The Emergence of Natural Science
in World History
and its Subsequent Development
GA 326
24 December 1922, Dornach
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The Emergence of Natural Science, tr. SOL
Erster Vortrag
First Lecture
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden und lieben Freunde! Sie haben sich auch von auswärtigen Orten hier zu diesem Weihnachten zusammengefunden, um innerhalb des Goetheanums einiges zu arbeiten und zu verarbeiten, das auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft liegt, und ich möchte Ihnen beim Ausgangspunkte unserer betrachtenden Arbeiten, insbesondere den von auswärts hergekommenen Freunden oder Interessenten unserer Sache einen herzlichsten Gruß, einen herzlichsten Weihnachtsgruß entgegenbringen. Dasjenige, was ich selbst, durch die mannigfaltigsten Arbeiten in Anspruch genommen, gerade in der gegenwärtigen Zeit werde bieten können, werden ja nur Anregungen nach der einen oder anderen Richtung sein können. Allein dasjenige, was sich neben solchen Anregungen, die durch meine und anderer Vorträge kommen sollen, ergeben möchte, das ist ja ein zusammenstimmendes Fühlen und Denken derjenigen Persönlichkeiten, die sich innerhalb unseres Goetheanums finden. Und so darf ich wohl hoffen, daß diejenigen Freunde, die immer oder wenigstens längere Zeit hier am Goetheanum verweilen, und mit demselben in irgendeiner Weise dauernd verbunden sind, in Herzlichkeit entgegenkommen denjenigen, welche von auswärts hergekommen sind. Denn in diesem harmonischen Zusammenarbeiten, Zusammendenken und Zusammenfühlen soll sich ja dasjenige entwickeln, was gewissermaßen als die Seele aller Arbeit am Goetheanum dastehen soll, das Erkennen, das Erfühlen des geistigen Webens und Wesens der Welt, das Wirken aus diesem geistigen Wesen und Weben der Welt heraus. Und je mehr das Realität wird, was uns als Ideal voranleuchten muß, daß das Nebeneinanderhergehen der einzelnen Interessenten der anthroposophischen Weltanschauung auch ein wirkliches gesellschaftliches Zusammen- und Ineinanderwirken werde, desto mehr kann das wirklich zutage treten, was hier zutage treten soll.
[ 1 ] My esteemed guests and dear friends! You have also gathered here from distant places this Christmas to engage in and process, within the Goetheanum, matters pertaining to the field of spiritual science, and as we begin our contemplative work, I would like to extend my warmest greetings—and my warmest Christmas greetings—especially to those friends and supporters of our cause who have come from afar. What I myself—being occupied with a wide variety of tasks—will be able to offer at this particular time can only be suggestions in one direction or another. However, what may emerge alongside such suggestions—which will come through my lectures and those of others—is a harmonious feeling and thinking among the individuals gathered here within our Goetheanum. And so I may well hope that those friends who reside here at the Goetheanum permanently or at least for extended periods, and who are permanently connected to it in some way, will welcome warmly those who have come from afar. For it is in this harmonious collaboration, shared thinking, and shared feeling that what is to stand, as it were, as the soul of all work at the Goetheanum is to develop: the recognition and feeling of the spiritual weaving and essence of the world, and the working that arises from this spiritual essence and weaving of the world. And the more that which must shine before us as an ideal—that the walking side by side of the individual adherents of the anthroposophical worldview may also become a genuine social interaction and interplay—becomes a reality, the more that which is meant to come to light here can truly come to light.
[ 2 ] Im Hinblick auf diese Hoffnungen, meine sehr verehrten Anwesenden, heiße ich alle diejenigen, die von auswärts herbeigekommen sind, diejenigen, die hier dauernder mit dem Goetheanum verbunden sind, auf das Allerherzlichste willkommen.
[ 2 ] In light of these hopes, my dear friends here today, I extend the warmest of welcomes to all those who have come from afar, as well as to those who are permanently connected to the Goetheanum.
[ 3 ] Dasjenige, was ich in diesen Kursvorträgen an einzelnen Anregungen werde zu geben versuchen, hängt scheinbar zunächst nicht mit dem Weihnachtsgedanken und den Weihnachtsempfindungen zusammen; aber innerlich, meine ich, hängt es doch zusammen. Streben wir ja doch innerhalb alles desjenigen, was aus dem Goetheanum heraus erarbeitet werden soll, zu einer gewissen Neugeburt, einer geistigen Erkenntnis, eines dem Geiste geweihten Fühlens, eines aus dem Geiste heraus getragenen Wollens. Und das ist, wenn auch in einem späteren Abglanz, ja auch in gewissem Sinne die Geburt eines ÜbersinnlichGeistigen und symbolisiert in realem Sinne den Weihnachtsgedanken, die Geburt jenes Geistwesens, das eine Neubefruchtung aller Menschheitsentwickelung auf Erden hervorgebracht hat. Und so möchte ich dennoch diese Betrachtungen als mit dem Charakter einer Weihnachtsbetrachtung ausgestattet sehen.
[ 3 ] What I will attempt to offer in these course lectures through individual insights may at first glance seem unrelated to the spirit of Christmas and the feelings associated with it; but inwardly, I believe, there is a connection. After all, in everything that is to be developed from the Goetheanum, we are striving for a certain rebirth, a spiritual insight, a feeling consecrated to the spirit, and a will sustained by the spirit. And this is, even if only as a later reflection, indeed in a certain sense the birth of the supersensible-spiritual and symbolizes, in a real sense, the Christmas spirit—the birth of that spiritual being that has brought about a renewal of the entire development of humanity on Earth. And so I would nevertheless like to regard these reflections as imbued with the character of a Christmas meditation.
[ 4 ] Wenn das Thema gerade den Entwickelungsmoment herausarbeiten soll, in dem die naturwissenschaftliche Denkungsart in die moderne Menschheitsentwickelung eingetreten ist, so widerspricht das nicht der Intention, die ich eben geäußert habe, denn wer sich erinnert an dasjenige, was ich vor jetzt schon vielen Jahren dargestellt habe in meinem Buche: «Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens und ihr Verhältnis zur naturwissenschaftlichen Vorstellungsart», der wird sich schon sagen können, daß für mich dasjenige gilt, was ich nennen möchte das Schauen des Embryonallebens einer neuen Geistigkeit in der Hülle naturwissenschaftlicher Vorstellungsarten. Meine Meinung muß sein aus der sachlichen Betrachtung heraus, daß der naturwissenschaftliche Weg, den die neuere Menschheit gegangen ist, wenn er richtig verstanden ist, kein irrtümlicher ist, sondern ein richtiger, daß er aber, wenn er richtig angesehen wird, den Keim einer neuen GeistErkenntnis und einer neuen geistigen Willenstätigkeit in sich trägt. Und von diesem Gesichtspunkte aus möchte ich auch diese Vorträge halten. Sie sollen nicht gehalten werden etwa, um eine Gegnerschaft gegenüber der Naturwissenschaft zu betonen, sie sollen gehalten werden gerade zu dem Ziel und aus der Intention heraus, aus der fruchtbaren naturwissenschaftlichen Forschungsart der neueren Zeit Keime zu einem Geistesleben zu finden. Es wurde dies ja von mir zu den verschiedensten Zeiten auf die verschiedenste Weise gesagt. Und einzelne Vorträge, die ich auf verschiedenen Gebieten des naturwissenschaftlichen Denkens gehalten habe, zeigen auch in Einzelheiten den Weg, den ich mehr im großen durch diese Vorträge charakterisieren will.
[ 4 ] If the topic is intended to highlight the specific moment in history when the scientific way of thinking entered the course of modern human development, this does not contradict the intention I have just expressed; for anyone who recalls what I presented many years ago in my book: “Mysticism at the Dawn of Modern Spiritual Life and Its Relationship to the Scientific Mode of Thought,” will be able to say that what applies to me is what I would like to call the perception of the embryonic life of a new spirituality within the framework of scientific modes of thought. My view, based on objective observation, must be that the scientific path taken by modern humanity—when properly understood—is not an erroneous one, but a correct one; yet, when viewed correctly, it carries within itself the seed of a new spiritual insight and a new spiritual activity of the will. And it is from this perspective that I would also like to deliver these lectures. They are not intended, for example, to emphasize opposition to natural science; rather, they are intended precisely for the purpose and with the intention of finding within the fruitful scientific research methods of recent times the seeds of a spiritual life. I have, after all, expressed this on various occasions and in various ways. And individual lectures I have given in various fields of scientific thought also illustrate in detail the path that I wish to characterize more broadly through these lectures.
[ 5 ] Wer den eigentlichen Sinn der naturwissenschaftlichen Forschungen der neueren Zeit mit der dahinterstehenden oder wenigstens dahinter möglichen menschlichen Denkweise kennenlernen will, der muß schon um einige Jahrhunderte zurückgehen. Denn man kann leicht das innere Wesen der naturwissenschaftlichen Vorstellung verkennen, wenn man es nur aus der unmittelbaren Gegenwart auffassen will. Man lernt dieses wirkliche Wesen der naturwissenschaftlichen Forschung nur kennen, wenn man das Werden derselben durch einige Jahrhunderte verfolgt. Und wir werden, wenn wir ein solches Verfolgen suchen, zurückgewiesen zu einem Zeitpunkte, der von mir oftmals als ein wichtiger in der ganzen neueren Entwickelung der Menschheit gekennzeichnet worden ist, wir werden in das 14., 15. Jahrhundert zurückgewiesen, in jene Zeit, in welcher ein ganz andersgeartetes menschliches Vorstellen, das noch das Mittelalter hindurch tätig ist, abgelöst wird durch die erste Morgendämmerung desjenigen Denkens, in dem wir heute voll drinnenstehen. Und es begegnet uns in dieser Morgendämmerung der neueren Zeit beim Rückblick eine Persönlichkeit, an der wir gewissermaßen alles sehen können, was Übergang ist aus einer früheren Denkweise in eine spätere, es begegnet uns in dieser Morgendämmerung, in der aber noch vieles lebt von Erinnerungen an dasjenige, was vorangegangen ist, Nikolaus Cusanus, der auf der einen Seite der große Kirchenmann war, der auf der anderen Seite einer der größten Denker aller Zeiten war. Und es begegnet uns in diesem Kardinal Nikolaus Cusanus, der als der Sohn eines Schiffers und Winzers im westlichen Deutschland 1401 geboren ist, der 1464 als ein verfolgter Kirchenmann gestorben ist, es begegnet uns in ihm eine Persönlichkeit, die wahrscheinlich sich selbst außerordentlich gut verständlich war, die aber in einer gewissen Beziehung dem nachherigen Beobachter für das Verständnis außerordentliche Schwierigkeiten macht.
[ 5 ] Anyone who wishes to understand the true meaning of modern scientific research—along with the underlying, or at least the potential, human way of thinking behind it—must go back several centuries. For it is easy to misunderstand the inner nature of scientific thought if one attempts to grasp it solely from the immediate present. One can only come to know this true essence of scientific research by tracing its development over several centuries. And when we seek to do so, we are led back to a point in time that I have often characterized as a pivotal one in the entire modern development of humanity, we are led back to the 14th and 15th centuries, to that era in which a wholly different mode of human thought—one that remained active throughout the Middle Ages—was supplanted by the first dawn of the very thinking in which we are fully immersed today. And as we look back at this dawn of the modern era, we encounter a figure in whom we can, so to speak, see everything that constitutes the transition from an earlier way of thinking to a later one; we encounter him in this dawn, in which, however, much still lives on in memories of what has gone before: Nicholas of Cusa, who on the one hand was a great man of the Church, and on the other hand was one of the greatest thinkers of all time. And we encounter this in Cardinal Nicholas of Cusa, who was born in 1401 in western Germany as the son of a boatman and a winegrower, and who died in 1464 as a persecuted man of the Church; in him we encounter a figure who probably understood himself exceptionally well, but who, in a certain respect, presents extraordinary difficulties for the later observer to comprehend.
[ 6 ] Der spätere Kardinal Nikolaus Cusanus ist also als der Sohn eines Winzers und Schiffers in der Rheingegend im westlichen Deutschland geboren. Er erhielt seine erste Erziehung in jener Gemeinschaft, die den Namen erhalten hat «Die Brüder vom gemeinsamen Leben». Da nimmt er seine ersten Jugendeindrücke auf. Diese Jugendeindrücke sind sonderbarer Art. Gewiß lebte wohl schon in dem Knaben Nikolaus etwas von einem menschlichen Ehrgeiz, der aber gemildert war durch eine außerordentlich geniale Begabung im Überschauen desjenigen, was in der Wirklichkeit des sozialen Lebens, also der sozialen Gegenwart des Nikolaus Cusanus notwendig war. Die Brüder des gemeinsamen Lebens waren eine Gemeinschaft, in der sich zusammengefunden haben solche Leute, die aus dem Innersten ihres Gemütes heraus unzufrieden waren sowohl mit den Kircheninstitutionen, wie auch mit demjenigen, was ja damals mehr oder weniger in der Kirche in Opposition gegen dieselbe darinnen stand; welche unzufrieden waren auch mit Mönchtum und Ordenswesen.
[ 6 ] The future Cardinal Nicholas of Cusa was thus born in the Rhine region of western Germany as the son of a winegrower and a boatman. He received his early education in the community known as “The Brothers of the Common Life.” It was there that he absorbed his first impressions of youth. These youthful impressions were of a rather unusual nature. Certainly, even as a boy, Nicholas already possessed a certain degree of human ambition; however, this was tempered by an extraordinarily brilliant gift for discerning what was truly necessary in the reality of social life—that is, in Nicholas of Cusa’s social reality. The Brothers of the Common Life were a community that brought together people who, from the very depths of their hearts, were dissatisfied both with ecclesiastical institutions and with what at that time more or less constituted opposition within the Church itself; they were also dissatisfied with monasticism and religious orders.
[ 7 ] Die Brüder vom gemeinsamen Leben waren in einer gewissen Weise mystische Revolutionäre. Sie wollten alles dasjenige, was sie als ihr Ideal ansahen, eigentlich nur erreichen durch die Verinnerlichung eines friedvollen und in menschlicher Brüderlichkeit vollbrachten Lebens. Sie wollten nicht eine auf Gewalt begründete Herrschaft, wie sie die äußere Kirche hatte und damals wahrlich in keiner sympathischen Gestalt verwirklichte. Sie wollten aber auch nicht weltfremd werden wie die Angehörigen des Mönchtums. Sie hielten sehr auf äußere Sauberkeit, sie hielten darauf, daß ein jeglicher von ihnen seine Pflicht im äußeren Leben, in den Einzelheiten des Berufes, innerhalb welchem er stand, erfüllte, treu und fleißig erfüllte. Sie wollten sich nicht von der Welt zurückziehen, sie wollten sich nur in einem der wirklichen Arbeit gewidmeten Leben jeweilig zurückziehen in die Tiefen ihrer Seelen, um neben der äußeren Lebenswirklichkeit, die sie als volle Lebenspraxis anerkannten, Tiefe und Innerlichkeit eines religiös-geistigen Empfindens finden zu können. Und so war diese Gemeinschaft eine solche, welche vor allen Dingen menschliche Eigenschaften als die Atmosphäre ausbildete, in welcher eine gewisse Gottinnigkeit und Geistinnigkeit leben sollte. In Deventer in Holland wurde Nikolaus Cusanus innerhalb dieser Gemeinschaft erzogen. Die anderen Angehörigen, wenigstens die meisten dieser Gemeinschaft der Brüder des gemeinsamen Lebens, waren zumeist solche Leute, welche eben in engumschränkten Kreisen ihre Pflichten vollführten und dann, man möchte sagen, im stillen Kämmerlein ihren Weg zu Gott und zur geistigen Welt suchten.
[ 7 ] The Brothers of the Common Life were, in a certain sense, mystical revolutionaries. They sought to achieve everything they regarded as their ideal solely through the internalization of a life lived in peace and human brotherhood. They did not want a rule based on violence, as the external Church had and, at that time, truly did not embody in any sympathetic form. Nor, however, did they want to become detached from the world like the members of monastic orders. They placed great importance on outward cleanliness; they insisted that each of them fulfill his duty in outward life—in the details of the profession in which he was engaged—faithfully and diligently. They did not wish to withdraw from the world; they merely wished, within a life devoted to real work, to withdraw into the depths of their souls so that, alongside the external reality of life—which they recognized as the full practice of life—they might find the depth and inwardness of a religious and spiritual sensibility. And so this community was one that, above all, fostered human qualities as the atmosphere in which a certain divine and spiritual nature was to thrive. In Deventer, Holland, Nicholas of Cusa was raised within this community. The other members—at least the majority of this community of the Brothers of the Common Life—were for the most part people who fulfilled their duties within narrowly defined circles and then, one might say, sought their path to God and the spiritual world in the quiet privacy of their own rooms.
[ 8 ] Nikolaus war eine Natur, welche veranlagt war dazu, sich hinzustellen und Organisation unter den Menschen im sozialen Leben durch die Kraft seiner Erkenntnis, durch die Kraft seines aus der Erkenntnis herausquillenden Willens zu verwirklichen. Und so fügte bald der innere Drang, der in Nikolaus von Kues veranlagt war, zu der Innigkeit des Bruderlebens das Bestreben, in einem größeren Maße, in einem stärkeren Maße in die Welt hinaustreten zu können. Das wurde ihm zunächst dadurch, daß er die Rechtswissenschaft studierte. Nur muß bedacht werden, daß in der damaligen Zeit, in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts, die einzelnen Wissenschaften viel mehr Berührungspunkte miteinander hatten, als das später oder gar in unserer Zeit der Fall war und ist. So übte Nikolaus Cusanus eine Zeitlang die Rechtspraxis aus. Allein gerade die Zeit, in der er lebte, war ja eine solche, in der ein Chaotisches im sozialen Leben sich in alle Kreise hinein erstreckte. Und so wurde er bald der Rechtspraxis überdrüssig und ließ sich als Priester der katholischen Kirche einkleiden. Er war dasjenige, was er jeweilig geworden war, ganz. Und so war er auch jetzt ganz Priester der damaligen Papstkirche. Er wirkte so auf den verschiedenen geistlichen Stellen, die ihm anvertraut wurden, er wirkte aber insbesondere so auf dem Konzil zu Basel. Da stellte er sich an die Spitze der Minorität, jener Minorität, welche eigentlich zuletzt das Bestreben hatte, die absolute Macht des päpstlichen Stuhles aufrechtzuerhalten. Die Majorität, die zum größten Teil aus Bischöfen und Kardinälen des Westens bestand, sie strebte, ich möchte sagen, eine mehr demokratische Art der Kirchenverwaltung an. Der Papst sollte den Konzilien unterstellt werden. Es führte das ja zu der Spaltung des Konzils. Diejenigen, die Anhänger des Nikolaus Cusanus waren, verlegten den Konzilssitz nach dem Süden; die anderen blieben in Basel, stellten einen Gegenpapst auf. Aber Nikolaus blieb fest in seiner Verteidigung des absoluten Papsttums. Man kann sich, wenn man genügend Einsicht hat, wohl vorstellen, welche Empfindungen Nikolaus Cusanus dazu drängten, man kann sich vorstellen, wie er sich sagte: Dasjenige, was heute aus einer Mehrheit herauskommen kann, das kann doch nur gewissermaßen eine etwas sublimierte Art des allgemeinen Chaos werden, das wir schon haben. Dasjenige, was er wollte, war eine feste Hand, um Organisation und Ordnung herbeizuführen. Er wollte allerdings die Taten dieser festen Hand durchdrungen haben von Einsicht, aber er wollte doch diese feste Hand. Und diese Forderung machte er auch geltend, als er später, nach Mitteleuropa geschickt, für die Befestigung der Papstkirche eintrat. So ward er eigentlich, man möchte sagen, mit Selbstverständlichkeit dazu bestimmt, ein Kardinal der damaligen Papstkirche zu werden.
[ 8 ] Nicholas was a person who was predisposed to step forward and bring about organization among people in social life through the power of his insight and through the power of his will, which sprang from that insight. And so the inner urge inherent in Nicholas of Cusa soon added to the intimacy of monastic life the aspiration to be able to step out into the world to a greater and stronger extent. This was initially achieved through his study of law. It must be borne in mind, however, that in those days—the first half of the 15th century—the various fields of knowledge had far more points of contact with one another than was the case later on, or even in our own time. Thus, Nicholas of Cusa practiced law for a time. Yet the very era in which he lived was one in which social chaos permeated all spheres of life. And so he soon grew weary of legal practice and was ordained as a priest of the Catholic Church. He was fully and completely what he had become. And so he was now, too, fully a priest of the papal Church of that time. He served in this capacity in the various ecclesiastical offices entrusted to him, but he was particularly active at the Council of Basel. There he placed himself at the head of the minority—that minority which, in the end, actually sought to uphold the absolute power of the papal see. The majority, consisting largely of bishops and cardinals from the West, sought—I would say—a more democratic form of church administration. The pope was to be subject to the councils. This, of course, led to the schism at the council. Those who were followers of Nicholas of Cusa moved the council’s seat south; the others remained in Basel and installed an antipope. But Nicholas remained steadfast in his defense of the absolute papacy. If one has sufficient insight, one can well imagine the feelings that drove Nicholas of Cusa in this regard; one can imagine how he told himself: What may emerge today from a majority can, in a sense, only become a somewhat sublimated form of the general chaos we already have. What he wanted was a firm hand to bring about organization and order. He certainly wanted the actions of this firm hand to be guided by insight, but he still wanted this firm hand. And he asserted this demand when, later, after being sent to Central Europe, he advocated for the consolidation of the papal church. Thus, one might say, he was naturally destined to become a cardinal of the papal church of that time.
[ 9 ] Ich sagte vorher, es ist etwas Merkwürdiges, daß wahrscheinlich Nikolaus sich selber sehr gut verstanden hat, daß aber der nachherige Beobachter Schwierigkeiten hat im Verständnis dieser Persönlichkeit. Das wird uns besonders klar, wenn wir nun den Verteidiger des absoluten Papsttums überall herumziehen sehen und in ihm finden — wenigstens wenn wir die Worte unmittelbar nehmen, die er gesprochen hat — einen fanatischen Verteidiger dieser päpstlich gefärbten Christenheit des Abendlandes, zum Beispiel gegen die hereinbrechende Türkengefahr der damaligen Zeit. Und es waren flammende Worte auf der einen Seite, die der dazumal schon im Heimlichen wahrscheinlich zum Kardinal ernannte Nikolaus Cusanus sprach gegen die Ungläubigen, flammende Worte, mit denen er aufforderte die europäische Zivilisation, Front zu machen gegen dasjenige, was von Asien herüberkam als Türken. Aber es wirkt wieder merkwürdig, wenn wir auf der anderen Seite eine Schrift von Nikolaus Cusanus in die Hand nehmen, die wahrscheinlich mitten in diesen fanatischen Kämpfen, die er gegen die Türken führte, entstanden ist, so daß wir uns vorstellen können: Da predigt Nikolaus Cusanus in der flammendsten Weise gegen die herandrängende Türkengefahr und stachelt die Gemüter auf, gegen diese Türkengefahr sich zu richten, Europas Zivilisation zu retten. Dann setzt er sich an den Schreibtisch hin und schreibt nieder eine Abhandlung darüber, wie im Grunde genommen Christen und Juden und Heiden und Mohammedaner alle, wenn man sie nur richtig versteht, erzogen werden können zu friedevollem Zusammenwirken, zu der Verehrung und Erkenntnis des einen, allmenschlichen Gottes, wie im Grunde genommen im Christen, Juden, Mohammedaner und Heiden ein Gemeinsames lebt, das nur herausgefunden zu werden braucht, um Friede unter allen Menschen zu stiften. Und so sehen wir ausfließen in der stillen Kammer dieser Persönlichkeit die friedevollste Stimmung gegenüber allen Religionen und Konfessionen, und wir sehen oder hören, wenn sie öffentlich spricht, die fanatischsten Worte, die zum Kampf auffordern.
[ 9 ] I said earlier that it is somewhat curious that Nicholas probably understood himself very well, but that the later observer has difficulty understanding this personality. This becomes particularly clear to us when we see him traveling far and wide as a defender of absolute papal authority and recognize in him—at least if we take his words at face value—a fanatical defender of this papally colored Western Christianity, for example, against the looming Turkish threat of that time. And on the one hand, there were fiery words spoken by Nicholas of Cusa—who had likely already been secretly appointed a cardinal at that time—against the infidels; fiery words with which he called on European civilization to take a stand against what was coming from Asia in the form of the Turks. But it strikes us as strange again when, on the other hand, we pick up a text by Nicholas of Cusa that was likely written in the midst of these fanatical battles he waged against the Turks, so that we can imagine: There, Nicholas of Cusa preaches in the most impassioned manner against the encroaching Turkish threat and stirs up the spirits to rally against this threat and save European civilization. Then he sits down at his desk and writes a treatise on how, fundamentally, Christians, Jews, pagans, and Muslims—all of them—if only they are properly understood, can be educated to live together in peace, to worship and recognize the one God common to all humanity, just as, fundamentally, there exists a commonality among Christians, Jews, Muslims, and pagans—that it merely needs to be discovered in order to establish peace among all people. And so, in the quiet confines of this individual’s mind, we see the most peaceful attitude toward all religions and denominations, yet when she speaks in public, we see or hear the most fanatical words calling for battle.
[ 10 ] Das sind solche Dinge, die es schwierig machen, eine Persönlichkeit wie Nikolaus Cusanus zu verstehen. Allein derjenige muß sie verstehen, der wirklich mit einsichtigem Blicke in die Zeit hineinschaut. Und man wird sie am leichtesten verstehen, wenn man sie herausversteht aus dem ganzen Gang der inneren Geistesentwickelung ihres Zeitalters. Wir wollen nicht kritisieren, wir wollen zunächst diesen äußeren, in sprudelnder Tätigkeit begriffenen Mann, der also wirkte, wie ich es geschildert habe, anschauen nach der einen Seite, und wollen jetzt einmal anschauen, was in seiner Seele lebte, wollen die zwei Seiten einfach nebeneinanderstellen.
[ 10 ] These are the kinds of things that make it difficult to understand a figure like Nicholas of Cusa. Only those who truly look at that era with discerning eyes can understand them. And they are most easily understood when viewed in the context of the entire course of the inner spiritual development of his era. We do not wish to criticize; we wish first to look at this outwardly dynamic man—who was so active, as I have described—from one perspective, and now to examine what lived within his soul; we simply want to set these two sides side by side.
[ 11 ] Was in der Seele des Nikolaus Cusanus vorging, man kann es am besten beobachten, wenn man die Stimmung dieser Persönlichkeit studiert, in der sie war, als er zurückkehrte von einer Mission, die er im Auftrage des Papsttums in Konstantinopel auszuführen hatte, wo er zu wirken hatte für die Versöhnung der abendländischen und morgenländischen Kirche. Auf der Rückfahrt, als er auf dem Schiffe ist, im Anblicke des gestirnten Himmels, geht ihm auf der Grundgedanke, man könnte auch sagen, das Grundgefühl jener Schrift, die er dann 1440 veröffentlichte unter dem Titel: «De docta ignorantia» — Von der gelehrten Unwissenheit. — Welche Stimmung lebt sich in dieser «docta ignorantia» aus? Nun, der Kardinal Nikolaus Cusanus hat natürlich längst aufgenommen in seiner Seele alles dasjenige, was durch das Mittelalter hindurch an Geist-Erkenntnis getrieben worden ist. Der Kardinal Nikolaus Cusanus war wohl bewandert in alledem, was der wiedererstandene Platonismus und auch der wiedererstandene Aristotelismus im Mittelalter erarbeitet hatten. Der Kardinal Nikolaus Cusanus war natürlich tief bekannt mit alldem, wie zum Beispiel Thomas Aquinas gesprochen hat über geistige Welten eben so, wie wenn es den Menschenbegriffen das Natürlichste wäre, von der Sinneserkenntnis zur Geist-Erkenntnis aufzusteigen. Der Kardinal Nikolaus Cusanus verband mit alldem, was mittelalterliche Theologie war, eine gründliche Kenntnis desjenigen, was in der damaligen Zeit an mathematischen Erkenntnissen den Menschen zugänglich war. Nikolaus war ein außerordentlich guter Mathematiker, so daß sich das Gefüge seiner Seele zusammensetzte auf der einen Seite aus dem Bestreben, durch die theologischen Grundbegriffe sich zu erheben zu jener Geistwelt, die als göttliche sich dem Menschen offenbart; auf der anderen Seite lebte in dieser Seele alles dasjenige, was an innerer Denkdisziplin, an innerer Denkstrenge und auch an innerer Denksicherheit dem Menschen wird, wenn er sich in das mathematische Gebiet vertieft.
[ 11 ] The best way to understand what was going on in the soul of Nicholas of Cusa is to study the state of mind he was in when he returned from a mission he had been sent on by the papacy to Constantinople, where he was to work toward the reconciliation of the Western and Eastern Churches. On the return journey, while he was on the ship, gazing at the starry sky, the fundamental idea—or, one might say, the fundamental feeling—of that treatise came to him, which he then published in 1440 under the title *De docta ignorantia*—“On Learned Ignorance.” —What mood is expressed in this *docta ignorantia*? Well, Cardinal Nicholas of Cusa had, of course, long since absorbed into his soul all that had been achieved in spiritual insight throughout the Middle Ages. Cardinal Nicholas of Cusa was well versed in everything that revived Platonism and revived Aristotelianism had developed during the Middle Ages. Cardinal Nicholas of Cusa was, of course, deeply familiar with all of this—such as how Thomas Aquinas spoke of spiritual worlds, as if it were the most natural thing in the world for human understanding to ascend from sensory knowledge to spiritual knowledge. Cardinal Nicholas of Cusa combined all of medieval theology with a thorough knowledge of the mathematical insights available to people at that time. Nicholas was an exceptionally gifted mathematician, so that the fabric of his soul was composed, on the one hand, of the aspiration to rise, through fundamental theological concepts, to that spiritual world which reveals itself to humanity as divine; on the other hand, this soul embodied all that comes to a person in terms of inner intellectual discipline, inner rigor of thought, and inner certainty of thought when he immerses himself in the realm of mathematics.
[ 12 ] So war auf der einen Seite Nikolaus ein inniger und auf der anderen Seite ein sicherer Denker. Im Anblick des gestirnten Himmels, als er von Konstantinopel herüberfuhr nach dem mehr westlichen Europa, da löste sich dasjenige, was bisher in der charakterisierten Zweiheit dahinfloß, dasjenige, was bisher in seiner Seele als Stimmung gelebt hatte, in das Folgende. Er empfand von dieser Fahrt an die Gottheit als etwas außerhalb des menschlichen Begriffs- und Ideenwissens Liegendes. Er sagte sich: Mit unserem Begriffs- und Ideenwissen können wir hier auf Erden leben, wir können uns mit unserer Erkenntnis durch diese Begriffe und Ideen ausbreiten über dasjenige, was uns in den Reichen der Natur umgibt. Aber diese Begriffe werden lahmer und immer lahmer, wenn wir den Blick hinaufwenden wollen zu demjenigen, was sich als Göttliches offenbart. Und dasjenige, was in der Scholastik zwischen der menschlichen Erkenntnis und der Offenbarung als ein Abgrund sich aufgetan hatte aus einem ganz anderen Gesichtspunkte heraus, das wurde bei Nikolaus innerste Seelenstimmung, persönlichste Herzensangelegenheit. Er hat wohl oftmals in seiner Seele diesen Ausblick getan und in Gedanken den Weg gemacht, wie der Gedanke sich zuerst erstreckt über dasjenige, was uns in dem Reiche der Natur umgibt, wie der Gedanke dann sich erheben will von diesem Reiche der Natur zur Göttlichkeit der Gedanken, wie er da immer dünner und dünner wird und endlich vollständig in Nichts zerflattert und nun weiß: Jenseits dieses Nichts, in das er als Gedanke zerflattert ist, liegt nun erst die Gottheit. Und nur wenn der Mensch in inniger Liebe, die er abseits von gedanklichem Leben entwickelt, den Weg, den dieser Gedanke im Blicke durchmacht, noch ein wenig weiter machen kann, wenn die Liebe einen Vorsprung gewinnt über den Gedanken, dann kann diese Liebe sich hineinerstrecken in dasjenige Gebiet, wohin das Gedankenwissen nicht reicht. Und so wurde es Nikolaus Cusanus eine Herzensangelegenheit, hinzuweisen auf das eigentlich göttliche Gebiet als auf dasjenige, vor dem der menschliche Gedanke erlahmt, vor dem das menschliche Wissen in Nichts zerflattert: docta ignorantia — gelehrte Unwissenheit. Und wenn die Gelehrsamkeit, wenn das Wissen, so sagte sich Nikolaus Cusanus, im edelsten Sinne die Gestalt annimmt, daß es sich selber aufgibt in dem Momente, wo es den Geist erreichen will, dann wird dieses Wissen das Beste, dann wird es docta ignorantia. Und aus dieser Stimmung heraus veröffentlichte Nikolaus Cusanus 1440 eben seine «Docta ignorantia».
[ 12 ] Thus, on the one hand, Nicholas was a deeply devout thinker, and on the other, a clear-headed one. As he gazed upon the starry sky while traveling from Constantinople toward Western Europe, that which had hitherto flowed within the characterized duality—that which had hitherto lived in his soul as a mood—dissolved into what followed. From that journey onward, he perceived the Divine as something lying beyond human conceptual and ideological knowledge. He said to himself: With our conceptual and intellectual knowledge, we can live here on earth; we can use our understanding, through these concepts and ideas, to extend our grasp over what surrounds us in the realms of nature. But these concepts become increasingly feeble when we seek to turn our gaze upward toward that which reveals itself as the Divine. And what in Scholasticism had opened up as an abyss between human knowledge and revelation—viewed from an entirely different perspective—became, for Nicholas, the innermost mood of his soul, the most personal matter of his heart. He must have often taken this view within his soul and traced the path in thought: how thought first extends over what surrounds us in the realm of nature, how thought then seeks to rise from this realm of nature to the divinity of thought, how it grows ever thinner and thinner there and finally dissipates completely into nothingness—and now knows: Beyond this nothingness, into which it has dissolved as a thought, lies the divinity. And only when a person, through the deep love they cultivate apart from intellectual life, can extend the path that this thought traverses in the gaze just a little further—when love gains the upper hand over thought—can this love reach into that realm where intellectual knowledge does not extend. And so it became a matter close to the heart of Nicholas of Cusa to point to the truly divine realm as that before which human thought falters, before which human knowledge dissipates into nothingness: docta ignorantia—learned ignorance. And if scholarship, if knowledge, Nicholas of Cusa told himself, takes on its noblest form by surrendering itself at the very moment it seeks to reach the spirit, then this knowledge becomes the best; then it becomes docta ignorantia. And it was in this spirit that Nicholas of Cusa published his *Docta ignorantia* in 1440.
[ 13 ] Wenden wir jetzt den Blick ein wenig von Nikolaus Cusanus ab und gehen wir in das einsame Kämmerlein eines dem Nikolaus Cusanus vorangehenden mittelalterlichen Mystikers. Ich habe ihn in meinem Buche über Mystik geschildert, soweit er für Geisteswissenschaft eben wichtig ist. Gehen wir in das Kämmerlein des Meisters Eckhart hinein. Wir stehen dann vor derjenigen Persönlichkeit, welche von der äußeren Kirche als Ketzer erklärt worden ist. Man kann die Schriften des Meisters Eckhart in der mannigfaltigsten Art durchlesen und sich an der Innigkeit dieser Eckartschen Mystik erfreuen. Aber man wird vielleicht am tiefsten ergriffen, wenn man öfter wiederkehrend zu einer Grundstimmung der Seele bei dem Meister Eckhart kommt. Ich möchte diese Grundstimmung also charakterisieren: Auch der Meister Eckhart, früher als Nikolaus Cusanus, ist durchdrungen von dem, was christliche Theologie des Mittelalters als Aufstieg zur Gottheit, zur geistigen Welt sucht. Wir können, wenn wir die Schriften des Meisters Eckhart studieren, in vielen Wendungen die thomistischen Wendungen wieder erkennen. Aber immer verfällt, indem sich die Seele dieses Meisters aus dem theologischen Denken heraus hingibt solchem Aufschwung nach der eigentlichen Geisteswelt, mit der aber diese Seele sich verbunden fühlt, immer verfällt diese Seele darauf, sich zu sagen: An dasjenige, was mein Innerstes ist, der göttliche Funke in meinem Innersten, an das komme ich mit all diesem Denken, mit all dieser Theologie nicht heran. Dieses Denken, diese Theologie, diese Ideen, sie geben mir da ein Etwas und da ein Etwas und da ein Etwas; überall dieses oder jenes Etwas. Aber nichts von allen diesen Etwas ist etwas, das ähnlich ist dem, was in meinem eigenen Inneren als der geist-göttliche Funke ist. Und so bin ich herausgeworfen aus alledem, was meine Seele mit Gedanken, was meine Seele zunächst auch mit Gefühlen und Erinnerungen erfüllt, aus allem Weltwissen, das ich bis in die höchsten Stufen aufnehmen kann. So bin ich herausgeworfen aus alledem, wenn ich das tiefste Wesen meiner Eigenheit suchen will. Ich bin in nichts, wenn ich dieses tiefste Wesen meiner Eigenheit suchen will. Ich habe gesucht und gesucht. Ich bin sie durchgegangen, diese Wege, die mir Ideen, die mir aus der Welt herausgeholte Empfindungen zuführen, und ich suchte auf diesen Wegen, auf denen ich ja vieles fand, mein Ich. Und auf dieser Suche nach dem Ich bin ich, ehe ich dieses Ich gefunden habe, welches zu suchen mich alles in den Reichen der Natur anleitete, in das «Nichts» gefallen.
[ 13 ] Let us now turn our attention away from Nicholas of Cusa for a moment and enter the secluded little room of a medieval mystic who preceded Nicholas of Cusa. I have described him in my book on mysticism, insofar as he is relevant to spiritual science. Let us enter the little chamber of Meister Eckhart. We then find ourselves before a figure who was declared a heretic by the institutional Church. One can read Master Eckhart’s writings in a wide variety of ways and delight in the depth of his mysticism. But one is perhaps most deeply moved when one repeatedly returns to a fundamental mood of the soul found in Master Eckhart. I would therefore like to characterize this fundamental mood: Master Eckhart, even earlier than Nicholas of Cusa, is imbued with what medieval Christian theology sought as an ascent to the divine, to the spiritual world. When we study Master Eckhart’s writings, we can recognize Thomistic turns of phrase in many of his expressions. But whenever this master’s soul, stepping away from theological thought, surrenders itself to such an ascent toward the true spiritual world—with which, however, this soul feels connected—it always falls back into telling itself: “To that which is my innermost being, the divine spark within me—I cannot reach it through all this thinking, through all this theology.” This thinking, this theology, these ideas—they give me a little of this, a little of that, and a little of the other; everywhere, this or that little something. But none of these little things is anything like what lies within me as the spiritual-divine spark. And so I am cast out of all that which fills my soul with thoughts—and initially also with feelings and memories—out of all worldly knowledge that I can absorb up to the highest levels. Thus I am cast out of all of this when I wish to seek the deepest essence of my own being. I am nothing when I wish to seek this deepest essence of my own being. I have sought and sought. I have traversed them—these paths that lead me to ideas, to sensations drawn from the world—and on these paths, where I did indeed find much, I sought my “I.” And in this search for the “I,” before I found this “I”—the search for which led me through all the realms of nature—I fell into “nothingness.”
[ 14 ] Und so fühlte sich der Meister Eckhart bei seinem Suchen nach dem Ich in das Nichts hineingefallen. Und aus diesem Gefühle heraus tönt ein Wort dieses mittelalterlichen Mystikers, das das Herz, das die Seele tief, tief berührt. Es ist das: Und ich versenke mich in das Nichts der Gottheit und bin ewiglich durch dieses Nichts, durch dieses Nicht ein Ich. Ich versenke mich in das Nichts der Gottheit und werde in dem Nicht ein Icht, ein Ich. Ich muß mir in Ewigkeit aus dem «Nicht» der Gottheit das Ich holen. In aller Stille tritt uns bei diesem Mystiker ein gewaltiges Wort entgegen. Und warum ertönte in der innersten Herzenskammer dieses Mystikers dann, wenn er aus dem Weltsuchen heraus in das Ich-Suchen hineinkommen wollte, dieser Drang nach dem Nicht, in dem Nicht das Ich zu finden, warum? Ja, gehen wir zurück in frühere Zeiten, dann finden wir, daß in aller Erkenntnis der früheren Zeiten beim Hineinschauen in die Seele lebte die Möglichkeit, daß dieser Innenschau von innen entgegenleuchte Geist. Das war noch die Erbschaft aus uralter Pneumatologie, von der hier noch zu sprechen sein wird. Wenn zum Beispiel, sagen wir, Thomas Aquinas hineinschaute in die Seele, so fand er innerhalb dieser Seele Geistiges webend und lebend. Nicht in der Seele selbst, aber in dem, was als Geistiges in der Seele webt und lebt, suchte Thomas von Aquino, suchten seine Vorgänger das eigentliche Ich. Sie blickten durch die Seele zum Geist, und im Geiste fanden sie das Ich als das ihnen gottgegebene Ich. Und sie sagten, wenigstens hätten sie es immer sagen können, wenn sie es auch nicht immer ausgesprochen haben, sie sagten: Ich dringe in das Innere meiner Seele, schaue in den Geist und finde in dem Geist das Ich. — Aber das war in der Menschheitsentwickelung geschehen, daß sie bei ihrem Fortschritt hin nach dem Reiche der Freiheit die Fähigkeit verloren hatte, beim Nach-innen-Schauen den Geist zu finden.
[ 14 ] And so, in his search for the self, Meister Eckhart felt as if he had fallen into nothingness. And from this feeling springs a word from this medieval mystic that touches the heart and the soul deeply, deeply. It is this: And I immerse myself in the nothingness of the Divine and am eternally, through this nothingness, through this “not,” an “I.” I immerse myself in the nothingness of the Divine and become, in the “not,” an “I,” an “I.” I must draw the “I” from the “not” of the Divine for all eternity. In utter stillness, a powerful word comes to meet us through this mystic. And why, then, did this urge toward the “not”—to find the “I” in the “not”—resound in the innermost chamber of this mystic’s heart when he sought to turn away from the search for the world and toward the search for the “I”? Why? Yes, if we go back to earlier times, we find that in all the knowledge of those earlier times, when looking into the soul, there lived the possibility that this inner contemplation might be illuminated from within by the Spirit. This was still the legacy of ancient pneumatology, which will be discussed further here. When, for example, Thomas Aquinas looked into the soul, he found the spiritual weaving and living within that soul. Not in the soul itself, but in what weaves and lives as the spiritual within the soul, Thomas Aquinas—and his predecessors—sought the true “I.” They looked through the soul toward the spirit, and in the spirit they found the “I” as the “I” given to them by God. And they said—or at least they could always have said, even if they did not always articulate it—they said: I penetrate into the innermost part of my soul, look into the spirit, and find the “I” in the spirit. —But what had happened in the development of humanity was that, in its progress toward the realm of freedom, it had lost the ability to find the spirit when looking inward.
[ 15 ] Noch nicht so wie der Meister Eckhart hätte etwa Johannes Scotus Erigena sprechen können. Johannes Scotus Erigena hätte eben gesagt: Ich blicke in mein Inneres. Wenn ich die Wege durchmessen habe, die mich durch die Reiche der Außenwelt geführt haben, entdecke ich in meinem Inneren, in meiner Seele den Geist und finde dadurch das ‘die Seele durchwebende und durchlebende Ich. In die Gottheit als Geist versenke ich mich und finde Ich. — Es war einfach Menschenschicksal, daß derselbe Weg, der in früheren Jahrhunderten noch für die Menschheit gangbar war, eben nicht mehr gangbar war zur Zeit des Meisters Eckhart. Indem der Meister Eckhart dieselben Wege ging wie Johannes Scotus Erigena oder auch nur dieselben Wege wie Thomas von Aquino, versenkte er sich nicht in Gott den Geist, er versenkte sich in das Nicht der Gottheit und mußte aus dem Nicht das Ich herausholen. Das aber heißt nichts Geringeres, als: Die Menschheit hat bei der Innenschau den Ausblick nach dem Geist verloren. Und der Meister Eckhart holt aus der tiefen Innigkeit seines Herzens heraus aus dem Nicht das Ich. Und sein Nachfolger, Nikolaus Cusanus, gesteht mit aller Bestimmtheit ein: Alles dasjenige, was uns an Gedanken und Ideen die Wege leitet bei dem vorherigen Suchen, es erlahmt, es wird zunichte, wenn man das Geistgebiet betreten will. Die Seele hat die Möglichkeit verloren, in ihrem Inneren das Geistgebiet zu finden. Und Nikolaus Cusanus sagt sich: Wenn ich empfinde all dasjenige, was mir Theologie geben kann, so werde ich hineingebracht in dieses Nichts des menschlichen Denkens, und ich muß mich vereinigen mit dem, was in diesem Nichts lebt, um in der docta ignorantia das Erleben des Geistes erst haben zu können. — Dann aber läßt sich dieses Wissen, dieses Erkennen ja nicht aussprechen. Dann muß der Mensch ja verstummen, wenn er auf dem Punkte angelangt ist, in dem sich durch docta ignorantia das Erleben des Geistigen ergibt zunächst.
[ 15 ] Johannes Scotus Erigena could not have spoken quite as Meister Eckhart did. Johannes Scotus Erigena would simply have said: I look within myself. Once I have traversed the paths that have led me through the realms of the external world, I discover within myself, in my soul, the Spirit, and thereby find the “I” that permeates and animates the soul. I immerse myself in the Divinity as Spirit and find the I. — It was simply human destiny that the same path, which had still been passable for humanity in earlier centuries, was no longer passable in Meister Eckhart’s time. By following the same paths as John Scotus Eriugena—or even simply the same paths as Thomas Aquinas—Master Eckhart did not immerse himself in God the Spirit; rather, he immersed himself in the “nothingness” of the Divine and had to extract the “I” from that nothingness. But this means nothing less than this: in its introspection, humanity has lost sight of the Spirit. And Meister Eckhart draws the “I” out of the “nothingness” from the depths of his heart. And his successor, Nicholas of Cusa, admits with the utmost certainty: All those thoughts and ideas that guide us on our previous quest—they falter; they come to naught when one seeks to enter the realm of the Spirit. The soul has lost the ability to find the realm of the Spirit within itself. And Nicholas of Cusa says to himself: When I perceive all that theology can offer me, I am led into this nothingness of human thought, and I must unite myself with that which lives in this nothingness in order to be able to experience the Spirit at all through docta ignorantia. — But then this knowledge, this insight, cannot be put into words. Then a person must fall silent when he has reached the point where, through docta ignorantia, the experience of the spiritual first arises.
[ 16 ] Nikolaus Cusanus ist also derjenige, der die Theologie des Mittelalters in seiner eigenen persönlichen Entwickelung an ihrem Ende empfindet und einläuft in die docta ignorantia. Aber er ist zugleich ein sicherer Mathematiker. Er hat die innere Denkstrenge in sich aufgenommen, welche aus der Beschäftigung mit dem Mathematischen herkommt. Aber ich möchte sagen: er ist innerlich scheu davor geworden, dasjenige, was er an solcher mathematischer Sicherheit in seiner Seele aufgenommen hat, anzuwenden da, wo sich ihm die docta ignorantia ergeben hatte. Er versucht mit allerlei mathematischen Symbolen und Formeln sich zaghaft symbolisierend zu nähern dem Gebiete, in das er durch seine docta ignorantia geführt wird. Aber er ist sich immer bewußt: Das sind Symbole, die mir die Mathematik liefert. Diese Mathematik habe ich mir in meiner Seele errungen. Sie ist mir als das Letzte geblieben aus dem alten Wissen. Ihre Sicherheit kann ich nicht so bezweifeln wie die Sicherheit der "Theologie, denn ich erlebe die mathematische Sicherheit, indem ich Mathematik in mir aufnehme. Aber zu gleicher Zeit ist die andere Last in ihm so schwer geworden, die sich ihm aus der Nullität der Theologie ergeben hatte, daß er sich nicht getraut, die mathematische Sicherheit anders als in Symbolen auf das Gebiet der docta ignorantia anzuwenden. Damit schließt eine Epoche der menschlichen Denktätigkeit. Nikolaus Cusanus ist fast schon so in seiner inneren Seelenstimmung Mathematiker, wie später Cartesius, aber er wagt es nicht, dasjenige, was sich ihm so charakterisiert hatte, wie er es in seiner Docta ignorantia dargestellt hat, in mathematischer Sicherheit zu ergreifen. Er empfand gewissermaßen, wie sich das Geistgebiet von der Menschheit zurückgezogen hatte, wie es immer mehr und mehr in Fernen hin entschwunden ist, wie es nicht zu erlangen ist mit dem menschlichen Wissen, wie man unwissend werden muß im allerinnersten Sinne, um in Liebe sich zu vereinigen mit diesem Geistgebiete.
[ 16 ] Nicholas of Cusa is thus the one who, in his own personal development, senses that medieval theology has reached its end and enters into *docta ignorantia*. But he is also a skilled mathematician. He has internalized the rigorous way of thinking that stems from his engagement with mathematics. But I would like to say: he has become inwardly reluctant to apply what he has absorbed in his soul of such mathematical certainty to the realm where docta ignorantia had revealed itself to him. He attempts, with all manner of mathematical symbols and formulas, to approach—timidly and symbolically—the realm into which his docta ignorantia has led him. Yet he is always aware: These are symbols that mathematics provides me. I have gained this mathematics within my soul. It has remained to me as the last remnant of the old knowledge. I cannot doubt its certainty in the same way as the certainty of “theology,” for I experience mathematical certainty by absorbing mathematics within myself. But at the same time, the other burden within him—arising from the nullity of theology—has become so heavy that he does not dare to apply mathematical certainty to the realm of docta ignorantia in any way other than through symbols. Thus ends an epoch of human intellectual activity. Nicholas of Cusa is, in his inner state of mind, almost as much a mathematician as Descartes would later be, but he does not dare to grasp with mathematical certainty that which had characterized him as he described it in his *Docta ignorantia*. He sensed, as it were, how the realm of the spirit had withdrawn from humanity, how it had vanished further and further into the distance, how it cannot be attained by human knowledge, and how one must become ignorant in the deepest sense in order to unite with this realm of the spirit in love.
[ 17 ] Diese Stimmung strömt aus von demjenigen, was man herauslesen kann aus der 1440 erschienenen «Docta ignorantia» von Nikolaus Cusanus. Die Menschheit der abendländischen Zivilisation hatte sich gewissermaßen so entwickelt, daß sie einstmals glaubte, das Geistgebiet in naher Perspektive vor sich zu haben. Dann entfernte sich den betrachtenden und beobachtenden Menschen dieses Geistgebiet immer weiter und weiter und entschwand. Und die docta ignorantia von 1440 ist das offene Eingeständnis, daß der gewöhnliche menschliche Erkenntnisblick der damaligen Zeit nicht mehr hineinreicht in jene perspektivischen Fernen, in die sich das Geistgebiet von dem Menschen zurückgezogen hat. Die sicherste Wissenschaft, die Mathematik, wagt es nur noch an dasjenige, was man nicht mehr sieht innerlich seelisch, mit symbolischen Formeln heranzutreten. Und es ist nun so, als ob eben dieses Geistgebiet, immer weiter und weiter perspektivisch sich entfernend, der europäischen Zivilisation in unmittelbarer Art entschwunden wäre, aber rückwärts nachgekommen wäre ein anderes Gebiet, dasjenige Gebiet, was jetzt europäische Zivilisation in ihre Neigungen, in ihre Beobachtungsgabe aufnimmt, das Gebiet der sinnlichen Welt. Und was 1440 Nikolaus Cusanus schüchtern symbolisch getan hat mit der Mathematik in bezug auf das Geistgebiet, das ihm entschwindet, das wendet kühn und trotzig Nikolaus Kopernikus auf die äußere Sinneswelt an: das mathematische Denken, das mathematische Wissen. Und indem 1440 erschienen ist die «Docta ignorantia» mit dem Eingeständnis, selbst mit der sicheren Mathematik erblickst du nicht mehr das Geistgebiet, erscheint 1543 «De revolutionibus orbium coelestium» von Nikolaus Kopernikus, wo mit schroffer Kühnheit das Weltenall so vorgestellt wird, daß es sich der sicheren Mathematik ergeben muß.
[ 17 ] This sentiment emanates from what can be gleaned from Nicholas of Cusa’s *Docta ignorantia*, published in 1440. Humanity within Western civilization had, in a sense, developed to the point where it once believed it had the spiritual realm within close reach. Then this spiritual realm receded farther and farther from those who contemplated and observed it, until it vanished. And the *Docta Ignorantia* of 1440 is an open admission that the ordinary human gaze of that time could no longer reach into those distant perspectives into which the spiritual realm had withdrawn from humanity. Mathematics, the most certain of the sciences, now dares to approach only that which can no longer be seen inwardly or spiritually, using symbolic formulas. And it is now as if this very realm of the spirit, receding further and further into the distance, had vanished from European civilization in a direct sense, but another realm had followed in its wake—the realm that European civilization now takes up in its inclinations and in its power of observation: the realm of the sensory world. And what Nicholas of Cusa timidly and symbolically did in 1440 with mathematics in relation to the spiritual realm that was slipping away from him, Nicholas Copernicus boldly and defiantly applies to the external sensory world: mathematical thinking, mathematical knowledge. And just as the *Docta ignorantia* was published in 1440—acknowledging that even with the certainty of mathematics one can no longer perceive the realm of the spirit—so too did Nicolaus Copernicus’s *De revolutionibus orbium coelestium* appear in 1543, in which the universe is presented with bold audacity in such a way that it must yield to the certainty of mathematics.
[ 18 ] Denken wir das Geistgebiet so weit ferne von der menschlichen Erkenntnis, daß selbst die Mathematik nur in stammelnden Symbolen sich ihm nähern kann — so sprach es 1440 Nikolaus Cusanus aus; denken wir das Mathematische so stark und so sicher, daß es das Sinnliche bezwingt und in mathematischen Formeln die Sinneswelt wissenschaftlich und erkennend zum Ausdrucke gebracht werden kann — so sprach 1543 Nikolaus Kopernikus zu der europäischen Zivilisation. Ein Jahrhundert liegt dazwischen. In diesem Jahrhunderte ist die abendländische Naturwissenschaft geboren worden. Vorher war sie im Embryonalzustand. Und wer verstehen will, was zur Geburt dieser abendländischen Naturwissenschaft geführt hat, der muß seinen Blick einsichtig lenken auf jenes Jahrhundert, das zwischen der «Docta ignorantia und «De revolutionibus orbium coelestium» liegt. Welche Befruchtungen da für das menschliche Seelenleben geschehen, welchen Entsagungen sich das menschliche Seelenleben hingeben muß, das muß studiert werden, wenn man den Sinn der Naturwissenschaft auch heute noch verstehen will. So weit muß zurückgegangen werden. Da muß begonnen werden und nur ein wenig zurückgeschaut werden auf den Embryonalzustand, der allerdings dem Nikolaus Cusanus voranging, wenn man heute noch in der richtigen Weise drinnenstehen will in naturwissenschaftlicher Gesinnung und wenn man richtig sehen will, was Naturwissenschaft der Menschheit leisten kann, wie auch aus Naturwissenschaft ein neues geistiges Leben erblühen kann. Davon, meine sehr verehrten Anwesenden, werde ich dann morgen sprechen.
[ 18 ] If we conceive of the realm of the spirit as so far removed from human understanding that even mathematics can approach it only through stammering symbols—so stated Nicholas of Cusa in 1440; if we conceive of mathematics as so powerful and certain that it subdues the sensory realm, and the world of the senses can be scientifically and cognitively expressed in mathematical formulas—so spoke Nicolaus Copernicus to European civilization in 1543. A century lies between them. In that century, Western natural science was born. Before that, it was in an embryonic state. And anyone who wishes to understand what led to the birth of this Western natural science must turn their gaze insightfully to that century lying between *Docta ignorantia* and *De revolutionibus orbium coelestium*. The spiritual enrichment that took place there, and the sacrifices to which the human soul had to submit—these must be studied if one is to understand the meaning of the natural sciences even today. One must go back that far. That is where we must begin, looking back just a little to the embryonic stage that preceded Nicholas of Cusa, if we are to stand firmly within the scientific mindset today and if we are to see clearly what science can offer humanity, as well as how a new spiritual life can blossom from science. Of this, ladies and gentlemen, I shall speak tomorrow.
