Natural Science
and the Historical Development of Humanity
since Ancient Times
GA 325
16 May 1921, Dornach
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Natural Science, tr. SOL
2. Das europäische Geistesleben im neunzehnten Jahrhundert mit Beziehung auf seinen Ausgangspunkt im vierten Jahrhundert II
2. European Intellectual Life in the Nineteenth Century in Relation to Its Origins in the Fourth Century, Part II
[ 1 ] Gestern versuchte ich darzustellen, wie in das verflossene Jahrhundert, ungefähr in die Mitte, ein radikaler Umschwung des Geisteslebens fällt, und ich versuchte dann weiter zu zeigen, wie die besondere Konfiguration des Denkens, des Geisteslebens überhaupt, die da im 19. Jahrhundert zu beobachten ist und die diesen Umschwung erlebt, zurückführt zu einer anderen radikalen abendländischen Wendung, die wir im 4. nachchristlichen Jahrhundert zu suchen haben. Nun könnte es zunächst scheinen, als ob da sehr weit auseinanderliegende Zeiträume miteinander in ein zu nahes Verhältnis gebracht würden. Allein, gerade diese Betrachtung wird uns auf gewisse innere Zusammenhänge der Menschheitsgeschichte führen können. Wir werden heute von dem ausgehen, bei dem wir gestern in gewissem Sinne gelandet sind. Bei dem Untergange der antiken Bildung und des Römischen Reiches waren wir gestern angekommen und haben einiges, das gerade für jenen Zeitpunkt charakteristisch ist, hervorgehoben.
[ 1 ] Yesterday I attempted to illustrate how, roughly in the middle of the past century, a radical shift in intellectual life took place, and I then went on to show how the particular configuration of thought—indeed, of intellectual life as a whole—that can be observed in the 19th century and that experienced this upheaval can be traced back to another radical turning point in Western history, one we must look for in the 4th century A.D. Now, at first glance, it might seem as though two periods that are very far apart in time are being brought into too close a relationship with one another. Yet it is precisely this line of inquiry that will lead us to certain inner connections within human history. Today we will begin where we, in a certain sense, left off yesterday. Yesterday we reached the point of the decline of classical education and the Roman Empire, and we highlighted some features that are particularly characteristic of that time.
[ 2 ] Wir haben zwei repräsentative Persönlichkeiten vor unsere Seele gestellt, eine Persönlichkeit, die sich ganz herausentwickelt aus dem Südwesten, Augustinus, und wir haben sie verglichen mit einer anderen Persönlichkeit und mit der geistigen Strömung, aus der diese herauswuchs, mit Wulfila, dem gotischen Bibelübersetzer.
[ 2 ] We have placed two representative figures before our souls: one who emerged entirely from the Southwest, Augustine, and we have compared him with another figure and with the spiritual current from which that figure sprang—Wulfila, the Gothic Bible translator.
[ 3 ] Bei Augustinus muß man vor allen Dingen sich darüber klar sein, daß? er durchaus ein Kind derjenigen Verhältnisse ist, die sich im Südwesten der europäisch-afrikanischen Zivilisation der damaligen Zeit entwickelt haben. Diejenigen Menschen, die dazumal überhaupt nach einer höheren Bildung strebten, sie fanden diese Bildung nicht anders als dadurch, daß sie zusammengebracht wurden mit dem, was sich seinem Wesen nach in einer gewissen Oberschichte der menschlichen Bevölkerung nun seit langer Zeit als eine Weltanschauung und in gewissem Sinne als eine Literatur, eine Kunst, eine Wissenschaft herausgebildet hatte. Schon dasjenige, was uns bekannt ist als griechische Bildung, ist ja nur dadurch denkbar, daß es das Eigentum war einer menschlichen Oberschichte, die ihre gröbere Arbeit, die gröberen Verrichtungen den Sklaven überließ. Und erst recht die römische Bildung ist ohne die weitausgebreitete Sklaverei nicht denkbar. Es war diese Bildung dadurch lebendig, daß den Menschen, die sie hatten, vor allen Dingen auch das entzogen war, was als Gedanken- und Empfindungsweise waltete in der ganzen breiten Masse der Bevölkerung. Aber man darf sich deshalb nicht vorstellen, daf3 in dieser breiten Masse der Bevölkerung etwa kein geistiges Leben vorhanden gewesen wäre. Das war durchaus vorhanden. Es war sogar ein außerordentlich starkes geistiges Leben vorhanden, ein geistiges Leben, das sich allerdings mehr wie der Mutterboden, der auf einer früheren Stufe der Entwickelung zurückgebliebene Mutterboden eines geistigen Lebens ausnahm, im Vergleich zu der anderen, der oberschichtigen Bildung, aber eben durchaus als ein Geistesleben.
[ 3 ] When it comes to Augustine, one must above all be clear that he is very much a product of the circumstances that developed in the southwest of the European-African civilization of that time. Those people who, at that time, aspired to a higher education at all could only attain it by being brought into contact with what, by its very nature, had long since taken shape within a certain upper class of the human population as a worldview and, in a certain sense, as literature, art, and science. Even what we know as Greek education is conceivable only because it was the preserve of an upper class that left the more menial labor and tasks to the slaves. And Roman education, in particular, is inconceivable without widespread slavery. This education was vibrant precisely because those who possessed it were, above all, removed from the ways of thinking and feeling that prevailed among the broad masses of the population. But one must not therefore imagine that there was no intellectual life whatsoever among these broad masses of the population. It certainly existed. In fact, there was an extraordinarily strong spiritual life—a spiritual life that, admittedly, resembled more the topsoil of a spiritual life left behind at an earlier stage of development, when compared to the other, upper-class education, but which was nonetheless unquestionably a spiritual life.
[ 4 ] Dieses Geistesleben ist nun historisch wenig bekannt geworden; es ist aber sehr ähnlich demjenigen, das durch die sogenannten barbarischen Völker, die durch das Vordringen der asiatischen Bevölkerung ins Wandern gekommen sind, nun in die südlichen Gegenden Europas hineingetragen wird. Man muß versuchen, sich möglichst konkrete Vorstellungen zu machen von diesem Geistesleben. Wir wollen es einmal versuchen bei den nach dem Römischen Reich vordringenden Völkern.
[ 4 ] This spiritual life has become little known historically; however, it is very similar to the one now being carried into the southern regions of Europe by the so-called barbarian peoples, who were driven to migrate by the advance of the Asian population. We must try to form as concrete an idea as possible of this spiritual life. Let us try to do so by looking at the peoples who advanced into the territory of the Roman Empire.
[ 5 ] Wenn wir die Völker betrachten, welche als Goten, Vandalen, Langobarden, Heruler und so weiter ins Wandern gekommen waren, so können wir von ihnen sagen: In der Zeit, bevor die Völkerwanderung begonnen hat, also in der Zeit, die vorangeht dem 4. nachchristlichen Jahrhundert, das für uns einen so wichtigen Wendepunkt bezeichnet, hatten diese Menschen im Osten drüben ein Geistesleben, das in gewissen religiösen Anschauungen gipfelte, die alles durchdrangen, die sich in ihren Verzweigungen, in ihren Empfindungsfolgen bis in die alltäglichen Verrichtungen erstreckten. In gewissen religiösen Vorstellungen, sage ich. Die Völker, die da ins Wandern gekommen waren, waren ja auch, bevor die Völkerwanderung begann, schon einmal längere Zeit seßhaft. Während dieses ihres seßhaften Zustandes — das kann man nicht nur durch Geisteswissenschaft konstatieren, sondern auch durch die Nachklänge der Sagen und Mythen, die in diesen Völkern lebten — machten sie eben das erst durch, was die orientalischen Völker, die südorientalischen Völker, aus denen dann die indische und die persische Kultur und so weiter hervorgegangen sind, längst in früheren Zeiten durchgemacht hatten, ja, was auch die südeuropäischen und die nordafrikanischen Völker in viel älterer Zeit durchgemacht hatten. Es lebten diese Völker in dem, was man eine Religion nennen kann, die eng zusammenhing mit ihren ganzen Blutsverhältnissen. Was sie verehrten, das waren gewisse Familienahnen. Aber diese Ahnen kamen erst zur Verehrung viele Jahre, nachdem sie hingegangen waren, nachdem sie tot waren; und diese Verehrung gründete sich keineswegs auf irgendwelche abstrakte Vorstellungen, sondern diese Verehrung gründete sich auf dasjenige, was man instinktiv traumhaft erlebte — wenn man den Ausdruck nicht mißverstehen will-, als traumhaft hellseherische Vorstellungen. Denn es waren gewisse Vorstellungen, die auf ganz andere Weise zustande kamen, als heute unsere Vorstellungen sich bilden. Indem wir heute Vorstellungen hegen, spielt sich unser seelisches Leben unabhängig von unserer Leibeskonstitution ab. Wir spüren dabei nicht mehr das Brodeln und Kochen der Leibeskonstitution. Diese Völker, sie hatten ein gewisses intensiv nach innen gerichtetes Empfinden für das, was sich in ihrem Leibe abspielte, in das naturhaft hineinwirkten alle möglichen Weltengeheimnisse. Denn nicht nur in der chemischen Retorte wirken die Weltenvorgänge gesetzmäßig, sondern eben auch im menschlichen Leibe. Und wie heute der Chemiker durch seinen abstrakten Verstand aus den Vorgängen in der Retorte zu erkennen versucht die Weltengesetze, so versuchten diese Menschen durch das, was sie innerlich erlebten, durch ihren eigenen Organismus, dessen innere Vorgänge sie empfanden, in die Weltengeheimnisse einzudringen. Es war durchaus ein inneres Erleben, aber ein inneres Erleben, das eng noch mit den körperlichen Vorstellungen zusammenhing. Und aus diesen durch das innere Kochen des Organismus hervorgerufenen Vorstellungen entwickelten sich heraus die Anschauungen, die Bilder, die bezogen wurden von diesen Menschen auf die Ahnen. Die Ahnen waren gewissermaßen diejenigen, deren Stimmen durch die Traumgebilde noch jahrhundertelang gehört wurden. Die Ahnen waren die Herrscher der durchweg in kleinen Gemeinden, in Dorfgemeinden lebenden Völkerschaften. Diese Art der Ahnenverehrung, einer Ahnenverehrung, die lebendig war durch traumhaftes Vorstellen, hatten diese Völkerschaften noch, als sie herüberzogen von dem Osten Europas nach dem Westen. Und wenn wir auf die Lehrer hinschauen, auf die Priesterschaft dieser Völker, wodurch sich uns eine weitere Eigentümlichkeit ihres Geisteslebens kundgeben kann, so finden wir diese Priesterschaft vor allen Dingen durch den fortgeschrittenen Geist, den einzelne hatten, die eben solche Priester oder Lehrer wurden, dazu berufen, auszulegen, was den einzelnen Menschen in ihren Traumbildern erschien, die aber durchaus das wache Tagesbewußtsein durchzogen. Deuter, Interpreten desjenigen, was der einzelne erlebte, das waren diese Priester.
[ 5 ] When we consider the peoples who set out on their migrations—the Goths, Vandals, Lombards, Heruls, and so on—we can say of them: In the period before the Migration Period began—that is, in the time preceding the 4th century A.D., which marks such an important turning point for us—these people over in the East had a spiritual life that culminated in certain religious views, which permeated everything and extended, in their ramifications and emotional consequences, even into their everyday activities. In certain religious conceptions, I say. The peoples who had begun to migrate had, after all, already been settled for a long time before the Migration Period began. During this period of settlement—which can be ascertained not only through spiritual science but also through the echoes of the legends and myths that lived on among these peoples—they went through precisely what the Oriental peoples, the South-Eastern peoples, from whom Indian and Persian culture and so on later emerged, had long since gone through in earlier times, indeed, what the peoples of Southern Europe and North Africa had also gone through in much earlier times. These peoples lived within what might be called a religion that was closely intertwined with their entire kinship structure. What they revered were certain family ancestors. But these ancestors were not venerated until many years after they had passed away, after they were dead; and this veneration was by no means based on any abstract ideas, but rather on what was instinctively experienced—if one does not wish to misunderstand the expression—as dreamlike, clairvoyant visions. For these were certain perceptions that arose in a completely different way than our perceptions are formed today. When we hold perceptions today, our spiritual life unfolds independently of our physical constitution. We no longer sense the seething and bubbling of our physical constitution. These peoples had a certain intensely inward-directed sensitivity to what was taking place within their bodies, into which all manner of cosmic mysteries naturally worked their way. For cosmic processes operate according to laws not only in the chemical retort, but also within the human body. And just as today the chemist attempts to discern the laws of the universe through his abstract intellect from the processes in the retort, so these people sought to penetrate the mysteries of the universe through what they experienced inwardly, through their own organism, whose inner processes they sensed. It was indeed an inner experience, but one that was still closely connected to physical perceptions. And from these perceptions—aroused by the organism’s inner stirrings—emerged the visions and images that these people associated with their ancestors. The ancestors were, in a sense, those whose voices continued to be heard through dream-like visions for centuries to come. The ancestors were the rulers of peoples who lived exclusively in small communities, in village communities. These peoples still practiced this form of ancestor worship—a form brought to life through dreamlike imaginings—when they migrated from Eastern Europe to the West. And when we look at the teachers, at the priesthood of these peoples—which reveals yet another distinctive feature of their spiritual life—we find that this priesthood was characterized above all by the advanced spirit possessed by certain individuals who became such priests or teachers, called upon to interpret what appeared to individual people in their dream images—images that, however, thoroughly permeated their waking daytime consciousness. These priests were interpreters of what the individual experienced.
[ 6 ] Nun kamen diese Völker ins Wandern. Während ihrer Wanderschaft war das ihre große geistige Wohltat, daß sie in dieser Weise ein innerlich hellseherisches Geistesleben hatten, das ihnen von ihren Priestern interpretiert wurde. Dieses Leben hat sich niedergeschlagen in Sagen, die namentlich in der slawischen Welt noch vorhanden sind, die gewissermaßen in der slawischen Welt sich überliefert haben und denen man es noch ansieht, daß sie enthalten, was ich jetzt kurz, allerdings skizzenhaft, dargestellt habe.
[ 6 ] These peoples then set out on their migrations. During their wanderings, their great spiritual blessing was that they possessed an inner, clairvoyant spiritual life, which was interpreted for them by their priests. This life has been preserved in legends that still exist, particularly in the Slavic world; they have, so to speak, been handed down in the Slavic world, and one can still see that they contain what I have now briefly—albeit in outline form—described.
[ 7 ] Nun kamen aber bald nach dem 4. Jahrhunderte diese Völkerschaften wiederum zur Seßhaftigkeit. Einzelne verschwinden in der Bevölkerung, die unten im Süden, auf den südlichen Halbinseln längst seßhaft war, in dem Teile der Völkerschaften, die die Unterschichte bildeten. Denn die Oberschichte wurde ja gerade in der Augustinischen Zeit sozusagen weggefegt. Aber sie verschwanden dort. Goten unter anderem verschwanden dort. Diejenigen aber, die namentlich die mitteleuropäischen Länder, die den Westen bevölkerten, diejenigen, die dann im nördlichen Teil des südlichen Europas sich ansiedelten, die verblieben, die bekamen wiederum feste Wohnsitze.
[ 7 ] However, shortly after the 4th century, these peoples once again settled down. Some of them disappeared into the population—which had long been settled down in the south, on the southern peninsulas—as part of the groups that made up the lower classes. For the upper class had, so to speak, been swept away during the Augustinian era. But they disappeared there. The Goths, among others, disappeared there. However, those who populated the Central European countries—namely the West—and those who then settled in the northern part of Southern Europe remained and once again established permanent settlements.
[ 8 ] Und so sehen wir, daß nach dem 4. Jahrhunderte dieses FesteWohnsitze-Bekommen eine wesentliche Eigentümlichkeit dieser eingewanderten Bevölkerung ist. Und nun ändert sich das ganze Geistesleben dieser Bevölkerung dadurch, daß eben feste Wohnsitze aufgeschlagen waren. Es ist sehr merkwürdig, wie radikal sich dadurch das geistige Leben ändert, allerdings auch durch die besondere Veranlagung, welche diese Menschen hatten. Diese Menschen hatten ja eine besondere Rassen-, eine besondere Volksveranlagung in sich, sie hatten in sich noch in einer viel größeren Frische dasjenige Empfinden, das in Träumen leben und in Träumen geistige Wirklichkeit erleben wollte, etwas, was in den südlichen Gegenden längst in andere Formen des geistigen Lebens sich verwandelt hatte. Aber seßhaft wurden sie, und auch durch ihre besondere Veranlagung bildete sich jetzt als geistiges Leben etwas anderes bei ihnen aus. Was sich früher ausgelebt hatte im Heraufschauen zu den Ahnen, was ihnen die Bilder verehrter Vorfahren vor die Seele zauberte, das heftete sich jetzt an die Orte.
[ 8 ] And so we see that, after the 4th century, the establishment of permanent settlements became a defining characteristic of this immigrant population. And now the entire spiritual life of this population changed as a result of the fact that permanent settlements had been established. It is very remarkable how radically this changes their spiritual life—though this is also due to the special disposition these people possessed. These people, after all, possessed a special racial and national disposition; they still retained, with far greater vitality, that sensibility which sought to live in dreams and experience spiritual reality within them—something that in the southern regions had long since transformed into other forms of spiritual life. But they settled down, and—partly due to their special predisposition—a different kind of spiritual life now took shape within them. What had previously found expression in looking up to the ancestors—what had conjured images of revered forebears before their souls—now became attached to the places themselves.
[ 9 ] Da, wo irgendein besonderes Waldesdickicht war, wo Berge waren, die meinetwillen besondere Metallschätze enthielten, wo irgendwelche Orte waren, von denen aus man die Stürme besonders beobachten konnte und dergleichen, da fühlten und empfanden diese Menschen mit jenem tiefen Fühlen und Empfinden, das ihnen von ihren alten Ahnenvorstellungen an Träumereien geblieben war, etwas Heiliges gegenüber gewissen Orten. Und dasjenige, was Ahnengötter waren, das wurden Lokalgötter, Ortsgötter. Es heftete sich dasjenige, was Ortsgötter waren, an die Empfindungen, an die ganze innere Seelenverfassung, die sie mitgebracht hatten von der Verehrung der Ahnen her. Ich möchte sagen, die religiösen Vorstellungen verloren den Zeitcharakter und nahmen einen Raumescharakter an. Diejenigen, die früher Interpreten waren der Träume, die Interpreten waren der inneren Erlebnisse des Seelenwesens, die wurden jetzt die Pfleger dessen, was man nennen könnte die Zeichen. Das besondere SichSpiegeln der Sonne in diesem oder jenem Quellsturz, in sonstigen Naturerscheinungen, Erscheinungen des Wolkenganges in bestimmten Talgegenden und so weiter — ich brauche diese Dinge ja nur anzudeuten —, die wurden jetzt der Gegenstand der Interpretation, etwas, was sich dann direkt umsetzte in das Runenwesen. Dazu nahm man an besonderen Orten Stäbe vom Holz gewisser Bäume, und indem man sie hinwarf und dadurch besondere Figuren entstanden, konnten die Pfleger die Zeichen deuten, die da entstanden waren. Die ganze Zeitenreligion verwandelte sich in eine Raumesreligion. Das ganze Geistesleben wurde ein lokales Geistesleben. Dadurch aber wurden diese Völkerschaften immer mehr und mehr fähig, in derselben Weise behandelt zu werden, wie die römisch-katholische Kirche, seit sie im 4. Jahrhunderte Staatskirche geworden war, sich angewöhnt hatte, die untere Schichte der südlichen Völkerschaften zu behandeln, die übriggeblieben waren, nachdem die obere Schichte hinweggefegt war.
[ 9 ] Wherever there was a particularly dense forest thicket, wherever there were mountains that, in their view, contained special metal treasures, wherever there were places from which one could particularly observe storms and the like, these people felt and sensed—with that deep feeling and sensibility that had remained to them from the reveries of their ancient ancestral beliefs—that certain places were sacred. And what had been ancestral gods became local gods, place gods. These local gods became bound up with the feelings, with the entire inner state of mind, that they had brought with them from the veneration of their ancestors. I would say that religious concepts lost their temporal character and took on a spatial character. Those who had formerly been interpreters of dreams—interpreters of the inner experiences of the soul—now became the custodians of what one might call the signs. The particular way the sun was reflected in this or that waterfall, in other natural phenomena, in the patterns of cloud movement in certain valley regions, and so on—I need only hint at these things—these now became the subject of interpretation, something that was then directly translated into the world of the runes. For this purpose, sticks were taken from the wood of certain trees at specific locations, and by throwing them so that particular patterns emerged, the custodians were able to interpret the signs that had been created. The entire religion of time was transformed into a religion of space. The entire spiritual life became a local spiritual life. As a result, however, these peoples became increasingly capable of being treated in the same way that the Roman Catholic Church—since it had become the state church in the 4th century—had grown accustomed to treating the lower strata of the southern peoples who remained after the upper strata had been swept away.
[ 10 ] Und was hat die Kirche getan? In diesen südlichen Gegenden war längst die Zeit vorbei, die die von Norden einwandernden Völker durchmachten. Da war schon in alten Zeiten der Übergang von der Zeitenweltanschauung in die Raumesweltanschauung vollzogen worden. Und immer geschieht eines, wenn die Zeitenweltanschauung sich in die Raumesweltanschauung umwandelt. Da geschieht eines, was von außerordentlicher Bedeutung ist. Dabei geschieht es, daß übergeht ein gewisses lebendiges Erleben in ein symbolisch-kultisches Erleben. Das hatte sich schon für die untere Schichte der Bevölkerung in südlicheren Gegenden im Verhältnis zu der in nördlichen Gegenden längst vollzogen. Solange die Menschen in ihren Zeitenvorstellungen leben, sind die Priester, sind diejenigen, die man im alten Sinne Gelehrte nennen kann, Interpreten des entsprechenden Seelenlebens. Da befassen sich die Priester damit, den Menschen auszulegen, was diese Menschen erleben. Sie konnten das, weil die Menschen eigentlich nur in kleinen Dorfgemeinden lebten und derjenige, der in gewissem Sinne der Ausleger war, der Leiter des ganzen Geisteslebens überhaupt war, sich an die einzelnen oder an kleine Gruppen wenden konnte. In dem Zeitpunkte aber, wo dann diese Zeitenweltanschauung übergeht in die Raumesweltanschauung, da wird dieses lebendige Element mehr zurückgedrängt. Der Priester kann nicht mehr hinweisen auf dasjenige, was der einzelne erlebt hat, auf das, was ihm der einzelne erzählt, und ihm das deuten. Es verwandelt sich, was auf diese Weise lebendig ist, in dasjenige, was an den Ort und die Lokalität angeschlossen werden kann. Und dadurch entsteht allmählich die symbolische Ausbildung, die bildhafte Ausgestaltung dessen, was von den übersinnlichen Welten früher lebendig erlebt worden war. Das also verwandelt sich in etwas, das sich nunmehr in Kulthandlungen, in symbolischen Handlungen vollziehen sollte.
[ 10 ] And what did the Church do? In these southern regions, the period that the peoples migrating from the north had gone through was long past. There, the transition from the temporal worldview to the spatial worldview had already been completed in ancient times. And one thing always happens when the temporal worldview transforms into the spatial worldview. Something of extraordinary significance occurs. In the process, a certain kind of living experience gives way to a symbolic-ritual experience. This had long since taken place among the lower strata of the population in southern regions compared to those in northern regions. As long as people live according to their conceptions of time, the priests—those whom one might call scholars in the old sense—are interpreters of the corresponding inner life. The priests are concerned with explaining to people what those people are experiencing. They were able to do this because people essentially lived only in small village communities, and the one who, in a certain sense, was the interpreter—the leader of the entire spiritual life—could address individuals or small groups directly. But at the point when this temporal worldview transitions into a spatial worldview, this living element is increasingly pushed into the background. The priest can no longer point to what the individual has experienced, to what the individual tells him, and interpret it for him. What is alive in this way is transformed into that which can be connected to the place and the locality. And through this, the symbolic formation gradually arises—the pictorial elaboration of what had previously been vividly experienced from the supersensible worlds. This, then, is transformed into something that is now to be carried out in ritual acts, in symbolic acts.
[ 11 ] Und dann wiederum beginnt die Entwickelung von der anderen Seite. Jetzt sieht der Mensch die Symbolik, und er deutet wiederum die Symbolik aus. Was die römisch-katholische Kirche als Kultus ausgebildet hat, ist mit einer genauen Kenntnis dieses welthistorischen Ganges der Menschheitsentwickelung ausgebildet worden. Der Übergang der alten Abendmahlsfeste in das Meßopfer ist dadurch entstanden, daß dasjenige, was lebendiges Abendmahl war, sich in die symbolische Handlung, in das Meßopfer, umgestaltet hat. In dieses Meßopfer waren zwar uralt-heilige Mysterienbräuche aufgenommen worden, die sich fortgepflanzt hatten und die nun auch in die Unterschichten der Bevölkerung hinunterflossen. Sie waren jedoch durchsetzt mit demjenigen, was das Christentum an neuen Anschauungen gebracht hatte. Sie wurden gewissermaßen durchchristet. Die Unterschichte der römischen Bevölkerung gab ein gutes Material ab für ein solches Herausholen der Kulthandlungen, die nun symbolisch die übersinnliche Welt darstellen sollten. Und als die nördlichen Völkerschaften übergegangen waren zum lokalen geistigen Leben, da konnten diese Kulthandlungen auch unter sie verpflanzt werden, da fingen sie an, ihnen Verständnis entgegenzubringen. Darauf beruht zunächst die eine Strömung, die von diesem 4. nachchristlichen Jahrhunderte ausgegangen Ist.
[ 11 ] And then, once again, the development begins from the other side. Now the human being perceives the symbolism and, in turn, interprets it. What the Roman Catholic Church has developed as a form of worship has been shaped by a precise understanding of this world-historical course of human development. The transition from the ancient feasts of the Last Supper to the Mass arose because what had been the living Last Supper was transformed into the symbolic act, the Mass. Although ancient, sacred mystery rites—which had been passed down and were now permeating even the lower classes of society—had been incorporated into this Mass, However, they were interwoven with the new ideas that Christianity had introduced. They were, so to speak, “Christianized.” The lower classes of the Roman population provided fertile ground for the development of these ritual acts, which were now intended to symbolically represent the supersensible world. And once the northern peoples had adapted to the local spiritual life, these ritual practices could also be transplanted among them, and they began to show an understanding of them. This is the basis for the first of the movements that emerged from this 4th century A.D.
[ 12 ] Die zweite Strömung, die mit der ersten lange Zeit parallel lief, die muß in anderer Art charakterisiert werden. Wir erleben gewissermaßen in dem, was ich Ihnen geschildert habe, was sich da vom Osten gegen das untergehende Römische Reich herüberwälzte, noch durchaus bemerkbar, wie darinnen dieser alte Ahnenkultus fortlebte. In dem Vaterunser, wie ich es Ihnen gestern dargelegt habe, da zeigt sich das. Da ist bei diesen wandernden Völkerschaften das Christentum durchaus noch in die Ahnen- und in die Lokalreligion hinein aufgenommen worden. Und das ist gerade das Wesen des arianischen Christentums. Der dahinterstehende Dogmenstreit ist weniger wichtig. Wichtig für dieses arianische Christentum, das mit den Goten, mit den anderen germanischen Völkerschaften vom Osten nach Westen zog, ist, daß? da das Christentum auf einem Wege, der noch nicht über Rom ging, eingetaucht worden ist in ein solches lebendiges, noch nicht bis zum Kult gekommenes Leben, in ein lebendiges Geistesleben, das, wie gesagt, anknüpfte an die Traumerlebnisse, an die hellseherischen Erlebnisse, wenn der Ausdruck nicht mißverstanden wird.
[ 12 ] The second movement, which ran parallel to the first for a long time, must be characterized in a different way. In what I have described to you—namely, what swept in from the East toward the declining Roman Empire—we can still clearly see how this ancient ancestor cult lived on. This is evident in the Lord’s Prayer, as I explained to you yesterday. Among these migrating peoples, Christianity was indeed still incorporated into the cult of the ancestors and into local religions. And that is precisely the essence of Arian Christianity. The doctrinal dispute behind it is of lesser importance. What is important for this Arian Christianity, which moved from east to west with the Goths and the other Germanic peoples, is that? since Christianity, via a path that did not yet pass through Rome, became immersed in such a living existence—one that had not yet developed into a formal cult—in a living spiritual life that, as I said, drew upon dream experiences and clairvoyant experiences, if the term is not misunderstood.
[ 13 ] Dagegen dasjenige Christentum, das Augustinus erlebte, das war durchgegangen durch die Bildung der Oberschichte der südländischen Bevölkerung. Und diesem Christentum, dem standen gegenüber alle möglichen orientalischen Kulte, alle möglichen orientalischen Religionsvorstellungen, welche im großen Rom zusammenflossen. Aus diesen Religionsvorstellungen heraus war Augustinus als Heide erwachsen, und er hatte sich von ihnen aus in der Art, wie ich das gestern charakterisiert habe, dem Christentum zugewendet. Er steht in einer Geistesströmung drinnen, welche in einer ganz anderen Art erlebt wurde von den einzelnen Persönlichkeiten als die Art, die ich eben charakterisiert habe als eine gewissermaßen volkstümliche, die aus den elementarsten Kräften des Volksseelenlebens heraufkam. Die Geistesströmung, die Augustinus erlebte, war eine vielfach filtrierte und als solche in die obere Schichte hinaufgestiegen. Sie wurde nun vom römisch-katholischen Priestertum übernommen und konserviert. Wiederum ist deren Inhalt für den Fortgang der Weltgeschichte viel weniger wichtig als die Konfiguration dieser ganzen Seelenverfassung, die zuerst die römisch-griechische Bildung war, dann durch Aufnahme des Christentums die Bildung des christkatholischen Klerus, der christkatholischen Priesterschaft geworden ist. Man muß sie sich ansehen, diese Bildung, wie sie war und wie sie dann fortgelebt hat durch die Jahrhunderte. Wenn wir auf unser heutiges Bildungswesen schauen, so ist das eben etwas Zurückgebliebenes von dem, was dazumal eigentlich Bildung war. Nachdem man damals die ersten elementarsten Kenntnisse, was wir heute den allerersten Volksschulunterricht nennen, absolviert hatte, kam man in die sogenannten Grammatikklassen. Diese Grammatikklassen, die überlieferten einem zunächst den Bau der Sprache. Man lernte in ihnen die Sprache in der richtigen Weise gebrauchen, so wie sie die Dichter, wie sie die Schriftsteller gebraucht hatten. Man eignete sich dann alles andere an, was an Wissenschaften nicht geheimgehalten wurde, denn vieles wurde eben in jenen Zeiten von gewissen Geheimschulen an Wissenschaft noch geheimgehalten. Was nicht geheimgehalten wurde, wurde durch die Grammatikklassen überliefert, aber durch Vermittlung des sprachlichen Elementes. Und wenn jemand zu einer höheren Bildungsstufe kam, wie zum Beispiel Augustinus, dann trat er über aus dem grammatischen Lernen in das rhetorische Lernen. Da kam es darauf an, dafd man vor allen Dingen zu einer gefälligen symbolischen Ausdrucksweise kam, daß man lernte, Perioden in der richtigen Weise zu bilden, daß man namentlich lernte, Perioden zu einem gewissen Ziele zu bringen. Darinnen bestand die Fähigkeit, die sich anzueignen hatte, wer dazumal eben überhaupt nach Bildung strebte.
[ 13 ] In contrast, the Christianity that Augustine experienced had permeated the educated upper class of the southern population. And this Christianity was contrasted by all manner of Eastern cults and religious conceptions, which converged in the great city of Rome. Augustine had grown up as a pagan within these religious conceptions, and from them he had turned to Christianity in the manner I described yesterday. He is part of a spiritual current that was experienced by individual personalities in a manner quite different from the one I have just characterized as, in a sense, folk-based—one that arose from the most elemental forces of the people’s spiritual life. The spiritual current that Augustine experienced had been filtered many times over and, as such, had risen into the upper classes. It was then adopted and preserved by the Roman Catholic priesthood. Once again, its content is far less important for the course of world history than the configuration of this entire spiritual constitution, which was first the Roman-Greek education and then, through the adoption of Christianity, became the education of the Christian-Catholic clergy, the Christian-Catholic priesthood. One must examine this education—how it was and how it has lived on through the centuries. When we look at our educational system today, it is merely a remnant of what education actually was back then. After completing the most basic instruction—what we today call elementary school—one moved on to the so-called grammar classes. These grammar classes first taught the structure of language. In them, one learned to use language correctly, just as the poets and writers had used it. One then acquired all other knowledge that was not kept secret, for in those times much scientific knowledge was still kept secret by certain secret schools. What was not kept secret was taught in the grammar classes, but through the medium of language. And when someone advanced to a higher level of education—such as Augustine, for example—they moved from the study of grammar to the study of rhetoric. What mattered most was developing a pleasing, symbolic style of expression; learning to construct sentences correctly; and, in particular, learning to direct sentences toward a specific purpose. This was the skill that anyone striving for an education at that time had to acquire.
[ 14 ] Man muß einen Sinn dafür haben, was gerade eine solche Bildung im Menschen heranentwickelt. Der Mensch wird durch die bloße grammatische und rhetorische Bildung in einer gewissen Beziehung an die Oberfläche seines Wesens gebracht; viel mehr, als daß er etwa dem Denken obliegen würde, legt er sich hinein in dasjenige, was durch seinen Mund ertönt. Er richtet sein Augenmerk viel mehr auf den Bau der Sprache als auf das Gefüge der Gedanken. Und das war durchaus das Charakteristikon dieser alten Bildung, daß nicht auf das innere Seelenerleben als solches gesehen wurde, sondern auf den Bau der Sprache, auf die Gestaltung der Sprache, auf das Wohlgefällige, das sich ausdrückt in der Sprache. Kurz, der Mensch veräußerlichte sich in dieser Bildung. Und im 4. Jahrhundert, während Augustinus, wie wir heute sagen würden, studierte, kann man durchaus merken dieses Veräußerlichen, dieses Leben im Worte, in der Wortwendung, in der Ausdrucksform. Grammatik und Rhetorik war dasjenige, was man zu lernen hatte. Und das hatte seinen guten Grund. Denn, sehen Sie, das, was wir heute unter intelligentem Denken verstehen, das gab es dazumal nicht. Es ist ein Aberglaube, der in der Historie der Menschheit wuchert, der darin besteht, daß man meint, es sei von den Menschen immer so gedacht worden, wie heute gedacht wird. Nein, das ist nicht der Fall. Das Denken, noch bis ins 4. Jahrhundert, das ganze Denken der griechischen Zeit war anders geartet. Gewisse Intimitäten der Sache habe ich in meinen «Rätseln der Philosophie» dargestellt. Der Gedanke wurde nicht durch aktive innere Seelentätigkeit ausgeheckt, wie das bei uns heute der Fall ist, sondern der Gedanke kam selber wie ein Traum über die Menschen. Insbesondere im Oriente war das der Fall, und was als orientalisches Geistesleben auch noch Griechenland angeregt hat, auch noch Rom angeregt hat, das war nicht durch Denken erobert; das war so gekommen, auch wenn es Gedanke war, wie Traumbilder kommen. Und eigentlich unterschieden sich die gelehrten Menschen der orientalischen und südeuropäischen Gegenden von den nördlichen Menschen, die ich Ihnen vorhin geschildert habe, nur dadurch, daß den nördlicheren Menschen diejenigen Bilder kamen, die ich charakterisiert habe, die zuerst Ahnenvorstellungen hervorriefen, dann sich an gewisse Lokalitäten angliederten und mehr oder weniger dann kultisch bildhaft wurden. Diejenigen Vorstellungen, die sich in Asien, in Südeuropa bildeten, waren schon gedankenhaft, aber sie waren nicht Gedanken, durch innere Seelenarbeit, durch innere Intelligenz errungen, sondern innerlich geoffenbarte Gedanken. Man erlebte dasjenige, was man Erkenntnis nannte, und erarbeitete sich nur das Wort, den Satz, die Rede. Man arbeitete nicht in Logik. Logik kam erst durch Aristoteles herauf, als das Griechentum schon im Untergange war. Und was da in der Schönheit der Sprache, in der Rhetorik sich auslebte, das war im wesentlichen römische Bildung, und diese war auch die Bildung des christkatholischen Christentums geworden.
[ 14 ] One must have a sense of what exactly such an education cultivates in a person. Through mere grammatical and rhetorical education, a person is, in a certain sense, brought to the surface of their being; rather than engaging in thought, they immerse themselves in what comes out of their mouth. They focus their attention far more on the structure of language than on the structure of thoughts. And that was indeed the defining characteristic of this ancient education: the emphasis was not on the inner experience of the soul as such, but on the structure of language, on the form of language, on the pleasing quality that finds expression in language. In short, people externalized themselves through this education. And in the 4th century, while Augustine was—as we would say today—studying, one can certainly perceive this externalization, this life in the word, in the turn of phrase, in the form of expression. Grammar and rhetoric were what one had to learn. And there was a good reason for that. For, you see, what we today understand as intelligent thinking did not exist back then. It is a superstition that has taken root in the history of humanity—the belief that people have always thought the way they do today. No, that is not the case. Thinking, even as late as the 4th century—indeed, the entire mode of thinking in the Greek era—was of a different nature. I have described certain intimate aspects of this in my book *The Riddles of Philosophy*. Thought was not concocted through active inner mental activity, as is the case with us today, but rather thought came to people of its own accord, like a dream. This was particularly the case in the East, and what, as part of Eastern spiritual life, also inspired Greece and even Rome was not conquered through thinking; it had come about—even if it was thought—in the same way that dream images arise. And in fact, the learned people of the Eastern and Southern European regions differed from the Northern people I described to you earlier only in that the Northern people received the images I have characterized—images that first evoked ancestral conceptions, then became associated with certain locations, and more or less took on a ritualistic, pictorial form. The concepts that took shape in Asia and Southern Europe were already conceptual in nature, but they were not thoughts attained through inner spiritual work or inner intelligence; rather, they were thoughts revealed from within. People experienced what they called “knowledge” and merely developed the word, the sentence, and speech. People did not work with logic. Logic first emerged through Aristotle, when Greek civilization was already in decline. And what found expression there in the beauty of language and in rhetoric was essentially Roman culture, and this had also become the culture of Catholic Christianity.
[ 15 ] Diese Art, gewissermaßen nicht in sich zu leben, sondern in einem äußerlichen Element, die drückte sich schon aus in der Bildung, die man sich aneignete. Und man kann ganz genau sehen, wie gerade Augustinus auch nach dieser Richtung eine repräsentative Persönlichkeit wird. Charakteristisch in dieser Beziehung sind die Briefe, die sich Hieronymus und Augustinus geschrieben haben, aus denen man sieht, wie diese Leute im 4. nachchristlichen Jahrhundert oder am Beginne des 5. eigentlich anders miteinander diskutierten, als wir heute diskutieren. Wenn wir heute diskutieren, dann haben wir das Gefühl, daß wir aus einer gewissen Aktivität des Denkens heraus arbeiten. Wenn die Leute des 4., 5. Jahrhunderts miteinander diskutieren, dann hat der eine das Gefühl: Ja, ich habe mir eine Ansicht gebildet über einen gewissen Punkt, aber vielleicht gibt mein Organismus nicht das Richtige her. Ich will den anderen hören; aus seinem Organismus kann vielleicht etwas anderes aufsteigen. Es ist ein viel realeres Element inneren Erlebens, in dem diese Menschen drinnenstehen. Aber was so nach der einen Seite eine Folge hat, das zeigt sich wiederum in dem Verhalten des Augustinus bei seiner Verurteilung der Häretiker der verschiedensten Sorten. Da sehen wir, wie aus dem alten, noch lebendigen Elemente, namentlich aus dem lebendigen Volkstum aufsteigend, sich Leute heraufentwickeln wie die Priester der Donatisten, wie Pelagins, die Pelagianer, wie einige andere noch. Wir sehen, wie diese Leute, trotzdem sie glauben, absolut Christen zu sein, geltend machen, daß es ja aus dem Menschen heraus kommen müsse, was sein Verhältnis zur Gerechtigkeit, zur Sünde und so weiter sei. Und so sehen wir eine ganze Reihe von Leuten, welche zum Beispiel nicht glauben können, daß es einen Sinn habe, die Kinder zu taufen und ihnen damit Vergebung der Erbsünde zu erwirken. Wir sehen, wie das gegenüber dem von Rom ausgehenden Christentum eingewendet wird; wir sehen, wie der Pelagianismus Ausbreitung gewinnt, wie Augustinus aber durchaus als ein richtiger Vertreter des christlich-katholischen Elementes sich gegen solche Anschauungen wendet. Er wendet sich gegen eine solche Auffassung der Erbsünde, die etwas zu tun hat mit der menschlichen Subjektivität. Er wendet sich dagegen, daß überhaupt aus den individuellen menschlichen Impulsen heraus die Zugehörigkeit zur geistigen Welt oder zum Christus kommen könne. Er arbeitet darauf hin, daß die Kirche allmählich aufgehe in der äußeren Institution. Es kommt nicht darauf an, was da in dem Kinde steckt, sondern es kommt darauf an, daß die Kirche besteht als äußere Einrichtung. Nicht darauf kommt es an, daß die Taufe etwas bedeutet für die Seele, für das Erlebnis der Seele, sondern darauf kommt es an, daß eine äußere Kircheneinrichtung da ist, durch welche die Taufe vollzogen wird. Was der Mensch seelisch wert ist, der da drinnensteckt im Leibe, darauf kommt es weniger an, als daß sich der allgemeine Geist ausbreitet, der in dem Sakramente lebt, das sich gewissermaßen als ein abstraktes Sakrament ergießt über die Menschheit. Der einzelne Mensch spielt keine Rolle, sondern dasjenige, was sich als eine Summe, ein System, ein Gewebe von abstrakten Dogmen und Vorstellungen über den Menschen erstreckt. Außerordentlich gefährlich erscheint es auch Augustinus, wenn geglaubt wird, daß etwa der Mensch erst vorbereitet, daß seine Seele reif gemacht werden müsse und er dann erst die Taufe empfangen solle. Denn darum handelt es sich nicht, was der Mensch in seinem Inneren will, sondern darum handelt es sich, daß der Mensch eingefügt werde dem Reiche Gottes, das, abgesehen vom Menschen, objektiv existiert. Und das ist im wesentlichen das Milieu, in dem athanasianisches Christentum lebt, im Gegensatz zu dem anderen, das vom Nordosten her kommt und das in gewissen volkstümlichen Elementen lebt. Aber die Kirche hat es verstanden, dasjenige, was da abstraktes Element war, in die Kultformen zu kleiden, die wiederum von unten aufstiegen. Damit hat sich die Kirche die Möglichkeit geschaffen, in diesem europäischen Elemente, aus dem die antike Bildung zunächst weggefegt war, ihre Ausbreitung zu gewinnen. Und namentlich hat sie diese Ausbreitung gewinnen können dadurch, daß sie die breiten Kreise des Volkes im Grunde genommen aus der eigentlichen religiösen Substantialität und aus der Bildungssubstantialität ausgeschlossen hat. Eine ungeheure Bedeutung hat es auch, daß die Substantialität des Christentums durch die folgenden Jahrhunderte so fortgepflanzt wird, daß dazu die lateinische Sprache dient, und dies gerade vom 4. nachchristlichen Jahrhundert ab. Wir sehen gewissermaßen eine Strömung hinfluten über den Köpfen der Menschen im Grunde genommen bis ins 15. Jahrhundert hinein. Denn, was die Geschichte gewöhnlich erzählt, sind ja nur die äußeren Ausgestaltungen dessen, was sich da in den Seelen der Menschen vollzogen hat. Man kann sagen: In einem viel höheren Sinne, als jemals Geheimlehren in antiken Geheimschulen geheimgehalten worden sind, ist das Christentum geheimgehalten worden, namentlich bis in das 11., 12. Jahrhundert, von denen, die es ausgebreitet haben. Denn nur die äußere Kultussymbolik, die drang hinunter in das Volk. Und das, was sich fortpflanzt, was aber auch gleichzeitig alle Wissenschaft, die von der Antike heraufkam, für sich in Anspruch nahm und sie in das lateinische Sprachgewand kleidete, das war die Kirche, die Kirche als etwas, was über der eigentlichen Menschheitsentwickelung schwebte. Und alle Jahrhunderte, vom 4. bis 14., stehen eigentlich in dem Zeichen dieser beiden Parallelströmungen. Die äußere Geschichte, auch die Geistesgeschichte, sie verzeichnen traditionell im Grunde genommen nur das, was, ich möchte sagen, mehr in die Öffentlichkeit heraussickert aus der lateinisch-kirchlichen Strömung. Daher bekommen die Menschen aus der heutigen Geschichtsschreibung kaum eine Vorstellung von dem, was sich in den breiten Massen abgespielt hat.
[ 15 ] This way of living, so to speak, not within oneself but in an external element, was already expressed in the education one acquired. And one can see quite clearly how Augustine, in particular, became a representative figure in this regard as well. Characteristic in this regard are the letters that Jerome and Augustine wrote to one another, from which one can see how these people in the 4th century A.D. or at the beginning of the 5th actually discussed matters with one another differently than we do today. When we discuss matters today, we have the feeling that we are working from a certain activity of thought. When people of the 4th and 5th centuries discussed matters with one another, one of them would feel: Yes, I have formed an opinion on a certain point, but perhaps my own inner being is not yielding the right answer. I want to hear the other person; perhaps something different might arise from their inner being. There is a much more real element of inner experience in which these people are immersed. But what results from this on the one hand is evident, in turn, in Augustine’s behavior when he condemned heretics of all kinds. There we see how, arising from the old, still-living elements—namely, from the living folk culture—people develop such as the Donatist priests, the Pelagians, and some others as well. We see how these people, even though they believe themselves to be Christians in every sense, assert that a person’s relationship to righteousness, sin, and so on must come from within. And so we see a whole host of people who, for example, cannot believe that there is any point in baptizing children to secure for them the forgiveness of original sin. We see how this is raised as an objection against the Christianity emanating from Rome; we see how Pelagianism is gaining ground, but how Augustine, as a true representative of the Christian-Catholic element, turns against such views. He opposes a conception of original sin that has anything to do with human subjectivity. He opposes the idea that belonging to the spiritual world or to Christ could arise at all from individual human impulses. He works toward the Church gradually being absorbed into the external institution. What matters is not what lies within the child, but that the Church exists as an external institution. What matters is not that baptism means something for the soul, for the soul’s experience, but that an external ecclesiastical institution exists through which baptism is performed. The spiritual worth of the human being inside the body matters less than the spread of the universal spirit that lives in the sacrament, which, in a sense, pours out over humanity as an abstract sacrament. The individual human being plays no role; rather, what matters is that which extends as a sum, a system, a fabric of abstract dogmas and ideas about humanity. Augustine also considers it extremely dangerous to believe that a person must first be prepared—that his soul must be made ready—and only then should he receive baptism. For the issue is not what a person desires inwardly, but rather that the person be incorporated into the Kingdom of God, which exists objectively, independent of the person. And this is essentially the milieu in which Athanasian Christianity thrives, in contrast to the other form that comes from the northeast and thrives on certain folk elements. But the Church has understood how to clothe that which was an abstract element in the forms of worship that, in turn, arose from below. In this way, the Church has created the possibility for itself to gain a foothold in this European element, from which classical education had initially been swept away. And in particular, it was able to achieve this expansion by essentially excluding the broad masses of the people from the very substance of religion and from the substance of education. It is also of immense significance that the substance of Christianity was perpetuated throughout the following centuries through the medium of the Latin language, beginning precisely in the 4th century A.D. We see, as it were, a current flowing over people’s heads, essentially right up into the 15th century. For what history usually recounts are merely the outward manifestations of what took place within people’s souls. One could say: In a much higher sense than any secret teachings were ever kept hidden in the ancient mystery schools, Christianity was kept hidden—particularly through the 11th and 12th centuries—by those who spread it. For only the outward symbols of worship penetrated down to the people. And that which perpetuated itself—yet at the same time appropriated all the scholarship that had emerged from antiquity and clothed it in the garb of the Latin language—was the Church, the Church as something that hovered above the actual development of humanity. And all the centuries, from the 4th to the 14th, are in fact marked by these two parallel currents. External history, as well as intellectual history, traditionally records, in essence, only what—I would say—seeps out more into the public sphere from the Latin-ecclesiastical current. Consequently, people today gain hardly any sense from current historiography of what actually took place among the broad masses.
[ 16 ] Was sich in diesen breiten Massen abgespielt hat, das ist etwa so vorzustellen: Zunächst hatten sich wirklich nur Dorfgemeinden gebildet, und das ganze mittlere Europa, westliche Europa und auch das südliche Europa war so besiedelt, daß die Städte zunächst eine geringe Rolle spielten. In kleinen Gemeinden, in Dorfgemeinden entwickelte sich das hauptsächlichste Leben. Und während sich dieses Leben in Dorfgemeinden bildete — was damals an Städten bestand, waren ja im Grunde genommen nur größere Dorfgemeinden —, da breitete sich in den größeren Dorfgemeinden, wie ich geschildert habe, über die Köpfe der Menschen hinweg, aber durch den Kultus suggestiv auf die Menschen wirkend, die christkatholische Kirche aus; die Menschen aber, die nur die symbolischen Handlungen sahen, die Menschen, die am Kultus teilnahmen, die aufblicken konnten zu dem, was sie nicht verstanden, die entwickelten für sich dennoch ein geistiges Leben. Ein reiches Geistesleben entwickelte sich dazumal durch Europa, ein Geistesleben, das vor allen Dingen unter dem Einflusse der Natur der Menschen selber stand. Im Grunde genommen etwas ganz anderes war die Teilnahme dieser Dorfgemeindemenschen an der Ausbreitung der christkatholischen Lehre. Alle die Dinge sind in einem falschen Lichte dargestellt worden, wie sie etwa an die Person des Bonifatius angeknüpft werden oder dergleichen. Das aber, was sich in diesen Dorfgemeinden abspielte, das war ein inneres Seelenleben, ganz durchzogen von den Nachklängen der Deutungen des Lokalgöttlichen oder des Lokalgeistigen. Überall sah man Andeutungen von dem oder jenem. Ein zauberisches Leben entwickelte sich in den Menschen. Überall lebte der Mensch ahnungsvoll und erzählte seinen Mitmenschen von seinen Ahnungen. Die Ahnungen lebten sich aus in Sagen oder in geheimnisvollen Andeutungen von dem, was der eine da oder dort geistig erlebt hatte während seiner Arbeit und dergleichen mehr.
[ 16 ] What took place among these vast masses can be imagined something like this: At first, only village communities had actually formed, and all of Central Europe, Western Europe, and even Southern Europe were populated in such a way that cities initially played only a minor role. Life unfolded primarily in small communities, in village communities. And while this life was taking shape in village communities—for what existed as cities at that time were, in essence, merely larger village communities—the Christian Catholic Church spread, as I have described, over the heads of the people in the larger village communities, exerting a suggestive influence on them through religious practice; yet the people who saw only the symbolic acts—those who participated in the religious rituals, who were able to look up to what they did not understand—nevertheless developed a spiritual life of their own. A rich spiritual life developed throughout Europe at that time—a spiritual life that was, above all, shaped by the very nature of human beings themselves. The participation of these villagers in the spread of the Christian-Catholic doctrine was, in essence, something entirely different. All these matters have been portrayed in a false light, such as when they are linked to the person of Boniface or the like. But what unfolded in these village communities was an inner life of the soul, thoroughly permeated by the echoes of interpretations of the local divine or the local spiritual. Everywhere one could see hints of this or that. A magical life developed within the people. Everywhere, people lived with a sense of foreboding and told their fellow human beings about their premonitions. These premonitions found expression in legends or in mysterious allusions to what one person or another had spiritually experienced here and there during their work and the like.
[ 17 ] Aber ein merkwürdiges Element durchzieht diese Überreste des alten Ahnens und hellseherischen Traumlebens, das sich durchaus in den Dorfgemeinden fortpflanzte, während die katholische Lehre über den Köpfen hinüberzog, ein Merkwürdiges lebte sich da aus, aus dem man erkennen kann, wie eigentlich die menschliche Organisation über Europa hin an diesem eigentümlichen Geistesleben beteiligt war. Es lebte sich da etwas aus, das nach zwei Richtungen hin die innere Seelenverfassung in einer ganz besonderen Art zeigt. Erstens, wenn die Leute die wichtigsten ihrer Ahnungen, die wichtigsten ihrer Träume, die aber immer an Lokalitäten anknüpften, aussprachen, wenn sie schilderten, was sie da im halbwachen oder im schlafenden Zustande erlebt hatten, dann hing das immer mit Erlebnissen zusammen, mit Fragen, die ihnen aus der geistigen Welt heraus gestellt wurden, oder auch mit Aufgaben, die ihnen gegeben wurden, oder mit Dingen, wo ihre Klugheit eine Rolle spielte. Man sieht aus der ganzen Art, wie die Erzählungen sind, die auf dem Grunde des Volkes noch im 19. Jahrhundert zu eruieren waren, wie die Menschen, wenn sie ins Sinnen und Träumen kamen und ihre legendenhaften Sagen und ihre mythenhaften Dinge ausbildeten, wie da von den drei Gliedern des Menschen eigentlich noch nicht so stark das Nerven-Sinnessystem wirkte, das mehr der Außenwelt zugekehrt ist, sondern es wirkte das rhythmische System. Und indem das rhythmische System aus der Organisation der Leute heraus besonders angespornt war, entstand in diesen hellseherischen Träumen, die im Dorfe von Mensch zu Mensch erzählt wurden, das, womit sich die Leute Schauer oder auch Freude und Genuß und Schönheit gegenseitig mitteilten. In alledem lebte immer etwas von dem Feineren der Fragestellungen, die aus der geistigen Welt heraus kamen. Die Leute mußten Rätsel lösen im Halbtraume, kluge Handlungen ausführen, mußten etwas überwinden und dergleichen. Immer ist etwas Rätselhaftes da drinnen in diesem Traumesleben, das sich da entwickelte.
[ 17 ] But a curious element pervades these remnants of the ancient ancestral and clairvoyant dream life, which certainly persisted in the village communities while Catholic doctrine swept over their heads; something peculiar unfolded there, from which one can discern how human society across Europe was actually involved in this peculiar spiritual life. Something unfolded there that reveals the inner state of the soul in a very special way in two respects. First, when people expressed their most important premonitions—their most important dreams, which were always tied to specific locations—and described what they had experienced in a half-awake or sleeping state, this was always connected to experiences with questions posed to them from the spiritual world, or with tasks assigned to them, or with situations in which their wisdom played a role. One can see from the very nature of the narratives—which could still be uncovered among the common people as late as the 19th century—how, when people fell into reverie and dreaming and formed their legendary tales and mythical stories, the nervous-sensory system of the threefold human constitution did not yet play such a strong role, which is more oriented toward the external world—but rather the rhythmic system was at work. And because the rhythmic system was particularly stimulated by the people’s constitution, these clairvoyant dreams—which were passed from person to person in the village—gave rise to the means by which people shared with one another thrills, as well as joy, pleasure, and beauty. In all of this, there was always something of the more subtle nature of the questions that came from the spiritual world. People had to solve riddles in a half-dream state, carry out clever actions, overcome obstacles, and so on. There is always something mysterious in this dream life that developed there.
[ 18 ] Das ist die physiologische Grundlage des sich weiter ausdehnenden geistigen Erlebens dieser Menschen, die noch in Dorfgemeinden lebten, in deren Erleben sich allerdings auch hineinerstreckten die Taten, die ihnen die Geschichte erzählt, von Karl dem Großen und anderen. Aber das sind Dinge, die sich ja nur an der Oberfläche des Erlebens abspielen, die allerdings tief eingreifen in die einzelnen Schicksale, die aber nicht die Hauptsache sind. Die Hauptsache spielt sich in Dorfgemeinden ab, und da entwickelte sich neben dem wirtschaftlichen Leben bei den Menschen ein Geistesleben, wie ich das heute andeutete. Und dieses Geistesleben geht im Grunde fort bis ins 9., 10., 11. Jahrhundert. Allerdings fließt allmählich einiges von dem, was sich in den Köpfen der Menschen der Oberschichte entwickelt hat, auch in die Unterschichten hinunter, indem sich zusammengestaltet, was da in gespenstisch-zauberisch anmutender Weise aus den Erzählungen der Menschen herauskommt und zusammenfließt mit dem Christus und den Taten des Christus, und es wird auch zuweilen übertönt, was von den Menschen selber kommt, von dem, was aus der Bibel, aus den Evangelien kommt. Dann aber sehen wir, wie zunächst in das soziale Denken aufgenommen wird, was das christliche Element ist. Wir sehen es am «Heliand» und an anderen Dichtungen, die aus dem Christentum heraus entstanden sind, die aber immer eigentlich von Geistlichen in das Volk hineingetragen werden, während das Volk den Geistlichen entgegenträgt das eigene Geistesleben, von dem ich gesprochen habe.
[ 18 ] This is the physiological basis for the ever-expanding spiritual experience of these people, who were still living in village communities—though their experience also encompassed the deeds recounted to them by history, such as those of Charlemagne and others. But these are things that take place only on the surface of their experience—things that, while deeply affecting individual destinies, are not the main point. The main point unfolds within village communities, where, alongside economic life, a spiritual life developed among the people, as I hinted at today. And this spiritual life essentially continued into the 9th, 10th, 11th centuries. However, some of what developed in the minds of the upper classes gradually trickled down into the lower classes, as what emerged from people’s narratives in a ghostly, magical-seeming way coalesced and merged with Christ and the deeds of Christ, and at times what comes from the people themselves—from the Bible and the Gospels—is drowned out. But then we see how the Christian element is first incorporated into social thought. We see this in the *Heliand* and in other works of literature that arose from Christianity, but which are always, in fact, carried into the people by the clergy, while the people, in turn, convey to the clergy their own spiritual life, of which I have spoken.
[ 19 ] Nun, wenn wir dann ins 10., 11. Jahrhundert kommen, dann allerdings sehen wir das äußere Leben verändert. Wir sehen, wie schon früher, aber in dieser Zeit besonders stark sich das Leben in den Städten konzentriert. Das Leben, das ich geschildert habe, dieses bildhafte wache Träumen, das ist etwas, was durchaus an das Land gebunden ist. Als sich dann so im 9., 10., 11., 12. Jahrhundert allmählich die größeren Städte über das ganze Gebiet, das ich in dieser Weise charakterisiert habe, hinerstreckten, da konzentrierte sich in den Städten auch eine andere Art des Denkens. Die Menschen in den Städten dachten anders. Sie waren entfernt von den Orten, in denen sich die Lokalreligionen entwickelt hatten. Sie waren wiederum mehr auf das Menschliche angewiesen. Allein, dieses Menschliche, das in den Städten sich entwickelte, das war ja dennoch in einer gewissen Weise unter dem Einflusse des eben Geschilderten, denn in den Städten siedelten sich ja gewisse Menschen aus den früheren Dorfgemeinschaften an, und solche, die besondere Geistesanlagen hatten, sie brachten immerhin noch einiges mit. Und was sie mitbrachten, war ein inneres Leben der Persönlichkeit, das einen Nachklang darstellte dessen, was auf dem Lande erlebt wurde, das aber jetzt mehr in einer abstrakten Form zum Vorscheine kam. Die Menschen, die abgeschlossen waren von dem Naturdasein und daher nicht mehr in lebendiger Weise dieses Naturdasein mitmachten, die hatten zwar noch die Gedankenformen aus diesem Naturdasein, aber sie entwickelten schon mehr jene Art des Denkens, die nach und nach auf Intelligenz hinausläuft. In den Städten, zunächst im 11., 12., 13. Jahrhunderte, entwickelten sich vorerst Spuren derjenigen Intelligenz, die wir dann im 15. Jahrhundert bei der tonangebenden europäischen Bevölkerung herauskommen sehen. Aber in den Städten vermischte sich wiederum, weil das Leben abstrakter wurde, in einer innigen Weise das, was da herauswuchs aus dem Volkstum, mit dem abstrakten, in die lateinische Sprache gekleideten Elemente der Kirche.
[ 19 ] Now, when we move on to the 10th and 11th centuries, however, we see that outward life has changed. We see—as we did earlier, but particularly strongly during this period—that life is concentrated in the cities. The way of life I have described—this vivid, waking dream—is something that is thoroughly tied to the countryside. As the larger cities gradually spread across the entire region I have characterized in this way during the 9th, 10th, 11th, and 12th centuries, a different way of thinking also became concentrated in the cities. People in the cities thought differently. They were far removed from the places where local religions had developed. In turn, they were more reliant on what is human. However, this human element that developed in the cities was, in a certain sense, still under the influence of what I have just described, for certain people from the earlier village communities settled in the cities, and those with special intellectual dispositions still brought certain things with them. And what they brought with them was an inner life of the personality that echoed what had been experienced in the countryside, but which now manifested itself in a more abstract form. People who were cut off from life in nature and therefore no longer actively participated in it in a living way still retained the thought forms derived from that natural existence, but they were already developing more of that kind of thinking that gradually leads to intelligence. In the cities—initially in the 11th, 12th, 13th centuries, the first traces of that intelligence began to emerge which we would later see come to the fore among the leading European population in the 15th century. But in the cities, because life had become more abstract, what grew out of the folk culture mingled intimately with the abstract elements of the Church, clothed in the Latin language.
[ 20 ] Und so sehen wir, wie in den Städten sich dieses lateinische Wesen in immer stärkerer und immer abstrakterer Form ausbildete. Wir sehen dann, wie die großen, ich möchte sagen, Explosionen des Volkstums von unten heraufschlagen in den verschiedensten Gegenden. Ein großer, gewaltiger Sturm ist das Eintreten Dantes von dem Volkstume aus, auf dem Umwege durch seinen Lehrer, in die Welt der Bildung hinauf. Aber auch das ist im Grunde genommen etwas, was neben vielen anderen Erscheinungen aus dem Volkstum heraufsteigt, und was nur durch die besondere Art und Weise, wie sich lateinisch-romanische Bildung in den Städten zusammengefunden hat mit dem Volkstum, so wurde, wie es heraufkam.
[ 20 ] And so we see how this Latin character took shape in the cities in an ever stronger and ever more abstract form. We then see how the great—I would say—explosions of folk culture surge up from below in the most diverse regions. A great and mighty storm is Dante’s entry—from folk culture, via a detour through his teacher—into the world of education. But even this, when you get right down to it, is something that arises from folk culture alongside many other phenomena, and it took the form it did only because of the particular way in which Latin-Romance education in the cities came together with folk culture.
[ 21 ] Wir dürfen nun nicht vergessen, daß in dasjenige, was sich da abspielte, noch andere Strömungen hineinkamen. Das ist ja richtig, daf3 die hauptsächlichste Strömung des geistigen Lebens, von der das übrige geistige Leben sozusagen getragen wurde, die Fortsetzung war der Geistesrichtung, in der Augustinus gelehrt hat. Diese beherrschte schließlich alles in den Städten, nicht nur die Bischöfe, . die das geistige Leben, wenn auch in abstrakter Form und über dem Volkstum stehend, doch ihrerseits beherrschten, sondern diese Geistesrichtung, die ja auf ihrem Wege auch alles mitnahm, was aus der Konstitution des Römischen Reiches stammte, beherrschte schließlich auch die Verwaltung. In der Folge bildete sich der Bund heraus zwischen Verwaltungsbeamten und Priesterschaft, die ja im 11. und 12. Jahrhundert besonders mächtig war. Wir sehen, wie andere Ereignisse herausleuchten aus diesem Strome, wie die Kreuzzüge entstehen, die ich Ihnen nicht zu schildern brauche, weil ich ja hauptsächlich auf das Wert legen möchte, was in der äußeren Geschichte verfälscht wird. Aber viel zu wenig gewürdigt werden andere Strömungen, die auch vorhanden waren.
[ 21 ] We must not forget, however, that other currents also influenced what was taking place at that time. It is true, of course, that the principal current of intellectual life—which, so to speak, sustained the rest of intellectual life—was a continuation of the intellectual tradition in which Augustine taught. This ultimately dominated everything in the cities—not only the bishops, who in turn dominated intellectual life, albeit in an abstract form and above the common people—but this intellectual tradition, which in its course also incorporated everything derived from the constitution of the Roman Empire, ultimately came to dominate the administration as well. Consequently, an alliance emerged between administrative officials and the clergy, which was particularly powerful in the 11th and 12th centuries. We see how other events emerge from this current, such as the Crusades, which I need not describe to you, since I wish to focus primarily on what is distorted in external history. But other currents that also existed are far too little appreciated.
[ 22 ] Sehen Sie, da ist zunächst eine Strömung, die eigentlich getragen wird vom Handel, der doch im Grunde genommen immer lebendig war in Europa, zeitweise auch die Donau entlang nach dem Oriente hinüber. Menschen kamen dadurch immer handelnd hin und her, namentlich in der Mitte des Mittelalters. Da wurden orientalische Vorstellungen, allerdings in stark dekadentem Zustande, nach Europa herübergebracht. Und derjenige, der ja vielleicht selber gar nicht im Oriente war, sondern nur mit Leuten vom Oriente gehandelt hatte, der brachte den Leuten nicht nur Spezereien und Gewürze ins Haus, sondern auch geistiges Leben. Das war aber in der Regel etwas, was nuanciert war von dem Orientalischen. Durch ganz Europa ging dieser Zug durch. Er dehnte seine Wirkungen weniger auf diejenigen aus, die in der lateinischen Sprachform die Bildung verbreiteten, weit mehr aber auf alle, die vom Lateinischen nichts verstanden, die unten in den breiten Massen des Volkes waren. In den Städtern und in den draußen gebliebenen Dörflern, da nistete sich ein, was lebendiger Geistverkehr mit dem Oriente war. Und das waren nicht etwa bloß abenteuerliche Erzählungen, die sich da einnisteten, das war ein durchaus die Menschen tief ergreifendes geistiges Leben. Und wollen Sie solche Gestalten, wie später Jakob Böhme, wie Paracelsus, wie zahlreiche andere sind, verstehen, dann müssen Sie darauf Rücksicht nehmen, daß} diese auftauchen noch aus denjenigen Volksmassen, die sich entwickelt hatten ohne das Verständnis für die über die Köpfe hinweggehende lateinische Bildung, die aber durchdrungen wurden in einer gewissen Weise vom Orientalischen. Alles das, was sich da als volkstümliche Alchimie, Astrologie, Deutung des Lebens überhaupt ausgebildet hatte, das war zusammengeflossen aus dem, was ich früher geschildert habe als innere Erlebnisse der Menschen, der Rätsel, die sie erzählten in wachen Träumen, und aus demjenigen, was herübergetragen war an dekadentem orientalischem Geistesleben.
[ 22 ] You see, first there is a current that is actually driven by trade, which has, after all, always been vibrant in Europe—at times even extending along the Danube toward the Orient. As a result, people were constantly traveling back and forth for trade, particularly in the Middle Ages. Oriental ideas—albeit in a highly decadent form—were thus brought over to Europe. And those who perhaps had never even been to the Orient themselves, but had merely traded with people from the Orient, brought not only spices and seasonings into people’s homes, but also intellectual life. As a rule, however, this was something that was nuanced by Oriental influences. This trend swept through all of Europe. Its influence extended less to those who disseminated education through the Latin language and far more to all those who understood nothing of Latin—those among the broad masses of the people. Among the townspeople and the villagers who remained in the countryside, what took root was a living spiritual exchange with the East. And these were not merely adventurous tales that took root there; rather, it was a spiritual life that deeply moved people. And if you wish to understand figures such as Jakob Böhme, Paracelsus, and numerous others who came later, then you must take into account that they emerged from those very masses of people who had developed without an understanding of the Latin education that went over their heads, but who were, in a certain way, permeated by Eastern thought. Everything that had developed there as folk alchemy, astrology, and an interpretation of life in general had coalesced from what I described earlier as people’s inner experiences—the riddles they recounted in waking dreams—and from what had been carried over from a decadent Eastern spiritual life.
[ 23 ] Innerhalb des lateinischen Wesens hatte sich ebensowenig irgend etwas geltend machen können, das denken wollte. Man möchte sagen, wie ein Meteor war die Logik des Aristoteles aufgetreten. Wir sehen noch Augustinus wenig von dieser Logik berührt. Vom Griechischen wendete man sich überhaupt ab mit dem 4. Jahrhundert; und später hat der Kaiser Justinian ja die Philosophenschule in Athen schließen lassen, hat dazu beigetragen, daß Origines, der noch vieles mit in das Christentum gebracht hat, was orientalische Bildung war, was ehemaliges Geistesleben war, unter die Ketzer versetzt worden ist. Und die griechischen Philosophen wurden vertrieben. Was sie von Aristoteles hatten, wurde nach Asien hinüber verschleppt. Die griechischen Philosophen fanden eine Stätte in Persien und führten dort in Asien die Akademie von Gondishapur, welche vor allen Dingen damit beschäftigt war, die alte orientalische, schon in Dekadenz gekommene geistige Kultur mit dem Aristotelismus zu durchdringen, sie in einer ganz neuen Form zu gestalten. Was wiederum durch diese Akademie von Gondishapur, die sich mit riesiger Schnelligkeit in eine logische Gedankenform hineinentwickelte, gerettet worden ist, ist der Aristotelismus; der ist da erst wiederum in seiner eigenen Gestalt erstanden. Die Christen hatten ihn ja nicht fortgepflanzt. In seiner eigenen Gestalt kam er auf dem Umwege durch Afrika, Spanien, Westeuropa in das lateinisch-kirchliche Leben hinein. Und so sehen wir im Westen, namentlich auch von dieser Gondishapur-Strömung, von diesem Arabismus in einer durchaus philosophischen Form, in einer Form, die eine lebendige Weltanschauung trägt, aber eine ganz abstrakte, beeinflußt das, was, wie gesagt, über den Köpfen dahinströmt.
[ 23 ] Within the Latin world, nothing that sought to think had been able to gain a foothold either. One might say that Aristotle’s logic appeared like a meteor. We see that even Augustine was scarcely influenced by this logic. People turned away from Greek thought altogether in the 4th century; and later, Emperor Justinian had the school of philosophy in Athens closed, contributing to the fact that Origen—who had brought much into Christianity that was part of Eastern learning and the intellectual life of the past—was branded a heretic. And the Greek philosophers were driven out. What they had learned from Aristotle was carried over to Asia. The Greek philosophers found a home in Persia and there, in Asia, led the Academy of Gondishapur, which was primarily concerned with infusing the ancient Eastern intellectual culture—which had already fallen into decline—with Aristotelianism, reshaping it into an entirely new form. What was in turn saved by this Academy of Gondishapur—which developed with tremendous speed into a logical form of thought—was Aristotelianism; it was there that it was reborn in its own true form. The Christians, after all, had not carried it forward. In its own true form, it entered Latin ecclesiastical life via a detour through Africa, Spain, and Western Europe. And so we see in the West—particularly through this Gondishapur current, this Arabism in a thoroughly philosophical form, a form that embodies a living worldview, albeit a wholly abstract one—that it influences what, as I said, flows above our heads.
[ 24 ] Ich habe Ihnen die beiden Strömungen nunmehr charakterisiert, die eine, die sich über den Köpfen abspielte, die andere, die sich in den Herzen, in den Seelen abspielte. Die wirkten zusammen, und es ist außerordentlich charakteristisch, daß eine im Absterben begriffene Sprache die Bildung aus dem Altertum fortpflanzt. Allerdings fließt dann hinein, was durch die Renaissance gekommen ist. Aber ich kann ja heute nicht alles darstellen. Im wesentlichen möchte ich mich an einige der Hauptlinien halten, die uns gerade interessieren müssen. Das bestand nebeneinander bis ins 15. Jahrhundert hinein.
[ 24 ] I have now described the two currents: one that played out in the minds, the other that played out in the hearts and souls. These worked together, and it is remarkably characteristic that a language in the process of dying out continues to pass on the cultural heritage of antiquity. Of course, elements that emerged during the Renaissance then flow into it. But I cannot cover everything today. Essentially, I would like to stick to some of the main lines that are of particular interest to us. These coexisted well into the 15th century.
[ 25 ] Dann geschieht etwas, was außerordentlich bedeutsam ist. Man möchte sagen, das, was antiker Gedanke war, ein noch eingegebener Gedanke, ein Gedanke, der halb Vision war, das wurde allmählich in abstrakte Sprachformen gekleidet in demjenigen, was dann als christliche Philosophie entstand, als christliches Geistesleben, als Weltanschauung, durch die Schulen getragen, aus denen weiterhin sogar das Universitätswesen herausgewachsen ist. In diesem Elemente lebte durchaus auf grammatikalisch-rhetorische Weise fort der Romanismus, die Antike. Es lebte fort nicht ein gedankliches Element, sondern das Kleid eines gedanklichen Elementes.
[ 25 ] Then something happens that is extraordinarily significant. One might say that what was once ancient thought—a thought still inspired from within, a thought that was half vision—was gradually clothed in abstract linguistic forms in what then emerged as Christian philosophy, as Christian spiritual life, as a worldview, carried forward by the schools from which the university system itself later developed. In this element, Romanism—antiquity—certainly lived on in a grammatical-rhetorical manner. It was not an element of thought that lived on, but the form in which that element of thought was clothed.
[ 26 ] In dem, was die volkstümliche Strömung war, wurde aber geboren, und zwar zum ersten Male in der ganzen Menschheitsentwickelung, der durch subjektive Aktivität erarbeitete Gedanke. Aus diesem gespenstisch-zauberischen, ahnenden Wesen, vermischt mit Orientalismus, aus diesem Wesen heraus, das namentlich darinnen sich auslebte, daß es Naturtatsachen deutete, wurde der Gedanke geboren, der aktive Gedanke. Und diese Geburt des Gedankens, ich möchte sagen, aus träumerisch-mystischem Wesen heraus, die vollzieht sich darin gegen das 15. Jahrhundert hin. Aber bis dahin ist schon etwas anderes erstarkt, das sich nun neben dem römischen Priesterwesen in lateinische Bildung gekleidet hat, nämlich das römisch-juristische Wesen.
[ 26 ] It was within what constituted the folk movement, however, that the idea—forged through subjective activity—was born for the very first time in the entire history of human development. From this ghostly, magical, intuitive essence—intermingled with Orientalism—from this essence, which expressed itself particularly in the interpretation of natural phenomena, thought was born: active thought. And this birth of thought—I would say, from a dreamlike, mystical essence—took place around the 15th century. But by then, something else had already gained strength—something that had now, alongside the Roman priesthood, clothed itself in Latin learning, namely the Roman-juridical essence.
[ 27 ] In einer ganz besonders gut ausgebildeten Methode hat sich dasjenige, was als Strömung über die Köpfe der Menschen gegangen ist, überall ausbreiten können, zuerst in den Dorfgemeinden, dann in den Städten, und jetzt verbündete es sich in dem neu angebrochenen Zeitalter nach dem 15. Jahrhundert mit einer ganz andersartigen Strömung, die jetzt entstand. Städte waren bereits entstanden. In den Städten war man stolz auf die Individualität, auf die Freiheit. Man sieht das den Porträtbildern an, die aus dieser Zeit geblieben sind, und an vielem anderem. Aber die Dorfgemeinden sind draußen geblieben. Das Territorialfürstentum macht sich geltend. Diejenigen, die in den Dörfern draußen allmählich in Opposition gegen die Städte gekommen sind, die fanden in den Menschen, die sich ihrer gegen die Städte annehmen wollten oder anzunehmen vorgaben, ihre Führer. Und vom Lande herein, vom Dorf herein wurden die Städte in größere Gefüge, in größere Administrationsgefüge eingegliedert, in die hineinkam dann das römisch-juristische Wesen. Es entstand der moderne Staat, dieser moderne Staat, der von den Landgemeinden herein gebildet worden ist, indem das, was von dem Land aus wiederum die Städte eroberte, durchzogen worden ist von dem, was jetzt auf dem Boden des Lateinischen als römisch-Juristisches Wesen heraufkam. Nun war dieses Element schon so stark, daß keine Geltung mehr haben konnte, was jetzt noch aus der volkstümlichen Strömung an die Oberfläche wollte, was in den aufgerüttelten Zeiten, wie man es nannte, unter der Landbevölkerung zum Beispiel Englands und Böhmens auftauchte, was im Hussitismus, im Wycliffismus, was in der böhmischen Brüderschaft auftauchte. Das alles konnte nicht aufkommen. Es konnte nur aufkommen dasjenige Wesen, das eben zusammenfloß mit dem römischen Wesen, mit dem römischadministrativen Wesen.
[ 27 ] Through a particularly well-developed method, what had swept over people’s minds as a movement was able to spread everywhere—first in the village communities, then in the cities—and now, in the new era that dawned after the 15th century, it joined forces with a completely different movement that was just emerging. Cities had already emerged. In the cities, people took pride in individuality and freedom. This is evident in the portraits that have survived from this period, as well as in many other things. But the village communities remained on the outside. The territorial principalities asserted their authority. Those in the villages on the outskirts who gradually came into opposition to the cities found their leaders in the people who sought to take their side against the cities—or who pretended to do so. And from the countryside, from the villages, the cities were incorporated into larger structures, into larger administrative frameworks, into which the Roman legal system then found its way. The modern state emerged—this modern state, which was formed from within the rural communities—as that which, originating in the countryside, in turn conquered the cities, was permeated by what was now emerging on the basis of Latin as the Roman-legal essence. By then, this element was already so strong that nothing that still sought to rise to the surface from the folk current could gain any traction—nothing that emerged during the “turbulent times,” as they were called, among the rural populations of, for example, England and Bohemia; nothing that appeared in Hussitism, Wycliffism, or the Bohemian Brotherhood. None of that could take hold. The only essence that could emerge was the one that converged with the Roman essence, with the Roman administrative essence.
[ 28 ] Und so sehen wir, wie zunächst glimmend blieb unter der Oberfläche, was volkstümliches Element ist, was sich den Gedanken eigentlich als Realität eroberte, was sich wie im Widerstande geltend machte gegen das römisch-lateinische Wesen. Man sieht, wie das Geistesleben da von zwei Seiten aufeinanderplatzt. Aus dem römisch-lateinischen Wesen entwickelt sich der Nominalismus, für den allgemeine Begriffe nur Namen sind, wie man aus der Grammatik und Rhetorik heraus denken mußte. Wie man da nur zum Nominalismus kommen konnte, so entwickelte sich bei denen, die doch einen Funken Volkstum in sich hatten, wie Albertus Magnus und Thomas von Aquino, ein Realismus, der das gedankliche Element wie etwas ausgesprochen Reales empfand. Aber zunächst siegte in einer gewissen Weise der Nominalismus. In der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit ist ja alles in einer gewissen Beziehung auch notwendig, und wir sehen, daß das abstrakte Element um so abstrakter geworden ist, als es durch das tote Element des Lateinischen heraufgetragen worden ist bis in das 15., 16. Jahrhundert, daß das sich zwar dann befruchten läßt von dem, was als Gedanken geboren worden ist, daf} es rechnet mit der Geburt des Gedankens, daß es aber den Gedanken kleidet in abstrakte Formeln, in Abstraktionen. Und unter diesem Einflusse stehen zunächst die folgenden Jahrhunderte, das 15., 16., 17., 18. Jahrhundert, unter dem Einflusse nämlich des aus dem uralten, gotisch-germanischen Wesen heraus geborenen Gedankens, der aber gekleidet war in römische logische Formeln, eigentlich grammatisch-rhetorische Formeln, die sich aber jetzt, nachdem sie vom Gedanken befruchtet worden waren, logische Formeln nennen konnten. Das wurde jetzt innerliches menschliches Denken. Mit diesem Denken dachte man nun zunächst, aber es hatte an sich selber keinen Inhalt. Alle alten Weltanschauungen brachten zu dem, was innerlich erlebt wurde, zugleich Weltengeheimnisse in ihrem Inhalt mit. Sogar die Gedanken waren noch inhaltsvolle bis zum 4. nachchristlichen Jahrhundert.
[ 28 ] And so we see how, at first, what constituted the folk element—what actually established itself in thought as reality, what asserted itself as if in resistance against the Roman-Latin essence—continued to smolder beneath the surface. One sees how intellectual life there bursts forth from two sides. From the Roman-Latin essence, nominalism developed—a view in which general concepts are merely names, as one was compelled to conclude from grammar and rhetoric. Just as one could not help but arrive at nominalism in this context, so too did a form of realism develop among those who nevertheless possessed a spark of folk spirit within them—such as Albertus Magnus and Thomas Aquinas—a realism that perceived the intellectual element as something distinctly real. But at first, nominalism prevailed in a certain sense. In the historical development of humanity, everything is, in a certain sense, also necessary, and we see that the abstract element became all the more abstract as it was carried forward by the dead element of Latin into the 15th, 16th centuries—that it can indeed be enriched by what was born as thought, since it takes into account the birth of thought, but that it clothes thought in abstract formulas, in abstractions. And the following centuries—the 15th, 16th, 17th, 18th centuries—namely, under the influence of thought born of the ancient, Gothic-Germanic essence, which was, however, clothed in Roman logical formulas—actually grammatical-rhetorical formulas—which, now that they had been fertilized by thought, could call themselves logical formulas. This became inner human thinking. People initially thought with this kind of thinking, but it had no content of its own. All ancient worldviews brought with them, along with what was experienced inwardly, the mysteries of the world as part of their content. Even the thoughts themselves were still rich in content up until the 4th century A.D.
[ 29 ] Dann kam die Zeit, die gewissermaßen das Spätere im Schoße trug, in der sich in einer toten Sprache immer mehr und mehr das entwickelte, was schon im Ausgangspunkte, in Rhetorik und Grammatik, höchstens in Dialektik gegeben war. Das entwickelte sich, das wurde dann befruchtet von der Gedankenkraft, die von unten heraufkam, und das ist es, dessen sich der Mensch nun zunächst bemächtigte, das aber durch sich selber jetzt keinen Inhalt hatte. Man tradierte sozusagen den Realismus, meinte aber den Nominalismus und glaubte an den Nominalismus, und mit diesem Nominalismus eroberte man sich zunächst die Natur.
[ 29 ] Then came the era that, in a sense, carried the future within it—an era in which, within a dead language, what had already been present at the very beginning—in rhetoric and grammar, and at most in dialectics—developed more and more. This developed, and it was then fertilized by the power of thought that arose from below; and this is what humanity first took hold of, though it had no content in and of itself. One passed down, so to speak, realism, but meant nominalism and believed in nominalism, and with this nominalism one first conquered nature.
[ 30 ] Durch das, was das eigentliche Europa auf die geschilderte Weise hat hervorbringen können, war der Gedanke als solcher, als inneres Seelenleben, als Denkkraft geboren, brachte aber seinerseits auch keinen Inhalt mit. Es muß dieser Inhalt außen gesucht werden. Mit diesem inhaltsleeren Denken eroberte man sich vom 15. Jahrhunderte an die Natur, die äußere Naturgesetzlichkeit. Aber in der Mitte des 19. Jahrhunderts, da fing man an, gewahr zu werden: Ja, mit deinem Denken eroberst du dir dasjenige, was Naturgesetze sind, das, was außer dir ist, aber das Denken selber, das darf nicht aus sich zu irgend etwas kommen. — Und so lebte man sich allmählich in die Stimmung hinein, die alles aus dem Denken aussonderte, was nicht von außen aufgenommen wurde. Andererseits lebte man sich in den religiösen Glauben hinein, der nichts zu tun haben sollte mit wissenschaftlicher Erkenntnis, weil das leer gewordene Denken sich nur mit den äußeren Naturtatsachen und Wesenheiten erfüllen durfte. Der Glaube mußte geschützt sein in seinem Inhalte, weil er sich auf das Übersinnliche beziehen sollte. Dieses leere Denken, das konnte sich aber eben deshalb auf das Sinnliche beziehen, weil es selber keinen Inhalt hervorbrachte. Der Glaube wiederum konnte sich nur anfüllen mit den alten Traditionen, mit dem Inhalte der vergangenen orientalischen Kultur, die sich fortpflanzte.
[ 30 ] Through what “true Europe” was able to bring forth in the manner described, the idea as such—as an inner spiritual life, as a power of thought—was born; yet it, in turn, brought no content of its own. This content must be sought externally. With this content-empty thinking, people began to master nature—the external laws of nature—from the 15th century onward. But in the middle of the 19th century, people began to realize: Yes, with your thinking you master what the laws of nature are, that which is outside of you, but thinking itself cannot arise from within itself. — And so people gradually immersed themselves in a mindset that excluded from thought everything that was not absorbed from the outside. On the other hand, they immersed themselves in religious faith, which was supposed to have nothing to do with scientific knowledge, because thought—having become empty—was allowed to be filled only with external natural facts and entities. Faith had to be protected in its content, because it was meant to relate to the supersensible. This empty thinking, however, could relate to the sensible precisely because it produced no content of its own. Faith, in turn, could only be filled with the old traditions, with the content of past Eastern culture, which continued to be transmitted.
[ 31 ] Ebenso war es mit der Kunst. In den älteren Zeiten sieht man Kunst innig verwandt mit der Religion; es leben sich die religiösen Vorstellungen in den Kunstwerken aus. Man sehe, wie die Vorstellungen von den griechischen Göttern sich in den griechischen Dramatikern und Plastikern ausleben. Die Kunst ist etwas, was im ganzen Gefüge der Weltanschauung, des Geisteslebens drinnensteht. Die Renaissance faßt die Kunst schon als ein Äußerliches auf.
[ 31 ] The same was true of art. In earlier times, art was closely intertwined with religion; religious ideas found expression in works of art. Consider how the ideas about the Greek gods found expression in the works of Greek playwrights and sculptors. Art is something that lies at the very heart of the entire structure of worldview and spiritual life. The Renaissance, however, already conceives of art as something external.
[ 32 ] Im 19. Jahrhundert sehen wir immer mehr und mehr, wie die Menschen froh sind, wenn ihnen in der Kunst auch mal etwas geboten wird, das bloße Phantasie ist, an das sie nicht wie an der Realität festzuhalten haben, etwas, das sie auf keine Wirklichkeit verweist. Wie einzelne moderne Einsiedler, möchte ich sagen, stehen dann solche Menschen da wie Goethe, der da sagt: «Wem die Natur ihr offenbares Geheimnis zu enthüllen anfängt, der empfindet eine unwiderstehliche Sehnsucht nach ihrer würdigsten Auslegerin, der Kunst.» «Das Schöne», sagt Goethe, «ist eine Manifestation geheimer Naturgesetze, die uns ohne dessen Erscheinung ewig wären verborgen geblieben.» Und merkwürdig ist es, wie Goethe in anderer Art als die anderen in die Vergangenheit zurück will, um zu einem Inhalte zu kommen in der Zeit des leeren, sich nur mit der äußeren Sinneswelt anfüllenden Verstandes. Er sehnt sich zurück nach Griechenland, nach der griechischen Welt. Und als er in Rom einen Nachklang empfindet von dem, was die griechische Kunst noch aus der ganzen Tiefe der Weltanschauung heraus geleistet hatte, da schrieb er die Worte nieder: «Da ist die Notwendigkeit, da ist Gott.» — Aus der Kunst heraus enthüllte sich für ihn, was er als die Geistigkeit der Welt empfinden wollte.
[ 32 ] In the 19th century, we see more and more how happy people are when art occasionally offers them something that is pure fantasy—something they do not have to cling to as they would to reality, something that does not refer to any reality. Like individual modern hermits, I might say, there stand people such as Goethe, who says: “To whom nature begins to reveal her manifest secret, there arises an irresistible longing for her most worthy interpreter, art.” “Beauty,” says Goethe, “is a manifestation of secret laws of nature that would have remained eternally hidden from us were it not for its appearance.” And it is remarkable how Goethe, in a different way than the others, seeks to return to the past in order to find substance in an age of the empty mind, which fills itself only with the external sensory world. He longs to return to Greece, to the Greek world. And when, in Rome, he sensed an echo of what Greek art had achieved from the very depths of its worldview, he wrote down the words: “There is necessity; there is God.” — Through art, what he sought to perceive as the spirituality of the world was revealed to him.
[ 33 ] Aber immer mehr und mehr bekam man doch die dunkle, unbestimmte Empfindung: Dieses Denken, das man hat, das ist geeignet für die Außenwelt, aber es ist nicht dafür geeignet, aus sich selbst zu einem inneren geistigen Inhalte zu kommen. Und so sehen wir denn die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts ablaufen. Ich möchte sagen, wie wir gestern andeuten konnten: Die Geister der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts — man braucht nur auf Flegel oder SaintSimon oder selbst Spencer hinzublicken —, die glaubten noch aus demjenigen, was sie seelisch erleben konnten, etwas herausholen zu können als Weltanschauung oder auch als soziale Lebensanschauung. Das vermeinten die Menschen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht mehr. Aber es wirkte etwas nach von dem, was aus dem Unbewußten heraus den Gedanken geboren hatte. Warum hat in den ahnenden Träumen der Dorfbewohner über ganz Europa bis ins 12. Jahrhundert hin etwas gewirkt von innerem Rätsellösen, von innerer Klugheit, die angewendet worden ist auf Erlebnisse an allerlei verschmitzten Rätselfragen? Weil sich in dieser Zeit der Gedanke, das Nachdenken, das denkende Arbeiten gebar. Das wurde damals angebahnt. Und jetzt sehen wir, wie man in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zuletzt ganz verzweifelt am Denken. Wir sehen überall die Deklamationen über die Grenzen des Naturerkennens auftauchen. Und mit derselben Starrheit und Dogmatik, mit der einst die Scholastiker davon geredet haben, daß die Vernunft nicht hineinkommen könne in das Übersinnliche, so sprach zum Beispiel Da Bois-Reymond davon, daß die wissenschaftliche Forschung nicht zum Wesen der Materie und des Bewußtseins vordringen könne. Ich möchte sagen, früher hat sich die Art der Grenzfestsetzung auf das Übersinnliche bezogen, jetzt bezog sie sich auf das, was hinter dem Sinnlichen stecken sollte. Aber auf allen möglichen anderen Gebieten sehen wir dieselbe Erscheinung auftreten.
[ 33 ] But more and more, one began to have this vague, indefinable feeling: this way of thinking that we have is suited to the external world, but it is not suited to arriving at an inner spiritual content on its own. And so we see the second half of the 19th century come to a close. I would like to say, as we hinted at yesterday: The thinkers of the first half of the 19th century—one need only look to Flegel, Saint-Simon, or even Spencer—still believed they could draw something from what they could experience psychologically, whether as a worldview or as a social philosophy of life. People in the second half of the 19th century no longer believed this. But there was a lingering effect of what had given birth to thought from the unconscious. Why did something—a sense of inner puzzle-solving, of inner wisdom applied to experiences involving all manner of mischievous riddles—resonate in the intuitive dreams of villagers across all of Europe all the way back to the 12th century? Because it was during this time that thought, reflection, and intellectual work were born. That was the beginning of it all. And now we see how, in the second half of the 19th century, people ultimately despaired of thinking. Everywhere we see declarations emerging about the limits of scientific knowledge. And with the same rigidity and dogmatism with which the Scholastics once argued that reason could not penetrate the supersensible, Da Bois-Reymond, for example, asserted that scientific research could not penetrate to the essence of matter and consciousness. I would say that in the past, the way limits were set referred to the supernatural; now it refers to what is supposed to lie beyond the sensible. But in all sorts of other fields, we see the same phenomenon occurring.
[ 34 ] Ranke, der Geschichtsschreiber in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, ist ja in dieser Weise besonders charakteristisch. Er drückt sich einmal so aus, daß er sagt: Die Geschichte hat zu erforschen die äußeren Ereignisse, auch in derjenigen Zeit, in der sich das Christentum auszubreiten beginnt. Man hat auf dasjenige zu sehen, was sich da im Äußeren an politischen, an sozialen Ereignissen und an Ereignissen des äußeren Kulturlebens abspielt. Dasjenige aber, was sich davor im Verlauf der Menschheitsentwickelung durch Christus abgespielt hat, das rechnet Ranke zu der Urwelt, nicht im zeitlichen Sinne, sondern zu der Welt, die hinter dem Erforschbaren steht. Wir sehen, der Naturforscher Du Bois-Reymond sagt Ignorabimus gegenüber Materie und Bewußtsein. Die Naturforschung kann in die Weite gehen; aber was da ist, wo Materie spukt, was da ist, wo Bewußtsein entsteht, da setzt Du Bois-Reymond seine sieben Welträtsel hin, da spricht er sein Ignorabimus. Und derjenige, der aus demselben Geiste heraus als Historiker wirkt, Leopold von Ranke, der sagt: In alles das, was an Dokumenten existiere und erreichbar sei, könne historische Forschung hineinleuchten, aber hinter dem, was da als äußere historische Tatsache wirkt, stehen solche Ereignisse, die wie die Urwelt erscheinen. — Was dem Historischen so zugrunde liegt wie für Du Bois-Reymond dasjenige, was jenseits der Grenzen des Naturerkennens liegt, das nennt Ranke die Urwelt. Da drinnen liegen die Christus-Geheimnisse, da liegen die Religionsgeheimnisse aller Völker. Da sagt der Historiker Ignorabimus. Ignorabimus der Naturforscher, Ignorabimus der Historiker, das ist die Stimmung des ganzen geistigen Lebens der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
[ 34 ] Ranke, the historian of the second half of the 19th century, is particularly representative of this approach. He once put it this way: History must investigate external events, even during the period when Christianity began to spread. One must look at what is taking place outwardly in terms of political and social events and events of external cultural life. But what took place prior to that in the course of human development through Christ, Ranke attributes to the primordial world—not in a temporal sense, but to the world that lies beyond what can be investigated. We see that the natural scientist Du Bois-Reymond declares “Ignorabimus” in regard to matter and consciousness. Natural science can reach far and wide; but where matter haunts, where consciousness arises—there Du Bois-Reymond places his seven world mysteries; there he utters his “Ignorabimus.” And the one who, in the same spirit, works as a historian—Leopold von Ranke—says: Historical research can shed light on everything that exists in documents and is accessible, but behind what appears as external historical fact lie events that seem like the primordial world. — What lies at the very foundation of history—just as, for Du Bois-Reymond, it is that which lies beyond the limits of scientific knowledge—Ranke calls the primordial world. Therein lie the mysteries of Christ; therein lie the religious mysteries of all peoples. There the historian says, “Ignorabimus.” “Ignorabimus” of the natural scientist, “Ignorabimus” of the historian—that is the mood of the entire intellectual life of the second half of the 19th century.
[ 35 ] Sehen Sie überall hin, wo Sie dieses geistige Leben wahrnehmen, bis in die Wagnersche Musik hinein, bis in Nietzsches Priestertum, überall erscheint diese Stimmung. Der eine glaubt sich in gewisse musikalische Träume hinein flüchten zu müssen, der andere leidet an demjenigen, was sich da abspielt in der Ignorabimuswelt. Der Agnostizismus wird tonangebend, der Agnostizismus wird Politik, wird staatsgestaltend. Und wenn da einer etwas Positives machen will, stützt er sich nicht auf irgendeinen Gnostizismus, sondern auf den Agnostizismus. Der Marxismus stützt sich, sagte ich schon gestern, wie ein Stratege auf dasjenige, was er an Instinkten vorfindet, nicht auf das, was er an Überirdischem hereinbringen will. Wir sehen, wie überall die Geistigkeit zurückgedrängt wird, wie der Agnostizismus Wirklichkeiten gestaltend wird.
[ 35 ] Look wherever you perceive this spiritual life—even in Wagner’s music, even in Nietzsche’s concept of the priesthood—this mood appears everywhere. One person feels compelled to take refuge in certain musical dreams, while another suffers from what is unfolding in the “Ignorabimus” world. Agnosticism sets the tone; agnosticism becomes politics, shapes the state. And if someone wants to do something positive there, they do not rely on any form of gnosticism, but on agnosticism. Marxism, as I said yesterday, relies—like a strategist—on whatever instincts it finds, not on whatever supernatural elements it seeks to introduce. We see how spirituality is being pushed back everywhere, how agnosticism is shaping reality.
[ 36 ] So muß man verstehen das neuzeitliche Geistesleben. Man wird es nur im richtigen Sinne deuten, wenn man es herleitet aus seiner Entstehung von dem 4. nachchristlichen Jahrhundert her, wenn man weiß, da kommt die Form herauf, das, was dann später als Nominalismus lebt, was als blofßes juristisches und logisches Formenwesen heraufkommt, und der Gedanke wird geboren auf die Art, wie ich es gezeigt habe. Dieser Gedanke ist aber noch immer im Grunde genommen nur so weit geboren, als ihn der Formalismus, als ihn das leere Denken gebrauchen kann. Er schlummert in den Untergründen der zivilisierten Menschheit. Er muß auf die Höhe herauf.
[ 36 ] This is how one must understand modern intellectual life. One can interpret it correctly only if one traces it back to its origins in the 4th century A.D., if one knows that this is where the form emerges—what later came to be known as nominalism, which arose as a mere legal and logical system of forms—and the idea is born in the manner I have demonstrated. But this idea is, in essence, still only as fully developed as formalism—as empty thinking—can utilize it. It slumbers in the depths of civilized humanity. It must rise to the surface.
[ 37 ] Das ist es, was uns eine wirkliche Geschichtsbetrachtung lehrt, wenn wir mit dem Lichte der Geistesforschung in das hineinleuchten, was seit dem 4. Jahrhunderte bis zu unserer Gegenwart der Menschheit vorgeschwebt hat. Da können wir wissen, was obenauf ist. Allerdings ist der Gedanke fruchtbar geworden in der Naturwissenschaft, weil er befruchtet worden ist als der aus der Gedankenkraft der Menschennatur auf die geschilderte Weise herausgeborene Gedanke. Aber jetzt in der Zeit des Elendes, in der Zeit der Not muß die Menschheit sich erinnern, daß der Gedanke, der zunächst nur befruchten durfte den Formalismus, der nur befruchten durfte als Kraft das leere Denken, das von außen die Naturerkenntnis aufnimmt, dieser Gedanke, der ausgemündet ist in den naturwissenschaftlichen, in den historischen Agnostizismus, dieser Gedanke muß sich in sich selbst erkraften, muß wiederum zum Schauen werden, muß sich in übersinnliche Welten erheben. Daß dieser Gedanke da ist, daß dieser Gedanke schon geschaffen hat an dem naturwissenschaftlichen Erkennen, daß aber seine eigentliche Kraft noch tief unten im Bewußtsein der Menschheitsentwickelung liegt, das muß man als historisches Faktum erkennen, dann wird man Vertrauen fassen zu der inneren Kraft der Geistigkeit, dann wird man sich zur Geistigkeit hinwenden; dann wird man nicht aus nebuloser Mystik, sondern aus der Klarheit des Gedankens eine Geisteswissenschaft begründen, die auch im Gedanken tätig sein kann, die in die sozialen, in die sonstigen menschlichen Institutionen hineinwirken kann. Man sagt immerzu, die Geschichte soll Lehrmeisterin werden. Nicht dadurch kann sie Lehrmeisterin werden, daß sie uns das alte Vergangene vor Augen führt, sondern daß sie uns befähigt, aus den Untergründen des Daseins Neues herauszufinden. Nach einem solchen Neuen sucht, nach einem solchen Schauen sucht dasjenige, was von dieser Stätte ausgehen will. Und das kann sich rechtfertigen nicht nur aus dem Verkünden der geisteswissenschaftlichen Methode, sondern auch aus einer richtigen historischen Betrachtungsweise.
[ 37 ] This is what a true historical perspective teaches us when we shed light, through spiritual research, on what has been floating before humanity’s eyes from the 4th century to the present day. Then we can know what lies at the top. Admittedly, this idea has borne fruit in the natural sciences because it has been fertilized as the idea born of the power of thought inherent in human nature in the manner described. But now, in this time of misery, in this time of need, humanity must remember that the idea—which at first was allowed only to fertilize formalism, which was allowed only to act as a force for empty thinking that passively absorbs knowledge of nature from the outside—this idea, which has culminated in scientific and historical agnosticism, must draw strength from within itself, must once again become vision, must rise into supersensible worlds. That this idea exists, that this idea has already contributed to scientific knowledge, but that its true power still lies deep within the consciousness of human evolution—this must be recognized as a historical fact; then one will gain confidence in the inner power of spirituality, then one will turn toward spirituality; then one will establish a spiritual science not out of nebulous mysticism but out of the clarity of thought—a science that can also be active in thought and that can influence social and other human institutions. People are always saying that history should be our teacher. It cannot become our teacher by simply presenting the past to us, but rather by enabling us to discover something new from the depths of existence. That which seeks to emerge from this place is searching for such newness, for such insight. And this can be justified not only by proclaiming the spiritual scientific method, but also by a proper historical perspective.
[ 38 ] Mit einigen Linien wollte ich das zunächst andeuten. Ich hoffe, daß diese Dinge später genauer ausgeführt werden können. Die Naturwissenschaft und die weltgeschichtliche Entwickelung der Menschheit seit dem Altertum
[ 38 ] I wanted to touch on this briefly at first. I hope that these points can be elaborated on in more detail later. The natural sciences and the development of human history since antiquity
