx, however, sets to work like a strategist, or a General who never gives a thought to the factor of conviction but simply sets out to organise the masses. And there is really no difference between drilling soldiers and then the masses in order to prepare them for the field of battle, and marshalling the class instincts that already exist in human beings. And so we find the old sacerdotal methods in men like Saint-Simon, Auguste Comte, Herbert Spencer, and militaristic methods in men like Karl Marx who being out-and-out strategists have given up the belief that men can be convinced and through their conviction bring about a desirable state of affairs. Such thinkers say to themselves: I must take those whom I can organise just as they are, for it is not possible to convince human beings. I will organise their class instincts and that will achieve the desired result. A very radical change had come about in the course of the nineteenth century and anyone who studies this change deeply enough will realise that it takes place with considerable rapidity and is, moreover, apparent in another sphere as well.
[ 21 ] Die naturwissenschaftliche Denkweise ist heraufgekommen im Laufe der neueren Zeit, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Man sehe insbesondere auf Fichte, Schelling, Hegel hin. Da hatte man noch Vertrauen zum Geist; man glaubte, aus dem Geiste heraus über die Natur etwas ausmachen zu können, was auch über die Natur zu entscheiden habe. Geradeso wie auf dem Gebiete der sozialen Denkweise im neueren Leben aufgehört hat das Vertrauen zu dem sie schaffenden Geiste, so geschah es auch in bezug auf das äußere Erkennen. Man verläßt sich jetzt nur noch auf Beobachtung und Experiment. Der schaffende Geist traut sich nichts mehr zu; das, was gelten gelassen wird, ist die Beobachtung, das Experiment. Dem schaffenden Geist, ihm wird nur die Fähigkeit zugeschrieben, zu registrieren, was Beobachtung und Experiment sagen. Und wenn man nun gerade von diesem Gesichtspunkte aus das soziale Leben begreifen will, dann wendet man die naturwissenschaftliche Beobachtung etwa des Darwinismus auf die menschliche Entwickelung an. Für diese Denkart sind dann Benjamin Kidd, Huxley, Russell, Wallace und so weiter in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts maßgebend. Wir finden da überall die Verphysischung des Geistes, die Anlehnung des Geistes an etwas Äußeres im praktischen Sozialen wie im Erkenntnisleben.
[ 21 ] The natural scientific mode of thinking came to the fore in the modern age, during the first half of the nineteenth century. We have only to think of men like Fichte, Schelling, Hegel. In their days, men still had faith in the spirit and believed that the spirit would help them to fathom the world of nature; they believed that nature was in some way directed by the spirit. But later on, just as faith in the creative spirit was lost in the domain of sociological thinking, so too was faith lost in the sphere of the knowledge of nature. Men placed reliance alone upon observation and experiment, and confidence in the creative spirit died away entirely. The spirit, they said, is capable only of recording the results of observation and experiment. And then, when this attitude creeps into the realm of social science, the scientific mode of observation is applied, as in Darwinism, in the study of the evolution of man. Benjamin Kidd, Huxley, Russell, Wallace and others in the second half of the nineteenth century are typical representatives of this kind of thinking The spirit is materialised and identified with external things both in the realm of social life and in the realm of knowledge.
[ 22 ] Ein Merkwürdiges ist es mit diesem 19. Jahrhundert, wie sich der menschliche Geist allmählich selber eine Art von innerem Agnostizismus vorkonstruiert, wie er selber innerlich das Vertrauen zu sich verliert. Und in dieser Beziehung ist eine radikale Wendung ebenfalls in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Wer nun beobachten will, wie diese Stimmungen sich entwickelt haben, die ich angeführt habe — und diese Stimmungen sind viel wichtiger als der Inhalt des Geisteslebens, für den, der die Zusammenhänge historisch betrachten will —, dieser wird tatsächlich eine Art gerades Hervorgehen dessen finden, was dann das 19. Jahrhundert ausgebildet hat, aus dem, was schon im 18. Jahrhundert da war. Man wird auch noch weiter zurückgehen können in das 17. Jahrhundert, man wird weiter zurückgehen können in das 16., in das 15. Jahrhundert. Man wird da zwar noch nicht auf dasjenige stoßen, was dann im 19. Jahrhundert hinstrebt nach dem Erfassen einer neuen sozialen Ordnung, aber man wird gewahr, wie eine soziale Ordnung nicht erfaßt werden kann, so daß man es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ganz aufgibt. Aber man wird doch finden, daß das, was geschieht in der Mitte des 19. Jahrhunderts, daß dieser Umschwung in der Mitte des 19. Jahrhunderts sich langsam entwickelt schon seit dem 15. Jahrhundert. Wenn man das geistige Leben rückläufig bis zum 15. Jahrhundert hin betrachtet, so kann man das immerhin erfühlen in denjenigen Begriffen, die man verstehen kann, mit denen man mitgehen kann als ein Mensch des 19. oder 20. Jahrhunderts.
[ 22 ] It is strange how in the nineteenth century the human mind is beset by a kind of inner agnosticism, how it gradually loses faith even in itself. There was a radical increase of this agnosticism in the middle of the nineteenth century. Those who observe the way in which thoughts are expressed—and when it is a matter of discovering historical connections this is far more important than the actual content of the thoughts—will realise that these voices of the nineteenth century were the offspring of a tendency that was already beginning to make itself felt in the eighteenth century. It is possible, too, to follow the line of development back into the seventeenth, sixteenth and fifteenth centuries. We shall not there find direct evidence of the urge that became so insistent in the nineteenth century to unfold a new conception of the social order, in spite of a realisation that the goal was impossible of achievement, but we shall find nevertheless that the change which took place in men's thinking in the middle of the nineteenth century had been gradually working up to a climax since the fifteenth century. We find too, as we follow the development of thought back to the time of the fifteenth century, that concepts and ideas are invariably intelligible to us as thinkers living in the nineteenth and twentieth centuries.
[ 23 ] Diese Möglichkeit hört auf, sobald man hinter das 15. Jahrhundert zurückkommt nach dem weiter zurückliegenden Mittelalter. Und da könnte ich zahlreiche einzelne Begriffe und Vorstellungen anführen, welche Ihnen den Beweis dafür liefern würden, wie es da in diesen Zeiten anders war mit der ganzen menschlichen Seelenverfassung. Ich will nur eines herausgreifen. Wer heute aufrichtig verstehen will, was, sagen wir, in einer Schrift, die der Beschreibung der Natur gewidmet ist, vor dem 15. Jahrhundert steht, der muß seine Seele in eine ganz andere Verfassung bringen, als wenn er irgend etwas aus der späteren Zeit, namentlich aus dem 18. oder 19. Jahrhundert, liest. Wenn wir über die Natur lesen, so finden wir in diesen Schriften, auch in denjenigen, die als nachgeahmte Schriften, aber mit derselben Gesinnung, mit derselben Erkenntnisgesinnung, wie sie vor dem 15. Jahrhundert war, dann in späterer Zeit geschrieben sind, wir finden überall, da lebt noch etwas auch bei den Naturbetrachtungen, was einem sagt: Wenn du dieses oder jenes Experiment machst, wenn du dich dem oder jenem in der Behandlung der Natur hingibst, dann mußt du zugleich eine gewisse innerliche Gesinnung in dir ausbilden. Du darfst zum Beispiel nicht gewisse Verrichtungen machen mit Mineralien, die zu dem oder jenem führen sollen, wenn du dich nicht in eine Stimmung versetzest, die gewissen göttlichen Geistern wohlgefällig ist. Du mußt gewisse Naturverrichtungen in einer gewissen moralischen Verfassung machen.
[ 23 ] But this is no longer the case as soon as we get back to the time preceding the fifteenth century and towards the Middle Ages. I could tell you of many ideas and views which would prove to you the difference of outlook in these earlier centuries, but I will give one example only.—Anyone who genuinely tries to understand writings which deal with the world of nature, dating from the time preceding the fifteenth century, will find that he must approach them with an attitude of mind quite different from that which he will naturally bring to bear upon literature of the eighteenth or nineteenth centuries. Before the fifteenth century, all the writings on the subject of nature indicate quite clearly that anyone who experiments with processes of nature must be filled with a certain inner reverence. Experiments with mineral substances, for instance, must only be carried out in a mood that finds favour in the eyes of certain Divine Beings. Experiments with the processes of nature must be accompanied by a moral attitude of soul—so it was said.
[ 24 ] Man soll sich denken in der heutigen Zeit, daß von irgend jemandem, der eine chemische Reaktion im Laboratorium machen soll, verlangt würde, er solle erst irgendeine religiöse, moralische Stimmung in seiner Seele erzeugen! Man würde selbstverständlich eine solche Anforderung verlachen. Es war aber das durchaus selbstverständlich, daß man damals, vor dem 15. Jahrhundert, solche Anforderungen stellte an jeden, der mit den Vorgängen der Natur hantierte, und dies immer mehr, je weiter man zurückgeht. Gerade ein solcher Geist wie de Maistre, der hat wiederum etwas lebendig machen wollen, was eigentlich in der neueren Zeit gar nicht mehr lebendig war. Er wollte nämlich eine klare Unterscheidung für das lebendige menschliche Verständnis zwischen dem Begriffe der Sünde und des Verbrechens hervorrufen. De Maistre sagte, die Menschen seiner Zeit — er meint den Anfang des 19. Jahrhunderts — haben ja gar keinen Begriff mehr von dem Unterschied zwischen Sünde und Verbrechen. Das ist ihnen im Grunde genommen nach und nach eins geworden. Insbesondere haben die Menschen keinen richtigen Begriff mehr von der Erbsünde.
[ 24 ] But just think of what would happen to-day if it were demanded of someone working to produce a chemical reaction in a laboratory, that his soul must first be suffused with a mood of piety! The idea would be ridiculed. Nevertheless, before the fifteenth century, and more strongly so in earlier times, it was quite natural that this demand should be made of those who were in any way working with the processes of nature. It was the aim of a man like de Maistre to bring to life again in the modern age, concepts that had really lost the vital meaning once attaching to them, and above all he tried to bring home the difference between the concepts of sin and of crime. According to de Maistre, the men of his day—he is speaking of the beginning of the nineteenth century—had no insight into the difference between sin and crime. The two concepts had become practically synonymous. And above all there was no understanding of the meaning of ‘original sin.’
[ 25 ] Nun möchte ich Ihnen einen solchen Begriff geben, wie er von den Menschen vor dem 15. Jahrhundert gefühlt wurde in bezug auf die Erbsünde. Sehen Sie, es gibt in unserer heutigen Weltanschauung gar nicht die Antezedenzien dafür, solche Begriffe noch mit aller Lebendigkeit zu entwickeln. Aber für eine historische Betrachtung des Geisteslebens muß man sie eben entwickeln. Wenn ein solcher Begriff entwickelt werden soll, so muf3 man allerdings heute ursprüngliche Begriffe des geistigen Forschens zugrunde legen. Ursprünglich meine ich in dem Sinne, wie die heutige geistige Forschung solche ältere Begriffe zutage fördern kann. Denn nur dadurch, daß man wiederum ganz selbständig auf diese Dinge kommt, nur dadurch kann man die ältere Art der Vorstellung begreifen. Wenn man sie ohne das liest, so liest man eben Worte, und nur wenn man unehrlich ist in bezug auf die Worte, glaubt man, mit den Worten auch einen Sinn verbinden zu können. Was die Theologie heute als Erbsünde definiert nach den verschiedenen Dogmatikern, das glaubte man in der damaligen Zeit, vor dem 15. Jahrhundert, in aufgeklärten Kreisen allerdings nicht. Was man sich damals sagte, wiederum herauszufinden, ist, wie gesagt, erst heute geisteswissenschaftlich mit aller Klarheit wiederum möglich. Man sagte sich etwa folgendes: Der Mensch macht von seiner Geburt an, also sagen wir, seit er den ersten Atemzug gemacht hat, bis zum Tode durch sein inneres Leben gewisse organische innere Vorgänge durch. Diese organischen inneren Vorgänge sind andere als jene, die sich in der außermenschlichen Natur vollziehen. Es ist nur ein heutiger naturwissenschaftlicher Aberglaube, daß) man meint, alles das, was im Menschen wirksam ist, könne man auch im Tier nachweisen. Es ist ein Aberglaube, denn im Grunde genommen sind die Gesetzmäßigkeiten innerhalb der tierischen Organisation doch andere als die Gesetzmäßigkeiten innerhalb der Menschen. Der Mensch kann also hinsehen auf dasjenige, wie sein Organismus von den inneren Seelenkräften gesetzmäßig durchsetzt wird von der Geburt bis zum Tode. Und im Grunde genommen, wenn er wirklich erkennt, was da in ihm gesetzmäßig wirkt, so findet er von seiner eigenen Gesetzmäßigkeit in der äußeren Natur nichts. Aber er findet in der äußeren Natur etwas, was in einer gewissen Weise derjenigen Gesetzmäßigkeit entspricht, die sich beim Menschen zwischen Konzeption und Geburt, also in der Embryonalentwickelung vollzieht. Man kann den Menschen in seinen Vorgängen zwischen Geburt und Tod nicht verstehen nur mit dem, was man an der äußeren Natur lernen kann. Aber mit dem, was man an der äußeren Natur lernen kann, kann man, wenn man es nur richtig verwendet, in einem gewissen Sinne verstehen, was sich in der Embryonalzeit des Menschen vollzieht. — Es ist heute nicht viel Empfänglichkeit da für eine solche Idee, aber ich muß eben andeuten, wie man aus der neueren Geisteswissenschaft heraus wiederum auf Begriffe der früheren Zeitepochen zurückkommen kann. Ein heutiger Mensch sagt sich das nicht, aber der Naturforscher vor dem 15. Jahrhundert sagte sich, und zwar nicht als äußerlich fühlender Mensch und nicht bei klarem Bewußtsein, sondern aus dunklem Gefühl heraus: Wenn ich die äußere Natur überblicke, so darf ich als Mensch mir selber die Gesetzmäßigkeit der äußeren Natur nur zuschreiben, wenn ich auf dasjenige hinblicke, was mit meinem physischen Leibe vor meiner Geburt geschehen ist. Es verbirgt sich in ein Inneres des Menschen in seiner Entwickelung, was bei der äußeren Natur offen daliegt. Der Mensch darf sich nicht offen am Tage bloß natürlich entwickeln. Er würde ein böses Wesen, wenn er sich so entwickeln würde, wie die Pflanze sich in ihren Blüten offenbar, draußen im Raume entwickelt.
[ 25 ] Let me now try to describe the idea men had of original sin before the days of the fifteenth century. Modern thought is altogether unfitted to grasp the real meaning of original sin, but some measure of understanding at least must be present in studying the development of thought through the centuries. We must here turn to fundamental conceptions resulting from spiritual investigation. For it is only by independent research that we can understand the character of a mental outlook quite different from our own. When we peruse books on the subject we are simply reading so many words and we are dishonest with ourselves if we imagine that the words convey any real meaning. Enlightened minds before the fifteenth century would have set no store by such definitions of original sin as are given by modern theology. In those days—and I repeat that these things can only be discovered nowadays by Spiritual Science—it was said: The human being, from the time of his birth, from the time he draws his first breath, until his death, passes through certain processes and phases in his inner life. These inner processes are not the same as those at work in the world of nature outside the human being. It is, as a matter of fact, a form of modern superstition to believe that all the processes at work in the being of man can also be found in the animal. This is mere superstition, because the laws of the animal organisation are different from those of the human organism. From birth until death the organism of the human being is permeated by forces of soul. And when we understand the nature of the laws and forces at work in the human organism, we know that they are not to be found in outer nature. In outer nature, however, there is something that corresponds in a certain sense with the laws at work during the period of embryonic development, from the time of conception until birth. The processes at work in the being of man between birth and death are not to be explained in the light of the processes of outer nature. Nevertheless, if it is rightly applied, the knowledge gleaned from a study of external nature enables us to understand the processes at work during the embryonic period of the life of a human being. It is not easy for the modern mind to grasp this idea, but my object in speaking of it is to give an example of how Spiritual Science can throw light upon conceptions of earlier times. Not of course with clear consciousness, but out of dim feeling, a man engaged in the investigation of nature before the fifteenth century said to himself: Outer nature lies there before me, but the laws of this outer nature work only in the processes of my physical body as it was before birth. In this sense there is something in the inner being of man that is openly manifest in outer nature. But the evolution of the human being must not be subject to the laws and processes of external nature. Man would be an evil being if he grew as the plant grows, unfolding its blossom in the outer world of space.
[ 26 ] So fühlte man in einem älteren Zeitabschnitte. Und der Mensch wird sündhaft, wenn er sich denjenigen Kräften überläßt, die im Leibe der Mutter seine Entwickelung befördert haben, denn sie wirken so, wie die außermenschliche Natur wirkt. Diese außermenschliche Natur, sie hat ihre volle Berechtigung als Natur. Gibt sich der Mensch dem aber nach der Geburt noch hin, wird er nicht dazu erzogen, sich in eine übersinnliche Gesetzmäßigkeit einzugliedern, dann wird er sündig. Das führt zum Begriff der Erbsünde, das führt zu dem Bedürfnis, auch das Natürliche einer moralischen Weltordnung einzugliedern. Es wird gewissermaßen das, was sich noch natürlich abspielt, hineinverflochten in die moralische Ordnung, und so kommt man zu einem solchen Begriff wie dem der Erbsünde, der durchaus noch ein naturwissenschaftlicher Begriff war vor dem 15. Jahrhundert. Diesen Begriff der Erbsünde will de Maistre wieder einführen. Er will wiederum Naturwissenschaft mit Moralität verbinden. Dieser Begriff der Erbsünde, wodurch allein nur konnte er denn im 19. Jahrhundert gerettet werden? Nur dadurch, daß sich in einem noch strengeren Sinne, als das früher der Fall war, Religion abtrennte von wissenschaftlicher Erkenntnis. Es kommt immer mehr und mehr herauf die Betonung einer Trennung zwischen Glauben und Erkenntnis. Gehen wir in ältere Zeiten zurück, so hatte damals diese Trennung von Glaube und Wissen überhaupt keinen Sinn. Sie kommt erst in der neueren Zeit, allerdings schon einige Jahrhunderte vor dem 15. Jahrhundert, mehr und mehr herauf. Und was entsteht da im 19. Jahrhundert in bezug auf diese besonderen Vorstellungswelten? Wir sehen, wie Religion immer entschiedener sagt: Wissenschaft möge auf das Exakte gehen, sie möge es treiben, wie sie es nach ihren Methoden treiben will, aber wir, die wir das Religiöse vertreten, machen gar nicht Anspruch auf diese Methode. Wir behalten uns ein gesichertes Gebiet vor, in dem wir nicht wissenschaftliche Erkenntnis, sondern nur Glaube, nur subjektive Überzeugung haben wollen. Man tritt gewissermaßen das wissenschaftliche Wissen an die Wissenschaft ab und sichert sich das Glaubensgebiet, weil man zu schwach geworden ist, um die beiden miteinander zu verbinden. Und so verlieren allmählich Begriffe, welche das Moralische und das Naturgesetzliche in eins verschlingen wie der Begriff der Erbsünde, ihre Bedeutung. So hat denn eigentlich für den modernen Menschen nur noch der Begriff Verbrechen, meint de Maistre, einen Sinn, nicht mehr der Begriff der Sünde, denn der Begriff der Sünde hat nur einen Sinn, wenn ein Zusammenwirken des Naturgesetzlichen und des Moralischen ins Auge gefaßt werden kann. So kommen wir in der Tat zu völlig anderen Begriffen, wenn wir hinter das 15. Jahrhundert zurückgehen.
[ 26 ] Such were the views of an earlier time. It was said that man falls into sin when he gives himself over to the forces by which his development in the mother's womb was promoted, for these forces work as do the forces of nature outside the human being. In nature outside the human being, these forces are working in their proper sphere. But if, after birth, man gives himself over to the forces of nature, if he does not make his being fit to become part of a world of super-sensible law—then he falls into sin. This thought leads one to the concept of original sin, to the idea of the mingling of the natural with the moral world order. Processes which belong to outer nature are woven, as it were, into the moral world order and the outcome is the birth of a concept like that of ‘original sin’ which was an altogether scientific concept before the days of the fifteenth century. De Maistre wanted to bring this concept of original sin again to the fore, to make a connecting link between natural science and the moral world. In the nineteenth century, however, the only possible way of preserving this concept of original sin was to bring about an even more radical separation of religion and scientific knowledge. And so we find great emphasis being laid upon the cleft between faith and knowledge. In earlier times no such cleft existed. It begins to appear a few hundreds of years before the fifteenth century but becomes more and more decisive as the centuries pass, until, in the nineteenth century, religion says: Let science carry out its own methods of exact research. We on our side have no desire to use these methods. We will ensure for ourselves a realm where we need simply faith and personal conviction—not scientific knowledge. Knowledge was relegated to science and religion set out to secure the realm of faith because the powers of the human soul were not strong enough to combine the two. And so, in the opinion of de Maistre, the concept of crime alone, no longer that of sin in its original meaning, conveyed any meaning to the modern mind, for the concept of sin could only have meaning when men understood the interplay between the natural and moral worlds.
[ 27 ] Dann aber ist ein langer Zeitraum, ein Zeitraum — er wird gewöhnlich als das dunkle, finstere Mittelalter angesehen —, in dem ein eigentlicher geistiger Fortschritt in derselben Art, wie dann vom 15. Jahrhundert ab, nicht stattfindet. Was sich seit der Galilei-Zeit, seit der Kopernikus-Zeit entwickelt, was seitdem für die Menschheit geschieht und weiter wirkt bis zu den großen Errungenschaften des 19. Jahrhunderts, das betrachtet man so, daß man einen werdenden Fortschritt deduziert, daß man sagt: Die Menschen kommen weiter und weiter. — Geht man aber hinter das 15. Jahrhundert zurück, so kann man mit diesem Begriff des Fortschrittes einfach nichts mehr anfangen. Man kann da von Jahrhundert zu Jahrhundert zurückgehen, man findet im Zeitenverlauf zwar nicht überall denselben Geist, man findet schon, daß er sich wandelt, wie wir das morgen genauer charakterisieren werden, wenn man die verschiedenen Geschichtsepochen des 12., 11., 10., 9., 8., 7., 6. Jahrhunderts durchgeht. Man sieht, wie sich die christliche Lehre allmählich ausbreitet; aber in demselben Sinne einen Fortschritt, wie er dann von der Mitte des 15. Jahrhunderts beginnt und wie er dann im 19. Jahrhundert zu dem radikalen Umschwung, zu der radikalen Wende führt, wie wir gesehen haben, einen solchen Fortschritt findet man nicht, und indem man, ich möchte sagen, jenen mehr stationären Zustand ins Auge faßt, wird man zurückgeführt bis zu einem wichtigen Zeitpunkte in der europäischen Entwickelung. Man wird zurückgeführt bis in das 4. nachchristliche Jahrhundert. Und dabei bekommt man allmählich das Gefühl: Man kann durch kontinuierliche Betrachtung verfolgen, was einsetzt mit der Mitte des 15. Jahrhunderts etwa mit Nikolaus Cusanus, was sich dann ausdrückt in der galileisch-kopernikanischen Denkweise, was Schritt für Schritt vorwärtsrückt bis zu der radikalen Wendung im 19. Jahrhundert; man kann aber nicht in derselben Weise frühere Jahrhunderte betrachten, in denen man zu einem stationären Verlauf kommt. Wir werden das morgen genauer betrachten, wenn wir, wie gesagt, mehr in das Esoterische eintauchen.
[ 27 ] This example shows us that the concepts and ideas of men in the time immediately preceding the fifteenth century were quite different from ours. Going backwards from the fifteenth century, we come to a lengthy period generally referred to as the dark Middle Ages, during which we find no such progress in the realm of thought as is apparent from the fifteenth century onwards. The development of thought that has taken place since the days of Galileo and Copernicus, leading up to the achievements of the nineteenth century, bear witness to unbroken progress, but in the time preceding the fifteenth century we cannot speak of progress in this sense at all. We can go back century alter century, through the twelfth, eleventh, tenth, ninth, eighth, seventh and sixth centuries, and we find quite a different state of things. We see the gradual spread of Christianity, but no trace of progressive evolution in the world of thought such as begins in the fifteenth century and in the middle of the nineteenth century undergoes the radical change of which we have spoken. We come finally to a most significant point in the spiritual life of Europe, namely, the fourth century A.D. Gradually it dawns upon us that it is possible to follow stage by stage the progressive development beginning in the middle of the fifteenth century with Nicolas Cusanus, expressing itself in the thought of men like Galileo and Copernicus and ultimately leading on to the radical turning-point in the nineteenth century, but that things are not at all the same in earlier centuries. We find there a more stationary condition of the world of thought and then, suddenly, in the fourth century of our era, everything changes.
[ 28 ] Aber wenn wir zurückkommen in das 4. nachchristliche Jahrhundert, wird es plötzlich noch ganz anders. Da finden wir wiederum einen ungeheuer bedeutsamen Einschnitt in der europäischen Entwickelung. Und wir werden die Bedeutung dieses Einschnitts um so höher einschätzen, wenn wir sehen, daß dasjenige, was wir nach der Wende im 15. Jahrhundert finden als die Renaissance, als die Reformation, wie das eine Art Zurückgehen ist in die Zeiten, in die wir da geführt werden, wenn wir durch die stationären Entwickelungszustände hindurchgehen und in das 4. nachchristliche Jahrhundert getrieben werden. Auch in bezug auf dieses 4. nachchristliche Jahrhundert wollen wir heute nur auf die äußere Tatsache gewissermaßen exoterisch hinschauen. Wir sehen, wie es das entscheidende Jahrhundert ist für den allmählichen Verfall des alten Römischen Reiches. Wir sehen, wie in diesem 4. nachchristlichen Jahrhundert das Christentum so weit ist, daß Konstantin die Religionsfreiheit nun für die Christen verkündigen muß, so daß das Christentum gleichberechtigt wird mit den alten heidnischen Religionen. Wir sehen aber auch, wie ein letzter Versuch gemacht wird, dasjenige, was aus dem alten Heidentum als eine Weltanschauung und Lebensauffassung hervorgegangen ist, noch einmal der europäischen und der zivilisierten Menschheit überhaupt einzupflanzen, durch Julian Apostata. Mit seinem Tode fällt 363 diejenige Persönlichkeit, die noch einmal mit aller Kraft in das europäische Zivilisationsleben hat hineinbringen wollen, was durch Jahrhunderte geherrscht hat, was dann das Christentum aufgenommen hat, was aber im 4. nachchristlichen Jahrhundert seinem Untergange entgegengeht. Und wir sehen die Kräfte hereinwirken, welche dann an die Stelle dieses Römischen Reiches treten. Wir sehen, wie Europa in Bewegung kommt, die Goten, die Vandalen und Langobarden in Bewegung kommen. Wir sehen, wie sich vollzieht im 4. Jahrhundert die entscheidende Schlacht von Adrianopel, wodurch die Goten eindringen, zunächst in das oströmische Reich, wie sie dann weiterdringen, wie das, was in dem Blute der sogenannten Barbaren lebt, vordringt gegen dasjenige, was an hinsterbender alter Kultur im Süden von Europa vorhanden ist. Wir sehen das Merkwürdige in jener Zeit, von der wir hier sprechen, im 4. nachchristlichen Jahrhunderte, wie da das, was als die Oberschichte der Kultur lebte, zum Beispiel diejenige Oberschichte, die in Griechenland den Glauben an die griechischen Götter hatte, die dann entwickelte die griechische Weltanschauung, wie diese Oberschichte allmählich aus den Angeln gehoben wird, wie sie von selber allmählich als ein maßgebender Faktor verschwindet. Und wir sehen, wie sich dasjenige, was von ihr an Gedankenkonfigurationen bleibt, sich auf die römisch-katholische Kirche überträgt, die auch in ihren äußeren Institutionen die Konstitution des Römischen Reiches aufnimmt. Wir sehen, wie die gesamte geistige Führung auf die römische Priesterherrschaft übergeht, wie gewissermaßen alles das aufhört, was weltliche Geistigkeit war. Erst wiederum durch die Renaissance wird es hervorgeholt. Es wirkt auch in späterer Zeit noch so, daß Goethe, nachdem er seine Jugendbildung durchgemacht hat, seine ersten Werke geschaffen hat, sich, wie bekannt, mit solcher Kraft zurücksehnt nach dem, was alte europäische, asiatische Zivilisation gewesen war.
[ 28 ] This century is a period of the greatest significance in European thought and civilisation. Its significance will be brought home to us all the more when we realise that events after the turning-point in the fifteenth century, for example, the movements known as the Renaissance and the Reformation, denote a kind of return to conditions as they were in the fourth century of the Christian era. This is the decisive time in the process of the decline of the Roman Empire. The headway made by Christianity was such that Constantine had been obliged to proclaim religious freedom for the Christians and to place Christianity on an equal footing with the old pagan forms of religion. We see, too, a final attempt being made by Julian the Apostate to reinculcate into the civilised humanity of Europe the views and conceptions of ancient Paganism. The death of Julian the Apostate, in the year 363, marks the passing of one who strove with might and main to restore to the civilised peoples of Europe impulses that had reigned supreme for centuries, had been absorbed by Christianity but in the fourth century were approaching their final phase of decline. In this century too we find the onslaught of those forces by which the Roman Empire was ultimately superseded. Europe begins to be astir with the activities of the Goths and the Vandals. In the year A.D. 378 there takes place the momentous battle of Hadrianople. The Goths make their way into the Eastern Roman Empire. The blood of the so-called barbarians is set up in opposition to the dying culture of antiquity in the South of Europe. The history of this fourth century of our era is truly remarkable. We see how the culture of Greece, with its belief in the Gods and its philosophy, is little by little lift ed away from its hinges and disappears as an influence, and how the remnants of its thought pass over to the Roman Catholic Church. Direction of the whole of the spiritual and mental life falls into the hands of the priests; spirituality in its universal, cosmic aspect vanishes, until, brought to light once again by the Renaissance, it works an so strongly that when Goethe had completed his early training and produced his first works, he yearned with all his heart and soul for ancient European-Asiatic culture.
[ 29 ] Und was ist davon denn eigentlich übriggeblieben? Es ist ja auch die Geldwirtschaft zurückgegangen, und zwar im 4. nachchristlichen Jahrhundert schon so weit zurückgegangen, daß eigentlich die Entwickelung in der Städtebildung hingeschwunden ist. Übrig blieb im Grunde genommen das bäuerliche Element, das mit dem großgrundbesitzerlichen Elemente die weiten Gegenden bevölkerte, und dieses übriggebliebene bäuerliche Element der südeuropäischen Bewohner wurde verschmolzen mit dem, was von nördlichen Völkerschaften da hereindrängte.
[ 29 ] What, then, is the state of things in the age immediately following the fourth century A.D.? Education and culture had vanished into the cities, and the peasantry, together with the landowning population in Southern Europe, fused with the peoples who were pressing downward from the North.
[ 30 ] So sehen wir, wie allmählich hinabglimmt, was, aus dem alten Oriente herüberkommend an geistigem Leben, sich dann in einer gewissen Weise umgebildet, metamorphosiert hat in der griechischen Bildung, in der römischen Bildung, was aber jetzt abglimmt, so daß es im Grunde genommen hinschwindet. Und nur diejenige Bevölkerung bleibt, die nicht teilgenommen hat an dieser Bildung, die bäuerliche und grundbesitzerliche Bevölkerung und was mit ihr verschmilzt aus jener Bevölkerung, die nun durch die sogenannte Völkerwanderung in die römisch-griechischen Gebiete einzieht. Wir sehen, wie innerhalb dieses die europäische Welt — ich spreche etwas radikal allein bevölkernden Bauerntums die römische Priesterwelt in den folgenden Jahrhunderten das Christentum in der bekannten Weise ausbreitet. Wir sehen da, wie ja zunächst dieses Priestertum nichts zu tun hat mit dem widerstrebenden griechischen Elemente. Das glimmt ab, das trägt keine weiteren Zukunftsmöglichkeiten in sich. Diejenigen, die gebildet waren, sterben aus. Die bürgerliche Bevölkerung tritt zurück. Naturalwirtschaft tritt an die Stelle der alten Gemeinden und wächst zusammen mit der Naturalwirtschaft der heranschwirrenden barbarisch-germanischen Völkerschaften. Und wir sehen aus diesem im 4. nachchristlichen Jahrhundert sich herausentwickeln eine allmähliche Verbreitung des christlichen Elementes, wobei aber das eigentliche Geistesleben selber nicht vorrückt, sondern das, was eben da im 4. Jahrhundert übernommen worden ist an altem Geistesleben durch die Priesterschaft und durch sie umgestaltet worden ist, das wird von ihr im Grunde genommen der ungebildeten bäuerlichen europäischen Bevölkerung eingepflanzt. Dann erst, nachdem es eingepflanzt ist, wirkt das Blut, das durch Jahrhunderte hindurch in den europäischen Völkern entstanden ist, den Geist aufweckend, der dann im 15. Jahrhundert heraufkommt.
[ 30 ] The next stage is the gradual fading away of that spiritual life which, originating in the ancient East, had appeared in another garb in the culture of Greece and Rome. These impulses die down and vanish, and there remain the peasantry, the landowning populace and the element with which they have now fused, living in the peoples who were coming down from the North into the Graeco-Roman world. Then, in the following centuries, we find the Roman priesthood spreading Christianity among this peasant people who practically constituted the whole population. The work of the priesthood is carried on quite independently of the Greek elements which gradually fade out, having no possibilities for the future. The old communal life is superseded by a system of commerce akin to that prevailing among the barbarians of the North. Spiritual life in the real sense makes no headway. The impulses of an earlier spirituality which had been taken over and remoulded by the priesthood, are inculcated into the uneducated peasant population of Europe; and not until these impulses have been inculcated does the blood now flowing in the veins of the people of Europe work in the direction of awakening the spirit which becomes manifest for the first time in the fifteenth century.
[ 31 ] Und so müssen wir schon, wenn wir jenen großen bedeutsamen Zeitpunkt ins Auge fassen wollen, bis auf dieses 4. Jahrhundert zurückgehen. Wir finden ja auch in diesem 4. nachchristlichen Jahrhundert wiederum solche repräsentativen Persönlichkeiten, die in ihrer eigenen Seelenverfassung gerade das ausdrücken, was da eigentlich wirkt und lebt. Stellen Sie sich die Zahlen zusammen, die da in Betracht kommen, so werden Sie sehen, wie ungeheuer bedeutsam gerade dieser Zeitraum des 4. nachchristlichen Jahrhunderts ist: 313 verkündet der Kaiser Konstantin die Religionsfreiheit. 363 wird Julian Apostata getötet; damit ist die letzte Hoffnung der alten Weltanschauung unterdrückt. Im Jahre 378 fällt unter dem Ansturm der Goten Adrianopel. 400 schreibt Augustinus seine «Konfessionen». Also mit dem Ende des 4. Jahrhunderts hat Augustinus abgeschlossen, was sich in der westeuropäischen Zivilisation an inneren Seelenkämpfen durchzukämpfen harte.
[ 31 ] In the fourth century A.D. we find many typical representatives of the forces and impulses working at such a momentous point of time in the evolution of humanity. The significance of this century is at once apparent when we think of the following dates.—In the year 333, religious tolerance is proclaimed by the Emperor Constantine; in the year 363, with the murder of Julian the Apostate, the last hope of a restoration of ancient thought and outlook falls to the ground; Hadrianople is conquered by the Goths in the year 378. In the year 400, Augustine writes his Confessions, bringing as it were to a kind of culmination the inner struggles in the life of soul through which it was the destiny of European civilisation to pass.
[ 32 ] Wenn man drinnenstand in der untergehenden antiken Kultur, so erlebte man, was da langsam hinabglomm an orientalischer Weltanschauung. Augustinus hat es erlebt in derjenigen Weltanschauung, die er selber in seiner Jugend gläubig, hingebungsvoll aufgenommen hat, im Manichäertum. Er hat es erlebt an der neuplatonischen Philosophie. Und erst nachdem er durch unsäglich starke Seelenkämpfe durchgegangen ist, durch den Manichäismus, durch die Lehre des Mani, durch den Neuplatonismus, sogar durch den griechischen Skeptizismus, hat er sich hindurchgerungen zu der römisch-katholischen Art der christlichen Weltanschauung. Das sehen wir in einer so monumentalen Weise in seinen um 400 niedergeschriebenen «Konfessionen» zum Ausdruck kommen. Und sehen wir ihn an, diesen Augustinus, so recht einen repräsentativen Geist aus dem 4. nachchristlichen Jahrhunderte, aufgewachsen in manichäischen Vorstellungen, aber schon in einem Zeitalter, das die alte orientalische Weisheit so weit umromanisiert, so weit umdogmatisiert hatte, daß man das Manichäertum nicht mehr richtig verstehen konnte.
[ 32 ] Living in the midst of the fading culture of antiquity, a man like Augustine experienced the death of the Eastern view of the world. He experienced it in Manichaeism, of which, as a young man, he had been an ardent adherent; he experienced it too in Neoplatonism. And it was only after inner struggles of unspeakable bitterness, having wrestled with the teachings of Mani, of Neoplatonism and even with Greek scepticism, that he finally found his way to the thought and outlook of Roman Catholic Christianity. Augustine writes these Confessions in the year A.D. 400, as it were on tables of stone. Augustine is a typical representative of the life of thought as it was in the fourth century A.D. He was imbued with Manichaean conceptions but in an age when the ancient Eastern wisdom had been romanised and dogmatised to such an extent that no fundamental under standing of Manichaean teaching was possible. What, then, is the essence of Manichaeism? The teachings that have come down to us in the form of tradition do not, nor can they ever make it really intelligible to us.
[ 33 ] Was ist denn das Wesen des Manichäertums? Aus dem, was in überlieferten Lehren übriggeblieben ist, kann man das Manichäertum allerdings nicht begreifen. Dieses Manichäertum muß man begreifen, indem man geisteswissenschaftlich auf seine eigenartige innere Wesenheit hinschaut. Es war schon die orientalische Weltanschauung in der Dekadenz, aber es ist durch die Lehre Manis noch etwas hinzugekommen, was uns durchaus als etwas Bekanntes, als etwas Bedeutungsvolles anmuten sollte. Das ist ja zu erkennen, daß im Manichäismus noch angestrebt ward ein Erleben des lebendigen Ineinanderwirkens von geistiger und sinnlicher Welt. Derjenige, der der Lehre Manis anhing, der wollte noch durchaus die sinnliche Welt so ansehen, daß in jeder sinnlichen Tatsache, in jedem sinnlichen Ding auch ein Geistiges zu sehen ist, das heißt, in dem Lichte wollte er zugleich die Weisheit und die Güte finden, weil er nicht abtrennen wollte die Natur von der bloßen Geistigkeit. Geist und Natur sollte als eins angesehen werden. Das nannte man später Dualismus — Dualismus, weil man die zwei, Geist und Natur, die man getrennt hatte, nicht wieder vereinigen konnte, während sie vormals als lebendige Einheit angesehen wurden. Einen großen Eindruck hat diese Anschauungsweise noch auf den jugendlichen Augustinus gemacht, aber er konnte sich nicht mehr zu ihr durchringen; die Zeit war nicht mehr fähig, sich zu den Vorstellungen aufzuschwingen, die durch eine ältere, instinktive Erkenntnis errungen waren, aus Erkenntnisvorgängen, über die die Menschheit eben schon hinausgewachsen war. Und so sehen wir denn ein inneres tragisches Ringen bei Augustinus. Er möchte die Wahrheit finden, möchte die göttlichen Weltenkräfte finden in dem, was in den Wolken, in den Bergen, in den Pflanzen, in den Tieren, in allem Dasein lebt. Aber er flüchtet sich zuletzt dennoch zu der neuplatonischen Philosophie, die schon zeigt, daß sie kein Verständnis mehr hat für dieses Ineinandergewobensein von Geist und Materie, die schon in ein abstraktes, reines, bloßes Geistige mystisch nebelhaft hinaufstreben will, trotzdem sie noch großartig und gewaltig und genialisch ist. Und indem er sich so allmählich loslöst von der Möglichkeit eines Verständnisses der durchgeistigten Natur, der durchgeistigten Außenwelt, indem er sich hindurchringt schon zu der Naturverachtung und der Anbetung der reinen Geistigkeit im Neuplatonismus, kommt Augustinus dann durch ein Ereignis, das tief symptomatisch bedeutsam ist, auf seine Art, zu seiner katholisch-christlichen Lebensauffassung. Man muß das, was da weltgeschichtlich geschieht, in der richtigen Weise fühlen. Wie steht Augustinus da? Er steht da in einer Welt, in der die ganze alte Zivilisation lebt, die aber schon verfallen und dekadent ist, so daß er nicht mehr zu ihr durch kann, obwohl er tragisch ringt mit dem letzten Rest, dem Manichäertum, mit dem allerletzten Rest, mit dem Neuplatonismus. Er kann nicht durch. Er kann aber, weil er gesättigt ist mit dem, was noch aus einer solchen Weisheit, wenn auch in Dekadenz, zu ihm herüberleuchtet, doch noch nicht das Christentum annehmen. Da ist er in seinen tiefen Zweifeln drinnen, da ist er, schon ein berühmter Rhetoriker, Neuplatoniker, in seinen tiefen, tiefen Zweifeln drinnen. Und was spielt sich ab? Gerade in einem Moment, wo er daran ist, an der Wahrheit zu verzweifeln, wo er sich nicht mehr auskennt in den mannigfaltig verschlungenen Wegen, die sich da herausgebildet haben im 4. Jahrhundert in der verfallenden alten Kultur, da Fragen und Zweifel sein Gemüt durchrütteln, glaubt er, aus dem Nachbargarten etwas zu vernehmen wie die Stimme eines Kindes: Nimm und lies! Nimm und lies! — und er greift zum Neuen Testamente, zu den Briefen des Paulus, und er wird durch die Stimme des Kindes geleitet in den römischen Katholizismus hinein.
[ 33 ] The only hope of understanding Manichaeism is to bring the light of Spiritual Science to bear upon it. Oriental thought had already fallen into decadence but in the teachings of Mani we find a note that is both familiar and full of significance. The Manichaeans strove to attain a living knowledge of the interplay between the spiritual and the material worlds. The aim of those who adhered to the teachings of Mani was to perceive the Spiritual in all things material. In the light itself they sought to find both wisdom and goodness. No cleft must divide Spirit from nature. The two must be realised as one. Later on, this conception came to be known by the name of dualism. Spirit and nature—once experienced as a living unity—were separated, nor could they be reunited. This attitude of mind made a deep impression upon the young Augustine, but it led him out of his depth; the mind of his time was no longer capable of rising to ideas which had been accessible to an older, more instinctive form of cognition, but which humanity had now outgrown. An inner, tragic struggle is waged in the soul of Augustine. With might and main he struggles to find truth, to discover the immediate reality of divine forces in cloud and mountain, in plant and animal, in all existence. But he finally takes refuge in the Neoplatonic philosophy which plainly shows that it has no insight into the interpenetration of Spirit and matter and, in spite of its greatness and inspiration, does no more than reach out towards abstract, nebulous Spirit. While Augustine is gradually resigning hope of understanding a spirit-filled world of nature, while he is even passing through the phase of despising the world of sense and idolising the abstract spirituality of Neoplatonism, he is led, by a profoundly significant occurrence, to his Catholic view of life. We must realise the importance of this world-historic event. Ancient culture is still alive in Augustine's environment, but it is already decadent, has passed into its period of decline. He struggles bitterly, but to no purpose, with the last remnants of this culture surviving in Manichaeism and Neoplatonism. His mind is steeped in what this wisdom, even in its decadence, has to offer, and, to begin with, he cannot accept Christianity. He stands there, an eminent rhetorician and Neoplatonist, but torn with gnawing doubt. And what happens? Just when he has reached the point of doubting truth itself, of losing his bearings altogether along the tortuous paths of the decadent learning of antiquity in the fourth century of our era, when innumerable questions are hurtling through his mind, he thinks he hears the voice of a child calling to him from the next garden: ‘Take and read! Take and read!’ And he turns to the New Testament, to the Epistles of St. Paul, and is led through the voice of the child to Roman Catholicism.
[ 34 ] Man sieht, belastet mit all dem, was da nach dem Westen herübergezogen ist von orientalischer Bildung in ihrer Dekadenz, das lebt Augustinus. Da ist er der repräsentative Geist. Und er wird nun tonangebend. Dasjenige, wozu er aufgefordert ist durch die Stimme des Kindes, leitet ihn, und so wird er tonangebend für die nächsten Jahrhunderte. Erst im 15. Jahrhundert bricht man damit, und erst das letzte Resultat dieses Bruches in einer gewissen Weise tritt als Wendung in der Mitte des 19. Jahrhunderts auf.
[ 34 ] The mind of Augustine is laden with the oriental wisdom which had now become decadent in the West. He is a typical representative of this learning and then, suddenly, through the voice of a child, he becomes the paramount influence in subsequent centuries. No actual break occurs until the fifteenth century and it may truly be said that the ultimate outcome of this break appears as the change that took place in the life of thought in the middle of the nineteenth century.
[ 35 ] So fällt unser Blick in diesem 4. nachchristlichen Jahrhundert auf den einen Geist, der in alle Kompliziertheiten und in alle Dekadenz seiner westlichen Zivilisation hineinversetzt ist. Aber auch in dasjenige, was Ausgangspunkt nun wird, Ausgangspunkt allerdings für etwas, das sich mit noch etwas anderem vermischt. Und mit etwas Merkwürdigem vermischt es sich. Es vermischt sich mit demjenigen, was vom Osten herüberkommt, mit den äußerlich barbarischen Völkerschaften, die gewissermaßen die römische Zivilisation zertreten, die sich an die Stelle der römischen Zivilisation setzen, und die, nachdem sie sich vermischt haben mit der Bauern- und Grundbesitzerbevölkerung, von der römischen Priesterschaft unterwiesen werden. Aber in den Untergründen lebt noch etwas anderes. Aus der rauhen Seele dieser Völkerschaften hebt sich etwas heraus, das nun doch auch ein merkwürdiges geistiges Element in sich hat, wie ein geistiges Frühelement. Und wir verspüren und empfinden dieses geistige Frühelement am intensivsten, wenn wir das Buch in die Hand nehmen, das uns als altes gotisches Denkmal geblieben ist: die Bibelübersetzung des Wulfila. Und wenn wir ein Empfinden dafür haben, den Geist dieser Bibelübersetzung auf unsere Seele wirken zu lassen, erscheint es merkwürdig, wie das Vaterunser zum Beispiel aufgebaut wird in Resten aus all den Wirrnissen heraus, für die der Augustinus ein tonangebender Geist ist. Und das Vaterunser tönt uns entgegen aus der Bibelübersetzung des Wulfila, die nun in ihrem Duktus ganz aus einem urelementaren sozialen Leben heraus, aus dem arianischen Christentum im Gegensatz zu dem athanasischen Christentum des Augustinus, gefaßt ist.
[ 35 ] And so, in this fourth century of our era, we find the human mind involved in the complicated network of Western culture but also in an element which constitutes the starting-point of a new impulse. It is an impulse that mingles with what has come over from the East and from the seemingly barbarian peoples by whom Roman civilisation was gradually superseded, but whose instructors, after they had mingled with the peasantry and the landowning classes, were the priests of the Roman Church. In the depths, however, there is something else at work. Out of the raw, unpolished soul of these peoples there emerges an element of lofty, archaic spirituality. There could be no more striking example of this than the bock that has remained as a memorial of the ancient Goths—Wulfila's translation of the Bible. We must try to unfold a sensitive understanding of the language used in this translation of the Bible. The Lord's Prayer, to take one example, is built up, fragment by fragment, out of the confusion of thought of which Augustine was so typical a representative. Wulfila's translation of the Bible is the offspring of an archaic form of thought, of Arian Christianity as opposed to the Athanasian Christianity of Augustine.
[ 36 ] Ja, vielleicht mehr als an irgend etwas anderem können wir an diesem Duktus der Wulfila-Bibelübersetzung empfinden, welcher Geist, ich möchte sagen, welcher heidnische Geist da lebt, der aber eben vom Christentum ganz intensiv durchsetzt wird, allerdings von dem arianischen Christentum. Wenn man alle Einzelheiten dabei berücksichtigt, kommt man darauf, welcher Geist darinnen lebt, in diesem einfachen Goten Wulfila, der die Bibel übersetzte. Man muß nur die Dinge mit Empfindung betrachten. Diesen von Osten herüberziehenden, die römische antike Bildung in ihrem Niedergange ersetzenden barbarischen Massen, tönt etwas nach, was wunderbar lebt, richtig innerlich lebt als Geistesleben, als gotisches Geistesleben, was in dem großen Lehrer der Goten, bei Wulfila etwa lebte in seiner Art, das Vaterunser zu beten:
[ 36 ] Perhaps more strongly than anywhere else, we can feel in Wulfila's translation of the Bible how deeply the pagan thought of antiquity is permeated with Arian Christianity. Something that is pregnant with inner life echoes down to us from these barbarian peoples and their culture, to which the civilisation of ancient Rome was giving place. The Lord's Prayer rendered by Wulfila, is as follows:
Atta unsar thu in himinam,
Weihnai namo thein.
Qimaii thiudinassus theins.
Wairthai wilja theins, swe in himina jah ana airthai.
Hlaif unsarana thana sinteinan gif uns himma daga.
Jah aflet uns thatei skulans sijaima, swaswe jah weis
afletam thaim skulam unsaraim.
Jah ni briggais uns in fraistubnjai, ak lausei uns
af thamma ubilin;
Unte theina ist thiudangardi jah mahts jah wulthus
in aiwins. Amen.
Atta unsar thu in himinam,
Veihnai namo thein;
Quimai thiudinassus theins.
Vairthai vilja theins, sve in himina, jah ana aerthai.
Hlaif unsarana thana sinteinan, gif uns himma daga.
Jah aflet uns, thatei skulans sijaima, svasve jah veis afletam thaim skulam unsaraim.
Jah ni briggais uns in fraistubnjai, ak lausei uns af thamma ubilin.
Unte theina ist thiu dangardi, jah mahts, jah vulthus in aivius. Amen.
[ 37 ] «Atta unsar thu in himinam, weihnai namo thein. Qimai thiudinassus theins. Wairthai wilja theins, swe in himina jah ana airthai.» Nun, wenn wir es durchschauen, dieses in der Sprache Wulfilas so wunderbare Gebet, und wenn wir versuchen, es in unsere heutige Sprache zu übersetzen, dürfen wir nicht wörtlich übersetzen, sondern müssen etwa sagen:
[ 37 ] Atta unsar thu in himinam, veihnai namo thein; Quimai thiudinassus theins. Vairthai vilja theins, sve in himina, jah ana aerthai.—The words of this wonderful prayer cannot really be translated literally into our modern language, but they may be rendered thus:
Wir empfinden Dich droben in geistigen Höhen, Allvater
der Menschen.
Geweihet sei Dein Name.
Zu uns komme Dein Herrschaftsgebiet.
Es walte Dein Wille, so wie im Himmel, also auch auf der Erde.
We feel Thee above in the Spirit-Heights, All Father of men.
May Thy Name be hallowed.
May Thy Kingdom come to us.
May Thy Will be supreme, on the Earth even as it is in Heaven.
[ 38 ] Und wir müssen richtig fühlen, was darin ausgedrückt ist. Der Mensch, der so das Vaterunser übersetzte, der empfand etwas Ursprüngliches, und er empfand im Grunde so, wie diese Heiden alle empfunden haben: in geistigen Höhen den allerhaltenden Menschheitsvater, den man sich so vorstellte, wie ihn ein altes Hellsehen vorstellen ließ, den man sich im Grunde genommen vorstellte als den König, den unsichtbaren, übersinnlichen König, der die Herrschaft führt wie kein irdischer König. Ihn sprach man als König unter den freien Goten an und bekundete das, indem man sagte: «Atta unsar thu in himinam.» Und nun sprach man zu seiner dreifachen Wesenheit: «Geweihet sei Dein Name.» Mit dem Namen selbst verstand man — man vergleiche das nur mit den alten Sanskritbedeutungen — die Wesenheit, wie sie sich ausdrückt, wie sie sich offenbart nach außen, so wie sich der Mensch in seinem Leibe offenbart. Unter dem Herrschaftsbereich verstand man dasjenige, was in der Macht lag, gewissermaßen in der Gewalt, die befehligen konnte über ihr Gebiet: «Weihnai namo thein. Qimai thiudinassus theins. Wairthai wilja theins, swe in himina jah ana airthai.»
[ 38 ] We must be able to feel what these words express. Men were aware of the existence of a primordial Being, of the All-sustaining Father of humanity in the heights of spiritual existence. They pictured Him with their faculties of ancient clairvoyance as the invisible, super-sensible King who rules His Kingdom as no earthly King. Among the Goths this Being was venerated as King and their veneration was proclaimed in the words : Atta unsar thu in himinam. This primordial Being was venerated in His three aspects: May Thy Name be hallowed. ‘Name’—as a study of Sanscrit will show—implied the outer manifestation or revelation of the Being, as a man reveals himself in his body. ‘Kingdom’ was the supreme Power: Veihnai namo thein; Quimai thiudinassus theins, Vairthai vilja theins, sve in himina, jah ana aerthai.
[ 39 ] Unter dem Willen verstand man nämlich dasjenige, was als Geist die Macht und den Namen durchglänzte. Und so sah man hinauf und sah im Geist der übersinnlichen Welten die dreifach waltende Geistigkeit. Zu ihr erhob man sich, und dann sagte man: «Jah ana airthai. Hlaif unsarana thana sinteinan gif uns himma daga.» Geradeso sei es auf der Erde, nämlich: Wie sei es auf der Erde? So wie Dein Name, das, wodurch Du Dich nach außen offenbaren willst, wie der geweiht sein soll, so möge das, was sich in uns nach außen offenbart, das, was alltäglich sich erneuern muß, das möge so durchleuchtet sein. — Man muß nur verstehen, was in dem alten gotischen Wort «Hlaif» liegt. Aus dem ist Laib geworden, Laib, Brotlaib. Man hat gar nicht mehr das Gefühl dafür, wie dies war, wenn man heute sagt: «Gib uns heute unser tägliches Brot», während hier das «Hlaif» heißt: Lasse, wie wir Deinen Namen als den Leib gelten lassen, lasse so unseren Leib werden, daß er täglich so sein kann durch seine Nahrung, durch das, was er im Stoffwechsel aufnimmt.
[ 39 ] ‘Will’ indicated the Spirit shining through the Power and the Name.—Thus as they gazed upwards, men beheld the Spirit of the super-sensible worlds in His three-fold aspect. To this Spirit they paid veneration in the words: Jah ana aerthai. Hlaif unsarana thana sinteinan, gif uns himma daga. So may it be on Earth. Even as Thy Name, the form in which Thou art outwardly manifest, shall be holy, so may that which in us becomes outwardly manifest and must daily be renewed, be radiant with spiritual light. We must try to understand the meaning of the Gothic word Hlaif, from which Leib (Leib=body) is derived. In saying the words, ‘Give us this day our daily bread,’ we have no feeling for what the word Hlaif denoted here:—Even as Thy ‘Name’ denotes thy body, so too may our body be spiritualised, subsisting as it does through the food which it receives and transmutes.
[ 40 ] Und wie dann übergegangen wird zu dem Herrschaftsbereich, der da walten soll von übersinnlichen Welten, so wird übergegangen zu demjenigen, was unter den Menschen in der sozialen Ordnung waltet. Da sind die Menschen einander so gegenüberstehend, daß nicht der eine des anderen Schuldner ist. Dieses Wort Schuld lebt unter den Goten so, daß es das reale Schuldigwerden bedeutet, sowohl im Moralischen wie im Physischen, im sozialen Leben gegenüber dem anderen Menschen, das ihm Schuldigsein bedeutet.
[ 40 ] The prayer speaks then of the ‘Kingdom’ that is to reign supreme from the super-sensible worlds, and so leads on to the social order among men. In this super-sensible ‘Kingdom’ men are not debtors one of another. The word debt among the Goths means debt in the moral as well as in the physical, social life.
[ 41 ] Damit war man also übergegangen, wie man vom Namen übergegangen war in den Herrschaftsbereich, also vom Körperlichen zum Geiste — im Übersinnlichen bedeutet der Name ungefähr das Körperliche —, wie man übergegangen war von dem Seelischen zu dem Herrschaftsbereich, so ging man über von dem Äußerlich-Leiblichen zu dem, was seelisch ist im sozialen Leben, und dann zu dem eigentlich Geistigen: «Laß uns nicht verfallen» — «Jah aflet uns thatei skulans sijaima, swaswe jah weis afletam thaim skulam unsaraim.» Das heißt: «Laß uns nicht verfallen in dasjenige, was aus unserem Leibe heraus unseren Geist in Finsternis bringt, sondern erlöse uns von den Übeln, die unseren Geist in Finsternis bringen»: «Jah ni briiggais uns in fraistubnjai, ak lausei uns af thamma ubilin» «Erlöse uns aus den Übeln» — die aber entstehen, wenn man zu stark mit dem Geiste in das Leibliche hinein verfallen würde.
[ 41 ] And so the prayer passes from the ‘Name’ to the ‘Kingdom’, from the bodily manifestation in the Spirit, to the ‘Kingdom’. And then from the outer, physical nature of the body to the element of soul in the social life and thence to the Spiritual.— Jah aflet uns, thatei skulans sijaima, svasve jah, veis afletam thaim skulam unsaraim. — May we not succumb to those forces which, proceeding from the body, lead the Spirit into darkness; deliver us from the evils by which the Spirit is cast into darkness. Jah ni briggais uns in fraistubnjai, ak lausei uns af thamma ubilin.—Deliver us from the evils arising when the Spirit sinks too deeply into the bodily nature.
[ 42 ] Also im zweiten Teile wird im Grunde genommen ausgedrückt: es soll auf Erden im sozialen Leben solche Ordnung sein, wie oben im Himmel in der geistigen Höhe. Und dann wird noch einmal bekräftigt: Wir wollen eine solche geistige Ordnung hier auf Erden anerkennen: «Unte theina ist thiudangardi jah mahts jah wulthus in aiwins. Amen.»
[ 42 ] Thus the second part of the prayer declares that the order reigning in the spiritual heights must be implicit in the social life upon Earth. And this is confirmed in the words : We will recognise this spiritual Order upon Earth. Unte theina ist thiu dangardi, jah mahts, jah vulthus in aivius. Amen.
[ 43 ] Allvater, dessen Name die äußere Leiblichkeit des Geistes bildet, dessen Herrschaftsbereich wir anerkennen wollen, dessen Wille walten soll, Du, Du sollst auch das Irdische durchdringen, so daß wir unseren Leib täglich werden sehen, neu entstehen sehen gewissermaßen durch die irdische Ernährung. Daß wir im sozialen Leben nicht einer Schuldner des anderen werden, daß wir uns als gleiche Menschen gegenüberstehen. Daß wir nicht mit dem Geistig-Leiblichen verfallen, daß wir die Trinität des irdischen sozialen Lebens anknüpfen an das Überirdische; denn das Übersinnliche soll herrschen, soll Kaiser und König sein. Nicht ein Sinnliches, nicht ein Persönliches auf Erden, das Übersinnliche soll herrschen.
[ 43 ] —All-Father, whose Name betokens the out er manifestation of the Spirit, whose Kingdom we will recognise, whose Will shall reign: May earthly nature too be full of Thee, and our body daily renewed through earthly nourishment. In our social life may we not be debtors one of another, but live as equals. May we stand firm in spirit and in body, and may the trinity in the social life of Earth be linked with the super-earthly Trinity. For the Supersensible shall reign, shall be Emperor and King. The Supersensible—not the material, not the personal—shall reign.
[ 44 ] «Unte theina ist thiudangardi jah mahts jah wulthus in aiwins. Amen.» Denn nicht ein Ding, nicht ein Wesen hier auf Erden, sondern Dein ist der Herrschaftsanspruch, Dein ist das Machtrecht, Dein ist die Offenbarung als Licht, als Glanz, als allwaltende soziale Liebe.
[ 44 ] Unte theina ist thiu dangardi, jah mahts, jah vulthus in avius. Amen. — For on Earth there is no thing, no being over which the rulership is not Thine.—Thine is the Power and the Light and the Glory, and the all-supreme Love between men in the social life.
[ 45 ] Das ist in einer dreifachen Art ausgedrückt diese Trinität im Übersinnlichen, wie sie eindringen soll in die sinnliche soziale Ordnung. Und noch einmal, zum Schluß, ist das bekräftigt, indem zugesprochen wird: Ja, wir wollen es so im sozialen Leben haben, daß da die dreifache Ordnung sei wie oben bei Dir: denn Dein ist der Herrschaftsanspruch, Dein ist das Machtrecht, Dein ist die Offenbarung: «Theina ist thiudangardi jah mahts jah wulthus in aiwins. Amen.»
[ 45 ] The Trinity in the super-sensible world is thus to penetrate into and find expression in the social order of the Material world. And again, at the end, there is the confirmation: Yea, verily, we desire that this threefold order shall reign in the social life as it reigns with Thee in the heights: For Thine is the Kingdom, the Power and the revealed Glory.—Theina ist thiu dangardi, jah mahts, jah vulthus in aivius. Amen.
[ 46 ] Das ist es, was da diesen Goten nachklang, das ist es, was im Hintergrunde waltete, was wie ein Naturhaftes jetzt heraufkam, nachdem die alte Kultur zu Ende gegangen war. Und aus dem, was da als Naturhaftes heraufgekommen ist, was dann heruntergezogen ist, sich vermischt hat mit dem Bäuerlichen, von dessen Vorstellungen die Geschichte eigentlich so gut wie nichts verzeichnet, was da sich herausbildete, nachdem im 4. nachchristlichen Jahrhunderte abgeglommen ist die alte antike Kultur, an dem, was sich historisch dem Blicke bis zum Beginn des 15. Jahrhunderts entzieht, an dem hat sich dann entzündet, was sich erst langsam, dann aber im 19. Jahrhundert immer schneller so entwickelte, daß es zu dem großen geistigen Umschwung führte, den wir heute charakterisiert haben.
[ 46 ] Such was the impulse living among the Goths. It mingled with those peasant peoples whose mental life is regarded by history as being almost negligible. But this impulse unfolded with increasing rapidity as we reach the time of the nineteenth century. It finally came to a climax and led on then to the fundamental change in thought and outlook of which we have heard in this lecture.
[ 47 ] So gehören die Dinge zusammen. Es sollte nur ein Beispiel sein, wie man die Tatsachen, ohne sie irgendwie zu vergewaltigen, indem man sie in der richtigen Weise zusammen sieht, wie man in die geschichtliche Betrachtung hineinbringen kann eine Gesetzmäßigkeit, die dann allerdings nicht eine bloße Naturgesetzmäßigkeit sein kann. Ich wollte Ihnen heute zunächst die Tatsachen, wie gesagt, exoterisch hinstellen; morgen wollen wir dann esoterisch den inneren Zusammenhang betrachten, um zu sehen, wie eigentlich dieser ganze Zeitraum europäischer Entwickelung vom 4. nachchristlichen Jahrhunderte bis in unsere Zeit sich gestaltet, wie er in uns lebt, und wir wollen dann sehen, wie wir durch solches Verständnis erst eine ganz sichere Urteilsgrundlage für unser Wissen und Wirken in der Gegenwart gewinnen können.
[ 47 ] Such are the connections.—I have given only one example of how, without in any way distorting the facts, but rather drawing the real threads that bind them together, we can realise in history the existence of law higher than natural law can ever be. I wanted, in the first place, to describe the facts from the exoteric point of view. Later on we will consider their esoteric connections, for this will show us how events have shaped themselves in this period which stretches from the fourth century A.D. to our own age, and how the impulses of this epoch live within us still. We shall realise then that an understanding of these connections is essential to the attainment of true insight for our work and thought at the present time.
