Natural Science
and the Historical Development of Humanity
since Ancient Times
GA 325
23 May 1921, Dornach
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Die Naturwissenschaft
5. Die Naturwissenschaft und die weltgeschichtliche Entwickelung der Menschheit seit dem Altertum III
5. Die Naturwissenschaft und die weltgeschichtliche Entwickelung der Menschheit seit dem Altertum III
[ 1 ] Wenn man die Hineinfügung naturwissenschaftlicher Weltanschauung in die Geistesverfassung der Gegenwart verständnisvoll durchdringen will, dann muß man zu Hilfe nehmen, was sich aus der Entwickelungsgeschichte der Menschheit ergibt. Aber man muß dann diese Entwickelungsgeschichte in einem solchen Stile betrachten, wie es in diesem Vortrage hier versucht wird. Und darinnen soll ja unsere Betrachtung gipfeln, diese Einfügung naturwissenschaftlicher Denkweise in die menschliche Geistesverfassung zu durchdringen.
[ 1 ] Wenn man die Hineinfügung naturwissenschaftlicher Weltanschauung in die Geistesverfassung der Gegenwart verständnisvoll durchdringen will, dann muß man zu Hilfe nehmen, was sich aus der Entwickelungsgeschichte der Menschheit ergibt. Aber man muß dann diese Entwickelungsgeschichte in einem solchen Stile betrachten, wie es in diesem Vortrage hier versucht wird. Und darinnen soll ja unsere Betrachtung gipfeln, diese Einfügung naturwissenschaftlicher Denkweise in die menschliche Geistesverfassung zu durchdringen.
[ 2 ] Wir haben gesehen, daß sich in aufeinanderfolgenden Zeitepochen auch die ganze innere Seelenverfassung der Menschen metamorphosiert hat, und es wird uns nun noch obliegen, etwas genauer auf die Seelenverfassung in jenem Wendepunkte der Menschheitszivilisation einzugehen, der durch das Heraufkommen des Christentums gekennzeichnet ist.
[ 2 ] Wir haben gesehen, daß sich in aufeinanderfolgenden Zeitepochen auch die ganze innere Seelenverfassung der Menschen metamorphosiert hat, und es wird uns nun noch obliegen, etwas genauer auf die Seelenverfassung in jenem Wendepunkte der Menschheitszivilisation einzugehen, der durch das Heraufkommen des Christentums gekennzeichnet ist.
[ 3 ] Wenn man namentlich diejenige Seelenverfassung studieren will, welche sich in den chaldäischen, in den ägyptischen Völkern auslebte, so kann das gegenwärtig, wie ich ja schon angedeutet habe, auf keinem anderen Wege geschehen als dadurch, daß man aufrückt in der Seele zu der imaginativen Anschauung, zur inspirierten Anschauung und so weiter. Zu dieser imaginativen Anschauung, ich habe sie ja nach verschiedenen Seiten hin auch an diesen Abenden charakterisiert, muß ich nur das Folgende noch sagen: Wenn der Mensch ganz bewußt zum Zustande der imaginativen Erkenntnis aufsteigt, also in einem Bilderbewußtsein lebt, das ihm Bilder geistiger Wirklichkeiten vor die Seele führt, dann verwandelt sich auch seine ganze Innenschau. Die ganze Anschauung seiner selbst wird eine andere, und auch die Anschauung der ihn umgebenden Außenwelt wird für den Menschen zunächst eine andere. Die Innenschau, sie wird so, daß man nicht etwa zunächst durch das imaginative Vorstellen zu einem seelischeren Inhalt vorrückt, wenn man unter Seelischem das versteht, was man aus der gewöhnlichen Lebenserfahrung kennt. Man könnte sagen: Unter dem Einfluß des imaginativen Vorstellens verwandelt die Innenschau das, was im wachen bewußten Menschen ist, eigentlich in ein Konkreteres, als sonst das Seelische ist, in ein, man möchte sogar sagen, in ein Materielleres. Das ist ja das Eigentümliche, daß nicht jene mystische Nebulosität herauskommt, welche manche vermuten, wenn sie von Innenschau reden hören, daß auch nicht das herauskommt, was die phantastischen Gebilde sind eines, sagen wir, göttlich durchleuchteten Menscheninneren im gewöhnlichen Sinne mancher Mystiker. Sondern durch die wahre Innenschau rückt der Mensch dazu vor, heranzukommen gerade an seinen Organismus, an seine Organisation, wobei er kennenlernt, welche tiefe Bedeutung die einzelnen Organe seines Organismus haben. Er lernt erkennen, welche Rolle im Organismus das Herz, die Lunge und sonstige Organe spielen, er lernt also gerade dasjenige erkennen, was der nebulose Mystiker nicht sucht, was er für ein niedriges Materielles hält. Er gelangt also zu einer wahren Durchsichtigkeit seines eigenen Organismus, indem er zur imaginativen Erkenntnis vorrückt.
[ 3 ] Wenn man namentlich diejenige Seelenverfassung studieren will, welche sich in den chaldäischen, in den ägyptischen Völkern auslebte, so kann das gegenwärtig, wie ich ja schon angedeutet habe, auf keinem anderen Wege geschehen als dadurch, daß man aufrückt in der Seele zu der imaginativen Anschauung, zur inspirierten Anschauung und so weiter. Zu dieser imaginativen Anschauung, ich habe sie ja nach verschiedenen Seiten hin auch an diesen Abenden charakterisiert, muß ich nur das Folgende noch sagen: Wenn der Mensch ganz bewußt zum Zustande der imaginativen Erkenntnis aufsteigt, also in einem Bilderbewußtsein lebt, das ihm Bilder geistiger Wirklichkeiten vor die Seele führt, dann verwandelt sich auch seine ganze Innenschau. Die ganze Anschauung seiner selbst wird eine andere, und auch die Anschauung der ihn umgebenden Außenwelt wird für den Menschen zunächst eine andere. Die Innenschau, sie wird so, daß man nicht etwa zunächst durch das imaginative Vorstellen zu einem seelischeren Inhalt vorrückt, wenn man unter Seelischem das versteht, was man aus der gewöhnlichen Lebenserfahrung kennt. Man könnte sagen: Unter dem Einfluß des imaginativen Vorstellens verwandelt die Innenschau das, was im wachen bewußten Menschen ist, eigentlich in ein Konkreteres, als sonst das Seelische ist, in ein, man möchte sogar sagen, in ein Materielleres. Das ist ja das Eigentümliche, daß nicht jene mystische Nebulosität herauskommt, welche manche vermuten, wenn sie von Innenschau reden hören, daß auch nicht das herauskommt, was die phantastischen Gebilde sind eines, sagen wir, göttlich durchleuchteten Menscheninneren im gewöhnlichen Sinne mancher Mystiker. Sondern durch die wahre Innenschau rückt der Mensch dazu vor, heranzukommen gerade an seinen Organismus, an seine Organisation, wobei er kennenlernt, welche tiefe Bedeutung die einzelnen Organe seines Organismus haben. Er lernt erkennen, welche Rolle im Organismus das Herz, die Lunge und sonstige Organe spielen, er lernt also gerade dasjenige erkennen, was der nebulose Mystiker nicht sucht, was er für ein niedriges Materielles hält. Er gelangt also zu einer wahren Durchsichtigkeit seines eigenen Organismus, indem er zur imaginativen Erkenntnis vorrückt.
[ 4 ] Wer dann zur inspirierten Erkenntnis kommt, der gelangt dazu, einzusehen, daß, was er da auf dem Wege der Imagination als etwas, man möchte schon sagen, Materielleres kennengelernt hat, als das Abstrakte ist, das man gewöhnlich als seelischen Inhalt hat, wenn man von der äußeren, scheinbar sinnenfälligen Vererbungsströmung spricht, die in Wirklichkeit aus dem tieferliegenden Geistigen heraus geboren ist, daß also das, was im einzelnen den Menschen organisiert, aus dem Geistigen heraus geboren ist. Man lernt damit eine außerordentlich bedeutsame Tatsache erkennen. Im Grunde genommen kann man den physischen Menschen als Ganzes, wie man ihn vor sich hat, verstehen als ein Wesen, das durchgegangen sein mußte durch die Vorfahren, durch die Vererbungsströmung. Bleibt man aber bei dieser äußeren naturwissenschaftlichen Anschauung stehen, die alles zurückführen will auf Vererbung, so kommt man nicht zum Verständnis der Einzelheiten dieses Organismus. Das könnte manchem paradox erscheinen, aber es ist so. Unsere Organe als einzelne sind aus dem Geiste heraus gestaltet, nur die ganze Konfiguration des Menschen, wie er uns in der Sinneswelt entgegentritt, die mußte, um als eine Synthese der einzelnen Organe zustande zu kommen, eben durch die physische Vererbung durchgehen. Also man kommt tatsächlich zu einer geisteswissenschaftlichen Anatomie und Physiologie, die aber zu gleicher Zeit wiederum als ein Ergebnis geistiger Erkenntnisse erscheint, die tiefer liegen und durch Inspiration errungen werden. So kann man sagen: Wenn wir uns heute bewußt hinaufringen zu solchen Erkenntnissen der Imagination, der Inspiration, lernen wir den Menschen auf andere Art kennen. Aber wir lernen auch die Außenwelt auf andere Art kennen.
[ 4 ] Wer dann zur inspirierten Erkenntnis kommt, der gelangt dazu, einzusehen, daß, was er da auf dem Wege der Imagination als etwas, man möchte schon sagen, Materielleres kennengelernt hat, als das Abstrakte ist, das man gewöhnlich als seelischen Inhalt hat, wenn man von der äußeren, scheinbar sinnenfälligen Vererbungsströmung spricht, die in Wirklichkeit aus dem tieferliegenden Geistigen heraus geboren ist, daß also das, was im einzelnen den Menschen organisiert, aus dem Geistigen heraus geboren ist. Man lernt damit eine außerordentlich bedeutsame Tatsache erkennen. Im Grunde genommen kann man den physischen Menschen als Ganzes, wie man ihn vor sich hat, verstehen als ein Wesen, das durchgegangen sein mußte durch die Vorfahren, durch die Vererbungsströmung. Bleibt man aber bei dieser äußeren naturwissenschaftlichen Anschauung stehen, die alles zurückführen will auf Vererbung, so kommt man nicht zum Verständnis der Einzelheiten dieses Organismus. Das könnte manchem paradox erscheinen, aber es ist so. Unsere Organe als einzelne sind aus dem Geiste heraus gestaltet, nur die ganze Konfiguration des Menschen, wie er uns in der Sinneswelt entgegentritt, die mußte, um als eine Synthese der einzelnen Organe zustande zu kommen, eben durch die physische Vererbung durchgehen. Also man kommt tatsächlich zu einer geisteswissenschaftlichen Anatomie und Physiologie, die aber zu gleicher Zeit wiederum als ein Ergebnis geistiger Erkenntnisse erscheint, die tiefer liegen und durch Inspiration errungen werden. So kann man sagen: Wenn wir uns heute bewußt hinaufringen zu solchen Erkenntnissen der Imagination, der Inspiration, lernen wir den Menschen auf andere Art kennen. Aber wir lernen auch die Außenwelt auf andere Art kennen.
[ 5 ] Für denjenigen, der sich durch Imagination und Inspiration hinaufringt, ich habe das in den Vorträgen im Herbste in Dornach über die «Grenzen der Naturerkenntnis» ja schon angedeutet, für den Menschen, der sich so hinaufringt zu einer übersinnlichen Erkenntnis, hört die Annahme auf zu gelten, daß hinter den sinnenfälligen Erscheinungen Atome sind. Ganz gleichgültig, ob man im älteren Sinne, wo man mehr elastische oder auch starre Atome annahm, oder wie jetzt, wo man mehr von Ionen oder Elektronen spricht, ganz gleichgültig, welcher Art der Atomismus ist, die Annahme solcher Atome, die die Materie konstituieren sollen, die geradezu die Substantialität des Materiellen darstellen sollen, diese Annahme verliert ihren Sinn. Sie erscheint eben einfach als ein Unding. Und das, was uns von der Sinneswelt geblieben ist, wollte ich einstmals charakterisieren in dem dritten Bande meiner Ausgabe der Naturwissenschaftlichen Schriften Goethes, wo ich sagte: Alles, was man überschaut in der Außenwelt und worinnen man sich erkennend zu ergehen hat, sind die Inhalte der Sinneswahrnehmungen, sind die Phänomene selber. Denn, geht man hinter die Phänomene mit geisteswissenschaftlicher Anschauung, so findet man nicht Atome im Sinne der Physiker oder Physiologen, sondern man findet wesenhaft Geistiges. Die äußere Welt ist durch Geistiges konstituiert, und zwar nicht etwa durch jene Kräfte, wie wir sie auch der Rechnung zugrunde zu legen suchen. Es sind also nicht etwa jene Zentralkräfte, die gewöhnlich angenommen werden von der mathematischen Physik, um die Konstitution des Materiellen darzustellen. Wir werden statt dessen durch geistigere Anschauungsweise nach außen hin zum Geiste, nach innen hin aber zu einer zunächst materiellen Auffassung getrieben. Indem wir heute von unserem gegenwärtigen, durch die Menschheit errungenen historischen Standpunkte zu solchen Erkenntnissen aufsteigen, tun wir das vollbewußt. Wir überschauen den Schritt, den wir da machen, wir wissen, indem sich unsere Erkenntnis metamorphosiert, wird uns die Außenwelt durchgeistigt, wird uns das Innere vermaterialisiert. Und wir ergreifen damit ein nun auch metamorphosiertes Bild der Welt, in der wir sind und die wir selbst sind. Wir beziehen dann dieses Bild, das wir da bekommen, auf unsere gewöhnliche Anschauung, die in Verstandesbegriffen lebt, wir drücken sie durch solche Verstandesbegriffe aus, und das macht gerade, daß wir bewußt in der einen und in der anderen Anschauung der Welt drinnen leben. Diese Bewußtheit, die mangelte den Menschen bis in das 8. vorchristliche Jahrhundert, bis zum Ablaufe jenes Zeitraumes, den ich an diesen Abenden als den ägyptisch-chaldäischen charakterisiert habe. Aber dafür hatten sie die Möglichkeit, instinktiv zu erringen, wozu wir uns bewußt durch innere Methodik, geisteswissenschaftliche Methodik, erst wiederum heranarbeiten können. Sie hatten nicht die Fähigkeit, das, was sie instinktiv schauten, mit Begriffen zu durchdringen. Das Intellektualistische war ihnen noch fremd, aber Bilder standen vor ihrer Seele, ohne daß sie diese erst in voller Bewußtheit herbeiführen mußten, wie wir es heute tun müssen, und so war ihnen die Außenwelt ein Geistiges. Je weiter wir zurückgehen in der Menschheitsentwickelung, desto klarer wird das.
[ 5 ] Für denjenigen, der sich durch Imagination und Inspiration hinaufringt, ich habe das in den Vorträgen im Herbste in Dornach über die «Grenzen der Naturerkenntnis» ja schon angedeutet, für den Menschen, der sich so hinaufringt zu einer übersinnlichen Erkenntnis, hört die Annahme auf zu gelten, daß hinter den sinnenfälligen Erscheinungen Atome sind. Ganz gleichgültig, ob man im älteren Sinne, wo man mehr elastische oder auch starre Atome annahm, oder wie jetzt, wo man mehr von Ionen oder Elektronen spricht, ganz gleichgültig, welcher Art der Atomismus ist, die Annahme solcher Atome, die die Materie konstituieren sollen, die geradezu die Substantialität des Materiellen darstellen sollen, diese Annahme verliert ihren Sinn. Sie erscheint eben einfach als ein Unding. Und das, was uns von der Sinneswelt geblieben ist, wollte ich einstmals charakterisieren in dem dritten Bande meiner Ausgabe der Naturwissenschaftlichen Schriften Goethes, wo ich sagte: Alles, was man überschaut in der Außenwelt und worinnen man sich erkennend zu ergehen hat, sind die Inhalte der Sinneswahrnehmungen, sind die Phänomene selber. Denn, geht man hinter die Phänomene mit geisteswissenschaftlicher Anschauung, so findet man nicht Atome im Sinne der Physiker oder Physiologen, sondern man findet wesenhaft Geistiges. Die äußere Welt ist durch Geistiges konstituiert, und zwar nicht etwa durch jene Kräfte, wie wir sie auch der Rechnung zugrunde zu legen suchen. Es sind also nicht etwa jene Zentralkräfte, die gewöhnlich angenommen werden von der mathematischen Physik, um die Konstitution des Materiellen darzustellen. Wir werden statt dessen durch geistigere Anschauungsweise nach außen hin zum Geiste, nach innen hin aber zu einer zunächst materiellen Auffassung getrieben. Indem wir heute von unserem gegenwärtigen, durch die Menschheit errungenen historischen Standpunkte zu solchen Erkenntnissen aufsteigen, tun wir das vollbewußt. Wir überschauen den Schritt, den wir da machen, wir wissen, indem sich unsere Erkenntnis metamorphosiert, wird uns die Außenwelt durchgeistigt, wird uns das Innere vermaterialisiert. Und wir ergreifen damit ein nun auch metamorphosiertes Bild der Welt, in der wir sind und die wir selbst sind. Wir beziehen dann dieses Bild, das wir da bekommen, auf unsere gewöhnliche Anschauung, die in Verstandesbegriffen lebt, wir drücken sie durch solche Verstandesbegriffe aus, und das macht gerade, daß wir bewußt in der einen und in der anderen Anschauung der Welt drinnen leben. Diese Bewußtheit, die mangelte den Menschen bis in das 8. vorchristliche Jahrhundert, bis zum Ablaufe jenes Zeitraumes, den ich an diesen Abenden als den ägyptisch-chaldäischen charakterisiert habe. Aber dafür hatten sie die Möglichkeit, instinktiv zu erringen, wozu wir uns bewußt durch innere Methodik, geisteswissenschaftliche Methodik, erst wiederum heranarbeiten können. Sie hatten nicht die Fähigkeit, das, was sie instinktiv schauten, mit Begriffen zu durchdringen. Das Intellektualistische war ihnen noch fremd, aber Bilder standen vor ihrer Seele, ohne daß sie diese erst in voller Bewußtheit herbeiführen mußten, wie wir es heute tun müssen, und so war ihnen die Außenwelt ein Geistiges. Je weiter wir zurückgehen in der Menschheitsentwickelung, desto klarer wird das.
[ 6 ] Gehen wir in die Zeiten zurück, aus denen noch historische Dokumente da sind, da finden wir allerdings schon eine Art Niedergang dessen, was einstmals in diesen Völkern lebte. Wir finden, daß das Geistige der Außenwelt herabgewürdigt war bis zum Dämonischen, und wir finden daher überall dämonische Gewalten hinter den Sinneserscheinungen. Das war aber nur der Nachklang einer alten geistigen Anschauung, die in den Zeitaltern, die ich das Urpersische, Urindische genannt habe, durchaus noch vorhanden war. Und weiter, instinktiv hatten diese Menschen durchaus die Anschauung, daß in ihnen als Seelisches die Organe selbst lebten, so daß sie vom Seelischen gerade dann, wenn sie gebildete Persönlichkeiten in diesen alten Völkern waren, als von den inneren Organen sprachen und das Seelische zusammengesetzt dachten durch das Zusammenwirken dieser inneren Organe. Wenn wir die Aussprüche der Alten über Herz, Leber, Nieren und dergleichen lesen, so müssen wir uns dabei nicht jene Phantastik denken, die zum Beispiel die Wundtsche Philosophie aufweist, sondern wir müssen sie verstehen mit der Seelenverfassung, die wir uns erringen können in der imaginativen, in der inspirierten Erkenntnis. Dann verstehen wir erst, was gesagt sein soll mit solchen merkwürdigen Aussprüchen, die aus grauem Altertum heraufkommen, über Herz, Leber und dergleichen.
[ 6 ] Gehen wir in die Zeiten zurück, aus denen noch historische Dokumente da sind, da finden wir allerdings schon eine Art Niedergang dessen, was einstmals in diesen Völkern lebte. Wir finden, daß das Geistige der Außenwelt herabgewürdigt war bis zum Dämonischen, und wir finden daher überall dämonische Gewalten hinter den Sinneserscheinungen. Das war aber nur der Nachklang einer alten geistigen Anschauung, die in den Zeitaltern, die ich das Urpersische, Urindische genannt habe, durchaus noch vorhanden war. Und weiter, instinktiv hatten diese Menschen durchaus die Anschauung, daß in ihnen als Seelisches die Organe selbst lebten, so daß sie vom Seelischen gerade dann, wenn sie gebildete Persönlichkeiten in diesen alten Völkern waren, als von den inneren Organen sprachen und das Seelische zusammengesetzt dachten durch das Zusammenwirken dieser inneren Organe. Wenn wir die Aussprüche der Alten über Herz, Leber, Nieren und dergleichen lesen, so müssen wir uns dabei nicht jene Phantastik denken, die zum Beispiel die Wundtsche Philosophie aufweist, sondern wir müssen sie verstehen mit der Seelenverfassung, die wir uns erringen können in der imaginativen, in der inspirierten Erkenntnis. Dann verstehen wir erst, was gesagt sein soll mit solchen merkwürdigen Aussprüchen, die aus grauem Altertum heraufkommen, über Herz, Leber und dergleichen.
[ 7 ] Aber wir müssen uns auch darüber klar sein, welches die geistige Verfassung dieser alten Völker war. Diese geistige Verfassung war die, daß die Menschen draußen in der Welt Geistiges sahen, im Inneren eigentlich Materielles, daß sie aber, indem sie die Außenwelt sahen, wachen mußten, während sie schlafen, und schlafend träumen mußten, wenn sie ihr Inneres wahrnehmen wollten. Das habe ich schon für die Ägypter angedeutet, daher die Einführung des Tempelschlafes. Der Kranke wurde in den Tempel gebracht, wurde zum Schlafen gebracht; er mußte dann seine Träume erzählen. Die Priester, die in diesen Dingen unterrichtet waren, die wußten, es kam da mehr auf den dramatischen Verlauf des Traumes an als auf seinen Inhalt. Seinen Inhalt deuten, wäre Aberglaube gewesen. Aber darauf kam es an, ob irgendein Finsteres im Traum auf ein Helles folgte oder umgekehrt und ob sich der Traum beziehen mußte auf Furchtzustände oder Freudezustände und dergleichen. Auf dieses Dramatische des Traumes kam es an, und aus diesem Dramatischen ergab sich dann, wie das eine oder andere Organ krankhaft sein könne, ja, wie ich andeutete, es ergab sich sogar das Heilmittel. Das ist die Realität dessen, was später als der ägyptische Tempelschlaf bezeichnet wurde.
[ 7 ] Aber wir müssen uns auch darüber klar sein, welches die geistige Verfassung dieser alten Völker war. Diese geistige Verfassung war die, daß die Menschen draußen in der Welt Geistiges sahen, im Inneren eigentlich Materielles, daß sie aber, indem sie die Außenwelt sahen, wachen mußten, während sie schlafen, und schlafend träumen mußten, wenn sie ihr Inneres wahrnehmen wollten. Das habe ich schon für die Ägypter angedeutet, daher die Einführung des Tempelschlafes. Der Kranke wurde in den Tempel gebracht, wurde zum Schlafen gebracht; er mußte dann seine Träume erzählen. Die Priester, die in diesen Dingen unterrichtet waren, die wußten, es kam da mehr auf den dramatischen Verlauf des Traumes an als auf seinen Inhalt. Seinen Inhalt deuten, wäre Aberglaube gewesen. Aber darauf kam es an, ob irgendein Finsteres im Traum auf ein Helles folgte oder umgekehrt und ob sich der Traum beziehen mußte auf Furchtzustände oder Freudezustände und dergleichen. Auf dieses Dramatische des Traumes kam es an, und aus diesem Dramatischen ergab sich dann, wie das eine oder andere Organ krankhaft sein könne, ja, wie ich andeutete, es ergab sich sogar das Heilmittel. Das ist die Realität dessen, was später als der ägyptische Tempelschlaf bezeichnet wurde.
[ 8 ] Diese Dinge sind dann in die Dekadenz übergegangen, und wenn man sie in ihrem dekadenten Zustande studiert, so stellen sie sich nicht mehr so dar, wie sie in den besten Zeiten der alten Zivilisation waren; das sollte durchaus eingesehen werden. Man kann also sagen: Im wachen Zustande hatten diese alten Völker eine Art Bilderbewußtsein, noch nicht das intellektuelle Bewußtsein, das in abstrakten Verstandesvorstellungen lebt. Mit diesem Bilderbewußtsein nahmen sie eine geistige Außenwelt wahr, welche für sie so der Sinneswelt zugrundeliegend war, wie dann später Ursächlichkeit und Wirkung als der Sinneswelt zugrundeliegend angesehen wurde. Währenddem diese alten Völker in ihrem damaligen instinktiven Erleben in einem abgedämpften Bewußtseinszustande waren, so war dafür ihr Träumen um so lebhafter, und in den Bildern des Traumes nahmen sie dann ihr Inneres wahr. Und die Gelehrten im damaligen Sinne konnten diese Traumbilder deuten auf das Innere, aber eigentlich auf dessen Materielles.
[ 8 ] Diese Dinge sind dann in die Dekadenz übergegangen, und wenn man sie in ihrem dekadenten Zustande studiert, so stellen sie sich nicht mehr so dar, wie sie in den besten Zeiten der alten Zivilisation waren; das sollte durchaus eingesehen werden. Man kann also sagen: Im wachen Zustande hatten diese alten Völker eine Art Bilderbewußtsein, noch nicht das intellektuelle Bewußtsein, das in abstrakten Verstandesvorstellungen lebt. Mit diesem Bilderbewußtsein nahmen sie eine geistige Außenwelt wahr, welche für sie so der Sinneswelt zugrundeliegend war, wie dann später Ursächlichkeit und Wirkung als der Sinneswelt zugrundeliegend angesehen wurde. Währenddem diese alten Völker in ihrem damaligen instinktiven Erleben in einem abgedämpften Bewußtseinszustande waren, so war dafür ihr Träumen um so lebhafter, und in den Bildern des Traumes nahmen sie dann ihr Inneres wahr. Und die Gelehrten im damaligen Sinne konnten diese Traumbilder deuten auf das Innere, aber eigentlich auf dessen Materielles.
[ 9 ] Der große Umschwung, der etwa um die Mitte des 8. vorchristlichen Jahrhunderts eintrat, besteht darin, daß bei den Menschen immer mehr und mehr die Fähigkeit heraufkam, Intellektualität auszubilden. Zunächst war diese Intellektualität noch nicht so, wie wir sie heute haben, wo wir uns gewissermaßen auch trennen können von der Außenwelt, die Augen schließen, die ganzen Sinne unaktiv machen und dann gerade den Verstand in richtige Bewegung bringen können. Dieses innerlich aktive Arbeiten im Verstande, das war noch nicht da. Aber indem die Außenwelt angeschaut wurde in Bildern, enthüllte sich mit den Bildern zugleich eine Art Verstand, und indem die Bilder-Traumeswelt durchschaut wurde, wurde sie auch in der Erinnerung dann von diesem Verstand durchsetzt. Man kann sagen, in die Menschheitsentwickelung trat der Verstand als Fähigkeit erst um die Mitte des 8. vorchristlichen Jahrhunderts ein.
[ 9 ] Der große Umschwung, der etwa um die Mitte des 8. vorchristlichen Jahrhunderts eintrat, besteht darin, daß bei den Menschen immer mehr und mehr die Fähigkeit heraufkam, Intellektualität auszubilden. Zunächst war diese Intellektualität noch nicht so, wie wir sie heute haben, wo wir uns gewissermaßen auch trennen können von der Außenwelt, die Augen schließen, die ganzen Sinne unaktiv machen und dann gerade den Verstand in richtige Bewegung bringen können. Dieses innerlich aktive Arbeiten im Verstande, das war noch nicht da. Aber indem die Außenwelt angeschaut wurde in Bildern, enthüllte sich mit den Bildern zugleich eine Art Verstand, und indem die Bilder-Traumeswelt durchschaut wurde, wurde sie auch in der Erinnerung dann von diesem Verstand durchsetzt. Man kann sagen, in die Menschheitsentwickelung trat der Verstand als Fähigkeit erst um die Mitte des 8. vorchristlichen Jahrhunderts ein.
[ 10 ] Man wird durchaus, wenn man die alten Dokumente von diesem Gesichtspunkte studiert, überall da zurechtkommen. Daß Leute wie Jeremias oder ähnliche, die das chaldäische Altertum beschreiben wollen, überall auf Widersprüche stoßen, das rührt davon her, daß sie glauben, das, was diese Chaldäer errungen hatten, wäre auch schon durch den aktiv arbeitenden Verstand und nicht durch die unmittelbar wahrgenommene Bilderwelt entstanden. Setzt man voraus, daß die ganze chaldäische Kultur eine durch Bilderwahrnehmung entstandene war, setzt man voraus, daß die eigentümliche Innerlichkeit, welche die Ägypter entwickelt haben, welche sich dann auslebte in ihrer Mythologie, aber auch auslebte in den Ausführungen zum Beispiel des Totenbuches, nimmt man das alles zusammen und weiß man, daß} im träumerischen inneren Wahrnehmen sich einst das Innere enthüllte, dann versteht man erst, um was es sich da eigentlich handelt.
[ 10 ] Man wird durchaus, wenn man die alten Dokumente von diesem Gesichtspunkte studiert, überall da zurechtkommen. Daß Leute wie Jeremias oder ähnliche, die das chaldäische Altertum beschreiben wollen, überall auf Widersprüche stoßen, das rührt davon her, daß sie glauben, das, was diese Chaldäer errungen hatten, wäre auch schon durch den aktiv arbeitenden Verstand und nicht durch die unmittelbar wahrgenommene Bilderwelt entstanden. Setzt man voraus, daß die ganze chaldäische Kultur eine durch Bilderwahrnehmung entstandene war, setzt man voraus, daß die eigentümliche Innerlichkeit, welche die Ägypter entwickelt haben, welche sich dann auslebte in ihrer Mythologie, aber auch auslebte in den Ausführungen zum Beispiel des Totenbuches, nimmt man das alles zusammen und weiß man, daß} im träumerischen inneren Wahrnehmen sich einst das Innere enthüllte, dann versteht man erst, um was es sich da eigentlich handelt.
[ 11 ] Man muß, wie ich immer schon angedeutet habe, eben zur Betrachtung der Seelenverfassung jener Zeiten übergehen. Das Aktivwerden des Verstandes beginnt viel später, es beginnt eigentlich — und das zeigt sich so recht in der Entwickelung der älteren griechischen Philosophie —, es beginnt zunächst als eine Art von Wahrnehmung, die auch die Verstandesbegriffe, die Vorstellungen in den Sinnesdingen wahrnimmt. Man versteht nicht Thales, nicht Heraklit, nicht Anaximenes und so weiter, namentlich nicht Anaxagoras mit seinem νοῦς (Nus); man versteht die Philosophie, die Nietzsche «Die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen» genannt hat, nicht, wenn man nicht weiß, die haben noch nicht dem Menschen zugeschrieben: Da drinnen sitzt der Verstand, du bist aktiv in deinem Verstand —, sondern sie malten die Welt, sie haben so, wie sie die Farben wahrnahmen, so auch die Verstandesbegriffe an den Dingen wahrgenommen. Und in einer gewissen Beziehung ist auch die platonische Ideenlehre nur von diesem Gesichtspunkte aus widerspruchslos zu erfassen, und erst recht das einzelne Spezifische, wie die Medizin des Hippokrates. Das ist nur zu verstehen, wenn man weiß, da war nicht ein abgezogener Verstand, sondern wie die Dinge draußen durch die Farben sich offenbarten, so offenbarten sie sich auch in ihrem gedanklichen Zusammenhange. Wie man heute gewissermaßen die Sinnenwelt als Farbenteppich sieht, so sah man sie in jener Zeit auch im Gedankengespinst. Dadurch war natürlich das Verhältnis des Inneren und des Äußeren bei den Ägyptern ein ganz anderes, als es später wurde.
[ 11 ] Man muß, wie ich immer schon angedeutet habe, eben zur Betrachtung der Seelenverfassung jener Zeiten übergehen. Das Aktivwerden des Verstandes beginnt viel später, es beginnt eigentlich — und das zeigt sich so recht in der Entwickelung der älteren griechischen Philosophie —, es beginnt zunächst als eine Art von Wahrnehmung, die auch die Verstandesbegriffe, die Vorstellungen in den Sinnesdingen wahrnimmt. Man versteht nicht Thales, nicht Heraklit, nicht Anaximenes und so weiter, namentlich nicht Anaxagoras mit seinem νοῦς (Nus); man versteht die Philosophie, die Nietzsche «Die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen» genannt hat, nicht, wenn man nicht weiß, die haben noch nicht dem Menschen zugeschrieben: Da drinnen sitzt der Verstand, du bist aktiv in deinem Verstand —, sondern sie malten die Welt, sie haben so, wie sie die Farben wahrnahmen, so auch die Verstandesbegriffe an den Dingen wahrgenommen. Und in einer gewissen Beziehung ist auch die platonische Ideenlehre nur von diesem Gesichtspunkte aus widerspruchslos zu erfassen, und erst recht das einzelne Spezifische, wie die Medizin des Hippokrates. Das ist nur zu verstehen, wenn man weiß, da war nicht ein abgezogener Verstand, sondern wie die Dinge draußen durch die Farben sich offenbarten, so offenbarten sie sich auch in ihrem gedanklichen Zusammenhange. Wie man heute gewissermaßen die Sinnenwelt als Farbenteppich sieht, so sah man sie in jener Zeit auch im Gedankengespinst. Dadurch war natürlich das Verhältnis des Inneren und des Äußeren bei den Ägyptern ein ganz anderes, als es später wurde.
[ 12 ] Bei den Chaldäern war es noch so, daß der Mensch sich in gewisser Weise durchaus zur Außenwelt hinzurechnete. Denn wenn er wach war und der Sinneswelt die geistige Ursächlichkeit zugrunde legte, so sah er eigentlich in allen Naturdingen seinesgleichen. Er vermutete in sich die Seele, wie er das Geistige hinter den Sinnesdingen spürte. Und war er im Traumschlaf, dann sah er ja sein eigenes Inneres in Bildern, man möchte sagen, wie in einer Außenwelt. Diese ganze Verfassung gab ihm das, daß er sich im eminentesten Sinne als ein Glied der Welt fühlte. Dadurch war aber auch die Art, wie er über seinen Zusammenhang mit der Welt dachte, anders, als sie es jetzt ist.
[ 12 ] Bei den Chaldäern war es noch so, daß der Mensch sich in gewisser Weise durchaus zur Außenwelt hinzurechnete. Denn wenn er wach war und der Sinneswelt die geistige Ursächlichkeit zugrunde legte, so sah er eigentlich in allen Naturdingen seinesgleichen. Er vermutete in sich die Seele, wie er das Geistige hinter den Sinnesdingen spürte. Und war er im Traumschlaf, dann sah er ja sein eigenes Inneres in Bildern, man möchte sagen, wie in einer Außenwelt. Diese ganze Verfassung gab ihm das, daß er sich im eminentesten Sinne als ein Glied der Welt fühlte. Dadurch war aber auch die Art, wie er über seinen Zusammenhang mit der Welt dachte, anders, als sie es jetzt ist.
[ 13 ] Jetzt stehen wir in einer Weltanschauung drinnen, die ja gerade überwunden werden muß. Wir stehen in der Weltanschauung drinnen, die eigentlich eine tiefe Kluft läßt zwischen dem natürlichen Geschehen und jener Ordnung, in der wir durch unsere menschliche Moralität, durch unsere sittlichen Anschauungen und durch unsere religiösen Überzeugungen drinnenstehen.
[ 13 ] Jetzt stehen wir in einer Weltanschauung drinnen, die ja gerade überwunden werden muß. Wir stehen in der Weltanschauung drinnen, die eigentlich eine tiefe Kluft läßt zwischen dem natürlichen Geschehen und jener Ordnung, in der wir durch unsere menschliche Moralität, durch unsere sittlichen Anschauungen und durch unsere religiösen Überzeugungen drinnenstehen.
[ 14 ] Sieht der Mensch heute in die Natur hinaus, so begreift er die Naturzusammenhänge durch die sogenannten Naturgesetze. Die Naturgesetze, sie sind nicht im geringsten, das sucht man ja geradezu in ihnen, gerade das, daß sie gefärbt sind von irgend etwas Moralischem. Es erscheint dem Menschen heute als ein paradoxer Aberglaube, und, wenn es sich um eine Naturanschauung handelt, mit Recht, etwa anzunehmen, daß der Blitz aus den Wolken schießt in einer Art, die man moralisch zu erklären habe und dergleichen. Dafür aber auch fühlt sich der Mensch wie abgerissen von der ganzen Weltenordnung, wenn er an seine eigenen Handlungen den Maßstab des Moralischen anlegen soll. Und eine neuere Weltanschauung ist immer mehr und mehr dazu gekommen, draußen in der Welt nur Naturnotwendigkeit zu sehen, im Menschen ganz und gar nur eine Art moralischer Notwendigkeit. Aber einen Zusammenhang kann ja die heutige Lebensansicht zwischen dieser inneren moralisch-religiösen Ordnung und der äußeren Naturordnung nicht finden. Das war ganz anders in jenen Zeiten, in denen die Menschen die Umwelt und sich selber so geschaut haben, wie ich es eben dargestellt habe. Da gab es jenen Gegensatz zwischen Moralität und der Naturnotwendigkeit nicht. Gehen wir durch den größten Teil der alten Völker, wir finden überall, daß diese alten Völker sich so in die Welt hineinstellen, daß sie ihre eigenen Seelenschicksale einer gewissen Naturordnung unterworfen denken, daß sie gewissermaßen aus derselben Kraft heraus, nach der sie sich den Donner und den Blitz entstanden denken, auch das entstanden denken, was aus ihrer eigenen Seele hervorgeht.
[ 14 ] Sieht der Mensch heute in die Natur hinaus, so begreift er die Naturzusammenhänge durch die sogenannten Naturgesetze. Die Naturgesetze, sie sind nicht im geringsten, das sucht man ja geradezu in ihnen, gerade das, daß sie gefärbt sind von irgend etwas Moralischem. Es erscheint dem Menschen heute als ein paradoxer Aberglaube, und, wenn es sich um eine Naturanschauung handelt, mit Recht, etwa anzunehmen, daß der Blitz aus den Wolken schießt in einer Art, die man moralisch zu erklären habe und dergleichen. Dafür aber auch fühlt sich der Mensch wie abgerissen von der ganzen Weltenordnung, wenn er an seine eigenen Handlungen den Maßstab des Moralischen anlegen soll. Und eine neuere Weltanschauung ist immer mehr und mehr dazu gekommen, draußen in der Welt nur Naturnotwendigkeit zu sehen, im Menschen ganz und gar nur eine Art moralischer Notwendigkeit. Aber einen Zusammenhang kann ja die heutige Lebensansicht zwischen dieser inneren moralisch-religiösen Ordnung und der äußeren Naturordnung nicht finden. Das war ganz anders in jenen Zeiten, in denen die Menschen die Umwelt und sich selber so geschaut haben, wie ich es eben dargestellt habe. Da gab es jenen Gegensatz zwischen Moralität und der Naturnotwendigkeit nicht. Gehen wir durch den größten Teil der alten Völker, wir finden überall, daß diese alten Völker sich so in die Welt hineinstellen, daß sie ihre eigenen Seelenschicksale einer gewissen Naturordnung unterworfen denken, daß sie gewissermaßen aus derselben Kraft heraus, nach der sie sich den Donner und den Blitz entstanden denken, auch das entstanden denken, was aus ihrer eigenen Seele hervorgeht.
[ 15 ] Nur ein Volk bildete eine merkwürdige Ausnahme, wenn wir es so nennen wollen, das die Innenwelt in einer anderen Art erlebte, und das ist das hebräische, das jüdische Volk. Wer eine Empfindung sich dafür aneignet, der wird einen gewaltigen Unterschied finden zwischen der jüdischen Schöpfungsgeschichte der Bibel, dem Alten Testament, und allen übrigen Schöpfungsgeschichten. Die übrigen Schöpfungsgeschichten muß man durchaus von dem Gesichtspunkte ungetrennter Naturordnung und Moralität betrachten. Die jüdisch-hebräische Schöpfungsgeschichte, sie zeichnet sich gerade dadurch aus, daß sie im Grunde genommen bar jeder naturverbundenen Weltanschauung ist. Dadurch unterschied sich das jüdische Volk von den umliegenden Völkern des Altertums. Das jüdische Volk bezog alles auf den einen Gott. Aber die Kräfte, die durch diesen Gott in der Welt wirkten, sie bezeichnete es, wenn auch gegenüber späteren Vorstellungen in einer anderen Weise, aber doch im Grunde genommen als moralisch, das heißt, aus dem Willen Jahves hervorgehend. Und im Grunde genommen konnte der Angehörige des alten hebräischen Volkes, wenn irgend etwas geschah, sei es in der naturhaften Welt, sei es durch den Menschen, doch nur antworten: Es geschieht deshalb, weil Jahve es will. — Man möchte sagen, die Seelenverfassung dieses jüdischen Volkes ist so, als ob die Umwelt eben nur als eine für die Sinne ausgebreitete Welt da wäre, als ob sich aus dieser Umwelt heraus nichts Geistig-Seelisches offenbarte wie für die anderen, für die heidnischen Völker. Dagegen war eine besonders lebhafte Wahrnehmung vorhanden für das menschliche Innere, und durch diese Wahrnehmung für das menschliche Innere kam das jüdische Volk zu seiner monotheistischen Religion, zu seiner Jahve-Religion. Und alles, was im Altertum hinlenkte und hintendierte zu einer gewissen Unempfänglichkeit gegenüber der Außenwelt, dagegen zu einer Betonung dessen, was man von innen her wahrnimmt, alles das ist im Grunde genommen auf den Einfluß des hebräischen Volkes zurückzuführen.
[ 15 ] Nur ein Volk bildete eine merkwürdige Ausnahme, wenn wir es so nennen wollen, das die Innenwelt in einer anderen Art erlebte, und das ist das hebräische, das jüdische Volk. Wer eine Empfindung sich dafür aneignet, der wird einen gewaltigen Unterschied finden zwischen der jüdischen Schöpfungsgeschichte der Bibel, dem Alten Testament, und allen übrigen Schöpfungsgeschichten. Die übrigen Schöpfungsgeschichten muß man durchaus von dem Gesichtspunkte ungetrennter Naturordnung und Moralität betrachten. Die jüdisch-hebräische Schöpfungsgeschichte, sie zeichnet sich gerade dadurch aus, daß sie im Grunde genommen bar jeder naturverbundenen Weltanschauung ist. Dadurch unterschied sich das jüdische Volk von den umliegenden Völkern des Altertums. Das jüdische Volk bezog alles auf den einen Gott. Aber die Kräfte, die durch diesen Gott in der Welt wirkten, sie bezeichnete es, wenn auch gegenüber späteren Vorstellungen in einer anderen Weise, aber doch im Grunde genommen als moralisch, das heißt, aus dem Willen Jahves hervorgehend. Und im Grunde genommen konnte der Angehörige des alten hebräischen Volkes, wenn irgend etwas geschah, sei es in der naturhaften Welt, sei es durch den Menschen, doch nur antworten: Es geschieht deshalb, weil Jahve es will. — Man möchte sagen, die Seelenverfassung dieses jüdischen Volkes ist so, als ob die Umwelt eben nur als eine für die Sinne ausgebreitete Welt da wäre, als ob sich aus dieser Umwelt heraus nichts Geistig-Seelisches offenbarte wie für die anderen, für die heidnischen Völker. Dagegen war eine besonders lebhafte Wahrnehmung vorhanden für das menschliche Innere, und durch diese Wahrnehmung für das menschliche Innere kam das jüdische Volk zu seiner monotheistischen Religion, zu seiner Jahve-Religion. Und alles, was im Altertum hinlenkte und hintendierte zu einer gewissen Unempfänglichkeit gegenüber der Außenwelt, dagegen zu einer Betonung dessen, was man von innen her wahrnimmt, alles das ist im Grunde genommen auf den Einfluß des hebräischen Volkes zurückzuführen.
[ 16 ] Man möchte sagen, die heidnischen Völker des Altertums waren so geartet, daß sie eine geistige Naturanschauung hatten und diese geistige Naturanschauung auch auf den Menschen als solchen übertrugen. Sie schauten die Naturdinge und führten sie auf geistige Ursachen zurück. Sie erkannten die Welt durch Weisheit, indem man Weisheit auffaßt als dasjenige, was das Geistige in des Menschen Seelenleben hereinnimmt. Die Juden hatten kein Organ für diese Weisheit in der Welt, dafür hatten sie aus besonderen Gründen, die jetzt darzustellen die Zeit zu kurz ist, etwas anderes. Ich habe das einmal in einem internen Vortragszyklus in Kristiania, den ich über die Völkerseelen gehalten habe, dargestellt. Im Unterschiede zu den anderen Völkern, namentlich im Unterschiede zu den Ägyptern, die das Innere des Menschen in Traumesbildern, Traumimaginationen instinktiv gesehen haben, hatten die Juden lange vor dem Aufleuchten der Intellektualität in der Mitte des 8. vorchristlichen Jahrhunderts aus dem Inneren heraus, allerdings einseitig und auch vorzeitig, eine Art Intellektualität entwickelt. Bei den älteren griechischen Denkern sehen wir durchaus, wie sie die Intellektualität empfangen, indem sie die Natur beobachten. Eine lebendige Weltanschauung, wie sie Heraklit entwickelt, dem im Grunde genommen die ganze Welt ein Werden ist, dem aber das Werden sich wiederum mehr als nur symbolisiert durch das Feuer, solch eine lebendige Weltanschauung kommt nur dadurch zustande, daß der Mensch sich ganz hineinfühlt in das Feuer, gewissermaßen die innere Natur des Feuers miterlebt und das Begriffliche, das Vorstellungsmäßige gleichzeitig erlebt. Indem er die äußere, sinnliche Röte des Feuers hat, da wird in der Außenwelt das Vorstellende, das Intellektuelle wahrgenommen.
[ 16 ] Man möchte sagen, die heidnischen Völker des Altertums waren so geartet, daß sie eine geistige Naturanschauung hatten und diese geistige Naturanschauung auch auf den Menschen als solchen übertrugen. Sie schauten die Naturdinge und führten sie auf geistige Ursachen zurück. Sie erkannten die Welt durch Weisheit, indem man Weisheit auffaßt als dasjenige, was das Geistige in des Menschen Seelenleben hereinnimmt. Die Juden hatten kein Organ für diese Weisheit in der Welt, dafür hatten sie aus besonderen Gründen, die jetzt darzustellen die Zeit zu kurz ist, etwas anderes. Ich habe das einmal in einem internen Vortragszyklus in Kristiania, den ich über die Völkerseelen gehalten habe, dargestellt. Im Unterschiede zu den anderen Völkern, namentlich im Unterschiede zu den Ägyptern, die das Innere des Menschen in Traumesbildern, Traumimaginationen instinktiv gesehen haben, hatten die Juden lange vor dem Aufleuchten der Intellektualität in der Mitte des 8. vorchristlichen Jahrhunderts aus dem Inneren heraus, allerdings einseitig und auch vorzeitig, eine Art Intellektualität entwickelt. Bei den älteren griechischen Denkern sehen wir durchaus, wie sie die Intellektualität empfangen, indem sie die Natur beobachten. Eine lebendige Weltanschauung, wie sie Heraklit entwickelt, dem im Grunde genommen die ganze Welt ein Werden ist, dem aber das Werden sich wiederum mehr als nur symbolisiert durch das Feuer, solch eine lebendige Weltanschauung kommt nur dadurch zustande, daß der Mensch sich ganz hineinfühlt in das Feuer, gewissermaßen die innere Natur des Feuers miterlebt und das Begriffliche, das Vorstellungsmäßige gleichzeitig erlebt. Indem er die äußere, sinnliche Röte des Feuers hat, da wird in der Außenwelt das Vorstellende, das Intellektuelle wahrgenommen.
[ 17 ] Für diejenige Zivilisation, die namentlich durch die Griechen repräsentiert wird, ist es so, daß durchaus das intellektuelle Element für den Menschen in der Mitte des 8. vorchristlichen Jahrhunderts geboren wird. Für das hebräische Volk war es bereits früher geboren. Für das hebräische Volk war es so, daß es das Intellektuelle allerdings nicht wahrnahm in der Außenwelt, sondern daß es im Inneren, nicht durch Traumbilder wie die Ägypter, und schon in einer gewissen Abstraktheit das wahrnahm, was geistig-intellektuell ist. Und das führte sie zu ihrem Monotheismus. Das führte sie dazu, man möchte sagen, die ganze Welt zu moralisieren, alles auf den Willen Jahves zurückzuführen, es darauf zurückzuführen, daß Jahve es will. Und es ist vielleicht geradezu ein polarischer Gegensatz zu nennen, wenn wir irgendeinen griechischen Weisen nehmen wie den Anaxagoras und sehen, daß er vom Weltenverstande als dem Nus spricht, gewissermaßen den Verstand draußen in der Welt objektiviert wahrnimmt, und wenn wir von einem jüdischen Gelehrten des Altertums sprechen, der diesen Verstand aus seinem Inneren aufsteigen fühlt und dabei die Offenbarung Jahves miterlebt. Selbst wenn Sie so etwas nehmen wie die Offenbarung des brennenden Dornbusches bei Moses, so werden Sie anders darüber denken müssen nach der ganzen Art der Darstellung, wie Sie denken müssen über ein Philosophem des Anaxagoras. Was Moses äußerlich wahrnimmt, ist nur eine Anregung. Was er eigentlich wahrnimmt, steigt aus seinem Inneren auf. Daher auch die merkwürdige Abstraktheit, mit der alles auftritt, was der eigentliche Inhalt dieses hebräischen Altertums ist. Dadurch aber war der Menschheitsentwickelung eine Tendenz gegeben, die mehr von der Natur wegführt. Im Griechentum sehen wir das Hineinleben des Menschen in die Natur so, daß er aus der Natur heraus den Verstand gebiert. Im Hebräertum sehen wir frühzeitig ein Erleben des menschlichen Inneren, und von dieser Tendenz aus kam es dann, daß das ausgehende Griechentum, das schon in Verfall gekommene Griechentum, zum Beispiel an die Stelle des Platonismus den Neuplatonismus setzte, der eine abstrakte Mystik darstellt, ein Sich-Hineinleben in eine unanschauliche, abstrakte Geisteswelt. Wir sind da schon in den Jahrhunderten des Unterganges des griechischen Volkes. Es hat sich schon das äußere Anschauen nach innen gewendet. Man möchte sagen, der Verstand, den der Grieche zuerst in der Außenwelt entdeckte, hat sein Inneres überwältigt. Und Plotin, Jamblichus, Ammonius Sakkas, sie sind Menschen, die ganz hingegeben sind an das Unsinnliche, Geistige, die ganz leben in diesem Unsinnlichen, Geistigen, und die eigentlich den Menschen nur dann einen wahren Menschen nennen, wenn er dieses Unsinnliche, Geistige erleben kann.
[ 17 ] Für diejenige Zivilisation, die namentlich durch die Griechen repräsentiert wird, ist es so, daß durchaus das intellektuelle Element für den Menschen in der Mitte des 8. vorchristlichen Jahrhunderts geboren wird. Für das hebräische Volk war es bereits früher geboren. Für das hebräische Volk war es so, daß es das Intellektuelle allerdings nicht wahrnahm in der Außenwelt, sondern daß es im Inneren, nicht durch Traumbilder wie die Ägypter, und schon in einer gewissen Abstraktheit das wahrnahm, was geistig-intellektuell ist. Und das führte sie zu ihrem Monotheismus. Das führte sie dazu, man möchte sagen, die ganze Welt zu moralisieren, alles auf den Willen Jahves zurückzuführen, es darauf zurückzuführen, daß Jahve es will. Und es ist vielleicht geradezu ein polarischer Gegensatz zu nennen, wenn wir irgendeinen griechischen Weisen nehmen wie den Anaxagoras und sehen, daß er vom Weltenverstande als dem Nus spricht, gewissermaßen den Verstand draußen in der Welt objektiviert wahrnimmt, und wenn wir von einem jüdischen Gelehrten des Altertums sprechen, der diesen Verstand aus seinem Inneren aufsteigen fühlt und dabei die Offenbarung Jahves miterlebt. Selbst wenn Sie so etwas nehmen wie die Offenbarung des brennenden Dornbusches bei Moses, so werden Sie anders darüber denken müssen nach der ganzen Art der Darstellung, wie Sie denken müssen über ein Philosophem des Anaxagoras. Was Moses äußerlich wahrnimmt, ist nur eine Anregung. Was er eigentlich wahrnimmt, steigt aus seinem Inneren auf. Daher auch die merkwürdige Abstraktheit, mit der alles auftritt, was der eigentliche Inhalt dieses hebräischen Altertums ist. Dadurch aber war der Menschheitsentwickelung eine Tendenz gegeben, die mehr von der Natur wegführt. Im Griechentum sehen wir das Hineinleben des Menschen in die Natur so, daß er aus der Natur heraus den Verstand gebiert. Im Hebräertum sehen wir frühzeitig ein Erleben des menschlichen Inneren, und von dieser Tendenz aus kam es dann, daß das ausgehende Griechentum, das schon in Verfall gekommene Griechentum, zum Beispiel an die Stelle des Platonismus den Neuplatonismus setzte, der eine abstrakte Mystik darstellt, ein Sich-Hineinleben in eine unanschauliche, abstrakte Geisteswelt. Wir sind da schon in den Jahrhunderten des Unterganges des griechischen Volkes. Es hat sich schon das äußere Anschauen nach innen gewendet. Man möchte sagen, der Verstand, den der Grieche zuerst in der Außenwelt entdeckte, hat sein Inneres überwältigt. Und Plotin, Jamblichus, Ammonius Sakkas, sie sind Menschen, die ganz hingegeben sind an das Unsinnliche, Geistige, die ganz leben in diesem Unsinnlichen, Geistigen, und die eigentlich den Menschen nur dann einen wahren Menschen nennen, wenn er dieses Unsinnliche, Geistige erleben kann.
[ 18 ] In gewissen Gegenden des Orientes drüben hat sich aber immer noch etwas erhalten von dem, was das Innere, Seelische nicht so abstrakt denkt, wie es die späteren Griechen dann, etwa im Neuplatonismus, gedacht haben, sondern welches noch einen Nachklang darstellt der inneren Organwahrnehmung und welches auch das Äußere nicht etwa so darstellt, wie der Grieche Demokritos angefangen hat, es durch materielle Atome vorzustellen, sondern welches die Grundlage des Äußeren, des Sinnlichen als geistige Welt vorstellte. Und immer wieder und wiederum entstanden die Tendenzen, vom Orient herüber, dem, was durch den hebräischen Einfluß hereinkam, etwas entgegenzusetzen. Man braucht nur Philo zu studieren, der im Beginne des ersten nachchristlichen Jahrhunderts gelebt hat, so sieht man diesen hebräischen Einfluß. Immer mehr und mehr geht von gewissen Gegenden Asiens herüber eine Reaktion aus gegen dieses Verinnerlichen, gegen dieses ganz Aufgehen im abstrakten Inneren.
[ 18 ] In gewissen Gegenden des Orientes drüben hat sich aber immer noch etwas erhalten von dem, was das Innere, Seelische nicht so abstrakt denkt, wie es die späteren Griechen dann, etwa im Neuplatonismus, gedacht haben, sondern welches noch einen Nachklang darstellt der inneren Organwahrnehmung und welches auch das Äußere nicht etwa so darstellt, wie der Grieche Demokritos angefangen hat, es durch materielle Atome vorzustellen, sondern welches die Grundlage des Äußeren, des Sinnlichen als geistige Welt vorstellte. Und immer wieder und wiederum entstanden die Tendenzen, vom Orient herüber, dem, was durch den hebräischen Einfluß hereinkam, etwas entgegenzusetzen. Man braucht nur Philo zu studieren, der im Beginne des ersten nachchristlichen Jahrhunderts gelebt hat, so sieht man diesen hebräischen Einfluß. Immer mehr und mehr geht von gewissen Gegenden Asiens herüber eine Reaktion aus gegen dieses Verinnerlichen, gegen dieses ganz Aufgehen im abstrakten Inneren.
[ 19 ] Es war in der neueren Zeit der allerunglücklichste Gedanke, die biblische Schöpfungsgeschichte einfach als eine Darstellung von Symbolen äußerlicher geologischer Zeiträume aufzufassen. Das ist sie ganz gewiß nicht, sondern sie ist die Darstellung dessen, was man über den ganzen Hergang der Weltentwickelung erschaut, wenn man nur das Innere des Menschen wirken läßt. Nur waren die hebräischen Weisen so, daß sie dasjenige, was in ihrem Inneren aufstieg, im Konkreten noch sahen, daß sie darin ein Mannigfaltiges, ein Unterschiedliches sahen. Was sie da als innere Wirklichkeit schauten, das war bei Philo schon zum Symbol degeneriert, das war dann im Neuplatonismus völlig abstrakt geworden. Und wenn es auch etwas Erhabenes, etwas Großartiges hat, sich in die Weltentrücktheit des Plotin, des Jamblichus zu versetzen, so bedeutet das doch auf der anderen Seite, daß in diesem Verzücktsein, in dieser Ekstase, im rein abstrakten Übersinnlichen die Naturordnung, die ganze Naturanschauung verlorengeht. Wie gesagt, immer waren von einzelnen Gegenden Asiens herüber Reaktionen gekommen gegen dieses völlige Verinnerlichen des Menschen, wodurch er alle innere Bildhaftigkeit verlor, wodurch die Bilder ihre Konturen verloren, die Imaginationen verschwommen wurden und der Mensch zuletzt aufging in dem abstrakten, in dem ureinen, in dem übersinnlichen, durch nichts zu charakterisierenden Weltensein.
[ 19 ] Es war in der neueren Zeit der allerunglücklichste Gedanke, die biblische Schöpfungsgeschichte einfach als eine Darstellung von Symbolen äußerlicher geologischer Zeiträume aufzufassen. Das ist sie ganz gewiß nicht, sondern sie ist die Darstellung dessen, was man über den ganzen Hergang der Weltentwickelung erschaut, wenn man nur das Innere des Menschen wirken läßt. Nur waren die hebräischen Weisen so, daß sie dasjenige, was in ihrem Inneren aufstieg, im Konkreten noch sahen, daß sie darin ein Mannigfaltiges, ein Unterschiedliches sahen. Was sie da als innere Wirklichkeit schauten, das war bei Philo schon zum Symbol degeneriert, das war dann im Neuplatonismus völlig abstrakt geworden. Und wenn es auch etwas Erhabenes, etwas Großartiges hat, sich in die Weltentrücktheit des Plotin, des Jamblichus zu versetzen, so bedeutet das doch auf der anderen Seite, daß in diesem Verzücktsein, in dieser Ekstase, im rein abstrakten Übersinnlichen die Naturordnung, die ganze Naturanschauung verlorengeht. Wie gesagt, immer waren von einzelnen Gegenden Asiens herüber Reaktionen gekommen gegen dieses völlige Verinnerlichen des Menschen, wodurch er alle innere Bildhaftigkeit verlor, wodurch die Bilder ihre Konturen verloren, die Imaginationen verschwommen wurden und der Mensch zuletzt aufging in dem abstrakten, in dem ureinen, in dem übersinnlichen, durch nichts zu charakterisierenden Weltensein.
[ 20 ] Nun, in diese Zeit hinein, in der solche Kämpfe stattfanden, in der noch fortlebten alte Weltanschauungen, so wie ich es heute und gestern charakterisiert habe, in der aber mehr und mehr die Entwickelung der Intellektualität stattfindet, in diese Zeit fiel, wie Sie wissen, herein die Entstehung des Christentums. Diese Entstehung des Christentums hat durchaus für das spätere Heraufkommen der Naturwissenschaft eine tiefe Bedeutung. Aber man kann diese Bedeutung nur verstehen, wenn man zunächst sich sagt: Was es immer sei, was da durch das Christentum in die Welt gekommen ist, verstehen konnte dieses Christentum die damalige Welt nur eben aus ihren Vorstellungen heraus. Was auch in Palästina geschehen sein mag, die Menschen der damaligen Zeit mußten das zunächst verstehen nach ihren Vorstellungen.
[ 20 ] Nun, in diese Zeit hinein, in der solche Kämpfe stattfanden, in der noch fortlebten alte Weltanschauungen, so wie ich es heute und gestern charakterisiert habe, in der aber mehr und mehr die Entwickelung der Intellektualität stattfindet, in diese Zeit fiel, wie Sie wissen, herein die Entstehung des Christentums. Diese Entstehung des Christentums hat durchaus für das spätere Heraufkommen der Naturwissenschaft eine tiefe Bedeutung. Aber man kann diese Bedeutung nur verstehen, wenn man zunächst sich sagt: Was es immer sei, was da durch das Christentum in die Welt gekommen ist, verstehen konnte dieses Christentum die damalige Welt nur eben aus ihren Vorstellungen heraus. Was auch in Palästina geschehen sein mag, die Menschen der damaligen Zeit mußten das zunächst verstehen nach ihren Vorstellungen.
[ 21 ] Sagen wir also, drüben in Asien habe irgendwo ein Mensch gesessen, der noch einen Nachklang hatte von der mehr materiellen Innenanschauung und von der vergeistigten Außenwelt, dann mußte er in dem Ereignis von Golgatha etwas sehen, was dieser seiner Weltanschauung entsprach. Er mußte es aus seiner Weltanschauung heraus erklären. Lebte irgendeiner im Neuplatonismus, im Plotinismus, in der Weltanschauung also, die alle Imaginationen schon mit unscharfen Konturen sah und zuletzt alles verschwimmen ließ im Einen, so übersetzte er alles, was er erfuhr über das Mysterium von Golgatha, in ein solches verinnerlichtes Anschauen der Welt. Er sagte sich zum Beispiel: Das Höchste, das ich erringe, auch wenn ich mich zurückziehe von allen diesen Sinnesanschauungen, wenn ich allein mein Inneres walten lasse und mich mit dem All-Einen vereinige, dann geht mir als dieses Höchste in meinem Inneren der Christus auf. Ich erlebe in diesem Weltentrücktsein den Christus-Impuls. — So etwa konnte ein Neuplatoniker sagen. Jemand, der noch etwas zurückbehalten hatte von der alten Weltanschauung, wie ich sie heute geschildert habe, der sagte sich: In dem Christus war vereinigt ein geistiges Element aus dem Kosmos heraus mit einem menschlichen Element. — Und da er in einer gewissen Beziehung sah, was in den Organen des Menschen mehr materiell als Seele lebte, so wurde diese besondere Vereinigung des geistigen Christus mit dem Menschen Jesus für ihn zum Problem. Daher tritt im Oriente drüben so vielfach das Problem der Vereinigung des Christus mit dem Jesus auf. Vielfach wurde in jenem Stadium der Intellektualität, in dem man dazumal stand — es waren ja seit dem Aufkeimen der Intellektualität in der Menschheit erst siebeneinhalb Jahrhunderte vergangen —, das Mysterium von Golgatha eben so verstanden, wie man es verstehen konnte, und unterscheiden muß man das, was die einzelnen sagten, von dem, was eigentlich geschehen war, was da hereingebrochen war als ein objektives Ereignis in die Entwickelung der Menschheit, das Ereignis von Golgatha.
[ 21 ] Sagen wir also, drüben in Asien habe irgendwo ein Mensch gesessen, der noch einen Nachklang hatte von der mehr materiellen Innenanschauung und von der vergeistigten Außenwelt, dann mußte er in dem Ereignis von Golgatha etwas sehen, was dieser seiner Weltanschauung entsprach. Er mußte es aus seiner Weltanschauung heraus erklären. Lebte irgendeiner im Neuplatonismus, im Plotinismus, in der Weltanschauung also, die alle Imaginationen schon mit unscharfen Konturen sah und zuletzt alles verschwimmen ließ im Einen, so übersetzte er alles, was er erfuhr über das Mysterium von Golgatha, in ein solches verinnerlichtes Anschauen der Welt. Er sagte sich zum Beispiel: Das Höchste, das ich erringe, auch wenn ich mich zurückziehe von allen diesen Sinnesanschauungen, wenn ich allein mein Inneres walten lasse und mich mit dem All-Einen vereinige, dann geht mir als dieses Höchste in meinem Inneren der Christus auf. Ich erlebe in diesem Weltentrücktsein den Christus-Impuls. — So etwa konnte ein Neuplatoniker sagen. Jemand, der noch etwas zurückbehalten hatte von der alten Weltanschauung, wie ich sie heute geschildert habe, der sagte sich: In dem Christus war vereinigt ein geistiges Element aus dem Kosmos heraus mit einem menschlichen Element. — Und da er in einer gewissen Beziehung sah, was in den Organen des Menschen mehr materiell als Seele lebte, so wurde diese besondere Vereinigung des geistigen Christus mit dem Menschen Jesus für ihn zum Problem. Daher tritt im Oriente drüben so vielfach das Problem der Vereinigung des Christus mit dem Jesus auf. Vielfach wurde in jenem Stadium der Intellektualität, in dem man dazumal stand — es waren ja seit dem Aufkeimen der Intellektualität in der Menschheit erst siebeneinhalb Jahrhunderte vergangen —, das Mysterium von Golgatha eben so verstanden, wie man es verstehen konnte, und unterscheiden muß man das, was die einzelnen sagten, von dem, was eigentlich geschehen war, was da hereingebrochen war als ein objektives Ereignis in die Entwickelung der Menschheit, das Ereignis von Golgatha.
[ 22 ] Aber wir wollen zunächst, indem wir später daraufzurückkommen, sehen, wie sich da diese verschiedenen Anschauungen ausnahmen, teilweise solche, welche noch aus alten, unintellektualistischen Zeiten heraufgekommen waren, oder solche, welche sich entwickelt haben unter dem Einflusse des hebräischen Elements, wir wollen sehen, wie sich diese in den nächsten Jahrhunderten ausnahmen. Man möchte sagen, handgreiflich erscheint einem — wenn ich den Ausdruck symbolisch gebrauche —, was da geschehen war in der Menschheitsentwickelung, wenn man hinschaut auf das 4. nachchristliche Jahrhundert und zum Beispiel ein Ereignis betrachtet wie die Begründung Konstantinopels durch den Kaiser Konstantin, der ja das Christentum erst zur vollberechtigten Reichsreligion des Römischen Reiches erhoben hat. Konstantin begründet Konstantinopel. Wir stehen damit im 4. nachchristlichen Jahrhundert. Und man kann sagen, so, wie sich dieser Konstantin verhielt bei der Begründung Konstantinopels, hätte sich niemals in älteren Zeiten irgendeine Persönlichkeit verhalten können bei der Begründung irgendeiner Stadt. In jenen älteren Zeiten war alles aus einem Instinktiveren hervorgegangen. Konstantin ganz zweifellos alles, was uns überliefert ist, zeigt das — hatte den Gedanken, daf jene alten Meinungen wahr seien, die auf den Untergang Roms hinwiesen. Er wollte daher Rom nicht als Hauptstadt behalten. Daß man natürlich beim Untergang Roms vorzugsweise an den Untergang des Römischen Reiches dachte, das muß besonders hervorgehoben werden. Daß Rom nicht in derselben Weise der Mittelpunkt der Welt bleiben konnte, wie das früher der Fall war, das war ja etwas, was als Meinung in der Zeit damals intensiv lebte. Aber Konstantin wollte damit das Reich nicht auch zugrunde gehen lassen. Nun war eine alte Anschauung diese, daß man in der Menschheitsentwickelung in einer Art von Kreisläufen drinnen lebt. Daher war schon in älteren Zeiten, noch in den Zeiten des heidnischen Roms, der Gedanke entstanden, die Stadt T'roJa wieder aufzubauen, von der ja, wie auch die Sage bezeugt, die Gründung Roms hergeleitet wird. Man wollte zum Ursprung wiederum zurückkehren. Konstantin ging nicht bis nach Kleinasien hinüber, aber er bewegte sich nach dem Osten, er gründete Konstantinopel, wie wir aus den Überlieferungen wissen, durchaus aus dem Gedanken heraus, daß sich die Weltentwickelung wiederum gegen ihren Ursprung hin zurückbewegen müsse. Und er war gewissermaßen darauf aus, so viel wie möglich, von dem er glaubte, daß es jetzt noch lebensfähig sei, in dieses Konstantinopel hineinzutragen. Lebensfähig war im 4. nachchristlichen Jahrhundert, mehr als die heutige Zeit es oftmals annimmt, das Christentum. Man braucht nur zudenken an solche Darstellungen, wie sie zum Beispiel Tertullianus gibt, der, man möchte sagen, in einer Art von Bittschrift sich an den römischen Kaiser wendet, man möge die Christen dulden, denn was hülfe es denn, wenn man sie nicht duldete; die Hälfte der Bewohner aller Städte seien ja doch Christen, und die seien daher ungeduldet. Wir wissen auch durchaus nach heidnisch-römischen Schriftstellern, daß sich das Christentum damals rasend schnell ausgebreitet hat. Wir wissen, daß im Grunde genommen das Urteil auf vielen Seelen lastete, das Christentum könne doch nicht aufgehalten werden. In der Zeit Diokletians seufzen die Römer, man könne ein paar hundert Leute, ein paar tausend Leute töten, man könne aber nicht die halbe Bevölkerung des Reiches töten. Das mag in einer gewissen Weise ja hoch gegriffen sein, aber dennoch, dem liegt zugrunde, daß sich das Christentum in den ersten Jahrhunderten verhältnismäßig außerordentlich schnell ausgebreitet hat. Konstantin durchschaute die tragende Kraft des Christentums, und deshalb war es, daß er, was von alten Zeiten heraufkam, verbinden wollte mit demjenigen, was nun neu da war. Man möchte sagen: So symptomatisch bedeutsam ist eigentlich noch nie etwas in der Weltgeschichte aufgetreten wie jenes Grundsteinlegungsfest, das Konstantin bei der Begründung Konstantinopels gefeiert hat, wo er die Porphyrsäule, an die das Glück Roms gebunden schien, unter größten Schwierigkeiten nach Konstantinopel hinüberbringen ließ. Als man die Porphyrsäule hineinführen wollte in die neue Stadt, mußte man sie über eine Sumpfgegend hinüberbringen und mußte dazu erst Eisenschienen legen, woher der Ausdruck «Die eiserne Pforte» kommt, der sich in der Bezeichnung «Die Pforte» noch bis heute erhalten hat. Diese Porphyrsäule ließ er aufrichten, aber eine Apollostatue aus Ilion daraufstellen. In diese Apollostatue ließ er Holzstücke des Kreuzes Christi verbergen, die ihm seine Mutter Helena aus Jerusalem mitgebracht hatte, und er umgab die Apollostatue mit einer Art von Sonnenstrahlen; darin waren Dornen aus der Dornenkrone, die er auch aus Palästina hatte.
[ 22 ] Aber wir wollen zunächst, indem wir später daraufzurückkommen, sehen, wie sich da diese verschiedenen Anschauungen ausnahmen, teilweise solche, welche noch aus alten, unintellektualistischen Zeiten heraufgekommen waren, oder solche, welche sich entwickelt haben unter dem Einflusse des hebräischen Elements, wir wollen sehen, wie sich diese in den nächsten Jahrhunderten ausnahmen. Man möchte sagen, handgreiflich erscheint einem — wenn ich den Ausdruck symbolisch gebrauche —, was da geschehen war in der Menschheitsentwickelung, wenn man hinschaut auf das 4. nachchristliche Jahrhundert und zum Beispiel ein Ereignis betrachtet wie die Begründung Konstantinopels durch den Kaiser Konstantin, der ja das Christentum erst zur vollberechtigten Reichsreligion des Römischen Reiches erhoben hat. Konstantin begründet Konstantinopel. Wir stehen damit im 4. nachchristlichen Jahrhundert. Und man kann sagen, so, wie sich dieser Konstantin verhielt bei der Begründung Konstantinopels, hätte sich niemals in älteren Zeiten irgendeine Persönlichkeit verhalten können bei der Begründung irgendeiner Stadt. In jenen älteren Zeiten war alles aus einem Instinktiveren hervorgegangen. Konstantin ganz zweifellos alles, was uns überliefert ist, zeigt das — hatte den Gedanken, daf jene alten Meinungen wahr seien, die auf den Untergang Roms hinwiesen. Er wollte daher Rom nicht als Hauptstadt behalten. Daß man natürlich beim Untergang Roms vorzugsweise an den Untergang des Römischen Reiches dachte, das muß besonders hervorgehoben werden. Daß Rom nicht in derselben Weise der Mittelpunkt der Welt bleiben konnte, wie das früher der Fall war, das war ja etwas, was als Meinung in der Zeit damals intensiv lebte. Aber Konstantin wollte damit das Reich nicht auch zugrunde gehen lassen. Nun war eine alte Anschauung diese, daß man in der Menschheitsentwickelung in einer Art von Kreisläufen drinnen lebt. Daher war schon in älteren Zeiten, noch in den Zeiten des heidnischen Roms, der Gedanke entstanden, die Stadt T'roJa wieder aufzubauen, von der ja, wie auch die Sage bezeugt, die Gründung Roms hergeleitet wird. Man wollte zum Ursprung wiederum zurückkehren. Konstantin ging nicht bis nach Kleinasien hinüber, aber er bewegte sich nach dem Osten, er gründete Konstantinopel, wie wir aus den Überlieferungen wissen, durchaus aus dem Gedanken heraus, daß sich die Weltentwickelung wiederum gegen ihren Ursprung hin zurückbewegen müsse. Und er war gewissermaßen darauf aus, so viel wie möglich, von dem er glaubte, daß es jetzt noch lebensfähig sei, in dieses Konstantinopel hineinzutragen. Lebensfähig war im 4. nachchristlichen Jahrhundert, mehr als die heutige Zeit es oftmals annimmt, das Christentum. Man braucht nur zudenken an solche Darstellungen, wie sie zum Beispiel Tertullianus gibt, der, man möchte sagen, in einer Art von Bittschrift sich an den römischen Kaiser wendet, man möge die Christen dulden, denn was hülfe es denn, wenn man sie nicht duldete; die Hälfte der Bewohner aller Städte seien ja doch Christen, und die seien daher ungeduldet. Wir wissen auch durchaus nach heidnisch-römischen Schriftstellern, daß sich das Christentum damals rasend schnell ausgebreitet hat. Wir wissen, daß im Grunde genommen das Urteil auf vielen Seelen lastete, das Christentum könne doch nicht aufgehalten werden. In der Zeit Diokletians seufzen die Römer, man könne ein paar hundert Leute, ein paar tausend Leute töten, man könne aber nicht die halbe Bevölkerung des Reiches töten. Das mag in einer gewissen Weise ja hoch gegriffen sein, aber dennoch, dem liegt zugrunde, daß sich das Christentum in den ersten Jahrhunderten verhältnismäßig außerordentlich schnell ausgebreitet hat. Konstantin durchschaute die tragende Kraft des Christentums, und deshalb war es, daß er, was von alten Zeiten heraufkam, verbinden wollte mit demjenigen, was nun neu da war. Man möchte sagen: So symptomatisch bedeutsam ist eigentlich noch nie etwas in der Weltgeschichte aufgetreten wie jenes Grundsteinlegungsfest, das Konstantin bei der Begründung Konstantinopels gefeiert hat, wo er die Porphyrsäule, an die das Glück Roms gebunden schien, unter größten Schwierigkeiten nach Konstantinopel hinüberbringen ließ. Als man die Porphyrsäule hineinführen wollte in die neue Stadt, mußte man sie über eine Sumpfgegend hinüberbringen und mußte dazu erst Eisenschienen legen, woher der Ausdruck «Die eiserne Pforte» kommt, der sich in der Bezeichnung «Die Pforte» noch bis heute erhalten hat. Diese Porphyrsäule ließ er aufrichten, aber eine Apollostatue aus Ilion daraufstellen. In diese Apollostatue ließ er Holzstücke des Kreuzes Christi verbergen, die ihm seine Mutter Helena aus Jerusalem mitgebracht hatte, und er umgab die Apollostatue mit einer Art von Sonnenstrahlen; darin waren Dornen aus der Dornenkrone, die er auch aus Palästina hatte.
[ 23 ] Man sieht, zusammenlaufen sollte das, was aus alten Zeiten heraufkam, und das, was als neues, fruchttragendes Element da war. Aber es wurde von Konstantin offenbar nicht geglaubt, daß das, was da fortzusetzen sei, in Rom fortgesetzt werden könne. Das Palladium, von dem man sagte, daß es einstmals hinübergebracht worden war aus Troja nach Rom, das Palladium wurde ebenfalls nach Konstantinopel überführt und dort an einer für die Außenwelt unbekannten Stätte verborgen. Es blieb aber die Sage: Zweimal wäre dieses Palladium überführt worden, das eine Mal von Asien nach Rom, das zweite Mal von Rom nach Konstantinopel. Das dritte Mal werde es überführt werden von Konstantinopel nach der Slawenhauptstadt, und wenn dies geschehe, werde ein neuer Zeitraum der Weltentwickelung beginnen. Diese Anschauung beseelte viele Menschen des europäischen Ostens. Diese Anschauung lebte auch noch in denen, die mittätig waren bei der Intendierung des letzten Kriegsausbruches 1914. Es ist eine symptomatische Sage, diese Sage von der dreimaligen Übersiedelung des Palladiums. Es lebt aber in dieser Sage ein Bewußtsein von dem Fortgange der Menschheitsentwickelung.
[ 23 ] Man sieht, zusammenlaufen sollte das, was aus alten Zeiten heraufkam, und das, was als neues, fruchttragendes Element da war. Aber es wurde von Konstantin offenbar nicht geglaubt, daß das, was da fortzusetzen sei, in Rom fortgesetzt werden könne. Das Palladium, von dem man sagte, daß es einstmals hinübergebracht worden war aus Troja nach Rom, das Palladium wurde ebenfalls nach Konstantinopel überführt und dort an einer für die Außenwelt unbekannten Stätte verborgen. Es blieb aber die Sage: Zweimal wäre dieses Palladium überführt worden, das eine Mal von Asien nach Rom, das zweite Mal von Rom nach Konstantinopel. Das dritte Mal werde es überführt werden von Konstantinopel nach der Slawenhauptstadt, und wenn dies geschehe, werde ein neuer Zeitraum der Weltentwickelung beginnen. Diese Anschauung beseelte viele Menschen des europäischen Ostens. Diese Anschauung lebte auch noch in denen, die mittätig waren bei der Intendierung des letzten Kriegsausbruches 1914. Es ist eine symptomatische Sage, diese Sage von der dreimaligen Übersiedelung des Palladiums. Es lebt aber in dieser Sage ein Bewußtsein von dem Fortgange der Menschheitsentwickelung.
[ 24 ] Macht es nicht, wenn wir das alles anschauen, den Eindruck von einer Bewußstheit, von einer Verstandesmäßigkeit, die geradezu tief bedeutsam erscheinen muß, wenn man bedenkt: Alte Sagenmotive, alte Bildmotive werden von Konstantin rein verstandesgemäß, man möchte sagen, mit ungeheurer Logik zusammengefügt, und diese Logik soll zur weltbeherrschenden Logik werden? Man sieht gerade dieser Sache an, wenn man hinschaut auf die besondere Seelenverfassung dieses Konstantin, wie in dieser Zeit die Verstandesmäßigkeit bereits auf einer hohen Stufe steht, aber zu gleicher Zeit noch so ist, daß sie durchaus verwoben ist in die objektive Außenwelt. Es ist, ich möchte sagen, noch viel Griechisches in dieser Art, sich des Verstandes zu bedienen. Die Griechen hatten den Verstand, den Nus, zugleich mit der äußeren Welt wahrgenommen, wie man Farben wahrnimmt. Sie hatten auch in der Geschichte wirksam sich gedacht den Nus, den Verstand. Konstantin glaubt, daß er seinen subjektiven Verstand nur zur Wirksamkeit bringen kann, wenn er ihn durchaus hineingeheimnißt in objektive Vorgänge: das Übertragen der Porphyrsäule, das Hinüberbringen von Kreuzesholz und Dornenkrone. Historisches in seinen Bildern verwebt Konstantin durch den Verstand. Der Verstand lebt noch in dem Äußeren; er fühlt sich nur als Realität, indem er in dem Äußeren lebt. Eine solche Sage wie die vom Palladium, die sehen wir, ich möchte sagen, übergeführt in die größte Nüchternheit.
[ 24 ] Macht es nicht, wenn wir das alles anschauen, den Eindruck von einer Bewußstheit, von einer Verstandesmäßigkeit, die geradezu tief bedeutsam erscheinen muß, wenn man bedenkt: Alte Sagenmotive, alte Bildmotive werden von Konstantin rein verstandesgemäß, man möchte sagen, mit ungeheurer Logik zusammengefügt, und diese Logik soll zur weltbeherrschenden Logik werden? Man sieht gerade dieser Sache an, wenn man hinschaut auf die besondere Seelenverfassung dieses Konstantin, wie in dieser Zeit die Verstandesmäßigkeit bereits auf einer hohen Stufe steht, aber zu gleicher Zeit noch so ist, daß sie durchaus verwoben ist in die objektive Außenwelt. Es ist, ich möchte sagen, noch viel Griechisches in dieser Art, sich des Verstandes zu bedienen. Die Griechen hatten den Verstand, den Nus, zugleich mit der äußeren Welt wahrgenommen, wie man Farben wahrnimmt. Sie hatten auch in der Geschichte wirksam sich gedacht den Nus, den Verstand. Konstantin glaubt, daß er seinen subjektiven Verstand nur zur Wirksamkeit bringen kann, wenn er ihn durchaus hineingeheimnißt in objektive Vorgänge: das Übertragen der Porphyrsäule, das Hinüberbringen von Kreuzesholz und Dornenkrone. Historisches in seinen Bildern verwebt Konstantin durch den Verstand. Der Verstand lebt noch in dem Äußeren; er fühlt sich nur als Realität, indem er in dem Äußeren lebt. Eine solche Sage wie die vom Palladium, die sehen wir, ich möchte sagen, übergeführt in die größte Nüchternheit.
[ 25 ] Es ist schon eine merkwürdige Zeit, dieses 4. nachchristliche Jahrhundert, und man merkt, was das Bedeutsame, das Wesenhafte an dieser Zeitepoche ist, wenn man das, was dann im weiteren Mittelalter sich fortsetzt, ins Auge faßt. Man nehme nur eines heraus: dieses Ringen der Späteren zwischen Nominalismus und Realismus. Realismus war für die Scholastiker auch noch des 13. Jahrhunderts zum Beispiel die Anschauung, daß die Vorstellungen von der äußeren Natur in sich eine Realität haben. Gegen das lehnten sich die Nominalisten auf, die in den Vorstellungen nur abstrakte Namen sahen, nicht so etwas Reales, wie die Farben oder die Töne sind, so daß der große Streit entstand zwischen Realismus und Nominalismus. Im Realismus lebte etwas fort von derjenigen Anschauung, die im Griechentum ganz selbstverständlich war. Ein griechischer Denker konnte nicht anders als Realist sein, weil er ja seine Verstandesbegriffe wahrnahm, wie er die Farben wahrnahm. Aber was wir bei Konstantin noch verknüpft finden mit der objektiven Außenwelt, man möchte sagen, der realisierende Verstand, das wurde immer mehr und mehr in den Menschen hineingenommen, immer mehr und mehr durchsponnen von der inneren Aktivität. Der Mensch wurde immer mehr vom Verstande besessen. Dadurch zog er für seine Anschauung diesen Verstand aus der äußeren Welt heraus. Daß Realismus im Mittelalter auftritt, das hatte seinen besonderen Grund, den wir morgen noch kennenlernen werden; das war nicht bloß ein Nachklang des alten Griechentums, sondern das lag in dem besonderen Verhältnis, in dem die eindringenden germanischen Völker zu dem vom Altertum Überkommenen standen.
[ 25 ] Es ist schon eine merkwürdige Zeit, dieses 4. nachchristliche Jahrhundert, und man merkt, was das Bedeutsame, das Wesenhafte an dieser Zeitepoche ist, wenn man das, was dann im weiteren Mittelalter sich fortsetzt, ins Auge faßt. Man nehme nur eines heraus: dieses Ringen der Späteren zwischen Nominalismus und Realismus. Realismus war für die Scholastiker auch noch des 13. Jahrhunderts zum Beispiel die Anschauung, daß die Vorstellungen von der äußeren Natur in sich eine Realität haben. Gegen das lehnten sich die Nominalisten auf, die in den Vorstellungen nur abstrakte Namen sahen, nicht so etwas Reales, wie die Farben oder die Töne sind, so daß der große Streit entstand zwischen Realismus und Nominalismus. Im Realismus lebte etwas fort von derjenigen Anschauung, die im Griechentum ganz selbstverständlich war. Ein griechischer Denker konnte nicht anders als Realist sein, weil er ja seine Verstandesbegriffe wahrnahm, wie er die Farben wahrnahm. Aber was wir bei Konstantin noch verknüpft finden mit der objektiven Außenwelt, man möchte sagen, der realisierende Verstand, das wurde immer mehr und mehr in den Menschen hineingenommen, immer mehr und mehr durchsponnen von der inneren Aktivität. Der Mensch wurde immer mehr vom Verstande besessen. Dadurch zog er für seine Anschauung diesen Verstand aus der äußeren Welt heraus. Daß Realismus im Mittelalter auftritt, das hatte seinen besonderen Grund, den wir morgen noch kennenlernen werden; das war nicht bloß ein Nachklang des alten Griechentums, sondern das lag in dem besonderen Verhältnis, in dem die eindringenden germanischen Völker zu dem vom Altertum Überkommenen standen.
[ 26 ] Aber, was Nominalismus war, das pflanzte sich so fort, daß das, was früher als Verstand zugleich mit der äußeren Sinneswelt erlebt wurde, jetzt abstrakt abgezogen erlebt wurde. Ich möchte sagen, die Menschen wurden für diesen Nominalismus dadurch erzogen, daß ins Mittelalter hinein sich das Lateinische fortpflanzte als eine alte, tote Sprache, die nicht mehr da lebte, wo man mit der äußeren Welt in Verbindung stand, die nur noch lebte für jene geistige Welt, die Plotin ins Abstrakte hinauf, ins All-Eine, ins Unsinnlich-Übersinnliche geführt hatte. Man möchte sagen, dieses Unsinnlich-Übersinnliche sollte immer mehr und mehr die Menschen ergreifen, und für diejenigen, die eine höhere Bildung hatten, sollte die lateinische Sprache, die eine tote, abstrakte Sprache geworden war, das Erziehungsmittel sein zu dieser Abstraktheit hin, zu diesem Abgezogensein von der äußeren Natur. Wenn man das für die späteren Zeiten sieht, dann kann man ermessen, was eigentlich in diesem 4. nachchristlichen Jahrhundert lebte.
[ 26 ] Aber, was Nominalismus war, das pflanzte sich so fort, daß das, was früher als Verstand zugleich mit der äußeren Sinneswelt erlebt wurde, jetzt abstrakt abgezogen erlebt wurde. Ich möchte sagen, die Menschen wurden für diesen Nominalismus dadurch erzogen, daß ins Mittelalter hinein sich das Lateinische fortpflanzte als eine alte, tote Sprache, die nicht mehr da lebte, wo man mit der äußeren Welt in Verbindung stand, die nur noch lebte für jene geistige Welt, die Plotin ins Abstrakte hinauf, ins All-Eine, ins Unsinnlich-Übersinnliche geführt hatte. Man möchte sagen, dieses Unsinnlich-Übersinnliche sollte immer mehr und mehr die Menschen ergreifen, und für diejenigen, die eine höhere Bildung hatten, sollte die lateinische Sprache, die eine tote, abstrakte Sprache geworden war, das Erziehungsmittel sein zu dieser Abstraktheit hin, zu diesem Abgezogensein von der äußeren Natur. Wenn man das für die späteren Zeiten sieht, dann kann man ermessen, was eigentlich in diesem 4. nachchristlichen Jahrhundert lebte.
[ 27 ] Nun sehen wir wiederum einen tief bedeutsamen Einschnitt in der Menschheitsentwickelung im Beginne des 15. Jahrhunderts. Man braucht sich nur einmal zu vertiefen in alte Schriften, die von der Natur handeln, die noch aus dem 10. und 11. Jahrhundert stammen, und man wird finden: Da ist es ja wirklich so, daß die Menschen, indem sie im Verstande leben, zwar diesen Verstand als Abgezogenes empfinden, aber ihn so empfinden, als ob er sie von sich besessen mache, als ob er ein reales Element in ihnen wäre. Auch die Nominalisten sehen den Verstand nicht draußen in den Dingen, sie sehen zwar in den Vorstellungen bloße Namen, namentlich in den zusammenfassenden Vorstellungen; aber im Erleben der Vorstellungen sehen sie eine reale Macht. Das hört im Bewußtsein des beginnenden 15. Jahrhunderts auf. Immer mehr und mehr entwickelte sich dann diejenige Zeit, in der wir noch ganz drinnen leben und die wir erkennen, wenn wir uns fragen: Was ist denn nun für uns der Verstand geworden? In dieser Zeit, die so sehr die Ausschließlichkeit liebt, die so sehr sich erbaut an der eigenen Absolutheit, in dieser Zeit sieht man ja auf frühere Zeiträume sehr hochmütig herab. Wer heute liest, was im 10. und 11. Jahrhundert geschrieben worden ist, der sieht es als kindisch an. Wer aber sich geisteswissenschaftlich darin vertieft, er wird zwar auch nicht dazu zurückkehren wollen, aber es doch nicht als kindisch ansehen, sondern eben als eine andere Anschauung. Er merkt, wie da zwar der Mensch mit dem Verstande tätig ist, aber den Verstand noch wenigstens im Erkenntnisprozeß als mit den Dingen vereinigt denkt. Vom 15. Jahrhundert ab wird das anders. Da ist dem Menschen, indem er nachdenkt, nicht mehr bewußt, daß da Kräfte in ihm wirken; er fühlt sich nicht mehr vom Verstande besessen, fühlt sich durchaus als die Wesenheit, die das Verständige selber hervorbringt. Wir haben eigentlich den Verstand nicht mehr als eine reale Macht, sondern nur als das, was uns die Bilder der Außenwelt liefert, Bilder, Schatten dessen, was der Verstand früher war. Das, was da heraufgezogen ist, das ist das Charakteristische des neuen Zeitalters. So weit ist die Verinnerlichung fortgeschritten, daß der Mensch sich gar nicht mehr so fühlt, als wenn er von etwas getrieben würde, wenn die Logik in ihm wirkt, sondern er fühlt den Verstandesbegriff, ich möchte sagen, ganz schattenhaft geworden. Er fühlt nicht mehr, daß da etwas innen, innerlich stößt und treibt. Das fühlte noch der Mensch des 10., 11., 12., 13., 14. Jahrhunderts. Das hörte auf im 15. Jahrhundert. Damit beginnt das Zeitalter der Entwickelung der eigentlichen menschlichen Bewußtheit. Nur dadurch konnte der Mensch seines eigenen Wesens vollbewußt werden, daß er den Verstand nicht mehr als etwas fühlte, von dem er innerlich besessen ist, demgegenüber er sagen muß, was man in der alten Zeit viel öfter gesagt hat, als man meint: «Es denkt in mir», sondern er wird derjenige, der da sagt: «Ich denke.» Er steigt zu seinem vollbewußten Selbstbewußtsein auf. Die Bewußtseinsseele entwickelt sich, während sich in dem Zeitalter von der Mitte des 8. vorchristlichen Jahrhunderts bis zum Beginn des 15. Jahrhunderts die Verstandesseele entwickelt hatte, Sehen Sie nach, alle Begriffe, die wir heute haben, einschließlich der Begriffe von Evolution, der Begriffe von Vererbung und so weiter, alle Begriffe, alle Vorstellungen, die wir haben, sie stammen aus der Zeit vor dem 15. Jahrhundert. Neue Begriffe haben wir uns nicht erworben. Man fühlt heute gerade als Geisteswissenschafter, wie schwer es ist, Worte wenn auch nur in einem Elementaren zu bilden, wenn man nicht mehr ausreicht mit dem, was die Worte gemäß den Begriffen eigentlich ausdrücken, die bis zum 15. Jahrhundert ausgebildet worden sind. Wir zehren an den Schatten der alten Begriffe und haben allerdings im naturwissenschaftlichen Zeitalter in einer wunderbaren Weise hineingelangen können in die äußere Natur dadurch, daß wir festgehalten haben an den Schatten der früheren Begriffe.
[ 27 ] Nun sehen wir wiederum einen tief bedeutsamen Einschnitt in der Menschheitsentwickelung im Beginne des 15. Jahrhunderts. Man braucht sich nur einmal zu vertiefen in alte Schriften, die von der Natur handeln, die noch aus dem 10. und 11. Jahrhundert stammen, und man wird finden: Da ist es ja wirklich so, daß die Menschen, indem sie im Verstande leben, zwar diesen Verstand als Abgezogenes empfinden, aber ihn so empfinden, als ob er sie von sich besessen mache, als ob er ein reales Element in ihnen wäre. Auch die Nominalisten sehen den Verstand nicht draußen in den Dingen, sie sehen zwar in den Vorstellungen bloße Namen, namentlich in den zusammenfassenden Vorstellungen; aber im Erleben der Vorstellungen sehen sie eine reale Macht. Das hört im Bewußtsein des beginnenden 15. Jahrhunderts auf. Immer mehr und mehr entwickelte sich dann diejenige Zeit, in der wir noch ganz drinnen leben und die wir erkennen, wenn wir uns fragen: Was ist denn nun für uns der Verstand geworden? In dieser Zeit, die so sehr die Ausschließlichkeit liebt, die so sehr sich erbaut an der eigenen Absolutheit, in dieser Zeit sieht man ja auf frühere Zeiträume sehr hochmütig herab. Wer heute liest, was im 10. und 11. Jahrhundert geschrieben worden ist, der sieht es als kindisch an. Wer aber sich geisteswissenschaftlich darin vertieft, er wird zwar auch nicht dazu zurückkehren wollen, aber es doch nicht als kindisch ansehen, sondern eben als eine andere Anschauung. Er merkt, wie da zwar der Mensch mit dem Verstande tätig ist, aber den Verstand noch wenigstens im Erkenntnisprozeß als mit den Dingen vereinigt denkt. Vom 15. Jahrhundert ab wird das anders. Da ist dem Menschen, indem er nachdenkt, nicht mehr bewußt, daß da Kräfte in ihm wirken; er fühlt sich nicht mehr vom Verstande besessen, fühlt sich durchaus als die Wesenheit, die das Verständige selber hervorbringt. Wir haben eigentlich den Verstand nicht mehr als eine reale Macht, sondern nur als das, was uns die Bilder der Außenwelt liefert, Bilder, Schatten dessen, was der Verstand früher war. Das, was da heraufgezogen ist, das ist das Charakteristische des neuen Zeitalters. So weit ist die Verinnerlichung fortgeschritten, daß der Mensch sich gar nicht mehr so fühlt, als wenn er von etwas getrieben würde, wenn die Logik in ihm wirkt, sondern er fühlt den Verstandesbegriff, ich möchte sagen, ganz schattenhaft geworden. Er fühlt nicht mehr, daß da etwas innen, innerlich stößt und treibt. Das fühlte noch der Mensch des 10., 11., 12., 13., 14. Jahrhunderts. Das hörte auf im 15. Jahrhundert. Damit beginnt das Zeitalter der Entwickelung der eigentlichen menschlichen Bewußtheit. Nur dadurch konnte der Mensch seines eigenen Wesens vollbewußt werden, daß er den Verstand nicht mehr als etwas fühlte, von dem er innerlich besessen ist, demgegenüber er sagen muß, was man in der alten Zeit viel öfter gesagt hat, als man meint: «Es denkt in mir», sondern er wird derjenige, der da sagt: «Ich denke.» Er steigt zu seinem vollbewußten Selbstbewußtsein auf. Die Bewußtseinsseele entwickelt sich, während sich in dem Zeitalter von der Mitte des 8. vorchristlichen Jahrhunderts bis zum Beginn des 15. Jahrhunderts die Verstandesseele entwickelt hatte, Sehen Sie nach, alle Begriffe, die wir heute haben, einschließlich der Begriffe von Evolution, der Begriffe von Vererbung und so weiter, alle Begriffe, alle Vorstellungen, die wir haben, sie stammen aus der Zeit vor dem 15. Jahrhundert. Neue Begriffe haben wir uns nicht erworben. Man fühlt heute gerade als Geisteswissenschafter, wie schwer es ist, Worte wenn auch nur in einem Elementaren zu bilden, wenn man nicht mehr ausreicht mit dem, was die Worte gemäß den Begriffen eigentlich ausdrücken, die bis zum 15. Jahrhundert ausgebildet worden sind. Wir zehren an den Schatten der alten Begriffe und haben allerdings im naturwissenschaftlichen Zeitalter in einer wunderbaren Weise hineingelangen können in die äußere Natur dadurch, daß wir festgehalten haben an den Schatten der früheren Begriffe.
[ 28 ] Es ist merkwürdig, wenn man gerade von diesem Gesichtspunkte aus ganz bestimmte Persönlichkeiten betrachtet. Da trat zum Beispiel im Laufe des 19. Jahrhunderts ein Denker auf, der nicht genügend gewürdigt ist. Ich habe sein Wesen darzustellen versucht im dritten Kapitel meines Buches «Von Seelenrätseln»: Franz Brentano. Er ist nur, ich möchte sagen, der Charakteristischste aus einer ganzen Reihe. Man kann viele solche Persönlichkeiten studieren. Franz Brentano lernt die neuere Naturwissenschaft kennen. Er nimmt mit den naturwissenschaftlichen Tatsachen selbstverständlich auch die Begriffe auf. Aber gleichzeitig stammt er aus frommer Familie, ist fromm erzogen, will mit den naturwissenschaftlichen Begriffen zurechtkommen. Er kann nicht anders, als sich fragen: Wie ist es denn mit diesen Begriffen, die da leben in mir, wenn ich die naturwissenschaftlichen Tatsachen erfasse? Ich rede von Vererbung, von Entwickelung, von Metamorphose, was ist es mit diesen Begriffen? — Und er wird so geführt zu seiner außerordentlich geistreichen Abhandlung über Aristoteles, indem er sich an Aristoteles orientiert, sich also in den Zeitraum zurückfinden muß, der mit dem 8. vorchristlichen Jahrhundert begonnen hat und geschlossen hat in dem ersten Drittel des 15. Jahrhunderts. Und will man sich aufklären über die eigentümlichen Begriffe, die in unserem Zeitraume herrschen, dann muß man eben immer wiederum in diese vorigen Zeiträume zurückkehren.
[ 28 ] Es ist merkwürdig, wenn man gerade von diesem Gesichtspunkte aus ganz bestimmte Persönlichkeiten betrachtet. Da trat zum Beispiel im Laufe des 19. Jahrhunderts ein Denker auf, der nicht genügend gewürdigt ist. Ich habe sein Wesen darzustellen versucht im dritten Kapitel meines Buches «Von Seelenrätseln»: Franz Brentano. Er ist nur, ich möchte sagen, der Charakteristischste aus einer ganzen Reihe. Man kann viele solche Persönlichkeiten studieren. Franz Brentano lernt die neuere Naturwissenschaft kennen. Er nimmt mit den naturwissenschaftlichen Tatsachen selbstverständlich auch die Begriffe auf. Aber gleichzeitig stammt er aus frommer Familie, ist fromm erzogen, will mit den naturwissenschaftlichen Begriffen zurechtkommen. Er kann nicht anders, als sich fragen: Wie ist es denn mit diesen Begriffen, die da leben in mir, wenn ich die naturwissenschaftlichen Tatsachen erfasse? Ich rede von Vererbung, von Entwickelung, von Metamorphose, was ist es mit diesen Begriffen? — Und er wird so geführt zu seiner außerordentlich geistreichen Abhandlung über Aristoteles, indem er sich an Aristoteles orientiert, sich also in den Zeitraum zurückfinden muß, der mit dem 8. vorchristlichen Jahrhundert begonnen hat und geschlossen hat in dem ersten Drittel des 15. Jahrhunderts. Und will man sich aufklären über die eigentümlichen Begriffe, die in unserem Zeitraume herrschen, dann muß man eben immer wiederum in diese vorigen Zeiträume zurückkehren.
[ 29 ] Franz Brentano hat einmal einen rechtswissenschaftlichen Vortrag gehalten. Bei diesem rechtswissenschaftlichen Vortrag wollte er klarmachen, wie sich der Mensch als seelisches und geistiges Wesen verhält zu der Außenwelt. Er wollte einen Begriff für dieses Verhältnis des Menschen zur Außenwelt haben, er wollte mit anderen Worten sich sagen können: Wie verhält sich eine Vorstellung zur Außenwelt? — Er griff zurück zu dem Begriff «intentionell», den er bei den Scholastikern des Mittelalters als einen Begriff des Zeitraumes, der unserem vorangegangen ist, entwickelt fand. Und so muß man immer mit den Begriffen zurückgehen. Es ist eine Täuschung, wenn man glaubt, daß nach dem 15. Jahrhundert Begriffe entstanden sind. Wir leben in einer Schattenwelt von Begriffen, nicht in einer Welt der Begriffsrealität. Die Zeit vor 1400 ist das Zeitalter, in dem sich ausgebildet hat die Begriffsrealität, der Begriff, das Verstandesmäßige als ein realer Faktor im Inneren. Wir haben das schon seit dem 15. Jahrhundert überwunden. Wir haben das Ich-Bewußtsein an seine Stelle gesetzt. Das Ich-Bewußtsein war noch im Hintergrunde bei den Griechen, es hatte für sie etwas Schattenhaftes. Bei ihnen lebte vorzugsweise das Verstandesmäßige, das aber als ein Reales lebte, wie ich es dargestellt habe.
[ 29 ] Franz Brentano hat einmal einen rechtswissenschaftlichen Vortrag gehalten. Bei diesem rechtswissenschaftlichen Vortrag wollte er klarmachen, wie sich der Mensch als seelisches und geistiges Wesen verhält zu der Außenwelt. Er wollte einen Begriff für dieses Verhältnis des Menschen zur Außenwelt haben, er wollte mit anderen Worten sich sagen können: Wie verhält sich eine Vorstellung zur Außenwelt? — Er griff zurück zu dem Begriff «intentionell», den er bei den Scholastikern des Mittelalters als einen Begriff des Zeitraumes, der unserem vorangegangen ist, entwickelt fand. Und so muß man immer mit den Begriffen zurückgehen. Es ist eine Täuschung, wenn man glaubt, daß nach dem 15. Jahrhundert Begriffe entstanden sind. Wir leben in einer Schattenwelt von Begriffen, nicht in einer Welt der Begriffsrealität. Die Zeit vor 1400 ist das Zeitalter, in dem sich ausgebildet hat die Begriffsrealität, der Begriff, das Verstandesmäßige als ein realer Faktor im Inneren. Wir haben das schon seit dem 15. Jahrhundert überwunden. Wir haben das Ich-Bewußtsein an seine Stelle gesetzt. Das Ich-Bewußtsein war noch im Hintergrunde bei den Griechen, es hatte für sie etwas Schattenhaftes. Bei ihnen lebte vorzugsweise das Verstandesmäßige, das aber als ein Reales lebte, wie ich es dargestellt habe.
[ 30 ] Die Menschheit wird erzogen, ich möchte sagen, wie durch ein inneres Hineinwirken der geistigen Kräfte zu diesen verstandesmäßigen Fähigkeiten. Und diese Erziehung dauert eben vom 8. vorchristlichen Jahrhundert bis zum 15. Jahrhundert. Und fragen Sie nach der Mitte dieses Zeitraumes, so finden Sie: Das 4. nachchristliche Jahrhundert, das ist die Mitte. Da ist also die Entscheidung. Bis dahin geht es hinauf, bis dahin impulsiert den Menschen die Kraft, die den Verstand gewissermaßen in seine Seele hineintreibt. Dann flutet diese Kraft ab, dann geht es allmählich hin zu dem Schattenhaftwerden des Verstandes. Und mit der Gründung Konstantins sieht man diesen Umschwung sich vollziehen vom Darinnenleben noch in der vollen Realität mit dem Verstande, wie man mit den alten Bildern in der vollen Realität gelebt hat, so daß man sich nicht unterschied von der äußeren Welt. Aber schon lebt auch im Menschen das Hintendieren zu dem Hinauskommen aus der Welt, indem alte Sagenbilder wie mit nüchternem Verstande in der Konstantingründung verwoben werden. An solchen Umschwüngen sieht man, was lebt in der Menschheitsentwickelung.
[ 30 ] Die Menschheit wird erzogen, ich möchte sagen, wie durch ein inneres Hineinwirken der geistigen Kräfte zu diesen verstandesmäßigen Fähigkeiten. Und diese Erziehung dauert eben vom 8. vorchristlichen Jahrhundert bis zum 15. Jahrhundert. Und fragen Sie nach der Mitte dieses Zeitraumes, so finden Sie: Das 4. nachchristliche Jahrhundert, das ist die Mitte. Da ist also die Entscheidung. Bis dahin geht es hinauf, bis dahin impulsiert den Menschen die Kraft, die den Verstand gewissermaßen in seine Seele hineintreibt. Dann flutet diese Kraft ab, dann geht es allmählich hin zu dem Schattenhaftwerden des Verstandes. Und mit der Gründung Konstantins sieht man diesen Umschwung sich vollziehen vom Darinnenleben noch in der vollen Realität mit dem Verstande, wie man mit den alten Bildern in der vollen Realität gelebt hat, so daß man sich nicht unterschied von der äußeren Welt. Aber schon lebt auch im Menschen das Hintendieren zu dem Hinauskommen aus der Welt, indem alte Sagenbilder wie mit nüchternem Verstande in der Konstantingründung verwoben werden. An solchen Umschwüngen sieht man, was lebt in der Menschheitsentwickelung.
[ 31 ] Und nun kann man sich fragen: War das, was sich da auslebte als Verstand, was dann in der römischen Nüchternheit lebte, die alle Götter im Grunde genommen nur zu äußerlichen Symbolen für Staatsbegriffe und dergleichen oder für Naturerscheinungen machte, lebte in dem, was da herauskam, in dem, was.da sich entwickelte, nicht etwas wie ein Hintendieren nach der Wirkung des hebräischen Elementes, das ganz abgezogen war von der äußeren Natur und aus früheren Zeiten heraus das Innerliche brachte? Ich möchte sagen, es lebte sich im Süden von Europa, im Norden Afrikas, in Vorderasien aus, dieses Hintendieren, indem man die alte Bildhaftigkeit, die chaldäisch-ägyptische Bildhaftigkeit zu der Unbildhaftigkeit des mystischen Anschauens des All-Einen hinauf erkrampfte. Man mußte in diese Region hinein, nicht um sie krampfhaft auszubilden, aber um in ihr drinnen dann den Verstand voll erleben zu können. Es war die Vorbereitung zum Verstande hin, und man kann dieses Zeitalter nicht verstehen, wenn man nicht begreift das Ineinander-Verwobenwerden dieser Mystik am Ausgange des Altertums, dieser Mystik, die den Untergang des Römischen Reiches und das Heraufkommen des Verstandes begleitet.
[ 31 ] Und nun kann man sich fragen: War das, was sich da auslebte als Verstand, was dann in der römischen Nüchternheit lebte, die alle Götter im Grunde genommen nur zu äußerlichen Symbolen für Staatsbegriffe und dergleichen oder für Naturerscheinungen machte, lebte in dem, was da herauskam, in dem, was.da sich entwickelte, nicht etwas wie ein Hintendieren nach der Wirkung des hebräischen Elementes, das ganz abgezogen war von der äußeren Natur und aus früheren Zeiten heraus das Innerliche brachte? Ich möchte sagen, es lebte sich im Süden von Europa, im Norden Afrikas, in Vorderasien aus, dieses Hintendieren, indem man die alte Bildhaftigkeit, die chaldäisch-ägyptische Bildhaftigkeit zu der Unbildhaftigkeit des mystischen Anschauens des All-Einen hinauf erkrampfte. Man mußte in diese Region hinein, nicht um sie krampfhaft auszubilden, aber um in ihr drinnen dann den Verstand voll erleben zu können. Es war die Vorbereitung zum Verstande hin, und man kann dieses Zeitalter nicht verstehen, wenn man nicht begreift das Ineinander-Verwobenwerden dieser Mystik am Ausgange des Altertums, dieser Mystik, die den Untergang des Römischen Reiches und das Heraufkommen des Verstandes begleitet.
[ 32 ] Aber sehen Sie sich einmal diese ganze Entwickelung an. Im Süden hat sich krampfhaft hinbewegt gerade der gebildetste Teil der Bevölkerung zu dem Unsinnlich-Übersinnlichen, zu dem Bildlosen, zu dem Verschwimmen mit der Seele in dem All-Einen, um zum Verstande zu kommen. Angefacht wurde da die Weiterbildung des Verstandes, selbst in der Sprache, durch die tote Sprache des Lateinischen. Aber das Ganze war einseitig entstanden. Das Ganze war dadurch entstanden, daß sich gewissermaßen die Menschheit dieses Südens hinausgehoben hat über die Natur, und dieses Hinausheben über die Natur, das war schon vorbereitet in einer sozialen Erscheinung. Sie können sich diesen ganzen Vorgang auch bis hinein ins 4. nachchristliche Jahrhundert nicht anders denken, als daß sich auf der breiten Basis einer Sklavenbevölkerung heraushebt eine Bevölkerung der oberen Schichten, denn nur diese oberen Schichten können ein solches soziales Milieu entwickeln, so daß dieser Plotinismus möglich wird, daß dieses Unsinnlich-Übersinnliche, dieses Sich-Ausschließen von dem Natürlichen, eine Grundverfassung der Seele wird. Das kann dann aber auch den Verstand nur aufnehmen, man möchte sagen, mit dieser aus der vollen Menschheit herausdestillierten SeelenGeisthaftigkeit. Die hat sich im Süden Europas entwickelt, die war nicht von einer genügend intensiven Kraft durchsetzt, um das robuste Römische Reich zu tragen, die war durchsetzt mit der Kraft, die ägyptische Einsiedler erzeugen konnte, aber die nicht tragen konnte das robuste Römische Reich. Das Römische Reich konnte gerade noch durch diese Weltabgeschiedenheit sich für den Verstand anregen lassen, konnte den Verstand ausbilden, aber tragen konnten ihn nur die selber sozial getragenen oberen Zehntausend. Das Volk konnte ihn nicht ergreifen, nicht die ganze Menschheit. Da mußte der Rückweg zur Natur wiederum gemacht werden. Konstantin wollte einen Rückweg antreten. Er trat den Rückweg an nach Konstantinopel. Das war aber nur mit dem Verstande gemacht. Ein anderer Rückweg wurde angetreten. Dieser Rückweg bestand in dem Wege, der begangen werden mußte durch die Römer — wenn ich das jetzt auch etwas wie von der anderen Seite her darstelle — hin zu den Völkern, die ihnen frisches Blut und die Natur entgegenbrachten, zu den vom Norden herunterkommenden germanischen Völkern. Da war die Robustheit vorhanden, da konnte der Verstand aufgenommen werden mit dem Blute, mit dem Naturhaften. Schon Cäsar kämpfte gegen Pompejus mit germanischen Völkerscharen. Alle Siege der römischen Kaiserzeit wurden mit germanischen Söldnerscharen erkämpft. Und neben der, ich möchte sagen, abstrakten Tat der Begründung Konstantinopels steht die andere, konkrete des Konstantin, wo er den Maxentius besiegt mit germanisch-britischen, germanisch-gallischen und rein germanischen Menschen.
[ 32 ] Aber sehen Sie sich einmal diese ganze Entwickelung an. Im Süden hat sich krampfhaft hinbewegt gerade der gebildetste Teil der Bevölkerung zu dem Unsinnlich-Übersinnlichen, zu dem Bildlosen, zu dem Verschwimmen mit der Seele in dem All-Einen, um zum Verstande zu kommen. Angefacht wurde da die Weiterbildung des Verstandes, selbst in der Sprache, durch die tote Sprache des Lateinischen. Aber das Ganze war einseitig entstanden. Das Ganze war dadurch entstanden, daß sich gewissermaßen die Menschheit dieses Südens hinausgehoben hat über die Natur, und dieses Hinausheben über die Natur, das war schon vorbereitet in einer sozialen Erscheinung. Sie können sich diesen ganzen Vorgang auch bis hinein ins 4. nachchristliche Jahrhundert nicht anders denken, als daß sich auf der breiten Basis einer Sklavenbevölkerung heraushebt eine Bevölkerung der oberen Schichten, denn nur diese oberen Schichten können ein solches soziales Milieu entwickeln, so daß dieser Plotinismus möglich wird, daß dieses Unsinnlich-Übersinnliche, dieses Sich-Ausschließen von dem Natürlichen, eine Grundverfassung der Seele wird. Das kann dann aber auch den Verstand nur aufnehmen, man möchte sagen, mit dieser aus der vollen Menschheit herausdestillierten SeelenGeisthaftigkeit. Die hat sich im Süden Europas entwickelt, die war nicht von einer genügend intensiven Kraft durchsetzt, um das robuste Römische Reich zu tragen, die war durchsetzt mit der Kraft, die ägyptische Einsiedler erzeugen konnte, aber die nicht tragen konnte das robuste Römische Reich. Das Römische Reich konnte gerade noch durch diese Weltabgeschiedenheit sich für den Verstand anregen lassen, konnte den Verstand ausbilden, aber tragen konnten ihn nur die selber sozial getragenen oberen Zehntausend. Das Volk konnte ihn nicht ergreifen, nicht die ganze Menschheit. Da mußte der Rückweg zur Natur wiederum gemacht werden. Konstantin wollte einen Rückweg antreten. Er trat den Rückweg an nach Konstantinopel. Das war aber nur mit dem Verstande gemacht. Ein anderer Rückweg wurde angetreten. Dieser Rückweg bestand in dem Wege, der begangen werden mußte durch die Römer — wenn ich das jetzt auch etwas wie von der anderen Seite her darstelle — hin zu den Völkern, die ihnen frisches Blut und die Natur entgegenbrachten, zu den vom Norden herunterkommenden germanischen Völkern. Da war die Robustheit vorhanden, da konnte der Verstand aufgenommen werden mit dem Blute, mit dem Naturhaften. Schon Cäsar kämpfte gegen Pompejus mit germanischen Völkerscharen. Alle Siege der römischen Kaiserzeit wurden mit germanischen Söldnerscharen erkämpft. Und neben der, ich möchte sagen, abstrakten Tat der Begründung Konstantinopels steht die andere, konkrete des Konstantin, wo er den Maxentius besiegt mit germanisch-britischen, germanisch-gallischen und rein germanischen Menschen.
[ 33 ] In dem abstrakten Elemente, zu dem man hingegangen war, konnte sich die Seelenverfassung der ägyptischen Einsiedler erzeugen, die Seelenverfassung derer, die sich zurückzogen auf den Monte Cassino, aber es reichte das nicht aus zum Tragen der robusten Weltgeschichte. Da mußte eingreifen, was auf einer früheren Stufe zurückgeblieben war. Ungefähr um einen ganzen Zeitraum zurückgeblieben waren die Völkerschaften, die da hinunterstiegen. Sie brachten noch diejenige Frische mit, wie sie auch schon in einer früheren, höheren Blüte gelebt hatte, aber wenigstens noch frisch gelebt hat im 12., 13., 14. vorchristlichen Jahrhundert in Griechenland und Vorderasien. Was da lebte an innerer Seelenkraft, an Willenskraft, an Emotionellem, das wurde im germanischen Element dem Römertum entgegengetragen. Und jetzt nahm ein Volk mit seinem ganzen Menschentum dasjenige auf, was im Süden in abstrakter Höhe ausgebildet worden war. Und in diesem Aufnehmen, da liegt die Möglichkeit, wiederum Realismus hineinzubringen, Wirklichkeit hineinzubringen in dasjenige, was uninstinktiv, unwirklich geworden war und daher nur zum Untergang des Römischen Reiches führen konnte. Da wurde intensive Kraft, da wurde Reales in den Gang des Menschheitswerdens hineingebracht. Da bereitete sich vor, was den Menschen, der zum Verstande, das heißt, zu seiner Innerlichkeit und dann zur Bewußtseinsseele gekommen war, in der er aber nur noch den Schatten des Verstandes hatte, was diesen Menschen zurückführte zu dem, was er aus dem Sinn verloren hatte: zur Natur. Mit dem Aufsteigen der Bewußtseinsseele ist das Aufkeimen der Naturanschauung verbunden. Wie man das im Genaueren sich vorzustellen habe, davon wollen wir morgen sprechen.
[ 33 ] In dem abstrakten Elemente, zu dem man hingegangen war, konnte sich die Seelenverfassung der ägyptischen Einsiedler erzeugen, die Seelenverfassung derer, die sich zurückzogen auf den Monte Cassino, aber es reichte das nicht aus zum Tragen der robusten Weltgeschichte. Da mußte eingreifen, was auf einer früheren Stufe zurückgeblieben war. Ungefähr um einen ganzen Zeitraum zurückgeblieben waren die Völkerschaften, die da hinunterstiegen. Sie brachten noch diejenige Frische mit, wie sie auch schon in einer früheren, höheren Blüte gelebt hatte, aber wenigstens noch frisch gelebt hat im 12., 13., 14. vorchristlichen Jahrhundert in Griechenland und Vorderasien. Was da lebte an innerer Seelenkraft, an Willenskraft, an Emotionellem, das wurde im germanischen Element dem Römertum entgegengetragen. Und jetzt nahm ein Volk mit seinem ganzen Menschentum dasjenige auf, was im Süden in abstrakter Höhe ausgebildet worden war. Und in diesem Aufnehmen, da liegt die Möglichkeit, wiederum Realismus hineinzubringen, Wirklichkeit hineinzubringen in dasjenige, was uninstinktiv, unwirklich geworden war und daher nur zum Untergang des Römischen Reiches führen konnte. Da wurde intensive Kraft, da wurde Reales in den Gang des Menschheitswerdens hineingebracht. Da bereitete sich vor, was den Menschen, der zum Verstande, das heißt, zu seiner Innerlichkeit und dann zur Bewußtseinsseele gekommen war, in der er aber nur noch den Schatten des Verstandes hatte, was diesen Menschen zurückführte zu dem, was er aus dem Sinn verloren hatte: zur Natur. Mit dem Aufsteigen der Bewußtseinsseele ist das Aufkeimen der Naturanschauung verbunden. Wie man das im Genaueren sich vorzustellen habe, davon wollen wir morgen sprechen.
